BERLIN Dienstag 26. Juli 1932 S 169 49. Jahrgang Redaltion u. Expedition: Berlin SW KT. Lindenstr.Z Tel. A7 Dönhoff 292—297 Erscheint täglich außer Sonntags Zugleich Abendausgabe des„Vorwärts". Bezugspreis filrbeideAusgabe»7SPf. pro Woche, 3,25 M. pro Sllonot(davon 87 Pf. monatlich für Zustellung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 3,»7 M. einschließlich 60 Vf- Vostzeitungs. und 72 Pf. Postbestellgebühren. Anzeigenpreis: Die Ifplt. Mira. meterzeile 30 Pf. Die ReNamezeil« lostet 2 Marl. Rabatte n. Tarif. sschs Tage uorgescnmacK vom Drillen Reich! Aniworiei am 31. Jim: uste i Der Belagerungszustand ist ab 12 Uhr mittags aufgehoben. Tie Verordnung des Reichspräsidenten darüber lautet: „Auf Grund des Artikels 48 der Reichsver- fafsung verordne ich: Die Verordnung betreffend die Wiederherstellung der öffentlichen«ichcrhcit und Ordnung in Groß-Berlin und Provinz Brandenburg vom 20. Juli 1SZ2(Rcichsgesetzblatt 1«.»77) wird mit Wirkung vom 2 6. Juli 193 2. 12 Uhr mittags aufgehoben. Tic auf Grund dieser Verordnung durch den Inhaber der vollziehenden Ge- walt ausgesprochenen Verbote periodischer Druckschriften werden hierdurch nicht b c- rührt. Neudcck und Berlin, den 26. Juli 1932. Ter Reichspräsident gez. von Hindenburg. Der Reichskanzler gez. von Papen. Der Reichsminister des Innern gez. Frhr. von Gahl. Ter Reichswehrminister gez. von Schleicher. * Nachdem die militärische Eroberung Preußens ebenso glücklich wie glorreich beendet ist, hat das Reichskabinett folgerichtig den Belagerungszustand wieder aufgehoben. Berlin und Brandenburg stehen somit ab heute mittag 12 Uhr nicht mehr unter dem Kommando des General von Rund- st e d t, sondern nur noch unter dem Regime des Oberbürger- Meisters Bracht und jener Notverordnungen, auf Grund derer der„Vorwärts" schon lange vor dem Belagerungs- zustand verboten worden war. Die sechs Tage Belagerungszustand vom 20. bis 26. Juli 1932 werden für alle Zeiten unvergessen bleiben. Die Ueber- raschungseffekte des Mittwoch mit militärischen Aufmärschen gegen mißliebige Minister, die darauf folgenden Zeitungs- verböte, Verhaftungen, Haussuchungen werden ein ansehn- liches Kapitel der deutschen Geschichte füllen— und dieses Kapitel wird wenig ehrenvoll für die Angreifer, desto ehren- voller aber für die Angegriffenen, die Sieger von morgen, sein! Es steht nun beim deutschen Volke, am 31. Juli unter dieses Kapitel einen kräftigen Schlußstrich zu ziehen. Kommen die Nazis zur Macht, dann waren die sechs Tage nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was noch kommen soll. Wir denken jedoch, daß dem deutschen Volk die Kostproben aus Popens Küche genügen werden, um ihm auf alle Zeiten den Geschmack am Dritten Reich zu verderben. So wird der Belagerungszustand zum Propagandamittel für uns! Das Militär zieht ab. Der Abschied von der Wilhelmstraße. Die Aufhebung des Ausnahmezustandes trat um 1 Uhr mittags sichtbar in Erscheinung. Vor dem Reichspräsidentenpolais in der Wilhclmstraße fuhren zwei Lastautos mit Reichswehr- I o l d a t e n vor, die nun aus dem Palais allerhand Waffen, gefüllte Säcke usw. herausholten, aus die Wagen verluden Sie fuhren da- mit ab, nachdem die Zivilangestellten des Präsidentenpalais die Ab- schiedsgrüße mit Verbeugungen erwidert hatten. Reichsbannerbundeszeiiung erscheint wieder. Der 4. Strafsenat des Reichsgerichts hat in seiner heutigen Der- Handlung über die Beschwerde der Schristleitung der Bundeszeitung „Das Reichsbanner" entschieden, daß der Beschwerde nicht stattgegeben werden kann, hat jedoch die Verbotsfrist bis auf Donnerstag, den 2 8. Juli, begrenzt, so daß die nächste Nummer der Bundeszeitung„Das Reichsbanner" am kom- wenden Sonnabend wieder erscheinen kann. Ordnung in Preußen? Hiilerbanden pfeifen auf Gesetz.- Schwerster Wahlierror in Gchleswig-Holstein 3n der Provinz Schleswig-Holstein äußert sich die Ruhe und Ordnung der Razis in ungewöhnlicher Weise. Seil Tagen durziehen die Ralionalsozialislen in große» Hausen die Straßen der Städte und Dörfer und pfeifen aus das Demonslrationsverbot. Versammlungen der Eisernen Front werden überfallen und unmöglich gemacht. Die Zahl der Zusammenstöße, ja selbst die Zissern der leichter und schwerer Verletzten werden kaum noch gezählt. Der Raziterror herrsch» auf der ganzen Linie. Zu wesentlichen Zusammenstößen kam es in den letzten Tagen in Elmshorn, wo die Razis in unverschämter Weise Flugblattverbreiler provozierten. wie die Bestien hausten die SA.-Leute in dem von einer sozialdemokratischen Mehrheit verwalteten Friedrichkoog f kreis Suder- Dithmarfchen) an der Rordseeküste. Am Montagabend sollte in Friedrichskoog eine Versammlung der Eisernen Front stallsinden mit der Spihenkandidalin für Schleswig-Holstein, Reichstagsabgeordnete Luise Schröder als Rednerin. Zm Versammlungslokal hatten sich hunderte von auswärtigen SA.- Leuten eingesunden in der bewußten Absich», die Versammlung gar nicht stattfinden zu lassen. Als die Rednerin erschien, begannen die Rationalsozialislen ein wüstes Geschrei. 3n Anbetracht des Terrors der Rolionalsoziolisten mußte die Rednerin ihre Fahrt sortsehen. Als sich das Auto mit der Ivenossin Schröder wieder in Bewegung setzte, wurde es mit Steinen beworfen und Schüsse darauf abgegeben. Sodann stürzten sich die auswärtigen SA.-Banden mit Pistolen, Dolchen und Totschlägern aus die orlansässigen Reichsbannerleute. Der Reichsbannerkamerad Zäger aus Friedrichskoog wurde von den Hitler-Mordbcsticn erstochen, mehrere andere Reichsbanncrkamcradcn schwer verletzt. Der Amtsvorsteher von Friedrichskoog teilt mit, daß nach seiner Ansicht die Versammlungssprengung von den Rationalsozialisten systematisch vorbereitet war. Der Gauoorstand des Reichsbanners hat an den Reichs- Präsidenten und Reichsinnenminister Protest- telegramme geschickt. Das Dritte ZUich. In Vraunfchweig wird Hausschuh bestrast. Braunschweig, 26. Juli. Die am Sonntag im Wohnblock Bebelhof verhafteten 84 Reichs- bannerleuie, die als Hausschutz gegen angekündigte nationalsoziali st ische U eberfälle herbeigerufen waren, wurden gestern vor das Schnellgericht gestellt. 59 Angeklagte wurden„wegen Teilnahme an einer unerlaubten Versammlung" zu drei Tagen Haft oder 15 Mark Geldstrafe ver- urteilt. ZTobert Breuer noch in Hast! Erst Schutzhast, dann polizeihast.— Wie die Hast künstlich verlängert wird! Heute mittag um 12 Uhr ist der Belagerungs- zustand außer Kraft getreten. Mit diesem Zeitpunkt ist automatisch die über den Genossen Robert Breuer verhängte Schutz hafthinweggefallcn. Trotz- dem ist Genosse Breuer nicht in Jrciheit ge- setzt worden! Die Polizei hat vielmehr Breuer unter dem Verdacht, daß er sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht habe, vorläufig fest- genommen und wird ihn jetzt dem Vcrnchmungs- richter zuführen. Dies hätte schon längst geschehen können, um so mehr, da während der Schutzhaft Zeugenvernehmun- gen durchgeführt worden sind. Wir protestieren auf das entschiedenste gegen diese Methode der Haftver- längerung gegenüber einem Manne, der lediglich das Opfer einer niederträchtig verlogenen Denunziation geworden ist! Die Rechtsbeiständc Breuers werden alle Schritte ergreifen, um seine Freilassung herbeizuführen. Oberreichsanwalt dementiert. Leipzig, 26. Zuli. Die Hochverratsanzeige gegen den Schriftsteller Robert Breuer ist beim Oberreichsanwall eingegangen. Der Oberreichsanwall hol daraufhin das Ermilllungsversahren eingeleitet. Ob dieses zur Eröffnung der Voruntersuchung führen wird, steht noch nicht fest. Meldungen, die davon wisse« wollen, daß der Oberreichsanwall bereits heule die Erössnung der Voruntersuchung durch den Unter- suchungsrichter des Reichsgerichts beantragen werde, entbehren jedenfalls der Grundlage. Or. Bracht regiert. Eine Anweisung an die neuen Männer. Dr. Bracht hat an alle Landespolizeibehörden folgenden Erlaß gerichtet:„Die einschränkenden Bestimmungen auf dem Gebiet der Vereins-, Versammlungs- und Pressepolizei sind erlassen worden, um die Aufrechterhaltung der öffentliche» Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten und dem vielfach zutage getretenen Mißbrauch politischer Rechte nachdrücklich entgegenzutreten. Sie dürfen aber keine Handhabe dazu bieten, die gesetzmäßige Betätigung der Staatsbürger zu verhindern oder einzuschränken, insbesondere die Wahlfreiheit zu beeinträchtigen. Sie stick» unparteiisch und gerecht anzuwenden; dazu gehört auch, daß jede kleinliche oder schikanöse Handhabung unterbleibt. Bestehen im Einzelfall Zweifel darüber, ob die Voraussetzungen für die Anordnung einer Beschränkung gegeben sind, so ist von der Maß- nähme abzusehen, gegebenenfalls Entscheidung des Re- gierungspräsidenten einzuholen. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte beaustragt gez. Dr. Bracht." Die Toten des Reichsbanners. �0 Blutopfer in 5 Wochen. Seit dem 14. Juni» dem Tage der Wiederzu- lassung der SA. und der Aufhebung des Uniform- Verbots sind an Mitgliedern des Reichsbanners von Rationalsozialisten getötet worden: Mudolf Marek» Chemnitz Ingenieur Fcucrhcrdt» Essen Heinrich Junge» Scnsbh Landarbeiter Bues» Tchuby Arbeiter Heincke» Hagenow Erdmann Tille» Klcttcndors Hermann Meschel» Trier Schlenghoff» Buer Joses Schreiber, Bunzlau Willi Rückcr» Dülmen. Außerdem find in dieser Zeit nach den bisher bei der Bundcslcitung des Reichsbanners vorliegenden Meldungen 72 Reichsbanncrkameraden schwer verletzt worden. Die Zahl der Leichtver- letzten geht in die Hunderte. Ebcnsogroß ist die Zahl der Fälle» in denen aus Grund der satzungsmäßigen Bestimmungen vom Bunde seinen Mitgliedern Rechtsschutz zu gewähren ist. SA. fährt nach Berlin. Als„technische Rothilfe". Aus Stettin und anderen pommerschen Orten sind gestern große Lastwagenkolonnen mit SA. abtransportiert worden. Den Leuten wurde gesagt, sie sollten in Berlin, wo der Ausbruch eines Gene- raistreik» drohe, als„Technische Nothilse" bereitgestellt werden. In Wirtlichteit scheint es sich jedoch nur um eine„Technische Not- hilse" für den bevorstehenden Berliner Hitlerrummel zu handeln. Man hat vielfach die Beobachtung machen müsse», daß Hitler nicht mehr recht zieht. Will man sich Ourch Kommandierungen au? der Provinz ein richtiges Bolksgedrange sichern?„Mehr Volk!" sagte schon Wilhelm II. Vielleicht erkundigt sich Herr Bracht danach, was seine braunen Schützlinge so stark nach Berlin zieht? Razi-paradies. Weitere Gehaltskürzung der Beamten und Angestellten in Mecklenburg-Gtreliß. R e u st r e l i tz. 2«. Juli. Die Mccklenburg-Strelitzer Staatsregiernng hat im Rahmen des in der letzten Landtagsvollsitzung verab- schicdeten Ermächtigungsgesetzes eine Verordnung erlassen» die eine weitere KchaltSkiirzung für die Staatsbeamten, Angestellten» Ruhrstands- und Witwcnbezllge bringt. Begründet wird diese Maßnahme mit dem erforderlichen Ausgleich des Staatshaushalts. Nach der Verordnung werden ab 1. August die Dienst- und Versorgungsbezüge der Staatsbeamten sowie der Staatsminister neben den bisherigen Kürzungen um weitere P r o z. herabgesetzt. Für Ledige und Kinderlose er- höht sich die.Kürzung auf 8 Proz. Der.Kürzung unter- liegen außerdem Wartegelder, Fürsorgebezüge» Ueber- gangsgeldcr» Ucbcrgangsgebührnisse» Ruhegehalts-, Witwen- und Waisengclder sowie.Kapita lab- findungcn, desgleichen die entsprechenden Bezüge der An- gestellten,.Kinderbeihilfen, AustvandScntschädigungen, .Kinderzulagen und Wohnungsbeihilfcn. Die Vcrsor- gungsbczüge der Polizeibcamten werden dagegen von der .Kürzung nicht betroffen. Diese Maßnahme ist bis zum !k1. März IvJIS vorgesehen. 3m Kampfe gegen Oiktaturgelüste. Die„Bolksfront" der christlichen Gewerkschastten. Die christlichen Gewerkschaften haben zur Abwehr von diktatorischen Gelüsten unter dem Namen „Volksfront" Abwehrgruppen gebildet. Ihre An- gehörigen tragen das nebenstehende Abzeichen, das aus den Buchstaben V und F zusammengesetzt ist. Ihr Gruß lautet„Frei Volk" mit emporgestrecktem Arm und drei Schwurfingcrn, die Antwort:„F r e i". Ihre Hundertschaften sollen Armbinde und blaue Schirmmütze mit Sturmriemen tragen. Das Abzeichen darf nicht mit Naziabzeichen verwechselt werden! In Rhetnland-Westfalen ist diese„Volksfront" zuerst in Erscheinung getreten, man kann ihre Abzeichen jetzt auch in Berlin sehen als Protest gegen faschistische Diktaturgelüste. Sturm auf Gewerkschastshaus Handgemenge im Treppenhaus- Polizei gegen Hauswache Breslau, 3li. Juli.(Eigenbericht.) In der Nacht zum Dienstag wurde in Hindenburg (Lberschles.) das Gewerkschastshaus von einer national- sozialistischen Horde in Stärke von etwa läv Mann gestürmt. Drei Reichsbannerleute wurden schwer verletzt. Die Nazis kamen auf dem Rückwege von einer Kundgebung an dem Gewerkschaftshaus vorbei, vor dem zwei Reichsbannerleute standen. Plötzlich stürzten sich die Hakenkreuzler auf die beiden Reichsbannerkameraden, drangen in das Haus ein und besetzten es bis zum dritten Stock. Arbeiter, die sich den Eindringlingen ent- gegenstellten, wurden niedergeschlagen. Die Polizei, die nach der Besetzung des Hauses erschien, durchsuchte mit dem Hakenkreuz- gesindel gemeinsam die im Hause anwesenden Reichsbanner- kameraden nach Waffen. ,�uhe und Ordnung." Ein Toter in Jülich.— Zahlreiche Berlehte. Düsseldorf, 26. Juli. Wie die Polizeipressestelle mitteilt, kam es in den Abendstunden des Montags an verschiedenen Stellen der Stadt zu Zusammen- stößen politischer Gegner. Bei einem Zusammenstoß siel auch ein Schuß. Polizeibeamte verhafteten mehrere Beteiligte und stellten einen Nationalsozialisten, der mit einer Schußwaffe angetroffen wurde und verdächtig ist, geschossen zu haben. Bei der Schlägerei wurden drei Nationalsozialisten und«in Angehöriger der Eisernen Front durch Messerstiche verletzt. Auch hier siel ein Schuß. Der Schütze konnte aber nicht ermittelt werden. Ueberall stellte die Polizei die Ordnung sofort wieder her. In Jülich kam es zu einer Schießerei zwischen National- sozialisten und Kommunisten, bei der etwa zwanzig Schüsse ge- wechselt wurden. Ein SA.-Mann wurde getätet. Im Wuppertal fand eine Messerstecherei zwischen Kommu- nisten und einer SA.-Klebskolonne statt, bei der drei Personen erheblich oerletzt wurden. SA. mordei in Köln. Linter Führung des berüchtigten Schlägers Fuchs. Köln, 26. Juli.(Eigenbericht.) In der Nacht zum Dienstag wurden auf dem Neumarkt in Köln acht junge Leute, die sich über politische Tagesfragen unterhielten, ohne jeden Anlaß von Nationalsozialisten angegriffen. Nach kurzem Wortwechsel siel ein Schuß, durch den ein junger Mann, der das Eiserne Front-Abzeichen trug, so schwer verlegt wurde, daß er nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus st a r b. Der Tat dringend verdächtig ist der Nationalsozialist Fuchs, der seinerzeit bei dem Ilcberfall in einem Kölner Hotel den Eeichslags- abgeordneten Otto Wels durch einen Kehlkopfschlag erheblich verletzt hatte. Fuchs wurde auf der Flucht nach dem Kölner Braunen Haus kurz nach der Tat verhaftet. Dies ist in Köln der fünfte politische Word innerhalb vier Wochen. Zusammenstöße in Koblenz. Koblenz, 26. Juli.(Eigenbericht.) In der vergangenen Nacht kam es zwischen uniformierten Nationalsozialisten und Andersgesinnten zu schweren Schläge- r e i e n. Ein Parteiloser wurde durch drei Stiche in den Kopf oer- letzt. Das Uebcrfallkommando säuberte die Straßenzüge. Beim Abrücken stieß die Polizei auf ankommende Trupps uniformierter Nazis. Die Polizei nahm die Nationalsozialisten fest. Es wurden zwei scharf geladene Trommelrevoloer, eine Pistole, zwei Totschläger und eine Stichwaffe gefunden. Hundertjährige Berlinerin. Die ihren 166. Geburtstag feiernde Berlinerin Emilie N e b c l u n g, Berlin-Dahlem, hat vom Oberbürgermeister sin Glückwunschschreiben erhalten. Auch das Bezirksamt Zehlendorf hat der Jubilarin ein Glückwunschschreiben zusammen mit einer Spende überreichen lassen. Wieder Todesopfer. Zahlreiche Schlägereien in der Nacht.- Brennende Litfaßsäulen. Die gestrigen Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Polizeibeamten in der Naunynskraße haben leider ein Todesopfer gefordert. Die 27 Jahre alte Frau Anna Landwehr aus der Naunynstr. 25, die, wie gemeldet, am Fenster von einer Polizei- kugel in den Kopf getroffen wurde, ist noch in der Nacht im llrban- krankenhaus ihrer schweren Verletzung erlegen. Der bei der Schießerei In der Senefeldcrstraßc schwerverletzte Kommunist Willi Koppe aus der Rückertstr. Z, der einen Lungenschuß erlitten hat. liegt sehr schwer danieder. In der Seneselder- st r a h c sollen noch zwei weitere Kommunisten Brust- und Bauchschüsse erlitten haben. Die Verlehlen sind offenbar von Ihren Partei- freunden sortgeschafst worden. Di« Naunynstraße war bis in sie späte Nacht hinein der Schauplatz wiederholter Zusaminenrottungen und Schießereien. Ein» mal wurde eine Polizeistreife aus dem Hause Naunynstr. 66 m i t Steinen beworfen, dabei erlitt ein Polizeibeamter Der- legungen an der rechten Hand. Die Schupo gab einig« Schreckschüsse ab, ohne jemand zu verletzen. Einig« Zeit später flammten in der Naunynstraße zwei Litfaßsäulen auf. Bei diese? Gelegen- heit soll vom Dach des Hauses Naunynstr. M abermals auf«ine Schupopatrouille geschossen worden sein. Eine Durchsuchung des Gebäudes nach dem vermeintlichen Schützen oerlief ergebnislos. In der G r o l m a n n st r a ß c in Charlottenburg wurde der Reichs- bannermann Hans R. aus der Mommjenstraße von mehre- ren S 31.- Leuten überfallen und mißhandelt. Die Täter flüchteten und entkamen. SA.-Leute gegen Kommunisten. Hitlers SA. lieferte den Kommunisten in der vergangenen Nacht fast in allen Stadlteilen Straßenschlachten. Es gab eine Reihe von Verletzten. Durch die erhöhte Wachsamkeit der Polizei gelang es, die Zusammenstöße meist im Keime zu ersticken, so oaß Schlimmstes rechtzeitig verhütet wurde. Die letzte Nacht hatte ferner einen regelrechten Rekord an ab- gebrannten Litfaßsäulen aufzuweisen. Nicht weniger als 14 Säulen wurden mit einer leicht brennbaren Flüssigkeit Übergossen und an- gezündek. In einigen Fällen wurden die Brandstifter beobachtet. Ihre Verfolgung durch Polizeibeamte war mehrfach erfolgreich. Die Brandstifter wurden der Politischen Polizei übergeben. In oem k o in m u n i st i s ch e n D c r k e h r s l o k a l in der Georgenkirch st raßc wurde der ,16 Jahre alte Kommunist Max B. aus der Georgenkirchstraße von seinen eigenen Partelgcnoss«» niedergeschlagen. Nachdem ihm noch einige Messerstiche in den Kopf beigebracht worden waren, warfen ihn seine Genossen auf die Straße hinaus, wo er später von der Polizei bewußtlos ausgefunden wurde. Die Täler sind bekannt und mit ihrer Festnahme ist zu rechnen. Insgesamt 420 Fsstnahmen. Die Bilanz der vergangenen Nacht sind 126 Festnahmen. Die Zahl verteilt sich ziemlich gleichmäßig auf Hakenkreuzler und K o m in u n i st e n. 96 Personen bleiben im Gewahrsam, ein großer Teil von ihnen wird dem Schnellgericht vorgeführt Krank II will nur Geld verdienen. Sagt ein Nazi-ReichStagskandidat. Die Belegschastsoorsammlung von M i x u. Genest hatte am Montagabend das Vergnügen, den nationalsozialistischen Berliner Betriebszellenobmann und Reichstagskandidaten für Potsdam II, Spangenberg, als Diskussionsredner zu erleben. Auf die immer wiederholte Frage des Referenten Kurt H einig, warum der Leibanwalt Hitlers, der nationalsozialistische Reichs- tagsabgeordnetc Frank II, den größten Wirtschaftsverbrecher Deutschlands, L a h u s c n, verteidige, erklärte er, daß er mit den Sozialdemokraten in der Beurteilung des Wirtschaftsführers Lahusen völlig einverstanden sei: der nationalsoziattstische Keichs- lagsabgeordnete und Rechtsanwalt Frank II Hobe die Verteidigung von Lahusen nur übemommen, weil er Geld verdienen wolle! So urteilt ein Nazi-Kandidat über den anderen. Ganze Familie getötet. Verbrechen im Blutrausch.— Selbstmord des Täters. N i m p t s ch(Niederschlesien), 26. Juli. Zn Groh-Ellguth hol sich eine furchtbare Bluttat ereignet. In den Morgenstunden wurde die freiwillige Feuerwehr alarmiert, es brannte beim Sattlermeisler Lindner. Als die wehr die Tür zur Wohnung gewaltsam öffnete, bot sich ihr ein entsetzlicher Anblick. Zn der Stube lagen mit furchtbaren hieb- und Stichwunden die Leichen der Frau des Satttcrmelsters und ihrer Tochter, einer Frau Alborn. Der große Wolfshund der Familie lag. ebenfalls erschlagen, vor dem Bette der Frau. Zm Nebenzimmer befand sich die achtzigjährige Pflegemutter Lindners, der mit einer Axt der Schädel gespalten worden war. Den Sattlermeister selbst fand man erst nach längerem Suchen, er Halle sich auf dem Boden erhängt. Schließlich wurde noch ein Sorb mit jungen Gänsen gesunden, die sämtlich getötet worden waren. Die grauenhafte Tal dürfte von dem Saltlermeister in einer Art L l u t r a u s ch begangen worden sein. Es scheint, daß eheliche Zerwürfnisse dabei eine Rolle gespielt haben. Dos Haus war an etwa zehn Stellen angezündet worden. »otsus zum Appell der Eisernen Front! Freitag, 19 Uhr, im Stadion Neukölln, an der Leinestraße Frauen erwachen Gute Vorzeichen für den Wahlkampf Der Bogen ist überspannt! Die Geschosse, die unsere Eiserne Front zerstören sollten, schnellen, wenigstens moralisch, zurück auf die Angreifer, Die Eiserne Front reißt weite Kreise mit, auch das Bürgertum, Wer noch nicht gleichgültig geworden für Verfassung, Republik, Demokratie fühlt das Bedürfnis, im Kampf gegen den Faschismus an dle Seite feines stärksten Gegners zu treten. Das beweisen auch die kleinen Vorkommnisse. Eine in der bürgerlichen Frauenbewegung sehr tätige und be> kannte Frau schickt mir heute aus dem Ferienaufenthalt eine Geld- spende für den Wahlkampf der SPD, mit dem ausdrücklichen Zusatz: „Ich muß meiner Empörung über die Berliner Vorkommnisse Ausdruck verleihen." Möge die gute Saat vielfältig aufgehen! Mögen Millionen Frauen, auch wenn sie nicht unseren Organisationen angehören, gleiche Gesinnung bekunden in der Erkenntnis, daß die Eiserne Front der starke unentbehrliche Schutz ist für Freiheit, Frieden, Frau» Familie! Die Nazis erklären, sie wollen nicht mit dem kalten Intellekt begriffen werden, sondern mit dem Gefühl. Nun, das Gefühl drängt in zunehmendem Maße Frauen dazu, sich dorthin zu stellen, w o Recht und Kultur gegen Unrecht und Barbarei kämpfen. Gefühlsmäßig müssen Frauen abrücken von den Blut- taten der senfbraunen Privatarmee des Braunauer Häuptlings, von der Hetze zu Bürgerkrieg und Aufrüstung. Sie müssen abrücken von jenem„neuen deutschen Volksstil", den eben erst Herr Goebbels so laut gepriesen hat. Die Kundgebungen des Stile sind Rache und Blut, Drohung mit Kerker und Folter. Seine neuen Volkslieder klingen aus in Endzeilen wie: oder Und wsnn's Iudenblut vom Messer spritzt, Dann geht's noch mal so gut Wenn die Handgranate kracht, Das Herz im Leibe lacht. Im„neuen Volksstil" werden harmlose Passanten überfallen, Gewerkschaftshäuser planmäßig zerstört, Schutzwachen niedergemacht, politisch Andersdenkende neben ihren Frauen in ihren Heimen auf- gespürt, niedergeschossen, niedergestochen, selbst Jugendlager und Kinderlager sowie deren Führer nicht verschont. Zum„neuen Volksstil" gehört weiter: Beschimpfung von Kriegeteilnehmern und Kriegermüttern, Herabwürdigung der Frauenchre, neuer deutscher Volksstil sind die seltsamen Stilübungen des Herrn Hauptmann Röhm, deren Echtheit eben in München gerichtlich festgestellt wurde. Im neuesten Stil vollziehen sich auch die Regierungstaten: Ver- Haftung und Absetzung verdienter Staatsmänner, bekannter Politiker und Schriftsteller, sich häufende Zeitungsverbote! Schluß mit diesem neuesten Stil am 31. Juli! Schraibsr. Vollständig isoliert! Popens außenpolitische Äilanz. Die Reichsreaierung hat durch ihre Politik zuwege ge- bracht, daß das deutsche Volk gegenwärtig für alles, was draußen in der Welt vor sich geht, kein Interesse aufzu- bringen vermag. Wenn in den von der Reaktion mutwillig heraufbeschworenen inneren Kämpfen eine Pause eintreten wird, die Zeit zu einer ruhigen Prüfung der w e l t p o l i t i- s ch e n Entwicklung gewährt, wird man als a u ß e n p o l i- tische Bilanz der Regierung der„nationalen Konzen- tration" und ihrer Hitlerichen Hilfstruppen folgendes feststellen müssen: 1. Deutschland hat sich vollkommen iso- l i e r t: keine Stimme hat sich in Genf zugunsten der beut- schen Forderung auf Gleichberechtigung erhoben. In der Schlußabstimmung schlug sich das faschistische Italien, auf das man mit merkwürdiger Naivität spekuliert hatte, in die Büsche und enthielt sich der Stimme. Die neutralen Länder haben sich von Deutschland ebenfalls losgelöst, dem sie eine rein negative, an Obstruktion grenzende Haltung vor- werfen. England hat durch den Mund seines Außen- Ministers John Simon mit außerordentlicher Schärfe gegen die Schlußrede Nadolnys Stellung genommen. In den Vereinigten Staaten wird die negative Haltung Deutschlands gleichfalls entschieden abgelehnt. Jede andere Darstellung der Situation, wie sie von offiziöser Seite an Hand einzelner sorgfältig ausgesuchter Pressestimmen gebracht wird, ist eine Irreführung des deutschen Volkes. Deutschlands einziger Sekundant in der letzten Genfer Kampfphase war— Sowjetrußland, dasselbe„gott- lose" Sowjetrußland, gegen das die Herrenklubkreise am liebsten morgen Krieg führen möchten. Dabei ist die deutsche Forderung der Gleichberechtigung. die zuerst von Hermann Müller in Genf erhoben wurde, gerecht. Ihre Erfüllung ist aber um so aussichtsloser, je nationalistischer Deutschland regiert wird. Das ist die Lehre der letzten Wochen. 2. Am Montag ist der r u s s i s ch- p o l n i s ch e Nichtangriffspakt unterzeichnet worden. Damit ist ein wesentliches Stück der diplomatischen Arbeit der letzten Jahre — wie immer man zu den Zielen und Hoffnungen dieses Teils der deutschen Außenpolitik stehen mag— zunichte gemacht. 3. Oesterreich hat auf sein Selbstbestimmungsrecht auf weitere zwanzig Jahre für ein paar Hundert Millionen verzichten müssen. Deutschland konnte und wollte das so wenig verhindern, daß es im Genfer Völkerbundsrat das Inkrafttreten dieses Beschlusses durch Stimmenenthal- tung ermöglichte. 4. Mit einer offenkundigen Spitze gegen die nationali- stische Entwicklung in Deutschland ist zwischen Frankreich und England am Ende der Lausanner Konferenz ein„Ver- trauenspakt" geschlossen worden, durch den sich beide Mächte verpflichten, über alle auftauchenden Fragen mit- einander in Fühlung zu treten und nichts gegen den Willen des anderen Partners zu unter- nehmen. Ausdrücklich wurde in London betont, daß diese Verpflichtung sich auch auf Fragen der Revision des Friedensvertrages von Versailles er- strecke. Die erste praktische Auswirkung dieser Vereinba- rung war die geschlossene englisch-französische Einheitsfront in der Schlußphase der Ab- rüstunasverhandlungen, die vorbehaltlose Unterstützung Herriots durch Simon, die schroffe Zurückweisung Navolnvs durch England. 5. Italien hat sich beeilt, diesem Abkommen beizutreten. Als sich Deutschland seiner Isolierung bewußt wurde, hat es den gleichen Schritt getan. Die Wilhelmstraße bemüht sich, den gestern erfolgten Beitritt als eine belanglose Angelegenheit hinzustellen, gewissermaßen als eine For- malität. Auch das ist entweder eine Irreführung oder eine Selbsttäuschung. Der Beitritt bedeutet praktisch, mag man sich noch so sehr dagegen sträuben, daß Deutschland in seinen außenpolitischen Entschlüssen in Zukunft noch weniger frei sein wird als bisher. Ueber jede auftau- chende außenpolitische Frage muß es sich künftig mit allen Teilnehmern verständigen und keinen Schritt ohne Zustim- mung der anderen unternehmen: das bedeutet ein Ueber-Locarno, einschließlich des von allen Links- regierungen seit Jahren entschieden abgelehnten und kon- sequent vermiedenen„O st- L o c a r n o". Die Verständigungspolitik ist unter der von Hitler ge- schaffenen und tolerierten Regierung Papen geradezu h e m- m u n g s l o s geworden, allerdings ohne daß dafür irgend- welche positiven Erfolge errungen werden. Man läuft hinter den Ereignissen her, ohne sie beinflussen oder gar meistern zu können. Hätte Stresemann, hätte Hermann Müller, hätte Brüning eine solche außenpolitische Bilanz innerhalb von zwei Monaten aufzuweisen gehabt— die ganze Rechtsmeute hätte sie des Landesverrats angeklagt. Bei Papen werden beide Augen zugedrückt. Das alles interessiert die Herrschaften um Hugenberg und Hitler auf ein- mal nicht mehr. Der französische Journalist Sauerwein schrieb gestern im„Paris-Soir":„Die französische öffentliche Meinung braucht sich über die innenpolitischen Folgen in Deutschland nicht unnötig zu beunruhigen. Deutschland wird vorläufig viel zu sehr mit den innenpolitischen Plänen des Reiches beschäftigt sein, um Frankreich außenpolitisch gefähr- lich zu werden." In dieser sä-adenfrohen Feststellung liegt ein vernichtendes Urteil über die Politik dieser Regierung der„nationalen Kon- zeittraiion".__ Die„Neuordnung" in Preußen. Seltsames Spiet der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft hat die seinerzeit eingelegte Berufung gegen das Urteil im Re�ichstagsprozeß— die Allen- läler Heine», Weitzel und Stegmann erhielten für den lleberfall auf den Genossen Klotz bekanntlich nur se drei Monate Gefängnis— nunmehr zurückgezogen! Was vor wenigen Wochen noch von dem Vertreter der Staatsanwaltschaft als„schändlichstes und hinterhältigstes Derbrechen" gekennzeichnet wurde, das gilt jetzt nicht mehr. Genosse Dr. Klotz wird, wie er uns mitteilt, die von ihm ein- gelegte Berufung selbstverständlich aufrechterhalten und durchsechten, nicht zuletzt in der Absicht, um auch dieses seltsame Spiel der Staatsanwaltichast gebührend zu beleuchten. Goethes„Egmont" auf dem Marktplatz. Freilichtspiele auf dem Frankfurter �amerberg. lieber sechs Wochen hat man mit beispiellosem Erfolg auf dem Frankfurter Römerberg, also inmitten des mittelalterlichen Frankfurt, das gerade an dieser Stelle mit besonderer Schönheit erhallen ist, Goethe»„lJrgötz"�al» Freilichtspiel dargestellt. Alle Lorstellungen waren bis auf den letzten Platz ausverkauft und er- griffen lauschten die Zuschauer im nächtlichen Dunkel der alten Stadt dem Hohelied der Freiheit, da« der sterbende Götz noch ein- mal anstimmt. Run hat Goethes„Egmont" den„llrgötz" abgelöst. Man wird nun beide Schauspiele wechselweise spielen. Auch beim„Eg- mont" hatten Zweifler die Frage erhoben, ob die künstlerische Ge- schlossenheit des Schauspiel«, ob seine hohen Werte nicht durch die Hinausverlegung in die Weite des Raumes Not leiden mühten. Aber was schon beim„Urgötz" offenbar wurde, der„Egmont" hat es bestätigt. Das Schauspiel hat durch die Massenszenen, durch den Riesenaufwand von Mensch und Tier nur gewonnen, während die intimeren Szenen, wie etwa da, Zusammentreffen Egmont» mit Klärchen oder die Kerkerszene durch eine geschickte Ueberhöhung der Mittelblihne fast nichts von ihrem Stimmungsgehalt verlleren, wenn man die Gegebenheiten des Freilichtspiel» in Rechnung stellt. Andererseits wird der Goethejchen Forderung nach dem „Scha»"-Spiel gerade in der wieder durch den Frankfurter Schau- spielintendanten Dr. Krön acher besorgten„Egmont"-Jnszenie- rung mit einer geradezu virtuosen Behandlung der Massenszenen Genüg« getan. Das Fest auf dem Marktplatz in Brüssel, das mehr wie 300 Menschen auf der Bühne vereinigt, der prächtige Jagdzug der Margarete von Parma und vor allem der geradezu unheimliche Anmarsch des Albaschen Heeres, ein« stumme, von Goethe nicht ge- schrieben« Szene, von holzschnittartiger Wirkung, und vor allem auch die Schlußszene mit ihrer düsteren Stimmung, aus der„Eg- monts" Lob der Freiheit wie ein Fanal emporflammt, bezeugen die hohe Leistung des Regisseurs. Geradezu snmbolifch wirkte jene stumme Szene, in der die wehende Freiheitsfahne Egmonts durch das Banner de» Herzogs Alba ersetzt wird. Die Aufführung durch die Künstler des„Frankfurter Schau- s p i e l h a u s e»" war auch darstellerisch ein ganz großer Erfolg. R. M. Werbekonzert der Arbeiiersänger. Hermann S ch e r ch e n, der kürzlich aus der Generaloersamm- lung der Arbeitersänger in Braunschweig Lendvai-Chört und Gersters„Lied vom Arbeitsmann" dirigierte, stellte sich gestern erneut der Arbeiterschaft zur Verfügung, sie nach seinen Kräften im Wahlkampf zu unterstützen. Die riesige Alberthalle in Leipzig war bis zum letzten Stehplatz ausoerkoust. Do» Konzert, eine Werbeveranstaltung der Partei, brachte ausschließlich A-Eapella- Kampsgesänge von Uthmann,„T o r d F o l e s o n",„Stur m" und „der junge Bard e". Scherchen legte ein gutes Tempo vor, da» den ältesten Sänger aushorchen ließ, und die jungen waren be- geistert! Abhold jener gefühlsseligen Nüanclerungspinselei fördert er einen ganz neuen, nie gehörten Uthmann zutage. Einfach im Ausdruck, eindeutig klar wie eine Federzeichnung. Die beißen Lendvai-Gesänge„Erlöse dich" und der achtstimmige doppel- chörige„W ahlspruch der Menschheit" wuchs In der Scherchenschen Interpretation zu einer Größe und überzeugenden Kraft auf, der den Wunsch aussprechen läßt, s o Lendvai jederzeit ge- sungen zu hören! Der Frauenchor„Brüder und Schwestern" im Satz von Röntgen, unsentimental und dach zart in der musita- tischen Anlage,„der Weckruf" im Satz von Tiesen, eine Fan- farederRevolution aufpeitschend und den letzten Mann mit- reißend. Internationale, russischer Trauer- und Rotgardistenmarsch im Satz von Hermann Scherchen vervollständigten die Auslese revo- lutionärer Lieder, die im gemeinsamen Gesang des Marsches der Eisernen Front ihren Ausklang fand. Die Michaelschen Chöre, kürzlich erst durch das Hinscheiden ihres Dirigenten verwaist, hatten wieder einen großen Tag! v. b. Liselott vor dem Mikrophon. Zur Erbauung und Bildung der Hörer gab es im Programm der Berliner Funkstunde ein, laut Ansage,„deutsches" Lustspiel. Um was anders kann es sich da handeln als um»inen„patrio- tischen" Stoff aus jener Zeit, da e» glücklicherweis« noch aktive Fürstlichkeiten in Hüll« und Fülle gab? Das deutsche Lustspiel also war Rudolf Presbers und Leo Walter Steins„Llfelott von der P f a l z", ein Werk, das nach einem kurzen schwächlschen Leben verdientermaßen schon seit langem sanft entschlafen war. Run wurde es zu Volksbildungszwecken wieder ausgegraben. Llse- lott von der Pfalz,«ine deutsche Prinzessin, Mittelpunkt eine« rührenden Familienidylls, die mit deutschem Mut sich dem Sonnen- könig entgegenstellt— das ist»in erheiternde» und erhebendes Bild für natlonallstijche Herzen, ein edles Beispiel in unjerer korrupten Gegenwart. Nach der Militärmusik am Sonntagabend konnte der Montagabend keine passendere Unterhaltung bringen.. Daß dies Lustspiel von den historischen Vorgängen ein durch- aus falsches Bild ergibt, ist selbstverständlich: das Volk soll doch nicht zu historischen Wahrheiten, sondern zu heldischen Legenden erzogen werden. Die sehr robuste pfälzische Prinzessin, die an den Bruder Ludwigs XlV. verheiratet wurde, gehört sicher nicht zu den unsympathischsten der gekrönten Häupter. Aber sie hat sich den höfischen Gesetzen am Hof von Versailles genau so unterworfen wie alle anderen, und keinesfalls so furchtlos wie in diesem Lust- spiel gegen die Heirat ihres Sohnes mit der unehelichen Tochter de» König» protestiert. Nur Ihr damals siebzehnjähriger Sohn, dem an dieser Heirot gar nichts lag, bekam von ihr angesichts des ganzen Hofes«ine schallend« Ohrfeige, weil er der Heirat zugestimmt. Di« komischen Familienszenen de» Lustspiels, die die deutsche Haus- mutier Liselotte dem französisch eitlen Gatten in ziemlicher Distanz gegenüberstellen, lassen von dem wirklichen Geist, der in diesem häuslichen Kreise herrschte, nichts erkennen.— lz. Erfolg deutscher Bergsteiger In den Kordilleren. Die eine der beiden von: deutsche» und österreichischen Alpen ver« in in diesem Jahr in fr«mde Erdteil« entsandten Expeditionen hat das von ihr gesteckte Ziel erreicht. Am Montagmittag traf beim Hauptausschuß des beut- schen und österreichische,, Älpenvereins in Innsbruck aus Südamerika ein Telegramm ein, in dem fler Leiter der Expedition, Dr. Philipp Borchers-München mitteilt, daß es der Expedition am 20. Juli ge- lungen ist, den 6730 Meter hohen Hauptgipfel H u a s c a n in der Cordlllero Bianca zu bezwingen. Die Expedition hatte bei den letzten 400 Metern große Schwierigkeiten zu bewältigen. Es lag knietieser Bruchharsch und außerdem waren schwierig«'Eisbrüche zu überwinden. Die Expeditionsteilnehmer besinoen sich alle wohl. Die Australier sterben nicht aus! Der Rückgang der australischen Urbevölkerung, die man seit langem für eine aussterbende Rasse an- sah. hat sich im letzten Jahrzehnt nicht fortgesetzt. Das zeigt eine Zählung, die trotz des Nomadenlebens der primitiven Stämme von der australischen Regierung durchgeführt wurde. Nach diesen Schätzungen beträgt die Zahl der reinblütigcn Ureinwohner in Australien etwa«0 000, das bedeutet eine Zunahm« um etwa 1200 gegenüber der Zählung von 1921. Es gibt auch viele Tausende von Halbblütigen. Die meisten dieser Ureinwohner leben im west« lichen und nördlichen Australien: 33 000 sind noch Nomaden auf tiefster Kulturstufe. Tasmanien weist seit vielen Iahren keinen Ur- einwohner mehr aus: die wenigen in Victoria und Neusüdwales werden in Lagern gehalten, die unter Aufsicht und Schutz der Re- gierung stehen. 1,1 Millionen Mark sllr einen Glorglone. Die italienische Re- gierung hat das weltberühmte Bild Giorglones„Der Sturm" von dem Fürsten Giovanelli, in deren Galerie in Venedig es den Ehrenplatz sinnahm, für 3 Millionen Lire angekauft. Das kraft- volle Landschaftsbild hat vorläufig im Dogenpalast Venedigs ein Obdach gefunden. Betrug an Arbeitslosen. Den Aermsten die letzte Hoffnung genommen. In einem Lokal im Zentrum Berlins wurde der 43 Zohre alle Arbeiter Julius Zimmermann au» der Lorhingslraße wegen Betruges, den er an Arbellslosen begangen Halle, festgenommen. Zimmermann hotte es verstanden, mit einem ganz gemeinen Trick Arbeitssuchenden da» letzte Geld abzunehmen. Gestern wurde er er- kannt und der Polizei übergeben. Julius Zimmermann fand sich gewöhnlich vor den Arbeits- nachweisen in den einzelneu Teilen der Stadt ein oder suchte Lakale auf, in denen die Leute saßen und warteten. Er trat an sie heran und erzählte ihnen, daß er ihnen Arbeit bei dem Neubau der Aboag in Treptow beschaffen könne. Häufig ließ er sich sogar die Papiere der Betreffenden geben. Er sprach aber von Schwierigkeiten. die zu bewältigen seien, da er für die Leute ein Arbeitsbuch besorgen müßte usw. Das koste natürlich etwas. In der Hoffnung, daß sie Arbeit bekommen würden, gaben die Bedauernswerten ihr letztes Geld. Vielfach waren es 10 Mark. Der Betrüger verschwand natür- lich damit und ließ sich nicht mehr sehen. Gestern suchte er ein Lokal i» der Kommandantenstroße auf. Al» er dort«intrat, erkannte ihn einer der Betrogenen wieder. Er verschwand vor- sichtig, ohne daß es Zimmermann merkte und holte die Polizei. Der Betrüger hatte kurz zuvor wieder einen Arbeitslosen auf der Straße angesprochen und ihm Beschäftigung versprochen. „Menschenleben in Gefahr!" Folgenschwerer Nrand in Niederschönhausea. Im Haus« Kaiser-Wilhelm-Straß« 3 in Niederschön- Hausen entstand heute früh kurz nach 6 Uhr ein folgenschwerer Wohnungsbrand, bei dem die 56 Jahre alte Frau Beyer erheb- liche Brandverletzungen erlitt. Frau B. fand im Pankower Krankenhaus Aufnahme. Das Feuer war in der Küche ausgebrochen, in der viel Gerumpel lagert«. Bei den Löschversuchen zog sich Frau B. die Brandwunden zu. Der im Nebenzimmer schlafende Sohn der Verunglückten muhte von der Feuerwehr in« Freie gebracht werden. Berlins Gewerkschasien Oer Ortsausschuß des AOGB. im Lahre-195-1 5ßon den jetzt noch 28 Zentralverbänden des Allgemeinen Deut- schen Gewerkschoftsbundes haben IS ihren Sitz in Berlin, je zwei in Hamburg und Leipzig und der Sitz der übrigen fünf ist Alten- bürg, Bremen, Bochum, Hannover und Nürnberg. Berlin ist zu- gleich der Sitz der drei Spitzenorganisationen und des Jnternatio- nalen Gewerkschaftsbundes. Der Verband der Bergbauindustriearbeiter hat in Berlin keine Ortsoerwaltung, während alle übrigen 27 Zentralverbände mit Ortsverwaltungen in Berlin vertreten sind und iw Ortsausschuß des ADGB. ihre lokale Verbindung haben. Ende k93l zählten die Ber- liner Gewerkschaften zzo 4lS Mitglieder. und zwar 2Kl 721 männliche, 4S 992 weibliche und 23 893 jugendliche Mitglieder. Es ist kein Geheimnis, daß in Zeiten der Krise die Mitgliederzahlen nicht steigen, sondern fallen, und es wäre geradezu ein Wunder, wenn während dieser Krise kein Mitgliederrück- gang zu verzeichnen wäre. Nahezu S9 999(49 235) Mitglieder oder 12,97 Proz. sind den Berliner Gewerkschaften im Jahre 1931 vorübergehend verloren gegangen. Prozentual am stärksten, und zwar mit 22,78 Proz., ist der Rückgang der weiblichen Mitglieder, am geringsten aber bei den jugendlichen Mitgliedern mit 8,53 Proz., während er bei den männlichen Mitgliedern 11,42 Proz. beträgt. Nach dem Jahresbericht erklärt sich der Mitgliederverlust nicht nur aus der ungeheuren Arbeitslosigkeit, sondern zu einem Teil„auch aus der politischen Verhetzun g", in die sich Kommunisten und Nationalsozialisten redlich teilen." G e st i e g e n ist dagegen die Zahl der Arbeitsuchenden in Berlin, und zwar von 443 979 Ende 1939 auf 5(58 997 Arbeitslose Ende 1931. Am 31. März 1932 wurden 285 979 unterstützte Arbeitslose gezählt, und zwar in der Arbeitslosenversicherung 84 989 männ- liche und 43 735 weibliche, zusammen 128 724, davon 13 832 bis zu 21 Jahren und in der Krisenunter st lltzung 122 759 männliche und 34 496 weibliche, zusammen 157 246 Unter- stützte. In 898 Fällen hatten 25 Gewerkschaften im vorigen Jahre Lohnbewegungen zu führen, an denen 579 382 Männer und 177 966 Frauen, insgesamt 747 448 Personen beteiligt. Davon waren 329 834 sreigewerkschaftlich organisiert, 74 949 gehör- ten anderen Organisationen an, aber nicht weniger als 359 665 waren unorganisiert. Mit solchen„revolutionären, klassenbewußten" Unorganisierten Lohnbewegungen führen, ist keine dankbare Aufgabe. Die Un- organisierten sind„dieselben Leute", die bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Mund nicht weit genug aufreißen können über die mangelnde Aktivität der Gewerkschaften und die doch durch ihr Beiseitestehen die gewerkschaftlichen Kämpfe erschweren." G e st r e i k t mußte in 86 Fällen werden, in vier Fällen kam es zu Aussperrungen. Erfolgreich waren die Lohnbewegungen in 78 Betrieben für 25 572 Beteiligte, von teilweisem Erfolg in 521 Be- trieben mit 696 483 Beteiligten, während sie in 199 Betrieben mit 197 919 Beteiligten nicht zum Erfolg führten. Der Streik mußte in 35 Betrieben mit 1549 Beteiligten erfolglos abgebrochen werden. während in 25 Betrieben mit 2142 Beteiligten ein Erfolg und in 28 Betrieben mit 23 598 Streikenden ein teilweiser Erfolg erzielt wurde. In der Hauptsache richteten sich die Bewegungen gegen Lohnkürzungen (in 774 Fällen mit 397 362 Beteiligten). Zur Verkürzung der Arbeitszeit wurden 18 Bewegungen mit 69 539 Beteiligten geführt und nur in acht Fällen mit 875 Beteiligten wurde eine Lohnerhöhung gefordert. Es führte hier zu weit, auf den 168 Seiten umfassenden Jahres- bericht näher einzugehen. Das Arbeitsgebiet des Ortsausschusses ist außerordentlich umfangreich. Die Tätigkeit auf dem Gebiete der Sozialpolitik und des Wohnungsbaues, der Arbeitsrechtsprechung, der Rechtsauskunft und Rechtshilfe, das Wirken der Berliner Ge- werkschaftsschule, das Kapitel Bildung und Erziehung, die Frei- gewerkschaftliche Jugendzentrale und manches andere müßte erwähnt werden. Wir müssen deshalb auf den 49. Bericht selbst verweisen, der einen gujen Einblick in das Berliner Gewerkschastsleben ver- mittelt. Die Berliner Gewerkschaften haben von 11 983 Betriebs- ratssitzen in 3698 Betrieben 19 299 besetzt. Aus dem Bericht des Arbeitersekretariats sei noch ein Satz ent- nommen:„Ein in Weißensee wohnender Arzt hat einem Arbeiter die Ausstellung eines Attestes über eine erlittene Gehirnerschütterung mit dem Bemerken verweigert, daß, wer eine so gottlose Einrichtung wie das Arbeitersekretariat in Anspruch nimmt, von ihm keine hilse erwarten darf." Es waren 11 159 Besucher des Arbeitersekretariats am Engeluser, die im letzten Jahre diese„gott- lose" Einrichtung in Anspruch nahmen. Im Anhang sind die Berichte der einzelnen Gewerkschaften untergebracht, tabellarische Uebersichten und ein ausführliches Adressenverzeichnis. Vertrauenskundgebung der plenarversammlung. Am Montag abend nahm die Plenarversammlung des Berliner ADGB.-Ortsausschusses zu dem vorliegenden 49. Geschäfts- bericht Stellung. Der Vorsitzende des Ausschusses, Landtags- abgeordneter Genosse Robert Bredow erläuterte den gedruckten Bericht, auf den wir noch besonders eingehen werden. Er stellte mit Nachdruck fest, daß es der unerschütterten Kampfkraft der freien Gewerkschaften gelungen ist, den uferlosen Lohnabbauwünschen der Berliner Unternehmerschaft einen verhältnismäßig wirksamen Damm entgegenzusetzen. Ueberhaupt ist trotz der verheeren- den Wirtschaftskrise der gewerkschaftliche Apparat völlig intakt geblieben. Auch die Unternehmungen der Berliner Arbeiterschaft konnten dem Krisensturm trotzen. In einer Zeit, in der kapitalistische Unter- nehmen sonder Zahl zusammenbrechen, konnten sich die umsichtig geleiteten Arbeiterunternehmen gut behaupten. Besonders erfreulich ist, daß die jüngeren Gewerkschastsmit- glieder in ungleich stärkerem Maße ihren Organisationen treu blieben als die älteren. Demgemäß nahm auch die Gewerkschafts- schule des Ortsausschusses einen weiteren Aufschwung. Die Stellung der Berliner freien Gewerkschaften zu den politischen Tage-fragen ist eindeutig genug: in brüderlicher Kampfgemeinschaft mit der Eisernen Front verfolgen die Gewerkschaften aufmerksam die arbeiterfeindlichen Ziele der Nazis. Für Ueberraschungen sind die Gewerkschaften gerüstet. Von einer Debatte nahmen die Delegierten Abstand. Durch einstimmige Billigung des Geschäftsberichts sprachen sie der Leitung des Ortsausschusses ihr Vertrauen aus. Ebenso einstimmig wurde der alte Vor st and wieder- gewählt. Nach einer kurzen Ansprache des Genossen Siegle wurde die Plenarversammlung mit einem dreifachen„Frei- h e i t!" geschlossen. Im Alter von 62 Jahren ist Karl Spiegel gestorben, der Gau« leiter des Metallarbeitecverbandes in Bielefeld, der ein Menschenalter hindurch an führender Stelle des Deutschen Metallarbciter-Verbandes im rheinisch-westfölischen Industriegebiet gestanden hat. Spiegel hatte in seiner Vaterstadt Hilden im Rhein- land das Klempnerhandwerk erlernt. Ende 1991 wurde er Bezirks- leiter seines Verbandes für Rheinland-Westfalen. In den Jahren von 1912 bis 1918, 1922 bis 1930 gehörte Karl Spiegel dem Reichstag an. Kann seine umfassende Tätigkeit auch nur dort vollauf gewür- digt werden, wo er gewirkt hat, insbesondere im Sauerland, seinem politischen Wirkungskreis, so darf doch das Leben Karl Spie- gels, seine Arbeit für Gewerkschaft und Partei, den Jungen als Vorbild dienen, zumal in einer Zeit, in der gewonnen geglaubter Boden mit allen Kräften verteidigt und erneut, fester als zuvor, gesichert werden muß. Auch in der Rheinprovin; hat die Zahl der Arbeitsuchenden in der ersten Julihälste zugenommen. Sie stieg um 1790 aus 745 674. Als Wohlsahrtsfürjorgearbeitcr beim freiwilligen Arbeitsdienst und bei Notstandsarbeiten waren rund 39 599 Arbeitskräfte tätig. Die Arbeitslosigkeit in Dänemark hat in den letzten Wochen zu- genommen, so daß jetzt insgesamt 196 999 Arbeitslose zu verzeichnen sind, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr um diese Zeit. 36. Abk. Einer unserer treuesten Mitkämpfer, Eduard Z a m e k, ist am Sonnabend von seinem Leiden durch den Tod erlast worden. Ehre seinem Andenken. Einäscherung am Mittwoch, dem 27. Juli, 15)4 llhr, Krematorium Gerichtstraße. Wetter für Berlin. Ziemlich kühl mit westlichen Winden, wechselnd wolkig, Neigung zu einzelnen schauern.— Für Deutschland. Im größten Teil des Reiches veränderlich und ziemlich kühl, mit einzelnen Regenschauern. Auch im Osten Uebergang zu kühlerem Wetter. Verantwortt. sllr die Redaktion: Rich. Dernsteiu. Berlin: Anzeigen: Th. Sloike. Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Borwärts Buch- druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer n Co.. Berlin SW 68. Lindenstr. 8. Hierzu I Beilage. plAza Nähe Schles. Bhf. 5u. 8,f.Stgs.2,5.8,5U. E 7 Weichsel 4031 Der Tideie Bauer FrefilieiisCahneiB PreiBieitsisfeile äußerst preiswert Berliner Falanenf abrlk Fächer& Co., WalUtralje 15 W,nter • Garten• Rose• Theater Oroße Frantfurter Straße 13? fei. Weidue! E 7 U27 8.30 Uhr r. Oer Man OartenbUliue 5.30 Uhr Konzert u. Variete Drei arme kleine Mädels KS in der Gesamiouflogc de».Vorwirt*' sind besonders wlrksa» and trotzdem sehrmmai Homöopathie Nieren-, Blasen-, Leber-, Gallen-, Magen-, Dann-, Innere u. Nervenl. V HUnzstr. 9 aeDandl.nur2M. LU3C/I io-3,4-7,Stg. n PRO G R AN M für die Zeit vom 26. bis 28 Juli IS 1 T A F E ©OÖ Potsdamer Straße 38 An der Lützowslraße. Viktoria und ihr Husar mit Fricdel Schuster, Michael Bohnen, Else Elster W. 5, 7, 9 Uhr Odeon, Potsdamer Str. 75 An der Pallasstraße. Die nackte Wahrheit m. Jenny Juso— Außerdem: Vater geht auf Reisen m. Hans Waßmann W. 5. 7. 9 Uhr Tarmstraße 12 Wilsnacker Str. 63. Die nackte W'ahrhelt m. Jenny Jujfo— Außerdem: Lachendes Leben W. 5, 7. 9 Uhr Alexanderstraße 39-40 (Passage) Tom rechnet ab mit Tom Mix. — Das blaue Licht mit Leni Riefenstahl.— Jugendliche Zutritt Den ganzen Tag geöffnet. D Unter den linden Die Kamera unndendi4 W. 5. 7. 9 Uhr. S. 3. 5, 7. 9 Uhr l»van der Schreckliche(Sklaven haben keine Flügel).— Gutes Bei progranim.— Ton woche c Friedrichstadt Franziskaner Georgenstraße(Ecke Friedrichs traBe) 9, 12. 3. 6. 9 Uhr lim eine Kasenlänjgo Der amüsante Inhalt spielt im Milieu des ß-Tage-Rennens mit Siegfried Arno 10.30. 1.30, 4.30. 7.30. 10.30 Uhr In Verlängerung: Der Glöckner von Xotre Dame in tönender Fassung Neueste Tonbild-Reportage Westen Primus-Palast Potsdamer Str 19 Ecke Margaretenstr. Frau Lehmanns Töchter mit llansi Niese, Hertha Thiele, Else Elster, Fritz iiampers W. 5.15, 7.15, 9.15 Uhr U Südwesten W Fi Im-Pa last Kammersäle Teltower Str. 1 W. ab 6.30 S. ab 5 U. Großtonfilm! Der blaue Engel mit Marlene Dietrich, Emil Jannings— Gr. Tonbciprogr. c TempelhoF Kurfürst w 7 9' Sls 5 7' 9 Uhr nunursi Slg. 3 Uhr: Jgd.-Vorsl. Dorfslraße 22. Ecke Berliner Straße Hurra, ein Junge! mit 9Iax Adalbert, Ralph Roberts Tonbeiprogramm 7Vrt/l/; w. 6V2, 9. S. 5, 6�. C 1 IVOU Stgs. 3 Uhr; Jugendvorstell. Berliner Straße 97. Die Flucht von der Teufels Insel mit Ronald Colman.— U-Boot 13 U Marlendorf D Ultra 1 2 Wariendorfcr Wo. 7. 9, IfiU'ijl Tonlichtspielo So. 5. 7, 9 Chausseestr. 305. �lan braucht kein Geld mit Rühmann— Die große Liebe mit Hansi Wiese Jugendliche haben Zutritt Alhambra TÖntfim Hauptstraße 30 2 Schlager: Henschen hinter Gittern mit ff- George— Kaiserliebchen mit Liane Haid, Janssen Titania Schöneberg Hauptstr. 49. W. 5. 7. 9 Uhr S. 3, 5, 7, 9 Uhr Die Nacht gehört uns mit Hans Albers. Charl. Ander— Tonwoche— Tonbeiprogramm Friedenau Kronen-Lichtspiele Rheinstraße 65. Beg. 7. 9 Uhr. Sbd., Slg. 6, 7. 9 Uhr Die Lindenwirtin mit Käthe Dorsch, Bollmann, Schulz.— Tonbeiprogramm Wilmersdorf Atrium VVochent. 7, 9�. U. Slg. 5. 7. 9�4 U. Kaiserallee. Ecke Berliner Straße Der Hexer m. Fr. Rasp, Maria Solveg. Regie Carl Lamac.— Gutes Tonbeiprogramm S Steglitz S Titania-Palast �e.so.g'u. Steglitz, Schloßstr. 5. EckeGutsmuthsstr. 2. Woche: Jonny stiehlt Europa mit Harry Piel, Dary Holm. Alfred Abel. Regie: Harry Piel Tonbeiprogramm— Tonwoche Jugendliche haben Zutritt c Zehlendorf-Mitte 7ä%1S Beginn tägl. 5. 7, 9 Uhr stg, 3 Uhr Jugendvorstell. Potsdamer Str. 56. Der Frechdachs mit Willy Fritsch, Camilla Horn.— Tonbeiprogramm W Germania-Palast Charlotlcnburg, Wilmersdorf er Str 53/54 Wochent. ab 5 Uhr, Sonnt, ab 3 Uhr Verlängert! Die Flocht von der Teufelsinsel. Kant-Lichtspiele Kantstr 54(ao der Wilmersdorf er Str.) Yorck mit Werner Krauß, Rudolf Förster. Grete Mosheim, Gustaf Grundgens W. 5, 7, 9 Uhr Für Jugendliche freigegeben! Schlüter-Theater iTiTeu. Schlüterstr. 17. Stg. 3 Uhr; Jugd.-V. Die lustigen Weiber von Wien mit Lee Parry, Willy Forst.— Leutnant warst du einst... mit Mady Christians ■ Moabit j Art us ho f Perleberger Str. 29 2 Tonfilme: Schofför Antoinette mit Charl. Ander— Susanne macht Ordnung— Tonwoche Luisen-Theater aab"u. Reichenberger Str. 34. Martha Eggerth. E. Verebes in der Tonfilm-Operette Es war einmal ein Walzer Ferner: Der Afrika-Tonfilm in deutscher Sprache: Der Herr der Wildnis Stella-Palast Köpenicker Straße 12—14 Nur noch bis einschließl. Donnerstag Liane Haid. Willy Forst in der Tonfilm-Operelte Der Prinz von Arkadien Bühnengastspiel: Dücker der beste Musical-Clown Deutschlands Deutsch-Amerik. Theater Köpenicker Str. 68. Beg. 5. 7, 9 Uhr Der blaue Engel mit Marlene Dietrich.— Beipr. Ab Mittwoch-: Liebesw alzer mit Harvey W Haukölln W Mercedes-Palast s'ib's u. Hermannstr. 212. Die grausame Freundin mit Anny Ondra.— Der Wilddieb (Im Banne der Berge) mit Elga Brink.— Jugendliche Zutritt Primus-Palast so�ibs'u. Am Hermannplatz, Urbanstr 72/76. Die grausame Freundin mit Anny Ondra.— Der Wilddieb (Im Banne der Berge) mit Elgv Brink.— Jugendliche Zutritt Treptow Treptow-Sternwarte Dienstag 8, Donnerstag 8 Uhr: Tabu der letzte große Südseefilm Murnaus ■ 0'ten■ German ia-Palast Frankfurter Allee 314 Wochent. ab b.30. Sonnt, ab 5 Uhr Greta Garbo in ihrem ersten deutschsprachigen Großtonfilm: Anna Christie mit II. Junkermann Ferner die große Tonfilm-Komödie: Das Mädchen aus der Hafenkneipe (Die fremde Mutter, Marie Dreßler) Lana-Palast w. � suL- Gr. Frankfurter Sir. 121. Liebeslied mit G. Fröhlich, R. Müller.— Es war einmal ein Walzer mit Martha Eggerth, R. v. Goth.— Tonwoche Schwarzer Adler FranW W. 5. 7. 9 Uhr AMee 99 S. 3. 5. 7. 9 Uhr GroB-onlilm: 5 von der Jazzband— Tonwoche— Jugendliche haben Zutritt Viktoria- Theater 3au5 Frankfurter Allee 48 Großtonfilm: Straßen der Weltstadt mit Sylvia Sidney— Interessantes Beiprogramm PROGRAMH für die Zeit vom 26. bis 28. Juli � Weu-Uchtenberg> Kosmos-Lichtspiele Lückstr. 70. W.%7, 9 Uhr. Stg 5. 7. 9 Uhr Kreuzer Emden(ein Heldenepos der Marine) mit W. Fütterer.— Tonwoche— Jugendliche Zutritt! Friedrichsfelde Kino Busch All-Friedrichsfelde 3 Mädchen in Uniform mit Dor. Wieck, Hertha Thiele— Beiprogramm— Tonwoche Nordosten ti Prenzlauer „LlySlUm Allee 56 Wochent. ab 6Mi Uhr. Sonnt, ab 4 Uhr Verlängert! Die grausame v reundin mit Anny Ondra.— Flucht von der Teufelsinsel mit R. Colman Flora-Lichtspiele�*"?" Wocht. 5.45. ca. 7. 8.45. Slg. ab 3 Uhr 2 Tonfilme; Flucht von der Teufelsinsel — Die grausame Freundin mit Anny Ondra Norden Alhambra �sÄl38" Die nackt© Wahrheit m. Jenny Jugo— Außerdem; Lachendes Leben W. ab 5 Uhr Pankow Palast-Theater Breite Str. 21a. W. 7. 8.30 Uhr Zwei in einem Auto m Magda Schneider— Die Privatsekretärin mit Renate Müller, Hermann Thimig (Beilage Dienstage 26. Juli 1932 fp'ffeö %£lmti4a6e da[ofioärL I. P. Mayer; Bolschewismus iiutl Katholizismus Die meisten wissenschaftlichen Darstellungen des Bolschewismus gehen von einer einseitigen Proolemstellung aus: sie untersuchen den wirtschaftlichen Aufbau Sowjetrußlands, das mutmaßliche Ge- lingen oder Nichtgelingen des Fünfjahresplanes oder sie beschränken sich auf die Darstellung der agrarwirtschaftlichen Probleme, die mit dem russischen Wirtschoftsaufbau verbunden sind usw. Eine wirklich umfassende, wenn auch nicht erschöpfende Gesamtdarstellung von Theorie und gesellschaftlicher Wirklichkeit des Bolschewismus hat erst jetzt der katholische Soziologe Waldemar Gurian veröfsent- licht.(Der Bolschewismus. Einführung in Geschichte und Lehre. Verlag Herder u. Co., Freiburg.) Wer eine religiöse und im Predigerton vorgetragene Auseinandersetzung in diesem Buch vermutet, verkennt den Scharssinn und die souveräne Material- beherrschung eines modernen katholischen Gelehrten. Gurian geht von einer durchaus universalgeschichtlichen Frage- stellung an sein Problem heran(universalgeschichtlich in dem Sinne, wie Max Weber seine religionssoziologischen Studien angelegt hat). Ein Sech st el der Erdoberfläche wird von 160 Millionen Menschen bewohnt, die der neuen bolschewistischen„Heils- lehre" unterworfen sind: diese„Heilslehre" hat schon durch ihren gewaltigen Wirkungsradius, der sich ja bekanntlich durchaus nicht auf Sowjetrußland beschränkt, weltgeschichtliche Bedeutung. Für den katholischen Soziologen wird der Bolschewismus dann noch be- sonders durch seine programmatische Feindschaft gegen die katholische Kirche ein Gegner, dessen Waffen man studieren muß. Auch für uns Sozialisten wird diese Auseinandersetzung zwischen Katholizis- mus und Bolschewismus bedeutsam, weil Gurian der angeblich prinzipiellen Unvereinbarkeit des Marxismus mit dem Jenseits- glauben der katholischen Kirche den größten Nachdruck verleiht. Es erhebt sich also vor allem die Frage, ob die westeuropäische Auffassung des Marxismus von Gurions Kritik am Bolsche- wismus getroffen wird. Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung steht eine Charakte- ristik der bolschewistischen Lehre vom Menschen, die scharf Wirklich- keit und Theorie gegeneinander abgrenzt.„Der Glaube an die sozialistische, sich selbst genügende Gesellschaft als das Ziel der Menschengeschichte ist der Ausdruck dieser(bolschewistischen) Aus- sassung vom Wesen de? Menschen. Die gesellschaftlich-wirtschaftliche Tätigkeit ist für den Menschen entscheidend. Sie vermag ihn voll und ganz zu befriedigen, da der Sinn des menschlichen Lebens ganz in ihr beschlossen ist." Die gute Organisation dieses gesellschaftlich- wirtschaftlichen Lebens löse alle Fragen des Menschenschicksals, sie mache aller menschlichen Not ein Ende, sie verwirkliche die For- derungen der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Gewiß sei der bolschewistische Diesseitsmensch ein soziales Wesen: „aber er ist nicht der ganze Mensch, sondern ein Mensch, desstzn Wesen gleichsam verstümmelt, entscheidender Teile beraubt ist. Alles Streben des Menschen wird nach diesem Krüppelwesen be- mes�n, d. h. die wirtschaftliche und gesellschaftliche Tätigkeit be- stimmen die Entwicklung aller Tugenden, des geistigen Lebens usw." Gurian glaubt, mit diesen,.m. E. den bolschewistischen Menschen im Kern treffenden Bemerkungen auch den Marxismus zu„kri- tifieren". Die folgende Textstelle möge dies ausdrücklich belegen: „Der Marxismus und damit(!) der Bolschewismus sprechen die geheime, verborgene Weltanschauung der bürgerlichen Gesellschaft offen aus, wenn sie die Gesellschaft und die wirtschastliche Tätigkeit als das Absolute ansehen. Zugleich bewahren sie auch noch ihren ethischen Charakter, wenn sie da» Absolute, die wirtschaftende Gesell- schaft, so zu ordnen suchen, daß Gerechtigkeit, Gleichheit und Frei- heit, die ursprünglichen Forderungen des aufsteigenden Bürger- tums, für alle möglich werden." Die Ineinssetzung, die Gurian zwischen Marxismus und Bol- schewismus vornimmt, ist keineswegs berechtigt. Marx Hot diese Auffassung des Sozialismus ausdrücklich als privaten Kommunis- mus abgelehnt, der Persönlichkeit, Bildung und Zivilisation ver- nichtet und die gesellschaftliche Entwicklung auf einen Zustand zurückschraubt, der nichts anderes bedeutet als„die Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen und bedürfnislosen Menschen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch einmal bei demselben angelangt ist".(Vgl. Karl Marx, Der historische Materialismus, Bd. I S. 293.) Also gerade der echte und unverfälschte Marxismus stellt dem terroristischen Bolschewis- mus„menschliche Rücksichten" entgegen, als deren Trägerin Gurian allein die Kirche anzusprechen geneigt scheint. Gurian versucht die Notwendigkeit der Kirche soziologisch zu be- gründen. Man möchte diesen Versuch fast als einen s o z i o l o g i- schen Gottesbeweis bezeichnen. Ich kann aber nicht ein- sehen, weshalb dieser Gottesbeweis stichhaltiger wäre als die anderen, die uns in der Geschichte der europäischen Theologie und Philosophie überliefert sind. Gewiß besitzt der Mensch„Traditionen und Leidenschaften, die keine gesellschaftliche Aenderung aufheben kann... Er ist ein Mensch, auf den stets ein gewisser Zwang aus- geübt werden muß, weil er sonst gerade zu einem menschlichen sozialen Verhalten nicht zu gewinnen wäre. Der wirkliche Mensch kann nie Träger einer sich selbst genügenden Gesellschaft sein: wenn er diese sich selbst genügende Gesellschaft schassen will, so wird er zum Tyrannen". Der sich selbst genügenden Gesellschaft stellt Gurian eine Gesellschaft gegenüber, in der die innere Führung der Menschen an die Kirche übergeht. Daß aber eine sich selbst ge- nügende Gesellschaft prinzipiell unmöglich sein soll, kann aus der bolschewistischen Wirklichkeit nicht ausreichend begründet werden. Der Diesseitigkeitscharakter des Marxismus deckt sich keines- wegs, wie gezeigt worden ist, mit der bolschewistischen Auffassung vom Menschen. Jedoch auch in der bolschewistischen Wirklich- keit macht sich neuerdings eine Tendenz bemerkbar(ich stütze mich hier auf das ausgezeichnete Buch von Klaus Mehnert über „Die Jugend im Sowjetrußland"), die sich entschieden gegen die seelische Verarmung und Normalisierung des Menschen wendet. Die ursprünglich laxe und experimentierende Gestaltung der erotischen Beziehungen ist von einer strengen und nicht zu leugnenden e t h i- schen Auffassung abgelöst worden, die in den von Mehnert mitgeteilten Richtlinien für die Errichtung von Iugendkommunen folgendermaßen formuliert wird:„Die Kommune hält vorüber- gehende geschlechtliche Bindungen für vollkommen unzulässig. Als die einzig richtige Entscheidung der Geschlechtsfrage gilt ihr die dauernde und feste, auf Liebe begründete Ehe. Eine solche Ehe kann nur das Ergebnis einer gegenseitigen Freundschaft, seelischer Nähe hei'„Wohlfahrtsstaat Stimmungsbild aus einem JSerliner Arbeitsamt Man schreibt uns; Die Notverordnung Popens, die beträchtliche Erspar- nisse aus Kosten der Arbeitslosen- und Krisenunterstützungsempfänger vorsieht, bringt für die Arbeitsämter eine gewaltige Mehr- belastung an Arbeit. Die Leidtragenden sind die Arbeitslosen. War schon früher der Ausenthalt vor den Zahlstellen, das„Schlange- stehen", um die paar Mark Wochenunterstützung abzuheben, nicht angenehm, so sind die Verhältnisse jetzt katastrophal geworden. War früher eine Wartezeit von% bis 1 Stunde das Gegebene, so kann man sich jetzt auf 2 bis 4 Stunden gefaßt machen. Die Zahlstelle des Arbeitsamtes Pankow ist ein großer und reichlich mit Fenstern versehener Raum. Aber wenn 690 bis 799 Frauen zu gleicher Zeit dort eingepfercht sind, so eng, daß es unmöglich ist, den Arm zu heben und man drei Stunden warten muß, so ist der Ausenthalt unerträglich. Ich kam gegen lAl Ilhr zur Zahlstelle. Als ich den Raum betrat, schlug mir eine betäubende Lust entgegen. Die„Schlange" reichte bis nahe an die Tür.„Das kann heute bis Z Uhr dauern", sagt eine Frau, die einen vierjährigen Jungen an der Hand führt, der nicht zu bewegen ist, die Mutter zu verlassen. Eine andere Frau hat ihr zweijähriges Kind im Kinderwagen mitgebracht, den sie nahe der Tür stehen läßt. Ich stehe kaum ein paar Atinuten, als gellendes Schreien ertönt.„Schon wieder eine ohnmächtig", sagt eine Frau ein paar Reihen vor mir. Eine bleiche Frau wird von zwei Männern sortgetragen. Die Sanitäter haben alle Hände voll zu tun. Alle paar Minuten wird eine ohnmächtige Frau in den Sanitätsraum getragen, ganz abgesehen von denen, die noch die Kraft haben, sich selbst den Weg aus dem Gedränge zu bahnen und kreideblaß auf eine Bank sinken oder sich an eine Säule lehnen.„Ich kann das nicht mehr sehen", sagt eine Frau neben mir,„mir wird schon jetzt schlecht." Eine halbe Stunde später trug man auch sie fort. Ein ohrenbetäubender Lärm herrscht im Saal. Das empörte Reden der Frauen, die Stimmen der Beamten, die die Namen auf- rufen, das Schreien der Kinder, die nach ihren Müttern verlangen: hier klirrt eine Fensterscheibe, dort sliegt eine Tür zu: dazwischen die gellenden Schreie, wenn wieder eine Frau ohnmächtig wird oder gar Schreikrämpfe und Wutanfälle bekommt: dann wieder wie im Chor, der Ruf:„Fenster auf, Fenster auf, wir ersticken." Inzwischen bahnen sich wieder zwei Sanitäter mit einer ohn- mächtigen Frau den Weg durch unsere Reihe.„Wenn wir nur alle ohnmächtig würden", meint meine Nachbarin:„vielleicht bekämen sie dann Mitleid und Einsehen." „Wie kommt es nur, daß es heute so voll ist?" wundert sich eine Frau. Jetzt sehen wir erst, daß nur zwei, statt wie sonst vier Zahl- stellen in Betrieb sind. Vermutlich werden die übrigen Angestellten für die Umorganisierung gebraucht. Jeder Krisenunterstützunzs- empfänger muh einen neuen Antrag stellen, der wieder neu bearbeitet werden muß und als Unterlage für die Bedürftigkeitsplufung dient, eine ungeheure Mehrbelastung für das Personal! Deshalb müssen wir solange stehen. Um 1 Uhr ist eigentlich Schalterschluß. Jetzt haben wir 2 Uhr, und es ist noch kein Gedanke daran, abgefertigt zu werden. „Ick) habe keinen Pfennig mehr im Haufe", sagt meine Nach- barin,„und die Kinder haben Hunger. Ich kann nicht mehr stehen: aber wenn ich jetzt weggehe, dann bekomme ich kein Geld..." Die Frau vor mir schluchzt laut aus, bekommt nervöse Schrei- krämpse. Sie sind alle geschwächt, diese Frauen, gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe. Monatelange Arbeitslosigkeit untergräbt auch die stärkste Gesundheit. Wie wird's erst auf der„Wohlfahrt" aus- sehe», wo die noch Acimeren sind? Und wie bitter wird die Stirn- immg erst sein, wenn die neuen, stark gekürzten Sätze zum ersten Male zur Auszahlung gelangen? Aber macht euch klar, ihr Arbeitslosen, wer daran schuld ist! Nicht-der kleine Kassierer dort vorn, der sich mit Mühe aufrecht halten kann, gehetzt, gejagt, seit heute früh, ohne einen Bissen essen zu können. Auch nicht der Vorsitzende des Amtes. Auch nicht die Franzosen oder die Juden, wie die Nazis uns gern einreden möchten. Wir sind alle Opfer des Kapitalismus und seiner Krise und Opfer der unsozialen Notverordnung. Denkt gut dar- über nach, und zieht bei der Wahl am Zl. Juli eure Konsequenz. Anna BIon: ¥ orkämpferiiiiien Minna Caner und£lse l�üders Der zehnte Todestag von Minna Cauer(3. August) und der 69. Geburtstag von Else Lüders(27. Juli) lenken erneut unsere Aufmerksamkeit auf zwei verdienstvolle Vorkämpserinnen der Frauenbewegung, die zeitlebens durch treue Freundschaft mit- einander verbunden gewesen sind. Wer den Eindruck der starken Persönlichkeit Minna Cauers nicht mehr erlebt hat, dem wird sie lebendig durch die Biographie, die Else Lüders im Leopold-Klotz- Verlag, Gotha, als ihre berufenste Schülerin über sie veröffentlicht hat. Man möchte dieses Buch, zusammengestellt aus Tagebuch- blättern, Briefen und persönlichen Erinnerungen, in die Hände der jungen Generation legen, denn ein mitreißendes Vorbild ist„diese einzigartige Persönlichkeit in all ihrer Lieblichkeit, ihrer Größe und ihrer Tragik", wie Else Lüders Minna Cauer nennt. Das Leben Minna Cauers verkörpert zugleich das tiefste Glück und das tiefste Leid, das Irdischen zuteil wird. Immer hat sie zu denen gehört, die vorwärts wollen im Leben. Immer hat ihr Herz heiß geschlagen für die, die verfolgt und verkannt wurden. Und es erscheint mir besonders bedeutungsvoll, daß in dieser Zeit, in der die Frauenbewegung so oft verhöhnt wird als eine Art Rettungsanker für alte Jungfern, hingewiesen werden darf auf diese Führerin, die glückliche Gattin und Mutter war und als solche alle Höhen und Tiefen des Schicksals des Weibes erleben durste. Lernen und Lehren halfen ihr, den Verlust um ihr verlorenes Glück zu überwinden. Eigenes Erleben(es wurde ihr gesagt:„Witwen haben sich zu fügen: nach dem Tode des Mannes gelten sie als Null.") führte die zunächst Kinderlose, später zum zweiten Male Witwe Gewordene zur Frauenbewegung. Der Kampf war schwer in jener Zeit.„Wir enden tragisch und leiden ein Martyrium, wenn wir die Zukunft zu früh in die Gegenwart hineintragen wollen," schrieb sie einst prophetisch. Wie kaum eine Frau war Minna Cauer Vorkämpferin neuer Gedanken. Sie ersehnte für ihr Volk eine demokratische Ver- sassung und eine sreiheitlich-fortschrittliche Entwicklung, denn nur unter diesen Bedingungen erschien ihr die erstrebte Gleichberechti- gung der Frau erreichbar. Immer stand sie auf dem radikalen Flügel der Frauenbewegung. Das brachte es mit sich, daß die Zahl ihrer Anhänger klein war, daß sie viele Feinde hatte. Schon damals beschästigte sie sich mit der Frage:„Wie kann der Bund Deutscher Frauenvereine eingreifen, um der Besserung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage der deutschen Frauenwelt gerecht zu werden?" Die gleiche Frage beschäftigt ja auch heute die jüngere Generation sehr stark. Immer bekannte Minna Cauer:„Ich arbeite weder für die noch nicht reife Frau, noch um den Männern zu gefallen, auch nicht, um die öffentliche Meinung zu schonen. Ich arbeite für eine Idee, für eine neue Weltanschauung, nicht um dieser oder jener Menschen willen, sondern im Namen der Gerechtigkeit und Wahrheit. Menschen vergehen: Ideen währen ewig." So stand Minna Cauer auch dem Sozialismus sehr nahe. Sie glaubte an die Macht der Masse, doch nur einer erzogenen Masse, und sah es als Ausgabe unserer Zeit an, die Masse zu erziehen. Es war eine ihrer größten Freuden, daß bei Kriegsausbruch die bürgerlichen und die sozialdemokratischen Frauen zusammengingen. Minna Cauer erlebte die Verwirklichung des Frauenstimmrechts. Es brachte ihr manche Freude, doch auch— in der politischen Stellungnahme der Frauen— manche Enttäuschung. Oft erlebt man es ja, daß die Saat, die man ausstreut, andere Früchte trägt als die erhofften. Minna Cauer gehörte zu den Menschen, die„leidend und unterliegend die Menschheit vorwärts führen". Ihre Biographin Else Lüders sammelt den Kreis derer um sich, die das Andenken Minna Cauers in Ehren halten. Sie gehört zu den bedeutendsten und liebenswürdigsten Erscheinungen der heutigen deutschen Frauenwelt. Nachdem sie von 1996 bis 1919 in dem von dem Führer der Sozialreform, Professor Dr. Ernst F r a n ck e, geleiteten gemeinnützigen Büro für Sozialpolitik tätig gewesen war, wurde sie am 1. Januar 1929 in das Reichsarbeitsministerium berufen. Hier bearbeitet sie als Oberregierungsrat hauptsächlich die sozialpolitischen Fragen der Arbeiterinnen und weiblichen Ange- stellten und wirkt für den erhöhten Schutz der erwerbstätigen Jugendlichen, für Mutterschutz, für den Schutz der Heimarbeiter u. a. Daneben hat sie als Freundin und Mitarbeiterin Minna Cauers eine starke Vortragstätigkeit und eine reiche literarische Tätigkeit ent- faltet, sowohl für die von Minna Cauer geleitete Zeitschrift„Die Frauenbewegung" wie für die von Ernst Francke herausgegebene Zeitschrift„Soziale Praxis". Sie plant noch die Herausgabe eines Ergänzungsbandes„Minna Cauer in Briefen an ihre Freunde". Wie tief und dankbar Minna Cauer die verehrungsvolle Freund- schaft von Else Lüders empfunden hat, geht aus den Worten hervor, die sie bereits 1899 an ihre so viel jüngere Freundin schrieb:„Daß Sie meine treue Mitarbeiterin geworden sind, ist für mich ein Schatz, den ich sehr hoch einzuschätzen weiß, höher, als Sie ahnen." In Liebe und Treue, rein und leuchtend hat Else Lüders das Bild ihrer mütterlichen Freundin gestaltet. Sie hat im Sinne Minna Cauers weitergestrebt und gearbeitet für die, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. So sind die Namen dieser beiden Frauen untrennbar verbunden mit der Frauenbewegung aller Richtungen, und wir wünschen Else Lllders zu ihrem 69. Geburts- tage, daß sie noch lange die Möglichkeit habe, ihre eigene Lebens- arbeit durchzuführen und das Andenken Minna Cauers lebendig zu erhalten. und Gemeinsamkeit der Interessen des Mädchens und des jungen Mannes sein. Eine Ehe ohn- Liebe, auf Grund gegenseitiger Ge- fälligkeiten und leichtsinniger Seschlechtszufallsbeziehungen, die ver- schiedene häßliche Erscheinungen zeitigen müssen, bekämpft die Kom- mune auf das schärfste." Wenn diese Erklärung der Behauptung des russischen Eherechts widerspricht, die dahin geht, daß es auf die Treue der Gatten nicht ankomme, weil das Zusammenleben der Geschlechter kein Besitzverhältnis begründe, so wird doch immerhin die Richtung auf eine Verinnerlichung und Normierung des Gemeinschaftslebens ersichtlich. Auch auf anderen Gebieten des seelischen Lebens zeigt sich diese Tendenz zur Verinnerlichung. In dem bekannten Tagebuch des Studenten Kost ja Rjabzsw wird eine bezeichnende Si- tuation wiedergegeben. Der Vater Kostjas liegt im Sterben. Ein Freund, den Kostjo nach seiner Meinung über den Tod befragt, antwortet:„Was soll man viel davon halten? Erstens hoffe ich überhaupt nicht zu sterben, es wird schon irgendeine Erfindung da- gegen geben. Sollte ich aber doch sterben, so sterbe ich eben." Kostja aber notiert sich in seinem Tagebuch:„Es ist etwas ganz anderes, wenn jemand stirbt, der einem nahe steht, wie zum Beispiel mein Vater jetzt. Ich kann doch nicht an diesem Bett stehen und Ueberlegungen anstellen, daß das die Materie ist, die sich in ihre Bestandteile auflöst..." Gurian wird zugeben müssen, daß sogar tm gesellschaftlichen Leben Sowjctrußlands der ganze und unoerkümmerte Mensch gelegentlich zum Durchbruch gelangt. Aber es ist wichtig, daß auf die Gefahr der Absolutsetzung von Technik und Wirtschaft in Sowjetrußland so eindrucksvoll hingewiesen worden ist. Gurian hat seine Kritik des Bolschewismus in einer sorgfältig fundierten Darstellung der geschichtlichen und gesellschaftlichen Vor- aussetzungen des heutigen Rußland verankert, an die eine Geschichte der bolschewistischen Theorie und Praxis anschließt. Jedes ernst- haste Studium des Bolschewismus wird an dieser Arbeit nicht vor» übergehen können. Vor den Toren Berlins 25 Jahre Arbeitersport in Erkner und Guben In schlichter Weise feierte die Freie Turnerschaft Erkner unter starker Anteilnahme der Bevölkerung und zwanzig Brudervereinen aus Groß-Berlin und der Provinz in Form eines kreisoffenen Sportfestes ihre 25-Jahr-Feier. Der Sonnabend selbst stand ganz im Zeichen des Wahlkampfes der Eisernen Front. Während am Sonntagvormittag die Vorkämpse der über 280 Mel- düngen ausgetragen wurden, brachte der Nachmittag nach einem Festumzug durch den Ort ohne Fahnen und Abzeichen(nicht einmal die Reichsfarben durften gezeigt werden) gute sportliche Leistungen. Unter tosendem Beifall und stürmischen Freiheitrusen wurde die riesige neue Freiheitsfahne geweiht. Nachstehend einige sportlich« Resultate: Drcilamps, Männer lHochsprung, Kugel, IMI-Meter.Lauf): 1. Görsche(AST.) Punkte: 2. Wegner(Oftting) 228� Punkte.— 100 Meter, Männer: 1. Hennig lMoabit) 11,7; 2. Kriiger(Webbtng) 12,1.— 100 Meter, Frauen: 1. Lubwig(fiöpcnid) 13,5; 2. Biswanger(Süotboft) 14.— 100 Meter, Jugend: 1. Schilldach(Oftcing) 12,1; 2. Schilling(Saulebotf) 12,2.— Hachsprung, Männer: 1. görsch(-JISS.) 1,76 Meter; 2. Schierwagen lReinickenborf.Ost) 1,61 Meter.— Hochsprung, Frauen: 1. Stolzenberg(Neukölln) 1,34 Meter; 2. Hertmann-Meter: 1 Toren. Die in der Programm- folge gezeigten humoristischen Einlagen auf einer schwimmenden Bühne erregten stürmische Heiterkeit. 6 mal 50-Meler-Kraulstaselle. Männer. Klaffe B: 1. Hellas 3:28,6; 2. Weißen» see I 3.38,8.— 200.Mele?. Jugend. Brustl»wimm«n, 14—1* Jabm: 1. Dörle (Weißensee) 3:82,6; 2. Rottto»(Friedrichshain: 3:39.— 16—18 Jahre: 1. Schweiger(Eharloltenburg) 3:28,4: 2. Sommccfclbt(Tegel) 3:38.— l 00. Meter. Frauen-Brustichniimmen, Klage B: 1. Mestg(Weißensee) 1:57,2.— 50. Meter- Frau cn- Brustschwimmen. Klaff« C: 1. Wolbeit(Tegel) 1:53,7; 2. Kottke(Fried. richshain) 2:36.— lOO-Meter-Kraullchwimmen, Männer, Klaffe B: 1. Homfclbt (Hellas) 1:15,7; 2, Pritschow(Hellas) 1:17.— öO-Meter-KrauIfchwimmen, Männer, Klasse 0: 1. Kraas(Union) 34,9: 2. Eommerfelbt(Tegel) 65,8.— ZO-Meter-Erstschwimmen,») Mädchen. Brust: 1. Kopeck(Weißensee) 0:50; 2. Jahns?(Weißensee) 0:52.— ssO.Metee.Srsttchrnmmen, b) Knaben. Brust: 1. Schmidt(Weißensee) 53,8: 2. Urban(Weißensee) 1:04,2,— OO-Meter-Erst- scku-immen, c) Knaben, Kraul: 1. Geitncr(Weißensee) 0:42: 2, Suldenpfenina (Weißensee) 0:43.2.— OO-Meter-Erstschmimmen.