Moraenausgabe Sonnabend 301 49. Jahrgang\/ � 11 1932 � AXAxAs��s-a" A. MI Groß-Äerlin 10 Pf. Wöchentlich 7s Pf., monatlich z,2» M.| IJ HH �ÄX�X �JHI Äuöniärfö 15 Pf. (davon S7 Pf. monatlich für gustel. KB H HB t&SI f�9y«H' Wt£ Kö MZ tBf lung ins Haus) im voraus zahlbar. � l H M« M W // W DZ M EH B WS M?- Postbezug S,S7 M. einschließlich soPf. MW W W RH tA) IK W WD W I» W /< M MI--MsWWM Pouzeitungs» und 72 Pf.Postbestellge. �Ml» LUSfflB WD SB zM � KS BS WA{S BS M) VW � dLSB/BgSgf£* �Sk. buhren. Auslandsabonnement S,SS M.[fl�H WD BH W» KI WW IFg KI IWI— � AI �K � pro Monat; Länder mit ermäßig. VHW I BI AI WI BS WI AM! WS BS MB HS SB JBS�gSBtt FSaflgBf�F JgW äf A tem Drucksachenport- 4.65 M.-rHW I HB Hl I �ÄVflÄV ES l SB/ �StSBB�M Mr OB JA wegen H| HB, � SnV yy H[ jhB höherer Gewalt besteht kein Anspruch i � SS\ BKh�� Jf MSB der Abonnenten auf Ersag. yK JawaH y�ylftt�y«sm Zentvaloegan der Sozialdemokratischen Vavtei Dentschlaß�� Redaktion und Verlag: Berlin TW 68, Lindenstr. 3 fternspr.: Dönhoff(.& 7) 292—297. Telegrmmn-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Halle. 13. Juli.(Eigenbericht.)> Am Freitagabend unternahm eine Kolonne von etwa 109 ZA.-Leuten einen überraschenden Ueberfall auf das Gewerkschaftshaus in Halle. Die Wache der Eisernen Front, unterstützt von zahl- reichen Gästen des GewerkschaftshauseS, warf sich sofort den Angreifern, die mit Totschlägern und Zchlaginstru- menten bewaffnet auf das. Haustor losstürmten, entgegen und schickte die Burschen mit blutigen Köpfen zurück. Von den Kameraden der Eiseruen Front wurden vier Mann leicht verletzt. Auch die Nationalsozialisten hatten, soweit sich dies feststellen lieh, vier Verwundete. darunter zwei Zchwerverletzte. die abtranspor- tiert werden mutzten. AuS einer Anzahl Lrte deS Zaale-GcbieteS wurde einige Stunden nach dem Ueberfall der Leitung der Eisernen Front in Halle gemeldet, datz national- sozialistische Kuriere in diesen£rten die ZA.> und SZ.-Formationen alarmieren. Diese Meldungen sind sofort an die Polizeibehörde von Halle weiter- geleitet worden. Die gestrige Verlustliste. Fünfzehn Verwundete. Lei den �ujammenstöhcn. die sich am Zrcilag im Reiche er- eigneten, sind insgesamt 15 Personen verletzt worden. Die vis Zurpitrung im wirtschoftlichen Ringen zwischen Kapital und Arbeit hat auch politisch eine Klärung der Fronten gebracht. Die bürgerlichen Miltelparteien sind geschichtlich überwunden. Zum 31. Juli stehen sich nur zwei Fronten gegenüber: Demokratie und Soxiaiismus gegen Kapitalismus und Faschismus. Alle Versuche der bürgerlichen Angestelltenverbünde, in Unternehmerparteien Angeslellteninteressen vertreten zu wollen, sind endgültig gescheitert Der Deutschnationale Vorwärts-Verlag G. m. b. H. I schwersten Zusammenstötze sandcn in Walsum lRheinprovinz) statt, wo bei einer hestigen Schießerei fünf Personen durch Schüsse verletzt wurden. Die übrigen Perlehlen entsallen aus Halle, Landshut und Koblenz. Ein schmuhiger Provokateur. NaziHansWittler handelt in Kommunistenmaske mitpistolen Der Resse des Inhabers der Lrolsabrik willler, der Rational- sozialisl Hans willler, hat sich bemüht, im Velrieb seines Onkels einen nationalsozialistischen Stützpunkt zu schassen. Dieser Hans willler erschien vor kurzem in einem kom- munistischen Verkehrslokal und bot dort Pistolen zum Saus an! Die Rozipartei wollte ossenbar Beweise für die Bewaffnung der Sommunislen konstruieren und ließ deshalb aus ihren eigenen illegalen wafsenbefländen Pistolen zum Saus anbieten! Die Kommunisten waren klüger als der nationalsozialistische Provokateur, der sich als Kommunist maskiert halte. Sie riefen die Polizei. Gegen den Provokateur wurde Anzeige erstattet. Er ist vom Landgericht Iii wegen unerlaubten Waffenbesitzes und wegen des provokatorischen Verkaussversuchs zu S Monaten Ge- s ä n g n i s verurteilt worden. Handlungsgehilfen-Verband hat sich deshalb resigniert von diesem Wahlkampf zurückgezogen. Es ist kein Raum zwischen den Klassen. Die freien Gewerkschaften ringen bei dieser Wahl mit einem innerlich unwahren Nationalismus. Eine falsch verstandene Wirtschaftspolitik der Absperrung bedeutet Armut des Volkes. Armut ist auch das Ergebnis der kapitalistischen Krise. Rettung des Kapitalismus aber heißt Verewigung und Steigerung der Armut. Nur auf dem Boden einer sozialistischen Planwirtschaft sind politische Freiheit und soziale Rechte auf die Dauer verbürgt. Der Tag für den Umbau der Wirtschaft und die Zeit eines Gegenwartssozialismus sind gekommen. Postscheckkonto: Berlin 37 536.—Bankkonto: Bankder Arbeiter. Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3. Dt.B.u.DiZc.-Ges., Depositenk., Jernlalemer Str. 65/66 Takt in der Politik. Bemerkungen zu einer unerfreulichen Episode. Vor» Prof. Dr. Ferdinand Tönnies-Kiel. Man darf wohl erwarten, daß diejenigen, die es angeht, dem berühmten Verfasser, dem Altmeister der deutschen So- ziologie, für seine wohlgemeinten Lehre» dankbar sein werden! Red. d. B. Was der Takt bedeutet im sozialen Leben überhaupt, kann uns nur die Erfahrung lehren. Denn oft erfahren wir, daß mit einem glücklichen, vollends mit einem feinen Takt, viele Schwierigkeiten gelöst werden, besonders solche, die aus den Verschiedenheiten der sozialen Stellung, also des Ranges, des Vermögens, sogar der Klugheit und Bildung entspringen. Noch mehr aber erfahren wir in dieser Hinsicht negativ: der Mangel an Takt ist oft verhäng- n i s v o l l. Und er läßt sich allzuoft beobachten im Ver- halten der Höhergestellten zu denen, die weniger sind oder weniger vorstellen als sie. Jene verletzen und kränken oft, ohne es zu wollen, ihre Mitmenschen, von denen sie meinen, daß sie durch jede Art einer nicht unfreundlichen Anrede sich geehrt fühlen müssen, oder daß sie das Boshafte und Ver- ächtliche ihrer Redeweise und ihres Tones nicht merken, weil sie eben einfache Leute seien. Die gröbsten Irrtümer werden in dieser Hinsicht von Herren und Damen begangen, die sich ihrer überlegenen Bildung sicher fühlen und durch mangel- haften Takt sich auszeichnen. Wir hatten einen Monarchen, der mit Geistes- gaben nicht übel ausgestattet war und ohne Zweifel den guten Willen hatte, nicht ohne Weisheit zu regieren, auch schon als guter Christ eines gewissen Wohlwollens für sein Volk und besonders für die Leidenden, die Armen sich fähig und sicher fühlte. Aber er ermangelte des Taktes beinahe gänzlich. Er wurde in Europa verrufen durch seine Takt- l o s i g k e i t, und auch mancher aufrichtige Verehrer seiner � Person und seiner kaiserlichen, auch königlichen Majestät hat ihm in Gedanken zugerufen: O, wenn du� geschwiegen hättest? Einmal schien sogar eine Krise seiner Regierung aus einer Reihe von Taktlosigkeiten, die plötzlich offenbar wurden, her- vorzugehen. Sein leitender Minister ließ sich von ihm das Versprechen geben, eine gute Weile zu schweigen. Kurze Zeit hat er es ausgehalten, dann wurde er rückfällig und seine Taktlosigkeiten nahmen weiter ihren Lauf. Ob und wie sie zu seinem Sturze beigetragen haben, kann im einzelnen noch nicht nachgewiesen werden. Wenn Taktlosigkeiten meistens in Worten geschehen, so gibt es doch auch Takt- losigkeiten in Handlungen, und die Ueberschreitung der holländischen Grenze, die im Volk allgemein als„Fahnen- flucht" gedeutet wurde, war in Wirklichkeit vielleicht nur eine neue große Taktlosigkeit. Haben wir heute ein Kabinett der Taktlosig- k e i t? Eine Taktlosigkeit haben die Ratgeber des Reichspräsidenten allerdings sich zuschulden kommen lassen, als sie ihn bewogen, aus den Trümmern der Deutschnatio- nalen Partei eine Regierung zu bilden, die ihrem Wesen nach eine nationalsozialistische Regierung ist in fadenscheinigen deutschnationalen Kleidungsstücken. Eine Taktlosigkeit war es, daß diese Regierung mit einer Erklärung sich ein- führte, in der sie den Wohlfahrtsstaat verspotten zu sollen meinte: angesichts unerhörter Notstände, denen die vorige Regierung auf Kosten einiger hilfsbedürftiger und unfähiger Grundbesitzer abzuhelfen eben beflissen war. Der diese Er- klärung verfaßt hat, dürfte eine dünne Notiz in einem alten Kollegienheft gefunden haben, das einem jener ehemaligen Professoren nachgeschrieben war, die noch den Liberalismus des Gehen-Lassens und Geschehen-Lafsens hochhielten, dem damals auch im Sinne des Nichts-als-Freihandels die Ge- lehrten der Landwirtschaft freudig huldigten. Leider macht manches, was zu seiner Zeit durchaus ernst genommen ward und es verdiente, im Lichte eines späteren Tages leicht einen komischen Eindruck. Eine Taktlosigkeit war es von einem Minister des Innern, der einer Republik zu dienen sich verpflichtet hat, zu bekennen, daß er nach Wiederherstellung der Monarchie sich sehne und nur aus Mitleid mit dem armen Volke, das einiger Schonung be- dürfe, wolle er sich enthalten, unmittelbar auf die Gegen- revolution hinzuarbeiten. Aus Mitleid möchte man unter- lassen, die Reihe der Taktlosigkeiten aufzuzählen, deren der Chef dieses Kabinetts zum Schaden der guten Sache, die er ohne Zweifel im besten Sinne zu oertreten wünschte und meinte, in Lausanne sich hat zuschulden kommen lassen. Konnte er nicht vorher wissen, daß er durch- aus ungeeignet war, einen taktvollen und in derselben Sache schon erfahrenen und geschätzten Mann wie Herrn B r ü- n i n g zu ersetzen? Wenn der Ausfall der preußischen Land- Vsrdrilcte?» euch in der Eisernen Front mit allen schaffenden Volkskräften zum Einheit«! block der Arbeit. Sprergt die Kelten, schlaft die Reaktion. Wählt S&iiaSismus und Demokratie und ihr seid frei! Berlin, im)uli 1932. Der AfA-Bundesvorstand. SA.-Lteberfall in Halle. Sturm auf Gewerkschafishaus/ Blutige Köpfe für die Angreifer An die Angesteiiten! Am 31. Juli entscheidet die Reichstagswahl über euer Schicksal. Ihr entscheidet am 31. Juli über das Schicksal von Land und Volk. Die kapitalistische Wirtschaft ist ins Wanken geraten. Ströme der Not durchfluten Deutschland, Millionen von Angestellten und Arbeitern mit ihren Familien sind das Opfer von Gewinnsucht und Unfähigkeit der Kapitalisten geworden. Das Volk hungert bei vollen Scheunen. Die Träger dieses versagenden Wirtschaftssystems fürchten den Zorn der Notleidenden, denen die Demokratie bisher Waffe im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung gewesen ist Zur Rettung eines versagenden Wirtschaftssystems soll die Demokratie zerschlagen werden. Die Schuldigen unserer Not, eine Handvoll Großkapitalisten, fanden in den Nationalsozialisten ihre willigen Sklavenhalter, um den Sturm der Entrechteten und Enterbten auf den Kapitalismus abzuwehren. Millionen verzweifelter Menschen, Tausende von Angestellten wurden von den Nationalsozialisten an ihrer antikapitalistischen Sehnsucht gepackt, sie dienten aber als Fußschemel, auf dem eine Regierung des Monopolkapitalismus und Großgrundbesitzes zur Staatsmacht emporsteigen konnte. Alle sozialen Errungenschaften der Angestellten sind durch das„neue System" in höchste Gefahr geraten. Der nachkriegszeitliche„Wohlfahrtsstaat" soll abgeschafft werden. Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei war bereit, neues maßloses Elend der Angestellten, Arbeiter und Beamten, der Sozialrentner, Kriegsbeschädigten und Erwerbslosen um den Preis einer Uniform für Terrorfreiheit in Kauf zu nehmen. Das„neue System" Papen-Hitler bringt den Angestellten: Zerschlagung der Arbeitslosenversicherung unter Aufrechterhaitung hoher Pflichtbeiträge; Herabwürdigung von Rechtsansprüchen zu würdelosen Almosen durch Bedürftigkeitsprüfung; Aushöhlung der Angestelltenversicherung und Kürzung der wohlerworbenen Alters- und Invalidltätsrenten; Freiheit für Gehaltsabbau durch Nichtanwendung der staatlichen Verbindlichkeitserklärung: Gefährdung des Kündigungsschutzes und des übrigen Angestelltenrechts. tagswahlen den Ratgebern des Reichspräsidenten die Mei- nung eingab, der überwiegende Volkswille sei nunmehr „rechts" gerichtet, hätten diese Barone nicht den guten Takt haben müssen, zu erkennen und zu erklären, daß keineswegs s i e durch den Volkswillen, wie immer man dessen scheinbare Zeichen deuten mochte, gemeint waren; daß überhaupt die Wahl in Preußen keinen Grund gab, noch einmal— für die Mehrzahl zum viertenmal innerhalb weniger Monate— Bürger und Bürgerinnen im ganzen Reiche an die Wahl- urne zu rufen, und daß die von oben geschehene Wahl in Verbindung mit den Taten dieses neuen Kabinetts nur ge- eignet war, eine tiefe Verstimmung hervorzurufen, chat denn die Reichsversassung ohne guten Grund die Wahl regelmäßig für vier Jahre gelten lassen wollen? Ist denn die Haken- kreuz-Partei nicht schon viel zu stark vertreten gewesen durch 110 Aäbgeordnete, die ihr Mandat dadurch ausübten, daß sie davonliefen?!— Ein Kabinett der Taktlosigkeit kann nicht lange bestehen und wird niemand zur Ehre, geschweige zum Ruhme gereichen. Es wird eine der unerfreulich- st e n Episoden in der kurzen Geschichte der deutschen Republik bilden, zumal da es mit dem Geiste, wenn nicht mit dem Buchstaben der neuen Reichsverfassung in Widerspruch steht. Seine Bildung sollte dem heiseren Geschrei derer genug tun, die ohne einen Funken von politischem Verständnis sämtliche früheren Regierungen der gleichen Verurteilung unterwarfen: Regierungen, die sehr verschieden zusammen- gefetzt waren, zumeist aber aus Männern, die von ver- fchie'densten Parteilagern stammend doch in gutem Willen übereinstimmten, dem Reiche aus den ungeheuren Schwierig- keiten der Zeit emporzuhelfen, und innerhalb deren fast jeder einzelne an Geist und Fähigkeit mehr Garantien bot als je zwei zusammen von den neuernannten Herren: Garantien für ihre Fähigkeit, für ihren Verstand. Dies galt besonders für den, der an der Spitze jenes letzten Kabinetts stand und inmitten eines durchdachten Planes seiner Arbeit entrissen wurde, für den eben vorher noch die Präsidentenwahl dar- getan hatte, daß er mit dem wiedergewählten Reichspräsiden- ten noch eine große Mehrheit der Nation auf seiner Seite hatte; entrissen wurde, weil unberufene Auch- Politiker, von einem ausländischen Dilettanten angeführt, meinten, in seinem„System" das ganze r e p u b l i k a- nische System zu stürzen und also die republikanische Reichsverfassung tödlich zu treffen. Möge jeder, der die Gegenrevolution und Wieder- Herstellung der Hohenzollern nicht will, diese Erkenntnis sich zu eigen machen und gemäß dieser Erkenntnis sich an der Wahlhandlung beteiligen. Er wirir sich selber und seinen Klassen- oder Standesgenossen dadurch vielen Kummer er- sparen— jenen Kummer, den immer diejenigen erleben, die nachher klug sind— wie Epimetheus in der griechischen Sage!— Ohlau. Hat Fememörder Heines die Polizeigewalt? In Ohlau in Schlesien scheint nach den letzten Vorgängen nicht mehr eine geordnete Staatsgewalt, sondern etwa der 5?err Fememörder Heines zu regieren! Das„Berliner Tageblatt" teilt folgenden Fall mit: „Zur Illustration der Zustände in Ohlau dient folgendes Vor- kommnis, das sich heute vormittag während eines Telephona- t e s unseres nach Ohlau entsandten Sonderkorresponden- ten mit unserer Berliner Redaktion ereignete. Während unser Kor- respondent in der Telephonzelle eines Ohlauer Hotels mit Berlin sprach, wurde plötzlich die Tür zu der Zelle ausgerissen und ihm von einem Manne der Hörer aus der Hand geschlagen. Aünf Polizisten mit Gummiknüppeln gingen gegen ihn vor. um ihm die Fortsetzung des Gespräche» mit Berlin unmöglich zu machen. Ossenbar war das Telephongespräch an irgendeiner Stelle a b» gehört und den Nationalsozialisten mitgeteilt worden, die ihrer» seits mit unwahre» Behauptungen die Polizei in Bewegung zu setzen verstanden. Aus dem Polizeirevier wurde unser Korrespondent, der sich selbstverständlich gehörig ausweisen konnte, vernommen und sofort wieder in Freiheit gesetzt. Aus Umwegen konnte er Ohlau verlassen und von einer anderen Stelle uns den Rest seines Berichtes nach Berlin weitergehen. Als das von dem Ohlauer Hotel aus geführte Gespräch durch schreiende Zivilisten und die mit Gummiknüppeln bewaffnete Polizei unterbrochen worden war, wurde von unserer Berliner Redaktion erneut eine telephonische Verbindung mit dem Hotel hergestellt. Als wir nach unserem Korrespondenten verlangten, meldete sich eine männliche Stimme, die in schimpfendem Tone mitteilte, der Herr sei„längst abgeholt von der Polizei", er habe„alles gelogen" usw.; es folgten weitere Beschimpfungen wie„Lügenblatt" usw. und erst das Auflegen des Hörers machte der Szene«in Ende." Wir nehmen an, daß das preußische Innenministerium diesen Vorfall sehr gründlich untersuchen wird! Der Eindruck läßt sich jedoch nicht verwischen, daß die Polizei auf das Kommando der Nazis hört! Gegen die Gemeinheit! Zum Schmuhantrag der Razi-Landtagsfraktion. Der„T a g" des Hugenberg-Konzerns hat sich entschlossen, von der abgrundtiesen Gemeinheit der Nazi-Landtragsfraktion a b z u- r ü ck e n. Er nennt den bekannten schmutzigen Antrag gegen den Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß eine Entgleisung, sucht aber zugleich den Eindruck zu erwecken, als ob so schmutzige Kampf- Methoden Gemeingut der Linkspresse währen. Wir brauchen uns gegen diese Unterstellung nicht zu verteidigen. Der„L o k a l- A n z e i g e r", die„Deutsche Zeitung" und die„Deutsche Tageszeitung" ungeschlagen bekanntlich nach wie vor den Brief Severings an Weiß und unterlassen es, von der Gemeinheit der Nazi-Landtagsfraktion abzurücken Miß Ellen Wilkinson. die Führerin der englischen sozialistischen Frauen, die am Dienstag beim Lustgarten-Aufmarsch eine Freiheitssohne im Auftroge der englischen Frauen überreichen wird, trifft heute nachmittag um 1S.47 Uhr am Bahnhos Zoo ein. Berliner Genossinnen und Genossen, namentlich Mädchen der Arbeiterjugend, die ihr den Willkommengruß entbieten wollen, treffen sich um 16.30 Uhr am Bahnhof. Warnung vor Lockspitzeln? Laßt euch nicht in Kämpfe mit der Polizei hetzen! Bestimmte Umstände, auf die zurückzukommen wir uns vorbehalten, veranlassen uns, eine Warnung auszusprechen. Da und dori treiben dunkle Elemente ihr Unwesen, die es darauf anlegen, zwischen der Schuhpolizei und der Ar- beilerschaft Zusammenstöße zu arrangieren. Die Arbeiter haben mit der Abwehr des Razilerrors wahrlich genug zu tun; sie haben gar kein Interesse daran, sich in der Schupo noch einen neuen Feind aus den Hals zu laden. Es ist im Gegenkeil, soweit das immer nur angängig ist. besonders seht auf ein möglichst gutes Verhältnis zur Schupo das größte Gewicht zu legen, wenn es in Einzelfällen durch nervöse oder parkeiische Offiziere zu Mßgriffen kommt, darf es an Kritik nicht fehlen und muh Remedur geschaffen werden, ehe das allgemeine Verhältnis zwischen der Polizei und der arbeiten- den Bevölkerung Schaden erleidet. An der Schaffung einer allgemeinen Mißstimmung zwischen Arbeitern und Schupo haben nur die Nationalsozialisten ein Interesse. wer die Arbeiter in Kämpfe mit der Polizei hineinzu- Hetzen versucht, ist— er mag in welcher Verkleidung immer, z. B. auch eines besonders radikalen„Kommunisten". auftreien— ein brauner Lockspitzel. Die politisch aufgeklärte und besonnene Arbeikerbevölkerung wird sich hüten, diesem Gesindel auf den Leim zu kriechen. Ein rauher Kämpfer Hiilers. Wo sich der„Blutzeuge der Idee" seine Wunden holte. halberstadt. IS. Juli.(Eigenbericht.) Im„Illustrierten Beobachter" vom 16. Juli befindet sich das Bild eines verbundenen Menschen in Hitleruniform. Der ganze Oberkopf einschließlich des rechten Auges ist verbunden. Unterschrift: „Ein Blutzeuge der Jde e." Es soll also der Anschein erweckt werden, als handele es sich hier um ein Opfer des roten Terrors, um einen Verwundeten im Dienste der Hitler-Idee. Totsächlich ist der Mann auch bei dem Nozitreffen in Dessau als Held gefeiert worden. Dieser Mann ist ein gewisser Else aus Wegeleben bei Halber- jtadt. Seine Verwundungen ober hat er nicht im Kampfe mit der Eisernen F1:ont erhalten, sondern er wurde von den Frauen des sogenannten Siechenhoses in Wegeleben mit Recht verdroschen, weil er sie mit ordinären Redensarten belästigte. So sehen die rauhen Kämpfer Hitlers aus. Schlesische Kampfdemonstration. Am Grabe des erschossenen Kameraden. Breslau, IS. Juli(Eigenbericht). Unter ungeheurer Beteiligung der Breslauer Arbeiterorgani- sationen sowie der Ortseinwohnerschast fand am Freitagnachmittog in der überwiegend sozialdemokratischen Gemeinde Klettendorf, Landkreis Breslau, die Beisetzung des Reichsbanner- kameraden Tille statt, der am letzten Sonntag bei dem ge- meinen Ueberfall der Nazi- in Kanth, Kreis Neumarkt, drei Schüsse in den Unterleib erhalten hatte. Tille war am Dienstag seinen schweren Verletzungen erlegen. Tausende von Menschen gaben dem gemeuchelten Kämpfer für die Republik das letzte Geleit. Bayerische Hiebe. Die Landshuter Arbeiter wahren ihr HauSrecht. Landshut(Bayern), 15. Juli. Im Anschluß an eine überfüllte sozialdemokratische Versammlung kam es hier zwischen Mitgliedern der Eisernen Front und provozierenden SA.-Leuten zu einer schweren Schlägerei. Gartenstühle, Biergläser, Krüge und Dachziegel fanden als Waffen Verwendung. Die Nationalsozialisten, die sich die Sache leichter vorgestellt hatten, wurden buchstäblich aus dem Garten hinaus- geprügelt. Später griff die Poliz?! ein und räumte die um- liegenden Straßen. Fünf Personen wurden verletzt, darunter auch zwei Polizisten. Wo trägst du die drei Pfeile? Wie, du hast sie zu Hause gelassen? Merke dir: dos Freiheitszeichon ist kein Schmuck fllr deine Kommode, sondern du sollst es sichtbar auf der Brust tragen, und zwar nicht nur bei Versammlungen, Kundgebungen usw., sondern alle taget 1 Hungerdiktator Hitler. Fort mit der Hitler-Rotverordnung! Die nationalsozialistische Agitation drückt sich um klare Antworten auf die Fragen, die das Volk bren- nend interessieren. Sie bemüht sich, wieder einen Hehfeldzug gegen die Sozialdemokratie in Gang zu bringen, die alten Lügen vom Vaterlandsverrat der Sozialdemokratie wieder aufzuwärmen. Wir haben. diese Lügen abgestraft, wie wir alle Nazilügcn abstrafen! Wenn die Nazis aber glauben. uns mit ihrem Schwindel von der Behandlung der Fragen ablocken zu können, die für das deutsche Volk von schicksal- hasier Bedeutung sind, so irren sie sich! In diesem Wahlkampf geht es um die Ver- antwortung für das reaktionäre Kabinett der Barone, um die Verantwortung für das Hunger- diktat, das dies Kabinett der Barone dem Volke auferlegt hat! Diese Verantwortung können die Nationalsozialisten nichi von sich abwälzen! Deswegen hat Hitler noch kein Wort gegen das Kabinett Papen gesagt, deswegen hat S t r a ß e r sich geweigert, den Ueberwachungsausschuß des Reichstags einzuberufen, deshalb hat Goebbels angeord- net, daß über das Kabinelt Papen nicht geredet werden dürfe! Am ZI. Juli werden die Nazis für ihren Volksverrat zur Verantwortung gezogen! Dann wird abgerechnet mit dem hungerdiktator hiller und der h i t l e r- N o t- Verordnung! Für dos Kabinett der Barone gilt die Parole Papen finanziert Schleicher regiert Hitler diktiert! Was er diktiert, ist Hunger und Entrechtung für die Arbeiterschaft! Fort mit der Hitler-Notverordnung! Fort mit der volksverräterischen NSDAP.! Auflösung des Thüringer Landiages. Neuwahl mit den Reichstagswahlen verbunden. Der Landtag von Thüringen beschloß am Freitag. nachmittag bei Stimmentholtimg der Deutschen Volk«partei und des Staatspartsilers mit den Stimmen oller übrigen Abgeordneten seine Auslösung zum 30. Juli und zugleich damit die Zusammenlegung der Lan-dtagswahl für den 6. Thüringer Landtag mit der Reichs- lagswahl auf den 31. Juli. Die Aenöerung der Wahlord- nung. die eine Zusammenlegung in so kurzer Frist ermöglichen soll, wurde dem Jnnemninistermn überlassen. Oer Llniversitätsskandal. Schärfster Protest der republikanischen Swdenten. Der Deutsche Studentenverband erklärt zu dem Konflikt um die Ehrenwoche an der Berliner Universität: „Das Angebot der republikanischen Studenten, an der Ehren» wache am Gefallenendenkmal teilzunehmen, blieb ohne jede Antwort. Noch immer stellen nur die Nationalsozialisten und andere Rechtsoerbände allein die Ehrenwache für unsere ge- fallenen Kameraden. Diese einseitige Maßnahme wurde sogar i n einer Proklamation des Senats als „notwendiger und gerechter innerakodemischer Sühneokl" bezeichnet. Die erneute Schließung der Universität kann sich der Deutsche Studentenverbond sehr gut erklären, denn die Empörung über die einseitigen Anordnungen von Rektor und Senat ist unter den Stn- denten, weit hinausgehend über die Kreise des Deutschen Studenten» Verbandes, außerordentlich gewachsen. Ein Teil de« Universitätsgebäude» Ist in ein Londsknechtloger umgewandelt worden. Di«„wachthabenden" Studenten haben sich derart aufgeführt, daß sie auf Beschwerden von Personal und Beamten zurechtgewiesen werden mußten. Der Deutsche Stubentenverband sieht sich gezwungen, di« Oessent- lichkeit auf diese beschämenden Zustände an Deutschland» größter Hochschul? hinzuweisen. Nunmehr ist der Anschein erweckt, daß der Rektor die politischen Gruppen nicht mit der gleichen Ob- jektivität behandele. Der Deutsche Studentenverbond hat gegen die naklonolsozialiskischen Verleumder Strasanlrag gestellt und fordert mit aller Energie im Interesse von IS 000 arbeitswilligen kommili- tonen die Aufrechterhaltung des Lehrbetriebes bis an das Ende des Semester», sei es unter Anwendung der allerschärfsten Maßnahmen." Eine Erklärung Gcheidemanns. Oer angedichtete Latifundienbesitz. Philipp Tcheidemann bittet uns um Abdruck folgender Zeilen: Die Zahl der Forstbeamten aller Grade, die sich in jüngster Zeit bei mir um ein« Stellung für meine„W älderin Ungarn" bewerben, wird immer größer. Um arme Teujel, die stellenlos sind, vor unnützen Ausgaben zu bewahren, fasse ich noch einmal— auch auf Wunsch vieler VertrauLnzleute im Lande— kurz zusammen, was wiederholt vor früheren Wahlen(seit 1920) in der Presse sestgestellt worden ist: Alle«, was von politischen Gegnern über meine Besitzungen geheim getuschelt, öffentlich geredet odep gar schwarz auf weiß gedruckt wird, ist(leider!) Schwindel von A bis Z. Ich besitze weder in Deutschland noch in der Schweiz, weder in Holland noch in Dänemark, weder in Schweden oder Norwegen, noch in Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei, oder in irgendeinem anderen Lande der Welt, Pjerd« oder Automobile, Wälder oder Felder. Güter, Häuser oder Villen. Ich wiederhole frühere öffentliche Aus- lobungcn in aller Form: wer derartigen Besitz, der angeblich mir gehört, irgendwo entdeckt, dem schenke ich ihn hiermit. Wahrspruch des Kabinetts der Barone. Dieser Wahrspruch des Kabinetts der Barone soll nicht unter- gehen: Papen firmiert. Schleicher regiert, Hitler diktiert! Das Wort sitzt! Wenn das Kabinett der Barone weggefegt sein wird, so wird in sechs Wochen dieser Wohlspruch olles sogen, was über da» Kobinetl der Bapono zu sogen war! Im Reich»inncnministerium fand am Freitag eine Referenten- besprechung mit Vertretern der süddeutschen Länder über die geplante Neuordnung im Rundsuntwesen statt. Methode: Einstweilige Verfügung. »Halt, was geht hinter diesem Vorhang vor?',-. f// »Selbstverständlich... ööt. Hakenkreuz-Carola»on Wesselowen Nazis und Osthilfekorruption.- Vom großagrarischen Wohlfahrtsstaat. SA. stiehlt Sprengstoff und fabriziert Domben. Mannheim. 15. Juli.(Eigenbericht.) Am Freitag verurteilt« das Pirmasenser Schossengericht die Na�ifiihrer Eick« und Berni wegen Derbrechens gegen das Spreng st osfgesetz zu je 2 Jahren Zuchthaus. Der Nazi- kaufmann Hahn und der SA.-Mann Ebenhausen erhielten 1 Jahr 6 Monate bzw. 1 Jahr Zuchthaus. Die Angeklagten hatten im Herbst vorigen Jahres Sprengstoss- bomben größeren Kalibers mit außerordentlich gcsährlichem, hochexplosivem Sprengmaterial hergestellt, um sie für den Bürgerkrieg zu verwenden. Der Hauptangeklagte ist der Führer der Standarte Nr. 10, die sämtliche SA. und SS. der Pfalz um- faßt. Merkwürdigerweise war dieser Hauptangeklagte, der Kriminalkommissar Theodor Eicke, zugleich stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes der JG.- Farben im Werk Ludwigshasen. Er hatte sich das Sprengmaterial und die chemischen Stoffe aus dem Laboratorium der JG.-Farven beschafft. Auch die Sprengkapseln und die Bleirohre stammten zum Teil aus dem Werk. Da Eicke ungehindert überall Zugang hatte, konnte er die Materialien leicht aus der Fabrik herausschaffen. Der zweite Haupt- angeklagte ist der Vorganger Eickes in der Standartenführung in der Pfalz, der Krastwagenführer Friedrich Berni. Die Angeklagten sind durch die Untersuchung überführt worden und auch geständig. Sie erklären, daß sie die Sprengkörper vor allem zum Schutz bei der„legalen Machtübernahme" der NSDAP. gegen irgendwelche Angriffe verwenden wollten. Hochspannung in Genf. Wird ernsthast abgerüstet oder ergebnislos vertagt? Genf. 15. Juli.(Eigenbericht.) Die Vertagung der Abrüstungskonferenz ist durch die neue sranko-englische Entente zu einem vorläufigen End- kämpf um die Behauptung der abrüfwngsfeindlichen Positionen gegen den verstärkten Ansturm der auf greifbare Mahnahmen dran- genden Länder geworden. Es zeigte sich bereits wenige Stunden nach dem am Mittwoch gefaßten Beschluß, daß der Optimismus des Büros verfrüht war. Jetzt ist die Situation gespannter und unsicherer denn je. Zu der Entschließung des Berichterstatters Benesch sind van Deutschland sehr konkrete Erweiterungsvorschläge eingegangen, mit dem Hinweis auf die Unmöglichkeit einer Zustimmung, wenn in der abschließenden Resolution nicht die Gleichberechtigung aller Staaten und ziffernmäßig bestimmte Rüstungsherabsetzungen bzw. völlige Abschaffung der Militärfliegerei, der Tanks und der schweren Artillerie enthalten seien. Rußland hat gleichfalls schriftlich erklärt, daß es keine Eni- fchließung annehmen könne, in der nicht mindestens noch zu den vorhandenen Vorschlägen enthalten sei: 1. quantitative Herab- sctzüngen aller Rüstungen um ein Drittel mindestens bei der ersten Etappe, mit Ausnahme der kleinen Länder und der durch Der- träge abgerüsteten Staaten, 2. völlige Abschaffung aller Bomben- slugzeuge und jeder Art von Tanks, Z. Begrenzung der schweren beweglichen Landartillerie auf höchstens 10 Zentimeter Kaliber und Herabsetzung des Kalibers der Kriegsschiffe entsprechend dem der Küstenartillerie, 4 Auftrag an das Büro, während der Vertagung praktische Vorschläge für die Anwendung des Prinzips der Herab- setzung um ein Drittel auf die Kriegsflotten auszuarbeiten Auch Amerika drängt mit Italien zusammen stark auf weitgehende Berücksichtigung der Hoover-Vorschläge. Frankreich hat eine Gegenentschließung ausgearbeitet, die jeder wirklichen Ent- scheidung auszuweichen sucht und England wünscht plötzlich eine private Staatsmännerbesprechung. Wird Herriot in der Abrüstungsfrage einschwenken? Paris, 15. Juli.(Eigenbericht.) Leon Blum hat im„Populaire" der Hoffnung Ausdruck ge» geben, daß der Bruch zwischen Herriot und den Sozialisten nicht endgültig sei und der Ministerpräsident ihn vielleicht schon durch seine Haltung auf der Abrüstungskonferenz wiedergutmache, indem er dem Abrüstungsplan Hoovers zustimme. Im Gegensatz dazu glaubt der Genfer Berichterstatter des„Matin" mit aller Be- stimmtheit versichern zu können, daß Herriot an den Ab- rüstungsplänen Tardieus festhält. Antwort Hendersons on den ZGB. Der Internationale Gewerkschaftsbund hat in einem Telegramm an die Abrüstungskonferenz gefordert, daß end- lich Ernst gemacht und zunächst der H o o v e r- Vorschlag auf■ Herabsetzung aller Rüstungen um ein Drittel bei Verbot des Luft- und Gaskriegs, der schweren Geschütze und der Tanks verwirklicht werde. Konferenzpräsident Genosse Arthur H e n d e r s o n hat darauf u. a. geantwortet, daß er dazu alles tun werde, was in seiner Macht steht, daß jedoch die Formulierung von Vorschlägen und die Fassung von Beschlüssen den nationalen Delegationen der Konferenz zustehe. Er erwähnt, daß allein vom 10. bis 13. Juni Telegramme aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Deutschland, Nor- wegen und Dänemark einliefen, ferner Petitionen aus Frankreich, Holland, der Tschechoslowakei und der Schweiz! 50 Postkarten, 20 Briefe und Denkschriften von 11 verschiedenen Organisationen in Dänemark und über 100 Petitionen aus Großbritannien.„Dies ist", so heißt es in dem Schreiben,„nur ein Beispiel dessen, was in den letzten zwei Monaten sozusagen dauernd geschieht". Durch die Erklärung des Konferenzpräsidenten ist die aus» s ch l i e ß l i ch e Verantwortung der einzelnen Regierungen festgestellt.__ Oer Gtaatsgenchtshof Hai entschieden. Abberufung eines einzelnen Ministers aus gefchästs- führenden Kabinetten nicht möglich. Die von dem hessischen Landtagsabgeordneten Jung namens der nationalsozialistischen Fraktion des Hessischen Landtags geführte Klage beim Staatsgcrichtshof für das Deutsche Reich aus Durchsührung eines Landtagsbeschlusses, der die Ab- berufung des sozialdemokratischen Innen- Ministers Leuschner forderte, ist vom Staatsgcrichtshof a b- gewiesen worden. Damit ist grundsätzlich entschieden, daß aus einem geschäfts- führenden Kabinett ein einzelner Minister vom Landtag nicht abberufen werden kann. Der Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich hat sich im wesentlichen der Beweisführung der hessischen Staatsrcgierung angeschlossen. Diese Entscheidung de» Staatsgerichtshofes ist von grundsätzlicher Bedeutung, da hiermit neben anderen Landesregierungen auch die preußisch« Regierung al» rechtmäßig anerkannt ist. Eine Ueberprüsung der sich häufenden Fälle über IN i ß- brauch der Ost Hilfe ergibt, daß gerade Ritterguts- besitz«, die der Nationalsozialistischen Partei angehören und für diese iv ihren Bezirken die Werbetrommel rühren, in beispiellose Korruptionsskandale verwickelt sind. Zeder dieser Skandale wiegt hundertmal z. B. den Sklarek-Fall auf. Tikan schimpft aus das System, scheut sich aber nicht, die Republik nach Strich und Faden zu betrügen. Die Allgemeinheit hat zu zahlen und, was das Schlimmste ist, die bäuerlichen Betriebe, die durch die Osthilfe gerettet werden sollen, warten vergebens auf Hilfe und sind dem Untergang ausgeliefert. Dafür nur ein paar Fälle. Parteigenosse d« r N a t z o na l s vzi a list en ist auch der Rittergutsbesitzer U e ck e r. P l i n k e n. Man kann schon sagen, daß e? sich um einen prominenten Nazi handelt. Auch sein Sohn(Landwirtschast-kammereimüglied) geHort der National- sozialistischen Partei an. 1031 versügte Uecker-Plinken über ein realisierbares Vermögen, das zur Zeit auf ungefähr ht Millionen Mark geschätzt wird. Trotzdem erfolgte im Frühjahr 1920 eine Umschuldimg in Hohe von rund 80 000 Mark. Der billige Staats- kredit war als Zinsgcfchäft anscheinend zu verlockend. Es ist ein Skandal sondergleichen, daß trotzdem die Hergab« dieser oöllig unnötigen Ilmschuldungshypothek erfolgte. Auch ein anderes Land- Wirtschaftskammermitglied, der Rittergutsbesitzer Leng» nick-Neulappohnen, Kreis Jnfterburg, hat sicki von dem„verruchten System" mit über 100 000 Mark unter die Arme greisen lassen. Am tollsten ist aber der Fall der Rittergutsbesitzerin Carola Höpfner auf Wesselowen, Kreis Oletzko, die ebenfalls eingetragenes Mitglied der NSDAP, ist. Diese Frau verstand es, als„Vorschuß" auf eine Ilmschuldungshypothek äffent- lichc Gelder in Höhe oon rund 400 000 Mark auf ihrem Besitz von .'ZOO Morgen zu investieren. Die Hypothek konnte infolge eines Formfehlers nicht ausgezahlt werden. 1031 kamen ihre Betriebe zur Versteigerung. Auf Grund des Formfehlers glaubte die Nazi- Carola, den Staat regreßpflichtig machen zu können, und es ist ihr unt«r der„neu orientierten" Osthilf« auch bereits gelungen, sich ihre persönlichen Ausgaben finanzieren zu lassen. Außerdem soll sie ihren Betrieb sogar zurückerhalten. Zum Dank sür die mit Arbeitergroschen bezahlte Reichshilfe erklärt sie aber, daß Arbeiter, die nicht der NSDAP, angehören, aus ihrem Betrieb fliegen. Neue Anleihe für Oeutfchösterreich. Deutschland demonstriert durch Stimmenthaltung gegen politische Bedingungen. Genf, 15. Juli.(Eigenbericht.) Der Völkerbundsrat hat ein Protokoll beschlossen, in dem sich Belgien, England, Frankreich, Holland, Italien, die Schweiz und die Tschechoslowakei verpflichten, Deutschösterreich eine Anleihe von zu- sammen 300 Millionen Schilling auf 20 Jahre zu gewähren. Das geschieht unter bekräftigendem Hinweis auf das Sanierungsprotokoll von 1022 mit seiner Wiederholung des Anschlußverbots von St. Germain und Versailles. Außer- dem werden zur Mitwirkung bei der neuen Ausgaben- d r o s s e l u n g nach Oesterreich der Holländer Rost van Ton- n i n g e n und als Berater bei der Oefterreichischen Nationalbank der belgische Finanzattache in Berlin F r e r e entsendet.' Nach zustimmenden Aeußerungen der genannten Mächte gab Staatssekretär Göppert-Deulschland eine Erklärung ab, die betont, daß 1022, als jenes Genfer Protokoll beschlossen wurde, Deutschland noch nicht Mitglied des Völkerbundes gewesen ist. Die Reichsregierung fei nicht in der Lage, dem gegenwärtigen Protokoll beizutreten. Der International« Gerichts- Hof fei in den vorjährigen Beratungen über das Zollunionsprojekt Berlin-Wien keineswegs zu einmütiger Stellungnahme über die wahre Bedeutung dieses Protokoll» gelangt. Die deutsche Re- gierung könne nicht an der Hilfsaktion für einen Staat teilnehmen, wenn die Aktion irgendwie politisch gebunden sei. Um Der Rittergutsbesitzer Kihn auf Stobbenorth im Kreise Oletzko erhielt im August 1929 eine Umschuldungs- hypothek un Betrage von 85 000 Mark. Schon im Dezember war das Geld verloren und das Gut gelangte zur Versteigerung. Andere konnten sich etwas länger halten, wie der G r a f v o n K a l n e i n- Kilgis, der für feinen 5000 Morgen großen Betrieb im Kreise Preußisch-Eylau rund 200 000 Mark öffentliche Sanierungsgelder erhielt, dazu noch einiges aus dem Betriebsunterhaltungsfonds. Nach zweieinhalb Jahren war es auch hier mit der Herrlichkeit aus. Der Verlust an Hypotheken und Zuschüssen einschließlich der nichtgezahlten Zinsen erreichte die Summe von 220 000 Mark. Die Landschost mußte den Betrieb übernehmen, da sich auf Grund des« völlig verlotterten Wirtjchaftszu stände» kein anderer Käufer mehr finden ließ. Auch«in Herr von Wrang«! im Kreise Gerdauen erhielt 1028 ein« Umschuldungshypothek von über 300000 M für seinen 3000 Morgen großen Betrieb Waldburg und dazu noch au» dem Betriebs«rhaltungssonds einen Zuschuß von runo 20 000 M. Nicht lang« nach der Umschuldimg erfolgt« auch hier die Versteige- rung. Der Verlust an diesem sanierten„Betrieb" belauft sich auf rund 350 000 M. Also auch hier ein völliger Ausfall der vom Staat zur Verfügung gestellten Mittel. Jetzt plötzlich soll der Be- trieb als„s i e d l u n g s f a h i g e s Objekt" von einer Siedlung»- gesellschast oerwertet werden. Es muhten also erst Unsummen einem ha k e n k r« u z l« r i s ch e n Junker n a ch g e- schmissen werden, ehe man die einzig vernünftig« Sanierung, und zwar durch Siedlung, vornahm. Die» ist nur eine Auswahl der oft elbischen Kor- ruptionssumpsblüten. Allein in der Provinz O st- preuhen sind von den, unter dem Protektorat der Kreditaus- schüsse an 70 Betriebe, die eine Durchschnittsgröße von 1000 Morgen haben, ausgezahlten Umschuldungskredite X Millio- nen innerhalb eines Jahres und 3X Millionen innerhalb 2H Jahren nach der erfolgten Umschuldung restlos ver- l o r e n gewesen. Dabei sind noch gar nicht die Mittel berücksichtigt, die diesen Betrieben außer den Hypotheken zur Betricbserhaltunz als verlorene Zuschüsse erholten haben. Es ist daher kein Wunder. daß die ungeheuren Mittel, oie aus den Steuerkassen nach Ostelbien zur Subocntionierung der Landwirtschaft geflossen sind, die Lage der ostdeutschen Landwirtschaft nicht bessern können, wenn sie in einer derartig schamlosen Weis« nur zur Bereicherung bankrotter Großgrundbesitzer verwandt werden. jedoch die Anleihe nicht zu verhindern, enthalt« sich Deutschland der Stimme, da der Beschluß einstimmig gefaßt sein muß. Unter Stimmenthaltung Deutschlands wurde das Protokoll ge- nehmigt. Da aus den 300 Millionen zunächst ältere Schulden ge- deckt werden, erhält Deutschösterreich bar nur 100 Millionen Schilling, zum Teil in Auslandsoaluta. Im Finanzausschuß des Nationalrates in Wien hat für die Sozialdemokraten Dr. Otto Bauer die Annahme dieser Be- dingungen, aber auch die Haltung der Reichsregierung scharf getadelt. Schüsse am Sendeturm. Vereiteltes Attentat auf den Langenberger Sender. Langenberg, 15. Juli. Der am Langenberger Sender stationierte Polizeiposten«nt- deckte gestern abend zwei Männer, die sich in verdächtiger Weise in unmittelbarer Nähe der Sendetürme zu schassen machten. Auf den Anruf des Beamten ergriffen die beiden Männer die Flucht. Als der Polizeiposten daraufhin von der Schußwaffe Ge- brauch machte, erwiderten die Fliehenden das Feuer, ohne aber zu treffen. Ein Ueberfallkammandö suchte mehrere Stunden lang das Gelände erfolglos ab. Ob ein Anschlag auf die Sende- türme geplant war, ließ sich nicht genau feststellen. Der Beamte will jedoch gehört haben, daß einer der Verdächtigen von einer Zündschnur sprach. In der Nacht wurde ein Langenberzer Konvnunift verhaftet. Er bestreitet jedoch, zu der fraglichen Zeck am Sender gewesen zu sein. Oer Weg zum Sozialismus. Oer Großindustrielle Bosch für den Achtstundentag und Wirtschastskontrolle. Die Gewerkschaften haben bekanntlich seit Jahren die grund- sätzliche Einführung der Vierzigstundenwoche gefordert. Sie haben diese Forderung mit den Fortschritten der Technik und der sich daraus ergebenden Freisetzung von Arbeitskrästen begründet. Unter- nehmerblätter, allen voran die Zeitungen der nationalsozialistischen „Arbeiter�-Partei, haben diese Forderung, die in Interesse der arbeitenden Massen erhoben werden muht«, heruntergerissen. Die Gewerkschaftsführer wurden ihretwegen Utopisten, Schwachköpfe, Scharlatane ufw. genannt. Man warf ihnen Volksbetrug vor, man oersuchte dem Arbeiter einzureden, dah die Gewerkschaften damit den„Lohnraub" propagierten. Auch die KPD. hieb und haut in diese Kerb«. Man machte Rechnungen auf, die dem politisch und gewerkschaftlich ungeschulten Arbeiter die Verderblichkeit dieser For- derung des gefunden Menschenverstandes„beweisen" sollten. Die Unternehmer und ihre Söldlinge nutzten dabei die durch die Krisen- zeit in manchen Köpfen entstandene Verwirrung geschickt aus. Und nun passiert diesen„genialen" Unternehmern und ihren Nazitrabanten das Pech, dah ein erfolgreicher Unter- n e h m e r austritt, der die Krisenerscheinungen untersucht und dabei Forderungen erhebt, die noch über die der Gewerkschaften hinausgehen. Der bekannte Grohindustrielle Dr. Ing. e. h. Robert Bosch läßt durch den BDJ.-Veklag eine Schrift vertreiben, in der er seine Gedanken über die Verhütung künstiger Krisen in der Weltwirtschaft niedergelegt hat. Er kommt bei der Untersuchung der heute als angemessen erscheinenden Arbeitszeit zu dem Schluh, dah eine Herabsetzung der Arbeitszeit auf 1800 Stunden jährlich für jeden Arbeiter unvermeidlich fei. Rechnet man das Jahr zu rund 300 Arbeitstagen, so ergibt sich daraus der Sechs stundentag oder die Sechsunddreihigstundenwoche. Bosch ist dabei der Ansicht, daß diese Arbeitszeit im einzelnen abgeändert werden könne. Er fordert weiter eine grohzügige Herabsetzung der Preise und geht gründlich mit der bisherige,, Karlellpolitik ins Gericht, durch die die Preise zugunsten wettbewerbsunfähiger Betriebe künstlich hochgehalten wurden. Bosch fordert im Gegenteil von einer vernünftigen Kartellpolitik die Anpassung der Preise an die Kaufkraft. Er tritt ein für eine staatliche Ueberwachung der Kartellpolitik, um AUh- ständen energisch begegnen zu können. Darüber hinaus fordert er die Beseitigung der Zoll- schranken und eine internationale Verständigung über die Wirtschaftspolitik. Er sieht als erfahrener Mann die Schwierigkeiten auf diesem Gebiet, wenn aber irgendwo der Anfang gemacht würde, wenn z. B. Deutschland und Frankreich sich verständigten, dann käme die Angelegenheit ins Rollen. Der Großindustrielle Bosch ist für Verständigungspolitik, für vernünftige, von der Oeffcntlichkeit kontrollierte Äartellpolitik, für Herabsetzung der Arbeitszeit auf sechs Stunden je Tag. Was jagen die Schwermdustnellen dazu, was sagen die Nazihelden, was die Soldfchreiber des Unternehmertums? Ist Herr Bosch nun auch ein Utopist, ein Scharlatan, ein Vater- landsverräter, ein Lump? Die Schrift ist gerade jetzt, kurz vor den Reichstagswahlen, zur rechten Zeit erschienen. Sie zeigt, dah einsichtsvolle Männer, die sich von dem Naziwahn sreigehalten haben, auch danch wenn sie Unternehmer sind, den Weg der Vernunft erkennen und beschreiten wollen. Nur die Ewiggestrigen können dos Neue und Notwendige nicht sehen. Allen Verleumdungen, allen Gemeinheiten der Nazis und ihrer Auftraggeber im Unternehmerlager zum Trog setzt sich die Vernunft durch. Die Entwicklung geht in der Richtung des Sozialismus! Jugend ohne Arbeit. Forderungen der Gewerkschaften. Das Problem der heute schulentlassenen Jugend behandelte Genosse Otto H e ß l e r, Sekretär des ADGB., in der„Stunde der Arbeit" der Deutschen Welle. Er sührte u. a. aus: Obwohl in diesen Jahren der starke Geburtenrückgang während de- Krieges sich in der Zahl der Schulentlassenen auswirkt, haben wir heute mit 100 000 bis 1Z0 000 jungen Menschen zu rechnen, denen nach Abschluß der Schule der Weg zur Berufsarbeit ver- sperrt ist, 1334 aber ist dieser Ausfall überwunden und es erscheint ungefähr die doppelte Anzahl jugendlicher Arbeitsuchender. Dabei ist heute selbst denen, die noch das Glück hatten, eine Lehrstelle zu finden, die Arbeit während der vereinbarten Lehrjahre keineswegs sicher. Eine Erhebung des Baugewerksbundes unter seinen Mit- gliedern hat ergeben, daß in den Monaten der ungünstigen Kon- junktur 63 Proz. der Lehrlinge arbeitslos waren, und selbst in den günstigsten Monaten noch 31,5 Proz. Aber auch dann, wenn der Betrieb noch für Beschäftigung der Lehrlinge sorgt, ist es mit der Ausbildung häufig schlecht bestellt: denn viele von den Fach- arbeitern, denen diese Llusbildung sonst anvertraut war. sind ent- lassen, viele Spezialarbeiten werden nicht mehr ausgeführt, viele Fabrikationszweige ruhen aus Mangel an Bestellungen. Diese unzureichende Lehrzeit fordert dringend eine Ergän- z u n g, die zweckmäßig in Sammellehrstätten geboten werden müßte, wie sie nicht nur in der Berufsschule, sondern auch in stillgelegten Fabriken, Werkstätten und an sonstigen brachliegen- den Arbeitsplätzen errichtet werden könnten. Für arbeitslose Unge- lernte wäre ein zusätzlicher Fortbildungsunterricht zu schaffen, der statt der 4- bis 6-Stünden-Woche die 20- bis 26stündige bringt. Eine sehr wichtige Hilfsmaßnahme nicht nur für die arbeitslose Jugend, sondern für den gesamten Arbeitsmarkt, der dadurch entlastet würde, wäre die Einführung eines zusätzlichen Schuljahres. Der jugendliche Körper hätte dann auch ein Jahr Schonzeit vor den Anforderungen des durch die technische Entwick- lung immer aufreibender gestaltenden Berufslebens gewonnen. Bei den bestehenden schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen müßte allerdings auch die Teilnahme an diesem Schuljahr frei- willig sein. Durch diesen Unterricht wäre gleichzeitig Arbeits- Möglichkeit für eine ganze Reihe van beschäftigungslosen Lehrern und Facharbeitern als Lehrkräfte geschaffen. Der Vortragende be- tonte, daß Preußen dem Gedanken eines solchen zusätzlichen Schul- jahres sehr wohlwollend gegenübersteht, daß seine allgemeine Durch- fuhrung jedoch von ausreichenden Zuschüssen des Reiches abhängt. Llnruhestistung! Wie die Tlotverordnung ausgeführt wird. Der„Vorwärts" hat bereits mehrfach bemängelt, daß die Um- stellung der Arbeitslofenoersicherungsfätze zu dem vorgeschriebenen Zeitpunkt wegen Mangel an Persongl und auch aus rein technischen Gründen nicht rechtzeitig erfolgen kann. Der Reichsarbeitsminister besteht aber im Verein mit den verantwortlichen Herren der Reichs- anstalt auf seinen Kopf. Mit Gewalt soll es geschafft werden. Nachgerade wächst sich nunmehr diese Einstellung des Ministers zu einem öffentlichen Skandal aus. Aus allen Arbeitsämtern Deutsch- lands kommen die Hilferufe, daß die durch Notoerordnung und Er- mächtigungsoerordnung verlangte Umstellung oller lausenden Ar- bcitslosenunterstützungsfälle nicht geschafft wird. Statt jetzt recht- zeitig Personal einzustellen, wird dem vorhandenen Personal der Urlaub gesperrt, werden auf Urlaub befindliche Angestellte rücksichts- los vom Urlaub zurückgeholt, werden überall Ueberstunden gemacht oder angekündigt. Wenn man schon durch Nichtfachleute Fachgesetze ändern läßt, dann muß man auch soviel Personal einstellen, damit die Fortführung der Geschäfte gewährleistet wird. In spätestens zehn Tagen werden sich die Schwierigkeiten in der schlimmsten Weise bemerkbar machen. Hunderttausende werden ihre schon gekürzte Unterstützung nicht oder nicht richtig bekommen. Hunderttausende werden Schlange stehen, um Bettelpfennige in Empfang zu nehmen. Reichsarbeitsministerium und Reichsanstalt haben die Pflicht, jetzt wo es vielleicht noch Zeit ist, alles zu ver- suchen, um derartige Gefahren für Ruhe und Sicherheit ab- zuwenden. Kommt es zu Krawallen, so kennen wir die Verantwort- lichen Achtung. Metallarbeiter! Der Aufmarschplan für die am Diens- tag stattfindende Demonstration wird in der Sonnkägausgabe ver- össenllicht. Wir bitten unser« Kollegen, den Ausmarschplan beson- ders zu beachten. Deutscher Metallcrrbeitervevband, Ortsoerwctltwg Berlin. Also doch Kaufkrastpoliiik. Ein bekehrter Agrarier. Millionenmal haben die Gewerkschaften im Laufe der letzten Jahre, seitdem die Hitler-Seuche dem Unternehmertum den Lohnabbau erleichtert hat, darauf aufmerksam gemacht, daß nur durch die Erhaltung der Kaufkraft der Bevölkerung und vor ollem der Arbeiter die Wirtschaft und nicht zuletzt auch die Land- Wirtschaft vor dem Zusammenbruch geschützt werden kann. Man hat nicht auf die Gewerkschaften gehört, und es ist nicht besser, sondern schlechter geworden Jetzt bricht auch ein Mann, der be- stimmt nicht vom Marxismus angekränkelt ist, der Reichs- minister a. D. Schlange-Schöningen, also eine agrar- politisch kompetente Persönlichkeit, in einem am Freitag in der „Vossischen Zeitung" erschienenen Aussatz eine Lanze für die Kaufkraftpolitik der Gewerkschaften. „Kein Haushalt," so betont Schlange-Schöningen,„kann schließ- lich auf die Dauer mehr ausgeben, als er einnimmt, und wer es heute noch nicht begriffen hat, den wird der Zwang der Tatsachen allmählich lehren, daß einseitige Lohnsenkungen und Gehalts- kürzungen letzten Endes die schlechteste Agrarpolitik sind, weil der Landwirt unter den heutigen Verhältnissen der letzte Leid- tragende der Mindereinnahmen und darum auch der Minderausgoben der Konsumenten ist." Arbeiternot ist Bouerntod— die Gewerkschaften haben das immer wieder gesagt. Jetzt geben ihnen auch Männer, die an führender Stelle im Reich für die Landwirtschast gearbeitet haben, recht. Arbeiterschaft und Bauernschaft können daraus erkennen, daß die Kaufkraftpolitik der Gewerkschaften für beide: für den Arbeiter wie für den Bauern, die ei'nzig richtige Politik war. Daraus müssen aber auch Arbeiter und Bauern bei den W a h l e n eine Lehre ziehen. Beilegung des belgischen Streiks? Günstige Verhandlungen. Brüssel, 15. Juli,((sigenbericht.l Der Generalrat der Arbeiterpartei und der Gewerk» schaften befaßte sich am Freitag den ganzen Tag über mit der Ttreitlage. Zwischendurch wurde mit der Re- gierung verhandelt, um von ihr präzise Zusicherungen über die praktische Durchführung der vom Parlament angenommenen Entschließung zu erhalten. Die Re- g'erung wiederum verhandelte mit den Unternehmern über den gleichen Gegenstand. Diese Verhandlungen haben aber am Freitag noch zu keinem bestimmten Er- gebnis geführt, so daß der Gencralrat am Schluß seiner Tagung nur feststellen konnte, daß die Forderungen der Bergarbeiter bewilligt seien, daß aber über die Lage der anderen Arbeiterkatcgorien noch verhandelt werde. Der Generalrat hat sich demgemäß auf Sonnabend- nachmittag vertagt. Am Sonnabendvormittag werden die paritätischen Kommissionen der M a s ch i n e n b a u i n d u st r i e und der Schwere! senindu st rie zusammentreten. Es besteht Aussicht, daß sich beide Kommissionen angesichts der festen Haltung der Arbeiter und zum Teil unter dem Druck der illegierung für die Stabilisierung der Löhne aussprechen werden und der Generalrat der Arbeiter- Partei und der Gewerkschaften nachmittags die Wieder- aufnähme der Arbeit für Montag beschließen können. Eine gelbe Sumpfpflanze. Wer vom Neichsarbeitsminister empfangen wird. Aus Gewerkschaftskreisen des Ruhrgebiets wird uns mitgeteilt: „Der Reichsbund deutscher Angestelltenoerbände, dessen Vor- sitzender, Dr. Erich Schmidt, gleichzeitig Führer des Reichs- angestelltenausschusfes der Deutschnotionalen Volkspartei ist, wird besonders im Ruhrbergbau von den Zechenoerwal- t u n g e n und oberen Beamten gefördert und unterstützt. Die Propaganda, die die Unternehmer und ihre gesetzlichen Ver- treter für den RdA. entfalten, kennzeichnet allein schon das Wesen dieses Verbandes. Die Einladungen zu den Versammlungen des angeblich unabhängigen RdA. werden bei den meisten Zechen a u f dem Dienstwege bekanntgegeben, wobei die Angestellten die Kenntnisnahme bescheinigen müssen. Wir geben nach- stehend zwei solcher Einladungen im Wortlaut wieder: „Bekanntmachung. Sämtlichen Herren zur Kenntnisnahme, daß am Donnerstag. dem 10. September 1831, abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Hamholz der Landesverbandsvorsitzende Herr Jäger tRdA.) einen Vortrag halten wird über Zweck und Ziel sowie über die Einrich- tungen unserer nationale» Angestelltenbewegung. Es wird dringend gewünscht, daß sämtliche Herren, welche dienstfrei haben, in dieser Versammlung erscheinen. Zeche Lothringen, den 7. September 1331. gez. Mühlenbeck, Inspektor." „Gesellschaft Zollern." Am Sonntag, dem 20. September, vormittags 11 Uhr, findet im Lokale Hermann Schumacher ein Vortrag des Herrn Jäger, Essen, über „Die Ziele des Reichsbundes Deutscher Angestellten- Berufsverbände" statt. Die Direktion wünscht, daß jeder Beamte die Gelegenheit, sich über diesen Verband zu inforinieren. wahrnimmt. gez. Hesselmann" Man muß die Verhältnisse im Ruhrbergbau kennen, um.,u wissen, was dahintersteckt, wenn die Direktion„w ü n s ch t", daß ihr» Angestellten in die Versammlungen des RdA. gehen. Es ist ganz selbstverständlich und kann durch Hunderte vvn Zeugen belegt werden, daß die leitenden und oberen Angestellten in diesen Ver- sammlungen sehr sorgfältig darüber wachen, wer von den mittleren und unteren Angestellten anwesend ist oder nicht. Der Druck setzt dann im Dienst entsprechend ein, und mancher ausrichtige Gewerk- schaster unter den Angestellten des Ruhrbergbaues kann sin Lied davon singen, wie es um das Koalitionsrecht bestellt ist. Das Urteil darüber, ob der RdA. gelb ist oder nicht, kann man ruhig der Oeffentlichkeit überlassen. Das eine steht jedenfalls fest, daß, wenn die Unternehmer des Ruhrbcrgbaues sich dem RdA. gegenüber so oerhalten würden wie beispielsweise gegenüber den AsA-Verbönden, daß dann der RdZl. in allerkürzester Frist im Ruhrbergbau aufgehört hätte zu existieren." Soweit die Zuschrift. Sie bestätigt, daß der RdA. eine gelbe Sumpfpflanze ist. Für die hat Herr Schäffer Zeit, nicht aber für die größte Organisation der Kriegsopfer. Maleraussperrung in Leipzig beendet. Schmähliche Zivile der ZiGO. In einer stark besuchten Versammlung der�Maler in Leipzig wurde nach zehnwöchigem Kamps der Schiedsspruch ange- nommen. Der MindestftundenloHn für Leipzig betrögt demnach 96 Pfennig Die R G O. hat eine klägliche Rolle m diesem Kampf gespielt. Während sie in Versammlungen stets für eine Verbreiterung der Kampssront Stimmung machte, konnten die n>eisten R G O.- Anhänger nicht schnell genug wieder in die Be- triebe hineinkommen. Da die RGO.-Leute den Kampf nicht„führen" konnten, er- klärten sie, mit diesem Kampf nichts zu tun zu haben. Die meisten RGO.-Leute fielen ihren kämpfenden Kollegen in den Rücken. Die RGO. zahlt keine Streikunterstützung, weil sie kein Geld dazu hat. Dafür hetzten die RGO.-Führer um so mehr gegen die sreigewerk- schaftlichen Organisationen und trieben übelsten Verrat. Die frei- gewerkschaftlichen Arbester werden auch in Zukunft der Organisation die Treue halten. Von der RGO. sind sie gründlich kuriert. Nsiratswahl im Verband der Buchbinder. Die Ortsoerwaltung Berlin des Verbandes der Buchbinder teilt mit: Heute, Sonnabend, haben die Mitglieder des Verbandes der Buchbinder zwei Beiratsmitglieder und zwei Stellvertreter zu wählen. Die diesmal vereinigte„Opposition"— Sapeure und Kozis— versucht, in der demagogischsten und unlautersten Weise für ihre Richtung Dumme zu finden. Sie glauben, die Entscheidungen des diesjährigen Verbandstages, soweit reine Unterftützungs- angelegenheiten in Frage kommen, für ihre Zwecke benutzen zu können, obwohl"ihnen bekannt ist. daß fast alle Beschlüsie ein- stimmig gefaßt sind und obwohl gerade die Beschlüsse des dies- jährigen Verbandstoges darauf abgestellt waren, der Organisation den Kampfcharakter zu erhalten. Sie versprechen der Mitgliedschaft im Gegensatz zu ihrer sonstigen Einstellung, falls sie gewählt würden, Erhöhung der Unterstützungen. Also jedes Mittel ist ihnen recht, um einen Scheinerfolg zu erzielen. Auch die Entscheidungen des Tarisausschusses dienen als Mittel zum Zweck, die von der Ortsverwaltung im Mitteilungsblatt empfohlenen Kandidaten herunterzureißen. Wider besseres Wissen werden ganz falsche Behauptungen aufgestellt, die mit den Tatsachen nicht übereinstimmen. Das soll nun die„Einheitsfront" darstellen, die von dem Kozi Selke und dem Sapeur Klempin propagiert wird! Pflicht eines jedes Mitgliedes, das es ernst mit der Organi- sation meint, ist: Robert Becher und Marta M o ch a als Beirats- Mitglieder, Elfriede I b f ch e r und Richard Töpfer als Stellver- treter zum Beirat zu wählen. Die Sapeure und Kozis wissen, daß keiner der von ihnen aus- gestellten Kandidaten im entferntesten den an Beiratsmitglieder gestellten Ansprüchen gerecht werden kann. Wir erwarten von unserer Mitgliedschaft, daß sie den vorstehend Genannten ihre Stimme geben und alle anderen Namen streichen wird. Für die Holzindustrie und das holzgewerbe� des Rheinlands wurde ein Schiedsspruch gefölll, der die Stundenlöhne für Facharbeiter über 22 Jahre in der Ortsklasse I auf 85 und in der Ortsklasse V aus 69 Ps. kürzen will. Das wäre eine Lohnsenkung von 5 bis lYi Proz. Der diesjährige Urlaub soll um drei Fünftel vermindert werden. Für die Neuregelung des Lohnes ist eine Geltungsdauer vom 1. Juli bis 30. November vorgesehen. fftm'e Gewerkschafts-�ugend Berlin Heute, Sonnabend, Iß. Juli, finden folgende Veranbaltungen statt: Eharlottenburg: Fahrt nach dem Uederfee.— Siordtreis: itreis�eltfahrt nach dem Hcidefee.— Ostkrcis: Kreistreffen am Pcehfee— bei der schwimmenden Jugendherberge Dr. Reimann. Alles Nähere in den lbruppen. Lugendqruppe des'Zentralverbandes der Angestellten ytird Spiele im Freien: Sonnabend, 16. Juli, ab 18 Uhr auf dem Sportplatz Humboldthain. Der„Vorwärts" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. die Abendausgade fiir Berlin und im Handel mit dem Titel»Der Abend", Illustrierte Sonntagsbeilage„Volt und Zeit". Anzeigenpreise: Die einspal t. Millimeterzeile so Pf., Rellamezeile 2.— M» „Kleine Anzeigen" das f-ttgcdruckre Won 20 Pf. lzuläfsig zwei fettgedruckte Worte) jedes weiters Wort 10 Pf. Rabatt laut Tarif. Wort- Uber m Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Millimeterzeil« 2» Pf. Familienanzeigen Millimeter- zeile ls Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstratze S, wochentäglich von S'/i bis 17 Uhr. Der Verlag behält nch das Recht der Ablehnung nicht ge- nehmer Anzeigen vorl Verantwortlich für Politik: Victor Sch'ft: Wirtsch.,11: G. Ktingelhöser; Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner: Feuilleton: Herbert Leper«: Lokales und vonstiges: Fritz Karftädt: Anzeigen: Th. Glocke; sämtlich in Berlin Verlag: Vorwärts-Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Borwärls-Buchdruckeret und Verlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SM. 68, Lindenstratze 3, Hierzu 2 Beilagen. ?!r.3Z4» 49. Jahrgang �00<��01*10(11*�0 Sonnabend, �6. Juli 1932 SN nmsp-vswno! Unssrs nScksivn Partei- un«i vatrlsdsvaranstaltungsn: Abi. Blankenburg. Sonnabend, 16. 3uli, 19K Uhr, öffentliche Kundgebung im Lokal Pansegrau, Buchholz, Bahnhof- Ecke Pankstraße.„Die kommenden Reichstagswahlen." Referent Otto Meier, MdL. Deutsche Tageszeitung. Sonntag, den 17. lull, vormittags J610 Uhr, in den Kammersälen, Teltower Straße 1—4. Veranstaltung der„Eisernen Front".„Dar 31. Tuli ein Kampftag für Freiheit und Recht." Referent Erich Kuttner, MdL. Niederschöneweide-Iohannisthal. Montag, den 18. lull, Demonstration der ,, Eisernen Front". Abmarsch 185� Uhr Johannisthal, Kaiser-Wilhelm-Platz. Ansprache des Genossen David Stetter. 17. Kreis Lichtenberg. Montag, den 18. Juli, 19K Uhr, Kundgebung in der Aula der Schule Parkaue, Lichtenberg, an der Möllendorffstraße.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Siegfried Aufhäuser, MdL. 4. Kreis Prenzlauer Berg. Montag, den 18. Juli, 15 Uhr, Frauentreffen im Sportrestaurant ehemaliger Exerzierplatz an der Schönhauser Allee. Ansprache des Genossen Karl Dressel. Rezitationen der Genossin Martha John. Mittwoch, den 20. Juli: 4. Kreis Prenzlauer Berg. Umzug mit Schlußansprache auf dem Sportplatz Einsame Pappel, Cantianstr., 20 Uhr.„Wen wählen wir?" Referent Max Heydemann, MdL. Treffpunkt zur Demonstration Arnswaider Platz. T.Kreis Charlottenburg. Erwerbslosenkundgebung, 15 Uhr im Türkischen Zelt, Charlotfenburg, Berliner Straße 58. „Für Arbeit und Brot!" Referent Max Brinitzer. 9. Kreis Wilmersdorf. Oeffentliche Wahlkundgebung für alle freien Berufe und geistigen Arbeiter 20 Uhr in den Spichernsälen, Spichernstr. Referenten: Major a.D. Anker, Schriftsteller Robert Breuer, Pressechef des Polizeipräsidiums Dr. Haubach. 20. Kreis Reinickendorf. 20 Uhr im Strandschloß Tegel, Uferstraße 1, Wählerinnenkundgebung. Politisches Kabarett unter Leitung des Genossen Hans Bauer. Ansprache der Genossin Käthe Kern. 97. Abt., Neukölln. 20 Uhr: Oeffentliche Wählerversammlung im Lokal Kelmke, Neukölln, Warthestr. 48.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Gottlieb Reese. 108a. Abt., Cöpenick. 20 Uhr: Oeffentliche Kundgebung bei Seidler, Uhlenhorst, Mahlsdorfer Straße.„Der Entscheidungskampf der Arbeiterklasse." Referent Erich Ollenhauer. 1S1. Abt., Niederschönhausen. 20 Uhr im Schloß Niederschönhausen, Lindenstr. 11. Kundgebung:„Der Freiheitskampf der Arbeiterklasse". Referent Genosse Flücht vom Gesamtverband. Siemens-Schaltwerk. 16K Uhr; Eiserne Front-Veranstaltung bei Vogel, Nonnendammallee 100.„Unser K�mpf für Freiheit und Recht." Referent Dr. Otto Friedländer. Deutsche Telephonwerke. 17 Uhr in der Schulaula, Skalitzer Straße 56, allgemeine Betriebsversammlung.„Sozialversicherung und Arbeitsbeschaffung." Referent Hermann Schlimme. SI.Abtl. 16. Juli, 20 Uhr; Oeffentliche Kundgebung auf dem Arnimplatz Schönftießer Straße. Redner: Georg Mader- holz, MdL. tZ. Abt., Staaken. 16. Juli, 20 Uhr: Politisch-satirischer Abend im Lokal Richter, Staaken, Spandauer Straße. Anschließend Tanz. Eintritt 30 Pf. einschl. Steuer und Tanz. Arbeitslose zahlen gegen Vorzeigung der Stempelkarte 10 Pf. 7. Kreis Charlotfenburg und 8. Kreis Spandau. 20 Uhr: Demonstration der„Eisernen Front" in Siemensstadt Spandau, Charlottenburg. Treffpunkt der Charlottenburger Teilnehmer llVt Uhr Gustav-Adolf-Platz. Treffpunkt der Spandauer Teilnehmer 15K Uhr Berliner Chaussee am Zitadelleneingang. Die Parteimitglieder der Kreise Mitte und Tiergarten werden aufgefordert, sich an dieser Demonstration nach Möglichkeil zu beteiligen. Donnerstag, den 21. 3u!I: 3. Kreis Wedding. 19� Uhr: Fünf Wahlkundgebungen, und zwar: Swinemünder Gesellschaftshaus, Swinemünder Str. 42, Referent Kurt Anker. In beiden Sälen der Atlantiksäle, Behmstr.(am Bahnhof Gesundbrunnen), Referenten Ernst Hildebrandt und Christian Schumann. Im kleinen Saal der Pharus-Säle, Müllerstr. 142, Referent Karl Hetzschold. Im großen Saal der Pharussäle, Müllerstr. 142, Referent Hugo Heimann, MdR. Thema in allen Kundgebungen„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." 7. Kreis Charlottenburg. 20 Uhr im Türkischen Zelt, Charlottenburg, Berliner Str. 53; Oeffentliche Versammlung. Referent Arthur Crispien, MdR.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." 11. Kreis Schöneberg. 19 Uhr: Treffpunkt zur Demonstration Friedenau, Lauterplatz. Anschließend Kundgebung im Bürgersaal des Rathauses Friedenau, Lauterplatz.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Kurt Heinig, MdR. 12. Kreis Steglitz. 19)4 Uhr; Wahlkundgebung im Gymnasium Steglitz, Heesestraße.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referenten Anna Geyer und Otto Bach. 17. Kreis Lichtenberg. 19K Uhr: Kundgebung in der Aula, Schlichtallee, Lichtenberg, an der Hauptstraße.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Bernhard Gering. 20. Kreis Reinickendorf. 1954 Uhr im Lokal„Hubertus", Schönholz, Kundgebung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Hermann Harnisch, MdL. 57. Abt., Spandau. 1954 Uhr: Oeffentliche Wählerversammlung im Lokal„Kiennadelschweiz", Spandau, Pionierstfaße 3 (Halleda).„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Jockel Meier. 103. Abtl., Oberschöneweide. Demonstration der„Eisernen Front". Abmarsch 18K Uhr vom Platz vor der NAG. Ansprache des Genossen Max Heydemann, MdL. Anstalt Wuhlgarten. 20 Uhr bei Tempel, Lichtenberg, Gudrunstraße 7: Fraktionsversammlung mit Sympathisierenden. „Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Henry Drunsel. Heil- und Pflegeanstalt Herzberge. 20 Uhr bei Otto, Herzbergstraße 78; Eiserne-Front-Versammlung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referentin Frida Gladosch. Dienstag, den 19. Juli, um 20 Uhr Die Eiserne Front marschiert zum Appell in drei Formationen von vier Antrittsplätzen aus im Lustgarten auf. Es marschieren hintereinander: 1. Reichsbanner Schwan-Rot-Gold, 2. Hundertschaften der Sportorganisationen, 5. Hammerschaften der Gewerkschaften. Der Lustgarten wird von der Schlofifreiheit entlang Uber die SchloßbrUcke bis zur Kaiser-Wilheftn-BrUcke abgesperrt. Der Anmarsch zum Lustgarten erfolgt Uber die Kaiser-Wilhelm- BrUcke und Uber die Schloßfreiheit. FUr die Gesinnungsfreunde bleibt der Platz zwischen dem Dom, Museum und Kupfergraben frei. Der Zugang hierzu geht Uber die Eiserne BrUcke und über die FriedrichbrUcke. Die Anmarschplätze: Kreis SUden: Antreten 18.15 Uhr Fontanepromenade. Spitze des Zuges Urbanstraße, Marsch durch Urban-, Baerwald-, Prinzen-, Dresdener-, Roß-, Breite Straße, Schloßplatz, Schloßfreiheit, Lustgarten. Kreis Osten: Antreten 18.15 Uhr Küstriner Platz. Spitze des Zuges Paul-Singer-Straße. Marsch durch Paul-Singer-, Kraut-, Holzmarktstraße, Schillingbrücke, Engelufer, Köpenicker Straße, Neue Jakobstraße und weiter wie Kreis Süden. Kreis Norden: Antreten 18.15 Uhr Stralsunder Straße, Vineta- platz. Spitze des Zuges Brunnenstraße. Marsch durch Brunnen-, Rosenthaler-, Weinmeister-, Münz-, Kaiser-Wilhelm-Straße, Lustgarten. Kreis Westen: Antreten 18.15 Uhr Humboldthafen. Spitze des Zuges Invalidenstraße. Marsch durch Invaliden-, Hessische, Hannoversche, Elsässer Straße, weiter wie Kreis Norden. « Der Rückmarsch erfolgt in der gleichen Weise wie der Anmarsch. Gaswerk, Insta, Kassierer, Neukölln. 155� Uhr bei Schiunke, Neukölln, Bergstr. 98, Ecke Lahnstr.: Eiserne-Front-Versammlung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Max Brinitzer. Bezirksamt Neukölln. 20 Uhr im Städtischen Saalbau, Neukölln, Bergstraße 147; Wahlkundgebung der Hammerschaft des Bezirksamts Neukölln. Filmvorführung, Musikvorträge, politisches Kabarett. Oie tägliche Gtraßenschlachf. SA.-Lleberfatl auf ZteichSbannerleute. In Wilmersdorf an der Ecke Holff einifche und Günhel- ff r a h e spielle sich am Areilagnachmiflag eine schwere Schlägerei zwischen hafenkreuzlern und k o m m u n i sl e n ad. Zwei Kommunisten erlitten Kopsverlehungen. Die Gegner haben ihre Verkehrslokale unweit des Kamps» Platzes. Es scheint, daß sich Kommunisten und Nazis gegenseitig einen„Besuch" abstatten wollten und aus halbem Wege auseinander» stießen. Mit chiebwassen gingen die Burschen gegeneinander los, und erst als die Polizei eingriff, flüchtete der größte Teil der Täter. Insgesamt wurden fünf Beteiligte festgenommen und der Poli- tischen Polizei übergeben. Auf der Monumente»brücke in Schöne berg über- sielen gestern nachmittag vier SA.- Leute zwei jugendliche Mit- glieder des Reichsbanners. Unter Drohungen hielten zwei die jungen Leute fest, wahrend sich die beiden anderen an die Durch- suchung der Taschen der' Uebersallenen machten. Die Hitler- Banditen hatten aber Pech, denn ein« Schupo st reise hatte die Burschen aus einiger Entfernung beobachtet, und im richtigen Augenblick griffen die herbeieilenden Schupobeamten ein. Das Naziquartett wurde ins Polizeipräsidium gebracht. BahnhofFran�furterAllee ausgepumpt. Aber keine Störung des Zugverkehrs. Die Ueberschwemmungen in der Frankfurter Allee, die durch den Wolkenbruch in der Nacht zum Freitag entstanden waren und in deren Verlaus sich auch ein Stück der Gehbahn gesenkt hatte, hatten, wie mitgeteilt, zur Folge, daß das Wasser an verschiedenen Stellen über die Treppen der Untergrundbahnhöse und durch die Schächte der Notausgänge in den Tunnel selb st«ingedrun- gen war, in dem der Verkehr aber nach Ansicht der BVG. zunächst nicht bedroht schien. Im Laufe des Tages sammelten sich diese Wassermengen in dem am tiefsten gelegenen Teil des Tunnels zwischen Skrausberger Platz und Memeler Straße. so daß hier die Gleise allmählich auf eine Strecke von 200 Meter unter Wasser standen und die Höhe dieses unterirdischen Wasserspiegels sich durch anhaltenden Zufluß bedrohlich der Strom- schiene näherte. Um 5 Uhr nachmittags, als das Wasser nur noch etwa 6 Zentimeter von der höher als die eigentlichen Gleise liegen- den Stromschiene entfernt war, benachrichtigte die technische Leitung der Untergrundbahn die Feuerwehr, die alsbald an der betreffenden Stelle zwei Pumpen im Tunnel selbst einsetzte. Durch die sofortige Inangriffnahme der Pumparbeiten konnte die Gefahr eines Kurzschlusses durch Berührung des Wassers mit den Strom- schienen abgewendet werden. Die Pumpen der Feuerwehr, die 2 Kubikmeter Wasser in der Minute herausbeförderten, mußten allerdings stundenlang arbeiten, bevor die Ueberschwemmung besei- tigt war. Der U.-Bahnverkehr im Tunnel wurde trotz der Pump- arbeit in vollem Umfange aufrechterhalten, nur muhten die Züge an der betreffenden Stelle langsamer fahren. Todeskampf mit Wahnsinnigen. Zwei Polizisten erschossen. Riga, 15. Zuli. Aus dem Dünauser imRigoerhasen kam es zwischen einem nur mit einem Badekostüm bekleideten 2Nanne und der Polizei zu einer Schießerei. Oer Mann, der mit einem Revolver bewaffnet war. ist anscheinend plötzlich wahnsinnig geworden, denn er stürzte sich ohne Ursache auf die im Hafen beschäskiglen Arbeiter. Bei dem Zeuergesechl wurden zwei Polizisten gelölel und zwei verletzt. Der wahnsinnige selbst brach tödlich getroffen zusammen. Wer frohe Stunden an schönen Sommertagen voll auskosten witl,muf} J1UISIO zur Weggefährtin nehmen, Gerade weil den Packungen weder Wertmarken, noch Gutscheine, noch Stickereien beiliegen, hat der Raucher die absolute Gewißheit, in Juno beste Tabake in ausgeglichener Mischung bei vollem Format zu finden! Zu Fuß durch den Spreewald Eine Wanderung abseits vom Fremdenstrom WUWMK Mit dem Begrifs des Spreewaldes ist für die meisten auch der einer Wasserfahrt verbunden. Alle Bilder, alle Filme zeigen die berühmten„Spreewaldomnibusse", die langen, offenen, mit quer ge- stellten Bänken ausgerüsteten Kähne, die von dem Fährmann mit Geschick durch das Gewirr der Kanäle gelenkt werden. Man kann aber auch weite Strecken des Spreewaldes zu Fuß durchwandern und wird gerade dadurch einen tiefen Einblick in das Wesen der Landschaft und in die Arbeit der Bewohner er- halten. Wir fahren n?it der Görlitzer Bahn bis Betfchau(eventuell mit der Vorortbahn bis Königswufterhau- fen und von hier mit dem Fernzug weiter). Eine prächtige Ehaufsee führt über eine Strecke von 8 Kilometer zu dem ausgedehnten Gemeinwesen Burg. Zunächst ist wenig von der Wasser- landschaft des Spreewaldes zu sehen. Aber nach etwa 4 Kilometer über- schreiten wir eine Brücke bei. der Paulicksmühle, unter der die schnelle K z s ch i s ch o k a strömt. Ein Schlld verrät hier, daß wir im Kreise Calau find. Bis Burg lernen wir dann noch eine ganze Reihe solcher kleinen, munteren Wasserläufe kennen. Die Siedlung Burg verfügt über einen ausgedehnten Landbesitz. Der ur- sprllnglichen Wendensiedlung fügte der alte Fritz die Kolonie Burg hinzu, die von Deutschen angelegt wurde. Neben Dorf und Kolonie finden wir noch die weitgedehnt« Siedlung Burg-Kauper, die durch zahlreiche Einzelgehöfte ge- kennzeichnet ist. Kauper heißt Sandhügel, im Niederdeutschen „Werfte", aus der Ebene aufragendes Gelände, das zum Teil künst- lich geschaffen wurde und das chaus gegen Ueberschwemmung schützte. Auch das Ackerland ist im Laufe der Jahrhunderte künstlich erhöht worden. Wenn man Glück hat, kann man diese Arbeit auch heute noch beobachten. Burg hat durch seinen Kirchgang, bei dem noch alte wendische Trachten gezeigt werden, seinen Ruf als Fremdenverkehrsort ge- festigt. Im.Alltag aber find die Trachten fast gänzlich verschwunden. Kurz hinter der Kirche biegen wir links ab, kommen am B a h n h o f der Spreewaldbahn vorbei und wandern auf guter Chaussee bis zu einem W e g w e i f e r, der inmitten einer kleinen Grünanlage steht. Hier biegen wir rechts ab, wandern an dem„W i r t s h a u s zum w e n d i f ch e n K ö n i g" vorüber bis zu einem Wegweiser, der rechts die Richtung zur Straupitzer Buschmühle zeigt. Nach einer guten Viertelstunde weist ein an einem Zaun(links) angebrachtes Schild in die Richtung zum Gasthaus Eiche, das an der Großen M u t n i tz a am Rande des Hochwaldes liegt. Der Weg führt nun durch Wiesengelände an primiliven Gehöften vorüber. Hier herrscht noch der Holzbau. Die Häuser erinnern an die in Ostpreußen zu findenden Holzbauten. Kähne ruhen auf hohen Gestellen, an den Schuppen sind Netze und anderes Fischergerät zu finden. Beim Wirtshaus„Eiche" lassen wir uns übersetzen. Auf ..-- c, '.- v 1 Vv a* KfJ* MM«M» äksisasp« ■ Spreewaldhaus mit zur Reparatur aufgestellten Kähnen WM herrlichen Hochwaldwegen, die allerdings nach langen Regenfällen zuweilen nicht leicht zu begehen sind, kommen wir zur Försterei Kannomühle. Von hier wählen wir den Weg zur Försterei Schützenhaus, biegen nach Norden zum Groblafließ, dem wir bis zur Jugendherberge„Zum Erlkönig" in Alt- Z a u ch e folgen, die der Stadt Berlin gehört. Bon Eiche bis Alt- Zauche lernen wir den eigentlichen Spreewald kennen. Hier hat der Bauer noch nicht den Wald mühsam gerodet. Hier wachsen Erlen urwaldähnlich. Brücken, die sich hoch über die kleinen Wasserläufe spannen, leiten von einem Ufer zum andern. Selten wird die Ein- samkeit gestört. Der Strom der Fremden wählt die bekannte Ochsen- tour von Lübbenau über Lehde und Leipe mit dem Boot. Von Alt- Zauche wandern wir nach der etwa 4 Kilometer entfernten Bahn- station Alt-Zauche— Burglehn und treten von hier die Heimreise an. Weglängen: Vetschau— Burg 8 Kilometer: Burg— Gasthaus Eiche 8 Kilometer: Eiche— Erlkönig 7 Kilometer: Erlkönig— Bahnhof Alt-Zauche— Burglehn 4 Kilometer. Zusammen 27 Kilometer. Sollte die Wanderung a»f zwei Tage verteilt werden, so ist Ueber- nachtungsmöglichkeit in Burg, Eiche und Alt-Zauche zu finden. Krawall bei der Zhne-Auktion. Sechs Hakenkreuzler festgenommen. Gestern nachmittag wurde eine der wertvollsten Villen- einrichtungen des TIergartenoieriels in der Viktoriastraße 12 ver- steigert. Besitzerin des Hauses ist die Frau von Ihne, die sich im besonderen Maße der Blinden angenommen hatte. Schon in den ersten Jahren des furchtbaren Völkermordens stellte Frau von Ihne ihr ehemals großes Vermögen für die bedauernswerten Kriegsblinden zur Verfügung. Frau von Ihne geriet in finanzielle Schwierigkeiten und schließlich blieb ihr nur noch die Villa mit ihrem wertvollen Kunstbesitz. Die Gläubiger drängten aus eine Zwangsversteigerung der Kunstschätze in der Ihneschen Villa. Bereits für Donnerstag war die Versteigerung angesetzt, in letzter Minute jedoch durch einen Beschluß, den Frau von Ihne beim Amtsgericht erwirkt hatte, abgesetzt worden. Durch die Gläubiger ist nun eine j Aufhebung des Beschlusses erreicht worden und gestern vormittag wurde die Versteigerung vorgenommen. Es hatten sich zahlreiche Interessenten eingefunden. Gleich nach Eröffnung der Auktion kam es zu Krawallen, so daß die Polizei gerufen werden mußte. Einige Hakenkreuzler hatten sich unter die Interessenten gemischt und als der Auktionator die ersten Gebote entgegennahm, begannen die Nazis zu lärmen und bombardierten die Käufer. Sechs Nationalsozialisten, die sich be- sonders wild gebürdeten, wurden von der Polizei festgenommen. Wie wir weiter ersahren, ist die Versteigerung inzwischen aus- geseht worden, da das Landgericht der Beschwerde der Frau von Ihne stattgegeben hatte. In der Beschwerde hieß es. daß die zum Teil sehr wertvollen Kunstgegenstände und Gemälde Gefahr laufen, verschleudert zu werden. Da inzwischen auch private Kreise Frau von Ihne ihre Hilfe angeboten haben, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Kunstschätze vor einer erneuten Auktion be- wahrt bleiben. 2 Personen vom Alitz getötet. Opfer des Lnwetters in Ostpreußen und in Schlesien. Königsberg i. pr„ 15. Zuli. Ueber der ganzen Provinz Ist ein neues schweres Unwetter niedergegangen, das sich besonders im Südwesten ausgewirkt hat. Im Kreise Osterode(Ostpreußen) stehen zahlreiche Straßen und Keller unter Wasser. Der Blitz zündete wiederholt und legte einige Gehöfte in Asche. In Taulensee wurde ein elfjähriges Mädchen vom Blitz getötet. In Carolinenhof wurde ein Händler ebenfalls vom Blitz erschlagen. Im Korridorgebiet in der Nähe von Bromberg wurde ein Besitzer mit seinem Sohn und seiner Wirtschafterin vom Blitz getötet. Glogau, 15. Juli. Bei den schweren Gewittern, die gestern abend in dem nörd- lichen Teil des Kreises Glogau niedergingen, wurden in Altstrunz zwei Dominialarbeiter im Alter von 30 bzw. 34 Jahren vom Blitz getroffen und getötet. Ein dritter Arbeiter kam mit dem bloßen Schrecken davon. Genchisferien haben begonnen. Am Freitag haben die Gerichtsferien begonnen: sie dauern bis zum 15. September. Während im Zivilprozeßverfahren wäh- rend der Gerichtsferien einschneidende Beschränkungen stattsindcn, geht das S t ra f p r o z e ß o e r f a h r« n unverändert weiter. In Moabit machen sich die Gerichfsjerien nur insofern bemerkbar, als die Zahl der Strafkammern und Schöffengerichts- abtellungen verringert ist und diese als Ferienkammern tagen. Im Gegenteil bringt sogar der Beginn der Gerichtsferien eine ganze Reche großer Prozesse. Am nächsten Dienstag wird vor der Ferienabteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte unter Vorsitz von Landgerichtsdirekror Mafur gegen die Luther-Attentäter Dr. Roosen und K e r t s ch e r wegen gefährlicher Körperverletzung verhandelt werden. Wie erinnerlich hatte Dr. Roosen ein Revolverattentat aus den ReichsbankpräsideMen Dr. Luther bei seiner Wreise vom Potsdamer Bahnhof zu den Verhandlungen in der Schweiz verübt, und der Mitangeklagte war in der Begleitung des Attentäters. Die Ver° Handlung wird voraussichtlich mehrere Tage dauern. Am 29. Juli beginnt der Prozeß gegen das Falschmünzerehepaar S a l a b a n. Auch der große Beleidigungsprozeß gegen die„Angriff"- Redakteur« wird noch in der nächsten Woche vor der Strafkammer zur Verhandlung kommen. Beim Baden ertrunken. Das Baden an verbotener Stelle hat gestern nachmittag wieder zwei Todesopfer gefordert. Bei S ch m e t t e r» l i n g s h o r st ging der 22 Jahre alle Gerhard W i s ch n e w s k i aus der Bergmannstraße plötzlich unter. Ausflügler hatten den Vorfall beobachtet, die Rettungsversuche waren jedoch ohne Erfolg. Einige Zeit später tonnte die Leiche von der freiwilligen Feuerwehr ge- borgen werden.— Der zweite tödliche Badeunfall ereignete sich an der B r o m m y b r ü ck e, im Südosten Berlins. Tagtäglich tum- mein sich an dieser Stelle zahlreiche Badende in der Spree. Beim Durchschwimmen der Wasserstraße versank der 27jährige Paul W i l l m e r aus der Paul-Singer-Straße lautlos. Die sofort alor- mierte Feuerwehr konnte den Verunglückten nach kurzer Zeit bergen, die Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Vermutlich hat W. einen Herzschlag erlitten. 40 Personen an Fleischvergiftung erkrankt. Laupheim(Württemberg). 15. Illll. In Buch sind 40 Personen erkrankt, die von dem Fleisch einer notgeschlachleten Kuh gegessen hatten, darunter 14 so schwer. daß sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Lebensgefahr besteht jedoch nicht. Das Fleisch des notgeschlachteten Tieres war zum Teil für den menschlichen Genuß vom Fleischbeschauer frei- gegeben worden. 29 Kreiswohlvorschläge in Berlin. Für die Reichstagswahl sind für den Wahlkreis Berlin 28 Kreiswahlvorschläge eingereicht worden. Wir wählen Liste 1 Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Csk&r WcKrle 0au Sus. Herr Johann von Schwarzach, in diesem Blick seinen Meister spürend, macht eine tiefe Verbeugung und setzt zum Sprechen an. Doch eh er das richtige Wort findet, muß'er sich mehrmals räuspern. Die Antwort hängt ihm wie eine Klette im Hals. „Majestät!" sagt er schließlich mit einem tiefen Seufzer, „ich wüßte nichts, was die Stadt lieber täte, als dem könig- lichen Wunsche zu willfahren. Aber es ist leider unmöglich.." „Wieso?" fragt Sigmund rasch. Die Stücke sind nicht mehr in der Pfandkammer!" Die Sommersproessn in des Königs Gesicht scheinen schwarz zu sein, so bleich ist er auf einmal geworden. „Nicht in der Pfandkammer?! Was soll das heißen?" Stockend klingt die Frage. „Diese Nacht ist eingebrochen worden. Die Pfandstücke wurden gestohlen!" Sigmund braucht Luft, so ist ihm die Antwort in die Herzgegend gefahren. Er atmet mit offenem Mund, hart, in heftigen Stößen. Er spürt, wie ihm der kalte Schweiß auf die Stirn tritt. „Das sind nette Zustände in Konstanz, muß ich sagen!" Der Vogt nimmt diesen mit heiserer Stimme hingeworfe- nen Verlegenheitssatz als Angriff auf seine Amtsführung und setzt sich auf der Stelle zur Wehr. „Ich kann mich nicht in hundert Teil zerschlenzen in einer Nacht! Ich kann nicht gleichzeitig bei den Barfüßern und bei der Pfandkammer sein!" sagt er giftig.„Es war sowieso eine tolle verhexte Nacht. Doch so viel ist sicher, bevor das Konzilium in unseren Mauern lag, haben wir ehrlichere Zeiten gehabt!" „Das mag wohl stimmen!" pflichtet der Bürgermeister bei und zieht zum erstenmal am Bart. Es wird still im Zimmer und bleibt es lange. „Wer ist der Dieb?" fragt schließlich Sigmund, bloß um etwas zu sagen. Bürgermeister und Vogt zucken die Achseln. „Wir wissen es nicht", sagt der Vogt,„noch nicht! Doch es ist so viel Gut gestohlen, goldnes Getüche, Barren und Mllnzmetall, daß es der Dieb nicht lange zu hehlen vermag. Sobald er das erste Stück verkauft, werden wir ihn hnben!" „Werden ist ein sehr entfernter Landstrich, Vogt! Solang zu warten, bis das Schiff von dort zurück ist, Hab ich nicht Zeit. Höret, die Münsterglocken schlagen an! In einer Stunde soll die Sitzung beginnen. Bis dahin muß Rat geschafft sein. Mit leeren Händen kann ich nicht zu Stuhl sitzen!" „Es ist nur einer, der vielleicht Rat weiß!" „Wer?" fragen König und Bürgermeister einmündig. „Goldschlüger heißt er. Soll ich ihn holen?" „Gewiß! Und sag ihm, wenn er mir binnen einer Stunde Reichsapfel und Szepter schafft, erfüll ich ihm jeden Wunsch, aber..." „Aber?" fragt gedehnt der Bürgermeister. „Geld darf's nicht fein!" Der Vogt lacht. „Bei meinem Mann hängt auch ein„aber" dran, Majestät!" „Was für ein„aber", Vogt?" „Er ist ein Jude!" „Mag er zehnmal ein Jude sein, Hauptsache ist. er reißt die Christenheit aus dem Dreck!" 23. Als Hus, inmitten eines Fähnleins Gewappneter, vom nachdrängenden Pöbel umjohlt und umtobt, vorm Münster ankommt, muß er vor dem Hauptportal warten. Da steht er nun, überhöht, allen sichtbar, auf den fand- grauen Staffeln, gleichsam Passagier eines steinernen Schiffe� umflutet, umbrüllt von einem Meer erhitzter, an- brandender Zuschauergesichter. Als armer, verratener Jonas kommt er sich vor. Dies Meer, er weiß es, wird nicht Ruhe geben, eh es ihn nicht heruntergeriessn hat von Bord und verschlungen. Drinnen, in Gottes Haus, hat das feierliche Hochamt be- gönnen. Fetzen des Orgelspiels schallen heraus, dunkle Möven, die als Flügel die hellen, flatternden Schreie der Kurrendejungen tragen. Der Priester am Altar, Nikolas, Erzbischof von Gnesen, singt die Mesfe unserer lieben Frauen. Einer Fanfare gleich, so metallen, schmettert seine Stimme über die Köpfe der Knienden hin. Inbrünstig bestürmt er die Gottesmutter, diesem Konzilium durch ihre Fürbitte bei Gott die Gnade zu erwjrken, das Ketzertum zu überwältigen, das wider seine heilige Kirche ausgestanden ist. Hus lächelt bitter. Die Kirche und ihr gesamtes Nüst» zeug ist aufgeboten, die ganze weltliche Macht, um ihn, den einzelnen, armseligen Menschen zu zermalmen und in das Nichts zu schmeißen. Und dieser ungeheure Apparat der Kirche und der mit ihr vereinigten weltlichen Macht ist sich selbst nicht Fülle genug, sondern ruft auch noch Gottes Arme zu Hilfe. Die Arme jenes Gottes, auf den auch er sich stützt. von dem er hofft, die Gnade der Bewährung zu erhalten. Wenn er nur beten könnte! Wie gerne hätte er dem Meßopfer beigewohnt, um sich ein letztes Mal in das Wunder der Konsekration zu versenken! Aber gerade das ist ihm nicht gestattet. Wie ein räudiger Hund muß er hier auf der Schwelle liegen bleiben. Die Mysterien des Altarsakraments dürfen nicht durch seine Gegenwart entweiht werden; er ist ja ein Ketzer! Wieder lächelt Hus. Es ist das Lächeln eines Menschen, der überwunden hat. Seine große Schlacht, die der Ent- scheidung, ist bereits geschlagen. In düsterer Zelle, in der Stille der Nacht, in Gesellschaft des Schmerzes, am Abgrund der Verlassenheit, in Stunden ohne Trost, das Herz über- fallen von Angst und Verzweiflung, im Zusammenbruch, den Tod vor Augen, da hat er den Kelch der Bitternis und des Leids bis zum Grunde getrunken. Da hat er seinen Frieden mit Gott gemacht und sein Herz unterworfen. Da ist ihm die Gewießheit gekommen, daß Tat und Lehre sich decken müssen: daß es nur eines gibt: sich selbst zu opfern, mit dem eigenen Ich einzustehen für seine Ueberzeugung. Was jetzt noch folgen wird, sind nur Kämpfe der Nachhut. Krampfhafte Versuche Satans, Blendwerke: nun, ihn sollen sie weder er- schrecken noch erschüttern! Die Münsterportale öffnen sich. „Ite, missa est!" klingt langgezogen vom Altar her des Erzbischofs Stimme. Aber niemand folgte dieser Aufforderung, niemand geht; trotz der beendigten Messe verläßt kein Mensch das Kirchhaus. Im Gegenteil, als Hus hineingeführt wird, drängen noch Hunderte nach, so daß man meint, die quirlende Woge müsse die Domwände sprengen. Während die Wappner noch dabei sind, notdürftig Ordnung zu schaffen, betritt ein dickhälsiger, hartschnaubender Bischof die Sprechkanzel. Er hat einen gelben Zettel in der Hand, führt ihn recht nah an die Augen und verliest, immer wieder durch asthmatische Atemzüge unterbrochen, ein Dekret des Konzils, durch welches es männiglich befiehlt, sich jedes Wortes, Lautes oder Geräusches zu enthalten, welches die Versammlung stören könnte. (Fortsetzung folgt.) t Havelpiraten bei Ketzin. Einbrecherbande im Boot verhastet. Dem Ketziner Landjäger gelang es in Zusammenarbeit mit der Potsdamer Wasserschutzpolizei eine Bande von Berliner Wasser- piraten unschädlich zu machen, die bereits seit längerer Zeit serien- weise Einbrüche in den Dörfern am Haoelufer verübt haben. Es handelt sich um den Arbeiter Karl Frömming und den Chauffeur Erich Schmidt, beide aus Berlin-Charlottenburg, und den Schiffer Alfred V e r g e r aus Berlin. Sie sind sämtlich vorbestraft. Dem Landjäger war im Schilfdickicht bei Ketzin ein Segelboot aufgefallen, das dort bereits längere Zeit gelegen hatte und zu dem viele Fußspuren führten. Um das Boot zu untersuchen, rief er den Wasierschutz in Potsdam an, der sofort mit einem Schnellboot ein- traf. Bei der Durchsuchung des Bootes wurde eine große Menge von Einbruchswerkzeug vorgefunden. Die drei vorgenannten Einbrecher wurden daraufhin verhaftet. Zahlreiche Kellereinbrüche, Hühner- und Obstdiebstähle wurden ihnen bereits nachgewiesen. Auf dem Lande fühlen sie sich! Ttazi-Filmstatisten spielen Krieg und terrosieren die Bevölkerung. Ein Tlaziuberfall auf sozialdemokratische Flugblaltver- leiler hat sich am Mittwochabend in dem Dorj Oroh-Machnow im kreise Teltow ereignet. Sechs Genossen, darunter die Frau eines Bauunter- nehmers, die ein sozialdemokratisches Wahlflugblatt verbreiteten, wurden von einer Nazitolonne, zum Teil in Uniform, tätlich an- gegriffen. Die Frau, die sich wehrte, wurde getreu der immer wieder von den Nationalsozialisten betätigten Mißachtung der Frauen von einem der Burschen mit roher Gewalt am Arm gepackt und ihr die Flugblätter entrissen. Auf der Dorfaue wurden sodann die geraubten Flugblätter verbrannt. Als abends der benachrichtigte Amtsvorstehec mit zwei Polizeibeamten erschien, um den Täter fest- zustellen, wurde er von der etwa 300 Mann starken Nazikolonne be- droht und beleidigt. Die mißhandelte Frau Hot den Täter unter einer Kolonne F i l m st a t i st e n erkannt, die geschlossen in den Gasthof Kaul einmarschiert war. Als die Landjäger den Saal durchsuchten, war der Held durch eine Hintertür verschwunden. Diese aus SA.-Leuten zusammengesetzten Filmkolonnen filmt seit einigen Wochen in der Nähe von Groß-Machnow einen historischen Film„T a n n e n b e r g", was zur Folge hat, daß diese Film- Helden auch Tag und Nacht in ihren Uniformen die Gegend unsicher machen, weil sie nun mal gewöhnt sind,„Krieg" zu spielen. Die Filmgesellschaft sollte auf ihre Leute besser achten. Die Erregung in der Arbeiterschaft über diese Vorgänge ist ungeheuer. Daß es auf ein« planmäßige Provokation der Arbeiterschaft abgesehen war, geht auch daraus hervor, daß noch nach Abzug der Landjägerei eine Nazikolonn« aus Rangsdorf in geschlossenem Zuge und uniformiert zur„Verstärkung" anrückte. Bankdirektor tot aufgefunden. Der frühere Direktor der Wernigeroder Bank für Handel und Dewerbe. Michael, der für den Zusammenbruch seiner Bant oer- antwortlich gemacht wurde und seit dem Januar dieses Jahres oer- schwunden war, wurde jetzt auf den E l b w i e s e n bei Wolmirstedt Hellseher treibt zum Wahnsinn Der Geisterbeschwörer in der Küche wegen eines Betruges, der wie eine Phanlosiegeschichle aus dem wüsten Mittelalter anmutet, stand der Astrologe Meisenburg in Hannover vor dem Schöffengericht. Mit ihm eine allere Kartenlegerin, die ihm bei seiner Tätigkeit Schlepperdienste geleistet hatte. Dieses ehrenwerte Paar hat das Kunststück zustande gebracht, einen Menschen durch Aberglauben buchstäblich in den Irrsinn zu treiben. Ihr Opfer war ein-lSjähriger Angestellter beim Ver- sicherungsamt in Hannover. Dieser Mann hatte vor einigen Iahren seine Frau verloren, mit der er in sehr glücklicher Ehe gelebt hatte. Da er sich der Toten innerlich verpflichtet fühlte und Gewissensbisse empfand, wollte er, bevor er eine neue Ehe einging, eine Karten- Hsiitv und morgen liegen noch die Wählerlisten für die Reichstagswahi aus. Wer nicht eingetragen Ist, verliert sein Wahlrecht. Darum In letzter Stunde: Versäumt nicht, die Wählerlisten einzusehen! Wer verreist und am S1. lull nicht In seinem Wohnbezirk anwesend sein kann, muß sich bis spätestens 29. lull einen Stimmschein besorgen! legerin zu Rate ziehen. Als er der Kartenlegerin von seinen Ge- wissensskrupeln Mitteilung machte, erklärte diese, an der Sache sei der Geist der verstorbenen schuld, der noch immer in der Wohnung des Beamten umgehe. Er möge sich nur vertrauensvoll an den Astrologen Weisenburg wenden, dieser werde schon dem Geist zeigen, wo der Zimmermann das Loch ge- losten hat. Tatsächlich schenkte der Mann, der eine äußerst beeinflußbare Natur ist, diesem Märchen Glauben und suchte den Astrologen auf. Dieser kam in die Wohnung, ließ ein Feuer aus trockenem Holz entzünden und als es plötzlich im Kochherd laut knallte, erklärte er, daß die wütende Frau auf diese Weise ihre jenseitige Existenz kund- gebe. Vermutlich hatte der allwissende Astrologe diesen Warnungs- schuß des Geistes dadurch bewirkt, daß er heimlich einen Knallkörper ins Feuer warf. Jedenfalls bekam es der Witwer sofort mit der Angst zu tun. Der Astrologe sprach ein Dutzend geheimnisvoller Beschwörungen: dann erklärte er, er müsse die Geistaustreibung auf dem Friedhof fortsetzen. Immer wieder erschien der Hellseher und teilte seinem Opfer mit, was er alles auf dem Friedhof getan habe. Die grausigen Schilderungen erschütterten die schwachen Nerven des Ehemanns so sehr, daß er von Zwangsvorstellungen befallen wurde. Man mußte ihn in eine Heilanstalt überführen und es dauerte Monate, bis man ihn von den grauenvollen Halluzinationen heilen konnte. Das Gericht verurteilte den Geisterbeschwörer wegen groben Schwindels und Rückfallbetrugs zu drei Monaten Gefängnis. Die Kartenlegerin kam mit 20 Mark Geldstrafe davon. in stark verwestem Zustand aufgefunden. Man nimmt an, daß Michael den Tod in der Elbe gesucht hat, und daß die Leiche vom Hochwasser auf die Elbwiesen getragen wurde, auf denen sie jetzt beim Grasmähen gefunden wurde. Neuauflage des Gklarek- Prozesses. Das Ende des Sklarek-Prozestes hat für die Berliner Staats- anwaltschaft noch keineswegs einen Abschluß ihrer Ermittlungen in dieser Sache bedeutet. Vielmehr bleiben für sie noch zahlreiche Fragen ofsen, über die demnächst Entscheidungen zu treffen sind. Es handelt sich einmal darum, was nun mit dem abgetrennten Ver- fahren gegen Max Sklarek geschehen soll. Die Staats- anwaltschaft ist im Besitz eines Gutachtens des Professors Ringleb. wonach Max Sklarek wenigstens zeitweise als oerhandlungsfähig zu betrachten sei. Dazu kommt die Tatsach«, daß Amtsgerichtsrat Keßner in der Urteilsbegründung erklärt hat, die S t a d t b a n k- direktoren wären wegen Untreu« bestraft worden, wenn die Staatsanwaltschaft sie dieses Deliktes angeklagt hätte. Auf Grund des Offizialitätsprinzips könnte die Staatsanwaltschaft diese Anklage vielleicht noch nachholen und sie mit dem Verfahren gegen Max Sklarek verbinden, so daß sich schon daraus«ine Neuaufrollung des Sklarek-Prozestes ergeben könnte. Nazis mit den drei Pfeilen. Aus unserem Leserkreis wird uns diese interessante Einzelheit aus dem Wahlkampf mitgeteilt: Vor dem Gebäude der Firma Sarotti in der Ger- maniastraße in Tempelhof teilten in den letzten Tagen uniformierte, mit Abzeichen versehne Werber der sogenannten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei Flugblätter au«. Sie stießen bei der Arbeiterschaft aus wenig Gegenliebe und schritten deshalb gestern abend zu einer Maskierung. Sie kamen in Zivil und hatten, um ihre Flugblätter an den Mann zu bringen, außerdem das Abzeichen der drei Pfeile angelegt. Sie werden eben gewußt haben: wir, die wir für die Verräter der Arbeiterklasse werben, kommen nur durch Lüge an die Arbeiterschaft heran. Es ist für die Kampfesweise der Nationalsozialisten be- zeichnend, daß uns vom Arbeitsnachweis auf dem Belle-Alliance- Platz eine gleiche Meldung zugegangen ist. Aber Lügen haben bekanntlich kurze Beine, und so wird auch dieser gemeine Trick den seit langem entlarvten Nationalsozialisten nichts nützen. Polizei-Sport-ereiu Berti» e. 53., Abt. Einheitslurzfchrift.? Uedungsabonde an allen Wochentagen, außer Eonnabends, von IllH- Im Poltzei-SchulgebSude, Hannoversche Str. 2S— SO, 2. Stock, Zimmer silnger-, Fortbildung«, und Redeschrtftlursc. Auch für Zivil«. mmmmm VA UW-AM V*i< B® K»Si- RECMTSMA ClfiARETTEMfABRIKEM Q.M.S.H. ALTOkUUBAHRENFEU} Heute allgemeine Flugblattverbreitung 18 Uhr von den bekannten Stellen aus/ Alle Genossinnen und Genossen, die Arbeiterjugend, Arbeitersportler und Reichsbanner beteiligen sich Die neue k'rauenlclinilc �r�veiterunsslzau cler On!vers!täts!c!in!lc 5ert!sxeste!lt— Ein Musterhaus Die ftaailiche Univerjitätssrauenklinik besteht seil lSlS. Die allen Berlinern bekannte Gebäudegruppe an der Arlilleriestrahe wurde am 15. Zuli!S82, also vor genau 50 Zähren, bezogen. 3m Lause der Zeil war eine Erweiterung durch einen Ikeubau immer dringlicher geworden. Die Altbauten in der Ziegel- straße wurden abgerissen und der Erweiterungsbau hier vor- genommen. Der Bauplan wurde unter sparsamster Berechnung von Regierungs- und Baurot Wölfs festgelegt. Der Neubau hat eine Länge von 135 Meter, er verbindet die Bauten an der Artillerie- strahe mit denen an der Monbijoustraße und enthält: im Erdgeschoß Wobnungen für Personal und Studierende nebst Eßräunien, im 1. Geschoß die Abteilung für Geburtshilfe, die sich unterteilt in Aufnahmestation, die Kreissaalstation mit Operationssaal und die Wochenstation, im 2. Geschoß die gynäkologische Abteilung mit den Krankenstationen und der großen Operationsstation und im Z. Gc- schoß die Liegehalle und den Gymnastiksaal, der auch als Unter- richtsraum verwendet werden soll. Die weiß gestrichenen Außen- sronten machen in ihrer Einfachheit einen guten Eindruck, ebenso wie das ganze Gebäude innen wohltuend und beruhigend wirkt. Die Farbengebung ist sehr hell gehalten und unaufdringlich wird auch versucht, das Befinden des Kranken durch die Farbe günstig zu beeinflussen. Auch die Krankenzimmer, durchweg für sünf Patientinnen bestimmt, sind sehr anheimelnd ausgestattet. Sie haben große Schiebesenster, die Räume wirken nicht eng, die Möbel sind außerordentlich praktisch. Die Zimmereinrichtung für Privat- und Krankcnkassenpatientinnen ist völlig gleich, lleberhaupt wird für die minderbemittelten Frauen,— der Bauherr ist das preußische Ministerium sür Wissenschaft, Kunst und Volksbildung,— alles nur Erdenkbare getan. Es ist bei den Ilntersuchungsräumen das sogenannte Kabinensystem eingeführt und auch die zur Untersuchung kommende minderbemittelte Frau wird mustergültig diskret behandelt. Die Fragen, die der Arzt an sie stellt, werden von niemand gehört. Alles in diesem neuen chause ist auf wohltuende Zurückhaltung eingestellt. Da die Gartenanlagen sehr eng sind, wurde die Dachfläche begehbar eingerichtet. Der Ausenthalt auf dem Dach(ein Fahrstuhl führt nach obens, kann den Genesenden sehr angenehm gestaltet werden. Bei der Bauausführung unterblieb jeder Luxus, aber jede nur erdenkbare praktische Neuerung wurde angewandt und so entstand eine Klinik, die wirklich Dienst und Wohltat am Volke ist. ¥ür die Propagandafahrt des Bezirksverbandes Berlin der Sozialdemokratischen Partei am Sonnabend, dem 23., 13>i Uhr, nach Ziegenhals oder Müggelsee, sind Karten für Erwachs, zum Preisevon 80 Pf., für Erwerbslose und Kinder zumPreise v.40Pf. im Frauensekretariat, Lindsnstr.2, S.Hof, Str., zu haben Autobusunglück bei Bordeaux. Bisher fünf Tote und zwanzig Schwerverletzte. Paris, 15. Zuli. Ein schweres Automobilunalück. bei dem fünf Personen getötet und 20 zum Teil sehr schwer verleht wurden, ereignete sich aus der großen Landstraße nach Bordeaux. Zwei Auto- b u s s e. die aus entgegengesehten Richtungen kamen, stießen in voller Fahrt zusammen und gingen säst vollkommen in Trümmer. Autofahrer, die zufällig an der Anglücksstelle vorbei- fuhren, brachten den verunglückten die erste hilse. Fünf der Znsassen waren jedoch aus der Stelle getötet worden oder starben aus dem Wege zum Krankenhaus, von den Verlehlen haben einige so schwere Quetschungen und knochenbrttch« davongetragen, daß man jede Hoffnung aufgegeben hat, sie zu retten. Die Opfer sind zum größten Teil junge Mädchen aus der Umgebung, die anläßlich de? Rat>onalf->iertages einen Ausflug unternommen halten. Die Sssleuie Sei der Neichstagswah!. Seeleute, die vor dem 31. Juli in See gehen, können zur Reichstagswahl schon ab 21 Juli und Seeleute, die nach dem 31. Juli in einen deulschen Hafen einfahren, noch b i s 5. August in solgcnden Hafenstädten abstimmen: Königsberg i. Pr., Pillau, Kolberg, Stettin, Swinemünde, Altona, Flensburg, Kiel, Emden, Wesermünde, Wilhelmshaven, Hamburg, Cuxhaven, Nordenham, Bremen, Bremerhaven, Lübeck. In diesen Städten nehmen be- sondere Abstimnmngsvorstände täglich Seemannsstimmen entgegen. Die Abstimmungszeiten werden von den Hafenstödten bekannt- gegeben. Der Seemann muß sich durch sein Seefahrtsbuch aus- weisen und einen Stimmscheln besitzen. Zu den Seeleuten zählen auch alle zur Schifssbejatzung gehörenden Personen mit Daueraus- weisen über ihren Beruf. Auch die Besatzung von fiskalischen Wasserfahrzeugen, auf Seewasserstraßen und in Küstengewässern, die Zivilbesatzung der Schisse der Reichsmarine(Werst-, Lolsen- dampfer, Wasserprähme, Feuerschiffe), der Leuchttürme, die Zivil- besatzung der Kriegsschisfe(Friseure, Köche, Kantinenpächter. Hand- werker usw.) sowie alle planmäßig oder überplanmäßig auf diesen Schissen eingeschifften sonstigen wahlberechtigten Personen werden auf Antrag zur Stimmabgabe in dem Sonderversahren für See- leute zugelassen, sofern sie neben dem Stimmschein ein« Bescheini- gung der zuständigen Dienststelle vorlegen, daß sie aus dienstlichen Gründen am allgemeinen Wahltage ihr Stimmrecht nicht ausüben können. Für den Durchgangsverkehr im Novd-Ostsee-Kanal wird an der holtenauer Schleuse ein Wahllokal eingerichtet, in dem vom 21. Juli 16 Uhr bis 31. Juli 15 Uhr und vom 1. August 10 Uhr bis 5. August 18 Uhr Tag und Nacht Seeleute ihre Stimmen ab- geben können. Wintergarten im Zuli. Die drei O m a n i s haben zwei bildschön«, junge Kerle, deren Akrobatik sich durch ruhige Sicherheit auszeichnet. Dem Jongleur King Repp gehorchen die hüte ebenso wie einst Rastelli die Bälle. Die Luftgymnastik der jungen Trapezkünstlerin Mal vi de wird durch Spiegelreflexe effektvoll gesteigert. Eine auch die tanzenden Zwillingsschwestern F c r w i t e, der weibliche Partner von ser— es stehen diesmal überhaupt eine und Frauen auf der Bühne—, verfügt über ein« ganz erstaunliche Gelenkigkeit, und beide besitzen erstaun- lich vielseitiges musikalisches Können, das sie in drastischer und humorvoller Weise verwerten. Die singenden und musizierenden fünf Pallos Ladies und die acht schwarzen S t r e a k s lärmen aus ihre Art übermütig, lustig und wild herum und machen nach Kräften Laune. William Berner plaudert sehr nett und tanzt akrobatisch sehr gut. In einem Sketsch„Die rote Brieftasche" sieht man den guten alten Henry Bender, Kurt Lilien und Else Ward in den Hauptrollen und freut sich ihrer. Reichsimkcreiausstellung 1932 in Görlitz. In Berbindung mit einer Tagung des Deutschen Jmkerbundes findet in Görlitz vom 30. Juli bis 1. August die Reichsimkereiausftellung 1932 statt. Wetleraussichten sür Berlin. Wolkig und schwül, weiterhin Neiaung zu Regenföllen oder Gewittern.— Für Deutschland. Im Westen vielfach Regensälle, im Osten wolkig mit gewitterartigen Niederschlägen. aparte Nummer sind Sonzette und Caisser. S o n z e t t e und C a i s Menge schöner Mädchen Siuseadungen für diefe RubrU sind 0 c* I i o SW 68, Lindenstratze z. parteinachrichten für Groß-Berlin stets an das Bezirksfekretariat i. Hof. 2 Treppen rechts, i» richte» Beginn aller Veranstaltungen 19% Uhr, sofern keine besondere Zeitangabe! 7.»nd S. Kreis. Wegen der Gerichtsferien findet die nächste Juristische Sprech» stunde erst im September statt. lt. Kreis. Montag, I«. Zuli, ls Uhr, Sitzung aller erwerbslosen Genossinnen, Genossen. Reichsbannerlam�raden, Sportler, SAI. bei Will, Martin-Luther. Straße 69. Mitgliedsbuch ist vorzuzeigen. »0. Abt. Heute, 18 Uhr, holen die Bezirlsfllhrer die Fahnen im Sekretariat, Idealpassage, ab. lgs. Abt. Ausgabe der Propagandafahnen(Wimpel, Pfeile) heute zwischen 17 und lS Uhr im Partciheim. Schiotzftr. 27. 103. Abt. Wir beteiligen uns heute an der äffentlichen Wahliundgebung der Fichtenauer Genossen. Tressen zwischen SU und SZi Uhr Bahnhof Friedrichs» 124. Abt. Sonntag, 17. Juli, 8 Uhr, bei Anders, Bahnhofstraße, Appell der „Eisernen Front". Alle Genossen müssen erscheinen. 126. Abt. Alle radfahrenden Parteigenossen trefsen sich Sanntag, 17. Juli, 7Zb Uhr, bei Gallos. Arbeitsgemeinschafk der Sinderfreunde Groß-Verlin. Zentrale: Sonnabend, 16. Juli, 8 Uhr, Absahrt der geltlagerteil. nehmer von der Waisendrülke nach dem Uedersee. Trefspunlt sür alle Gruppen in der Zeit von 7)4—7% Uhr am Märkischen Museum. Riickkunst der ersten oierzedntägigcn Lagcrteilnehmcr nach 21 Uhr HM Charlottenburg, Caprivibrücke. ,' i) Sitzung der Krcisieiter oder deren Vertreter am Montag, 18. Juli, ""U ig Uhr, in der Geschäftsstelle, Lindenstr. 2. Besprechung der Eltern» sahrt am 24. Juli. Friedrichshaill: Eltern, welche am 24. Juli zum llcderfee fahren wollen, melden sich bis Montag, 18 Uhr, im Kreisheim, Mühienstr. 50, oder beim Ge- Nossen Hans Eoepel, Kochhannstr. 32, Seitenflügel 4 Tr. Sterbetafel der Groß-Berliner Partei-Organisation 114. Abt. Der Genosse Ernst Seeger, Romintener Str. 28, ist ver- storben. Ehre seinem Andenken! Die Einäscherung hat bereits stattgefunden. 116. Abt. Unsere Genossin Emma Rogowski ist verstorben. Ehre ihrem Andenken! Einäscherung Sonnabend, 16. Juli, 17% Uhr, Krematorium Baumschulenweg. Wir erwarten zahlreiche Beteiligung. Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Berlin Eins-nduogen für diese Rubrik nur an das Iugendfekretariat Berlin SW 68, Lindenstraße 2, vorn 1 Treppe rechts. Appell der Eisernen Front im Lustgarten am IS. Zuli. Die Bezirke Mitte, Tiergarte», Wedding, Prenzlaner Berg, Osten, Sirenz. berg, Schöncbcrg und Renköll» beteilige» sich am Dienstag geschlossen am Appell der Eisernen Front. Ja diesen Bezirke» sollen alle Srnppenabend« au». heute, Sonnabend. Skottbusscr Tor: Urbanstr. 167: Mitgliederversammlung.— Südwesten: Wcrbedczirs Westen: Lastautofahrt zum Uedersee. Treffpunkt IllZH Uhr Chor. mi, Wilhelmplatz. Rachzugler 2114 Uhr— 1----'----- lotienburg Fahrgeld inkl. nehmen. Werbe bezirk >ke las Prenzlauer All«. en tonnen noch teil. ebernachtung 1,60 M. Interessiert« Genoff »low: Radfahrerdemonstration der Eisernen Front. Antrete» 17 Uhr Pankow, Marktplatz, mit geschmückten Fahrrädern lWimpel und Fahnen). Anschließend Akiionsgruppcn.Appell in Buchholz, Bahnhofstraße, Restaurant Panfegrau, 19 Zh Uhr. ' Morgen, Sonntag. Saseaheide: Treffpunkt zur Fahrt 7 Uhr Kottbusser Tor. Werbebezirt Weddiag: Treffpunkt aller Autofahrer 6 Uhr Brunnenplatz. Werbebczirk Prenzlauer Berg: Treffpunkt aller Radfahrer in Falkentracht 7 Uhr am„Elystum. Ziel wird dort bekanntgegeben. Kaffee erhalten wir draußen. Werbebezirk Obersprec: Treffen zur Radfadrer-Landagitation SZH Uhr Ober. schäncweide, evangelische Kirche.Ic Or.sverwalfan*. | laJÄf W j Daill�mäMest !.letots Fracks Ms Eerz-HeiJ'Bafl ßer Parteigenossinnen und Genossen, die u.Üehla.iirm<,rK,o| Bad- Nauheim aufsuchen, erhalten kostenlos Rat u. Auskunft von unserem parteigenössischenWohnungsnachweis: H Wiedermann, ßUmarckplaiz 5, Ortsgruppe Bad-Nauheim der'SPD. vrfi£f vil Damcn� Gelegen in neuer Weite lohnend Lothnngerstra�e 56. l Treppe. Rosen thaler Platz. PUlKi >•1 Anilcideschränle , 85,—, Älubsosas KoblanH&Co. und Dinllerfaft.Fi ~""anfo funpenfsght Berlin N 85 tUstiducMtr Sbik 9S. Berlin, Hansa Uli. st'lraße). end. abrik, Kastanienallee 56 (Ecke Fehrbelliner. !Kr.331» 49 Zahraang 2. Beilage des Vorwärts Sonnabend, 46. Juli 4932 Der Pakt von Lausanne und die Wirtschast/»o« FrUz Naphta'-- hoover hat gestern erklärt, Lausanne sei zwar ein rcpara- tionspolitischer Fortschritt, Amerika sei aber nicht gebunden. Während der Verhandlungen in Lausanne wurde mit Hitler in München ständig Verbindung gehalten. Schachts telegraphisches„Bravo" an Papen hatte tiefere Bedeutung. Herr von P a p e n, der, von Hitlers und hugenbergs Gnaden in den Sattel gesetzt, auszog, um zu zeigen, welche Erfolge man für Deutschland heimbringen könne, wenn man an die Stelle der „marxistischen" Verständigungspolitik die Tonart des starken Mannes setzt, ist als ein bescheidener Ersüllungspolitiker in die Heimat zurückgekehrt. Er hat die Erfahrung gemacht, daß man aus dem Parkett der internationalen Verhandlungen nicht mit den billigen nationalistischen Phrasen auskommt, mit denen der politische Freundeskreis dieser Reichsregierung seit Jahren im Innern die Politik von Hermann Müller, Stresemann und Rathenau verleumdet hat. Die Freude, die man auf diesem Gebiet anläßlich des Ausgangs von Lausanne über die reuigen Sünder empfinden kann, darf aber nicht dazu führen, die außerordentlichen Schwächen des Er- gebnisses von Lausanne zu übersehen, die nicht ganz zu trennen sind von der innerpolitischen Unfreiheit der Papen- Regierung. Da sich durch den Pakt von Lausanne an dem seit einem Jahr bestehenden Zustand der Suspendierung der deutschen Reparations- Zahlungen unmittelbar nichts ändert, können auch günstige Rück- Wirkungen von Lausonne auf das Wirtschaftsleben nur von der psychologischen Seite her erwartet werden. Wenn der Pakt von Lausanne als ein neuer Meilenstein der internationalen Ver- ständigungspolitik bald ratifiziert werden würde, so könnte mit der Forträumung des Steines der Reparationen, der den Weg zur Besse- rung bisher versperrte, die Bahn frei werden für weitergehende wirtschaftliche Verständigungen und psychologische Antriebe der Unternehmungslust. Leider muß man aber seststellen, daß sich der Pakt von Lausanne deshalb vorläufig nur als eine Vertagung der Schwierigkeiten auswirkt. weil das Ob und das Wann der Ratifizierung in höchstem Waste unsicher erscheint. Als Herr von Papen in Lausanne den schweren taktischen Fehler machte, durch das hineinziehen politischer Prestigesorderungen, die er bald darauf wieder von der Tagesordnung zurückziehen mußte, die materielle Verhandlungsbasis zu verschlechtern, erschien es zu- nächst noch so, als ob ihm wenigstens die Beseitigung der um- strittenen Amerikaklausel gelungen wäre. Der Sinn dieser Amerikoklausel war die Betonung der Abhängigkeit der Herabsetzung der deutschen Zahlungsverpflichtungen von einem entsprechenden Verzicht der amerikanischen Gläubiger gegenüber ihren interalliierten Kriegsschuldnern. Der sachliche Zusammenhang zwischen den Kriegsschulden der europäischen Siegermächte an die Vereinigten Staaten und den deutschen Reparationen besteht von Anfang an und ist nicht durch Verschweigen aus der Welt zu schaffen. Die sozialistische und gewerkschaftliche Internationale hoben deshalb auch feit langem die Forderung nach Streichung der Reparationen und der interalliierten Kriegsschulden als die notwendige Maßnahme zur Bereinigung der Kriegsfolgen ausgestellt. Mit Recht ist aber von deutscher Seite die These vertreten worden, daß eine Streichung oder Herabsetzung der Reparationszahlungen, die aus der Erkenntnis der Zahlungsunfähigkeit der deutschen Wirtschast beruht, an keinerlei Bedingungen geknüpft werden dürfe. Deshalb wollte man formal und rechtlich die Amerikaklausel aus der Dis- kussion beseitigen. Praktisch gelungen ist aber nur, daß die A m e r i k a k l a u s e l in dem von Deutschland u n t e r z e i ch n e t e n � A b- kommen von Lausanne nicht enthalten ist. Sie ist ober nicht aus der Welt verschwunden. Es zeigt sich seht, daß die Amerikaklausel nur aus dem ostiziellen Pakt von Lausanne in das sogenannte Gcnllemenagreement svereinbarung) der Gläubigcrregierung verdrängt worden ist. Die' Gläubigerregierungen. England. Frankreich, Belgien und Italien, haben unter sich vereinbart, daß die Ratisizierung des Ab- kommens von Lausanne nicht vorgenommen werden soll,„bevor nicht eine befriedigende Regelung zwischen ihnen und ihren eigenen Gläubigern erzielt sein wird. Falls diese befriedigende Regelung nicht erzielt wird, wird das Abkommen nicht ratifiziert werden. Es würde dadurch eine neue Lage geschaffen werden, und bei dieser Eventualität würde die rechtliche Stellung aller interessierten Regierungen wieder die gleiche werden wie vor dem shoover- Moratorium". Das heißt mit anderen Worten: wenn nicht ratisiziert wird, wird wieder der Poung-Plan der Ausgangspunkt für neue Verhandlungen sein müssen. Es zeigt sich also, daß es in Wirklichkeit Herrn von Papen mit seiner Vcrhandlungsmcthode, von den Verzichten aus die politischen Forderungen ganz abgesehen. keineswegs gelungen ist, die Amerikaklausel praktisch auszuschalten und die Gefahr eines erneuten Rückgriffes auf den Doung-Plan als Ausgangspunkt für neue Verhandlungen endgültig zu beseitigen. Unter den durch die Weltwirtschaftskrise und die Vorarbeiten seiner Vorganger gegebenen Verhältnissen erscheint also der Erfolg des jüngsten Erfüllungspolitikers, Herr von Papen, noch bescheidener, als es im ersten Augenblick schien. Diese Unsicherheit über die Ratifizierung von den Gläubiger- mächten ist der eine Faktor, der die günstige psychologische Wirkung. die vom Lausanner Abkommen hätte ausgehen können, hemmt. Der andere Faktor liegt in der U n s i ch e r h e i t in bezug auf die Ratifizierung dieses Abkommens in Deutschland. Die Parteien, die hinter der Regierung des Herrn von Papen und seiner Freiherren stehen, Nationalsozialisten und Deutschnationole, Ichlagen gegen das von ihrem Vertrauensmann, Herrn von Papen, unterzeichnete Abkommen ungefähr die g'eichen Töne an, die wir von dieser Seite her auch gegen olle früheren Vereinbarungen mit dem Charakter internationaler Verständigung gewohnt sind Eine Ratifizierung von Lausanne bei Fortbestand der Regierung Papen- Schleicher ist ober ohne Zustimmung der nano ialistisohen Parteien, die diese Regierung rsprösent'C't N'cht oorltellbar. Es müßte olla entweder zu einem klaren Bekenntnis der Verlogenheit des Geschreis dieser Kräfte der„nationalen Konzentration" durch Zustimmung zum Abkommen von Lausanne kommen oder es müßte, wenn es dem Volkssturm am 3t. Juli gelingt, die Freiherren- regierung fortzufegen die Frage der Ratifizierung auf einer ganz anderen Regierungsbasis zur Diskussion gelangen. Jedenfalls sind auch hier starke Unsicherheitssaktoren, die die psychologische Wirkung eines Abkommens, das an sich einen großen Schritt vorwärts bedeuten könnte, hemmen. Ueberdies hat die Regierung mit ihrer Förderung der nationalsoziali st ifchen SA. und der Duldung der daraus erwachsenden ständig zunehmen- den inneren Tumulte soviel Faktoren der politischen Unsicherheit selbst geschaffen, daß auch von ihnen die günstigen Wirkungen einer außerpolitischen Beruhigung auf wirtschaftlichem Gebiete leider völlig e r st i ck t werden. Man kann somit bei nüchterner Betrachtung an den Ausgang von Lausanne nur wenig Gegenwortshoffnungen knüpfen. Man kann vielmehr nur hoffen, daß trotz oller Schwierigkeit das Ab- kommen von Lausonne zum Ausgangspunkt künftiger besserer Ee- staltungen werden kann. Ob sich diese Hofsnungen erfüllen werden, ist natürlich nicht in letzter Linie abhängig von der innerpolitischen Gestaltung in Deutschland. Die Regierung Popen ist aus Grund ihrer innerpolitischen Bindun- gen vollkommen ungeeignet, die Ernte einer internationalen Ver- ständigungspolitik für die deutsche Wirtschaft wirklich einzubringen. Lausaune kann, abgesehen von den Rotifizierungsschwierigkeiten, nur dann fruchtbar werden, wenn sich an den neuen Abbau der Reparationen die internationale Verständigung zur Bc- seitigung der Hemmnisse im Güter- und Kapital- verkehr unmittelbar anschließt. Die Tatsache einer Weltmirt- schaftskonserenz, die sich nvt dieien Fragen zu beschäftigen haben wird, bedeutet an sich noch nichts, wenn nicht die beteiligten Regie- rungcn mit dem energischen Willen zur Belebung der Wirtschaft durch Wiederherstellung von verstärktem Güteraustausch erfüllt sind. Von feiten Deutschlands, das nach seiner industriellen Struktur das allergrößte Interesse am Abbau der Handelshemmnisse hat. kann an diesem Ziele erfolgreich nur mitgearbeitet werden von einer Regierung, die frei ist von der einseitigen Vertretung der Interessen der großagrarischen Hochschutzzöllner, und die frei ist von dem Einfluß der nebelhasten und wirtschaftlich verhängnisvollen Theorien von Autarkie und Binnenwährung. Das heißt mit anderen Worten: von einer Regierung, die einen ganz anderen Kurs steuert als die Regierung Papen, die Regierung der preußischen Junker, die sich auf Nationalsozialisten und Deutschnationale stützen muß. Wenn es nach einem politischen Kurswechsel in Deutschland zu einer wirklich fruchtbaren Auswertung von Lausanne kommen soll, so wird auch die mit dem Lausanner Abkommen verbundene Be- freiung der Gesetzgebung über Reichsbahn und Reichsbank praktische Bedeutung gewinnen Dann wird es darauf ankommen, im wirklichen Interesse der Wirtschaft, im wirklichen nationalen Interesse Reichsbahn und Reichsbank von den einseitigen I n t e r e s l e n t e n e i n f l ü s s e n. die sich bei ihnen, gestützt auf die internationalen Regelungen, geltend gemacht haben, zu b e- freien. Dann wird es darauf ankommen, die Handhabung dieser ungeheuer wichtigen Wirtschaftsinstrumente im Interesse der Ge< samtheit durch die entsprechende Festigung des Reichseinsluises unter Demokratisierung ihrer Verwaltungen zu sichern Für olle diese Frooen der weiteren Auswirkungen des Ab- kommens von Lausanne ist ein entscheidender Faktor in Deutschland d i e W a h l v o m Zl. J u l i Rur w-nn e* gelingt, an diesem Tage den Gräften der Reor»jon und des Tla'ipnolismus durch den Ausstand der Wähler einen schweren Schlag zuzufügen und die Bahn sreizu- machen für eine oernuvstige deutsch? Avsbaupolitik im internationalen Rahmen, nur dann wird ij> absehbarer Zeit die deutsch? Wirt- schast aus dem Abkommen von Lausanne r-n'en k�-ml-n. anz des Ausfuhrüberschuß im ersten Halbjahr 540 Millionen Mark. Im deutschen Außenhandel ist im Juni keine wesentliche Ver» änderung gegenüber dem Vormonat eingetreten. Der seit Oktober vorigen Jahres andauernde Rückgang der Ausfuhr scheint endlich zu Ende zu sein. Die Ausfuhr hat sich gegenüber Mai etwas erhöht, wozu zu bemerken ist. daß in früheren Jahren regelmäßig im Juni ein saisonbedingter Rückgang der Aussuhr fest- zustellen war. Man wird diese auffällige Erscheinung ober kaum als günstiges Zeichen ansehen dürfen: wahrscheinlich beruht sie auf der Unregelmäßigkeit der Außenhandelsbeziebungen. die durch die Absperrmaßnahmcn in den letzten Monaten herbeigeführt wurde. Außenhandel im Zum(in Millionen Marks Da ober auch die Einfuhr vom Mai bis Juni von auf Mill. Mark gestiegen ist, zeigt die Handelsbilanz im Juni einen etwas geringeren Ausfuhr Überschuh von 79 Mill. Mark als im Mai(37 Mill. Marks. Rechnet man die Reparations- l i c f e r u n g e n— im Mai für 9,9, im Juni für 19,3 Mill. Mark— hinein, so stellt sieh der Ausfuhrüberschuß im Juni auf 9(1(im Mai 96) Mill. Mark. Die Ausfuhr hat sich von 433 Mill. Mark im Mai auf 444 Mill. Mark im Juni erhöht. Auch hier ist Steigerung mengenmäßig(um 5 Proz.s stärker als wertmäßig(um l,K Proz.), weil die Durchschnittspreise bei der Aussuhr um 3 bis 3,6 Proz. gesunken sind. Der größte Teil der Aussuhrsteigerung entfällt aus die F e r t i g w a r c n a» s f u h r, die sich von 35l auf 36b Mill. Mark erhöhte Im Juni vorigen Jahres betrug die Fertigwarenousfuhr»och 666 Mill., im Monatsdurchschnitt des Jahres 1931 616 Mill., des Jahres 1939 sogar 763 Mill. Mark. Unter den Fertigwaren hat zugenommen vor allem die Aus- fuhr von Werkreuqmaschinen und von Blech und Draht, a b g e- n o m m e n die Ausfuhr von Textilien, Forben und Lacken. Außenhondelszissern Fonuar bis Funi(in Millionen Marks. Im ersten Halbjahr 19 3 2 ist sowohl die Einfuhr w>e die Ausfuhr gegenüber dem Vorjahre um mehr a l s 3 7 P r o z. zurückgegangen. Die Einfuhr sank von 3596 auf 2337 Mill. Mark, die Ausfuhr von 4618 aus 2927 Mill. Mark. Mengenmäßig zeigt sich ober ein starker Unterschied in der Entwick- lung. weil die Preise sehr ungleichmäßig gesunken sind. Nach den Ermittlungen des Statistischen Reichsomts sanken die Einsuhrpreise durchschnittlich um 26 Proz.. die Ausfuhrpreise aber nur um 16.6 Proz. Daraus folgt, daß die Einsuhr ihrem Umfange noch nur um 16 Proz., die Ausfuhr aber dem Umfange nach um 26 Proz. zurückgegangen ist. Der Ausfuhrüberschuß ist von 712 M'll. Mark im ersten Halbjahr 1931 aus 549 Mill. Mark im Jahre 1932 zurückgegangen. Rechnet man die Rep oratio ns-Sachlieserungen hmein, so zeigt sich ein Rückgang von 962 aus 692 Mill. Mark. Unsere zweite Tabelle zeigt die starke Schrumpsung im Umsange des deutschen Außenhandels, die der stets schlechter gewordenen Be- schästigung der deutschen Gesamtwirtschast entspricht. Da aber etwa ein Drittel der deutschen Industrie heute sür die 2lusfuhr arbeitet, da wir notwendig jede Devise zur Begleichung unserer Ver- pflichtungen ans Ausland brauchen, sollte, die beste handelspolitische Behandlung unserer Kunden für jede Regieruna eine S c l b st v e r- st ä n d l i ch k e i t sein! Das Gegenteil geschieht aber! Wir müssen die Regierung Papen am 31. Zuli stürzen, wenn die Exportindustrie wieder mehr Leute beschäftigen soll. Oer Llnfug der Margarmesteuer. Ein Beschluß der niederrheinischen Handelskammern. Der Steuerausschuß de» Zwecknerbandes der nieder- rheinischen Handelskammern wendet sich in anberordent- lich nachdrücklicher Weise gegen den auch von uns rückhaltlos bekämpften Plan, zugunsten des Buticrabsatzcs die Margarine durch eine Steuer zu versteuern In der Entschließung heißt es: „Eine Verteuerung der Wargarine würde angesichts der geschwächten koustraft gerade der INargarine verbrauchenden Beufilfe- j rung keinen erhöhten Buttervcrbrauch herbeiführen, sondern lediglich den Verbrauch von Kpeijesrttcn zum Schaden der volksgcsundhcit vermindern. Jede Drosselung des Wargarineverbrauchs führt zwangsweise zu einem Winderanfall von Oetkuchen und damit zur Verteuerung des gerade für die landwirtschaftliche veredlungswirtschaft unentbehrlichen Futtermittels. Der Steuerausschuß des Zweckvcrbondes lehn» deshalb eine Sonderfleuer auf Margarine mit aller Entschiedenheit ab und warnt angesichts der Notlage weiter Volkskreife vor Maßnahmen, die nur schwere Schädigungen aller Beteiligten im Gefolge haben können." Endlich Nordwolle-Neugründungen. Nach den Beschlüssen des Giäubigerausschusses werden die Wollgarnfabrik Tittel u. Krüger, Leipzig, und die Sternmoll- spinnerci Altona-Bahrenfcld in eine Gesellschaft, die Werke in Delmenhorst, Eisenach und Mühlhausen in eine zweite Gesellschaft eingebracht. Diese Regelung war erst möglich, nachdem die Bremer Sparkasse gegen Zahlung von 2,l2 Mill. Mark auf ihre Forderung, die durch eine Grundschuld auf das Werk Dclmen- Horst gesichert war, verzichtete. Die Aktie» der beiden Gesellschaften kommen in die Konkursmasse der Nordwolle. Wenn auch beide Gesellschaften im Betrieb und Verkauf völlig selbständig sein werden, so ist doch vorgesehen, daß die A u f s i ch t s r ä t e beider Gesellschaste» aus denselben Leuten bestehen. Den Vorsitz wird in beiden Aufsichtsräten Schmidt-Brandcn(früher Dresdner Bank, Berlin) führen. Es ist auch wohl an eine gewisse Personal- union in den Vorständen gedacht. Weiter dürfte die Erhaltung der Hamburger Wall- kämmerei gesichert sein. Sie soll in eine neue Aktiengesellschaft mit einem Kapital van 2 Mill. Mark eingebracht werden. Das Kapital, von dem 1,6 Mill. Mark Aktien in die Nordwolle-Konkurs- mafse fallen, wird von den Wollkämmereien Blumcnthal, Döhren und Leipzig übernommen. 8eköns��i6�2skno schon nach einmalig. Putzen mit der herrl erfrisch, schmeckenden„Chwrodont« Zahnpaste", schreibt uns ein Raucher. Tube öä Ps. uns 80 Pj. $äimwa.ller und&merwaller Sin Seemannsgarn/ Don S. Stichards Im Dezember war die„Brigantine" von Greenough nach Java unterwegs Sie hatte den Bauch voll Kohlen und sommer- liche chitze stand übet Deck. Sechs Tage ging alles klar. Wir segel- t«n im Südostpassot und lagen bei Sonnenuntergang dwors zum Nordwestkap an der australischen Küste. Die Sonne versank ins Meer und färbte die schroffe Silhouette der fernen Küste purpur- violett. Dann erstarb alles: der Wind und das Meer. Die Nacht brach auf. Im kalten Feuer der Gestirne leuchtete das Kreuz des Südens über uns. Wir hatten chundswache und saßen beim Grog in der Messe. Kuddel Hestermann erzählte:„Das waren Zeiten, damals, als die„Glenora" nach Hawai fuhr! Waren mit Wolle unterwegs und logen gut vorm Winde. Fahrt machte der Eimer. Die Masten knirschten und stöhnten im harten Druck der Leinwand. Ein gutes Kommando, sage ich euch. Zwei Reffs im Großsegel und der Alte fuhr: genug für zehn Meilen Fahrt. Wie der Käp'tn, so der Steuermann. Was soll ich sagen? Ein Kerl wie ein Rad, wendig, pfiffig, zu allen dreihundertsechzig Strichen der Kompaß- rose wußte er einen besonderen Fluch. Oha!" Kuddel holte tief und genußsüchtig Luft bei dieser Erinnerung, verschnaufte ein wenig und rief den Jungen:„che, Jonny! Gib die Kanne her! Wie gesagt, nach chawai ging die Reise. Frischwasser hatten wir genug und Fidschiland war passiert. Als die Phönixinseln sich aus dem Glase verloren, kam ein Windchen auf. Der Alte schmunzelte, ließ Reffs schlagen, die„Glenora" legte sich hart über und stürmte wie ein scheues Rotz durch die See. Die Gischt der Bugwelle stand bis zur Gallionsfigur hinauf. Der Wind wurde immer heftiger, an Deck rasierte er alles ab, was dämliche Deck- gucker nicht geborgen hatten. Das Barometer fiel auf Sturm! Der Steuermann übernahm die Wache, fluchte, lacht« und ließ endlich Manöver pfeifen. Wir stiegen in die Wanten, um die Leinwand zu bergen. Der Kapitän erschien an Deck. „Verdammte Kakerlaken... Was macht ihr da in den Tauen...?" Augenblicklich stoppten wir die Arbeit und sahen zum Steuermann hinunter. '„Kap'tain, das Barometer fällt, die Segel müssen geborgen werden. Werden mindestens drei Strich aus dem Kurs ge- drückt...!" Ter Alte sah auf den Kompaß, schluckte und brüllte los:„Lassen Sie sich Ihr Lehrgeld wiedergeben, wenn Sie die Brigg bei solcher Brise nicht im Kurs halten können, Sie Stint- Pfeifer, Sie...! Ich halte das Schiff mit den Reffs, und wenn des Teufels Großmutter' die Winde achtern abließ..." D6r Steuermann war leichenblaß, fluchte wie ein Besenbinder leise vor sich hin, ging ans Ruder, korrigierte oie Fahrt und verschwand unter der Hütte. Der Bootsmann pfiff die Segelmanöver zurück. Der Alte band sich an der Schanzreeling fest, und dann sauste der Pott haushoch hinein in den Strudel der ersten Boe. Es heulte und pfiff, knackte und krachte, als wollte die„Glenora" aus den Fugen gehini, aber sie hielt aus. Nach der ersten Boe braßten w't die Se�el um, fierten nach Backbord los und verschwanden eilig unter Deck. Drei Tage hielten wir Kurs im Sturm. Der Steuer- mann hatte sich abgefunden und dreht das Schiff in den Wind, daß es'ne Lust war., Der Alte schien versöhnt, sie gingen abwechselnd Wache. Am vierten Tag ließ das Wetter noch, der Himmel brach auf, und mir schwojten durch die See wie ein Schaukelpferd.-- Die„Glenora" wurde uberholt. Weder Tuch noch Takelwerk hatten wir verloren. Der Bootsmann ging mit dem Peilstock in den Decks herum. Je mehr er nach Mittschiffs kam, um so mehr verfinsterte sich sein Gesicht. Er peilte und peilte— triefnaß kam der-Poilstock nach oben. Der Maat rannte achteraus. „Kap'tain... Wasser im Schiff...!" Der Alte rasierte sich gerade, als ihn der Maat anrief. Er sah kaum auf und antwortete auf die bang« Meldung:„Sind Sie Bettnässer geworden, Maat?" Der Bootsmann war baff und kramte in seinem Hirn nach einer passenden Antwort.„Mein Schiff hält dicht, bis ich selbst leck werde. Und vorläufig", er schlug sich lachend auf sein rundes Bäuchlein, „ist der alte Kanister da noch bannig leer und dicht? Verstan- den...?" Der Bootsman» blieb bei seiner Meldung, Zweihundert Meilen östlich von Palmira stieg das Wasser mit jeder Stunde. Die„Glenora" mar leckgesprungcn. Als wir drei Fuß Wasser im Schiff hatten, gingen wir an die Pumpen. Alle Wachen blieben an Deck und pumpten: Stunde um Stunde. Am Tage und in der Nacht. Wir pumpten immerzu. Zu ollem Pech wunde das Wetter diesig, die See begann zu rollen, schwere Brecher füllten oben ins Schiff, was von unten her nicht schnell genug hineinlausen konnte. -- Wir pumpten! Das Wasser schoß aus den Speigattcn. So sehr wir auch pumpten, das Schiff lief voll. Vergeblich hatte der Zimmermann das Leck gesucht.--„Gib die Kanne her, Jonny...!" Kuddel trank einen würdigen Schluck auf diesee Ereignis und erzählte weiter. Bei der aufregenden Fahrt der„Glenora" leerte sich die Grogkanne bedenklich, jeder pumpte natürlich mit, so gut er eben konnte! Der Decksjunge rutschte vor Aufregung aus der Bank hin und her. Er machte seine erste Reise, am Zlequator wollten wir ihn taufen. Aufgeregt hielt er den Steert achtern über die Bank, daß es aussah, al» wollte er jeden Augenblick vom Stapel kaufen!—— „Alle Mann pumpten bis zum Umfallen, sage ich euch.?luch der Kap'tain half mit. Wir pumpten das Wasser aus dem Schiff unid er-- den Rum!„Js man nun doch alles schietiger Ballast", sagte er beim dritten Kanister.-- Sieben Tage ist das so gegangen mit dem Pumpen. Dann hatten wir genug. Gegen den Durst der„Glenora" war nicht auf- zukommen. Ich glaube, sie hatte Wassersucht." Kuddel sah traurig und schweigsam in die leere Schale:„So'n Durst!... n«, so'n Durst...!-- Na, gib die Kanne her, Jonny!" Der Jung« schreckte auf und holte die Kanne vom Haken. Als Kuddel getrunken hatte und schwieg, wagte er mit gespannter Vorsicht zu fragen:„Na und...?" Kuddel Hestermann setzte die Schale ab, spuckte knallig in die Spanten:„Na und...? Du Döskopp! Na ja— abgesoffen sind wir. Richtig abgesoffen, weiter nischt. Wassersucht steckt nämlich an, du Greenhorn! Und gut, daß die Rumkanister leer waren, damit sind wir an Land geschwommen." „An Land...? Zweihundert Meilen an Land? Na, mach' uns das mal vor. Kuddel!" Entrüstet sah die ganze Bande auf den Jonmaat. Kriddel wurde nicht einen Augenblick verlegen. „Guckt euch die Teichsischer an.., wie die Bescheid wissen? Natürlich sind wir geschwommen. Ganz klar und im großen Boot noch dazu. Hein— nicht...?" Der Angerufene war eingenickt und schreckt« bei dieser Frage auf.' Unwillig wandte er sich gegen die Störung und murmelte schlaftrunken:„... werde!" Dann fiel er polternd unter die Back „Na also... gib die Kanne her! Schade um die Brigg, hundert Jahr« hätte st« noch leben können!" Der Grog war alle. Jonny stieg in die Last hinunter. Die Schiffsglocke hatte längst sechs Glasen angesagt. Wir saßen um die Back und staunten über das tragische Ende der schmucken „Glenora". Plötzlich tauchte der Wuschelkopf des Jungen in oer Luke auf.„Hein, Sandy, Kuddel...?" Cr zitterte am ganzen Leib«.„Dummer B«ngel, was ist los?" Der Junge riß sich zu- sammen.„W— a— s— s— e— r im Schiff...1" Ein Schauer lief uns allen den Rücken hinunter, wir dachten an das Schicksal der „Glenora". „Wo...?"--- „Da unten gluckst es, ich habe es deutlich im Zwischendeck ge- hört!" Wir griffen zur Laterne und stiegen den Nieoergang hin» ab. Nichts war zu sehen. Wir legten uns an Deck und horchten. Richtig, das war Wassergeräusch:„Gluck.. gluck... ooorch... gluck.. gluck.. oooorch!" Ohne Zweifel, die„Brigantine" nahm Wasser. Vorsichtig tappten wir den Gang noch Mittschiffs zu, fühlten, schnupperten und horchten. Nichts war zu hören, als das Glucksen und Gluckern des einströmenden Wassere. Das Leck mußte gefunden werden. Je tiefer wir ins Leck iinabftiegen, desto stärker ward da» Woisergeräusch, es gluckste urd schnurchelte, als wenn sämtliche Ratten einen Rausch verschliefer. Wir drangen immer weiter vor. Die Lampe flackerte in der dumpfen Luft. Aus der Tiefe klang das Gurgeln. Der Steuermann wurde gerufen. Wir suchten und suchten. Im Mittschisssgang mußte das Leck sein. Klar und un- zweideutig tönte das Schnurcheln aus dem Räume. Wir drängten nach vorn und suchten eifrig umher Kein Wasser— aber das Geräusch klang laut und deutlich:.Gluck.. gluck... ooorch... gluck... gluck... oooorch.. oooorch..!" In sämtlichen Spant- winkeln suchten wir das Leck. Da— was war das..? Der Steuermann sprang zu.— Ein Mensch...! Der Schiffszimmermann!-- Den Kopf tief in die Spanten gedruckt, mit dem Gesicht nach unten, so log er trunken in einer dunklen Brühe brackigen Leckwassers und schlief. Kuddel drehte das Gesicht nach oben. Das Gurgeln und Gluckern hörte sofort auf. Mit gewaltigen Atemzügen hatte der Zimmermann seinen Rausch im Leckwasier des Zwischendecks ausgeschnarcht! Das schnurchelte und dröhnte, als hätte die„Brigantine" den Indischen Ozean im Bauche. Kuddel schüttelte den Zimmermann:„Transäufer, steh' auf, versäufst doch in der Brühe..." Die Glocke schlug acht Glasen. „Los, hoch. S' ist Mitternacht!" Der Zimmermann machte die Augen auf und stierte blöd' in die Laterne:„W— a— a— a— s... Mitternacht?... Na, denn Prost, Whisky..!' Er fiel wieder zwischen die Spanten und schnurchelte, daß es'ns Lust war! Aber die„Brigantine"— die war gerettet.— Met!-- ZBerunger Su fernem fünfundfiebmigflen Todestag/ Don 9£ermann Wendel Der Ruhm, dessen sich Pierre-Iean de Böranger zu Lebzeiten erfreute, machte keineswegs an den Grenzen Frankreichs halt. Auch in Deutschland jubelte man dem Sänger zu. der seine Couplets wie Pfeile gegen das Regime der Restauration hatte schwirren lassen. Börne nannte ihn„die Nachtigall mit der Adler- klaue", Herwegh entbot ihm seinen poetischen Gruß: Ein Schwert mit Rosen wollen wir ihm bringen, Ein Schwert mit Rosen meinem Beranger! Und selbst Goethe, dem sonst politische Lyrik auf die Nerven fiel, war von dem Witz, dem Geist und der Ironie wie von der Herzlichkeit, der Naivität und der Grazie in den Strophen des Franzosen über die Maßen entzückt: feine Lieder erschienen ihm schlechthin vollkommen und„das Beste in ihrer Art". In seinem eigenen Vaterland vollends wurde Böranger vergöttert und überflügelte an wahrer Volkstümlichkeit alle Dichter vor ihm und nach ihm: kein Lob war zu verstiegen, um nicht dem„französischen Horaz". wie Thiers ihn hieß, gespendet zu werden. Als er, der Poet der Freiheit, in einer neuen Eoche der Unfreiheit, unter dem zweiten Kaiserreich, am 1(5. Juli 1857 fast siebenundsiebzigjährig starb, geleitete das Regime seinen Sarg mit ganzen Regimentern zu Grabe, weil es einen Ausbruch der Volksleidenschaft fürchtete. Dann freilich kam ein Rückschlag: sein Lorbeer wurde Blatt um Blatt Zerpflückt, und haften blieb das böse Wort der Gebrüder G o n- c o u r t. das dos unleugbar Platte und Flache, Banale und Pfahl- bürgerliche in B�rangers Weltanschauung treffen sollte: der „Anacreon der Nationalgard e". Sicher verrieten die Chansons, mit denen Beranger unter Napoleon I. sich und feine Freunde vergnügte, keine besondere philosophische Tiefe. In leichten, gefälligen Versen, bestimmt, in fröhlicher Runde zu erklingen, predigten st« die Borzüge von Wein, Weib und Gesang: Ich fand an Republik Gefallen, Seit soviel Fürsten ich gesehn: Jetzt stift' ich«ine und vor allen Gesetzen sollen vier bestehn. Eins: Grenzen sind der Tisch, Nicht weiter: Daß Trinken Bürgerpflicht, ist zwei: Drei: jedes Urteil fällt man heiter Und vier: die Losung heiße: Frei! Aber sein Herz erklühte nicht nur für eine solche Schloroffen- Republik: seine Vaterlandsliebe, die die stärkste Saite auf seiner Leier war, sträubte sich gegen die Bourbonen, die 1814 und 1815 im Trotz der Landesfeinde nach Frankreich zurückgekommen waren, und da mit ihnen ein junkerlich und pfäffisch Regiment anhub, als sei nie eine Bastille erstürmt worden, begann er im Namen der politischen Freiheit mit treffsicheren, lustigen Chanson» seinen Kleinkrieg gegen die Dynastie und ihre Handlanger. Aristokraten und Jesuiten, Minister und Abgeordnete, Zensoren und Spitzel gab seine erlesene Reimkunst unehrbietigem Gelächter preis: hunderttausendiältig trällerte das Volk die kecken Refrains gegen die Gewalthaber einer vorgestrigen Welt und nahm auch die ernsten Strophen auf, die dem Weltfrieden, der Heiligen Allianz der Völker galten: Hellenen, Russen, Italiener, Briten, Erwacht, e» naht die große Stunde nun! Ihr Söhne Deutschland» habt genug gestritten, Und ihr, Franzosen, laßt die Schwerter ruhn! Ihr olle blutet aus derselben Wunde! Zerbrecht die dumpfe Kette, die euch bannt' Schließt eure Reihn zum großen Völkerbunde! Reicht euch die Bruderhand! So sehr sich die Masse für Berangers Lieder begeisterte, so schmerzlich empfand das Restaurationsregime jeden seiner Verse als Widerhaken im Fleisch. Es schleppte den Poeten vor Strafkammer und Schwurgericht, drei Monate Gefängnis, neun Monate Kerker, aber seine helle, unverzagte Stimme war nicht zu ersticken, und als im Juli 1 8 3 st das Pariser Volk in dreitägiger Straßenschlacht seinen sozusagen angestammten Monarchen zum Teufel jagte und auf den Barrikaden die Trikolore hißte, durfte sich der Dichter des „Marquis von Carabas" sagen, daß dieser Sieg auch sein Werk krönte. Aber obwohl Republikaner von Gesinnung, legte sich B e r a n- g e r für Ludwig Philipp ins Zeug, weil Frankreich für die Republik noch nicht reif fei, und auch al» die Februarrevolution von 1848 den Thron des„Bübgerkönigs" umgestürzt hatte, bewegten ihn Zweifel, ob das Land nicht vorzeitig zur Republik komme. Die revolutionäre Ungeduld, die nie früh genug ans Ziel gelangt, war dem schwächlichen, kurzsichtigen, kahlköpfigen, stets in strenges Schwarz gekleideten Herrn ganz fremd: wie er bedachtsam und de- hutsam einen Fuß vor den andern setzte, erwartete er es auch von der politischen Entwicklung. Hinwiederum blieb er der Sache der Voltsmasse, au» deren Tiefen er aufgestiegen war, zugetan genug, um zu erkennen, daß der Wechsel politischer Formen für die Elenden und Enterbten nicht allzuviel bedeutet«. So stahlen sich nach der Julirevolution kräftige sozial« Klänge in seine Poesie ein: er besang die Schmuggler, das Weib des gefangenen Wilddiebs, den wegen rückständiger Steuern ausgepfändeten Bauern, und den fter- benden Vagabunden, der mit der Frage: Hat denn der Arme auch ein Vaterland? einen Satz des Kommunistischen Manifestes vor- wegnimmt, ließ er seinen Fluch ausstoßen: Lehrt mich ein Handwerk, gebt mir Arbeit: Mein Brot oerdienen will ich ja— Geh betteln! hieß es. Arbeit? Arbeit? Die ist für alle Welt nicht da. Arbeite! schrien mich an, die schmausten, Und warfen mir die Knochen zu... Ja, er hielt enge Freundschaft mit Lamennais, dem Borkämpfer des religiösen Sozialismus, verteidigte in einem Lied die Utopisten Saint-Simon, Fourier und E n f a n t i n gegen den spieß- bürgerlichen Vorwurf, Narren zu sein, und gestand in einem Brief an Rouget de Lisle vom Januar 1832:„Me Welt sagt mir, daß ich Saint-Simonist sei. Schließlich glaub« ich es selbst... Wahr daran ist, daß ich als alterFeind unserer Gesellschasts- ordnung eine Neigung zu oll den Neuerungen dieser Art habe": auch später verleugnete er seinen freilich etwas gedämpften Glauben an den Sozialismus nicht. Wie das-Chanson, das leichte Lied mit dem lustigen Kehrreim, zwar mit Beranger feinen Höhepunkt erreichte, aber nicht mit ihm zur Welt kam, so starb es auch nicht mit ihm aus: von Pierre D u p o n t bis Aristide B r u a n t suchten nicht wenige französische Poeten seine Ueberlieferung fortzusetzen. Auch ein deutsches Chanson gibt«», zumal in unseren Tagen: wenn sie auch weit schneidendexe politische und soziale Töne anschlagen, stehen doch die Kurt Tu» cholsky und Walter Mehring im Schatten Berangers. Nur gedeiht dieses Gewächs auf unserem Boden schlecht. Nicht allein das heiterere Temperament, sondern vor allem auch die Politisierung des französischen Volks feit der großen Revolution schuf die Vor- bedingungen, daß dem Chanson Berangers nicht das Kabarett, sondern die Straße gehörte. Den Deutschen aber machte seine Geschichte zum stummen Sklaven ohne jeden politischen Instinkt, und so ist es nur eine Zuspitzung, keine Uebertreibung, zu sagen: ein Stück von Deutschland« Tragik offenbart sich darin, daß wir keinen Beranger hatten und haben konnten! - 0 •Deutfche SosBialiflen Theodor Schuster. Aus den„Gedanken eines Republikaners", Paris 1835: O, ihr Kleingläubigen! lest in dem Buche der Natur, welches geöffnet daliegt vor jedem lebendigen Auge: steigt hinab in die Tiefe eures Herzens— und wenn nicht euer letzter Nerv gelähmt, eure letzte Ader ausgetrocknet ist durch den Pesthauch der umgeben- den Verwesung, so werdet ihr erröten über eure Zweifel!— Seht ihr die Tiere des Waldes nebeneinander friedlich weiden? Sie olle sättigen sich, sie alle schirmen sich wider den Brand der Sonne und den Eiseshauch der Nacht, sie alle ziehen sich Abends zurück in ihre Lager, unter ihre wärmenden Höhlen. Wenn aber kein Tier sein Mitgenoß hungern heißt, um sich doppelt zu sättigen, wenn kein Tier seinem Mitgenoß die Bekleidung entreiht, um sich zweifach zu kleiden, wenn kein Tier sein Mitgenoß aus dessen Wohnung verdrängt, um hier und dort zu wohnen— wie wollt i h r solches leiden von euern Mitmenschen, und wie solches antun euern Mitbrüdern? Steht ihr tiefer in der Stufenfolge der Wesen, als das Tier des Waldes? Steht jemand über euch in der Stufenfolge der Wesen, über euch Menschen? Ja! menschlich ist unsere Natur, und aus dieser mensch- lichen Natur fließen unsere Rechte. Jeder von uns hat ein Recht, sich zu sättigen, denn die Natur erteilte ihm Hunger: jeder hat ein Recht zu wohnen, sich zu kleiden, denn die Natur ließ ihn empfind- lich sein für Feuchtigkeit und Trocknis, für Hitze und Frost. Jeder hat ein Recht, eine treue Gefährtin zu umarmen, denn die Natur begabte ihn mit den feurigen Gefühlen der Gattenliebe: jeder ein Recht, seine Sitten zu läutern, seine Denkkrast zu entwickeln, denn die Natur verlieh ihm ein richtendes Gewissen und segnete ihn mit dem Wissensdrang eines forfchungskräftigsn Geistes: jeder ein Recht zur Freiheit, denn die Natur schenkte ihm einen selbständigen Willen: jeder ein Recht zur Gleichheit, denn die Natur schuf alle Menschen gleich, und der Zorn des Schöpfers sucht in seinem Ge- wissen und dem Fluch seiner Mitwesen den Frevler heim, welcher die sündige Hand legt an die geweihten Rechte seines Bruders.