Morgenausgabe Nr. 289 Ä 146 49.Iahrgang SSchiMNch 76 Ps. monatlich 3,26 9JI {davon 87 Pf. monatlich für guftel- ung ins Haus) im voraus zahlbar, Postbezug Z,»7 M. einschließlich so Pf, Pevlzeitungs» und 72Pf,Postbestcllg«> »llhren. Auslandsadonncment S,S6 M, vro Monat! für Länder mit ermäßig tem Druckfachenvorto«,S6 M. Der„Ponnärts* erscheint Wochentag» lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgabe für Berlin und im Sandel mit dem Titel„Der Abend", Illustriert« Sonntagsbeilag, .Polt und Seit" Aeettnev Vottsblatt Miitwoch 22, Juni 1952 Groß-Lerlin IT Z)f, Auswärts 15 ps. Sie etnipalt. Mllltmeierzelle bv Pf Rellamezeile 2.- M„Kleine An, zeigen" das fettgedruckte Won 2« Pt (zuläfstgzwei setlqedruckleWorle>,ied?s weitere Won w Pf Roda» l! Tarif Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, Arbeitsmorkt'Millimeter. zeile 25 Pf. Familienanzeigen Milli- meterzeile 16 Pf. Anzeigenannahm, im Hauptgeschäft Lindenitraßr 3 wochentäglich von 8>,, bis W Uhr Der Verlag behält sich dasRecht der Ab' lehnung nichtgenebmerAn, eigen vor' Jentvawvsm» der GozialdemokvaMOen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernspi.: Dönhoff(A T) 292— 297. Telegrannn.Adr,: Sozialdemokrat Berlin, Vorwärts-Verlag G. m. b. H. Postscheckkomo: Berlin37 53k.— BanNoMo:Bankder Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. S, Dt.B.u.Disr.-Ges.. Depositenk., Jerui alemer Sir, kö kö, lag der Entscheidungen. Linderkonferenz über das Uniformverbot.— Wahl des Landtagspräsidiums.— Ministerpräsidentenwahl vertagt. Entscheidende Stunden. Die Zentrum sfraktion des Preußischen Land- t a g e s trat am Dienstagnachmittag in Anwesenheit der Zentrums- Mitglieder des Preußischen Staatsrats, Mitgliedern des Reichsrats und der Reichspartcileitung zu einer Sitzung zusammen, in der der stellvertretende Vorsitzende, Abgeordneter S t e g e r, davon Mittei- lung machte, daß ihm der nationalsozialistische Abgeordnete und Landtagspräsidcnt Nerrl den Wunsch geäußert habe, die Wahl des Ministerpräsidenten von der Tages- ordnnng am Mittwoch abzusehen und bis nach der Neichstagswahl zu vertagen. Der Abg. Kcrrl habe ausdrücklich betont, daß er im Auf- trage der Parteileitung der Nationnlsozialisti- (che» Partei und des Vorstandes der preußischen Landtags- sraktion der Nationalsozialisten handele, Landtagsprasident Kerrl habe dabei der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß das Zentrum sich diesem Wunsch anschließen werde. Nach eingehender Aussprache be- schloß die Zcntrmnssraktion des Landtages, an den Präsidenten kerrl folgendes Schreiben zu richten: „Die Zcntrumssraktion des Preußischen Landtags hat von ?hrcr im Auftrage der nationalsozialistischen Parteileitung und des Vorstandes der nationalsozialistischen preußischen«Landtags- sraktion ihrefn Vorstand geäußerte Anregung, die Wahl des Ministerpräsidenten bis nach der Reichstagswahl hinauszuschieben, Kenntnis genommen und erklärt sich damit einoer stände n," Weiter beschäftigte sich die Zentrumssraktion mit der Wahl des Landtagspräsidenten. Es wurde jedoch in dieser Frage ein Beschluß nicht gefaßt, sondern die letzten Entschlüsse der Fraktion wurden auf Mittwoch zurückgestellt. Das Anerbieten der Kommunisten wird, wie wir aus Zentrumskrcisen hören, von der Zentrumssraktion nicht ernst genommen, weil die Bedingungen der Kommunisten von vornherein für das Zentrum unerfüllbtr seien. Das Zentruni habe es selbstverständlich abgelehnt, sich aus VerHand- lungen mit den Kommunisten einzulassen. Die Nazis wollen es nicht gewesen sein. Der nationalsozialistische Zeitungsdicnst weiß über die Vor- gcschichte der Verschiebung der Wahl des preußischen Ministerpräsidenten auf Grund einer Unterredung mit dem Landtagspräsi- denten Kerrl folgendes zu berichten: Im Auftrage Adolf Hitlers und nach Verständigung des Fraktionsoorstands habe Präsident Kerrl dem Zentrums- Fraktionsvorsitzendcn Abg. Steeger und dem Fraktions- geschästsführer Dr. Graß mitgeteilt, daß die nationalsozialistische Fraktion durchaus bereit sei, die Verantwortung für die Regierung in Preußen zu übernehmen, Sie halte aber unter den gegebenen politischen Verhältnissen und mit Rücksicht auf die bedrohliche Lage der preußischen Staatsfinanzen es für untragbar, daß der zu präsentierende Ministerpräsident irgendwie durch zuvorige Abmachungen ge- bunden sei, Sie verlange vielmehr, daß der von ihr präsentierte Kandidat gewählt würde und völlig freie Hand in der Bildung des Kabinetts behielle. Die Herren vom Zentrum erklärten darauf, daß ein solcher Vorschlag für sie unannehmbar sei, woraus Präsident Kerrl erklärte, das habe er vorausgesehen und daruin Adolf Hitler gebeten, ihm die Ermächtigung zu geben, falls das Zentrum bei der gegebenen Sachlage den Wunsch äußere, die Wahl des Ministerpräsidenten bis noch der Reichstagswahl zu vertagen, unsererseits diesem Wunsche zuzustimmen. Nach längerer Aussprache einigte sich Präsident Kerrl mit den Vertretern des Zentrums dahin, daß beide Fraktionen, also sowohl das Zentrum wie die NSDAP, die Vertagung der Ministerpräsidentenwahl auf die Zeit nach den Reichstagswahlen beantragen sollen. Das Zentrum behielt sich die Genehmigung der Frak- t i o n vor und Präsident Kerrl die Genehmigung Adolf Hitlers, die voraussichllich unter der Bedingung erteilt würde, daß Präsident Kerrl am 22. 3uni endgültig gewählt würde. Offene Bürgerkriegshetze, Wie die nationalsozialistische presse provoziert. In welch skrupelloser und gemeingefährlicher Weise die natio. ic a l s o z i a l i st i s ch e n Zeitungen eine Bürgerkriegs- Hetze betreiben und damit die politischen Gewalttaten anregen und fördern, zeigen einige Auslassungen, die wir in dem offiziellen Organ der Hitlerpartei in Essen, der„N a t i o n a l- Z e i t u n g", vom 18, Juni d, I. finden. In dieser Hakenkreuzzeitung heißt es u. ä. in Fettdruck: „wir Nationalsozialisten wollen keinen Zweifel darüber auskommen lassen, daß es eine Rückkehr zur Brüning-Methode nicht mehr geben kann, daß aber ebenso die Zeilen endgültig vorbei sind, wo Zentrum und Marxismus an den Säulen des Reiches rütteln dikfien. Es gibt in Deutschland nur eine Bewegung, die einig ist in ihren wünschen und wollen bis ins lehle Grenzdorf, das ist der Nationalsozialismus. Es gibt heute in Deutschland zwei große Machlsaktoren, die eine nationale Regierung für ihre Arbeilen einsehen kann, um den Bestand und den lang- t(amen Wiederausbau unseres Vaterlandes zu gewährleisten: Hunderltausend Mann Reichswehr und eine halbe Million SA. wenn die Entwicklung so weiter treibt wie in diesen Tagen, dann muh Deutschlands Zukunft binnen kurzem in den Fäusten der SA. und aus den Bajonellen der Reichswehr liegen." I» demselben Artikel befmdev sich schon vorher ähnliche auf- reizende Bemerkungen. Man prophezeit, daß der Zeitpunkt, an dem in Deutschland alles drüber und drunter gehe, nahe herbeigekommen sei, Zentrum und Sozialdemokratie nur mit der Peitsche zu regieren seien Wörtlich heißt es:„Wir Nationalsozialisten können im Bewußtsein unserer durch nichts mehr zu erschütternden Stellnnc, den Dingen klar ins Auge sehen und dos Kind beim richtigen Namen nenne» Wenn die Regierung Papen >n den nächsten Tagen und Wochen dieZü gelschleifen läßt, wenn sie es weiter duldet, daß in der zentrümlichen und marxtsti- scheu Presse aller Richtungen ungestraft in der schlimmsten Weise gegen die nationale Mehrheit des deutschen Volkes, gegen Reichsregierung und Reichspräsident gehetzt wird, wenn sie es weiter duldet, daß die Novembergrößen der SPD. im Lande herumziehen und in wilden Brandreden zum Bürgerkrieg auffordern, dann kann man sich an den Fingern abzählen wann der Tag gekommen ist. wo tatsächlich in Deutsch- land alles drunter und drüber geht. Zentrum und SPD. sind nur mit der Peitsche zu regieren." Angesichts dieser provozierenden Schreibweise und in Verbin- dung mit dem unverschämten Austreten der uniformierten SA. in den Straßen braucht man sich wirklich nicht zu wundern, wenn es in zahlreichen Orten täglich zu politischen Gewalttaten kommt. An- gesichts dieser Vorgänge ist es auch nicht schwer, zu erkennen, wo die wirklichen Urheber und Träger der innenpolitischen Unruhen sitzen! Oer bayerische polizeigeseheniwurf. Vom Verfassungsausschuß angenommen. München, 21. Juni. Der Versassungsausichuß des Bayerischen Landtages nahm am Dienstag nachmittag ohne Aussprache den bekannten Gesetz- cntwurs zur Ergänzung des Polizei st rafgesetzbuches an, der im Zusammenhang mit dem neuen bayerischen Uniformverbot steht. Innenminister Dr. Stützet gab die Erklärung aö, daß es immer schon sein Bestreben gewesen sei, einen einheitlichen Vollzug der einmal ergangenen Anordnungen über das ganz« Land herbeizuführen, Die Vorschriften, die von der bayerischen Regierung erlassen wurden, seien allgemeiner Natur gewesen, hallen sich gegen alle gleichmäßig gerichtet und müßten daher durchaus als recht und billig anerkannt werden. Die Reaktion macht scharf. heute tritt der Preußische Landtag wieder zu- sammen. Zugleich tagt die vom Reichsinnenminister Frei- Herrn von Gayl einberufene Konferenz der Innen- mini st er der Länder. Der Landtag wird nicht den Versuch unternehmen, einen Ministerpräsidenten zu wählen. Die National- sozia listen haben das Zentrum um Vertagung der Wahl bis nach der Reichstagswahl ersucht, das Zentrum hat feine Zustimmung dazu gegeben, also wird die Wahl eines Ministerpräsidenten von der Tagesordnung ab- gesetzt werden. Danach wird die jetzige Preußenregierung pflichtgemäß die Geschäfte weiterzuführen haben. Jeder Versuch, diese geschäftsführende Regierung als eine Regierung minderen Rechts hinzustellen oder zu be- handeln, muß mit Entschiedenheit als verfassungswidrig zurückgewiesen werden. Vor allem jeder solche Versuch, der van der Reichsregierung ausgehen würde! Die Rcichsregie- rung hat sich einem sicheren Mißtrauensvotum des Reichs- tags entzogen. Sie hat keine Volksmehrheit hinter sich, son- dern eine Volksmehrheit gegen sich, und eine durch das Volk erteilte Mißtrauenskundgebung vor sich. Das Präsidium des Preußischen Landtags soll heute endgültig gewählt werden. Die Verantwor- t u n g für den Ausgang dieser Wahl liegt bei den K o m m u- nisten. Um diese Verantwortung zu verschleiern, hat die Landtagsfraktion der KPD. erklärt, daß sie bereit wäre, für ein Präsidium aus Vertretern des Zentrums und der Sozial- demokratie zu stimmen, wenn Zentrum und Sozialdemokratie zwei kommunistische Forderungen annehmen: die Aufhebung des Demonstrationsverbots in Preußen und die Nichtdurch- führung der Notverordnungen der Reichsregierung. Es ist klar, daß die Erfüllung der ersten Forderung die bürgerkriegs- ähnlichen Zustünde verschärfen und die der zweiten vom Reiche sofort mit der Einsetzung eines Reichskommissars in Preußen beantwortet werden würde! Mit diesem Trick wird die Kommunistische Partei ihre Verantwortung nicht ver- nebeln können; denn in der Praxis lautet die Alternative, die sie stellt, nur so: entweder ein r e i n f a s ch i st i s ch e s L a n d- tagspräsidium oder ein Reichskommissar in Preußen. Da Zentrum und Sozialdemokratie selbstver- ständlich nicht Anlaß zur Einsetzung eines Reichskommissars geben werden, steht vor der Kommunistischen Partei die Frage, ob sie durch ihre Haltung ein rein faschistisches Land- tagspräsidium im Preußischen Landtag einsetzen will. Um diese Verantwortung kommt sie nicht herum! Die Bedeutung der Dinge in Preußen wird jedoch über- ragt von der L ä n d e r ko n f e r e n z. In dieser Konferenz wird die Lage besprochen werden, wie sie sich in den wenigen Tagen seit der Aufhebung des SA.-Verbotes und des Uni- formoerbotes herausgebildet hat. Diese Lage ist mit einem kurzen Satz bezeichnet: Deutschland steht am Rande des Bürgerkrieges. Der Ausgang dieser Länderkonferenz wird von entscheidender Bedeutung sein für, den inneren Frieden und für die zukünftige Entwicklung Deutschlands. Seit Tagen wird das Reichsinnenministerium von rechtsradikaler Seite scharf gemacht, damit es über die Verfassung hinweg in die Polizeihoheit her Länder eingreife. In der rechtsradikalen Presse und auf den beliebten Hintertreppenwegen wird ein Druck auf den Reichsinnenminister ausgeübt, der bis zu offenen Drohungen geht. Schon am Vortag der Konferenz kündigten die Rechtsradikalen an, was sie erwarten: Ent- weder den Ausnahmezustand oder aber eine Not- Verordnung, die praktisch den Ländern die Polizeihoheit nehmen und zugleich den national- sozialistischen Terror befreien und legalisieren würde. Das waren die Forderungen, die Hitler, persönlich bei Gayl er- hoben hat. Würde das Reichsinnenministerium diesen Oer Weg zur Einheitsfront Eine Erklärung des Bundesvorstandes des ADGB. rechtsradikalen Forderungen nachkommen, so wäre der ernsteste Verfassungskonflikt heraufbeschworen und zugleich der innere Friede unheilvoll zerstört! In der rechtsradikalen Agitation ist namentlich gegen die süddeutschen Länderregierungen eine Sprache angeschlagen worden, die nicht nur auf das tiefste beleidigend und beschimpfend ist, sondern auch Zeugnis da» von ablegt, daß die Nationalsozialistische Partei reoolutio- näre Ziele gegen die verfassungsmäßigen Verhältnisse ver- folgt. Bei diesem Pressefeldzug hat die Nationalsozialistische Partei deutlich ihr Gesicht gezeigt. Der Berliner„Angriff" hat am Vorabend der Länderkonferenz zynisch zu verstehen gegeben, daß die Nationalsozialistische Partei die schlimmste antisoziale Notverordnung tolerieren könne, wenn die Neichsregierung den Machtwünschen und den gegen den inneren Frieden gerichteten Forderungen der Nationalsozia- listen entspreche, daß sie sich aber die Maske sozilaer Dem- agogie vornehmen werde, wenn das Reichsinnenministerium den Befehlen Hitlers nicht gehorche. Am Vorabend dieser Länderkonferenz ist ferner von München aus eine neue Alarmmeldung er- gangen, ähnlich jener, die am Vorabend des Sturzes des Kabinetts Brüning bekannt wurde und die in der Folge durch die tatsächliche Entwicklung bestätigt wurde. Eine Meldung der„Münchener Neuesten Nachrichten" behauptet, daß abermals das Reichswehr mini st erium in stärkster Weise sich in die Politik einmische, daß Leute aus dem Reichswehrministerium, die an den Treibereien gegen Groener beteiligt waren, den Pressefeldzug der Scharf- macher zum Druck auf das Reichsinnenministerium dirigiert hätten und daß Herr v. Schleicher auf dem Wege über den Ausnahmezustand nach der ganzen Macht in Deutschland greifen wolle. Nach diesem Vorspiel kommt der Länderkonferenz ent- scheidende Bedeutung zu! Als die sogenannte politische Not- Verordnung erlassen wurde, wurde gleichzeitig ein Brief des Reichs Präsidenten veröffentlicht, der eine Mah- nung an alle darstellte und der die Voraussetzungen umriß, unter denen die Aufhebung des SA.-Verbotes und des Uniformverbotes erfolgt ist. Die Ereignisse, die seitdem eingetreten sind, der offen- kundig organisierte Aufruhr der Hitlerschen Bürgerkriegs- armee vor allem in München und in Köln zeigen auf das deutlichste, daß die Voraussetzungen für die Aufhebung des SA.» und des Uniformoerbotes vollständig durchlöchert sind. Deutschland hat heute bereits jene bürgerkriegsähnlichen Zu- stände, die die Regierung Brüning befürchtete, wenn Hitlers Bürgerkriegsarmeee weiter wirtschaften könnte wie bisher! Jene Entscheidungen der Reichsregierung, die die Rechtsradikalen schon am Vorabend der Länderkonferenz glaubten voraussagen zu dürfen, und die praktisch darauf hinauslaufen würden, daß das Reich den um die Aufrecht- erhaltung des inneren Friedens bemühten Regierungen der Länder in den Arm fallen würde, würde über das Wort des Reichspräsidenten hinwegschreiten, das er in seinem Briefe an den Reichsinnenminister verpfändet hat! Die Mehrheit des Volkes müßte in einer solchen Ent- scheidung einen ungeheuren Affront durch die Reichsregie- rung erblicken. Denn diese Reichsregierung hat keine Mehrheit des Volkes hinter sich— siehe die Wahlen in Hessen— und sie wird auch bei den kommenden Wahlen keine Mehrheit des Volkes hinter sich bekommen! Bayern als Mahner. München, 21. Juni. Der bayerische Innenminister Stützet reist am Dienetag abend noch Berlin ab, um an der Konferenz der Innenminister teil- zunehmen. Er wird von mehreren Herren begleitet, die als juristische Berater in Spezialfragen anzusehen sind. Vor der Abreise des Innenministers trat noch einmal der Ministerrat zusammen, imt d i e Punkte festzulegen, die Dr. Stütze! in Berlin vertreten wird. Die„Bayerische Staatszeitung* schreibt zu der Ministsrtonferenz in Berlin, es wäre ganz fehl am Platze, ivollle der Reichsinnenminffter den Vertretern der Länder gegenüber, die eiire eigene Regelung in der Uniformirage für zweckmäßig be- sunden haben, den scharfen Ton anschlagen, der ihm von den Nationalsozialisten und neuerdings auch vom Reichsministerium her so dringend empfohlen werde. Mit militärischem Ton oder gar mit Zwangsmaßnahmen gegen die Länder sei schwerlich dort etwas zu erreichen, wo das Recht stehe und die Pflicht, das zu tun, was den eigenen Ländern den Frieden sichere. Der bayerische Innenminister befinde sich in einer Lage. die allem anderen eher als der Rolle eines An» geklagten gleiche. Die Züsanrmenstöß« mit uniformierten Por- teigängern in Norddeutschland hätten ihm eher die Rolle eines Mahners an die Reichsregierung zugeteilt. In der Bekämpfung dieser blutigen Ausschreitungen sei die Energie der Reichsregierung weit besser verwendet als in einem Kampf gegen die Länder, die mit besseren Maßnahmen das schon erreicht haben, was in Norddeutsch- laiid leider noch in weiter Ferne zu stehen scheine. Zentrum für Llniformverbot. Unter der Ueberschrist„Für das Zentrum kein« Zeit* schreibt die„Germania": „Die Herren I u st i z r a t M ö n n i n g, Dr. P e r l i t i u s und Dr. Bockel hatten sich am Dienstag zu einer Unterredung bei dem Reichs mini st er des Innern angemeldet, um in Vertretung des von Berlin abwesenden Parteioorsitzciiden K a a s dem Minister die Ausfassung des Zentrums über die Wiederzulassung der Parteiunisormen darzulegen. Der Minister ließ erklären, daß er aus Zeitmangel nicht in der Lage sei, die Ab- ordnung zu empfangen. Cr nahm aber eine zufällige Gelegenheit wahr, um im Preußischen Staatsrat.Herrn Justiz- rat Mönning über die beabsichtigte Vorstellung der Abordnung zu I>ärcn. Mit Rücksicht darauf, daß es der Reichsleitung der Zentrums- Partei dringlich darauf ankommen muß, daß die Reichsregierung die Auffassung des Zentrums kennenlernt, geben wir in folgendem bekannt, was die Abordnung dem Reichsinnenminister erklären wallte: „daß sie die Absicht halle, darzulegen, daß die sich täglich mehrenden Znsawmensläße und blutigen Zwischenfälle in allen Teilen des Reichs eine Folg« der Aushebung des Partei- nniformverbote» feie«. Die Reichsregierung trag« damit Der Vorstand des ADGB. veröffentlicht die folgende Erklärung zur Einheltsfrontfrage: „Seit dem Sturz der Regierung Brüning wird der Gedanke der Einheitsfront der Sozialdemokratie und der Kommunistischen Partei unter der Arbeiterschaft in den Betrieben lebhaft erörtert. Der Vorstand des ADGB. ist fest davon überzeugt, daß der Kampf gegen den gemeinsamen Feind das geschlossene Vor- gehen der gesamten deutschen Arbeiterbewegung zur gebieterischen Pflicht macht. In den anderthalb Jahrzehnten der Nachkriegszeit, seit dem Beginn der verhängnisvollen politischen Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, waren die freien Gewerkschaften die Träger des Ein- heitsgedankens. In ihren Reihen war dieser Gedanke in den Grenzen des politisch Möglichen verwirklicht. Daß man sich von allen Seiten gerade an sie, insbesondere an den Borstand des ADGB. wendet, die Rolle des Mittlers zu übernehmen, beweist, daß diese Tatsache allseitig anerkannt wird. Leider hat diese Anerkennung noch nicht zu der Einsicht geführt, daß die Voraussetzung für eine Einheitsfront die E i n st e l l u n g des gehässigen und verleumderischen Bruder- k a m p f e s ist, der tagtäglich in Versammlungen, in der Presse und in Flugblättern geführt wird. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands hat sich noch in neuester Zeit ausdrücklich dazu bekannt, diesen Kampf hemmungslos fortzusetzen. In einer Erklärung vom 20. Juni 1S32 sagt die kam- munistische Parteizentrale: „Die Kommunisten erklären dabei ganz ossen, daß sie nicht daran denken, den Parteien, mit deren Hilfe und durch deren Politik der Faschismus zur Macht gelangte, einen„Burgsrieden" eine ungeheure Beranlwortnng für die sich verschärfen. den politischen Kämpfe. Die Zcntrumspartei müsse erwarten, daß die Reichsregierung aus dieser Sachlage umgehend die Konsequenzen ziehe." Reichsinnenministerium und Verbände. Amtlich wird mitgeteilt: Der Reichsminister des Innern hat sich Mit der Führung der NSDAP., des Stahlhelm. des Reichsbanners Schwar.z-Rot-Gold, des Jungdcutfchen Ordens, des Werwolf und der Kreu.zschaar in Verbindung gefetzt, um sicher- zustellen, daß diejenigen Besiimmungcn beachtet werden, die der Reichsminister des Innern auf Grund der Verordnung vom 14. Juni 1932 für erforderlich hält. Gevering zum Oemonstrationsverboi. Aufhebung unmöglich.- Lockerung ab 3. Juli. Der Hauptausschuß des Preußischen Landtages beschäftigte sich gestern zunächst mit den Anträgen auf schnellste 5)ilfsmaßnahmen für die durch schweres Unwetter betroffenen Gebiete. Es wurde ein Antrag angenommen, der die Reichsregie- rung um umfassende Hilfsmaßnahmen ersucht. Der Hauptausschuß ging dann zur Beratung eines national- sozialistischen Antrages auf Aushebung des vom Polizeipräsi- dcnteu am 31. Oktober 1931 erlassenen allgemeinen Demon- st ratio nsoerbotee über, der vom Abg. Freiherr von Gregory(Nat.Soz.) begründet und von den Abgg. Kasper (Kam m.) und Ebersbach(Dnat.) unterstützt wurde. Minister S e v e r l n g machte darauf aufmerksam, daß der An- trag nur eine Aufforderung enthalte, der die Regierung nicht entsprechen könne, weil die Voraus- sehungen dafür nicht vorlägen, nämlich daß die Teilnehmer an Demoustratioaen sich friedlich und unbewaffnet versammeln. Ausnahmegenehmigungen würden schon jetzt loyal zu gewähren, wie es die SPD.» und ADGB.-Jührer wünschen. weil sie um ihre Mandate zittern... Es gib« für die Kommunisien keinen„Burgfrieden" mit Verrätern und Feinden der Arbeiter- Nasse." Diese Ertlärung ist unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Einheitsbestrebungen in der Arbeiterschaft von der höchsten Instanz der KPD. abgegeben worden. Unter diesen Umständen sieht der Vorstand des ADGB. für Einigungsversnche keine Erfolgsmöglich- keiten. Die einheitliche Abwehrfronl der politischen Parteien der deut- schen Arbeiterbewegung ist nur denkbar, wenn alle Beteiligken frei- willig daraus verzichten, die K a m p s g e u o s s e n in entehr ender weise auzugreiscn. Der Verzicht aus böswillige Verunglimpfung der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie während des wahlkampfes ist die Mindest- bedingung, die die Kommunistische Partei erfüllen muh. wenn der Vorstand des ADGB. seinen Einfhiß für die Bildung einer gemeinsamen politischen Abwehrsronl in die Waagschale werfen soll. Es ist eine Forderung, aus die kein ehrlicher Befürworter der Ein- heitssront verzichten kann. Es wird die Aufgabe der organisierten Arbeiter selbst sein, die moralischen Grundlagen für ein einheitliches vorgehen der gesamten deulschen Arbeiterbewegung zu schassen. Sie müssen jedem, der den Bruderkamps in ihren Reihen mit den bisherigen verwerflichen Mitteln in Wort und Tal fortseht. unzweideutig klarmachen, daß er den Todfeinden der deutschen Arbeiterklasse den weg zum Siege bahnt. und unparteiisch gewährt. Ab 3. Juli werde auch ge- nerell eine Lockern n.g eintreten. Immerhin sei Vorsicht geboten, weil die Aufhebung des Uniformverbots und die finanziellen Maßnahmen der Neichsregierung die politische Hoch- spaunung wieder sehr oerstärkt hätten. Der Minister erklärte bei dieser Gelegenheit weiter, daß er dem Antrags der Deutschnationalen stattgeben werd«, in welchem verlangt werde, dem Vorstand und Kreis 10 der Deutschen Studentenschaft in Gemeinschaft mit der Büudischen Reichsschast, der Stahlhelm-Studentcnschaft, dem Sudeten- deutschen Heimatbund die für den 28. Juni geplante L u st g a r t e n- kundgebung gegen das F r i e d e n s d> t t at von Ver- s a i l l e s zu gestatten. Nach weiterer Aussprache wurde der nationalsozialistische Antrag angenommen. Es folgten dann Serien von kommunistischen und national- sozialistischen Agitationsanträgen auf steuerlichem Gebiet. Am Vor- tag war beschlossen worden, alle Einkommen über 12 000 Mark pro Jahr lortzu steuern. Jetzt wurde beschlossen, alle Einkommen über 100000 M. jährlich mit einer> S o n d e r st e u e r zu belegen. Frage: Wo kommen Einkommen über 100 000 M her, wenn die Einkommen über 12 000 M. fort- gesteuert sind? Ein kommunistischer Antrag, der das Staatsministerium ersucht, in allen Dienststellen, Betrieben und Anstalten des Staates und der Gemeinden den Siebenstundentag bzw. die 40-Stunden--Woche be'i vollem Lohnausgleich einzuiühren und entsprechend der Arbeitszeitverkürzung Erwerbslose einzustellen, wurde mit den Stimmen der Sozialdemokraten und der Kommunisten angenommen. Der präsidenk des Slädtelages beim Reichsinnenminisier. Der Re'chsinnenminister empfing orn D'enstog den Präsidenten des Deuischen Städterages, Dr. Mutert. In der Unterredung wurde hauptsächlich das Verhältnis des Reiches zu den Gemeinden und die Beschaffung der Mittel für die Wohlsahrtserwerbslosen erörtert. Amerikas Eingreisen. Frankreich fordert Abschlußzahlung.- Deutschland lehnt ab. Lausanne. 21. Juni. lEigenbericht.) Tas entscheidendste Ereignis für den Verlauf der Sausanuer Konferenz war das am Dienstag erfolgte direkte Eingreifen der Amerikaner in die Verhandlung. Kurz nach zwei Uhr nachmittags erschienen G i b s o n und Nor- man Daoies. begleitet vom englischen Außenminister S i r I o h n Simon, bei M a c d o n a l d im Hotel Beau-Rivage, wo sie über zwei Stunden blieben. Die Absicht, auf die Lausanner Verhandlungen einen starken Druck auszuüben, hat die bisher eingenommene ameri- kanifche Haltung so grundlegend geändert. Wie bei der Geheim- konferenz' am Montagabend in Morge» zwischen Herriot, Paul Boncour und Marcel Ray einerseits sowie Gibson und Norman Davies andererseits, handelte es sich auch diesmal wieder für Amerika darum, den untrennbaren Zusammenhang zwischen den f i n a n- ziellen Fragen und der Abrüstung aufrechtzuerhalten und beide zusammen zur Lösung zu stellen. Der Eindruck der amerika- nische» Intervention aus die Konferenz war sehr stark. Obwohl die Amerikaner nach wie vor bestreiten, sich um die Reparationssrage zu kümmern, so versteht es sich von selbst, daß sie auch in deren Er- örterung durch ihr eigene» Vorgehen hineingezogen sind. Nach den Amerikanern empfing Macdonald wiederum Herriot und G e r m a n M a r t i n. Die Verhandlungen gingen in beiden Fällen bereits in die Einzelsragen. Eine Einigungslinie ist indessen noch nicht zu sehen. ♦ In der Verhandlung Macdonalds mit Teutschlands Vertretern hat Macdonald nunmehr offiziell bekannt- gegeben, daß Frankreich inr Falle der endgültigen Liquidierung der Reparationen eine gewisse Abschluß» Zahlung verlangen müsse und hat auch einen fertigen Vorschlag für eine solche Zahlung gemacht. Die deutschx Vertretung steht einem solchen Vorschlag ab- lehnend gegenüber, ja man erfährt aus sicherster Quelle, daß sich die Gegensätze oerschärft haben. Herriot könne, so wird von französischer Seite betont, ohne eine Anerkennung irgendeiner deut« schen Zahlungsverpflichtung, die nach seinem eigenen Vorschlag erst dann amortisiert und verzinst zu werden brauche, wenn Deutschland dazu nach Feststellung eines internationalen Komitees wirklich in der Lag' fei. nicht vor die Kammer und die öffentliche � Meinung in Frankreich treten. Die Taktik der deutschen Regierung läuft offenbar auf eine Hinausschiebung der Stellungnahme hinaus. Amerikas Vbrüstungsvorfchläge an Frankreich. Genf. 21. Juni.(Eigenbericht.) Die eigentlichen Detailverhandlungen über die Ab- rüstungssragen gingen auch am Dienstag in Genf vor allem weiter zwischen den drei Mächten Amerika, England und Frankreich. Man wird die anderen Delegationen ständig auf dem laufenden halten, aber mit erfolgten Vereinbarungen erst her- vortreten, wenn solche gefunden sein werden. Die Amerikaner setzten ihre Bemühungen fort, die Franzosen zu einer Herabsetzung ihrer Truppenstärke zu brin- gen. Für die qualitative Abrüstung mochten sie einen neuen Vorschlag, der fast einen völligen Verzicht auf ihre seitherige Taktik bedeutet. Es soll nämlich den Franzosen soweit entgegengekommen werden, daß die tatsächlich als solche bezeichneten Angriffs- waffen nur nicht mehr erneuert werden sollen. während die bestehenden bis zu ihrem Verbrauch wester existieren sollen. In der Frage der budgetären Begrenzungsmethode wurde züm erstenmal offiziell von amerikanischer Seste der Vor- schlag gemocht, eine 2Zprozentige Herabsetzung aller Rüstungsausgaben für sämtliche Teilnehmer der Konferenz vorzu- schlagen. Auch hier befinden sich die Verhandlungen noch vollkommen im Fluß, und es ist noch nicht zu übersehen, wie lange sie weiter- gehen werden. Gtraßsr muß Farbe bekennen. Die Soziaiöemokratie läßt nicht locker. Obwohl von verschiedenen Fraktionen des Reichstags die Einberufung des Ueberwachungsausschusses verlangt worden ist, um zu prüfen, ob die Auflösung des Reichs- tages verfassungsmäßig berechtigt war, und um zu den Hungernotverordnungen der Regierung Hitler-Papen Stel- lung zu nehmen, hat der Vorsitzende des Ausschusses, Gregor S t r a ß e r, bisher noch nichts von sich hören lassen. Wir verstehen dieses Stillschweigen. Herr Straßer scheut sich, den Ausschuß einzuberufen, weil er dort eine Entlarvung der National soziali st en befürchten muß. Die Ber- antwortung der Nationalsozialisten für die Hungernotverord- nung würde nämlich in diesem Ausschuß klar herausgestellt werden. Der Abg. Dr. Hertz(Soz.) hat nunmehr namens der sozialdemokratischen Mitglieder des Ueberwachungsaus- schusses folgendes neue Ersuchen um Einberufung des Ueber- wachungsausschusies an Herrn Gregor Straßer gerichtet: 3m Auftrage der sozialdemokratischen Mitglieder des Ueberwachungsausschusses richte ich an Sie das höfliche Ersuchen, diesen Ausschuß in der allernächsten Zeit zu einer Sitzung einzu- berufen. Zur Ermöglichung eiuer Prüfung der verfassungsmäßigkeit der Auflösung des Reichstags und einer Stellungnahme zu den letzten Rotoerordnungen des Herrn Reichspräsidenten war die Einberufung des Ueberwachungsausschusses bereits von anderer Seite g e w ü ns ch t worden. Wir haben nun den Wunsch, daß der Ausschuß nicht nur zur Erörterung dieser Fragen einberufen wird, sondern auch deshalb, weil von der Reichsregierung große Barmittel zur Sanierung der rhcinisch-wcstsälischen Großindustrie ausgegeben und Garantien für die S ch I s s a h rt übernommen werden, hierzu Ist die Reichsregierung aber ohne Genehmigung des Reichstags bzw. des Ueberwachungsausschusses gar nicht berechtigt. Wir hallen es für dringend geboten, dem Ueberwachungsausschuß alsbald Gelegenheit zu geben, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Wir sind gespannt, ob Herr Gregor Straßer jetzt endlich den Ausschuß einberufen wird, oder ob er es vorzieht, sich schützend vor die Geldgeber der Nationalsozialisten zu stellen, indem er den Ausschuß nicht einberuft und so versucht, eine Erörterung der Sanierung bankrotter Industrieunter- nehmungen aus Steuergeldern unmöglich zu machen. Oer Beamienfthub. Die Reaktion richtet sich häuslich ein. Nachdem bei dem großen Beamtenschub im Reichsinnen- Ministerium zuerst Ministerialdirektor z. D. Kamecke zum Leiter der Versassungsabteilung im Reichsinnenministerum ausersehen war, ist man davon wieder abgegangen. An Stelle des s o z i a l d�e m o< k r a t i s ch e n Ministerialdirektors Menzel soll der Landrat a. D. und ehemalige deutschnationale Reichstagsabgeordnete Gott- Heiner Ministerialdirektor in der Verfassungsabteilung werden. Gottheiner bringt für die neue Regierung schon dadurch die Be- fähigung zu seinem neuen Amt, weil er von der preußischen 'Staatsregierung im Jahre 193l) wegen seiner Beteiligung am Noung-Plan-Bolksbegehren als Landrat abgesägt worden ist. Im Reichstag ist Herr Gottheiner als außerordentlich selbst- bewußter, stockreaktionärer Herr bekannt geworden. Der ebenfalls den Linksparteien nahestehende Ministerial- dirigent h ä n tz s ch e l ist im Reichsinnenministerium„beurlaubt" worden. Seine Stell« soll in Zukunft nicht mehr besetzt werden, da- mit die ihm unterstellten Beamten größere Handlungsfreiheit er- halten. Das bedeutet eine Stärkung des reaktionären Einflusses in dieser Mteilung, der sowohl der Oberregierungsrat. Erbe wie der Ministerialrat Scholz angehören. Ministerialrat Scholz ist der Rundsunkreserent, der schon unter Groener seine Sympathien für die Nationalsozialisten nicht verhehlt hat und jetzt offen nationalsozialistische Politik betreibt. Von Oberregierungsrat Erbe ist bekannt, daß er als Referent für„Verbände" seinerzeit monatelang„nichts davon gemerkt hat", daß der berüchtigte deutsche Volkssportoerein ein rein nationalsozialistischer Verband war, obwohl der erste Vorsitzende dieses Vereins der Berliner SA.- Führer Gr a f H e l l d o r s ist. Der sichere Weg zur Reaktion ist also jetzt auch im Reichsinnenministerium geebnet. Auch Volksparteiler sind nicht beliebt. Der Ministerialdirektor in der Reichskanzlei, von Hagenow, ist zur Disposition ge st eilt worden. Er ist bereits am gestrigen Montag ausgeschieden. Bon Hagenow gehört der Deutschen Volkspartei an. Wie verlautet, wird Ministerialdirektor z. D. von Hagenow jedoch an anderer Stelle im Reichsdienst Verwendung finden. Der bisher von Hagenow innegehabte Posten wird voraussichtlich eingespart werden. Wilde Schießerei in Wandsbek. Zwischen Kommunisten und Ttationalsozialisten. Hamburg, 21. 3unl.(Eigenbericht.) Zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Rational- s o z i a l i st e n und Kommunisten kam es am Dienstagabend in Wandsbek. Die Ralionalsozialisten veranstalteten im „Schühenhos" eine Sonnenwendfeier, zu der sie in Trupps und einzeln marschierten. Unterwegs wurde ein Teil der heranmarschierenden Ralionalsozialisten von Kommunisten ver- folgt. 3n der Röhe des Volkshouses begegneten sich ein Trupp Ralionalsozialisten und ein Trupp Kommunisten. Roch bevor sich die Trupps genähert hatten, fiel aus den Reihen der Ralionalsozia- listen ei n Schuh, woraus eine wilde Schießerei zwischen Rationalsozialisien und Kommunisten einsetzte. Als der Ucbersall- wagen der Polizei erschien, ergriffen die Kommunisten die Fluchl. während die Ralionalsozialisten weiier schössen. Daraus gab auch die Polizei eine Reihe von Schüssen ab. Es wurden vier Personen verletzt, davon z w e i s ch w e r. Die Schwerverletzten wurden ins Krankenhaus gebracht. Die chilenische Mililärdiktatur, die das kurzlebige linksradikale Regime Grave gestürzt hat, geht sehr scharf vor. Die in Pol- paraiio verhafteten Kommunisten wurden ans einem Zerstörer fort- geschasil. Acht Russen, die sich an der tommumsiischen Bewegung beteiligt haben sollen, sind verhastet worden. Das Standrecht ist oerhängt. Die Eisenbahner streiken. Militär hat die Bahnen besetzt. Echwenndusirielle Sanierung. ProkJAmA)ion Der keine WohlfAhrhuublt.' Flick: bin gep'asit.. v. p a p e n:»Tut nichts, ich werde Ihnen aus Reichsmitteln einen ,Flick� aufnähen.� Sturmzeichen aus dem Arbeitsmarkt. Das Ende der Entlastung schon erreicht? Das Barometer des Arbeltsmarkleg zeigt auf Sturm. 3n der Zeit vom t. zum 15. 3uni ist die Zahl der Arbeitslosen im Reich nur noch um 1 4 0 0 0 Personen gesunken, so daß die Ge- samlzohl der Erwerbslosen Witte 3uni immer noch 5 563 000 per- sonen betrug. Ganz ossensichtlich zeigt sich in dieser Entwicklung der letzten Wochen, daß die Aufnahmefähigkeit der Wirtschast nahezu ihr Ende erreicht hat, und daß voraussichtlich im 3uli schon wieder mik einer Zunahme der Erwerbslosigkeit gerechnet werden muß. Die Entwicklung des Arbeilsmarkies in diesem Frühjahr hat infolge der anhallenden Sonjunklurverschiechlerung, welche die günstigen Saisoneinslüsse zum großen Teil wirkungslos gemacht hol, auch die schlimmsten Erwartungen übertrosfen. Ein vergleich mit dem auch schon sehr schlechten Frühjahr tSZl zeigt, wie weil die Entlastung in den vergangenen Monaten hinter dem vorigen Zahr zurückgeblieben ist. Die Zahl der Arbeitslosen verr-.ngerte sich: üm isse 15 bis ZI März........—226 000— 98 000 1.„ 15. April........—120 000-100 000 16.. 30. April........—240 C00—197 000 1.„ 15. Mai........—140 000— 64 000 16.„ 31. Mai........—144 003— 92 000 1.„ 15. Zum........— 51 601— 14 000 Zusammen: 921 601 565 000 von Mitte Mär, bis Mitte 3unl Hot sich also die Gesamtzahl der Arbeitslosen in diesem 3ohr nur um 565 000 Personen, im ver- gangenen 3ahr dagegen um 921 601 Personen verringert. Die lleberlagerung der Ztrbeitslosenziffer im Vergleich mit dem 3uni vorigen 3ahres beträgt seht 1,56 Millionen. Diese Hiobsbotschaft vom Arbeitsmarkt fällt zeitlich dicht zu- sammen mit der ersten Notverordnung der Regierung Papen, die mit der Zerschlagung der Arbeitslosenversicherung Millionen von Erwerbslosen dem Hunger ausliefert. In der gleichen Notverord- nung hat die Regierung auch zur Arbeitsbeschaffung Stellung ge- nommen. Diese Stellungnahme bestand jedoch ausschließlich in nichtssagenden Deklamationen. Ein großzügiges Pro- gramm der Arbeitsbeschaffung, wie es von der Regierung Brüning unter Anregung der gewerkschaftlichen Spitzenver- bände ausgearbeitet war, sucht man bei der jetzigen Regierung vergebens. Die Prämienanleihe, deren Erlös ausschließlich zur Beschaffung neuer Arbeilsmöglichteiten dienen sollte, und die bereits vor fünf Wochen vom Reichstag angenommen war, ist in der Rotverordnung völlig unter den Tisch gefallen. In Finanzkreisen, die es wissen müssen, wird bereits ganz offen davon gesprochen, daß die Regierung Papen die Prämienanleihe gänzlich aufgesteckt habe. Soweit sind wir also in Deutschland glücklich gekommen! Aus dem Höheptknkt der saisonmäßigen Entlastung haben wir ein Ar» beitslosenheer von 5% Millionen Menschen. Die Regierung, deren dringendste Ausgabe es sein müßte, diese Unsumme von brach- liegenden Energien nutzbar zu machen, behandelt diese drängende Frage mit einer Lässigkeit, alz ob heute nach Zeit zu ver- l i e r e n wäre. Da die Regierung offenbar nicht den Blick für diese Dinge hat, so muß man es ihr mit aller Deutlich- keit sagen, daß bei der von ihr geschossenen sozialpolitischen Situation die Lage auf dem Arbeitsmarkt sich dahin entwickelt, daß äußer st e Gefahr im Verzug ist. Entscheidung des Staatsgerichtshofes. preußisches polizeiverwaltungsgeseh verfassungsmäßig. Leipzig. 21. 3uni. 3n der Verfassungsrechtsstreilsache der Frakllon der Deulschnaiionalen Volkspartei des preußischen Landtages gegen den preußischen Landtag und das preußische Slaalsminislerium aus Feststellung der Versossungswidrigkeit von Bestimmungen des preußischen polizeiverwaltungsgesches vom 1. 3unl 1931 hol der Slaalsgerichlshos für dos Deutsche Reich dahin entschieden, daß der Klageantrag zurückgewiesen wird. Nazistudenten provozieren Prügeleien. llniformverbot in der Frankfurter llniversität. Frankfurt a. M.. 21. Juni.(Eigenbericht.) Zwischen sozialistischen und nationalsoziali st i» schon Studenten kam es am Dienstagvormittag in den Gängen der Frankfurter Universität wiederholt zu tätlichen Auseinandersetzungen, nachdem die Sozialisten sich bei dem Rektor darüber beschwert hatten, daß die Nazistudenten u n i- formiert in der Universität erschienen waren. Sämtliche Vorlesungen wurden gestört und mußten zeitweise unterbrochen werden. Der Rektor der Universität verbot schließlich das Tragen jeglicher Parleinniform in den Räumen der Universität und erzielte durch eine Rücksprache mit den nationalsozialistischen Studenten deren Zusage zur Respektierung dieses Verbots. Volksbühne. Colantuoni: Geld ohne Arbeit. Ein Sommerstück, das durchaus winterliche Vorzüge und Er- folgswirkungen hat. Es handelt sich um ein italienisches Volksstück, um die Groteske, die wegen eines großen Loses gespielt wird. Alle Jämmerlichkeit des Spießers, alle Dummheit, olle Begehrlichkeit und aller Aberglauben werden sehr hübsch durchgehechelt. Und es wird ein außerordentlich vergnüglicher Abend, für den die Zuschauer be- geistert danken. M. H. Kommunistische Messerstecher. Oppeln, 21. Juni. Am Dienstagvormittag wurde in Muchenitz ein schwerer Ueber- fall auf«inen SS.-Mann, den Tischler Josef Mann, ausgeführt. Ais Mann aus seinem Fahrrade durch das Dorf fuhr, sprangen aus einem Gehöft plötzlich sechs Bewaffnete hervor, rissen ihn vom Rade und fielen mit Messern über ihn her. Der Uebersallene blieb be- sinnungslos liegen. A» seinem Aufkommen wird gezweifelt, da er starke Blutverluste erlitten Hot. Die Täter sind Kommunisten. Nächtliche Zusammenstöße. Nationalsozialisten und Kommunisten. Sin Nationalsozialist erschossen. Zu den gestrigen späten Abendstunden häuften sich trotz der polizeilichen Wochsamtell in fast allen Stadlvierteln Zu- sammen st öße zwischen politischen Gegnern. Fast ausnahms- los gerieten größere Trupps Kommunisten mit Rational- soziali st en in blutige Schlägereien. Eine Reihe von Beleiligleu wurde verletzt. 3m Sreuzbergviertel spielte sich eine Schießerei ob. bei der ein Ralionolsozialist van einer Kugel ge- Kossen wurde. Der vcrletzke wurde ins Urban-Krankenhaus gebracht. 3n der R o st o ck e r Straße in Moabit halten Kommunisten sämtliche Straßenlaternen gelöscht. Als die Polizei mit einem größeren Aufgebot anrückte, flüchleleu die Täter. Ein ähnlicher Vorfall spielte sich eine Zeit später in der S ch l i e m a n n- straße im Rorden Berlins ab. 3n beiden Fällen gelang es der Polizei, die Kommunisten zu zerstreuen. Die rumänische Sozialdemokratie hat von der augenblicklich reglerenden Partei der Rationalzaranisten das Angebot eines Bündnisses für die Parlamentswahl am 17. Ji.li erhalten. Die Sozialisten hoben dieses Angebot ebenso wie die ihnen vor zwei Wochen vorgeschlagene Testnobmc an der Regierung abgelehnt und erklärt, daß sie allein in den Wahlkamps gehen, denn die jetzige Regierung Vaida sei keine neutrale Wahlregierung, sondern eine Parteiregierung des alten oligarchischen Systems. Kampf im Buchdruckgewerbe? Heuie Einigungsversuch des Reichsarbeiisministers. Irankfurl a.!N., ZI. Juni.(Eigenbericht.) Zur Beilegung des Konflikts der Luchdruckerci- Hilfsarbeiter hat das R e i ch s a r b e i t s m i n i ft e. r i u m die bisherigen Tarifparteien zu Mittwoch, 10 Uhr, nach Frankfurt a. M. zu Einigungsverhandlungen geladen. Als Vertreter des Beichsarbeitsminifteriums ist mit der Führung dieser Verhandlungen der Landesfchlichier für Südwest- deulfchland Dr. K I m m i ch beauftragt worden. Die Empfehlung des Beirats und der Gauleiter des Verbandes der graphischen Hilfsarbeiter an das Buchdruckereiperfonal, in allen Druckorten das Arbeitsverhältnis zum 24. Juni zu kündigen, ist sozusagen restlos befolgt worden. In Berlin, Hainburg, Leipzig, Köln, München und allen anderen Druckorten haben die graphischen Hilfsarbeiter und-arbeiterinnen am letzten Freitag entweder einzeln oder durch Listen gekündigt. In einigen Betrieben sowohl in Berlin als auch im Reich haben verschiedene RGO.-Leute auf An- ordnung ihrer Zentrale ihre Kündigung nicht eingereicht, angeblich, weil ihnen die Kündigungsaktion nicht als das geeignete„revolutio- näre" Kampfmittel erscheint. Mit diesen Erklärungen, die sich praktisch nicht von denen der Gelben unterscheiden, haben ez die RGO.-Anhänger jedoch bewenden lassen. Sic„warten ab", wie sich die Situation, auf die sie schon infolge ihrer zahlenmäßigen Be- dcutungslosigkeit mcht den geringsten Einfluß haben,„entwickeln" wird. Ob es am Sonnabend zu einem Großkampf im gesamten deutschen Buchdruckgewerbe kommt, hängt natürlich in der Haupt- fache von dem Ausgang der heutigen Verhandlungen in Frankfurt ani Main ab Führen diese Verhandlungen zu keiner Verständigung zwischen den Parteien, so ist der Ausbruch dieses Kampfes am Sonn- abend gewiß. Einige Firmen in Leipzig und ei» Betrieb in Berlin haben, offenbar in der Erwartung, daß dieser Kampf unvermeidbar ist. zum Freitag auch die Buchdrucker gekündigt. Der Verband der Deutschen Buchdrucker hat wegen dieser Masse>ikündi- gungen, die tarifwidrig sind. Klage bei den örtlichen Tarifschieds- gerichter erhoben. Gelingt es in den Verhandlungen am Mittwoch nicht, zum Ab- schlutz eines neuen Reichstarifvertrages für das Buchdruckereihiifs- personal zu kommen und den Ausbruch des Hilfsarbeilerstreiks zu vermeiden, ist auch mit er n st haften Differenzen zwischen den Buchdruckereibesitzern und den Gehilfen zu rechnen. Der„Korrespondent", das Organ des Buchdruckerverbandes, be- schäftigl sich in seiner Ausgabe Nr. 50 vom 22. Juni eingehend mit dem Hilfsarbeiterkonflikt. Die Unternehmer werden in dem Artikel gewarnt, etwa daraus zu spekulieren, daß sie ihren reaktionären Absichten gegenüber den Hilfsarbeitern im Hinblick auf tarifrechtliche Verpflichtungen der Gehilfenschaft freien Lauf lassen können. Der „Korrespondent" betont, daß es f e i n e Verletzung der tariflichen Friedenspflicht fei.„wenn bei einem berechtigten Streik der Hilfsarbeiter von jedem Gehilfen l. keine Streikarbeit, d. h. keine andere Arbeit verrichtet wird, als er bisher geleistet hat, 2. kein Gehilfe einen Streikbrecher anlernt, 3. die Zusammenarbeit mit einem Streikbrecher infolge tariflicher Haftung und Verantwortlichkeit des Gehilfen für die ihm zur Auf- ficht zugewiesenen Maschinen oder Apparate und die ihm übergebenen Druckaufträge ablehnt, und nötigenfalls aus diesem Gnind das Arbeitsverhältnis unter Einhaltung der tariflichen Kündi- gungsfrist g e l ö ft wird". Der nicht nur für die graphische Hilfsarbeiterschaft, sondern auch� für die Buchdruckunternehmer sehr bedeutsame Artikel des„Korre- spondent" schließt mit den Worten:„Auch ohne Verletzung ihrer tariflichen Friedcnspslicht wird es die Gehilfenschaft im deutschen Buchdruckgewerbe verstehen, ihre einfachsten Solidaritätspflichten hochzuhalten. Denn in dieser Richtnng besteht im Rahmen des ge- samten Produktionsprozesses im Buchdruckgewerbe eine soziale Schicksalsgemeinschaft zwischen Gehilfen- und Hilfsarbeiterschaft, die beide Teile dazu verpflichtet, ihre Arbeiterehre nicht mit Füßen treten zu lassen!", Die Buchdruckunternehmer sind also gewarnt, den Bogen nicht zu überspannen. Arbeiismarkikatastrophe. In Berlin Mitte Zum Zunahme der Arbeilslosen' Die Zahl der Arbeitsuchenden im Bezirke des Landesarbeits- amtss Brandenburg erhöhte sich während der Zeil vom 1. bis 15. Juni um insgesamt IS 0?S- feuilleroerbandes mit aller Deutlichkeit offenbar. Seit drei Jahren schon ist im Sattlerverband die Arbeitslosigkeit stets doppelt so hoch gewesen wie in drn übrigen Verbänden des ADGB., deren Arbeiter zu den sogenannten Konjunkturgruppen zählen. In, Berichtsjahr 1931 war die Arbeitslosigkeit unter den Ber- bandsmitgliedern geradezu verheerend. Im Jahresdurchschnitt, waren in der Tr4ibriemenbranche 36 Prozent der Mit- glieder arbeitslos, in der Lederwarenbranche 4 9 Prozent, in der Fahvzeugdranche 56 Prozent und m der T a p e z i c r e r b r a» ch c 56! 7- Prozent. D'e Erzeug- niste der Lederwarenindustrie sind nun einmal in der Hauptjache Mastenluxusartikel, deren Kauf oder Reparatur in keinem Arbeiter- Haushalt— wo infolge des Lohnabbaues mit jedem Groschen ge- rechnet werden muß— als dringend notwendig betrachtet wird. Eine Brieftasche, ein Portemonnaie, eine Attemnappe kaim noch so schäbig aussehen oder reparaturbedürftig sein, die Neuanschaffung oder Instandsetzung hat zur ck-nstcden hinter den Ausgaben für Er- nährung und Bekleidung. Und die Beschäftigungslage in der Leder- worenindustrie hängt nicht davon ab, wieviel teure Handtajchen oder Geldbörsen von den mondänen und besitzenden Damen der so- genannten Gesellschaft getauft werden, sondern wieviel Millionen der billigeren Erzeugnisse unter den Massen der werktätigen Bevölkerung im Jahr umgesetzt werden. Die schlechte Beschäftigungslage bot den Unternehmern natürlich Anlaß, einen Vorstoß nach dem andern gegen die Löhne zu unter- nehnien. Insgesamt wurden im Berichtsjahr 209 Lohnbewc- gungen für 46 230 Beschäftigte geführt. Im Durchschnitt wurden die Löhne in der Lederwarenbranche um 6,85 Prozent ge- senkt, in der Tapeziererbranche um 7,21 Prozent und in der Treib- riemenbranche um 8,31 Prozent. Auf die M i t g l i e d e r b e w e g u n g ist die ungeheure Arbeits- losigkeit begreiflicherweise auch nicht ohne Einfluß geblieben. Die Zahl der Beschäftigten ist seit Ende 1928 um insgesamt 26 663, das ist um 49 Prozent, zurückgegangen. Der Organisation gingen im Bericktsjahr 4 414 Mitglieder oder 15,6 Prozent des vor- jährigen Mitgliederbestandes verloren, so daß sie Ende 1931 ins- gesamt 23 907 Mitglieder zählte, davon 3 753 weibliche. Da dei, verminderten Beitragseinnahmen keine entsprechende Ver- Minderung der Ausgaben für Unterstützungen gegenüberstand, mußten zur Balanzierung von Einnahmen und Ausgaden 231 621 Mark aus dem Verbandsvermögen genommen werden. Die un- geheure finanzielle Belastung des Sattlervcrbandes durch die lang- anhaltende Arbeitslosigkeit seiner Mitglieder wird durch eine» Blick in die Jahresabrechnung der Hauptlasse ersichtlich, die bei einer Ge- fainteinnahine von rund 710 000 Mark eine Ausgabe von 568 080 Mark für Unterstützungen, allein fast 460 000 Mark sür Arbeitslosen- und krankenunlerstühung, ausweist. Diese Zahlen sprechen aber auch für den Wert einer guten Organisation, besonders in Krisenzeiten. Alles in allem darf ohne Lobhudelei gesagt werden, daß sich der Verband der Sattler, Tapezierer und Portefeuiller im Kriseitzahr 1931 verhältnismäßig gut gehalten hat. Erfolgreiche Bewegung der Bohrer. Die Fachgruppe der Rohrer des Baugewerksbundes, Baugewerk- fchaft Berlin, teilt mit: Bei nachgenannten Finnen ist die verhängte Sperre aufgehoben: Wilhelm St a h l, Richard Arndt, Her- mann V e n ,z k e, Christian W o i n a, B e l l i n g u. K r o t t k e, Friedrich Diehling, Lauf mann u. Wernecke, Friedrich P a n t e r m ä h r l. Die hier genannten Firmen haben den Tarif- oertrag in allen seinen Bestimmungen anerkannt. Arbeitsauf- nähme erfolgt am Mittwoch, den 22. Juni. Dazu teilt uns die Firma Belling u. Krottke mit, daß sie als Tarifkontrahent stets den vollen tariflichen Lohn gezahlt hat und zahlen wird. Sie weist darüber hinaus noch darauf hin, daß sie als jahrelange alleinige Lieferantin der beiden Bauhütten selbst ein Interesse an einer friedlichen Zusammenarbeit mit den Gcwerk- schaften hat. Danach scheint die Ausdehnung der Sperre auf die Firma Belling u. Krottke einem Irrtum zugrunde zu liegen, da die Angaben der Firma vom Baugewerksbund nicht bestritten werden. Lteber l1* Millionen Wohlfahriserwerbslose. Zhre Zahl wird immer größer. Der Arbeitslose— soweit seiner Unterstützung nichts im Wege steht— ist sechs Wochen lang H a u p t u n t e r st ü tz u n g s- e m p f ä n g e r. Ist er dann noch hilfsbedürftig, gelangt er in die Krise, in der er 52 Wochen bleibt. Dann ist er reif für die Wohlfahrt. Dem über 40 Jahre alten Krisenunterstützten kann diese Unterstützung für weitere 13 Wochen gewährt werden, so daß er anstatt nach 58 Wochen, erst nach 71 Wochen Wohlfahrtsunter- stützter wird. Nach der Erhebung des Preußischen Statistischen Landesamts vom 31. Mai 1932 sind in Preußen bei den Bezirksfürsorge- verbänden 1 508 988 Wohlfahrtserwerbslose gezählt worden. Ende April waren es 1 464 358, so daß die Zahl der Erwerbslosen i w Monat Mai um 44 630 zugenommen hat. Im April war eine Zunahme von 49 768 zu verzeichnen. Aus 100 Einwohner kommen durchschnittlich 38,9 Wohlsohrtserwerbslose. In Fürsorge- oder Notstandsarbeit, vereinzelt auch im freiwilligen Arbeitsdienst standen 56 787 Wohlfahrtserwcrbslyse. Anklage der alten Beamten-pensionäre. Die„Allgemeine Vereinigung deutscher Be- amten im Ruhe stände, Wartegeldeinpfänger und deren Witwe n", Bezirk Groß-Berlin, nahm in seiner Haupt- Versammlung eine Entschließung einstimmig an, in der sie gegen die Ototverordnungen schärfsten Protest erhebt.„Die übergroße Mehrheit unserer Kollegen und Kolleginnen", heißt es da,„lebt in verzweifelter Not und hat oft kaum die Bezüge der Wohlfahrts- empfänger. Die Versammlung erwartet, daß sofort mindestens eine Freigrenze in der Höhe des lohnfteuerfreien Einkommens festgelegt wird." In der Diskussion kamen erschütternde Anklagen gegen die Re- gierung zum Ausdruck. Rentner, die nun von ihren 100 Mark dem Reich noch 1,50 Mark, Preußen sogar 5 Mark opfern sollen, Witwen, die von 45 bis 50 Mark kümmerlich vegetieren. Warte- geldempsänger im besten Mannesaltcr sind aus„Nebenarbeit" an- gewiesen und willkommene Ausbeutungsobjekte der Unternehmer. Freie Gewerkschafts-Iugend Berlin Acute, Mittwoch, 22. Juni,\9y2 Uhr, tagen die Gruppen: Südwesten: Lugendheim �iorckstr. 11(Fabrikgebäude). Iulc stellt sid) vor.— Schöneberg: Jugendheim Hauptstr. 1.»(Gartenhaus). Die wrrtsdiaftliche Eni- Wicklung der Sowjetunion.— Spandau-Neustadt: Zugendheim Lindenufer 1. Aktuelle Gewerkschaftsfragen.— Nordring: Jugendheim Sonnenburger Str. 20. 90 Minuten Lachen.— Wcißensee: Jugendheim Weißensee, Parkstr. 3ü. Was tun die Gewerkschaften für den Zugendschutz und die Zugendfürforcse.— Arns- roaldcr Platz: Zngendheim Rastenburaer Str. 11. Religion ist Opium für das Volk.— Neukölln: Zugendheim Bergftr. 29(Hof). Plauderstunde über Bücher. — Flughafen: Jugendheim Flughafenstr. 68(Il-Bahn Boddinstraße). Sing- Sang.A'oend.— Humboldt: Zugendheim Graun- Ecke Lortzingstraße. Lehr- lings. und Tarifvertrag.— Sckiilerpark: Jugendheim Schule Schöningstr. 17. Lieder zur Laute.— Tegel: Jugendheim Tegel, Schöneberger Str. 4. Lohn- kvnflikte.— Baumschulenweg: Zugendheim Baumschulenweg, Ernststr. 16. Liederabend.— Wir spielen ab 18 Ubr: Nordkreis: Spielwiese Schillerpark.— Ostkreis: Sportplätze Treptower Park, Wiese 1, und Friedrichshain. Platz Nr. 4. — Zugendgruppe des Gesamtverbandes, Fachgruppe Kommunalbetriebe und Handels, und Transportgewerbe: Liederabend. Wir üben und singen neue Lieder.— Zugendqrnppe des Deutschen Baugewerksbundes, Maurer: Bau» abend in der Berufsschule Grünthaler Str. 4—3, Zimmer 35. � Zuaendqruppe des Zenlralvei-bandes Oer Kwqesteltten sK# Heute, Mittwoch, finden folgende Veranstaltungen statt: Schönhauser Vorstadt: Jugendheim der Schule Kaltanienallee 81. Ausspräche: Tages. politische Rundschau.— Nordost Ii Jugendheim Danziger Str. 62(Baracke 3). Aussprache: Warum sind wir NN ZdA. Leiter: Heilbrunn.— Rcinickcndors: ?ugendheim Lindauer Str. 2(Baracke) Bortrag: Arbeiterdichtungen, Arbeiter. literatur. Referent: Huhn.— Stralau: Jugendheim der Schule Gostlerstr. 61. Aussprache: Fragen, die uns als Jugend angehen.— Jöpenick: Jugendheim Dahiwitzer Str. lä.(Gasanstalt am Bahnhof Köpenick.) Bortrag: Broblcme der Fi.rsorge-r?iehi!ng. Referent: Hirfili.— Reulvlin: Jugendheim Böhmische Straße 1—4, Ecke Kannrr Straße. Bortrag: Walther Rathenau, sein Leben und seine Bedeutung für Deutschland. Referent: Dr. Schütte.- Südost: Jugend» heim Manteusfelstr. 7. Lescabcnd.— Swöneberg: Jugendheim Hauptstr. lä (Hofgedäude, Sachsenzimmcr). Diskusstonsabend: Die heutige Jugendbewegung von rechts bis links.— Charlottcnburg: Jugendheim Spielhagenstr. t. Aus» spräche: Gegenwartsfragen der Gewerkschaften. Leitung: Derkow.— Spandau: Jugendheim Lindenufer l. Hcimbesprcchung.— Die Versicherungsgesellschaft Sorgenfrei A.-G. tagt heute von 16 bis 18 Uhr im Bcrbandshaus, Zimmer 24. — Spiele IM Freien: Ab 18 Uhr auf dem Sportplatz Humboldthain, Sport» platz Weißenscc, Feld d, und Sportplatz Friedrichsbai». Beranlworliich tu, Politik: Victor Schiff, JBiritdvtt: G ÜNngclhöfcr; Gcwerkfchaklsbewegung: Z. Steinet; Feuilleton: Dr. John Schliowski; Lotales und Sonstiges: Fritz Karstadt; Anzeigen: Th. Glocke; sämtlich in Berlin. Verlag; Lorwärts-Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck; Vorwärts-Buchdruckerei und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SB. 88. Lindenstraße st Hierzu 2 Beilagen. Nr. 2»9. 49. Jahrgang Mittwoch, 22. Juni 19Z2 sschrei Verkrüppelte, Blinde und Kriegswaisen in der„Neuen Welt Massenversammlung der Entrechteten. Mer Arbeiter ertrunken. Selbstfahrer bewegen sich durch die Hasenheide. Menschen sitzen in ihnen, denen der tlricg den Leib zer- rissen hat. Beinlose, Schwerverletzte auch, denen innere Wunden die Fähigkeit zu gehen genommen haben, andere kommen am Krückstock, ein Bein ist steif, wieder andere sind einarmig, dieser, vollkommen erblindet, wird geführt, jenem hat ein Zufall wenigstens ein Auge ge- lassen. Männer, denen der Krieg die Gesundheit nahm, Frauen, deren Gatten der Krieg verschlang, Halbwüchsige, die den Bater durch den Krieg verloren haben— sie kamen gestern in der Neuen Welt zusammen, um in einer Kund- Maria H a r n o h, selbst Kriegerwitwe, schildert in be- wegten Worten das Elend der K r i e g e r w a i s e n. Der Abbau beim Kinderzuschlag und der Waisenrente bedeutet, daß vielen die Mag- lichkeit zur Berufsausbildung genommen wird. 250 000 Halbwaisen und 30 000 Vollwaisen werden betroffen. Diese Behandlung ist ein Hohn auf die Opfer der Kriegerwitwen und Kriegerwaisen. Junge Menschen, die in Uniform herumlaufen, sagen heute verächtlich von uns, daß durch uns der Krieg verloren gegangen sei. Waren ihre Väter nicht im Graben, erzichen ihre Mütter diese Menschen nicht zur Menschlichkeit? Wir brachten Opfer über Opfer, gaben Männer und Väter dahin. Wir protestieren gegen diese Behandlung. Als letzter Redner spricht Erich Kuttner, verwundeter Schlltzengrabenkämpfer.„Ein künftiger Geschichtsschreiber wird sagen, Walter» Rathenau- Beiern. Am Freitag, dem 24. Juni, jährt sich zum zehnten Male der Tag, an dem Walter Rathenau durch nationalistische Mörderhand fiel. Das republikanische Berlin wird den Trauertag in diesem Jahre besonders würdig begehen. TaS Reichsbanner Schwarz- Rot■ GoSd marschiert mit dem Kreis Süden und den crtsver» einen Köpenick und Lichtenberg geschlossen zum Grabmal. Die Kameraden treten in Bundeskleidung am Freitag um 43. ZO Uhr auf dem Iternpla tz am Bahn-- Hof Schöneweidc mit M u s i k und Fahnen an. Das Demonstrationsverbot ist für diese Feier aufgehoben worden. keiern im RsMensn-Nsus und im RBichstag. Am Vormittag des 24. Juni findet im Walter-Rathenou- Haus in Grunewald auf Veranlassung der Reichsregierung eine Erinnerungsfeier statt. Das Vorstandsmitglied der Walter- Rathsnau-Gesellschaft, Ministerialdirektor Brecht, wird die Feier ein- leiten. Alsdann wird Gesandter von Mutius die Gedächtnisrede halten. Am Abend findet eine große Feier im Plenarsaal des Reichstags statt, die von den republikanischen Verbänden ver- anstaltet wird. Hier hält Harry Graf Keßler die Gedenkrede. Augen auf! Wir demonstrieren, wenn wir wollen! Di« KPD. ruft zum Donnerstag, dem 2S. luni, 18K Uhr, zu einer Demonstration im Lustgarten auf. Sozialdemokraten und Reichsbannerkameraden werden zur Teilnahme aufgefordert. Der Bezirksvorstand hat an der maßgebenden Stelle Demonstrationsfreiheit gefordert. Das Demonstrationsverbot ist noch nicht aufgehoben. Wir haben keine Veranlassung, den Schupobeamten den Dienst unnötigerweise zu erschweren. Sozialdemokr aten bleiben im eigenen Interesse dieser planlosen Demonstration fern. Der Bezirksvorstand. gebung des Reichsbundes der KriegSbeschä- digten, Kriegsteilnehmer und.Krieger- Hinterbliebenen gegen den beispiellosen Renten- raub der Regierung von Papen zu Protestieren. Schon lange vor Beginn der Kundgebung ist der Saal über- füllt. Die Polizei muß sperren. Hunderte von Kriegsopfern warten draußen oder kehren wieder um. Eine harte Stimmung des Zornes und der Erbitterung beseelt die Riesenversammlung. Immer wieder ertönen Zwischenrufe, die den ganzen Jammer, die furcht- bare Rot gerade der Kriegsopfer widerspiegeln. Dabei aber zeigt die Versaminlung bewunderungswerte Selbstbeherrschung: Man will nichts Unmögliches, man will nur sein Recht! Der Vorsitzende E b e r t srpicht davon, wie den Kriegsopsern-das wenige genommen, was sie noch hatten, und wie ihre Rot geradezu verordnet wurde. Dann nimmt als erster Redner Ernst L e m m e r, einst junger freiwilliger Frontsoldat des Weltkrieges, das Wort. „Reue Männer sind da, neue Taten spüren wir am eigenen Leibe, neue Wege müssen gefunden werden, daß wir mit ihnen aufräumen. Diese Notverordnungspolitik geht über das, was Brüning tat und plante, weit hinaus." Mit scharfen Worten wendet sich Lemmer gegen die Aufhebung des Uniformverbotes, die geradezu eine Kränkung der echten Kriegsteilnehmer sei.„Weg mit der Spielerei!" ruft er unter stürmischem Beifall.„Her mit der ernsten Arbeit zum sozialen Aufbau unseres Vaterlandes." Dann spricht der Bundesvorsitzende Christoph P f ä n d n e r. „Der Kampf bei der Reichstagsneuwahl geht darum, ob die Rotver- ordnungspolitik zum Schaden der Kriegsopfer weitergeführt, ob sie gar durch offene Diktatur abgelöst werden oder ob die Demokratie wieder in volle Wirksamkeit treten soll. Parlamentarische Demokratie ist für uns wertvoller als Nowerordnungspolitik oder faschistische Diktatur. Die Regierungserklärung von Popens war mit ihrem Wort von der Wohlfahrtsanstalt eine Kampfansage an die Kriegsopfer. Die Minderung der Bezüge geht bis zu 20 Proz. Scharf protestieren wir gegen die Eingriffe bei den Leichtbeschädigtcn. Zur Entlastung der Gerichte sind bei Berufungen 5 Mark, bei Rekursen 10 Mark Vorgebühr festgesetzt. Das aufzubringen ist manchem Kriegsopfer unmöglich. daß, je mehr Deutschland erwachte, je„nationaler" es regiert wurde, um so dürftiger die Versorgung der Kriegsopfer war. Je republika- nischer es regiert wurde, um so besser wurden die Kriegsopfer be- handelt. Schon 1917 appellierten wir vergeblich ans alte System: Tut doch etwas für die Kriegsopser. Erst die Revolution und die „marxistische Verseuchung" des Staates haben etwas für die Kriegs- opfer geschehen lassen. Die Regierung von Papen hat ihr Wort, daß der Staat keine Versorgungsanlstalt sei» solle, wahr gemacht, indem sie die Bezüge der Bedürftigen und Versorgungsberechtigten radikal kürzte. Erbitterte Zustimmung findet Kuttner, als er darstellt, wie Großindustriell« vom Schlage eines Friedrich Flick über die Drcs- dener Bank vom Staat versorgt und gehalten werden, während den Kriegsopfern das letzte genommen wird. Sie waren ja auch keine Kriegsgewinnler. Sie haben nur 1914, weil Staat und Volk in Gefahr waren, Leben und Blut eingesetzt. Kuttner gibt eine Darstellung des Schachergeschäftes mit Hitler. Weil junge Gecken wieder in Naziuniform herumlaufen sollten, wurden die Renten gekürzt. Wir trugen auch Uniform. Sie war von Blut bekrustet, von kugeln durchlöchert, von Dreck beschmiert und voller Läuse. Von diesen Uniformen will man heute nichts mehr wissen. Wir aber wallen die Entrechtung nicht, und der Beseitigung dieser Re- gierung des V-ersorgungsabbaues gilt deshalb unser Kampf in dieser Reichstagswahl. Eine Resolution, die einmütig angenommen wurde, saßt den Protest zusammen und schließt mit dem Satze:„Alle Opfer des Krieges, denen es um Besserung ihrer Lage sowie um die Er- Haltung der allgemeinen Sozialpolitik gelegen ist, werden aufge'- fordert, bei den bevorstehenden Reichstagswahlen nur den Parteien ihre Stimme zu geben, die nicht nur für die Erhaltung der republi- konischen Staatssorm eintreten, sondern auch gewillt und entschlossen sind, ihr einen sozialen Inhalt zu geben." Die Versammlung ist beendet. Sie klingt aus als ein Gelob- nis, durch die Wahlentscheidung vom 31. Juli eine Wendung zum Besseren im Schicksal der Kriegsopfer herbeizuführen. Schweres Unglück auf dem Rhein. Breisach, 21. Juni. Auf dem Rhein an der Baustelle beim Wehrbau Kembs ereignete sich heute ein schweres Unglück, dem vier Menschenleben zum Opfer fielen. Eine Ramm- kolonne war damit beschäftigt, eiserne Spundwände auf Pontons an Ort und Stelle zu bringen. Auf bisher noch ungeklärte Weise stürzten die schwer beladenen Pontons um. Sechs Arbeiter fielen in den Rhein, von denen vier ertranken, denn obwohl sofort vier Rettungsboote zur Stelle waren, konnten nur zwei'Arbeiter gerettet werden, von denen einer erheblich verletzt ist. Die Leichen der vier Ertrunkenen, darunter zwei Familienväter, konnten bis zur Stunde noch nicht geborgen werden. Geschäfissrau als Detektivin. Zwei oberschlesische„Geldfabrikanten" verhastet. In der Augsburger Straße wurden gestern durch die Aufmerk- samkeit einer Geschäftsfrau zwei Männer festgenommen, die beim Einkauf einen falschen 20-Mark-Schein in Zahlung gegeben hatten. Es handelt sich um einen Schlosser Wilhelm M a t s ch k c und einen Bauarbeiter Hans Mitschke, die beide am Montag von Beuthen nach Berlin gekommen waren, um hier 50 falsche 20-Mark-Scheine abzusetzen. Der Geschäftsfrau war der Schein verdächtig vorgekommen und sie beaustragte einen Angestellten, den beiden Männern heimlich zu folgen. Schließlich wandte sich der Angestellte an einen Schupo und wollte die beiden Verdächtigen festnehmen lassen. Als der Be- amte die beiden festnehmen wollte, rannte Matschke davon und ver- steckte sich im Gebüsch der Anlagen. Er wurde dort sehr schnell auf- gestöbert und gleichfalls festgenommen. Matschke hatte noch 47 falsche 20-Mark-Scheine bei sich. Nach ankänglichem Leugnen legte er ein Geständnis ab. In Beuthen hatte er eine größere Menge von den Falschnoten hergestellt und sich mit Mitschke in Verbindung gesetzt. Da ihnen in Beuthen der Vertrieb des Falschgeldes zu riskant war, fuhren sie nach Berlin. Vier falsche Scheine hatten sie bereits aus- gegeben. Matschke ist bereits wegen mehrfacher Falschmünzerei vor- bestrast. Die Polizei in Beuthen ist telegraphisch von der Festnahme der beiden Falschmünzer benachrichtigt und um Aushebung der Falfchmünzerwerkstättc aufgefordert worden. Von Pferden zu Tode getrampelt. Schwere Verkehrsunfälle. Gestern ereigneten sich wieder zahlreiche Verkehrsunfälle, die ein T o d e s o p f e r und mehrere Schwerverletzte gefordert haben. In der Brandenburgstraße, unweit des Hallesthen Tores, wurde der zwei Jahre alte Udo G r e s ch k e aus der Brandenburgstraße 68 von einem Pferdegespann überfahren und auf der Stelle getötet.— An der Ecke Müller- und Fennstraße geriet der 28jährige Werner M e r t i g aus der Finnländischen Straße mit seinem Motorrad unter ein Lastauto. Mit einem Schädelbruch wurde M. bewußtlos ins Vir- chow-Krankenhaus gebracht.— Am Tegeler Weg in Charlottenburg wurde der 46 Jahre alte August A e n n a t aus der Reinickendorfer Straße 116 von einem Motorrad erfaßt und zur Seite geschleudert. A. stürzte so unglücklich, daß er von einer nachfolgenden Straßen- bahn erfaßt und mehrere Meter mitgeschleist wurde. Mit einem Schädelbruch wurde der Verunglückte ins Virchow-Kranken- Haus übergeführt. Am Kaiserdamm prallte der 2öjährige türkische Student Mir Abdul Raschid mit seinem Motorrad mit einer Autodroschke zusammen. Der junge Ausländer erlitt einen Schädel- bruch; er fand im Hildegard-Krankenhaus Aufnahme. Ehetragödie im Berliner Norden. Vor dem Hause Korsörer Straße spielte sich gestern abend eine blutige Ehetragödie ab. Der 25 Jahre alte Arbeiter Bruno Machner feuerte aus seine von ihm getrennt lebendige 21jährigc Frau Irmgard einen Schuß ab und verletzte sie lebensgefährlich. Dann richtete der Täter die Waffe gegen sich selbst und jagte sich eine Kugel in die Schiäse. Machner wurde als Polizeigefangener ins Staatskrankenhaus gebracht. Frau M. fand im Krankenhaus am Friedrichshain Aufnahme. Kritisch sein! Bitte vergleichen Sie„Gold-Saba" mit allen anderen Goldmundstöck-Cigaretten. Sie werden dann verstehen, warum der Erfolg der neuen„Gold Saba nach dem alten Original-Rezept von Tag zu Tag größer wird- tlf�i Großer Bankbetrug. Auf gefälschten Scheck 4V 000 Mark abgehoben. Bd der Bau- und Bodenbank in der Taubenslrahe 2 ist doc einigen Tagen ein rassinierter Schcckdieb stahl entdeckt worden. Bisher noch unbekannte Diebe stahlen im fiajfcn- raum einen Scheck der Bank, schrieben ihn auf 40 0 0 0 M. aus und legten ihn bei der Reichsbank oor. Erst in den Abendstunden, als die Reichsbank das Lastenkonlo der anderen Bank übersandte, wurde der Betrug entdeckt. Die Kriminalpolizei wurde so- fort benachrichtigt. Die Bank stand— wie noch erinnerlich— schon einmal im Mittelpunkt einer Kriminalaffäre. Vor einiger Zeit versuchten zwei Angestellte zusammen mit einer berüchtigten Knacker- kolonne die Tresors der Bank zu sprengen und hatten sich bereits geheime Zeichnungen von den unterirdischen An- lagen gemacht. Der große Coup, der an den Riesenbankeinbruch vom Wittenbergplaiz erinnerte, konnte in letzter Minute verhindert und die Beteiligten festgenommen werden. In den gestrigen Mittags- stunden wurde bei der Reichsbank ein Scheck der betreffenden Bank vorgelegt, der die vorschriftsmäßigen Unterschriften der bevollmächtigten Direktoren trug und über 40 000 Mark ausgestellt war. Der Kassierer am Schalter der Reichsbank ließ die Unterschriften prüfen: sie wurden nicht beanstandet und er zahlte den Betrag aus. Der Bote verschwand mit dem Gelde. In den Abendstunden wurde der Bank das Lastenkonto überwiesen. Dabei machte man dort die Entdeckung, daß ein Scheck über 40 000 Mark nicht ausgegeben und zu Unrecht abgehoben worden war. Der Scheck hatte sich in einer Kassette im Kastenraum der Bank befunden, die in erreichbarer Röhe des Kassierers stand. Die Unterschriften des Schecks sind sehr gut gefälscht und wurden auch bei der Reichs- dank für echt gehalten. Die Bank hat eine Belohnung von 1000 M. ausgesetzt. Die Nachforschungen der Kriminalpoli-ei werden mit aller Energie betrieben. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Die Kampfmethoden der„Christlich-Unpokitischen." Ein evangelisches Wochenblättchen„Der Bote für die Branden- burgifche Frauenhilfe" leistet sich in feiner letzten Nummer ein Stück, das angeprangert werden muß. In einem kurzen Aufsag, „Vom Kampf gegen die christliche Schule", heißt es: „Der Berliner Schulrat Dr. Löwenstein, der bekanntlich seit vielen Jahren der Führer der Gottlosenbewegung im Lager der Schuljugend ist, erläßt soeben einen Aufruf zum Kamps gegen dje christliche Kirche und Schule anläßlich der be< vorstehenden Elternbeiratswahlen." Es ist allgemein bekannt, daß die sogenannte Gottlosenbewegung von den Kommunisten ausgeht, und ein Blick in das Reichstags- Handbuch der letzten Legislaturperiode hätte dem Verfasser genügt, um festzustellen, daß Dr. Löwenftein Sozialdemokrat ist und dieser Bewegung vollkommen fernsteht. Die Sozialdemokratie verficht, das ist erst letzthin im„Vorwärts" in einem Artikel unseres Freundes Prof. Fuchs betont worden, den Standpunkt der Toleranz gegenüber allen religiösen Bekenntnisten. Sie verlangt diesen Standpunkt allerdings auch vom Gegner für die Weltanschauung des Freidenkertums. Wiederholt ist von sozial- demokratischer Seite betont worden, daß von uns Geschmack- losigkeiten und Ungezogenheiten, die sich die kommunistische Gott- losenbewegung leistet, abgelehnt und verurteilt werden. Nur böser Wille oder fahrlästige Unkenntnis können zu einer Berwechslung der sozialdemokratischen Frcidenkerbewegung und der kommunisti- schen Gottlosenpropaganda führen. Es handelt sich für die Herausgeber des evangelischen Blättchens viel weniger um die Person des Genossen Löwenstein als darum, zu den kommenden Elternbeiratswahlen für die sogenannte christlich-unpolitische Liste gegen die Liste Schulaufbau zu werben. Dabei kommt es auf einen Verstoß gegen das achte Gebot: Du sollst nicht salsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten! nicht an. Gerade diese Kampfesmethoden aber werden die Wähler oeranlasten, im Interesse ihrer Kinder der Liste ihre Stimme zu geben, die das Programm einer freiheitlichen und duldsamen Schule verkörpert: der L i st e S ch u l a u s b a u. Lügenpest über Deutschland Lüge a's bewußtes Kampfmittel— Neue Hetze gegen Reichsbanner ?im«rnMNi.fc„n hin iinorfmrtpn in L n n a e l s- I verordnunasiacken frech auftretenden SA.-Leute. Da den Herren Im Anschluß an die unerhörten Vorgänge in Langels- heim, wo Nationalsozialisten, mit Lastkraftwagen aus der ganzen Umgebung zusammengeholt, eine Versammlung der Eisernen Front zu sprengen versuchten, hatte die nationalsozialistische Presse, unter- stützt von den übrigen nationalistischen Hetzblättern, berichtet, daß der SA.-Mann Rudolf G e l b k e aus Kästorf bei Borsfelde von Reichsbannerleuten durch Hiebe mit einer Fahnenstange so schwer oerletzt wurde, daß er verstarb. Der Gau Braunschweig des Reichsbanners stellt demgegenüber fest, daß der ehemalige SA.-Mann Rudolf Gelbke nicht in Langels- heim war. Gelbke ist vielmehr auf einem Schützensest in Kästors von Nationalsozialisten, also von seinen eigenen Leuten, nieder- geschlagen worden. Die tV s Br-' hat gegen eine ganze Anzahl Nationalsozialisten, die an dem Ueierfall auf die Bersammlung der Eisernen Front in Langelsheim beteiligt waren, Strafanzeige erstattet. Obwohl so der wahre Sachverhalt der Vorgänge in Langels- heim vor aller Oesfentlichkcit klar liegt und obwohl rechtsstehend« Zeitungen wegen ihrer lügenhaften Berichterstattung bereits Bs- richtigungen des Reichsbanners veröffentlichen mußten, schreibt der „Angriff" gestern abend in großer Aufmachung von dem„Reichs- bannerüberfall in Langelsheim", den er ein„Viehisches Blutbad roter Horden" nennt. Es wird dann weiter davon gefaselt, daß man bei den„marxistischen Mordbuben" ein Musterarsenal von Mord- Werkzeugen, darunter drei Schnelladepistolen, zwei Trommel- rcoolver, zahlreiche Rahmen Vollmunition und sogar D u m- D u m- Geschosse gefunden habe. Derartige Lügenberichte lesen sich wie die Greuelgeschichten, die im Kriege in der Welt über deutsche Soldaten verbreitet wurden. Die Lüge wird von den Nationalsozialisten als bewußtes Kampfmittel angesehen. So ist auch die neue Hetze zu ver- stehen, die das Berliner Naziblatt gegen das Reichsbanner führt. In bewundernswerter Weise haben die Kameraden des Reichs- banners in den letzten aufgeregten Tagen Disziplin ge- übt, trotz der vielen Provokationen der überall in ihren neuen Not- verordnungsjacken frech auftretenden SA.-Leute. Da den Herren Nazis nun das so erwünschte„Material" gegen das Reichsbanner fehlt, wird weiter geschwindelt und das Reichsbanner als „wehrseindlich".„pazifistisch" und auf„Bürgerkrieg eingestellte Organisation" in der übelsten Weise beschimpft. Der Zweck der Hetze ist jedoch zu durchsichtig, als daß er Cr- folg haben könnte. Immer mehr unverschämte Lügen. Im Rahmen seines Schwindelfeldzuges schreibt der„Angriff" auch von einem Ueberfall von„Reichsjammer-Lumpen- pack" auf einen uniformierten Hakenkreuzler in Pankow, bei dem Mitglieder eines Reichsbanner-Spielmannzuges mit ihren In- strumenten auf den Nazimann eingeschlagen und ihm mehrere Ver- letzungen beigebracht hätten. Die„feigen Burschen", so heißt es in dem nationalsozialistischen Blatt,„versuchten dann den Verletzten vor ein Auto zu werfen, und nur durch die Geistesgegenwart des Chauffeurs wurde jedoch ein Unglück verhütet". Diese Meldung des Lügenblattes ist von A bis Z erfunden. Diese Hetze gegen das Reichsbanner bleibt wirkungslos: zu oft ist das Berliner Naziblatt schon bei ähnlichen Lügen ertappt worden. Wir nennen nur den Fall R e n d e r s, jenes SA.-Mannes, der behauptete, an der Pots- damer Brücke in den Kanal geworfen zu sein und später dos Ge- ständnis ablegte, selbst ins Wasser gesprungen zu sein. Oder den Fall der„durchschnittenen Kehle" des SA-Mannes F e d d e. der sich noch heute bester Gesundheit erfreut und nie von„Rotmord" über- fallen worden ist. Aehnlich war es mit dem Nazischützen N e u b e r t, der seine Freundin ansckzoß und Reichsbannerleute der Tat ver- dächtigte. Die Spitzenleistung der Verlogenheit war jedoch die Meldung von einem Ueberfall auf einen Nationalsozialisten, den politisch Andersdenkende in einem Haustor aufhängen wollten, durch dos Hinzutreten von Pastanten daran jedoch im letzten Augenblick gehindert wurden. An diese infamen Lügen reiht sich der Pantower Fall würdig an. Voiksfrenf gegen Hifler-Barcnei Unsere nächsten Partei- und Betriebsveranstaltungen: 47. Abt Mittwoch, den 22. Juni, 20 Uhr, im großen Saal des Gewerkschaftshauses, Engelufer 24/25, öffentliche Kundgebung „Kampf um die Lebensrechte der Arbeiterklasse". Referent: Dr. Kurt Löwenstein, MdR. s 8. Kreis— Spandau. Donnerstag, den 23. Juni, 20 Uhr, in Koch's Bismarcksäle, Feldstraße 52, öffentliche Jungwählerversammlung. Referent: Max Westphal. Achtung! Berliner Osten! Eisorne-Front-Veranstaltung des Kartells fUr Arbeitersport und Körperpflege am Donnerstag, dem 23. Juni, auf dem Sportplatz Friedrichshain. Abendsportfest, verbunden mit einer Sonnenwendfeier. Aus dem Programm: Konzert des Bläserchors der FTGB., sportliche Vorführungen, Sprechchor und Rezitation von Theo Maret. Am Feuer spricht Genosse Karl Litke. MdR. Eintritt 20 Pf., Erwerbslose 10 Pf. Beginn 18 Uhr. Karten an der Abendkasse und bei allen Parteifunktionären! SPD.-Fraktlon Bezirksamt Reinickendorf. Donnerstag, 23. Juni, 19� Uhr, Im Lokal Marks, Reinickendorf-West, Berliner Str. 70. Versammlung:„Aufgaben der Betriebsfraktion". Referent: Gottlieb Reese. SPD.-Fraktion Bezirktamt Wilmersdorf. Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, Eiserne-Front-Veranstaltung bei Kulka, Lauenburger Str. 21, Ecke Uhlandstr.„Kampf um die Lebensrechte der Arbeiterschaft." Referent; Gottlieb Reese. Kreugers Flotte versteigert. Luxusjachten des Wirtschastsverbrechers unter dem Hammer Stockholm, 21. Juni. Die mit großer Spannung erwartete Versteigerung von Kreugers Flotte"— mehrere wertvolle Jachten und drei Flugzeuge— endete mit einem niederschmetternden Ergebnis. Ein« Motoryacht„Torise" und zwei Flugzeuge blieben gänzlich um verkauft, da die wenigen erfolgenden Gebote dem Auktionator z» niedrig erschienen. Im übrigen wurden inegelamt 28 000 Kronen er. zielt, während der Wert der zur Auktion kommenden Fahrzeuge auf weit über 300 000 Kronen geschätzt wurde. Allein das Rennboot „Svalan" hatte Kreuger 172 000 Kronen gekostet: auf der Ver- steigerung brachte es jedoch nur ganze 5000 Kronen. Aehnlich war es mit den anderen Schiffen. Ein« Jacht des Kreuaerdirektors Litwrin, die annähernd 120 000 Kronen wert sein soll, brachte 14 100 Kronen. Der äußere Rahmen der Auktion stand in geradem Gegensatz zu ihrem Ergebnis. Von überallher hatten sich Jnterestenten ein- gefunden, um der Versteigerung beizuwohnen. Zum Leidwesen der Konkursverwalter stellte sich jedoch heraus, daß es fast alles nur „Sehleute" waren, die diese Sensation nicht verfehlen wollten. Benzinexplosion zerstört drei Hauser. Infolge einer Benzinexplosivn wurden in Bordeaux drei Häuser durch Feuer zerstört. Mehrere Personen erlitten schwere Brandwunden, einige erkrankten an Bergiftungserscheinungeu. Mit den Rittern vom Twiel, über die ganz Konstanz lacht, hat es eine iegene Bewandtnis. Es sind gar keine Ritter, sondern Pfragner, Biktualienhändler, kleine Gewürz- krämer, Unzünftige, oie an irgendeiner Hantierung in den Gewölben hocken, Winkelschneider, Schustersknechte, Pasteten- bäcker, Nudelmacher, Tüncher, Ehgräbenpuger, Bürstener und Vertilger von Geziefer, sogenannte Wanzenknicker. Rur Hundsfänger find keine dabei. Kleine Leute sind es, die brav ihrem kleinen Brotamt dienen, die aber am gewöhnlichen Tagestrott kein Genüge finden, sondern sich zu Höherem be- rufen fühlen. Kleine Winkelpinkler und zahnlose Hündlein sind es, die hoch herheulen möchten über ihr vortreffliches Geschlecht. Knechte, die sich berauschen an der Vorstellung der Herrengeburt. Sie atmen Gottesluft, wenn ein Adliger sie mit dem Aermel streift. Die Augen gehen ihnen über, wenn sie ein schöngemaltes Ritterwappen sehen: einen halben Eselskopf, eines Schweines Keule, einen geschwänzten Stern, einen Dreiangel, einen schnappenden Wolfskiefer, ein Pfauen- auge, eine Trompete, eine Balte oder sonstwie ein Aextlein, einen goldenen Bracken, eine steifstenglige Lllie, einen Schwanenhals, eine silberne Leiter, eine Geierkralle, eine Bärenpfote, drei Felchen quer, Gezack einer Grafenkrone, Adlerflügel� oder ein geherztes Lindenblatt. Die stolze, den armen Hund oerachtende Ritterschaft und deren vornehmes Leben hat's diesen kleinen Leuten angetan. Run haben sie, um sich vor sich selber zu erheben, einen eigenen Ritterbund gegründet, kommen einmal im Monat zusammen zur Tafel' und zun: fesllichen Zutrunk und fühlen sich selig und über das gewöhnliche Erdengeschmeiß erhoben im Gebrauch und in der Rachäffunü wirklicher Ritterschaft. Turniere kennen sie zwar nicht: dafür gibt es in den Saufgesprächen hie und da ein plumpes Lanzenbrecben. Ein Totenkopf steht bei ihrem Gelage in der Mitte oes Tisches: ein Totenkopf, um den vier geweihte Kerzen brennen. Fluchen und unfeine Reden führen ist angesichts dieses gebleichten Schädels ver- boten; aber erlaubt ist, diesem Sinnbild der Vergänglichkeit in die gelben Zähne hinein jeden Humpen auf einen Zug bis zur Nagelprobe zu leeren. Je größer Gurgel und Schluck, desto größer die Ehre der Ritterschaft. Die Frauen der Twieler werden die Burgfrauen genannt, ihre Töchter die Burgfräuelein, ihre Söhne teils Junker, tells Knappen. Kommen Gäste, so sind das nicht gewöhnliche Gäste, wie sie jede Herberge hat, Straßenwanderer, mit Läufen im Bart, sondern es find fromme Pilgrime aus heiligem Land, mögen sie gleich an der nächsten Schmierecke wohnen. Die Ritter vom Twiel halten auf feine Lebensart und auf höfisches, weltmännisches Benehmen. Da gibt es eherne Satzung und Regel. Nicht jeder darf sich niedersetzen am Tisch, wie er will, nein, so fährt nur eine Bauernfrau an den Trog. Ein Twieler Ritter aber, der weiß was sich schickt, nimmt keinen Stuhl, ohne den Zunächstsitzenden zu fragen:„Ehrenfester und getreuer Ritter, hochzupreisende Zier der Ritterschaft, ist es deinem Knecht und Steigbügelhalter erlaubt, daß er in deine Burg einreite?" Und erst, wenn daraufhin der Herr Käsehändler gnädig mit seinem Ritterkopf nickt, ist es dem nicht minder ehrenfesten, tugendsamen Anfrager gestattet, seinen nudelmacherischen Hintern auf den geschnitzten Stuhl der Ritterschaft zu setzen. Die Ritter vom Twiel leben nicht des stillen Suffs allein, nein, sie dienen auf ihre twielische Art auch den schönen Künsten und der Wissenschaft. Jeder nämlich, der in ihren Kreis will, hat, eh ihm der Ritterschlag erteilt und die wippende Feder aufs Haupt gesetzt wird, eine Antrittsrede zu halten. Das Thema ist, damit keiner der Ritter dem andern etwas voraus habe, jedesmal das gleiche. Alle Zwoundvierzig, die die Ritterschaft vom Twiel zu ihren Mitgliedern zählt, haben gesprochen über den Frag- fatz:„Inwiefern ist des Menschen Leben einem brennenden Licht zu oergleichen?" Bei Gott, ein tiefgründiger, inhalts- schwerer Satz, bei dessen Ausbeinung gar mächtiglich die Schädel rauchten! In diesen Lehrgesprächen hat den Vogel abgeschossen Huldrich Wischer, der kleine feist- und rotgesich- tige Helgenmaler und Abkonterfeier, der nachdrücklichst, mit viel Kraft der Stimme, davor warnte, besagtes menschliches Lichtstümpeli etwa gleichzeitig an beiden Enden anzuzünden. alldieweilen dies wohl eine lichtere Flamme, zugleich aber, und das sei das Betrübliche, eine viel raschere Verbrauchung nicht nur des Dochtes, sondern auch des edlen Lebenswachses ergäbe. Welcher abgegebene Lichtblitz den Rittern vom Twiel dermaßen einleuchtete, daß die Huldrichen Wischer zum Meister vom Stuhl erkiesten. Eine Wahl, die wohlgetan war: denn unter Wischers humpenfreudiger Hand nahmen die Kapitelsabende der Ritter vom Twiel einen erfreulichen Aufschwung. Auf seinen Anstoß hin tätigten die Twieler mit der Schloßherrin von Meersburg einen Vertrag, laut welchem sie jeden ersten Freitag im Monat den großen Rittersaal im Schloß zum Umtrunk benutzen durften.(Gegen ein Pauschal von jährlich sechs Gulden, zahlbar jewellen auf Sankt Martins Abend.) Da kamen denn die Ritter vom Twiel, karnevalisch ausstaffiert, von Konstanz her in einem Schnellboot gefahren, erklommen unter Verschüttung un- herrenmäßig viel Schweißes die Steilwand, auf der der Turm Dagoberts steht, und saßen dann unter mancherlei Vermummungen und unter Führung gar seltsamlichen, hoch- adeligen, ritterschaftlichen Gesprächs in guter Ordnung bis zur Mitternachtsstunde im Rittersaal und schütteten in ihre ritterlichen Bäuche unheimliche Mengen Meersburger Weines. Den Weinftichern im Städtlein war die Gesellschaft lieb und wert; denn ihre Tränkung und Zehrung hinterließ jedesmal einen ansehnlichen Batzen Geldes. Doch den andern Meersburgern Bürgern waren die Ritter vom Twiel ein Streifen des Anstoßes: denn der Rückweg zum Schiff war gemeiniglich nächsten Tags durch eine Ausschüttung un- williger Mägen bezeichnet, die recht unritterlich die Luft ver- stank. Lei welchem Anblick die Meersburger nasenrümpfend zu sagen pflegten:„Aha. die Konstanzer Bogenkotzer sind wieder freitagen gewesenl" Auch an diesem ersten Freitagabend im Monat hatte die Ritterschaft vom Twiel treulich ihrer eigenen Narrheit und dem Bacchus gedient. Vor allem war dieser letzte Dienst der Ritter derartig nachhaltig und wirksam gewesen, daß sie unterwegs auf dem See, als sie eine Geschügkugel weit vor sich das heimkehrende Ratsboot erblickten, dies für ein Raub- schiff der Grimmensteiner Brüder vom End hielten. Nun waren zwar diese Pfragner und Krämer und Abkonterfeier in ihrem Alltag durch die Bank ganz unritterhaft, die Bor- ficht alleweil für den weitaus besseren Teil der Tapferkeit erklärten und die nur den einen Leibspruch kannten: „Brüder, wo der Feind steht, alleweil zurück!" Aber der stundenlang eingeschüttete Traminer halte ein Wunder getan und die Herzen dieser Hasen der Angst in Herzen brüllender Löwen verwandell.„Drauf und dran! Legt euch ins Zeug, ihr Ruderer!" hatten sie geschrien und mit Stöcken und den mitgeführten Armbrüsten Lärm über Lärm gemacht, halten den Bäntharz am Steuer gezwungen, stracks auf das Räuber- boot zuzuhalten, und als alles nicht schnell genug ging, nmßte Zweiweich, der Segelmeister, das große Vierecksegel setzen, trotzdem kaum eine Hampsel voll Wind ging. (Fortsetzung folgt.) Hundezirkus am Müggelsee. Vom Spreetunnel bis zum Standort des Do X am Lokal Rübezahl zieht sich längs des Müggelsees eine Art improvisierter Rummelplatz hin. Die großen Scharen der Berliner, die sich täglich das große Flugwunder anschauen wollen, werden vorher von den Wegelagerern einer neuen Notindustrie angehalten. Nicht nur zahllose Händler, auch fliegende Kapellen und mehr oder weniger künstlerische, artistische Darbietungen sollen die Sonntagsausflügler um ein paar ersparte Sechser bringen. Ein alter Mann mit Riesenmuskeln, vielleicht ehemals beim Ringkampf aufgetreten, führt mit seinen Söhnen Freiluftübungcn Das Koffergrammophon ersetzt die Zirkuskapelle vor, unentdeckte Konkurrenten der„Wedding Boys* spielen schmalzige Tangos. Am meisten Zuspruch und das Entzücken der Kinder aber findet ein kleiner Hundezirkus. Ansagerin, Dompteuse und Kassiererin zugleich ist eine rundliche kleine Frau, die vor jeder Vor- führung eine lange Ansprache hält. Ehemals als Artisten an großen Bühnen engagiert, sei ihre"Truppe jetzt durch die Not der Zeit— Sie wissen ja— ohne Beschäftigung. Um die Hündchen, sie spricht das Wort immer mit Langgezogenen melodiösen Lauten aus, nicht dem Tierfchutzverein und damit bei chrem Alter dem sicheren Tode zu übergeben, versuche sie auf diese Weise das Fcktter für die Tierchen zu verdienen. Ein Koffergrammophon schnurrt, in einem Puppenwagen klettert ein winziger Affe herum, dann kommt der große spannende Akt: einer der Hunde tanzt aus dem Seil, sich mit der Schnauze an einem vorgeführten Ringe festhaltend. Die Kinder jubeln, die Alten ziehen das dünne Portemonnaie.„Nur ein paar Pfennige für die armen Tierche n", ruft die Frau und sammelt die Münzen in eine spitze Tüte. Sie beklagt sich öffentlich, daß zu wenig eingekommen ist. Ein guter Geschäftstrick oder Wirklichkeit, daß nur rote Pfennige gegeben werden? Das Taubenkarussell. Seitdem die auf den Rummelplätzen gastierenden kleinen Zir- küsse keine Arbeit mchr für ihn haben, hat sich dieser Artist mit seinem winzigen Tierpark selbständig gemacht. Der Tierpark besteht aus— vier Tauben! Mit ihnen zieht er von Stadtteil zu Stadtteil straßauf, straßab. Wo ihm die Gelegenheit zu einer Bor- stellung günstig erscheint, macht er halt und improvisiert seine Nummer..... Meine Herrschasten..." Das geht meistens auf dem schmalen Pfade des Bordsteins vor sich, in Verkehrs stillen Straßen, aber auch oft m i t t e n a u f d e m D a m m. Da packt er denn aus, was er so an Requisiten und Darstellern mit sich trägt. Biel ist es nicht: eine Liliputleiter, eine Puppenwalze, ein Kinder- reifen und vier Tauben, die er aus einem mit Luftlöchern versehenen Kasten holt; das tote Material trägt er unter dem Arm. Mag seine Habe auch dürftig sein, maßlos bewundert wird sie dennoch von der ihm ständig wie dem Rattenfänger folgenden Kinderschar, die stets fein bestes, leider aber auch fein mittellosestes Publikum ist. Hin und wieder reihen sich auch Erwachsene in den Kreis der entzückt staunenden Jugend, die naive Freude und Be- geisterung der Kinder durch ein skeptisches und mitleidiges Lächeln kompensierend, das ihnen ihre Würde nun einmal vorschreibt. Dafür dürfen sie dann auch einen Sechser oder Groschen„Eintritt* spen- dieren. Indes sich der Ring der zahlenden und nichtzahlenden Gäste um den von seiner Frau assistierten Artisten immer enzer schließt, haben die vier Täubchen Paradeoufstellung auf einem Gestell eiy- genommen. Ausgerichtet in einer Reih« hocken die vier dressierten kleinen Wesen mit aufmerksam kreisenden Aeuglein auf ihrer Stange, des Kommandos ihres Herrn gewärtig. Sie find Künstler ihres Faches! Eine weiße Taube klettert die Liliputleiter in unendlicher Folge hinauf und herab, eine andere von dämonischer Schwärze treibt mit ihren unablässig vorwärtsschreiten- den rosigen Füßchen die Walze zu immer schnellerer Rotation— und sie alle zusammen bringen flügelschlagend und tretend ein. kunstvoll konstruiertes Reifenkarussell in treisende Bewegung. Diese Nummer ringt selbst den Erwachsenen Bewunderung ab und läßt den einen oder anderen von ihnen wohl mal fragen:„Wie haben Sie die Tiere nur dressiert?!� „Det is Jeschäftsjeheimnis", damit wird dann der indiskrete Frager in die ihm gebührenden Schranken zurückgewiesen, hinter denen er danach noch bescheiden zur Kenntnis nehmen darf, daß es zu Hause noch eine„Kommandotaube" gibt, die augenblicklich nicht austreten kann, weil sie gerade brütet...„Die schmeiß ick in die Luft, det se hochfliegt— un wenn ick pfeife, kommt se wieda runtal*... Dann packt er die vier kleinen Artisten wieder ein, die mit Blicken, in denen sich Stolz und Bekümmernis mischen, in ihr dunkles, schaukelndes Verlies wandern, vier Geschöpfchen, die den Ernst des Lebens kennen, das ihnen für ihre Kunst nur ein paar Erbsen und einige Maiskörner gibt, die ihren bürgerlicheren Schwestern in den behüteten Taubenschlägen auch ohne Leistung gewährt werden. a SiiiiiiiBiifi? 18? DevatiBim Smms? KS5?s ikandaüaffären tauchen auf. Der„Kaiser von Gchöneberg". Von der Gchlägerkolonne zu den Tiazis Bor Jahren bereits mußte auf den.Kaiser von Schöneberg*, den Schrecken eines Stadtteils, hingewiesen werden, auf L e s k o, den Anführer einer vor nunmehr zehn Jahren berüchtigten „scharfen Schlägertour*, der sogenannten Maikolonne! Es hieß damals, daß die Rückkehr Jeskos aus den Gefilden des Scheunen- Viertels in seine Domäne bei den Schönebergern Entsetzen auslöste. In diesen Tagen oerschlägt einen der Zufall in ein kleines Restaurant im alten Schöneberg. Man findet die Stammgäste mit der Wirtin in hitziger Diskussion. Plötzlich fällt der Name„I e s k o" im Zusammenhang mit einer Zechprellerei, die sich der„Kaiser von Schnneberg* hier zuschulden kommen lieh. Die Wirtin fragt:„Ja, soll ich denn nun in das Verkehrslokal gehen und vom Sturmführer mein Geld verlangen?" Worauf ihr folgende lakonische Antwort zuteil wird:„Zwecklos! Sturmführer ist nämlich Herr Jesko persönlich!" Jetzt also dämmert es! Jesko ist wieder da. Er, der stolz auf seine„Jungfchenbriaaden* war, hat sich in den mütterlichen Schoß jener Partei geflüchtet. Mit sünsundneun- zigprozentiger Sicherheit ist anzunehmen, daß er nicht allein in die Partei eingetreten ist, sondern seine Gefolgschaft, sosern er noch über eine solche verfügte, nachdem er seinen letzten dreijährigen Knast abgerissen hatte, mit ihm. Aber selbst den Nazis von Schöneberg paßte dieser Messerheld so wenig, daß sie ihn in eine mehr auf„kriegerische Sitten" ein- gestellte Abteilung nach Moabit abschoben. Bei der Einweihungsfeier des Verkehrslokals„Bärenhöhle" in der Apostcl-Paulus-Straße hat sich der muntere Herr niit seinem Messerfuchteln dergestalt aufgeführt, daß die Besonneneren unter den Pg.s sich genötigt sahen, den eremi- tierten„Kaiser* dieses Stadtteils auf dem Wartburgplatz„auf den Leisten zu schlagen", d. h. ihn ordentlich zu verprügeln. Im Nordwesten der Stadt nun muß es jedenfalls dem Stromer- surften gelungen sein, Einfluß zu gewinnen, denn er ist nunmehr— und osfenbai in Amt und Würden!— in das hochbeglückte Schöne- berg wieder eingezogen! Dies ist kein Zerrbild! Dies ist ein kleiner Ausschnitt nur! Ausgebeutete Frauen. Verdiente Straferhöhung für einen Zwischenmeifier. Man sollte kaum glauben, daß in Berlin so etwas möglich ist: Ein junger Pols namens Jakob Offen ist Zwischenmeister in der Konfektionsbranche und leidet keine Not. Auch die Not der anderen kümmert ihn wenig. Die Frauen, die er beschäftigt, beutet er in unglaublichster Weise aus. Sie sind gezwungen, bis zu 14 Stunden am Tag zu arbeiten und bekommen unter Tarif bezahlt. Wegen Vergehens gegen das Arbeits- zeitgsfetz erhält er einen Strafbefehl in Höhe von öOO M. Das ist ihm zuviel, und er legt Einspruch ein. Der Einzelrichter in Moabit fragt ihn, was er eigentlich will. Ob der Richter es nicht billiger machen könnte?„Na wissen Sie, nach dem, was in den Akten steht, wird das kaum möglich fein."„Vielleicht doch, Herr Richter, etwas billiger. Dann wollen wir verhandeln." Also wird verhandelt. Eine Arbeiterfrau nach der anderen er- scheint vor dem Richtertisch, Ausbeutungsobjekte dieses 22jährigen Zwischenmeisters. Das Arbeitszeitgesetz existierte für ihn einfach nicht. 70, 78. 66H Stunden die Woche wurde gearbeitet. Alle Sonn- tage hindurch wurde geschuftet, 12, 13, 14� Stunden. Essenpausen gab es überhaupt nicht. Und weshalb ließen sich das die Frauen gefallen?„Ja*, sagt eine,„hätten wir das nicht getan, er hätte so und soviel andere gefunden.*—„Aber wenigstens die Sonntags- ruhe konnten Sie ja einhalten!"—„Nein, das war nicht möglich, am Sonnabend war seine Werkstatt geschlossen."„Weshalb haben Sie die Frauen so lange arbeiten lassen?", fragt der Richter.„Ich konnte nichts dafür", erwidert der Angeklagte.„Ich bekam die Auf- träge und mußte zur bestimmten Zeit abliefern."—„Da hätten Sie doch noch Arbeiterinnen annehmen können, wir haben ja sechs Mll- lionen Arbeitslose. Und wie war es mit dem Bezahlen? Sie haben sich an den Tariflohn nicht gehalten?"„Ich habe nur einen Pfennig weniger gezahlt."—„Einen Pfennig, das macht in der Woche böi S7 Stunden 67 Pfennig aus. Das ist mehr, als ein Brot kostet. Ich bin Mutter, ich habe Kinder!" ruft empört eine der Frauen. Der Staatsanwalt beantragt statt der 600 M. 2000 M. Geld- strafe. Das Gericht verurteilt den Zwischenmeister zu 1600 M. Recht so! Die Strafe hat er an den armen, ausgebeuteten Frauen vollauf verdient. T polzin— ein Aazikurort. Keine Kurmusik, wenn die Nazis feiern. Aus Bad Polzin in Pommern erfahren wir folgendes: Jeder Kurgast bezahlt dort 16 M. Kurtaxe und für eine zweite Karte weitere 10 M. Ein Ehepaar muß also für die Kurtaxe 26 M. aus- geben. Dafür spielt die Kurkapelle vormittags und nachmittags je zwei Stunden. Am letzten Sonntag veranstalteten nun die Nazis, die über- Haupt in Polzin den Ton anzugeben versuchen, einen sogenannten „Deutschen Tag". Auf dem Programm der Kurkonzerte stand deshalb zu lesen:„Die Sonntagskonzerte fallen in Anbetracht des „Deutschen Tages" der NSDAP, aus.(Siehe Inserate in der Tagespresse.)* Die Kapelle wurde eben für die Nazis benötigt. Es ist klar, daß dieses Verhalten der Kurverwaltung bei den republikanischen Kurgästen lebhafteste Entrüstung hervorgerufen hat. Sie sagen sich mit Recht, daß sie bei einer so hohen Kurtaxe wegen eines parteipolitischen Rummels einer staatsfeindlichen Gruppe nicht auf das Kurkonzert zu verzichten brauchen, für das sie bezahlen. Daß zudem noch durch den Hinweis auf die Inserate in der Tages- presse für die Naziveranstaltung die Reklametrommel gerührt wird, ist ein besonders starkes Stück. Das Befinden des sckiwerverleütcm Schnpos. Polizeioberwachtmeister Linus Meißner vom 3. Polizeirevier in der Hannoversche Straße, der vor einigen Togen bei einer Ein- brecherversolgung in der Friedrichstraße 113 von einigen Kameraden durch einen tragischen Irrtum angeschossen und s ch we r verletzt wurde, liegt noch immer im Slaatskrankenlzaus bedenklich danieder. Meißner ist alsbald nach seiner Aufnahme erfolgreich operiert worden und die Aerzte hoffen, das Leben de» Schupos erhallen zu können. Sirchenaustriil. Am Freitag, dem 24. Juni. IL bis 20 Uhr. veranstaltet die Freireligiöse Gemeinde Berlin in der Poppelallee 16 «inen Kirchenaustrittsabend. Wer mit der Kirche ge- brachen hat, kann hier auch äußerlich den Bruch vollzishen. Notariats- gebühr 2 Mk. Legitimation ist mitzubringen, Ein RSntgenmulenm ist in Lennep in Westfalen, der Vater- stadt Röntgen-, eröffnet worden. Da- Museum ajbt einen Ueber- blick über Entdeckung, Bedeuiunn urvd Weiterentwicklung der Rönt- genstrahlen. Der interessante Muieumsfundus zeigt die Entwicklung des Röntgenopparates von den Anfängen bis zum transportablen hochspannungs» und strählensicheren Röntgenapparat. Im Skandal-Prozeß gegen die Devecheim-Schieber kommen immer üblere Dinge zutage. In der Dienstag-Verhandiung ließ sich wieder einmal feststellen, in welch verbrecherischer Weise bei Deoa- heim mit den Geldern der Einzahler umgesprungen wurde. Das Bezeichnende an diesem Prozeß ist, daß diese unter Anklage stehen- den Männer aus jenem Lager auf der evangelischen Seite stammen, in dem man mit besonderer Heftigkeit und Hingabe gegen den an- geblichen, das deutsche Volk bedrohenden Kulturbolschewismus zu Felde zog. Das Gericht versuchte die Frage zu klären, wo eine Summe von SZ oco Mark geblieben is«. die die Baugenossenschaft Mülheim an den Angeklag- tcn Generaldirektor Jeppel gezahlt hat und für den Zinsendienst der Ausländsanleihe verwendet werden sollte. Der famose Herr Jeppel behauptete, dieses Geld an Claussen als Verwalter der Auslands- anleihe weitergegeben zu haben. Elaussen wiederum versicherte, das Geld niemals erhalten zu haben. Als Claussen entschieden ab- stritt, jemals in den Besitz der 99 000 Mark gelangt zu sein, rief Jeppel. daß er, Claussen, ihm ja eine Quittung gegeben habe. Diese Quittung soll angeblich der Buchhalter Neidhardt bekommen haben, der sie nach Mülheim weitergeben sollte. Nun wird die Sache immer mysteriöser. In der Nachmittagsoerhandlung wurde der Finanzberater Dr. I e f ch e k als Zeuge gehört, der das G r u n d st ü ck in Bas- darf an die Baugenossenschaft vermittelt und bei einem Grund- stückswert von 200 000 Mark nach dem Gutachten des Sachverstän- digen Grade 60 000 Mark Provision erhalten hat. Also, wie dex Statsanwalt betonte, mehr als 30 Proz., während sonst viel niedrigere Sätze gezahlt wurden. Der Zeuge bestritt, einen derartigen Betrag erhalten zu haben und erklärte, daß er höchstens 63 200 Mark bekommen hätte. Der Angeklagte Jeppel blieb aber dabei, daß Dr. Jefchek die vom Sachverständigen festgestellten Beträge erhalten hätte. Jeppel: Ich möchte Sie vor einem Meineid bewahren und frage Sie nochmals, ob Sie nicht mehr als 60 000 Mark bekommen haben. Zeuge: Ich habe höchstens 64 000 Mark bekommen. Jeppel: Haben Sie mich nicht nach meiner Entlassung aus dem Devaheim-Konzern im Cafe König aufgesucht und von mir 76 000 Mark verlangt? Dr. Je- schek zögernd): Das handelte sich um eine Provision für eine andere Sache. Jeppel: Es handelte sich überhaupt nicht um eine Provision.— Jeppel und sein Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Herold, hielten dem Zeugen Dr. Zefchek dann ein Schreiben vor, in dem er bestätigt, daß er 76 000 Mark als Schwslxageld bekommen habe, weil er im Interesse des Devahsim-Konzerns tätig gewesen sei und Gerüchte, die über Pastor D. Cremer im Umlauf waren, zerstreut habe, Dr. Jeschek, der von der Verteidigung in ein scharfes Kreuz- verhör genommen wurde, gab den Empfang dieser Schweigegelder zum Teil zu. Aus Antrag der Staatsanwaltschaft blieb der Zeuge schließlich wegen des Verdachts der Mittäterschaft und Begünstigung gleichfalls unvereidigt. Ferner kam noch ein Expofä zur Sprache, das Jeppel für die Notgemeinschaft ausgearbeitet hatte, die den Zusammen- bruch des Devaheim-Konzerns verhindern sollte. In diesem Expose gibt Jeppel eine Aufstellung über die von ihm im Interesse des Devaheim-Konzerns gezahlten Schweigegelder, und zwar hat Dr. Jeschek 60 000 Mark erhalten, Claussen 60000 Mark zur Grün- dung der Aretz-Baugesellschaft und außerdem weitere 70 000 Mark zur Weiterführung der Gesellschaft. Der Buchhalter der Hilfskasse, K l a r h o l z, der wegen Unterschlagung zu einer Gefängnisstrafe verurtellt worden ist, wird mit 26 000 Mark Schweigegelder auf- geführt, ein gewisser R i ch t h o f e n mit 8000 Mark, und schließlich sind in dieser Aufstellung auch die 4 0 0 0 0 Mark erwähnt, die der„I n d u st r i e k u r i e r" als Schweigegeld bekommen hat. Die Verhandlung wurde schließlich auf Donnerstag vertagt, Wetter für Berlin: Vorwiegend regnerisch, am Tage kühler als bisher, schwache Luftbewegung.)— Zur Deutschland: In der östlichen Reichshälfte vielfach'Regenfälle, im Westen veränderlich, vereinzelt noch leichte Schauer. Mjk i Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Verlin l&S j Einlendungen filt diese Rudrii nur NN das Zugendi-kretariat Berlin SD 68. Lindenslrah» 1 vorn 1 Trepp- rechi». Vorschendenkonferenz inoraen, Donnerstag, 19'{, Ufit, ini Eihungssaal des Bezirksamts Kreuzberg. Porckstr. II. Obne Mitgliedsbuch kein gutritt. Z Pfeile, das(treiheitsabzeichen für 10 Pf., Nastkarten für 30 Pf. sind im Sekretariat erhältlich. Zentrale Zcricnlahrtsn! Fahrt I, Thüringen, vom 9. bis 17. Juli, Kosten 32 A!.: Fahrt II, Erzgebirge vom 14. bis 21. August, Kosten 32 M,: Fahrt IN, Erzgebirge, vom 14. bis 28. August. Kosten SO M. Anmeldungen, fpez. für Fahrt I, müssen umgehend vorgenommen werden. Anzahlung ö M. Zull-Programme müssen umgehend noch von einigen Abteilungen ab» geliefert werden. heute, Mittwoch, 22. Zunl, 20 Uhr: Sefundhruan-n IR.-F.): Kolaniestr. 8. Tagsspolitifche Fragen.— Kuma»»- platz! Spielen auf dem„EW.— Ludreasplatz: Turnen im Friedrühehain.— Baüenplatz! Turnen im Friedrichshain.— Petersburger Viertel! Ebertpstr. 12. Sonnenwende.—«dlershof: Bismarckstr. 1. Au-fprachabend.— Bohnsdorf: Wochtelstr. 1. 10.Minuten.Rsferate.— Faltenbarg: Gutshof. Jugend im Faschismus.— Frledrieh-tagen! Friedrichstr. 87. Einführung In den Fafchis» mus.— Kaulsdorf! Adolfstr, 26. Fuchthaus— Gefängnis.— Lichtenberg. Mitte: Dosscstr. 22. Lohnarbeit und Kapital.— Ren-Lichtenhera: Svortabend. — Lichtenberg. Nord: Guntsrstr. 44. Brettfpielwettahend.— Nahlsdorf! Me- lanckthonftr. 22 Sozialistische Führer und Denker. 2. Teil.— Kermsdors: Treffpunkt zur gluablattverbreituna lFrohnau) lüth Uhr„Fiete Ecke". Er. scheinen Pfli6>t.— Rcin�üendorf-Wlst: Sewelstr. I. Lefeabend. STG. Neukölln: 18>,h Uhr KME., Ferch ensaal, wichtige Besprechung über di« Elternbeiratswahren. W-rbtbezirk Prenzlauer Berg: Borfitz-ndenkursu- 20 Uhr Sonnenburger Strasse.„Rote Rotte" Probe bei Goldschmidt, Stolpische Str. 86. Einige Ge. nofstnnen und Genossen werden noch aufgenommen. Werbebenik Besten: Mitliederversammlung lOZH Uhr Rostnenstr. 4 Erich Schmidt spricht über„Einheitsfront". Berbebczirk T-mpelhof: Ausserordentliche Mitgliederversammlung Lnzeum GLtzstrassc. Werbcbczirk Neukölln: Snrechstund« 13 Uhr Danghoferstrasse. Werbeaus» fchuss lg Uhr edendort. Alle Gruppen müssen vertreten fein. Erster Appell der Jüngeren-Akttonsgruppen 20 Uhr: Gruppe 1, 2, 3, 9 und 11 Heim giethenstr. 88; Gruppe 4, 6, 7, 8, 10 und Britz Zeichensaal der«MS. CinjenDungen für biete Rudrti sind Berlin SS 68. Lindenslraß« 3. parteinachrichien FMÄ für Groß-Verlin stet» an da» Beztrkstekretortat i. Hof, 2 Treppen recht», zu richten Abteilungsleiter! Die bestellten Flugblätter für weltliche Schulen für die Elternbeiratswahlen sind vom Bezirlssekretariat ab» znholcn. Abteilungskassierer! Die Abzeichen der Eisernen Front(drei Pseile) sind gegen Ausweis in der stasie des Bezirtsverbandes, Zimmer 6, in Empfang zu nehmen. Beginn aller Veranstaltungen IS'/i- Uhr, sofern keine besondere Zeitangab«! t. sirei». Wählerpersammlung der 18». weltlichen Schule, Auguststr. 67—68, Donnerstag, 23. Juni, 20 Uhr, im Klubhaus, Rosenthaler Garten, Rosen» thaler Str. 14, Warum Liste„Schulaufbau"? Referent: Rektor E, Wen» dicke. Die Mitglieder der I,, 5., 6. und 7. Abt., deren Kinder dort zur Schule gehen, werden besonders daraus hingewiesen. 11. Kreis Tchäneberg. Donnerstag, 23. Juni, bei Will, Martin-Luther-Str. 6g, Kreisfunktionärsihung. Die örtliche Kampfleitung der Eisernen Front nimmt an der Sitzung teil. Mitgliedsbuch ist mitzubringen. 12. Kreis. Donnerstag, 23. Juni, teimitglieder im Speiseraum die Lebensrechte der_________ WWWWW> WWIWWWWW 18. Krei.. Donnerstag, 23. Juni, 15 Uhr, Zusammenkunft erwerbsloser Par. teimitglieder im neuen Sport, und Jugendheim der bundestreuen Sportler der Partei. Weitzensee, Rennbahngelände, Rennbahnstratze. Politische Lage und die Aufgaben der Arbeiterklasse. Referent: Alfred Markwitz. 17. Abt. Die Karten zum Rast müssen umgehend abgerechnet werden. Die Abrechnung der Markenbestände muß bis zum 30. Juni vollzogen sein. 24. Abt. Donnerstag, 23. Juni, ab 18 Uhr, wichtige Flugblattverbreitung von den bekannten Lokalen aus. 78. Abt. Donnerstag, 23. Juni, 20 Uhr, bei Schmidt, Ebersstr. 18, Abteilungs» Mitgliederversammlung. Der Kampf uM den neuen Reichstag. Referent: Georg Maderholz, M. d, L. *2. Abt. Heute int Iägerheim Mldenbruchstr. 88 Zusammenkunft sllngerer Parteimitglieder. Die verfassungsrechtliche Situation im Reich und in Preußen. Referent: Dr. Franz Naumann. 101. Abt. Heute gahlabend bei Manz, Kiefholzstr. 21, für den 3. Bezirk. Poll» tische Lage und die Aufgaben der Arbeiterklasse. Referent: Genosse Am» berg. Sonnabend, 25. Juni, 10 Uhr, in der Spedition Graetzstr. 50, Zusammenkunft aller Helfer für die Elternbeiratswahlen. 116. Abt. Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, bei Morr, Reue Pahnhofstr. 28, wichtige Funktionärsitzung. Die Betriebsvertrauensleute müssen auch erscheinen. 120. Abt. Achtung, Bezirksführer! Heute, 17% Uhr, Zusammenkunft beim Ab» teilungsleiter. 140s. Abt. Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, öffentliche Versammlung der Liste „Schulaufbau" bei Eberhardt, LUrbarser Straße. Elternbeiratswahlen— politische Wahlen. Referent: Dr. Kurt Löwenstein, M. d. R. Blinbensettion. Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, bei Scholz, Adalbertstraße, wichtige Sektionsverfammlung. Irauenveransiallungen. 3. Kreis. Donnerstag, 23. Juni, 19>b Uhr, Kreisfrauenabend in den Atlantik. sälen. Behmstraße lBahnhof Gesundbrunnen). Frauen und Konsum» genossenschaft. Referent: Geschäftsführer Genosse Böhm. Die Funktio» närinnen treffen sich im gleichen Lokal eine Stunde vorher. 140s. Abt. Da die Mitgliederversammlung am 22. Juni ausfällt, findet auch die Funktionärinnenbefprechunq nicht statt. Die Genossinnen beteiligen sich restlos an der Schuloersaminlung am Freitag, dem 24. Juni. Defirksausschuh für Arbeikerwohlfahrk. 7. Krei» Eharlottenburg. Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, wichtige Sitzung der Arbeiterwohlfahrt im Jugendheim Rosinenstraße. Abrechnung der Sammel» listen. 13. Kreis Tempelhof, Marienbors, Marienselbe, Lichtenrade. Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, Sitzung der Arbeiterwohlfahrt Tempelhof, Dorfstr. 42, Sitzung». zimmer 2. Referentin: Genossin Dr. Wegscheider über„Arbeitsdienstpflicht". Erscheinen aller Wohlfahrtspflegersinnen) Pflicht. 18. Kreis Weißensee. Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, im Heim der Rennbahn, Rennbahnstraße, Sitzung der Funktionäre und Helfer der Arbeiterwohl. fahrt. Genosse Marguardt spricht über„Fürsorgeerziehung". Arbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde Groß-Berlin. Die Kreise werden gebeten, die Teilnehmerzahlen für da, Zelt» : und das Restialkenlager schnellstens der Geschistsstelle mitzuteilen. ! Kreuzberg. Achtung, heute tagen die Lagergemeinschaften, alle Falken und Helfer, die in die Sommerlager gehen, müssen daran teilnehmen! 1,,* j Tempeldos. Zeltlager» und Restfalkenlagerteilnehmer. Donners» tag, 23. Juni, 18% Uhr, treffen sich die Zeltlaaerfahrer bei Jahn, Tempelhof, Braunschweiger Ring 20. Donnerstag, 30. Juni, Untersuchung im Gefundheitshaus Mariendorf, Markgrafenstraße, 0 Uhr. Reutölla. Zeltlager-Werbeveranstaltung Donnerstag, 23. Juni, 20 Uhr, im Saalbau Bergstraße. Eintritt 20 und 50 Pf. Freunde und Genossen unserer Bewegung erwarten wir. Sterbetafel der Groß-Berliner Partei-Organisation «7. Abt. Unser langjähriger Genosse Fritz Sandre?a, Warthestr. 30, ist nach langem schweren Leiden verstorben. Ehre seinem Andenken! Trauerfeier Freitag, 24. Juni, 14*4 Uhr, im Krematorium Baumschulenweg. Zahlreiche Be. teiugung erwartet die Abteilungsleitung. 123. Abt. Unser Genosse Ernst Zemlin, Langhansstraße, ist verstorben. Ehre seinem Andenken! Einäscherung Mittwoch. 22. Juni, 19 Uhr, im Krcma. torium Gerichtstraße. Um rege Beteiligung wird gebeten. Vorträge, Vereine und Versammlungen # Reichsbanner„Schwarz-Rol-Gold". G e, ch ä« t s st e II e: Berlin S. 14. Sebaftionftr. 37—38 Ho» 2 Tr. Gauoorstand. Wir bitten alle Studenten, die dem Reichsbanner angehören, ihre vollständige Adresse dem Gaubüro mitzuteilen.— Pankow lOrtsverein). Mittwoch, 22. Juni, 10-4 Uhr, Treffpunkt des gesamten Tambvurkorps und aller Sport» und Jungba-Kameraden vor gewohnter Turnhalle,— Tiergarten lOrtsverein). Mittwoch, 22. Juni, 2014 Uhr, Appell des gesamten Ortsvereins in bekannter Turnhalle. 4° Iungbanner Berlin: Wichtige gusammenkunft aller Kreisführer und Orts» vereinsfuhrer des Berliner Junobanners am Mittwoch, dem 22. Juki, 20 Uhr, im GaiibÄro.— Iungbanner Reulölln: Mittwoch, 22. Juni, pünktlich>0 Uhr, Versammlung im Jugendheim Neukölln,»anner Straße. Pslichtveranstaltnnq für alle Kameraden von 17—21 Jahren! Arbeiter-Samariter-Bund e. V.. Kolonne Berlin. Geschäftsstelle: RO. 43. Zostystr. 4. Telephon: E 3»önigstadt 5440. Armbinden Nr. 82 und 177 sind verlorengegangen und werden hier» � n&s mit für ungültig erklärt. Finder werden gebeten, dieselben nach oben angegebener Adresse abzuliefern. Freie Nationale Schülerschaft. Donnerstag, 28. Juni, 17 Uhr, Jugendheim Spreestr. 30(nahe der Städtischen Oper). Diskussion über Schülerselbst. Verwaltung. Es sprechen Vertreter der Sozialdemokraten, Kommu. nisten, Nationalsozialisten, des Zentrums und der FNE. Gäste willkommen! Lon?fel cm English liebatirt Club. Bülowstr. 104. Heute abend, 8*4 Uhr spricht Mr. James Bulmann Smiih M A- über das Thema:„The quality of merey", Gäste willkommen Sport. Rennen zu Sirausberg. Herrcnfee-Hürdenrennen: 1. Jambus(Michaelis)! 2. Törin: S. Parademarsch. Toto: 517:10. Platz: 66, 27, 22:10. Ferner liefen: Hatto, Ledum, Carlchcn, Meisterpolier, Marghcrita d'Arczzo, Wilma, Auteuil. Drcijührigcii-Maidenrcnncn: l. Marie(Psörtke); 2. Trusus! 3. Aron. Toto: 50:10. Platz: 21, 32, 49:10. Ferner liefen: Kruzitürken, Charni, Kummer, Luciana, Tanzgräsin, Epona, Edeltanne, Chiffre. Tämeritzsce-Verkaufs-Jagdrcuncn: 1. Beluga(Müschen): 2. Baron Peres; 3. Blauer Vogel. Toto: 20:10. Platz: II. 12, 16:10. Ferner liefen: Namen, Kasbek(angeh.), Exusu, Fahrt, Carmen. Wolfshagener Jagdrennen: l. Esparsette lMüschen): 2. Osram: 3. Lorenz. Toto: 64:10. Platz: 25, 2S, 21:10. Ferner liefen: Haarflocke. Festkönigin. Liliput(ausgebr.), Zicuplatin, Heidekönigin. Landjäger, Preis von Hahnenbiick: 1. Koldfee'H. Schmidt:: 2, Maientag; 3, Siesta, Toto: 103:10, Platz: 24, 24, 17:10, Ferner liefen: Khcdive, Morgenrot, Wanda, Araber, Otto, Pcrasperum, Ouost-Jagdrinnen: 1. Rcntmeister(Unterholzner); 2. Optant; 3. Hidi- oeigei. Toto: 36:10. Platz: 16, 18, 15:10. Ferner liefen: Kismet, Medina, Sternkunde, Kern, Fanfare, Unfug. Juni-Ausgleich: 1. Abt. 1. Everone iBöhlke); 2. Verdi; 3. Hoheit. Toto: 70:10. Platz: 24 14, 17:10. Ferner liefen: Mansi. Orcnburg. Trianon, Komm voran. Chinaseuer, Conslablc Puma. 2 Abt. 1. Ma. seiende' in (Streit); 2. Eldon; 3. Sonnenstrahl. Ferner liefen: Honest»», Manitoba, Flüela, Mafia, Tramvnte, Fredschar, Sandsturm. Toppelwctte; Marie— Beluga 144:10. .Isptele usw. ß TUe&iet. Lidilspiele ' r-J-t-JI-l--- j---- Ifaati fe. Theater MlUwodi, den lt. Inn! Staatsoper Unter den Linden 20 Uhr Sizllianische Vesper StaatlidiaaspielhaDS Gudinennirit. 20 Uhr Tlgl. 5 u. 8� Ohr 1 Fernando Linder 1 20aroi,W.Rosea usw. Schiller-Theater| Charlortenbura. 20 Uhr Zum 25. Male Die Räuber PLAZA Nähe Sdtlas. Bhl. Sn.aMtss. 2.5,8'» U. E 1 Wiidis. 4031 Schwarzwaldmäde! SlädieOper Charlottenburg BismarckstraBe 34. .Mittwoch, 22. Juni Turnus IV Samson null Oalila Amerliog, Hartmann, Roth. Heyer, Kandl Anfang 20 Uhr Ende gegen 23 Uhr VolKsDUhne Dieatar an BDlowplali 8>/. Uhr Geldohne Arbeil Komödie von Alberto Colautnoni Bearbeitet von R. A. Stemmle Regle: Oflnther Stark NM eunris. Flora 3434. Bacmen bi Rani Graetz. Peter Sachse. Jenny& Piccolo. Crocers& Crocers nsw. RestaWt Berlins Mbm Tbealsi Die 8V» Uhi Journalisten Lustsp.nadi Gustav Freyta; von Falii Joadiimson Musik; Tbeo Mackebou Repie: Heinz Hilpert. I min-Timm BANK UND SPARKASSE ALLER ARBEITNEHMER " J'*».'.».».' k».»� I "ir"' IST DIE Täglich S'/i Uhr Madonna wo bisl Du? Erika v. Thellmann, Luise Stösel Theodor Loos Josef Wedorn Rose- Theater inli Finkfirtir Strali 132 Iii. Wiidnel E 7 3422 8.30 Uhr Die eiserne lungfran Gartenhuhne 5J0 Uhr Konzert u.Variete ZIceunerlieDe Biumensiienoen Jeder Art liefert preiswert Paul Golletz rormal« Robert Meyer Mariannenstr. 3 F8, Oberbau« 1303 WMi KietallariiEitEi-VßfiiaDil Vcrwaltnngsslelic Berlin Todesanzeige Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Maschinist m\mm Schmidt am 19. Juni gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Donnerstag. den 23. Juni, 14 Uhr. von der Leichen» balle des Neuköllner Gemeinde» Fricdho'es tn Reutölln, Gotttted- Dunkei-Straße, aus statt. Rege Beteiitgung erwartet VI« DrtsvervnUnng. rDer gute Kapslän � K Aiv#5ifm!f ist in den meisten Zi- UUall&CllJull garrenqesch. erh<l. C. Röcker, Berlin LldncnDerger Straße 22. KOnlgst. 3861 J auch gegen 12 Monats- Raten ViMafo Berlin W 66, Leipziger Straße 122/123 M-M .'J.;!.,. mß: WYir BANK DER ARBEITER, ANGESTELLTEN UND BEAMTEN. S BERLIN Zentrale: 514. Wall Straße 62, 65 Märkisches Ufer 32 Depositenkasse: SW 68, Lindenstraße 3 ■ SOZIALDEMOKRATISCHES 0rückstraß« 17. 3lf. 289» 49. Iahrqana 2. Beilage des Vorwärts Mittwoch, 22. Juni 4 932 Agrarbolschewismus un.-r».« HohenzoUem preußische Geschichte vor 400 Jahren.- Auch ein Beneckendors von Hindenburg wurde saniert. Es ist dementiert wurden, daß der Reichspräsident nun Hindenburg in der kurzen Zwiesprache mit seinem Kanzler Brüning auf den agrardolschewistischen Cbarakter der chin zur Unterschrift vorgelegten fünften Brüningschen Rutoerurdnung hingewiesen habe und es auch deshalb zur Kabinettskrise gekommen sei. Dennoch besteht kein Zweifel, daß ähnliche Gedankengänge der Stein des An- stoßes waren: die Großagrarier mit Oldenburg-Ianuschau an der Spitze waren die zum Sturz Brünings treibenden Kräfte, und des Reichspräsidenten Besuch in Neudeck spielte dabei eine wichtige Rolle. Wir haben keine Ursache, Brüning für uns zu reklamieren. Wir glauben aber doch betonen zu dürfen, daß der Gedanke der Aufteilung der unhaltbar gewordenen Großgüter grundsätzlich richtig war und uns tatsächlich ein Stück vorwärts ge- bracht hätte, und daß andererseits der agrarpolitifche Weg der jetzigen im ostelbischen Junkertum verwurzelten Reichsregierung subjektiv kurzsichtig und objektiv falsch ist. Er ist nicht nur einer Neuordnung der Gesamtwirtschast abträglich, sondern er wird auch zu keiner gedeihlichen Einordnung der ostelbischen Agrorwirt- schaft in die Gesamtwirtschast führen. Den Beweis braucht nicht erst die Zukunft zu bringen, sondern den hat die preußische Geschichte schon vor hundert Jahren gebracht. Man muß nur staunen, wie wenig die sich ihrer„altpreußischen Erziehung" so gerne rühmenden Barone der Papen-Regierung jene Zeit zur Kenntnis genommen und aus ihr gelernt haben. Auch vor mehr als hundert Zähren wurde Preußen von einer Agrarkrise heimgesucht. Die Ursachen waren zunächst andere, die Gesamllage wurde dann aber die gleiche, wie wir sie heule haben. Der preußische Siaal befand sich in der gcößlea Ainanznot. kriegskonlributionen drückten Stadl und Land. Dielleicht darf man in diesem Zusanzmenhong daran erinnern, daß die Stadt Königsberg i. Pr. die ihr im Jahre 1807 von den Franzosen auferlegte Kriegslast er st im Jahre 1901 endgültig tilgen konnte. Danzig gelang die Abtragung bereits(!) im Jahre 1800, nach 53 Jahren also! Die Güter waren überlastet. Zwangsversteigerungen blieben oft ohne Erfolg, da sich kein Käufer sür die Güter fand. Der Kurs der Pfandbriefe sank auf ein Drittel ihres Werts. Die Ge- treideproduktion war infolge der Verbesserung der landwirtschast- lichen Technik, die sich vor allem an den Namen Thaer knüpft, in ungeahntem Maße gestiegen, die Getreidepreise auf einem nie ge- kannten Tiefstand angelangt. Es muhte ein Ausweg gesucht wer- den, wenn nicht dos Chaos in unmittelbare Nähe rücken sollte. Auch damals wurde jahrelang debattiert. Es wurden Fonds geschaffen, aus denen Gelder so verteilt werden sollten, daß alle Interessen gewahrt blieben. Doch die adligen Deputierten und ständischen Vertretungen identifizierten auch damals ihr Privatwohl mit dem Allgemeinwohl, und da ihnen selbst die Verteilung der Erneuerungsfonds überlassen blieb, konnten sie mehr als 80 Proz. der Allgemeinmittel für sich flüssig machen. Es wurden auch damals Zölle und sogar die Ein- fuhrsperre in Erwägung gezogen. Es wurde all dos getan, was uns heute anschaulich und gegenwartsnah als Wahnwitz deutlich genug ins Bewußtsein eingehämmert wird. Aus dieser Zeit des Zögerns, der Versuche, der Bereicherung kleiner Gruppen an der Not der Zeit und des Beharrens in den Bahnen der Sozialisicrung der Verluste befreite erst die Ein- setzung Theodor von Schön? als O b e r p r ä s i d e n t der vereinigten Provinzen Ost- und We st preußen im Jahre 18Z1. War Schön infolge seiner liberalen Einstellung auch kaum zu großzügigen umfassenden Maßnahmen neugestaltender Art fähig, denn der Liberalismus ist in seiner äußersten Konsequenz unschöpferisch, so lehrt doch seine Tätigkeit eins mit aller Deut- l i ch k e i t: Wird das egoistische Standesinteresse großagrarischer Junker nicht rücksichtslos unterbunden, wird nicht eine brutale Be- reinigung der Agrar-(und Industrie-) Verhältnisse vorgenommen, dann gibt es keine Gesundung der Wirtschaft. Man stand damals vor der Frage— so deduzierte Theodor von Schön schon in einem Gutachten von 1807—, entweder den einzelnen zu unterstützen oder allgemeine Mahnahmen ohne Rück- ficht auf den einzelnen zu treffen. Er entschied sich für den zweiten Weg. lehnte jede Unterstützung nicht lebensfähiger Güter ab, hatte keine Bedenken, solche Betriebe in die Zwangs- Versteigerung kommen zu lassen, um sie so von Schulden zu berei- nigen, gleichzeitig neue Betriebskapitalien in die bedrohten Pro- vlnzen zu bringen und vor allem auch neue Kräfte in den östlichen Agrorprovinzen anzusetzen. Freilich konnte auch er der Unterstützungen nicht ganz entraten. Doch war er selbst Gutsbesitzer und kannte seine Pappenheimer (Setzer! Bitte zwei p!). Nur diejenigen Gutsbesitzer sollten Unter- stützungen empfangen, die noch nicht zu drei Viertel des Gutswertss oerschuldet waren. Kündigung von Hypotheken durch Verwandte durfte kein Anlaß zur Unterstüßungszahlung sein,„weil, wenn eine Familie selbst die Güter nicht zu erhalten bemüht ist, der Staat diese sür sie zu erhalten kein Interesse hat": (hört ihr, ihr Osthilseanwärter?). Außerdem wurden die Unter- stützungen nicht einfach so hingegeben, sondern die U n t e r st ll tz t e n mußten sich verpslichten, die Gelder in oorge- schriebener Weise zu verwenden und sich außer- dem jeder Kontrolle zu unterwerfen. Es sind Fehl- Ichläge zu verzeichnen gewesen, und mancher Schön besonders nahe- stehende Gutsbesitzer mag etwas größere Vorteile gezogen haben als andere: im großen und ganzen übte aber Schöns rücksichtslose Haltung gegenüber seinen Standesgenossen einen heilsamen Einfluß aus, und die Umstellung der Wirtschaft— damals wurde besonders die Schafzucht gefördert— konnte tatsächlich erreicht werden. Was vor allem vermieden wurde, mar die A u s- zahlung von Unterstützungen, bei denen von vorn- herein klar war. daß sie nicht zurückgezahlt wur- den. Mst rücksichtsvoller Strenge bestaird«chön auf die Verzinsung und Tilgung der bereitgestellten Beträge. In dieser Hinsicht lehnte er jede Konzession ob. Auch Herr candschaflsdirektor Seneckendors von hindenburg aus Gut Reudeck, der einen Vorschuß aus dem Unterstühungssonds erhalten hatte, wurde mit mehreren seiner direkt an den konig gerichteten Immediatgesuche aus Erlaß des Unterftüßungs- kopitols abschlägig beschieden. Der heute schon öfter als einmal ausgesprochene Gedanke, daß„es ratsamer ist, eine Pension zu bewilligen, als Kapital hinzugeben, dessen Verlust vorauszusehen ist", war eine der Richtlinien für die Schönschen Unterstützungsmaßnohmcn. Die unerbittliche Rücksichtslosigkeit Schöns trat besonders da hervor, wo er die überschuldeten Güter ohne Ansehen der Person i n Zwangsversteigerung gehen ließ. Sie hat Schön über das Grab hinaus die Abneigung weiter Kreise der ostpreuhischen Gutsbesitzer eingebracht, denen sich— wahrscheinlich infolge einseitiger Informationen durch seine Standcsgenossen— auch Bismarck zugesellte. Schön hatte sich durch Kobinettsorder das Recht gesichert, als eine Art Ostkommissar bei den Landschaften (das sind die ländlichen Kreditinstitute) exekutive Maßnahmen gegen die mit der Zinszahlung säumigen Schuldner bewirken zu können. Dieses Recht nahm er mit aller Energie wahr. Er stand mit der Peitsche hinter den landschaftlichen Kollegien, die er für jede Abwei- chung von den Bestimmungen mit ihrem Vermögen ver- antwortlich machte. „Am mehrsten", schreibt Schön,„habe ich mit der Gewohnheit der alten Gutsbesitzer zu kämpfen, welche böse werden, wenn die Landschaft von ihnen Zinsen fordert. Sie finden das impertinent und verklagen heimlich die Landschaft bei mir, daß dies immer noch zu sanfte Wesen sie inkommodiere". Bon 1824 bis 1834 fielen etwa 230 Güter den von Schön im Jnter- esje der Neugestaltung der Agrarverhältnisse Ost- und Westpreuhens betriebenen landschaftlichen Versteigerungen zum Opfer. Wie groß die Zahl der Versteigerungen war, die nicht von den Landschaften betrieben wurden, ist nicht bekannt. Daß sich auch hier Schöns Ein- fluß auswirkte, ist aktenkundig. Der Erfolg blieb nichtous. Dank der Schönchen Rücksichts» losigkeit waren die oft- und westpreußischen Agrarverhältnisse inner- halb zehn Jahren bereinigt. Der Kreditmarkt funktionierte wieder. Neues Betriebskapital und neue Kräfte strömten in die östlichen Pro- vinzen. Die versippten und verschwägerten adligen Gutsbesitzer mußten ehemaligen Inspektoren und Landwirten aus anderen Pro- vinzen weichen, und ein neuer Stamm tüchtiger Land- wirte schlug Bresche in die verfilzten Standesschichten. Der Eck- pseiler der damaligen Agrarreform war die A u f h e b u n g der Erbuntertänigkeit, die unter den damaligen Verhältnissen die Einführung einer völlig neuen Wirtschastsordnung bedeutete. Wenn im Wandel der Geschichte wieder viele der damaligen Maßnahmen rückgängig gemacht wurden, so war das die Konsequenz einerseits der allgemeinen Benachteiligung des Bauern- stondes. dem Schön ziemlich verständnislos gegenüberstand, anderer- seit? aber die Auswirkung der liberalen Wirtschoftsepoche, in der letzten Endes der Schwache des Starken Beute werden mußte, wenn er nicht den Sippen und Cliquen der herrschenden Klassen mit Hilse der eigenen Organisationen Paroli bieten konnte oder es lernte, ihnen ein Holt zu gebieten. Es wirkt wie ein Symbol der Finsternis, daß hundert Jahre später, nachdem die oft- und westpreußischen Agrarverhältnisse dank der Rücksichtslosigkeit, Energie und Unbe- siechlichkeit eines Schön einigermaßen bereinigt waren und viele der unfähigen und engstirnigen adligen Gutsbesitzer ihre Güter in andere Hände legen mußten, daß hundert Jahre später ein Nachfolger der Familie von Hindenburg von Neudeck aus, das damals auch saniert werden mußte, eine zur Reform entschlossene Regierung fallen ließ und eine Iunkcrregierung berief, um die notwendigen Reformen zu verhindern. Deutsches Volk, wehre am 31. Juli der Agrar. r e a k t i o n! Mi— i. Der Skandal um Flick. Gebrochenes Schweigen.— Offene Subveniion bestätigt.— Was int das Reich? Gestern ist Klarheit in den Flick-Skandol gekommen. Gewisse Stellen hielten nicht dicht. Darauf scheint aus der Gruppe Flick durch den Deutschen 5iandelsdienst folgendes bekanntgegeben worden zu fein: Was die Borgeschichte anbelangt, so ist scstzustellcn, daß der Wunsch der Flick-Gruppe, sich von dem Gelsenkirchen-Paket zu trennen, bereits älteren Datums ist. Die Gründe hierfür liegen keineswegs in der Finanzlage der Flick-Gruppe. Die Fälligkeiten von Auslandskrediten der Flick-Gruppe beginnen erst im nächsten Jahre. Es haben sich bereits im vergangenen Jahre mehrer« Auslands- gruppen für dieses Paket interessiert. Die Verhandlungen, die hier- über geführt wurden, sind auch der letzten Reichsregierung zu Ohren gekommen, und diese glaubte, wegen der llebersremdungs- gefahr einschreiten zu müssen. Sie ist ihrerseits an die Flick- Gruppe herangetreten. Obschon das Angebot der Reichsregierung nicht unerheblich schlechter war als die vom Ausland vor- liegenden, glaubte doch die Flick-Gruppe, diesem aus nationalpoli- tischen Gründen den Vorzug geben zu müssen, und es kam nach mehreren Vorverträgen, deren erster bereits im Februar getätigt wurde, bereits am 31. Mai zu einem endgültigen Abschluß durch Unterschrift des Reichsfinanz minister?. Das Gelsenkirchen-Paket der Flick-Gruppe beträgt nominell 110 Millionen Mark. Es wird von der Dresdener Bank(vermutlich in Verbindung mit Hardy und Co.) übernommen, und Zwar zum Kurse von 9 0 Proz. Der entsprechende Betrag bebaust sich demnach auf rund 100 Millionen Mark. Dieser Betrag kommt auch nicht voll der Flick-Gruppe zugute. Etwa ein Drittel davon wird verwendet zur Bereinigung der Fi- nanzlage der Gelsenk'irchener Bergwerks-A.-G. Da Bankgläubiqer wiederum die Dresdner Bank ist. so handelt es sich bei diesem Drittel lediglich um eine Umbuchung. Dasselbe gilt für ein zweites Drittel der Kaufsumme, die verwendet wird zur Tilgung von Bank- schulden von Tochtergescllichasten der Charlotienhütte, wobei eben- falls die Dresdner Bank Gläubigerin ist. Lediglich das letzte Drittel (25 bis 28 Millionen Mark) fließt der Flick-Gruppe in bar zu und dürste teilweise sür Zwecke der oberschlesischen Interessen, teilweise zum Ausbau der Mittelstahl-Gruvpe verwandt werden. Soweit die Erklärung. Sie bestätigt vollinhaltlich unsere gestrigen Veröffentlichungen. Bei einem Kurs von 90 Proz. gegen- über dem letzten Kurs von 42 und dem vielleicht gerechtfertigten Kurs von 25 Proz. ist die Subvention ganz offenbar. Ergänzende Mitteilungen, die aus dem Reichsfinanzmintstcrium stammen sollen, sprechen von nachträglichen Käufen der Dresdner Bank, um die Majorität in der Kelsen-Gesellschaft(erforderlich nominell 51 Proz. oder 220 Millionen Mark) sicherzustellen. Damit ist auch die Kurs- treiberei klargestellt. Nicht neu, aber bedeutsam genug ist die Feststellung, daß Fi- nanzminister Dietrich den Vertrag noch als geschäftsführender Mi- nister abgeschlossen habe. Darauf beruft sich auch die P a p e n- regierung in einer Erklärung. Die Verantwortlichkeit muß noch klargestellt werden. Zunächst liegen nur einseitige Erklärungen vor, deren Ursprung wir bei Flick vermuten, aber nicht sicher ist. Die jetzige Reichs- regierung ist verpflichtet, alle erforderlichen Aufklärungen zu geben. Sie hat auch dem von der Sozialdemokratie geforderten UeberwachungsausschußdesRcichstags Mitteilung zu machen und Aufklärung zu erteilen. Ebenfalls ist die R e ch t s g ü l- t i g k c i t des Geschäftes nachzuprüfen. Das Geschäft ist und bleibt ein Skandal, weil es kein Geschäft, sondern ein« offen« Subvention ist. Die behauptet« Dringlichkeit ist zweifelhaft: die ausländischen Fälligkeiten scheinen viel später zu liegen. Es bleiben nur der Wunsch Flicks, seinen eigenen Besitz vor Exekutionen der Gläubiger zu bewahren, die enorme Ueberbezahlung und die Tatsache, daß mit Flick auch die deutschen Gläubigerbanken subventioniert werden, da diese wahrscheinlich bei Zwangseintrei- bungen Geld verloren hätten. Ueber weiteres zu diskutieren, ist zunächst überflüssig. Was die Oeffentlichkeit jetzt braucht, sind eindeutige Klarstellungen von den verantwortlichen Stellen. Was Wird aus Bergmann? Weiterer Auftragsrückgang.— Verlorene Bankguthaben. Die Frage nach dem endgültigen Schicksal der Bergmann Elektrizitätswerke A.-G. beherrschte die gestrige General- Versammlung. Bei einem Kapital van 44 Mill. M. ist die Gesell- schost mit einem V e r l u st v p r t r a g von 18,8 Mill. M. ins neue Geschäftsjahr gegangen. Aber in den ersten fünf Monaten des Jahres 1932 sind die Auftragseingänge weiter auf die H ä l f t e d e r Vorjahrs Ziffern zurückgegangen. Beschäftigt werden zur Zeit noch 2500 Mann. Wie lange noch? Auf die verschiedenen Fragen der einzelnen Aktionäre ant- wartete der Auisichtsratsvorsitzende Dr. von Stauß und der Ber- trauensmann der Großaktionäre AEG. und Siemens Dr. Peierls. Daß die Großäktionärc Bergmann Aufträge wegnähmen, davon könne keine Rede sein, zumal Bergmann vor allem mit anderen SpezialUnternehmen konkurriere. Wenn die Glühlampen- f a b r i k, die bestbeschäftigte Abteilung, an Osram oerkauft worden sei, dann deshalb, weil anders die Mittel zur Rückzahlung eines fälligen Kredits nicht zu beschaffen waren. Im weiteren Verlaul wurde mitgeteilt, daß aus der Frister- Beteiligung weitere Verluste zu erwarten sind. An der Elektriiizierung der W a n n s e e b a h n ist Bergmann mit einem Auftrag von 550 000 M. beteiligt. Peinlich war die Feststellung, daß die Gesellschaft bei der Pleite des Bankhauses Marcus C o. etwa eine halbe Million Guthaben eingebüßt hat. Wenigstens in diesem Falle dürfte ein Verschulden der Verwaltung vorliegen: das ist wohl auch ein Grund für die Abberufung des alten Vorstandes. Wenn Dr. von Stauß sich veranlaßt fühlt« festzustellen, daß Bergmann in acht Jahren etwa 40 Mill. M. Steuern und soziale Lasten zu zahlen hatte und daß darin ein Hauptgrund für den Niedergang von Bergmann bestehe, so kann man das nur als Bier- bank-Wirtschaftspolitik bezeichnen. Von den Krisen des kapitalistischen Wirtschaktssystems brauchen ja die„Wirtschastsführer" nichts zu wissen! Die Sanierung der Zduna-Holding. Die Iduna-Holding A.- G., die für die amerikanische Finanzgruppe Rossia die Aktienbeteiligungen von den Jduna-Germania-Versicherungsgesellschaften verwaltete, muß jetzt einen scharfen Kapitalschnitt vornehmen, da die Beteiligungen mit viel zu hohen Kursen zu Buche standen. Von dem 23-Millionen-Mark-Kapital werden eine Million eigener'Aktien eingezogen, der Rest im Verhältnis 11 zu 1 auf 2 Millionen Mark zusammengelegt: Die Gesellschaft soll zur Verwaltung ihrer Grund- stücke, auf die'ebenfalls große Zlbschreibungcn notwendig waren, fort- geführt werden. Gute Tertilqewinne meldet die Zwirnerei?l ck e r m a n n A.-G.. Sontheim bei Heilbronn. Der Rohübcrschuß ist mit 3,51 Mill. ebenso hoch wie im Jahre 1930. Der Reingewinn be- trägt 0.99 gegen 1,05 Mill. Mark im Vorjahr und entspräche bei einem Aktienkapital von 0 Mill. Mark einer Dividende von 15 Proz. Eni Dividendenvorschlag ist noch nicht gemocht. mans Wollgang 8mler: 3)eV®e|0Fleiir 3)ie Qelchichle eines, der aus(Polen flüchtele In diesen Tagen jährte sidi zum 10. Male der Tag, an dem Oberschlesien in zroei Teile zerrissen wurde. lieber die oberschlesisdie Frage ist in den Tageszeitungen viel geschrieben morden. Aber oon den jungen Leuten, die nun heimatlos sind und teilweise aus innerem Drang oom polnischen Militär desertieren und über die Landstraßen irren, spricht man nicht. Allein 370 polnische Deserteure werden von der deutschen Kriminalpolizei gesucht. Die wirtschaftlichen Nöte, die auf uns lasten, haben uns gefühllos gegen das seelische Elend und die körperlichen Leiden dieser Leute gemacht. In den folgenden Zeilen ist oon. mir, einem Oberschlesier, versucht morden, das in Oberschlesien und auf der Landstraße Erlebte zu gestalten. Ein Mann bricht aus. Die Kameraden schliefen. Das Heben und Senken chrer Brust war gleichmähig wie das Fullen und Sinken der Wellen. Kaum, daß sich einer einmal herumwarf und das Knirschen der Betten den Rhythmus störte. Durch die Fenster starrte dos Nachtdunkel. Das Blinken der Sterne im Zenith schien zu winken. Leise verließ er sein Bett und schlich an das geöffnete Fenster. Draußen webte die Nacht ihr Geheimnis. In ihr feines Singen drang der harte Klang des taktmäßigen Trittes der Wache. Er beugte sich zum Fenster hinaus und sah nach dem Soldaten. Der Tau kühlte seinen fiebrigen Körper. Er fröstelte. Ein schwaches Licht dämmert« aus der Wachtstub« auf die Straße, um» schwebte die Gestalt des Postens und glitt über den Stahllauf des Gewehrs. Der am Fenster kroch unwillkürlich mehr in sich hinein. Er empfand wieder den unerträglichen Druck der letzten Zeit. Mit seiner ganzen inneren Kraft wehrte er sich, ein Etwas zu fein, das er nicht fein wollte, dieses Etwas, das aus ihm eine Maschine machte. Ein fremdes Wort, knarrend wie ein Hebelzug, und er stand still; ein Wort— und er ging,«in anderes kurzes Wort— und er preßte den harten Holzschaft in sein weiches, lebendes Fleisch, zielte mit dem blaugrauen Stahlrohr und schoß— heute noch wie im Spiel auf Puppen und Scheiben, morgen vielleicht schon hin über die grauen Steine auf Brüder und Schwestern. Seine Gedanken streiften in die Freiheit. Er sehnte sich nach dem Zuhause. Es war ein tiefes, heißes Sehnen, das an jeder Faser seines Seins riß. Das Heimweh machte ihm die Fremde noch fremder. Felix ging an sein Bett. Sein Körper bebte vor Erregung und Kälte. Ohne klaren Gedanken, wie unter fremdem Zwange kleidete er sich mit zitternder Hast an. Den fliegenden Atem zurückgepreßt, blieb er lauschend stehen. Der Schritt der Wache auf der Straße klang wie springendes Glas. Der Atem der Schlafenden wogte ineinander. Auf den Zehen schlich Felix aus dem Zimmer über den Korridor die Treppen hinunter. Die Brust war voller Spannung, als wolle sie die Hülle sprengen. Das Herz raste zuckend, die Adern am Halse pochten würgend, und die Pulse in den Schläfen hämmerten stechend. Seine verhaltene Erregung ließ sich kaum zurückdrängen. Als er sich zur Hintertür hinaus auf den Safernenhof getastet hatte, lief er wie gehetzt, die Schuhe unter die Arme gepreßt. An einer dunklen Mauer blieb er stehen. Drohend lag hinter. ihm der dunkle, massige Block der Kaserne, vor ihm stand die hohe Mauer. Er sühlte wieder den Druck des Gesangenseins deutlicher, beklemmender als all die Tage und Monate vorher. Er starrte auf den First der Mauer. Ein purpurner Feuerschein malte sich in das Dunkel des Himmels und löste die Mauerkante scharf oon der unerfühlbaren Ferne ab. Das Licht verschwamm im tiefen Horizont. Felix starrte in den ersterbenden Schein des verlöschenden Hoch- ofens. Dort ist die Freiheit! jubelte seine Seele. Mit einem Satz sprang Felix an der Mauer hoch. Die Schuhe hatte er um den Hals gehangen. Die tastenden Hände verkrampsten sich saugend im Gestein. Spitze Glassplitter schnitten schmerzhaft ins Fleisch; der Körper hing schwerfällig hinunter. Hinter ihm waren die Kaserne, di« Korporäle und der Zwang. Der Körper, wie an die Mauer geklebt, krümmt« sich vor An- strengung, Erregung, Angst und Schmerz. Die blutenden Hände saugten sich fester in die Scherben und das graue Gestein. Krampf- hast tasteten sie vorwärts. Der Körper bog sich und glitt nach. Felix kämpfte den Kampf der Verzweiflung. Jede Fiber des bebenden Körpers arbeitete. Die Zehen fühlten an den Steinen entlang, rutschten an den glatten Flächen ab, suchten weiter und blieben endlich im Mörtelstreisen haften. Der Körper wand sich. Dann— ein Satz und er war über der Mauer. Vor ihm in Schweigen und Dunkel lag die Freiheit. Er atmete erleichtert auf, aber bald wieder fühlt« er, daß drohend etwas hinter ihm lag. Er zog seine Schuh« an und hastete durch die Nacht. Hinaus zur Stadt, vorwärts ging es durch tau- feuchte Wiesen, durch schmale Feldwege an wifpelnden Kornftldern entlang. Der trunlenmachende Dunsthauch der Wäld«r umfing ihn. Rastlos lief er weiter. Zerbrach ein dürrer Ast unter seinen Füßen oder jagte ein Tier auf. dann schrak er aus seinem dumpfen Brüten und Vorwärtsellen auf, blieb stehen und versuchte zu denken. Wütend fraß sich d«r Schmerz in die Hände. Die Wunden zuckten. Das Naß der Gräser durchfeuchtete die Schuhe. Aber zum Denken fehlt« das Gefühl. Nur der eine Gedanke, der kreisend immer wieder- kehrte, wohl gewaltsam aus dem Unterbewußtsein sich cmporrang, löste mechanisch die Bewegungen der Glieder aus: Ueber die Grenze! Vorwärts— marsch! Und er ging, ohne daß sein Ich dabei war— wie auf dem Kasernenhofe. Ein Glockenschlag verklang. Aus der Ferne drang das Heulen eines Dorfköters. Ein Lokomotivpfiff schrie auf. Er kam an einen Bach. Das Wasser wälzte sich leise gurgelnd dahin. Klein« Mondlichter tanzten aus d«n Wellen. Er fand keine Brücke und ging mst den Schuhen durch das Naß. Das Wasser quaatschte zwischen den Zehen, die Schuhe lagen wie eine schleimige Haut an den Füßen. Ein Schwärm Rebhühner flog auf. Die Flügel peitschten singend und surrend. Einige Tiere stießen unterdrückt« Schreie aus. Erschrocken, ernüchtert blieb er stehen, ganz wach. Im Osten dämmerte ein unbestimmtes Licht. Langsam ertranken die Stern« m der Helle, zuerst die kleinen, dann di« größeren. Das Gelb des Mondes verblaßte, wieder oerzitterte ein Glockenklang. Angestrengt lauschte Felix. Die Töne klangen ineinander zu einem Summen. Er tonnte die einzelne» Schläge nicht vonein- ander trenn«n. Wo war er? War er schon lenseits der Grenz«? Mit dem Ge- danken schlich die Angst ihn wieder an. Suchend sah er umher. Felder, Steine, Wege, Wälder--, die Bäume waren wie überall, die Gräser, auch der Bogel, der zwillchernd aufflog. Sie wußten Nichts davon, daß da irgendwo am Bache, am Wege, zwischen dem Grün«in behauener grauer Stein stand, in den auf der einen Seite ein O und auf der anderen ein? gemeißelt war. ?— v— ein Stein— dann wieder ein Stein— eine Grenze mitten durch di« Felder und Wälder, eine Grenze, die Menschen auseinanderriß. ?— O. Wohin gehörte er? Drüben lag Heimat und Eltern- haus, aber drüben lagen auch das Fremde, der Zwang, die ihn ver- gewaltigten. Hierhin zogen ihn seine Sehnsucht und das Verlangen nach Freiheit. Nun, wo das Ungewisse vor ihm stand, fand er auf keine der Fragen eine klare Antwort. Wohin gehörte er, und wo war er jetzt? Unruhe trieb ihn vorwärts, er schlug einen Weg ein, der westlich führte. An einer Wegkreuzung stand ein Pfahl mst verwittertem Schlld. Felix blieb stehen und starrte auf die vom Regen ver- waschenen Buchstaben. Dann ging er auf den Weiser zu, umarmte das Holz und weinte. Aller Druck wich von ihm. Jenseits der Grenze. Als Felix in der Waldlichtung erwachte, flimmert« schon der Sonnenglast um die Baumkronen. Verwundert sah er sich um. Feine Goldstäubchen spielten in der Luft. An den Gräsern und Bstmien hingen Tautröpfchen, gleißten, glänzten und strahlten buntes Licht wie blitzende Sonnen. Bienen, Hummeln, Fliegen und Käfer schwärmten mst feinen, singenden und tief brummenden Tönen. Es klang wie ein anschwellendes und dann wieder fern verklingendes Lied. Wie unwirklich gaukelten bunte Falter. Mit einem Ruck sprang F«l!x auf. Ein wenig trunken noch, bewegte er langsam die starren Glieder. Jetzt erst verspürte er den Schmerz in den geschwollenen Händen. Sein Magen wand sich kaut gurgelnd. Am Gaumen lag ein ekler bstterer Geschmack wie nach einer durchzechten Nacht. Elend, mst schweren Gliedern schleppte er sich zurück zum Wege. Er schwankte und taumelte mehr als er ging. Manchmal wunderte er sich, daß er nun über die ersehnte Freihest so wenig Freude empfand. Wer dag„Was nun?" war stärker als alles andere. Felix wankte durch ein Dorf. Der Hunger und der Blutverlust machten ihn trunken. Er wollte um etwas zu esien bitten. Wer dt« Dörfler sahen ihn erschreckt an und liefen davon. Es waren nur Greise, Kinder und Frauen im Dorfe. Die Männer arbeiteten auf den Feldern. Felix verlor den Mut, jemand anzusprechen. Der Hunger wurde schmerzhaft fühlbar. Er zwang sich gewaltsam, an eine Tür zu pochen. Schrstte schlurrten näher, die Tür wurde langsam geöffnet. Ein Aufschrei— sie flog wieder zu, und der Schlüssel drehte sich knarrend im Schloß. Aus dem Aufschrei hörte er das Wort„Mörder" heraus. Er hastete wester. In der Scheibe eines kleinen Ladens sah er sein Spiegelbild. Er erschrak. Die Haare waren oerklebt und hingen wirr herab. Das Gesicht war mit Blut verschmiert. Er sah an sich herunter. Ueberall waren an der braunen Uniform große, dunkle Blutflecken. Er versuchte, seine Haare zu ordnen, die Hände waren schwer und die Finger wie leblos. Cr wankte weiter zum Dorfe hinaus und legte sich im Straßengraben nieder. Das Unüberlegte seiner Handlung kam ihm zum ersten Male zum Bewußtsein. In die Freiheit hatte er gewollt und kam sich doch gefangener vor denn je. Der Zwang lag nun hinter ihm wie die Grenzpfähle, aber da hinten lagen auch Elternhaus, Vater, Mutter, Schwestern, Brüder. Dem Vater zuliebe war er vor Monaten dem Stellungsbefehl gefolgt, und well er nicht Hof und Heimat verlassen wollte. Den Flecken Erde, die Heimat, liebte er, aber nicht das andere, das er» barmungslos in sein« persönlichsten Verhältnisse griff. Er fühlte nichts für das polnische Baterland, für das er Mordwaffen Hand- haben lernen sollte. Die Offiziere, Korporäle und auch ein großer Teil der Mannschaften waren seinem Wesen fremder als die Menschen, die jenseits der Grenze wohnten, mst denen ihn zum Teil Blutsgemeinschaft verband. Felix kannte keinen klaren Begriff Vaterland. Er liebte nur die Heimat, und die hörte nicht an der Grenze auf. Er war widerwillig gegangen. Das Treiben in der Kaserne erschien ihm sinnlos Der Sinn dieser großen Sinnlosigkeit war der Haß, der den Menschen jenseits der Grenze eingepflanzt wurde. Dagegen hatte sich sein ganzes Innere aufgelehnt, denn diesen Menschen, gegen die gehetzt wurde, fühlte er sich verbunden. Deshalb war er desertiert. Aber mit eisernem Zwange hielt ihn das Drüben fest. Die Freiheit hatte er— von Hause war er für immer getrennt. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er empfand diele Hand wie ein« schwere, drückende Last. Erschrocken blickte er auf. Ein Landjäger in Uniform forderte ihn auf, mitzukommen. (Schluß folgt.) Erich SachienrMer; j/lDCCjffCU «« In dieser Nacht hatte Heinrich Müller einen Traum. Er sah weit« Räume und sich selbst darin gehend, immerzu, die Räume nahmen kein Ende und er ging hindurch, von weitem sah er seinen Bürotisch stehen und er ging darauf zu und konnte ihn doch nicht erreichen. Heinrich Müller gab nichts auf Träume. Er hatte mit den realen Dingen des Lebens genug zu tun und keine Zeit für derlei Spielereien, die sich die Natur mit uns erlaubt, wenn wir ihr im Schlafe hilflos preisgegeben sind. „Traumdeuten", pflegte er zu sagen,„ist ein« Beschäftigung für Narren und Nichtstuer". Daran knüpfte er dann noch einige Bemerkungen allgemeiner Lebensweisheit, daß Träume Schäume seien und knurrte im übrigen seine Frau ärgerlich an, wenn sie ihm beim Frühstück einen Traum erzählen wollte. Denn er war bereits. heim Morgenkaffee eifrig beschäftigt, machte sich Notizen, was er diesen Tag zu erledigen gedachte: er war gewissermaßen schon im Dienst. Sest vierzig Jahren war er so im Dienst, als kleiner Büro- lehrling hatte er angefangen, und immer sein ganzes Interesse auf die„Firma" konzemriert, sein Denken und Fühlen wurde beinahe vollständig davon absorbiert, beinahe hätte er darüber das Heiraten vergessen, so nahm seine Tätigkeit alle seine Lebensäußerungen in Anspruch. „Aber ich habe es zu etwas gebracht", sagte er, denn er war im Lauf« der Jahre erster Buchhalter geworden. „Ihm kann nichts passieren", sagten seine Bekannten, denn man wußte allgemein, was seine Kraft für die Firma bedeutete. Bis der Zusammenbruch kam. Die Firma machte Pleite. Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Selbst der erste Buch- haller Heinrich Müller wußte nichts von den Schwierigkeiten, in denen sich die Firma befand, und oon dem Unhell, das sich drohend zusammenzog. Eines Tages verlangte die Konferenz der Direktoren eine Vorlegung der Bücher und dann sagte man ihm:„Der Betrieb wird geschloffen". Es war ihm, als habe man sein Todesurteil gesprochen. Der Betrieb wird geschlossen, die Firma wird aufgelöst. Ja, was sollte er dann noch? Sein Handeln halle bisher gswissennaßen unter dem Gedanken gestanden:„Die Firma bin ich", das war der kategorische Imperativ seines Lebens gewesen. Und nun? Di« Firma wird auf- gelöst? Man hätte ebensogut sagen können:„Sie werden aufgelöst". Im übrigen spiette sich die ganze Sache sehr schnell ab. Ohne Sentimentalität wurde allen Angestellten zum nächstmöglichen Ter- min gekündigt. Heinrich Müller befand sich unter der Gruppe, die bis zuletzt tätig war. So erlebte er gleichsam das Sterben des Be- triebes. Es war, wie wenn einem Menschen nach und nach sämt- liche Glieder amputiert werden. Zuletzt war nur noch der Kopf übrig. Der Kopf, das war die Buchhaltern, und das Gehirn der Buchhalterei war Heinrich Müller. Aber es war klar, daß ein Kopf allein nicht leben kann. Und so kam der Tag. an dem alle 2lnge- stellten mst dem letzten Gehall ihre Papier« erhielten, ein Zeugnis, in denen ihnen Fleiß, Tüchtigkeit und was der Tugenden der An- gesteMen noch sind, in schönen, anerkennenden Worten bescheinigt wurden.„Und wünschen wir Herrn X. D. auf seinem ferneren Lebenswege alles Gute". Auch Heinrich Müller hatte sein Zeugnis echalten. Es war wahrscheinlich sogar noch besser als alle anderen. Aber ihm war, als lese er seine eigen« Todesanzeige.„Wegen Stillegung des Be- triebes". Wie kann der Betrieb stillgelegt werben? Er, Heinrich Müller, war doch da. Nach seinem Tode,— ja, das wäre wohl etwas anderes, denn was fft die Firma schließlich ohne ihn? Heute ging Heinrich Müller zum letzten Male den Weg ins Büro. Cr ging langsamer als sonst, denn alles war bereits erledigt, es war eine reine Formsache, daß er heute noch einmal dort er- schien. Heute hatte er auch Zeit, an seinen Traum zu denken. Er gehört« zu den einfachen, unkomplizierten Naturen, die im allge- meinen weder Subjekt noch Objekt einer Seelcnzergliederung zu sein pflegen. Er hatte sich auch niemals um dergleichen gekümmert. Wer war der Traum nicht sein Leben? Sein Schreibtisch im Büro das war sein Platz im Leben gewesen. Diesen Platz hatte man ihm genommen, und nun konnte er gehen und gehen, er würde ihn niemals mehr erreichen, keinen Sinn für sein Leben mehr finden. Er ging seinen Weg ins Büro und hatte deutlich das�Gefühl, das er alles, was er heute tat, zum letzten Male tun würde. Immer tun wir etwas zum letzten Male, ohne uns dessen bewußt zu werden. Wer es ist ein beklemmendes Gefühl, zu wissen, daß man etwas zum letzten Male tut. Es ist wie sterben oder Abschied nehmen von einem Toten. In solchen Augenblicken übersehen wir unser Leben. Es breitet sich vor uns aus und wir sehen deutlich, wo und wann wir falsch oder richtig, gut oder böse gehandelt haben. Vor den Augen Heinrich Müllers stand sein Leben wie auf einem Kontoblatt. Auf der Aktivseste stand groß und breit, die ganze Seite ausfüllend„Die Firma", und das war ein mächtiges Guthaben, das die kleinen Posten auf der Seite der Passiven bei weitem überstrahlte. Er nickte befriedigt. Ja. er hatte seine Pflicht getan. Lang- samen Schrittes ging er nochmals durch die Räume des Büros. Es war alles leer, Schreibtische, Stühle, Schränke— alles ausgeräumt. Einzig eine Wanduhr zeigte ganz unnötigerweis« die Zest an. Heinrich Müller blieb stehen und hielt den Zeiger fest. Dann ging er davon, nickte dem Portier, der als ein Hüter des Der- gangenen hier stand, noch einmal zu. Schritt für Schritt ging er, nichts von der forschen Beweglichkeit des ersten Buchhalters war mehr zu spüren. Die Firma war aufgelöst, der erste Buchhalter war überflüssig und gestorben. Hinaus ging ein alter Mann.... Europäische Aphorifliker Blo ise Pascal. Französischer Mathematiker und Philosoph(1623— 1662). Ich kann mir gut einen Menschen ohne Hände, ahn« Füße, ohne Kopf vorstellen.(Denn nur die Erfahrung lehrt uns, daß der Kopf notwendiger ist als di« Füße.) Aber ich kann mir den Menschen nicht ohne Ideen vorstellen: das wäre ein Stein oder ein Tier. Instinkt und Vernunft sind verschiedener Natur. Die Idee macht die Größe des Menschen aus. Die Tugend eines Menschen darf sich nicht an seinen Bemühungen messen, vielmehr an seinem gewöhnlichen Tun. Ständige Beredsamkeit langwellt. Er sagt gute Worte, aber er ist ein schlechter Charakter. Wollt ihr, daß man von euch Gutes glaubt? Sagt es nicht. Man muß sich selbst kennen: wenn das auch nicht genügt, um das Wahre zu finden, so dient es doch dazu, sein Leben zu ord- nen— und«s gibt nichts, was wichtiger wäre als eben die-. Wenn ich leid«, wird mich die Wissenschaft der äußeren Dinge über di« Unwissenheit auf dem Gebiete des Ethischen nicht trösten: aber die Ethik wird mich immer über die Unwissenhest der Wissenschaften der äußeren Dinge beruhigen. Immanuel Kant(1724—1804). Das Böse verträgt sich nicht mit Grundsägen. Ein jeder glaubt, das zu sehen, womit sein Kopf voll ist. Die Deutschen können gut befehlen und gehorchen. Der deutsche Stolz geht aus die Pünktlichkest in Ansehung der Unterscheidungen in dem, was die Ehre und Rang betrifft. Das sieht man in dem Unterschiede der Adligen und Bürger- iichen, dem Er, Ihr, Sie. Es sind alles Einteilungen und Unterabteilungen. Und eine Klaffe ist bekümmert, mit der anderen verwechselt zu werden. Die Genauigkest der Unterschei- düngen ist die Sache des Deutschen: keine Gelehrten disponieren so gut: aber dieses ist dem Geschmack, vornehmlich der Freihest des Genies, sehr hinderlich. Die bloße Meinung der Freiheit ist schon hinreichend, die Bar- barbei abzuhalten. Barbarisch heißen die Länder, die eine natürliche Unfähigkest haben, frei oder gesetzmäßig regiert zu werden. Der Mann ist leicht zu überreden, das Weib hingegen bleibt hart- näckig bei seiner vorgefaßten Meinung. Die Geschlechtsliebe ist äußerst intolerant: kein Mann, der nicht etwas auf sich hält, kann den Gedanken ertragen, daß die Frau, die er liebt, und die gegen chn günstig gestimmt ist, gleiche Neigungen gegen andere äußere. ■AmsAswaKlt von Jena Giieter, j