BERLIN Sonnabend 18. Zum 1932 10 Pf. 7lr. 284 B 142 49. Jahrgang Erschetntlägltch außer Sonntage. Zugleich Abendausgabe des �Vorwärts' Bezugspreis für beide Ausgaben To Pf. pro Woche. 3,25 M. pro Mona! (davon 87 Pf. monatlich iur Zustellung ine Haus) im voraus »ablbar. Postbezug 3,97 M. einschließlich KV Pf. Postzeitungs« und 72 Pf. Postbestellgebüdren. fflbwarfa itn,elgen»rcl«>£tc clnfealttgt QJillllmcttritÜt 30 Tf, Dtrflamrjcile 2.— M. Ermäßigungen nach Tarif. Doftsciiecklonlo: Borwärts-Deriag G. m. b. H., Berlin Rr. Z7 SZK.- Der Verlag bchäll üch das Recht der Adicdnung nicht grnedmcr Anzeigen aar' Redaktion und Erredttton! Berlin SWM, LindenNr l> KernfKrecher: Döndaff(A 7) 292—297 Schwindel derMaktion entlarvt Die Wahrheit über den Neichshaushalt „Wir wissen, dah man troh Renkenkürzung und neuer Steuern sehr wahrscheinlich mik der Ausnahme eines lleberbrülkungskredits für Zuli und einer Vermehrung der schwebenden Schuld des Reiches rechnen muh. nur um die Kassenlage zu halten!" „Deutsche Bergwerkszeitung", lö. Juni 1932. Die Notoerordnungen des Kabinetts Brüning entsprachen nicht unseren Wünschen. Aber mit ihnen wurde durch mehr- malige schmerzhafte Opfer, die die breiten Massen aus Staats- Interesse ertragen, der Reichshaushalt ausbalanciert. Darüber hat in den Tagen, da das Kabinett Brüning gestürzt wurde, die Haushaltsabtcilung des Reichssinanzministeriums einen ausführlichen Bericht erstattei. Am 1. Juni 1932 verschickte der damalige Direktor der Haushaltsabteilung im Reichsfinailzministerium, Graf Schwerin von Krosigk, den Abschluß der Bücher der Reichshauptkasse für das Rechnungsjahr 1931. Der Jahresabschluß der Reichshauptkasse per 31. März 1931 ergibt eine schwebende Schuld, also einen Gesamtfehl- betrag von 1ti99 Millionen Mark gegenüber 1523 Millionen Mark für 1930. Dazu erklärte die Haushaltsabteilung des Reichsfinanzministeriunis: „Bei der Beurteilung des im Jahre 1931 entstandenen Fehl- betrages des ordentlichen Haushalts ist zu berücksichtigen, daß er init 134 Millionen Mark dadurch entstanden ist, daß Reichsbankvorzugsaktien in weit höherem Rennbctrage nicht verkaust worden sind, diese Werte also dem Reich erhallen geblieben sind. Es ist weiter zu berücksichtigen, daß im Rechnungsjahr 1S31 trog der überaus schweren Wirtschastskrisis neben der regelmäßigen Tilgung der fundierten Schuld in Höhe von über 230 Millionen Mark 420 Millionen Mark schwebende Schulden getilgt worden sind, also ein Betrag, der ungefähr dem neu entstandenen Fehlbeträge entspricht. Der Schuldenstand«vor demgemäß am Ende des vergangenen Rechnungsjahres nicht höher als zu dessen Beginn." Was für Gefühle muß der neue Herr Finanzminister haben, wenn er heute als Kommentar zu der von ihm mit ausgearbeiteten Elendsverordnung liest, zum Beispiel in der „Berliner B ö r s e n z e i t u n g",„daß sie bezwecke, das drohende Kassenchaos zu beseitigen, das das Kabinett von Papen als Erbe der Regierung Brüning übernommen hat". Der„Berliner L o k a l- A n z e> g e r"'„Die Defizit» Wirtschaft ist ein besonderes Charakteristikum der Aera Brüning- Dietrich gewesen. Aber das schlimmste war, daß aus dem bilanz- mäßigen Defizit ein regelrechter K a s s e n f e h l b e t r a g, ein Kassenchaos, zu werden drohte." In der reaktionären Provinzpresse geht es noch saftiger zu. Die„S ch l e s i s ch e Zeitung" zum Beispiel schreibt, daß die Regierung Brüning eine Finanzlage zurückgelassen habe, die den sofortigen Zusammenbruch von Reich, Ländern und Ge- ineinden herbeigeführt hätte, inenn nicht die Reichsregierung von Papen mit der neuen Elendsverordnung sofort eingegriffen hätte. Und die Fachpresse des deutschen Unternehmertums, wie zum Beispiel die „Deutsche Bergwerks-Zeitung" meint sogar, daß jetzt die Regierung von Papen nur das Testament des Kabinetts Brüning vollstreckt und kündigt zugleich eine Vermehrung der schwebenden Schuld des Reiches an. Alle diese Behauptungen der mit der derzeitigen Regierung sympathisierenden Zeitungen sind Ohrfeigen für den neuen Rcirhssinanzministcr. Noch vor vierzehn Tagen hat er der gesamten deut- schen Presse den Jahresabschluß der Reichshauptkasse für das abgelaufene Rechnungsjahr mit genauen Erläute- r u n g e n vorgelegt und ausdrücklich betont, daß es g e- lungensei, dieKassenlageaufdemStandvon 1930 zu halten und eine Verschlechterung zu verhüten. Ueber die Einzelheiten, wie das möglich war. braucht heute nicht mehr gestritten zu werden, da feststeht, daß es zuerst die Opfer der breiten Massen gewesen sind, die jenes Resultat er- Neuer Austakt zum Bürgerkrieg. -150 Nationalanarchisten gegen 55 Republikaner. An der Ecke Goethe- und Schlüter st rahe in Charlotte n b u r g wurde am Zreilag abend kurz noch 10 Uhr eine Gruppe von 35 Reichsbannerleuten von elwa 150 SA.-Leulen überfallen. Troh der vielfachen zahlenmäßigen Ueberlegenheit wehrte sich die kleine Gruppe Reichsbanner erfolgreich. Leider sind bei dem Handgemenge ein Reichsbannerkamerad schwer und drei weitere leicht verletzt worden. Gestern abend hatte das Reichsbonner in der Pestalozzistraße einen Turnabend, und zur gleichen Zeit hielt die Sozia- listische Arbeiter-Jugend einen Heimabend in der G o e t h e st r a ß e ab. Es war vereinbart worden, daß nach Schluß der Turnstunde die Reichsbannerkameradcn die Jugendgenossen nach Hause begleiten sollten, da in letzter Zeil wiederholt Razislrolche über die wehrlosen Jugendlichen hergefallen waren. Als sich die Reichsbannerlcutc mit den jungen Genossen aus den Heimweg machen wollten, vertraten ihnen etwa 150 CA.- Leute, die fast ausnahmslos Uniform trugen, den Weg. Gleichzeitig wurden aus der S A.- Ä n e i p c in der Goethestraße mehrere Dutzend Stühle aus die Straße gereicht. Mehrere Nazis zerbrachen die Stühle und reichten ihren SA.-Mordkumpanen die herausgebrochenen Stuhlbeine, Lehnen usw., mit denen sie aus dos Reichsbanner und die Iugendgenossen einschlugen. Kamerad Grünberg mußte mit schweren Gesichtsoerletzungen zur nächsten Rettungsstelle gebracht werden. Außerdem wurden leicht verletzt die Kameraden Richter, Woitschek und Kuhn. Dem Käme- roden Grünberg wurde von der nationalsozialistischen Bande das Fahrrod gestohlen, und mehreren anderen Kameraden wurden die Taschen mit dem Turnzeug entwendet. Als das Uebersallkommando, das vom Reichsbanner gerufen morden war, in der Gocthestraße eintraf, besaßen die National- sozialisten, die sich in offensichtlicher sechsfacher Uebermacht befunden hotten, die unglaubliche Unverschämtheil, zu behauplen, das Reichsbanner hätte das Lokal demoliert. Drei Nazis wurden festgenommen. Vier Reichsbannerlcute stellten sich als Zeugen zur Verfügung, wurden auf der Politischen Polizei allerdings behandelt, als wenn sie zwangsgestellt seien. Inzwischen sind die Nazis wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Ausgesprochenen Straßenterror— also bereit? eine deutliche Form des Bürgerkriegs— übten die Terroristen vom Hakenkreuz gestern in Neukölln am H e r m a n n p l a tz und in der Urban- und Kaiser-Friedrich-Straße aus. Offenbar auf Grund von vorherigen Abreden und ergangenen „Befehlen"„kämmten" sie in Gruppen von 15 bis 20 Uni- formierten die Straßen nach Republikanern ab. Wenn die Polizei austauchte, verschwand die Bande in ihren Kneipen. In der Kaiser-Friedrich-Straße wurden drei junge Leute, offenbar Kommunisten, von 15 uniformierten Nazis nieder- geschlagen. Als das Uebersallkommando erschien, wurde» nicht etwa die Täter, sondern die Ueberfallenen fest- genommen. Der Führer der SA. stand nämlich beim Er- scheinen der Polizei„stramm" und erklärte, die drei hätten den Ucberfall inszeniert. An diesen beiden Fällen ist klar zu erkennen, daß die SA. von höherer Stelle Anweisung hat, in jedem Falle den Gegner des Ueberfalls zu bezichtigen. Man braucht ein Alibi zur ungehinderte» Ausübung des legalisierten Mordterrors. Die Republikaner werden diesen„Anordnungen" durch entsprechende Maßnahmen zu begegnen wissen. Oer Kampf um Hessen Massenkundgebung der Sozialdemokratie D a r m st a d t, 18. Juni. sEigenbericht.) Am Freitagabend fand die Reihe der großen Parleikund- gebungen zur Hessenwahl mit einer Riesendemonstralion der Sozial- demokratischen Partei in Dormsladl ihr Ende. Der mit dem neuen Symbol der Eisernen Front, den drei Pfeilen, und dem Kampfruf „Frelheil" durchgeführte Wahlkamps zeig» unverkennbar ein stim- mungsmäßiges Zurückweichen des Hakenkreuzes. Eine schwer zu schildernde Begeisterung hat die Riasse der Arbeiterschaft ersaßt im Kamps gegen die drohende Versklavung. Den Reden des Reichstagspräsidenten L ö b e, des Staatspräsi- denten Adelung, des Führers der Sozialistischen Arbeiterjugend O l l e n h a u e r und des Berliner Reichsbannerführers Dr. Hau- b a ch folgten hingerissen die 20 000 Menschen, die nicht erst, wie zwei Tage vorher, in der Hitler-Versammlung van weit her herangeholt werden mußten, sondern lediglich, abgesehen von kleineren Abord- reichten. Aber festgestellt muß werden, daß die neue Elends- Verordnung nicht aus dem Jahresabschluß des Reichshaus- Halts für 1931 erklärt und begründet werden kann, sondern verfaßt wurde, weil der Reaktion die Gelegenheit günstig erschien, ihre Wünsche zu der- wirklichen. Die Schutztruppe für diese Maßnahmen hat als Gegenleistung dafür das Recht auf eine neue Uniform bekommen. Ein Irrtum wird es bleiben, daß das Volk stillhalten und zahlen werde. Die Reichstagswahl wird eine fürchterliche Ab- rechnung sein Der Reichstag wurde aufgelöst, weil er angeblich nicht niehr der Meinung des Volkes entsprach. Die breiten Massen werden ihre Meinung deutlich sagen! Kurt Heinig. nungen der nächsten Umgebung, aus Darmstadt selbst stammten. Der aus unzähligen Sondergruppen mit Transparenten und symbolisch belebten Wagen bestehende Fackelzug von 10 000 Teilnehmern stellte einen Aufzug dar, der den Hitlers weit übertrumpfte. Die von weiteren 20 000 Zuschauern gefüllten Durchmarschstraßen Darm- stadts hallten bis lang nach Mitternacht von F r e i h e i t s r u j e n w id e r. Reichstagspräsident Löbe gab Hitler die gebührende 2l»t- wort, nicht nur auf das, was Hitler gesagt, sondern auch aus das, worüber er geschwiegen hatte, so insbesondere von der neuesten N o t v e r o rd n u n g. Wenn Hitler jetzt von Versöhnung und Volksgemeinschaft redet, so sei zu fragen, ob es jemals seit 70 Jahren in Deutschland soviel haß und Blul gegeben habe, als seit deni Bestehen der Hitler-Bewegung. Unsere Arbeitskrast, so schloß Löbe, wird dem Dritten Reich nicht zur Verfügung stehen. „Nuhe und Ordnung." Mit Sensen und Hacken gegen das Reichsbanner. Groß-Gerau shessenj, 18. Juni. Im benachbarten Geinsheim sollte gestern abend eine sozial- demokratische Wahlversammlung stattfinden, zu der Witglieder des Reichsbanners aus Groß-Gerau und Trebur erschienen waren. Lei der Ankunft der 70 Rcichsbannermitglieder in Geinsheim wurden sie von elwa 200GeinsheimerEin wohnern. die national- sozialistisch eingestellt sind, mit hacken. Sensen und knüppeln angegriffen. Ein Reichsbannermann aus Trebur erlitt einen schweren Schädelbruch, zwei weitere Reichsbanncr- l e u t e wurden ebenso wie ein Geinsheimer Einwohner schwer verletzt. Zahlreiche weitere Personen erlitten leichtere Verletzungen. Gendarmerie und das aus Darmstadt herbeigerufene Uebersallkommando stellten die Ruhe wieder her. Die Affäre Kleefeld Herr von Alvensleben schickt eine Berichtigung Herr Werner von Alvensleben, der sich bei dem neuen Reichsfinanzminister für Herrn von Kleefeld einfetzt, schickt uns durch den Rechtsanwalt Dr. Luetgebrune die folgende Berichtigung. Beide, der Rechtsanwalt und der Brieffchreiber, bedenken uns zu- gleich mit moralischen Ermahnungen. Die sogenannte Berichtigung lautet: „In der Morgenausgabe des„Vorwärts" Nr. 281 vom 17. Juni bringen Sie unter dem Titel„Dsutscher Herrenklub" einen Artikel, der sich mit mir befaßt. Ich stelle zunächst fest, daß ich weder den Herrenklub gegründet i)abe, noch jemals dessen Mitglied war. Was die Angelegenheit des Herrn von Kleefeld angeht, so handelt es sich hier um den Schwager des verstorbenen Ministers Stresemann. Herr von Kleefeld hat niemals, wie Sie schreiben, Devisen verschoben. Es waren lediglich zwischen ihm und dem Finanzamt Differenzen entstanden hinsichtlich seines Einkommens und seiner Bernwgenswerte. Da ich mit dem Herrn von Kleefeld seit langen Jahren sehr gut bekannt bin, so habe ich mich dafür eingesetzt, daß ihm Gerechtigkeit widerfährt. Dies ist mein gutes Recht. Bon irgendwelchen dunklen Schiebungen und Beein- flustungen kann gar keine Rede sein. Die Beanstandungen sind vom Finanzamt in eingehender Untersuchung klargestellt worden." Wir wollen sehen, was da berichtigt wird und was nicht. Zu- nächst wird scstgestellt, daß Herr Werner von Zklvensleben, der Briefschreiber, nicht Mitglied des Herrenklubs ist, ferner: Herr von Kleefeld habe nicht Devisen verschoben. Völlig unbestritten bleibt die Echtheit der von uns ver- öffentlichten Briefe und damit der Tatbestand, der daraus her- vorgeht. Dieser Tatbestand ist: Herr von Kleeseld sitzt inderSchweiz, er kann nicht nach Deutschland zurückkehren. Er sitzt dort mit seinem Ver- mögen. Warum kann Herr von Kleefeld nicht zurückkehren? Weil er. wie es in der Berichligung beschönigend heißt,„zwischen ihm und dem Finanzamt Differenzen entstanden wäre n". Das konmrt oft vor, wenn aber alle Leute, denen es passiert, nach der Schweiz flüchten wollten, wäre Deutsch- land bald menschenleer! Hier liegt ganz ossensichtlich Kapitalflucht vor, und Herr von Kleefeld fürchtete ganz einfach verhaftet zu werden. Unbestritten bleibt die Intervention des Briefschreibers bei dem jetzigen Reichsfinanzminister. Unbestritten aber bleibt vor allem der folgende Passus aus den: Briefe des Herrn von Alvensleben: „Ta wir in Preußen kaum zu einer Neclitsregic- rung kommen werden, so st euere ich auf Reichs- kommissar los. Auch für gewisse scpckrations- lüsterne Herren aus Bayern eine sehr wertvolle Lehre! Dieser Tage mehr. Gruß A." Was ist also berichtigt worden von dem. was wesentlich ist? Nichts! Und dann kommt man uns moralisch! Brüning in Opposition Kampfstellung gegen die neue Negierung Die tägliche Nazilüge. Wegelagerer, die andre beschuldigen. Am 14. Juni fand sich unter der grellen Ueberschrist„Rot- M o r d" im nationalsozialistischen„Angriff" diese fettgedruckte Notiz: In Duisburg fielen gestern abend 25 Reichsbannerle u t c über 4 Nationalsozialisten her und schlugen mit Stöcken und losgerissenen Zaunlatten auf die Wehrlosen ein. Ein Polizeibeamter in Zivil versuchte die Reichsbannerleute zurückzutreiben, wurde aber von diesen ebenfalls angegriffen, so daß er in höchster Notwehr von seiner Schußwaffe Gebrauch machen mußte. Zwei der Reichsbanner-Wegelagercr wurden verletzt und mußten ins Krankenhaus geschafft werden." Wir haben an Ort und Stelle Erkundigungen eingezogen. In Wahrheit hat sich der Borfall folgendermaßen abgespielt. Die Sozialistische Arbeiterjugend veranstaltete eine Werbe- Versammlung in Duisburg. Etwa 25 junge Menschen zwischen 14 und 20 Jahren, darunter zahlreiche Jungmädels, wurden auf dem Wege zum Tagungslokal von einer starken nationalsozialistischen liebermacht überfallen. Sie mußten flüchten und erbaten vom Reichsbanner Schutz. Als die Veranstaltung der Jugend gegen 22 Uhr zu Ende war, begleiteten die Reichsbannerkameraden die Jugendlichen nach Hause.- Am Brückenkopf links der Ruhr stürzten sich SA.-Leute, die in einer Wirtschaft einen sogenannten Deutschen Abend veranstaltet hatten, auf die ruhig dahinziehende Gruppe. Als die Nazis dabei der Reichsbannerkameraden ansichtig wurden, holten sie Verstärkung und fielen nun, mit Stühlen und anderem Schlag- gerät bewaffnet, auf das Kommando„SA. vor z u m S t u r m!" über das Reichsbanner und unsere Jugendgenossen her. Dabei wurden von der Seite der Angreifer aus drei bis vier Schüsse gelöst. Die Reichsbannerkameraden erkannten den Schützen und drangen auf ihn ein; dieser rief dauernd:„Zurück! Zurück!", ohne sich als Polizeibeamter, der er war, erkennen zu geben. Ein hinzukommender uniformierter Beamter wurde von den Reichsbannerkameraden gefragt, wer der Schütze sei. Er verweigerte die Antwort und drängte mit dem Schützen zusammen die Reichs- bannerkameraden zurück Durch die Schüsse wurden zwei Kameraden an der Schulter verletzt und mußten ins Krankenhaus gebracht werden. Es ist die altbekannte Nazimethnde: Man lauert politischen Gegnern aus, man überfällt sie, man haut und schießt und ver- leumdet nachher die Opfer als Wegelagerer und Rotmord.— Das Verhalten der beiden Polizeibeamlen wird, das erwarten wir mit Bestimmtheit, Gegenstand einer genauen Nachprüfung durch die zuständigen Stellen sein. Lügenangriff vor Gericht. Genosse Wels stellt Etrafantrag. Der„Angriff" hat kürzlich seinen Lesern das Lügenmärchen vor- gesetzt: Genosse Wels hätte in vertrautem Kreise angekündigt, die Sozialdemokratische Partei werde nach Aufhebung des SA-Verbots schwere Schlägereien provozieren mit dem Ziel, auf solche Weise die Reichstagswahlen zu verhindern oder hinauszuschieben. Die Sozialdemokratie will keine Schlägereien provozieren und sie will keine Wahlen oerhindern. Vielmehr will nur der„Angriff" für die vorauszusehenden Ausschreitungen der SA. eine Kencralausrede präparieren, indem er dem sozialdemokrati- schen Parteioorsitzenden eine Aeußerung in den Mund legt, die er nie getan hat. Um diesen Tatbestand gerichtlich festzustellen, hat Genosse Otto Wels durch seinen Rcchtsbeistand gegen den„Angriff" Strafantrag gestellt. Die„längere pause" des Herrn v. Gayl Heute schon zu Ende. Am Freitagabend sprach Reichsinnenminister v. Gayl im Rundfunk über die neue politische Notverordnung. Er begann seine Ausführungen mit der bestimmten Ankündigung, daß die Reichs- regiening nunmehr eine„längere Pause" eintreten lassen würde, bevor sie wieder von der neuey Einrichtung der täglichen offiziellen Rundfunkpropaganda Gebrauch machen würde. Achtzehn Stunden später wird mitgeteilt, daß der Reichs- kanstcr v. Papen von Lausanne aus heute, Sonnabend, gegen 1l> Uhr im Rundfunk sprechen wird. Die längere Pause wird also genau 24 Stunden gedauert haben. Länderminister bei Gayl. Besprechung über die innerpolitische Lage. Der Reichsminister des Innern hat heute die Innenminister der Länder zu einer Besprechung über die innenpolitische Lage und die Handhabung der Verordnung gegen politische Ausschreitungen vom 14. Juni 1932 auf Mittwoch, den 22. Juni, eingeladen. Zwei neue Zollunionen. Niederländische und skandinavische Etaatengruppe. Genf, 18. Zuni.(Eigenbericht.) Die Mächte des Osloer Wirtschaftsabkommens, Holland, Belgien. Luxemburg und die drei skandinavischen Länder haben gestern eine Aussprache in Gens gehabt, deren Beschluß am Heuligen Nachmittag in Lausanne unter Borsih hymans erfolgt. Wie man hört, steht der Abschluß eines engeren Abkommens zwischen Holland, Belgien und Luxemburg bevor, dessen Berössentlichung heute abend erfolgen soll. Das Abkommen gleicht im wesentlichen einer vollständigen Zollunion, ohne deren juristische Form anzunehmen, �vie drei skandinavischen Länder konnten in den Verhandlungen nicht den gleichen Weg gehen, den Holland für alle sechs Staaten angeregt hatte, so daß die Osloer Wirlschasls- gruppe in Zwei kleinere Gruppen gespalten worden ist. Oeutsche Delegation zeigt endlich �eichsfarben. Genf, 18. Juni.(Eigenbericht.) Die Reklamationen der deutschen Journalisten bei der deutschen Delegation in Lausanne wegen Fehlens der Reichsfarben auf dem Hotel Savoy, dem Sitz der deutschen Delegation, haben Erfolg gehabt. Jetzt wehen zwei schwarzrotgoldene Fahnen vom Hotel Savoy. Verurteilter Kreuger-Direklor. In Stockholm wurde der Di- reltor B r e d b e r g, der 810 000 schweizerische Franken der Züricher Finanzgesellschast für Industrie unterschlagen hat, zu neun Mo- naten Zwangsarbeit und zum Ersatz der veruntreuten Summe verurteilt. Mainz, 18. Juni.(Eigenbericht.) Der frühere Reichskanzler Dr. Brüning sprach am Freitag- abend in der Mainzer Festhalle auf einer außerordentlich stark besuchten Wahlkundgebung des Zentrums zum hessischen Wahl- kämpf. Die Riesenversammlung, die auch von vielen Anders- denkenden besucht war, bereitete dem Kanzler bei seinem Erscheinen eine stürmische Ovation. Brüning trat in seiner Rede in scharfe Kampfstellung zur neuen Reichsregierung. Er lüftete nicht völlig den Schleier von den Vorgängen, die zu seinem Sturze führten. Um so schärfer wirkte das, was er sagte. Mit rauschendem Beifall wurde gleich seine erste Bemerkung ausgenommen, er sei nach Mainz zun: Hessenwahlkampf gekommen, weil er zeigen wolle, daß er in Kampi- entschlossenheit ungebrochen sei. Trotz der schmerzlichen und bitteren Erfahrungen, die er auch als Mensch ge- macht habe, werde er weiter kämpfen, damit der Weg, den er vor zwei Jahren zu beschreiten begonnen habe, innen- und außen- politisch eingehalten werde. Die Tonart derer, die mich als Schwächling oder Verräter hin- gestellt haben, betonte Brüning, ist in der Außenpolitik auffallend mild geworden. Dos deutsche. Volk wird sich noch einmal über die wundern, die da glaubten, den nationalen Gc- danken pachten zu können! Man kann die neue Regierung natür- lich nicht hindern, Geschmacklosigkeiten zu begehen. Aber es scheint, daß ein besonders feiner Ton in die neue Regierung ein- gezogen ist. Ich hatte ein kaum zu deckendes Kassendefizit bei n:einem Regierungsantritt übernommen und dafür gesorgt, daß es nicht weiter ansteigt und keine neuen Schulden gemacht werden— eine Tatsache, die in der ganzen Welt einzig dasteht. Es war alles fertig, um das zu erwartende Defizit in Reich, Ländern und Ge- mcinden ebenfalls abzudecken: denn ich wollte nach Lausanne mit einer absolut sicheren Finanzgebarung der öffentlichen Hand. In der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", dem Leibblatt der neuen Regie- rung, stand geschrieben:„Keine neue Notverordnung m e h r." Da n:uh man sich nur fragen, mit welchem Dilettantismus hinter den Kulissen die Vorbereitungen der neuen Regierung ge- troffen wurden! Oder hatte man heimlich vielleicht die Absicht, einen politischen Vorstoß zu machen, um auf Kosten des ganzen Voltes die Schulden los zu werden, indem man an der Stabilität der Währung rütteln wollte? Konnte ich es verant- worten, den lebensfähigen Grundbesitz im deutschen Osten zu retten und gleichzeitig darauf zu verzichten, den nichtlebensfähigen Groß- grundbesitz im Osten der Siedlung zu verschließen? Was wir beab- sichtigten, war kein Siedlungsbolschewismus. Wir sind in der Ost- Politik viel milder gewesen im Vergleich zu den Maßnahmen, die in Preußen nach den Befreiungskriegen im Osten getroffen wurden. Scharf polemisierte Dr. Brüning auch gegen das betonte Christentum der neuen Männer. Das Christentum sei nicht dazu da. Interessen einer Schicht mit den Staatsinteressen zu decken. Man könne von dem Volk nur Opfer verlangen, wenn man ihm gleichzeitig das Gefühl lasse, daß jedes Interesse ausscheide und die Lasten so gerecht wie möglich verteilt würden. Zum Schluß verwies Brüning auf die scharfe, klare Stellung der Zentrumsfraktion gegen das neue Kabinett. Es bleibt kühl und feucht! Neue Schlechtwetterzone im Anrücken. Die Wetterlage ist feit Freitag derart ungünstig umge- schlagen, daß nicht nur in den nächsten 24 Stunden, sondern noch darüber hinaus mit kühlem und feuchtem Wetter zu rechnen fein dürfte. Damit ist auch die Prognose für das Sonntags- weiter gestellt: Meist stark bewölkt, zeitweise Regen und kühl! Ein weitverbreitetes Hochdruckgebiet, das lange Zeit über Mitteleuropa lagerte und das heitere Wetter brachte, mußte am Freitag einem Tiefdruckgebiet weichen, daß aus W c st r u ß- land anrückte. Di« Depression verfällt zwar langsam, da jedoch abermals aus Westrußland ein Tief nachrückt, ist zunächst mit einer Besstrung der zur Zeit herrschenden Wetterlage nicht zu rechnen. Die Temperaturen betrugen heute früh in Berlin 9 Grad Wärme. gegen Mittag etwa 12 Grad Wärme. Schönes Sommerwetter wird heute nur aus Süddeutsch- land und ein«m Teil West- sowie Mitteldeutschlands gemeldet. Sonst ist es überall unter dem Einfluß des Schlecht- wettereinbruchs kühl und nah. Schandurteil in Oanzig. Der Mörder von Neuteich freigesprochen. D a a z i g. 18. Juni.(Eigenbericht.) Ein unerhörtes Urteil wurde gestern von dem Danziger Schwurgericht gefällt. Der SS.-Führer Rudzinski aus Neuteich, der am Z. ZNai den sozialdemokratischen Stadtverordneten G r u h n aus offener Straße erschoß, wurde von der Anklage des Totschlages jreigesprochcn. Nachdem Gruhn von zwei SS.-Leuten zu Boden geworscn worden war, hatte Rudzinski aus den unmittelbar vor ihm Liegenden vier Schüsse abgegeben, die ihn sofort töteten. Gestübt aus dos Gutachten von zwei Aerzten, nach deren Ansicht Rudzinski sich unter dem Einfluß von Alkohol befunden hoben soll, dilligte das Gericht dem Angeklagten für den Augenblick der Tat den§ 51 zu. Rudzinski war zwar, wie einige Zeugenaussagen ergaben. wenige Ükinulen vor der Tat so sehr im Besitz seiner normalen Berstandeskräfte, daß er mit zwei Leuten eine längere politische Unterhaltung führen und diese Leute zum Eintritt in die NSDAP. auffordern konnte, auch war er unmittelbar nach der Tal durchaus fähig, die Mordwasse zweckmäßig an einem geeigneten Ort z u v e r st e ck e n. In dem zeitlichen Zwischenraum zwischen diesen beiden sinnvollen und zweckmäßigen Handlungen aber hat er sich nach Ansicht des Gerichts nicht im Besitz der vollen Geisteskräfte befunden. Rudzinski wurde nur wegen tätlicher Beleidigung der Frau des Ermordeken zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt, die als durch die Untersuchungshaft verbüßt erachtet wurden. Sosort noch der Urteilsverkündung wurde Rudzinski aus der hast ent» lassen. Die Wordwafse wurde ihm belassen, dagegen wurde der Regenschirm, mit dem er die Frau des Ermordeten verletzt hatte, eingezogen. Die an der Mordtat beteiligten SS.-Leute wurden freigesprochen, da sie sich in Notwehr befunden haben sollen. Dieser Urteilsspruch, der dem Rechtsempfinden der Bevölkerung ins Gesicht schlägt, hat hier große Erregung hervorgerufen. Die Ltnruhen in Hamburg. Ein verwundeter Polizist gestorben. Hamburg, 18. Juni. Der bei den gestrigen politischen Zusammenstößen verlegte Polizciwachtmeister Vagi ist in der vergangenen Nacht seinen schweren Verletzungen erlegen. Außer einem weiteren durch Schlüsselbein- und Lendenschuß schwer verletzten Polizeibeamten befinden sich in hiesigen Krankenhäusern fünf Männer mit S ch u ß o e r l e g u n g c n. Die durch Schüsse den: Vernehmen nach gleichfalls schwer verletzte Frau konnte noch nicht ermittelt werden. Wie ergänzend gemeldet wird, wurde gestern abend ein Ordnungspolizist an der Munds- bürg von mehreren Männern angesallen, die versuchten, den Be< amten in den Kanal zu werfen. Zwei der Angreifer konnten festgenommen werden. v-Zugkaiastrophe in England. Wer Reifende getötet, zwanzig schwer verletzt. London. 18. Juni. Durch ein schwere, Eisenbahnunglück bei Greot Bridgesord. in der Nähe von S t a f f o r d(Wittelcngiand), wurden vier Passagiere getötet und zwanzig Reisende schwer verletzt. Die Zahl der Leichtverlehlen ist noch nicht festgestellt, ist aber sehr «oß. Der Zug bestand aus vier Wagen, von denen der vorderste mit der Lokomotive zusammenstieß und vollständig zersplitterte. Die übrigen Wagen waren ebenfalls schwer beschädigt. Die Trümmer versperrten den gesamten viergleisigen Bahnkörper. Unter den Schwerverletzten befindet sich der Lokomotivführer, während der H e i z e r nur leicht verletzt ist. Die Ursach« des Unglücks ist noch nicht bekannt, doch wurde von Sachverständigen dl» Ansictst geäußert, daß sich infolge der außerordentlich großen Hitze wahrend des Tages die Schienen ausgedehnt hätten. Es ist erreicht! Die neue SA.-Uniform, Enorm I Prima Stoffqualität, Auf Taille genäht. Achselstücke, Litzen und Spiegel, Welch Gebügel, welch(Bejchniegel! Schupo samt Reichswehr kann sich verstecken Vor den trejsenbesetzten Recken! Wenn das den Mädchen nicht gefällt. Für wessen Geld? SA. trägt faltige Vreecheshosen. Wen kümmern da noch die Arbeitslosen� Die Rährenstiesel blank gewichst, Verflixt!! Die Kriegerrenten wurden gekürzt? Die Waisen hungern? SA. kann lungern, Hier hat man sich in Unkosten gestürzt. In ihrem neuen Firlefanz Siehn sie wie Bräutigams zum Tanz. Rieder mit der Sozialpolitik! Der Staat ist keine Wohlfahrtsfabrik! Arbeitslose sollen sich ducken, Sollen Papen-Notverordnungen schlucken. Die Unterstützung wird eingestellt, Es sehlt an Geld-- Rur für die SA. ist nichts zu teuer. yaltet das Maul, zahlt weiter Steuer! Tatü, tata! Für die Uniform ist der Zaster da! sonarirsn. petfchek ein Schützling der Nazis. Sozialdemokratische Anfrage»m Landtag. Die Sozialdemokraten verweisen in einer Kleinen Anfrage im Preußischen Landtag darauf, daß in den Prozessen, die aus dem Streit zwischen Geheimrat Caro und dem tschechischen Braunkohlen-Großindustriellen Petschek entstanden seien, von den Anwälte» des Geheimrats Caro wiederHoll behauptet wor- den sei, ein nationalsoziali st ischcr Abgeordneter Hab« sich im preußischen Innenmini st erium nach den Staatsangehörigkeitsocrhältnissen des Geheimrats Caro erkundigt, um auf diese Weise Material für Petschek zu sammeln. Die Regierung wird gefragt, ob ihr von diesem Schritt eines natio- nalsozialistischen Abgcordneien etwas bekannt sei, ob es sich dabei um den Geschäftsführer der nationalsozialistischen Fraktion, Abg. .ihinkler, handle und ob das Staatsministerium etwas über die Motive festgestellt habe, aus denen der nationalsozialistische Abgeordnete sür den tschechischen Großkapitalisten Petschek tätig gewesen sei. Wie wir hierzu erfahren, dürfte es zutresfen, daß Abg. ch i n k- l e r(Natsoz.) sich bereits im März d. I. beim preußischen Innenministerium nach der Staatsangehörigkeit von Geheimrat Caro erkundigt hat. Vermutlich ist ihm mitgeteilt worden, daß für Ge- hcimrat Caro eine Einbürgerung deshalb nicht in Frage gekommen wäre, weil Caro durch Geburt und Abstammung Deutscher sei und seine Eltern und Ureltern schon Deutsch« waren. Die Steueraffäre bei Greiling. Neue Verhaftungen Dresden, 18. Juni.(Eigenbericht.) In der Angelegenheit der angeblichen Steuerhinterziehungen bei der Zigarettenfabrik Greiling A.- G. sind neue Verhaftungen vorgenommen worden. Neben den beiden bisher verhafteten Personen ist nunmehr auch ein ehemaliger Direktor der Fabrik, Armin Seifert, verhastet worden. Auch er soll angeblich an den Steucrhinlerziehun- gen, die sich vor Jahren ereignet haben, beteiligt sein, obwohl er be- hauptet, mit Stcuersachen niemals etwas zu tun gehabt zu haben. Cr ist übrigens im Sommer vorigen Jahres aus anderen Gründen entlassen worden. I» den nächsten Tagen soll ein Hast- Prüfungstermin für die beiden zuerst Verhafteten, Hegewald und Philipp, stattfinden. Oampfer„Leviathan" aufgelaufen. London. 18. Juni. Nach einer bei Lloyds eingegangenen Meldung soll der Dampfer „L c v i a t h a n", der frühere deutsche Riesendampfer„Vaterland", auf der Höhe von Spithcad auf eine Sondbank aufgelaufen sein. Märchen der Terrorfreunde Die„40000 polnischen Gefangenen"— eine Erfindung Aufruf sür Johannes Schlaf. Am 21. Juni 1932 feiert der Dichter Johannes Schlaf seinen 70. Geburtstag. Die„Gesellschaft der Freude Johannes Schlafs", deren Ehrenausschuß führende Per- sönlichkeilen der Literatur und des öffentlichen Lebens angehören, erläßt einen Aufruf, um die Herausgabe der ausgewählten Werke zu ermöglichen, damit die wesentliche Stellung Schlafs im Geistes- leben unserer Zeit im Zusammenhang erkannt werden kann. Jahres- beitrag 5 M. Aufruf und Auskunst durch R. K. Jaeckel in Quersurt und Liselotte Hausius in Schulpforte. Ein Denkmal für Claude Debnssy. Das Denkmal für den fran- zösischen Komponisten Claude Debussy wurde gestern enthüllt. Es ist in Form einer allegorische Motive darstellenden Fontäne von den Bildhauern Jan und Joel Martel ausgesührt. Die Hauptwerke des Komponisten, darunter Pelleas und Melisande, haben in diesen allegorischen Motiven eine Wiedergabe gesunden. Der Koinponist selbst ist am Fliigel unter einer Tanzstgur dargestellt. Tie Ausstellung von.uäthe»ollwitz' Bildwcrlen, die die Künstlerin sür den deulschcn Zeldateusnedhof von Lehen bei Diimuiden geschassen Hai, im Vorraum zur Ratioualgalcrie, ist bis zum nächsten Sonnabend, dem?ti Juni, verlängert morden. Tic in Granit auSqefübrten Ge- stalten des Baters und der Mutter werden dann nach Flandern gebracht werden. Line Iohanncs-Zchlas-Fricr wird zum 70. Geburtstag des TichlcrS (21. Junii am 26 Juni, 11,30 Uhr, im Theater am Biilowplatz im Beisein des Tichiers slattsinden. Tr. Arthur Ltvesser hält die Festrede, Friedrich Kayhler liest aus den Werken von Johannes Schlaf vor und Bruno Eisner umrabmr die Feier mit Musikstücken. Karten werden unentgeltlich an der Kasse des Theaters und durch die Geschäftsstelle der Polksbiihnc, Linien- strahc 227, ausgegeben. Im Bund Entschiedener Zchulr-sormer spricht Montag, 7.30 Uhr, Elh- hotzstr. 31. Tr. Alerander Neuer über:„Fndtvidualpsychologic und Kleinkind. Jedermann eingeladen. Der„Angriff" wie die„Rote Fahne" wetteifern in sentimen- talen Klagen und wüsten Schimpfereien über die hartherzige SPD., die angeblich 10000 politische Gefangene erbarmungslos in den Kerkern schmachten lasse und sich ihrer Befreiung widersetze. Unsere Leser wissen, daß die sozial- demokratische Landtagsfraktion sich lediglich der Freilassung von Totschlägern, Brandstiftern und ähnlichen Gewaltoerbrechern wider- setzt hat, weil die Partei die Mordsreiheit als gleichbedeutend an- sieht mit der Legalisierung des Terrors und dem Siege des Faschismus, daß im übrigen aber die SPD.-Fraktion als einzige im Preußischen Landtag für ein praktisches Ergebnis der endlosen Zlmncstiedebatten gesorgt hat. indem sie einen Antrag stellte und durchsetzte,. wonach für alle nicht besonders schweren Fälle sofort Strafaussetzung bzw. Straf- Unterbrechung eintritt. Wie wir von zuständiger Stelle er- fahren, ist bereits im Verlauf des Freitag aus dem Justizministerium eine entsprechende Anweisung an alle Staatsanwaltschaften herausgegangen. Was nun aber die angeblichen 40 000 in den Kerkern der Republik schmachtenden politischen Gefangenen anbetrifft, so ist diese Zahl ein ausgelegter Schwindel. Von zuständiger Stelle er- fahren wir hierzu: in sämtlichen preußischen Strafanstalten sitzen zur Zeit überhaupt nur rund 35 000 Strafgefangene— gemeine und politische Verbrecher—, hiervon sind rund 7000 Zucht- Häusler und rund 5000 ilniersuchungsgefangene. Unter diesen beiden Kategorien befinden sich politische Täter nur in v e r- schwindender Zahl. Es bleiben nach Abzug dieser 12000 noch insgesamt rund 23 000 Gefängnisinsassen übrig, von denen auch der weitaus größere Teil auf gemeine, nicht auf politische Vergehen entfällt. Die Zahl von 40 000 politischen Strafgefangenen ist offen- sichtlich entstanden aus der Erklärung des Juftizministers, daß die Amnestie nach seinen Berechnungen rund 39 000 Fälle in Preußen erfassen würde. Ausdrücklich aber bemerkte der Justizminister hier- zu, daß es sich um etwa 12 000 rechtskräftig abgeurteilte Fälle, dagegen um 27 000 schwebende, noch nicht rechtskräftig abgeschlossene Verfahren handele. Was die 12 000 abgeurteilten Fälle anbelangt, so muh man zunächst beachten, daß sich zahlreiche Geldstrafen(namentlich in Beleidigungssachen!) darunter be- finden, daß aber auch in den übrigen Fällen ein großer Teil der Verurteilten nicht verbüßt, sondern Strafaufschub, bedingte Strafaussetzung usw. hat. Jedenfalls ist die Agitationszahl von 40 000 zu befreienden politischen Gefangenen eine riefen- große Uebertreibung, und nach Durchführung des sozial- demokratischen Antrags wird in den nächsten Tagen nur ein o c r- schwindender Bruchteil davon noch übrig bleiben. Internationale der Arbeitersänger 1926 wurde in Homburg die internationale Zusammensaisung der bestehenden Arbeitersängerverbände beschlossen. Die zweite Tagung 1929 konnte bereits über 11 Verbände und 2 Einzelvereine als Mitglieder der Idas berichtet. 17 Verbände und I Einzslverein bilden jetzt den Bestand der Idas Insgesamt umfaßt sie rund 250 000 Mitglieder, von denen der Deutsche Arbeiter-Sängerbund etwa 190000 zählt. Die Wirtschaftskrise und eigene Veranstaltungen verhinderten zur dritten Konferenz in B r a u n s ch w e i g die An- Wesenheit der Vertreter aus verschiedenen Ländern Sämtliche Ver- bände übermittelten der Tagung schriftlich das Bekenntnis inter- nationaler Solidarität An der Sitzung nahmen teil die Vertreter der Arbeitersüngerverbände Oe st erreich, Ungarn, Schweiz, Elsaß, Tschechoslowakei(deutsch und tschechisch), Eng- l a n d und Deutschland. Vom neugebildeten Arbeitersängerbund aus Jugoslawien wurde der Konferenz die Anmeldung mit 12 Ver- einen übermittelt. Mit Frankreich, Finnland und Estland sind Ver- Handlungen über den Beitritt eingeleitet. Für den Verwaltungsausschuß der Idas erstattete der Genosse F e h s e l den Bericht. Besonderen Nachdruck legte er aus den Wert der Idas für die internationale V e r st ä n d i g u n g. Es konnte berichtet werden von Reisen deutscher Chöre nach dem Elsaß, nach Paris, Belgien, Holland, Dänemark. Deutschland wurde besucht von Chören aus Oesterreich, Holland, Dänemark und der Schweiz. Für 1933 haben die Genossen aus Amerika eine Deutschlandreise ge- plant. Für das Jahr 1932 soll die Erhebung von Beiträgen sür die Internationale ausgesetzt werden. Bei seinem Bericht über die musi- kalische Arbeit innerhalb der Idas wies der Genosse G u t t m a» n auf die Schwierigkeiten bei der Verbreitung internationaler Lieder hin Trotzdem konnten drei gemischte Chöre, ein Männerchor und zwei Kinderchöre, zur Verbreitung gebracht iverden. Aus den Berichten der einzelnen Landesvertreter konnte fest- gestellt werden, daß trotz der überall herrschenden Krise die Aktivität gesteigert wurde. Für alle Berbände ist die Ausführung des Ge- nassen Fränkel-Wien Ansporn zu weiterem Schassen:„Durch die Musik können wir uns in allen Ländern verständi- g e n."— Als Verwaltungsausschuh wurde wieder der geschäfts- führende Vorstand des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes gewählt. * Entstehung und Enkwicklung des Deutschen Arbeiter-Sänger- bundes. lieber dieses Thema spricht, im Zusammenhang mit der 8. Bundes-Generalversammlung der Arbcitersänger, Genosse Klaudcr vom Bundesvorstand im R u n d f u n k. Die Üebertranung erfolgt durch die Norag Montag, den 20. Juni, 19 Uhr.— Dienstag, den 21. Juni, 20 Uhr, übernehmen Norag und Deutsche Welle ein Konzert der Braunschweiger Arbeiterchöre. „Frühling in Heidelberg" Theater am Noltendorfplah. Im Anfang war der Schlager. Und aus osm Schlager wurde die Operette. Er hieß:„Ich Hab mein Herz in Heidelberg ver- loren." Und als vor ungefähr vier Iahren das Singspiel in Wien seine Uraufführung erlebte, hieß es nach dem Schlager, ging es über olle Opreftenbühnen des In- und Auslandes, und hatte viele Nachahmer. Erst jetzt werden wir in Berlin mit diesem weit- erfolgreichen Singspiel bekanntgemacht. Das„Theater am Rollen- dorfplatz" glaubt in oiesem„Frühling in Heidelberg" das richtige Sommerstllck gefunden zu haben. Aus Rhein und Wein, Burschen- herrlichkeil und schmerzlicher Liedesstimmung wird hier ein süß- saures Getränk gemixt, das aber mehr nach abgestandenem Bier als nach dem schon seit Urgroßväterszeiten viel besungenen Rhein- wein schmeckt: Studentenleben, das in Suff, Schuldenmachen und Faulenzertum besteht, ein„grundgütiger" Herzog, der auch mal so ein Saufaus war uno nebenbei studierte, sein blondes Töchterlein, dem die Hofetikette zum Halse heraushängt und, von der gefähr- lichen Frühlingsluft tollgemacht, einem bürgerlichen Stndentlein den Kopf verdreht, zuletzt aber dem herzoglichen Herrn Papa schön brav ins woblbehütete Nestchen folgt. Mehr sei vom Inhalt nicht verraten. Die Marlitt ist dagegen revolutionär. Die Musik ist nicht ungeschickt gemacht. Die Mischung von Volts- und Studenten- liedern mit modernen Schlagerrhythmen wor ein recht guter Ein- fall und bestimmte auch den Erfolg des Singspiels. Uralte Melodien wurden aufgefrischt und zurechtfrisiert und konnten sich erneuter Popularität erfreuen. Mit eigenen Einfällen ging der Komponist Fred Raymond sehr sporsam um. Ihm genügte der eine Schlager„Ich Hab mein Herz in Heidelberg verloren", um daraus ein komplettes Singspiel zu zimmern. Die Aufführung ist sauberes Operettentheater. Am besten Mimi Vesely in der Rolle der Wirtin zur„Schönen Aussicht". Eine ganz entzückende Soubrette, temperamentvoll und von überlegenem Können. Harry P a y e r als sichtender Student stimmlich ans- gezeichnet. Als„Prinzeßchen" macht Jelly Staffel vortreffliche Figur und versteht mit nicht allzu anspruchsvollen Stimmitteln kul- tiviert zu singen. Fritz Steide! als komponierender Student ab- soloiert mit jungenhafter Ungebundenheit seinen Part. Das Orchester leitete mit Umsicht Franz S ch ö n b a u m s f« l d, die In- szenierung besorgte mit Geschick Rudolf I e ß, die Bildgestaltung lag in den Händen B o r u e m a n n s, der mit wenigen Mitteln recht farbige Wirkungen erzielte.?. I-. Tom Mix im Tonfilm. Atrium. Tom Mix, dessen Wildwestabenteuer sich bisher»ur lautlos ab- wickelten, hat sich jegt auch dem Tonfilm zugewandt. So bekam man den ersten Tom-Mix-Tonfilm der Universal:„Tom rechnet a b", zu sehen. Also Tom Mix galoppiert imd die klappernden Huie seines Pferdes erschüttern die Farmersiedlnng: er ist gefürchtet und wird geliebt. Es sind mehr, die ihn fürchten, als die ihn lieben, und darum wird kräftig geschossen Ja Tom Mix soll Sherifs werden und das ganze Räuiergesindel auf den Schwung bringen. Man niinmt ihm das sehr übel und inszeniert einen kleinen Ueberfall, bei dem es sich unglücklich fügt, daß Tom Mix einen der wilden Männer erschießt. Tom Mix wird also nicht Sherifs, sondern wandert ins Gefängnis unter schrecklichen Rache- schwüren: kommt nach Iahren wieder heraus, und nun wird ge- rochen und geschossen. Es wird furchtbar viel geschossen und immer- zu fallen die Leute wie die Fliegen: die Pferde machen wilde Jagden über Steingeröll, Aeste brechen ab, Felsen stürzen nieder. und schließlich hat Tom Mix seinen Zweck erreicht. Wer nicht schon tot ist, wird gefesselt. Das alles spielt sich sehr munter und flott ab. Die Schauspielerei beschränkt sich, auf das Artistische. Vorher ging eine Art Schönheils-Nacktrevue über die Bühne. Sas war weniger schön. N. Hundert Tage Zeitungsroman. In Deutschland werden sür Zeitungen und Zeitschriften jährlich 50 000 Romane verbraucht: wären alle diese Romane Neuerschei- nungen, so müßte umer jedem Tausend Deutschen voni Greis bis zum Säugling je einer sein, der iin Jahr einen druckreifen Zeitungs» roman produziert. Schon das läßt erkennen, daß Erzeugung und Vertrieb von Zeitungsromanen sozusagen im industriellen Groß- betrieb vor sich gehen muß, wenigstens für den weitaus beträchtlichsten Teil dieser Literatur. In einer sehr ansschlußrcichen Be- trachtung im Programm der Funkstunde gab Dr. Ernst Meunier- Hannooer, einen Einblick in diese Roniansabrikation von«inst und jetzt, die— wie er angab—. heute rund 95 Prozent des gesamten Bedarfes deckt. Nur 5 Prozent— hauptsächlich die führenden groß- städtischen Blätter— pflegen demnach den literarisch hochwertigen Roman, der im allgemeinen auch den unmsttelbaren Kontakt zwischen Verfasser und Redaktion bedingt. Die übrigen Romane werden gegen einmalige Abfindung oder Tantiemeanspruch von den großen Romanoertrieben ausgekauft, die diese literarische» Erzeuguisse mög- lichst vielfältig auszuwerten versuchen. Besonders begehrt sind» zwei Romangattungen: der„Reißer" nach englischem Borbild und die Heim und Herd rosig verklärende oder zu höheren Sphären empor- tragende„Gemütskiste". In solchen Romanen„ereignet" sich etwas: ledc Fortsetzung ist spannend. Psychologische Feinheiten verträgt der Durchschnittszeitungsroman nicht: er enthält sie auch nicht. Das Lorbild zu diesem Romantyp findet sich bereits in den allerersten Ansängen des Zeitungsromans, der vor hundert Iahren von Eugen Sue und von Dumas Vater und Sohn fabrikmäßig her- gestellt wurden. Der ältere Dumas beschäftigte als Unternehmer eine ganze Anzahl von Schriftstellern, mit deren Unterstützung er„seine" Romane hervorbrachte. Nur so ist es zu verstehen, daß er in der Folge von drei Jahren mit 96 Bänden hcraustomnien konnte. Seine Gesamtproduktion, die begeistert nachgeahmt und übersetzt wurde, betrug über tausend Bände. Der deutsche Zeitungsroman fand seinen ersten bedeutenden Vertreter in Friedrich Spielhagen. — 1z. Planwirtschaft im Berliner Musikleben? Der Intendant der Berliner Fnnkstunde hat eine dankenswerte Anregung gegeben. Künstlerische und wirtschaftliche Gründe lassen es angebracht er- scheinen, die wichtigen Konzerte und Opernpremieren sowohl pro- grammlich wie zeitlich auseinander abzustimmen. Die einzelnen tonzertgebenden Organisationen wußten bisher bei der Ausstellung ihres Programms und bei der Festlegung ihrer Termine nichts voneinander. Die Folge war, daß der Besucher häufig gezwungen wurde, zwischen zwei Konzerten oder einer Oper und einem Konzert zu wählen. Das Zusammenfallen wichtiger»nisikalischcr Ereignisse erschwerte serner der Presse die Gejanstbetrachtung des Berl-ner Musiklebens. Der Intendant �hat deshalb die führenden konzert- gebenden Organisationen, die evtaatsoper und die Städtische Oper, zu einer gemeinsamen Besprechung eingeladen. Tos Tommerscit de« Verbandes der Lichtspieltheater, das unter dem Titel„Das Lied einer I i l m nach t" heute im Europahaus statt- sinder, weist eine Reihe interessanter Darbietungen namhafter Schauspieler auf. Die Funkstunde wird vom Festabend um 12 Uhr nachts eine lieber- tragunz veranstalten. Nur eine Einheitsfront! Gelbstentlarvung der kommunistischen Spalter Der Arbeiterrat des Kabelwerks Oberspree beschloß auf Anregung der kommunistischen Arbeiterräte eine Pelegschaitsversammlung einzuberufen, die Stellung nehmen soll zu der f a s ch i st i s ch e n Gefahr und zu einer Einheitsaktion der gesamten Arbeiterklasse, um diese Gefahr zu bannen. Es sei bemerkt, daß der Arbeiterrat sich aus sieben Sozialdemokraten und ö Kommunisten zusammensetzt. Die Versammlung fand am vergangenen Mittwoch im„Bürger- park" in Oberschöneweide statt und war außerordentlich stark be- sucht. Es waren mindestens 700 Personen anwesend. Zunächst gab Genosse D o b b e r k e, Vorsitzender des Betriebsrats, eine Dar- stellung der Situation, wies auf die furchtbare Gefahr hin, die durch das Anschwellen der faschistischen Stimmen entstanden sei und aus die Notwendigkeit, zusammenzustehen, um die Faschisten zurück- zuschlagen. Dann sprach der Obmann der KPD.-Zelle Mellen- thin, Mitglied des Betriebsrots, der sich gleichfalls für die Ein- heilssront einsetzte und eine Entschließung vorlegte, die er aus dem 5i'arl-Liebknccht-Haus bezogen hatte. Aus der Versammlung heraus wurde dann von einem Mitglied der Belegschaft solgendc Ent- jcbließung eingebracht: „Die am 15. Juni 1932 im Bllrgerpark stattfindende überfüllte Betriebsversammlung des Kabelwerks Oberspree beschließt noch ein- gehender Aussprache, daß der Faschismus die größte Gefahr für die Arbeiterklasse bedeutet. Nur die Einheitsfront der gesamten Ar- beitcrklasse kann dieser Gefahr begegnen. Um bei der kommenden Reichstagswahl keine Arbeiterstimmen zu verlieren, empfiehlt die Belegschaftsversammlung den beiden Arbeiterparteien, dies durch Listenverbindung, wie es die bürgerlichen Parteien tun, zu verhindern. Die Versammlung hält diesen Weg als den einzig möglichen und erfolgversprechenden zur wirklichen Einheitsfront der Arbeiterklasse." Bei der Abstimmung wurde diese Entschließung mit allen gegen etwa 30 bis 40 Stimmen, nämlich der in der KPD. organisierte» Kommunisten angenommen. Es ift bezeichnend, daß erstens die Kommunisten gar nicht wagen, sür eine wirkliche praktische Einheitsfront einzutreten, daß sie sogar, sobald ein positiver Vorschlag vorliegt, dagegen stimmen, wäh- rend die große Masse der Arbeiterschaft, darunter auch die bis- h e r i g e n Anhänger der KPD., sich für eine wirkliche Ein- heitssront einsetzt. Die Entschließung der KPD., die von Mellenthin eingebracht wurde,„begrüßt die van der KPD. und der RGO. eingeleitete antifaschistische Aktion", fordert die Wahl eines„Einheitskomitees", das sich aus„beiden Gewerkschafisrichtungen und auch Unorgani- sicrten" zusammensetzen soll und das die Führung in der Abwehr übernehmen soll. Die RGO. wird also als eine gewerkschaftliche Organisation hingestellt, obwohl sie nur eine kommunistische Spal- tunasgruppe zur Bekämpfung der Gewerkschaften ist. Ihr gemein- sam mit de» Unorganisierten(!) soll die Führung überlassen werden! Diese angebliche Einheitsfront ist also in Wirklichkeit nichts anderes als die Fortsetzung der verhängnisvollen Spaltungspolitik der KPD., die den Faschisten den Weg gebahnt hat. -!- Die KPD. setzt übrigens ihre Selbstentlarvung fort. Sie hat auf den Vorschlag des Genossen Künstler, den wir hier veröffentlicht habe», mit kemcr Silbe geantwortet, oder vielmehr ihrr Antwort besteht in der Fortsetzung der gemein st en B e- schimpfungen der Sozialdemokratischen Partei und der freien Gewerkschaften und in der Fortsetzung der Einheitsfront mit den Nazis im Preußischen Landtag. Es gibt nur eine Einheitsfront der Arbeiterklasse, daß ist die Eiserne Front. Die Techniker marschieren. Die Funktionäre der freigewerkschaftlich organisierten Bcr- l i n e r Techniker bezogen gestern gegen die neue Reichsrcgierung Kampfstellung. In einer Versanrmlung in den ,.Gcrmania"-Sälen führte ihnen der Genosse Schweitzer vom chauptvorstand des Butab den srzreaktionären Charakter der neuen Adetsregiernng deutlich vor Augen. Durch ihre Programmerklärung und noch niehr durch ihre Not- Verordnungen, die der Referent kntisch beleucyicie, hat die Regierung klare Fronten sür den E n t s ch e i d u n g s k a in p f am 31. Juli geschaffen. Aus der einen Seite steht die Regierung der Barone und Freiherren, von den Üiatianalsozialisten und der übrigen charzburger Front toleriert und gestützt, aus der anderen Seite die E i j e r n e F r o n t der freiheitlich gesinnten Hand- und Kopfarbeiter. Genosse Schweitzer sordcrte die Funktionäre auf, dafür Sorge zu tragen, daß auch die Techniker ihren Mann stehen in dem schicksals- schweren Kampf gegen die politische, soziale und wirtschaftliche Reaktion, der wahrscheinlich nach der Stimmzettelschlacht am 3l. Juli erst in das entscheidende Stadium treten dürfte. Nach einer regen Aussprache, in der die N o i w e n d i g k e i t der einheitlichen Abwehr gegen den Faschismus immer wieder betont wurde, nahmen die Funktionäre e i n st i m m ig eine Einschließung an. in der gegen den ungeheuerlichen llnterstützungs- raub und den Abbau in der Sozialversicherung schärsstens protestiert und die noch nicht gewerkschaftlich organisierten technischen Ange- stellten und Beamten aufgefordert werden, angesichts der drohenden Gefahren„durch ihren Eintritt in den Butab mit in die Abwehrfront aller Arbeitnehmer einzugliedern, die den Kampf für die Rechte der Arbsitnehmerschaft gegen Faschismus und soziale Reaktion führt". Wieder Tarifvertrag im Ruhrbergbau. Am Freitag fanden im R e i ch s a r b c i t s m i n i st e r i u m nochmals Verhandlungen für den r h e i n i s ch- w e st s ä l i- schen Steinkohlenbergbau statt, um endlich in der Frage der Verbindlicherklärung des Schiedsspruchs Klarheit zu schaffen. Zwischen den Tarispartcien kam es zu einer Annahme des Schiedsspruchs. Der Arbeitgeberverband nahm den Lohnschiedsspruch an, während die Bergarbeiterverbände den Manteltarisschiedsspruch angenommen haben. Der Lohnschieds- spruch war anfangs vom Zechenverband und der Schiedsspruch zum Manteltarif von den Gewerkschaften abgelehnt worden. Damit ist der Schiedsspruch zum Vertrag erhoben. Er gilt allerdings nur für zwei Monate. Was Nazis erzählen— und verschweigen. Im Komps gegen die Sozialdemokratie ist den Nazis offenbar keine Lüge zu dumm. Der„Angriff" vom 16. Juni beschäftigt sich mit der Wäschesabrit Rosenthal, deren Inhaber der durch den Sklarek-Prozeß bekannt gewordene frühere demokratische Stadt- verordnete Moritz Rasenthal ist. Den Handelsarbei- t e r n, die der„Angriff" ganz vorkriegszeitgemäß„Hausdiener" nennt, ist von dem Firmeninhaber regoros und tarifwidrig der Ur- laub um die Hälfte gekürzt worden. Vom G e f a m t v e r b a n d, der vor einigen Tagen von oer- schicdenen Arbeitern der Firma um die Wahrnehmung ihrer Jnter- essen ersucht worden ist, sind bereits die nötigen Schrille gegen die Firma eingeleitet worden. Davon teilt allerdings der„Angriff" seinen Lesern nichts mit. Er macht aber aus dem früheren demo- krotischen Stadtverordneten einen„sozialdemokratisch orientierten Arbeitgeber" und versieht das ganze Geschreibsel mit der Ueber- schrift:„Unerhörte Knechtungsmaßnahmen eines SPD.-Bonzen". Es muß um die Wahlparolen der Nazis sehr schlecht bestellt sein, wenn sie außer mit„schlagenden" Argumenten nur noch mit solchen faustdicken Lügennachrichten aufwartest können, um Stimmen zu fangen.____ Betriebsratswahl im Statistischen Neichsamt. Im Statistischen R e i ch s a m t ist die im Frühjahr vor- genommene B e t r i e b s r a t s w a h l am Donnerstag wiederholt worden, da die Nationalsozialisten wegen der Nichtzulassung der Versorgungsanmärter gegen die damalige Wahl mit Er- folg Einspruch beim Arbeitsgericht eingelegt hatten. Die Wahlbeteiligung war jedoch, trotz der Zunahme der Wahlberech- tigten, eine schwächere, hauptsächlich infolge der Urlaubszeit. Von den 915 abgegebenen Stimmen � ent fielen auf die Liste des ZdA. 124(1681 Stimmen, auf die Liste des GdA. 314(319), auf die nationalsozialistische Liste 284(2341 Stim- men und auf eine deutjchnationale Sammelliste 193(251) Stimmen. Van den 11 Betriebsratssitzen entfallen auf den ZdA. 1(2), den GdA. 4(4), die Deurschnationalen 2(3) und die Nazis 4(2>. Den Zuwachs von 50 Stimmen dürften die Nazis ausschließlich den Ver- sorgungsanwärtern verdanken, die wahrscheinlich damit rechnen, im Dritten Reich eine ihrem früheren militärischen Rang entsprechende Stellung als Statistiker für den Arbeitsdienst zu erhalten. eMudk .Herberl Schüller: 3)ie Stückkehr der verlorenen Toehler Es ist unrichtig zu sagen, die junge Generation von heute er- lebe nicht mehr die Liebe, sondert konsumiere sie höchstens. Es ist ebenso falsch zu meinen, unsere Jugend sei enterotisiert und betrachte den Geschlechtstrieb als ein notwendiges Usbel. Gewiß haben die schonungslose Enthüllung falscher Scham und die Erkenntnis des Natürlichen die Erotik der Menschen revolutioniert. Revolution ist kein konkreter Zustand, sondern ein elementarer Prozeß, der Be- griffe und Werte durcheinanderwirft und erst dann beendet ist, wenn sich so auf diesem Wege eine neue Farm und Ordnung her- ausgebildet hat. Jede Revolution führt zu Mißverständnissen. Des- halb auch die der Erotik. Und dieses Mißverständnis ist, daß unsere Jugend die Erotik teils bagatellisiere, teils in der nüchternen Er- kenntnis des Natürlichen enthemme Unsere Jugend, die bestrebt ist, immer und überall zu Klarheit und Vorurteilslosigkeit vorzudringen, ist eben aus dieser Entdeckungsfahrt nach neuen Lebensbezirke» auch auf das Eiland Erotik gestoßen, und da sie gelernt hat. daß das gesunde Lebensprinzip des modernen Menschen darin besteht, die Dinge so zu nehmeu, wie sie genommen werden müssen, hat sie auch der Erotik die ihr von Natur aus eigene Bedeutung zurück- gegeben. Vielleicht hat sie dabei einen Mythos zerstört. Aber jeder Mythos ist etwas Unwahres und stellt lediglich die Verschleierung allzu brutaler Tatsachen dar. Also kurz und gut, unsere Jugend oer- meidet es, daß jeder einzelne mit sich so ausgiebig beschäftigt ist, daß er darüber die Welt in ihrer großen Allgemeinheit vergißt. Die Einstellung früherer junger Menschen, sich und sein Schicksal als Erdmittelpunkt im All der Geschehnisse zu betrachten, wurde von der neuen Generation als haltlos und unrichtig erkannt. Die über- lriebcne Beschäftigung mit sich selbst hat stets zu schweren Irr- tllmern und Katastrophen geführt, vor allem aber, was das Trieb- leben betraf. Herbert Schlürer, de-- den Roman„Die Rückkehr der verlorenen Tochter"(erschienen bei Transmare Ver- lag Berlin) schrieb, und von dem angenommen sei, daß er jung ist, steckt noch ganz im vorkriegszeitlichen Individualismus. Er gibt sich zwar sehr modern und hat sich wohl auch gelegentlich mit Jndi- vidualpsychologie und Psychoanalyse beschäftigt, aber diese ganze Modernität des Geistes erinnert nur allzu sehr an die konfektio- näre Mode des Kurfürstendamm. Jedenfalls gehört sein Buch zu jenen dichterische» Pflanzproduktcn, die so üppig in der Treibhaus- luft des Romanischen Cafes blühen. Wenn dieses Mädchen Irene sich löten will, weil das Erlebnis ihrer Liebe, der sie ganz verfallen ist und die ihrer Jugend Sinn gibt, sie einmal enttäuschen und in einen bodenlosen Abgrund stürzen könnte— wenn ihr Freund ihr zu allem ileberfluß noch aus Neugier und Uebermut das Gift entreißt und sich selbst tötet, dann haben diese beiden hoffnungslosen Fälle nicht einmal Mitleid und Bedauern auf ihrer Seite, Ihr Schicksal und Gefühlsleben sind absurd und gehen uns nichts an. Um diese pein- liche Angelegenheit, die bereits, wenn der Roman beginnt, der Ver- gangenheit angehört, ein ganzes Buch zu schreiben, ist lächerliche Eigenwilligkeit, Im übrigen aber— und das ist das Symptomatische an dem Buch— unterscheidet sich dieser Roman in nichts von der einstmals sehr gefragten Jungmödchen-Literatur, die wenigstens das eine Gute für sich hatte, daß sie weniger angekränkelt und ein- jacheren Gehirnen zugänglich war, Sie erhob auch keinen Anspruch auf dichterische Wertung, aber dieser Roman will, daß man über der Form seinen Inhalt vergißt. sirioclndi Lichtneker. Rundfunk ßm Abend Sonnabend, den 18. Juni 1932. Berlin: 16.03 Orche>