BERLIN Mittwoch 25. Mai 1932 10 Pf. flr. 242 B121 49. Jahrgang Erscheint tigltcfi außer Sonntags. Zugleich AdendauLgabe des �Vorwärts' BezugSvretS für beide Ausgaben 75 Pf. uro Woche. 3,25 M. pro Monal (bapon 67 Pf. monatlich für Zustellung tnS Haus) im voraus «adlbar P o st b e j u g 3,97 M. einschließlich KV Pf. Postzeitungs' und 72 Pf. Postbestellgebübren SfuUaakQajße xlei An»etgenpret«, Die elnsvalttge Mtlltmeterjetle SV Pf� Retlamezeile 2.— M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Borwärts-Verlag G. m. b. H.. Berlin Rr. 37 öIS.- Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor? Redatttvn und Erpedttton: Berlin SW 68, Lindenstr 3 Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292—297 Präsidentenwahl im Landtag Sozialdemokratie stimmt für Wittmaack- Vertagung bis Mittwoch Tie heutige Sitzung des Preußischen Landtags. die auf 1 Uhr einberufen war. wurde in letzter Stunde aus 2 Uhr vertagt. Inzwischen hat eine längere Sitzung des Aelte» st e n a u s s ch u s s e s stattgefunden, über die folgender Bericht ausgegeben wird: Der Aelte st enrat des Landtags hielt am Mittwochmittag seine erste Sitzung ab, auf deren Tagesordnung die Wahl des Landtagspräsident en stand. Als erster Redner war der Führer der nationalsozialistischen Fraktion Abg. K u b e aufgetreten, um auszuführen, seine Fraktion würde bei den Präsidentenwahlen im Plenum nach der Stärke der Fraktionen wählen und beanspruche daher für ihren Kandidaten, den Abg. Kerrl, den Posten des Landtagspräsidenten. Als 1. Vizepräsidenten würden die Nationalsozialisten den Abg. Wittmaack(Soz.) wählen, als 2. Vizepräsidenten den Abg. B a u m h o f f(Z.) und als 3. Vize- Präsidenten den Abg. Dr. von K r i« s(Dnat.), da die Kommunisten ja Gegenseitigkeit nicht übten und sich auch gestern nicht so benommen hätten, daß die Nationalsozialisten für ihren Kandidaten stimmen könnten. Der stellvertretende Vorsitzende der Zentrumsfrattion, Abg. S t e g e r, führte aus, das Zentrum würde ebenfalls sich bei den Präsidentenwahlen nach der Stärke der Fraktionen richten und also s ü r den Abg. Kerrl(Nsoz.) als Landtagspräsidenten und für die anderen vom Borredner benannten Kandidaten stimmen. Abg. ch e i l m a n n(Soz.), der Führer der Sozialdemokraten im Landtag, wies darauf hin, daß der Alterspräsident L i tz m a n n gestern eine Bemerkung gemacht habe, die in Zweifel stelle, ob die Nationalsozialisten die gegenwärtig geltende Geschäfts- ordnung als für sie rechtsverbindlich anerkennten. Nach Ansicht der Sozialdemokratie dürfte das Zentrum an erster Stelle über diese Angelegenheit restlos Klarheit schaffen helfen. Wenn diese Angelegen- heit geklärt sei, dann sei die Sozialdemokratie noch immer aus folgenden Gründen nicht in der Lage für den Abg. kerrl zu stimmen. Nationalsozialisten hätten weder für die sozialdemokratischen Präsi- denken Bartels und Wittmaack im Landtag noch für den sozial- demokratischen Präsidenten Lobe im Reichstag gestimmt, obwohl die Sozialdemokraten die stärkste Fraktion waren. Sie hätten daher kein Recht, sich auf ein Herkommen zu berufen, das sie niemals an- erkannt hätten. Weiter könne die Sozialdemokratie der Erklärung der Nationalsozialisten, daß sie den Abgeordneten Willmaack(Soz.) als 1. Vizepräsidenten wählen würden, kein unbedingtes Vertrauen entgegenbringen, da noch immer nicht offiziell die Erklärungen Straßers und anderer nationalsozialistischer Führer zurückgenommen wäre, daß diesem„System gegenüber keine Zusage und kein Ehrenwort gelte." Auch seien die Nationalsozialisten eine antiparlamentarische Partei, die die Rechte des Parlaments nicht schützen und seine Würde nicht erhöhen wollte, sondern die das Parlament erniedrigen und schließlich zerstören wollte. Die Sozial- demokraten hielten sich für verpflichtet, gerade als parlamentarische Demokraten, dieses Vorhaben der Nationalsozialisten nicht zu unter- stützen, sondern nach Möglichkeit zu verhindern. Die Stellung des Landtagspräsidenten sei außerdem eine politische Macht- st e l l u n g, da ein Teil der Rechte des in Preußen nicht vor- handenen Staatspräsidenten aus ihn übertragen sei. Auch aus diesem Grunde könnten die Sozialdemokraten getreu ihrer Tendenz den Nationalsozialisten den Zugang zur Staatsmacht nach Möglichkeit zu verwehren, für den national- sozialistischen Präsidentschaftskandidaten nicht stimmen. Endlich hätten die Erfahrungen, die mit nationalsozialistischen Parlaments- Präsidenten in Braunschweig und Anhalt gemacht worden seien, erwiesen, daß diese Präsidenten sich nicht nach Recht und Billigkeit richteten, sondern ihr Amt zu parteipolitischen Zwecken mißbrauchten. Abg. S t e g e r(Z.) erwiderte, daß die Anerkennung der Geschästs- ordnung durch den Präsidenten dem Zentrum als Selbstverständlich- keit erscheine. Er wies die Sozialdemokraten darauf hin, daß es sich bei der Wahl ja nur um ein Provisorium für vier Wochen hatidle. Das Zentrum wolle den Versuch der Zusammen» Do X auf dem Müggelsee Das Ozeanflugschiff Do X liegt unweit des Restaurants„Rübe- zahl" auf dem Müggelsee vor Anker. Der Luflriese bewegt sich kaum bei dem leichten Wellenschlag, der über den Müggelsee streicht. Dos Flugboot ist vom User trotz der Entfernung sehr gut zu erkennen und heute früh und in den Vormittagsstunden hatten sich trotz des unaufhaltsamen Regens zahlreiche Schaulustige, in der Hauptsache Wassersportler, eingefunden. Mehrere P o l i z e i b o o t e, die in bestimmten Zeitabständen abgelöst werden, halten am Ankerplatz der Do X Wache. Auf die Einhaltung der Absperrungslinie wird streng geachtet. Leider hat der starke Regen dem Programm verschiedener Verkehrsunter- nehmen, so der BVG. und den Dampserlinien, die einen verstärkten Verkehr nach dem Müggelsee einrichten wollten, vorläufig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die viele Schaulustigen werden ober noch auf ihre Rechnung kommen, denn wie wir von der Berliner Vertretung der Dornier-Werke in der Schillingstraße er- fahren, wird das Flugboot, das dem Reichsoerkehrsminifterium ge- hört, wahrscheinlich noch etwa 7 bis 8 Tage in Berlin bleiben. Eine definitive Entscheidung über den Wiederabflug ist bisher noch nicht getroffen worden, er dürfte jedoch vor Ende der kommenden Woche, wie uns mitgeteilt wird, kaum erfolgen. Leider ist man den Besprechungen, die den Berlinern eine Bcsichti- gung des Flugbootinnern gestatten soll, ebenfalls noch zu keiner Entscheidung gelangt. In dieser Woche dürfte eine Besichtigung aus allernächster Nähe kaum gestattet werden. Das mag zum großen Teil daran liegen, daß die Besatzung des Do X, die heute nach der anstrengenden Fahrt einen völligen Ruhetag hat, am Donnerstag damit beginnen will, die Motore des Flugbootes zu überprüfen und eine gründliche Säuberung des Flugbootinnern vorzunehmen. Dornier und die Offiziere des Do X waren heute mittag die Gäste des Reichsverkehrsministers. Am Donnerstagvormitatg wird der Aero-Club der gesamten Do-X-Mannschaft in den Räumen seine» Klubheims ein Frühstück geben. arbeit machen, denke aber nicht daran, einem Blanko voll- macht zu geben. Abg. K u b e(Nsoz.) betonte, es sei für seine Fraktion selb st verständlich, daß der Präsident nach der gültigen Ge- schästsordnung zu amtieren habe. Abg. Pieck(Komm.) hob hervor, die KPD. würde, gleichviel von welcher Seite Kandidaten vorgeschlagen würden, immer nur für ihren eigen en revolutionären Kandidaten stimmen. Der A e l t e st e n r a t beschloß dann auf sozialdemokratischen Antrag den Beginn der Plenarsitzung, der für 1 Uhr vorgesehen war, auf z Uhr zu verschieben, um den Fraktionen Gelegenheit zu geben, zu den Mitteilungen der Nationalsozialisten Stellung zu nehmen. Damit ist der Aeltestcnrat beendet. Die sozialdemokratische Fraktion trat um 1 Uhr zusammen. Sie beschloß, an Wittmaacks Kandidatur im ersten Wahl- gang sestzuhalten. Beabsichtigt ist. den Landtag nach der heutigen Wahl des Präsidiums bis zum Mittwoch nächster Woche zu vertagen. Dann sollen aus die Tagesordnung geseht werden der deutschnationale Antrag aus Aenderung der Geschästsordnung, die Mißtrauensanträge gegen das bereits zurückgetretene Kabinett und ein kommunistischer Antrag aus Landesverweisung der früher regierenden sürstlichen Familien. Mit der Beratung dieser Anträge soll eine große politische Aussprache verbunden werdeu, für die mehrere Tage vorgesehen sind. Parteiintrige statt Außenpolitik. Deutschnationales Entlarvungsmanöver gegen National« sozialisten. Das schäbige Intrigenspiel der Parteien, das gestern im Auswärtigen Ausschuß getrieben wurde, haben wir schon heute morgen gebührend gekennzeichnet. In einem Teil der bürgerlichen Presse werden die Manöver fortgesetzt, wobei sich herausstellt, daß die Deutschnationalen es a u f d i e N a- t i o n a l s o z i al i st e n abgesehen haben. „Schwächlicher Beschluß— klare deutsch- nationale Rüstungsforderung abgelehnt!" So liest man oben auf der ersten Seite in Hugenbergs„Tag". Dann wird indiskreterweise ein deutschnationaler Antrag wiedergegeben, der die Regierung aufforderte, in Genf zu erklären: Angesichts der Gefahren feiner Lage und der jahrelangen Ver- zögerung der Abrüstung nimmt Deutschland das im Interesse seiner Selbstbehauptung unerläßliche Maß der Ausrüstung für sich in Anspruch. Dazu bemerkt das deutschnationale Blatt in scheinheiliger Entrüstung: Dieser Antrag, der nur eine selbstverständliche For» d e r u n g angesichts der schutzlosen Lage Deutschlands ist, wurd« vom Auswärtigen Ausschuß abgelehnt. Die Nakianalsozlalislen stimmten nicht für diesen Antrag, sondern enthielten sich der Stimme. Natürlich weiß der ,�ag" und wissen auch die Antrag- steller, daß dieser Antrag dumm und gewissenlos ist. Man kann nicht in Lausanne erklären, daß man nichts zahlen kann, und zugleich in Genf ankündigen, daß man einige Milliarden für Tanks und Kanonen auszugeben beabsichtige. Man kann auch Deutschland nicht zumuten, einen Rüstungswettlauf zu provozieren, der bei dem großen Vorsprung der Gegner und der eigenen finanziellen Schwäche mit einem Niederbruch Deutschlands enden muß. Der Antrag war nicht aus sachlichen Gründen gestellt, sondern diente nur dem taktischen Zweck, die anderen Parteien hineinzulegen. Selbst den Na t i o n a l s o z i a- listen war erzu dumm, aber den Mut, ihn abzulehnen, hatten sie nicht. Sie glaubten der Falle ausweichen zu können, indem sie sich der Stimme enthielten. Viel hat ihnen das nicht genützt, im„Tag" werden sie dennoch„entlarvt". Die Deutfchnationalen sind zu feige, um die National- sozialisten von vorne anzugreifen, also versuchen sie es von hinten. Statt der Demagogie entgegenzutreten, treiben sie selber die Demagogie auf die Spitze. Auf solche Weise kommen dann auch Beschlüsse zustande wie der schon kritisierte, der die deutsche Regierung auffordert, der polnischen Regie- rung eine Art von Ultimatum zu schicken, weil ein englischer Sensationsjournalist über angebliche polnische Annexionsabsichten gegen Danzig eine Schwindelnachricht ver- öffentlicht hat! In diesem Falle waren es wieder die Nationalsozialisten, die gegen andere Parteien Entlarvungsstrategie trieben mit dem Erfolg, daß den deutschen Interessen geschadet wurde! Das große Publikum, das in die Geheimnisse der Außen- Politik wenig eingeweiht ist, wird durch diese Resolutions- macherei in schamloser Weise irregeführt. Es glaubt Patrioten zu sehen, die sich für das Heil des Vaterlandes mühen; es merkt nicht, daß nur kleine politische Schieber am Werke sind, die sich gegenseitig übers Ohr zu hauen versuchen, wobei ihnen die Interessen Deutschlands vollständig gleichgültig sind. Das ganze heißt dann—„na t io n a l e Politik!" Prämienanleihe für Arbeitsbeschaffung. Kommunistisch-nationalsozialiistische Agitationöanträge. In seiner 109. Sitzung beschäftigte sich der Haushaltsausschuh des Reichstags mit einer Anzahl kommunistischer Anträge, die großzügig alles Elend in Deutschland durch einige Reichstags- beschlüfle„beseitigen" wollen. Die Abstimmungen über die Anträge beleuchteten ihren Wert. F ü r die kommunistischen Rezepte stimmten außer den Kommunisten nur die Nationalsozialisten! Weiter erfolgte die Beratung des sozialdemokratischen Gesetzentwurfs über die Goldprämienanleihe des Reichs zur Arbeitsbeschaffung. Seit der Einbringung dieses An- träges ist die sozialdemokratische Forderung durch das vom Reichstag angenommene Kreditermächtigungsgesetz an sich erfüllt, aber es fehlt noch an der Durchführung und an Mitteilung über die Ein- zelausgestaltung der beabsichtigten Anleihe und ihrer Ver- wendung. Die Abgeordneten H i l f e r d i n g(Soz.) und Heinig(Soz.) erörterten den sozialdemokratischen Gesetzentwurs. nach dem der Regierungsvertreter über die mutmaßliche Gestaltung der Prämien- anleihe wegen der jetzt laufenden Verhandlungen nur u n z u- reichende Auskunft gegeben hatte. Der Kommunist Rädel lehnte die Arbeitsbeschaffung in Ver- bindung mit Prämienanleihe als unmarxistisch und als Betrug an den Arbeitern ab. Abg. H e i n i g(Soz.) machte die Kommunisten darauf aufmerksam, daß in Rußland die Arbeitsbe- s ch a f f u n g des Fünfjahrplans, soweit sie durch Anleihen finan- ziert wird, ausschließlich in Form von Prämien- a n l e i h e n mit steuerfreien Gewinnen erfolgt. Heinz Reumann a. D. Der„Revolutionär" kaltgestellt?? Das„Berliner Tageblatt" meldet, der Abgeordnete Heinz Neu- mann, eines der einflußreichsten Mitglieder des Zentralkomitees der KPD. sei kaltgestellt worden. Das„Tageblatt" bemerkt dazu:„Wenn Neumann jetzt seiner einflußreichen Stellung enthoben worden ist, so läßt das wohl den Schluß zu, daß sich auch die leitenden Köpfe der III. Internationale davon überzeugt haben, daß der von ihm ver- folgte Kurs der KPD. und ihrer Anhängerschaft im ganzen keine Erfolge eingetragen hat und deshalb innerhalb der Grenzen der Parteitaktik eine gewisse Schwenkung vollzogen werden soll." Waltershausen vor dem Landtag. Verhandlung am Eonnabend. Weimar, 25. Mai.(Eigenbericht.) Der Aeltestenrat des Thüringer Landtags beschloß heute vor- mittag auf Antrag der Sozialdemokratie, das Parlament zu Sonn- abend vormittag nach Weimar einzuberufen. Die blutigen Vor- gänge in Waltershausen bilden den einzigen Gegenstand der Tagesordnung. Japan in Charbin. Immer näher an Eibirien. C h a r b i n, 2». Mai. General Honjo ist heute mit seinem Stab von Mukdcn hier angekommen. Die japanischen Truppen nähern sich der russischen Grenze. Tie Verlegung des japanischen Hauptquartiers von der Südmandschurei nach Charbin wird hier lebhaft erörtert. Einer starken Truppe chinesicher Freischärler gelang es, in die nächste Nähe von Charbin vorzurücken. Japanische Streitkräfte gingen mit Artillerie, Tanks und Flugzeugen gegen die Chinesen vor, die sich sieberl>aft auf der Westseite des Sungari-Flusjes ver- schanzten. Dßr Eisenbahnverkehr in westlicher Richtung wurde sosort eingestellt, da die Gleise auf fünf Kilometer von den Chinesen zerstört worden waren. Flußdampfer waren durch heftiges Artilleriefeuer gezwungen, nach Charbin zurückzukehren. Auf der östlichen Seil« Charbin« war der Eisenbahntunnel der Ost- Legende ode Die Verpflichtung Die neu belebte Aussprache über die Frage, welche Zusagen der frühere Kronprinz vor Erteilung der Erlaubnis zu seiner Rückkehr nach Deutschland abgab, hat drei bemerkenswerte Aeußerungen zu einem Ausiatz von mir gebracht. Die Herausgeber des Strefemannfchen Nachlasses bekunden, daß der Exkronprinz zwar keine schriftliche Erklärung abgegeben, wohl aber eine mündliche Zusage hat geben lassen, sich von politischer Betätigung fernzuhalten. Durch stillschweigende Entgegennahme des Kanzlerbriefes vom 24. Oktober 1923, der diese Zusage erwähnte, habe sie Friedrich Wilhelm ohne irgendwelchen nachträglichen Vor- behalt bestätigt. Major a. D. Müldner von Mülnheim, der im Jahre 1923 im Auftrage des früheren Kronprinzen mit dem Reichskanzler Strese- mann verhandelte, behauptet in einem Brief vom 23. Mai 1932 an mich,„daß der Kronprinz niemals eine Verpflichtung eingegangen ist, sich im Falle seiner Rückkehr der politischen Betätigung zu ent- halten, geschweige denn hat er für eine solche Verpflichtung sein Ehrenwort verpfändet." Der Historiker Prof. Thimme endlich, dem der frühere Krön- prinz Material zur Verfügung gestellt hat, bemüht sich, in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung"(Nr. 237) in einer sehr langen Arbeit um den Nachweis, daß das Ehrenwort des Exkronprinzen nur eine Legende sei. Sein stärkster Trumps ist ein Originalbrief des früheren Krön- Prinzen vom August 1923. Vom August! Die entscheidende Ka- binettssitzung hat aber erst am 23. Oktober stattgefunden. In die Wochen bis dahin fielen die Bemühungen Stresemanns, die Zu- stimmung des Kabinetts und die des Reichspräsidenten zu erlangen, der ebenfalls stärkste Bedenken erhob. Hat in diesen langen Wochen der Exkronprinz nicht selbst oder durch seinen Vertreter Herrn v. Müldner wiederholt auf Beschleunigung ge- drängt? Welche Erklärungen sind in diesen Wochen, also nach dem Briese vom August 1923 schriftlich oder mündlich dem damaligen Reichskanzler Stresemann gegeben worden? Durch den Inhalt des jetzt von Prof. Thimme veröffentlichten Kronprinzen- briefes allein hätten sich die sozialdemokratischen Kabinettsmitglieder nicht bestimmen lassen, auch nur ihre grundsätzliche Bereit- Willigkeit für eine spätere Rückkehr des Exkronprinzen zu er- klären. Reichskanzler Dr. Stresemann hat dem Kabinett bestimmt und klar vorgetragen, daß eine Zusage des Kronprinzen vorliegt. Und nun kommt eine Ueberraschung. Der in Stresemanns Vermächtnis veröffentlichte Brief des Reichskanzlers an den Krön- Prinzen ist, wovon nicht einmal der Mitherausgeber des Buches, Stresemanns Privatsekretär, etwas wußte, nach Verhandlungen mit Herrn v. Müldner geändert worden. Der entscheidende Satz heißt nun:„Das Kabinett hat ferner Kenntnis genommen von Ihrer Erklärung, sich von politischen Einmischungen fernzu- halten." Also nicht mehr„politische Betätigung", sondern nur noch„politische Einmischung". Außerdem fehlt in der neuen Fassung der Hinweis:„Ueber diese Erklärung, die noch im einzelnen zu formulieren ist, wird Ihnen noch eine spezielle Benachrichtigung zugehen, die diese Fragen erledigen wird." Welche Folgerungen aus dieser nachträglichen Aenderung zu ziehen sind, bleibt jedem überlassen. Die Unterredungen Strese- mann-Müldner sind wohl ohne Zeugen geführt worden. Bei der Bewunderung, die Stresemann für den Exkronprinzen hegte und bei seiner idealistischen Auffassung der Rückkehrsrage spricht viel für die Annahme, daß Stresemann die mündlichen Erklärungen des Herrn v. Müldner als hinreichende Sicherung gegen ein politisches Hervortreten des Exkronprinzen im Reiche betrachtete. Da wenige chinesischen Bahn bei Taipinlin von den Freischärlern abgesperrt, so daß die Zugverbindung mit Wladiwostok unterbrochen war. Offensive gegen die Armee Ma. Die chinesische Regierung in Nanking ist durch ein Funktele- gramm des Generats M a aufgefordert worden, in G e n f sofort Schrüte zu unternehmen, um die Abberufung der japani- scheu Truppen aus der Mandschurei zu beschleunigen. Di« Regierung Puji würde feine 24 Stunden mehr am Ruder bleiben, wenn die japanischen Truppen aus der Mandschurei ver- schwänden. General Ma erklärt weiter, daß die japansschen Truppen die Offensive gegen ihn eröffnet haben und bittet um Unter- stützung. Reuwahl in Estland. Bauern und Russen gewinnen. Reval. 25. Mai. Nach der Parlamentswahl am Sonntag ist die veretilung der 100 Sitze folgende: Bauernparlel 42(früher 3S), Nationale Mittelpartei 23(25), Sozialdemokraten 22(2Z), Armeleule- Partei(Kommunisten) 5(L). Russen 5(2), Deutsch- Schwedischer Wahlblock 5(3). Beamienhehe bei Hilters. Alle schönen Versprechungen der RaziS sind vergessen. Die Nazis haben einen großen Teil der letzten Wahlkampagnen mit Angriffen gegen die Reichsregierung wegen der Herabsetzung der Beamtengelder bestritten. Trotzdem haben Nazis und Deutsch- nationale in Mecklenburg-Strelitz, durch ihre Demagogie zur Macht gelangt, kurz nach ihrem Regierungsantritt nichts Eiligeres zu tun, als über die bisherige Kürzung der Beamten- geh älter hinaus eine weiters generelle Kürzung dieser Gehälter durchzuführen. Di« nationalsozialistisch« Fraktion des Landtags von Mecklen- burg-Strelitz hat im Parlament einen Gesetzentwurf eingebracht, nach dem vom 1. Juli 1932 ab die Grundgelsiilter, Stellenzulagen und Wohnungsgeldzuschüsse der planmäßigen Beamten des Staates und der Gemeinden, soweit sie den Betrag von 5009 M. übersteigen, erheblich gekürzt werden sollen. Die Stellenzulagen sollen nach dem Naziantrag ganz fortsallen, die Grundgehälter und Woh- nungsgeldzujchllsse werden zwischen fünf und zehn Prozent gekürzt. des Exkronprinzen Tage später, noch vor der Einreise des Exkronprinzen, die Sozial- demokraten aus dem Kabinett ausschieden, wurde Stresemann nicht mehr zur Vorlage einer im einzelnen formulierten Erklärung des früheren Kronprinzen gedrängt. Nun schließt Professor Thimme seine Untersuchung, die sich wie ein Plädoyer sllr den Exkronprinzen liest, durch die Feststellung ab, daß„eine eigene Erklärung des Kronprinzen gar nicht vorliegt". Demgegenüber sagen die Herausgeber des Stresemannfchen Nachlasses in der„B. Z. am Mittag" vom 21. Mai:„Der Oesient- lichkeit genügt es, daß Stresemann im Glauben war, er yabe ein Hohenzollern-Wort, und daß man ihij in diesem Glauben ließ." Konnte Stresemann, der nach meinem Eindruck mit einem roman- tischen Stolz an ein gentlomen agreement zwischen sich und dem Kronprinzen glaubte, diesen Glauben wirklich haben? Geben wir darauf einstweilen allein mit Feststellungen des Hsstorikers Prof. Dr. Thimme Antwort: 1. Der Exkronprinz begründete in seinem Briefe vom August 1923 den sehnlichen Wunsch nach der Heimkehr mit Familien- Verhältnissen und mit sonstigen persönlichen Angelegen- Helten und mit der Notwendigkeit, sein Familienleben wieder I)erzustellen, sich der Erziehung seiner Kinder zu widmen und seinen landwirtschaftlichen Besitz zu verwalten: „Vorstehende Erwägungen und nicht Wünsche politischer Art sind es, die meine Heimkehr erheischen." 2. Der Exkronprinz hat ohne Widerspruch, also zustimmend, den Kanzlerbrief entgegengenommen, der ihm bestätigt«, daß dem Reichskabinett die Erklärung vorgelegen habe. sich von politischen Einmischungen fernzuhalten. „Von Ihrer Erklärung" spricht der Kanzlerbries, nicht von einer gesprächsweisen unverbindlichen Bemerkung des Herrn v. Müldner! Die Annahme des Herrn Prof. Thimme, dies« Kronprinzen- erklärung sei nur auf begrenzte Frist, und nicht„aus Lebenszeit" gegeben worden, wird durch keinerlei Tatsachen gestützt, auch nicht durch den Kanzlerbrief. Der Exkronprinz hat sich verpflichtet, sich von„politischen Ein- Mischungen fernzuhalten". Dagegen hat er verstoßen, als er sich durch öffentliche Parteinahme für den Präsidentschaftskandidaten Hitler in den politischen Kampf einmischte. Eine„Einmischung" würde erst recht vorliegen, wenn Friedrich Wilhelm etwa selbst für die Reichspräsidentschast kandidieren wollte. Herr Professor Thimnie als Historiker in Ehren. Das von ihm zusammengetragene Material dürfte u. a. zweierlei beweisen: 1. Wenn der Exkronprinz trotz seinem Brief vom August 1923 und trotz des Kanzlerbriefes vom Oktober 1923 glaubt, sich politisch betätigen zu dürfen, so würde er es wohl auch nach einer im ein- zelnen formulierten Erklärung getan haben, eine entsprechende Interpretation vorausgesetzt. 2. Daß Stresemann immerhin unvorsichtig handelte, als er entgegen der Fovderung sozialdemokratischer Kabinettsmitglieder und ohne diese zu-verständigen, ans genaueste Formulierung der krön- prinzlichen Erklärungen verzichtete. So stellt sich die ganze Angelegenheit nach dem bisher ver-- öffentlichten Material dar. Ist es schon vollkommen? Man darf das bezweifeln. Es wäre möglich, daß noch im Büro des Reichs- Präsidenten Ebert sich Riederschristen befinden. Für mich ist auch die Frage noch nicht geklärt, aus welchem Briefe Friedrich Wilhelms(oder seines Unterhändlers) die Zusage des Kronprinzen in der entscheidenden Kabinettssitzung verlesen worden ist. Herr Professor Thimme dürfte j?ch irren, wenn er glaubt, eine Legende" erledigt zu haben.„Legenden" haben nicht nur, wie er sagt, ein zähes Leben. Sie erweisen sich manchmal auch als Wahrheit. Wildehn Sollmann. Mit diesem Antrag haben die Nazidemagogen wieder einmal ihren wahren Charakter offenbart und gezeigt, wie ihre Theorie und Praxis gegeneinanderstehcn. Blitzschlag tötet zwei Personen. Zwei Brüder, ein dritter betäubt. D a r m st a d t, 25. Mai. Bei einem schweren Gewitter wurden heule aus dem Felde zwischen Gernsheim und Hahn zwei Brüder, Heinrich unix Philipp Pichler, vom Blitz erschlagen. Ein dritter Bruder wurde betäubt, jedoch nicht lebensgesührlich verletzt. Der Blitz schlug ein so großes Loch in das Feld, daß drei Männer darin stehen können. Verkehrsunglück in Treptow. Vier Echwerverlehte— ein Leichtverletzter. Am Treptower Park, Ecke Neue Krugallee, unweit des„Pa- radiesgartens", ereignete sich heute vormittag ein folgenschwerer Zusammenstoß zwischen einem Arbeitswagen der Straßenbahn und einer mit vier Personen besetzten Auto- d r o s ch k e. Vier Verletzte wurden durch die Feuerwehr ins Elija- beth-Hospital nach Oberschöneweide gebracht. Der Führer der Autodroschke versuchte an der Kreuzung beim Auftauchen der Straßenbahn noch zu bremsen, sein Wagen rutschte infolge der Geschwindigkeit aber weiter und prallte mit un- geheurer Wucht gegen die Straßenbahn. Die Folgen waren furchtbar. Der Wagen wurde völlig zertrümmert und die Insassen zwischen Holz und Eisenteilen eingequetscht. Passanten, die Augenzeugen des Unglücksfalles geworden waren, alarmierten sofort die Feuerwehr, die für den Abtransport der Verunglückten und die Aufräumungsarbeiten an der Unfallstelle sorgte. Die Ver- letzten, der 26 Jahre alte Georg Obst aus der Novalisstraßs 12 am Ststtiner Bahnhof, der 31jährige Wilhelm Firse aus der Hussitenstraße 8 in Berlin N., der 59 Jahre alte Hermann Bär aus der Rykeftraße 2 in Berlin N. und der 50jährige Paul Müller aus der Hauptstraße 50 in Neuzittau, fanden im Elija- beth-Hospital in Oberschöneweide Aufnahme. Der Führer des Un- glllcksautos kam wie durch ein Wunder mit leichten Schnittverletzun- gen davon. Bon Beamten des Ueberfallkommandos wurde er zur Rettungsstelle 4 gebracht, da die Behauptung aufgestellt wurde, daß der Mann betrunken sei. Die ärztliche Untersuchung entkräftete jedoch diesen Verdacht. Wie das Unglück entstanden ist, steht noch nicht einwandfrei fest. Sklavenjoch»er Sehenswürdigkeiten Von Franz Graetzer Die anerzogene Begriffsverkettung von Reisen und Bildung hat selbst Menschen, die sich stolz zum Subjektivismus und Relativismus bekennen, in jah.rhundertalter Uebung vergessen lassen, Laß es Sehenswürdigkeiten nur von Betrachters Gnaden, nicht aber von absoluter Geltung gibt. Die Wißblattgestalt der Engländerin, die Italien durchrast und gewissenhaft mit je einem Blick auffängt, was wahrnehmend zu erledigen das rote Reisehandbuch vorschreibt, be- wegt sich gar nicht so tief unterhalb des Spottes, der seinen Stand- punkt erhaben dünkt. Allerwärts findet der Diktator Baedeker noch seine willigen Untertanen, und selbst wer es ablehnen würde, sich etwa die engere Welt seiner Heimstätte vom Innenarchitekten aus- statten zu lassen, unterwirst sich allzu gern und leicht fremder Bor- mundschaft, was von der weiten Welt er soll sehen dürfen. Die holde Planlosigkeit des Reisens, namentlich aber des Rastens, bleibt in romantische Lieder verbannt, und die wichtigste Stufe der Bs- freiung vom Alltag gefährdet den unzulänglich selbständigen Ge- nießer, den Kops unter das Joch fragwürdiger Sehenswürdigkeiten zu beugen. Schreckliche Folge ist dann die Aufgliederung des fest- lichen Tages in Lektionen, die Beteilung womöglich jeder Stunde mit ihrem Pensum. Es gilt die Eroberung der Selbstverständlichkeit, daß eine Land- schaft kein Museum und übrigens auch ein Museum keine Stras- anstatt für Erziehung zur Lückenlosigkeit ist. Es gilt den Boykott der drei Sterne, die den Kognak, aber weder den Park noch das Altarbild auszeichnen dürfen. Es gilt die Befreiung des Rei- senden zum Entdecker. Es gilt die Erlösung von der registrierten zur nagelneuen Sehenswürdigkeit. Es gilt das unverbriefte Selbst- bestimmungsrecht des schulentlassenen Ferien-Ichs. Für den Ansang kann ein bißchen übertriebener Widerstand gegen das von Generationen willfährig Genormte, kann ein etwas heftiges und häufiges Abbiegen von der großen Heerstraße gar nicht schaden. Der Diktator Fremdenverkehr hat von der Unbotmäßigkeit am Ende sogar den Vorteil der Grenzerweiterung. Wo also das Handbuch anbefiehlt, in dem idyllischen Flecken 1. die Wanderung zu beginnen, da wird es sich dem Rebellen empfehlen, den Zug allbereits in der totgeschwiegenen, gar nicht sehenswürdigen Mittel- stadt P. zu verlosten. Siehe da, sie ist unerwartet reizvoll. Der Obelisk vor dem Schwanenteich, das alte Tor zwischen Fliederbüschen, der Marktplatz mit den Giebelhäusern, die Gartenanlagen an der Umwallung verlohnen der Betrachtung. Die Beobachtung der Bc- wohner ist bereichernd. Ein anderwärts ausgestorbener Handwerks- zweig erlaubt seltenen Einblick. Der Umweg ist durch keine Reue vergällt. Weiter so. Und alsbald gesellt sich zur Freude am Umgang mit Neuem die Befriedigung, der Fessel entrafft, nun erst wirklich frei vom Bann des Gewohnten zu sein Borschriften, wo zu gehen, wo zu fahren, wo und wie lange Halt zu machen sei? Warum nicht garl Auch die Pflicht zum Gehorsam ist in Urlaub geschickt. Früchte der neuen Freiheit: Unbefangenheit in der Umschau auf Land und Leute, Mut zum eigenen Urteil, Vertrauen auf die Wahrnehmungen der eigenen Sinne. Dieser Bolksschlag soll schwerfällig sein, dieser Flußlauf gilt als öd, dieses Tal als eintönig? Der von der An- mahung solcher Feststellungen, die ihm jetzt als Bloßstellungen er» scheinen, emanzipierte Reisende lacht und verläßt sich auf die Souve- ränität des eigenen Geschmacks. Er weigert sich, eine Kathedrale zu besichtigen, wenn ihn zur Stunde die Mittagsstille am Parkweiher lockt, und kehrt sich ab von einer Ahnengalerie im Schloß, die ihm minder wichtig ist als der Besuch einer Glashütte. Und wenn ihn im Museum ein schmächtiger Teniers oder Ostade lebhafter anspricht als ein grandioser Rubens, der ihm, just ihm. Nichts bedeuten kann, dann pfeift er auf Genüsse nach fremdem Richtmaß, wie er längst die Eindrücke am laufenden Band verschmäht. Keine Jagd mehr auf vorgeschriebene Sehenswürdigkeiten, kein Erstarren in terminmäßig geregelter Bewunderung. Eine an Gleich- gültigem vorbei nach Belieben und rast vor unmittelbar Reizvollem nach Belieben: Dosierung des inmitten ungeschwächter Erholung Bereichernden ganz nur nach eigenem Ermessen: die Befreiung des reisenden Menschen. Der Befreite wird um so sachlicher reisen, je mehr er sich den Mut zur neuen Empfindsamkeit des Reifens gönnt. Denn die Ehrfurcht vor dem Handbuch förderte die falsche Romantik. Krise und Konsumvereine. Funktionärkonferenz der Veriiner Gewerkschaften. Di« örtlichen Spitzenkörperschaften der freigewerkschaftlichen Angestellten-, Beamten- und Albeiterorganisationen Berlins hatten zu Dienstagabend im Gewerkschaftshaus eine gemeinsame Funk- tionärkonserenz einberufen, in deren Mittelpunkt ein Bor- trag Oes Genosstn Zierakowsky- Hamburg vom Zentralver- band deutscher Konsumvereine über„Zeitfragen aus Politik und Wirtschaft" stand. Der Redner rückte hauptsächlich die beiden Fragen in den Vordergrund: Wann und wie wird diese fürchterliche Krise ein Ende finden und welche Bedeutung hat die Konsumvereinsbewegung in der Gegenwart und der nächsten Zukunft?" In der Frage einer Wiederbelebung der Konjunktur war der Vortragende der Auffassung, daß der Tiefpunkt der Krise überwunden sei. Di« Besitzer oder Verwalter des ungeheuren Geld- und Goldschatzes der Welt, der jetzt brach liegt, weiden mit allen Mitteln versuchen. von der Kapitalseite her die Weltwirtschaftskrise zu beheben, aller- dings nicht der Not der 25 Millionen Arbeitslosen wegen, sondern zur Erhaltung der eigenen Existenz. Um das Elend der deutschen Arbeiterschast zu lindern, wird nicht ein einziger amerikanischer Dollar als Kredit nach hierher kommen, sondern nur dann, wenn sich die Geldanlage lohnt. Mit der Wiederbelebung der Konjunktur durch rein kapita- listische Mittel ist aber auch eine ernste Gefahr für die Ar- beiterschast verknüpft. Die Behebung der Weltwirtschaftskrise Reaktionäre Weisheiten „Merke, mein Eobn: die füßen Fruchte wachsen nur auf dem Baume zur Rechten." wird nach den Gesetzen der kapitalistischen Wirtschaft zwangsläufig von einer allgemeinen Erhöhung der Preise begleitet sein. Die durch die langanhaltende Krise geschwächte Arbeiterschaft wird alle noch vorhandenen Kräfte aufbieten müssen, um die weitere Verschlechterung ihrer Lebenshaltung abzuwenden, die durch die Preiserhöhung droht. Eindinglich legte der Referent auch die Bedeutung dar, die die Konsumgenossenschaften im kapitalistischen Wirtschafts» system haben und in noch viel stärkerem Maße in einem planvollen und sozialistischen Wirtschaftssystem haben werden. Da die Kon- sumgenossenschajten inmitten einer kapitalistischen Welt existieren, sind sie von der kapitalistischen Krise ebenfalls in Mitleidenschast gezogen worden. Die schwierige Lage, in der sich die Konsumge- nossenschasten befinden, ist zum Teil aber auch durch die Mitglieder selbst verschuldet worden, die ihre Spargeloer sinnlos abgehoben und entweder zu Privatbanken gebracht oder in den Strumpf ge- steckt haben. Die Konsumgenossenschaften könnten aber trotzdem noch glänzend dastehen, wenn alle Mitglieder wirklich überzeugte Genossenschafter wären und ihren Bedarf an Waren in ihrem Kon» sumverein decken würoen, Der Reserent schloß seinen Vortrag mit der Bitte an die Funk- tionäre, in diesem aufklärenden Sinne unter den Gewerkschaftsmit- gliedern zu wirken, damit der wichtige Zweig der deutschen Ar» beiterbewegung, die genossenschaftliche Warenherstellung und-ver- teilung, nicht durch die Krise zugrunde gerichtet wird. Der Berliner Wohlfahrtsetai. StadtkämmererAschbehandeltdieFragedesReichszuschuffes Die Beratungen über den für die Gestaltung des ganzen Ber- liner städtischen Haushaltsplanes maßgebenden W o h l f a h r t s- etat wurden nach dem eingehenden Referat des Berichterstatters mit einer Rede des Stadtkämmerers A s ch eingeleitet. Der Stadt- kämmerer behandelte zunächst die Frage der Reichszuschüsse, die im Jahre 1931 28 Millionen für die städtische Wohl- fahrtspflege betragen haben, deren Höhe für 1932 aber noch nicht festgestellt werden kann, weil die Entscheidungen des Reichs- kabinetts über die Zuwendungen an die Gemeinden noch nicht ge- troffen sind. In dem Etat 1932 sind vorläufig vier Millionen Mark monatlich für Reichszuschüsse eingestellt worden. Von der Entscheidung der Reichsregierung erwartet die Stadt serner, daß die Gemeindeleistungen in der Wohlfahrt aus bestimmte Lasten beschränkt werden. Stadtrat W u tz k i als Magistratsdezernent gab dann über die erfolgte Zusammenlegung verschiedener Fürsorge- Heime Aufschluß, die durch die geringe Belegung dieser Anstalten zweckmäßig geworden waren. Wie vorauszusehen war, wurde in der Einzelberatung zum Wohlfahrtsetat eine große Zahl von Anträgen eingebracht, wobei namentlich die Oppositionsparteien mit Forderungen auf» warteten, die weit über den Rahmen des Etats und die vorhandenen städtischen Mittel hinausgehen. Die Verhandlungen im Ruhrbergbau, die heute weitergeführt werden sollten, sind auf den 30. Mai vertagt worden. „Oer Mann, den sein Gewissen trieb." Kleines Theater. Am gleichen Tage, an dem die nationale Kriegspartei die Hand nach Preußen ausstreckt, wird im Kleinen Theater unter den Lin» den die versöhnende Geste eines Franzosen gespielt. Maurice R o st a n d verkündet in einer„Botschaft an Deutschland", daß alle Kultur bedroht ist, so lange nicht Deutschland und Frankreich un- lösbar vereint sind. Dieser Appell, von Hans Hinrich in einer necken Schauspielgemeinschaft verkündet, rust ins Gedächtnis, daß die Toten nicht vor den Verträgen, sondern vor den Friedhöfen Wache halten. Im Vorspiel berichtet ein junger Franzose, daß er einen jun- gen Deutschen getötet hat, aber es geschah im Kriege, und die Kirche spricht ihn frei. Da schreit er auf:„Aber Herr Abbä, Sie wissen, daß Christus so gut Deutscher wie Franzose war." Das Stück spielt im Rheinland. Der Franzose legt Blumen auf das Grab des Deutschen, den er getötet hat, dringt in seine Bücher, in seine Seele ein: die Stimme des Toten im Grammo- phon erklingt, die Eltern schenken ihm sein« Geige, sein Tagebuch, die Braut erkennt, daß der Sühnende der Töter ist und vergibt ihm. Ueber die Gräber des Krieges reichen sich die Menschen die Hände, und der junge Franzose beschließt, allegorisch bei den Eltern in Deutschland zu bleiben, wie der tot« Sohn ewig in Frankreich bleiben wird. Die äußere Wortdramatik des Antikriegsstückes ist sehr stark. Eine Elegie, in den Bezirken der reinen Menschlichkeit wie„Das Grabmal des unlekannten Soldaten" gedichtet, gemischt mit der Technik der Pariser Theaterschule. Leider hat man bisher dos Stück in Berlin nicht gewagt oder nicht gewollt: jetzt, nachdem es überall gespielt und von Lubitsch verfilmt ist, wurde es einer der größten Theatererfolge der ausgehenden Saison. Darstellerisch sind ein paar weniger ausgearbeitete Chargen zu vermerken, aber überraschend stark war Karl Meixner neben Stahl-Nachbaur in der Hauptrolle. Und anständig das Bühnenbild von Walfang Böttcher. Zw. Zetter und kein Ende. Wie über Goethes und Haydns(der Jubiläumsheroen dieses Jahres) Leben und Werk, sind wir jetzt auch lllber alles, was Zeltern anlangt, über seine schassende und nachschasfende Tätigkeit, seine menschlichen, pädagogischen und organisatorischen Leistungen aufs beste orientiert. Er war— wir wissen es nun zur Genüge— ein überaus trefflicher und vielseitiger Mann, dem Berlin als Mufikstadt sehr viel verdankt, mehr vielleicht oerdankt, als die Musik schlecht- hin— wie sollte ihn da dieses Berlin nicht feiern! So nahm das Schicksal seinen Laus, so nehmen die Zelter- Feiern fast kein Ende. Die Singakademie ehrte sich selbst und ihre eigene Vergangenheit, indem sie ihren einstigen rühm- reichen Direktor zu feiern unternahm. Hier hielt Georg Schöne- mann die Festrede, in der er alles, was wir über Zelter wissen, zusammenfaßte und zu einem nahen, lebensvollen und überaus ansprechenden Bild verdichtete, aus dem die menschliche Leistung, das wunderbare Hingegebensein an ein« groß« Aufgabe als die hellste, die strahlendste Farbe hervorleuchtete. In der Akademie der Künste sprach H. I. Moser über„Zelter und das Lied"— sprach amüsant und geistreich, ein wenig extemporierend, ein wenig feuilletonistisch, wie dies so seine Art ist, und illustrierte seinen Vortrag durch hübsch gesungene Proben Zelterscher Liedkunst. Dem Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht hatte Zelters berühmte Freundschaft mit Goethe Anlaß zu einer würdigen, schön ausgebauten Goethe- Zelter-Feier gegeben. Nach einer Begrüßungsansprache durch Geheimrat P a l l a t(an Stelle des verhinderten Kultusministers) verbreitete sich Ernst C a s s i r e r über das Thema„Goethes Id� der Bildung und Er- ziehung": er sprach über die Stellung des Pädagogischen in Goethes Gesamtwert und erläuterte— in prachtvoller logischer Verklamme- rung der Gedanken, in konziscr Form und überaus präziser For- mulierung— den Wandel Goetheschen Erziehungsideals, die Ablösung der individualistischen pädagogischen Idee des Humanismus durch die Idee der„Mitte", der Beschränkung und Begrenzung des einzelnen zugunsten der größeren und wichtigeren Gesamtheit. Arnold Schering würdigte Zelter als Freund Goethes, als einen, der die gewiß nicht kleine menschliche und künstlerische Aufgabe zu bewältigen vermochte, dem Besten seiner Zeit genug zu tun. All diese Feiern waren— dem Gegenstand angemessen— musi» kalisch umrahmt. In der Singakademie kamen Chöre, in der Ata- demie der Künste(von Emmy von Stetten gesungene) Sololieder Zelters zum Vortrag: im Zentralinstitut sang der Domchor unter Hugo Rädel Chöre des größten Zelter-Schülers Felix Mendelssohn: wunderbar klangen die silbrigen Knabenstimmen nach den langen, weisen und gelehrten Reden, wunderbar schimmerten die zarten, verbaßten Pastellfarben dieser geruhsamen Musik jener verdienst- vollen, jener— man spürt es an jedem Ton— freilich längst ver- gangenen Tage.' A.W. Gling zum Gedöchtnis. Was bedeutet das Wort„Rechtsprechen"? Wem wird vor Gericht dieses„Recht" zuteil? Den Paragraphen der Gesetzbücher? Den Menschen, die als Kläger und Beklagte vor dem Richtertisch stehen? Der Gerichtsberichterstatter Sling, der vor vier Jahren am 22. Mai starb, wußte, welche Probleme diese Fragen aufrühren, wie er immer wieder in den Mittelpunkt seiner Schilderungen rückte. Die am Richtertisch sitzen, sind ebenso wie jene vor den Schranken Menschen mit menschlichen Schwächen und Fehlern, und der gerechteste Richter wird der sein, der die eigene llnzulängli.' keit erkennt. Das Urteil trifft selten nur den einzelnen Menschen. sondern in seinen Auswirkungen auch unschuldige Angehörige, und es kann Familien seelisch und wirtschaftlich völlig zerrütten, oster, dem wird es für die meisten im Kern unverdorbenen Angeklagien rick tunggebend für den Glauben an Gerechtigkeit oder Un- gerechtigteit. Die Funkstunde brachte mit dieser Gedächtnisstunde für Sling eine ungewöhnlich wertvolle Darbietung. Gar nicht feierlich auf- gemacht, sondern als anschauliche, bunte Bildersolge aus Gerichts- sälen sprach in Slings Worten Slings Geist zum Hörer, Geist eines Menschen, der jene höchste, fruchtbare Güte befaß, die in der Erkenntnis wurzelt. Das Manuskript für die schöne Sendung war von Renee Christian verfaßt.— 1z. A bert Londres. Bei der Brandkatastroxhe des französischen Dampfers„Georges Philippar", die auf der Heimreise von China nach Europa er- solgte, scheint der französische Reporter Albert Londres ums Leben gekommen zu sein. Wenigstens ist er unter den Geretteten, wie aus Paris gemeldet wird, nicht aufgeführt, und er dürfte iomit unter die Zahl der 50 Verunglückten zu rechnen sein. In Albert Londres verliert die europäische Presse ihren größ- ten und unabhängigsten Reporter. Er hatte gerade wieder eine neue Untersuchung beenoet und reiches Tatsachenmaterial über die Mandschurei gesammelt. Bei seinem Wagemut, seiner Wahrheit?- liebe und absoluten Unabhängigkeit wäre dies sicher ein bedeuten- der Beitrag zu der mandschurischen Frage geworden Von den früheren Werken des Journalisten, der immer als sein eigener Unternehmer austrat, um sich seine volle Unabhängigkeit zu wahren, sind noch seine Bücher über die Teufelsinsel, die Hölle der franzö- fischen Deputierten, sowie über den Mädchenhandel nach Süd- amerika, den er gründlichst erforschte, sowie seine unerschrockene Forschung über die Lage der Neger in den französischen Kolonien in lebhafter Erinnerung. Larnowsky beschwert sich. Die Berliner Theaterklise nimmt ihren Fortgang. Ihr vorläufig letztes Opfer, Barnowsky, der das „Deutsche Künstler-Theater" aufgeben muß, hatte zu gestern die Presse«ingeladen, um seine Schmerzen an die Oesfentlichkeit zu bringen. Direktor Barnowsky hat bald« 25 Jahre in guten und schlechten Zeiten als Theaterdirektor in Berlin ausgehalten. Cr schiebt die Hauptschuld an seinem Zusammenbruch aus die Theater- abonnementsgesellschaft Reibaro. Er hat sie zwar selbst vor Jahren mit begründet, aber sie hat ihm, seit er das Deutsche Künstler- Theater übernahm, nach seiner Behauptung das Leben unmöglich gemacht. Die Gesellschaft bestreitet das natürlich, und die Presse ist nicht in der Lage, in dieser Frage zu entscheiden. Außer der Auseinandersetzung mit der Reibaro stehen auch Prozesse mit den Inhabern des Kllnstler-Theaters in Aussicht. Barnowsky hofft trotz allem, zum Herbst wieder über ein eigenes Theater verfügen zu können. Der Direktor des Bayerischen Staatsschauspielhauses, Anton Pape, scheidet nach einer halbamtlichen Meldung aus dem Schau- spielhaus am 31. August aus. Ausstellung. Im Rahmen der kunstpädagogischen Veranstaltungen zeigt die staatliche Kochschule eine Ausstellung von Arbeiten des Malers Christos Drexel. Es wird ein bestimmter und konsequenter künstlerischer Arbeits- Vorgang aufgezeigt. Die Ausstellung ist wochentags von 9—6 Ilhr bei freiem Eintritt geöffnet. Im Lessing-Museum wird Mittwoch und Donnerstag, 20 Ilhr, „Fraulein Julie" von Strindberg aufgeführt. Regie Alfred Schclzig. Im Museum für Naturkunde spricht Mittwoch, 18 Uhr, Dr. Rensch über„Das Kuckucksrätse I". Der Buchbinder-Verbandstag. Ginc grundsahliche Aussprache. Zwcck der freien Gewerkschaften ist es nicht, sich lediglich die Unterstiitzung ihrer Mitglieder in allen Nöten angelegen sein zu lassen. Brachten es die Krisenverhältnisse auch mit sich, daß in den letzten Iahren bedeutend mehr Ausgaben für Unterstützungszwecke als für wirtschaftliche Kämpfe gemacht werden mußten, so muß eben deshalb betont werden, daß die Unterstühungseinnchtungen nicht Selbstzweck, sondern ZUiltel zum Zweck sind. Der allgemeinen Aussprache über den Geschäftsbericht auf dem Leipziger Verbandstag der Buchbinder folgte eine längere Diskussion über eine Neuregelung des Unterstühungswesens im Hinblick auf.die in absehbarer Zeit zu erwartende Arbeitsmarkt- läge. Vom Verbandsvorstand und fast allen Diskussionsrednern wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen, unter allen Umständen das Gleichgewicht von Einnahmen und Ausgaben zu schaffen. Diese Auffassung wurde insbesondere durch Ausführungen des Kollegen Spliedt vom Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Ge- werkschaftsbundes unterstützt. Spliedt warnte davor, einen Umfang der Unter- stützungseinrichtungen zu beschließen, der sich auf lange Sicht als nur sehr schwer tragbar erweisen würde. Die Gewerkschaftsfunktio- näre hätten die Pflicht, den Mitgliedern zu erklären, daß es die Hauptausgabe der Gewerkschaften sei, zu kämpsen und nicht Unterstützungen auszuzahlen. Die Gewerkschaften seien, das müßte man gerade in der gegenwärtigen Zeit bedenken, Kampforganisa- t i o n e n und danach müßte man sich bei der Regelung der Ver- bandsfinanzen richten. Es wäre unverantwortlich, wen» von irgendeiner Seite her der Vorschlag käme, sich durch unzeitgemäße Unterstützungsmaßnahmen so auszubluten, daß schließlich kein Geld fiir die ureigenste Aufgabe der Organisationen, den Lohnkamps, vorhanden wäre. Würden die Gewerkschaften sich auch weiterhin ihre volle Kampffähigkeit er- halten, würden sie den Interessen ihrer Mitgliedschaft am besten gerecht werden. Während die Beratung über die Neuregelung des Unterstützung-- wefens in eine Kommission verlegt wurde, berichtete W i e n i ck c über die Tarif- und Lohnpolitik. Der Referent übte u. a. scharfe Kritik an der Haltung des Reichsarbeitsministeriums, soweit es dessen Stellung zur Frage der Allgemeinverbindlichkeit angeht. Gegenüber allen Plänen einer weiteren Lohnkürzung oder sonstiger Versuche, Bestimmungen oder Grundsätze des kollektiven Arbeitsrechtes außer Kraft zu setzen, müßte mit aller Energie an- gegangen werden Die Lebenshaltung der Buchbinder sei aus ein Niveau gesunken, das zum großen Teil unterhalb des Existenz- Minimums liege. Diese Tatsache könne schließlich der deutschen Oeffentlichkeit nicht unbekannt geblieben sein. Berliner Lehrlingslöhne. Gegen die Stimmen des Geftllenausschusses gekürzt. Die Vollversammlung der Handwerkskammer zu Berlin vom 27. April beschloß, die„Erziehungsbeihilfe" für Lehrlinge auf den Stand vom 6. April 1927 zurückzuschrauben. Der Gesellenausschuß widersprach einer Herabsetzung der Sätze um mehr als 19 Prozent. Trotzdem beschloß die Vollversammlung, diese„Erziehungsbeihilfe" für die Lehrlinge im Bezirk Potsdam auf 3 Mark im ersten Lehr- jähr, 5 Mark im zweiten, 7 Mark im dritten und 9 Mark im vierten Lehrjahr festzusetzen! für Berlin um je 1 Mark höher, also aus 4. 6, 8 und 10 Mark. „Der Beschluß erfolgt gegen die Stimmen des Gesellenaus- fchusses"— heißt es im Protokoll der Handwerkskammcrvoll- versammlung. Das hinderte die„Rote Fahne" nicht, ihren Bericht hierüber mit der Ueberschrift zu versehe»! „ADGB. raubt Berliner handwerkslehclingen den Lohn." Diese Lüge stützt sich auf die unwahre Behauptung, der Be- schluß der Handwerkskammer fei„unter einstimmiger Mitwirkung des sreigewerkschaftlichen Gesellenausschusses bei der Handwerks- kammer, unter Leitung des ADGB.-Jugendsekretärs Pickert, zu- standegekommen". Auf Grund dieser gesälschten Angabe werden die„sozialdemokratischen Verbandsjugendführer" samt der Gewerkschaftspresse verdächtigt. Sachlich sei zu der Kürzung der„Erziehungsbeihilfen" bemerkt: Da solche Sätze als K o st g e l d nicht angesprochen werden können, etikettierte man sie als E r z i e h u n g s b e i h i l f e n. Irgendein Altersunterschied wird nicht gemacht. Das war früher auch nicht notwendig. In den letzten Jahren aber kommen vielfach junge Leute erst mit 16 oder 17 Iahren in die Handwerkslehre, da sie eine höhere Schule besuchten. Im dritten und vierten Lehr- jähr sollen dann diese 29- oder 21jährigen 7 oder 8, 9 oder 19 Mark in der Woche erhalten. Davon geht das Fahrgeld ab, der Rest ist„E r z i e h u n g s b e i h i l f e". Sollen, denn erstens ist an diese Sätze kein Lehrmeister unbedingt gebunden, dann aber müssen heute auch die Lehrlinge vielfach aussetzen oder verkürzt arbeiten, wobei diese Erziehungsbeihilfe entsprechend gekürzt wird. Wetter für Berlin: Meist bewölkt mit Regenfällen, weiterhin kühl.— Für Deutschland: Allgemeine Fortdauer der kühlen, regnerischen Witterung. Rundfunk am Abend Mittwoch, den 25. Mai 1932. Berlin: 16.03 Ans der Kaufmannssdiule des Deutsdi- nationalen Handlungsgelülfenverbandes(A. Braun). 16.30 Indische Musik(Eva VV. Geifilcr). 17.10 Irene de Noiret singt. 17.30 Die Lebensgemeinschaft zwischen Insekten und Bakterien(Dr. J. Holtfreter). 17.50 Von Autarki bis Zollunion(P. Markwald-Caro). 18.15 Gertrud Isolani: Eigene Arbeiten. 18.30 Beethoven. 18.55 Die Funkstunde teilt mit. 19.00 Zehn Jahre Deutsdi-Evangelisdier Kirchenbund(Präs. D. Dr. Kapler). 19.10 Rechtsfragen des Tages(Geb.- Rat Prof. Dr. E. Heilfron). 19.35 Funkporträt: Ernst Krenek. 20.00 Aus Breslau: Alte und neue Türkenmusiken. 21.00 Tages- und Sportnachrichten. 21.10„Frühlings Erwachen> Kindertragödie von Frank Wedokind. 22.15 Wetter-, Tagesund Sportnachriditen. Tanzmusik. Königswusterhausen: 16.00 Finanznot und Hochschule in Preufien(Min.-Dir. Prof. D. Dr. W. Richter). 16.30 Aus Hamburg. Nachmilfagskonzert. 17.30 Sport bei Mensch und Tier(H. Knaak). 18.00 Das Orchester und seine Instrumente(R. Hernried). 18.30 Das Hambacher Nationalfest (Prof. Dr. V. Valentin). 18.55 W etterberidit. 18.55 � iertel- stunde Funktechnik. 20.00 Aus Köln: Musikalisches Durcheinander. 21.10 Aus Leipzig:„Elbland L" Sonst Berliner Programm. Vollständiges Europa-Programm im„Volksfunk", monatl. 96 Pf. durch alle„Vorwärts-Boten oder die Postanstalten. 3}ctantn>ottl. fui die Scbattion: Rich. Bernstein, Berlin; Anzeigen: TH. Slotfc. Berlin. Perlag: Vorwärts Verlag G.m.b.H.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin S3B68, Lindenstr. 3. Hieran I Beilage. Sfaals fe. Thealer Miliwoch, den 25. Mai staatsoper unter den Linden 20 Uhr Ein Maskenball & 8 Uhr 15. Flora 3434. Rauthen erl. Trude Hesterberg. Fischer-Köppe. Cläre Eckstein-Truppe. Bil& Bil. 2 Franks. Junetros& Elsie. 12 Deblars. Arthur Hell. Luella Paikin. Julius Kuthan. Mario Saletzki usw. Deotsdies Theater Die 8>/« Uhr Journalisten Lustsp.naili Gustav Freyta; von Filix Joadiimson Musik: Theo Mackeben Regie; Heinz Hilpert Voihsbtlhne Theater am BQIowplatz 8'/« Uhr Sturm im Wasserglas GROSSES SCHAUSPIELHAUS| Täglich 8 Uhr MAX REINHARDT INSZENIERUNG Noch? Vorstellungen I mm-Theater Täglich 8»/« Uhr Madonna wo blsf Du? Erika v. Thellmann, Genia Nikolajewna Theodor Loos Josef Wedorn Restamul Berlind BETRIEB/ KEMPIKSKI� (Befchäfts-Jbtsefger föesirlz füden-Wejien f 6. ilartseitläsche-Verleih� l Tel.: Moritzpl. F. 1, 0918. S 42, Fürstenstr 20 Wäsche aller Art � ? Oute Bescliaffenheit, kulante Bedingungen % Haben Sie Bedarf In; AvtäN Herrengarderobe(ferllß and nodi Kaft). Berulskleldand, HenrenartiKel. Reidisbanner-Aasraslung, so emottevu sich IFriMz Hamburg Sde�lldz. SdolodSsdraOe 102�103 Fahrvorbindung: Autobus S und 20, StraBenbahn; 40, 43, 74, 174, 77, 177. Blinde, Kriegsbeschädigte und Uber 65 Jahre: 5 Prozent Rabatt extra. 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Sie werden wahrscheinlich genau wie ich empfinden. Wie Erwachsene Kindern gegenüber suhlen. Nur, da es sich hier auch um Erwachsene handelt, wird man nicht kindlich sagen, sondern kindisch. Aber vergessen Sie nicht: die Amerikaner sind ein junges Volk, sind Kinder. Das zur Einführung. Nun lesen Sie. Es war in einem der großen Warenhäuser von New Bork. Am 1. März sollte der große Sonderoerkauf für das Früh- jähr anfangen. Schon seit Wochen waren Tag für Tag Waren hereingekommen. Di« Abteilungsleiter hatten ihre Anweisungen gegeben. Und endlich war der letzte Februartag gekommen. Am Abend nach Geschäftsschluß sollte die letzte Besprechung sein. Um 6 Uhr— die Warenhäuser in Amerika schließen um S U h r 3 0— versammelte sich das Berkausspersonal im Erdgeschoß vor der großen Freitreppe zum Jwischenstock. Zettel wurden ver- teilt, auf denen das Programm dieser Besprechung angegeben war und ebenso die Texte und Melodien der Lieder, die gehangen werden sollten. Dann kam der Chef des Einkaufs die Treppe ein paar Stufen herunter.„Seid ihr alle da?" fragte er.„Ja!" antwortete die Versammlung.„Na, dann wollen wir mal alle Lied Nummer eins singen. Ich dirigiere.— Aber alle mitsingen, bitte!" Und alle sangen: Heil! Heil! Wir sind alle hier. Was kümmert uns das Bier? Uns kümmert gar kein Bier. Heil! Heil! Wir sind all« hier. Ja, zum Donnerwetter! was schert uns da das Bier! Das Lied verklang. Aber nicht die Stimmung, die es hervor- gerufen hatte. Alle Gesichter drückten Fröhlichkeit aus. Der Einkausschef lachte.„Jetzt werden die Einkäufer auftreten, meine Herrschaften!" rief er.„Sie werden Ihnen das schönste Erzeugnis ihrer Tätigkeit vorführen. Passen Sie auf!" Die Einkäufer kamen. Damen und Herren. Einer nach dem anderen. Jeder führte das Glanzstück seines Einkaufs vor, wies auf die Vorzüge hin und nannte den Preis. Als der letzte gegangen war, trompetete der Einkaufschef:„Und das alles nicht nur für die Kundschaft, sondern auch für euch, Herrschaften! Die Direktion hat für diesen Sonderverkauf den Preisnachlaß für Angestellte von zehn auf zwanzig Prozent erhöht. Und was ihr für eure Verwandten und Freunde einkauft, bekommt ihr nicht, wie üblich, ohne jeden Rabatt, sondern mit zehn Prozent Nachlaß. Was sagt ihr nun dazu?! Die Angestellten johllcn und schrien Hurra. Sie waren begeistert. Nicht nur über die Erhöhung des Rabattes, nein, über den vertraulichen Ton des Chefs. Der rief:„Los! Lied �"mmer zwei." Und dirigierte. Heil! Heil! Der erste März ist da. Die Ware, die ist da. Die Ware, die ist hier. Was kümmert uns das Bier. Wir wollen jetzt nicht saufen. Wir wollen nur verkaufen. Keiner war unter ihnen, der nicht mitsang. Es war ein« Massenbegeisterung. Obwohl das Lied zu Ende war, dirigierte der Chef weiter. Und sie sangen ein zweites Mal. Ebenso begeistert. Noch lauter. Es war ein Freudengebrüll. Auf einmal war der e r st e D i r e k t o r da. Er kam die Treppe herab und stellte sich neben den Dirigenten. Der stoppte einen Augenblick, rief der Versammlung zu:„Nummer drei!" und dirigierte wieder. Und sie sangen, nicht mehr so stürmisch, aber doch laut, und alle sangen: Wie geht es, Herr X., wie geht es Ihnen? Was können wir tun, um Ihnen zu dienen? Jeder wird tun, was er vermag, Wird zu Ihnen halten Tag für Tag. Wie geht es, Herr X., wie geht es Ihnen? Wir werden alles tun, um Ihnen zu dienen. Der Direktor lächelte, winkte seinen Angestellten freundlich zu. Dann, als der Gesang verstummt war, dankte er allen für den Empfang, bat um ein paar Minuten Gehör und erzählte diese Geschichre: „Es war einmal eine klein« Verkäuferin. Sie kam von der Schulbank ins Warenhaus. Da stand sie nun und verkaufte Damenstrümpfe. Seide und Mako. Größen 8'.e und 9li. Dollar 1,49 und 1,98. Bitte sehr und danke schön. Und sie hatte in der Schule Sprachen gelernt. Französisch und Deutsch. Was sollte sie nun damit? Das fragte sie sich täglich. Und sie glaubte, daß Strümpseverkaufen ihrer nicht wert war. Sie war nur mit Unlust bei der Arbeit. Ihre Verkäufe gingen immer mehr zurück. Bis sie der Chef ermahnte: Wenn es so weiterginge mit ihr, käme sie nicht voran. Das ärgerte sie, besonders da ihre Mitarbeite- rinnen, die nicht mehr gelernt hatten als sie, vielleicht sogar nach weniger, vom Chef oft gelobt wurden, weil sie gut verkauften. Und sie widmete sich ganz ihrer Arbeit, grübelte nicht mehr, son- dern tat etwas. Und der Erfolg? Nach einem Jahr war sie Substitutin. Nach drei Jahren Einkäuferin im Inland. Und heute, nach neun Jahren, reist sie jeden Frühling über den Ozean, um i n E u r o p a e i n z u k a u f e n. Und dort— endlich! — verwendet sie ihre Sprachkenntnisse. Nicht wahr. Fräulein P?" Cr legte seinen Arm um die Einkäuferin sür Kurzwaren. Sie nickte„Das ist sie nämlich, sie, jene kleine Verkäuferin in der Struntpfabteilung. Machen Sie es ebenso und Sie können bald die ganze Welt bereisen. Morgen sangen Sie an, nicht wahr?"„Ja- Myhl«"—„Mz, Sir!"—„Machen wir!" schallte die Antwort. Einige begannen zu singen: Jeder wird tun, was er vermag. Wird zu Ihnen halten Tag fiir Tag. Andere sielen ei». Es war ein wüster Lärm. Und mitten hinein in diesen Krach marschierten plötzlich die Einkäufer im Gänsemarich. Alle kostümiert in den Glanz- stücken. Der erst« mit einem großen Kochtopf,-ms den er im Marsch- takt mit dem Deckel schlug. Der nächste in einen Teppich drapiert, mit der würdevollen Haltung eines Maharadschah. Dann einer in einem dekolletierten Abendkleid. Eine Dame in einem Herrensport- anzug mit Ballonmütze. Der fünste schob einen Kinderwagen vor sich her. Nebenher lief der Photoeinkäuser mit einer Kamera auf und ab und markierte den Pressepotographen. Einer kam in Gar- dinen eingehüllt. Zwei trugen eine Stehlampe auf den Schultern. Den Schluß bildete der Spielwareneinkäufer auf einem Kinderfahr- rad. Sie umringten den Direktor und führten ihn unter großem Tamtam davon. Ein Krach, ein Lärm, eine Begeisterung! So endete die Besprechung. Neckisch, nicht wahr? Vielleicht auch albern, lächerlich. Für uns unglaublich— und doch war es so. Der Erfolg aber? Es wurde verkauft. Es wurde viel verkauft. Nicht allein, weil die Waren gut waren. Nein, die Kunden kauften mehr, als sie eigent- lich beabsichtigten. Weil das Verkaufspersonal überzeugt war von der eigenen Firma, von ihren persönlichen Fähigkeiten, von einem Erfolg, von einem späteren Vorwärtskoimnen. Am Abend blieben sie freiwillig länger, um die Tische zu ordnen, um die Läger wieder aufzufüllen. Am Morgen kam niemand zu spät. Jeder wollte den ersten Verkauf in seiner Abteilung machen. Den ganzen Tag über waren sie vergnügt. Der Verkauf wurde ein großer Erfolg. Und — was sagen Sie nun? Immer noch„neckisch". Jawohl! Aber— vielleicht doch ganz praktisch, nicht wahr? &ahri durchs ffiurgentand Dom Iteufiedler See stum Xeiihagebirge und der Gorndorf er J£eide Am Pfingstsonnabend machten wir uns zu Dritt in aller Frühe ' von Wien aus auf den Weg. Unser Ziel war nicht die R a x oder das Dachsteingebirge, nicht der schöne Wiener Wald oder die danaudurchslossene Wachau, wir wollten in das nörd- liche Burgenland, in die große Senke des Neusiedler Sees, jenseits des Leithagebirges, dessen 489 Meter hohen Kamm wir oft vom Wiener Wald aus gesehen hatten. Hinter diesem Strich am Horizont wußten wir die letzten Spuren der oberungarischen Tief- ebene mit ihrer endlosen Weite, die uns Kinder des norddeutschen Flachlandes unwiderstehlich anzog. Daneben barg dieses jagen- umsponnene, geschichtsreiche Land genug des Interessanten, so daß uns das spöttelnde Gerede unserer Wiener Freunde, die selbst- verständlich nur ins Gebirge wanderten und uns mitsamt unserem simplen Wanderziel verlachten, nicht abhalten konnte. Wir haben diese Entschlossenheit nie bereut, denn eine so schöne Landschaft mit unendlich vielen und interessanten Eindrücken erwartete uns. Am See Nach einigen Wegstunden von der Landeshauptstadt Eisen- st a d t aus, standen wir am User des N e u s i e d l e r S e e s, d. h. wir glaubten an seinem User zu stehen, als das feste Land aus- hörte und«ine undurchdringliche Rohrwand vor uns lag, hinter der in weiter Ferne das helle Wasser glitzerte. In Wirklichkeit waren wir jedoch noch weit vom eigentlichen See entfernt, denn der Westrand des Sees wird von einem oft drei Kilometer breiten Streifen abgegrenzt, der dicht mit Schilfrohr bewachsen ist. Dieses zwei bis drei Meter hohe Rohr hat den Neusiedler See weit über Oesterreich hinaus bekannt gemacht, denn das lange Rohr ist ein vielbegehrtes Stuckaturrohr, während das kürzere im Bur- genland selbst zum Dachdccken verbraucht und in der Industrie ver- arbeitet wird. Wer also von Westen kommt, wird kaum bis zum Wasserspiegel vordringen, es sei denn von den wenigen Orten aus, die unmittelbar am Ufer liegen und den Rohrwald wie Siedlungs- inseln künstlich durchbrechen. Der Neusiedler See ist wohl einer der interessantesten Seen, die es überhaupt in Europa gibt. Gegenwärtig bedeckt er bei einer Länge von 36 Kilometern und bei einer Breite von 6 bis 8 Kilometern rund 399 Quadratkilometer, das ist etwa die Fläche des Freistaates Schaumburg-Lippe und zwanzigmal so groß wie der Scharmützelfee. Ich sage aber vorsichtig„gegen- wärtig", denn dieser merkwürdige See liebt es, feine Größe im Laufe der Zeit erheblich zu ändern. Das ganze weite Land vom Fuß des Leichagebirges ostwärts ist eine ungeheure ilachc Wanne, die abzugrenzen das Auge vergeblich in die Ferne schweift. Und am Westrande dieser flachen Wanne liegt der See, von vielen kleinen Nebenseen und weiten Moorflächen nach Osten verlängert. Allerdings mußte man sich erst am besten darüber einigen, dies eigenartige Naturgcbilde überhaupt einen See zu nennen, denn die gewaltige Wasserfläche ist fast einheitlich über- all nur 139 Zentimeter tief. Jedoch wiederum nur „gegenwärtig", denn auch die Seetiese schwankt. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Neusiedler See fast völlig verschwunden. Das Wasser war abgesickert oder eingetrocknet, und statt des blanken Spiegels bedeckte ei» trügerisches Moor das Land. Dann begann 1876 das Wasser wieder zu steigen, um in den achtziger Jahren mit zwei Meter Seetiefe seinen Höchststand zu erreichen. In dieser Zeit war der See nach Westen bis an den Außenrand des heutigen Schilfrohrwoldes vorgedrungen, im Osten hatte er große Flächen des niederen Moores überschwemmt. Seit- dem ist er schon zweimal wieder zurückgewichen und wiedergekom- men, in geheimnisvollem, bisher unerforschtem Rhythmus. 3)ie f hnrohner Wir gaben es auf, bis zum Master vorzudringen, und verzichteten notgedrungen auf ein erfrischendes Bad. Unser Weg führte uns jetzt wieder nordwärts, zurück in die landwirtschaftlich reich genützten Niederungen am Fuße des Leithagebirges. Becker und Wiesen zu beiden Seiten des Weges in heimatlicher Gemengelage, kleine saubere Dörfer mit schneeweiß gekalkten Häusern und freundlichem Blumenschmuck in den gepflegten Ge- müsegärten sowie die vielen kratzenden Hühner auf den Dorfstraßen waren ein aus deutschen Landichaften wohlbekanntes Bild. Dieses deutsche Gepräge der Kulturlandschaft schufen in jähr- hundertelanger Arbeit die deutschen K o f o n i st e n, die schon seit dem 8. Jahrhundert in die zum Reich Karls des Großen ge- hörende awarische Ostmark eingewandert waren. Bor allem kommt aber die deutsche Besiedlung des Landes, das ständig unter magya- rischen Einfällen aus der ungarischen Tiefebene her zu leiden hatte, aus der Zeit der ostdeutschen Kolonisation im 11. und 12. Jahrhundert, die ja auch die Besiedlung der Mark Brandenburg und der anderen ostelbischen Gebiete Deutschlands brachte. Die Siedler des Burgcnlondes kamen aus dem bayerischen Nord- g a u. Sie haben über die Jahrhunderte hinweg trotz aller kriege- rischen Stürme in der nochfolgenden Magyaren- und Türkenherr- schaft ihre oberfränkische Eigenart in Dorfsiedlung, Gehöftanlage, Flureinteilung und auch in der Kleidung und Mundart bewahrt. Heut« ist die burgenländische Bevölkerung(29 299 Einwohner) zu 78 Prozent deutsch, zumeist Nachfahren der als„Hein- z c n" bekannten fränkischen Siedler. In diese geschlossene deutsche Bevölkerung sind kroatische(17 Prozent) und magyarische(4 Pro- zent) Sprachinseln eingestreut. Ferner sind noch etwa 12 909 Zigeuner mehr oder weniger seßhafte Bewohner der nordöstlichen Niederungen. Sruciilbare lliederuuqen... Dank dieser deutschen Kolonisation und dem natürlichen Auf- ! bau des Landes ist das Burgenland ein landwirtschaftliches Ueber schußgebiet in dem heute agrararmen Oesterreich. Vor den Toren Wiens gelegen, bilden die 1899 Quadratkilometer große Ackerfläche und die großen Wiesen und Weiden mit ihrem reichen Viehbestand— 1923: 125 999 Rinder, d. h. also ungefähr ein Rind auf zwei Einwohner!— eine außerordentlich wertvolle Lebens- mittelkammer für die Großstadt. Im südlichen gebirgigen Burgen- land, dem eigentlichen Heinzenland, bedecken ausgedehnte Wälder die Hänge der Berge, während das Vorland mit seinen weichen Hügeln ein fruchtbarer Ob st- und Weingarten ist. Des- gleichen ist der sonnig« Slldostabhang des Leithagebirges ein idealer Weingarten, in dem der weltbekannte oberungarische oder Rüster Rotwein gebaut wird.(1925: 121 999 Hektoliter.) Wir hatten von der Höhe des Leithagebirges, wo wir vor einer leider verschlossenen Hütte eines Weinbauern die Nacht verbracht hatten, einen weiten Blick über den See und über das Land. So weit das Auge nach Süden und nach Osten reichte, dehnten sich in den fruchtbaren Niederungen die Becker und die Wiesen, in denen die kleinen Dörfer an den wenigen Landstraßen wie Perlen an der Schnur liegen. Kaum sieht man eine Fabrikanlage, denn das Burgenland hat außer zwei Zuckerfabriken und einigem Broun- kohlenbergbau keine nennenswerte Industrie. Nur am Südrande des Sees ragen Türm« auf, nach denen schnurgerade die Straßen und Eisenbahnen streben. Oedenburg, die alte Hauptstadt des Landes, die aber jetzt Sopran heißt und zu Ungarn gehört. Die durch organische Mittellage zur Landeshauptstadt ausgezeichnete Stadt ging durch eine nachträglich erzwungene Volksabstimmung verloren, indem durch den Druck ungarischer Freischärler«ine Mehr- heit sür Ungarn stimmte. So wurde die Stadt mit acht unlliegen- den Landgemeinden ungarisch, das Burgenland verlor dadurch das natürliche Mittelglied und ist seitdem in zwei Teile zerrissen, die nur unvollkommen, ihrer alten Wegverbindung beraubt, zusammen- hängen. S)ie Parndorfer Meide Wir wanderten weiter ostwärts, der Parndorfer Heide zu, die als Bindeglied in die ungarische Tiefebene führt und schon eine Vorahnung gibt von der Weite und Endlosigkeit der Steppe. Hier beginnt gewissermaßen eine andere, fremde Welt, Westeuropa liegt zurück. Auch die Dörser tragen den Charakter von Grenz- siedlungen, sestgebaute, runde Dörfer mit dicken Mauern und festungsähnlicher Kirche. Die Kirchhofsmauer ist eine zweite Barri- lad«, die den flüchtenden Bauern sicher noch lange Schutz vor den häusig einfallenden Magyaren und Türken gewährt haben mag. Von der Zähigkeit der Kämpfe erhielten wir ein« Borstellung, als wir auf dem Friedhof eines kleinen, kaum hundert Einwohner zählenden Dorfes in einem unterirdischen Gewölb« eine Knochen- tammer entdeckten, die bis obenhin voll ausgegrabener Totenschädel lag. Wenngleich wir hinterher unser Spiel mit«inigen mitgenom- menen Schädeln trieben, war uns angesichts dieser Ernte des Krieges durchaus nicht wohl, und wir strebten, aus der dumpfen Kammer wieder in die sonnendurchflutete Weite der burgenländischen Felder zu kommen. W. T. fwopüifehe Aphorifliker 2. Friedrich Schlegel. (Deutscher Romantiker, 1772— 1829.) Uebersichten des Gangen, wie sie jetzt Mode sind, entstehen, wenn einer alles einzelne übersieht, und dann summiert. * Der Historiker ist ein rückwärts gewandter Prophet. Nur wer einig ist mit der Welt, kann einig sein mit sich selbst. ★ Nur durch die Liebe und durch das Bewußtsein der Liebe wird der Mensch zum Menschen. * Wir wissen nicht, was ein Mensch sei, bis wir aus dem Wesen der Menschheit begreisen, warum es Menschen gibt, die Sinn und Geist haben, andere, denen sie fehlen. Das Drum und Dran bei der Bundesfu�ballmeisterschaft „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen". Wie- viel aber kann man erzählen, wenn diese Reise zum Endspiel um die Bundes-Fußballmeisterschaft des Arbeiter- Turn- und Sportbundes geht. Von der Fahrt nach Niirn- berg, dem Austragungsort der Meisterschaft, soll hier nichts berichtet werden-, die kennt jeder, der 1929 zum Bundesfcst mit war. Nur daß damals die Fahrt im Juni und nicht im Mai war, und daß es damals mich nicht so heiß war. Drei Worte nur will ich euch sagen: Sie war schön! Nach llstündiger Bahnfahrt Ankunft in Nürnberg. Glühende Hitze mittags auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof. Die übliche Unruhe bei der Ankunft eines Zuges, dann wieder bleierne, schwere Ruhe. Da drängt sich eigentümlicherweise ein Vergleich mit dem vorjährigen Endspiel in Hamburg vor. Wenn das Spiel im Vor- jähr auch an einem Sonntag stattfand, und wenn auch in Hamburg in seiner Eigenschaft als Hafenstadt ein etwas kühlerer Wind wehte, so muh man doch feststellen, daß damals ein anderes Leben auf den Straßen herrschte. Im Vorjahr pilgerten 22 909 Zuschauer zum Sportplatz„Hoheluft": in diesem Jahre waren es nur 19 999, die den Weg zum Nürnberger Stadion fanden. Und dies in einer so sußballfreudigen Stadt, wie es Nürnberg ist! Aber die 19 999, die gekommen waren, um den Arbcitersportoerein Nürnberg-Ost siegen zu sehen, werden es nicht bereut haben.