Morgenausgabe Nr. 255 Ä 129 4y.Iahrgang DScheniliq 75 PI, ntonatfid) 3,26 M (davon 87 Pf. monatlich für Zufiel- lung ins Hans) im voraus zadidar, Postbezug Z,«7 M. einschließlich so Pf, Psitzeiwngs- und 72Pf,Postbestellae- i-ühren. Auslandsabonnement 5,S5 M. vrv Monat! für Länder mit ermäßig- tem Druckfachenporto s,es M. Lei„Vorwärts� erscheint Wochentag» lich zweimal. Sonntags und Montags einmal, die Abendausgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend". Illustrierte Sonntagsbeilaa, .Pol! und Zeit" ♦ Berliner voltsvlatt Donnerstag 2. Zun, 1932 Groß-Äerlin 10 Pf- Auswärts 15 pf. Sie Mnlpalt MMmeterzeile SO Pf. Rellamezeile 2.— M.„Kleine An- zeigen" das fettgedruckte Wort 20 Pf. (zulässig zwei settaedruckteWortel.jedes weitere Wort 10 Pf, Rabatt lt. Tarif. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Millimeter» zeile 25 Pf. Familienanzeigen Millimeterzeile 1K Pf. Anzeigenannahm» im Hauptaefchäst Lindenstraße 3. wochvttäglich von 8>/, bis 17 Uhr. Der Beriag behält sich dasRecht der Ab» lehnung nicht genehmer Anzeigen«ort Jetsttalovgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin TW 68, Lindenstr. 3 Retnfjix.: Dönhoss(A T) 292— 297. Telegramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Vorwärts-Verlag G.m.b.H. Postscheckkomo: Berlin 37 ö3S.— BankkoMo: Bankder Ardeltcr, Angestellten und Beamten, Lindenstr.Z. Dt.B.u.Disc.-Gef., Depositen!., Jerufalemer Str. KS'SS. 2um Ilsmple bei-ei»! o«» rteigsnosssn, Parteigenossinnen! Die Reaktion hat ihre Karten aufgedeckt! Durch eine Intrige oftpreutzifcher Großgrundbesitzer und ehrgeiziger Generäle ist das Kabinett Brüning gestürzt worden, nachdem es wenige Wochen zuvor im Reichstag mit einer Mehrheit von 30 Stimmen gesiegt hatte. An seine Stelle ist Reichskanzler Herr von Papen getreten, dessen einzige politische Leistung bis zur Stunde darin besteht, daß er— bisher auf dem äußersten rechten Flügel des Zentrums stehend— unablässig gegen die Politik der eigenen Partei, gegen die Regierung der Weimarer Koalition in Preußen frondiert und konspiriert hat. Das neue Kabinett nennt sich„Kabinett der nationalen Konzentration". In Wahrheit ist es ein„Kabinett der reaktionären Konzentration". In diesem Kabinelt sammeln sich die wirtschaftlich und politisch reaktionären Mächte Deutschlands. Bezeichnend ist schon das äußere Bild: die übergroße Mehrheit der Kabinetts- Mitglieder entstammt dem Adel. Bürgerliche Namen sind nur ganz vereinzelt anzufinden. Kein Arbeiter gehört dem Kabinett an. Auch der Mittelstand ist ausgeschaltet. Dies Kabinett 6sr„nationalen Konzentration" ist die erste Reichsregierung seit 1918, in der die organisierte Arbeitnehmerschaft, in der die Gewerkschaften der Arbeiter, Angestellten, Beamten, ganz gleich welcher Richtung, ohne jede Vertretung geblieben sind. Das ist kein Zufall! Der äußeren Zusammensetzung entspricht der innere Geist der neuen Regierung. Wir Sozialdemokraten haben an dem Kabinett Brüning vieles zu tadeln gehabt, am meisten, daß es die Forderungen der Arbeitnehmer in der Wirt- schaftskrise nur sehr unvollständig und zögernd erfüllte. Aber nicht deswegen hat die oben gekennzeichnete Clique das Kabinett Brüning beseitigt. Der Sturz des Kabinetts Brüning erfolgte, um die im Kabinett Brüning noch vorhandene schwache Bertrelung der Ärbeiterinteressen restlos auszumerzen. Mit dem Sturz der Regie- rung Brüning soll die Bahn freigemacht werden: für die Aufhebung des Versicherungscharakters der Arbeitslosenversicherung, d. h. für die Ersetzung der gesamten Arbeitslosenversicherung durch die Wohlfahrtspflege; für die Beseitigung eines bindenden Tarifvertragsrechtes, d. h. für die Herabsetzung der Löhne im größten Maßstab. Das ist nicht alles! Zerschlagen werden soll durch den Sturz des Kabinetts Brüning das Projekt der Arbeitsbeschaffung im Wege einer aufzulegenden Prämienanleihe. Zerschlagen werden soll der Plan einer großzügigen Besiedelung des bankrotten und nicht mehr sanierungsfähigen ostelbischen Großgrundbesitzes. Einer der Hauptgründe für den 5turz der Regierung Brüning ist es gewesen, daß diese sich geweigert hat, dem ostelbischen Großgrundbesitz für seine im Siedlungsverfahren aufzuteilenden bankrotten Güter die von den Junkern geforderten phantastischen Ueberpreise zu zahlen. Zu den wirtschaftlichen Gründen kommen die politischen. Die durch die Krisen- panik und die Kopflosigkeit eines Teils der Bevölkerung genährten reaktionären Hoffnungen sollen erfüllt werden, indem das Steuer des Reichs nach rechts gedreht wird. Es ist bezeichnend, daß dieses Kabinelt der Barone, der Generäle, der Industrieherren und Großagrarier auf die Tolerierung der nationalsozialistischen„Arbeiterpartei" spekuliert. Es ist ebenso bezeichnend, daß diese angebliche„Arbeiterpartei" sich unter gewissen Bedingungen zur Tolerierung dieses ausgesprochen arbeilerfeindlichen Scharfmacher- Kabinetts bereit erklärt. Zu den Bedingungen der Nationalsozialisten gehört u. a. die Aufhebung des SA.-Berbotes, die Aufhebung aller Strafverordnungen gegen den politischen Terror und die baldige Neuwahl des Reichstags. Die Nationalsozialisten betrachten die neue Regierung nur als Wegbereilerin ihrer eigenen Herrschaft. Nach Erfüllung ihrer Bedingungen erhoffen sie unter Anwendung des blutigsten Terrors, durch rücksichtsloseste Einsetzung der Hitlerschen Privatarmee den künftigen Reichstag nach ihren Wünschen zu gestalten. Gonosssn und Genossinnen! Diesen Plan der Reaktion zu durchkreuzen ist die Aufgabe der organisierten Arbeiterklasse, ist die Aufgabe der Sozialdemokratie. Es besteht hierzu auch die volle Möglichkeit, wenn die Arbeiterklasse das Spiel der Reaktion rücksichtslos entlarvt! Jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem die reaktionären Kräfte, die bisher alles Unglück auf das„System", auf die Demokratie, auf die Republik, auf den Sozialismus abgewälzt haben, selber die Berantwortung übernehmen müssen. Jetzt wird sich der Werl ihrer demagogischen Verheißungen erweisen! Jetzt sollen die neuen Herren auf der Lausanner Konferenz zeigen, ob sie imstande sind, die Zerreißung des Versailler Vertrags und die Streichung aller Lasten zu ertrotzen! Jehl sollen sie zeigen, wie weit ihr demagogisches Geschrei über die Notverordnungen ernst gewesen ist! Jehl sollen sie zeigen, ob sie die Steuerverordnungen usw. der Regierung Brüning aufheben werden! Die Sozialdemokratie tritt indie schärfste Opposition in einem Augenblick, in dem die reaktionäre Demagogie gezwungen ist, sich selber zu entlarven. Es kommt nun darauf an, daß der kurze Zeitraum, der uns voraussichtlich bis zu den Reichstagswahlen bleiben wird, ausgenutzt wird, um auch die von Kommunisten und Nazis irregeführten Teile der Arbeiterschaft in die Front der Sozialdemokratie gegen die Reaktion zurückzuführen. Das gilt namentlich von jenen Verblendeten und Irregeführten, die sich jahrelang von den Kommunisten einreden ließen, daß die Sozialdemokratie der„Hauptfeind" sei! Der olle Kampfgeist der Sozialdemokratie lebt! Für uns gibt es keinen Kleinmut und keine Entmutigung! Denn wir wissen: Die politische Krise Deutschlands ist nur eine Auswirkung der Weltkrise des kapitalistischen Systems. Vergebens sucht die Kapitalistenklasse Deutschlands beim Faschismus ihre Rettung. Alle Flickarbeit der kapitalistischen Helfer wird vergeblich bleiben. Der Ilmbau der versagenden Wirtschaftsordnung mit dem Ziel sozialistischer Gemeinwirtschaft ist zur Gegenwartsaufgabe gereift. Die Macht der Monopole muh gebrochen, der Einfluß des Staates auf Warenerzeugung. Waren- Verteilung, Bank- und Kreditwesen verstärkt werden. Besitz und Verfügungsgewalt der öffentlichen Hand müssen erweitert werden, um die Grundlage für die Plan- Mäßigkeit der Gesamtwirtschaft zu schaffen. Psr Ausweg aus Krise, Not und Elend ist der Weg zum Sozialismus. In diesem Geiste werden wir kämpfen und siegen! Es lebe der Kampf! Es lebe die Sozialdemokratie! Berlin, den i. Juni 1932 Der Parteivorstand. Papen ist Reichskanzler! Sechs reaktionäre Minister ernannt.— Auch das Zentrum kündigt schärfste Opposition an. Der Reichspräsident empfing gestern abend gegen �-'9 Uhr Herrn von Papen zum Vortrag über seine bisherigen Bemühungen in der Kabinetts- bildung und ernannte daraufhin Herrn von Papen zum Reichskanzler. Freiherrn von Gahl zum Reichsinncn- minister. Dr. Warmbold zum Reichswirtschasts- minister. (General von Schleicher zum Reichswehr- minister. Freiherr» von Braun zum(srnährungs- minister und Ostkommissar. Rcichsbahndirektor Elb von Rübenach zum Post- und Vcrkehrsminister. Außerdem wurde Oberregierungsrat Planck von der Reichskanzlei zum Staats» sckretär der Reichskanzlei ernannt. Mit dem Eintreffen der betreffenden Herren in Berlin ist für morgen die Ernennung von G o e r- d c l c r zum Arbcitsminister. E ü r t n e r zum Justiz- minister und Freiherrn von Neurath zum Außenminister zu erwarten. Nur die Besetzung des R e i ch s f i n a n z m i n i st c r i u m s ist noch zweifelhaft. Freiherr von Vraun ein Kappist. Freiherr von Braun wurde 1878 als Sohn eines ostpreußi- sehen Rittergutsbesitzer- geboren und war bis zum Kriege Land- rat in Wirsitz in der Provinz Posen. Im Kriege wurde er in das Innenministerium berufen. Nach dem Zusammenbruch war er Regierungspräsident in Gumbinnen. Von der preu- ßischen Regierung wurde er zur Disposition gestellt, da er den Erlaß des damaligen Oberpräsidenten August Wirtnig, in dem sich dieser hinter die Regierung Kapp stellte, in seinem Bezirk ver- ofsentlichte. Seit 1927 ist er Generaldirektor der Raisscisengesell- schaft und in dieser Eigenschaft Mitglied des Reichswirtschast-rats. Freiherr(Zltz von Z�übenach. Der neue Reichsverkehrsminister Freiherr Eitz von Rübenach steht seit 1924 an der Spitze der Reichsbahndirektion Karlsruhe. Er wurde 187S in Wahn im Rheinland geboren. Bon 1911 bis 1914 war er nach längerer Tätigkeit im preuhischen Eisenbahndienst tachnijcher Sachverständiger beim Generalkonsulat in New Jork -Sein Bruder ist nationalsozialistischer Landtagsabgeord- n e t e r in Preußen. Die dritte Abwehrschlacht. Gegen das„Präsidialkabinett" HindenburgS. Als sich die Sozialdemokratische Partei entschloß, für chindenburg einzutreten, um die Wahl Hitlers zu ver- hindern, tat sie das aus nüchterner Erwägung und ohne pathetischen Ueberschwang. Sie war sich darüber klar, daß sie Hindenburg damit keinen persönlichen Dienst erwies, und sie erwartete keinen Dank. Auch mit der Lupe wird man im .�Vorwärts" keine Spur jener Verherrlichungen finden, von denen die Presse des Zentrums wie der Staatspartei damals voll war und die in den Reden des Reichskanzlers Brüning am lautesten erklangen. Kein Wunder also, daß Enttäuschung und Erbitterung über die Vorgänge der letzten Tage in a n d e r en Lagern stärker sind als in dem unseren. Doch müssen auch wir bei aller ruhiger Objektivität, deren wir uns fähig wissen, aus- sprechen, daß es feit dem 30. Mai einen menschlichen Fall Hindenburg gibt. Wenn der Reichspräsident der Mei- nung war, daß eine Aenderung des politischen Kurses nötig sei und er danach handelte, so trifft ihn deshalb— das haben wir schon ausgesprochen— nicht der geringste Vor- wurf. Aber die Art, wie das alte, dem Reichspräsidenten persönlich ergebene Kabinett zu Fall gebracht und ein neues Kabinett vorbereitet wurde, hat das Bild, das man sich in weitesten Volkskreisen vom Menschen Hindenburg machte, völlig verändert. Der Reichspräsident besindet sich heute offenbar unter dem Einfluß von Männern, denen es wenig darauf an- kommt, auch sein persönliches Zlnsehen zu schädigen, wenn sie dabei nur zu ihren eigenen Zielen gelangen. Die Regierung von Papen, die gestern ernannt worden ist, kann nicht vor den Reichstag treten, ohne ein Mißtrauensvotum zu erhalten. Der Beschluß des Zen- t r u m s ist eindeutig. Mindestens 322 von den S77 Mit- gliedern des Reichstags stehen gegen das Kabinett— Linke plus Zentrum und Bayerische Volkspartei—, wahrscheinlich aber ist die ablehnende Mehrheit noch viel größer. Ob dre 151 Nationalsozialisten und Deutschnationalen für Herrn von Papen sicher sind, steht keineswegs fest. Der neue Reichskanzler befände sich sofort, wenn er vor den Reichstag träte, in einer völlig hoffnungslosen Situation. Darum soll er ja auch die Absicht haben, den Reichstag aufzu- lösen, ohne sich ihm erst vorgestellt zu haben. Danach will er zur Konferenz noch Lausanne fahren! Man wird ja dort wohl höflich genug sein, ihn' nicht zu fragen, mit welchem Recht er im Namen des deutschen Volkes ver- handeln will! Die Neuwahlen, die unvermeidlich geworden sind, können von der neuen Regierung nur zu dem Zweck ausgeschrieben werden, die Links-Zentrum-Mehrheit des Reichstags in eine Minderheit zu verwandeln und eine Rechtsmehrheit zu schaffen, die in der Hauptsache aus Nationalsozialisten, in der Nebensache aus Deutschnationalen und einigen kleinen Splitterparteien besteht. Daß dieses Ziel erreichbar ist, muß bezweifelt werden-- und an uns ist es, alles zu tun, damit es nicht erreicht wird. Die Sozialdemokratie hat im Entscheidungsjahr 1932 schon zwei große Abwehrschlachten geschlagen, deren Defensiv- ziele erreicht wurden. Hitler wurde nicht Reichspräsident, und die Rechte bekam im Preußischen Landtag nicht die Mehrheit. Aber um Hitler zu schlagen, mußte die Sozialdemokratie Hindenburg wählen und in Preußen ging es mit wenigen Stimmen Unterschied hart auf hart. So ist jetzt die dritte Abwehrschlacht unvermeidlich geworden, sie wird an Entscheidungsschwere und an Heftigkeit ihre Vorgänger noch übertreffen. Im Reich sind die Aussichten besser als in Preußen, weil Süddeutschland mitwählt. Das Ziel, die Entstehung einer Rechtsmehrheit zu verhindern, i st erreichbar, und es wird erreicht werden! Zähneknirschend sollen die Feinde am Tage der Entscheidung erkennen, daß sie die Kraft der sozialistischen Arbeiterbewegung unterschätzt hatten! Der Kampf hat schon begonnen, wir stehen schon mitten in ihm. Jeder muß wissen, was seine Pflicht ist! Bundesgenosse Hindenburg. Feierliches Angebot Hitlers. Hindenburg ist heute der Voll ft recker des Willens derFeindeDeutschlandsgeworde n", schrieb der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete A. F o rft e r am 19. Februar 1932 im Danziger„Vorposten". Heute aber entrüstet sich sein Kollege R o s e n b e r g im „Völkischen Beobachter" über die„«ystempresse", die sich erlaubt, mit dem Reichspräsidenten über die Zweckmäßigkeit des letzten Regierungswechsels nicht ganz einer Meinung zu sein. An dieser Tatsache, meint der neue Offiziosus, werde der Reichspräsident hoffentlich„den Charakter der System- Parteien" erkennen. Und bedeutungsvoll fährt er fort: wir knüpfen eine zweite Hoffnung daran: daß der Reichs- Präsident nunmehr entschlossen mit der erwachenden deutschen Ration geht und mit Adolf Hitler jenes Bündnis schließt, das notwendig ist. zur Rettung des deutschen Volkes. Wir fügen dem die dritte Hoffnung hinzu, daß Herr v. Hindenburg, der noch vor zwei Monaten in offiziellen e lugblättern der NSDAP,„der Kandidat aller uden, Schieber und Kriegsgewinnler" hieß. die E h r e zu würdigen weiß, die ihm durch dieses Bündnis- angebot erwiesen wird. Staatsparteilicher Protest bei Hindenburg. Die staatsparteilichen Reichstagsabgeordneten Dr. Weber und Dr. Meyer haben an den Reichspräsidenten ein Schreiben gerichtet, in dem sie darauf hinweisen, daß ihnen bei ihrem Empfang beim Reichspräsidenten am Dienstag die Absicht, ein„überparteiliches Kabinett" zu berufen, bekanntgegeben worden sei. In dem Schreiben heißt es dann weiter: „Fast unmittelbar nach unserem Empfang ist amtlich mitgeteilt worden, daß Herr von Papen den Austrag zur Bildung einer „Regierung der nationalen Konzentrati on" er- halten hat. Nach den weiteren Nachrichten scheint es keinem Zweifel zu unterliegen, daß die Mitarbeiter des Herrn von Papen, ebenso wie er selbst, einein engeren politischen Kreis angehören, der von denjenigen Parteien, die bisher das Kabinett Brüning gestutzt haben, scharf abgegrenzt ist. Wir haben hieraus den Eindruck gewonnen, daß offenbar in letzter Stunde die Absicht, ein überparteiliches Kabinett zu berufen, aufgegeben worden ist. Daher betrachten wir es, ohne der sachlichen Stellungnahme unserer Fraktion zu dem neuen Kabinett vorzugreifen, als unsere Pflicht, Ihnen, Herr Reichspräsi- dent, die dringende Bitte zu unterbreiten, zu verhindern, daß eim solches Kabinett von amtlicher Seite als„Regierung der nationalen Konzentration" bezeichnet wird. Unmöglich kann es Ihrem Sinn entsprechen, nach den Ersahrungen des Welt- krieges eine Unterscheidung des deutschen Volkes in nationale und n i ch t n a t i o n a l e Kreise zu dulden; unmöglich kann von Ihnen als„Regierung der nationalen Kon- zcntration" eine Regierung anerkannt werden, in der der über- wiegende Teil der 191s Millionen Deutschen, die sich vor wenigen Wochen unter Zurückstellung alles Parteimäßigen zu Ihrer Wiederwahl zum Reichspräsidenten entschlossen haben, keinen Vertrauensmann hat. Zu Ihnen, Herr Reichspräsident, der Sie stets zur Einigkeit aller Deutschen gemahnt haben, hegen wir das Vertrauen, daß Sie es nicht gestatten werden, daß von amtlicher Seite durch die vorerwähnte Bezeichnung des neuen Kabinetts einem Teile des deutschen Volkes die nationale Gesinnung unmittelbar abgesprochen und damit eine Erbitterung erzeugt wird, aus der in der jetzigen Zeit schwerer Krisis die stärksten Gefahren für Reich und Volt drohen müssen." Die belgische Kammer sprach am Mittwoch mit 191 gegen 7? Stimmen� bei 3 Enthaltungen der neuen Regierung Renkin das Vertrauen aus. Ein Gnadengesuch on hoooer hat der Präsident- der Republik Portugal telegraphisch für seine Land-leute Stloestre Fernandez und Alexander Nunez abgesandt, die in USA. zum Tode oerurteilt worden sind. Die rumänische Regierung Sorga ist zurückgetreten, und zwar wegen der schweren Finanznot des Staates. Titulesku ist von seinem Londoner Gesandlenposlen zur Regierungsbildung heimge- rusen worden. Viele Beamte haben seit Monaten kein Ge- halt bekommen. Kampfbeschluß des Zentrums. Schärfste Verurteilung der Krisentreiber.— Ablehnung des Kabinetts Papen. Die Zentrumsfraktion des Reichstags, die am Mittwoch den ganzen Tag über Beratungen abgehalten hatte, nahm schließlich folgende Kundgebung an: Die Zentrumssraktion des Reichstags hat heute eingehende Berichte über die neugeschaffene politische Lage entgegengenommen. Die Vorgänge der letzten Tage, die zum Rücktritt des Kabinetts Brüning geführt und im Lande stärkstes Befrem- den hervorgerufen haben, fanden einmütige und schärfste Verurteilung. Unmittelbar vor zielsicher voräeresteten internationalen Ver- Handlungen haben leichtfertige Intrigen Verfassung s« mäßig unverantwortlicher Personen hoffnungsvolle Linien einer in großen Zusammenhängen eingeleiteten nationalen Aufbaupolitik jäh unterbrochen und den wirtschaftlichen und sozialen Existenzkampf aller Gruppen des deutschen Volkes wesentlich erschwert, Die Deutsche Zentrumspartei hat im Laufe der Geschichte immer wieder unter Selbstaufopferung politische Verantwortung über- nommen und getragen. Sie hat es getan im Zeichen einer christlich- nationalen Staatspotitik und einer moralischen Auffassung des öffentlichen Lebens. Indem wir uns erneut zu diesen staatspoli- tischen Grundlogen bekennen. verwerfen wir das monatelang geübte System un- � kontrollierbarer Treibereien und erklären, daß wir für alle hieraus sich ergebenden Erschwerungen unserer inneren Lage und äußeren Möglichkeiten jede Verantwortung ablehnen. Das mit dem Kabinettssturz unterbrochene außen- und innen- politische Gesamtwerk soll nunmehr politischen Experlmea- t e n ausgeseht werden, Well die Parteikräfte der Oppo- sition sich weigern, politische Verantwortung mitzuübernehmen. werden Zwischenlösungen angestrebt. Solche Ver- legenheitslösungen sind keine„R ationale Konzentration". Sie bieten auch keinerlei Vürgschast für die Fortsühruvg einer Außen- und Innenpolitik, wie sie die Zeit- umstände gebieterisch verlangen. In einem Augenblick schwerster politischer Beunruhigung und politisch ungeeigneter Versuche hätt es die Zentrumsfraktion für ihre Pflicht, eine Gesamtpolitik zu fordern, in der nationale Freihett und Gleichberechtigung, entschlossener Kampf mtt dem Kernproblem, der Arbeitslosigkeit, Sicherung unserer Währung, Erhaltung selb- ständiger, Existenzen in Handwerk, Handel. Gewerbe und Land- Wirtschaft, die Gewährleistung sozialer Grundrechte und Fürsorge- maßnahmen und volkstümliche Siedlungspolttik Wefensbestandteile sind. AuS solcher Ueberzeugung heraus lehnt die Zen- trumSfraktion die Zwischenlösung ab!" Die Absage der Bayerischen Vottspartei Schähel macht bei Popen nicht mit. Die Frattionssitzung der Bayerischen B o l k z Partei im Reichstag endete mit der Verkündung folgender Erklärung: Die Reicheiagsfraktion der Bayerischen Volkspartei nahm in ihrer Sitzung vom 1. Juni einen ausführlichen Bericht des Frak- tionsvorsitzenden über die gesamtpolitische Lage entgegen. Noch ein- gehender Aussprache wurde als einmütige Auffassung der Fraktion festgestellt, daß fiir ein Mitglied der Bayerischen Volks- parte! ein« aktive Beteiligung an einem Uebergangskabinett o. Papen nicht in Frage kommt, Der bisherige Reichspostminister Dr. Schätzet hat danach die Aufforderung, in dos Kabinett v. Papen einzutreten, obge- lehnt. Zentrum wirst papen hinaus! vi« Parteileitung des Zentrums tettt mit:„Ohne de« per- sönlichen— wenn auch nicht sachlich vertretbaren— Motiven nahe- zutreten, aus denen Herr von Papen sich veranlaßt fühlt. den bekannte» Schritt zn tun, stellt die Zentruwspartei fest, daß sein Entschluß in bewußtem Gegensatz zu der Partei- l e i t u n g erfolgt ist. Die daraus sich ergebenden Aolgerungen sind oho« weitere» klar." Die Sozialdemokratie fordert: Schafft Arbeit! - nur die Gefadr der Inflation entqegengsstellt wird sich hinter diesem Geschrei Unfähigkeit und Mangel Der gestrige Tag im Landtag ist ruhig verlausen. Im Aeltesten- rat wurde festgestellt, daß Präsident Kerrl Schuhpolizisten in Zivil zum Schuhe des Landtags angefordert hat, die eine Landtags- wache bilden. Am Freitag sollen die Abstimmungen über die politischen Anträge erfolgen. Die Wahl des Ministerpräsidenten soll erst nach den hessischen Wahlen erfolgen, also nach dem Wieder- zusammentritt des Prcusiischen Landtags am 21. Juni. Die Schlägerei in der lehten plenarsihung des Landtags wurde in der Aeltestenratssihung des Landtags gleichfalls noch einnial erörtert. Da die Itationalsozialislen und Kommunisten, die zu- fammen über die Mehrheit im Landtag verfügen, bei ihrer Auffassung blieben, daß sie kein Interesse an einer gejchästsordnungs- mäßigen Weiterverfolgung der Dinge hätten, kam es hierüber zu keinen Beschlüssen. Die Sozialdemokraten kündigten an, daß der bei den Schlägereien erheblich verletzte Abg. Iürgcnsen sSoz.) den preußischen Fiskus, vertreten durch den präsi- denken des Landtages, auf Schadensersatz verklagen wolle, um durch ein grundsätzliches Urteil feststellen zu lassen, daß der Präsident des Hauses für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Landtag auch die zivilrechtliche Verantwortung trage. In der Plenarsitzung vertrat Genossin Hanna die Forderungen der Sozialdemokratie aus Arbeitsbeschaffung. Der Kommunist K o e n e n antwortete mit wilden Beschimpfungen der Sozialdemokratie, wofür er lauten Beifall der Ttationalfozialisten erhielt. * Zur Geschäftsordnung beantragt Abg. B o r ck(Dnat.) zwei Uranträge der Deutschnationalen mit auf die Tagesordnung zu setzen, die Verbot der sozialdemokratischen Frei- denkerorganisationen und Ausschluß der Dissi- deuten vom Schulaufsichtsdienst fordern.— Der Aufsetzung der Anträge aut die Tagesordnung wird wider- sprachen, so daß sie für diesen Tag nicht erfolgen kann. Abg. Kube(Nfoz.) beantragt, mit der politischen Aussprache einen nationalsozialistischen Urantrag zu verbinden, der wegen der Zusammenstöße beim Aufziehen der Skagerak- wache die Dienstentlassung des Polizeipräsidenten Grzesinski, die disziplinarische Bestrafung des Kommandeurs Heimannsberg und die Aburteilung der schuldigen Polizeibeamten durch«inen deutschen Richter fordert. Der Antrag solle dem Verfasfungsausschuß über- wiesen werden. Gegen die Mitberatung dieses Antrages am Donnerstag wird Widerspruch nicht erhoben. hierauf werden die von den Nationalsozialisten beantragten Untersuchungsausschüsse gegen die Polizei und gegen die Justiz eingesetzt', ebenso der Ständige Ausschuß und eine Reihe weiterer Ausschüsse. Der nationalsozialistische Antrag auf Revision der Geschäftsordnung wird ohne Debatte dem Geschäfts- ordnungsausschuß überwiesen. Es folgen die kommunistischen Anträge ans Aufhebung der Kürzung der Unterstützungen und Arbeitsbeschaffung. Abg. Schwenk(Komm.): Otto Braun hat in seinem Brief an Brüning und höltermann in der Hamburger Kundgebung der Eisernen Front die 3g-Stunden-Woche gefordert. Wir sind gegen sede Verkürzung der Arbeitszeit, die einen neuen Lohnraub bedeutet. Wir wehren uns auch gegen die Vermehrung des Sieoelerelends. Die Arbeitsbeschaffungspläne der Gewerkschaften und der National- sozialisten laufen auf eine neue Inflation hinaus. Unseren kommu- nistischen Anträgen für die Arbeitslosen wird niemand zustimmen. Sollte es aus demagogischen Gründen doch geschehen, wird sich keine Regierung finden, die sie durchführt. Innerhalb des Kapitalismus gibt es keine Lösung der Arbeitslosenfrage.(Beifall bei der KPD.) Abg. Frau Hanna(Goz.): Wir erblicken mit dem preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun in der Arbeitslosenfrage das Zentralproblem der inneren Politik. Wir haben— Partei und Gewerkschaften— seit Jahren unsere Arbeitsbeschaffungspläne vorgelegt und propagiert. Wir haben auch diesem Landtag sofort bei seinem Zusammentritt unsere Forderungen für die Arbeitslosen erneut unterbreitet/ und unser Antrag ist bereits am vorigen Mittwoch dem zuständigen Ausschuß überwiesen worden. Die Forderungen, die er enthält, stimmen über- ein mit den Vorschlägen, für die zuletzt am 13. April der außerordentliche Gewerkschaftskongreß demonstriert hat. Unsere Vorschläge ruhen aus dem Verantwortungsgefühl gegenüber den Volksgenossen und aus dem Mitgefühl für die mensch- liche Rot. das jeden Abgeordneten verpflichten sollte, uns zu helfen, das Elend der Arbeitslosigkeit einzudämmen. Bereits auf dem Gewerkschaftskongreß haben unsere Führer Lei- part und Graßmann beklagen müssen, daß ein großer Teil der Oeffentlichkeit die steigenden Arbeitslosenzisfern mit einem Gleichmut hinnimmt, als handle es sich um die täglichen Wetter- berichte. Dabei bedeuten diese Zahlen nicht nur ungeheure materielle, sondern auch seelische. Not! Was kann zur Abhilfe sofort geschehen? Wir fordern die herabsehung der Arbeitszeit; aber wir wissen, daß sie leider nicht so stark wirken wird, wie man das im Interesse der Arbeitslosen wünschen müßte. Denn Millionen Arbeiter leiden schon jetzt schwer unter einer weitausgedehnten Kurz- arbeit. Daneben besteht freilich noch immer Arbeitszeit und Arbeits- bereitschaft von unerhörter Ausdehnung, und es wird noch immer Ueberarbei t und sogar Frauenarbeit bei Nacht in großem Umfang genehmigt.(Zuruf des Abg. K o e n e n: Und das alles tolerieren Sie!) Ich werde auf Ihre Zwischenrufe nicht antworten.(Zurus bei den Komm.: Sie können es nichr!) Es wäre wirklich nicht schwer; aber ich rechne aus die Arbeiter, die auch ohne Worte begreifen, daß ich jetzt wichtigeres zu tun habe, als mich mit Ihnen zu zanken,(sehr gut! bei den Soz.) Die Rationalisier rung und die gegenwärtige Methode der Arbeitsart machte auch ohne die riesenhafte Arbeitslosigkeit ein wesentliches heruntergehen unter die Achtundvierzigstundenwoche notwendig. Die Idee der Verbilligung der Produktionskosten und der preis- scnkungen, die man uns enlgegengestelll hat. hat sich als Illusion erwiesen. Die Preissenkung ist nirgends der Lohnsenkung nachgekommen und vielfach sogar nur zum Schein aus Kosten der Qualität erfolgt. Wir können den Warenbesitz nur erhöhen, wenn wir die Arbeitszeit herabsetzen und die Kaufkraft sicherstellen. Da die Durchführung des Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit im wesentlichen Reichssache ist, kann ich an dieser Stelle auf Einzelausführungen verzichten. Unsere Forderung der Arbeitsbcschassung darf nicht an der Finanzi'erungsfrage scheitern. Unser« Vorschläge habea sich stets von allen inflationistischen Ideen ferngehalten; wir sind UNS stets bewußt gewesen, daß wir«in armes Land und ein armes Volk sind. Aber wir haben auch stets auf die Geldquellen hinge- «lesen, die sich noch erschließen lassen, und wenn unseren Plänen immer nur die Gefahr der Inflation entgegengestellt wird, so ver- birgt sich hinter diesem Geschrei Unfähigkeit und Mangel an Mut und Willen, an die Arbeitsbeschaffung ernsthaft heranzugehen.(Sehr gut! bei den Soz.) Schließlich Hai ja das Reich ungeheure Geldmittel für Subven- tionen oller Art ausgebracht, auch für zweckwidrige, wie sie etwa in der Denkschrift des Rechnungshofes über die Oslhilfe gebrand- markt werden. (Sehr gut bei den Soz.) Durch rechtzeitige Vorbeug« gegen Un- wctterschäden könnte man z. B. nicht nur Arbeit schaffen, sondern auch Werte erhalten und Mittel freistellen, die sonst Jahr für Jahr für unzureichenden Schadenersatz gebraucht werden. Auch bei der Renovierung von Altwohnungen und bei der Sied- lung läßt sichjweckmäßig neue Arbeit schaffen, wenn wir auch gerade bei der Siedlung dringend davor warnen müssen, hoffnun- gen zu erwecken, die nicht erfüllt werden können. Der Sturz des Kabinetts Brüning Hot die Aussichten aus eine vernünftige Arbeitsbeschaffung leider nicht verbessert. (Sehr wahr! bei den Soz.) Und auch nicht die Aussichten auf eine internationale Verständigung, die zu einer stärkeren Schwächung der Arbeitslosigkeit unerläßlich wäre. Die endgültige Ueberwin- dung der Arbeitslosigkeit wird überhaupt im Rahmen des heutigen Wirtschaftssystems nicht gelingen. Es wächst die Zahl der Männer, die das einsehen, in der ganzen Welt, chat doch schon vor Wochen der Gouverneur der Bank von England schriftlich niedergelegt, der Kapitalismus werde in einem Jahr erledigt sein, wenn er die Pro- bleme der Gegenwart nicht bewältigen könne. In der Tat werden die Völker auf die Dauer nicht dulden, daß unter dem größten Elend und auf Kosten der Allgemeinheit die privatkapitalistische Wirtschaft erhalten wird.(Zuruf bei den Komm.) Wenn S i e nickt existierten, wäre die Sozialisierung bereits ein erhebliches Stück weiter voran!(Sehr wahr! bei den Soz.) Autarkie und Arbeitsdienst- Pflicht würden die Not der Massen nur steigern. Wir nähren auch keine Illusionen über den freiwilligen Arbeitsdienst, der günstigenfalls nur einen verhältnismäßig kleinen Bruchteil be- sonders jugendlicher Arbeitsloser vorübergehend beschäftigen kann. Aber soweit damit nicht auf Tarifbruch und Lohndruck gezielt wird, wollen wir jeden vernünftigen Plan gern sorg- fältig prüfen. Unsere Forderung aber lautet: Schafft Arbeit, die den schassenden Menschen Recht und Lebensmöglichkeit gewährt!(Lebhafter Beifall bei den Soz.) Soweit wir die Arbeitslosen nicht in Arbeit bringen können, muß die Arbeitslosenversicherung unbedingt aus- rechterhalten werden. Darüber hinaus ist die Arbeitslosen- Unterstützung zu vereinheitlichen und zu vereinfachen. Jeder Abge- ordnete sollt« sich verpflichtet fühlen, mit uns Wege zu suchen, die die Not der Gegenwart praktisch mildern Helsen. Wir jedenfalls lassen uns auch in dieser Frage leiten von unserem Verantwortungsgefühl gegen Volk und Staat und von unserem liefen Mitgefühl mit den Opfern dieses Wirlschafls- systems, für dessen Ueberwindung wir kämpfen.(Lebhafter Beifall bei den Soz.) Abg. Lohse(Nfoz.): Wir werden die Farge der Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit den allgemeinen Problemen in der politi- schen Gesomtaussprache erörtern. Abg. Hebborn(Z.): Es ist eine Schande, daß die leider unvsr- meidliche Kürzung der Unterstützungen den Sozialreaktionären noch nicht weit genug geht. Wir wollen an allen Arbeitsbeschaffungs- Plänen gern mitarbeiten: aber Arbeit beschaffen kostet eben pro Kopf dreimal soviel wie Arbeitslosenunterstützung. Für die Unter- stützung der Arbeitslosen hat noch kein Staat soviel ausgebracht wie Deutschland. Aber das war auch notwendig, und jeder Ver- such, die Arbeitslosen noch tiefer ins Elend zu stoßen, wird von uns bekämpft werden. Abg. Koenen(Komm.): Diese Erklärung des Zentrums soll nur verdecken, daß am Elend der Arbeitslosen die Brüning und Hirt- siefer die Sckuld tragen. Und mit ihnen die schlimmsten Agenten der Bourgeoisie, die Sozialdemokraten. Die ganze Arbeitslosenver- sicherung ist nur eine Ausplünderung der Arbeiter, und ihre Selbst- Verwaltung«in Gewinn nur für die sozialdemokratischen Bonzen. (Lebhafter Beifall bei den Nationalsozialisten.) Wir haben die Arbeitslosenversicherung nie als etwas anderes be- trachtet als ein Teil von dem, was die Sozialdemokratie überhaupt ist: bewußte Betrüger der Arbeiter. Ihr« Arbeitsbeschafiungspläne sind genau so Inflation wie die der Nazis, und die Börse ist be- reits mitten i» der Jnflotionsbousse. Wir wollen in Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Arbeitern und den Naziproleten die kapitalistische Wirtschaft zerstören, und schon deuten die Zeichen des Tages überall auf neue revolutionäre Aktion.(Lebhafter Beifall bei den Komm.) Nach einer Rede des Abg. Russe« lDnat.) und einem Schluß- wort des Abg. Schwenk schließt die Debatte. Die Anträge gehen an den Bevölkerungspolitischen Ausschuß. Nächste Sitzung Donnerstag 11 Uhr: Mißtrauensantrag der Kommunisten gegen die geschäftsführende Regierung Braun: An- trag der Deutscknationalen auf Aenberung de« Geschäftsordnung betr. Wahl des Ministerpräsidenten; politische Gesamtaussprache. Zentrumsanirag: Nationalsozialisten und Kom- munisten sollen den Sachschaden im preußischen Landtag ersehen. Die Zentrumsfraktion hat im Preußischen Landtag einen An» trag eingebracht, wonach der Präsident des Landtags ersucht werden soll, den bei der Schlägerei im Landtag am 25. Mai entstandenen Sachschaden umgehend sestzufbellen und die entstandenen Kosten auf die beteiligten Abgeordneten der Nationalsozialisten und K o m n> u n i st e n umzulegen. SA.-Llnruhen in Breslau. Sturm auf die GaugeschästSstelle des Reichsbanners. Breslau, 1. Juni.(Eigenbericht.) In Breslau macht sich fett einigen Tagen zunehmender Terror der Nationalsozialisten bemerkbar. Seit Man- tag. bereits ist hie Breslau« Innenstallt wieder Schau plag fort- gesetzter'Zusvmmenrottungen und Plänkeleien. Zahlreiche Trupps. meist j u g e n d li ch e r h a k e n k r e u z l e r, ziehen bis in die späten Abendstunden lärmend und tobend durch die Straßen. Passanten mit republikanischen Abzeichen werden angepöbelt und, wenn sie sich zur Wehr setzen, mißhandelt und niedergeschlagen. In mehreren Fällen wurden ernstere Ausemondersetzungen lediglich durch entschiedenes Eingreifen der Polizei ver- hindert. Am Mittwochabend gegen IS Uhr versuchten etwa WS Hitler- Anhänger die in der Nähe des Ringes gelegene Gaugefchästs- sielle des Reichsbanners zu stürmen. Die Nazis waren schon bis in das erste Stockwerk des Hauses vor- gedrungen, wurden dann aber von den Polizeibeamten. die ihre Schußwaffen freimachten, zurückgedrängt. Auch nach Zerstreuung der Menge sammelten sich in den späten Abendstunden vor dem Reichsbannerbüro wieder Massen rauflustiger Jugendlich« an, die ihr„Deutschland erwache" brüllten. Für die bevorstehenden Tage wird allgemein mit weiteren Zu» fammenstößen gerechnet. Schläger Ley verläßt Köln. Kr ist ins Braune Haus verseht worden. Köln. 1. Juni.(Eigenbericht.) lie Dr. R o b e rst ■. Der»anonalsozmliitisch« Re Ley, hsrsusgsber des..Westdeutschen' Beobochter" in Köln, der an dem tätlichen lleberfoll auf den Führer der Sozialdemokratischen Partei Otto W e l s und den Köln« Polizeipräsidenten Bauknecht im hchel Desst in Köln beteiligt war und kürzlich zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, mußte Köln o e r l a s s e n. Im Braunen hause in München ist man langsam zu der Einsicht ge- kommen, daß Ley, der seiner Partei in Köln nicht erst durch den Ueberfall auf Otto Wels unbequem geworden ist, in der rheinischen Metropole nicht mehr länger zu halten ist. Ley ist deshalb ohne Sang und Klang von Köln nach München abgereist, wo er als Stellvertreter von Straßer fungieren soll- Volksbühne. Erno Szep:„Die goldene Uhr/ Ein gutes altes Volksstück, geschrieben von einem guten, jungen Routinier, fand wegen seiner gemütvollen Vorzüge und trotz seiner überlebten Rührseligkeit einen schönen Sommererfolg. M. H. Aus Schillers„Räubern" Schweizer:„Ein zuckersüßes Brüderchen.- In der Tai!"- Akt ck, zweite Szenx. Oer neue Michsarbeitsminister. Die Absichten Or. Goerdelers. Unter den voraussichtlichen Mitgliedern des neuen Reichs- kabinetts ist eine der hervorstechendsten Persönlichkeiten ohne Zweifel der neue Reichsarbeitsminister Dr. G o e r d e l e r. Es ist in Er- innerung. daß dieser Oberbürgermeister von Leipzig vom Reichs- kanzler Brüning mit der allerdings schwierigen Aufgabe betraut wurde, durch Preisabbau den Lohnabbau auszu- gleichen, der durch die Notverordnung vom 8. Dezember dekre- tiert worden ist. Nach einer kurzen, wenn auch nicht sehr erfolgreichen Tätigkeit auf diesem Gebiete hielt Herr Dr. Goerdeler seine Tätigkeit als Preisabbaukommissar für beendet und begann— wohl nicht im Auftrage Dr. Brünings— seine Tätigkeit als Propaganda- chef der Sozialreaktion. Er hielt bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten Reden darüber, wie und wo zwar nicht die Preise, aber die Sozialpolitik abgebaut werden inüßte. Durch diese Tätigkeit hat Herr Dr. Goerdeler zweifellos für Herrn von Papen den Befähigungsnachweis erbracht, in dem neuen Kabinett als Arbeitsminister zu fungieren. Es wird von Interesse sein, nur ganz kurz daran zu erinnern, was Herr Goerdeler seinerzeit propagiert hat, damit man genau im Bilde ist über das, was er als Reichsarbeitsminister zu tun beauftragt ist. Das große Steckenpferd des Herrn Goerdeler als Preisabbau- kommissar war die„Sanierung" der Arbeitslosenversicherung. Zu ihrer Sanierung schlug er ihre Beseitigung vor. Das Ei des Kolumbus! Darüber hinaus verlangte er die Einschränkung der Krisenunter st ützung, die Herabsetzung der U n t e r st ü tz u n g s s ä tz e auf die Sätze der W o h l f a h r t s- Unterstützung und notabene die Einführung einer scharfen Bedürstigkeitsprüfung. Doch darin erschöpst sich das sozialpolitische Programm des neuen Arbeitsministers keineswegs. Herr Goerdeler zog mit besonderer Schärfe gegen die Tarif- Verträge zu Felde und in durchaus logischer Konsequenz gegen das amtliche Schlichtungswesen. Diese müßten radikal verschwinden, wenn unsere Wirtschast gesunden soll. Darüber hinaus hat Herr Dr. Goerdeler allerlei Pläne über Berwaltungs- reform recht fragwürdiger Art entwickelt und sich gleichzeitig für den vorläufig freiwilligen Arbeitsdienst begeistert. Gratis- arbeit ohne Rechte ist also gewissermaßen das Ideal des neuen Ministers für Sozialpolitik. Wir wissen allerdings nicht, ob Herr Dr. Goerdeler es als eine Kränkung auffassen wird, wenn wir ihn als Minister für Sozial- Politik bezeichnen und ob er nicht selbst für sich in Anspruch nimmt, Minister gegen Sozialpolitik zu sein. Wir sind überzeugt, daß der neue Reichsarbeitsminister mit den Gefühlen tiefster Sympathie und unbegrenzter Hoffnung von allen Scharfmachern und von der ge- samten Sozialreaktion begrüßt wird. Es wäre falsch, anzunehmen, daß diese Herrschaften nicht von der Richtigkeit ihrer Auffasiungen überzeugt sind. Sie glauben ernsthaft, daß ein radikaler Abbau der Sozialpolitik wirklich die Wirtschaftskrise beheben wird. Das Erwachen aus diesem Traum, der kein schöner ist, wird eine tiefe Enttäuschung sein. Wenn die Sozialpolitik zerschlagen wird, dann wird es Ruinen geben, die die Unternehmer gewiß nicht erwarten. Sicherung der Tarifverträge! Herr Goerdeler bekommt Arbeit. Der neue Reichsarbeitsminister, der als Gegner von„Zwangs- torifen", wie überhaupt von Tarifverträgen bekannt ist, wird sich mit einer Eingabe zu befassen haben, die die Tarif- Parteien in der Herrenkonfektion an ihn richten. Es handelt sich um die Sicherung der Durchführung des Reichstarifvertrages. Schon im Vorjahre wurde bei den Verhandlungen darüber gesprochen, und zwar war es der Vertreter des Arbeit- geberverbandes, der diese Sicherung als die d r i n g l i ch st e Aufgabe bezeichnete und der Auffassung war, es müsse ein gemeinsamer Vorstoß zum Erlaß einer Notverordnung oder eines Gesetzes unternommen werden. Die Tarifvertragsparteien haben sich nunmehr geeinigt, folgende Eingabe an de» Reichs- arbeitsminister zu richten. „Wir beantragen hiermit: den Erlaß eines Reichsgesetzes, oder falls die Verabschiedung durch den Reichstag nicht mit der erforder- lichen Beschleunigung herbeizuführen ist, den Erlaß einer Notverord- nung folgenden Inhalts: . Gesetz sbzw. Notverordnung zur Sicherung der Tarifverträge. Das Reichsarbeitsministerium erhält das Recht, aus Antrag der Tarifparteien eines für allgemeinverbindlich erklärten Tarifes die Kontrolle über die Durchführung und'Innehaltung des Tarifes und über die Festsetzung von Nachzählungen Prüfungskommissionen und Schiedsgerichten zu übertragen, die von den Tarifparteien paritätisch zu bilden sind.> Die Ausführungsbestimmungen erläßt der Reichsarbeits- minister." In der Begründung zu diesem Antrage heißt es: „Unter dem Drucke der wirtschaftlichen Not hat eine Abwände- rung des Bedarfs auf die billigste Preislage eingesetzt, dergestalt, daß heute 80 bis 90 Proz. des Bedarfs auf Stapelware entfallen. Hand in Hand damit ging ein außerordentlich scharfer Preisdruck, der sich seinerseits wiederum als Lohndruck bemerkbar machte. Damit geriet nicht nur der auf Qualitätsarbeit aufgebaute Serientarif in Gefahr, sondern auch gleichzeitig die Entlohnung in den untersten Serien. Diese llnlerbezahlung, die bis zu einem erschreckenden Tiefstand gediehen ist, wurde noch besonders gefördert dadurch, daß der Mangel an genügenden durchgreifenden Rechtsmitteln ganz natürlich zur Schwächung der Organisation beitrug... Auf der anderen Seite ist die Kontrolle der Heimarbeit durch die Gewerbeaufsichts- behörden vollkommen unzureichend... Zur Zeit muß von vornherein angenommen werden, daß die Tarifabschlüsse von einem großen Teil der Beteiligten nicht durch- geführt werden. Bei dem Widerspruch zwischen den gesetzlichen Vorschriften über das Tarifwescn, der unterschiedlichen Entlohnung muß der Gedanke der kollektiven Lohnordnung schließlich vollständig untergraben werden, wenn nicht in dem hier angeregten Sinne Abhilfe geschaffen wird." Es werden dann noch Ausführungsbestimmungen vorgeschlagen für die Bildung, Zusammensetzung, Tätigkeit und Befugnisse der Prüfungskommission. Dieselbe soll paritätisch zusammengesetzt sein mit einem unparteiischen Vorsitzenden. In bezug auf deren Befugnis ist vorgeschlagen: „Die Mitglieder der Prüfungskommission haben das Recht, vor diesen Schiedsgerichten Klagen auf Zahlung der tariflichen Löhne im Namen der Heimarbeiter oder sonstigen Hausgewerbetreibenden zu führen, ohne von diesen hierzu bevollmächtigt zu sein. Für das Verfahren vor dem Schiedsgericht sind Ausgleichsquittungen oder sonstige Verzichtserklärungen auf Ansprüche aus dem Tarifvertrag rechtsunwirksam. Soweit Klagen ohne Vollmacht von den Mitgliedern der Prüfungskommission geführt werden, sind die Be- träge, über welche Schiedssprüche gefällt werden, an die Reichs- anstatt der Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung abzu- führen." Für die Durchführung ist vorgesehen, daß die Mitglieder der Prüfungskommission berechtigt sind, in den Geschäftsräumen der Arbeitgeber und Zwischenmeisler sowie in den Werkstätten und Wohnräumen der Heimarbeiter und sonstiger Gewerbetreibender Prüfungen vorzunehmen und hierbei die Vorlage der Geschäftsbücher und aller zur Ermittlung der gezahlten Löhne sonst erforderlichen Unterlagen zu verlangen, ebenso die Befugnis, die Lohnbücher der Lohn- gewerbetreibenden und Hausarbeiter einzusehen. Hinsichtlich der Führung der Lohnbücher wird gefordert, daß in denjenigen Fällen, wo die Lohnbücher nicht vorschriftsmäßig geführt werden, die bisher begrenzte Geldstrafe aufgehoben und solche Fälle ohne Begren- zung der Höhe künftig geahndet werden können. Man kann gespannt darauf sein, was Herr Goerdeler zu dieser Eingabe sagen wird und zu der auch von den Unternehmern er- hobenen furchtbaren Anklage, daß infolge ungenügender Sicherung des Tarifvertrages die Unterbezahlung„bis zu einem erschreckenden Tiefstand" gediehen ist. Aus dem Munds von Unternehmern will ein derartiger Ausspruch etwas besagen. Und nun, Herr Goerdeler, können Sie Ihren Kampf gegen den Tarifvertrag beginnen! Eine Teudeuzmeldtiug. Was die Reichsanstalt mitteilt und was sie verschweigt. Die Reichsanstalt hält es gerade in diesem Augenblick für not- wendig, die Meldung zu verbreiten, daß der seit August 1930 neu eingeführte verstärkte Kontrollaußendienst 460 000 Unterstutzungs- fälle nachgeprüft hat. Bei 110 000 Fällen feien falsche Entscheidungen getroffen worden. In 65 000 Fällen sei die frühere Entscheidung geändert worden. Als finanzielle Auswirkung habe sich eine Er- sparnis an Unterstützungsmitteln in Höhe von etwa 3,5 Millionen ergeben. Die Reichsanstait gibt aber nur die Summe an, die insgesamt als Rückzahlung für unberechtigten Unterstützungsbezug in die Reichskasse zurückfließen soll. Warum nennt die Reichsanstalt nicht auch die Summe, die infolge Feststellung des Kontrolldienstes nach- träglich an die Arbeitslosen ausgezahlt werden muß, weil das zuständige Arbeitsamt ihnen zu wenig gegeben hat? Die falschen Berechnungen zugunsten oder zuungunsten der Arbeitslosen brauchten überhaupt nicht erst durch den vorhandenen Kontrolldienst festgestellt zu werden, wenn man nicht eine Personalpolitik triebe, die allein Schuld an der oberflächlichen Arbeit in der Reichsanstalt trägt. Viele Millionen könnten dem Reiche gerettet werden, wenn man nicht allzu sehr an Personalkosten sparen würde. Warum aber gibt die Relchsanstalt der Oeffentlichkeit nur die Zahlen bekannt, die einen ungerechtfertigten Bezug der Arbeitslosenunterstützung betreffen? Warum gibt sie nicht auch die Zahlen bekannt, wie lange die Unternehmer trog Abzug vom Lohn der Beschäftigten mit den Beiträgen rückständig sind? Wieviel Unteroersicherungen sind sestgestellt worden? Wie- viel B e t r u g s f ä l l e durch Ausstellung von Gefälligkeits- bescheinigungen durch den Arbeitgeber sind ermittelt worden? Wie liegt es ferner mit den Fällen, in denen die Unternehmer Arbeitslose nur einstellen, wenn sie neben der Beschäfti- gung Unter st ützung beziehen, damit sie den Tariflohn sparen? Feststellungen über die Abwälzung des Betriebsrisikos auf die Sozialversicherung, Statistiken über die Gerichtsbarkeit bei Be- trug in der Sozialversicherung durch die Unternehmer usw. Alles das sind Aufgabengebiete des eingerichteten Kontrolldienstes. Hier bestehen zum Teil ungeheure Hinterziehungen, Betrügereien und Mißstände, die aufgedeckt worden sind. Warum erfolgen hierüber denn keine Veröffentlichungen? Die Meldung der Reichsanstalt ist eine Tendenz Meldung. Sie erweckt den Eindruck, als feien es nur Arbeitslose, die die Reichsanstalt zu schädigen suchen, sie deckt den Mantel christlicher Nächstenliebe über die viel größeren Schädigungen durch die Unter- nehmer. Oer Streik in den Wurstfabriken. Gescheiterter EinigungSversuch. Der Vorsitzende des Schlichtungsausschusses, Gewerberat Körner, hat den Versuch gemacht, den Streik in den Wurst- und Fleischwarenfabriken beizulegen. In einer von ihm am Dienstag herbeigeführten unverbindlichen Aussprache zwischen den bisherigen Tarifparteien unterbreiteten die Vertreter des Verbandes der Fleischwarenfabrikanten den Unter- Händlern der Streikenden ein neues Angebot. Danach sollen die Löhne der Fleischergesellen mit Verantwortung, die im Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses von 1,15 M. auf 1,03 M. gesenkt werden sollten,„nur" bis auf 1,06 M. abgebaut werden, die der Fleischcrgesellen ohne Verantwortung von 1,01 M. auf 95 Pf. anstatt auf 93 Pf. und die Löhne der übrigen Arbeiter in dem gleichen Prozentverhältnis wie die Löhne der Fleischergesellen ohne Verantwortung. Hinsichtlich des Urlaubs sollte der Streik, der natürlich sofort abzubrechen wäre, nicht als Unterbrechung des Arbeitsverhältnisses gelten. Alle Arbeiter sollten wieder eingestellt werden,„soweit eine Beschäftigungsmöglichkeit gegeben ist". Bei Einstellungen in den nächsten fünf Monaten sollten nur Mitglieder der Tarisgewerkschasten eingestellt werden, die nach Abbruch des Streiks nicht wieder in die Betriebe gekommen sind. Das Lohn» abkommen sollte bis 31. Dezember 1932 gelten. Im Juni sollten aber noch Verhandlungen aufgenommen werden über Um- und Ne»» cingruppierungen von Arbeiterkategorien im Tarifvertrag, von deren Ausgang es abhängen sollte, ob das Lohnabkommen nicht schon am 31. Juli wieder außer Kraft tritt. In den Manteltarif sollte die Klausel hineingearbeitet werden, daß vor Beendigung eines Schlichtungsverfahrens von beiden Seiten eine Kampshand- lung nicht aufgenommen werden dürfe Dieses Angebot ist gestern vormittag in einer Versammlung der freigewerkschaftlich organisierten Streikenden mit Zweidrittelmehr- heit abgelehnt worden. Den Streikenden ist nicht nur das Ab- weichen von den Lohnsätzen des Schiedsspruchs zu gering, sondern auch die Sehnsucht der Unternehmer nach Verhandlungen über U m- und Neugruppierungen im Lohnschema höchst be- denklich: sie oermuten darin nicht zu Unrecht ein Verlangen nach einem nochmaligen Lohnabbau auf Umwegen. Der Streik geht also unvermindert weiter. Für die Efha-Werke war bekanntlich der inhaltlich gleiche Schiedsspruch gefällt worden wie für die Arbeiterschaft in den Be- trieben des Verbandes der Fleischwarenfabrikanten. Die VerHand- lungen über den Antrag der Firma auf Verbindlich- erklärung des Schiedsspruches, die zu heute, Donnerstag, an- gesetzt waren, sind auf unbestimmte Zeit o e r t a g t worden. Keine Einigung im Bauschlosserstreik. Wie im„Vorwärts" bereits mitgeteilt, hatte der Schlichter für den Bezirk Brandenburg die bisherigen Kontrahenten des Lohntarifoertrages für die Berliner Bau- und Geldschrankschlosiereien zu gestern vormittag zu Verhandlungen geladen. Der Schlichter machte den Versuch, den Streik der Bau- und Geldschrankschlosser durch eine Verständigung zwischen den Parteien beizulegen. Die Bemühungen des Schlichters blieben aber ersol»los, so daß die VerHand- lungen abgebrochen werden muhten./ Der Streik, der sich gegen den Abbau der Tariflöhne der Bau- und Geldschrankschlosser um 5,7 Proz. und den Abbau der über- tarislichen Verdienste durch die Beseitigung einer Sicherungsklausel für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen im Lohntarifvertrag richtet, geht unverändert weiter. Oer Wille zum Beruf. Junge Metallarbeiter erzählen. Es ist viel, wenn junge Menschen heute bekennen, daß sie den Glauben an ihren Beruf und den Willen zu ihm nicht verloren haben. Solche Feststellung bedeutet mehr als nur Bekenntnis zur Arbeitsbereitschaft, mehr als die Sehnsucht, Hände und Geist zu rühren, das Brot, das man ißt, auch selber zu ver- dienen. Der Beruf ist jene Arbeit, zu der man ein persönliches Verhältnis gewonnen hat, die man liebt, in der man sich gern weiterbilden, in der man vorwärts kommen möchte. Solange er an seinen Beruf glaubt, sucht er gerade in der Zeit der Arbeitslosigkeit jede Möglichkeit zur Fortbildung, jede Gelegenheit, die einst erworbenen Kenntnisse zu sichern.„Junge Metallarbeiter erzählen über ihren Willen zum Beruf," hieß ein vor dem Mikrophon der Funkstunde behandeltes Thema. Heinrich Hell- w i g leitete die Aussprache, die er offensichtlich in keiner Weise beeinflußte, sondern nur durch ein geschickt ordnendes unauffälliges Eingreifen der zur Verfügung stehenden Zeit anpaßte. Die jungen Menschen konnten so wirklich ihre persönliche Meinung darlegen. Sie berichteten von vielem Unerfreulichen und von manchem Erfreulichen aus ihrer Lehrzeit un von dem, was sie in den kurzen Freistunden zu ihrer Weiterbildung unternahmen: Besuch sachlicher Zeichen- und anderer beruflicher Fortbildungskurse, Unterricht in fremden Sprachen. Und dann die Einengung des Arbcitsmarktes; Verlust der Arbeitsstelle, ohne Aussicht, in nächster Zeit eine andere zu finden. Der eine Jugendliche bekannte, daß er da Kurse Kurse sein ließ. Die Mutlosigkeit hatte ihn gepackt. Doch heute arbeitet auch er wieder in einem Berufsschulkursus-, er hat seinen Willen zum Beruf wiedergefunden. Denn, wie einer der Ausspracheteilnehmer richtig sagte, gilt es, für den jungen Menschen besonders für die Arbeit bereit zu fein, die ja wiederkommen muß. Doch die Fragen von Arbeit und Arbeitsnot werden heute ent- scheidender als je auf dem Felde der Politik ausgetragen. Deshalb war es so besonders wichtig, daß ein Jugendlicher seine Kameraden daraus hinwies, an die Berufsfortbildung nicht allein zu denken, sondern auch an jene geistige, die dazu dienen soll, der- beruflichen ihr Ziel zu sichern.„Wir müssen alles daran setzen, die Verhält- nisse zu ändern." BVG. Babnhos lZ Halens««. Freitag, den 3. Juni, 20 Uhr, bei Sand->5 Ui mann, Westfälische Str. 42. Frattionsrersammlung mit Sympathisieren- D den". Politische Lage in Preußen". Ref.: Paul Bernstein. Tl I- M-4- ! II I I I I Achtung, Buchdrucker! 11. Bezirk sZIachtarbeitcr): Die diesmalige Bezirlsver. sammlung in Verbindung mit der Besichtigung des Srosikraftwerks Klingenberg findet am kommenden Sonntag, ö. Juni, statt. Treffpunkt Uhr vor dem Werk. Verbindung: Straßenbahn 13.— Die Bezirksleitung. Z�m'e Gewerkfchafts-Lugend Berlin Heute, Donnerstag, 2. Juni, um 19% Uhr, tagen die Gruppen: Süd- osten: Jugendheim Reichenberger Str. 6«. Heimbesprechung. Brettspiel. abend.— Tempelhof: Jugendheim Lyzeum Germaniastr. 4— 6. Der Zu. gang erfolgt durch den Eingang Göhstraße, auf der hinteren Seite der Schule. Heimbesprechung. Liederabend.— Moabit: Jugendheim Lehrter Str. 18—19. Heimbesprechung. Verbandsbuchkontrolle.— Staaken: Jugendheim 17. Volks» schule, Gartenstadt, Kirchplatz, Endhaltestelle Autobus 31. Bub und Mädel.— Schönhauser Tor: Jugendheim Tierkstr. 18. Heimbesprechung. Verbandsbuch. kontrolle.— Landsberger Platz: Jugendheim Diestclmeyerstr. 5. Heimbesprechung. — Lichtenberg: Jugendheim Dossestr. 22. Heimbesprechung und Berbandsbuch- kontrolle.— Reu-Lichtenberg: Jugendheim Gunterstr. 44. Heimbesprechung.— Gesundbrunnen: Jugendheim Rote Schule, Gotcnburger Str. 2. Heimbesprechung. Fahrtenerlebnisse.— Köpenick: Jugendheim Grünauer Str. 5(Nähe Bahnhof Spindlersfeld). Heimbesprechung.— Schlesisches Tor: Jugendheim Manteuffel. straße 7. Wir eröffnen die Gruppe mit Martha John.— Geroerkschaftshaus: Jugendheim Gewerkschaftshaus, Engelufer, Saal 11. Heimbesvrechung.— Siemensstadt: Jugendheim 11. und 13. Voltsschule, Siemensstadt, Schulstr. 14/15. Wir eröffnen die Gruppe mit Lichtbildern:„Aus dem Leben der FG?."— Wir spielen ab 18 Ubr: Kreis Obersvree: Rehwiese: Südkreis: Treptow, Wiese 8 und Volkspark Neukölln; Nordostkreis: Bolle-Svortplatz, Nordend: Nordkreis: Spiel. wiese Rehberge.— Juaendgruppe des Verbandes der Nahrungsmittel- und Ge» tränkearbeiter: Heimbesprechung, anschließend: Unsere Mädels gestalten den Abend aus.— Iug-'ndqrupju! des Deutschen Bekleidunacarbciterirrbanhes: Spielabend, Treptow, Wiese 8.— Iugendgruppe des Deutschen Textilarbeiter- Verbandes: Spielabend, Trevtower Park, Wiese 8.— Iugendgruppe des Deutschen Metallarbciterverbandes: Um 19 Uhr im Sitzungssaal des Verbandshauses, Linienstr. 83—85, Konferenz der jugendlichen Vertrauensleute.— Ingendgruppe des Deutschen Baugewerksbundes, Maurer: Bauabend im Jugendheim Groß. beerenstr. W. �uaenöaruppe des �entralverbandes 0er Anqeffellten «K# Heute, Donnerstag, finden folgende Veranstaltungen statt: Norden: � Jugendheim Lortzingstr, 19. Kurzreferate,— Pankom-Riederschönhanscn: Jugendheim Gärschstr. tl(großes Zimmers. Abendwaziergang.— Osten: Jugendheim der Schule Litauer Str. 18, Vortrag:„Jugend im Recht", Referent: Dr. Lewinski.— Treptom: Jugendheim Elsenstr, 3, Ausspracheabend:„Unsere Stellung zur Arbeitsdienstvflicht", Leiter: Weisstock.— Die„Freie Angest-llten- dank" c. S. m, b. H. lagst heute von 29—22 Uhr im Verbandshouse,— Spiele im Freien: Heute ab 18 Uhr Sportplatz Tiergarten, Verantwortlich für Politik: Piet-e Schiff; Wirtschaft: IS,. Ztlingclhöscr! Gewerkschaftsbewegung: I, Steiner: Feuilleton: Dr. John Schitowski: Lokales und Sonstiges: Fritz Uarstädt; Anzeigen: Th, Glocke: sämtlich in Berlin, Verlag: Vorwärts-Verlag G. m, b, H. Berlin, Druck: Vorwärts-Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin C3B. 68, Lindenstraße 3, Hiektzu Z Beilagen. Jir. 255• 49. 3>n><952 Die Rätsel im Neue schwere Belastungen i Guben. 1. Juni. Die Beweisausnahme im Gistmardprozeh gegen die Frauen Z i e h m und L a d e w i g. die beschuldigt werden, den kleinen Karlheinz Ziehm ums Leben gebracht zu hoben, wurde in den letzten Tagen fortgesetzt. Sie brachte weitere schwere Belastungen der beiden angeklagten Frauen. Besonders dramatisch gestaltete sich die Vernehmung des Lehrers Ziehm, des Ehemannes der Angeklagten. Wie in der Nacht, als der jüngste Sohn des Zeugen in Kunzendorf oer- brannte, so hatte auch in der Todesnacht des kleinen Karlheinz Frau Ziehm ihren Mann abholen wollen. In beiden Fällen war das für die Kinder bestimmte Zimmer verschlossen gewesen. Als Ziehm selbst einmal schwer krank war, rang ihm seine Frau ein T e st a- m e n t ob und versteckte es dann unter ihrer Steppdecke. Der Rek- tor Müller aus Kunzenoorf bekundete unter ergrijsener Span- nung der chörer, daß der kleine Ziehm einmal nach dem Unterricht unter den Bänken nach Brot gesucht und gierig in eine gefunden« Brotschnitt« gebissen habe. Lehrer L i e b i g sagte aus. daß er am Abend nach der Beerdigung des verbrannten Kindes Frau Ziehrki durch mehrere Wände hindurch hell habe auflachen hören. Der Gemeindevorsteher erklärte, ganz Kunzendors sei da- mals der Meinung gewesen, es habe Brandstiftung vorgelegen. Eine Nachbarin gibt an, daß der später durch Chlorkali umgekom- mene Junge einmal halb erfroren zu ihr kam, weil er trotz bitterster Kälte nur einen Sweater und dünne chöschen anhatte. Am Dienstag wurde Lehrer Ziehm über den Tod des ältesten Jungen gehört. Die Eltern schliefen in einem, Frau Ladewig und der Junge im anderen Zimmer. Ziehm sagte: Wir waren noch nicht eingeschlafen, da ertönte ein schriller, gellen- der Schrei aus dem Zimmer des Kindes. Wir stürzten hin. Der Junge lag mit dem Oberkörper über dem Bett der Schwiegermutter. die nicht im Zimmer war. Da ich im Kriege viele Vergiftete ge- sehen habe, sah ich, was los war und rief: Der Junge ist vergiftet' Der Körper des Jungen bäumte sich auf, Karlheinz konnte kein Wort mehr sagen und seine Augen waren gebrochen. Meine Schwiegermutter sagte, der Junge sei wahrscheinlich an einem cherz- sehler gestorben, worauf ich sie anbrüllte, daß Karlheinz niemals herzkrank gewesen sei. Meine Frau verlangte, daß der Junge ein- geäschert werden soll«. Am Mittwoch gab es eine sensationelle Wendung. Der Staatsanwalt hatte einen Zeugen namens Kaspar aus Berlin telegraphisch geladen. Er war als Soldat während des Krieges auf ein Jahr zur Abdeckerei des Kaufmanns Winkel in Potsdam kommandiert, über dessen Beziehungen zur späteren Frau Ziehm von uns berichtet wurde. Kaspar ist von der Arbeit häufig mit dem damaligen Fräulein Ladewig, der späteren Frau Ziehm, zu- sammen nach chause gegangen. Später, nach dem Kriege, kam Fräulein Ladewig zu ihm ins Geschäst und sagte:„cherr Kaspar, Sie können gut verdienen, wenn Sie etwas für mich vollbringen." Aus die Frage, um was es sich hamdl«, meinte sie:„Sie müssen Frau Winkel eins auswischen und sie zu diesem Zweck nach Pots- dam locken. Sie muß allerdings so eins abbekommen, daß sie nicht wieder aufsteht." Er habe daraufhin Fräulein Ladewig aus dem Laden gewiesen. Die Aussage erregte beim Gericht und im Zu- Hörerraum ungeheures Aussehen. Frau Krüger, eine Mitbe- wohnerin im Ziehmschen chause, bekundete, daß Frau Ziehm und ihre Mutter in der Todesnacht des Jungen mehrmals miteinander tuschelten. Frau Krüger war es, die in Frankfurt für die Ange- klagte das chlorsaure Kali in einer Drogeie einkaufte und nachher von Frau Ziehm zu einem Meineid angeregt wurde. Frau Ziehm hat ihre Taktik, alle Aussagen, die gegen sie sprechen, als Lügen zu bezeichnen, nicht.�geändert. Wiederholt i Frau Ziehm. n Gubener Giftmordproze�. ermahnte sie der Vorsitzenoe, von dieser Methode zu lassen und ihr Gewissen zu erleichtern. Frau Ziehm beteuerte immer wieder, daß sie unschuldig sei und niemals einem Menschen das geringste Leid angetan habe. Die Aussage des Arztes. Als nächster Zeuge wurde der Arzt des Fllrstenberger Kranken- Hauses, Dr. K a h l i s ch, vernommen. In der Bußtagnacht wurde er eine Viertelstunde nach ein Uhr zu Ziehms gerufen. Gegen Vil Uhr traf er dort ein. Er stellte fest, daß das Kind in den letzten Zuckungen lag und keinen Pulsschlag mehr hatte. Seine einstündigen Bemühungen blieben erfolglos. Seinen Verdacht, daß hier eine unnatürliche Todesursache vorlag, behielt er für sich. Der Tod des Jungen trat fünf Minuten nach seiner Ankunft, also etwa l.ZS Uhr, ein. Herr Ziehm war ganz ver- zweifelt und rief aus: Zwei Kinder in einem Jahre zu verlieren, das ist bitter! Als der Zeuge aus dem Sterbczimmer herausging, begegnete ihm Frau Ladewig. Sie fragte: Was ist los. Der Arzt war natürlich bei dieser Frage vollständig verblüfft und sagte nur: Das Kind ist tot. Daraufhin sah ihn Frau Ladewig mit einem vernichtenden Blick an, drehte sich um und verschwand wortlos in der Küche. Frau Ziehm schrie bei der Nachricht, daß der Junge nicht mehr zu retten sei, furchtbar auf und lief, wie von Furien verfolgt, durch die Wohnung. Der Zeuge benachrichtigte erst die Kriminalpolizei, als am nächsten Morgen Herr Krüger von ihm einen Totenschein haben wollte und dabei die Frage stellte: Ist Chlorkali eigentlich giftig? Cr erkundigte sich nach den näheren Zusammenhängen und erfuhr von dem Kauf des Chlorkalis. Als besonders merkwürdig empfand er das Verhalten der Frau Ziehm. die nach Beendigung seiner Be- mühungen um die Wiederbelebung des Kindes hin und her lief, laut aufschrie und sich die Haare raufte. Auch das Verhalten der Frau nach dem Tode hielt er für wenig würdevoll. Frau Ladewig hat ihm noch am gleichen Abend gesagt, daß sie dem Jungen nach ihrer Rückkehr von den Bekannten, also etwa gegen Uhr, ein Glas Wasser gegeben habe. Hinterher machte Frau Ladewig wider- sprechende Angaben. Einmal bestritt sie, dem Jungen Wasser ge- geben zu haben. Dann behauptete sie, es sei Kaffee gewesen. Augenblicklich bleibt sie dabei, ihm überhaupt nichts gegeben zu haben. Nach seiner Meinung müsse die Vergiftung mit dem Glas Wasser erfolgt sein, und zwar muß das Wasser mit dem Gift etwa 15 Minuten vor dem Schrei dem Zungen gegeben worden fein. Dies ist das erste wichtige Sachverständigengutachten des Prozesses. Zum Schluß der heutigen Verhandlung machte der Chauffeur M e w a l d, der Dr. Kahlisch zu Ziehms gefahren hatte, noch eine äußerst belastende Aussöge. Als er o"f den Doktor im Hausflur wartete, kam Frau Ziehm aus dem Sterbezimmer und sagte zu Frau Ladewig: Gott sei Dank, er ist schon tot. Hierauf erwiderte Frau Ladewig: Dazu bin ich nun hierher gekommen. Frau Ziehm: Das wäre ja eine Roheit sondergleichen von mir, wenn ich das aefaat hätte. Ich habe gesagt: Ach Gott, jetzt ist der Junge tot. Trotz Ermahnungen des Vorsitzenden, der dem Zeugen vorhielt, daß wir alle nur Menschen seien und uns irren könnten, blieb der Zeuge bei seiner Aussage, die sllr Frau Ziehm äußerst belastend ist, und b e- schwor sie. Eine neuartige Verkehrsregelung wird am heutigen Donners- tag zum erstenmal an der Ecke des K u r f ü r st e n d a m m s und der L e i b n i z st r a ß e durchgeführt, um den plötzlichen Richtungs- Wechsel zu vermeiden. Das gelbe Licht soll noch vor Erlöschen des grünen Lichtes eingeschaltet werden. Durch diese Schaltweise soll der jetzt unmittelbar einsetzende Richtungswechsel vorbereitet werden. Ein Zögling sagt aus... Erschütterndes Martyrium bei der Innern Mission. Die Prenzlauer Sonder st raskammer verhandelte gestern in den Prozeß gegen die Prügelpädagogen von waldhos in der Stadt T e m p l i n. Zm Mittelpunkt der Verhandlung stand der traurige und erschütternde Bericht eines mißhandelten jungen Menschen. Zunächst wurden die letzten drei Angeklagten vernommen. Der Wohlfahrtspfleger T e s ch l e r und der Erzieher K n u b l a u ch unter Ausschluß der Oeffentlichkeit über die ihnen zur Last gelegte» sittlichen Verfehlungen an mehreren Zöglingen und der Erzieher W e n d a über die Mißhandlungen von Zöglingen in drei Fällen. Dieser Wenda, noch ein ganz junger Mensch, der aus der Jugendbewegung kommt, ist unter den Angeklagten der sympa- thischste, und um so niederschmetternder, daß auch er der Ansicht ist, daß es in einer Anstalt wie Waldhof, die besonders schwierige Jungen betreue, nicht möglich sei, ohne„drastische" Maßnahmen auszukommen. Selbst Ohrseigen genügten da nicht. Den Höhepunkt der gestrigen Verhandlung bildete aber die Aus- sage des früheren Zöglings von Waldhos, H. In einer fast er- schütternd ruhigen Art, ohne die geringste Gehässigkeit, als lägen die Dinge weit zurück, schilderte er sein eigenes Martyrium in dieser Erziehungsanstalt der Innern Mission. Er hatte einen Diebstahl begangen und erhielt zehn Wochen Arrest, dar- unter eine Nacht Dunkelarrest, keine Freistunden, aber Ohr- feigen vom Direktor Grüber. Von Franke wurde er vier Tage hintereinander mit drei Stöcken in einer Weise bearbeitet, daß die Stöcke an ihm zerbrachen. Der Angeklagte Franke steht kreide- bleich da. Er sagt zum Zeugen. Du hast gut gelogen.— Vielleicht lügen Sie, Herr Franke, wirft Rechtsanwalt Dr. Löwenthal da- zwischen. Franke, mit geballten Fäusten: Wiederholen Sie, was Sie gesagt haben. Dr. Löwenthal: Vielleicht lügen Sie. Frankes Verteidiger fzum Gericht): Ich bitte doch, meinen Mandanten in Schutz zu nehmen. Landgerichtsdirektor Achilles: Ich sehe keinen Grund dazu, Ihr Mandant hat den Zeugen der Lüge bezichtigt. Die Worte des Verteidigers waren nur eine Antwort darauf. Die Stadtamtmännin, Frau Todenhagen, jetzt Leiterin des Kinderschutzheimes in Zehlendorf, bekundet über ihre Ersah- rungen mit der Erziehungsanstalt Waldhof folgendes: Es sind wiederholt Beschwerden eingegangen. Direktor G r ü b e r hat dauernd versprochen, Acnderungen zu schaffen. Es geschah aber nichts. Bei den Untersuchungen kam nie etwas heraus. Franke zuckte nur mit den Achseln, Direktor Grüber deckte alles. Das Priigeln war vom Landesjugendamt aufs strengste verboten. Auch der Arrest in der Zelle, wie diese beschaffen war, war unstatt- Haft, die Belichtung ungenügend, ebenso die Luftzufuhr. Der frühere Leiter des Landesjugendamts, der Obermagistrats- rat K n a u t h, und der Pfarrer G r ü b e r sind erst Freitag an der Reihe. Mit Hitler-Seil und Rübensast. So sollen die Menschen kuriert werden. Mehrere Tage hat die Potsdamer Strafkammer gegen den Naturheilkundigen und Schriftsteller Alb in Rath aus Werder a. d. Havel verhandelt, dem Betrug zur Last gelegt wird. Der Angeklagte war seinerzeit vom Potsdamer Schöffengericht wegen Betruges zu 4000 M. Geldstrase verurteilt worden und hatte gegen das Urteil Berufung eingelegt. Räch behandelt seine Patienten, die zu taufenden zählen, mit einer sogenannten F e r n b e h a n d l u n g, die darin bestand, daß er den Patienten, ohne sie überhaupt gesehen, geschweige untersucht zu haben, durch Prospekte gymnastische Uebungen und Rote-Rüben-Kuren verordnete. Diese Methoden wurden auch Krebskranken, Tuberkulösen und Herzkronken verordnet. Die Kosten dieser Behandlung richteten sich nach der Zimmerzahl, die die in dem dazu passenden neuen Rasier-Apparat „Rotbart/Mond-Extra"; zusammen mit der neuen v2/ Rasier-Creme„Rotbart", machen das Rasieren jetzt zu einer angenehmen Körperpflege. Die neuen Langlochklingen passen auch auf die Apparate alten Systems. Ein noch besseres Rasieren gewährleistet aber der �eue Apparat D-EXTRA Roth-Büchner G. m. b. Spe�alfabrU« für Raslerapparate und Rasierklingen, Berlin F ernpelhot Patienten bewohntem �atte einer eine große Wohnung, mußte er für die gymnastische Verordnung 90 M. und mehr bezahlen. Zum Beweise seiner angeblichen Wunderkuren stellte der Angeklagte einen 80jührigen Patienten vor, der zum Gaudium der zahl- reichen Zuhörer im Gerichtssaal eine„Kerze" machte, einen Saltd mortale schlug und Rückenschwiiymbewegungen zeigte. Die Bitte eines Schwerkriegs oerletzten, ihn umsonst zu behandeln, hatte der Angeklagte abgelehnt. Rath bezeichnet sich als„Messias der Menschheit, der die Fäulnis der letzten Jahre austreibe» will". Die Strafkammer verwarf die Berufung des Angeklagten, so daß es bei 4090 M. Geldstrafe verbleibt. Beim Verlassen des Ge- richtssaals rief der Angeklagte:„Heil Hitler, jetzt werde ich euch zeigen, was ich kann." Nazis beschießen Reichsbanner! Gemeiner Lleberfall auf Lungbannerleute. In der Rosenthaler Straße verübten gestern abend etwa 15 Nationalsozialisten einen gemeinen Ueberfall aus Mitglieder des Jungbanners. Zwei Jungbannerleute wurden von der nationalsozialistischen Meute umringt und mit allen möglichen Schlaginstrumenten von den Hitler-Banditen bearbeitet. Zum Glück kamen mehrere ältere Reichs- bannerleute des Weges, die den Bedrängten zur Hilfe eilten. Jetzt ließen die Hitler-Gardisten von ihren Opfern ab, ergriffen die Flucht und feuerten eine Reihe von Schüssen auf die Reichsbannerleute ab. Dann zogen sich die Nazi- Verbrecher in ihr �turmlokal,„Bötzow-Quelle", in der Großen Präsidentenstraße zurück, von dem schon mehrfach gemeine Ueber- fälle auf friedliebende Staatsbürger inszeniert worden sind. Wie wir erfahren, wurden neben sechs National- sozio listen auch zwei Reichsbannerleute der Politi- schen Polizei zugeführt. Die festgenommenen Nationalsozialisten hatten sich noch vor der Festnahme ihrer Schußwaffen entledigt. Nazis als Abzeichenräuber. Ein Zeitungshändler der republikanischen Zeitung„Alarm", der gestern nachmittag an der Ecke B ü l o w- und P.o t s d a m e r Straße stand, wurde von drei uniformierten Na- tionalsozialisten überfallen. Die Burschen entrissen dem Händler 59 Abzeichen der„Eisernen Front" und flüch- teten. Die Verfolgung der feigen Burschen, die in einem Haus in der Kurfürftenftraße oerschwanden, verlief zunächst ergebnislos. Der „Alarm"-Händler nahm also seinen Stand wieder ein. Nach einiger Zeit sah er einen der Abzeichenräuber— nun aber in Zivil— über die Potsdamer Straße gehen. Der Bursche wurde von der Polizei festgenommen und zum nächsten Revier gebracht. Nach anfänglichem Leugnen gab der 18jährige Nationalsozialist zu, an dem Vorfall beteiligt gewesen zu sein. Die Abzeichen will er jedoch nicht gestohlen haben und seine Kumpan« natürlich nicht kennen; er wurde der Politischen Polizei übergeben, der es bald gelingen dürfte, auch die beiden anderen Täter zu ermitteln. Tumylis am Potsdamer plah. Kommunisten zertrümmern Fensterscheiben. In den gestrigen späten Nachmittagsstunden rotteten sich am Potsdamer Plag größere Trupps Kommunisten zusammen, es bildete sich wie auf Kommando ein ntehrere hundert Mann starker Demonstrationszug. Hoch- und Niederrufe ertönten. Zlls einige Verkehrsbeamten eingreifen wollten, warfen die Demon- stranten mit Steinen. Vor dem Restaurant „P s ch o r r" am Potsdamer Platz ballte sich eine größer« Menschen- menge zusammen und durch Steinwürfe wurden einige Fenster- scheiden des Lokals zertrümmert. Bei dieser völlig sinnlosen Aktion verhetzter Halbwüchsiger wurde eine Angestellte des Restaurants durch einen Steinwurf am Kopf verlegt. Das Mädchen wurde zur Rettungsstelle in der Eichhornstrahe gebracht. Es war hier dieselbe Taktik und dasselbe Manöver, das am Vortage die Nazis beim Aufmarsch der Marinewache anwandten, wo auch die Polizei in unerhörter Weise provoziert wurde. Diesmal konnte jedoch durch das Einsetzen mehrerer Schupoabteilungen die Ruhe sehr schnell wieder hergestellt werden. Da erneute Zusammenrottungen in der Leipziger- und Friedrich- Devalidm- Wie man mit fremde Im Devahe im- Prozeh wurde gestern nachmittag noch einmal Direktor Dr. Doth, der Vorstandsmitglied des Dsvaheim-Konzerns war, als Zeuge gehört. Er schilderte zunächst, daß er im März 1939 zuerst als Sekretär des Generaldirektors I e p p e l in den Konzern eintrat, um sich über das Bausparwesen zu informieren. Die Verteidigung hielt dem Zeugen vor, daß er zunächst eine reine Volontärtätigkeit betleidet habe, dafür aber ein Gehalt von 759 M. m o n.a t- lich bekommen habe. Diese Tätigkeit habe etwa 8— 19 Wochen gedauert, dann habe er, wie er weiter schilderte, drei Wochen mit der Aufstellung eines rechnerischen Plans über die Entwicklung einer Gruppe von 199 Bausparern zu tun gehabt. R.-A. Dr. Möhring: Für diese Arbeit haben andere Angestellte einen Tag gebraucht. — Staatsanwalt: Aber mit welchem Resultat. Es wäre besser gewesen, wenn die andern auch drei Wochen daran gearbeitet hätten.— Direktor Voth bekundete weiter, daß er wegen D i f f e- r e n z e n mit dem Angeklagten Pastor v. Cremer und dem General- direktor Isppel schließlich aus dem Vorstand des Devaheim-Konzerns ausgeschieden sei. Schon im November 1939 habe er an Pastor Cremer einen Brief geschrieben, daß die Deoaheim in der nächsten Zeit 2X Millionen Bauspargelder auszahlen müsse und nicht über diese Mittel verfüge. Wie man mit dem Gelde der Gesellschaft wirtschaftete, zeigte das Gutachten des Autosachverständigen Polizeihauptmann a. D. Fiedler. Der Chauffeur konnte machen, was er wollte, niemand kontrollierte seine Ausgaben. Natürlich glaubte er, daß bei einem so großzügigen Arbeitgeber das Teuerste und Beste, so reichlich wie möglich eingekauft, gerade gut genug sei. Daß es aus fremden Taschen ging, war nicht feine Angelegenheit. Allgemeine Heiterkeit straße befürchtet wurden, traten Schuposchnellwagen und berittene Schupo in Aktion, die unaufhörlich die Straßen patrouillierten. Während es in der Innenstadt zu weiteren Zwischenfällen nicht mehr kam, randalierte gegen 18 Uhr ein abgedrängter Komunistentrupp am Halleschen Tor. Auch an dieser Stelle konnte von der Polizei sehr schnell Ruhe geschassen werden. Insgesamt wurden etwa zehn Rädelsführer festgenommen und der Politischen Polizei übergeben. Ein Freispruch im Oevisenschieberprozeß Aber Gefängnis für den Schweizer Kahn Das Schöffengericht Berlin-Mitte, unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor N e u m a n n, verurteilte gestern abend den Schweizer Weinhändler M y r t i l Kahn wegen fortgesetzter Vergehen gegen die Verordnung über die Devisenbewirtschaftung zu 6 Monaten Gefängnis und 6999 Mark Geldstrafe unter Anrechtung von 6 Wochen Unter- suchungshast und unter Aussetzung der Untersuchungshaft gegen eine Sicherheit von 15 999 Mark. Papiere im Werte von 329 999 Mark wurden für eingezogen erklärt. Der Berliner Bankier Robert Bernheim wurde freigesprochen, da ihm eine Mittäterschaft an den zwischen dem Angeklagten Kahn und dem durch Selbstmord ge- endeten Bankier Blum getätigten strafbaren Devisengeschäften nicht nachgewiesen werden tonnte. Der Haftbefehl gegen ihn wurde aufgehoben. Die Berufsschulbeiträge für 1S32. Der Stadtverordnetenversammlung ist die Vorlag« über die Berufsschulbeiträge im Rechnungsjahr 1932 zugegangen. Vorgesehen sind Beiträge von den Gewerbetreibenden(mit Ausnahme der freien Berufe) für ihre Betriebsstätten im Gemeindebezirk in Höhe von 17 Proz. der Grundbeträge der Gewerbeertragsteuer und 59 Proz. vom Grundbetrag der Lohnsuiktmenstsuer. Di« nicht- gewerbetreibenden Arbeitgeber(einschließlich der freien Berufe) haben 3 M. für jeden von ihnen beschäftigten kranken-, invaliden- oder unfallversicherungspstichtigen Arbeiter und Ange- stellten(einschließlich der Lehrlinge) zu zahlen, soweit die Jugend- Wirfscliaft. i Gelde um sich warf. löste die Feststellung des Sachverständigen aus, daß der Chauffeur in einem Jahr nahezu einen halben Zentner Putzlappen liguidiert hatte, die Zahl der Putzleder war so groß, daß man sich davon einen kompletten Lederanzug hätte machen können. Auch für das Vulkanisieren von Reifen und für Reparaturen, sogar für das Nachstellen von Bremsen, was nach Ansicht des Sachverständigen von dem Chauffeur sehr leicht hätte selbst gemacht werden können, waren erhebliche Beträge verwendet worden. Bei spar- samerer Wirtschaftsführung hätten die Kosten um 17— 29 Proz., also um elwa 3999 2!?. im Iahr, geringer hätten sein können. Die Verhandlung wurde dann schließlich auf Donnerstag früh vertagt. Die Enttäuschten appellieren an die Kirche. Die Versammlung der Deoaheim- und Deuzag-Gläubiger faßte auf Grund eines Referats des Konkursverwalters und der Aus- führungen von Mitgliedern des Gläubigerausschusses eine Eni- schließung, wonach die bei Konkurseintritt vorhandene Masse in schwerer gemeinsamer Arbeit nicht nur erhalten, sondern v e r- g r ö ß e r t worden sei. Die vorhandene Konkursmasse stelle heute einen Wert dar, der unbedingt für die Befriedigung der Gläubiger erhalten werden muß. Dieser Wert kann nur erhalten werden, wenn die von der Kirche an den Konkursver- walter gegebene verbindliche Zusage umgehend eingelöst wird. Die Gläubigerveriammlung richtet, wie dies auch schon der Konkursverwalter getan hat, hiermit die erneute AuDorderung an die Kirche, ihrer Verpflichtung nachzukommen. Nun- mehr ruht alle Verantwortung bei der Kirche und der Inneren Mission. lichen der einzelnen bei ihnen beschäftigten Arbeiter und Angestellten gleichfalls berufsfchulpflichtig sind. Der sich hieraus ergebende Be- trag von rund 3,3 Millionen Mark ist bereits im Haushaltsentwurf für 1932 als Einnahme beim Berufs- und Fachschulwesen vorgesehen. Krawall um einen Kautionsfchwindler. Im Laufe des gestrigen Tages spielten sich im Osten Berlins vor dem Haufe Cadiner Sraße 16 erregte Szenen ab. Mehr als dreißig Personen forderten von dem Inhaber einer dort gelegenen Polsterwerkstatt, dem 58 Jahre alten Kaufmann Richard Labuhn, die Rückgabe ihrer als Kaution gegebenen Gelder. Es kam zu so heftigen Aufttitten, daß die Polizei einschreiten mußte, und für den Kaufmann war es fast ein Glück, daß ihn die Kriminalpolizei wenige Stunden zuvor schon wegen Betruges verhaftet hatte, denn er wäre wahrscheinlich sonst der Wut der Betrogenen zum Opfer gefallen. Schon im vergangenen Jahr schwebten gegen L. mehrere An- zeigen wegen Kautionsschwindels, und er wurde deswegen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, erhielt aber Bewährung?- frist. Diese nutzte er nun wieder aus, um erneut Kautions- betrügereien zu verüben. Bisher sind bei der Kriminal- polizei über 59 Fälle bekannt geworden, bei denen es sich je- weils um Beträge bis zu 599 M. handett. L wechselt ständig seine Wohnung aus Angst vor seinen Opfern. Er suchte für seinen „Betrieb" Chauffeure, Mitfahrer, Kassierer und Boten, gab an, zwei Auws zu unterhalten und enorme Außenstände zu haben. Unter diesem Vorwand nahm er den Leuten die Kautionen ab. Als jetzt zahlreiche Anzeigen einliefen, griff die Kriminalpolizei zu. Fünf Jahre Republikanischer Pfadfinderbund. Der Deutsche Republikanisch« Pfadfinderbund hiett vor kurzem in Carlshafen an der Weser sein Bundes- treffen ab. In den fünf Iahren seines Bestehens ist es dem Bunde gelungen, trotz aller Anfeindungen von rechts- und linksradikaler Seite seine Mitgliederzahl stark zu erhöhen. Das Bundestreffen in diesem Jahre stand unter dem Zeichen der allgemeinen Not, so daß die meisten Ortsgruppen nur chre Führer entsenden konnten. Die f-aW-a? 23\Aj\.'VtäLt A Ihre vollen Lippen neigen sich heiß zu feinem Gesicht. Karel zittert noch mehr. Wird sie ihn küssen? Nein, die Lippen küssen nicht, sie befehlen:.Komm!" Karel erschauert. Er löst sich von der Mauer. Tastend strecken sich seine mageren Hände vor. Wie ein Nachtwandler setzt er seine Schritte. Kleine Schritte sind es, als ob seine Füße gefesselt wären. Er geht auf das Himmelbett zu, das voll Brokat prangt. Auf seinem Rand sitzt hochgerafften Kleides die Königin. Ueber ihr, an der Wand, hängt mit ausgebreiteten Armen ein Schmerzensmann. Karel stürzt keuchend seiner eigenen Kreuzigung zu. Dem tiefsten Schmerz ist die höchste Wollust verschwistert. Karel weiß nicht, wie viele Stunden, wie viele Jahre er hier verbracht hat. Er weiß nur, daß es sich ihm wie ein Brand entgegenwarf und daß es ihm die Seele aus den Bliu- odern sengte. Die Maße der Welt sind für ihn zerbrochen. Ein Funken- mantel hat ihn eingehüllt, Feuerhände haben ihn hingerissen. Karel hebt sich und schwebt. Karel schwebt als Feuer- stern im lohenden Raum, einem mächtigeren Feuersterne be- gegnend. Die ungeheure Vermählung, die folgt, reißt licht- brüllend das Tor zur Unendlichkeit auf. Zu Ewigkeiten dehnt sich die Fülle der stöhnenden Lust... Als Karel wieder zur Erde kommt, sind alle Zeichen des Himmels verflogen. Kein Funkenmantel deckt ihn mehr. Karel liegt nackt neben einem Weibe. Noch nie bis jetzt hat er einen entblößten Frauenkörpsr ge- sehen. Es ist ihm alles unbekannt, was sein Auge erblickt: die im Atemstoß sich rhythmisch hebende Fülle der Brust, Macht und Pracht des Leibes, das Schenkelpaar, das milchige Licht des beruhigten Fleisches. Karel staunt, Unwirklich scheint ihm das alles, wie verhangen. Er braucht Zeit, um sich zurechtzufinden. Ist das ein Traum, in dem er schwebt? Aber, wenn das ein Traum ist, warum liegt dann nicht Luzia neben ihm? Warum ist er Gesell eines fremden Wesens, das er nicht kennt? Eine zärtliche Stimme ruft seinen Namen. Er will diese Stimme nicht hören. Er wühlt seinen Kopf in die Kissen. Er verschließt gewaltsam Auge und Ohr. Eine Hand tastet nach ihm; keine Hand des Zugriffs mehr, nein, eine unendlich gelöste Hand. Aber er rückt mit Abscheu die Hüfte von ihr, als ob diese Hand eine stechende Natter wäre. Eine zärtliche Stimme klingt dicht über ihm. Karel rührt sich nicht. Die Stimme, die da redet, weckt kein anderes Echo in ihm, als Haß gegen sie, die Verführerin, ohnmächtige Wut gegen sich selber. Ganz andere Stimmen gehen gegen ihn an: Hier liegst du in den Betten einer Ehebrecherin, dir zum Ekel, deiner Knappenschaft zum Abscheu, zur Schande! Wie willst du bestehen, wenn dich Herr Kepka befragt? Wie willst du bestehen vor Luzias forschenden Augen? Die Trauer und Trostlosigkeit aller Kreatur springt ihn an. Seele, wo ist da ein Ausweg? „Knabe, du weinst?" Das nackte Weib neben ihm faßt seine zuckenden Schullern. Er stößt es jäh von sich, rücksichtslos, heftig. Cr kann keine Berührung von dieser Hand mehr ertragen Die Königin packt den Schopf des Widerstrebenden und zieht ihn mit Gewall aus den Kissen. Sie will den Weinen- den zwingen, ihr in die Augen zu sehen. Aber chre Stimme ist gar nicht mehr zärtlich, nein, es liegt etwas von dem Fauchlaut einer gereizten Katze darin, als sie zwischen zusammengebissenen Zähne/r hervorstößt: .Küsse! Hörst du! Auf der Stelle küsse mich! Oder du sollst brennen wie morgen dein Hus!" Und nun geschieht das Unbegreifliche, jene tolle Szene der Wellgeschichte, von der nur darum keine Chronik meldet, kein Historienbuch, well deren Schreiber gemeiniglich nur in den Vorzimmern schlafen und nie selbst dabei sind bei den Kämpfen und Krämpfen in der verbuhllen Fürstinnen Betten und Kissen: I Karel schlägt der Königin, die nackt über ihm kauert, voller Wut ins Gesicht! Blut springt ihr aus Nase und Mund, und mit einem Aufschrei sinkt sie zurück, als fei sie von einem Mörder ge- troffen. Bis ihre Frauenzimmer sie finden, ihr ein Hemd über- werfen, dann nach Essigtüchern laufen und ihr die Ohnmacht und das verkrustete Blut aus dem mißhandelten Antlitz reiben, ist es späte Dämmerung geworden. Breit klafft das Fenster offen; vom See her kommt kühlig ein Wind. Schon steht hoch im Osten Venus am Himmel, der Stern der Liebenden. „Wo ist der Knappe?" Sie mag fragen wie sie will, ihre Frauenzimmer zucken nichtwissend die Schullern und legen die boshaften Köpfe schief. Keine von ihnen hat das gelbe Wams fortgehen sehen. Die Königin findet keine Ruhe. Sie wandert von Zimmer zu Zimmer, in ihrer Unrast einer gefangenen Wölfin gleichend. Bei der Tafel nachher verweigert sie Speise und Trank. Nicht einmal die köstlichen, wie Sirup glänzenden äthiopischen Feigen rührt sie an. Das Erlebnis mit diesem böhmischen Knaben sitzt ihr wie ein Stachel im Blut. O, nur ihn finden! Sie will ja allen Stolz von sich tun! Wie die niederste Magd will sie sich vor Karels Türschwelle legen. Mag er über ue hinschreiten, mag er sie treten Das wird ihr Sühne und Auslösung sein! Sie will ausgehen und läßt sich ihren seidenen Ueber- wurf bringen.„Nein, keine Sänfte!" Sie winkt ab. Die Frauenzimmer folgen ihr. Am eisernen Gittertor, das vom hastigen Ausstoßen in den Angeln zittert, schickt sie alle zurück und tritt allein in die Gasse. Sie mag laufen wie sie will, das ganze abendliche Kon- stanz ist auf den Beinen, Pfaffen und Laien streifen in großer Zahl, aber nirgendwo ist ihr Knabe Karel dazwischen. Die suchende Königin biegt schließlich in die Gasse ein, wo die Herberge der Böhmen steht. Da wird sie auf dem Rückweg von einem abenteuerlustigen Bäuerlein aus der Höri angesprochen, das gern sein heut gelöstes Marktgeld los- werden möchte. Tief bis zum Boden zieht es vor der ver- mummten Frau sein zerschlissenes Hütlein. „Madam", fragt das Männlein vom Lande,„seid Ihr eine Hur?" ......,..(Fortsetzung folgt.) Aussprachen im Führerkreis befaßten sich besonders mit der Hilfe für die erwerbslosen Kameraden. Längere Auseinandersetzungen er- gaben die positive Einstellung zum freiwilligen Arbeitsdienst. Eine Abendfeier auf dem Hugenotterthxrm beendete das Treffen mit dem Gelöbnis, jetzt gerade in den Zeiten der allergrößten Not für die Ausgestaltung der freien sozialen Republik im Sinne der Weimarer Verfassung zu kämpfen. Jubiläum derGotthardt'Äahn. Die deutschen Vertreter Gegenstand besonderer Ehrung. Luzern, 31. Mai. Die vom Schweizer Bundesrat zum Süjährigen Jubiläum der St.-Gotthardt-Bahn veranstalteten Feiern wurden in Luzern mit einem Festakt im Kursaal eröffnet. An den offiziellen Veranstal- lupgen nahmen Bundespräsident Motta und der Vertreter der italienischen und deutschen Regierung teil. Die Reichsregie- rung war durch den Gesandten in Bern, Dr. Adolf Müller, sowie durch die Ministerialdirektoren Vogel und Knaut vom Reichs- Verkehrsministerium vertreten. Die Vertreter Deutschlands und Italiens wurden besonders herzlich begrüßt und der besonderen Hilfe, die Deutschland seinerzeit beim Vau der Gotthardt-Bahn ge- leistet hat, in anerkennenden Worten gedacht. Unter lebhaftem Beifall betonte der deutsche Vertreter Knaut in seiner Erwiderung, daß nur durch freundnachbarliche Beziehungen, wie sie in der deutsch-schweizerischen Zusammenarbeit ihren Ausdruck fänden,«in Wiederaufstieg der Weltwirtschaft möglich sei. Den Höhepunkt der Jubiläumsfeier bildete die Einweihung des Denkmals zu Ehren der Erbauer und Arbeiter des großen Werkes auf dem Bahnhofsplatz in Airolo. Es ist ein mit Gotchard- Granit eingefaßtes Relief. Den 350 Arbeiter- Veteranen der Nord- und Südseite des Gotchard, die noch am Tunnelbau mitgearbeitet haben und voll Stolz im Festzug von Airolo mit marschierten, wurde durch Bundespräsident Motta in seiner Ansprache eine besondere Ehrung zuteil. Anklageplädoyers im Gklarek-Prozeß. Dann sprechen die Verteidiger mehrere Wochen lang. v« Im Sklarek- Prozeß beendete Staatsomwaltschafts- rat Zäger fein Plädoyer zum Stadlbankkomplex. Am Freilag wird Oberstaatsanwalt Freiherr v. Sieinäcker noch einmal die Haupigesichtspunkte der Anklage zusammen. fassen, die Frage des Strafmaßes erörtern und dann voraussichtlich gegen 11 Uhr die Strasanlräge gegen die 12 Angeklagteu stellen. Die Anklagerede, die sich auf elf Verhandlungstage erstreckte, wirt) damit am 110. Tag des Prozesses cbgeichloss?n werden. Nach dem Staatsanwalt erhält zunächst der Geschäftsführer des als Neben- kläger zugelassenen Vereins gegen das Bestechungsunwesen das Wort, worauf die 14 Verteidiger der Angeklagten plädieren werden, was auch noch einige Wochen in Anspruch nehmen wird, so daß das Urteil Ende Juni zu erwarten ist. Staatsanwaltschaftsrat Jäger betonte in seinem Plädoyer, daß die Stadchankdirektoren keine Untreue begangen hätten, sondern selbst durch den Betrug der Sklareks getäuscht worden seien. Für die große Reihe der Pflichtwidrigkeiten seien sie aber beide in gleicher Weise verantwortlich. Die Revisoren hätten aus dem Verhalten der angeklagten� Direktoren den Eindruck gewonnen: An die Sklareks dürfen wir nicht heran, und diesen Eindruck hätten Schmitt und Hoffmann veranlaßt. Aus dem Benehmen der Stadtbankdirektoren in den Tagen der Aufdeckung falle es schwer, nicht zu folgern, daß sie von den Betrügereien der Sklareks nichts gewußt hatten. Das letzte eigentliche Motiv der Stadtbankdirektoren sei und bleibe die Bestechung durch die Sklareks, von denen sie sich nicht mehr freimachen konnten, nachdem sie die Vorteile und An- nehmlichkeiten genossen hatten. Staatsanwaltschastsrat Jäger wies dann noch darauf hin, daß Leo und Willy Sklarek nichts anderes bezweckt hätten, als mit ihren Vorteilen die Stadtbankdirektoren ge- fügig zu machen, so daß sie sich der aktiven Bestechung schuldig gemacht hätten. Die Verhandlung wurde hierauf auf Freitag früh vertagt. Ruhebank oder Spielbank? Immer wieder gehen uns, hauptsächlich von alten Leuten, Klagen zu, daß für sie kein Ruheplätzchen im Humboldchain zu haben ist, well die Herren Glücksspieler die meisten Bänke mit Be- schlag belegen. Besonders in den Vormittag- und Mittagstunden — gerade zu dieser Zeit suchen alte Leute der herrschenden Ruhe wegen die öffentlichen Anlagen am liebsten auf— blüht das„Ge- schäft". Da wird den gutgläubigen Arbeitslosen, die sich gerade ihr bißchen Unterstützung abgeholt haben, mit allerlei schwungvollen Redensarten gewissenlos das Geld abgeknöpft. Die„Gewinnaus- sichten" verleiten sogar Frauen, die mit ihren Kindern die Anlagen aufsuchen, sich an dem Spiel zu beteiligen und sich auf diese Weise ihres ohnedies kärglichen Wirtschaftsgeldes vollends zu entäußern. Ob die Kontrolle nun zu mangelhaft, oder der„Schmierendienst" dieser gefährlichen Glücksjäger zu gut funktioniert, entzieht sich unserer Beurteilung. Tatsache aber ist es, daß sich die Spieler- bände in den Anlagen des H u m b o l d t h a i n s allzu breit macht und auf diese Weise den Erholungsuchenden, für die ja die Grünflächen geschaffen wurden, den Aufenthalt verleidet und unmöglich macht. Es ist also unbedingt notwendig, daß hier wieder einmal nach dem Rechten gesehen wird. Es hat ja selbst- verständlich jeder das Recht, die Bänke der öffenllichen Anlagen zu benutzen, aber das Ruhebedürfnis eines Erholungsuchenden scheint uns noch immer wichtiger zu sein als die Ungestörtheit einer „Kümmelblättchenpartie". Eine Schulklasse tanzt. Großer Tanzabend auf der städtischen Jugendbühne Neu- kölln, Bergstraße 20 junge, frische Mädels, ganz kleine und größere, bieten ew qualitativ und quantitativ reichhaltiges tänzeri- sches Programm. Man ist wirklich erstaunt und überrascht, wie gelöst die Bewegungen, wie beherrscht all die Mädchenkörper und wie ausdrucksstark vis Empfindungen sind. Das ist nämlich nicht etwa ein« gedrillte Tanzkompagnie, die genau nach den Anwsisun- gen ihres„Tanzfeldwebels" exerziert, das sind Schulmädsls der Käte-Kollwitz-Schule Neukölln, die unter der Führung einer Tanz. und Symnastiklehrerin Eigenschöpfungen zeigen. Von der rein rhythmischen Bewegung ausgehend, offenbaren sie in Solo- und Gruppentänzen eine überaus reiche Empfindungswelt körperlicher und mimischer Gestaltung. Im technischen Thema, Bewegung ohne Musik, zeigen sie Zellprobleme: Hunger, Arbell, Straße. Furcht und Fieber, oft erstaunlich in der mimischen Wiedergabe. Dann gibt es da ein paar groteske Begabungen, die mll wahren Kautschukgliedern köstliche Verrenkungen vollführen und Songs und Foxtrotts hinlegen wie die„Alten". Anmutige Kindertänze, ein zierlicher japanischer Laternentanz, dämonische Schlangenbeschwörung und hüpfende Irr- lichter vervollständigten den wirklich anregenden Tanzabend. Das zahlreich erschienene Schülerparkett kam aus der hellen Begeisterung überhaupt nicht mehr heraus. RtörepLßzzsil der Eisernen Fro« am Donnerstag, dem 9. Juni, 19� Uhr, im.Clou", Mauerstraße 82 Vortrag des Genossen Siegfried Aufhäuser, M. d. R.: „Qie poütlscfte Lage und die Aufgaüen der AräeiterKiasse" Zutritt nur gegen Vorzeigung der von den Organisationen herausgegebenen Legitimationskarten. Kampfleitung Berlin der Eisernen Front Windmühlenflugzeug in Berlin. Das von de Havllland gebaute Kabinenautogiro des Spaniers Don Juan de la Cierva, das den ersten Versuch eines „Windmühlenflugzeuges" für Reisezwecke darstellt, traf am gestrigen Mittwochnachmittag gegen 2 Uhr, von Hannover kommend, im Flug- Hafen Tempelhof ein. Nach einer Runde über dem Flughafen voll- führte die interessante Maschine«ine fast senkrechte Lan- dung auf dem Rollfeld. De la Cierva wurde vom Vorstand der Lufthansa begrüßt. Das mit einem Gipsy-Motor von 120?S ausgerüstete Autogiro, dessen Kabine für zwei Passagiere in einer der„Puß-Motte" ähnlichen Anordnung Platz bietet,«nt- wickelt eine Reisegeschwindigkeit von 150 Kilometer bei einem Aktionsradius von 600 Kilometer. Die besonderen Eigenschaften des Autogiros, die Möglichkeit, auch sehr langsam zu fliegen, fast ohne Auslauf zu landen und mit geringem Anlauf auch vom kleinsten Fleckchen aus zu starten, stellen zusätzliche Sicherheits- Momente dieses Flugzeuges dar, in dem der Reisende Böen infolge der Elastizität der Drehflügel kaum empfinden wird. Für Ende der Woche wird in Berlin auch das erste deutsche, bei den Focke-Wulf-Werken in Bremen gebaute offene zwei- sitz ige Autogiro mit 110?S Siemens-Motor erwartet, über dessen Leistungen sich de la Cierva, der diese Maschine in Bremen besichtigt hat, sehr besriedigt aussprach. Die Besichtigung des Flugschiffes Do X. Nachdem gestern noch die Mitglieder des Diplomatischen Korps, des preußischen Staatsrates, des Berliner Magistrats sowie zahl- reiche Luftfahrwerbände das D o r n i e r- F l u g s ch i f f auf dem Müggelsee besucht haben, ist Do X jetzt zu der heute beginnenden öffentlichen Besichtigung dicht ans Land gezogen worden, und zwar ist es an einem für diese Zwecke entsprechend umgebauten Laufsteg des Restaurants„Rübezahl", in dem das Flugschiff wie in einer Gabel liegt, fest verankert worden. Von den beiden Ausläufern dieses Steges führen Querbrücken zu den sogenannten„Stummeln" des Schiffsrumpfes, so daß die Besucher von der eine Seite an Bord gehen, von dem Durchgang zwischen den beiden Eingängen aus einen Blick nach rechts und links in die Kabinenräume werfen können, um dann Do X auf der anderen Seite wieder zu verlassen. Prosesior Emil Ledern spricht über„Autarkie oder Weltwirtschaft" am Freitag, dem Z. Juni, 20*4 Uhr, im„Sozialen Institut", Charlottenburg, Äoethestr. 22. SozialisiWeArbetterjugendGroß-Verlm (Jintenbunaen füt Meie Rubrik nur an da» Jugends-kretariat Berlin SW S8. Lindenstraße 2. vorn l Trevpe recht». Zum„Rast- am Sonntag, 2S. Juni, im Eruuewald. Stadion, sind Karten zu 30 Pf. gegen sofortig- Bezahlung im Sekretariat erhältlich. Abieilungsmiiglicververfammlungen. heute, 19� Uhr. Arnsmalder Plag II: Schiinlanker Str. 11,— Falkvlag I: Sonnenburger Straße 20, Zimmer 2.— Hnmannplag: Tleimstr. 33—35.— Nordost B: Danziger Straße 62, B. 3.— Schönhauser Borstadt: Sonnenburger Str. 26.— Köp-nicker Viertel: Manteuffelstr. 7.— Schöncbcrg Nl: Hauptstr. 15.— Westend: Sport- platz.— Tegel: Schöneberger Str. 3.— Karow: Frundobergstr. 9. •k Andreasplatz RF.: Brommystr. 1:„Da» Kommunistische Manifest", I.— Hasenheide: Wafsertorstr. 4: Heimabend.— Kottbnsier Tor: llibanstr. 167:„Die Hochstraße.„Ist eine Einheitsfront mit KI. und SIB. möglich?" nasse Georg Decker. Referent Ge- 3. Juni, 20 Uhr, Mitgliederversammlung bei Huckwitz, Berliner Allee 193. Rcfe- rent Kamerad Polizeioberleutnant a. D. Bathke.— Pankom(O�sverein): Sonn- tag, ö. Juni, 6 Uhr. Sämtliche Radfahrer und im Besitz eines Fahrrades sich de. findenden Kameraden treten pünktlich mit ordnungsmäsigem Rad(Wimpel) Marktplatz Pankow zur Ausfahrt an. Proviant für 12 Stunden mltnedmem— Reinickendorf, Kameradschaft Reinickendorf.West: Freitag, 3. Sun:, 20 Uhr, Mit. gliedervers ammlung, Scharnweberstr. 114. Referent Kamerad Prrnz zu Löwen- stein.— Kameradschaft Reinickendorf-Ost: Freitag, 3. Juni, 20 U.zr, Mitglieder. Versammlung bei Kiehne, Residenzstr. 9. Referent Kamerad Bley.—- Serman» Dülßner ist plötzlich verstorben. Einäscherung Donnerstag, 2. Iuni� Aue dienst. freien Kameraden 13 Uhr Krematorium Wilmersdorf. Deutscher Friedensbund. Donnerstag, 2. Juni, 20 Uhr, im Vegetarischen Restaurant, Köthener Str. 46(nahe Potsdamer Platz), Aussprache über die politische Lage und Aktivierung der pazifistischen Bewegung. Gaste willkommen. Bund entschiedener Schuäeformer. Oefsentliche Monatsversammlung am Montag. 6. Juni, 19� Uhr. in der Augusta.Scbule, Elßholzstr. 34—37:„Die nationalsozialistische Ideologie". Referat: Lisa Rietz. Korreferat: R. Schapke (Straßer.Gruvpe). Freie Aussprache. Jedermann eingeladen.. Arbeiter. Radio-Bund Deutschlands E. V.. Ortsgruppe Grofc-Be-lm. Freitag, 3. Juni, 20 Uhr, Lokal„Mohren", Ierusalemer Str. 9, Mitgliederversammlung. Dipl.-Ing. Hanns Mendelsohn von der Pressestelle der Telefunken hält einen Vortrag über„Moderne Röhrenfabrikation" mit Lichtbildern. Die Mitgueoschaft wird dazu eingeladen. � ä Arbeitsgemeinschaft Volkschor Tempelhos-Meriendorf und Gemischter Chor Steglitz.Friedcnau. Freitag, 3. Juni, 19M> Uhr, Platzkonzert in Berlin.Tempel. Hof, Francke.Park, an der Albrechtstraße. Erscheinen aller Mitglieder Pflicht. � Deutsche Kakteen-Gesellschaft E. D., Ortsgruppe Berlin. Montag, 6. Juni, 20 Uhr, Restaurant., Rotes Haus", Nollendorfplatz 3. K. Gielsdorf:„Das Pfropfen der Kakteen".„. Deutscher Abstinentenbnnd. Dezirksgruppe Kreuzberg. Am Freitag. 3. Juni, 20 Uhr, in der Gaststätte Skolitzer Straße, Zusammenkunft. Genosse Dr. Haase: „Alkoholismus, Nervensystem und Geschlechtsleben". Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener. Berlin-Süden. In der Verfamm. lung am 9. Juni, Restaurant G. Krüger, Grimmstr. 1(Nähe Kottbusser Tor), wird nähere Auskunft über die 500 000 M. für die Unterstützung ehemaliger französischer Kriegsgefangenen erteilt. Auch finden Neuaufnahmen statt. Zeutralverband der Vrbeitsinvalidcn und Witwen Deutschlands. Donners- tag, 2. Juni. Friedrichshain: Lokal Gaul. Borhagener Str. 114, 16 Uhr.— Tier- garten N: Lokal Nationalhof, Bülewstr. 37, 15 Uhr.— Buchholz: Lokal Rossack, Hauptstr. 71, 19 Uhr.- Mitle II: Lokal Schulz, Elisabethstr. 30, 17 Uhr.— Vaumschulenweg: Lokal Haas, Baumschulenstr. 72, 18 Uhr.— Eharlottenburg: Lokal Wachs, Nehringstr. 23—24. 18 Uhr.— Bohnsdorf: Lokal Heimann, Wolters. dorfer Str. 100, 15 Uhr.— Freitag. 3. Juni. Alt-Glienicke: Lokal Habrecht, Friedrichstr. 2, 19 Uhr.— Kreuzberg II: Lokal Wollschläger. Adelbertstr. 21, 16 Ubr.— Prenzlauer Berg I: Schule Eberswalder Str. 10, 16 Uhr.— Reinicken. dorf.West: Lokal Volkshaus. Scharnweberstr. 115, 19 Uhr.— Krenzberg III: Lokal Reichenberger Hof, Reichenberger Str. 147, 17 Uhr.— Tegel: Lokal Lehnhardt, Berliner Str. 84, 18 Uhr. Lnxlisd Lonve''5S'jolisl Llud kounäed 1�78. Meetings every Friday 8 p. m Caf� König. Leipziger Straße 117/118 Lecturer: Mr. Töpfer on:„Music" Guests, Ladies& Gentlemen, are welcome. Allgemeine Wetterlage. Barackeen mit Puffärmei- chen in vielen Sommer färben nur Bläschen 8: Elegante Regenschirme mit bildschönen Griffen, vorzüglichen ßezOgen, auf 16teiligen Gestellen« in vielen Mustern S- 7- nur+J9 JL« Staats Theater Donnerstag, den 2. Juni staatsoper unter den Linden 20 Uhr Eine Nadit In Venedig StaalLSdiauspielliaut OaadarmBnaiark!. 20 Uhr Der LlebestranK Tftgl. 5 u. 8S Uhr Fernando LINDER Joe Peanut's MRhesut-Ätfcben Ada&. Eddie Oaros Wlllj Rosen usw. PLAZA Haha Sdilas. Bhf. 5u.8L',St5J.2,5.8lsl!. 1 1 WaidK.«031 Die F:ederniaus. Schiller-Theater CbariottcDburg. 20 Uhr Die Räuber Oeutsdies Tneater Die 8'/« Uhr Journalisten lustsp.nadi Gustav Freytag von Felix Joadiiimon Musik: Theo Mackebeo Repie: Heinz Hilpert I b»Hb-Tbeater Täglich 8'U Uhr Madonna wo bist Du? Erika v. Thellmann, Genla Nikolajewna Theodor Loos Josef Wedorn KestauiW Berlins 8 Uhr 13. Flora 3434. Raaüien erl. Paul Graetz. Peter Sachse. Jenny& Piccolo. Crocers& Crocers usw. Fels-Rennen, Grave- R. 6ay-Rennen Hoppeqarten HEUTE 3Vg HE.\.\E\ eisu �Betten 1 Stahlmntry CataloK freL Eie»enmöb«lfabrik SuhH Kmderb., Polster, Chaisel., an Jedeo. Teil* ------- i(Thü*) $läfU.0Der Charlottenburg Bismarckstraße 34 Donnerstag, 2. Juni Turnus I DleEntfiilirung aus dem Serail Callam, Eisin�cr, Fidesser, Andresen, Gombert, Reiff, Anfang 20 Uhr Ende 22,45 Uhr VolKsbimne Theater am Bülowplatz S'/a Uhr Die Ooldene vier Volkssiück von E. S z e p Regie: A. M. Rabenalt Staatl. Sdiiller- Theater 8 Uhr Die Räuber Homöopathie Nieren-, Blasen-, Leber-, Gallen., Magen-, Darm-, Innere n. Nerven).| Jtf an« Tf tlnzwtr. O Behondl. nnr 2 M. i.USCl 10-2, 4-7, stg. 1 1 '-. �-•:-t.•'/■t-. j Riesenhafter Preisabbau .Vi Fl. 2.00 .Vi Fl. 2.25 . Vi Fl. 2.50 • Vi Fl. 2.95 . Vi Fl. 2.90 . Vi Fl. 2.45 . Vi Fl, 3.25 Rose- Theater Orale frankfarter Slrala 137 tat. Waidnal E! 342? 8.30 Uhr Weekend im Paradies Oartenbtthne 5.30 Uhr Konzert u.Varlet6 Zigeunerliebe Ganz unerwartet verstarb am Dienstag, dem 31. Mai, unser lieber Kollege Walter Hensel im 44. Lebensjahre. Wir werden sein Gedenken stets in Ehren halten! Die Kolleginnen und Kollegen der Parfeivorsiandsbetriebe Die Beerdigung findet am Sonnabend, dem 15 Uhr: Beachten Sie, bitte, meine Plakate in den Fenstern. Erstklassiger Aquavit.......... Feinster Weinbrand, Verschnitt***,, Reiner Getreidekorn, ca. i00/a.,,,, Reiner Weinbrand„Masue" Feinster Jamaika-Rum, Verschnitt a,, Prima Edelliköre 300/o......... 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Am 29. Mai 1932 verstarb unser lieber Bruder, Schwager, Schwiegersohn und Onkel, der Angestellte Otto Rose im Alter von 39 Jahren Der Gram über den Tod seiner innigstgeliebten Ehefrau und der Kummer über das furchtbare und frühe Ende der so überaus glücklichen Ehe zerbrachen ihm das herz. Dies zeigen an in liefer Trauer und im Aultrage der Hinterbliebenen Familie Hermann Rose, Straßberg i. Harz, Familie Friedrich Rose, Neudorf i. Harz, Familie Karl Böliiz, Berlin SO 36, Forster Straße 18, Familie Georg Schubert, Berlin, den 31 Mai 1932. Bln.-Neukölln, Jonasstraße 45. Die Beerdigung findet am Freitag, dem 3. Juni, um 13 Uhr, auf dem Städt Friedhof Bln.-Baumschulenweg, Klefholzstr. 221, statt. BERLIN: *N, Brunnenstraße 42 ♦N, Müllerstraße 144 *N, Chausseestraße 76 O, Koppenstraße 87 *N, Prenzlauer Allee SO *N, Schivelbeiner Str. 6 •O. Petersburger Str. 42 ♦SO, Grünauer Str. 15 ♦SO, KöpenickerStr.121 ♦W, Martin-Luther-Str.86 ♦Steglitz: Schloßstr. 121 ♦Lankwitz: Charlottenstraße 34 ♦Charlottenburg: Wilmersdorfer Str. 157 ♦Neukölln: Berliner Str. 12, Hermannstraße 27 und Bergstr. 66 ♦Schöneberg: Kolonnenstr. 9 ♦Oberschöneweide;Wilhelminenhofstr.40 •Moab.: Gotzkowskyst.31, Wilsnack.St.25 ♦Spandau; Potsdamer Straße 23 ♦Weißensee: Berliner Allee 247 ♦Tempelhof: Berliner Straße 152 ♦Pankow: Wollankstr. 98 ♦Lichtenberg; Wismarplatz 1 Reinickendorf: Markstraße 45 Schmargendorf: Berkaer Straße 5 Potsdam: Charlottenstraße 69 | uerHtluie| Tapeten Szilldt, Kolonie. strafte 9. möDBl Gauches, Patentmattdtzen, Auflegemdttotzen, Metallbeiien. Wal. tet, Eidrgdrder straße achtzehn. Kein Laben, Veeliehe» gewesene Vtöbel unter Preis. Kamerling, Kasta nienallee 56(Ecke Zehrbellinetstraße).' Rie wiebeakchrenb« Gelegenheit! 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Manbach. meisterstraß» t4.! ufer 4, Neukölln 2759 Unserer heutigen Auslage liegt ein Praipett der Firma«er matm Ticlz, Berlin. bei, worauf wir unsere Leser besonder» hinweisen! Nr. 255• 49. Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Donnerstag, 2. Juni 4932 Adelsregierung un» Reichsfinanzen Abschluß— Kein überschuldetes Erbe— Keine Ausrede bei Mßwirtschast Das Reichsfinanzministerium veröffentlicht soeben den Rech- nungsabschluß für den Reichshaushalt 1931. In- folge der ungeheuren wirtschaftlichen Erschütterungen, die vor allem von der Bankenkrise im Juli vorigen Jahres ihren Ausgang nahmen, haben sich naturgemäß die Reichsfinanzen erheblich anders entwickelt, als im Haushalts plan vorgesehen war. Sowohl auf der Einnahmeseite als auch aus der Ausgabenseite weist daher der Rechnungsabschluß gegenüber den Voranschlägen erhebliche Unter- schiede auf. Auf der Einnahmeseile sind einerseits große Mindereinnahmen, andererseits aber auch be- trächtliche Mehreinnahmen zu verzeichnen. Die M i n d e r e i n- nahmen sind vor allem durch die Ausfälle bei den Steuern und Zöllen in Höhe von 382 Millionen entstanden, die eine automatische Folge der weiteren Verschlechterung der Wirt- schaftskrise sind. Außerdem hat das Reich einen planmäßigen Ein- nahmeausfall von 134 Millionen erlitten, weil der beabsichtigte Ver- kauf von Reichsbahnvorzugsaktien in diesem Umfange nicht durch- geführt werden konnte. Einschließlich einiger anderer kleinerer Posten ergeben sich insgesamt Mindereinnahmen von 552,8 Mil- nonen. Diesen Mindereinnahmen stehen jedoch Mehreinnah- m e n von 437,1 Millionen gegenüber, wovon 416,3 Millionen auf die Einnahmen aus der Münzprägung entfallen, Bei den Ausgaben finden in erster Linie die Mehraufwendungen ihren Niederschlag, die das Reich für die von der Krise besonders schwer betroffenen Wirt- schaftszweige machen mußte. So sind z. B. für die Sanierung der Banken 113,7 Millionen Ausgaben entstanden— die übrigens nur die erste Rate der Gesamtaufwendungen hierfür um- fassen—, ferner für die Landwirtschaft 110,4 Millionen, für die Siedlung 42 Millionen usw. Außerdem hat das Reich in Not geratene Länder mit Darlehen in Höhe von 85,4 Millionen unterstützen müssen. Insgesamt ergaben sich auf diese Weise Mehr- ausgaben von 479,4 Millionen, denen 137 Millionen Minder- ausgaben gegenüberstehen, wovon etwa die Hälfte auf den Reichsanteil an der Krisenfürsorge entfällt. Im Gesamtergebnis ist ein Fehlbetrag von 449,1 Millionen entstanden. Aber zu diesem Fehlbetrag ist es nur gekommen, well trotz aller unvorhersehbarer finanzieller Belastungen die vorgesehene g e s e tz- liche Tilgung der kurzfristigen Schulden mit 4 29 Millionen planmäßig durchgeführt worden ist. Hätte man, was vernünftig gewesen wäre, in dieser Notzeit auf diese Schuldentilgung verzichtet, so wäre damit der allergrößte Teil de? Fehlbetrages auch nicht in Erscheinung getreten. Infolgedessen ist auch der Stand der kurzfristigen Verschuldung des Reichs nahezu unverändert und von einer neuen Zerrüttung der Reichsfinanzen durch den neuen Fehlbetrag kann keine Rede sein. Zm Gegenteil hatte die Kossenlage des Reichs sich in den letzten Monaten fühlbar erleichtert. Die neue Regierung kann sich also nicht darauf berufen. dafz sie eine überschuldete finanzielle Erbschaft angetreten hätte. sondern es muß schon heute mit aller Klarheit festgestellt werden, daß alles, was auf dem Gebist der Reichsfinanzen sich in der Zukunft ereignen kann, unter die aus- schließliche Verantwortung der neuen Regierung fällt. Auch für das n ä ch st e Rechnungsjahr mußte bisher die Lage der Reichsfinanzen nach menschlichem Ermessen als gesichert gelten. Denn erst dem Reichshaushalt 1932 sollten die großen Mehr- einnahmen und-Ersparnisse infolge der Notverordnung vom 8. De- zember 1931 in vollem Umfange zugute kommen. Es wäre daher durchaus möglich gewesen, den Reichshaushalt 1932 ohne neue Ein- nahmen ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn auch aus diesem Gebiet die neue Regierung versagen sollte, so wird sie sich ganz allein dafür die Schuld zuschreiben müssen. Gewiß bleibt die Sanierung der Gemein definan- z e n nach wie vor das Kernproblem der deutschen Finanzpolitik, und die Sozialdemokratie hat ja seit Jahr und Tag immer wieder Wege zur Lösung dieses Problems gewiesen. Unter dem Druck dieser sozialdemokratischen Forderungen wollte endlich auch die Regierung Brüning in einer neuen Notverordnung die Sanierung der Ge- meinden durchführen. Daß sie das aber tun wollte, ohne das System der Sozialversicherung zu zerschlagen, ohne insbesondere die Arbeitslosenversicherung aufzuheben, das war mit eine Ursache für ihren Sturz durch die Kräfte der Rechten. An der Art und Weise, wie die neuen Männer dieses Problem lösen oder nicht lösen werden, wird die soziale Reaktion in allernächster Zeit ihr wahres Gesicht enthüllen müssen. Ein Blick in die Zahlungsbilanz. 4,6 Milliarden sind im Lahre 4934 aus Oeuifchland abgeflossen. Im 2. Maihest von„Wirtschaft und Statistik" veröffentlicht das Statistische Reichsamt die deutsche Zahlungsbilanz für das Jahr 1931 eine Veröffentlichung, der man nach den Ereignissen des ver- gangenen Jahres mit besonderem Interesse entgegensah. Gerade die Ereignisse, soweit sie Kapital- und Geldbewegungen über die Landesgrenzen nach sich zichen, werden in einer Zahlungsbilanz festgehalten. Denn ein« Zahlungsbilanz ist nicht wie die Bilanz einer Gesellschaft eine Vermögensaufstellung zu einein bestimmten Stichtag; sondern sie verzeichnet die Forderungen und Ber- pflichtungen einer Volkswirtschaft gegenüber allen anderen Volkswirtschaften, die während eines bestimnüen Zeitraums (hier also während des Jahres 1931) fällig geworden sind und tat- sächliche Zahlungen über die Landesgrenzen bewirkten. Es gehört zum Wesen der Zahlungsbilanz, daß sie stets ausgeglichen ist, so- lange die Währung fest bleibt. Die deutsche Zahlungsbilanz(in Milliarden Mark): Aus der Zahlungsbilanz für 1931 muß hervorgehen, wie hoch zahlenmäßig der Kapitalabzug durch die Julikatastrophe und durch die Kapitalslucht war und ferner, wie dies« Posten ans Ausland bezahlt wurden. Die ungeheure Schwierigkeit, die Gesamtheit der zahllosen Kapital- und Geldbewegungen im internationalen Verkehr statistisch zu erfassen, macht bis ins letzte genaue Angaben unmöglich. Die nachweisbaren Forderungen übersteigen im Jahre 1931 die nachweisbaren Verpflichtungen um 2,9 Milliarden Mark. Da sich die fälligen Forderungen und Verpflichtungen aber stets ausgleichen müssen, ist Kapital in dieser Höhe tatsächlich aus Deutsch- land abgeflossen. Dieser Betrag erklärt sich aus Abzichungen des Auslands, die nicht über die Vanken liefen, aus Erhöhung der Kre- dite, die die deutsche Wirtschost beim Export dem Auslande gewährte, und nicht zuletzt aus Kapitalflucht. Die deutschen Banken allein haben 1,9 Milliarden Mark Kapital verloren, so daß Deutschlands ganzerKopitaloerlustim Jahre 1931 sich auf 4.8 Milliarden Mark beläuft. An Reparationszahlungen wurden im Jahre 1931 eine Milliarde Mark geleistet. Zinszahlungen auf Auslands- kredite beliefen sich auf 1,6 Milliarden Mark. Weitaus wichtigster Aktivposten der deutschen Zahlungsbilanz ist der Ileberschuß aus dem Warenverkehr in Höhe von T8 Milliarden Mark, der allerdings in der Hauptsache auf einen Rückgang der Einfuhr zurück- geht. Der Ueberschuß der D i e n st l e i st u n g e n— in erster Linie aus Schiffsverkehr— betrug nur noch 199 Millionen Mark. Im langfristigen Kapitalverkehr übertraf die Ausnahme von Krediten und Anleihen die Tilgung und Rückzahlung um 89 Millionen Mark. Wenn auch die deutschen Banken den Abzug von ausländischen Krediten(1,9 Milliarden Mark) zum größten Teile durch Verminde- rung ihrer Auslandsreserven(um 1,7 Milliarden Mark) ausgleichen konnten, so war doch der Ausgleich der deutschen Zahlungsbilanz im Jahre 1931 nur dadurch möglich, daß die Reichsbank 1,7 Mil- liarden Mark ihrer Gold- und Devisenvorräte ver- kaufte. Die Währungsreserven müssen immer dann eingesetzt werden, wenn die fälligen Forderungen und Verpflichtungen sich nicht aus- gleichen. Die Stillhalteverträge haben verhindert, daß die Verpflichtungen in der deutschen Zahlungsbilanz so stark anstiegen, daß sie auch durch Hingabe der letzten Gold- und Devisenreserven nicht hätten gedeckt werden können. 4 Milliarde Dollar neue Steuern. Auch Sparmaßnahmen in Amerika. Im amerikanischen Senat wurde das neue Sieuerprogramm mit 72 gegen 11 Stimmen angenommen, das 1999 Millionen Dollar bringen soll. Die Unterschrist des Präsidenten wird vermutlich Ende dieser oder Anfang nächster Woche gegeben werden. Außerdem hat der Senat eine Resolution gefaßt, die gemäß einer von einer Unterkommi'ssion ausgearbeiteten Vorlage eine Herabsetzung aller Beamtengehälter um 19 Prozent vorsieht und zwar ohne Ausnahme. Damit ist der Haupffchritt zur Ausführung des Sparprogramms geschehen, dem eine Reduktion der Regierungs- ausgaben um 238 Millionen Dollar folgen soll, d. h. um denselben Betrag, wie die verschiedenen Kr iegsschuld; crhlu n gen ausmachen würden. Im übrigen ist vom Senat in das Steuerprogramm auch eine Bestimmung eingefügt worden, die«in« hundertprozentige Besteuerung aller Einkünfte aus Gesetzesübertretungen anordnet. Der Senat stimmte ferner einer Betriebs st off- und einer Umsatzsteuer zu. Wettwirtschaflskonferenz in London. Im Anschluß an eine Reihe telephonischer Besprechungen zwischen Macdonald und Stimson wurde der amerikanische Bot- schafter in London, Mellon, beauftragt, die Zustimmungserklärung der amerikanischen Regierung zur Einberufung einer Weltwirt- schaftskonferenz in London zu überreichen. Der Gedanke zur Ein- berufung einer internationalen Konferenz zwecks Prüfung der für eine Stabilisierung der Weltroh st oftpreise geeig- neten Mahnahmen wurde der Regierung der Vereinigten Staaten durch eine Anfrage des britischen Botschafters in Washington nahe- gelegt.__ Zündholzgewinne. Produktion und Absah der Deutschen Monopolgeseltschast gestiegen. Das Geschäftsjahr 1931 der Deutschen Zündwaren- Monopolgesellschast war das erste, das volle 12 Monate umfaßte(das Zündholzmonopol trat am 1. Juni 1939 in Kraft). Der Reingewinn ist mit 6,2 Millionen Mark im Vergleich zum Umsatz, der sich mit 18,3 Millionen Mark errechnen läßt, sehr hoch. Dieses günstige Ergebnis ist eine Folge des steigenden Absatzes, der eine zweimalige Erhöhung der Fabrikationsziffern ermöglichte. Der Grund für die Besserung liegt darin, daß die Vorräte des Handels aus der Vorversorgung vor Einführung des Monopols, besonders an russischen Zündhölzern, erschöpft sind. Die Monopolgesellschast konnte auch ihren von der Svenska Tändsticks A. B. erhaltenen Betriebskredit von 5 Mil- lionen Mark und ihren Bankkredit von 2 Millionen Mark zurückzahlen. Die Warenvorräte konnten von 6 auf 3,7 Mil- lionen Mark abgebaut werden. Von dem Reingewinn von 6,2 Millionen Mark erhalten die Aktionäre auf das Kapital von einer Million Mark(meist in schwedischen Händen) eine Dividende von 8 Proz.(also 89 000 Mark). Den Hauptteil des Reingewinns, nämlich 6,1 Mil- lionen Mark, erhält das Deutsche Reich, das davon einen Teil zur Tilgung der Zündholzanleihe verwendet. Hoher Verlust bei Ginger-Mhmaschinen. Großes Warenlager.— Weitere Betriebseinfchränkungen. Die Singer Nähmaschinen A.-G., Berlin, die Tochtergesellschaft des amerikanischen Weltunternehmens, schließt das Geschäftsjahr 1931 mit einem Verlust von 3,3 Millionen Mark ab, so daß sich mit dem Verlustvortrag aus dem Vorjahr ein Gesamtverlust von 4,3 Millionen Mark ergibt, der vorgetragen wird. Dieses ungünstige Ergebnis ist durch die große Arbeits- l o s i g k e i t verursacht, da die breiten Massen fast ausschließlich als Käufer von Nähmaschinen in Frage kommen. Da die Arbeitslosig- keit im laufenden Jahre nur wenig zurückgegangen ist, sind weitere Betriebseinschränkungen vorgenommen worden, zumal die Vorräte Ende 1931 mit 13,9 Millionen Mark noch sehr hoch waren. In guten Zeiten beschäftigte das Werk in Wittenberge (Elbe) etwa 11 999 Arbeiter und Angestellte. Im übrigen scheinen die Bilanzzahlen durch„Verrechnungen" mit der amerikanischen Dachgesellschaft stark beeinflußt zu sein. Die Forderungen find von 49,5 auf 25,9 Millionen Mark zurück- gegangen; allerdings ist unter den Passchen das Konto„Wertberichtigung der Außenstände" von 15,1 Millionen Mark aufgelöst war- den. Die lausenden Schulden der Gesellschaft werden jetzt mit 51,2 gegen 62,9 Millionen Mark im Vorjahr ausgewiesen, bei einem Kapital von 12,9 Millionen Mark. Schrumpfender Hafenverkehr. IahresdSticht der Berliner Hafen- und Lagerhaus A.-G Die Verschärfung der Krise hat den Berliner Hafenverkehr im letzten Jahr weiter sinken lassen. Nach dem Jahresbericht der B e h a l a ist der Gesamt-Gütereingang von reichlich 3,5 Millionen Tonnen im Jahre 1929 schon im folgenden Jahr auf 2,8 Millionen Tonnen und im Berichtsjahr bis auf knapp 2,25 Millionen Tonnen zurückgegangen. Auf die Behala-Betriebe entfielen hiervon im letzten Jahr rund 1,6 Millionen Tonnen. Die Gesamtleistung ver Betriebe, also neben dem Gütereingang auch der Ausgang und die Behandlung des eingelagerten Gutes erreichte einen Umfang von 2,36 Millionen Tonnen. Dieser geringe Rückgang hängt damit zusanimen, daß im ersten Halbjahr 1931 große Mengen von Ge- treibe eingelagert wurden, die mit fortschreitender Jahreszeit einer besonderen Behandlung bedurften. Die Gesellschaft schließt das Geschäftsjahr einschließlich Vortrag mit einem Reingewinn von knapp 119 699 Mark ab. Eine Dividende kommt nicht zur Verteilung. Im Vorjahr wurde aus einem Gewinn von 179 999 Mark eine Dividende von 6 Prozent ausgezahlt. 9,96 Milliard. Sparkasseneinlagen Ende April Ende April 1932 beliefen sich die Sparkasseneinlagen bei den deutschen Sparkassen auf 9955,84 Millionen gegen 9951,29 Millionen Ende März. Der Berichtsmonot weist mithin eine Zunahme um 4,64 Millionen auf gegenüber einer Abnahme um 36,57 Mil- lionen im März. Rückgang der� Konkurse und Vergleichsverfahren im via!. Nach Mitteilung des Statistischen Reichsamtes wurden im Monat Mai 1932 durch den„Reichsanzeiger" 739 neue Konckuvse(ohne die wegen Massemangels abgelehnten Anträge auf Konkurseröffnmig) und 627 eröffnete Vergleichsverfahren bekanntgegeben. Die ent- sprechenden Zahlen für den Vormonat betrugen 929 bzw. 742. RIoralorium für die Schwedische Zündholzgesellschast. In einem außerordentlichen Kronrat wurde beschlossen, der Schwedischen Zündholzgesellschaft des Kreuger-Konzerns ein Moratorium bis Ende August 1932 zu gewähren. Während dieser Zeit soll die Ge- sellschaft von drei Administratoren verwaltet werden. Staatliche Regelung der Direklorengehälter in Polen? Die pol- nische Regierung kündigt an, daß in nächster Zeit eine Verordnung des Staatspräsidenten über Einkünfte der Mitglieder von Vor- stands- und Aussichtsräten in den Großunternehmungen von In- dustri« und Handel auf«in bestimmtes Höchstmaß beschränken wird. Auch die Gehälter der leitenden Direktaren in der Privat- industrie sollen durch diese Verordnungen herabgesetzt werden. 6EM0 Die Zeilverhällnisse verlangen billige Artikel. Mouson iGCMoShampOO Vf 4 igimo Rasiercreme bringt sie in den hochwertigen Igemo-Erzeugnissen. Ver- T&j igcmo Toiletteseife 73� /gsmo Rasiercreme langen Sie bei Ihrem Händler Igemo- Artikel und achten 23� /gemo Hautcreme SOj igemo Rasierseife Sie auf die blau-rote Packung. Igemo bedeutet wahrhafte 30� igemo Hautcreme 73� igemo Rasierseife Qualität und Billigkeit» SOj joemo Zahnpaste Irn igemo Mundwasser „Wenlgllem Oileine Skiss�e aus dem- Drei Mädchen und eine Chefin. Es war ein Sonntag und der letzte Ausstellungstag. Manch- mal für Viertel- und chalbeftunden drängte sich durch die Gänge der Ausstellungshallen tatsächlich eine dichte Menschenmenge, dann standen die drei Mädchen, die den kleinen Geschenkartikel, Stück SO Pfennig, verkauften, wie in einer heftigen Brandung und wurden von ihr erbarmungslos hin- und hergerissen. Hinter ihnen in der vorderen Ecke einer Koje, deren ganzen übrigen Raum eine Firma für moderne Küchenbehelfe gemietet hatte, war ihr Tisch aufgebaut. Die Chefin dieser Firma, da auch mit einigen Prozenten am Geschenkartikel beteiligt, führte Aufsicht über die drei. Der«igent- liche Chef kam erst abends zur Abrechnung. Die Mädchen waren übrigens alle nur auf Provision engagiert, deshalb hatte jede ihren eigenen Karton, dem sie die Ware zum Verkauf entnahm. Sie machten mißmutige Gesichter. Wenn das so weiterging, hatten sie sich heute, am letzten Tage, so gut wie umsonst geplagt. Morgen sollten sie nochmal bei einem Modentee mit 4 Mark Fixum arbeiten, dann war wieder der Verdienst zu Ende. Man muhte weitersehen. Frau Ewers— sie war sozusagen der Star unter den Kalle- ginnen, hatte die besten Losungen— machte ein paar Schritte auf die Chefin zu:„Sie erlauben wohl, daß ich'n Moment in die Kantine gehe?"— Frau Ewers klappte ihren Karton zu und ging eilig; wendet sich noch mal:„Paßt'n bißchen auf mein' Karton auf!" ruft sie den beiden zurückbleibenden Kolleginnen zu.„Ja, ja", sagen die, aber es dringt kaum ins Bewußtsein, was die andere ihnen da eben aufgetragen hat. Ein Karton fällt zu Boden. Ausstellungsbesucher gehen an ihnen vorüber und sie ratschen weiter wie seit Stunden ihre Litanei herunter, immer von neuem.— Auf einmal stehen sie wieder mitten in einem stark bewegten Strom, werden hin- und hergeschoben und von dem Tisch mit ihrer Ware entfernt. Das Publikum drängt an dem Tisch mit den Kartons vorüber. Einer wird heruntergefegt, geht auf, die Ware liegt ver- streut auf dem Boden; lauter kleine bunt bedruckte Schächtelchen, sehen aus wie die Probepackungen irgendeines kosmetischen Erzeug- nisses. Ja. ganz genau so! Die Jungenklasse einer Fortbildungsschule kommt vorüber. Sie sehen das Zeug auf dem Boden liegen und heben es auf. Ach, es hat Retlame geregnet! Sie stecken die kleinen Päckchen in die Tasche. Es ist wieder Ebbe eingetreten. Nur einzelne Besucher schien- dern durch den Gang. Das kleine Fräulein Thomas kommt an den Tisch zurück. Sie sieht den Karton auf der Erde, Frau Ewers' Karton. Zwei Packungen liegen noch daneben, sonst ist alles fort. Plötzlich, im Moment, spürt sie einen geradezu körperlichen, heftigen Schmerz.„Mein Gott, sie hätte sich doch mal umsehen sollen!" Sie ist genau so schrecklich beängstigt wie in ihrer Kinderzeit, wenn sie in der Schule etwas versehen hatte.— Daß die dumme Person aber auch so lange in der Kantine bleiben mußte, denkt sie dazwischen wütend und versucht sich mit diesem Gedanken gegen ihre immer größer werdende Angst und ihr etwas schlechtes Gewissen zu wehren. Die Gedanken fliegen so rasch. Es ist vielleicht erst der vierte Teil einer Minute oergangen seit sie dasteht. Der Karton liegt noch immer auf der Erde. Auf einmal fängt sie an zu schreien, schlägt Lärm, daß Frau Ewers' Karton auf der Erde liegt und die Ware verschwunden. Sie ist furchtbar aufgeregt und spricht ganz atemlos. Dazwischen denkt sie gequält:„Ach, hätte ich doch bloß, bloß aufgepaßt!" Fräulein Heller, ihre zweite Kollegin, kommt, sieht das Unglück. Frau» Ewers' Karton? Ihr Gesicht bekommt einen desinteressierten Ausdruck. Nur nicht sich um fremder Leute Sachen scheren!» „Beruhigen Sie sich doch,'s ist doch gar nicht ihr Karton!" sagen die Kollegen von den„Küchenbehelfen". Aber das kleine Fräulein Thomas wird �ur immer aufgeregter. So übertrieben ist sie in ihrer Reue und in ihren Selbstvorwürfen, daß es ihr gar nicht einmal einfällt, daß ihre Kollegin, Fräulein Heller, ja auch da war, auch hätte auf den Tisch aufpassen müssen. Nein, das kommt ihr gar nicht in den Sinn! Die Chefin kommt, um zu sehen, was denn da los ist. Fräu- lein Thomas überfällt sie und fängt gleich an das ganze Unglück auseinanderzusetzen. Die Chefin ist nur zum kleinsten Teil Mit- beteiligte. Maßgebend ist der andere, der Chef, der abends mit den Mädchen abrechnet.„Wozu regen Sie sich denn so auf?" sagt sie etwas peinlich berührt. Sie, die Chefin, darf sich da um keinen Preis jetzt zu irgendeiner, wenn auch noch so unbedeutenden, aber irgendwie verbindlichen Aeußerung hinreißen lassen; und nachher kommt dann weiß Gott was... Nein!—„Ja, ich kann da wirklich nichts sagen," zieht sie sich glatt und kühl zurück. Die Angestellten von den„Küchenbehelfen" sehen das als Signal an und gehen einer nach dem anderen an ihre Beschäftigung zurück. Fräulein Thomas steht allein da. Keiner von denen hat ihr die nagende Angst genommen. Fräulein Heller promeniert schon seit einer ganzen Zeit wieder mitten im Gang hin und her und wirbt Kunden lächelnd und höflich, als wäre nichts geschehen. Was soll sie nun tun? Sie fängt auch wieder an, ihre Litanei herzusagen. Frau Ewers kommt den Gang herunter. Lang genug war die fortgeblieben! Fräulein Thomas bricht mitten im Satz die Crklä- rung ab, die sie einer Kundin gibt, läßt sie stehen und läuft auf Frau Ewers zu, voll erregter Worte. Die hört die Geschichte voll- kommen ruhig an. Sie war eine halbe Stunde in der Kantine, das ist ihr gutes Recht! Was geht sie das an, wenn während der Zeit Ware verschwunden ist! Sie ist der Star unter ihren Kolleginnen und daher voll selbstsicherer Ruhe.— Abgesehen davon— natürlich wäre es ihr unangenehm, wenn sie dos Fehlende bezahlen müßte. Mer warum vollführt die Thomas deswegen ein so gräßliches Getue!„Im Moment ist ja daran gar nichts mehr zu ändern" bricht sie mit kühler Miene ab und geht an ihre Arbeit. Eigentlich hat nun das kleine Fräulein Thomas für ihr Teil wirklich keine Ursache mehr, sich weiter zu beunruhigen. Aber was nützt das? Sie ist nun eben so sehr übertrieben, darum quält sie sich trotzdem weiter. Die Totlettenfrau erzählt. Sie ist recht auffallend in ihrer Zerfahrenheit.— Selbst der Toilettenfrau, die zur Erholung etwas in dem Gang vor chrer Türe steht, fällt es auf. Die ist eine Schwägerin, deshalb rückt sie auch gleich damit heraus wie ihr die Chefin für einen Moment in die Nähe kommt.„Was hat denn die kleine Thomas heute, die ist ja so aufjerecht?" Die Chefin schweigt. Sich aus der Sache halten, denkt sie. Aber die Toilettenfrau muß das Thema weiterspinnen: „Die is überhaupt'n bißchen komisch; da kommt sie immer ganz rasch mal zu mir rin und knöpt sich das Jeld ins Taschentuch. Damit ihr nischt wechkommt, sagt se! Heut och wieder!" Die Chefin schaut sie an.„Mein Wort, das tut fe," beteuert die Frau. ,F>m— recht haben66 Sehen/'Von 3)agnmr Sperk hm" macht die Chefin und läßt sie stehen. Die Toilettenfrau geht zurück hinter ihre Türe. Frau Ewers kommt sich„bißchen die Haare richten".„Sie fag'n Se mal, was is denn mit eurer kleinen Thomas heut'?" fängt die Alte wieder an, und erzählt gleich noch einmal die ganze Ge- schichte vom Geld ins Taschentuch knüpfen. So, so, denkt die Ewers, komisch, wie die sich auch wegen der verschwundenen Ware aufgeregt hat. Bisher getrennte Gedanken verknüpfen sich ganz unerklärlich in ihrem Innern. Sie denkt es noch nicht in festen klaren Worten, nein, sie hat nur jetzt einen Gedanken, den sie vorher nicht hatje. Aehnlich geht es der Chefin. Nach einer halben Stunde hat die einen Satz im Kopf, der hieß:„Sollte die kleine Thomas etwa die Ware für eigene Rechnung... und..." Das weitere bleibt vor- läufig noch in einem ungewissen Nebel. „Besser ist jedenfalls, ich mache den Chef darauf aufmerksam, soll er dann tun, was er meint." Der Herr Chef in Person. Etwas nach �8 Uhr kommt er. Die Mädchen sind müde vom langen Stehen. Fräulein Thomas brennt das Gewissen:„Ja, warum Hab ich bloß..." Die Chefin hat ihren sozusagen Kom- pagnon beiseite genommen und spricht mit ihm. Frau Ewers wird' von den beiden herangerufen. Fräulein Thomas zittern die Knie. Natürlich wird der Chef mir ejnen Krach machen!— Jetzt kam er auf sie zu.— Mein Gott, wie ihr die Hände flogen!„Kommen Sie bitte mal her, Fräulein Thomas! Sagen Sie, wie ist das denn mit der Ware, die noch in dem Karton... die Toilettenfrau...". Das kleine Fräulein Thomas starrt und zittert.„Was?— Ich soll?... das ist ja unerhört, mir so etwas...!" Sie spricht nicht, sie kreischt geradezu.„Vor allen Dingen schreien Sie hier nicht! Wer ein gutes Gewissen hat, mein liebes Fräulein Thomas, das..." foltert sie der Chef weiter.„Oh, und wie sehr recht hatte ich mit meiner Angst" denkt sie schmerzlich befriedigt, fast von einer Art Genugtuung erfüllt, mitten in der furchtbaren Pein dieser Charles Tüdrac: �1*13,11111 Seit etwa«wer halben Stunde fuhr unser Zug mit großer Geschwindigkeit durch eine öde, vom Regen verwaschene Landschaft. Keine Felder, fast keine Dörfer. Plötzlich änderte sich das Tempo, der Zug fuhr langsamer und bald knirschten die Bremsen: er hielt an. Ich beulte mich zum Fenster meines Abteils hinaus, um zu sehen, was es gebe. Weder eine Station, noch irgendwelche Arbeiter auf der Strecke. Der Zug war gerade im Begriff, über eine Brücke zu fahren und blieb nun oben stehen. Zdie Eisenbahnbrücke führt über«in tiefes, enges'Tal. Mein Wagen hielt gerade über dem Wasser. Das Wasser füllte die Ufer bis zum Rande und floß zwischen rauhen Gräsern, die eine Reihe von Pappeln begrenzte, und den hohen Felswänden hindurch, die unser Viadukt überquerte. Der Wolkenhimmel und der dauernde Regen erfüllten das Tal mit einer atembeklemmenden Schwermut. Zwei Kilometer ström- abwärts verschwand das Tal in einer Biegung; man sah, daß sich der Fluß gabelte und in einer grünen Blätterwirrnis verlor. Nicht ein Haus stand an den Ufern. Auch keins oben auf den Felsen. Da ich allein im Abteil war, ging ich an die andere Tür, um dort hinauszusehen. Hier war alles noch enger und die Landschaft noch düsterer, denn der Fluß war auf dieser Seite breiter, und Regen, der grau auf rasch hinströmendes Wasser und hochstehende Gräser niederfällt, hat in mir von jeher ein unüberwindliches Angst- gefühl hervorgerufen. Auch auf dieser Seite nicht eine menschliche Behausung, nicht ein menschliches Wesen. Eben wollte ich mich fröstelnd an meinen Platz zurückbegeben, als ich, halb vom Schilf- rohr verdeckt, ein Kind entdeckte, das am Ufer angelte. Plötzlich schien mir alles verändert, und ich blieb. Alles glättete sich und wurde freundlicher in dieser Landschaft, w der ein Kind, ganz allein, ruhig am Rande des Wassers einen Fisch zu angeln versuchte. Der Regen, der es nicht ängstigte, der kalte Regen aus dem Wasser, weckte jetzt die Erinnerung an«in Lied in mir: Der Regen, der Regen macht alles ganz weich, Die Frösche, die Frösche, die freu'n sich im Teich... Was dieses Kind ganz allein? Wo war sein Haus, sein Dorf? Vielleicht dort unten, hinter den Weiden? Ich nahm mein Fern- glas, um die Ufer abzusuchen, konnte aber nichts entdecken und richtete meine Blicke wieder auf den kleinen Fischer. Ich sah ihn nun so deutlich, als wäre ich nur einige Schritte von ihm entfernt, dort zwischen dem vom Winde niedergeknickten Schilfrohr und den regennassen Gräsern. Er mochte kaum mehr als zehn Jahre alt sein. Mit großer Freude betrachtete ich sein Gesicht, das kindlichen Eifer verriet. Starkes helles Haar quoll unter seiner alten Mütze hervor. Mit vorgeschobenem Kinn, zusammengezogenen Augenbrauen, geöffneten Lippen folgte das Kind seiner Angel aus der Strömung und beugte sich mit weit ausgestreckrem Arm vor, um ihr so viel als möglich Spielraum zu lassen. Als sie nicht weiter trieb, zog er sie mit einem Ruck zurück, um sie nach der entgegengesetzten Seit« auszuwerfen, wobei er die kurze Pause benutzte, um Luft zu schnappen. Er hob den Kopf, zog die Nase kraus und wischte sich mit dem Handrücken die Backe ab, auf d«r die Wassertropfen standen. Er war von oben bis unten durchnäht. Seine Leinenjacke klebte fest an seinem Körper. Aber daran schien er nicht zu denken. Seine Angel verfing sich in den Gräsern am Ufer. Er zog nach allen Richtungen, riß sie hin und her und geriet in einen solchen Zorn, daß die Angelrute zerbrach. Da sah ich, wie er versuchte, den Stöpsel, der anscheinend vor ihm auf dem Wasser trieb, mit dem Angelstrock zurückzuholen. Er konnte ihn aber nicht erreichen. Jetzt sprang er auf einen Stein, der auf der Oberfläche des Wassers schwamm, stellte sich aus die Fußspitzen, legte einen Arm auf den Rücken und str«cht« den andern mit dem Angelstock so weit als nur möglich vor... Von diesem Augenblick an schaute ich nicht mehr zu meinem V«rgnügen hin. Ich sah ganz deutlich, wie er das Gleichgewicht verlor, einen Augenblick auf einem Fuß balancierte und dann, mit geöffneten Händen, ins Wasser stürzte. Ein Aufspritzen, ein leichter Wellen- schlag— und nur noch der Angelstock trieb auf der Strömung. Ich riß mein Fernglas herunter schrie laut auf, ohne mein« Augen von der Stelle abwenden zu können, die plötzlich wieder in ihre wirkliche Entfernung gerückt war— unerreichbar in dieser Landschaft, erbarmungslos öde... Ich schrie, aber nicht mehr laut. Die benachbarten Abtelle waren leer, und wegen des heftigen Windes waren nur wenige Szene, nicht erkennend, daß erst ihre übertriebene Angst das Miß- trauen der anderen weckte.„Oh, wie recht hatte ich!" Das ist Trost, Stütze, neuer Mut, alles in einem! Die beiden anderen sind inzwischen mit ihrer Abrechnung fertig geworden. Das Ganze da quält sie unerträglich. Vielleicht sind sie irgendwie mitschuldig, daß jetzt dies hier geschieht. Nein, das wollten sie gewiß nicht. Fräulein Heller möchte etwas sagen, irgend etwas, um die Kollegin zu verteidigen. Sie will nicht mehr klug und desinteressiert danebenstehen. Aber sie schweigt und die Sekunden vergehen. Es ist da nämlich etwas, das sie am Ende davon abhält, zu reden: 4 Mark Fixum, die für den kommenden Tag in Aussicht stehen. Der Chef hat es inzwischen bis zum äußersten getrieben... Leibesvisitation!„Jetzt ist der Person natürlich nichts mehr nach- zuweisen!" Er wendet sich den beiden anderen zu, nimmt ihnen die Abrech- nung ab„... Ja, und morgen könnt ihr also nochmal bei dem Modentee arbeiten, 4 Mark.— Zieht euch n nettes Seidenkleid an und bißchen hübsch die Haare, so ganz vornehm, ganz ladylike.— Also um VA Uhr." Zwei Mädchen machen sich Gedanken. Für heute sind sie entlassen. Die beiden Mädchen gehen, ein großes Stück hinter ihnen her das kleine Fräulein Thomas. Die zwei da vor ihr schweigen.— Ladylike sollen sie sich für morgen machen, denken sie, ganz vornehm, ja. für morgen! Was tuts, daß sie heute ihrer Kollegin gegenüber nicht einmal einfach mensch- lich waren, sie nicht verteidigen, weil morgen sonst vielleicht zwei andere...— In ihrem Innern bohrt quälend die Ironie dieses „Morgen ganz ladylike", erst morgen, heute sind sie noch weit davon entfernt, nicht einmal anständig. Ein paar arme Teufel, die bedacht sein müssen um keinen Preis, den noch winkenden Verdienst zu verlieren! Ja, das ist es: sie mußten bedacht sein um keinen Preis... Sie waren gezwungen. Ja, und dieser Zwang rechtfertigt auch ihre Handlungsweise!... So wie kaum eine halbe Stunde vor- her das kleine Fräulein Thomas, nur in anderem Zusammenhang, erfüllt jetzt sie die Vorstellung,„recht zu haben", mit schmerzlicher Befriedigung und gibt ihnen ihr Gleichgewicht zurück. Ja, wenn nichts, nichts anderes bleibt, ach, dann muß man wenigstens dieses eine Argument, diese letzte Stütze:„das Recht" für sich haben, sei's auch nur, daß man sich's vortäuscht. Fenster geöffnet. Ein einziger Mitreisender erschien. Ich wies mit den Armen nach dem Flusse hin, gegen den Wind redend: „Ein Kind ist eben ins Wasser gefallen!" Der Mitreisende verstand nicht. Er bemühte sich offenbar nur, zu entdecken, was ich ihm Interessantes zu zeigen hätte. Im gleichen Augenblick kam mir der Gedanke, die Alarmglock« zu ziehen, aüs dem Zuge zu springen, den Zugführer zu rufen. Aber ich tat nichts dergleichen, und es wäre ja auch zwecklos ge- wesen. Die kleinste Ueberlegung brachte es mir zum Bewußtsein. Ich wußte ja, daß wir, in bedeutender Höhe über dem Tal, festgeklemmt waren. Wir waren ein Zug. Wir hatten ebenso wenig ein Recht auf das Leben dieses Ortes wie auf das irgendeines andern Teils der Fahrstrecke. Sogar der eben empfundene Schmerz kam mir nicht zu. Ich gehörte zum Eisenbahnmaterial, dessen Ballast, Schienen, Mechanik bei der Abfahrt und der Ankunft die gleichen sind, eine vermittelnde, in sich geschlossene Welt, die die Menschen während der Zeit, in der sie von einem Ort zum andern befördert werden, von der übrigen Mitwelt trennt. Ueberdies setzte sich der Zug jetzt wieder in Bewegung, und ich blieb nur wie erstarrt am Wagenfenster stehen. So fuhr ich weiter, während der Regen mir ins Gesicht peitschte. Die nächste Station war noch weit, und ich sah, ehe wir sie er- reichten, noch viele Landschaften, kleine Bahnhöie, Häuser, wo ganz andere Dinge vor sich gingen... L�utorisierts Uebersetzunq aus dem Französischen von Lina Frender.) 0aiii Sech; Kerstinen für fthino*' i Von Deinem Mädchenkleid blieb lange noch im Laub ein Streifen Rot zurück und schien im Flimmer der frühen Mondnacht wie der Blütenstaub von einem Schmetterlmg. Und hinter Dir war immer der Wind ein wenig wilder und vergaß Dich erst in dem Geröll der dunklen Zimmer. Und Dein Gesicht war manchmal wie aus Glas so aufgeglänzt und spiegelte die Dinge, die Deine Seele aufgetrunken schon besaß, verhundertfacht und zog die Silberschlinge noch enger um mein schüchternes Gefühl. Und wie«in Gipfel, den ich nie bezwinge mit meiner Ohnmacht, sah Dein Blick so kühl aus mich herab. Der Tau rann von den Bäumen und in den Straßen voller Lärmgewühl ' blieb nur Erinnerung: von Dir zu träumen. II Und als die Nächte sich zum Tag verflachten im Räderlärm und langen Lichtkanälen und jedes Grün im Park zuschanden machlen für das Geheul der Spindeln in den dumpfen Sälen: kamst Du ins Flüstern mit dem schmalen Schatten der Steinfigur und sahst die Flächen sich vermählen mit Deinem Leib, bis sie Dich aufgesogen hatten und Dein Gesicht so leise sich bewegte. wie die verschlafene Röte der Rabatten. Und als der Duft sich zart um meine Schläfen legt« und die Geräusch« schon entfernter klangen, wie wenn der Regen sie in eine große Leere fegte: umklirrten mich nicht mehr die Gitterstangen und in den Kesseln froren die gespannten Gewalten der Fabrik. Ich sah die langen Alleen menschenschwarz im Marsch der Musikamen. •) Aus Paul Zech:„Terzinen für Thmo", Di« Blaue Reih� Band 3, Verlag die Rabenpresse(Preis 30 Pf.). 4