BERLIN Mntag 27. Juni 1932 10 Pf. Jfr. 298 B 149 49. Lahrgana Erscheint lägltch außer Sonnlogs.%§£f ci-«nflwittjt anininirttrieti. sc w. z-gl-i» Adrcd°u-s-d- d-«.Borwärtt- B..» g- rr-,« fj- k SS t /\ t ff // i••«-ri-m-jnl--.-W Ermäßigung.. c°» Tarif>v°st,»cckl°nl°! drid. Ausgaben?S'Vf. or° Woche. S.ZS M oro Mona, �. f//\ f m. Jj. BormartS.ifrlag 0. m. d. H.. Striin«t. 37 o3e.- Oer Beel», Ibaoon b? Pf. monuttich.ue Zustellung ms HuuS, Im ooeous J � g i L fi ST IMS* W/jl l/fVlfa jMSÄ. bedult stch ras Rech.°ee Ablednung nich, genedmee An-e.gen°°e »dlbur v° st de gu g 3,97 M. einschließlich«0'Vf. vostjeilungs.\£g M J�rB GG tML# Reduktion und Srpebilion: Berlin SW«i». vindenst,> und 7S'Vf. Postdestellgebübren jj~~"/" Strnfsreditri Eönboff(AT) 292—297 WS Parteivorstand an Hlndenburg Mahnung zum Schutz vor SÄ.- Ueberf allen Der Vorstand der Tozialdemokratischen Partei Teutschlands hat an den Reichspräsidenten das folgende Schreiben gerichtet: „Tie unterzeichneten Mitglieder des Borftandes der Sozialdemokratischen Partei Teutschlands erlauben sich, Ihnen.Kenntnis zu geben von folgenden Porgängen: (Kcftern. Sonnabendnachmittag uin 5 Uhr, überfielen uniformierte TA.-Leute in der Friedrichftrafic einen Propagandamagen unserer Partei und schlugen einen unserer Zcitungshändlcr. Im Verlaufe des Handgc- menges drangen sie in das„Porwärts"-ft;ebäudc ein, wo- bei es zu schweren Zusammenstößen mit dem Hausschuh und mehrfachen Verletzungen kam. Wie es zu solchen Ucberfällen kommt, darüber gibt Auskunft die nationalsozialistische Zeitung„T e r An- g r i f f", der am Mittwoch dieser Woche schrieb:„Tie sollen sich nicht so sicher fühlen in ihren Parteibüros und in ihren Redaktionsstuben im Liebknechthaus, in der L i n d e n st r a st c, bei Ullstein, bei Mosse und bei Stein. thal?" Tab ist eine direkte Aufforderung zu den Ucbcrfällen, wie sie sich jetzt ständig wiederholen. Jie stehen im krassen Gegensatz zu Ihrer Erwartung, Herr Reichs- Präsident, die Sie bei Grlast der letzten Notverordnung kundgetan haben, dast nach der Aufhebung des SA.-Verbotes Gr- walttätigkcitcn unterbleiben würden. Ta Sie damals versicherten, mit allen verfassungsmäßig zustehen» den Mitteln gegen Ausschreitungen jeder Art vorgehen zu wollen, erlauben wir uns, Sie auf diese krassen Aus- schreitungcn der uniformierten SA.-Leute von der Nationalsozialistischen Partei aufmerksam zu machen." Ein weiteres Schreiben, dem eine Abschrist des Briefes an den Reichspräsidenten beigefügt ist. ist an den Reichsinncnministcr mit der Bitte gerichtet worden, einen Termin zu benennen, an welchem ihm die zahlreichen Beschwerden persönlich vorgetragen werden können. Tic Besprechung findet heute abend statt. „Angegriffene Vorwärtsstürmer". Lügenflugbtatt der Razis— Trohdem klarer Schutdbeweis Es gibt keine Situation, aus der sich die Naziburschen nicht herauszulügen suchen. Die Kurfürsteudamm-Krakeler waren be> kanntlich aus ihren Wohnungen in Niederschöneweide, Pankow usw. auf einem„Spaziergang" nach dem 10 Kilometer entfernten Kurfürstendamm gekommen. Einer der Nazimörder von N ö n t g e n t a l hatte seinen Revolver— gleich mit dazugehöriger Munition!—„im Walde gesunden", seine Stahlrute hatte seine Tante„aus der Straße gesunden". Von diesem Kaliber sind auch die Ausreden, mit denen«in Flugblatt der Nationalsozialisten die SA.-Leute wegen des Sturms auf den„Vorwärts" herauslügt. Zunächst wird weidlich aus das Reichsbanner geschimpft: Die„Reichs- bannerhorden" seien„noch viel v e r ko m m e n e r als das in der KPD. organisierte Unterwelt menschentu m". Wer so unflätig schimpft, ist selber bestimmt ein ganz ruhiger und fried- licher Mensch! In der Sache stellt das Flugblatt wieder die Behauptung auf, die an ihrer eigenen Unsinnigkeit erstickt, als hätte der„Alarm"- Verkäufer am Belle-Alliance-Platz und die beiden Fahrer des in der Friedrichstraße haltenden Propagandawagens— also je ein bzw. zwei Mann— die haufenweise in losen Formationen von der Beerdigung zurückflutenden SA.-Trupps„angepöbelt". Aber diese Lüge von drei.„Angreifern gegen dreihundert Angegriffene" ist so saudumm, daß das Flugblatt selber sie nicht bis zum Schluß durchführen kann. Er plaudert nämlich ganz naiv. Als die sich empörende Menge dagegen Stellung nimmt, er- greift das Gesindel die Flucht und einer der schlimmsten Provokateure läuft an der Säule des Lelle-Alliance-Plahes einem größeren von der Beerdigung kommenden SA�Trupp in die Hände. Er soll dort eine tüchtige Tracht Prügel bezogen haben. Verlangt man mehr? hier ist das klare Eingeständnis, daß ein einzelner fliehender Mann,— dos Flugblatt selbst sagt, daß er nicht angriff, sondern vor der Uebermacht floh—, daß dieser einzelne von einem„größeren Trupp", also von ge- waltiger Uebermacht, in der brutalsten Weise niedergeschlagen und mißhandelt wurde. Das sind die„angegriffenen" Unschuldslämmer nach ihrer eigenen Darstellung. Weiter berichtet das Flugblatt: „Jetzt liefendie feigen Gesellen um die Wette nach dem„Vorwärts"- Gebäude. Als die ersten SA.-lNänner vor der Tür der..vorwärts"'Druckerei eintrafen, wurde gerade die eiserne Pforte geschloffen." Wieder ergibt die eigene Darstellung des Naziflugblattes, daß die SA.-Trupps nicht etwa angegriffen wurden, sondern daß sie einzelne Fliehende noch dem„Vorwärts"-Gebäude zu in dichten Scharen verfolgt haben. Warum„trafen denn die ersten SA.-Männer vor dem„Vorwärts"-Portol ein?" Aus welchem Grunde gingen sie nicht ruhig ihres Weges weiter, wenn doch, wie das Flugblatt es rühmt, die vereinzelten Verkäufer usw. vor ihnen „feige" die Flucht ergriffen hatten?! Doch nur als Verfolger Wehr- loser, also in keinerlei Notwehr! Dieses Flugblatt ist trotz aller Färberei ein klares Schuld- b e k e n n t n i s für den, der zu lesen versteht, hinzu kommt das, was das Flugblatt verschweigt. Es verschweigt nämlich, daß die SA.-Horde bis in den ersten Hof des Gebäudes vorgedrungen ist, was auch durch die Tatsache bewiesen wird, daß Kamerod Rauser, als er niedergeschossen wurde, an einer Stelle stand, die nur ein durch den Toreingang bereits eingedrungener Schütze erreichen konnte. Ergebnis: Selbst dieses Berleidigungsflugblalt der Nazis enthält den klaren Schuldbeweis gegen sie! Welche Konsequenz wird die Regierung daraus ziehen? Der Führer des Reichsbanners, Kam. h ö l t e r m a n n, hielt am Montag einen Appell über die im„Vorwärts"-Gebäudc als haussc�utz stationierte Reichsbannerwache ab und sprach ihr für die Pflichterfüllung am Sonnabeirt) seine Anerkennung aus. Das Befinden unserer Verletzten. Wie wir bei einem Besuch am Krankenlager unserer bei dem SA.-llebersall verletzten Reichsbannerkameradeu feststellen dursten, hat sich im Besinden der Genossen Rauser und Klaus Meier erfreulicherweise eine Verschlimmerung bisher nicht eingestellt. Genosse Rauser, der an dem Oberschenkelschuß noch längere Zeit schwer zu leiden haben wind, ist allerdings nach wie vor sehr geschwächt, während unserer Jugendkamerad offensichtlich Zeichen einer schnell fortschreitenden Besserung zeigt. Im Zeichen der drei Pfeile! Die Eiserne Front im Stadion Jterhis: Sinmarfch der Sportler linken; Aufmarich des Reichsbanners (JlugfchniH) Partei und Gewerkschaften. Reichsbanner und Arbeitersportter vereint in einer Front auf- marschiert: so haben wir uns immer schon einen Reichs- arbeitersporttag vorgestellt. Gestern ist dieser Zu- kunftstraum im Grunewaldstadion in Erfüllung gegangen. Vor vier Jahren: Der Berliner Arbeitersport scheint kommu- nistisch beherrscht zu sein. Wer auch nur eine sozialdemokratische Zeitung in der Tasche hat, der wird angeödet, wer gar das Partei- abzeichen trägt, der ist schlimmsten Schikanen ausgesetzt. Jeder Kontakt zu den anderen Organisationen der Arbeiterschaft ist ver- loren, der Arbeitersport ist da, aber er ist im Rahmen der Gesamt- organisation unbrauchbar. Doch nein, ganz stimmt das nicht; es sind schon genug da, einzelne Sportler, auch Vereins- und Turn- leiter, ja, ganze Vereine, die wollen den kommunistischen Zauber nicht mitmachen. Die streben zum Ganzen, doch sie werden nieder- geschrien, Berlins sozialdemokratische Arbeiterschaft hört sie nicht. Da kommt der Bundestag des Arbeiter-Turn- und Sportbundes 1028 in Leipzig. Es wird eine Tagung von historischer Bedeutung: Mit dem kommunistischen Terror wird aufge- räumt, restlos, ganze Arbeit wird gemacht. Andere Arbeiter» 'Vom nasT sportverbände folgen, der Arbeitersport hat stch wieder auf sich selbst besonnen! Vor vier Jahren warnten wir im„Vorwärts" davor, den Rast zu besuchen, da er eine kommunistische Parteiangelegenheit werden würde. Gestern marschierten Partei und Gewerkschaften, Reichs- banner und Arbeitersportler in oereinten Kaders auf zum Es ist eine Viertelstunde vor 4 Uhr. Das Stadion im Grüne- wald ist gefüllt. Wir wollen nichts beschönigen, nichts übertreiben, weil wir es nicht nötig haben. 35 000 feste Sitzplätze hat dieses große Sportsensatwn, die sind nicht alle besetzt. Die Westkurve ist fast leer, nur vereinzelt haben sich Zuschauer dort niedergelassen. Doch man kennt das. Die Westkurve ist immer schwach besetzt, weil sie zu weit von den Spielfeldern entfernt ist. Doch unten an der Radrennbahn entlang stehen dafür die Zuschauer in Dreier-, Viererrechen: sie wollen ganz nahe daran sein. Sie auf die schwach besetzte Westkurve gebracht, würde auch sie füllen. Ergebnis dieser Beobachtung: Das große, riesige Grunewald- Station ist gefüllt. mehr als das, es ist überfüllt, denn auf den weiten Rasenflächen an der Ostkurve, hinter der Padbielski-Eiche, hat sich ein Heerlager «tifgcfan. Dort ist das Reichsbanner angetreten, die S ch u f o. formationen, vollständig ansgerüstet mit Tornister und allem was dazu gehört. Daneben Züge der Arbeiterjugend im lichten Blau der Kittel, dann wieder Sportlerzüge mit wehen- den roten und Vereinsfahnen. Aber das soll ja nur der Schluß des großen Einmarsches sein, das Gros steht längs des breiten Ganges, steht die riesenbreiten Treppen hinunter, steht in den breiten Ein- marschstraßen. Punkt 4 tlhr. Trommelwirbel, die Tore öffnen sich, das jüngste Mitglied des Arbeitersportes, der„S t u r m v o g e l", eröffnet den Aufmarsch. Die Gruppe Westen dieser Organisation hat ein Segel- s l u g z e u g gebaut, das soll beim Rast getauft werden. Zehn kräftige Jkarusse tragen den großen Bogel voran: er trägt die Farben der Republik am Führersitz, an den Tragflächen.„Frei- heit" soll er heißen, Freiheit, di« schönste Menschheitsidee! Es folgt der Block der Eisernen Front!_ Ein« Hundertschaft Schuf», eine Hundertschaft Sportler,«ine Hundertschaft Gewertfchaftsgenossen, eine Hundertschaft Parteimit- glieder. Glänzend« Sonne, frischer Wind steht über diesem Bild. ganz weitaus wehen die riesigen roten und schwarzrotgoldenen Sturmfahnen, die jeder Formation vorangetragen werden. Run aber marschieren die Sportler alle auf, Abordnungen aller Berliner Bereine: nicht alle sind daran beteiligt. Das wäre zuviel, denn alles, was zum Kartell für Arbeitersport und Körperpflege zählt, hätte auch auf der großen Stadionwiese nicht Platz. Di« Kinder- freunde, voran ein großes Transparent„Freundschaft", dann die Arbeiterjugend, die Gewerkschaftsjugend. Dann aber marschiert die S ch u f o auf. 130 Mann Tambourmusik an der Spitze, Fahnen- träger vor jeder Orts- und B«zirksgruppe, in Achterreihen ziehen sie um das riesige Oval, begeistert von der Menge mit„Freiheit"- Rufen empfangen. Höltermann, der Bundesvorsitzende, mar- schiert an der Spitze, er schwenkt mit dem Gauvorstand ein und läßt die Formationen an sich vorbeidefilieren. Hoch die Faust und: Freiheit, Freiheit, Freiheit!, so schallt es.zehn- tausendfach über Platz und Tribünen, als Barthelmann, der Kartellvorsitzende, die Menge begrüßt. „Partei, Gewerkschaff, Reichsbanner, Sporf in diesem Zeichen steht der RAST", in den vier Säulen der Arbeiterschaft stehen die Kämpfer für die Freiheit der Republik. SA.-Horden oben auf den Straßen, zer- stören dos Eigentum der Arbeiterschaft, vernichten das Leben der Republikaner, der eigenen Volksgenossen. Hier aber auf dem Rast stehen die Heersäulen des Kampfes für die Freiheit, steht die Eiserne Front! Generalappell war gestern, Kampf um die Freiheit ist heute, Kampf um die Freiheit bis zum 31. Juli, bis zur Reichstags- wähl! Die Eiserne Front ist geschlossen, sie marschiert! Dann begann der Abmarsch, ihm folgten die sportlichen Wettkämpfe. Am Schluß das große Festspiel, ausgeführt von der Jugend der Partei, der Gewerkschaften, der Sportler, einstudiert von Martin F l e i d n e r.„Aus dumpfer Ver- zweiflung, durch Kampf.zum Erfolg, zum Licht, zum Sozialisimis", das war das Leitmotiv des Spiels. In der Schlußapocheofe schließ- lich alles geeint in dem großen Gedanken an die Freiheit von Mensch und Bolk und Staat. Zwischendurch hatte KeicKstsgsprasiclent Lobe eine kurze Ansprache an di« Versammelten gerichtet. „So wünsckzen wir uns da» Leben der Zugend und der Bürger eine» freien Staate», wie wir es heute hier im Stadion gesehen baben", so führte Löbe au». Aber dranhen umlauert uns da» Grauen und die Rot und der Feind, der verderben bringen will. Sie versprochen uns Freiheit und Brot und brachten un» dos Kabinett der Barone: sie schrien über Steuerlasten und schufen neue Steuern: sie schrien über Notverordnungen und brachten den Abbau der Renten! Haben wir nicht immer gesogt, das Dritte Reich bringt nur Elend und Rot und Bürgerkrieg? Was wir gestern bei dem Uebersall aus da«„Vorwärts"- Haus erlebt haben, was wir ständig aus den Straßen und in den Versammlungssälen erleben, das ist der Ansang vom Untergang. Ich frage die Herren Minister Gayl und Schleicher:„Fühlen Sie sich wohl in der Rolle, die Herr Gocbbels Ihnen zumutet, indem er Ihnen Befehle erteilt? Doch wir warten die Antwort der Minister nicht ab. wir geben sie selbst. (Stürmischer Beifall.) Ihr Zugendlichen hier im weiten Rund des Stadions, denkt an alle unsere Alten, die einen Bismarck und da« Sozialistengesetz überwunden haben. Denkt aber auch daran: 400 000 SA.-Leute wollen marschieren, wir stellen ihnen entgegen 800 000 üämpscr der Eisernen Front!(Wiederholter Beifall.) Rützt die Stunde, nützt die Zeit für den ZI. Zuli für die Reichstag«» mahlen! Und nun leistet da« Gelöbnis, nicht zu wanken und zu weichen, so sehr der Feind auch droht. Solange noch ein Arm eine» porleigenossen. eine» Gewerkschaftlers, eines Reicki»bannermannes, eine» Arbeitcrsportler» sich zum Himmel reckt, solange wird der Ucbermul der Feinde zers«hellen an un», der Eisernen Front. Skürnüscher, nicht endender Beifall und vieltausendstimmige Frciheitsrufe dankten Löbe für seine Kampfworte. Und dann ergoß sich der Strom der Abziehenden in breiten Zügen durch di« riesigen Tore ins Frei«: lange noch waren die Straßen des feudalen Grunewaldviertels erfüllt von den Kämpfern um die Freiheit, die gestern im Stadion beim Reichsarbeitersporttag ihren Gencralappell abhielten. Lteberall �oheitsvergehen. Harmloser Käufer im Warenhaus niedergeschlagen. Zu einem wilden Austritt kam es in einem Kaufhaus in Schöneberg, wo ein harmloser Käufer der Roheit eines zügellosen Burschen zum Opfer siel. Der Kaufmann Lantzsch hatte das Kaufhaus zu persönlickzer Besorgung aufgesucht. Plötzlich wurde er von einem jüngeren Manne angerempelt. Als er sich das verbat, schlug der Bursche mit einer Taschenlampe, die er von einem Ladentisch heruntergerissen Hatte, auf Lantzsch«in. Angestellte eilten herbei und befreiten den Kaufmann von dem Tobenden. Mit erheblichen Verletzungen am Auge mußte der Angefallene ins Krankenhaus gebracht werden, außerdem sind ihm mehrer« Zähneausgeschlagen worden. Der Raufbold, der der Polizei übergeben wurde, ist ein 24 Jahre alter Artist Kurt Döring. Aus dem Präsidium stellte es sich heraus, daß D. von der Staatsanwaltschaft wegen Raufhandels bereits gesucht wird. Außerdem hat er noch eine längere Freihetts- strafe, die er sich ebenfalls wegen einer Schlägerei zugezogen hatte, zu verbüßen. Die Verletzungen des Kaufmannes sind so erheblich, daß er womöglich das Augenlicht verlieren kann! Wie alle Roheits- Verbrecher sollte auch dieses schwer bestraft werden. Die Unschuldslämmer. I Verbot der„Kölnischen Volkszeitung�? „Sie sollen sich nicht sicher fühlen in ihren Redaküonestuben in der Dindenstroße..■" „«ngrisf" am 22. Zmn 1932. Goebbels:„Das sind die unschuldig lleberfallenen, und mein„Angriff" erscheint demnächst mit dem Titel .Oer Angegriffene"." Reichskanzler v. papen hat bei einem«lfstündigen Besuch in Berlin dem Reichspräsidenten und den Reichsministern über Lau- sann« berichtet und mit ihnen di« neue Notverordnung über Uni- forme» und Demonstrationen besprochen. Reichsministcr a. D. Dr. Scholz, der frühere Führer der Deutschen Bolkspartei und Hauptgegner Strefcmanns im eigenen Lager, ist einem schweren Gallenleiden erlegen: er war nur SS Jahre ast. SolidaritätserNärung. Der in Neustadt an der Haardt tagend« Bezirksparteitag der Sozialdemokraten der Psalz telegraphiert dem ,.Vorwärts"-Personol: „Entrüstet über den frechen Uebersall aus das„Vorivärts"-Gebäude durch Nazis senden wir der Belegschaft de«„Vorwärt»" brüderliche Grüße und Dank für die tapfere Verteidigung des Pamigebäude». Freiheit! WiederGchlägereien vor derLlniversität. heute gegen 1? Uhr wurde» einige sozialistisch« Studenten, die Flugzettel vor der Universitätsbibliothek verteilten, planmäßig von Z0 bis 40 SA.-Leuten und Razifludenten überfallen. Die Angreiser versuchten, die Flugblätter an sich zu reißen. Dabei wurde auch aus Studentinnen eingeschlagen. Die Polizei zerstreute größere Ansammlungen, die sich in der Dorotheenstraße und vor der Uni» versilöt bildeten. Die starken Werbeerfolge der sozialistischen Sin» dentenschast haben in letzter Zeit wiederHolle Provokationen der Razi» zur Folge gehabt. Die„kölnische Volkszeilung", das führende Organ de» rheinischen Zentrums und vielleicht der Zenlrumspartei überhaupt, hat in ihrer Sonnlogsausgabe den Reichskanzler von Papen wegen seines..Matin"»Znterviews in schärfster weise angegrissen und die Frage aufgeworfen, ob Herr von Pape» noch als Delegalionsführer möglich sei. Zn einem Lausanner Bericht wies das Blatt darauf hin. daß der Ehesredakteur des„ZNatin" Stephane Lauzanne „auf mündliche Befragung hin für jedes einzelne wort der Erklärung, die er sich zum Teil dreimal habe wieder» holen lassen, garantiert", serner daß sich andererseits Herr von Papen„mehreren Korrespondenten deutscher und sran» zösischer Blätter gegenüber in dem gleichen Sinne geäußert hat". Damit hat das Kölner Zentrumsblalt unzweideutig im voraus zu verstehen gegeben, daß es dem— inzwischen erfolgten— Dementi des Reichskanzlers keinen Glauben schenkt. Zn Kreisen der Reichsregierung ist man darüber äußerst empört, nennt diesen Vorgang„beispiellos" und kündet Maßnahmen schärfster Art gegen die„Kölnische volkszeilung" an. Zn Berliner Presie» kreisen wird diese Drohung der Wilhelmstrahe allgemein als die Ankündigung eines Verbotes ausgefaßl. Da dieser Regierung allerhand zuzutrauen ist, muß man tat- sächlich mit einem solchen Verbot rechnen. Gegenüber anderslauten- den Verstonen sei festgestellt, daß es n t ch t d a s e r st e Mal in der Geschichte der„Kölnischen Volkszeitung" wäre, daß sie auf behörd- liche Anordnung nicht erscheinen würde. Denn abgesehen von mehr- fachen Beschlagnahmen in der Zeit des Kulturkampfes ist die„Kol- nische Volkszeitung" von den interallierten Besatzung»- behörden verboten worden. „Auslage" für B.Z. am Mittag. Die„BZ. am Mittag" ist heute mit einer ihr ausgezwungenen Erklärung der Reichsregierung auf der Titelseite erschienen. Die Erklärung betrifft die Rede des bayerischen Minislerpräsidenten Held, die angeblich In der„BZ." unvollständig und tendenziö» wiedergegeben worden sein soll. Ministerpräsident Held hal selber nicht berlchttgl! Giraßer lenkt ein. Nun doch Einberufung des lleberwachungsausschusses. Abg. Gregor S t r a ß e r hat jetzt endlich auf das Verlangen der sozialdemokratischen Mitglieder des Ueberwachungsausschusie» nach Einberusimg einer Sitzung geantwortet. In einem Schreiben an Zll'g. Dr. H c r tz teilt er mit, daß er sich aus Grund des Schreibens der sozialdemokratischen Fraktton mit den übrigen Mitgliedern de» Ausschusse» ins Einvernehmen gesetzt habe,„da nach den mir vor- liegenden Anträgen auf Einberusimg des Ausschusses eine Mehr- heit noch nicht vorzuliegen scheint". Das Schreiben Straßers ist zwar vom 23. Juni datiert, der Brief selbst aber erst am 25. Juni in München abgesandt worden. Da inzwischen neben den Sozialdemokraten auch die Kommunisten, die Staatspartei und das Zentrum die Einberufung des Ausfchusies gekordert haben, so ist die Mehrheit für seinen Zusammentritt vorhanden. Herrn Straher wird also trotz seiner hinzögernden Haltung nichts anderes übrig bleiben, als die Einberufung vorzunehmen. Die Verlustliste des Sonntags Vier Tote und sechzig Verwundete Im ganzen Reich kam es am gestrigen Sonntag wieder zu schweren Ausschreitungen. Mit Ausnahme von Süd- deutschland stand die Straße wieder unter dem Terror der Radikalen. Tie Verlustliste dieses zweiten blutigen Sonntags nach der Aufhebung des SA.-Verbots umfaßt 4 Tote und litt Verwundete. Oer Gtraßenkrieg im Ruhrgebiet. Esten, 27. Juni.(Eigenbericht.) Der Herner SA.-Sturm hatte am Sonntag eine Geländefahrt auf Fohrrädern in die Nähe d«s Schlosses Bladenhorst unternommen. 19 Mann waren etwas zurückgeblieben. Sie wurden von 180 mit Eisenstangen und Spaten bewaffneten Kommunisten überfallen. Vier Nationalsozialisten wurden lebensgefährlich, IS leicht verletzt. Eine Schlägerei zwischen Nazis und Kommunisten in Watten- scheid hat einen Toten und zwei Schwerverletzte ergeben. Eine Frau erhielt einen Oberschenkeljchuß. Zu verschiedenen kleineren politischen Zusammenstößen kam es auch am Sonnabend und Sonntag in Bochum und seiner Umgebung. In Bochum wurden am Sonnabend acht Kommunisten zwang«- gestellt. In Wattenscheid wurden am Sonnabend fünf Kommunisten ins Polizeigefängnis eingeliefert. Am Sonntag kam es erneut zu Reibereien zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Zwei Nationalsozialisten erhielten lebensgefährliche Verletzungen, zwei wurden leicht verletzt. Ein Kommunist wurde festgenommen. In Wanne-Eickel kam es am Sonnabend auf der Hindenburgftraße zu koimnunsttifchen Ansammlungen, di« von der Polizei mit dem Gummiknüppel aufgelöst wurden. In Witten wurde bei einer Schlägerei zwischen SA.-Leitten und Angehörigen der Eisernen Front ein SA.-Mann erheblich am Kopf verletzt. Bei einer Schießerei am Sonntag, an der sich SA.-Leute und Reichsbannerleut« be- teiligten, wurde ebenfalls ein Nationalsozialist verletzt. Am Sonn- abendabend wurden zwei Komnnmstten von etwa 80 National- sozialisten verfolgt. Zu einer schweren Schlägerei, an der sich auch Frauen beteiligten, kam es am heutigen Nachmittag in der Nähe des Schlosses Bl.iden- Horst, als ein großer Kommunistentrupp eine kleinere nattonastogia- listische Abteilung zu umzingeln versuchte. Vier Nationastozialisten wurden schwer oerletzt. Das Polizeipräsidium teilt mit: Am Sonnabendnachmittag kam es in Uerdingen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten zu einer Schießerei, bei der drei N a t i o n a l s o zi a l i st e n und t i n Kommunist durch Schüsse verwundet wurden. Uniformiert« Nationaksozialisten der Ortsgruppe Uerdingen befanden sich auf dem Wege von Uerdingen nach Traar, um an einer dort stattfindenden Sonnenwendfeier teilzunehmen. Unterwegs wurden sie von Kom- munisten, die auf einem Arbeitersportplatz ein Fußballwellspiel aus- trugen, überfallen und beschossen. Drei Nationalsozialstten wurden verletzt, von denen zwei dem Uerdinger Krankenhaus zugeführt werden mußten. Ein Kommunist erhiell eine Schußoerletzung im Oberschenkel, mehrere Personen trugen durch Steinwürfe Der- letzungen davon. Düsseldorf. 27. Juni. Die Polizelpressestell« teilt mit: Am Sonntagmittag fanden zur Zeit des Promenadenkonzerts auf der Känigsall« wehrer« politisch« Zusammenstöße statt. Ein Anführer de« Stahlhelm« wurde verletzt. Fünf Personen, darunter einig« Reichsbonnerleute, wurden fest- genommen. politische Messerstechereien. Nürnberg. 27. Juni. Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und politischen Gegnern arteten hier gestern früh in eine Messerstecherei aus, bei der zwei Nationalsozialisten erlzeblich jedoch nicht lebensge- gefährlich und einer ihrer Gegner leichter verletzt wurden. Die Täter sind ermittelt. Essen, 27. Juni. Zwei Nationatsozialisten wurden in der Nacht zum Sonntag, als sie in Begleitung zweier junger Mädchen von einer Sonnenwend- feier in Cssen-Borbeck heimkehrten, beschossen. Der Nationalsozialist Batting brach lebensgefährlich verletzt zusammen. Die Täter stich unerkannt entkommen. Am Tatort wurden später fiins Patronen- hiiksen gefunden. Auch Günther jr. tot. Breslau, 27. Juni.(Eigenbericht.) ' Ter am Mittwochabend von dem Nazisturmführer und ehemaligen Rotfrnntkämpfer B r u d n h niederge- schoßene Rudolf Günther ist in der Breslauer Universitätsklinik seinen schweren Verletzungen er» legen. Günthers Vater ist vor wenigen Monaten eben- falls Nazimördern zum Opfer gefallen. Neuer Nazimord in Sachsen. Tie Bundespresscstelle des Reichsbanner«, teilt mit: Nach Rusdvrf bei Limbach waren 300 Juugbanner- leute am Sonnabend zum Schutz eines Zeltlagers gekommen. Schon in der Nacht zum Sonntag wurde auf sie geschossen, wobei ein Iungbannermann verletzt wurde. Am Sonntag nach dem Umzug, als bereits ein Teil der Kameraden Nusdorf auf Lastkraftwagen verlassen hatte, wurde vor einem Nazilokal ein Iungbanner- mann überfallen und verletzt, hinzukommende Name- raden wurden mit Schüssen aus 10 bis 15 Revolvern empfangen. Ter 17jährige Iungbanncrkamerad Rudolf Marek, der einzige Sohn seiner Eltern— ein Bruder ist im Kriege gefallen— lourdc getötet. Unsere Ka- meradcn waren unbewaffnet. Sie überfallen einen Kinderfestzug! Chemnitz, 37. Juni.(Eigenbericht.) Als am Sonntagmorgen der Ninderfestzng eines sozialdemokratischen Bezirksvereins sich mit Musik vom Ostplatz in Bewegung setzen wollte, stürzten aus den An- lagen um den Platz 50 bis 00 Hülersoldaten hervor und schlugen die Kinder und ihre Begleiter brutal au»- einander. Die Zohannes-Gchlaf-Feier. Volksbühne. j) a n s O s w a l d ist der Veranstalter der Feier für den siebzig- jährigen Dichter, die gestern vormittag in der Volksbühne abgehalten wurde. Die Beteiligung an diesem Akt der Ehrung und Dankbar- keit war keineswegs so lebhast, als man es vielleicht erwartet hatte. Und es glänzten durch ihre Abwesenheit gerade diejenigen Spitzen der Literaturkreise, denen sonst kein Anlaß nichtig genug wäre, um durch ihr Erscheinen das Interesse auf sich selbst zu lenken. So feierte eine kleine Gemeinde— darunter auffallend viele junge Menschen — den noch immer auch körperlich sehr rüstigen Dichter und stattete dabei ihm einen Dank ab, den wir seinem einst so wertvollen und in die Zukunft bauenden Schassen schuldig sind. Schlaf zählt neben Gerhart Hauptmann und Arno Holz zu den Begründern einer Rich- tung, die nicht allein die einer bestimmten Literatur sondern vor allem die einer großen Geistes- und Gesinnungsbewegung war, des Naturalismus. Dieser Naturalismus, von dem gestern Arthur Eloesser im Verlauf seiner Festrede einmal sagte, daß er alle vierzig Jahre in der Kunst wiederkehre, hatte damals, als er in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sein Lebensrecht verkündete, eine weittragende Bedeutung. Er stieg von der Höh« des Kothurns einer öden nachklassizistischen Periode„herab zu den Tiefen des Volkes" und entdeckte das Proletariat— den Arbeiter. Er lernte auf dieser Entdeckungsfahrt die Leiden und Nöte der unteren und untersten Schichten kennen und förderte sie ans Licht der Oeffentlichkeit. Der Naturalismus war aber beileibe nicht nur eine konstatierende Kunst, sondern trug gerade durch seine Schilderung von Zuständen wesent- lich zu deren Anders- und Bessergestaltung bei. Das Volk blieb nicht lange nur Betrachter, sondern wurde bald selbst zum Mit- schaffenden am sozialen Aufbau des werktätigen Menschen. Die Gründung der„Freien Bühne" fiel in diese Zeit— und später unsere Volksbühne. Die„Freie Bühne" war das Forum des naturalistischen Dramas. Ibsen, Hauptmann. Tolstoi sprachen hier in ihren Werken zu dem erwachenden Proletariat. Und auch hier war es, wo Schlafs Drama„Familie S e l i ck e", das er wohl gemeinsam mit Arno Holz zeichnet, allein ober geschrieben hat, das Nompenlicht erblickte. Wenn auch dieses Drama für unsere heutige Zeit unausführbar ist, so darf es keinesfalls vergessen werden, denn seine Bedeutung liegt nicht nur in der Zeit seines Entstehen», son- der« ragt weit in spätere Kunstepochen hinein. Es ist klar, daß ein Dichter der Armut und des Elends der Masten von tiefem Mitleid für diese erfüllt sein muß. Dieses Mit- leid setzt Herz voraus. Und Schlaf gehört zu den„Dichtern mit dem Herzen". Er gehört aber auch zu jenen, die eigenwillig ihren Weg gehen, ohne stehen zu bleiben, umzukehren oder abseits zu wandern. Schlaf schwamm nie mit dem Strom. Und es ist keine Laune, wenn der Dichter vor ungefähr dreißig Iahren Berlin verließ, um nach dem ruhigeren Weimar zu übersiedeln. Er flüchtete sozusagen aus der Großstadt an den„Busen der Natur". Schlaf hat sich dann in den späteren Iahren viel mit wissenschaftlichen und philosophischen Dingen beschäftigt, blieb aber, scheint?, wie er selbst gestern in seinen Dankesworten an die Zuhörerschaft erwähnte, der Dichtkunst nicht untreu. Die sprachlichen Schönheiten seiner tief empfundenen Lyrik hoben wir gestern nach langem wieder vernommen. Eduard Winter st ein trug im Rahmen der Feier mehrere Gedichte vor, die von sehr starker Wirkung waren. Die Veranstaltung leitet« ein und beschloß der vortreffliche Pianist Bruno E i» n« r.?. 1�.. Rennwagen fährt in Zuschauer. Frau und zwei Kinder tot, 22 Personen verletzt. Ein entsehliches Unglück, das an jenes erinnert, das vor Jahren beim Großen preis auf der Bahn von Monza bei Mailand geschah. ereignete sich am Sonntag beim Großen preis von Lothringen. der auf der 5,5 Kilometer langen Vundesstrecke von Seichamps bei Nancy zum Austrag gelangle. Zn der siebenten Runde verlor der Rugatti-Aahrer Tettal dl die Gewalt über seinen Wagen, und das Fahrzeug raste mit voller Geschwindigkeit In die dichte Zuschauer- menge hinein. Drei Personen wurden auf der Stelle getötet, und zwar eine Zljährige Frau und ihr achtjähriger Sohn sowie ein noch unbekannte» Kind von acht Jahren. 22 Personen, darunter verschiedene Soldaten, wurden zum Teil sehr schwer verletzt. Sei einigen der verletzten besteht Lebensgefahr. Die Ursache der Katastrophe ist noch nicht bekannt. Das Rennen dieser Wagenklasse wurde sofort unterbrochen. Der Rennfahrer kam mit leichten Verletzungen davon. Ein dienstfreier Tag für die Schupo. Der Kommandeur der Schutzpolizei hat in Anerkennung des schweren Dienstes der Berliner Schutzpolizeibeamten in der letzten Zeit, veranlaßt durch recht häufig« Alarmstufen während der Reichs- tags- und Landtagssitzungen und der Anwesenheit des Flug- schiffes Do X, allen Schutzpolizeibeomten einen dien st freien Tag als Ausgleich für den geleisteten Mehrdienst gewährt. Dieser dienstfreie Tag kann einzeln oder im Anschluß an den zuständigen Urlaub genommen werden. Das Generalkonsulat der polnischen Republik ist am 29. Juni 1932 anläßlich eines katholischen Feiertages geschlossen. Die Elternbeiratswahl Liste„Schulaufbau" hat sich gut behauptet Die gestrigen Elternbeiratswahlen haben den Ehristlich-unpoli- tischen nicht die erhofften Erfolge gebracht. Auch die lebhafte Unter- slühung durch die Rationalsozialisten hat ihnen nichts geholfen. Der Evangelische Elternbund hatte das Ziel geseht, die Listen der„Lin- ken" unter 1000 Sitze zu drücken. Die bisherigen Teilergeb- nifse zeigen bereits, daß dieses Ziel bei weitem nicht erreicht worden ist. Die Liste..Schulausbau" hat sich gut gehalten. trotz des Kampfes, der von rechts und links gegen sie geführt wurde. Die Christlich-unpolitischen haben unter der Parole:„Gegen den Seelenmord der Gottlosigkeit" einen gehässigen Kampf geführt, der vor keiner Entstellung und Uebertreibung zu- rückschreckte und den„Schulaufbau" als Gottlosenbewegung dar- stellte. Die Schule in der Bergmannstraße war z. B. von zwei großen Fahnen flankiert, die die Inschrift trugen:„Gegen die Gott- losigkeit! Wählt christlich-unpolitisch." Trotz ihrer Anstrengungen, durch zügellose Propaganda einen kleinen„Religionskrieg" zu ent- fachen, blieb die Wahlbeteiligung schwach. Sie hat an den christlichen Schulen bis höchstens 49 Proz. erreicht. An den weltlichen Schulen war die Wahlbeteiligung stärker, an einigen Schulen betrug sie bis 89 Proz. Es ist bezeichnend, daß die Kam- m u n i st e n wieder ihre ganze Kraft gegen die welt- lichen Schul en verwandten und die christlichen Schulen in ganzen Bezirken ungeschoren ließen. So haben sie z. B. in Neukölln an christlichen Schulen keine Listen aufgestellt. Ihre Liste trug den irreführenden Namen:„Einheitsliste der werktäti- gen Eltern". Gegenüber 19Z9 ist ein kleines Ansteigen der Kommunisten zu verzeichnen. Wie die Christlich-unpolitischen be- nutzten sie hauptsächlich die„Abbau- und Sparmaßnahmen im Schulwesen" mit größter Demagogie gegen die Vertreter des„Schul- aufbaus". Die Eltern haben ihnen aber z. B. an weltlichen Schulen mehrfach eine gehörige Abfuhr erteilt. So erlebte der bekannte De- magoge, der kommunistische Stadtverordnete Lange, der an der 53/54. Neuköllner Schule als Spitzenkandidat agiert«, einen Reinfall. 9 Sitze entfielen hier auf„Schulaufbau", 6 auf Herrn Lange u. Comp. Auch an der Karl-Marx-Schule mußten sie. noch mehr die Christlich-unpolitischen, einen starten Rückschlag hinnehmen, während der„Schulaufbau" seine Stimmen von 449 im Jahre 1939 in diesem Jahre auf 895 steigerte. Eine nicht unerhebliche Zahl von Schulen ist den Christlich- unpolitischen wieder kampflos zugefallen, so daß sie dadurch noch einen Vorsprung haben, der zu den unten angegebenen Resultaten hinzuzuzählen wäre. Bis zehn Uhr abends war der Zentrale der sozialdemokratischen Elternbeiräte folgendes noch nicht vollstän» diges Ergebnis gemeldet: Liste„Schulaufbau"............ 912 Sitze kommunistische„Einheitsliste der werktätigen Eltern" 479 Sitze christlich-unpolitische Liste.......... 1394 Sitze An höheren Schulen waren ferner gemeldet für Liste„Schul- ausbau" 42, Von den 52 weltlichen Schulen lagen Ergebnisse von 41 Schulen vor: Danach entfielen auf Liste Schulaufbau 294 Sitze, aus die kommunistische Einheitsliste 161 Sitze. Dieses jetzt vorliegende Teilergebnis zeigt schon, daß die List« „Schulaufbau", trotzdem sie durch die Schulabbaumaßnahmen in schwieriger Lage war und gegen rechts und links kämpfen muhte, sich gut behauptet hat. Sie hat nicht nur keinen Rückgang erfahren, sondern in einzelnen Bezirken Fortschritte gemacht. Die gestrigen Elternbeiratswahlen brachten der Liste„Schul- ausbau" an der größten weltlichen Schule Deutschlands einen ein- drucksvollen Erfolg. Die Liste„S ch u l a u f b a u" erhielt 16 Mandate, während sich die Unpolitischen und die Kommu- nisten mit je vier Sitzen begnügen mußten. Eine intensive Wahl- Propaganda steigerte die Wahlbeteiligung gegenüber 1939 ganz un- gemein. Ueber 1299 Mütter und Väter beteiligten sich an der Wahl, da» ergibt eine für Elternbeiratswahlen beachtlich hohe Wahl- bcteiligung von über 69 Proz. Die Stimmen der Liste„Schulaus- bau" stiegen von 441 aus 895 Stimmen, die Unpolitischen gingen von 228 auf 293 Stimmen zurück und verloren 3 Mandate. Die Kommunisten, die an großsprecherischer und gehässiger Agitation nichts fehlen ließen, mußten sich mit 199 Stimmen begnügen. Wetter für Verlin: Warm, trocken und hetter, schwache nach Süden drehende Winde.— Für Deutschland: Ueberall beständiges und sommerlich warmes Wetter.__ Kernsehexperiment in England geglückt. Ein großes sportliches Ereignis, das 149. Derbyrennen zu Epsom, bot zum ersten Male einem großen Publikum Gelegenheit, den entscheidenden Ausgang dieses Pferderennens vom Saal des Metropole Cinema in London zu sehen. Es handelte sich dabei um eine direkte Beobachtung des Vorgangs selbst mit dem neu er- fundenen elektrischen Fernseher, der es gestattete, die aufregenden Einzelheiten des Endkampfes zu verfolgen. Die Bilder waren frei- lich nicht so deutlich wie die einer Kinoaufnahme, aber sie lieferten den Beweis, daß es schon heutzutage technisch möglich ist. mittels einer Verbindung von drei Kupferdrähten Ereignisse zu sehen, die sich im selben Moment an einem weit entfernten Ort abspielen. So kompliziert die Einzelheiten der Uebertragung sind, so ein- fach ist das Prinzip. Den Hauptbestandteil des Aufnahmeapparats stellt eine Trommel dar, an deren Umfang dreißig Spiegel ange- bracht sind. Wird diese Trommel gedreht, so erhaschen die einzelnen Spiegel nacheinander Bilder von dem aufzunehmen Vorgang. Jeder Spiegel reflektiert feine Lichteindrücke auf drei photoelek- irische Zellen, welche da» Licht in elektrisch« Im- pulse verwandeln, die um so stärker sind, je Heller das zuge- spiegelte Licht ist. Diese elektrischen Stromstöße werden von drei Drähten zu Verstärkern geleitet und erreichen nach mehr- tausendfacher Verstärkung den Empfangeapparat, wo sie durch drei Schaltvorrichtungen wieder in Lichteindrücke zurückver- wandelt werden. Eine Spiegeltrommel, die derjenigen des Auf- nahmeapparats gleicht, wirft dann die Bilder auf den Projektions- schirm. Da die Trommel 759 Umdrehungen in der Minute, demnach 1214 in der Sekunde ausführt, ist die Bewegung so schnell, daß in unserem Auge der Eindruck eines, freilich ziemlich stark flimmernden Bildes hervorgerufen wird. Auch ist das Bild durch zwei weiße senkrechte Streifen in drei Teile geteilt, entsprechend den drei photo- elektrischen Zellen. Es haften also, wie man sieht, dem ersten Ver- such noch mancherlei Unvollkommenheiten an, was ja aber dos selbst- verständliche Schicksal aller großen technischen Errungenschaften im Ansangsstadium ist. Die Baird Television Corporation hofft jedoch ihr System so zu verbessern und auszubauen, daß es sich gleich dem Telephon und dem Radio zu einem völlig neuen und wich- tigen Zweigs des Nachrichtendienstes entwickeln kann. Wie man verhältnismäßig schnell zur drahtlosen Telegraphic und Telephonie gekommen ist, darf man auch hier erwarten, daß die Zeit nicht mehr fern ist, in der wir. in unserem Zimmer sitzend, durch den Ruf alarmiert werden: Achtung! Sie sehen und hören die Explosionen des Besuvkraters, der heute früh in ein neues Ausbruchs st adium ge- treten ist.?rc>k. O. B. Verlioz' Geburtshaus als Wufeum. Das Haus zu Grenoble, in dem der größte französische Komponist, Hector Berlioz, das Licht der Well erblickte, ist jetzt von der Gesellschaft der Freunde Berlioz' angekauft worden und wird in ein Museum umgewandelt werden. Das Gebäude war vom Abbruch bedroht, und so war es höchste Zeit, daß zu seiner Rettung geschritten wurde. Zahlreiche Erinne- rungen an Berlioz aus dem Besitz der Gesellschaft sowie andere Dokumente, die aus verschiedenen Sammlungen zur Verfügung gestellt werden, sollen hier ihre Aufstellung finden, und man will hier jedes Jahr eine„Berlioz-Woche" veranstalten, bei der Werte des Meisters zu Gehör gebracht werden. Klabund:„pjotr." Engagementslose Schauspieler vor dem Mikrophon. Klabunds Roman„Pjotr" wurde durch die Bearbeitung von Werner Gebhard und Nestor Taidis kein Hörspiel. Die Bearbeiter bewiesen der Dichtung sympathischen Respekt, indem sie auf jede durchgreifende Umkrempelung verzichteten und sich daraus beschränk- ten, aus einigen Bildern des Romans einen Ueberblick über die Ge- stalt Pjotrs zu geben. Klabund hat in ihr den russischen Zaren Peter den Großen zu beulen versucht, den Begründer eines westlich orientierten Rußlands, der in seinen eigenen zügellosen Leiden- schaften und seiner Blutgier selber der Typ eines asiatisch-barbarifchen Gewaltherrschers war. Die psychologische Filtrierung, die der Roman gibt, vermochte das Hörspiel nur anzudeuten in«inigen charakteristischen Szenen. Geschlossenheit der Schilderung mußte diesem Hörspiel mangeln. Ueberraschenderwetse stammt« seine stärkst« Wirkung aus der romanhaften— epischen— Gestaltung, die Klabund dem Stoff gegeben hat. Es zeigt sich, daß diese Verlegenheitslösung für das Hörspiel nicht einen Mangel, sondern einen Gewinn darstellt: der Gedanke, der im Hörspiel die Handlung vorwärts bewegt, kann in diesem akustischen Raum vom Hörer durchaus als handelndes Ge- schehen erlebt werden, gerade durch seine Befreiung von unnötigem bildhaftem Ballast. Die noch viel zu wenig beachtete Eigengesetz- lichkeit des Hörspiels kam so gleichsam zufällig im Nebenher der Handlung zu ihrem Recht. Die Regie des Spiels dagegen wußte von dieser Eigengesetz- lichkeit wenig. Es wäre nötig gewesen, Paul Günther van mikrophonersahrener Seite zu beraten, daß der Rhythmus von Sprache und Ton, nicht aber übertriebenes Herausheben und Unter- streichen für«ine wirksame Hörspielgestaltung wesentlich sind. Sonst war seine Leitung der Spieler wie auch deren Sprache Mikrophon- wirksam.— Ir. Ausstellung neuer englischer Kunst in Hamburg. Mit der Er- öffnung einer Ausstellung neuer englischer Kunst wurde am Sonn- tag im Hause des Hamburger Kunstvereins ein deutsch-englischer Kunstaustausch eingeleitet, dessen Fortsetzung im Herbst eine Schau deutscher Kunst in London bilden wird. Veranstalter dieses Aus- tausches sind der Kunstverein Hamburg und der Londoner Anglo- German-Club. Bei der Eröffnungsfeier sprachen die beiden Pro- tektoren der Hamburger Ausstellung, Senatspräsident Bürgermeister Carl Petersen und der englische Botschafter in Berlin Horac« Rum- bold über die Ausgabe der Veranstaltung. Es gelle, Vorurteile in der Betrachtung des Kunstschaffens beider Länder zu besettigen, die bei aller Selbständigkeit vorhandene Verwandtschast aufzuzeigen und dadurch im Sinne der Völkerfreundschaft und Verständigung zu ar- beiten. Die Hamburger Ausstellung umfaßt zeitgenössische englische Malerei und Plastik. Die Goelhe-llniverfität. Di« Frankfurter Universität ver- anstallete am 25. eine Goethe-Feier, bei der bekanntgegeben wurde. daß die Frankfurter Universität fortan den Namen„Goethe-Univer- sität" führen werde. Salzburger Festspiele. Um die 150. Wiederkehr des Jahrestages der Uraufführung von Mozarts„Entführung aus dem Serail" festlich zu begchen, ist eine Neuinszenierung dieses Werkes unter der musi- kalischen Leitung von Fritz Busch vorgesehen. Für die Inszenierung wurde Intendant Carl Ebert gewonnen. *WM& im August 1931 die vollendete 31 Pf g.- Zigarette durch CIiUB geboten. Seitdem ist CIiUB das Vorbild für au dere Marken geworden. Vergleichen Sie nun bitte ob irgend eine dieser Marken das Vorbild erreich Rundfunk der Wo che Mut zur Klarheit Aus Breslau kam in der vergangenen Woche ein Hör- bericht„Die Oder entlang", eine Bilderfolge, die van Land und Leuten im schlefischen Odergcbict erzählen wollte. Sie war bunt und vielseitig aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen- gestellt. Ernsthastc, düstere Szenen wechselten ab mit freundlichen, farbenfrohen. Nicht alle, aber doch die meisten Bilder waren von plastischer Anschaulichkeit. Mancher Hörer, der so den Gehalt der Sendung abwägend betrachtete, wird sich vielleicht nicht klar dar- über geworden sein, weshalb sie ihn unbefriedigt ließ. Eine Erklärung dafür liegt nicht ohne weiteres in der Fest- stellung, daß das Gesamtbild, das die Darbietung bot. unzureichend in der Spiegelung der Gegenwart des Oderlandes war. Ihr Unter- titel hieß„Schlesiens Strom in Hörbcricht und Dichtung", betonte also den literarischen Anklang. Es war von vornherein zu er- warten, daß er in der Hauptsache aus dem Gestern tönen würde, um die Ergänzung zu der Reportage aus dem Heute zu bilden. Diese Reportage konnte im Rahmen einer einstündigen Sendung selbstverständlich in keiner Weise erschöpfend sein, sondern sie mußte sich auf einige wenige Berichte beschränken, die nach Ansicht der Manuskriptvcrfasser der Gesamtdarbictung besonders charakteristische Züge einfügten. Wenn der Hörer dabei manches vermißte, was ihm wesentlich schien, so konnte das nicht gegen diese Sendung, sondern höchstens für eine weitere, ergänzende, sprechen. Die Betrachtung der Einzelteile der Sendung zeigt nicht, wo ihr Fehler lag: wohl aber läßt ein Totalüberblick ihn erkennen: die Proportionen stimmten nicht. Aus vielen kleinen Wirklichkeiten fügte sich keine große zusammen. Das Gestern erhob sich neben dem Heute, nicht als seine Vorstufe, sondern als eine fremde Welt. Ein Schloß erstand in vergangenem Rokokoglanz, kulturhistorisch interessantes Bild für Wisscnsdurstige und Neugierige: die Gelegen- heit für eine zeitcntsprechende musikalische Unterhaltung war günstig, also wurde sie genützt. Eine kleine Stadt wurde aus den Versen eines längst verstorbenen Lokaldichtcrs ausgebaut, ein etwas komisches Idyll aus einer Spielzeugschachtel. Eine Ruine zeigte ihre Dimensionen in den verschwenderischen Superlativen eines Fremdenführers. Solche Szenen wären für ein Hörbild aus der schlefischen Vergangenheit zweckentsprechend zugeschnitten gewesen. Diese Hörfolge„Die Oder entlang" forderte jedoch sinngemäß Ab- stimmung aus das Heute. Das bedeutet nicht, daß jene Bilder über- Haupt nicht hineingehört hätten: doch stärkere Beschränkung im Umfang, vor allem aber eine Verzahnung mit der Gegenwart wären nötig gewesen. Zwar wurden echie Husschläge von heute im Schloß beheimateten Equipagenpfcrden per Mikrophon vor- geführt, gewissermaßen als Zeugnis dafür, daß dieses Schloß auch jetzt noch feudaler Wohnsitz ist. Doch diese Reportage stellte zu unserer Gegenwart keine Brücke dar. Hierfür hätte notwendiger- und logischcrweise die heutige Umwelt des Schlosses eingefangen werden und eine Vision jener uns nahestehenden arbeitenden Mcn- schen den Hörer erkennen lassen müssen, ob die durch Jahrhunderte gepflegte Pracht des Schlosses auch denen, die in seinem Schatten schaffen, auskömmliches Leben und kulturelle Bereicherung brachte. Dadurch, daß der Hörbcricht durch Verwischen der Konturen den trennenden Abstand zwischen seinen Bildern aus Vergangenheit und Gegenwart beseitigen wollte, wirkte er in seiner Gesamtheit unwirklich— um nicht zu sagen: unwahrhaftig—, was sicher nicht in der Absicht der Autoren lag. Denn in vielen der Teilrepartagen bemühten sie sich ehrlich und erfolgreich um die Schilderung heutiger Menschen, heutiger Verhältnisse. Die Not der Oderschiffer, ihre Arbeit, ihre Lebensführung wurde anschaulich gemacht. Der Kampf, den die Bauern im Uebcrschwemmungsgebiet der Oder gegen den Fluß führen, der ihnen von Zeit zu Zeit immer wieder den Herren zeigt und seine Opfer an Menschenleben und Erntegut davonträgt, ist der Kampf vieler Generationen In diesem Hörbild waren Gestern und Heute eins. Aber es war, als flüchteten die Autoren immer wieder ins völlig Gestrige, um von dort den dekorativen Schmuck für die Veranstaltung zu holen. Ilm dieses Grundirrtums willen war es notwendig, sich ausführlich mit der Veranstaltung auseinanderzusetzen, die in dieser irrigen Einstellung typisch ist für viele. Die Neigung, Leben zu Genrebildern umzuformen, zeigt sich in zahlreichen Hörbildern und-reportagen: geben Autoren, Re- gisseurc oder Sprecher ihr nach, so muß es zu Verfälschungen der Wirklichkeit kommen, selbst wenn jede Einzelheit wirklich- keitsgctreu ist. Denn die Abstimmung der Einzelheiten zueinander wird zugunsten des harmonischen Gesamteindrucks verändert, Störendes,„Häßliches", fortgelassen, Wirkungsvolles,„Schönes", überbetont. Die Welt darf sich nicht zeigen wie sie ist, sondern nur wohlgeglöttet wie im Aufsatz eines Sonntagsblattcs, das sich ver- pflichtet sühlt, alle Wohlgesinnten mit vorbehaltlosem Opti- m i s m u s zu versorgen. Das Erbe dieser geistigen Einstellung hat bereits der Film angetreten: der Rundfunk muß sich hüten, es ebenfalls zu übernehmen. Er hat gerode in der heutigen Zeit die unbedingte Berpslichtung zur Klarheit: natürlich auch das Recht und die Pflicht zu künstlerischem Spiel, das durch sein Eigenleben mittelbar oder uninittelbar unsere Wirklichkeit erklärt, klärt. Die kunstgewerbliche Bastelei tut das nicht: sie hemmt, verwirrt de» Ueberblick. Klarheit— das ist das Stichwart für eine Erinnerung, die heiter wäre, wenn nicht das gegenwärtige innenpolitische Chaos etwas andere Gefühle dafür aufkommen ließe. In der Ansprache- reihe der Deutschen Welle„Die junge Generation spricht" fand ein Dreigespräch statt über den„Neuen Nationalismus" Teilnehmer: ein junger Sozialdemokrat, ein Nationalsozialist und ein ihm politisch nahesiehendcr, doch immerhin schon leicht kultur- politisch angehauchter Gesinnungsfreund. Der junge Sozialist also wollte Klarheit. Er begnügte sich, die eigene Weltanschauung in wenigen Sätzen zu umreißen: im übrigen fragte er. Dazu gehörte in diesem Dreigespräch eine große Kunst, wenigstens sofern es darauf abgesehen war, die Fragen auch wirklich beantwortet zu bekommen. Zuerst liefen die Schlagworte und Parteiphrasen ob. wobei sich beide junge„Nationalisten" brüderlich assistierten. Dann aber sollten sie die hochtönenden Worte näher erläutern. Dabei blieb der zahmere Nationalist rasch auf der Strecke: doch der junge Mann mit der Hakenkreuzgesinnung bekannte frisch drauf los. Seine Welt- onschauung verdient auch denen mitgeteilt zu werden, die das Gespräch nicht abhörten. Selbstverständlich ist er für ein wehr- Haftes Deutschland: hierin fand er völliges Einvernehmen mit seinem Gesinnungsfreund. Die Vokabeln„Macht, Ehre, Würde. Ansehen" schwirrten nur so hinüber und herüber, und die beiden jungen Leute, die bei Ausbruch des Weltkrieges wahrscheinlich kaum den Windeln entwachsen waren, erklärten, daß man Krieg nicht nur führen müsse, um Haus und Herd zu schützen, sondern auch, um dem Gegner eine Idee entgegenzuhalten. Der Krieger st and, sagte der Nationalist, müsse der oberste im Lande sein und die Führung in die Hand nehmen. Denn die Kriegerkaste sei die einzige, die dem Staat ehrlich und ohne besondere Interessen gegen- überstehe(!>, auch habe sie nicht zu sehr Verbindung zum Volke(!). Gegen die absolute Vormachtstellung der„Kriegerkaste" hatte sogar der Gesinnungsfreund einige Bedenken: sie habe doch kein so großes Verständnis für kulturelle Fragen. Wie man es damit halten wolle, wenn man den Führer aus der Kriegerkastc wähle? Nach einigem schwankendem Hin und Her kam die Quintessenz einer Hakenkreuz- Weltanschauung zum Durchbruch:„Die Frage noch der Führung des Staates ist wohl auch noch nicht recht geklärt." Was zu be- weisen war. Man soll in Hörbildern und Mikrophongesprächen immer kon- sequent nach Klarheit streben: solche Sendungen wirken erhellend, auch wenn sie in Dunkelheit enden. Des. Aufklärungsaktion der Eisenbahner. Die Nazis weichen geistigem Gefecht aus. Die Lezirksletiung halle des Einheitsverbandcs der Eisenbahner Deutschlands hat in den letzten Wochen im mitteldeutschen Bezirk etwa 100 glänzend besuchte Bersammlungen veranstaltet, darunter an den größeren Orten solche mit dem Thema:„Wer kann euch retten? Der deutsche Nationalsozialismus oder die Arbeit der freien Gewerkschaften?" Die Führer dcr N a z i- B e t r i e b s z e l l e» bei der Reichs- bahn waren überall mit der Zusicherung unbeschränkter Redezeit eingeladen. Sie fanden aber nur in dcr ersten, in Halle ab- gehaltenen Massenversammlung den Mut, sich zu einer geistigen Auseinandersetzung zu stellen. Die große Blamage, die sie dabei erleben mußten, zeigte ihnen eindeutig, daß die Eisenbahner die Hohlheit nationalsozialistischer Demagogie erkannt haben. Die Aktion hat also einen doppelten Zweck erreicht. Sie bewies nicht nur, daß die Eisenbahner auch in dieser kritischen Zeit zur deutschen Gewerkschastsbewegung und zur Republik stehen, sondern sie erhärtete auch die Tatsache, daß die Nationalsozialisten bei jedem Versuch, den Argumenten von Republikanern und Gewerkschaftlern entgegenzutreten, den kürzeren ziehen. Metalikonflikt in Leipzig. Heute letzter Verhandlungsverfuch. Seit Mitte April stehen die Leipziger Metallarbeiter in Ver- Handlungen, um zu einer neuen Lohn-, Arbeitszeit- und Ferien- regelung zu kommen. Alle Verhandlungen scheiterten an den Abbau- fordcrungen dcr Metallindustriellen. Drei Schiedssprüche wurden von den Gewerkschaften abgelehnt, da sie durch die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse untragbar waren. Es besteht jetzt ein tarifloser Zu st and. Diesen ver- suchen jetzt die Metallindustriellen für sich auszunutzen, indem sie durch Anschlag die Einzelarbeitsverhält nisse aus- kündigen und neue anbieten auf der Grundlage der gefällten Schiedssprüche. Dcr Verdienst für Lohnarbeiter würde dadurch um 6,3 bis 7,3 Proz. und der für die Akkordarbeiter um etwa 8 Proz. gekürzt werden. Ein qualifizierter Facharbeiter würde bei voller Arbeitszeit nur noch 34,08 Mark verdienen. Eine am Sonnabend von 1666 Funktionären besuchte Ver- iammlung wandte sich einmütig gegen das Vorgehen der Unter- nehmer. Die Metallarbeiter beschlossen, den Lahnkampf mit aller Entschiedenheit durchzuführen. Um den Arbeitsfriedcn zu erhalten, hat sich der Obcrbürger- meister Dr. Goerdelcr als Vermittler angeboten. Er hat zu heute, Montag, die Vertreter der Vertragsparteien zu einer Be- sprechung ins Rathaus, geladen. Ob es ihm gelingen wird, die Mctallindustriellen zum Nachgeben zu überreden, wird iich bald zeigen. Ein Schiedsspruch für das rheinische Holzgewerbe kürzt den bis- herigen Spitzenstundenlohn der höchsten Ortsklasse von 92 auf 86 Pfennig ab 1. Juli. Opfer des Oevaheim-Gkandals. Das Geld gerettet, die Stellung verloren Der Buchhalter R. war seit mehreren Jahren bei dem D e v a- h e i m- K o n z e r n in Berlin bcschästigt. Er hatte mit dem Konzern einen Kapitaibildungsvertrag abgeschlossen und darauf 4 7 8 6 Mark mehr als feine Pflichtleistung einbezahlt. Als der Konzern durch die Mißwirtschaft dcr frommen Leitung in Zahlung?- schwierigkeiten geriet, hat der Kläger im Einverständnis mit dem damaligen Vorstand 4766 Mark wieder abgehoben. Als dann neue Männer an die Stelle des bisherigen Vorstandes traten, haben sie den Kläger erst beurlaubt und später fristlos e n t- lassen. Der Grund zur Entlassung sollte darin bestehe», daß der Kläger es gewagt hatte, noch rechtzeitig vor dem Zusammenbruch des Dcvaheim-Konzerns sein Geld abzuheben. Dcr Kläger, der jahrelang für einen geringen Lohn dem Kon- zcrn seine Dienste geleistet hat, will die Entlassung nicht gelten lassen. Er beansprucht Fortgewährung seines Gehalts und zwar in dem inzwischen eröffneten Konkurs des Konzerns als Masscschuld. Auch andere Opfer dieses Zusammenbruchs machen ihre Forderungen an Lohn geltend. Dos Landesarbeitsgericht in Berlin hat den Kläger mit seinen Ansprüchen abgewiesen und das Reichsarbeits- g e r i ch t hat jetzt seine Revision ebenfalls abgewiesen. Der Kläger hat noch die Kosten zu tragen. Den anderen Ange- stellten wird es nicht anders ergehen, weil die Konkursverwalter jede Ansprüche ablehnen. Buchdruckeraussperrung in Saarbrücken. Die Unternehmer erreichten durch Schiedsspruch die dritte Lohn- kurzung innerhalb des letzten Jahres, durch einen Schiedsspruch mit„L.ohnermäßigung" um 3 Proz. Die Arbeiter lehnten den Schiedsspruch ab und forderten Verlängerung des Lohntoriss vom 24 Februar. Die Regierungskommission bestimmte, daß die alten Löhne bis 31. August weitergezahlt und dann um 3 Proz. gekürzt werden sollen. Eine Urabstimmung der Buchdrucker ergab die Ab- lehnung dieser Regelung mit über Dreiviertelmehrheit. Die die Unternehmer den Arbeitern„vorsorglich" g e- kündigt hatten, traten am Sonnabend die Personale einer größeren Zahl von Betrieben außer Dien st. Jetzt wird ver- sucht, die Aussperrung als„S t r e i k" auszugeben. Die„Saarbrücker Zeitung" erklärte sich zur unbefristeten Weiter« Zahlung des bisherigen Lohnes bereit, während die„Volks- stimme", das Organ der SPD., durch den Konflikt nicht be- rührt wird. e Buch ä)r.3raii%JCederer: SdlÖlWS lilärkifdies JLaud Dr. F r a n z L e d e r e r ist bekannt durch seine vielen Führungen durch das alte Berlin und durch seine als Ergebnisse dieser Wände- rungen erschienenen Berliner Hcimotbücher. Dcr große Vorzug seiner und seiner Wanderungen ist die humvorvoll plaudernde Art, die in reichem historischem Wissen und feinster Naturbcobochtung wurzelt. Diese Vorzüge vereint auch das neueste Hcimatbuch Ledcrcrs „Schönes märkisches L a n d". Das auf drei Bände be- rechnete Werk soll die bisher erschienenen Wanderbücher fortsetzen. Der vorliegende erste Bond umfaßt den Süden und Westen dcr Mark Brandenburg(196 S. 43 Abb. und 1 Wanderkarte, steif kort. 2,76 M., Buchverlag Germania, Berlin). Zwei weitere Bände der märkischen Wanderungen, den Norden und den Osten umfassend, sollen demnächst erscheinen. Lcdercr wandert nicht als Geologe und nicht als Geograph, nicht als Naturwissenschaftler und nicht als Historiker. Wer von einem dieser Wissensgebiete aus die Mark durchstreifen will, greife zu diesbezüglichen Spezialführern.!ledercr wandert als Heimat- freund, dcr die Schönheiten der Natur, dcr Landschaft ebenso sieht und liebt wie er uin die Leiden und Freuden der Heimatgeschichte weiß. Seine Stärke liegt in der Beschreibung der Kirchen, Klöster, Schlösser und sonstiger hervorragender Bauten und in dcr Humor- vollen Wiedergabe alter Anekdoten und Geschichten, die sich an diese Bauten ihre einstigen Bewohner knüpfen, jedoch oft reichlich viel Personenkult enthalten. Sein Wanderbuch ist ein nützlicher Be- glcitcr auf der Fahrt und auch eine geuiißreiche Lektüre vorher oder nachher. Die beigcgebcnc Wanderkarte im Maßstab 1:136 666(!) überrascht. Es wäre zweckmäßiger gewesen, statt ihrer einen Um- druck dcr vorzüglichen Karten des Rcichsamts für Landesaufnohme im gewohnten Maßstab 1:166 666 beizugeben. W. T. Groß-Berliner parteinachrichten. 4. Ärcis. Heute, 19') Ul?r, Sitzung des engeren Kreisvorstandes mit den Ab. teilungsleitern an bekannter Stelle. 33. Abt. Frauen. Durch den Zwischenfall im„Porwärts".Gebäude ist den Ge- nassen die iuristische Sprechstunde genommen worden.— Frauenabend beute, 20 Ubr, nicht in der juristischen Sprechstunde, sondern im Lokal von Topp. Hollmann- Ecke Alte Iakobstr. 1. Verantwortl. für die Redaktion: Rich. Bernstein. Berlin; Anzeigen: Th. Glocke, Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co. Berlin SW 68 Lindenstr. 3. Hierzu l Beilage. ( Zhealet. LiJilspiele usw 1 N- i-J-J-.«-L-_______ Staats fe Theater Montag, den 27. jani Staatsoper unter den Linden io Uhr Der Zigeunerbaron StaillSdiausglelhaDs Gendarmenmarkt. 2ü Uhr Geschlossene Vorstellung. leppe vom Ber&e Schiller-Theater Charloltenbure. 20 Uhr E&nonl plAza Kahc SdilK. Bhf 1 5 a. 811. Sigs. Z.S.a16!). £ 7 Waiths. 4031 | SchwirzwildmUel 1 VoiKsbUline Theater am BOlowolatz «>,. Uhr Geld ohne Arbeit Komödie von Alberto Colantuoni Bearbeitet von R. A. Stemmle Regie: Günther Stark Staatsoper Unter den Linden 8 Uhr Der Zigeunerbaron Deitts MM Letzte Aufführungen Die SV* Uhr Journalisten laslsr.naöi Gustav Fceyta; von Felix Joadiiiman Musik; Theo Mackeheo Regie: Heinz Hilpert. Lessino-Theam Täglich SV. Uht Madonna wo bist Du? Erika v. Thellrnann Luise Stösel Theodor Loos Josef Wedorn SlädLOper Charlottenburg öisrnarckstraße 34. Montag, 27. Juni Volksvorstellung Kein Kartenverkauf DleEntfülirung aus dem Serail Callam, Eisinger, Fidesser. Kandl, Gombert. Reiff a.G Anfang 20 Uhr Ende 22,45 Uhr eisu.�Betten i«s Rose- Theater Große Frankturter Striße 13? lel. Weidiul E 1 342, 8.30 Uhr Die eiserne lunglran Oartcnbtlhne 5.30 Uht Konzert u.Variete Premiere Drei arme kleine Mädels Pumpen z.Selbsiaufsfellea — Röhren— Filter, sämtliche Ersatrteile.Jllust. Preisliste gratis! KoblanKSCo. Pumpenfabrik, Berlin N 65 Reioidtendorfer Straße 95. A c Biumenspenden Jeder Art liefert preiswert Paul Golletz •oraal* Robert Usyet Mariannenstr. 3 F�OCorba— 1303 Schwerhörige Itdren sotori wieder mildern ärztlich empfohlenen ORifilNAL' AHUST1H- APPARAT mit nenestem Hieinhörer! — Noch Besseres gibt es nicht!— Deutsdie Akustik Gesellsdiaft m. b. H. Aelteste u. führende Spezialfabrik Verkauf u. Vorführung: ttrlin-Wllmersdon, motistr.«3 Berlin, Kiosterstr. 44 Remicfienoert-Mt, Bnenzer Sir, 4 Verl.Sie Hauptkataiog 16 kostenlos AufWunsch Zahlungserleichterung Not bricht Eisen und wem das Rauchen zu teuer wurde, der kaue. Kauen ist gesund u, billiger Doms Kautabak wird vom Kenner bevorzugt.— Versuch macht klug B «sonders wirksam sind die KLEINEN ANZEIGEN im „Vorwärts" und trotzdem »bUiidü gabnaebtlfe. ÜSIatinobfäDe Querffifbct Sinn me tolle. Silber (dimeUt SoiMdintel zetei. Ihriftitmot Röpenttfetfttoftf 39 Soltestelle iiholbert. streb«. Bellonroder, fabrikneue, 35,—» 45,-, 55.—, 63,—, Werner, ülbalbett. ftra(je 9 Stottbufier Sur.• Linoleum Lzillat, Äolonie» ftrofit 8, (Beilage Montag, 27. Juni 1932 Bif&ntiO S/inJatiigaße Ja[ofmärb Geschäft und Politik Das Leben eines großen Spekulanten Von Jens G rieter Wer weiß etwas vom Leben und Wirken des französischen Bankiers und Kaufmanns Julien Ouvrnrd, der von der großen> Französischen Revolution bis zur Juli-Revolution des Jahres 1830 durch seine Geschäfte an der Entwicklung der politischen Verhältnisse Frankreichs maßgebenden Anteil hat-' Kaum daß jemand in Deutschland den Namen des Mannes kennt, von dem der große sranzösische Dichter Lamartine gesagt hat:„So wie Archin, edes den Hebel, Newton die Gravitation, Mirabeou die öffentliche Meinung, Fried- rich II. und Napoleon den modernen Krieg und Law den Kredit entdeckt haben— so hat Ouorard das Vertrauen und die Spekulation gefunden, unmeßbare und mysteriöse Mächte, verborgen in den Tiefen des Handelslebens. Sie vermögen in einem einzigen Augen- blick dem einzelnen, der Gesellschaft, dem Staate die Kräfte und die Wunder privaten und öffentlichen Reichtums zu verhundertfachen." Beim Ausbruch der großen Französischen Revolution war Julien Ouvrard, der Sohn eines Papiersabrikanten in Frankreich, neunzehn Jahre alt. Schon ein Jahr lang hatte er in Nantes Erfahrungen im Kolonialwarengroßhandel gesammelt, und am Er- folg des Bauunternehmers G r a s l i n leuchtet dem jungen Ouvrard das Grundaxiom seiner eigenen späteren geschäftlichen Tätigkeit aus: „Schätze an Gold und Silber gehen einmal zu Gndc, der einzige Schatz, der sich nie erschöpft, der belebend und befruchtend wirkt, ist der.Kredit." In richtiger Voraussicht, daß die bürgerliche Freiheit, in deren Zeichen die große Französische Revolution 1789 beginnt, den Papier- obsatz bedeutend steigern werde, kauft der neunzehnjährige Ouvrard den Papierfabrikanten von Poitou und Angoumois ihre gesainte Produktion der nächsten zwei Jahre ab. Nachdem die Papierpreise, wie Ouvrard vorausgesehen hatte, bedeutend gestiegen sind, verkaust er seine Vorräte an einige kleinere Firmen weiter Die Durch- sühning des Geschäftes im einzelnen— schon sein erstes Geschäft zeigt einen Grundzug seiner späteren Unternehmungen— inter- cssiert Ouvrard nicht. Cr hat ZW 099 Franken verdient. In den folgenden vier Jahren hat er aus diese und ähnliche Art sein Geld vermehrt. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei der französischen West- arniee des Generals Kleber treffen wir Ouvrard 1793 in Paris. Die Eroberung der Welt kann nunmehr ihren Anfang nehmen. Zu- nächst läßt er sich einmal vom W o h l f a h r t s a us s ch u ß die während der Reoolutionswirren niedergebrannte Papierfabrik seines Vaters mit 2W9W Franke» ersetze»! 1794 heiratet er die Tochter eines Nantcser Patriziers, von der er später in seinen Memoiren erklärt:„Die Ueberlegenheit ihres Geistes und die Abgeklärtheit ihrer Seele ließen sie in einem zurückgezogenen Leben stille und so reine Freuden finden, wie sie ein weltliches Treiben ihr nicht hätten bieten können." Dieses weltliche Treiben überläßt Frau Ouvrard ihrem Mann, der nach der Enthauptung Robespierres immer stärker 'an dem sprudelnden Leben der Weltstadt Paris teilnimmt. Ouvrard nennt sich jetzt B a nk i e r i er gewinnt nahe Fühlung mit Barras, dem Mitglied des Direktoriums. Im Jahre 1797 wird Julien Ouvrard G e n e r a l p r o v i a n t m e i st e r der Marine. Der Belieferungsetat betrug 64 9W9W Franken. Der Jahresertrag an diesem Geschäft berechnet sich also schon jetzt in Millionen. Auch die Verpflegung der spanischen Flotte wird Ouvrard über- antwortet. Die großen Einkünfte des Finanzmannes Ouvrard verlangen auch eine gesellschaftliche Repräsentation. Er erwirbt einige Güter und Schlösser, darunter Schloß Raincy bei Paris, das bald zum gesellschaftliche» Mittelpunkt wird. Madame T a l l i e n, die ehemalige Geliebte von Baras, wird Ouvrards Freundin. Beide haben das gleiche leidenschaftliche Verhältnis zu Luxus und Gc- felligkeit. Am 9. November ober 18. Brumaire des Zahres>799 ergreift Napoleon Bonaparte die Macht. Vergebens bietet Ouorard dem neuen Machthaber einen Kredit von 12 Millionen an. Es ist wahrscheinlich, daß persönliche Gründe Napoleon bestimmt haben, Ouvrards Angebot abzulehnen. Ouorard hatte nahe, vermutlich ganz nahe Beziehungen zu Josephine, Napoleons erster Frau. Nach einem Vierteljahr— 1899— läßt Napoleon Ouorard verhafte»! aber Josephine hatte Ouvrard schon die Absichten ihres Mannes mitgeteilt. Der Finanzier ist boshaft genug, um auf seinem Schreibtisch einige parftimierte Briefe finden zu lassen, aus denen hervorgeht, daß I o s e p h i n e auch noch nach ihrer Verheiratung mit Napoleon wiederholt Geld von Ouvrard angenommen hat. Er hat also Zeit, sich drei Tage verborgen zu halten, um seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen; dann stellt er sich selbst der Polizei. Napoleon ist über diese Selbststellung Ouvrards wenig erbaut! er erklärt: „Wenn ein solcher Mensch Geld hat, so kann er es nicht auf ehrlichem Wege erworben haben... auch find solche Leute mit ihrem Geld gefährlich. In einer Revolutionszeit darf kein Mensch mehr als drei Millionen besitzen und selbst das ist schon zuviel. Ouvrard schreibt Napoleon einen mutigen empörten Brief, in dem es heißt:„Kann ich Ihre Despotie auch nicht verhindern, so kann ich wenigstens meine Mitbürger auf die Gefahr aufmerksam machen, die ihnen droht." Ouvrard wird tatsächlich auf freien Fuß gesetzt: eine Untersuchungskommission schätzt sein Vermögen auf 29 Mil- lionen Franken, von denen er fast die Hälfte der Staatskasse zurücküberweist. Aber schon im Frühjahr 1899 ist Ouvrard wieder Kriegslieferant der französischen Armee. Die Re- gierung bezahlt jedoch ihre. Lieferanten so schlecht, daß Ouvrard einen großen Teil seiner Güter und Häuser verkaufen muß, um seine eigenen Verpflichtungen erfüllen zu können. Unzerstörbar ist Ouvrards geschäftlicher Optimismus. Schon 1894 gelingt es ihm wieder, der ftanzösischen Regierung 59 Millionen zu beschaffen, wobei er allerdings gleich zwanzig Millionen aufrechnet, die der Staat ihm noch schuldet. Ouvrard faßt nunmehr »inen großartigen Plan, die französischen Finanzen zu sanieren. Er will die Unterstützung, die Spanien Frankreich in Höhe von 72 Millionen jährlich zu leisten hat, durch den spanische» Silberschotz in Meriko sicherstellen. Er fährt nach Madrid und chheßt mit dem spanischen König Karl IV. nach langen Berhond- lungen einen Vertrag, den er mit Hilfe der holländischen Firma Hope durchzuführen versucht. Millen in der Durchführung dieses großen Unternehmens greift Napoleon wiederum ein. Ouvrard muß offiziell seinen Konkurs anmelden, obwohl es ihm gelingt, sich mit seinen privaten Gläubigern zu oerständigen. Im Jahre 1899 wird er in das Schuldgefängnis Sainte-Pelagie ein- geliefert. Als Napoleon 1812 seinen Feldzug nach Rußland unternimmt, ist es Ouvrard, der aus dem Schuldgefängnis den Kaiser warnt. Ouvrards Warnungen bleiben unbeachtet. Der russische Feldzug be- siegelt Napoleons Untergang Ouvrard wird nunmehr der Bankier Ludwig XVIII., aber er steht auch wieder sofort zu Napoleon, als dieser während der Hunderttageherrschast finanzieller Hilfe bedarf. Auf dem Schlacht- seid von Waterloo beobachtet Ouvrard. wiederum General- proviantmeister der kaiserlichen Armee, Napoleons entscheidende Niederlage. November 1815 wird der Pariser Friede geschlossen. An dem großzügigen Sanierungsprogramm Frankreichs ist Ouvrard führend beteiligt. Die Kriegsschulden werden bezahlt, Frankreich wird von ausländischen Truppen um zwei Jahre früher, als vorgesehen war, befreit. Es ist Ouvrard, der sich um sein Vaterland verdient gemacht hat, allerdings ohne Dank zu ernten. Generalquartier meist er der bourbonischcn Armee ernannt: es kommt nach dem glücklich beendeten Unternehmen erneut zu Abrech» ungsschwierigkeiten. Zwei Jahre must er in Untersuchungshaft bleiben, drei Jahre anschließend im Schuldgcfängnis auf Bc- treiben eines Konkurrenten, des Kaufmanns Seguin. Ende 1829 arrangiert er sich noch rechtzeitig, um in einer groß- konzipierten Rentenspekulation seinen in de» letzten Jahren mächtig gewordenen Feinden, den Gebrüdern Rothschild, einen Verlust von 17 Millionen Franken aufzubürden. Man schätzt Ouvrards Ge- winn bei diesem Geschäft aus 2 Millionen. Es war sein letztes großes Geschäft. Von jetzt ab, bis zu seinem Tode im Jahre 1846, wird Ouvrard zum mehr oder weniger erfolgreichen Börsen- spieler. Otto Wolfs, der rheinische Eiscn-Großkaufmann und Groß- aktionäre des Stahltrusts, hat Leben und Geschäfte des Julien Ouv- rard in einem soeben erschienenen Büch den deutschen Lesern dar- gestellt(Otto Wolfs, Die Geschäfte des Herrn Ouvrard. Aus dem Leben eines genialen Spekulanten Verlag Rütten u. Löning. Frankfurt). Ganz offenbar fühlt sich Otto Wölfs dem französischen Finanzier kongenial. In der Tat erinnert die Uebertragimg des großen Aktienpakets der Stolberger Zink A.-G., das Wolfs der unter seinem Einfluß stehenden Mansscld A.-G. zu einem weit über der Börsennotiz liegenden Kurse verkauft hat und so der Mansfeld A.-G. eine völlig überflüssige Beteiligung auszwang, stark an Julien Ouv- rards Geschäftspraxis. Strafreform in England Vom Zuchthaus zur Besserungsanstalt«-< Von J. A. Viergutz Die neuzeitliche Kriminalgcjchichte der Welt, deren jüngstes und vielleicht abscheulichstes Kapitel die Entführung und der Mord des Lindbergh-Kindcs war, hat einen wichtigen Kommentar durch den soeben verösscntlichten ofsizicllcn Bericht über das Problem des Gewohnheits- oder Berufoerbrcchers in England erhalten. Dieser Bericht ist die Arbeit eines von I. R. C l y n e s, dem Innenminister der letzten Arb'eiterrcgierung, eingesetzten Unter- suchungsausschusses. Der Berufsverbrecher grassiert besonders in Amerika in solchem Ausmaße, daß manche Amerikaner einen Bürgerkrieg als Endergebnis des jetzigen Zustandes voraussagen. Die be- kannte und ost wtedcrholtc Tendenz, die Wurzel des a m e r i k a n i- s ch e n Gangstertums in der Prohibition, dem Alkoholvcrbot, zu suchen, ist statistisch einfach genug widerlegt, denn nur 29 Proz. aller amerikanischen Berufsverbrecher sind mit Alkoholschmuggel beschäftigt. Die Riesenausmnßc des sozialen Uebels in Amerika haben, wie der Bericht der englischen Kommission zeigt, ein schwächeres aber genügend ernstes Gegenstück auf den britischen Inseln. 1939 trafen von 39 999 verhängten Gefängnisstrafen 28 999 Wiedcrholungssälle. Mit einer gewissen Resignation hat man den Typ„Gewohnheits- oder Berufsverbrecher" als Tatsache des sozialen modernen Lebens festgestellt, und da man nicht an die Wurzel kann, will man ver- suchen, wenigstens das junge Bäumchen mit einer Stütze gerade- zuziehen, ja sogar den älteren verkrünnnten Baum noch durch Um- pflanzen, Beschneiden und Aufpfropfen einigermaßen nutzbar zu machen. Der Verbrecher, der ungesetzliches Treiben als Lebens- beruf ansieht, ist natürlich unendlich schwerer zu behandeln und zu heilen, als ein Gelegenheitsverbrecher, der ost aus wirklicher Not, fehlender Erziehung und Berufsausbildung, ja zuweilen nur aus Mangel an Ueberlcgung und„zufällig" auf Abwege gerät. Der oerhärtete Gewohnhcitssündcr, dem Gefängnisstrafen und Zuchthaus womöglich nur einen Urlaub bedeuten oder schlimmstenfalls eine Wartezeit, an deren Unannehmlichkeiten er sich gewöhnt, verseucht den Volkscharakter und ist eine kostspielige Belastung des Staats- Haushaltes. Der englische Untersuchungsausschuß befaßt sich vor allen Dingen mit Resormvorschlägen für das Strassystem. Das jetzige Strassystem sei dem Problem des Gewohnheits- Verbrechers nicht gewachsen. Nach Absolvicrung seiner Strafe werde der Verbrecher in den meisten Füllen sofort rückfällig, so daß er periodisch ins Gefängnis zurückkehre, und ein großer Teil der Gefängnisinsassen bilde eine Art„Armee der Immer- wieder-kehrende n". Welchen Schaden diese Art von Ver- brechern anrichte, beweist das eine Beispiel: ein wegen Einbruch zu fünf Jahren verurteilter Rückfälliger gab nicht weniger als 315 weitere Gesetzesübertretungen an. Unter den Gewohnheitsverbrechern findet man besonders drei Typen: st a r k e C h a r a k t e r e, die die Laufbahn des Verbrechers selbst wählten, unter ihnen eine große Anzahl Jugendlicher, die resormatorischer Behandlung eventuell zugänglich sind. Ferner moralisch schwächere Charaktere, die aus Scheu vor der Arbeit und geregeltem Lebe» zum Berufsverbrecher werden, und schließlich pathologische Fälle und geistig Minder- wertige, die durch ärztliche Hilfe zu heilen sein dürften. Der Bericht schlägt für die Behandlung von Berufsverbrechern das System der„S ch u tz h a f t", vor, und zwar für Jugendliche, deren Besserung man versuchen will, eine Schutzhast von zwei bis vier Jahren, um sie gegen sich und die Gesellschaft gegen sie z» schützen: für Schwerverbrecher und ältere Gewohnheitsverbrecher, an deren Besserung die Behörden zweifeln, eine„verlängerte Schutzhaft" von fünf bis zehn Jahren, um die Gesellfchast zu schützen. In kurzen Worte» gesagt, wird eine teilweise Umwandlung der Gefängnisse und Zuchthäuser in B e s s e r u n g s a n st a l t e» nach dem System der Jugendbesserungsanstalten geplant. Die Bcrändc- rung des Charakters der„Strafe" in em„V o r m u n d s ch a f t s- und Heilverfahren" soll damit erzielt werden. Im einzelnen wird prinzipiell gefordert 1. eine individuellere Behandlung des Berbreehers, die nicht nur den Tatsachen des Straffallcs. sondern auch dem Charakter des Straffälligen Rech- nung trägt, 3. Nnglcichung der Haftzeit an den normalen Lebens- lauf des Bürgers, .'t. Dauer der Haftzeit vom Crfolg der Crziehung abhängig zu machen. Diese Prinzipien sind bereits in der I u g e n d st r a f p f l e g e angewandt morden und sollen nun für ältere Verbrecher ebenfalls versucht werden. Es soll also eine ganz neue Art von„Verbrecherbemahr- a n st a l t" geschaffen werden, die zwar durch den Frciheitsvcrlust ihren strafeiidcn und Haftcharaktcr behält, im übrigen ober durch besondere Ausbildung, Disziplin und Kontrolle de» Verbrechern zu ciiiem nützlichen'Mitglied der menschlichen Gesell- s ch a s t zu machen versucht. Diese Anstalten werden für Zwanzig- und Dreißigjährige reformatorischc Ausbildung bedeuten, für ältere und verhärtete oder geistig minderwertige Verbrecher eine Kontrolle zum«chutz der Oeffentlichkcit. Für alle Jugeiidlichen bis 21 Jahre mit Zlusnahme von Schwerverbrechern und für erstmalige Gesetzes- Übertreter wird als Alternative zu den Besserungsanstalten aus Jugenderziehungsan st alten und die vom Jnnenmini- sterium spezielle eingerichteten Schulen hingewiesen. Das Leben in den geplanten Besserungsanstalten soll mehr dem normalen Leben angepaßt sein, als in Gefängnissen und Zucht- Häusern: die letzteren will man ganz abschaffen, so daß es nur noch„Gefängnis"(mit schärfster Form„lebenslänglich"» und„Besserungsanstalt"(oder wie der englische Ausdruck lautet: „Bewahranstalt") im Strafverfahren geben würde. Um die An- passung an eine normale Lebenshaltung zu ermöglichen, müßte zu dne Besserungsanstalten ein größerer Landbesitz gehören, oder mau könnte öffentliche Arbeitslager einrichten, um umfangreiche Beschästigungsmöglichkeiten zu ge- Winnen. In jedem Falle, so wird immer wieder betont, sollen diese Anstalten erzieherischen und Lehrcharakter tragen. Arbeit in Klassen wird abwechseln mit industrieller Beschäftigung, die ost stumpf- sinnige Tätigkeit, die von den Sträflingen in Gesängnissen ausgeübt wird, soll in interessante und nützliche Arbeit umgewandelt werden. Für den Fall der Erfolglosigkeit des Versahrens in Einzelfällen wird die Ueberführung in eine andere Anstalt oder ins Gefängnis de» Behörden offenstehen. Gebesserte können, nachdem sie drei Viertel ihrer Zeit absolviert haben, entlassen wenden, sollten aber für die restliche Zeit ihrer verhängten Strafe und darausfolgende zwölf Monate unter die Zlussicht einer damit zu betrauenden Gesellschaft oder eines Vormundes gestellt werden. Der Bericht des Untersuchungs- ausschusses streift nur kurz das damit verknüpfte große Problem der Unterbringung von auf Zeit oder endgültig entlassenen Sträflinge» in der Industrie und stellt eine eingehende Untersuchung in Aussicht. Die Bedeutung der oben ausgeführten Vorschläge liegt auf der Hand. Jiildividuelle Behandlung und sorgfältiges Studium des Charakters bedingen eine zuverlässige Methode und einen größeren Einfluß und verbürgen damit den Erfolg, den ein mechanisches Strafverfahren, ein sinnloses Absitzen nicht zeitigen kann. Der Ver- brecher wird vielmehr gezwungen, Stellung zu nehmen, immer wieder die Entscheidung für oder gegen Arbeit zu treffen, nachzudenken. Die Möglichkeit, seine Einstellung zum Leben, seine moralischen Begriffe zu ändern: ist sehr viel größer. Rein praktisch wird die größere Arbeitsmöglichkeit wirklich nütz- liche Ausbildung vermitteln und nicht beispielsweise eine Arniee von Korbflechtern oder Steinklopfern auf die Welt loslasse». Auch hier die Aussicht, den Neigungen des einzelnen Rechnung zu tragen, sein Interesse zu wecken und ihn schließlich doch zuin werktätigen und soziale» Menschen zu machen. Andererseits wird für den Unverbesserlichen eine Kontrolle gc- schaffen, die ihn effektiver und länger erfaßt und so das össent- liehe Leben von ihm befreit. Jedoch bedauert ein Mitglied der Koinmifsion, Ja» G r i f f i t h, daß das Studium des„Entsteheiis des Verbrechens" nicht zu den Aufgaben der Kommission gehört habe. Polizei und Gefängnisse seien nur schwächliche Notbehelfe an Stelle eines gerecht geordneten Wirtschaftslebens und kriminelle Statistiken registrierten nur die Vernachlässigung sozialer Probleme. So klingt dieser Bericht aus, wie es meistens bei derartigen amtlichen Veröffentlichungen der Fall ist: mit einer Anklage der Gesellschaft, deren unschuldig schuldiges Opfer der Verbrecher letztes Endes ist. Der sporilicheVerlauf des RAST Alle Sparten in emsiger Tätigkeit Das sportliche Programm des Reichsarbeitersport- tages, über den wir auch im Hauptblatt berichten, begann schon um S Uhr früh. In zahllosen Vorkämpfen wurden die Ausschei- düngen für die Endkämpfe am Nachmittag getroffen. Auf dem weiten Rasenplatz an der„Podbielski-Eiche" trugen die Schwerathleten die Ostdeutsche Meisterschaft im Ringen aus. Beide Matten waren von den Interessenten dicht umstanden. Die Schwerathleten zeigten dann nachmittags in der großen Kampfarena ihren Sport in allen Arten. Hier wurde ge- boxt, gerungen, 260 Pfund zur Hochstrecke gebracht, Jiu-Jitsu demon- striert. Artisten boten an mehreren Plätzen ihre Vorführungen mit gut einstudierten Schaunummern. Währena der Athletenkämpf« trugen Volkssport-Reukölln und Freier Hockey-Elub Spandau ein H o ck e y s p i e l aus. Im Sport- forum sah man die Tennisspieler bei der Austragung fälliger Serienspielc. Dieser Sport hat sich in der Zlrbeitersportbewegung zu beachtlicher Höhe entwickelt. Die Arbeiter-Schützen ent- falteten auf dem Scheibenstand im Sportforum ebenfalls lebhafte Tätigkeit. Die Berliner hatten eine Städtemannschaft aus Dresden Ztt Gast zur Austragung eines Städtekampfes. Das Schwimmbecken war wie immer ein Anziehung?- Punkt. Bis 13 Uhr zunächst für alle Kürbaden, was von den schon in aller Frühe erschienenen Sportlern weidlich ausgenutzt wurde. Der vollbesetzten Schwimmtribünc wurde am Nachmittag ebenfalls ein reichhaltiges Programm geboten. Die Wettkämpfe aller Schwimmarten waren hart umstritten. Reichen Beifall ernteten wie stets die Turmspringer. Inzwischen kam die Zeit der Aufstellung zum Einmarsch. Nach der Erledigung der Vorkämpfe der Leicht- athleten führten FSV. Schöneberg und FTGB.-Süden ein flottes Handballspiel vor, bei deren Halbzeit von Solidarität auf 12 Motorrädern ein„schneller" Reigen gefahren wurde, etwas neu- artiges auf dem Gebiete des Radsports. Von den Radlern bekam man ferner ein Radballspiel sowie einen Massenreigen mit etwa 100 Radfahrern zu sehen. Ein Veifallsorkan der 4t>000 rauschte immer und immer wieder über den weiten Plötz. Massen- spart, das Hauptziel der Arbeitersportbewegung, reißt eben alles in seinen Bann, von der großen Gymnastik angefangen, bis zu den turnerischen Vorführungen. Alles war darauf abgestimmt. Sogar die älteren Turner fanden an zehn Schwedenbänken Masscnbeschästi- gung, während die jüngeren in kiihnen Sprüngen über das Pferd setzten, die Turnerinnen am Barren hohe Schule vorführten und die Meister der Reckstange mutige Uebungen zeigten. Line Stunde AuünarscK Eine ganze Stunde hat der Auf- und Abmarsch gedauert: immer wieder erhoben sich die Fäuste zum Freiheitsgruß. Doch dann ändert sich blitzschnell das Bild. Die Sportler im großen Aufmarsch waren wohl ausgesucht, sie blieben, als alles abgetreten war, zur Zweckgymnastik gleich auf deni Platz. Welch ein Unterschied zwischen dem sogenannten O l y m p i a f e st der bürgerlichen Rekord- sportler vor drei Wochen an derselben Stelle und gestern! Vor drei Wochen wollte der Deutsche Reichsausschuß für Leibesübungen der Herren L e w a l d und D i e m einen Querschnitt durch den bürgerlichen Sport zeigen, und sie brachten keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Leer die Tribünen, leer die Sportbahnen. Gestern zeigt» der Zlrbeitersport einen Ausschnitt aus seiner Betätigung. Da gab's keinen Kanonensport, da gab's keine Sensationen für die Augen der Zuschauer und der Zeitunzsleser. Aber Sport als Leibesübungen gab es zu sehen. zwar auch in Form von sportliche» Kämpfen, doch da war keiner des anderen Teufel. Es gab kein« Absagen der Stars, es gab keine Rivalitäten, keine Proteste um die Hundertstel Sekunde. Und doch: es gab sogar eine Meisterschaft. Die Ringer de« Arbeiler-Athletenbundes trugen die Ostdeutsche INeisterschaft aus. Breslau nahm sie mit noch Hause. Ader bei den Arbeitersportlern wird so eine Meisterwürde nicht im Triumph durch die zahlende Mitwelt getragen: die Mannschaft stellte sich vor, nahm als Siegerlohn den Beifall der Zuschauer und reihte sich wieder ein in den großen Troß der anderen. Und innner wieder umstreisten die Läufer die Aschenbahn, warfen sie den Speer, sprangen sie, turnten sie an Geräten, schwamnien die Wassersportler im großen Bassin, zeigten sie, die alt Gewordenen, ihre Gymnastik, die sie wieder jung macht. Und immer wieder ging das Volk auf den Tribünen mit, gab es Beifall, Zurufe,„Freiheit"-Grüßk Die I�eichtatKIetikkämpte Achtbare Leistungen in allen Disziplinen In der Leichtathletik gab es die erste große Iahrespriisung der Berliner Vereine. Der talentierte Nachwuchs lief den alten Kräften den Rang ab. Vorzügliches Sprintermaterial präsentierte der Sportverein Moabit. H e n n i g gewann in der guten Zeit von 22.8 Sek. vor seinem Vereinskomeraden Miller den 200-Meter-Lauf, ferner unterbot Moabit in der 4X100-Meter-Stasette erstmalig in diesem Jahre die 45-Sekunden-Grenze. Den l50y-Metcr-Lauf holte sich erwartungsgemäß H u w e- ASC. vor den beiden Ostringcrn K i t t l e r und K i n t s ch e r in der ebenfalls guten Zeit von 4.13 Minuten Im Speerwerfen bewies der junge Hahn-Kalk- berge erneut, daß er keine Zusallswiirfe bei früheren Festen er- zielte. Bei den Frauen hielt D u m k e- Ostring die 100 Meter sicher vor Schulz-ASC. Den Hochsprung teilten sich die Neuköllnerinnen S t o l z e n b u r g und Piepen bürg ASV. und Weidlich- ASC. mit 1,35 Meter. In den Vorkämpfen wurden 1,40 Meier erreicht. Rot-Weiß stellte die schnellste 10X100-Meter-Sportlerinnen- Stafette vor, ASC. und Volkssport Wedding endeten auf den Plätzen. Bei der Jugend lief H a n i s ch- Südost im jüngeren Jahr- gang die gute Zeit von 11.6 Sek. heraus vor den Neulingen Deghcr- ASV.-Wedding und Köppen-Tegel, während im älteren Jahrgang S ch i l l b a ch- Ostring erneut vor Geiselcr-ASC. gewann. Der Iugendweitsprung endete mit der vorzüglichen Leistung von Bolze- ASC. mit 6,20 Meter. Eine Ueberraschung brachte Sportvereinigung Fichte durch den Erfolg in der 10Xl00-Meter-Iugendstasette vor ASC. und ASV.-Neukölln. Heiß umstritten war die große „R a st st a f e t te" 20X300 Meter. Die jungen Mannschaften hielten sich lange in der Spitzengruppe. Auf halber Strecke zogen dann Ostring. ASC. und Moabit davon, um sich einen prächtigen Kampf zu liefern. Ostring hatte die weitaus beste Mannschaft und lief dem Felde zeitweise bis 80 Meter davon. Moabit und ASC. kämpften sich nur mit großer Mühe zum Ende bis auf 40 Meter heran, dann aber verwies Hennig in den letzten Metern noch ASC. auf den dritten Platz. In einigem Abstand solgten Volkssport Neu- kölln, Wedding, Rot-Weiß und ASV-Neukölln. Lrgebmsse .Hochsprang, Frauen: t. Slolzenburg(ASB. Neukölln) 1,30 Meter; Z. W-id. lich f«3S. Berlin) 1,35 Meter; 9. Piepenburg» zum 5. Juli. Meldungen ohne Geldbetrag gelten als nicht abgegeben. Ver- lvätete Meldungen für die„Baldursahrt", Erwachsene 17 Mari, Jugendliche 13 Mark, Kinder 10 Mark, safori an Lichlenberqer Str. 9. Alhlctil-Lport-Klnb c. V. Die für Dienstag, 5. Juli, angesetzte Juli. Monatsvcrsammlung des Atbletik-Sport-Klub c. V. wird auf Dienstag, 28. Juni, vorverlegt und findet bei Oppcrmann, Neukölln, Emser Eck- Oder- straß« statt(20 Uhr). Freie Sportvereinigung Pankow. Dienstag, 28. Juni, 19 Uhr, Elternv-r. sammlung der Kinderableilungen in der Turnhalle.— Jugcndabieilung. MIti. motfi. 2». Juni, Heimabend. Touristeaverrin„Die Naturfreunde-. Dienstag, 28, Snni. Abt. Friedenau: Offenbachcr Str. 5». Brettspielabend.— Abt. Humboldthain(Stammabteilung): Billdcnowstr. 5. Das gute und da» schlechte Buch.— Abt. Mitte: Abend. Wanderung durch den Tiergarten. Trrsfpunit 1» Uhr Bahnhof Belleoue, Aus. gang Las» Gärtner.— Abt Wedding-Gcsundbrunnen: Willdenowstr. 5. Mnstk- abend.— Abt. Norden: Sonnenburger Str. 20. Echallplatten, Opernabend.— Mittwoch, 2». Juni. Abt. Neinickendors-Wittenau: Jugendbeim Hauptstr. 1». Liederabend.— Abt. Osten(Jugend): Frankfurter Allee 307.— Donnerstag, 30. Juni. Naturkundliche Abteilung: Jahannlsstr. 15. Lichtbildervortrag: Geologie unserer Seen.— Photoarbeilsgemeinschaft Nowack: Iohannisstr. 15. — Abt. Tiergarten: Baden im Plötzensee.— Abt. Südwest: Evortabend, Am Urban.— Abt. Neukölln: Zieihenstr. 58. Naku.— Abt. Binetaplatz, Schönhauser Borsiadt: Lortzing. Ecke Graunstraße. Bunter Abend.— Arbeitsgemeinschaft Lindenhof. In der Abteilung Prenzlauer Berg, Danziaer Str. 02, Baracke 2, spricht Donnerstag, 80, Juni, Dr, Dcrl: Pslichoanalgse(20 Uhr), Gäste herzlich eingeladen.__ Rundfunk am Abend Montag den Z7. Juni 1932. Berlin; 16.03 Moderne Feuerbestattung(A. Tsdiirner). 16.30 Lieder. 16.45 Klaviermusik. 17.10 Russische Gesänge. 17.30 Ferienfahrten im Boot(E. Albrecht). 17.30 Von der bildenden Kunst(Dr. M.Deri). 18.00 Ausschnitt aus der 700- Jahr-Feier der Stadt Oranienburg(am Mikrophon Dr. Hoffmattn-Harnisch). 18.30 Unterhaltungsmusik. 18.53 Die Funkstmlde teilt mit. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 Tanzmusik. 19.23 H. F. Bhinck: Eigene Dichtungen. 19.30 Kammer- orchesterknnzert. 20.33 Zwölf Jahre deutsche Siedlung im Osten(F. Koepp). 20.55 Ausschnitt aus einem A-capella- Konzcrt. 21.10 Aus Frankfurt a.\L: Hörspiel:„Vormund- schaffssache Gerd Junker". 22.30 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. K ö n i gs w u s t e r h a n s e n: 16.no Pädagogischer Funk (Oberschuhat II. Schlemmer). 17.30 Die Kunst des Tierausstopfens(Oberpräparator W. Glasmacher). 18.00 Musizieren mit unsichtbaren Partnern(Dr. H. Just). 18.30 Spanisch für Anfänger(Gertrud van Eyseren, Dr. F. Annesto). 18.53 Wetterbericht. 19.00 Aktuelle Stunde. 19.20 Die Bienenzucht (Dr. Goefze). 19.33 Die geistige- Situation der Zeit(Prof. H Schmiedel). 20.00\us Hilversnm: Niederländisches t urnpa-Konzert des V\ RA- A rbeiter'-enders 22.30 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Grenzberichte. Sonst Berliner Programm. Vollständiges Europa-Programm im..Volksfunk", monatl. 96 Pf. durch alle„Vorwärts"-Boten oder die Postanstalten.