Morgenausgabe Ar. 351 ~A 123 49. Jahrgang Döchenrlich 75 PI, monatlich 3.25 M. > tfenvahnunglürt.(yiu au» Stralsund kommender Personenzug wurde von einer Leerlokomotive, die ein Haltsignal überfahren hatte, ge- rammt. ZZ-ügf Wagen stürzten um und bildeten ein unentwirrbares Durcheinander, aus dein die Hilferufe der Verlebten ertönten, stiettungsamt und ein Zanitätszug waren sofort zur Stelle. Es wurden zwei tote Frauen und fünfzig, teils schwer, teils leicht Verlebte aus den Trümmern geborgen. Eine der Toten ist eine Fran Linkhart, Schliemann- strafte 39. Die Persönlichkeit der zweiten Frau konnte noch nicht festgestellt werden. (Näheres siehe 1. Beilog«.) die preußische Staatsregierung schwerwiegende Beschuldigungen, d i e jeder tatsächlichen Grundloge entbehren. Ich bin der Ansicht, daß ein leitender Staatsmann, noch dazu in dieser Situation, nicht verdächtigen durfte, sondern sachlich begründen muhte. Keine Ihrer Behauptungen ist in einer Form vorgebracht, di« eine sachliche Nachprüfung möglich macht. Es ist Ihnen daher auch nicht gelungen, nachzuweisen, daß die voroussehungen für die Zlnwendung des Artikels 46 der Reichs- Verfassung gegen die preußische Staatsregierung gegeben waren. Denn diese Voraussehungen— Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung, deren die Staatsregierung aus eigenerkraft nicht hätte Herr werden können oder wollen, oder ein anderer gefahrbringender Rotstand— waren einfach nicht vorhanden und können auch mit Gewalt nicht konstruiert werden. Es ist unrichtig, daß, wie Sie sagten,„die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Preußen einer Reihe von maßgebenden Persönlichkeiten die innere Unabhängigkeit genommen habe, alle ersorderlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der staatsfeindlickzen Betätigung der Kommunistische» Partei zu treffen". Die p r e u- ßische Staatsregierung, die noch wenige Tage vor den Landtogswahlen polizeiliche Haussuchungen bei der Kommunistischen Partei hatte vornehmen lassen, weil der Verdacht gesetzwidriger Handlungen vorlag, ist jeder staatsfeindlichen gegen die Gesetze ver- stoßenden Betätigung der links- und rechtsradikalen Parteien mit gleichen Mitteln auf das fchärffte entgegengetreten. Mehr als ein deutscher Reichskanzler hat im Verlaufe meiner zwölfjährigen Ministerpräsidentschaft der Staatsregierung und mir den Dank dafür ausgesprochen, daß die ruhige und stetige Arbeit der preußi» schen Staatsregierung und ihr musterhast funktionierender Polizei- apporat in schweren deutschen Krisenzeiten dem Reiche ein« wert- volle Stütze gewesen sei. Diesen geschichtlichen Verdiensten der preußischen Regierung gegenüber können die ohne den Versuch eines Beweisantritts. ohne Angabe von Damen und Zeit wieder- gegebenen Gerüchte von der angeblich kommunistensreundlichen Einstellung„hoher Funktionäre" oder„eines Polizeipräsidenten" nicht da« mindeste bedeuten. Es ist ja auch überaus charakteristisch, daß von Ihnen, Herr Reichskanzler, vorher erst gar nicht der Versuch unternommen worden ist, gemäß?lrtikel 15 der RV. die preußische Regierung davon mit dem Ersuchen aus Abstellung dieser angeblichen personal- politischen Mängel zu benachrichtigen. Ich wünschte nur im Inter- esse unseres deutschen Volkes, daß die unter Ihrer Leitung, Herr Reichskanzler, stehende Reichsregierung ebenso unabhängig von der Nationalsozialistischen Partei wäre, wie die verfassungsmäßige preußische Regierung von der Kommunistischen Partei! Wie die preußische Staatsregierung seit Jahr und Tag von den Kommunisten berannt und bekämpft wird, mußten gerade Sie, Herr Reichskanzler, aus der Zeit Ihrer Abgeordnetentätigkeit im Preußischen Landtag aus eigener Anschauung wisien. Auch kann Ihnen nicht unbekannt geblieben sein, daß im neugewählten Landtag die Kommunisten mit den Nalionatsoziatisten ebenso wie im alten Landtag, trotz gelegentlicher Prügeleien meist in ge- schlossener Einheitsfront gegen die preußische Regierung stehen. Der Jubel, mit dem nach glaubwürdigen Zeitungsberichten kommunistische Versammlungen die Kunde von der Amtsentsetzung meines Kollegen Severing und meiner Person aufgenommen haben, hätte auch Sie st u tz i g machen müssen. Ihren Behauptungen, daß n u r in Preußen die kommunistischen Kampsorganisationen zur ständigen Bedrohung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung angewachsen wären, und daß nur dort der Wahlkanipf so blutig geworden sei, stelle ich neben der Tatsache, daß blutige Zusammenstöße auch außerhalb Preußens vorkommen, die jedem Unvoreingenommenen einleuchtende andere Totsache ent- gegen, daß bei der starken Industrialisierung Preußens und bei der den anderen Ländern gegenüber häufigeren Zusammenballung der Bevölkerung in den Großstädten und Industriezentren mit ihrer besonders hohen Arbeitslosenzisfer naturgemäß die größten Unruhe- Herde auch in Preußen liegen. Die ohnehin in diesen Zentren vorhandene Schärfe der politischen Gegensähe ist aber aus das bedauerlichste und unerträglichste dadurch gesteigert worden, daß entgegen den dringenden Warnungen fast aller Länderregierungen, die in den Er- fahrungen ihrer langjährigen Polizeipraxis begründet waren, von der Reichsregierung da» ll n i f o r m v e r b o t für die sich nicht nur in Preußen durch ihr gewalttätige» vorgehen aus- zeichnenden SA.-Formalionen der Ralionalsozialistischen Partei aufgehoben und damit der Kampf auf den Straßen auf« neue entfesselt wurde. Das Verlangen, die preußische Staatsregierung habe grund- nun holt zum letzten schlage aus! Wähler und Wählerinnen! Am Sonntag schmiedet das deutsche Volk sein künftiges Geschick. Ein Wahlkampf unerhört, wie ihn die deutsche Geschichte noch nie erlebt, liegt dann hinter uns. Millionen Männer und Frauen standen als begeisterte Streiter in der Eisernen Front. Die drei Pfeile waren das Symbol unseres Kampfes: Aktivität, Disziplin, Einigkeit. Es gehl um die Freiheit! Hunderte unserer Mitkämpfer haben ihre Treue im Kampfe für die Freiheit mit ihrem Blute bezahlt. Kein Terror, keine Drohung, keine Lockung vermochte sie irre zu machen. Nun steht ihr am Sonntag am Amboß der Zeit; im Zeichen der Eisernen Front unter dem Banner der Sozialdemokratie. Sie kämpft für politische Freiheit, wirtschaftliche Sicherheit und geistige Erneuerung. Sie kämpft für Abwehr eines Schreckensregiments, das politische Abenteurer mit dem Golde ihrer Gönner aufrichten wollen. Sie kämpft für die Wohlfahrt der Millionen Hilfsbedürftiger und Bedrängter, für die Opfer der Krise und der Arbeit, für die Kriegsbeschädigten, für alle Alten, Schwachen und Armen. Der Staat darf nicht zu einer Wohlfahrtsanstait der Großkapitalisten, der Bankfürsten und der ostelbischen Großgrundbesitzer werden. Heraus zur Entscheidung! Der Stimmzettel ist jetzt der Kammer in eurer Hand. Gebraucht ihn! Rüttelt die Gleichgültigen, die Irregeführten, die Verzagten auf! Reißt sie mit eurer Begeisterung fort! Formiert die Einheitsfront des kämpfenden Volkes im Zeichen der Eisernen Front: Aktivität, Disziplin, Einigkeit! Schlagt die Reaktion! Die Banner hoch! Vorwärts und durch! Freiheit! b eriin, den 27. luii 1932 Die Reichskampffleitung der Eisernen Front i Sm Große Kundgebung der Eisernen Front im FinrflPVl AimPII III MpHll fl|| III Stadion Leinestraße• Robert Breuer und I IUI UUI MpliUI III IlLUliUlllla Siegmund Crummenerl werden sprechen Gayl droht mit Gewalt. Entwürdigender Zwischenfall im Reichsrat. lAtzlich und von vornherein die Anhänger der Kommunistischen Partei anders als die. der Nationalsozialistischen Partei zu behandeln, ividorspricht der Reichsversassung, die nur Staatsbürger einerlei Hechts kennt, die aber eine Regierung allerdings verpslichtct, gegen jede Person, die die Gesetze verletzt, gleichviel zu welcher Partei sie sich bekennt, mit allen Machtmitteln einzuschreiten. Daß durch ein solches Vorgehen des Staates die Nationalsozialisten bei be- waffneten und gewalttätigen Störungen der Ruhe und Ordnung ebenso in die Schranken des Gesetzes zurückgewiesen werden müssen wie die Kommunisten, sollte sür jeden verantwortungsbewußten Staatsmann selbstverständlich sein. Das um so mehr, als nicht, wie Sie, Herr Reichskanzler, in der Rundfunkrede sagten, allein die Kommunisten„Gewalt und Mord in den politischen Kampf hinein- getragen haben". Die von rechtsradikaler Seile verübten Mordtaten an den deutschen Reichsministern Erzberger und R a t h e n a u, die verabscheuungswürdigen Fememorde und ungezählte andere politische Bluttaten sind in der Erinnerung des deutschen Volkes selbst in unserer schnellebigen Zeit denn doch noch zu frisch, um eine solche Behauptung als begründet erscheinen zu lassen. Die unaufhörlichen Drohungen mit„köpserollen" und allen anderen möglichen Todesarten für politische Gegner, die seit Pahren ungestraft von prominenten nationalsozialistischen Führern, die die Reichsregierung für verhandlungssähige Partner hält, in voller Oessenllichkeil ausgestoßen worden sind und werden, haben winde st ens in demselben Maße wie verabscheuenswerte kommunistische Roheitsakle und Bluttaten das politische Leben Gesamtdeutschlands vergiftet. Wie ist es sonst zu erklären, Herr Reichskanzler und Reichs- kommissar, daß auch jetzt unter der Herrschast dts Reichs- kommissariats täglich und nächtlich nationalsozialistische-Uehersälle auf Leben und Eigentum Andersdenkender zum Teil'mit bewaffneter Hand verübk werden? Ich stelle ferner fest, daß es unrichtig ist, wenn Sie, Herr� Reichskanzler, am Schluß Ihrer Rundfunkrede erklärten, daß die Selbständigkeit des Landes Preußen im Rahmen der Reichs- uerfasfung nicht angetastet werde. Das Recht auf Bestellung der oerfassungsmäßigen Landesregierung durch die Wahl des Minister- Präsidenten steht ausdrücklich und ausschließlich dem Preußischen Landtag zu. Dieses Recht des preußischen Staatsvolkes, durch seine gewählten Vertreter seine sreistaatliche Regierung zu bestimmen. > a n n, solange die Reichsverfassung und die Verfassung des Landes Preußxn respektiert wird, nicht außer Kraft gesetzt werden. Sie, Herr Reichskanzler, haben diesen Eingriff in den bundesstaatlichen, durch die Reichsverfassung gewährleisteten Cha- rakter des Reiches unternommen. Auf Ihnen, als dem einzigen staatsrechtlich Verantwortlichen, liegt daher die ganze Wucht dieser Verantwortung. Pch fasse zusammen: Die von Zhnen in Ihrer Rund- funkrede zusammengetragenen Argumente sind nicht ausreichend. um Mahnahmen zu erklären oder zu begründen, die nur als widerrechtliche Eingriffe in die Regierung und Der- waltung eines deutschen Landes bezeichnet werden können, das stets die Reichsgesetze musterhaft ausgeführt, die össenlllche Ruhe und Ordnung in schwersten Zeilen gewahrt und durch seine Unlerslühung der Politik der Reichsregierung sehr stark dazu beigetragen hat, diejenigen außenpolitischen Fortschritte zu erkämpfen, die wir in den letzten Zähren in mühsamer und hartnäckiger Arbeil zu verzeichnen hatten. Eine Erklärung sür Ihr vorgehen kann ich deshalb nur in rein politischen Gründen erblicken, die durch die Verfassung nicht gedeckt werden. Durch die von der Reichsregieruno getroffenen Maßnahmen ist vielmehr nach jedem unbeeinflußten Rechtsempfinden die Per» ' a s s u n g des Deutschen Reiches wie des Freistaates Preußen v e r- letzt worden. Di« Einheit des Reiches, das wertvollste Gut des deutschen Volkes, das wir uns 1918 durch die Begründung des demokratischen Voltsstaates nach dem Zusammenbruch des Dynastien- paates erhalten konnten, ist durch diese unberechtigten Eingriffe auf daz äußerste gefährdet. Nur die vorbildliche Disziplin und Besonnen- heit der republikanischen Parteien hat uns bei diesem, von schweren Eingriffen in die staatsbürgerliche Freiheit begleiteten, nach meiner Auffassung verfassungswidrigen Vorgehen vor Blntver- gießen und Bürgerkrieg bewahrt. Ihre staatsrechtliche Ver- antwortung als gegenzeichnender Reichskanzler wie Ihre histo- rische und politische Verantwortung für das Geschehene und für das, was aus dem verübten Unrecht noch weiter Nachteiliges und Gefahr- drohendes für das deutsche Volk entstehen kann, vor unserem Volk und vor der Welt festztrstellen, ist meine Pflicht als von der Volks- Vertretung gewählter, verfassungsmäßiger, von Ihnen widerrechtlich an der Ausübung seines Amtes verhinderter Ehef der preußischen Staatsregierung. Soviel an Sie, Herr Reichskanzler! An meine Partei- genossen und an alle Republikaner aber richte ich die dringende Bitte, trotz unserer sich gegen da» uns angetane Unrecht aufbäumenden Empörung weiter ruhiges Blut zu bewahren. Nachdrücklicher als alle Rechtsverwahrungen und Ein- spräche, vor allem aber als jede Auflehnung gegen die augenblicklich herrschende Gewalt wird der ruhige und überlegte prolest wirken, mit dem w i r am ZI. Zuli unsere Treue zur versassung und zum freien Volksstaal bekunden und jedem weiteren gefährlichen Experiment den Boden entziehen. Der Ausgang der Wahl muh der Reichsregierung beweisen. daß auch ein sich auf Argumente der Macht stützendes Vorgehen unblutig an dem moralischen Widerstand eines Volkes icheitern kann, das nicht gewillt ist, auf. seine junge Freiheit zu ver- lichten und das sich durch- n i e m a n d e n, wer es auch sei, in politische Unfreiheit und Rechtlosigkeit zurückwerfen lassen wird! Otto Brauu, Preufiisdier Ministerpräsident. Wahlmanöver von rechts. Die Ausgaben der preußischen Ziegierung. Die Rechtspresse hat am Mittwoch begonnen, ihre letzten Wahl» bomben platzen zu lassen. Sie bringt„Enthüllungen" über an- gebliche Aufwendungen der preußischen Regierung zu Wahl- zwecken. Der„Angriff" fordert zur Wahl der Liste 2 auf mit der Behauptung, die preußische Regierung habe Steuern„erpreß t", um das Geld„zu parteipolitischen Zwecken scheffelweise hin- auszuwerfe n". Beschuldigungen viel weniger massiver Art, von einem Linksblatt erhoben und gegen die Reichsregierung gerichtet, würden zweifellos ein Verbot des Blattes zur Folge haben.— In diesem Falle jedoch wird amtlich gemeldet, daß ein Ministerial» Direktor von dem Staatsministerium und ein Ministerialrat aus dem preußischen Innenministerium„mit der Feststellung des Tatbestan- des" beauftragt wird. Bis zur Erledigung dieses Auftrags wird die Rechtspresse weiter versichern, daß der Kaviar, der bekanntlich das einzige Nahrungsmittel der„roten Bonzen" bildet, aus Steuer- geldern bezahlt worden ist. O Genosse Cr i s p i e n hat in einer Rede auf die Unterstützung hingewiesen, die die deutsche Sozialdemokratie bei der gesamten In einer Aueschußsitzung des Reichsrats spielt« sich am Mitt« wochnachmittag ein beschämender V o r s a l l ob. Er steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Aktion der Popen- Regierung gegen die preußische Staatsregierung And zeigt, daß die gewaltsam ihres Amtes enthobenen preußischen Minister nicht gewillt sind, sich mit der Papen-Aktion auch nur einen Augenblick abzufinden. In der Ausschußsitzung des Reichsrats war für die nach wie vor allein zur Vertretung Preußens berechtigte preußische Staats- regierung der stellvertretende preußische Ministerpräsident Dr. Hirt- s i e f e r erschienen. Der Reichsinnenminister Freiherr von Gayl erklärte deshalb, daß er in Gegenwart Hirtsicfers die Verhand- lungen nicht eröffnen werde. Als Minister hirtjieser unbekümmert darum im Saal verblieb. drohte Reichsinnenminister von Gayl, ihn mit Gewalt aus dem Saal entfernen zu lassen. Minister Hirtsieser legte namens der preußischen Staatsregierung schärfste Verwahrung gegen diesen neuen Gewaltakt der Reichs- regierung ein. Er verließ dann die Sitzung, um dem Reichsrat dos entwürdigende Schauspiel eines solchen Rechtsbruches zu ersparen. Am Mittwochvormittag war bereits in einer Geschäftsordnungs- debatte im Reichsrats-Ausschuß für die Invalidenversicherung eine formelle Rechlsverwahrung von den meisten Ländern gegen die Ausschußverhandlungen eingelegt worden, weil die preußischen Stimmen durch die Reichsregierung in- st r u i e r t werden. In der Ausschuh-Sitzung am Nachmittag, in der die Richtlinien der Reichsregierung für den Rundfunk beraten werden sollten, wiederholten zunächst Bayern und später auch die Vertreter anderer Länder diese Rechtsoerwahrung. Sie betei- ligten sich jedoch an der sachlichen Beratung der Rundfunk-Richt- linie. Aber fast a l l e Länder protestierten gegen die von der Reichsregierung beantragte Zentralisierung und einseitige Politi- sierung des Rundfunks im Sinne der Nazi-Barone. Internationale findet. Daraus macht die Rechtspresse, die Wahl- agitation der Sozialdemokratie werde von Franzosen und Polen bezahlt! Wenn das schon am Mittwoch vor dem Wahltag so zugeht, so reicht die kühnste Phantasie nicht mehr, sich vorzustellen, was gar erst am Sonnabend„enthüllt" werden wird! Haubach amtsenihoben. Neuer Pressechef im Polizeipräsidium. Der Leiter der Pressestelle im Berliner Polizeipräsidium. Genosse h a u b a ch. ist heule vom Polizeipräsidenten TN e l ch e r von seinen Dienslgeschäften entbunden worden. An seine Stelle tritt bis auf weiteres Reglerungsrot Dr. Bloch. Der noch aus einige Jahre lautende Dienstverlrag Dr. haubachis wird durch seine Entlassung nicht berührt. vor den Verhandlungen im Reichsrat lieh die Regierung der Razi-Barone den TNilglledern der Regierung Braun mitteilen. daß sie ihrer Funktionen als Bevollmächtigte Preußens zum Reichsrat enthoben seien. An Stelle des Ministerpräsidenten. Braun und der Staatsminister hat die Papen-Regierung die zu kommissarischen Ministern er- nannten Staatssekretäre als Bevollmächtigte zum Reichsrat bestellt. Die Mitglieder des Kabinetts Broun haben die ihnen zugegangene Mitteilung mit einer Rechtsver- Währung beantwortet. Von dem neuesten Gewaltakt der Papen-Regierung wird die verfassungsmäßige Funktion des Reichsrats erheblich be- troffen. Der Relchsral soll nach der versassung ein selbständiger Faktor der Gesetzgebung sein. Nach Artikel 69 bedarf die Einbringung von Gesetzesvorlagen der Reichsregierung der Zustimmung des Reichsrote?. Kommt eine Uebereinftimmung zwischen der Reichsregierung und dem Reichsrat zustande, so kann die Reichsregierung die Vorlage gleichwohl einbringen, hat aber hierbei die abweichende Auffassung des Reichsrats wahrzunehmen. Der Reichsrat hat ferner ein E i n- spruchsrecht gegen Gesetze, die vom Reichstag beschlossen worden sind. Jedes Land hat im Reichsrat mindestens eine Stimme, bei den größeren Ländern entfällt auf 799 999 Einwohner eine Stimme, wobei ein lleberschuß von 359909 Einwohnern 790 990 gleichgerechnet wird. Ilm eine Majorisierung der anderen Länder durch Preußen zu verhindern, ist in der Verfassung auf- genommen worden, daß kein Land durch mehr als zwei Fünftel aller Stimmen vertreten sein darf. Diese verfassungsmäßigen Bestimmungen sind von Herrn von papen selbstherrlich außer Srasl gesetzt worden, indem er die preußischen Stimmen als Reichskommissar instruiert und damit als Reichskanzler entgegen dem klaren Tvortlaut der Verfassung zugleich einen Teil der Funktionen des Reichsrats übernommen Hot. Jetzt die Landräte. Zehn neue Posten für die Reaktion. Das n e ue System in Preußen hat beschlossen, bei zehn Landratsstellen eine Neubesetzung vorzunehmen. Die amtliche Mit- teilung hierüber erfolgt am Donnerstag mittag. Ein Toter in Köln. Wie die.Kölnische Zeitung" meldet, kam es in ver- gangener Nacht am Ortsausgang von Oberwiehl zu schweren Aus- einandersetzungen zwischen fünf Mitgliedern der Eisernen Front, die Wahldrucksachen verteilten, und mehreren Nationalsozialisten. Dabei wurde ein Nationalsozialist erstochen und ein zweiter so schwer verletzt, daß er ins Krankenhaus gebrocht werden mußte. Fünf Leute der Eisernen Front und ein Nationalsozialist wurden verhaftet. Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt. Sei den Opfern des Zelagerungszustandes. Eine Ltnterf ednng mit Polizeimajor Encke und Reichsbannerkamerad Earlbergh. Am 22. Juli 1932, am dritten Tage des über Berlin und Brandenburg verhängten Belagerungszustandes, find der Polizei- kommonbeur von Berlin, Heimannsberg, der Polizeimajor Encke und der Charlottenburger Reichsbannerführer Carl» b e r g h aus dem Bett heraus verhaftet worden. Heimannsberg und Earlbergh wurden am Abend desselben Tage», weil aste Be- schuldigungen gegen sie zusammengebrochen waren, wieder freige- lassen. PolizeimajorEnck« kam erst nach der Aushebung de? Belagerungszustandes wieder in Freiheit. Es ist bekannt, daß die Verhaftungen von Heimannsberg. Encke und Carlbergh auf die Denunziation eines Polizei, Wachtmeisters Schuhmacher hin erfolgt sind. Am 23. Juli abend» verkündet« der MUitärbefehlshober:„Die Ermittlungen gegen den Polizeimajor Encke geben Anlaß zur Einleitung einer strafrechtlichen Verfolgung." Einer unserer Mitarbeiter hotte gestern Gelegenheit, mit Major Encke und Kamerad Carlbergh zusammen zu sein. Er fragte Major Encke:„Wie denken Sie über das gegen Si««in- geleitete Strafverfahren?" Polizeimajor Encke ant- wartete: „Bei diesem Strafverfahren, dessen baldige Durch- führung ich dringend wünsche, kämpfe ich um den Begriff des Rechts schlechtweg. Mein Kampf bedarf keiner Stützung durch politische Parteien, er geht um die Begriffe von Recht und Anständigkeit. In diesem Kampfe obzusiegen, bin ich fest überzeugt, uns erst wenn dieser Kampf um Recht und Anständigkeit erfolgreich bestanden ist, wind es Zxit fein, die politische Seite der Frage zu beleuchten." Auf die Frage, wie es denn möglich gewesen sei, daß ein Polizeioffizier auf die bloße Denunziation eines einzelnen unteren Beontten hin verhaftet werden konnte, meinte Major Encke: „Unter der Diktatur der Wehrmacht sind Gründe für«in« Schutzha-t sehr leicht zu finden. Es wird für mich eine um so größere Genug- tuung sein, zu erweisen, daß ein stichhaltiger Grund für meine In- Haftnahme nicht vorlag. Major Encke schnitt alle weiteren Fragen mit der Bemerkung ob: „�ch habe noch nie eine so gute Lache geführt, wie ich sie diesmal führe." Kamerad Carlbergh vom Reichsbanner Charlottenburg. wie Vlajor Encke alter Kriegsteilnehmer, durch den Weltkrieg eines Armes beraubt, fand starke Worte der Empörung über die Art, in der er in Haft genommen wurde. Er berichtete: „Um 4 Uhr früh wurde an unserer Tür geklingelt. Meine Frau ging an die Tür und schloß auf. Von draußen wurde gerufen: „Kr i m i n a l p o l i ze i!", und als die Tür aufgestoßen wurde, war die Sicherheitskette noch nicht gelöst.„Aufmachen, aufmachen!" er- tönte es, und es bedurfte, Sa einer der mit der Exekution Beauttrag- ten feine Hand hineingeklemmt hatte, längerer Zurede, um über- Haupt di« Sicherheitsketle lösen zu können. Dann kamen die Reichswehrleute und der Kriminalbeamte unter Führung emes Reichswehrleutnaitts zu uns herein." Earlbergh erzählte weiter, wie man ihm im Kommandoton zurief: „Sie haben zwei Minuten Zeit zum Anziehen?" Cgrlbergh tagte ruhig dem Reichswehrleuwant. daß er eiuarwlg fei und deshalb unter allen llmstäneen mehr Zeit zum Anziehen beanspruche. Dl« Antwort war:„Dann gebe ich Ihnen fünf Mi- nisten Zeit!" Carlbergh zog sich an, plötzlich aber rief ein Reichs- wehrfoldat:„Dom Balkon aus werden Lichtsignale gegeben." Was war geschehen? Auf dem Balkon der Wohnung de» Kameraden Earlbergh hängt eine Lampe. Abends wind die Birne herausgeschraubt, weil sie bei stärkerem Luftzug manchmal wieder anging. Auch an diesem Morgen war Wino und das Lampengestell schaukette hin und her. Das hotte der Reichswehr» mann im Schotten der Gardine gesehen, und min war die Aus- regung groß. Es bedurfte peinlicher Aufklärung, der Reichswehr- leutnant machte etn recht betretenes Gesicht, als er endlich die Auf klärung begriff. Aber die Folge war, oaß Kamerad Earlbergh ohne einen Pfennig Geld und ohne Uhr den Beamten folgen mußte. Di« Zeit, den Schwerverbrecher zu verhosten, der nachher, etwa 12 Stunden daraus, weil nach der amtlichen Mitteilung des Militär- befehlshaber«„der gegen Herrn Carlbergh bestehende Verdacht sich nicht ausreichend bestätigt hat", wieder entlassen wurde, reichte für die Mitnahme vün Geld und Uhr nicht mehr aus. Major Encke un-d Kamerad Carlbergh berichten beide, daß su» nachher in der Haft durch die Reichswehr mit großem Auoorkomm--- behandelt worden seien. Beide aber leiden unter dem gleichen kränkenden Gefühl, daß sie auf eine niederträchtige Denunziation hin ihrer Freiheit beraubt wurden. Major Encke ist übrigens nicht, wie gestern mitgeteilt wurde, vom Dienst suspendiert worden. Er wurde beurlaubt. Auch das» läßt Schlüsse für oder gegen die Stichhaltig- keit der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zv! Sechs Tage Militärdiktatur! Personen wie Schuhmacher und Korodi können anständige makelfreie Menschen wie Heimannsberg, Encke, Carlbergh und Breuer in peinliche Hast bringen. Die Zkbrechnung wird am 31. Juli folgen! Denunziant Korodi stellt Strafantrag. Der Denunziant Korodi, den wir im Zusammenhang mit der Verleumdung und Verhaftung unseres Genossen Robert Breuer mehrfach abgestraft haben, hat jetzt gegen den Genossen Viktor Schiff als verantwortlichen Redakteur des„Vorwärts" Strafantrag gestellt. Die Angst der Schuldigen. ÄrieswechselHugenberg-papen /AuchKerrl schreibt Je näher der 31. Juli rückt, desto größer wird die Angst der Schuldbewußten, desto toller werden ihre Sprünge. In der Provinz veranstalten die Nazis„Protestversammlungen" gegen die Hitler?Notverordnung. In Stuttgart haben sie eine neue einstweilige Verfügung erwirkt, die der„Tagwacht" ver� bietet, von einer Hitler-Notverordnung und von national- sozialistischen Rentenkürzungen zu schreiben. In Berlin aber verkündet der„Lokal-Anzeiger: in allergrößten Buchstaben: „P a p e n sagt Hugenberg Abänderung der Steuer-Not- Verordnungen zu." Seht, so sorgen die treudeutschen Deutsch- nationalen für da deutsche Volk! Kaum aber merken die Nazis das. so muß sich ihr K e r r l auch hinsetzen und auch einen Brief an Papen schreiben. Darin fordert er unter Segenssprüchen für die(Zewalthandlung vom 20. Juli die Aufhebung jener preußischen Notverordnung, deren Er- laß durch das Verhalten der Reichsregierung erzwungen worden ist! Der Briefwechsel Hugenberg— Papen hat offenbar den Zweck, die Wahlaussichten der Deutschnationalen zu ver- bessern, daher auch die Hast der nationalsozialistischen Kontur- renz. Aber auch darüber hinaus ist diese Korrespondenz außerordentlich aufschlußreich, zumal sie für die enge Ver- bundenheit der Rechtsparteien mit der Reichsregierung ein eindeutiges Zeugnis ablegt. Hugenberg erklärt, feine Partei habe nicht den Wunsch, dem Kabinett Schwierigkeiten zu be- reiten. Papen begrüßt es in seiner Antwort, daß seine Ar- best bei den Hugenbergern Verständnis finde, dann fährt er fort: Es ist mir völlig klar, daß die ersten Mahnahmen des Reichs- kabinetts zur Sicherung der öffentlichen Haushalte und zur Er- Haltung der Sozialoersicherung eine schwere Belastung für das Reichskabinett in der öffentlichen Meinung Deutschlands darstellen muhten. Bei der Lage, die das Reichstabinett nach llebernohme der Regierung vorfand, war aber zunächst lein anderer Entschluß möglich als der, die notwendigen Aufräumungsarbeiten ohne Zeitverlust und rücksichtslos durchzuführen. Erst nachdem die Rcichsregierung in der auswärtigen wie in der inneren Polstik, in sinanzieller wie in wirtschaftlicher Hinsicht, durch ihre bisherigen Handlungen die Auseinandersetzung mit dem Erbe der vorangegangenen Regierungen zu einem gewissen Abschluß gebracht hat, kann die Aufbauarbeit beginnen. Sie wird darin bestehen niiissen, aus dem bisherigen, mehr oder weniger unorganisch und unzusammenhängend entstandenen Notoerordnnngswerk eine nach einem einheitlichen Finanz- und Wirtschastsplan geregelte Neuordnung zu schaffen, durch die auch manche durch die vorangegangenen Notver- ordnungen herbeigeführten Härten zu beseitigen sein werden. Hand in Hand damit wird eine tief einschneidende B e r- waltungs- und Finanzreform gehen müssen, durch die sich die Kosten des Berwaltungsapparates der öffentlichen Hand auf das Maß verringern, das der Verarmung Deutschlands entspricht. Es ist selbstverständlich, daß in diesem Resormprogramm der Re- gierung auch die Regelung der in- und ausländischen Schulden eine wichtige Rolle spielen wird. Dre Reichsregierung ist mir Oer Bearbeitung aller dieser Fragen seit geraumer Zeit beschäftigt und wird in den kommenden Wochen ihre grundsätzlichen Maßnahmen zur Durchführung bringen. Von einer Milderung des Sozialabbaus, den die gewaltsam vertriebene preußische Regierung zu bekämpfen vexsuchte, ist in dem Briefwechsel nirgends die Rede; der Verdacht, daß die dunkel angekündigten Aenderungen dem Volke nur neue Lasten bringen werden, ist mehr als be- gründet. Es ist also keineswegs so, daß die angekündigten Taten der Regierung besser sein müßten als die schon voll- brachten, für die sie vergeblich die Verantwortung auf ihre Vorgänger abzuschieben versucht. Noch dunkler als die steuer- und sozialpolitischen An- kündigungen sind die wirtschaftlichen. Fast scheint es. als ob der Kampf gegen den Sozialismus mit einer großzügigen Expropriation der Gläubiger nach Hugenberg- schen Plänen und bolschewistischen Vorbildern begonnen werden sollte... Am allerdunkelsten aber bleibt, mit welcher künstigen Reichstagsmehrheit so weitreichende Pläne verwirk- licht werden sollen. Diese Regierung hat nach dem 31. Juli nicht einmal mehr die Möglichkeit, in verfassungsmäßiger Weise ihr Leben zu fristen! Sie ist schwerhörig. Das Volk wird am 31. Juli sehr laut rufen müssen, wenn sie ver- stehen soll, daß sie nichts anderes mehr zu tun hat, als zu verschwinden! 23 Lugendliche verletzt. SA.-lleberfalle bei Hannover. Hannover. 27. lluli. lEigcnberichl.) Eine Reihe sozialistischer und republikanischer llugendorganisa- «ionen Hannovers veranstaltete am Sonnlag eine Erwerbslosenwanderung in die Heide. 3n den Dörfern sollten Exemplare des „Volkswille" und anderes propagondamaterial verleilt werden. Die Teilnehmer der Wanderung wurden jedoch wiederholt von SA.-Leuten überfallen. 2Z Zugendliche wurden ver- lehl. darunter sünsziemlich erheblich. Als einige der Trupps auf einer Chaussee vor Mandelsloh durch nachkommende Motorradfahrer verpflegt werden sollten, wur- den sie von der aus den umliegenden Dörfern zusammengezogenen SA. überfallen und in Gegenwart eines Land- jägers erheblich verletzt. Immer wieder wurde der Zug von SA. oerfolgt, ohne daß der Landjäger von Mandelsloh singe- schritten wäre. Durch Motorradstaffeln und Privatwagen hatten die Nazis die SA. des ganzen Kreises alarmiert: sie setzten sich in ollen Dörfern fest und verübten Ueberfälle, sobald ein Gegner ficht- bar wurde. Die Propagandakolonnen mußten schließlich durch die Heide flüchten, bis Landjäger aus Mellendorf und Biff-ndorf ein- trafen und sie vor der SA. schützten. In Hellsdorf war die Heber- macht der Nazis so stark, daß dort ein Trupp unter Zurücklassung der Fahrräder fliehen mußte. Insgesamt fielen den Rowdys 18 Fahrräder und ein Motorrad mit Beiwagen in die Hände. Das Material konnte jedoch später durch die Polizei sichergestellt werden. Linter Brüdern „Stahlhelm verrecke!" „Nicht wahr, das meinen die Herren doch gar nicht böfe?" Generalalarm der braunenBanden Mobilmachung für die Wahlnacht. Der Reichswehrminister. General v. Schleicher, hat am Dienstag in seiner Rundfunkrede erklärt: „Ich bin der Meinung, daß das Vorhandensein einer geschlossenen und überparteilichen Wehrmacht allein schon genügen muh, um die Autorität des Reiches vor jeder Erschütterung zu bewahren... Ich werde auch nicht dulden, daß die Wehrmacht die ihr im Staate zu- gewiesene Stellung mit irgend jemand teilt, und daß sich private Organisationen ihre gesetzlichen Funktionen anmaßen." Wie vertragen sich die Worte des Herrn v. Schleicher mit den immer häufiger werdenden Meldungen über Z u» sammenziehungen der SA.- Truppen? Diese Meldungen sind so hieb- und stichfest, daß sie von nie- mandem bestritten werden können. Wir sind in der Lage sie mit einer ganzen Reihe von Dokumenten zu belegen. Au? ihnen erwähnen wir einen an die SA. und SS-. Stuttgart. 'ergangenen„Standarten- und Sturmbefehl". in dem für die gesamte SA- und SS„h ö ch st e Alarmbereitschaft" für den 31 Juli angeordnet wird ustp Wir zitieren lpeitpr die durch Kurierdienst SA. Stand- 1/120. SS- Stand- 13. von München übermittelten Befehls„an Sturmbann» und Sturmführer",„an die Führer",„an die Abschnitte", in denen über die„Bewaffnung und Ausrüstung der SA. und SS." genaue Meldungen oerlangt werden'. Befehle. durch die die Motorstürme mobil gemacht werden; Befehle, die angesichts der Wahl sofort jeden Urlaub für SA. und SS. sperren und nur die Abwesenheit im Todesfall eine? Angehörigen oder zum Besuch eines schwererkrankten Familienmitgliedes gestatten. Wörtlich heißt es in dem Befehl: „Ich verlange, baß dieser Befehl restlos durchgeführt wird. Jeder Führer haftet mir für die Einhaltung dieses Befehls. Tie 10 Proz. Stärke der SS. im Verhältnis zur SA. wird auf IS bis 20 Proz. festgesetzt. Es sind beson- ders zuverlässige Leute aus der SA. an die TS. zu über» schreiben. Meldung bis spätestens 2S. Juli über die Dienststellen zur Reichsleitung. Unterschrift Stand. 13. gez. Zeller." Dürfen wir den Herrn Reichswehrminister fragen, ob er glaubt, daß diese Vorbereitungen und Anordnungen einer „privaten Organisation" in Einklang zu bringen sind mit der Autorität des Reiches? Eine baldige Antwort auf diese Frage liegt um so mehr im öffentlichen Interesse, als die Arbeiter- schaft keineswegs gewillt ist, von dem Generalalarm der Bürgerkriegsarmec des Herrn Hitler lediglich Kenntnis zu nehmen! Oer Herr Ministerpräsident. Sin Ztöver übt sich in dunklen Drohungen. In der Kassier Stodthalle sprach der oldenburgische Minister» Präsident, der Natisnaksozialist Rover. Er oerstieg sich debe, ayf dunkle Drohungen und führte u. a aus: „Somml die Wendung nicht zu unseren Gunsten, steht e» aus keinem Blatt geschrieben, was dann kommt. Zch befürchte, wenn der Nationalsozialismus nicht über den Berg kommt, daß dann allerhand eintreten kann. Zn Oldenburg sind wir Sieger geworden, jetzt heult die ganze Zsieute Landesverräter, von denen man einige kaltgestellt hat."(So sagte Oldenburgs Minlsler- Präsident wörtlich.) Und weiter:..Sie sollen nur nicht glauben. daß man schon am Ende sei: es geht erst los. die Burschen werden noch was erleben, wenn Hitler an der wacht ist."„wir sagen euch, euch wird nichts geschenkt, ihr Lumpen und Volksverräter."—„Zch garantlere diesen Schweine. Hunden, daß sie gehenkt werden, und wir werden sie so lange hängen lassen, bis die krähen sie gefressen hoben. Das mag grausam sein, aber der nächste soll sich überlegen, ob er daneben hängen will." Dieser Rover ist der letzte, der durch dunkle oder weniger dunkle Drohungen bange machen kann. Es ist aber bemerkenswert, welche Reden ein nationalsozialistischer„Ministerpräsident" im preußischen Staatsgebiet holten darf, ohne in Schutzhast genommen zu werden! Eine juristische Glanzleistung. Die Begründung einer einstweiligen Verfügung gegen die „Schwäbische Tagwacht". Stuttgart. 27. Juli.(Eigenbericht.) Die dritte Ferien-Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart hat am Mittwoch auf Antrag Hitlers ein« einstweilige Berfü- gung gegen die„Schwäbische Tagwacht" erlassen, durch die ihr sowie zwei in der Verfügung mit Namen genannten Re- dakteuren des politischen Teils der Zeitung verboten wird,„bei Vermeidung der gesetzlich bestimmten Strafen für jeden Fall der Zuwiderhandlung, nämlich Geldstrafen in unbestimmter Höhe, eventuell Hast bis zu sechs Monaten, die in Nr. 67 der„Schwäbi- schen Tagwacht" vom'26. Juli 1332 mit der Ueberschrift„Preu- ßens Hungerdiktat" enthaltenen Behauptungen„national- Wo sieht man die meisten Hakenkreuzfahnen? In den Vierteln der Bourgeoisie. Wo begegnet man den meisten Braunhemden? In den südwestlichen Vororten, wo es am wenigsten Arbeitslose gibt. Wo parkton Tausende von Luxusautos? Am Mittwoch abend vor dem Stadien, als Hitler und Goebbels sprachen. Die NSDAP, ist d i e bürgerliche Partei Deutsehlands. Daß sie sich eine„sozialistische" und eine „Arbeiter"<-Partei nennt, ist ein schamloser Betrug, auf den nur die Dümmsten hereinfallen können. sozial rstische Unterstützungskürzungen",„Hitler-Notverordnung" in irgendeiner Form zu veröffentlichen." In der Begründung dieser einstweiligen Verfügung heißt es: „Nach den Umständen liegen keinerlei Anhallspunkte für die An- nähme vor, daß die Behauptungen, die geeignet sind, den Antrag- steller und dessen Partei verächtlich zu machen und in der öffent- lichen Meinung herabzuwürdigen, der Wahrheit entsprechen. Viel- mehr ist aus versassungsmäßigen Erwägungen ohne weiteres glaub- Haft, daß der Antragsteller oder dessen Partei bei dem Zustande- kommen der in Frage komnienden Notverordnung nicht mit- gewirkt(!) haben." Das ist wieder einmal«ine juristische Glanzleistung ersten Ranges. Selbstverständlich hat Hitler nicht in der Reichs- kanzlei gesessen, alz dort am 14. Juni die Hunger-Notverordnung der Regierung Papen das Licht der Welt erblickte. Bon einer„Mit- Wirkung" in rein staatsrechtlichem Sinne hat selbstverständlich auch niemand gesprochen. Aber es pfeifen in Deutschland allmählich samt- liche Spatzen von den Dächern, daß die Regierung Papen und Herr Hitler politisch« Geschäfte auf Gegenseitigkeit machen, daß von Papen das aus Gründen der Staatssicherheit er- lasiene Verbot der Privatarmee Hitlers, das Perbot des Uniform- tragens und der Straßendemonstrationen ausgehoben hat. und daß Herr Hitler dasür in diesem Wahlkamps nicht gegen Papen und seine Notoerordnung, sondern gegen die Parteien kämpft, die diese Notoerordnung wieder beseitigen und das Kabinett stürzen wollen. Die beiderseitige Bundesgenossenschaft liegt klar zutage. „Thüringer volksblalk" aus zehn Tage verbalen. Das in Er- furt erscheinende„Thüringer Volksblatt", das kommunistische Organ Thüringens, ist vom Oberpräsidentxn der Provinz Sachsen a u s zehn Tage verboten worden. Sonnlagedienst am Versassungslag. Nach einem Beschluß der Reichsregierung wird am Bsrfassungstage in der Rcichsverwaltung durchgängig Sonntagsdienst gehalten. Generaldirektoren! Wirischastsverbrecher und Wirischastszerstörer vor Gericht. Getarnte Regierungsparteien. Wer Papen schlagen will, wählt Liste 1! „W i e wählt man Papen?"— Die Tatsache, daß ein hundertprozentig auf die Regierung Papen-Schleicher eingeschworenes Blatt, die schwerindustrielle„DAZ.", acht Tage vor den Wahlen so fragt, ist das deste Symptom für eine verlogene Wahlmache. Wer hat bei früheren Wahlen gefragt:„Wie wählt man Hermann Müller, wie wählt inan Brüning, wie wählt man Stresemann?" Jedem nicht gänzlich verrannten Wähler muß ein auf- s ä l l i a e r U n t e r s ch i e d zwischen dieser Wahl und allen ihren Borgängerinnen, ja man kann sagen zwischen dieser Wahl und allen Wahlen der Weltgeschichte in die Augen springen: Bei jeder Wahl spielte sich bisher der Wahlkampf ab zwischen Regierungsparteien und Oppositionsparteien. Die eine Seite verteidigte die Politik der Regierung, die andere bekämpfte sie. Silber wie ist es jetzt? An Oppositionsparteien gegen das Baronskabinett ist kein Mangel— aber w o find die Re- gierungsparteien? Scheinbar— wohlgemerkt— > ch e in bar gibt es keine. Nicht eine einzige Partei hat den Mut, sich offiziell zur Regierung von Papen zu bekennen. Als einziges organisationsmäßiaes Fundament der Barons- regierung ist bisher in die Erscheinung getreten— der Herrenklub im Berliner Tiergartenviertel! Aber der stellt bei den Wahlen keine Kandidatenlisten auf. Es dürfte nicht ganz zureichen. Dabei muß man sich erinnern, daß die Regierung von Papen diese Wahlschlacht schlägt, nachdem sie einen Reichstag aufgelöst hat, weil sie voraus wußte, daß sie in diesem Reichstag kein Bertrauensvotuin, keine Regierungsmehrheit erlangen würde. Eine solche Reichstagsauflösung hat doch nur oinit und Zweck, wenn die Regierung im neuen Reichstag für sich eine Mehrheit erwartet. Aber woher soll die Mehrheit kommen, wenn im Wahlkampf eine für die Regierung Stimmen werbende Partei über- Haupt nicht auf dem Platte erscheint? Der einfachste Verstand sagt sich: Hier stimmt etwas nicht, kann etwas nicht stimmen. Und in der Tat. es stimmt etwas nicht. Es gibt selbstverständlich in diesem Wahlkampf Regierungsparteien. Regierungsparteien find die Parteien Adolf Hitlers und Alfred Hugenbergs, die Sll a t i o n la l f o z i a l i ft e n und die Dcutfchnatio- n a l e n. Sie haben sich nur— wir leben ja im Zeitaller Militärischer Begriffshildungen— oppositionell getarnt. Dies ist vielleicht das tollste und verwegenste Spiel, das je in einem Wahlkampf mit dem Volk gespielt worden ist: Die stärkste Regierungspartei vermummt sich als Opposition: denn darüber kann kein Zweifel sein: die Nationalsozialistische Partei, die Partei Adolf Hitlers, ist in diesem Wahlkampf nicht Oppositions-, sondern Regierungspartei. Statt all der schon vorgebrachten Beweise ein einziges Symptom: Wie ging es doch in Preußen? Der Nazipräsident K e r r l schreibt einen Brief an Herrn von Papen. 2\ Stunden darauf ist die preußische Regierung, wie der Brief es verlangt, abgesetzt und ein Reichskommissar über Preußen eingesetzt. Das' heißt dann: wir haben nichts miteinander zu tun! Gar nichts,— nur eine ganze Kleinigkeit: Hitler kommandiert, Papen exekutiert! Man muß sich fragen: Für wie dumm schätzt Hitler eigentlich das Volk ein, wenn er meint, diese Zusammen- hänge würden nicht bemerkt. Allerdings: dadurch, daß der „Vorwärts" verboten wird, weil er dieses Zusammenspiel karikaturistisch demonstriert, oder dadurch, daß man zum Gericht läuft und eilte der berühmten„Einstweiligen" erwirkt, die es der Arbeiterpresse bei Strafe untersagt, von einem Kabinett„Hitler-Papen" zu reden— dadurch wird die Volksaufkläruug nicht verhindert, sondern beschleunigt. Der Manit aus dem Volke sagt sich einfach, daß er im kleinen Finger mehr politisches Urteilsvermögen hat als gewisse Juristen in ihrem studierten Schädel! In diesem Wahlkampf kommt es nur auf eines an: Herrn Hitler feine oppositionelle Tarnkappe vom Kopf zu nehmen. Nur sie schützt ihn vor Angriffen. Der Tarn- kappe beraubt, erliegt Hitler jedem Angriff, ohne oppo- sitionelle Tarnkappe ist Hitlers Zugkraft und Popularität genau gleich der des S ch l e i ch e r- P a p e n- K a b i n e t t s. Weil dies die Re- gierung Papen weiß, darum gestattet sie ihrem Trabanten gnädigst, in oppositioneller Tarnung ein Scheingefechtlein gegen�sie zu führen, oder vielmebr: gegen sich selber zu führen! � Für das arbeitende Deutschland existiert allerdings die Frage nicht„Wie wählt mair Papen?" Um so brennender ist die Frage:..Wie schlägt man Papen?" SWie schlägt man die Regierung, die den Abbau des Wohl- fahrtsstoates zuungunsten der Armen zum obersten Grundsatz erhoben hat? Wie schlägt man die Regierung, die zwar nicht Subventionen an Industrie, Banken und Groß- grundbesitz, wohl aber die ausreichende staatliche Unterstützung der unverschuldet Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen für un- moralisch hält?— Antwort: Man schlägt Papen. indem man die getarnten Papen-Parteien schlägt. Wer Papen schlagen will, der schlage Hitler? Dortmund,'27. Juli.(Eigenbericht.) In dem Prozeß gegen die Generaldirektoren der Per- einigten Elektrizitätswerke Westfalen in Dortmund fällte das Gericht nach vierwöchentlicher Perhandlung das Urteil. Generaldirektor Krone erhielt wegen Un- treue in vier Fällen ein Jahr Gefängnis, Generaldirektor Fischer wegen Untreue in zwei Fällen Ist Monate Gc- fängnis. Peidc wurden außerdem noch zu je KOltO M.(?!) Geldstrafe verurteilt. Krone und Fischer können sich nicht beklaaen, zu hart an- gesaht worden zu sein. Ihr Fall rundet das Bild von den„Wirt- schaftsführern" ab. Diese Dortmunder Generaldirektoren sind würdige Kollegen der Gebrüder Lahusen, der Kotzenellcnbogen und Favag-Direktoren. Ihr Leben und Treiben ist eine einzige Wider- legung der vom Großkapital ausgestreuten Lügen, dah Gewerkjchas- tcn und Sozialdemokratie die Wirtschast ruiniert hätten. Wer die Wirtschaft ruinierte, zeigt treffend die Begriindung des Dortmunder Urteils. Erschwerend falle— so heißt es in der Urteilsbegründung— für die Angeklagten ins Gewicht, daß ihnen als Generaldirektoren eines der größten deutschen Elektrizitätswerke eine Vertrauensstellung ungewöhnlichen Ausmaßes gegeben worden fei und ihnen mit diesen Posten eine außerordentliche wirtschaftliche Vorniachtstellung an- vertraut gewesen wäre. Die Angcklaglen seien aber in geradezu unglaublicher weise mit den Geldmitteln der Allgemeinheit umgesprungen und hallen ein unerhört luxuriöses Leben geführt. Die beiden Generaldirektoren richteten sich ganz nach dem Gebaren der rheinisch-westsälischen Industriemagnaten, sie waren Lehrlinge der Vögler und Thyssen, der schwerkapita- listischen Geldgeber der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei und zwar in einem solchen Ausmaße, daß selbst ein Direktor der Vcr- einigten Stahlwerke als Sachverstöiidiger erklärte, daß ein der- Die Unterstützimgsrichtsätze ab 1. Augrist 1932 sind folgende: Der Alleinstehende 39 M. monatlich, das Ehepaar 56 M. Ab 1. August werden die Sozialrcnten dementsprechend gezahlt werden, d. h., bei allen Sozialrentnern erhöhen sich die Zuschläge der Wohlfahrt in Höhe des Abzuges. Ein Ebevaar, das noch dem ersten Beispiel 42 M. Altersrente bezieht, erhält ob 1. August durch die Post— ohne besonderen Antrag— 14 M. (Differenz zwischen 56 und 42 M.) Sehr wenige Sozialrentner nehmen das Recht auf Stellung eines Mietausglcichsantragcs wahr. Im llnterstützungs- saß für Juli von 49 M. für Alleinstehende sind 12 M., in dem für Ehepaare von 57,50 M. sind 17,25 M. für Miete enthalten. All- gemein wird mit einer Miete für Alleinstehende von 20 M.. für Ehepaare von höchstens 25 M. gerechnet. Wer weniger Miete zahlt, hat natürlich keinen Anspruch aus einen Mietausgleich. Wenn ober z. B. ein Ehepaar monatlich 26 M. zahlt, dann steht ihm wenigstens der Betrag von 7,75 M. monatlich zu. Das ist die Differenz zwischen dem Richtsatz von 25 M. und dem Satz von 17,25 M, der als Miete in der.gesamten Unterstützung entholten ist. Dieses Beispiel zeigt und besagt gleichzeitig, daß höhere Mieten als 20 Mi für Alleinstehende und 25 M, fiir Ehepaare nur in ganz besonderen Fällen Berücksichtigung finden können. Ab A u g u st 1932 sind in dem Unterstützungssatz für den alleinstehenden Sozial- rentner— 11,70 M.. in dem für ein Ehepaar— 16,80 M. enthalten. Ein Saziolrentnerehepaar mit 26 M. Miete kann also die Differenz zwischen 25 M. und 16,80 M., das sind 8,20 M., als Mietausgleich fordern. Alle Mietausgleiche werden in den meisten Bezirkswohlfahrts- ämtern nicht laufend, sondern monatlich auf Antrag als Sonder Unterstützung gezahlt. Das Thüringer Erwerbslosenelend. Zusammenstöße mit derpolizei.- Ein Toter, drei Verletzte. Weimar. 27. Juli. Nach einer Mitteilung des thüringischen Innenministeriums kam es am Mittwoch in Ruhla bei Eisenach zu schweren Erwerbs» losen-Ausschrcitungcn. Erwerbslose veranstalteten einen Umzug, dem die städtische Polizei entgegentrat. Dabei sind drei Polizei» b e a m t e zu Boden geschlagen worden. Bon ihnen ist einer durch acht Messerstiche in den Rücken und ein zweiter durch Messerstiche "im Arm und Rücken schwer verletzt worden. Die Polizei» beamten haben daraufhin von der Schußwaffe Gebrauch gemacht, wodurch ein Arbeiter namens Eberlein durch Kopsschuß schwer ver- letzt wurde. Er starb kurz nach seiner Einlieferung in das Eise» nacher Krankenhaus. -1000 Luxuswagen am Stadion. ... weil Adolf Hitler' Seit Wochen ist Hitlers Austreten im Grunewaldstadion bombastisch angekündigt worden.„ER" hat Befehle erlassen über die Anfahrt, die Sicherung, die Lautsprecheranlage und was sonst noch zu dem Schauspiel notwendig war. Und„ER" hatte Erfolg! So viel Luxusautomobile der teuer st en ausländi» schen Marken, wie gestern am Grunewaldstadion auffuhren, hat man wohl noch nie beisammen gesehen. Die offiziellen Park» platze reichten nicht aus, um die Massen der Autos zu fassen, und in den angrenzenden Waldstreifen sah man geradezu ein unüberseh» bares AutoHeer stehen. Herren, sehr elegant, Damen in großer Ausmachung, begrüßten den Osas der nationalsozialistischen„Arbeiterpartei. Wer diese Parade der Luxuswagen gesehen hat, dem wurde sinnfällig klar, daß bei diesen Verehrern des Dritten Reiches eine noch nicht ausgeschöpfte ergiebige Steuerquelle zu finden ist! Zum Vergnügen dieser Besucher durfte selbstverständlich die SA. nicht fehlen. Parade muß sein! Die Geldgeber Hitlers wollen für ihr Geld etwas sehen. Deshalb sind aus Stettin, aus Brandenburg und vielen anderen Teilen des Reiches die Mannen in Zügen und Lastwagen herangerollt worden, um das Stadion zu füllen. Es gab aber auch eine Ueberraschung: Von einem Flugzeug herabgeworsen. landeten Zehntousende von Flugblättern im Stadion. Aus ihnen stand zu lesen:„SA.-Kameraden! Gemeinsame uneigennützige Arbeit und der Zusammenschluß aller Arbeiter, An- gestellten und Beamten schaffen erst die Voraussetzungen für den! Ausstieg des Reiches. Soll noch mehr Arbeiterblut fliehen? Adolf Hitler macht euch Versprechungen, sagt aber nicht die Wahrheit! I artiger Geldoerschleiß und Spesenoerbrauch in den größten Weltkonzernen kaum seinesgleichen habe. Demgegenüber suchten sich die Augeklagten damit zu verteidigen- daß ihre Bezüge im Verhältnis zu denen der sonstigen Wirt- schaftssührer außerordentlich niedrig seien, ; so daß sie von ihrem Verdienst auch nicht das Geringste hätten erübrigen können. Dabei bezogen sie im Jahre 1929 30 rund 100 000 M Gehalt und 250 000 M. Tantiemen, 100 000 M. Grubenvorstandsvergütungen, 286 000 M. Spesen. Ferner ließen sie sich Kredite aus der Werkskasse in Höhe von 450 000 M. geben, belasteten ihr sogenanntes Hauskonto mit 1230 000 M., machten auf Kosten des Werkes eine Amerikareisc. für die sie sich 44 000 M. zahlen ließen, kauften sich auf Kosten der Allgemeinheit nicht weniger als sechs feudale Maybach-Ivagen, trieben mit Werksgeldern umfangreiche Börsenspekulationen für die eigene Tasche und fälschten zu ihren persönlichen Gunsten d i c Bilanzen des Konzerns. Beide Angeklagten waren selbstoer- stündlich stramm national und reaktionär und betonten während des Prozesses wiederholt, daß sie frühere Ossiziere seien und nur ein Opfer von parteipolitischer Intrigen geworden wären. Um aus das Gericht einzuwirken und für sich Stimmung zu machen, versuchten die Generaldirektoren von der Anklagebank aus gegen die Sozialdemokratie und gegen sozialistische Vertreter vom Leder zu ziehen. Auch dieser Prozeß ist ein M u st e r b e i s p i e l für die Groß- manns- und Verschwendungssucht der sogenannten Wirtschaftsführer des herrschenden Hochknpitalismus, dem die National- sozialistische Arbeiterpartei Zutreiberdienste leistet. Er ist wieder einmal ein Beweis dafür, daß nur die Durchführung der sozialistischen Forderungen und Grundsätze diesem System ein Ende machen kann. Am 31. Juli legt Zeugnis ob für da- proletarische Zusammen- gehörigkeitsgefühl und wähle nur die Liste 1!" Die Wahrheit über Hitler ist im Stadion also auch zu Wort ge< kommen— wider sehr zum Leidwesen der Veranstalter. Wahlhilfe aus Oeutschösterreich. Weitere Kundgebungen aus dem Ausland. Im Reichstagswahlkampf wirken rednerisch auch eine Anzahl österreichischer Genossen und Genossinnen mit. In München und in einigen andern bayrischen Städten sprach Dr. Karl Renner, in Hessen spricht Heinrich S ch n e i d m a d l, in Baden Dr. Ernst H o f f e n r e i ch, in Sachsen, Anhalt»nd Franken Dr. Julius Deutsch, in Nürnberg, Hamburg und Schleswig-Holstein Theodor Körner, in Sachsen Dr. Felix Könitz und Alois I a l k o tz y, in Breslau und Schlesien Dr. Arnold E i s l e r, der an Stelle Otto Bauers diese Versammlungen übernahm. Von den österreichischen Genossinnen hielten Marie D e u t s ch- K r a m e r' in Thüringen und Franken, Rosa Jochmann in Bayern Versammlungen ab. Umschwung in England. Ein bezeichnender Arbeiterwahlsieg. London, 27. Zuli.(Eigenbericht.) 3m Wahlkreis wednesbury errang die englische A r- beiterpartei einen großen Wahlsieg über die konservativen. Der Arbeiterkandidat siegte in der Nachwahl mit 21 977 Stimmen gegen den konservativen, für den IS 198 Wähler stimmten. Bei den letzten Wahlen konnte der Konservative dos Mandat mit einer Mehrheit von 4158 Stimmen erringen, wenn jetzt die Lobour Party eine Mehrheit von 3779 Stimmen erhalten hat. so ist dies ein Beweis dafür, daß der Ernüchterung der englischen Wähler gegenüber der„nationalen Regierung" und deren Talen und zugleich der Wiederaufstieg für die Arbeiterpartei begonnen hat. Gorgulow verurieilt. Er bittet selbst darum. Paris, 27. Juli. Paul Gorgulow, der den Präsidenten der Republik Toumer erschossen hat, ist heute abend vom Schwurgericht zum Tode verurteilt worden. Tie Geschworenen hatten nach kurzer Beratung die beiden Schuldßragen bejaht. Der Prösidentenmövder hatte im letzten Wort selbst um die Todesstrafe gebeten. Sein Schwager G e n g hatte noch ausgesagt. er habe Gorgulow stets als einen ruhigen und korrekten Mann gekannt. Seine Schwester habe sich nie über»hu zu beklagen gehabt. Dann wurde Frau Gorgulow aufgerufen. Als sie völlig in schwarz gekleidet den Saal betrot, erhob sich Gorgulow und rief: „Ich bitte dich um Verzeihung!" Frau Gorgulow sagte weinend aus, daß sie mit ihrem Mann glücklich gewesen sei. Erst in den letzten 14 Togen vor dem Attentat habe sich sein Verhalten geändert. Er habe Frankreich geliebt und einmal im Kino Beifall geklatscht, als D o u in e r auf der Leinwand erschien. Mit den Worten: „Haben Sie Mitleid mit mir und dem Kind, dos ich demnächst zur Welt bringen werde", verließ sie den Gerichtssaal. Anschließend kam der Generalstaatsanwalt zu Wort, der für eine unbarmherzige Strafe plädierte. Die Verteidiger forderten lebenslängliche Jnternierung Gorgulows. Der.Norrvärls' erschein! wochenläglich zweimal. Sonnlag» und Montags einmal, die Abendausgab« für Berlin und im Handel mit dem Titel.Der Abend". Illustrierte Sonntagsbeilage ,LoIk und Zeit". Anzetgenpreis«: Die einspal t. Millimeterzeile zo Bf., Retlamezeile 2.— M, „Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 20 Pf. izuliiffig zwei fettgedruckte Worte) jedes weitere Wort iv Pf. BabaN laut Tarif. Worte über is Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmartt Millimeterzeile 2» Pf. Familienonzeigcn Millimeter- zeile IS Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstrahe 8, wochentäglich von SV, bis 17 llhc. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht ge- nehmer Anzeigen vor! Verantwortlich für Politilt Victor Schiff: Wirtich, i'I:®«IiNftrlhilfcrl Sewerlfchaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Herder! Scp.rc; Lolale» und sonstiges: Frig itarstädt. Anzeigen: Th. Glocke: sämtlich IN Berlin Verlädt Vorwärls-Verlag® m b. H. Berlin Druck: Vorwärts-Buchdruckerei und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SW. 68 Lindenftraß«& Hierzu 2 Beilagen. Für die Sozialrentner! Wie die Ansprüche geltend zu machen sind. Durch Notverordnung sind den Invaliden- und Altersrentnern re Bezüge ab Juli 1932 um 6 M. monatlich gekürzt worden. Den Frauen, die Witwenrente beziehen, ist die Rente um 5 M. gekürzt worden Bei sehr vielen wirkt sich diese Maßnahme katastrophal aus. Die Wohlfahrt hat bis 31. Juli 1932 für die Sozialrentner folgende Unter st ützungsrfchtfätzc(„Gehobene Fürsorge"): Der Alleinstehende erhält monatlich 40 M., das Ehepaar 57,50 M. Wenn also ein Ehepaar 42 M. von der Landesversicherung bezog, dann erhielt es von der Wohlfahrt einen monatlichen Zuschlag von 15,50 M. durch die Post ausgezahlt. Da die Richtsätze bis 31. Juli noch wie ange- geben gelten, erhält jeder Antragsteller 6 M. Sonderunter- stügung ausgezahlt, wenn er den Antrag auf Zahlung des Ausgleiches beim Wohlfahrtsamt persönlich stellt' Wer dazu nicht in der Lage ist, muß einen Beauftragten mit polizeilich beglaubigter Unterschrift bevoll- mächtigen, um den Betrag abzuholen. Die Witwen, die Invaliden- oder Altersrente und Witwenrente bezichen, haben nach der Not- Verordnung sogar 6 4- 5— 11 M. für Juli 1932 von der Landesver- sicherung weniger bezogen Sie erhalten auf Antrag also 11 M. für Juli als Sonderunterftützung. Ohne Antrag aber er- hält keiner den Ausgleich! Nr. 351• 49.Iahrganq 1. Beilage des Vorwärts Donnerstag, 28. Juli 1932 Eisenbahnunglück am Bahnhof Gesundbrunnen. Zwei Tote und 50 Verletzte.— Fernzug von Leerlokomotive gerammt. Die Nachricht von einem schweren Eisenbahnunglück' auf i>em Bahnhof Gesundbrunnen alarmierte gestern abend Berlin. Der aus Stralsund kommende P e r- i sonenzug 2 08 war kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof am Stellwerk 8�» von einer Leerlokomo» tive. die aus Bernau kam, gerammt worden. Tie j Lokomotive fuhr in die Flanke des Per- fonenzugeS, von dem fünf Wagen u m st ü r z t e n. Tie Reisenden der umgestürzten Wagen konnten sich zum Teil nicht selbst bcsreien. Pom Stcttiner Bahnhof wurde der bereitstehende Zanitätszug unverzüglich nach der Un- fallstelle in Bewegung geseht. Wie das Unglück geschah. Einige hundert Meter vor dem Bahnhof Gesundbrunnen be- schreiben die Vorort- und Ferngleise eine Kurve. Ein Teil des von Stralsund kommenden Personenzuges hatte bereits die Behm- brücke unweit des Bahnhofes Gesundbrunen passiert, als die Leerlokomotive, die sich gleichfalls aus der Fahrt von Bernau nach Berlin befand, ofsenbor infolge llebersehens des Haltesignals in den Fernzug hineinfuhr. Die Lokomotive entgleiste und wars zwei Wagen um. Durch den heftigen Anprall wurden drei weitere wagen aus den Schienen geschleudert, die sich quer über die Schienen legten. Während vier Wagen vor den steinernen Viadukten umstürzten, wurde ein Wagen gegen die rechte Brückenmauer ge- drückt. Ein Teil der Brückenwölbung brach ein, ebenso wurde das Stellwerk 8ßa zum Einsturz gebracht. Der vordere Teil des Stellwerks wurde regelrecht wegrasiert und die Stellwerkanlagen unbrauchbar gemocht. Das Unglück war auf dem Bahnhof sofort bemerkt worden und in aller Eile machten sich unverletzt gebliebene Reisende und Bahnbeamte an die Bergung der Schwer- verletzten. Neun Verunglückte wurden von Beamten der Reichs- bahn in Autodroschken ins Virchowkrankenhaus gebracht. Die übrigen Verunglückten wurden von den Feuerwehrbeamten aus den umgestürzten Wagen befreit. Am schwersten gestalteten sich die Arbeiten an dem umgestürzten Wagen, der unmittelbar unter der Brücke lag. Nur mit großer Mühe tonnten die Schneide- Werkzeuge herongeschafft werden. Zwei Menschen, eine Frau und ein Mann, waren derart eingeschlossen. daß sie sich nicht rühren konnten. Der Mann gab sehr bald Lebenszeichen von sich und es war der Feuerwehr möglich, mit dem Eingeschlossenen zu sprechen. Dem Verunglückten wurde Alkohol und später aus seinen Wunsch zur Linderung der Schmerzen von einem Arzt durch eine kleine Oefs- nung eine Spritze Morphium verabfolgt. Die Schmerzensschreic der eingeschlossenen Frau verstummten bald und als die Feuer- wehrbeamten mit ihren Schneidebrennern unter schwierigsten Ver- Hältnissen sich Zentimeter für Zentimeter an die Verunglückten heranarbeiteten mußten sie bald feststellen, daß sie eine Tote vor sich hatten. Der Unglücklichen war ein Bein völlig vom Rumpf getrennt, außerdem wies der Körper furchtbare Verletzungen auf. Fast drei Stunden brauchten die Feuerwehrleute, um diese beiden Menschen aus den Trümmern herauszuholen. Die Situation an dieser Stelle war auch aus dem Grunde schwierig, weil fort- während eingerissenes Mauerwerk von dem Brückenpfeiler herab- stürzte und die Feuerwehrleute gefährdete. Die �eitungsmaßnahmen. Das Städtische Rettungsamt hatte zehn Rettungswagen und mehrere Aerzte unter Leitung des Direktors Dr. Agena nach dem Gesundbrunnen entsandt. Die Feuerwehr erschien gleichfalls sofort mit einem großen Aufgebot von Rettungsfahrzeugen an der Stelle der Katastrophe. Die Gleise, die zu beiden Seiten der Unfall- stelle entlangführen, waren inzwischen völlig gesperrt worden, um die Rettungsarbeiten in keiner Weise zu gefährden. Mit Trag- bohren eilten die Beamten der Feuerwehr und des Rettungsamtes über die Schienen und unaufhörlich wurden die Schwerverletzten den Rettungswagen zugeführt. Zwei Personen, ein Mann und eine Frau, offenbar ein Ehepaar, deren Namen noch nicht bekannt sind, waren bereits tot. Die Slälle der Katastrophe war lange Zeit von den Hilfe- und Schmerzensschreien der Verunglückten erfüllt. Viele konnten sich nicht selbst befreien, da die Abteiltüren nicht zu össnen gingen. Die Leichterverlehlen konnten aus den Fenstern klettern, zahlreiche Schwerverletzte dagegen mußten mit Schneid- brennern aus ihrer entsetzlichen Lage besreit werden. Von der Schuhpolizei mußte unverzüglich ein starkes Kommando eingesetzt werden, um Absperrungen vorzunehmen, da sich zu beiden Seiten des Bahnkörpers eine unübersehbare Schar Reu- gieriger angesammelt hatte. Sogar ein Teil der B o d st r a ß e mußte eine Zeitlang für den Verkehr gesperrt werden, damit die verletzten unoesöhrdct zur nahegelegenen Bettungsstelle 10 am Dahnhos ftH'inhb'jmncn transportiert werden konnten. Die Wehr- zahl der Verunal-icklen wurden von hier nach dem virchowkronken- Haus gebraut. Zn der Charite fanden zwei Verletzte, in der Ziegel- stratze drei und im Lazoruskronkenhaus zwei verunglückte Aus- vahme. Die Ltnsallstelle, bietet einen furchtbaren Anblick. Fünf wagen liegen quer über den Gleisen, zum Teil sind durch die Wucht des Anpralles der Leer- lokomotive die Untergestelle der Wagen abgerissen. Der Bahnkörper ist aufgewühlt und mit Eisenteilen, Glassplittern, Gepäckstücken und holzteilen an der Unglücksstelle dicht übersät. Bisher 2 Tote und S0 Verletzte. Wie die Pressestelle der Reichsbahndirektion Berlin in später Stunde mitteilt, sind bei dem Unglück zwei Frauen getötet und rund 50 Reisende zum Teil schwer und zum Teil leicht verletzt worden. Bei der einen Toten handelt es sich um eine Frau Linkhart aus der Schliemannstraße im Norden Berlins. Die Personalien der zweiten tödlich verunglückten sind bisher noch unbekannt. Die Leiche ist ins Schauhaus gebracht worden. 3n der Charite liegen schwerer verletzt: drei Schwestern Stuerkow, Oeutsch-Eylau, Parksir. 12, Hein- rich I i n k e, Zechliner Hütte bei Rheinsberg, Hildegard Kroll, Berlin. Frankfurter Allee 252, Karl Klempau, Marktstr. 15, Hans Seifert, Eharlottenburg, Rosinenstr. 5, Alfred hasse und Tochter Ilse, Köpenick, Mahlsdorser Str. 110, Anna Simon. Dessau, deren Eltern Schermer mit Namen, die in Reinickendorf im Ostpflanzerheim Wiesenweg wohnen, W a r- garele Spanger. Neukölln, hermannstr. 53. 3n das Lazoruskronkenhaus wurden ferner aufgenommen: Frau Else hasse. Köpenick, Mahlsdorser Str. 110, die am Kops, an den Beinen und den Armen verletzt worden ist. In die Eharite ist serner Frau Erna Brandes, Be"-- Alliance-Plah 11, sowie deren Ehemann eingeliefert worden. Em Leichtverletzter erzählt: Ein Leichtverletzter, der den Zug aus der Uckermark nach Berlin benutzt hat und auf dem Bahnhof Gesundbrunnen aussteigen wollte, erzählt: Etwa 7CK) bis 800 Meter vor dem Bahnhof Gesundbrunnen machte ich mich zum Aussteigen fertig. Ich hatte gerade meinen Handkoffer aus dem Gepäcknetz genommen, als der Zug, der sich inzwischen dem Bahnhof aus etwa 150 bis 200 Meter genähert hatte, einen starken Stoß erhielt. Der Boden wankte unter meinen Füßen. ich fühlte, wie sich der Wagen umlegte und mit dem Kops prallte ich gegen die Seilcnwand meines Abteils. Die übrigen im Abteil befindlichen Reisenden wurden augenblicklich von ihren Sitzen geschleudert, ich selbst log zuunterst des Menschenknäuels. Glücklicher- weise war meine Kopsverletzung nicht allzu schwer. Ich konnte mich herausarbeiten und das Freie gewinnen. Jetzt erst sah ich, was gc- schehen war Eine Lokomotive hatte sich von der Seite in den vor uns lausenden Wagen tief eingebohrt. Die Puffer und der vordere Teil der Lokomotive hatte einen Teil der Wagenwand aufgerissen. mserne Front- trotz alledem! Unsere nächsten Partei- und Betriehsveranstaitungen: Donnerstag, den 28. lull: 2. Kreis Tiergarten. 19'A Uhr öffentliche Kundgebung im Moabiter Gesellschaftshaus, Wiclefstr. 24.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referenten: Siegfried Aufhäuser, MdR. und Mathilde Wurm, MdR. S.Kreis Wedding. 5 öffentliche Wählerkundgebungen 19H Uhr im Swinemünder Gesellschaftshaus, Swinemünder Str. 42, Referent Kurt Heinig, MdR.; in beiden Sälen der Atlantiksäle, Behmstr. am Bahnhof Gesundbrunnen, Referenten: Fritz Schröder und Richard loachim; im großen Saal der Pharussälle, Müllerstr. 142, Referent Hermann Schlimme; im kleinen Saal der Pharussäle, Müllerstr. 142, Referentin Anna Geyer. Thema in allen Kundgebungen„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". 7. Kreit Charlottenburg. 19/i Uhr zwei Wahlkundgebungen im kleinen und großen Saal des„Edenpalast", Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße 24.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referenten: Otto Bach und Hermann Harnisch, MdL. S.Kreis Spandau. 20 Uhr öffentliche Kundgebung in der lubiläumsturnhalle, Spandau, Askanierring.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Dr. Rud. Breitscheid, MdR. 9. Kreis Wilmersdorf. 20 Uhr im Viktoriagarten, Wilhelmsaue 114, öffentliche Kundgebung. Musik, pol. Kabarett, Ansprache Otto Meier, MdL.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". 11. Kreis Schöneberg. 20 Uhr im Saal des Ledigenheims in der Siedlung Lindenhof, Eythstr., Kundgebung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Bernhard Göring. 7S. Abt. Wannsee. 20 Uhr öffentliche Kundgebung im Lindenhof am Wilhelmplatz.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Gottlieb Reese. 85. Abt. Tempelhof. 19K Uhr öffentliche Kundgebung im Birkenwäldchen, Tempelhof, Manteuffelstraße.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referenten: Karl Dressel, Robert Breuer. Filmvorführung. 85. Abt. Mariendorf. 19H Uhr öffentliche Kundgebung in der Aula der Eckener-Oberrealschule Kaiser- Ecke Rathausstr. „Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Genosse Schliestedt. 100. Abt. Rudow. 19'A Uhr öffentliche Versammlung im„lulius- park" Rudow. SAT.-Spieltruppe. Ansprache Karl Litke, MdR. ■„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". 109. Abt. Friedrichshagen. 20 Uhr öffentliche Kundgebung im großen Saal des Gesellschaftshauses, Friedrichshagen, Friedrichstr. 137.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Dr. Kurt Löwensfein, MdR. 118. Abt. Lichtenberg. 19K Uhr in der Schulaula Lichtenberg, Siegfriedslraße.„Der Freiheitskampf der Arbeiterschaft". Referent Stadtrat Otto Ortmann. 124a Abt. Mahltdorf-SUd. 19A Uhr öffentliche Wählerkundgebung bei Hubertus, Köpenicker Allee.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Georg Maderholz, MdL. 153. Abt. Buchholz. 20 Uhr bei Kähne, Buchholz, Berliner Str. 39, öffentliche Kundgebung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Dr. Richard Mischler. 134. Abt. Buch. 20 Uhr bei Göpfert, am Bahnhof Buch, öffentliche Kundgebung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Dr. lulius Moses, MdR. 135. Abt. Reinickendorf-Ost. 19)4 Uhr im Schützenhaus, Res!- denzstr. 1,„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Dr. Haubach. 143. Abt. Waidmannslust. 20 Uhr bei Zimmer, Lübars, Kundgebung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Ernst Hildebrandt. Ehrieh& Gractz. 16'A Uhr öffentliche Betriebsversammlung der Angestellten, Arbeiterinnen und Arbeiter im Lokal George(früheres Rennbahnlokal) am Bahnhof Treptow. „Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Franz Künstler, MdR. National Registrierkassen. 16 Uhr im Lokal Gambrinus, Neukölln, Kaiser-Friedrich- Ecke Treptower Str., Betriebsversammlung.„Die kommenden Wahlen". Referent Erich Kuttner, MdL. Nahrungsmittel- und Getränkeaibeiter-Verband. 2 Kundgebungen in der Löwenbrauerei, Hochstr. 2 und im Patzen- hofer, Landsberger Allee 24.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referenten: Max Heydemann, MdL., Lorenz Breunig. Leiser Schuhfabrik. 16 Uhr im Gesellschaftshaus Ewest, Große Frankfurter Str. 30.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse". Referent Karl Hetzschold. Efha-Werke Britz. 16)4 Uhr bei Tristam, Britz, Bürgerstr. 68/70, Kundgebung.„Sozialismus oder nationalsozialistische Phrasen?" Referent Max Urich. Werner, LUtzowstraße. 16 Uhr Eiserne-Front-Versammlung im Lokal Bärensprung, Lützowstr. 7.„Der Freiheitskampf der Arbeiterklasse". Referent Karl Dressel. Bezirksamt Wedding. 16 Uhr im großen Saal Pharussäle, Müllerstr. 142. Kundgebung„Der Befreiungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Erich Raddatz. AEG. Turbinenfabrik. 15 Uhr im Nordwestkasino, Alt Moabit 56, Betriebsversammlung.„Die kommenden Wahlen". Referent Max Brinitzer Westhaten. 17 Uhr, im Lokal„Slurmeck", Föhrer- Ecke Fehmarnstraße, Kundgebung„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Dr. Hans Cohn. Freitag, den 29. Juli: 112. Abt. 19)4 Uhr, öffentliche Kundgebung im Paradiesgarten Rahnsdorf.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Max Heydemann, MdL. 123. Abt. 20 Uhr, bei Eschrich, Kaulsdorf, Alt-Stralau 53, Eiserne- Front-Kundgebung.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Dr. Otto Friedländer. 139a. Abt. Tegel, Freie Scholle, 20 Uhr, Kundgebung im Schollenkrug, Hermsdorfer Straße.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Fritz Schröder. Sonnabend, den 30. Juli: 51, Abt. Spandau. 19)4 Uhr, im Hohenzollernkasino, Spandau, Würtfembergstr. 7. Kundgebung„Der Enfscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Lorenz Breunig. III. Abt. Bohnsdorf. 20 Uhr, bei Heimann, Waltersdorfer Str. 100, öffentliche Kundgebung.„Die kommenden Wahlen." Referent Tockel Meier. 124. Abt. Mahisdorl. 20 Uhr, öffentliche Kundgebung im großen Saal von Anders, Bahnhofstr. 35/37.„Der Befreiungskampf der Arbeiterklasse" Referent Paul Zippel. 132. Abt. Blankenburg. 19)4 Uhr, öffentliche Kundgebung bei Klug, Dorfstr. 2.„Der Entscheidungskampf der deutschen Arbeiterklasse." Referent Dr. Schützinger. Sorgt für Massenbeteiligung! ben Sie sich schon den Kopf zerbrochen? SOOO- Preise winken.• HS doA hJ- Jtod durd. Neutral.sation. nie Frisur gelinrt besser und die Welle hält noch einmal so gut„Haar- Sanz" fst IrzS empfohlen und kann durch Zitronensaft- und Ess.g- spülungen nicht ersetzt werden!„Haarglanz" liegt i«de» B� S�Z_ S'-lpÄ JhTu»' bTm e 27" Pfennir HAARPFLEGE vollkommen dupeh fiHaapglcmz Schützt das neue Berlin! Erhaltet den Fortschritt� sonst zurück ins graue Elend! Es geht in dieser Zeit nicht nur um materielle Dinge. Alles wird in den Niedergang mit hineingerissen: das Schulwesen wird eingeengt, das Lehrpersonal oermindert, die Klassensrequenz erhöht. Theater und Kanzerthaus bleiben der großen Masse trotz gesenkter Preise mehr und mehr verschlossen. Da ist die Volksbühne, das Institut der bildungshungrigen Arbeiterschaft und Angestellten, sie ringt um ihre Weiterexistenz. Auf dem Gebiete des Wohnukigswefens das gleiche Bild. Wir sehen ab von den Fällen, von den Höhlenbewohnern an der Peripherie der Großstädte, von den Zufluchtsstätten primitivster Art, dem letzten Stadium menschlichen Elends. Für die großstädtische qualifizierte Arbeiterschaft, Angestellte und mittlere Beamte konnte eine Wohnung von VA Zimmer und Küche als das erstrebte Wahnniveau gelten. Bei den von 1921 bis 1931 in Berlin errichteten Neubauten ist vor allem dieser Typ bevorzugt worden: 78 Proz. der 176 646 neuen Wohnungen waren solche von vier Wohnräumen einschließlich Küche. Bon 1926 ab ist der Hundert- satz dieses Wohnungstyps dauernd gesteigert worden, nämlich von 66 bis zu 89 Proz. im Jahre 1931. Aber leider, die andauernde Wirtschaftskrise hat dazu geführt. daß diese» bescheidene Niveau für Taufende von Familien zum „Luxus" geworden ist. Seit Jahresfrist hat die R ü ck w a n d e r u n g in noch kleinerer Wohnungen begonnen und das Zusammenziehen mehrerer Familien, der verheirateten Kinder zu ihren Eltern und dergleichen. Das Wohnungselend mit allen seinen schlimmen Folgen für die Gesellschaft. Nun ist man, der Not gehorchend, zur Her- stellung der sogenannten Klein st Wohnungen übergegangen. Der Rückschritt ist da. Ein Vergleich der Wohnbautätigkeit Berlins mit der anderer Großstädte ergibt nach einer Uebersicht, die wir in den„Berliner Wirtschaftsberichten" finden, daß in 13 Großstädten mit über 266 666 Einwohnern von 1921 bis 1931 insgesamt 266 696 Wohnun- gen erstellt worden sind: das sind 47,3 Proz. gegen nur 42,8 Proz. auf je Tausend der mittleren Bevölkerung in Berlin. An der Spitze steht Bremen mit 66,6: es folgen Hamburg mit 66, Mann- heim mit 64,8, Köln mit 54,5 usw. Man sieht daraus, daß im Derhällnis zur Einwohnerzahl in Berlin der Zuwachs an Wohnungen überhaupt weit geringer ist, als in einer Reihe anderer Großstädte, was seinen Grund sicherlich nicht in geringerer Initiative, sondern in dem Mangel an Mitteln der schwer benachteiligten Hauptstadt des Reiches zu suchen ist. Wer den Rückschritt aufhalten will, wer will, daß der Aufbau den die Tozialdernokratie in den Gemeinden geleistet hat. nicht umsonst gewesen ist, wählt am nächsten Tonntag Liste 1, ScsSeldenokratsn, Echmerzensschreie und Hilferufe ertönten von allen Seiten. So gut es ging, beteiligte ich mich ebenso wie andere Reisende an dem Rettungswerk Sehr bald wurden wir durch die Rettungsmannschaften der Feuerwehr, des Rettungsamte» und der Reichsbahn abgelöst. Ich begab mich mit mehreren anderen Leicht- verletzten zur Rettungsstelle, wo uns Notverbände angelegt wurden. Die ganze Umgebung des Bahnhofes bot in den folgenden Minuten ein Bild größter Aufregung, Unaufhörlich fuhren und kamen die Rettungswagen In der verkehrsreichen Gegend hatten sich in kurzer Zeit so große Menschenmassen angesammelt, daß mehrere Lastautos mit Schupos eingesetzt werden mußten. Neuer Trick der Devisenschieber. Devisenverfahren gegen zwei berliner Notare Einem neuen Trick von Devisenschiebern sind zwei Berliner Rotare zum Opfer gefallen, gegen die seht von der Slaatsanivalt- schaft ein Verfahren wegen Verstoßes gegen die Devisenbest'mmun- gen eingeleitet worden ist. Genau wie im Fall« des Prinzen Isenburg hatte die Zoll- fahndungsstelle davon Kenntnis bekommen, daß in Saarbrücken Tausendmarkscheine aufgetaucht waren, die, wie durch Vergleich der Nummern festgestellt werden konnte, beim Verkauf größerer Posten von Wertpapieren ausgezahlt worden waren und offenbar entgegen den Devisenvorschriften ihren Weg in» Ausland gefunden hat- ten. Bei den Nachforschungen ergab sich, daß es sich um Wertpapier- verkaufe zweier Berliner Notare hanoelt«, in einem Falle in Höhe 370060, im anderen von etwa 660006 M. Beide Anwälte gaben bei ihren Vernehmungen an, daß ein gewisser F„ der sich durch ordnungsgemäßen Reisepaß und polizeilich« Anmeldung bei ihnen als Deutscher legitimiert habe, ihnen den Auftrag zum Per- kauf der Wertpapier« gegeben hätte, wobei er noch eine eidesstatt- lich« Versicherung abgab, daß es sich tatsächlich um Effekten aus Inlandsbelitz hanoele. Begründet seien dies« Verkauf»- austräge mit der Absicht, den Erlös zu größeren Grundstückskäufen in Berlin zu verwenden, die ebenfalls über dies« Notare getätigt werden sollten. Beide Anwälte hatten kein Bedenken, unter diesen Umständen die Verkaufsaufträge auszuführen und den Erlös dem Verkäufer auszuhändigen. Als man jetzt der Sache weiter auf die Spur ging, ergab sich, daß der als Besitzer der Wertpapiere Ge- nannte, ein Herr F., überhaupt von der ganzen Sache nichts wußte, daß seine Adresse zwar stimmte, daß er aber weder Wertpapiere besaß noch den Notaren Verkaufsausträge erteilt hatte. Auch aus der Gegenüberstellung ließ sich ohne weiteres ersehen, daß dieser F. ein ganz anderer war als der, der in den Anwaltsbüros erschienen war. F. gab noch an, daß ihm sein Paß vor einiger Zeit b e i einer Bierreise ge stöhlen worden sei. Wer der Schwind- ler ist, der von diesem Paß den unrechtmäßigen Gebrauch gemacht und di« Devisenschiebungen durchgeführt hat, konnte bisher nicht ermittelt werden. Den Notaren wird vorgeworfen, daß sie zum mindesten fahrlässig gehandelt hätten, weil sie vor Auesüh- rung dieser Berkaussauslröge erst genauere Erkundigungen über die Person ihres Mandanten hatten einziehen müssen. Die Nazi-Gchießhe!den vor Gericht. Auch der Wölfel-Cöhn war dabei Der LA.-Mann Lähn, der am Morgen de» 12. Juli durch sein provokatorisches Verhalten dem Reichsbannerführer Wülfel gegen- Über das Signal zum Uebsrfall gegeben hat, scheint«in besonders befähigter Rowdy zu seilt. Dir FteisprUch, dessen er sich vor dem Schncllschöffengericht vor kurzem erfreut hat, dürste ihn zu seinen Neuen Helventäten wohl ganz besonders angespart haben. Jeden- falls beschäftigte sich das Schnellschöffengericht nach Erledigung de» Wölsel-Prozesses noch ein zweites Mol mit ihm. Herr Lähn hatte sich wegen Aerstohes gegen die Notverordnung über unbefugte Wasfensühtttng zil verantworten. Mit ihm der EA.< Mann Unglaube. Am 4. Juli betraten zwei angetrunkene Nazis dos tommu- nisiische Lokal floh Mecklenburg in der Rävenestraße. Sie tiefen „Heil Hitler!" und forderten Bier. Gleich daraus betrat auch Lähn da» Lokal. Auch er bestellte sich eine Moll» und rief:„Und immer noch Heil Hitler!" Die anwesenden Arbeiter wurden un- ruhig, der Lokalinhaber forderte die Nazis auf, das Lokal zu ver- lasten, diese dachten gar nicht daran, sie muhten mit Gewalt herm.s- gedrängt werden, es entstand dabei eine Schlägerei. Kaum waren die Nazis draußen, als Lähn aus allernächster Entfernung auf das Lokal acht Schüsse abfeuerte und die Fenster zer- trümmert«. Ein Gast erhielt einen Schrotschuß an der Nase. Lähn bestritt in der Verhandlung, überhaupt geschossen zu haben, auch der Angeklagte Unglaube wollte mit der Sache nichts zu tun haben, Da» Gericht verurteilte Lähn zu I Jahr Gefängnis, Un- glaube zu 1 Monat Gefängnis. In den Bezirkswahlämtern. Rasche Publikumsabfertigung frühmorgens und nachmittags Wenn ein Mittagsblatt zu melden wußte, daß der Publikums- andrang auf den Berliner Bezirkswahlämtern ungeheuer und die Abfertigung schleppend ist, so muß das als reichlich übertrieben be< zeichnet werden. Ein Versuch ergab vielmehr, daß die Abfertigung flott vonstatten geht, Im Bezirkswahlamt Kreuzberg geht es zwischen 1 und 2 Uhr, trotz großer Menschenzahl, sehr ruhig zu. Der große Andrang fällt in der Hauptsache in die frühen Morgenstunden vor Bstriebsbeginn, dann in die Mittagspause.„Wir hatten ganz schön zu tun", erzählt der Auskunftsbeamte,„von morgen» acht bis jetzt um 1 Uhr haben wir immerhin gegen 1600 Personen abgefertigt, All« Wartenden haben auf den Sitzbänken Platz gefunden, so daß die Hinzukommenden dann ihre Plätze einnehmen können. Nun tut sich ja bekanntermaßen �gerade bei solcher Gelegenheit des einzelnen mehr oder minder entwickelte Nervosität am deutlichsten kund, es gibt Leute, die schon nach den ersten Minuten Wartezeit unruhig werden Und die Besonnenen mit ihrer Ungeduld-Psychose anstecken. Auch in Neukölln geht die Abfertigung reibungslos von- statten, trotzdem bisher schon viele Tausende von Wahlscheinen aus- gegeben worden sind.„Wer es eilig hat und keine Zeit oder Geduld besitzt, der kommt am besten morgens gegen 7K Uhr, da braucht er noch keine fünf Minuten zu verlieren", erzählt der Beamte: wenn er dies nicht will oder kann, dann schickt er eben«inen Angehörigen, ausgerüstet mit einem entsprechenden Ausweis, oder er reicht den Antrag schriftlich ein, wird man weiter belehrt. Zwischen 254 und 354 Uhr läßt der Andrang ganz gewaltig nach, und wer sich die Zeit nach Belieben wählen kann, der richte sich danach. In W i l- m« r s d o r f und am W e d d i n g und auch in anderen Wahl- bezirksämtern weiß man nichts von den oben geschilderten unan- genehmen Zwischenfällen. Im Interesse einer raschen Abfertigung zum Wohle des Publi- kums und der Beamten fei also nochmals betont, daß die frühen Morgenstunden(754 bis 8)4 Uhr) und die Nachmittagsstunden (25� bis 354 Uhr) die vorteilhaftesten sind, wenn man nicht schrift- liche Antragstellung vorzieht. Außerdem sei darauf aufmerksam ge- macht, daß der Freitag der letzte Tag zur Besorgung eines Wahlscheines ist und daß man den Gang zum Wahlbezirksamt nach Möglichkeit schon im eigenen Interesse nicht auf diesen allerletzten Termin legen möge._ Schwerbewaffnete Nazis. SA-lleberfall auf Reichsbanner in Steglitz. Durch die Festnahme eines schwerbewasfoeken SA.- Trupp» in Köpenick konnte erneut der Nachweis für die„Friedlichkeit" der Söldnertruppe Hitlers erbrachi werden. Sin ganzes waffeaarseaal ist dem Burschen gestern vormittag von der Polizei abgenommen worden. Gegen 9 Uhr nähert« sich der Köpenicker Stadtgrenze ein mit 2 5 SA.-Leuten besetzter Lastkraftwagen. Die Po- lizei hatte davon Wind bekommen, daß der Trupp mit Schuß- waffen ausgerüstet sei. Das Lastauto wurde angehalten und bei der überraschenden Durchsuchung wurden in den Taschen der Salzsteuersoldaten und zum Teil im Auto versteckt folgende Waffen gesunden: 4 Mehrladepistolen mit 76 Schuß schar- fer Munition, 1. Trommelrevolver mit 25 Schuß Munition. Stahlruten, Gummiknüppel, Totschläger und einige- fünfzig Pfund schwere Feldstein«, Das Lastauto kam aus Mahlow im Kreis Teltow. Leider war es bisher nicht möglich fest- zustellen, wohin die Fahrt der schwerbewaffneten Schar gehen und wem diese„Expedition" gelten sollte. Die ganze Nazibande ist fest- genommen und ins Polizeipräsidium eingeliefert worden. Das Last- auto wurde von der Polizei sichergestellt. In der V i r k b u s ch straße in Steglitz wurde gestern vor- mittag ein Reichsbannermann von SA.- Leuten über- fallen, Der Reichsbannerkamerad erlitt erhebliche Verlegungen. Zum Glück kamen mehrere Reichsbannerleute des Weges, die ihren Überfallenen Kameraden aus den Händen seiner Peiniger befreiten. Der Spieß wurde nunmehr umgedreht und die SA.-Leute suchten ihr Heil in der Flucht. Zwei Reichsbannerleute erlitten Verlegungen Aber der Umstand, daß ihr König Sigmund, sobald es ihm gelungen war, ihr gutverstecktes Liebesnest auszukund- schaften, das seidene Kissen und zugleich ein perlgesticktes Täschtein volter güldener Rosinobel schickte, hatte das Stirn- zucken der schönen Kurtisane und die Sörgenfalte rasch glatt- gestrichen, und so opferte sie denn ihrem Neuen königlichen Liebhaber diesen wundervollen Sommernachmittag, trotzdem sie, wie sie sicp selber ehrlich eingestand, lieber den fremden, bohmländischen Ketzer hätte schmoren sehen, „Denn so etwas regt das innerste Sonnengeflecht auf", sagte sie,„und tut für drei Aiertelsahre gut. Das wirkt wie Jugendelexier. Eine Kreatur sterben sehen durch Gewalt, gießt Kraft in das eigene Leben!" In dieser seltsamen Meinung traf ste, die Dame von Welt, sich ganz mit dem settgedunsenen, rötfleckigen, stinkigen Amman Weikli, der heut mit seinen drei Gesellen im Schweiße seines Angesichts sein schauerliches Tagwerk getan hatte nach all den komplizierten Satzungen seines Amres und der höchlichst befriedigt war von dem wohligen Summen und Singen seiner Henkersnerven. Schade, daß Nicht alle Tage, die Gvttes Allmacht werden ließ, solch ein Kapital« fall unterlief I Dann hätte das henkerliche Dasein wenigsten» einen Sinn gehabt! Anders ober, ganz anders, werkten die Gedanken in Sigmund Um bor sich selber davonzulaufen, um den unheimlicken Blick des böhmischen Magisters zu bannen, der ihn bis m« Innerste getroffen hatte und der ihm schier die Seele ver» brannte mit der Glut seines Borwurfs, hatte er diesen Nach» mittag, während auf dem Brühl draußen die grausame Brand�chau ins Werk gesetzt wurde, sich in alle Täler, Tiefen und Abgründe der Wollust versenkt. Das Denken abstreifen um jeden Preis! „Kannst du Vergessen s�enken. Imperta?" Bezahend hatte oie Kurtisane genickt und ihn mit silbri- gem Gelächter und gleichzeitig mit hundert aufreizenden Liebkosungen überschüttet. Was es gibt an Ausgelassenheit des Körpers, an Toll- Helten des Genusses, an Verwegenheiten der Lust, an Auf- peitschung der Nerven, ward ihm in sinnverwirrender Fülle von der fremden Buhlerin kredenzt. Gewiß, sie war gekauft, war nur Handwerkerin der Liebe. Aber sie verstand ihren Beruf so meisterhaft, so virtuos, hetzte ihren Partner dermaßen hinein in die tiefste Daseinslust der Kreatur, daß er über ihrem zuckenden Stöhnen brüllend aufschrie wie ein Tier in der Brunst der Erfüllung, eben tn demjenigen Augenblick, in dem sein un- glücklicher Gegenspieler aufschrie angesichts des fressenden Ab- grunds der Vernichtung, den er erst im Absturz des letzten Sekundensandkorns als das erkannte, was er ureigentlich war: das Nichts und die Auslöschung! Nach seinem Aufschrei lag Sigmund erschöpft, wie tot. Die Kurtisane machte sich durch eine brüske Drehung von seiner Umarmung frei. Da» weiße Leinen war von seinem Körper abgeglitten. Angewidert, verächtlich betrachtete ste da» neben ihr liegende Wrack eines Liebhabers, diese über die Brust über und über mit blauen und gelben runden Flecken gezeichnete Mannsruine. Der Schweiß sickerte aus dem rötlichen, stark gelichteten Haar des Königs in dicken schweren Tropfen und versing sich in dem unangenehmen, struppigen Bart, an dem die nuß- rote Farbe das Scheußlichste war. Trotzdem kein Gran über- j schllssigen Fetts Sigmunds Flanken beschwerte, ging sein Atem dennoch schwer und pfeifend, nicht zum Anhören, genau so, al» ob«r nicht König, sondern der dicke, feistbäuchige, kurz» atmig« Fürstbischof von Tanten gewesen wäre. Imperia sängt zu überlegen an: Was Fürst? Was Graf? Was Bischof? Was Abt? Was König? Was Papst? Unterscheiden dle sich, abgesehen von ihrer Gewandung, überbaupt von ihren Kämmerern, ihren Schreibern, ihren Lakaien, ihren Knechten? Höchstens durch die Schwäch« ihrer Lenden! Mochten diese Titelhalter, diese Schwertschwinger, dies« Würdenträger, dies« Inhaber der Macht, dies« Au»» sauger der Pfründen, diese Gärtner des Lasters noch so hoch gestellt sein auf der irrsinnigen Leiter dieses irrsinnigen Lebens, hier, in dieser Kemmenate, hier, in diesem gepolster- ten Bett wurden sie alle zu nackten, armseligen, widerlichen Tieren, deren Brutalität, deren klobige Manieren, deren Un» Verschämtheit und deren schlechten Atem und widerliche Aus- dünstung die schöne Dame aus Poitiers einzig darum ertrug, weil sie zum Leben Geld brauchte und sich auf andere Weise keines verschaffen konnte! Die Kurtisane seufzt. Tränen dunkeln ihr ins Auge. Ja, ja, das Leben ist keine leichte Sache! Auch dann nicht, wenn man das Rennen gemacht hat und nun zu allerhöchst oben auf der gelben Sahnenschicht schwimmt! Auch dann nicht, wenn man unbekümmert tut, lustig und frech! Auch dann nicht, wenn man, sich selbst und andere zu täuschen, hundert Masken vorgebunden hat und diese hundert Masken hundertmal in der Stunde wechselt! Nein, das Leben ist schlimm. Nicht nur für sie. Für jeden Menschen. Für sie als Kurtisane ist's aber doppelt schlimm und dreifach schlimm! Sie wird ja mit Geld bezahlt. Dafür muß sie sich zu- sammenpressen lassen, wie«inen wollenen Knäuel. Ein Hund har's besser. Der kann wenigstens knurren und die spitzen Zähne fletschen, wenn ihm irgendeine Berührung nicht paßt! Der kann, wenn's not tut, sogar beißen, und wie! Kader und Dicksleisch geht mit! Sie aber ist weniger als ein Hund. Sie darf sich nicht wehren! Sie darf nicht aufbegehren! Sie muß sich alles gefallen lassen! Alles! Die Selbstachtung flattert tn tauseno Fetzen davon! Unsäglicher Ekel erfaßt sie, Am liebsten würde sie diesen ausgepumpten König der deutschen Nation, dieses sleckengezierte, schnarchende Manns- j tier neben ihr mit einem Fußtritt zum Bett hiuausfsuern! Schon hat Imperia, die schöne, die kluge, ihrem Plötz- lich aufgestiegenen Einfall folgend, das wohlgeformte bluten- weiße Bein zum Tritt erhoben, da muß sie"auf einmal un» bändig laut herauslachen. Unversehens ist ihr Auge auf ein blaues Kußmal gefallen! Sie muß an ihr drolliges Pfäfflein aus der Tourraine denken. Jawohl, es ist doch eine Lust, zu leben! Jetzt weiß sie wieder, wofür! Man muß dieser verrotteten, gleißnerischen Gesellschaft ein Schnippchen schlagen! Dieser gekrönte Schuldenmacher Sigmund wird blechen müssen! Aber tapfer! Aber hoch! Mag er seinerseits wieder die Konstanzer Bseffersäcke schütteln, daß der Staub fliegt und denen die Augen tränen! Was gehl das sie an! Mag er weiterhin seine besten Stücke in die Pfandkammer geben und st« dort gegen kurantiges, lötiges Silber oersetzen! Was schiert sie das? Nichts!(Fortsetzung folgt.) und mußten die Hilfe der nächsten Rettungsstelle in Anspruch neh- men. Auch einige SA.-Leute sollen leichte Verletzungen erlitten haben. Erwerbslose für Eiserne Front. Für Arbeit und Freiheit. Der Kamps der„Eisernen Front" wird in emsiger Ausklärungs- arbeit in alle Kreise der Bevölkerung getragen. So sprach u. a. Genosse Harnisch in einer vom Bezirk Kreuzberg«in- berufenen Kundgebung der Erwerbslosen in der Schultheißbrauerei in der Hasenheide. Die Ausführungen des Redners standen unter dem Motto: „Für Arbeit und Brot." Eindringlich schilderte er den aus- merksam lauschenden Erwerbslosen die Notverordnungs- Politik der Papen-Regierung, die den Kreisen, die hinter der „Deutschen Arbeitgeberzeitung" stehen, noch nicht scharf genug ist. Sie fordern die restlose Aufhebung jedes Anspruches aus d e r C r w e r b s l o s e n v e r s i ch e- rung: sie fordern die bedingungslose Zwangsarbeit 'm Interesse des Privatkapitals. Als der Redner die Rundfunkrede des Naziobersten Hierl erwähnte, in der dieser die Arbeitsdienst- ziele der Nazis auseinandersetzte, erscholl die einmütige Forderung: „N a z i- R u n d f u n k abbestellen!" D�e Erwerbslosen lehnen die überspannten Forderungen der Nazis ab. Sie wollen als freie Menschen arbeiten, sie wollen ihren Anteil an den Gütern der Kultur ohne Zwang und ohne Unterdrückung erwerben. In einer machtvollen Kundgebung gaben auch die Arbeiter, Angestellten und Beamten der Zentraloerwaltung der Stadt Berlin im Saalbau Hackescher Hos ihren Freiheitswillen zu erkennen. Bürgermeister Genosse Dr. O st r o w s k i legte in wirkungsvoller Rede die politische Entwicklung bis zum heutigen Tage dar und zeigte, welche Gefahren für alle städtischen Be- d i e n st e t e n entstehen, falls es bei dieser Wahl den Nazis ge- lingen sollte, die Macht zu erlangen. Rechtlosigkeit in kaum vor- stellbarer Form, Zurückdrängung der sozialen Verhältnisse auf den Stand der grauen Vorkriegszeit und Aufbürdung unerträglicher Lasten auf die Schultern der arbeitenden Klasse wäre die zwange- läufige Folge. Geschlossener Abwehrwille und der Will« zur Frei- heit sowie dos Gelöbnis, die Lauen und Flauen noch bis zum Wahltage aufzurütteln kamen von allen Versammlungsteilnehmern spontan zum Ausdruck. Die Arbeiter, Angestellten und Beamten der Zentralverwaltung der Stadt Berlin werden geschlossen Liste 1 wählen. Tag der großen Abrechnung. Wieder hatte die Eiserne Front im Bezirk Lichtenberg zu einer machtvollen Kundgebung aufgerufen und wieder war die stark besuchte Versammlung ein glänzendes Zeugnis glühender Kampfbegeisterung. Genosse Dr. Loh mann sprach: Wir haben denen, die es wünschten, nicht den Gefallen getan, ihnen einen Grund zu geben, den 31. Juli zu oermeiden. Dieser Tag wird der Entscheidungstag werden für die künftige Ge- staltung des Geschickes des deutschen Volte». In- zwischen haben die wenigen Wochen Papcnscher Regierungskunst genügt, dem Volt die Augen zu öffnen. Der 31. Juli wird zeigen, daß Hitler nicht an die Macht kommt, so wie ihm am 1l). April der Weg zur Macht versperrt geblieben ist. Ueber den dann beginnen- den Kampf aber bestimmen wir Zeit und Methode. Nach Pape» folgt nicht Hitler, nach Papen folgen wir. Vorwärt« zum Siegl 6000 im Friedrichshain. Die Kundgebung am Dienstagabend im Friedrichshain, die vom 4. Kreis Friedrichshain und S. Kreis Prenzlauer Berg der Sozial- demokratischen Partei veranstaltet worden war, mußte wegen des starken Andrangs im Garten vor sich gehen, der von annähernd 6000 Personen besucht war. Künstlerische Kräfte der„Volksbühne" warben durch ihre beifällig aufgenommenen Darbietungen für da« neue Spieljahr. Die Lautsprecheranlage reichte leider nicht aus, um auf allen Plätzen gehört zu werden. Deutlicher vernommen wurden die Ansprachen, die die Genossen Kurt H e i n i g und Dr. H a u b a ch hielten, die der Kundgebung zur Wahl am Sonntag ihr« recht« Be- deutung gaben und mit großer Begeisterung aufgenommen wurden. Auch das Tambour- und Bläserkorps vom Reichsbanner Friedrichs- Hain trug zur Belebung der Wahlveranstaltung bei, die einen aus- gezeichneten Verlauf nahm. Im Parkrestaurant Südende fand«ine große Wählerkundgebung statt, wie sie Steglitz seit einem Jahrzehnt nicht erlebt hat. Der Saal war übersüllt, und Genosse Richard Joachim legte seinen Ausführungen die Flug- blätter zugrunde, mit denen die reaktionären Parteien um die Stimmen der bürgerlichen Wähler werben. Den Höhepunkt des Abends erreichte die Versammlung mit der Ansprache des Ver- treters der Sozialistischen Studentenschaft, Genossen Groß. Es war ein großer Tag für die Republikaner im reaktionärsten Bezirk Berlins. Taiicherarbdi Angeblich zwei Toie geborgen. Kiel, 27. Juli. Vom Marinearsenal Kiel sind die beiden Schlepper „H u n d" und„Sperber" mit Tauchern an Bord nach der Unglücköstelle der„Niobe" abgegangen, um zu versuchen, in das Innere zu gelangen. Wie in Kiel ver- lautet, soll est ihnen gelungen sein, zwei Todesopfer aus dem Schiff herauszubringen. Eine amtliche Ve- stätiguag war noch nicht zu erlangen. Tie Suche nach den Vermißten wird an der Unfallstelle durch den Kreuzer „Köln" und andere Fahrzeugen fortgesetzt. Wie der Strandvogt von Rödby in Laaland televhonisch mit- teilt, hat er durch sämtliche Fischerdörfer an der Küste Nach- [Ein Wort an die Funktionäre! tiiinlli um iiiiii iiiiiiliiiiiiiiMiitliiiiMiliiuiiiiiiiiiiiinilliMiHiiiiiliiiiiiifiiiiiiiiiiiitiiiiliiuiiliiiitiiiMiiiiiiiii Die Wahl-Sondernummer des „Wahren Jacob" „Sieben Wochen Hitler-Kurs" iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiminiiiiiiMiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinin Ist erschienen I Wenn Rapen Männer des Volksvertrauens dutzendweise absetzt— dann setze man den„Wahren Jacob" serienweise abl sorschungen nach geretteten Ueberlebenden der„Niobe" anstellen lassen, hat jedoch bisher nur verneinende Antworten erhalten. Da- gegen ist am Strand von Laaland ein kleines gekentertes Gummiboot angetrieben, das wahrscheinlich von der „Niobe" stammt. Das Befinden des Matrosen Mittel sie dt, der sich den Arm ausgekugelt hatte, ist zufriedenstellend, ebenso das des Stewarts Reich, der beim Kentern des Schiffes durch kochen- des Wasser verbrüht wurde und eine Verbrennung zweiten Grades davontrug, die die ganze Oberfläche des Körpers getroffen hat, aber nicht absolut lebensgefährlich ist. Das schwerste Unglück der Marine. Zu dem Untergang des Schulschiffes„Niobe" wird von zu- ständiger Stell« noch mitgeteilt:„Der Untergang der„Niobe" ist das schwerste Unglück, das die Reichsmarine nach dem Kriege betroffen hat. Zunächst wird nun das Havarievcr- fahren eingeleitet werden. Daneben läuft das gerichtliche Todes« rmi�tlungsverfahren. Von der Untersuchung hängt es ab, ob gegen den Kommandanten ein Kriegsgerichts» verfahren wegen schuldhaften Verhaltens eingeleitet wird. Die Ver- gungsfahrzeuge der Marinewerft haben sich bereits an die Unfall- stelle begeben, um zu oersuchen, das gesunkene Schiff zu heben." Korvettenkapitän K ü m p e l, der bis zum 1. April d. I. Kam- Mandant der„Niobe" war, teilt zu dem Untergang mit, das Schiff fei in jeder Weise voll seetüchtig und in allerbester seemänischer Führung gewesen. Allem Anschein nach habe der Kommandant das getan, was im Falle eines solchen Unglücks notwendig gewesen sei. Es handele sich bei dem plätzliche» Untergang zweifelloz um höhere Gewalt. Bei plötzlich auftretenden Naturgewalten seien Segelschifs« immer in besonderer Gefahr. Daß die Niedergänge des Schiffes bei dem Unglück offen gewesen seien, sei völlig richtig, damit die im Zwischendeck befindlichen Personen sich hätten retten können. Wie kam es zum Kentern? Es kann vorläufig noch kein genaues Urteil über sämtliche Ur- fachen der Katastrophe gefällt werden: Möglichkeiten hierzu bietet erst die bevorstehende Hebung des gesunkenen Schiffes, das setzt noch in zwanzig Meter Ties« liegt. Im Verhältnis zur Länge des Schiffes war die„Niobe" unverhältnismäßig breit und deshalb eigentlich völlig windsicher. Ueberraschungen durch böige Wind« schienen bei diesem Schiff und guten Segelmanöoern fast ausgeschlossen. Viel«her konnte bei der sehr offenen und großen Takelag« mit Segelverlusten bei überraschenden Winden gerechnet werden. Di« Sicherheit des Schiffes vor böigen Winden war um so größer, al» an Bord außer der regulären und immer voll- zähligen Besatzung noch Seeiadetten für eilige und dringende Segel- an der„Niobe" — Das Befinden der Verletzten. Manöver zur Verfügung standen, die bei drohenden Sturmgefahren eine schnelle und sichere Segelbergung garantierten. Nach den vor- liegenden Berichten muß das Schiff gerade in den auf- kommenden Wind gedreht haben, eine Lage, die jedem Segelschiff gefährlich werden kann. Der wachhabende Offizier hat diese Gefahr sicherlich auch erkannt und gab deshalb den Befehl: „Hart an Steuerbord ranl", ein Kommando, das. richtig und schnell ausgeführt, das Schiff sofort in seine entgegengesetzte Lage zum Winde bringen muß. Aus dem Bericht eines Geretteten geht jedvch deutlich hervor, daß das Bergen der Segel und der Kurswechsel des Schiffes zu spät geschah. Als man gerade anfing, die Ober- fegel zu reffen, tauchte in der Ferne auf einmal„Da X" auf. Der Gerettete erzählt nun:„Da hatten wir natürlich genug zu tun, um uns durch Winken bemerkbar zu machen.„Do. X" war noch nicht ganz am Horizont verschwunden, als plötzlich das Unheil geschah." Die Bö sauste heran, erreichle das Schiff noch ehe die Wendung vollzogen war, drückte mit voller Kraft seitlich in die Leincwand und brachte da» Schiff zum kentern. Im Verhältnis zur Windstärke muß während des Angriffs der Bö noch sehr viel Segelleinwand freigestanden haben. Es wird zwar behauptet, daß der Befehl zum Bergen der Oberfegel, also aller Rahsegel der„Niobe", noch vor der Bö gegeben worden sei, aber das Segelmanöver in den oberen Segeln dauert immerhin mindestens fünfzehn bis zwanzig Minuten. Es besteht somit leicht die Möglichkeit, daß die nur halbvollendete Arbeit der Mannschaft zum Verhängnis wurde. Die hohen Menschenverluste haben zweierlei Ursachen. Einmal legte sich das Schiff in der rasenden, seitlich ankommenden Bö sofort soweit nach Lee über, daß die Rahen schon die Wasserfläche berührten, ehe man überhaupt allseitig die Gefahr erkennen konnte. Zum anderen aber müssen alle Deck-luken des Schiffes offengestanden haben. Als das Wafser über die Reeling stürzte, sperrten die Wassermassen offenbar mit größten Drucke alle Zugänge aus den unteren Decks ab, die Räume unter Deck liefen voll Wasser und ver- sperrten den Mannschaftenden Weg ins Freie. Die Leute im Zwischendeck müssen sofort mit in die Tiefe gegangen sein. In den Augenblicken, wo ein Segelschiff kentert, gibt es ja überhaupt nur Rettungsmöglichkeiten für die Mann- schaften, die sich a u f Deck oder in den Wanten befinden. Alle anderen sind ausnahmslos verloren, zumal sich der gekenterte Schiffsrumpf wie eine Riesenhaube auf das Wasser legt und so tief drückt, daß kaum die Luft aus den Räumen, nicht aber die Besatzung daraus entweichen könne. Glücklicherweise befand sich ein Dampfer auf derselben Höhe wie die„Niobe" er konnte sofort zur Rettungsarbeit schreiten. Wäre das Schulschiff außer Sicht des Fehmarnfeuerschiffes und irgend- welcher Dampfer gewesen, so wäre es spurlos und ohne HUferuf versunken. Bei der Schnelligkeit solcher Katastrophen ist dann an Rettung überhaupt nicht zu denken. Aus der pariei. Achtzig Zahre all wird unser Genosse Ehristian Weiß in Goldlauter, Thüringer Wald, am 28. Juli. Cr war einer der ersten Kämpfer der sozialistischen Parte! und einer der Hauptgründer des Genossenschaftswesens und der Arbeitervereine. Als junger Maschi- nenbauer kehrte er 1872 von Berlin nach seiner Heimat zurück Nach einem Jahr politischer Kämpfe wurde er gemaßregclt. Kein Unter- nehmer wollte ihn mehr beschästigen. Cr gründete den Konsumverein Goldlauter, um die Kaufkraft der Arbeiter für diese selbst wieder nutzbar zu machen. Vielen späteren Pionieren des Genossenschafts- wesens tonnte er dank seiner großen Erfahrung fördernde Ratschläge geben. Der Kreis Schleuslngen-Ziegenrück galt schon An- fang der neunziger Jahre als eine sozialistische Hochburg. Die Unter- drückung und Verfolgung der damaligen Zeit hat auch C h r i st i a n Weiß fühlen müssen. Unter dem Sozialistengesetz wurde auch er in dem Elberfelder Soziali st en prozeß auf die Anklage- dank gebracht, um nach sechswöchiger Verhandlung freigesprochen zu werden. Heimgekehrt war seine erste Tat, den verurteilten Genossen seine letzten Groschen, die seine tüchtige Frau erübrigt hatte, zur Verfügung zu stellen— der guten Sache zuliebe. Als Kreis- tagsabgeordneter hatte er mit dem damaligen Landrat schwere Kämpfe zu bestehen. Leider hat Christian Weiß durch die kommunistische Konsumoereinsleitung schwere Enttäuschung und Undankbarkelt erleben müssen. Hoffentlich steht er im hohen Alter noch bessere Tage. Aehtung! Voranzeige. % Das Haus für errosse Weiten Beginn: Montag den 1. August Gadiels Saisonschluß-Verkauf Beachten Sie am Sonntag, dem 3t. Juli, unser tlroBes MnM in dieser Zeitung, dann werden Sie sicherlich dem Mahnruf folgen: bildet diesmal eine Ausnahmeleistung von unerhörtem AuswiaRl ÄufzuGadiel! Eine gigantische Fülle nur hochwertiger Kleidung wird zu Preisen verkauft, deren Niedrigkeit noch niemeis annähernd erreicht wurde! Donnerstag, Freitag und Sonneisend ab 18 Uhr von den bekanntan Stelüan aus. Afle Genossinnsn und Genossen, alle Juger d- genossen, Arbeitersposrller und Reichsbanner- kanieraden beteiligen Siek daran. einfcnBangen für dirfe Rubrll st»i> «» r l»» E» 68. Liudenitraße 8. Parteinachrichten Groß-Berlin stet» a» da» Bezirkssedrerariar 2. Hof, 2 Treppe» rechts, zu richte» Achiung, Kreisleiter! Wir bitten um Angabc des Zentralwahllokals. Das Bezirkssekretariat. Achtung, Kreisleiter' Mr bitten, die im Stadion benuhten Dreipscile im tause des heutigen Tages im Büro des Vezirksbildungsausschusses. Linden- stratze Z. 2. Hof. 2 Tr� Zimmer g. abzuliefern. Achtung! Abteilungsleiter. Die Merkblätter für die Wohlfahrtskommislionc» bitte ich gegen ge- stempelte Smninnasbeschcinigung im Büro des Bezirks-erbandes«Telepbo». zeutrale) abholen zu laffc». Pattloch. °i- Wir bitte» diejenige« Abteiln»gsleiterin»c», die noch nicht die Dampfer- karten für die Fahrt am 28. Juli abgerechnet haben, dies sofort»achzuholc«. Das Fraucnfekrctariat. Beginn aller Veranstaltungen IdVi Uhr. sofern keine besondere Zeitangabe! 4. Ztixis. Die Kundgebung am 2g. Juli darf nicht stattfinden. Dafür beteili- gen sich alle Parteimitglieder an der Zleuköllncr Veranstaltung. #. kreis. Bei der morgen stattfindenden öffentlichen Kundgebung im Viktoriagarten findet ab 19 Uhr ein Freikonzert im Garten statt. Ii.»reis. Alle Abteilungsleiter holen heute bestimmt Karten vom Partei. büro ab., 9. Abt. Alle Genossen treffen sich heute, 19 Uhr, zur Krciskundgebung bei HUbner. Später Kommende gehen direkt zur Wiclefstraße. 14. Abt. Sonnabend, ZV. Juli, 17 Uhr, Flugblattverbreitung von den lZahl- abcndlokalcn aus. Sämtliche Parteigenossen müssen sich daran beteiligen. Sonntag, 31. Juli, 71H Uhr, Treffpunkt sämtlicher Genossen zur Wahl- arbeit im gentralwahllökal. 28. Abt. Heute, 18 Uhr, alle Parteigenossen mit Abzeichen bei Bartelt, Börther Straße. Gruppe II: 29 Uhr Zahladend bei Golder. 32. Abt. Heute, Illh Uhr, Funktionärkonferenz bei Hllbner, Paul-Singer. Straße kö.— 19', z Uhr Zahlabende: Gruppe i bei Gwest, Große Frank- furter Str. 39.„Unser Kampf für die Freiheit�, Referent Walter Rauc. Gruppen II, IV, v, VI gahlabende in den bekannten Lokalen. 38. Abt. Die Funktionäre rechnen in der Funktionärsißung am Freitag, 29. Juli, sämtliche Pfeile, Wimpel, Fahnen usw. bestimmt ab. 42. Abt. Heute, 19 Uhr, treffen sich alle Parteimitglieder bei Wiersdorf, llrbanftr. 8. 98. Abt. Heute Funktionärsißung an bekannter Stelle. 198. Abt. Heute, 18 Uhr, Flugblattverbreitung von folgenden Lokal aus: Köllnifchs Vorstadt: Rewart, Rudower Etr. 3; Kießrui. Komnstr. 81 Ball our aber 34,—, 42,—, 45,—, 55,—, verchromte 65.—. Werner, Adalhertstr. 0, Rott- buffet Tor. Fabritneue - Fahrräder 28,—. - Z3.—. 35,-, 40.—. m.»u opottptetfen. 45,—, verchromt« Jus Wunsch Zah.j Fahrräder von.59,— lung-erl-lchterung. i,,m Ballonräder. Verkauf m unseren fabrikneu. 33,- an, Au-ftellungs. mit Freilauf und Glosvitrine, i uni en Shorineri Rücktritt. Vrernse, Tisch, Stühlen, nirüctt 84, am Rosen» i,m 49,—, 45,—, "ao,—. Herrenzim. ttbaler Platz._! 55.—, Zrennobor. mer. Zwei Meter,- Gebrouchte» s Räder 79,—, Marke nur 275.—. An, Speisezimmer, kan'. 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Neue Kömgstraße acht. unddreißig, direkt Aleranderplatz' iMLilMHlI j SieiisnangaDotäl Rockbllgleriuueu, außer dem Sauf«, sofort verlangt, Burftein, Eharlvt. tenburg, Königs» weg 39 I, Eingang Privatstraß«. 3lr.351* 49. Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Oonnersisg. 25. Juli 1932 Das ist Hitlers Ldealstaat. Diese faschistische Hölle wollen Hitler und Hugenberg bei uns verwirklichen. hugenbergs Brief an Papen will neue Notverordnungen zur heraufführung des Faschismus, hugenberg und Hitler, der von italienischen Faschisten beraten wird, sind sich in diesem Ziel einig. Ein Blick nach Italien zeigt immer wieder, wieviel wir in Deutschland noch zu verlieren und zu ver- leidigen haben. Das faschistische Italien gilt dem„Nationalsozialismus" als Vorbild. Die Naziführer verweisen immer wieder auf die angeblich grandiosen Leistungen und Segnungen des faschi- stischen Wirtschaftssystems. Sie kennen kein Versagen der kapitali- stischen Wirtschaft und ihrer Führer— siehe Lahusen und Thyssen—, die Schuld trägt allein der Marxismus. Die Weltkrise ist ein von den Marxisten zur Volks- täuschung erfundenes Fremdwort. Italien ist das leuchtende Vorbild des Dritten Reiches, ist nicht marxistisch. Warum aber wird es genau so durchschüttelt wie das marxistische Deutschland? Die Krisenerscheinungen sind in Italien noch viel verheerender als anderwärts. Die industrielle Gesamtproduktion ist fast auf die Hälfte zu- sammengeschrumpft. Die Werften, die Schisfahrt, die Eisenindustrie und Elektrisitätswirtschaft, die Kunstseideindustrie und andere, mit chnen die großen italienischen Konzerne sind aufs schwerste er- s ch ü t t e r t. Die offiziell zugegebene Arbeitslosigkeit lautet auf 1 Million, Sachkundige schätzen die tatsächliche Arbeitslosigkeit auf 2 Millionen! enorm viel für dieses überwiegende Agrarland. Italien hatte keine Reparationskrif'e, keine Ab- Ziehung von Auslandsgeldern und damit keine innere Vertrauens- trise erlebt wie Deutschland. Aber das italienische Bankwesen ist nicht weniger ramponiert als bei uns. Eine ganze Reihe mittlerer Banken ist zusammengebrochen, hat Millionen von Ein- legern um ihre Spargroschen gebracht. Die Großbanken mußten der Reihe nach: Italienische Landwirtschaftsbank. Credito Jtaliano, Banca Commerciale, vom Staat vor dem offenen Zu- sammenbruch gerettet werden. Der Banca Commerciale mußten fiir 4 Milliarden Lira Industriebeteiligungen mit Staatshilfe und Staatsbürgschaft obge- nommen werden; sie sind heute weniger als die Hälfte wert. Der Staat hat bis Mitte des Jahres bereits Milliarden Lira Unterstützungskredite verteilt. Die bekanntgewordenen Wirtschaftsskandale beweisen, daß die Zahl der Wirtschaftsverbrecher in Mussolinien, dem Vor- bild des Dritten Reichs, nicht Neiner, sondern eher größer als anderwärts ist und daß die Wirtschaftsführung noch unsolider und korrupter ist als anderwärts. In den letzten 2% Jahren haben in Italien etwa 60 000 Firmen Konkurs angemeldet. Die letzte Monatsziffer der Konkurse lautet auf 2000 und liegt damit viermal so hoch wie die gegenwärtige deutsche Ziffer. Bei den Wechselprotesten hält Italien einen Weltrekord. Die amtliche Statistik meldet monat- lich 100 000 Wechselproteste. Von der amtlich ausgewiesenen Ziffer von 1 Million Arbeits- losen erhält nur etwa ein Fünftel Unterstützung. In Wirklichkeit dürfte nur etwa ein Zehntel der talsächlich Erwerbslosen staatliche Unterstützung erhalten. Die Landarbeiter sind von der Unterstützung ausgeschlossen. In Deutschland hat die Regierung der Barone wahrlich die Arbeitslosenunterstützung aus ein unerträgliches Hungerniveau herabgcdrückt. Aber die Einführung der italienischen Sähe, 40 bis S0 Pf. Unterstützung pro Tag— also 3 bis 3,50 21t. die Woche— und nach drei Monaten völlige Aussteuerung, steht uns noch bevor. wenn hugenberg und Hitler ihr faschistisches Ideal in Deutschland verwirklichen werden. Der Durchschnittslohn für alle Arbeiterkategorien beträgt nach der amtlichen Statistik 37 Pf. die Stunde. Eine Textilarbeiterin er- reicht in voller Arbeitszeit und im Akkordlohn bestenfalls 2 M. Tages- oder 12 M. Wachenserdienft, ein Landarbeiter(Bar- lohn und Deputat zusammengerechnet) noch nicht 10 M. Die Lebenshaltungskosten sind in Italien aber kaum niedriger als in anderen europäischen Ländern. Sie sind yach den amtlichen Ziffern seit dem Höchststand nur etwa um 13 Proz. zurückgegangen, während die deutsche Meßziffer seit dem einen Rückgang 20 Proz. aufweist. Die Reallöhne liegen im faschistischen Eldorado nach dem Internationalen Arbeitsamt um mehr als ein Drittel unter den deutschen. Sie liegen noch unter dem Stand der deutschen Löhne um die Jahrhundertwende! Die Ziele hugenbergs und der Nazis find hier also wirklich erreicht. In Italien existiert nicht einmal eine obligatarische Krankenversicherung. Die Steuerverteilung ist noch un- sozialer als b'ei uns. Das Elend ist so groß, daß sofort nach der Lockerung der Auswandcrungsbestimmungen eine Wasscknflucht aus dem Eldorado einsehte. Innerhalb von zehn Monaten haben mitten in der schwersten Welt- krise 300 000 Italiener ihr Land verlassen, obwohl die ganze Welt versperrt ist und nirgendwo günstige Aussichten auf Beschäftigung zu erblicken sind. Aber diese Auswanderermassen ziehen ein ungc- wisses, wenn nicht aussichtsloses Schicksal in der Fremde, noch der Hölle in der Heimat, im faschistischen Italien, vor! So. sieht das leuchtende Vorbild des Faschismus aus. Dos ist dos Schicksal, dos die Arbeiterklasse unter dem Faschismus erwartet. Es gibt auch auf Hitlers und hugenbergs Anschläge auf Freiheit und Leben der Massen nur eine Antwort: Dem Faschismus wird am 31. Juli der Weg ein für allemal verbaut. Sozialer Trümmerhaufen. Auf den Arbeiisämiern herrscht ein tolles Durcheinander. Auf samtlichen Arbeitsämtern Deutschlands herrscht ein tolles Durcheinander. Die Prüfung der laufenden Unterftützungsfälle auf die Hilfsbedürftigkeit und die Umrechnung auf die neuen Unter- ftützungsfätze konnte fast nirgends geschafft werden. Ohne Berück- stchtigung der neuen gesetzlichen Bestimmungen hat man dann in letzter Minute von oben herunter angeordnet, daß, wo die Prüfung der hilfsbedürstigkeit nicht erfolgt ist, schematisch die Unterstützungs- fätze der letzten Notverordnung auf die Zahlbogen aufgeschrieben werden sollen. Ungefähr«in Drittel aller Unterstützungsempfänger ist erst in den„Genuß" der Unterstützungssätze der Papen-Hitler-Verordnung gekommen. Zwei Drittel haben die alten oder in fast allen Krisen- Unterstützungsfällen erhöhte neu« Unterstützungssätze bekommen. Sämtliche sogenannte Nebenarbeiten der Arbeitsämter wie Uebsrweisungen, Zahlung von Kinder- und Frauenzuschlägen, Er- ledigung der anfallenden Post hat man infolge der Umstellung fast vier Wochen ruhen lassen. wer soll diesen ganzen Trümmerhaufen jetzt aufarbeiten? Wer soll die restlichen zwei Drittel Unterstützungsakten in Ordnung bringen und umrechnen? Zwei Drittel aller unterstützten Arbeitslosen werden sich in diesen Tagen gewundert haben. Denn ihre Unterstützungen sind oft höher als früher. Es wird ein böses Erwachen in den nächsten Wochen geben, wenn alle weniger bekommen. Wie stark die Kürzungen sind, dafür mögen die Einsprüche der schon gekürzten Unterstützungsempfänger als Richtschnur gelten. Rund 80 Proz. aller Arbeitslosen, die die richtige neue Unterstützung bekommen haben, legen Einspruch ein und verlangen richterliche Entscheidung. Eine Arbeit, die gor nicht bewältigt werden kann. Nur einige Beispiele, wie die Hitler-Notvcrordnung sich aus- wirkt, soweit die Berechnung der neuen Sätze vorgenommen werden konnte, und wie sie sich bei allen anderen Unterstützungsbeziehern auswirken wird, wo bisher die Berechnung nicht vorgenommen worden ist: 1. Lediger Bezieher im Elternhause: Bisher neu nach 6 Wochen Kl. XI-(ohne Zuschläge) 18.90 11.70 3.90 Kl. VI»(.„) 13.50 9.90 3.90 2. Lediger,«igen« Wohnung oder zur Miete bei Fremden: Kl. XI.(ohne Zuschläge) 18.90 11.70 7.85 Kl. VIII<.„) 13.50 9.90 7.85 3. Ehepaar mit 1 Kind unter 6 Jahr«»: Kl. XI(ohne Zuschläge) 25.20 17.10 14.30 Kl. Vill(..„) 18.— 14 70 14.30 4. Berheiroteter, besten Ehefrau 25 M. pro Woche verdient: Kl. XI(ohne Zuschläge) 18.90 11.70 nichts Kl. VIII(..) 13.50 9.90 nichts Ziegeleiarbeiter, die als Arbeitsdienstwillige dem Unter- nehmer einen guten Verdienst zuschanzen würden. Man sieht, wohin Arbeitsdienstexperimente führen, wenn sie auf eine Verdrängung der Arbeit des normalen Arbeitsmarktes hinauslaufen. Sol�'' Experimente können nicht energisch genug abgelehnt werden. Gemeingefährliches Treiben. Die porzellanindustrie fordert Preiserhöhung. Ende dieses Monats läuft die Preiserhöhungssperre für Kartellpreise, die in der Dezembernotverordnung ausgesprochen wurde, ab. Die früher schon ausgesprochene Befürchtung, daß die deutschen Kartelle nach diesem Termin ihre Preise wieder erhöhen und die Realkaufkraft der gekürzten Löhne weiter schmälern werden, scheint sich zu bestätigen. Der Verband deutscher Porzellan- geschirrfabriken jedenfalls hat sich beeilt, in einer Denkschrift vom Reichswirtschaftsministerium die Genehmigung für eine Preis- erhöhung zu fordern. Tatsache ist, daß die Notlage der deutschen Porzellan- industrie nicht erst seit gestern oder vorgestern existiert. In der Nachkriegszeit wurden 57 Betriebe mit 1100 Arbeitern stillgelegt. Diese Notlage Hot ihren Hauptgrund in einer überhohen Leistungsfähigkeit, die auch in den besten Nachkriegsjahren nicht annähernd ausgenutzt wurde. In kaum einer Industrie aber wird die Kostengestaltung so stark durch die Ausnutzung der Anlagen bestimmt, wie in der Porzellanindustrie. Wenn die seit 1924 investierten 25 Millionen Mark nicht zu verzinsen find, so ist das eben ein Beweis für eine Fehlinvestition. In einem allerdings kann man die Darlegung der Porzellan- industrie nur unterstreichen: daß nämlich die B r ü s- k i e r u n g zahlreicher Länder durch die deutsche Zoll- und Handels- Politik die deutschen Ausfuhrindustrien aufs schwerste geschädigt hat. Fast die Hälfte der deutschen Produktion an Geschirrporzellon und fast zwei Drittel der Produktion an Zierporzellan wurden im Jahre 1928 ausgeführt. Den schärfsten Protest der V e r b r a u ch e r sch a f t aber müssen die Forderungen nach einer Preis- erhöhung und nach Maßnahmen, die auf einen Verwendungs zwang für Porzellan hinauslau- fen, hervorrufen. Wenn gesagt wird, daß bei einem Ver- brauch van 1,17 M. pro Kopf der Bevölkerung eine Preiserhöhung um 20 Proz. nur 0,22 M. je Kopf ausmachen würden, so ist das einfach komisch. Selbstverständlich wird jede Preiserhöhung — es wird eine um 10 Proz. verlangt— zu einem Absatzrückgang führen. Der Strauß dieser Kartellwünsche wäre nicht nollständig, wenn nicht mit sturer Hartnäckigkeit wieder das Verlangen nach Abbau von Löhnen und sozialen Lasten gestellt würde. Dieser „Rettungsplan" der deutschen Porzellanindustrie zeigt mit Deutlich- keit, daß Deutschlands„Wirtschaftsführer" immer noch in der Senkung der Massenkaufkraft durch Lohnabbau und Preiserhöhung die Rettung sehen. Sie wollen anscheinend die letzte Grundlage für die Beschäftigung der deutschen Wirt- schaft beseitigen; ihr Treiben ist gemeingefährlich. Die Fälle, wo zwei Arbeitslose, die bisher dieselben Unter- stützungssätze bezogen, nunmehr ganz verschieden hohe Beträge bekommen, weil für den«inen die Prüfung der Hilfsbedürftigkeit vorgenommen worden ist, für den andern aber noch nicht, diese Fälle sind nicht selten. Der in jeder Hinsicht„Geprüfte" fühlt sich benach- teiligt und macht den Arbeitsamtsangestellten die schwersten Vor- würfe. Wie wollen die Angestellten diesen Unglücklichen klarmachen. daß sie ihnen persönlich nicht übelwollen und nur nach den Vor- schristen gehandelt haben? Die Regierung der Nazibaron« hat, wie Herr von Popen an Hugenberg schreibt,„die notwendigen Aufräumungs- arbeiten ohne Zeitverlust und rücksichtslos" durchgeführt. Daß man bei den Reichen und Reichsten, daß man auch bei den ostelbifchen Großgrundbesitzern„rücksichtslos" vorgegangen ist, wird auch Herr von Papen nicht behaupten.. Das tolle Durcheinander, das man in allen Arbeitsämtern angerichtet hat, zeigt jedoch, daß die soziale Rücksichtslosigkeit und die Haft,„ohne Zeitverluft" mit dem„Wohlfahrtsstaat" aufzuräumen, mit Sachkenntnis nicht ge- paart waren, Arbeitsdienst alsOienstamLlnternehmer Ein Vorgeschmack Pom„Dritten?toch". Tüchtige Leute verstehen es, sogar mit dem freiwilligen Arbeitsdienst ein Geschäft zu machen. Di« Gemeinden Krautsand-Drochtersen haben vor kurzem an das Arbeitsamt Nord- mark einen Antrag gestellt, worin um die Genehmigung zur Her- stellung von Klinkern im Weg des freiwilligen Arbeitsdienstes gebeten wird., Diese Steine sollen für Wegebau in Frage kommen, den man ebenfalls im Arbeits- dienst ausführen will. Man will 3 600 000 Klinker produ- zieren. 600 000 Stück werden von vornherein als Ausschußware in Abzug gebracht. Diese als Bruch berechneten Steine sollen dem Produzenten zur eigenen Verwertung überlassen bleiben. Ferner will man dem Ziegeleibesltzer 1500 000 Steine zur„K o- stend eckung" überlassen. Diese Steine werden mit 18 Mk. pro 1000 Stück berechnet. Das macht 27 000 Mk. Eine merkwürdige Berechnung! Wo sind Klinker, ja selbst ganz gewöhnliche Hintermauerungssteine sür 18 Mk. pro Tausend zu haben? In der„Bauwelt" wird der Preis für 1000 Hintermaue- rungssteine in Homburg mit 39 Mk. angegeben. Nimmt man diesen Satz, dann macht der Erlös für 1500 000 Steine rund 60 000 Mk. Ein ganz schönes Geschäft also, selbst wenn man alle sonstigen Aus- gaben, wie Steuern und dergleichen in Abzug bringt und die „Kostenveranschlagung" mit 27 000 Mk. bestehen läßt. Die Leidtragenden bei der ganzen Geschichte waren d i« papens Arbeitsbeschaffung. Die Arbeitsbeschaffungsonleihe und dos Arbeitsbeschaffungs- Programm Brünings wurden von der Papen-Regierung bei ihrem Regierungsbeginn sofort begraben. Mit Pape» fürchtet Hitler des- balb schlechte Wahlen. So tut die Regierung Papen, was sie kann und was sie darf. 60 Millionen sür Straßenbau, 50 Millionen für Wasserstraßen wurden kürzlich angesagt. Jetzt tröpfeln 25 Millionen für landwirtschaftliche Meliorationen nach. Dabei handelt es sich zum Teil um längst bereitstehende Gelder. Bestenfalls werden 50 000 bis 60 000 Menschen mit der ganzen Summe von 135 Mil- lionen auf ein Jahr beschäftigt. Das nennt man Arbeitsbeschaffung. Herr Gchaffer und die Gelben. Der Reichsarbeitsminister hatte nach feinem Amts- antritt auch die Vertreter der„wirtschaftlichen Werk- vereine" empfangen. Die Gelben knüpften daran große Hofs- nungen. Sie glaubten, die Regierung der Hitlerbarone werde nun ihre Anerkennung als taris fähige Vertragspartei herbeiführen. Daraus ist ober zunächst nichts geworden. Der Reichsarbeitsminsi'ter ist der Auffassung, daß es wie bisher den mit der Auslegung der Gesetze betrauten Stellen überlassen bleiben müsse, ob sie die Werkvereine als Tarifvertragspartei anerkennen können. An dem bisherigen Zustand ändert sich also nichts. Herr Schäffer wollte den Gelben also nur seine Sympathien bezeugen. »Freie Gewerkschafts-Jugenb Verlin fs Heute, Donnerstag, 28. Juli, um 19i£ Uhr, tagen die Gruppen: Süd- asten: Jugendheim Reichenberger Str. 66.„Das moderne Gefängnis." — Tempelhof: Jugendheim L-nzeum Germaniastr. 4— B. Der Zugang er- folgt durch den Gingang Giitzsiraße, auf der hinteren Seite der Schule...Ar- deitcrführer: Karl Marx und Friedrich Engels."— Moabit: Jugendheim Lehrter Straße 18—19.„Gewerkschaften und Arbeitsdienst."— Staaken: Jugendheim 17. Volksschule, Gartenstadt, Kirchploß, Endhaltestelle Autobus 31. Treffen um 19� Uhr auf dem Schulhof �u einer Abendwanderung.— Schönhauser Tor: Jugendheim Tieckstr. 18. Die Burschen gestalten den Abend aus.— Landsberger Platz: Jugendheim Diestelmenerstr.?.„Wir und Freikörperkultur."— Lichtea- berg: Jugendheim Dossestr. 22. Die Mädels gestalten den Abend aus.— Neu- Lichtenderg: Jugendheim Gunterftr. 44.„Aus. dem Leben eines Kumpels."— Grünauer Str. 5(Nähe Vbf. Spindlersfeld).„Berufskrankheiten und ihre Verhütung."— Gewerkfchaftshaus: Jugendheim Gemerkfchaftshaus, Engel. ufer 24— 25, Saal 11. Heini berichtet von feiner Walze.— Schlestsches Tor: Jugendheim Manteuffelftr. 7, vorn 1 Treppe.„Aktuelle Satire aus alter Zeit."— Ticmensstadt: Jugendheim 11. und 13. Volksschule, Siemensstadt, Schulstr. 14— 15. Wir lassen uns nicht unterkriegen.— Wir spielen ab 18 Uhr: Nordostkreis: Bolle-Sportplatz, Nordend: Nordkreis: Spielwiese im Volkspark Rehberge; Güdkrcis: Sportplätze Treptower Park, Wiese 8, und Volkspark Neukölln: Iugendgrnppe des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes: Trep- tower Park. Wiese 8.— Iuaendgruppe des Verbandes der Rahrnnasvnttel- und Getränkearbeiter: Jugendheim Neue Schönhauser Str. 4—5. Lichtbilder. vortrog:..Wandertage in Thüringen".— Achtung! Achtung! Am Freitagabend im Stadion Neukölln Propagandafeuerwerk der„Eisernen Front". ®Iusiendc;nlppe Seö Henttawei-bandes der Angestellten Heute.- Donnerstag, sind folgende Veranstoltungen: Norden: Jugend- heim Lortzingstr. 19, Einer fragt und alle antworten,— Oft«»: Jugend- heim der Gchule Litauer Str, I?, Kurzreferate: Interessantes aus unserem Berus.— Treptnw: Jugendheim Clscnstr. Z lPrinathau?!. Fahrtenabend mit Bilderaustausch.— Die Freie Angestelltendank s.®. m. h. H. tagt heute non A bis 22- Uhr im Berdandshaus.— Spiele iw Freien: Ab 18 Uhr Sportplatz Tiergarten und ad 18>z Uhr Sportplatz Friedrichshain, Platz 9. Zentralnerhood der Angestellten. Die Drtsverwaltung und die Vermaltungs. stelle Berlin der Berufskrantentasie der Angestellten. Hedemannstr. 12, schlietzen ihr« Dilroräum« am Freitag. 29. Juli, dereit» um 15 Uhr. Die Ubendsprech. stund» fallt aus, Rächst»(oprechstund» Montag, 1. August, non 17—19 Uh», Waller Irlffl XiebesgeSchichie ohne Snde/"Don fönnsgeorg itlaier Die Erwartung Walter erzählt Ich weiß noch gut, daß es Winter war und daß der Frost Nicht enden wollt«, obwohl der März begonnen hatt«� Ein Kamerad hatte mir bei einem Tischler Arbeit verschafft, und so war ich in der kleinen Stadt geblieben- Da- Umherziehen hatte ich satt- Jeden Abend ging ich durch ein paar verwinkelte Straßen in das große, vom Alter aufgetriebene Haus zurück, wo ich unterge- kommen war. Wie ein mächtiges Wrack, das sonderbar kräftig dem Wasser und der Sonne standhielt, lag das alte Haus unter dem steilen Absturz des Stadtwalles, breit und bauchig, wie eine abge- takelte Schaluppe. Ich trat über die Schwelle auf den Vorplatz. eine niedrige Diele mit mehreren Türen in allen drei Wänden: nur das kleine Zimmer der Wirtin habe ich kennengelernt. Hinten sührte eine hölzern«, an vielen Stufen abgestoßene Treppe hinaus zu meiner Stube. Aus dem Tisch hatte ich einen Spirituskocher stehen. Ich machte mir heißes Wasser und brühte den Tee in der irdenen Kanne aus, die mir von der Wirtin hereingestellt worden war. Ich belegte zwei oder drei Scheiben Brot mit dem Käse oder der Wurst, die ich unterwegs eilig gekaust hatte, und aß und trank. Dann rückte ich die Lampe heran und las in einer Zeitung All- mählich bekam ich die Kälte zu spüren, ich slopste eine Pfeife, brannte sie an, zog den Mantel über und verließ das Haus. Wohin? Zuerst ging ich links die Straße hinaus— rechts führte sie zur Tischlerei— und sah die Bilder in den Schaukästen des Kinos an. Manchmal ging ich hinein. Dann gab es eine Geschichte von einigen reichen oder armen Leuten, die schließlich glücklich wurden. Ich konnte nicht immer daran glauben. Wenn es hell wurde, erblickte ich viele Mädchen im Saal-, aber ehe ich mich richtig umgeblickt hatte, begann schon wieder der Film. Am Schluß paßte ich draußen auf, ob eine vorbeikäme, mit der ich bekannt werden könnte. Ich ging immer allein nach Hause. Wenn ich nicht in da» Kino«intrat, hatte ich die Wahl zwischen der erleuchteten Hauptstraße und dem Feldweg bis zum Bahn- wärterhaus am Chausseeübergang. Dort traf es sich meistens, daß gerade zwei helle, lärmende Schnellzüge oorüberfuhren. Es war gut zu wissen, daß sie jeden Abend wiederkamen. Ich verdiente so, daß ich auskam. Ich hatte auch nur für mich zu sorgen. Für zwei hätte es nicht sehr weit gelangt. Ehe ich schlafen ging, besuchte ich öfters die Schenke hinter dem Postamt. Dort lernte ich einen anderen jungen Tischler kenneik, der in einer großen Möbelfabrik arbeitete. Ich wollte auch eine so interessante Arbeit finden, wie er sie schilderte.„Bei uns wird keiner mehr ein- gestellt", bemerkte er. Die Fabrik ginge nicht gut. Wir tranken ein Glas Grog. Es gab noch andere Kameraden in der Schenke. Es waren lustige Leute darunter, sie erzählten eigene Erlebnisse und Geschichten, die sie von anderen gehört hatten. Sie sprachen von ihren Mädchen. Sonntag» waren sie mit ihnen zusammen. Ich tat, als hätte ich auch eine Bekanntschaft gemacht. Daß ich die Sonntag« allein oerbrachle, verschwieg ich. Das Alleinsein war auf die Dauer noch schlimmer als das Her- umstreifen im Sommer. Aber davon sagte ich nichts. Wenn ich das Prahlen satt hatte, zahlte ich und ging. Es war mir gleichgültig, was sie über mich reden würden. Bald würde es wieder wärmer werden. Dann wurde das Leben«in wenig leichter. Ich wollte wieder fort. Aber ich wartete noch auf etwas, das geschehen müßte, ehe ich ging. Ich wollte aus keinen Fall vorher wegfahren. Oft war ich voller Hoffnung: es mußte alles besser werden, ich würde nicht länger allein bleiben, ich würde eine interessante Arbeit finden und ein erträgliches Leben haben. Vielleicht war es zu zweit nicht ganz so schwer wie allein. Ich hatte manchmal trübe Tage, an denen ich auf alles pfiff, zuallererst auf mich. Dann kam ich mir lächerlich vor, ein Narr, weil ich glaubte, man müsie auch heutzutage einmal glücklich sein können. Aber was konnte man tun? Man mußte alles hinnehmen, was einem geschah, man konnte schreien, aber man konnte nichts ändern. Immer nur ein„Vielleicht"— das war das einzige, was einem blieb. Aber auf die Dauer konnte ich nicht bitter über das Leben denken. Wenn man älter wäre, hätte man es darin sicherlich leichter. Ich war oft müde wie ein Alter und oft setzte ich ein unglaubliches Vertrauen in die Zukunft. Ich wartete auf irgend etwas, das auf mich zukommen würde, auf eine Aenderung, auf ein Ereignis, auf eine Begegnung. Und wirklich lernte ich einige Wochen später Minka kennen. Die Begegnung. Der Tischlermeister, bei dem ich arbeitete, kündigte mir: es gab keine Arbeit mehr bei ihm, die er nicht gut allein bewältigt hätte. Aber er empfahl mich weiter. So kam ich zu Minkas Vater. Der machte die Tischlerarbeiten für das Theater, das die Stadt unterhielt. Wir lieferten hölzerne Rohmen, die dann mit bemalter Leinwand bespannt wurden, wir machten Podeste und kleine Treppen, wir hatten bei jedem neuen Stück zu tun Es machte mir Spaß, daß ich nun öfters in das Theatergebäuds kam. wo ein be- sondcres Klima war, das mich verwirrte, und der Betrieb nicht mechanisch vor sich ging, sondern vieles improvisiert werden mußte. Einmal schaute ich den Schauspielern bei einer Probe zu. Als ich wieder zur Werkstatt zurückging, sah ich vor mir ein Mädchen die Straße hinuntergehen. Es war gegen Mittag, die Sonne schien. Die Haare des Mädchens glänzten(Es trug keinen Hut. nur einen Mantel). Ich ärgerte mich, weil ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Das Mädchen ging schnell und sehr leicht. Als es vor unserer Werkstatt angekommen war, ging e? hin» ein. Bald war ich auch angelangt Drinnen sprach der Tischler» meister mit dem Mädchen. Ms ich eintrat, sagte er. ich sei die neu« Aushllse. Ich erfuhr, das Mädchen sei seine Tochter. Ich machte mir an der Hobelbank zu tun. Sie ging hinaus. Sie hieß Minka. Ich suchte nach einer Gelegenheit, um mit ihr zu sprechen. Aber immer kam etwas dazwischen. Am Sonntag traf ich sie aus dem Plag vor dem Bahnhof. „Guten Morgen", sagte ich.„Wollen Sie verreisen?" „Nein", antwortete sie„Ich bin gerade vier Wochen weg ge» wesen." „War die Reise schön?" fragte ich. „Ich habe eine kranke Freundin besucht", sagte sie. Ich wußte nicht: sollte ich nun noch länger mit ihr sprechen oder sollte ich weitergehen? Ich sah das klare helle Blau in ihren Augen. Wir schauten uns an. „Arbeiten Sie gerne bei uns?" fragte sie. „Es ist sehr interessant", antwortete ich.„Ich sehe zum ersten Male im Theater hinter die Bühne." Ich ward ungeduldig. Wir konnten nicht einfach die ganze Zeit auf dem Platz stehen bleiben. Ich sah sie wieder an. Sie sah mich an. Ich wagte nicht, sie um eine Verabredung zu bitten. Aber ich hatte große Lust, mit ihr verabredet zu sein. Noch für diesen Abend. Ich wollte dahinterkommen: was mit ihr los war. Und mit mir. „Gehen Sie manchmal ins Kino?" fragte ich wieder. „Ab und zu", sagte sie.„Aber man wird oft angesprochen und angestoßen, wenn man allein ist. Ich gehe lieber mit einer Freundin. Zu zweit ist man sicherer." Ich schaute sie an, während sie sprach. Ich sah nur ihr Gesicht. Das Haar verdeckte ein Hut. „Ich möchte mit Ihnen irgendwo sitzen und mich länger mit Ihnen unterhalten", sagte ich. Sie nahm dieses Wort nicht übel auf. Aber sie erkundigte sich auch nicht etwa gleich: wann und wo? Sie fragte nur:„Finden Sie etwas an mir?" „Ich möchte Sie wiedersehen", sagte ich.„Ich bin sehr ftoh. daß ich Sie einmal getroffen habe." „Sind Sie allein?" ftagte sie. „Nicht sehr", antwortete ich ihr. Ich wußte nicht, was ich da» mit sagen wollte, aber ich konnte nichts anderes antworten. „Ich gehe h«ute Abend ins Kino", sagte ich.„Gehen Sie auch?" „Ich weiß noch nicht, ob ich hingehen kann", sagte sie rasch. Ich verabschiedete mich.„Auf Wiedersehen!" „Auf Wiedersehen!" sagte sie. Ich eilte über den Platz und die Straße hinauf. Nachher ftagte ich mich eine ganze Weile, ob sie mir nachgeblickt habe. Ich schalt mich, daß ich mich nicht einmal flüchtig umgesehen hatte. Ich war sehr verwirrt, sehr unzuftieden mit mir, und zugleich fühlte ich mich sehr gesund. Am Abend traf ich Minka im Kino. Sie war allein. Ich be» gleitet« sie nach Hause. Wir oerabredeten uns für Freitagabend. Am Freitag trafen wir uns draußen hinter dem Bahndamm. Es war kalt. Den ganzen Tag hatte es geregnet. Ein.feuchter Wind trieb über das Land. Wir gingen einen Feldweg bis zum ersten Gehöft vor der Stadt. Dann gingen wir wieder zurück. Ehe wir wieder in die Chaussee einbogen, streichelte ich sie. Wir küßten uns. Bis zu den ersten Häusern sprachen wir kein Wort. ItaÜher Q- OfchileivsM: ZDeitifchland Dies Land: Heimat. Vaterland. Wenn wir nächtens aufwachen— es ist Nacht über Deutschland— Wandert der nebelverhangene Himmel über den gequälten Schlaf unserer Brüder Und die ewigen Sterne tragen dunkle Tücher über ihrem diamantenen Leib. Doch bald grüßt uns d«r Morgen in taukühler Frisch«. Wälder und Auen, Gesang der Lerchen über den Feldern Nähren Erdreich und Wurzeln unserer Liebe zu dir, Deutschland. Wir reißen den Pflug durch den brachen Acker Und werfen Saat für die braunlichten Tage der Ernte. Aber hört sie brüllen, die Trompeter der Knechtschaft,.die Schänder der jungen Freiheit, Auf den Tribünen und Märkten des eillen Betrugs! Tönerne Worte und die gefälligen Spiele der Gaukler Wollen mehr sein als aufbauende Tat. Unsere Liebe zu dir schilt man. Uns will man knechten, wie man unsere Väter knechtete. Wer aber die Freiheit liebt, liebt sie bei seinem ärmsten Volke. Was in uns glüht, ist Deutschland morgen! 3)rohende{Kriegsgefahr! ■Anmerkungen au den letalen Julilagen Gä vernarben die Wunden, e§ vergeben die Zeiten, und arglos über den Stätten des Mordes wandelt ein neues Gescklecht! Einanucl Geibel. In dieser Woche jährt sich zum achtzehnten Male der Tag, in dessen Nachmittagsstunden Trompetenklänge in den Straßen Berlin- erklangen. Offiziere in voller Kriegsau-rüstung verkündeten auf den Plätzen und Straßenkreuzungen, der Kaiser habe den„Zustand der drohenden Kriegsgefahr" angeordnet. Man weiß, es blieb nicht bei der drohenden Gefahr. Bereits am nächsten Tage wurde die allgemeine Mobilmachung angeordnet. Der größte und entsetzlichste Krieg der Weltgeschichte begann. öl Monate voll des Grauens rollten sich ob. Nie wird es mög- lich sein, in menschlichen Worten das Maß an Blut, Leid und Tränen, an Jammer und Elend auszudrücken, das dieser Krieg mit sich brachte. Wie eine ungeheure Ironie mag es also erscheinen, wenn einem der Zufall, ein Zeitungsblatt aus den letzten Iulitagen 1314 in die Hände spielt. Eine hannoversche Zeitung war es, die einen wissen- schastlich aufgemachten Artikel brachte, in dem bewiesen werden sollte, daß die modernen Kriege unblutig wären. Trotz der außer- ordentlichen Entwicklung der Artilleriewasfe kämen Verwundungen durch diese weit weniger als in ftüheren Kriegen vor. Dazu käme das ausgebildete Sanitätswesen und die Kriegschirurgie. Todesfälle gäbe es in stark geringerem Maße als in den Kriegen des vergange- nen Jahrhunderts oder des' Mittelalters. Allen Ernstes wurde der Krieg als ein ziemlich harmloser Sport dargestellt. Der Artikel schloß mit den Worten:„Die Chancen, vom Schlachtfelde heim- zukehren, sind viel, viel günstiger als früher!" Und.wie sah es nach vier Iahren aus? Das furchtbarste Toten- feld, das die Erde je gesehen hatte, lag vor einem. Allein in Deutschland über 1,8 Millionen Gefallene, dazu beinahe 3 Millionen Verwundete. Bei den gesamten am Kriege beteiligten Ländern waren es 10,5 Millionen Tote und rund 26 Millionen Verwundete. Ungerechnet die Opfer durch Epidemien, die stets den Kriegen wie ein untrennbarer Kometenschweif nachfolgen. Ungerechnet die Tausende und aber Tausende von unterernährten Kindern, die nie zu einer vollen Entwicklung kamen, hinsiechten und früh starben. Ungerechnet auch die Kriegskrüppel, die Blinden und alle jene furcht- bar Verstümmelten, die ein Leben führen, das kein Leben ist. Ebenso ungerechnet die unzähligen Insassen der Irrenhäuser, deren Geist sich vor diesem namenlosen Elend verdunkelt hatte. Rechnet man noch alle jene, die später infolge der durch den Krieg bedingten Wirtschaftskrisen Vermögen und Existenz verloren haben, rechnet man die Trauer und das Leid der Mütter um ihre Söhne, der Frauen um ihre Männer, denkt man an die vielen Kinder, denen der Vater und Erzieher von früh auf fehlte, deren Leben deshalb auf falschen Bahnen abrollte, so hat man einen unvorstellbar hohen Turm von Jammer, Elend und Not vor sich, daß es verwunderlich ist. daß dieser Turm nicht die ganze Menschheit mit seinem Gewicht erdrückt hat. Ganz unausdenkbar aber ist die Tatsache, daß wir heute viel- leicht näher als wir glauben, vor derselben Gefahr stehen. Eine neue Generation ist herangewachsen. Während wir in Frankreich und Rußland in den Schützengräben lagen, wurden sie geboren oder spielten auf der Straße. Sie wissen nur vom Kriege, was man ihnen erzählt. Selbst eine Erinnerung an diese Zeit damals haben sie nicht. Man hat versucht, einen Teil dieser Jugend aufzu- Hetzen, man hat ihr verheimlicht, was ein Krieg in Wahrheit ist. Man hat ihr vorgestellt, daß es herrlich und mannbar wäre, in den Krieg zu gehen. So hat man sie zu einem freventlichen Soldaten- spielen verleitet. Mit bunten Uniformen hat man sie gelockt. Und so kann es sein, daß eines Tages der Wunsch, aus diesem Spiel Ernst zu machen, überhand gewinnen wird. Wer so töricht ist, wieder an einen unblutigen Krieg zu glauben, der mag daran erinnert werden, was Dr. H u g o Stolzenberg, der Besitzer jener Gasfabrik vor den Toren Hamburgs, aus der im Jahre 1328 aus einem undicht gewordenen Kessel nur einige Gasschwaden entwichen, vor einigen Monaten in einem öffentlichen Vortrag geäußert hat. Die Folg« des damaligen Unglücks waren einige Dutzend Tote und Hunderte von Kranken. Ein Atemzug brachte bereits den Tod. Auf den Straßen Hamburgs brachen die Menschen urplötzlich zusammen. Durch die Fensterritzen kroch das gelbe Gas in die Stuben. Beim Essen oder beim Schlafen über- raschte es seine Opfer. Man muß also Herrn Dr. Stolzenberg zu- gestehen, daß er weiß, wie ein Krieg sich mit der Masse des Gift- gafes abspielen wird. Er hat erklärt, es wäre bereits jetzt schon im Frieden unerläßlich, das gesamte Leben und Treiben der Städte mit ihren Bahnen, Brücken und Straßen, mit der gesamten In- dusttie, Kanälen und allem, was dazu gehört, unter die Erdober- fläche zu legen, wenn nicht die gesamte Menschheit im Kriegsfall beim ersten Gasangriff auf die erste Sekunde erliegen solle. Es gibt nur einen sehr unvollkommenen Schutz gegen feindliche Fliegerangriffe. Fliegerobwehroersuche in London und Paris und neuerdings auch in Ostpreußen haben das bewiesen. Immer wird der größer« Teil der gistoerbreitenden Flugzeuge durch die Sperre gelangen. Das Meer des Blutes und des Leides, das vor achtzehn Iahren hochschwoll, ist noch nicht abgeebbt. Wieder steht ein 31. Juli vor der Tür. Würde es den Nationalsozialisten gelingen, das Heft in die Hand zu bekommen, so weiß man. wohin die Entwicklung drangt. Nicht um irgendeinen Wahlsieg wie in früheren Jahren also geht es am 31. Juli, sondern um Krieg oder Frieden, Freiheit oder lintergong. kr». mub: 3)er polHilche Rant Am 2. Februar 1332 trat in Genf die größte aller Weltkonfe- renzen, beschickt von den Vertretern von 64 Staaten, die Abrüstungs- konfsrsnz zusammen, und die Eröffnungsworte des Präsidenten Henderfvn wunden von den Rundfunksendern iib«r den ganzen Erd- ball getragen: die Welt will den Frieden— die Welt braucht den Frieden! Der erste Tagungsabschnitt eben dieser Konferenz brauchte ein halbes Jahr, um zu einer— im Hinblick auf die Größe des Ob- jekts— unwesentlichen Entschließung zu kommen. Und diese Ent- schließung wiederum war das Ergebnis monatelanger Debatten. turmhoch aufgeschichteter Akten, bändedicker Denkschriften. Wieviel zeitgemäßer mutet uns angesichts dieses riesigen Appa- rotes die schlichte Schrist an, die der Königsberg«! Philosoph zu Michaelis 1735, alio vor 137 Jahren erscheinen ließ:„Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf": allerdings, ein philo- s o p h i s ch e r Entwurf! Und hier scheiden sich bei der gerechten Beurteilung auch der heutigen Situation die Geister: es ist etwas anderes um die Theorie und etwas anderes um die Praxis.... Erscheint es nicht als ein weltgeschichtlich ganz normaler Verlauf, daß zwischen der Theorie. und der Praxis eben dieses Entwurfes zu einein ewigen Frieden rund«inundeinhalbes Jahrhundert da- zwischen liegen? Und ist angesichts dieses Tatbestandes nicht auch di« Abrüstungskonferenz 1332 ein wesentliches Stück Entwicklung ja, Fortschritt? Kant ist sich dieser seiner Theorie bewußt:„allein in einer Theorie, welche auf dem Pflichtbegriff gegründet ist. fällt die Besorgnis wegen der leeren Idealität ganz weg". In der Schrift „Theorie und Praxis", die in den achtziger Iahren erschien, kommt er — gleich Lessing— zu der Erkenntnis, daß«in Fortschritt der Menschheit im ganzen sehr wohl stattfindet, daß unter Mitwirkung der Natur, die ja der Verminst ihr« Gesetze vorschreibt, das Soll allmählich oder ständig über das Ist den Sieg davonträgt: so folgt denn der Friedenszustand aus einer weltbürgerlichen Verfassung und muß. wi« jene, g« st i f t e t werden.... Der Baseler Friede war am S. April 1735 zwischen Preußen und der französischen Republik geschlossen worden und macht« den Wirren der französischen Reoolutton ein Ende. Am 13. August legte Kant seine klein« Schrift zum Druck vor, zu Michaelis erschien sie, und in der Zwesten Auflage erhielt sie ihre eigentliche philo» sophische Untermauerung in dem ersten Zusatz. Kants Schrist war, zwar Theorie, aus der damaligen Praxi« entstanden, und sie war alles andere als ein« philosophische Träume- rei: dennoch hat sie an Bedeutung mit den Jahrzehnten, ja, mtt den Jahrhunderten zugenommen und scheint erst heute in ihrem großen Ernst ganz gegenwärtig zu sein. Wie sollte nicht auch der schärfste Denker jenes großen Jahr- Hunderts gleich dem erhabensten Dichter, der in seinem Faust eine Inflation größten Stiles beschreibt—„Man honoriert daselbst ein jedes Blatt durch Gold und Silber, freilich mit Rabatt"—, einem späteren Jahrhundert seine Gedanken vorwegnehmen, und ist es ein Zufall, daß auch der dritte in diesem Seherbunde, Herder, heute zu neuen: Leben erwacht ist: der politische Herder?! „Der politische Kant." lieber den Gedanken des Völkerbundes kommt er, dem Zwange der Wirtschaftskrise folgend(„Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann"), zur Forderung der B e r n u n f t: die Welt will den Frieden—, und zur Forderung der Pflicht: die Welt braucht den Frieden, d. h. den ewigen Frieden! Wo ober, und nun tritt der politische Kant vor das Mikrophon des Tages: wo ist der Zustand des Friedens am ehesten garantiert? „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republi» konisch sein. In einer Verfosiung..., die nicht republikanisch ist,... ist es die unbedenklichste Sache von der Welt(Krieg zu führen), weil das �Oberhaupt nicht Staats genösse, fondern Staats- eigentümer ist, an seinen Tafeln, Jagden. Lustschlössern. Hoffesten u. dgl. durch den Krieg nicht das mindeste einbüßt. Nun ist die republikanische Verfassung die einzige, welche dem Recht der Menschen vollkommen angemesien, aber auch die schwerste zu stiften, vielmehr noch zu erhallen ist. dermaßen, daß viele behaupten, es müsse ein Staat von Engeln sein,' weil Menschen mit ihren selbstsüchtigen Neigungen einer Verfassung nan so sublimer Form nicht sähig wären. E? hat ader die r-publikanische Verfassung außer der Lauter- keit ihres Ursprungs, aus dem reinen Ouell des Rcchtsbegrifis entsprungen zu sein, noch die Aussicht in die gewünschte Folge, nomlich den ewigen Frieden."