Erscheinttäglich außer Sonntag«. Zugleich Abendausgabe des.Dorwärts� Bezugspreis für beide Ausgaben 75 Pf. pro Woche. 3,25 M. pro Mona! (davon 87 Pf. monatlich für Zustellung ins Haus) im voraus »ablbar. Postbezug 3,97 M. einschließlich 60 Pf. Postzeitungs» und 72 Pf. Postbestellgebübren. „Ibwasfa Anjclgrnvrel«. L» rlnsvalttge Mllllmclcrjellr S0 Pf. Reklamejeile 2.— M. Ermäßigungen nach Tsrif. DMitieckkonto: Borwärls-Verlag G. m. b. H., Berlin Rr. Z7 S2K.- Der Verlag behält iich dag Recht der Ablehnung nicht genehmer Anicigcn«or Redaktion und Erneditio«: Berlin SWK8, Ltndenür> Eernsvrecher: Dänhz? CA 7) 292—297 BERLIN Dienstag 28. Zum 1932 10 Pf. Jir. 300 B 150 49. Jahrgang Verordnung gegen die Länder MWW>B�HM�WK>S>>W>WWW>�MlSS>WW�>>>M>UW>MnMnHBW>>BWWK> Gayl berichtet Hindenburg- Notverordnung Mittwoch Amtlich wird mitgeteilt: Der Herr Reichspräsident empfing heute den Reichs- minister des Innern Freiherrn von Gayl zum Vortrag über die schwebenden innerpolitischen Fragen. Die Nl»tverordnung über das Uniform- tragen und die Demonstrationsfreiheit wird. wie die„Telegraphen-Union" erfährt, erst am M i t t- Wochvormittag veröffentlicht werden. Die Konferenz bei Hirtsiefer. Die Einladung des flellverkretenden preußischen Ministerpräsidenten h i r l s i e f e r zur gestrigen Ländermini st erkonse- renz war an alle Länderregierungea gegangen, deren Minister- Präsident oder Innenminister nicht der hitler-partei angehört. Sachsen hat an der sionserenz nicht teilgenommen, aber bereits vorher schriftlich sein Einverständnis mit den etwa zu fassenden Entschlüssen mitgeteilt. Da Sachjen sowohl über die verhandlungsgegenslände wie auch über die Meinung der meisten Länderregierungen in bezug auf die bevorstehende Notverordnung des Reichspräsidenten unterrichtet ist, konnte es diese vorherige Zu- stimmung natürlich aussprechen. Das Reich und die Länder. Wo steht das Recht? Der bisherige Reichstagsabgeordnete Staatsanwalt Dr. Hoegener-München beschäftigt sich in dem nachfolgenden Aufsah mit den rechtlichen Grundlagen einer Verordnung des Reichs gegen die Länder. Der Streit zwischen dem Reich und den süddeutschen Ländern hat eüie rechtliche und eine politische Seite. Gegenstand des Streites sind Maßnahmen der Länder, die von ihnen zum Schutze der öffentlichen Ordnung und Sicherheit erlassen sind. Die Berechtigung der Länder zur Vorkehrung solcher Maßnahmen steht außer Zweifel. In der Weimarer Verfassung ist die sogenannte Polizeioberhoheit der Länder im Grundsatz aufrechterhalten worden. Nur soweit ein Bedürfnis für den Erlaß einheitlicher Vorschriften besteht, hat das Reich nach Artikel 9 RV. die Gesetzgebung über den Schutz der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Daneben be- steht das Recht des Reichspräsidenten nach Artikel 48 RV., bei erheblicher Störung oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in irgendeinem Teile des Reiches die zu ihrer Wieder- Herstellung nötigen Maßnahmen zu treffen. Selbstverständlich ist in Artikel 9 RV. ein allgemeines Bedürfnis, nicht das Bedürfnis einer einzelnen politischen Partei gemeint. Selbstverständlich muß es sich in den Fällen der Artikel 9, 48 RV. um Maßnahmen handeln, die wirklich dem Schutze und der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, nicht ihrer Vereitelung dienen. Durch die Aufhebung des Reichs- uniformverbots hat die Reichsregierung zum Ausdruck gebracht, daß sie ein Bedürfnis, die Uniformfrage von Reichs wegen zu regeln, nicht mehr anerkennt. Damit ist den Ländern die Möglich- keit eröffnet, auf diesem Gebiet wieder Maßnahmxn auf Grund des Londesrechls zu treffen. Die Rechtslage ist wieder so, wie sie vor Erlaß des Reichs- Uniformverbotes gewesen war. Man glaubt nun die Länder durch eine Reichsverordnung nach Art. 48 der Reichsverfassung zwingen zu können, ihre in eigner Zuständigkeit erlassenen Unisormoerbote wieder auf- zuheben. Die Anwendung solchen Zwanges wäre rechtlich und poli- tisch außerordentlich bedenklich. Der Reichspräsident kann noch Ar- tikel 48 der Reichsverfassung nur Maßnahmen treffen, die zur Wiederher st ellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötig sind. Die Länder haben ihrerseits auf Grund des Landes- rechts solche Maßnahmen bereits ergriffen, sie haben in der Erlaub- nis, Parteiuniformen zu tragen, eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung gesehen und deshalb das Uniformtragen verboten Das Eingreifen des Reichspräsidenten gegen die Länder auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung würde also die Be- hauptung und Annahme voraussetzen, daß gerade durch die Maß- nahmen der Länder, die zum Schutze der öffentlichen Ordnung und Sicherheit erlassen sind, die öffentliche Sicherheit und Ordnung wir-wi- uSÄ-». Jsinr-.17; flätesusii ftäSia VOLKISCHER�EC fr e r 0 n< 9« b»' PIHr j«orapfbi«fl der ooti»ii-I.s«,ssUflsichei> ft.P.D. Im Mord voran: MMj WWMMWMWk Hilf MllWllMliilkll OM'Se nüttWteifrMfMraSEJitetwClMffr .OetiaitH- i!:iv;!.a;,vs'a.»fc» „-.. er y So hetzt der..Völkische Beobachter", das Blatt Adolf Hitlers, mit Lügen zum Bürgerkrieg!— Ist nun Zeit zum C'inschrciten?„Noch nicht!" sagt Herr von Gayl. g e st ö r t würde. Eine solche Annahme wäre nicht nur eine Be- leidigung der betreffenden Landesregierungen, sondern sie wäre auch rechtlich und tatsächlich nicht zu rechtfertigen. Die Ereignisse der letzten Woche haben gezeigt, daß in den Ländern, in denen das Uniformverbot bestehen blieb, die Verstöße gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung geringer und weniger gefährlich gewesen sind als in jenen Ländern, in denen die politischen Gegner Zudiflians gegen SMlarehs Das Urteil im Sklarek-Prozefj wurde heute gesprochen. Es lautet gegen Leo und Willi Sklarck aut je vier Jahre Zuchthaus. (Näheres an anderer Stelle des Blattes.) einander in Uniform erblickten. Richtig ist, daß die National- sozialisten in München gegen das bayerische Uniformoerbot einen Aufmarsch veranstaltet haben. Damit ist aber doch wohl die öffent- liche Ordnung durch die verbotswidrig aufmarschierenden National- sozialisten, nicht aber durch das Bestehen des Uniformverbotes ge- stört. Die Länderrcgierungen sind also der Reichsregierung gegen- über zunächst unbestreitbar im Recht. Dem Vernehmen nach hat auch die Reichsregierung ihre Forderung an die Länder, die Uniformverbote aufzuheben, zuletzt gar nicht mehr aus rechtlichen, sondern aus politischen Gründen gestellt. Auf politischem Gebiet aber besteht für die Länder nach der Weimarer Verfassung volle M e i- nungsfreiheit. Den Ländern ihre eigene politische Meinung mit Mitteln des Rechtes austreiben zu wollen, wäre«in Mißbrauch des Rechts. Sicherlich mag eine einheitliche politische Linie in Reich und Ländern für eine Reichsregierung ein erwünschtes politisches Ziel sein, aber ein Recht darauf hat sie»ich t. Am allerwenigsten sollte sie sür einen rein politischen Zweck Mittel ins Feld führen, die in keinem Verhältnis stehen zu dem erstrebten Erfolg. Liegt es denn wirklich im Reichsinleresse, daß auch in Bayern und Raden die Nationalsozialisten ihre neuen Uniformen spazieren tragen dürfen? Muß man um dieses vermeintlichen Reichsinterejses willen in der gegenwärtigen schwierigen Lage von Reich und Volk das aller- schwerste Geschütz gegen die Länder auffahren? Man verstünde den Eifer einer wirklich überparteilichen Reichsregierung noch einigermaßen, wenn ein Land gegen eine ihm nicht genehme politische Richtung mit innerlich ungerechtfertigten Ausnahmevor- fchriften eingeschritten wäre. Ein solcher Fall liegt nicht vor. Die Uniformoerbote in Bayern und Baden gelten allgemein, trotzdem sich die republikanischen Organisationen immer dagegen gesträubt (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Krise in Lausanne. Folgen der Wochenendreisen Herriots und Popens. Jede internationale Konferenz macht ihre Krise durch. Immer— oder fast immer— wird sie überwunden. Die Umstände allerdings, unter denen die Krise in Lausanne aus- gebrochen ist, sind etwas ungewöhnlich. Denn die Verschär- fting der Lage hängt nicht nur zeitlich, sondern auch sachlich offenbar mit den beiden Wochenendreisen zusammen, die sowohl Herriot wie Papen nach der Hauptstadt ihres Landes unternommen und von denen sie innerpolitisch aufgeputscht und außenpolitischunnachgiebi- g e r an den Konferenzort zurückgekommen sind. Welche Einflüsse sich in Paris bei Herriot bemerkbar ge- macht haben, läßt sich im Augenblick nicht klar erkennen, da- gegen ist es unbestreitbar, daß der Aufruhr der deutschen Presse gegen das verunglückte„M a t i n"- I n t e r v i e w des Reichskanzlers einen Widerhall in den Berliner Kabinetts- beratungen gehabt hat, der Herrn von Papen von Montag an veranlaßte, wieder den starken Mann zu markieren. Nach verschiedenen übereinstimmenden Berichten soll Herriot am Schluß der gestrigen bewegten Auseinander- setzung dem Reichskanzler erklärt haben:„Noch am Freitag sprachen Sie von Kompensationen— heute ist davon keine Rede mehr!" Wenn das zutrifft, so wäre daraus zu schließen, daß dieses ominöse Wort nicht nur in dem abge- leugneten„Matin"-Interview, sondern auch in den o f f i- zielten Beratungen selbst gefallen ist. Hinzu kam noch der setsame Zwischenfall mit den beiden Fassungen der Krosigk-Rede— dem Auszug für die deutsche Presse, den die französischen Partner unglücklicher- weise schon während der Sitzung in Händen hatten, und der tatsächlichen Rede, wie sie gehalten wurde. Ob die Unterschiede sehr stark waren und worin sie bestanden, ist noch nicht bekannt. Es scheint, daß es sich eigentlich mehr um Abschwächungen handelte, die erst nach der Rückkehr Papens aus Berlin in das Redemanuskript des Reichsfinanzministers hineinkorrigiert wurden und die bei den Franzosen den Ein- druck erweckten, als beschränkte sich Deutschland anstatt der angekündigten„Kompensationen" für den Verzicht auf Reparationen auf allgemeine Zukunftsredensarten. Pessimismus in Paris. Paris. 28. Juni.(Eigenbericht.) Der gestrige Tag der Lausanner kcmserenz wird von der Pariser Presse als ein sehr unangenehmes Dalum in der Ge- schichte der deutsch-französischen Reparationsverhandlungen bezeichnet. Auf Grund der Ausführungen des Reichssinanzminister» und des Reichskanzlers halten mehrere Zeitungen es nicht mehr sür wahrscheinlich, daß eine Einigung zwischen Deutschland und Frankreich zustande kommt. P« r t i n a x meldet dem„Echo de Paris" um 1 Uhr morgens, daß auch die Verhandlungen, die Herriot und von Papen in der Nacht mit Macdonald hatten, nicht den Zweifel verscheudst hätten, der über den Ausgang der Konferenz bestehe. Macdonald werde seine Einigungsbemühungen heute fortsetzen, aber es sei zweifelhaft, daß er die deutsche Delegation zum Nachgeben veranlassen könne und daß er sich selbst vollkommen mit Herriot einige. Aus den energischen Worten, die Herriot am Schluß der deutsch- französischen Beratungen ausgesprochen habe, dürse man schließen, daß der Ministerpräsident, wenn er die französischen Min- destforderungen nicht durchdrücken könne, die Verhandlungen abbred)en werde. Der Chefredakteur des„Matin" erklärt in einer Lausanner Meldung, die Beratung am Montag habe alle Hoffnungen für eine Annäherung zwischen den beiden hauptsächlichsten Partnern zunichte gemacht. „W as bieten Sie uns an?" habe Germain Martin den Reichskanzler am letzten Freitag gefragt. Der Reichskanzler habe den Sonnabend und Sonntag in Berlin verbracht und noch seiner Rückkehr Frankreich w e n i g e r a l s nichts für die Streichung der Reparationen angeboten. Man habe sogar den Eindruck gehabt, daß der Kanzler, wenn er noch einmal nach Berlin fahre, bei feiner Rückkehr von Frankreich noch etwas fordern würde. Der Berichterstotter des„E x z e l s i o r" meldet, daß sich seit voriger Woche die Haltung Deutschlands vollkommen geändert habe. Es habe eine Rückzugsbewegung ausgeführt, mit der die Reife von Papens nach Berlin im Zusammenhang stehe. 4 Lahre Zuchthaus für die Gklareks Gefängnisurteile gegen die Gtadtbankdirektoren und die Gtadibeamten In einer Lousonner Meldung des„Petit Parisien" wird im Hinblick auf die Höhe der P r i v a t f ch u l d« n Deutschlands, deren Rückzahlung nach Ansicht des Reichssinanzministers der Reichsbank große Schwierigkeiten mache und jede weitere Zahlung von Repara- tionen ausschließe, Macdonald aufgefordert, er möge doch anregen, daß die Prioatschuldner gleichfalls ein Opfer bringen, wenn Deutschland, um den Bankrott zu vermeiden, sich mit seinen Gläubigern zu verständigen wünscht, so sei es ganz natürlich, von ihm zu verlangen, daß es im gleichen Maße mit allen Gläubigem den privaten und den politischen, ein Kompromiß sucht. Vermittlungsversuch Macdonalds. Lausanne, 28. Zuni. Aus den gestrigen Abendbesprechungen des Reichskanzlers und herriot» mit Rkacdonald hat sich ein versuch ergeben, die Delegationen im Beisein der englischen zu gemeinsamen Besprechungen zusammenzusühren. Zn der Rlittagsstunde sind Im Hotel der englischen Delegation der Reichskanzler mit dem Reichsftnanzminister, herriot und der französische Finanzminister im Gespräch mit ZNacdonald und Chamberlain zusammengetreten, um das Ergebnis der gestrigen französisch-deutschen Aussprache in einer Erörterung zwischen drei Parteien weiterzuführen. Auch an dem heutigen Rochmitlag sind derartige Besprechungen vorgesehen, an denen die Handels- bzw. Wirtschaftsminister teilnehmen sollen. Das Reich und die Länder. (Fortsetzung von der 1. Seite.) haben, mit Ruhestörern in einen Topf geworfen zu werden. Man hat aber, um auch nur den Schein der Parteilichkeit zu vermeiden, den republikanischen Organisationen Unrecht getan. Die Haltung der Reichsregierung erschiene deshalb jedem ver- künftigen Menschen ganz unverständlich, wüßte man nicht, daß hinter ihrem Vorstoß gegen die Länder bestimmte Verein- barungen mit den Nationalsozialisten stecken. Die Vertragstreue der Reichsregierung in allen Ehren, aber sie kann doch nicht so weit gehen, daß ihr das Recht der Länder und die Einigkeit des Reiches zum Opfer gebracht werden! Der f o r s ch e T o n, der jetzt vor allem in Berlin gegen die süddeutschen Länder angeschlagen wird, erklärt sich hoffentlich nicht dadurch, daß seit 1318 die Süddeutschen in einem Reichskabinett nunmehr am schwächsten vertreten sind. Wir Bayern ver- tragen diesen Ton am allerwenigsten, er bringt uns das Blut zur Siedehitze und erzielt das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist. Wir sind keine Untergebenen irgendeiner Reichsregierung, wir sind als freie Bundesgenossen zum Reiche gekommen und brauchen uns Flegeleien nicht gefallen zu lassen. Deshalb ver- langen wir, daß der Streit zwischen Reich und Ländern auf dem Boden des Rechts und der gegenseitigen Achtung ausgetragen wird. Die bayerische Sozialdemokratie hat es nicht nötig, sich in dem gegenwärtigen Streit zwischen Reich und Ländern auf ihre Reichstreue zu berufen. Wir brauchen nicht umzulernen. Wir stehen da, wo wir im Jahre 1323 gestanden haben. Damals haben wir in Bayern die Weimarer Berfasiung gegen eine mißleitete bayerische Regierung verteidigt. Unsere erbittertsten Gegner, die sich damals als weiß-blaue Föderalisten aufspielten, weil sie Bayern al» Aufmarschgelände gegen Berlin benützen wollten, sind die gleichen Brüder, die heute nach der Reichsexekutive gegen Bayern rufen. Wenn und solange eine bayerische Regierung heute die Grundrechte der Deutschen nach der Weimarer Ver- fassung gegen eine„nationale Diktatur" dieser Herren schützt und sich gegen jede rechtswidrige Vergewaltigung wehrt, wird sie die bayerische Sozialdemokratie an ihrer Seite haben. Verbot! Verbot! Hugenberg wünscht Verbot des„Vorwärts"! Unser Extrablatt„Volk, du mußt zahlen, damit die SA. paradieren kann!", das in Berlin verbreitet wunde, läßt die Reaktionäre aller Schattierungen aufschäumen. Der„Lotal-Zlnzeiger" des Herrn Hugenberg, der gegenüber nationalsozialistischen Unslätigkeiten immer ein mildes Verstehen zeigt, ruft plötzlich nach der Polizei, daß sie die Verbreitung der Wahrheit durch den„Vorwärts" verbiete! Wir hängen diese Sehnsucht der Hugenberg-Leute nach Presse- verboten hiermit gebührend niedriger! Pressekritik und Zensur. Treffende Feststellungen der„Kölnischen Volkszeitung". Köln, 28. Juni.(Eigenbericht.) Die„Kölnische V o l t s z e i t u n g", das matzgebende rheinische Zentrumsblatt, das die Unterredung des Reichekanzlers mit dem„Matin"-Vertreter in Lausanne scharf kritisierte, wendet sich am Dienstag früh mit bissiger Ironie gegen die Regierung, die die Kritik des Kölner Zentrumsorgans als„geradezu beispiellos" be- zeichnet hat. „Die Reichsregierung", so sagt die„Kölnische Volkszeitung",„hat ankündigen lassen, sie werde geeignete Maßnahmen gegen die„Köl- nische Volkszeitung" ergreifen. Wir wissen nicht, worin diese„Maß- nahmen" bestehen, können aber ruhig abwarten, ob es in der Absicht der Regierung liegt, die wirtlich nationale Kritik mund- totzumachen. Diese Maßnahme müßte dann ja auch a u f a n« dere Blätter ausgedehnt werden, die innenpolitisch mit Herrn von Papen im gleichen Schritt und Tritt marschieren, aber seine außenpolitischen Seitensprünge(diese Bezeich- nung stammt von der„Deutschen Tageszeitung") kritisieren. Es bleibt dann auch nur noch die engere Regierungspresse übrig, die früher dauernd auf der Suche nach nationalen Sünden Brünings war. Aber je mehr diese Regierungspresse schweigt, um so lauter nmß die nationale Presse ihre Stimme erheben, wo sie Gefahr für Deutschland befürchten muß." Sozialdemokratischer Wahlerfolg. Bei den Kommunalwahlen in Mecklenburg. In der Stadt Sternberg(Meckl.-Schwerin) hatten die Wahlen zum Stadtparlament folgendes Ergebnis: Nationalsozialisten 621 Stimmen, Sozialdemokraten 433, Kommunisten 213. Die Man- datsoerteilung ist wie folgt: Nationalsozialisten 6(3), So- zialdemokraten 4(3), Kommuni st en 2(2). Die Bürgerliche Fraktion, die in der vorigen Wahl 7 M a n- d a t e hatte, ist diesmal nicht vertreten. Neben dem erfreulichen Erfolg der Sozialdemokraten zeigt das Wahlergebnis, daß es den Nazis nicht gelungen ist, die«hcnialigen sieben bürgerlichen Mandate auf sich zu vereinigen. Am heutigen 128. Verhandlungstag. pünktlich 11 Uhr vormittags, verkündete die Große Strafkammer beim Landgericht I, die seit dem 13. Oktober 1931 gegen die Sklareks zu Gericht saß, unter dem Vorsitz des Amtsgerichtsrats T e ß m e r das Urteil. Gs wurden ver- urteilt: Leo Sklarek und Willi Sklarek wegen Be- truges zum Teil in Tateinheit mit schwerer Urkunden- frilschung und wegen Betruges in weiteren acht Fällen unter Freisprechung von der Anklage des kionkursver- brechens und des Konkursvergehcns und der Anstiftung der schweren Untreue zujevierJahrenZuchthaus. Ttadtbankdirektor Schmidt wegen schwerer passiver Bestechung zu vier Monaten Gefängnis, Stadt- bankdirektor Hoffmann wegen schwerer passiver Be- stechung zu drei Monaten Gefängnis. Bürgermeister Kohl wegen schwerer passiver Be- stechung zu ein Jahr drei Monaten Gefängnis, Bürgermeister Schneider wegen schwerer passiver Be- stechung zu vier Monaten Gefängnis, Stadtrat Gäbcl wegen schwerer passiver Bestechung zu ein Jahr sechs Monaten, Stadtrat T e g e n e r wegen schwerer passiver Bestechung zu sechs Monaten Ge- f ä n g n i s, Stadtamtsrat Sakolowski wegen schwerer passiver Bestechung und schwerer Untreue in zwei Fällen zu ein Jahr drei Monaten Gefängnis. Buchhalter Lehmann wegen Beihilfe des Betruges und schwerer Urkundenfälschung zu ein Jahr drei Monaten Gefängnis, Buchhalter Tuch wegen Bei» Auch die vergangene Rächt ist wieder äußerst unruhig verlausen. Besonders in Steglitz übten die SA.-Leute in der Zeit zwischen 2? und l Uhr einen beispiellosen Straßenterror aus. Obgleich die Umgebung des Rathauses, die Schloß-, Albrecht-, Schützen- und heese- strahe durch ein starkes Polizeiaufgebot zunächst gesichert schien, gingen die Angriffe systematisch von den SA.-Leulen aus. In mehreren Fällen eröffneten die Hitler-Leute auf die kommunistischen Gegner Pistotenseuer. In der B e r g st r o ß e in Steglitz übersielen etwa 33 bis 43 SA.- Leute mehrere Mitglieder des Reichsbanners. 3 Kameraden wurden leicht verletzt. Die Hakenkreuzler gaben auf die Reichsbanner- leute mehrere Schüsse ab, ohne jemand zu treffen. Von einem Schnell- patrouillenwagen der Schupo wurden 11 Nazis, die in das Haus Verstrnße 2 gestüchtet waren, festgenommen und der politischen Polizei übergeben. Am Düppelplatz in Steglitz wurde der Kommu- nist Willi Seyfert aus der Arndtstraße von SA.-Leuten durch einen Schuß niederge st reckt. Die Täter entkamen. S. fand im Stubenrauchkrankenhaus Aufnahme. Im Anschluß an diesen Feuerüberfall auf die Kommunisten wurden in der Schloßstraße fünf SA.- Leute fe st genommen, von denen zwei scharf- geladene Pistolen bei sich führten. Die Täter wurden in Ge- wahrsam genommen. Im Bäkepark in Lichterfelde wurde eine kleine Gruppe Kommunisten von einer vielfachen liebermacht SA.-Leuten umzingelt. Drei Kommunisten mußten wegen schwerer Kopfver- letzung zur nächsten Rettungewache gebracht werden. Ein Nazi konnte nach längerer Verfolgung festgenommen werden. In der Steg- litzer Straße, unweit der Potsdamer Straße, wurde e i n Passant ohne jeden Anlaß von S A.- L e u t e n ii b e r s a l l e n und durch einen Messerstich am Kopf erheblich verletzt. Der lieber- fallen« wurde nach dem Elisabethkrankenhaus transportiert. Zwei Kommunisten in Neukölln niedergeschossen. Ein blutiger Zwischenfall spielte sich noch Mitternacht in der Donau st raße in Neukölln ab. Dort wurden einige Kam- munisten von einem großen Trupp Hakenkreuzler überfallen. Zwei Kommunisten, der Schlosser Theo Strecker aus der Jägerstraße und der Arbeiter Kurt Duckwitz aus der Hermannstraße erlitten schwere Beinschüsse. Die Verletzten wurden ins Buckower Krankenhaus übergeführt. Von der Polizei wurden wenige Minuten nach der Schießerei in der Donaustraße fünf Hakenkreuzler ge- stellt, die an der Schießerei teilgenommen hatten. Zwei Pistolen und mehrere leergeschossene Hülsen wurden auf dem Bürgersteig gefunden. Die Nationalsozialisten hatten sich ihrer Waffen vor ihrer Festnahme noch rechtzeitig entledigt. In der Gleimstraße wurde gestern abend der Genosse H. mehrmals von Nationalsoziali st en überfallen, zu Boden geschlagen und übel zugerichtet. Durch das Eintreten von Passanten konnte H. vor Schlimmerem bewahrt werden. Saalschlacht in Schlefien. 300 SA.'Leute überfallen Arbeitersportler. Kausfung a. k., 28. Juni. Am Sonntagabend veranstaltete die Ortsgruppe Tiefhartmanns- darf des Arbeiterradfahrerbundes„Solidarität" auf der„Kapelle" ein Vergnügen. In der 11. Abendstunde fuhren an dem Lokal etwa 333 Nationalsozialisten aus der Bunzlauer Gegend auf den Rädern vorbei. Hierbei gab es mit den letzten Radfahrern ein Wortgeplänkel. Darauf machte die national- sozialistische Schlägerkolonne geschlossen kehrt und st ü r m t e in überwältigender Uebermacht das Lokal. Da sich die Arbeiter zur Wehr sehten, entstand eine furchtbare Saalschlacht. Der anwesende Landjäger war vollkommen machtlos. Die Nationalsozialisten schlugen mit allen Gegenständen, die ihnen in die Hände kamen, zu und benutzten alles mögliche als Wurfgeschosse. So wurde im Nu das ganze Lokal völlig verwüstet. Kein Fenster, kein Stuhl und kein Bierglas blieben ganz. Von den Mitgliedern des Arbeiterradfahrerbundes blieben zwei Schwerverletzte und etwa 8 Leichtverletzte, letztere mit Kopf-, Schnitt- und Hiebwunden, auf dem Platze. Nach während des Kampfes bemühte sich ein Arzt um die Verlegten. Hilfe zum Betrug zu sechs Monaten Gefängnis und der Tiplomkaufmann L u d i n g wegen schwerer passiver Bestechung zu ein Jahr drei Monaten Gefängnis. In der Ltrteilsbegründuna führte der Vorsitzende aus, daß im Sklarek-Prozeß die lange Ver- Handlungsdauer notwendig gewesen wäre, um die ganzen Vorgänge richtig nachprüfen zu können. Die Stadtbankdirektoren hätten sich verschiedentlich unbewußt offenbart, und so sei das Gericht zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Stadtbankdirektoren von den Sklareks getäuscht worden seien. Von einem„gemeinsame Sache machen" zwischen Stadtbankdirektoren und Sklareks könne keine Rede sein. Es sei ganz offenbar, daß die Sklareks keinen Anspruch auf Kredite gehabt hätten. Der Sinn der Sklareks wäre lediglich gewesen, sich zu bereichern. Bei Kohl, Sakolofski, Gäbel, Degener, Schnei- der und L u d i n g erkannte das Gericht ferner auf die Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter auf fünf Jahre, mit Ausnahme von Degener und Schneider, bei denen das Gericht lediglich auf drei Jahre der Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter erkannte. Außerdem wurden dem Staate für verfallen erklärt 8833 M. Bestechungsgelder, die Stadtbankdirektor Schmitt erhalten hatte, 4303 M., die Stadtbankdirektor H o f f m a n n empfangen hat. Von dem Vermögen von K o h l, der aus dem Polizeigewohrsam entlassen wird, wurden 15 353 M. für verfallen erklärt, bei Sakolofski 23 533 M.. bei Gäbel 21 553 M., bei Degener 13 333 M., bei Schneider 14 633 M., bei L u d i n g 4333 M., außerdem ein Grammophon, das Stadtbankdirektor Schnitt erhalten hatte. Bei Sakolofski, Gäbel, Schneider und Luding wurden außerdem die Kleidungs st ücke für den Staat als verfallen erklärt, die die- selben von Sklareks erhalten haben. Die beiden Schwerverletzten wurden in das Krankenhaus Kalk» werk Tschirnhaus in Kauffung eingeliefert. Hier rang der eine Arbeiter, Vater von 4 Kindern, der aus Tiefhartmannsdorf stammt, noch am Montagabend mit dem Tode. Auch der Zustand des zweiten Schwerverwundeten ist sehr ernst. Die Nationalsozialisten nahmen ihre Leichtverletzten beim Abzug mit. Am Montag sand man im Saole noch 4 Patronenhülsen, so daß feststeht, daß die SA.-Banditen gegen die wehrlosen Arbeiter- sportler auch die Schußwaffe gebraucht haben. GA.-Lteberfall auf Arbeiterviertel. Aborte als Heldenkeller. Braunschweig. 28. Juni.(Eigenbericht.) Die Braunschweigcr Nationalsozialisten oersuchten am Montag abend einen Sturm auf zwei Arbeiter st raßen, die an der Periphirie der Stadt liegen und B e l s o r t genannt werden. Sie warfen Fensterscheiben ein und mißhandelten Passanten. Die dort wohnende Arbeiterbcvölkerung sammelte sich schnell. Als ein Eisenbahnzug der Landesbahn nahte und eine Eisenbahnschranke geschlossen werden muhte, fanden die National- sozialisten den Weg in die Stadt versperrt, kamen arg ins Gedränge und flüchteten in das Bahnhofsgebäude und auf die Aborte. Von der Station wurde die Braunschweigcr Polizei herbeigerufen, die dann mit mehreren Ueberfallwagen kam und die Nationalsozialisten unter Eskorte sicher nach Hause geleitete. Aus dem Bahnhofs- gebäude wurde von den Nationalsozialisten mehrfach geschossen. Drei Arbeiter erhielten schwere Verletzungen. Einem Nationalsozialisten konnte eine Waffe abgenommen werden. -'fi Chemnitz, 28. Zum.(Eigenbericht.) Die Organisationen der Eisernen Front in Chemnitz hatten für Wonlogabend zu einer Kundgebung gegen den Unterslühungs- raub der Papen-Regierung und den Wordterror der Rational- sozialisten ausgerufen. Die Beteiligung war überwältigend. Wehr als 15 000 Menschen marschierten aus. Räch der Kundgebung kam es zu zahl- losen Zusammenstößen mit Ralionalsozialisten, welche die Republi- kaner in gröbster Weise provozierten. Bei den Schlägereien gab es etwa 20 verletzte. Verschärfter Ehrenschuh für Rosenberg Gefängnisstrafen für Vedakteure. Wegen Beleidigung des Nationalsozialisten Rojenberg, des Chefredakteurs des„Völkischen Beobachters", wurden am Mon- tag vom Amtsgericht München die Rodakteure Hacker vom Berliner„12-Uhr-Blatt, C a r o von der„Berliner Volkszeitung", Günther von der„Leipziger Volkszeitung" und Ludwig von der Breslauer„Voikswacht für Schlesien" zu je 3 Monaten Ge- fängnis verurteilt. Die genannten Zeitungen hatten die aufsehenerregende Mittei- lung der Pariser Zeitschrift„fe suis partout", daß Rofenberg während des Weltkrieges Agent im Dienste des„Ouai d'Orsay" gewesen sei, übernommen und entsprechend kommentiert. Das Gericht er- achtete den dargebrachten Wahrheitsbeweis als mißglückt und stützte sich wegen des Strafmaßes auf die verschärften Ehrenschutzbestim- mungen der Notverordnung. Der Mitangeklagte Goldschagg, verantwortlicher Redakteur der„Mllnchener Post", wurde zu 633 M. Geldstrafe verurteilt. Ausgegangen war das Gerücht über Rofenberg aus national- sozialistischen Kreisen selbst, und zwar hatte Otto S t r a ß e r dem Hauptmann G ö r i n g eine für Rosenberg beleidigende Bemerkung in den Mund gelegt. Göring fyat später bestritten, diese Bemerkung ge- macht zu haben. Dadurch wurde die französische Zeitschrift ver- anlaßt, der Sache nachzugehen und die Befchuldigungen gegen Rosenberg zu wiederholen. Hätten die Nationalsozialisten nicht die Gewohnheit, sich gegen- scitig, wenn sie untereinander in Streit geraten, die ehrenrührigsten Dinge vorzuwerfen, so hätte die Affäre Rosenberg überhaupt nie- mals entstehen können. Die verurteilten Redakteure haben also für den polemischen Umgangeton der Nationalsozialisten mitzudüßen. Ist das Gerechtigkeit? SO neue Terroropfer Seit Gonniag über-150 Verletzte Der Sen Berlinerisch eine Wenn auch im übrigen Deutschland ein Mißvergnügen an Ber- Ii» und an der Mundart seiner Bewohner besteht: der derbe Humor, die Schlagfertigkeit, die mit einem Witz über peinliche Situationen hinweghilft, wird von allen, die nach Verlin kommen, oder die mit Berlin zu tun haben, rasch aufgegrisfen. Di« Spottlust des Berliners, die fast immer nur aus der Abwehr geboren wird, bringt viel Lachen in das nicht immer leichte Leben hinein. Der Berliner will nämlich sich und den Nächsten belustigen und erheitern, wenn das auch oft auf seine eigenen Kosten geht. Bei dieser Absicht, das Lachen zu fördern, ist ihm die mit der Denkweise verbundene Sprache sehr dienlich. Das Berlinerische bringt einen entschiedenen Gewinn an Lebensfreude. Das Berlinerische ist nicht, wie vielfach von Unwissenden und Uebelwollendcn behauptet wird, ein entartetes Hochdeutsch, es ist vielmehr eine eigene Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Wortschatz. Zwar gilt das Berlinerische sür etwas Gewöhnliches, weil es vor allem von den sogenannten niederen Schichten gesprochen wird. Doch dieser angeblich barbarische Mischmasch von Sprache wird gar nicht nur von den ungebildeten Leuten gesprochen. Alle Berliner Volksschichten wurzeln mit ihrem Sprachgefühl im Berlinerischen. Sie benutzen nicht nur den berlinerischen Tonsall, de» Akzent. Die meisten Berliner verwenden auch, oft absichtlich, oft aber auch unab- sichtlich, Worte und Ausdrücke berlinerischer Art. Selbstverständlich sprechen sie nicht das vollendete derbe Berlinerisch der unteren Schichten. Ja, sie legen manchmal Wert aus ihr Hochdeutsch. In bestimmten Situationen aber dringen auch dem Gebildelen rein der- linerische Worte auf die Zunge. Dann hört man ick und det, knorke und keß, Boom und Jähre. Mindestens ebenso oft aber hört man Berliner Redensarten und witzige Wendungen. Wieweit die vor- aussetzungslose Freude des Berliners an humoristischen Wendungen geht, die Hans O st w a l d in seinem köstlichen, soeben bei Piper u. Co. in München erschienenen Buch„Berlinerisch" zu- sammengetragen hat, kann man erfahren, wenn man mit Berlinern zusammenkommt. Um ihre Borurteilslosigkeit zu beweise», erzählen sie irgendeinen Scherz von der berüchtigten Berliner Schnauze, wie etwa diesen: Ein Berliner sagt zu einem Wiener:„Bei uns an der Klinik hat man einem Mann beide Beine amputiert, durch künstliche ersetzt, und der Mann hat den ersten Preis bei dem Sechstagerennen gewonnen!"—„Das ist gar nichts", antwortete der Wiener.„Bei uns hat man einem Berliner die Ohren mehr nach rückwärts ver- setzt, damit er das Maul noch mehr aufreißen kann." In diesem Witz wird die Großschnäuzigkeit des Berliners rück- sichtslos gekennzeichnet. Der Berliner nimmt das gar nicht übel, sondern hat selbst seinen Spaß daran. Diese Fähigkeit zur Selbst- ironie ist eine besondere Eigenart des Berliners und liegt wohl in iner Witz eigene Sprache! seinem Werdegang begründet. Die Reichshauptstadt wird zu Recht Kolonialstadt genannt, wo immer viele Menschen aus oller Welt zusammengekommen sind. Alle mußten im Erwerbsleben herzhaft zupacken. So wurde der Berliner Witz abwehrend und schlagfertig, ätzend und lachend zugleich. Die ersten Anekdoten und Witze berlinerischer Art werden aus der Mitte des 17. Jahrhunderts über- liefert. Da fragte ein Goldschmied den Ratsherrn Schönbrunn, woher es käme, daß die neuen doppelten Groschen so bald rot würden? Dem antwortete Schönbrunn:„Sie schämen sich, daß sie arm an Silber sind." Dann rückte Berlin durch den ersten Preußenkönig in eine bevorzugte Stellung, bekam durch den großen Hof eine gewisse Lebhaftigkeit. Der Soldatenkönig fügte seine Grob- heit hinzu. Unter Friedrich II. strömten viele unerschrockene Elemente in sein Heer und seine Hauptstadt. Der Aufstieg Preußens, der sich in den Zeiten der Aufklärung vollzog, wuchs sich zu einer frei- wütigen Ueberlegenheit aus. Aus jener Zeit erzählt Rosenberg eine Anekdote, die das Wesen des sog. Urberliners zeigt:„Lessing traf sich gern mit seinen Freunden in der„Baumannshöhle", einem nach dem Küfer Baumann benannten Weinkeller in der Brüderstraßc. Dort las der Philosoph Mendelssohn eines Abends seinen„Phaedon, über die Unsterblichkeit der Seele" vor. Ein Berliner hörte aufmerk- sam zu und trat nach der Vorlesung an den Tisch, an dem Lessing, Mendelssohn und Nicolai saßen.„Ick jloobe nich an ihr", meinte er.„Woran glauben Sie nicht?" fragte Lessing.—„Nu an de Unsterblichkeit."—„Warum denn nicht?"—„Ja, seh'n Se, wenn ick daran jloobte, un se kommt nich, denn ärgerte ick mir. Wenn ick dran sloobe, un se kommt doch noch, so finde ick weita nischt dabei: wenn ick aba nich dran jloobe un se kommt, so freie ick mir. Merken Se wat? Drum jloobe ick nich an de Unsterblichkeit." Sprach's und verließ das berühmte Dreigestirn. Hier offenbart sich auch der nüchterne Verstand des Urberliners, ein Verstand, der trotz dem strengen Lebenskampf aus dem dürren Boden der Mark und in der arbeitsamen Großstadt durch Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit zu gefllhlsvoller Vernunft gemildert wurde. Denkweise und Sprache sind aber sicher auch von der Blut- Mischung der Bevölkerung beeinflußt worden. Im 1k!. Jahrhundert waren in Berlin die Juden und die Angehörigen der französischen Kolonie verhältnismäßig zahlreich. Eine solche Blutmischung hat es zwar an vielen Orten gegeben, ohne daß die Sprache durch sie beeinflußt wurde. Aber in Berlin wurde zum mindesten die Denk- weise durch die Juden und die Franzosen beeinflußt. Der schwer- fällige Märker und Norddeutsche übernahm von ihnen eine kleine Dosis Lebhaftigkeit. Todesopfer der Kinderlähmung Llebergreifen der Seuche auf Magdeburg. Magdeburg, 28. 3uni. Die spinale Kinderlähmung, die im benachbarten Groß- Ottersleben ausgebrochen ist, hat ihr erstes Todesopfer ge- fordert. Eines der kranken Kinder ist im Magdeburger Altstädtischen Krankenhaus gestorben.— Neuerdings ha! die Seuche auch aus Magdeburg selbst übergegriffen. Eine Anzahl erkrankter Kinder, bei denen alle Merkmale der spinalen Kinderlähmung vor- lagen, wurde in das Allflädtifche Krankenhaus eingeliefert. Die Krankheit ist bisher in allen Fällen gutartig verlaufen. Zwei Mörder voll Mus. Oer Tod des Furagehändlers Meyerhardt vor Gericht. Kor dem Landgericht I stehen zwei zerknirschte junge Burschen unter der schweren Anklage des Raubmordes: der noch nicht ISjährige Fritz Zepernick und der ZZjährige Hermann Rülow. In der Nacht des 2. März d. I. entdeckte man im Flur des Hauses Milastraße 2 in einer großen Blutlache den Furage- Händler Meyerhardt mit zertrümmertem Schädel. Seine Tasche mit 925 Mark fehlte. Meyerhardt gehörte zu den Hausbewohnern und besaß am Nordbahnhof einen großen Lagerplatz. Am 3. März fand der Hauseigentümer Goethestraße 51 ein geschlossenes Kuvert mit 275 Mark Inhalt und einem Zettel: Es war nicht meine Absicht, ich bereue die Tat. Schon vorher war der Verdacht der Täterschaft awf Fritz Z. und aus Hermann R. gefallen. Beide wurden verhaftet. Auf die Frag«, weshalb er das Geld in der Goethestraße niedergelegt habe, sagt: Z.: Ich habe das Geld nicht mehr sehen können. Für einen Teil des Geldes hatte er sich eine Wanderausrüstung gekauft. R. hatte seinen Teil der Beute in Höhe von 406 Mark im Tegeler Wald vergriben. Die treibende Kraft bei Begehung der schrecklichen Tat war R. Cr mar als Stahlhelmmann trog erfolgreich bestandener Prüfung zur Polizeilausbahn nicht zugelassen worden, er hatte sich mit seinen Eltern überwarfen, sich in der letzten Zeit mit Betteln durchgeschlagen und zwei Monate auf Treppenfluren oder sonstwo übernachtet. Von seinem Bekannten, einem früheren Kutscher von M., hatte er einen Tip bekommen, Meyerhardt zu berauben. Es kam aber zwischen ihm und seinem Bekannten zur Entzweiung, er beschloß, mit Z. den fallengelassenen Plan auszuführen. Dieser, früher Bürobote, war arbeitslos und brachte eine Ausrüstung. Das Verbrechen geschah. Meyerhardt wurde erschossen, noch ehe er zu seiner Waffe gegriffen hatte. Maske und Revolver warf man in die Spree. Z. taufte sich einer Wanderausrllstung. Hinterher kam die Reue. Beide Angeklagten sind heute geständig, bestreiten aber, Meyerhardt mit Ueberlegung getötet zu haben. Sie hätten nicht die Absicht gehabt, ihm ein Uebel zuzufügen. Oer russische Wirtschastsumbau. Freier Handel der Kollektivbauern wird geschützt. Seit einigen Monaten gibt es in den russischen Städten wieder stark beschickte Lebenemittelmärkte, da den Kollektivbauern erlaubt worden ist, diesen Handel wieder aufzunehmen. Eine weitere Förde- rung erhielt diese Entwicklung durch die Befreiung verschiedener Landesprodukte von der Rationierung, die freilich immer weniger imstande war, sie ausreichend und pünktlich zu liesern. Soeben ist nun das zehnjährige Bestehen der Sowjetstaats- anwaltschaft zum Anlaß einer neuen Verordnung genommen worden, die den Umschwung der Wirtschaft konsequent und entschieden fortsetzt. Darin werden einer freien Entwicklung der landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaft neue Konzessionen gemacht. Der erste Schritt guf diesem Gebiete, so heißt e», sei die Freigabe des gesetzmäßigen Han- d e l s der Kollektiven auf den städtischen Märkten gewesen. Jetzt erfolge der zweite Schritt, der der Bevormundung der Kollek- tiven durch rechtsunkundige Ortsgerichtsbarkeiten ein Ende bereiten und alle Eingriffe in die Verwaltung beseitigen solle. Weiterhin wird daran erinnert, daß namentlich jeder Druck aus den einzelnen Bauern zum Eintritt in ein Kollektiv ungesetzlich sei. Auch ein zwangsweises Eingliedern de» den Bauern gehörigen Viehs in ein Kollektiv dürfe nicht erfolgen, da ein derartiges Verfahren den Gesetzen widerspreche. Die Staats- anwaltschaft habe streng darüber zu wachen, daß in Zu- kunft alle derartigen, mit den Gesetzen in Widerspruch stehenden Maßnahmen unterbleiben, zu denen auch ungesetzliche Ver- Haftungen. Haussuchungen und Vermögenskon- fiskationen gehören. Hiernach wird die Ausschaltung der P a r t e i st e l l e n au« der Wirtschaft, die schon früher für die Industrie verordnet wurde, auch aus die Landwirtschaft angeordnet. Es ist dabei freilich nicht zu verkennen, daß Partei und Staat in Rußland identisch sind und alles dem gleichen Willen dient, durch unermüdliche, gegen sich selbst rücksichtslose Arbeit den ge- waltigen Aufbau der Industrie zu schaffen, von dem das vordem so industriearme Land eine starte Besserung der Lebensverhältnisse erhofft. Korruptionsprozeß gegen Sowjethandelsbeamte. Moskau, 28. Juni. Sechs Tage lang wurde hier gegen 23 Angestellte der Mos- kauer staatlichen Kleinhandelsgeschäste, darunter den stellvertretenden Leiter, verhandelt. Die Anklage lautete aus Waren- und Geld dieb stahl, ungesetzliche Prciserhö- h u n g und Versorgung der Spekulanten� mit Kontingentware. In fünf Monaten sollen die Angeklagten den Staat um eine Mit- l i o n Rubel geschädigt haben." Da? Gericht verurteilte fünf Ange- klagte zum Tode durch Erschießen. Sieben weitere Angeklagte erhielten zehn, die übrigen drei bis fünf Jahre Gefängnis. Drei Angeklagte wurden freigesprochen. Naziblati verboien. Wegen Kritik an„Gayl, dem Zauderer". Hamburg, 23. Juni. Das nationalsoziali st ische„Hamburger Tageblatt" wurde auf Grund des Sj 6 der Verordnung des Reichspräsidenten gegen politische Ausschreitungen vom 14. Juni 1032 mit Wirkung vom heutigen Tage auf die Dauer von fünf Tagen bis einschließlich 2. Juli verboten. Das Verbot erfolgte wegen einiger Bemer- kungen in dem Artikel:„von G a y l, der Zauderer" in Nr. 148 des„Hamburger Tageblatts". wegen Aufreizung von Seesoldaten zum Ungehorsam, die durch Zeitungsanikel begangen sein soll, wurde der Geschöstssührer der kemmunistiscken Pariser„Humanit in A b w e s e n b e j t zu zwei Jahren Gefängnis und 3000 Franken Geldstrafe verurteilt. Langfristige Wettervoraussagen. Versuch auf zwei Monate. Di«„Staatliche Forschungsstelle für lang- fristige Wettervorhersage" wird vom 4. Juli dieses Jahres ab eine bedeutsame Neueinrichtung versuchsweise beginnen, nämlich eine zehntägige Wettervorhersage. Professor Dr. B o u r, der Leiter der Forschungsstelle, ist seit vielen Jahren damit befaßt, die Möglichkeiten«iner solchen Witterungeprophezeiung Wissenschaft- lich zu erkunden. Bisher konnte man das Wetter in de» amtlichen Witterungsberichten nur auf wenige Sturtden ankündigen. Das Bestreben der Wissenschaft geht schon seit Jahren dahin, diese unvoll- kommene Art der Wettermeldung zu erweitern. Diesem Ziele dien- tcn schon bisher zahlreiche große wissenschaftliche Unternehmungen, wie z. B. die Nordpolexpedition des Graf Zeppelin". Auch das „Polarjahr 1932" wird in erster Reihe der Erkundung der Witte- rungefaktoren im Polargebiet zugute kommen. Die sogenannte „Polarsront" hat einen bedeutsamen Einfluß auf die Wettergestal- tung in Europa. Seit 40 Jahren werden von den Forschern die Wetterfolgen beobachtet, um allmählich aus dem scheinbaren Unge- ordneten der Wetterfolgen ein« Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Das Wetter und kris Lustmeer besitzen offenbar bestimmte Zwangsläufigkeiten, wenn sie sich auch auf weite Zeiträume aus- wirken und darum in ihrem Zusammenhange nicht eindeutig zu er- kennen sind. Die wirkenden Kräfte der Wettergestaltung liegen auch heute noch im Dunkeln, trotzdem wir durch die zahlreichen Expedi- tionen und wissenschaftlichen Arbeiten«inen großen Ueberblick über die scheinbar willkürlichen Erscheinungen erhalten haben. Man muß sich darum an die praktischen Ersahrungen halten, die in den letzten 40 Jahren gemacht worden sind. Es wurde genau sestgestellt, wie das Wetter in Deutschland sich gestaltet«, wenn es so oder so kurz vorher im Polarland und in Amerika gewesen ist. Man glaubt aus diesen Erfahrungen ganz bestimmte Folgerungen ziehen zu können, denn es hat sich gezeigt, daß sich bei gleichen Vorbedingungen Ser Wetterverhältniss« in Europa, im Polargebiet und in einem Teil von Nordamerika in Deutschland immer ziemlich dieselben Wetter- erscheinungen für mehrere Tage herausbildeten. Es wurden Stati- stiken darüber aufgestellt, die die Wetterstellc ermutigten, nunmehr an langfristige Wettervoraussagen heranzugehen. Zunächst will sie für 10 Tage das Wetter vorher prophe- zeien. Selbstverständlich sind ganz zuverlässige und irrtumslose Vorhermeldungen auf lang« Frist kaum zu erwarten. Immerhin aber wird es trotzdem von großer Bedeutung sein, wenigstens die Wahrscheinlichkeit der Wetterbildung kennenzulernen, wie sie sich nach den Erfahrungen der letzten 40 Jahre bei den vorhandenen Wettergrundlagen gestalten wird. Diese ersten amtlichen, langfristi- gen Wettervoraussagen werden nicht nur praktischen Wert haben, sondern auch der Forschung dienen, denn man wird aus ihnen für die künftige Gestaltung der langfristigen Wettervorhersage viel lernen können. Versuchsweise sollen diese langfristigen Voraussagen für die beiden Reisemonate Juli urtd August eingeführt werden. Falls sich diese Voraussagen bewähren, ist eine Fortsetzung geplant. „Orei arme kleine Mädels." Nose-Theater. Dem dramatischen Borwurf nach(wenn man die pathetische Bezeichnung hier überhaupt verwenden will) ist dies« Wolter- K o l l o- Operette ein sanftseliger Blödsinn: an sentimentaler Schnur aufgereihte Perlenprachtemplare von unerfüllten Geschichten. Nicht nur Tenor und Diva wie sonst, nein— ganze Geschlechter werden da heimgesucht von überaus unglücklicher Liebe. Dem wackeren Kaufmannssohn entgeht die angebetete Baronesse, da sie doch einen Grafen heiraten muß, sein Sohn kriegt ihre Tochter nicht, sinte- malen die einen Fürsten heiraten soll— das ist zweifellos alles sehr rührend und sehr traurig Gott sei Dank aber merkt man nicht allzuviel von der erschütternden Tragik, denn es gibt da eine An- zahl längst abgebrauchter, immer wieder aber brauchbarer Lust- spieltypen und Schwanksituationcn: es gibt da eine Anzahl nied- licher und netter Genrebildchen aus der guten alten Zeit mit Wind- lichter» und Postillongetön— und schließlich auch Musik. Eine handfeste, gemütliche, scharf konturierte Musik, ohne alle Prätentio- nen, ohne viel Geist, Scharm, Originalität— eine sehr ordentliche Wald- und Wiesen-Operettenmusik sozusagen, sympathisch-anspruchs- los und ansprechend zugleich. Dem Publikum(dem das Episodische viel Spaß machte) ging ganz begeistert mit und freute sich der in Hülle und Fülle gebotenen Dinge: der hübschen Bühnenbilder Grothes, der geschickten Regie Hans Roses(gut gelungen in Bild und Bewegung das Finale des ersten Aktes) und seiner in Scharen aufgebotenen Lieblinge. Die armen kleinen Mädels sind Alice Bindernagel, Hedi K r a m e r, Lotte S ch ü r h o f f— die erste lustig, die zweite sentimental, die dritte berlinisch-frech. „Er", der Herrlichste von allem, ist Mario L erch tsie singen alle mehr oder weniger naturalistisch). Prächtige Typen sind Lotte von Syrow, Kurt Mikulski und vor allem Ferdinand Asper. cv. „Vormundschastssache Gerd Funker." Hörspiel von Auditor. Daß eine innerlich unheilbar zerbrochene Ehe nicht durch gesetz- liche Gewalt an der äußeren Lösung verhindert werden darf, er- scheint heute jedem wahrhaft moralischen Menschen als selbstverständ- lich. Doch es ist«in großer Unterschied, ob zwei Ehegatten oder zwei Eltern leiden. Das kinderlose Paar findet seine Freiheit wieder: das Clternpaar kann in schwerste Unfreiheit geraten, um so mehr, je zärtlicher Vater und Mutter an den Kindern hängen. Wie oft wird das Kind„geschiedener" Eltern von dieser Liebe, die durch den Haß gegen den anderen Ehepartner häufig krankhaft gesteigert ist, hin und her gerissen und im wahren Sinn heimatlos gemacht. Das Kind, das bei dem Vater lebt und die Mutter zu verein- borten Zeiten besuchen muß, steht zwischen der Feindschaft und dem Mißtrauen, da» diese beiden Menschen gegeneinander hegen. Es wird ungezogen, da beide sich bemühen, es gegeneinander zu er- ziehen: es lernt feine Chancen ausnützen und einen gegen den anderen auszuspielen. Aber die kleinen Vorteile und Näschereien, die er dabei gewinnt, machen den kleinen Gerd nicht sroh, der nicht mehr weiß, wohin er gehört und auf wen er hören soll. Einem verständigen Vormundschaftsrichter gelingt es, den Eltern die Ge- fahren klarzumachen, die für den Charakter des Kindes, für seine ganze Zukunft aus diesem Zustande hervorgehen. Liebe ist nur schön und fruchtbar, wenn sie aus Verständnis, nicht aber wenn sie aus Haß hervorgeht. Wenn die eheliche Gemeinschaft zwischen den Eltern unmöglich geworden ist, so muß doch dieses Verständnis schon um der Kinder willen gepflegt werden. Wie alle Hörfolgen von Auditor wirkte auch diese durch die Echtheit ihrer Szenen. Die Frankfurter Aufführung, die von der Berliner Funkstunde übernommen wurde, war vortrefflich.— lz. Paul Michael gestorben. Mit dem in diesen Tagen verstorbenen Leipziger Arbeiterdtrigenten Paul Michael versinkt ein Stück lebendiger Geschichte der Arbeitersäugerbewegung. Paul Michael ist am 20. Oktober 1867 in Leipzig geboren und wurde zuerst Litho- graph. Aber die Liebe zur Musik war stärker. Michael absolvierte das Konservatorium und suchte als Gesangslehrer und Dirigent eine neue Existenz. Bei dieser Suche geriet der politisch frühzeitig klar sehende Musiker am 6. Januar 1891 in die Gründungversammlunq der Sängerabteilung des Arbeitervereins der Leipziger Vorstadt Thonberg. Diesen Männerchor, dem nach dem Kriege ein Frauen- chor angegliedert wurde, hat Paul Michael über 40 Jahre lang dirigiert. Mchr als 20 Jahre stand unter seiner Leitung auch der Männer- und Frauenchor Leipzig-West. „Die Vereinigung künstlerischer Vühnenvorstände" verurteilt da» in den letzten Wochen immer stärker sich fühlbar machende Ein- dringen unkünstleriscber Gesichtspunkte bei den Engagements der Bühnenmitglieder und bei der Gestaltung de« Spielplans. Sie sieht in diesen Mahnohmen einen verhängnisvollen Eingriff kunst- und kulturfeindlicher Mächte in das deutsche Theaterleben. Sie protestiert nachdrücklich, daß konfessionelles oder weltanschauliches Bekenntnis maßgeblich fein soll. Tic Städtische Oper bring« heute nicht„Troubadour", sondern infolge ber starken Nachfrage eine Wiederholung der„Banditen". Beginn 8 Uhr. Kommunistische„Emheiis"- Aktion Hz? Im Betriebe der AEG.-Hennigsdorf Auf ihrer ersten Seite berichtet heute die„Rote Fahne" mit der Balkenüberschrift:„AEG.-Proleten beschließen Antifaschistische Aktion", über die von dem Reichstags- abgeordneten Walter in der AEG. Hennigsdorf am Montag ein- berufenen Versammlung. Am Sonntagabend hatte Walter bereits alles vorbereitet und ohne den Arbeiterrat vorher zu fragen, die Handzettel zu iner„all- gemeinen Belegschaftsverfammlung" mit der Unterschrift:„D e r Arbeiterrat" oersehen lassen. Die sreigewerkschaftlichen Ar- beiterräte sollten vor eine vollendete Tatsache gestellt werden. Der freigewerkschaftliche Obmann der AEG Hennigsdorf er- klärte, daß eine freigewerkschaftliche Funktionärkonferenz entscheiden wird, ob das einseitige Vorgehen der Kommunisten unterstützt werden soll oder nicht. Die Kommunisten wollten jedoch von ihrem Ueberrumpelungsversuch nicht abgehen. Zu ihrer„allgemeinen Belegschaftsversammlung" waren nicht 8 0 0 Arbeiter und Arbeiterinnen gekommen, sondern 3 0 0 bis 3 5 0 bei einer Belegschaft von ingsgesamt 1450. Walter wandle sich gegen die Nazis und ließ eine Resolution annehmen, die besagt, daß bei Inkrafttreten der Papen-Notverordnung die Belegschast in den Streik tritt. Im Anschluß an diese kommunistische Sonderaktion hielten die sreigewerkschaftlichen Funktionäre eine Konferenz ab, in der die wilde Aktion der Kommunisten einstimmig abgelehnt wurde. Eine„Einheitsfront" kann nicht durch Ueberrumpelung g e- macht werden. Macht sich eine Aktion notwendig, dann muß sie von der gesamten Vertretung der Belegschaft vorbereitet werden. Der- artige Extratouren der Kommunisten sind nicht geeignet, einer einheit- liehen Aktion die nötige Schwungkraft zu geben. Die K o m m u- nisten haben allein nichts zu bestimmen, wenigstens nicht im Namen der Belegschaft. Gottfried Keders„Klamme". Für das„Dritte Reich" vorbildliche Gehaltszahlung. Der Naziführer Gottfried Feder gibt ein Blatt„D i e Flamme" heraus, deren Verlag von Nürnberg nach Darmstadt übersiedelte. Eine Filiale der„Flamme" blieb in Nürnberg, deren kaufmännische Leitung einem Angestellten als Buchhalter, Korrespondent, Ein- und Verkäufer mit monatlich S0 M. übertragen war. Auf seine wiederholte Forderung, ihn nach Tarif zu bezahlen, bekam der Angestellte keine Antwort. Er schrieb dann dem nationalsozialistischen Unternehmer: „Ich fordere von Ihnen als nationalsozialistischem Verlag nur das, für das man den Arbeiter zu kämpfen verspricht, nämlich gerechte Entlohnung und ausreichenden sozialen S ch u tz." Der Erfolg dieses Schreibens war verblüffend. Dem An- gestellten wurde einfach mitgeteilt, daß er ab Ende des Monats überhaupt kein Gehalt mehr bekäme, weil die Filiale wegen Unrentabilität a u f g e l ö st werde. Der Angestellte klagte beim Arbeitsgericht in D a r m st a d t. Hier bestritt der nationalsozia- ststische Unternehmer die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge. Das Arbeitsgericht verurteilte diesen vorbildlichen Unter- nehmer zur Zahlung von 247 Mark an den Angestellten. Während der Verhandlung ergab sich, daß der Kläger in keiner Krankenkasse versichert war: auch hotte der Nazi- vertag vergessen, A n g e st e l l l t e n versicherungsmarken zu kleben. Die Sozial beiträgc an die Arbeitslosenversicherung sind für den Angestellten nicht abgeführt worden, so daß derselbe Kläger keinen Pfennig Unterstützung bekam. Diese Vorkommnisse werden namentlich die Arbeiter und An- gestellten im nationalsoziali st ischen und deutschnatio- n a l e n Lager interessieren, denn bekanntlich soll ja das„Dritte Reich" das Paradies der„Schaffenden der Stirn und der Faust" sein. In Wirklichkeit aber hat dieser Prozeß vor dem Arbeits- gericht bewiesen, daß es in einem Naziunternehmen weder Tarife, noch Kündigungsschutz, noch Altersversicherung. noch Kronkenversicherung und auch keine. Arbeitslosenunterstützung gibt! Lim die Kemn. „Eine nicht mehr tragbare Belastung." Der Wahnwitz der privatkapitalistischen Wirtschaftsweise zeigt sich auf allen Gebieten. Sein übelstes Kapitel ist die absolute Mißachtung der Arbeitenden. Sie sind L o h n k o n t o.„Belastung des Unkostenkontos" und weiter nichts. Je geringer diese„Belastung". um so größer der Profit. In einer Zeit, in der Millionen Menschen durch die„gott- gewollte Ordnung" des privatkapitalistischen Systems zu jahrelangen Hungerferien verurteilt sind, macht das Unternehmertum alle Kräfte mobil, um dem Lohndruck den systematischen„Abbau der sozialen Lasten" folgen zu lassen und geht dabei selbst nicht an den paar Tagen des Arbeitsurlaubs vorüber. Was irgendwie daran abgezwackt werden kann, geschieht, und sei es noch so kleinlich. Manteltarise werden gekündigt, um den Urlaub zu verschlechtern, soweit er noch nicht ganz beseitigt werden kann. Deutschland ist kein„W o h l s a h r t s st a a t". Der Zentralverband der Angestellten schreibt uns dazu: „Typisch für die maßlosen Forderungen der Arbeitgeber ist das verlangen des Verbandes Brandenburgischer Metallindustrieller. Kurz und bündig wird verlangt, für das Krisenjahr 1032 den Urlaubsparagraphen außer Kraft zu sehen. Die Betriebe würden durch den seit der Schaffung der Tarifverträge eingetretenen Ur- laub so stark belostet, daß die Belastung jetzt nicht mehr getragen werden könne. Nur die blinde Wut gegen alle tarifvertraglich ausbedungenen Rechte veranlaßt die Unternehmer zu ihren Ausfällen gegen den Urlaub." Vermehrte Arbeitsfreudigkeit, gestärkte Gesundheit und damit vermehrte Lefttungsfähigkeit, das alles spielt für die Raffenden keine Rolle. Pensum, und wer es nicht schafft, wird„abgebaut", bekommt Dauerferien. Draußen stehen ausgeruhte Kräfte genug. Auch die Angestellten haben am 31. Juli Gelegenheit, d i e s e m-System das Urteil zu sprechen: das kreuz in die erste| Linie, für Liste Eins! Friedrich Srekja:•jOrujo Manchmal, wenn Menschen von heute nächtlicherweile am Rundfunkempfänger gesessen und dem trotz Fußballspiel und Box- kämpf wohl verbreitetsten und beliebtesten Sport des Sender- sammelns gehuldigt haben: wenn dann alle gängige Aetherware verstummt ist und auch die Seltenheiten nicht mehr aufzufischen sind: wenn nur noch ein paar Morsezeichen heiser im Lautsprecher bellen und im übrigen nur das seltsame Rauschen der Funkstille hörbar ist: dann gibt es lange, vielfältige Gespräche über den ein- fältigen Gedanken: Wohin soll das olles noch führen? Wie lange nach wird der Mensch Herr bleiben über diese Geister der Technik, die er geschaffen hat, und die ihm schon jetzt zu schaffen machen: werden sie ihn entseelen, werden sie ihn selbst zur Maschine machen: oder werden sie ihm einst Freiheit geben für seine Seele, ihn also selbständiger und besser machen; oder... oder... Und hier ist der Punkt erreicht, wo die Phantasie des modernen Menschen, sonst vielfach geknebelt durch die Wirklichkeit oder kalt- gestellt durch die Wirklichkeit, das ihre zu den Problemen dieser Zeit zu sagen hat, indem sie sich an ihr Ende stellt. So erstchen wieder am Lautsprecher, wie einst am Kaminfeuer, die utopischen Gespräche, und so erstehen in der Literatur wieder die utopischen Bücher. Der Zukunftsroman ist uns nähergerückt, ist ernstere An- gelegenheit geworden als selbst noch bei Jules Verne; mit allerlei schwierig zu oerstauender Gedankenfracht belastet stampft das Schiff der Phantasie in den Ozean der Zukunft. Der Engländer Wells hat mehrmals diese Reise angetreten, und nun folgt ihm ein Deutscher: Friedrich Freksa. Freksas Vision ist grandios. Den Feinden der Technik nimmt er zunächst den Wind aus den Segeln, indem er voraussetzt, daß der Mensch die Maschine richtig meistern lernt und auszuwerten weiß zur Beglückung und Befriedung der Welt. Im Jahre 2300 etwa gibt es keine Kriege mehr, keinen Wirtschaftskampf zwischen Völkern, selbst der Tod verlor seine Schrecken. Furchtlos ist der Mensch und ohne Selbstsucht und vertrauensvoll; vertrauensvoll auch erwartet er den Planeten Druso, auf dem Menschen mittels Raumschiffen landeten, und der nun durch Funkspruch mitgeteilt hat, daß er der Erde«inen Besuch abzustatten wünscht. Der Druso aber hängt sich mit elektrischer Trosse an der Erde fest, seine Be- wohner beherrschen die Erde, verwüsten sie, machen die Menschheit ihren Zwecken dienstbar. Und in breiter Ausmalung wird geschildert, wie es den letzten Kulturmenschen, den Atlantikern, gelingt, sich und ihre Erde vom Druso und seinen Rieseninsekten zu befreien. Alle theoretischen Ergebnisse moderner Forschung verwertet Freksa in wahrhaft genialer Verbildlichung. Und somit wäre das Buch seines Lobes wert— würden nicht ebenso ausgiebig wie die moderne Forschung die antiquiertesten Liebesgeschichten und Weltanschauungen verwertet. Leider kann man sich mit Freksas Weltanschauung nicht auseinandersetzen, weil man sie schlechterdings nicht versteht: die Phantasftk der Zukunft?- Vorgänge hat abgefärbt auf die Lehren, die Freksa der Gegenwart geben will; so daß als Gesamturteil bleibt: grandios in der Vision, wirr im Gedanklichen, mittelmäßig im Stil. Freilich aber ist alles Gegenständliche derart plastisch und mitreißend geschildert, daß man das Lehrhafte und den Stil gern darüber vergißt. Das Buch erschien im Verlag Hermann Reckendorf, Berlin, und kostet 3 M. Herrmsirn Mostar. Lerantwortl. für die Redaktion: Rich. Bernstein. Berlin: Anzeigen: Th. Glocke, Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G.� M.b.H.. Berlin. Druck: Vorwärts Buch» druckerei und Zerlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW K8. Lindenstr. Z. Hierzu 1 Beilage. « s GRAMM lür die Zeit vom 23. bis 30. Juni KINO-TAFEL PROGRAMM für die Zeit vom 28. bis 30. Juni ©o m Westen Potsdamer Straße 38 Ein toller Einfall mit Willy Fritsch, Max Adalbert. Rosy Barsony, Dorothea Wieek W. 5, 7. Uhr Odeon, Potsdamer Str. 75 Der Prinz von Arkadien mit Eiane Haid, W illy Forst W. 5, 7. 9 Uhr Turmstraße 12 2 Großtonfilme: Frankenstein— Wehe, wenn er losgelassen mit Vlasta Burian W. 5. 7. 9 Uhr Alexanderstraße 39-40 (Passage) Zwei Großtonfilme! Frankenstein.— Der tolle Bömberg mit II. A. v.Sehlettow Den ganzen Tag geöffnet! Winter den linden Die Kamera Unter den Linden 14 Täglich Beginn 3 Uhr Kango(Tierepos a. d. Dschungeln Sumatras)— Mit Byrd z. Südpol — Tonwoche W Friedrichstadt B Franziskaner Gcorgenslraße(Ecke Friedrichstraße) 9. 12. 3. 6, 9 Uhr Das Ende von Maradu 10.30. 1.30. 4.30. 7.MJ. 1U.30 Uhr Franz Lehars Tonfilmoperette Es war einmal ein Walzer Neueste Tonbild-Feportage Primus-Palast Potsdamer Str. 19 Ecke Margaretenstr. Frau Lehmanns Töchter mit II. Xiese, H. Thiele, E. Elster, Fritz Kampers � W. 5.15. 7.15. 9.15 Uhr K Südwesten B Film-Palast Kammersäle Teltowcr Str. 1. W. ab 8%, S. ab 5 U. Aus einer kleinen Residenz mit Luoie Englisch— Razzia in St. Pauli B Tempelhof A Knrfürcf w 7 9 Sts 5' 7. 9 Uhr iiurturst Stg. 3 Uhr: Jgd.-Vorst. Dorfstraße 22. Ecke Berliner Straße Zwei in einem Auto mit Magda Schneider."Verebes— Großes Tonbeiprogramn; TVrm/; Täglich 5. 7. 9 Uhr 1 lüüll stgs 3 Uhr: Jugend vorstell Berliner Str. 97. Es wird schon wieder besser mit Heinz Rühmann— Held von Kalifornien Jugendliche haben Zutritt RSd'Iji-"aricn<*or'er Mariendorf A W. 7. 9 Tonlichtspiele S. 6. 7, 9 Chausseestr. 305. Stg 3 Uhr; Jgd.-V. Ein Lied, ein Kuß, ein Mädel mit G. Fröhlich— Dienst ist Dienst mit Schulz Schöneberg Alhambra Variete Tonfilm Hauptstraße 30 Neuaufführung: Gösta Berling mit Greta Garbo. Beide Teile. Selma Lagerlöf.— Jugendliche haben Zutritt Titania Schöneberg Hauptstr 49 W. 5. 7. 9 l5hr S. 3. 5. 7, 9 Uhr Mamsell Xitouche m. A. Ondra — Ausgezelchn. Tonbeiprogr. W Friedenau h Kronen-Lichtspiele Rheinstraße 65 Beg. 7 9 Uhr Sbd., Stg. o. 1, 9 Uhr Neuaufführ.: Bomben auf Monte Carlo mit Hans Albers, A. Sten — Beiprogramm c Wilmersdorf Atrium Wochent. 7. 9�. U. Stg. 5, 7. 914 U. Kaiserallce. Ecke Berliner Straße Xeuauff.! Die große Toniilmoperelte Der lächelnde Leutnant mit M. Chevalier. Regie: E. Lubitsch. Nach d. Operette Walzerlraum. Musik v. Oskar Strauß— Tonfilmbeipr. ■ Stegllt«» Titania-Palast Steglitz. Schloßstr. 5. EckcGutsmuthsstr. Heute letzter Tag! Fräulein Else mit El. Bergner. nj. gr. Orchester u. Leit. v. Schmidt-Boelcke.— Ab Mittwoch, 29. Juni, d. gr. Ufatonfilm Der Kongreß tanzt mit Lilian Harvey, Willy Fritsch Moabit A Wochent. ab 6 Uhr ATiuSnOT Sonntags ab 5 Uhr Perleberger Str. 29. 2 Tonfilme: So n Windhund mit Roberts, Adalbert.— Arme kleine Eva mit Grete Mosheim Südosten Luisen-Theater 1: aab"u Reichenberger Str. S4. Alkoholschmuggler-Tonfilm in deutsch-ir Sprache: Straßen der Weltstadt Ferner: Gesangverein Sorgenfrei mit Ralph Roberts. Paul Graetz c Zehlendorf-Mitte 7n]3 Beginn tägl. 5. 7, 9 Uhr gjizll stg. 3 Uhr Jugendvorstell Potsdamer Str. 50 Schützenfest in Schiida mit S. Arno, Ida Wüst— Beiprogr, ( harlottcn b u s* g German ia-Pa last Charlottenburg, Wilmersdorf er Str 53/54 Liebeswalzer mit Lil. Harvey. W. Fritsch, G. Alexander W. 5, 7. 9 Uhr Kan t-L ich tspiele Kantstr 54(an der Wilmersdorfer Str.) Voruntersuchung mit Bagser- mann, Ch. Ander. G. Fröhlich. H. Brausewetter. E. Meihardt W. 5, 7, 9 Uhr Schlüter-Theater ffso%u. Schlüterstr. 1? Sonnt 3 ü: Jgd-V Melodie der Liebe mit Richard Tauber.— Kriminalreporter Holm mit E. Brink Stella-Palast Köpenicker Straße 12—14 Der Sensationsfilm: „Frankenstein" Ferner: Curt Bois, Dolly Haas in dem Tonfilm-Schwank: Ein steinreicher Mann Deutsch-Amerik. Theater Köpenicker Str 68. 5, 6.15, 7.30. 9 Uhr 3 Tonfilme: Hasenklein kann nichts dafür mit Tiedtke— Vampyr Neukölln Mercedes-Palast»a'S: Hermannstr. 212. 3 Großtonfilme. Neuaufführ.:„M" (Regie: Fr. Lang)— Wenn dem Esel zu wohl ist Treptow Treptow-Sternwarte Dienstag, Mittwoch, Donnerst. 8 Uhr; Di© heiligen drei Brunnen. Eine Filmballade > Osten W Germania-Palast Frankfurter Allee 314 Wochent. ab 6.30, Sonnt, ab 5 Uhr Neuaufführung! 3 Großtonfilme; dl© Privatsekretärin rau Renate Müller. Herrn- Thimig, Felix Bressart Ferner: Irrwege des Lebens (Ein Toniilm aus der Unterwelt Chicagos) mit Joan Crawford Vinn Rnerh Wochentags 6 Uhr AI/10 DUSCn Sonntags ab 5 Uhi Alt-Friedrichsfelde 3 1 Auto und kein Geld mit P. Kemp, Dina Gralla— Solang* noch ein Walzer von Strauß erklingt— Tonwoche Jugendliche haben Zutritt „Elysiam" ÄT Beg.: Wochent. 5 Uhr, Sonnt. 3 Uhr Es geht um alles mit D. Gam- bino. Lucie Albcrtini— Eine Xacht im Grand Hotel mit Martha Eggerth Lrinn-Pnlnst Woch. 5 Uhr ijund'raiasi Sonnt, ab 3 Uhr Gr. Frankfurter Str. 121. Tonwoche Ein toller Einfall mit Willy Fritsch, Max Adalbert.— Vampyr Schwarzer Adler W. 5. 7. 9 Uhr S. 3. 5. 7. 9 Uhr Ein toller Einfall mit Willy Fritsch, R. Barsony, Adalbert. — Gr. Beiprogr.— Tonwoche Primus-Palast s�\b tv. Am Hermannplalz ürbanslr 72/76 Tom Mix in seinem eisten Tonfilm: Toni rechnet ab— Aus einer kleinen Residenz mit Lucie Englisch Viktoria- Theater su5 Frankfurter Allee 46. 2 Tonfilme: Der Prinz von Arkadien mit Liane Haid, W. Forst.— Die grüne Hölle.— Beiprogramm ��Jhleu-llchtenbep�J Kosmos-Lichtspiele Lückstraße"o. Ufa-Tonw oche W. 347, 9 Uhr. Stg. 5, ca. 7.%9 Uhr Mädchen in Uniform— Zw ischen 12 und mit Anita Doris FIora-Licktspiele�mr Wocht. 5.45, ca. 7, 8.45. Stg. ab 3 Uhr 2 Tonfilme; Hasenklein kann nichts dafür— Der Stolz der 3. Kompagnie Königstadt-Palast H&l Schönhauser Allee 10 Ein toller Einfall mit Willy Fritsch. R. Barsony,— Herbst in Sanssouci.— Tonwoche Norden Möllerstraße 136. AlnamOTa Ecke Seestraße Wochent. ab 5 Uhr. Sonnt, ab 3 Uhr 2 Tonfilme: Es war einmal ein Walzer mit Martha Eggerth.— Die große Liebe mit Hansi Niese.— Jugendliche haben Zutritt W Pankow> Palast-Theater Breite Str. 2la. Wochentags 7 und 9 Uhr Das Geheimnis des Kadetten von Seddin mit Albert Bassermann, Tr. v. Molo ReinickendorF-Ost Beba-Lichtspiele Residenzsir. 124 W. 6.45 u 8.45 Uhr So. 5, 7. 9 Uhr Stg. 3 Uhr Jugend-V, 2 mal Henny Porten: Kohl* hiesels Töchter.— Luise föellage Dienstag, 28. Juni 1932 frrlUmri) Sfiähriiga/b Aa Vtt&äsü Keine Gebärpfllcht! Ein Kulturwerk in der Tscheclioslow akai/ Von I>r. J. Moses Das tschechoslowakische I u st i z m i n i st e r i u m hat dieser Tage einen Gesetzentwurs zu dem dort geltenden Schwangerschaftsparagraphen dem Parlament vorgelegt, der im Verhältnis zu Deutschland einen großen Fortschritt bedeutet, eine außerordentliche Entlastung für Millionen Proletarier, Der Haupt- teil dieses Gesetzentwurfes der Regierung, der zweifellos vom Par- lament angenommen wird, bestimmt, unter welchen Umständen eine Abtreibung straflos zu bleiben hat. Die wichtigste Be- stimmung lautet: „Nicht strafbar ist die Fruchtabtreibung, wenn die Schwangere die Leibesfrucht nicht austragen oder nach der Geburt die Ernährungspflicht gegenüber dem Kinde nicht ohne Bedrohung der eigenen Existenz oder der Existenz einer Person, die sie nach dem Geseb zu ernähren hat und die ihr ebenso nahe steht, wie das Kind, dessen Geburt sie erwartet, erfüllen kann." Das bodeutst die Anerkennung der sogenannten sozialen Indikation durch das Gesetz, die wir in Deutschland seit Jahr und Tag vergeblich verlangen. Sogar Aerzte haben sich in Deutsch- land gegen diese soziale Berücksichtigung der Schwanger- schaftsunterbrechung ausgesprochen. In der Tschechoslowakei aber, wo man sicherlich auch so gute Aerzte wie bei uns hat, denkt man humaner! Die eben zitierte Bestimmung bedeutet, in die Sprache des Alltags übersetzt: Für alle Frauen wird das Recht gesetzlich festgelegt, ein Kind nicht in die Welt setzen zu müssen, das sie nicht ernähren können, ohne damit ihre eigene Existenz oder die chrer Angehörigen, vor allem der schon lebeirden Kinder, zu gefährden. Die Frauen der Arbeitslosen, die ihre Familien erhalten müssen, die Mütter von Kindern, denen die Nahrung schon ohnehin knapp geboten werden muß, die unehelichen Mütter, die vom Bater chres erwarteten Kindes verlassen wurden, sollen das gesetzliche Recht aus Unterbrechung der Schwangerschaft erhalten, so wird es in der Begründung des Gesetzes ausgeführt. Das ist wirkliche soziale Gesinnung, Einsicht in die soziale Not, Wille, sie zu bekämpfen, Der Entwurf ermöglicht weiter die Schwangerschaftsunter» brechung, weim sie erfolgt, „um von der Schwangeren die Gefahr des Todes oder eine schwere Gesundheitseinbuße fernzuhalten". Das ist die sogenannte medizinische Indikation, die allerdings auch bei uns berücksichtigt wird, wenn auch nicht in dem gleichen Umfange. Nach dem tschechischen Entwurf darf nämlich die Schwangerschaftsunterbrechung auch dann erfolgen, wenn der Arzt annimmt, die Geburt werde nur mit Hilfe eines Kaiser- s ch n i t t e s möglich sein. Also: eine Frau, die nicht auf natür- lichem Wege gebären kann, soll nicht mehr verurteilt sein, die Kaiser- schnitlentbindung über sich ergehen zu lassen. Die Schwangerschaftsunterbrechung ist weiter straslos, „wenn es unzweifelhaft feststeht, daß die Befruch- tung durch Notzucht oder Schändung eines Mädchens unter 1K Jahren zustande gekommen ist." Das ist die gesetzliche Anerkennung der sogenannten ethischen Indikation, die bei uns ebenfalls nicht berücksichtigt ist. Bei uns müssen Kinder, die kriminell erzeugt wurden, noch immer zur Welt gebracht werden. Der Motivenbericht des tschechoslowakischen Gesetzes enthält als Rechtsertigung für die Notwendigkeit der Straf- frecheii einen Fall, der kürzlich das ungarische Justizministerium beschäftigt hat: ein vergewaltigtes Mädchen suchte um die behörd- liche Bewilligung zur Fruchtabtreibung nach, ohne sie natürlich zu erhalten. Auch bei uns in Deutschland hatte sie die gleiche Abweisung erhallen. In der Tschechoslowakei aber wird sie eine solche unver- schuldete verbrecherische Leibesfrucht künftig mit Zustimmung des Gesetzes beseitigen können, In der Begründung wird auch daraus hingewiesen, daß Kinder von Müttern, die jünger als 16 Jahre sind, meist körperlich minderwertig sind, Schließlich darf die Schwangerschaftsunterbrechung erfolgen, „wenn es unzweifelhaft feststeht, daß das Kind geistig und körperlich schwer belastet wäre". Sogenannte eugenische Indikation, die in Deutschland ebenfalls nicht gesetzlich anerkannt ist. Der Bericht des tschechischen Justizministeriums erklärt,„es müsse Rücksicht auf die menschliche Gesellschast genommen werden, die ein Jnter- esse daran hat, daß möglichst wenig minderwertige Kinder auf die Welt kommen, die ihr nur eine Last sein könnten". Also geistig und körperlich belastete Kinder aus Familien, in denen Geisteskrank- heiten, Alkoholismus, Tuberkulose usw. sich zeigen, müssen nicht mehr in die Welt gesetzt werden. Zusammenfassend kann man sagen: der neue tschechoslowakische Gesetzentwurf berücksichtigt die medizinische, soziale, echische und eugenische Indikation, Bei Vorliegen solcher Voraussetzungen darf die Schwangerschaftsunterbrechung straflos erfolgen. Allerdings unter gewissen Voraussetzungen: Die Schwangerschaftsunterbrechung muß mit Einwilligung der Schwangeren von einem Arzt in einer öffentlichen Heilanstalt vorgenommen werden. Diese Bestimmung wird getroffen, damit die Aerzte das Gesetz nicht um- gehen und damst alle Sicherheiten für eine völlig gefahrlose Unter- brechung gegeben sind. Alle anderen Personen, die Schwanger- schastsunterbrechungen vornehmen, z. B, Hebammen, machen sich strafbar. Da den Aerzten das Recht gegeben wird, in den Fällen, die das Gesetz vorsieht, Abtreibungen vorzunehmen, müssen die Frauen nicht mehr, wie bei uns, zu den weisen Frauen und Pfuschern gehen! Für Schwangerschaftsunterbrechungen, die gegen das Gesetz er- folgen, werden die Strafen erheblich herabgesetzt. Die Schwangerschaftsunterbrechung, die bisher als Verbrechen galt, wird allgemein nur noch als Vergehen angesehen �— soweit sie natürlich gesetzlich unerlaubt ist. Bemerkenswert ist die Begründung, die das Prager Justizministerium seinem Gesetzentwurf mit gibt: Sie bezeichnet die Frage der Schwangerschaftsunterbrechung als„eines der brennend- sten der strafrechtlichen Probleme".„Die gegenwärtige R e g e l u n g", so heißt es darin,„ist ungerecht und richtet sich namentlich gegen die sozial Schwachen. Die hohen Strassätze widersprechen sowohl dem RechtsgeMl der Laien wie der Juristen, Das Justizministerium konnte sich davon überzeugen, daß die meisten Fälle von Abtreibungen geheim blieben, und daß ein Abortus über- Haupt nur zur Kenntnis der Gerichte gelangt, wenn er so spät erfolgt, daß er nicht mehr verheimlicht werden kann, wenn er für die Schwangere unglücklich ausfällt, oder wenn er aus Rache an- gezeigt wird. 8 6 Prozent der in den letzten Jahren Verurteilten waren Arbeiterinnen, Tagelöhnerinnen, Haus- gehilfinnen und Arbeiterfrauen. In 7,3 Proz. der gerichtsbekannten Fälle endete der Eingriff tödlich, in 18,6 Proz. war er mit bleibenden Gesundheitsstörungen der Mutter verbunden." Und jetzt etwas besonders Wichtiges: Der Entwurf sieht auch die Durchführbarkeit der Schwangerschaftsunterbrechung vor. Was nützt es, daß Schwangevschaftsunterbrechungen durch einen Arzt gestattet sind, wenn die Frauen nicht das Geld haben, um den Arzt zu bezahlen? Deshalb bestimmt der Entwurf, daß Vermögens- lose Schwangere einen Anspruch darauf haben, daß in den Fällen, wo die Schwangerschaftsunterbrechung gesetzlich gestattet ist, die Unterbrechung in einer öffentlichen Heilanstalt unentgeltlich oder gegen Ersatz eines Teiles der Kosten vor- genommen wird. Soweit nach den Bestimmungen der Kranken- Versicherung die Schwangere Anspruch aus eine Versicherungsleistung bei einer Geburt hat, so hat sie diesen gleichen Anspruch gegen die Krankenversicherung auch bei einer Schwangevschaftsunterbrechung. Also: die Krankenkassen müssen die Kosten der Schwanger- schaftsunterbrechung bezahlen! Durch diesen Gesetzentwurf hat sich die Tschechoslowakei in die erste Reihe der Kulturstaaten gestellt. Im einzelnen mag der Eni- wurf noch nicht vollkommen sein, er läßt z. B, noch genügend viele Möglichkeiten offen, in denen eine Abtreibung trotz dem Vorliegen eines Notstandes bestraft werden kann. Aber er zeigt den ernsten Willen, die Gesundung des Volkes durch eine Maßnahme v e r- nünftiger Geburtenregelung durchzuführen, er ist also von entscheidender volksgesundheitlicher Be- deutung! NR'. Faßbender: Die Elte als �eliieksal Es sind alte und doch immer wieder aktuelle und packende Probleme, die Carl M e n n i ck s in seinem Buch„Schicksal und Aufgabe der Frau in der Gegenwart"(Verlag Alfred Protte, Potsdam, 2, verb. Auflage 1932) behandelt. Wir sehen die Frau als geistige, schassende Persönlichkeit, als Geliebte, Gattin und Mutter im Wandel der Zeiten und gelangen zu den wichtigsten Fragen im Leben des Menschen und vor allem im Leben der Frau in der Gegenwart. Die Tatsache, daß die Frau heute wirtschaftlich und geistig zu einer Unabhängigkeit und Selbständigkeit gelangt ist, stellte das frühere Verhältnis der Geschlechter auf eine andere Basis, Damit zerbrach auch das alte Ideal von Liebe, Ehe und Familie, Was Religion und bürgerliche Moral früher schützte, ist jetzt dem Schutze und der Verantwortung der einzelnen Persönlichkeit überlassen. Der Die Kinderstube im Arbeiterhaushalt Die vernünftige Beschränkung der Kinderzahl hat die Erziehung der Arbeiterkinder in eine andere Bahn gelenkt. Eine Kinderstube im Haushalt der Minderbemittelten war früher ein Ding der Unmöglichkeit, Zwar bleibt sie auch heute noch auf einen kleinen Kreis Begiiifftigter beschränkt, allein die Erkenntnis ihrer Not- wendigkeit ist heute bereits Allgemeingut geworden. Neben der wirtschaftlichen.und politischen Erstorkung des Proletariats kommt der neuen Wohnkultur ein besonderes Verdienst für diese Errungenschaft zu. Durch die Teilung der Wohnfläche in mehrere kleine Räume ist die notwendige Trennung zwischen Wohn- und Schlafraum erreicht worden. Es wird sogar in vielen Fällen möglich sein, eine kleine Kammer, einen Nebenraum, oder wie man es heute nennt, das halbe Zimmer als Reich des Kindes einzurichten Diese Lösung ist für beide Teile, Eltern wie Kinder, die denkbar beste. Eine Trennung ist, besonders wenn das Kind größer ist, sehr zu empfehlen. Auch ein so junger Mensch braucht ein Stück eigenes Reich, um seine Persönlichkeit zu entsalten. Es braucht Freiheit, um zur"Reife zu kommen und die Mutter wird gern die Entlastung anerkennen. Aus erzieherischen wie aus ästhetischen Gründen ist also die Absonderung zu begrüßen. Wo sie irgend möglich durchzuführen ist, wird sie als Vorteil erkennbar sein. Die Einrichtung eines solchen Zimmers stellt an die Eltern einige Anforderungen. Die Anpreisungen des„wirklich reizenden Baby- zimmers", wie sie aus Preisverzeichnissen und Reklamen bekannt sind, zeigen eine fremde Welt, deren Kosten für den Arbeiter nicht erschwinglich ist, die aber auch zu seiner Einstellung nicht paßt. Wir brauchen Zweckmäßigkeit, nicht aber süßlichen Kitsch. Denn die Einrichtung soll der Eigenwelt der Kleinen entsprechen, Sie soll erzieherisch auf sie einwirken. Dazu ist ein besonderer Maßstab nötig, der dem Kinde genehm ist. Tisch und Stuhl sollen seinen Körpermaßen angepaßt sein. Auch sein Schrank sei noch den Maßen seiner Aermchen gearbeitet. Dann werden wir unschwer das Kind zur Ordnung und zur Selbstvsrantwortung erziehen. Wie im Spiel wird es lernen, seine Kleider auszuräumen und seine Schuhe in die Kiste zu verpacken. Die Methode der Italienerin Montessori beginnt bereits sich in der Praxis auszuwirken. Persönlichkeitsbildung soll früh geübt werden, damit wir unser« Kinder zu freien, selbstsicheren Menschen erziehen. Die Einfluß chrer Umwelt ist von außerordentlicher Bedeutung. Die Kosten für VBie solche Einrichtung können auf ein Mindestmaß gesenkt werden. Alle erforderlichen Dinge, außer dem Bett, kann man billig s e l b st herstellen. Außer einem Tisch und einem kleinen Stühlchen ist ein breites Regal von unbedingter Notwendigkeit. Neben Kleidern und Gerät soll es vor allem das Spielzug aufnehmen, in späterer Zeit konmien Bücher hinein und schließlich auch die Sportgeräte. Für den Säugling ist eine Wickelkommode erforderlich, die im Not- falle aus einem Tisch leicht herzustellen ist. Wenn alle Möbel mit einem hellen Lackanstrich versehen werden, die Zimmersarben hell und freundlich sind und schließlich noch eine abgedämpfte Lampe hinzukommt, dann ist das Zimmer bereits fertig. Biel Möbel sind ein Schaden, das Kind braucht freien Raum und Platz für seine Spiele. Zerbrechliche und wertvolle Stücke sind entbehrlich, sie behindern die Entwicklung und sind die Quelle unaufhörlichen Aergers. Auch wenn kein bejonderer Raum zur Verfügung steht, soll das Kind wenig st ens eine Spielecke bekommen. Das wird z, B, auch in der sonst wenig beliebten Wohnküche möglich sein. Dazu gehört vor allem das bereits erwähnte Regal, das für die Spielsachen unerläßlich ist. Auch ein kleiner Tisch ist notwendig. Wenn man dann noch einen kleinen Wandschirm mit billiger aber sester Stofsbespannung baut, dann hat man den Kleinen einen gesicherten Platz geschaffen, der bereits ein besonderes Zimmer ersetzt. Der Wandschirm wird am Abend vor das Kinderbett gestellt, damit kein Lichtstrahl seinen Schlaf störe. Für ältere Kinder sei bei mangelndem Platz das Klappbett empfoisten, das tagsüber in einen Schrank oder in ein Regal verschlossen wird, damit der Platz als Wohnraum frei bleibt. Ein besonderer'Arbeitstisch ist für die Schulpflichtigen unerläßlich. Denn erst wenn man auch die zweckentsprechenden Einrichtungen schafft, wird die Entwicklung in befriedigender Kurve verlaufen, Das wesentliche ist aber die neuzeitliche, vernünftige Einstellung zu den Erziehungssragen innerhalb der Arbeiterfamilie, Die be- schränkte Kindcrzahl gibt den Eltern die Möglichkeit, sich eingehend und planvoll mit den Kleinen zu beschäftigen und sie mit Liebe und Sorgfall zu erziehen. Ihr Leben sei Frecheit, chr Ziel die Selbst- sicherheit, sie sollen Charakter zeigen und den Geist kollektiver Ge- sinnung pflegen. Die Freiheit schafft idealfftischen Schwung, die Verantwortung erzieht zu bewußten Kämpfernaturen, Eine richtig gewählte Kinderstube— und sei sie noch so klein und bescheiden— wird immer zu einer„guten Kinderstube" der Erziehung werden, W. Weg zu einer neuen Form ist ein Tasten, Suchen und Kämpfen der geistigen Individualität und deswegen voll Schwierigkeiten und Irrungen. Liebesverbindungen müssen nicht mehr identisch mit Ehe sein. Die Menschen haben sich von dem künstlichen Glauben an die Ewigkeit einer Liebe und der Unantastbarkeit der Ehre befreit. Diese Befreiung aber birgt in sich manche Gefahr, vor allem die Gefahr des Mißb�auchs und der V e r f l a ch u n g vom besten und höchsten Gut des Menschen, es ist die Gefahr, Sexualität für Liebe zu nehmen und sie triebhast ohne schöpferische seelische Schwingungen an verschiedenen Objekten auszuleben, sowie die freigegebene, unge- bundene Liebe zu sehr auf Kosten produktiver, wertschaffender Arbeit zu genießen. Und hier liegt die Aufgabe der Frau. Sie muß die„erotische Kultur schaffen, sie ist ihrem Wesen und ihrer seelischen Struktur nach diejenige, die durch ihr Verhalten die Gefühle des Mannes formt und ihm hilft. Großes und Schönes in der Liebe zu erleben und aufs höchste zu steigern. Diese Auf- gäbe der Frau der Gegenwart ist schwer, denn sie kennt kein Dogma und kein Verbot von außen, sie muß ganz allein, aus sich heraus, für sich und vielleicht als Wegweiserin für die Frauen der nächsten Generation den Weg finden. Aus der Erkenntnis heraus, daß der Mensch mehr als einmal in seinem Leben lieben kann, wurde die alte Form der Ehe in Frage gestellt. Mennicke sieht deswegen nur zwei Möglichkeiten, die Ehe neu zu gestalten: sie nach Abklingen der Liebe zu lösen oder sie bestehen zu lassen mit der gleichzeitigen Möglichkeit, andere Liebesverbindungen einzugehen. Dabei sind ihm die Schwierig- k e i t e n, die jeder der genannten Wege mit sich bringt, deutlich. Aber wie sich auch das persönliche Schicksal des einzelnen gestalten mag, so fordert er den pädagogischen Einfluß der Gesellschaft in Form einer„Kultur der Ehe und Ehescheidung". Das bedeutet eine Erziehung zur Erkenntnis und Bejahung der neuen Form der Ehe. Auch hier soll die Frau gerade, weil sie viel schwerer unter einer Trennung zu leiden hat, gerade weil sie häufiger die Benachteiligte ist, durch tiefstes menschliches Verstehen und durch Selbstüberwin- dung der Scheidung die wahre Bedeutung verschaffen. Die Schei- dung muß aufhören, die oft unerquickliche Trennung von Menschen zu sein, die einander viele Jahre in Liebe gehörten. Eng verknüpft mit der neuen Gestaltung der Ehe ist auch das Problem der Familie, vielmehr das des Kindes. Wieder muß die Gesellschaft mit Verständnis eingreifen, Sie muß helfen, die neubeschrittcnen Wege der Gemeinschaftserziehung zu vervoll- kommnen und jeder Frau die Möglichkeit zu geben, Mutter zu wer- den. auch wenn sie nicht in einer Familie wurzelt. Mennicke geht an alle die Probleme nicht nur als Soziologe um» Psychologe heran, sondern auch als sozialistisch eingestellter Mensch. Es ist ihm auch deswegen klar, daß feine Forderungen nur in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung restlos erfüllt werden können, und er betont auch, daß die völlige Befreiung und Gleichberechtigung der Frau an den Sieg der sozialen Idee gebunden ist. Was er jetzt fordert, ist mehr naturnotwendige Vorbereitung, Suchen und Ebnen von Wegen ftir eine vollkommenere und bessere Zukunft. Ob jedoch die vollkommene Gleichstellung der Frau in Recht und Arbeit das ewige Problem der Liebe und Liebesverbindung lösen wird, erscheint mir sehr fraglich. Man kann kaum durch einen geistigen und intellektuellen Ueberbau Leid, das aus den mannig- fachen Beziehungen der Geschlechter kommt, beseitigen. Merkwürdig berührt die Tatsache, daß das Buch nur von dem Typus der geistig selbständigen Frau spricht, die in einer heute noch immerhin vorhandenen Bürgerlichkeit wurzelt. Vollkommen unbeachtet bleibt die Frau der breiten proletarischen Massen, Es ist sicherlich auch dem Verfasser klar, daß dos Liebes- und Eheleben des Proletariats schon heute anders aussieht und daß von hier aus neue Wege in die Zukunft weisen. Arbeiter~Rasenspiele Arbeiter-Fußball und-Handball Die Tage um den Rast benutzten die Fußballer dazu, um einige Gesellschaftsspiele zu veranstalten, Ln der Narmannenstraße in Lichtenberg hatte Lichtenberg II die Hoppegartener zu Gast. In einem sehr flotten und fairen Kampf blieben die Hoppegartener mit 3: 1 Sieger. Erst nach der Pause(0; 0) konnten die Gäste die Tore erzielen.— Lichtenberg I weilte bei Ein» trach t> Reinickendorf und verlor hoch mit 9:1.— Ein schönes Treffen lieferten sich Vorwärts- Wedding und Eiche- Köpenick, das die Weddinger mit 1:9 für sich entscheiden konnten. Die beiden zweiten Mannschaften trennten sich beim Stande von 2:3 für die Köpenicker. Normannia- Lichtenberg weilte zum Rast in Branden- bürg o. Havel. In einem sehr flotten Tressen blieben die Lichtenberger mit 7:2 siegreich. Wohl kamen die Brandenburger zum ersten Treffer, aber der Ausgleich sollte nicht lange auf sich warten lassen. Einige Minuten später ging dann Normannia in Führung und erhöhte die Torzahl auf 4:1. Kurz vor der Pause kam Brandenburg aus 4:2 heran. Die zweite Halbzeit stand ganz im Zeichen der Lichtenberger. Die Brandenburger hatten sich in der ersten Halbzeit zu sehr aus- gegeben. In gleichmäßigen Abständen erzielte Normannia noch drei weitere Tore, um dann mit 7:2 als Sieger den Platz zu ver- lassen. Auf dem Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf findet heut« Dienstag um 18, 4S Uhr ein Auswahlspiel der Nordgruppe des 4. Bezirks statt. Es handelt sich um die Feststellung einer Nord- gruppenmannschaft zum Kreisfest in Luckenwalde. Die Mannschaften spielen in folgender Ausstellung: X-Mannschaft: Neubauer sFriedenau) Schöps gack fWilmersdarf)(Teltow) Ellnther Zinnow l Kralesch