Morgenausgabe Nr. 361 A 128 49.Iahrgang Wöchentlich 78 Pf, monatlich 3,28 M. (baoon 87 Pf. monatlich für gnstel- lung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 3,»7 M. einschließlich 80 Pf. Posizeimngs- unb 72 Pf. Postbestellge- bllhren.Auslanbsabonnement 8,88 M. vro Monat; für Länber mit ermäßigtem Drucksachenporto 4,68 M. Set Ausfall ber Lieferung wegen höherer Gewalt besteht kein Anspruch ber Abonnenten auf Ersaß. Erscheinungsweise unb Anzeigenpreise siehe am Schluß bes rebaltionellen Teils. Mittwoch 3. August 1932 Groß-Verlin 10 Pf- Auswärts 15 Pf. Verttner Voiksvßait Jentralorgan der Sozialdemokratischen Vaetei DeutschlA Redaktion und Verlag: Berlin SW 68. Lindenstr. 3 Kernspr.: Dönhoss(A T) 292—297. Telegramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin Vorwäris-Verlag G. m. b. H. PostscheckkoMo: Berlin Z7 KSK.—Bankkomo: Bankder Arbeiter. Angestellten und Beamten, Lindenstr. S, Dt.B.«.Di»c..G«1., Depositen!., Jerusalemer Str. KSlKS. Die Schuld am Terror. Mordhetze nationalsozialistischer Führer in Ostpreußen. Das Ausland zum 31. Juli. Wie man die �age Deutschlands draußen beurteilt. Die Auffassung des Auslandes über die deutschen Wahlen ist von seltener Einheitlichkeit: ohne Unter- schied des Landes und der politischen Einstellung stellen nahe- zu alle Blätter in ihren Kommentaren die Tatsache in den Vordergrund, daß keine Rechtsmehrheit zustande- gekommen und daß erst recht HitlersDiktaturtraum verflogen ist. Denn— auch das wird übereinstimmend festgestellt— der nationalsozialistische Vormarsch ist zum Stillstand gebracht worden und die Reserven, aus denen Hitler noch Stimmen in der Zukunft zu schöpfen hoffte, sind jetzt nach der völligen Zertrümmerung der Mittelparteien erschöpft. Von der Sozialdemokratie wird allgemein, zum Teil mit Ueberraschung, festgestellt, daß sie dem Ansturm ohne nennenswerte Verluste standgehalten hat und ihr Ab- schneiden wird als ein deutliches Symptom des Wiederauf- stiegs gewertet, während bei den Nationalsozialisten eher Symptome künftigen Niederganges erblickt werden. Letztere Auffassung kommt namentlich in der englischen und amerikanischen Presse vielfach zum Ausdruck und wird folgendermaßen begründet: Angesichts der nahezu 14 Mil- lionen Stimmen, die Hitler erlangt hat, m u ß er handeln, so oder so. Läßt er sich aufs Regieren ein, dann wird er sich schnell verbrauchen, weil er angesichts seiner skrupellosen Versprechungen die Wähler schnell enttäuschen wird, die er mit seiner Demagogie gewonnen hat. Oder er handelt nicht, dann wird die Enttäuschung unter den erwartungs- vollen Anhängern erst recht groß sein, besonders beim akti- vistifchen Teil der SA., der auf Putschen und Diktatur ein- gestellt ist. Doch an den Putsch glaubt man im Ausland nicht. Höchstens könnte man aus den italienischen Blättern die Aufforderung an Hitler herauslesen, den großen Wurf der gewaltsamen Machtergreifung nach faschistischem Vorbild zu wagen. Sonst herrscht ziemlich allgemein— insbesondere in England, Frankreich und bei den Neutralen— die Ansicht vor, daß die Regierung Papen-Schleicher nicht daran denkt, die Macht, die jetzt in Händen der Junker ist, an den Maler- gesellen Hitler und an die Abenteurer seiner engeren Gefolg- schaft abzutreten. Eher glaubt man, daß die Reichsregierung bestrebt sein werde, Hitler zur Verantwortung heran- zuziehen, um ihn und seine Bewegung zu zähmen und dem jetzigen Kabinett eine parlamentarische Basis zu verschaffen: gleichzeitig würde man versuchen, die beiden katholischen Parteien in irgendeiner Form für eine Zusammenarbeit mit der äußersten Rechten zu gewinnen, denn ohne sie würde das Experiment sowohl im Reich wie in Preußen unmöglich sein, und außerdem würde der gefährliche Konflikt mit Süddeutsch- land fortdauern. Viele ausländische Sonderberichterstatter neigen zur Auffassung, daß das Zentrum und die Bayerische Volkspartei schließlich einem Kompromiß zustimmen werden, sei es in der Form der Tolerierung, sei es sogar in der Form tatsächlicher Koalitionen. Ueberall wird das Anwachsen der Kommunisten als die eigentliche Ueberraschung des Wahlausganges bezeichnet. Aber im Gegensatz zu der selbstzufriedenen Auffassung der Wilhelmstraße, die in diesem Zuwachs eine Bestätigung der „kommunistischen Gefahr" und der Notwendigkeit ihrer Be- kämpfung zu erblicken vorgibt, stellt die Auslandspresse aus- drücklich fest: die KPD. war in rückläufiger Bewegung be- S rissen, als der scharfe antikommunistische Kurs der Papen- legierung die psychologische Gegenwirkung ausgelöst hat. Besonders die Parteilichkeit der Regierung zugunsten der Nationalsozialisten gegen die Kommunisten habe der äußersten Linken starken Zuzug gebracht. Als wei- tere Momente, die der KPD. zugute gekommen wären, wer- den angeführt: einerseits die Erbitterung vieler Arbeiter, die im Frühjahr für Hindenburg gestimmt hätten und die Sozialdemokratie für ihre Enttäuschung über die spätere Haltung des Reichspräsidenten verantwortlich machten, andererseits die Enttäuschung darüber, daß Severing und die Sozialdemokratie sich nicht mit Widerstand und Generalstreik- parole gegen den Streich vom 20.Iuli zur Wehr gesetzt hätten. Das sind, wie gesagt, Auffassungen, die in den Tele- grammen und Artikeln der Auslandspresse dargelegt werden. Ebenso wird aber überall unterstrichen, daß gerade der Zu- wachs der Kommunisten jede Linksregierung unmöglich mache, so daß Schleicher gegenüber einem Parlament, das arbeitsunfähiger geworden sei denn je zuvor, Herr der Lage sei. Gerade dieser Gesichtspunkt wird in allen führen- den Blättern des Auslandes hervorgehoben, freilich mit un- verhohlenem Mißtrauen und deutlicher Besorgnis, die besonders in der französischen Presse wegen der Rundfunk- rede des Reichswehrministers und seiner Ankündigung eines „Umbaues" der deutschen Wehrmacht zum Ausdruck kommen. Königsberg i. Pr., 2. August.(Eigenbericht.) Ter Dienstag ist in Königsberg im allgemeinen ruhig verlaufen. Für das böse Gewissen der Nationalsozia- listen ist charakteristisch, daß T A.- U n i f o r m e n und Hakenkreuzabzeichen von den Straßen wie weg- geblasen sind. An einer Stelle wurden heute zwei getarnte Nationalsoziali st en, die einig« Arbeiter mit der Pistole bedrohten, von dem Ueberfallkommando verhaftet; auch mehrere nationalsozialistische Fensterstürmer, die ein jüdisches Geschäftshaus demoliert hatten, konnten auf frischer Tat fest- genommen werden. Diese Burschen hatten sich gleich- falls als harmlose Zivilisten getarnt. Die einmütige scharfe Verurteilung der Atten- täte durch die Oeffentlichkeit hat die nationalsozialistische Partei- leitung gezwungen, ihre Taktik grundsätzlich zu ändern. Während zuerst noch von berechtigter Abwehr gesprochen wurde, will die Nazi- parte! jetzt alle Vorgänge des Montags von sich abschütteln. Der Gauleiter in Königsberg, Koch, hat sich sogar veranlaßt ge- sehen, in einer besonderen Erklärung die Unschuld der national- sozialistischen Gauleitung an den Attentaten festzustellen, obwohl von keiner Seite bisher behauptet wurde, daß die Gauleiwng selbst sich so weit exponiert hatte, die Organisation der Attentate in die Hand zu nehmen. Aber wenn sich auch die nationalsozialistischen Führer winden wie der Fuchs im Eisen, es bleibt die moralisch« Schuld an den blutigen Attentaten des Montagmorgen an ihnen hängen. Sie haben in den vergangenen Wochen hier in Ostpreußen ein« derartige Mordhetze getrieben, daß verbrecherische Aktionen sa- natischer Anhänger zwangsläufig waren. Am 29. Juli hat Frick in Königsberg in einer Wahlversammlung etwa folgendes erklärt: „Für Deutschland wird es ein Segen sein, wenn 10 000 oder besser noch 15 000 der marxistischen Burschen, die den Arbeitern alles versprechen und nichts gehalten haben, vom Erdboden ver- schwinden(Stürmischer Beisall). Damit will ich aber nicht im entferntesten eine Mordhehe entfesseln."(Tosender Beifall.) Gleichfalls am 29. Juli führt« der berüchtigte n a t i d n a l- sozialistische Sauleiter Koch in Königsberg in einer anderen Wahloersammlung in Braunsberg aus: „Die Herrschaften sollen sich nicht wundern, wenn sie sich eines Morgens als Leichen wiederfinden, nachdem sie so viele Leichen in Deutschland aus dem Gewissen haben." Im übrigen pflegte Koch seine meisten Wahlreden mit den Worten zu beschließen:.Höflichkeit bis zur letzten Leitersprosse, aber gehenkt wird doch!" Diese Hetze mußte eine Atmosphäre schaffen, aus der Verbrechen wie die Atten- täte am Montagmorgen erwuchsen. Die schwerwiegendste Frage der nächsten Tage ist, ob der Poli- zeipräsident eine Massenbeteiligung bei dem Leichen- begängnis zuläßt oder nicht. Am Donnerstag wird der am Sonnabend erstochene SA.- Mann Reinke beigesetzt und gleichfalls am Donnerstag oder am Freitag findet die Ein- äscherung des erschossenen kommunistischen Stadt- verordneten Sauff statt. Wie ich erfahre, beabsichtigt der Polizeipräsident einenMassenaufmarschauf Grund des Landespolizeigesetzes zu verbieten und den Zutritt zum Friedhof nur einer bestimmten Anzahl Per- sonen mit Ausweisen zu gestatten. Diese Maßnahme wird natürlich auf scharfen Widerspruch der Kommunisten stoßen, die in ihrem Königsberger Organ schon heute zu einer Massenbeteiligung ausgerusen haben. Die Erklärung des Reichskanzlers von Papen an den Vertreter der Associated Preß, daß die Regierung entschlossen sei, in Königs- berg rasch und summarisch zuzugreisen, begegnet hier in politischen Kreisen außerordentlicher Skepsis. Denn unter den gegebenen Ver- hAtnissen müßte unter„scharfem und summarischem Zugreifen" nichts anderes verstanden werden als eine Schließung der Razitafernen und ein Verbot der SA. Aber daran glaubt kein Mensch. Die neuesten Maßnahmen auf dem Gebiet der Königsberger Polizeipolitik weisen im Gegenteil darauf hin, daß Papen als Reichs- kommifsar in Preußen in einer ganz entscheidenden Frage dem Druck der Nazis nachgegeben hat. Der bekannte Polizeimajor Fischer ist überraschend von Königs- berg versetzt worden. Fischer gilt als einer der befähigsten und tüchtigsten Polizeioffiziere. Politisch stand er den Deutschnatio- nalen nahe, wahrte aber im Dienste stets strikte Neutralität. Am Hitler-Tage, am 17. Juli, sah sich Major Fischer genötigt, gegen SA.- Sperrkolonnen, die sich selbstherrlich Polizei- gewalt anmaßten, mit Berittenen vorzugehen(aber in sehr vorsichtiger Form). Die frechen Drohungen des nationalsozia- listischen Gauleiters Koch, daß er in fünf Minuten den Platz mit seiner SA. von den Polizisten säubern ließe, wies Major Fischer selbstverständlich scharf zurück. Seitdem steht er in der„Drecklinie" der Nazis. Die jetzt erfolgte Versetzung dieses bewährten Polizeioffiziers aus Königsberg stellt eine glatte Kapitu- lation vor den Nationalsozialisten dar. (Siehe auch 2. Seite.) Mckzug in Preußen. Nie kommissarische Verwaltung erkennt eine offene ZUchtssrage an. Am Dienstagnachmittag trat der R e i ch s r a t zu seiner ersten Vollsitzung nach der Aktion der Papen-Re- g i e r u n g gegen die verfassungsmäßige preußische Regie- rung zusammen. Der Sitzung gingen Besprechungen voraus, die von der Papen-Regierung gewünscht worden waren, weil die Reichsratbevollmächtigten der Regierung Braun entschlossen waren, an den Verhandlungen des Reichs- rats teilzunehmen. Man verständigte sich in diesen Be- sprechungen dahin, daß die von dem Reichskommissar zu preußischen Reichsratbevollmächtigten bestimmten Personen nicht an den Sitzungen teilnehmen. Unter diesen Vor- aussetzung verzichteten auch die Reichsratbevollmächtigten der Regierung Braun auf ihr Erscheinen, so daß die Sitzung stattfinden konnte. Mit dem Uebereinkommen hat die Papen-Regierung ent- gegen der bisher von ihr vertretenen Auffassung zugegeben, daß die Entsendung von Bevollmächtigten zum Reichsrat durch einen Reichskommissar eine offene Rechts» frage ist. Nie Länder gegen papen. In ber Vollst hu na des Neichsrats am Dienstagnach- mittag 5 Uhr blieben die Plähe ber preußischen Reichs- ratsmitglieber leer. Den Vorsitz führte Reichsinnenminister Freiherr v. Gayl, der die Sitzung mit folgenöem Nachruf für die Opfer der„Niobe" er- öffnete: „Seit der letzten Vollsitzung des Reichsrats haben die Reichs- marine und das gesamte deutsche Volk einen überaus schweren und kaum faßlichen Verlust erlitten. Ein nach menschlichem Er- messen gesichertes Schiff wie das Schulschiff.Niobe" ist unter- gegangen und hat ejnen großen Teil seiner Besatzung mit sich in die Tiefe genommen. Blühende Menschenleben, die Hoffnung ihrer Eltern uno die Hoffnung der Marine und des deutschen Volkes sind auf diese Weise den Seemannstod gestorben und haben ihre junge Laufbahn in der Marine mit diesem furchtbaren Ereignis ab- schließen müssen. Wir stehen sassirngslos und tiefbewegt vor diesem schweren Unglück und wir gedenken in herzlicher Teilnahme aller derer, denen durch dieses Ereignis das schwerste Herzeleid zugefügt worden ist. Wir gedenken der Eltern der von uns Gerissenen, wir gedenken der Kameraden, wir gedenken der Marin« und aller derer, die in ihrem Herzen beteiligt sind an diesem furchtbaren Ereignis. Wir wollen dem Wunsch, wir wollen der Hoffnung und der Bitte Ausdruck geben, daß es uns erspart sein möge, jemals wieder ein solch schweres, weiteste Kreise treffendes Unglück in unserer Marine zu erleben. Sie haben sich zu Ehren der im Dienst gestorbenen jungen Seeleute und ihrer Vorgesetzten von Ihren Plätzen erhoben: ich danke Ihnen dafür." Vor Eintritt in die Tagesordnung verlas Minister v. Gayl dann noch folgende Erklärung der ZUichsregierung: Die heutige Sitzung ist die erste Vollsitzung, die der Reichsrat noch dem Erlaß der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten vom 29. Juli 1932 abhält. Einzelne Länder und Bevollmächtigt« der preußischen Provinzen haben bereits zu Beginn der Ausschuß- sitzung vom 27. Juli ihre Stellungnahme zu den aus dem Inhalt dieser Verordnung hergeleiteten Rechtsfragen bekanntgegeben und sich dabei— unter Wahrung ihres Rechtsstandpunktes— zur Mitarbeit im Reichsrat bereit erklärt. Die Reichs- regierung hat von den Erklärungen Kenntnis genommen und gibt nach dem Inhalt dieser Erklärungen der Hoffnung Ausdruck, daß die Zusammenarbeit zwischen Reichsregierung und Ländern hri Reichsrat sich weiterhin reibungslos vollziehen wird. Die Reichsregierung glaubt sich zu einer solchen Erwartung um so mehr berechtigt, als die Gewähr dafür gegeben ist, daß die Rechtslage durch«ine Entscheidung des Staatsgerichtshofes eine baldige endgültige Klärung findet. Protesterklärungen der Länder. Im Namen der bayerischen Regierung erklärte Ministerialdirektor Sperr: Der Reichsrat ist nach der Verfassung dazu bestimmt, die Rechte der Länder bei der Gesetzgebung und Verwaltung de, Reiche? aus- zuüben. Die Reichsregierung steht ihm dabei al, Organ des Reiches gegenüber. Mit diesem Verhältnis zwischen Reichsrat und Reichsregierung ist es nicht vereinbar, daß Reichsratsbevollmächtigte eines Landes von der Reichsregierung ernannt und mit Weisunzen versehen werden. Die bayerische Regierung, die sich ebenso wie andere Länderregierungen gegen die Einsetzung von Reichskom- missaren an Stelle von Landesregierungen ausgesprochen und hier- gegen einen Antrag an den Staatsgerichtshof gestellt hat, ist der Anschauung, daß die derzeitige Zusammensetzung des Reichsrat» der Reichsversassung nicht entspricht und daß daher der Reicherst nicht in der Lage sei, die ihm nach der Verfassung zukommenden Rechte auszuüben. Von einem Vertagungsantrag sieht Bayern nur ab, weil es für einen solchen Antrag keine Mehrheit erwartet. Bayern behält sich aber ausdrücklich alle weiteren Schritte vor und ist nur unter diesem Vorbehalt in der Lage, sich an den Arbeiten des Reichsrats zu beteiligen. Der Vertreter Württembergs nahm Bezug auf das Schreiben der württemberglschen Regierung an den Reichspräsiden- ten, in welchem die Bedenken Württembergs gegen die Einsetzunz eines Rcichskommissars für das Land Preußen zum Ausdruck g«> bracht worden waren, und wies noch besonders auf die starken Be- denken hin, die auch bei der württembergischen Regierung nament- lich wegen der Versassungsmäßigkelt der Instruktion der preußischen Bevollmächtigten durch die Reichsregierung vorwalteten. Nur unter Vorbehalt seines rechtlichen Standpunktes sei Württemberg zur Mitarbeit im Reichsrat bereit, müsse aber dem Wunsche Ausdruck geben, daß während des Schwebezustandes bis zur Entscheidung des Staatsgerichtshof» nur dringliche Angelegenheiten im Reichsrat zur Beratung ge- bracht würden. Der badische Vertreter erklärt«, die badische Regierung habe in ihrer beim Staatsgerichtshof erhobenen Klage zum Aus- druck gebracht, daß nach ihrer Auffassung die Reichsregierung auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung nicht befugt sei, das Recht zur Instruktion von Reichsrat». bevollmächtigten, das sich aus Artikel KS der Reichsversassung ergebe, aus einen für ein Land bestellten Reichskommissar zu übertragen oder Länderregierungen da» Recht zur Instruktion zu entziehen. Die badische Regierung halte an diesem Standpunkt auch heute fest und schließe sich deshalb der Vorbehaltserklärung an. Dieselbe VorbeHallserklärung gaben die Vertreter der Länder Hessen, Hamburg, Lübeck. Bremen, Lippe und Schaumburg-Lippe ab. Die lippesche Regierung bot dabei die Reichsregierung, sie möge alles versuchen, um eine Beschleunigung des Verfahrens vor dem Staatsgerichtshof herbeizuführen. Namens der preußischen Provinzen Grenzmark- Posen-Westpreußen, Niederschlesien. Oberschle» sien, Sachsen, Westfalen, Hessen-Nassau und Rheinprovinz gab der Vertreter der Rhelnpropinz, Dr. ho» macher, folgende Erklärung ab: Die Zusammensetzung des Reichsrats kann nach unserer Auf- fassung nicht durch Akte eines Reichskommissars verändert werden. wir legen daher Verwahrung dagegen ein, daß eine solche Ver- änderung versucht worden ist, daß in Ausschüssen des Reichs- rats Vertreter für Preußen aufgetreten sind, die nicht im Namen der preußischen Minister gehandelt haben, und daß preußische Staotsmlnsi'ter und ihre Bevollmächtigten an der Teilnahme an den Reichsratsverhandlungen verhindert worden sind. Angesichts der Tatsache, daß in der heutigen Plenarsitzung der Stuhl der preußischen Staatsregierung unbesetzt ist, sehen wir von der Stellung eines Antrages auf Vertagung dieser Vollsitzung ab. Dieser Umstand zeigt aber sinnfällig, daß die Frage, wer die preußische Staotsregierung zur Zeit im Reichsrat vertreten darf, noch nicht entschieden ist, sondern noch der Ent- scheidung bedarf. Unsere Teilnahme an der heutigen Beratung und an der Beschlußfassung über die sachlich nicht umstrittenen Punkte kann daher nur mit der Einschränkung erfolgen, daß die Nach- Prüfung der Rechtmäßigkeit der heutigen Plenarsitzung, in der die Regierung des größten Landes nicht vertreten ist. vorbehalten bleibt. Die Tagesordnung. Der Reichsrat trat darauf in die Tagesondnung ein. Mit der Ernennung des Senatspräsidenten beim Reichsgericht, Seiffart, zum stellvertretenden Präsidenten des Reichsdifziplinarhofs in Leipzig erklärte sich der Reichsrat einverstanden, ebenso mit der Ernennung eines neuen Senatspräsidenten beim Reichsgericht und einiger neuer Reichsgerichtsräte, die durch den durch Notverordnung festgestellten Reichshaushaltsplon für 1932 geschaffen worden find; es werden ernannt zum Senatspräsidenten der bisherige Reichs- gerichtsrat Linz, zu Reichsgerichtsräten die biherigen Hilfsrichter Gerlach, Dr. Krüger, Cohn, Vogt. Dr. hoffmann, Dr. Hertel und O e st e r h e l d. In den Verwaltungsrat der Deutschen Giro- Zentrale hat der Reichsrat sieben Mitglieder zu entsenden. Gegen die Stimme Badens wurde beschlossen, daß davon zwei Sitze auf Preußen, einer auf Bayern, Sachsen, Württemberg, Thüringen und Mecklenburg-Schwerin entfallen soll; je ein Stellvertreter ent- fällt auf Bayern, Baden, hesien und Anhalt. Zum Mitglied des Verwaltungsrats der Rentenbank-Kredit- anstalt wurde an Stelle des ausscheidenden Staatssekretärs Musiehl Ministerialdirektor Dr. Arnoldt vom preußischen Landwirtschafts- Ministerium ernannt. Der Reichsrat beschäftigte sich dann mit der Verordnung über Handelsklassen für Weizen, Roggen, Futtergerste und Hafer und mit den Ausführungsbestimmungen über die Gutachterstellen für Handelsklassen. Der Reichsrat stimmte den beiden Vorlagen in der Ausschuß- fassung zu. Vier Wochen Beratungspause. Aus Vorschlag des Reichsinnenmialsters Freiherr v. Gayl er- kiärle sich der Reichsrat dann damit einverstaden, daß für die näch- sten drei bis vier Wochen eine Beratungspause eintritt, falls nicht irgendwelche dringlichen Angelegenheiten doch eine Einberufung des Reichsrats notwendig machen. Die Attentatsnacht in Königsberg. Rerichi eines Augenzeugen. Sin in der Gewerkfchasksbewegung beschäfligler Parteigenosse. der dle Woche vor der Reichslagswahl aus einer Propagandafahrl durch Ostpreußen war. und die Zeit vom Sonntag zu Rtonlag in Königsberg verlebte, gibt uns über die Ereignisse vom Montag- morgen folgende Schilderung: „Wir hatten die Nacht vom Sonntag zum Montag im Otto- Braun-Haus zugebracht. Für die Bewachung des Hauses durch die Schufo unseres Reichsbanners war die denkbar beste Fürsorge ge- troffen worden. Der Schutzdienst war von den Führern unseres Königsberger Reichsbanners, die auch nachher, al, kritische Situationen kamen, nicht einen Augenblick ihre Kaltblütigkeit ver- loren, sehr sauber organisiert worden. Ich kann es ruhig sagen, wir hätten auch ein« längere Belagerung erfolgreich überstanden. Es war gegen 6 Uhr morgens. Alle Meldungen— und unser Nachrichtendienst arbeitete ununterbrochen— sagten, daß die Wahlnacht ruhig verlaufen sei. So beschloß denn die Leitung unseres Hausschutzes, die von dem langen anstrengenden Dienst ermüdeten Reichebannerkameraden nach Hause zu schicken. Ich selbst blieb mit einigen anderen Genossen weiter im Hause. Noch keine zehn Minuten waren vergangen, als wir plötzlich ein scharfes Geräusch, da, wie Klirren von Fensterscheiben klang, hörten. Wir vermuteten im ersten Augenblick einen Stein- wurs, kurz darauf aber ertSnbe ein heftiger Kmtll, und wir eilten an die Fenster. Unten aus dem Hauseingang sahen wir eine große Flamme aufsteigen. Ein Rudel Menschen lief die Straße entlang. Es Ist später fest- gestellt worden, daß 6—8 große Flaschen mit Benzin und darauf eine Brandbombe gegen die mit Kupferbleck beschlagene Doppeltür geworfen wurden. Bor dem Eingang liegt eine große Kokosmatte, die sich sofort mit dem Brennstoff vollsog und nun In hellen Flammen aufging. Wir vermuteten, daß die Nazis einen Sturm auf das hau» beabsichtigten und machten uns bereit. Der alte 60jährige Portier de» Hauses, ein wackerer Parteigenosse, war den flüchtenden Nazis mit einem Krückstock nachgestürmt. Als wir heruntereilen wollten, rasselte das Telephon. Die Frau des Genossen Whrgatsch von der„Volks- zeitung" war am Apparat und teilte uns aufgeregt mit, daß ihr Mann angeschossen sei. Noch immer seien SA.-Leute vor dem Haus«, e» möchte doch sofort irgendein Schutzkommando geschickt werden. Kaum war der Hörer aufgelegt, als das Telephon wiederum klingelte. Man meldete uns die Bluttat an dem Genossen Zirpins, dem Lagerhalter unseres Konsums aus der Kopernikusstrag«.„Zir- pins ist von zwei jungen Nazis niedergeschossen, wahrscheinlich ist er tot." Das war der Inhalt dieser zweiten Meldung, der sofort eine Meldung über den Mord an dem kommunistischen Stadtverordneten Sauff folgte. Wir waren der Ueberzeugung. daß die von den Nazifijhrern an- gekündigte„Nacht der langen Messer" hereingebrochen sei und beschlossen erst einmal, vier Mann stark, zum Genossen Wyr- gotsch zu fahren. Alarmbefehl ans Reichsbanner war bereit» ge- geben worden. Inzwischen hatte auch einer der Führer de» haue- fchutzes, Genosse Lorenz, dieLöscharbeitenuntenamhau» eingeleitet. Mit den Taschentüchern im Mund bahnten wir uns einen Weg durch den Qualm, und rasten dann im Auto zur Wohnung von Wyrgatfch. In der Wohnung unseres Freundes Wyrgatfch bot sich uns ein traurige, Bild. Unser Genosse lag stöhnend mit einem schweren Oberschenkelschuß auf dem Sofa. Seine zarte Frau muhte die letzte Nervenkraft zusammenreißen, um nicht die Fassung zu verlieren. Si« erzählte uns, wie es gegen 6 Uhr an der Wohnungstür geklingelt hatte. Sie meint«, der Milchmann fei da. und öffnete bedenkenlos. Sofort stürmten von der Treppe aus mehrere jung« Leute herein, drängten sie in die Küche, machten die Küchen- tür zu und schössen. Genossin Wyrgatfch hatte nur noch laut:„Otto,«in Ueberfall!" schreien können, worauf Wyrgatfch aus dem Bett gesprungen war und seinen auf dem Nachttisch liegenden Revolver ergriffen hatte. Dle Morbbuven müssen einen genauen Plan der Wohnung von Wyrgatfch gehabt Haien, denn sie stürzten sofort aus das Schlafzimmer zu, in das sie hineinschosien. Ueber und unter dem Wyrgatsch'schen heim wohnen National- s o z i a l i st e n, darunter aktive SA.- Leute, hierauf ist die Polizei später besonder» aufmerksam gemacht worden. Von einer Untersuchung, die in dieser Richtung läuft, Ist bisher nicht» veröffentlicht worden. Wyrgatfch stand neben seinem Bett. Von den sechs Schüssen, die auf ihn abgegeben worden waren, traf ihn einer in den Oberschenkel. Die Richtung war bei allen Schüssen das Wyrgatfch'fche Bett. Wir legten Otto Wyrgatfch einen Notverbanö an und flößten ihm etwas Kognak ein. Außerdem setzten wir die Wohnung in Berteidigungszustand, weil auf der Straße noch immer ver- dächtige Gestalten zu sehen waren. Wir telephonierten dann um«inen Arzt und riefen das Ueberfallkommando an. E r st n o ch anderthalb Stunden kamen sechs Schutzpolizisten herbei. Sie waren vollkommen in Schweiß gebadet, das haar hing ihnen ins Gesicht, einem war«ine Achselklappe abgerissen, man sah ihnen an, daß sie ohne Unterbrechung unterwegs gewesen sein mußten. Ihr Führer sagte uns, daß sie feit 6 Uhr in dauerndem Alarm wären. Mancher Alarm war echt, sehr oft aber handelte es sich um blinden Alarm. Das gleiche hörten wir nachher auch von der F e u e r w e h r. Ich glaube, man sieht daraus deutlich, daß die Nationalsozialisten mit voller Absicht falsche Alarmnachrichten in die Welt schickten, um die Verwirrung zu ver- größern und Behörden, Polizei und Feuerwehr kopfscheu zu machen. Inzwischen war auch ein Kriminalbeamter gekommen, ein älterer Mann, der seltsamerweise die Frage stellte:„Wer können denn aber bloß die Täter sein? Sind das nicht vielleicht Kommunisten gewesen?" Wyrgatfch fuhr ihn von seinem Schmerzenslager aus an und rief: „Wie könne« das Kommunisten gewesen sein! Suchen Sie hier im Hause, suchen Sie bei den Nazis, da finden Sie die Täter." Als wir gerade dabei waren, die andereit uns bekannten führenden Freunde der Partei und des Reichsbanners in ihren Wohnungen zu alarmieren, um sie aui etwaig« Angriffe vorzubereiten, gab es draußen auf der Straße Lärm. Ein Ratio» n a l s o z i a l I st, in dem Straßenpassanten einen der Attentäter er- könnt haben wollten, flüchtete in ein haus. Eine Menschen- menge stürmte ihm nach, nahm ihn fest und übergab ihn der Po- lizei. Dabei machten Männer aus dem Publikum die Mitteilung, daß der Verhaftete in die Briefschlitze von zwei Wohnungen etwas geworfen hätte. Die eine der Wohnungen war verschlossen, dort wohnt ein Nationalsozialist, der aber verreist war. Polizei- beamte drangen über den Balkon durch das Fenster in die Wohnung und fanden im Briefkasten 42 Schuß Revolver» munition. In der anderen Wohnung, die mit dem Geschäft eines nationalsozialistischen Bäckermeisters verbunden ist, fand sich ein Trommelrcvolver, der zu der MunKion gehörte. Ich war dabei, wie der Mann zum Polizeipräsidium abtransportiert wurde. Mit frechem, zynischem Lachen erklärte er:„Wir wissen ganz genau, daß die Eiserne Front für diese Nacht einen Putsch plante. Deshalb waren wir bewaffnet bis 6 Uhr früh zusammen." Ich kann nur sagen, daß die Königsberger Schandtaten der Nationalsozialisten wohl vorbereitet und organisiert sind. Gegen- über dem Otto-Braun-Haus befindet sich eine vollkommen naziver- feuchte Großbäckerei. Bon dort aus haben nach unserer Ueberzeu- gung die Brandleger ihre Nachrichten bekommen." Unser Gewährsmann berichtet weiter, daß der nationalsozia- listische Terror vor allem in der Gegend von Neidenburz, wo in der vergangenen Woche der Genosse Jaecker niedergeschlagen wurde, besonders arg sei. Dort hetzt man abgerichtete Hunde hinter unsere Parteigenossen, die in der Propaganda tätig sind, her. Beritten« Nazis lauern ihnen auf. Mit Motorrädern und Autos werden sie verfolgt. Morddrohungen gegen Genossen Wyrgatfch. Seit einigen Wochen war Genosse Wyrgaisch kelephonisch mit Morddrohungen überschüttek worden. Als er daraufhin beim Tele- phonamt eine Ueberwachung einrichten ließ, hörten die Drohungen auiomatisch aus. Am gleichen Tage, an dem die lleberwachungssrist abgelaufen war, sehten sie wieder ein— z e h n Minuten nach Ablauf der Frist! Nach dem Ueberfall gelang es Frau Wyrgatfch zehn Minuten lang nicht, Verbindung mit dem Telephonamt zu erreichen. Es ist selbstverständlich, daß man In sozialdemokratischen Kreisen in Königs- berg darin Anzeichen einer Sabotage innerhalb des Fernsprech- amtes erblickt. SO Verhaftungen in Königsberg. Königsberg, S. August. Die Polizei ist außerordentlich stark in Anspruch ge» «ommen durch die weitere Untersuchung der Vorfälle vom Montagmorgen. Immer wieder melden sich neue Zeuge« und werden neue Berhastungen vorgenommen. Die Zahl der Berhastungen ist aus etwa 80 gestiegen. Die Polizei ist mit Auskünsten nach wie vor außerordentlich zurückhaltend; jedoch hat es den An- schein, als ob die Lage im großen und ganzen völlig ge- klärt ist. Sämtliche Fälle dürften bereits reif für die Staatsanwaltschaft und das Gericht sein. Aufreizung zu Bombenanschlägen. Der„Angriff" und die Derbrechen von Königsberg. Der nationalsozialistische„A n g r i f f", das Organ, das seit Jahren eine freche Mordhetze gegen die Führer der Linken betreibt, leugnet ftech ab und ermuntert zugleich zu neuen Terrorakten. Hier ist die freche Ableugnung: „Von bisher unbekannten Tätern, die„Berlin am Morgen" und der„Vorwärts" schreiben natürlich schamlos und mit der ihnen eigenen verlogenen Frechheit von Nationalsozialisten, wurden in der Nacht zum Montag verschiedene Anschläge auf Kom- munisten- und SPD.-Führer verübt. Ferner wurde der Regierungspräsident von Bahrfeld und eine Iungkommunistin beschossen und oerletzt. Weiter wurden von den Tötern Brand» bomben und Feuerwertskörper in das Gebäude der„hartungfchen Zeitung", des„Königsberger Tageblatts" und in das Otto-Braun- Haus der SPD. geworfen. Verletzt wurde bei diesen Dummenjungen st reichen niemand." Kein Wort davon, daß Genosse Wyrgatfch schwerver- letzt, daß zwei Kommunistenführer ermordet worden sind! Hier ist die Aufmunterung zu neuen Gewalttaten: „Bei den„B r a nd b o m b e n» A t t e n t a t« n". durch die nie- mand verletzt wurde, sollen, wie es heißt, einige Nationalsozialisten, die später verhaftet werden konnten, beteiligt gewesen sein. Sollte diese Nachricht wirklich der Wahrheit entsprechen, so ist ez und bleibt es troßdem eine Ungeheuerlichkeit, wegen dieser„Brand- bomben"-Würf«, die nichts weiter als ein Dummer» jungen st re ich sind, der Nationalsozialistischen Partei Mord- und Terorabsichten in die Schuhe schieben zu wollen! Das mögen sich die Skrolche In den Redaktionsstuben der Sudel- bläiier gefagi fein lassen: Bei einem wirklichen Bombenanschlag gehen nicht nur einige Fensterscheiben entzwei! Aber das können ja natürlich diese dreckigen Iudenjungs, die während des Krieges in der Etappe gesessen und schon damals gehetzt haben, nicht wissen." Die Hetzer im„Angriff" drohen also in aller Oeffentlich- keit mit„wirklichen Bombenanschlägen" gegen Zeitungen. Es ist ihnen noch nicht genug mit den Ver» brechen von Königsberg!_ Statt Strafe— Strafaussetzung! Das Schnellgericht als Amnestieersatz. Am Dienstag wurden die ersten Königsberger Täter vor dem Schnellgericht abgeurteilt. Es zeigte sich sofort, daß die Justiz bestrebt ist, die gefährlichen Verbrecher mit äußerster Milde zu behandeln. Zunächst hatte sich der Student Fritz R e n t zu verantworten, der bei dem Einbruch In das Waffengeschäft von Anhuth drei Pistolen gestohlen hatte. Die Waffen wurden noch In seinem Besitz gefunden. Der Staatsanwalt beantragte et« Jahr Zuchthaus Störung eines Mndfunkvortrages. Anhalter Rechtsmehrheit zerstört! Die Sozialdemokratie wächst trotz dem faschistischen Regime. das Urteil des Lchitellrichtcrs lautete aus 6 Monate Gefängnis mit der Begründung, das, die Tat auS der„Er- regtheit der Zeit" zu erklären sei. Doch dieses Urteil mutet noch beinahe drakonisch an gegen das der nun folgenden BerhoMung. Zwei Nazis namens Otto Schulz und Hellmuth Radtte hatten sich wegen v e r- botenen Waffenbesitzes zu verantworten� Beide» sind SSk-Leute. Der eine hatte einen geladenen Revolver und einen Gummiknüppel, der zweite einen Totschläger bei sich� Als sich eine Gruppe junger Leute den beiden näherte, zog Radtte den Revolver und legte an. Da« Gericht stellte fest, daß Notwehr nicht vorgelegen habe, da von einem Angriff nicht die Rede ge- wesen sei. Das Urteil lautete trotzdem nur auf zwei Wochen und drei Tage Gefängnis gegen Radtte, auf fünf Tage Gefängnis gegen Schulz. Beiden wurde Strafausfehung auf 3 Jahre gegen Zahlung einer Geldbuhe von 20 bzw. 30 Mark ge» währt! Wir bemerken ausdrücklich, daß unsere Darstellung sich auf eine Meldung des halbamtlichen MTV. stützt. Man könnte sonst leicht auf den Gedanken kommen, daß es sich bei diesem Urteil um eine hetzerische Falschmeldung im Sinne des Brachtschen Presse- ukas handeln müsse. Denn hie Menschen mit gesundem Rechts- empfinden werden glauben, daß ein solches Urteil unmöglich ergangen sein könne. Es ist aber ergangen, und wir müssen aus- drücklich feststellen, daß die aufpeitschende Wirkung nicht von der unrichtigen, sondern von der richtigen Wiedergabe des Urteils ausgeht. Ganz zweifellos wird auf die Königs- berger Attentäter diese gerichtliche Milde ganz außerordentlich ein- schüchternd und abschreckend wirken. Die angekündigten„drakoni- schen Maßnahmen" hatten wir uns elwa» anders vorgestellt... Terrortreiben der Nazis. 3000 M. Belohnung für die Aufklärung der Hand- granatenanschläge in Schleswig-Holstein. Altona, 2. August. Wie von amtlicher Stelle verlautet, hat der Regierungspräsident in Schleswig für die Aufklärung der in der Nacht zum 1. August in mehreren Orten Schleswig-Holstein» gegen Wohnungen von Ange- hörigen der Linksparteien sowie gegen kommunistische Parteibüros verübten Handgranatenanschläge eine Belohnung von 3000 Mark in Aussicht gestellt. Gesteinigt? Mannheim, 2. August. sEigenberichk.) In der Nähe von Zweibrücken wurde ein frei- gewerkschaftlich organisierter Arbeiter, Vater von zehn Kindern, von Nationalsozialisten mit Pflastersteinen schwer verletzt. Auf dem Wege zum Krankenhaus starb er. Veutschnationale von Nazis niedergestochen. Frankfurt a. M., 2. August. Eigenbericht.) In Kelberg, Regierungsbezirk Koblenz, haben drei ZA.-Leute auf Befehl ihres Sturmführers aus Rache für ein« angebliche Anrempelnng ihres Führers mehrere junge Leute» die der Deutschnationalen Volkspartei angehören, mit Knüppeln niedergeschlagen und durch Messer st iche schwer verletzt. Einer der Messerstecher, der vor einem Vierteljahr durch die kommunistisch-national- sozialistische Amnestie begnadigte Bombenattentäter Münch, stach einen fiebzehnjährigen Deutschnationalen nieder und verletzte ihn lebensgefährlich. Terrorversuch in Schlesien. Breslau. 2. August.(Eigenbericht.) In Böhlitz bei Bantwitz(Kreis Namslau) versuchte am Diens- tagvormittag eine Horde von SA.-Leuten einen Ortsgruppenführer des Reichebanners, den Dorsfchullehrer Franke, in feiner Wohnung zu überfallen. Franke konnte sich rechtzeitig durch die Flucht retten. Die Hakenkreuzler schössen darauf hinter ihm her. lleberfall auf eine Siedlung. Marburg, 2. August.(Eigenbericht.) Auf dt« Siedlung Knutzbach bei Marburg verübten Rational- sozialisten einen organisierten Ueberfall. Auf 40 Motor» rädern und 5 Autos kamen sie herbei. Es gab drei Verletzte, darunter einer schwer. Die Polizei stellte die Ordnung wieder her. 200 bewaffnete Nazis verhastet. Mannheim, 2. August(Eigenbericht.) Die pfälzischen Nationalsozialisten hatten in der Umgegend von Ludwigshafen SA. und SS. zusammengezogen, so daß erhebliche Beunruhigung unter der Bevölkerung entstand. Jetzt hat die Polizei in Freinsheim in der Nähe von Oppau 200 National» sozialisten verhaftet. In ihrem Besitz befanden sich zahl- reiche Waffen und Totschläger. Später wurden auch in Ludwigs- Hafen Haussuchungen vorgenommen und die Führer der SA., der S S. und des Motorsturmes festgenommen. Di« Nationalsozialisten gaben an, sich zum Schutze ihrer Parteiange- hörigen versammelt zu haben. Die Verhafteten werden sich vor dem Strafrichter zu verantworten haben. alte Frau niedergeschlagen. Zranksuct a. M., 2. August(Eigenbericht.) In Frankfurt gab ein Nazi einer älteren Frau, weil sie die Freiheitspfeile der Eisernen Front trug von hinten mehrere kräftige Schläge auf den Kopf. Die Frau stürzte zu Boden. Jetzt eilten fünf SA.-Leute„zur Hilfe". Sie schlugen und traten auf die wehrlos am Boden liegende Frau ein. Handgranaten in Oberschlesien. Breslau. 2. August.(Eigenbericht.) 3n der Nacht vom Zt. Zuli zum t. August wurde In kreuz- bürg>. Oberschles. in dem Schankraum des jüdischen Gast- mirtsTaubcrundindas Wohnzimmer des j ü d i s ch e n Kauf- manns Ebstein von bisher nicht ermittelten Tälern eine Eier. Handgranate geworfen. Es entstand erheblicher Sachschaden. Dessau, 2. August.(Eigenbericht.) Im Lande Anhalt befindet sich die Sozialdemokrati- s ch e Partei wieder beträchtlich im Vormarsch. Den tiefsten Stand ihrer Wählerstimmen hatte die Sozialdemokratische Partei Anhalts bei den letzten Gemeinde- und Kreistagswahlen vom 2S. Ok- tober 1931 mit rund 67 000 Stimmen. Schon bei der Land- t a g s w a h l vom 24. April gewann die SPD. in Anhalt 8000 Stimmen und stieg auf 75120. In dem seit den Land- tagswahlen verstrichenen Vierteljahr hat die Sozialdemokratie weitere 4000 Stimmen ausgeholt, sie erhielt bei der Reichstagswahl 79 597. Da auch die Kommunisten in Anhalt rund 4000 Stimmen gewonnen haben, ist die Rechtsmehr- heit der jetzt in Anhalt regierenden Koalition von Nationalsozia- listen und Deutschnationalen bereits wieder flöten ge- gangen I Genosse Paul Schröder tot. Aus Krankheit in den Tod gegangen. Rostock, 2. August(Eigenbericht.) Der früher« sozialdemokratische Ministerpräsident von Mecklen- burg-Schwerin Paul Schröder hat sich am Dienstagvormittag in seiner Wohnung erschossen. Schröder litt seit Jahren an einer unheilbaren Zuckerkrankheit. Unter dem Eindruck dieser Krankheit griff er am Dienstag zum Revolver. * Genosse Paul Schröder wurde am g. August 1875 in 'Stolpe in Mecklenburg geboren. Er war im mecklenburgischen Volks- schuldienst zuerst in Pampow und Wustrow und seit 1902 in Rostock tätig. Im Jahre 1911 wurde er in die Stadtverordnetenversammlung in Rostock gewählt. Nach der Revolution wurde er in den Mecklen- burgischen Landtag gewählt. Seitdem war er der Führer der sozioldemokrotischcn Fraktion in allen Mecklenburgischen Landtagen. Vom Juli 1919 uis Juli 1925 war er hauptamtlich Stadtrat im Rate der Stadt Rostock. In dieser Stellung erwarb er sich ein solches Vertrauen, daß er im Juli 1926 mit 25 gegen 24 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Sein Ministerium bestand neben ihm aus dem Sozialdemokraten A s ch und dem Demokraten M ö l- l e r. Nach den letzten Landtagswahlen trat er zurück. Oeuisch-polnischer Flaggenkonflitt. Minister Neurath weist polnische Beschwerde zurück. Anläßlich eines staatlich-nationalen„Festes des Heeres" in Edingen waren am jüngsten Sonntag die Häuser in Warschau be- flaggt: so auch das Haus, in dem der deutsche Geschäftsträger o. R i n t e l e n wohnt. Er entfernte die polnische Fahne, die der Hausbesitzer gerade über die Wohnung des deutschen Diplomaten aushängte. Man brachte die Fahne wieder an. sie wurde abermals entfernt. Polizei kam und nahm von einer Amtshandlung erst Ab- stand, nachdem Herr v. Rintelen sich legitimiert hatte. Schließlich wurde die Fahne am Vorgartengitter angebracht und nicht am Hause selbst. Zwischen dem Hauswirt und Herrn v. Rintelen bestand schon vorher ein Konflikt, das Mietsverhältnis ist im Auflösen begriffen. Die Chauoionistenpresse hat den Vorgang zu heftigen Angriffen auf den deutschen Geschäftsträger benutzt. Vermutlich wäre aber auch der Hausbesitzer in Teufels Küche gekommen, wenn er nicht geflaggt hätte. Run wird amtlich gemeldet: Der polnische Gesandte suchte heute nachmittag den Reichsminister des Auswärtigen auf, um unter Uebergabe einer Sachdarstellung über den Flaggenzwischenfall vom 31. Juli wegen des Verhaltens des deutschen Geschäftsträgers in Warschau Vorstellungen zu erheben. Der Reichsminister des Auswärtigen hat dem Gesandten erklärt, daß er eine Beschwerde über das Verhalten des Geschäfts- trägers zurückweisen müsse. Die Angelegenheit sei auf Grund der Meldungen des Geschäftsträgers bereits geprüft worden, sein Vorgehen nach der völkerrechtlichen Uebung völlig berechtigt gewesen. Di« Landtagswahl vom 24. April ergab 20 Abgeordnete der Rechten und 16 der Linksopposition. Rechnet man das Ergebnis der Reichstagswahl in Anhalt auf den Landtag um, so ergibt sich ein Mandatsoerhältnis von 18 Sitzen der Rechten gegen 18 Sitze der Linken. Die SPD. hat es in Anhalt in der Hand, jederzeit«in Volksbegehren und«inen Volks- entscheid zur Auflösung des Landtags einzuleiten, die Gesetzes- bestimmungen sind günstiger als in anderen Ländern und im Reiche, aber die Sozialdemokratie bestimmt selbstverständlich selbst, wann sie der Rechtsregierung den Garaus macht. Einstweilen trägt jede neue Handlung dieser Naziregierung dazu hei, die Chancen eines solchen Volksbegehrens zu verbessern. In der bürgerlichen Presse Anhalts, die allgemein die Umrechnung des Reichstagswahlergebnisses auf den Landtag vornimmt, herrscht über die rasche Zerstörung der Rechtsmehrheit begreifliches Entsetzen. Oer Reichspräsident. Nückkehr nach Berlin B»n zuständiger Stell« wird mitgeteilt: Der Reichspräsident beabsichtigt nächste Woche nach Berlin zurückzukehren. Sein Ge- sundheitszustand ist, wie gegenüber heute in Berlin umlaufenden völlig unbegründeten Gerüchten hervorgehoben zu werden verdient, durchaus gut. Von den Splittern. Die Dolksrecht-partei erhält ein Beichstagsmandat. Wie die Reichspressestelle der Bolksrecht-Partei mitt«ilt, fällt entsprechend den zwischen dem Christlichsozialen Volks- dienst und der Volksrecht-Partei getroffenen Abmachung ein Reichslistenmandat de« Christlichfozialen Volksdisnste» der Volts- recht-Partei zu. Das Mandat wird der Reichsführer der Volts- recht-Partei, Oberschulrat Bauser, Stuttgart, erhalten. Aus? Die bisherige Reichstagsfraktion der Wirtfchastspartei hält am Freitag im Reichstag-in« A b s ch i e d s s i tz u n g ab. in der sich die Fraktion nach einer nochmaligen Aussprache über die politische Lage und die künftige Stellung der Wirtschaftspartei im Reichstag auflösen wird. Dem neuen Reichstag gehört nur noch«in Vertreter d«r Wirtschastspartei, der Vorsitzende des Gastwirtsverbandes, K ö st e r, an. 568 zu 39. Rückgang des Fraueneinflusses im Reichstag. Obwohl die Zahl der Reichstagsabgeordneten erheblich zu- genommen hat. ist im neuen Reichstag ein weiterer Rück- gang des Fraueneinslusses zu verzeichnen, was in der Hauptsache darauf zurückzuführen ist, daß die stärkst« Partei, die Nationalsozialistisch« Deutsch« Arbeiter-Partei, überhaupt keine Frauen als Kandidaten aufstellt. Während dem letzten Reichstag noch 39 weibliche Abgeordnete angehörten, werden es im neuen Reichstag nur noch 36 sein. Hiervon entfallen auf d i« Sozialdemokraten 15, auf die Kommunisten 10, auf das Zentrum 6, auf die Deutschnationalen 3, auf die Deutsch« Volkspartei und auf die Bayerische Volkspartei j« 1. Sin Mihtrauensanlrag gegen die Regierung Dollfu»� gestellt von den Großdeutschen im Nationalrat zu Wien, ist mit 81 Stimmen der Grohdeutschen und Sozialdemokraten sowie zweier Heimwehr- leute gegen 81 Stimmen der Christlichsozialen, des Landbundes und der 6 anderen Heimwehrler abgelehnt worden. Gegen das Slandrecht und die Hinrichtungen in Budapest, deren Opfer Fürst und Szallai wurden, hat der französische G e- sandte Graf Bienne auf telegraphischen Auftrag H« r r i o t» rechtzeitig, aber erfolglos protestiert! Sozialistische Arbeiterjugend Groß-V erlin Einsendungen für diese Rubrik nur an das Iugendsekretariat Berlin CW K8. Üindenstrasje 2, vorn 1 Treppe rechts. BAV. heute, 19s� Uhr. Vorslhcndcnkonscrcnz morgen, Donnerstag, Uhr, im Preußischen Landtag, Saal 5. Ohne Ausweis und Mitgliedsbuch kein Zutritt. Proletarisches Orchester der SAZ. Morgen, Donnerstag, 20 Uhr, Probe im Heim Neukölln, Böhmische Str. 1— 5. Abieilungsmitgliederversammlungen heuke, Attttwoch, 20 Uhr: GesundbrunnenLichtcnbcrg: Gunterstr. 4t. Mädelabend.— Lichtenberg-Nord: Gunterstr. 44. Tagespolitik. — Lichtenberg- Mitte: Besuch der Gruppe Lichtenberg-Nord. Treffpunkt 19% Uhr bor dem Heim.— Mahlsdors: Melanchthonstr. 03. Arbeitersport und bürger- licher Sport. Werbcbezirk Tcmpelhof: Heim Götzstraße. Anti-Kriegsfeier. * Abteilung Baumschulenwcg: Am Montag, dem 20. Juli, verstarb plötzlich unsere liebe Genossin und Schriftführerin Käthe Mechler, Alwin-Gerisch-Str. 0. Ehre ihrem Andenken. Die Einäscherung hat bereits gestern, Dienstag, statt» gefunden. Vorträge, Vereine und Versammlungen Zcntralverband der Arbeitsinvaliden und Witwen Deutschlands, Eau Groß-Bcrlin. Geschäftsstelle: Beriin-Schöneberg, Kaiser» Friedrich. Str. 9, III. Mittwoch, 3. August. Schöncberg: Lokal Groß, Kaiser-Friedrich-Str. 9(17 Uhr). — Charlottenburg: Lokal Bräustübl, Kurfürstenstraße Ecke Kurfürstendamm (10 Uhr).— Oberschöneweide: Vereinsklause, Frischen» Ecke Luisenstraße (18 Uhr).— Reinickendorf. Ost: Lokal Klähn, Residen,str. 31(18 Uhr).— Wedding II: Lokal Bürgcrbräu, Demminer Ecke Graucnstraße(18 Uhr). Arbeiter-Stenographcn-Verein Groß-Bcrlin. Mitglied des Arbeitcr-Steno» graphen-Verbandes für das deutsche Sprachgebiet, Eitz Dresden. Reichskurz. schriftkurse für Fortgeschrittene in Verkehrs- und Redeschrift in allen Ge- schwindigkeiten. Wiederholungskurse für Anfänger. Beiträge: 1,00 M. für Erwachsene, 1 M. für Jugendliche, 00 Pf. für Erwerbslose, 10 Pf. für Krisen. entgegengenommen. 8port. Rennen zu hoppegarlen. Geheimrat-Rennen: 1. Marion(O. Schmidt); 2. Ilona; 3. Dalfin. Toto: 28:10. Platz: 11, 13, 11:10. Ferner liefen: Ostwind, Jllo, Rho- desia, Serba, Nirwana. Ermuntcrungsrennen der Stuten: 1. Wanderlied(Sajdik): 2. Ormelia; 3. Wintersonne. Toto: 34:10. Platz: 20, 12, 22:10. Ferner liefen: Joujou, Monisa, Charitin, Hagebutte, Cembalo, Brioche, Limousine. Ourrl-Rennen: 1. Heuchler(Hahnes); 2. Hella X; 3. Astoria. Toto: 15:10. Platz: 11, 16, 12:10. Ferner liefen: Tell, Siegwart. Siesta, Leben». künstler. � � Laubfrosch-Rennen: 1. Kameradschaft(R. Schmidt):.. Madame Laffittc; 3. Lamdo. Toto: 80:10. Platz: 10, 14. 16:10. iierncr liefen: Turnierfeier, Elaß, Helmut, Perlmuschel, Fiirsteukind. Hohenlohe-Ochringen-Rcnnen: 1. Herodias(Halmes); 2. Alemannia; 3. Makrele. Toto: 76:10. Platz: 41, 28:10. Ferner lies: Willkomm. Ermuntcrungsrennen der Hengste: 1. Makarius(O.«chmidt); 2. Re- krut; 3. Vabland. Toto: 18:10. Platz: 13, 16, 16:10 Ferner liefen: Emschl, Lampos' Sohn, Feldhüter, Vergaser, Tankred.. Lcichtsuß-Rennen: 1. Traumkönig iTtarosta); 2. Marcellina; 3. Chi- kago. Toto: 40:10. Platz: 18, 19, 37:10. Ferner liefen: Amön, Goldsce, Mauve, Pilot, Porcius, Wratislavia, Jngemar Pontiac. Toppclwette: Heuchler— Herodias 186:10._ Der„Vorwärts" erschetm wochenläglich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend" Illustrierte Sonntagsbeilage„Volk und Zeit". Anzeigenpreise: Die einspalt. Millimeterzeile ZO Pf., Reklamezeile 2.— M. „Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 20 Pf.(zulässig zwei fettgedruckte Worte) jedes weitere Wort io Pf. Rabatt laut Tarif. Worte über>s Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Millimeterzeile 28 Pf. Familienanzeigen Millimeter- zeile ls Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 8Vi bis 17 Uhr. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht ge» nehmer Anzeigen vor! Verantwortlich sllr Politik: Victor Schisf: Wirtschaft: S. Klingelhöfer; Gewerkschaftsbewegung: I. Steiner; Feuilleton: Herbert Lcpdre; Lokales und Sonstiges: Fritz Karstädt; Anzeigen: Th. Glocke; sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag S. m. b. H.. Berlin. Druck: Vorroärts-Buchdruckeret und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3, Hierzu 2 Beilagen. Vorkauf»owoit Vorrat Mengonabgabo vorbehalten Beginn I.August Verkauf eowait Vorrat Mengenabgabe vorbehaltet» Beginn I.August Filzstreifen-Beret sehr modern, für Damen, mit Pompongarnitnr, Stück Jetzt Filzsfreifen-Kappe für Damen, sehr fesch, viele Farben.......... Stück Jetzt 1,45 1,65 Damen-Wäsche Taghemden n reich garniert............ Stück Jetzt UyVO Hemdhosen n qc MUlefiears-Mnster........ Stück Jetzt UjWW Nachthemden n Q5 farbig, elegant bestickt..Stück jetzt UyWll Bemberg-Schlüpfer n qc feinfädige Kunstseide____ Stück Jetzt UjVW Charmeuse-Unterkleider 9 qn mit eleg. handgestickt. Motiv, St. jetzt■■jwCi» Badearfiikel Badetrikots n qc gute Qualitäten......... Stück jetzt UyVll Badetrikofs* qc reine Wolle, gestrickt... Stück Jetzt lyQÜ Strandanzüge* qc tesehe Korm............. Stück jetzt I9WW Bademäntel 9 qc ilr Damen.............. 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IleiiMzs MetaiiaMr-yeM Verwalfangsstelle Berlin Todesanzeigen Den Mitgliedern jmr Nachricht, daß unser Kollege, der Klempner Karl Rau geb. 22. September 1870, am 30. Juli gestorben ist. Die Einäscherung findet am Don» nersrag, dem 4. August. IS Uhr, im Krematorium Baunischulenweg, Kies- holzstraßc. statt. Am 31. Juli starb unser Kollege, der Bohrer Wilhelm Wittag geb. 2. Ottober 1879. Die Einäsdierung findet am Don- nerstag, dem 4. August, 18»/, Uhr, im Krematorium Gerichtstraße statt. Ehre ihrem Andeuten! Rege Beteiligung wird erwartet. Ole OrUverwaiiang. Tliealer. Lichtspiele usiv Tiol. Su.S'/eUhr LUCILLE PAGE m. Dinosaurus usw. PLAZA Häht Sihles. BM. Se.Blt.Stj!.2.5.6"1U. E7 Wcitlml 4031 OietzärdaslDrstin �-— iji i, eur.-> Rose■ Theater lrole Fraatlirtir Stnl» 13t Iii. Weiiisel E 7 342? 8.30 Uhr ISerzdame Gartenbtihne 530 Uhr Konzert u.Varietfi FiiiWlnasiuit MN Parzellen kaufen Sie billig, bei günstig. Bedingung lirioechenoley. Bin- Rudow, Bendaftr. SS 8 Uhr 15. 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Durch die Neuregelung, wonach Hauszins st euererlässe in Zukunft nicht mehr von der Steuerkasse, sondern vom Wohl- fahrtsamt bearbeitet werden, ist diesem eine überreiche Fülle von Neuarbeit geschaffen worden. Sowieso steckt man dort Hals über Kopf in der Arbeit, galt es doch, in einer reichlich kurz bemessenen Zeitspanne die Bedürftigkeitsfrage jedes einzelnen bisherigen Unter- stützungsempfängers nochmals mit schärfster Lupe zu prüfen und die neuen, abwärtsstrebenden Richtsätze zur Anwendung zu bringen. „Was unseren Beamten an Arbeit zugemutet wird, davon kann sich der Außenstehende überhaupt keinen Begriff machen", erzählt der Wohlfahrtsdezernent eines dichtbevölkerten, proletarischen Außen- bezirks:„in welcher körperlichen und seelischen Bersassung sich ein großer Teil dieser mehr als überlasteten Menschen befindet, davon wollen wir lieber gar nicht sprechen." Neben der Mehrarbeit bedeutet diese Neuerung jedoch auch be- trächtliche Mehrausgaben, die aus städtischen Mitteln ausgebracht werden müssen. Nach Schätzung des Stadtkämmerers A s ch beträgt dieser jährliche Mehraufwand für Berlin drei bis vier Millionen Mark. Man rechnet damit, daß in Berlin nicht weniger als 700 000 Gesuche auf Mietbeihilse bei den Wohlfahrtsämtern eingehen So sind beispielsweise bei einem einzigen Wohlfahrtsamt in den letzten Julitogen über 40 MO solcher Anträge eingegangen, deren Zahl sich aber täglich vergrößert: nach dem heutigen Stande der Erwerbs- losigkeit sind sich die Wohlfahrtsbehörden aber auch darin einig, daß mindestens 600 000 von diesen Gesuchen berücksichtigt werden müssen. Waschkörbe voll Anträge. Das bestehende Riesenheer von Wohlsahrtsunterstützten ver- größert sich durch die hinzukommenden Antragsteller auf Hauszins- steuererlaß um ein Gewaltiges. Jeder, der auf Erlaß der Haus- zinssteuer berechtigten Anspruch zu haben glaubt, hat sich jetzt an sein zuständiges Wohlfahrtsamt zu wenden, und die einlaufen- den Anträge haben längst nicht mehr auf den Schreibtischen Platz, sie werden in Waschkörben gesammelt. Ein Heer von Prüfern, in der Hauptsache ehrenamtlich tätige Helfer, ist nun an der Arbeit, mit Gründlichkeit, Gewissenhaftigkeit und dem nötigen menschlichen Verständnis für des einzelnen Notlage, seine Bedürftigkeit fest- zustellen. Sosern es sich um Personen handelt, die bereits Unter- stützung beziehen, sind die Akten ja bereits vorhanden und der An- spruch auf Hauszinssteuererlaß begründet. Doch kommen zetzt alle jene hinzu— und es sind mehr als man glaubt—, die bisher die Wohlfahrt nicht in Anspruch genommen hatten, für die jedoch der Fortfall der erlassenen Hauszinssteuer eine wirtschaftliche K a t a- strophe bedeuten würde. Bei Prüfung all dieser neuen Fälle wird als Cinkommensminimum ebenfalls der augenblicklich geltende Unterstützungssatz zugrunde gelegt. Die Bearbeitung gestaltet sich sehr schwierig, da das..Einkommen" all dieser Menschen mebr ol« problematilcb i't traurige Fälic Da vermietet beispielsweise eine alte Dame den größten Teil ihrer Wohnung und vegetiert mit Hilse der erlassenen Hauszins- steuer und irgendwelcher kleinen privaten Unterstützung oder Pension so recht und schlecht dahin. Hat sie vermietet, dann geht alles noch gut: nun sinkt aber die Konjunktur des Zimmervermietens und gleichzeitig damit die Höhe der erzielten Mietpreise unentwegt, ein Zimmer nach dem anderen steht leer, und wenn es nun auch noch hieße, die volle Miete bezahlen, dann wäre eben Feierabend. Genau so geht es dem Künstler, der einmal in endlos langer Zeit ein Engagement mit winziger Gage ergattert und dann wieder lange, lange nichts. Es gibt noch eine große Anzahl solcher„Schein- existenzen", sie alle haben schließlich den Grad höchster Bedürftig- keit erreicht, trotzdem muß haarscharf geprüft, man kann fast sagen geschnüffelt werden, ob sich nicht vielleicht doch irgendwann und irgendwo ein kleiner, verborgener Zuschuß befindet. Die Wohlfahrtsprüfer— man nennt sie deswegen schon Wohlfahrtstechniker— müssen neben der völligen Beherrschung der ständig wechselnden gesetzlichen Materie, über allerhand psycholo- gilchen Scharfblick, andererseits natürlich auch über das nötige mensch- liche Verständnis verfügen Es ruht eine große Verantwor- t u n g auf ihrer Arbeit. Damit diese schwierige Arbeit richtig ge- leistet wird, veranstaltet das Landeswohlfahrtsamt von Zeit zu Zeit Schulungskurse, in denen die Kandidaten erstmal theoretisch m die gesetzliche Materie, dann durch eine praktische Prüfungszeit in die Praxis einaeführt werden: sie haben auch ein mündliches Examen durch Beantwortung von Kreuz- und Querfragen zu bestehen. Immer schärfer arbeitet der Prüfapparat, immer lauter übertönt seine Melodie den menschlichen Wehruf... Gommer-Ausverkauf. Man könnte schon billig kaufen, wenn... Der diesjährige Inventurausverkauf soll die Höchstgrenze der Billigkeit erreicht haben.„Mein Gott, jeder Hut 3S Pfennige", staunt da eine Frau, und schon suchen ihre Hände in der Hut- Pyramide: der rote und der blaue sind für ihren Kopf ungeeignet, aber der dritte, der weiße, macht das Rennen. Ein Stückchen weiter, mit Restelager, geht es einfach lebensgefährlich zu. Wet ge- schickte Hände hat, kann sich hier für noch nicht mal eine Mark einen hübschen leichten Sommerstoff zum Kleid, Wollmusseline oder Kunst- seide, erstehen. Bei den billigen Strümpfen, Blusen, Wäschestücken und Handschuhen geht's nicht weniger lebhaft zu. Alles was Kleinst- preise aufzuweisen hat, ist begehrt, wird gekaust. Auch die billige Konfektion hat recht gut zu tun. es gibt da für SS Pfennig ein Sportkletd, das wirklich jeder tragen kann,„nicht mal so'n arger Fummel"— meint eine, die was davon versteht: wer 3,50 Mark anlegen kann, kriegt dafür schon ein gutes Wollkleid, und für etwas über das Doppelte kann man sich als Modedame einkleiden. Bon staunenswerter Billigkeit sind auch die Stoffmäntel, und wenn das Wörtchen„wenn" nicht wäre, man könnte sich für den Herbst wirk- lich vorteilhast eindecken.- In den S ch u h l ä d e n ist wieder Groß- kampstag nach billigen Rest- und Einzelpaaren, dann nach den auf ein Minimum herabgesetzten, so sehr beliebten Sandalen. In der Wirffchastsabteilung der Kaufhäuser sieht die Hausfrau mit Schrecken, was ihr eigentlich fo alles fehlt und was sie doch so not- wendig brauchte. Aus der Provinz, wo der Jnventurverkaus schon vor zwei Wochen begonnen hat, kommen gute Nachrichten, und so ist bei aller Krisenstimmung auch die Berliner Kaufmannschaft wieder optimistisch. Jeder kaust eben soviel, oder besser gesagt, so wenig er eben kann. Im Vordergrund des Interesses stehen Mode- waren, billige Konfektion, Stoffe, Strümpfe und billige Schuhe. Reichswehrgefreiter ertrunken. Am Dienstag vormittag ist der Gefreite Krüger von der l. Eskadron des Reiterregiments, in Potsdam beim Patrouillenschwimmen in der Havel ums Leben gekommen. Krüger befand sich mit Kameraden auf einem behelfsmäßigen Zelt- b a h n f l o h. Das Floß kenterte und Krüger, der ein guter Schwimmer war, wollte es wieder ausrichten. Plötzlich versank er vor den Augen seiner Kameraden in der Havel. Die Leiche wurde noch nicht gesunden. �wei Tragödien. Zm Südwesten und Nordosten der Stadt Als gestern abend der Kaufmann Adolf Manegold in seine Wohnung in der Gneisenaustraße 89 heimkehrte, machte er eine furchtbare Entdeckung. Im Schlafzimmer fand er seine 33 Jahre alte Frau Emma und sein fünfjähriges Söhnchen Alexander e r- schössen auf. In einem Abschiedsschreiben bittet die Frau ihren Mann, ihr den Verzweiflungsschritt zu verzeihen. Das Motiv zur Tat selbst ist noch in Dunkel gehüllt. Da aber Frau Manegold schwer nervenleidend war, ist die Tat vielleicht in einem Nervenanfall zu suchen. Der Kaufmann M. hat in der Wilhelmstraße ein Geschäft. Nach- mittags telephonierte er noch mit seiner Frau und nichts ließ im Verlaufe des Gesprächs auf das furchtbare Vorhaben der Unglück- l lichen schließen. Es scheint, daß Frau Manegold schon bald nach dem Telephongespräch mit ihrem Manne zur Waffe gegriffen hat. Ihr Kind tötete sie durch einen Kopfschuß und dann brachte sie sich selbst zwei Kopfschüsse' bei, von denen einer tödlich war. Mtsechaster Selbstmord eines jungen Ehepaares. Die Motive der zweiten F a m i l! e n t r a g ö d i e, die sich im Hause Rüdersdorfer Straße 23 abspielte, sind gleichfalls noch un- geklärt. Dort wurden gestern abend in ihrer Wohnung der 28 Jahre alte Telegraphenarbeiter Bruno Merz und seine 22jährige Frau Hertha durch Gas vergiftet tot aufgefunden. Die Lebensmüden hatten das Schlafzimmer abgedichtet und an der Tür einen Zettel mit der Aufschrift:„Vorsicht Gas!" befestigt. Als die Tragödie entdeckt wurde, war es bereits zu spät und die Bemühungen der Feuerwehr waren vergeblich. In zwei an die Angehörigen gerichteten Ab- schiedsbriefen machten die Lebensmüden lediglich davon Mitteilung, daß sie gemeinsam aus dem Leben scheiden. Der Grund zu der Ver- zweiflungstat ist jedoch völlig unerklärlich, da Merz Arbeit hatte und das junge Ehepaar sehr lebenslustig war. Die Ermittelungen der Kriminalpolizei sind noch nicht abgeschlossen. Zuchthaus für Gteinfetzmeister Keller. Nachspiel zu der Tempelhofer Bestechungsaffäre. Die Große Ferien st rafkammer des LandgerichtsII unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Schmidt verwarf nach ein- gehender Beweisaufnahme die Berufung des Steinsetzmeiftcrs Emil Keller aus Stahnsdorf gegen das Urteil des Schöffen- gerichts Schöneberg, durch das er wegen Verleitung zum Meineide zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus verurteilt worden war. Das Gericht hielt es für erwiesen, daß Keller seine Sekretärin vor ihrer eidlichen Vernehmung zweimal aufgefordert hatte, zu ver- schweigen, daß er sein Preisangebot auf die Ausschreibung des Bezirksamts Tempelhof nochmals zurückgeholt, die Zahlen verändert und dann zum zweitenmal hingebracht hatte. Dieser Fall hing zusammen mit der B e st e ch u n g s a f f ä r e beim Bezirksamt Tempelhof, über die wir berichteten. Keller ist bereits in zweiter Instanz wegen Bestechung städtischer Ingenieure zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Aus beiden Strafen bildete die Strafkammer gegen Keller eine Gesamt st rase von 1 Jahr 4 Monaten Z u ch thaus. Die Untersuchungshaft wurde angerechnet, der Haftbefehl gegen Keller aber aufrechterhalten. polizei-Llrlaubssperre aufgehoben. Nachdem nach der Reichstagswahl in Berlin die Ruhe und Ordnung durch keinerlei Ausschreitungen von radikaler Seite gestört worden ist, ist ebenso wie die hoch st e Alarmbereitschaft der Schutzpolizei auch die U r l a u b s s p e r r e für die Beamten aufgehoben worden, die während des Ausnahmezustandes und wegen des Wahlkampfes verhängt worden war. Es wäre zu wünschen, wenn den Polizeibeamten, denen noch zum Teil dienst- sreie Tage als Anerkennung für die bei den früheren Wahlen ge- leistete Mehrarbeit zustehen, nach den Anstrengungen der letzten Wochen nunmehr wieder leichterer Dienst vergönnt wäre. Wökrle IauHus. Pater Pirmin trinkt seinen Humpen Hambacher Blut aus. Man hört jeden einzelnen Schluck, so still ist's im Pfaffen- keller geworden. Erst als der Uli Wüst neu eingeschenkt hat, tastet sich der Schulzheiri mit einer Frageangel heran. „Mir will es scheinen, Bruder Messeleser, du seiest gestern in deinem Gespräch gar nicht so offen ein Freund deines Hus gewesen!" „Gestern, Holzbein, war's auch ganz was anders!" „Wieso?" „Begreifst du nicht, Holzbein, gestern lebte er noch!" Schulzheiri leuchtet diese Begründung nicht ein. Bevor er jedoch dazu kommt, seine Nase zu einer Entgegnung von der Weinmücke zu heben, die im Becher ihre letzten Ruder- schlage macht, mischt sich noch einmal dze Stimme des alten Kämmerers ein:„Eine Frage im Vertrauen, frommer Vater! Da deine gute Meinung für diesen von der Kirche gerichteten Hus soweit geht, daß du ihn aus eigener Macht unter die Heiligen versetzt hast, sage, für den Fall, daß seine Lehr- Meinung gesiegt hätte, würdest du in seinem Reiche haben leben wollen?" Der Pater muß erst einen Schluck nehmen, eh er zur Antwort ansetzt, dann noch einen und noch einen. Nachdenk- lich wischt er sich hernach die Lippen. „Nein!" sagt er schließlich stockend.„Ich hätte in seinem Reich nicht leben wollen!" „Warum nicht, frommer Vater?" „Weil er Ernst machte!" Pater Pirmin, der sonst allzeit so fröhlich, ist bei diesem Aufschrei so bleich wie das Stück Appenzeller Käse, das ihm der Uli Wüst eben auf zinnernem Teller mit einem großen Ranft Stadtbrot anbringt. Zuviel wird ihm heut schon in den Bettelsack geworfen. Wein her. noch ein Hambacher Blut, daß ihm leichter wird! Er vermag die Last bald nicht mehr zu ertragen! 33. Von wandernden Gänsen überschrien, wie ein Eiland im Meer, schwimmt die Stadt in den Nebeln der Nacht. Längst blies der Türmer die Mllnsterwacht, längst klirr- ten Tore und Porten zu. Nichts blieb übrig vom Trubel des Tags und von seinem Getu und Gelärm, vom tausendmenschig bewegten Schwall und Geprall, als hie und da ein Wächter- schritt. Wie zeitverlorener Widerhall klirrt der Eisenschuh durch die toten Konstanzer Gassen. Einem übermüdeten Menschen gleich ist die Stadt in Schlaf gesunken. Wo blieb der fröhliche Abendschwarm? Wo der Becherklang und der Sang aus den Stuben? Wo das Gelächter und Gekreisch der Dirnen? Unversehens, gleichsam ohne Uebergang, ist die Stadt in Starre und Schlummer ge- funken. Sie könnte ein Kind sein, so ruhig und unbeschwert geht ihr Atemzug, sanft wie der Aufschlag des Sees an den Mauern des Ufers hin. Am ruhigsten schlafen die frommen Väter der Kirchen- Versammlung. Die schwere Last des Konzils ist für Stunden von ihren Schultern genommen. Kein Alp bedrückt sie, kein Scheiterhaufen. Durch den Feuertod des böhmischen Ketzers hat sich die schwierige Lage der Synode um vieles gebessert. Was bisher unsicher, oerwirrt und schwankend war, scheint fest und im Senkel. Unerschüttert steht Petri Felsen. Jetzt, wo der Fall Hus aus der Welt geschafft ist, die verderbliche Irrlehre mitten ins Herz getroffen, schlafen sich die Haupt- leute und Generale der Kirche Kraft an zur nächsten drängen- den Aufgabe, zur Beseitigung des unheilvollen Schismas. Auch der König schläft herrlich. Jede Minute seines Herrschertages war gefüllt bis zum Rand, Ungutes und Gutes wirr durcheinander. Sigmund hat einen prächtigen Traum; er lacht. Doch nicht die junge rundschenklige Französin lacht er an, nicht ihr weißes Gesicht, das wie eine Kirschblüte leuchtet, nein, der König lacht eine dunkle, ebenholzene Truhe an. Wenn er den schweren, nägelbeschlagenen Deckel hebt, glänzt es metallen aus der Tiefe heraus. Ein Haufe Silber und Gold glänzt ihn an. Kein Wunder, daß Sigmund lacht. Es ist ihm gelungen, aus schnödem Pergament Geld zu machen. Die Verschreibung der Ordensritter hat sich ihm zu blinkenden Schildtalern gewandelt. Nun strömt ihm die sil- berne Fülle von allen Seiten zu. Er muß sich dagegen wehren, so sehr berollt ihn rundum das Gold... Noch eine Seele in Konstanz träumt diese Nacht von Geld, von vielem Geld. Das ist Herr Johann von Schwarzach, der Bürgermeister der guten und getreuen Stadt. Doch ihm wird kein Geld gebracht, im Gegenteil, ihm wird es weg- geholt. Tausend griffige Hände sind da und reihen es ihm aus Pranke und Kasse. Die Schmiedebullen sind da und wollen das Geld für die Sperrketten haben. Der Zahlmeister schreit um den Sold für die Stadtwappner. Ja, ganz zum Schluß steht hemdsärmlig, blutbesprenkelt der Henker mit seinen drei Knechten vor Herrn Johann.„He!" sagt er und funkelt den Bürgermeister aus seinen Fettschlitzen an,„wie stehts mit dem Gewandgeld?"— Herr Johann von Schwarzach macht sein Karpfenmaul:„Gewandgeld? Was ist das?"—„Das Geld für all das schöne Zeug, das wir auf Befehl des Truchseß und des Vogts mit dem Ketzer verbrannt haben! Zwei schwarze Röcke, einen Gürtel, mit vergoldetem Silber beschlagen, zwei gute Messer und das böhmische Geld, das er im Säckel hatte!"—„Wie komm ich dazu, das zu bezahlen?"—„Weil es Henkersgut ist!"— Ach was, es fällt Herrn Johann nicht mal im Traum ein, die vermaledei- ten Brandkösten durch eine Sonderzahlung an Ammon Weikli noch zu erhöhen. Der Henker jedoch gibt sich mit der Ab- Weisung nicht zufrieden. Nein, voller Zorn packt er Herrn Johanns schwarzen Bart mit solcher Macht, daß der Bürger- meister schreit und also schreiend in einen neuen Traum läuft, Hilfe suchend bei Hans Hagen, dem Vogt. Der Mann mit dem ledernen Iagdhundgesicht hat keine Kraft zu Träumen. Wie einer, der im Rausch liegt, be- schnarcht er die vier nackten, gekalkten Wände seines Bett- raums. Er schläft den schweren, tiefen Schlaf der Erschöpfung. Er war diesen Tag der meistbeschäftigte Mann in Konstanz. Wohl hat dank seiner Vorsorge alles geklappt. Kein wilder Auflauf, keine Zusammenrottung, kein Sturm durch die Böhmen. Die Sache mit den Sperrketten und der rücksichts- lose Einsatz der Hellebarden-Enden hat sich glänzend bewährt. Das zudringliche Gesindel ist sehr rasch in seine Schlupfwinkel zurückgedrängt worden. Der Vogt könnte also froh und munter sein, um so mehr, als es seinem Geheimdienst ge- lungen ist, den Einbruch in die städtische Pfandkammer über- raschend schnell aufzuklären. Der langfingrige Ritter vom End ist ausgekundschaftet und sitzt bereits wohlverwahrt hinter Schloß und Riegel. Ein schwerer Schlag für den Grimmen- steiner, der ihm den Hals und die Burg kosten wird. Der Mitdieb des Junkers, sein Knechtlein Georg, entrann zwar im Getümmel der Festnahme nach dem Hafen und sprang flugs hinauf auf ein Schaffhauser Schiff. Aber er kam nicht weit.(Fortsetzung folgt.) Grünes Land am Flughafen. Tempelhofer Feld nicht mehr Streusandbüchse. Vor zwei Iahren hat das Bezirksamt Tempelhof damit be- gönnen, feine größte Freifläche, das Tempelhofer Ostfeld, soweit es nicht für Zwecke des Flughafens in Anspruch genommen wird, instandzusetzen und für die Erholung der Bevölkerung nutzbar zu machen. Der westliche Rand des Feldes hatte durch den Einbau der Nordsüdbahn erhebliche Eingriffe erfahren, und die Einebnung und Bepslanzung dieses Streifens ließ den Wunsch laut werden, auch die anschließende Feldfläche einmal gründlich in Ord- nung zu bringen. Die ganze Fläche wurde in fünf Bauabschnitte eingeteilt und mit dem ersten längs der Berliner Straße(vorher Tempelhofer Chaussee) im August 1330 begonnen. Ueber dem Bahnkörper der Nordsüdbahn wurde eine Doppelpromenade mit einer dreireihigen neuen Baumallee(Platanen) angelegt, die mit checken von Blüten- sträuchern und Ruhebänken ausgestattet wurde. Die eigentliche Feldfläche wurde nicht gepflügt, sondern mit dem Spaten umgegraben, mit Hilfe von Feldbahnen eingeebnet und mit einer besonders zusammengestellten Wiesensamenmischung angesät. Auf diese Weise konnte auch möglichst vielen Erwerbslosen Beschäftigung gegeben werden. Während des Sommers wurden die Grünflächen mehrmals gemäht und mit einer Motorwalze abge- walzt. Gleichzeitig wurden die über das Feld führenden Fußwegs neu befestigt und hergerichtet, auch einige Standbäume(Feldrüstern und Feldahorn) wurden gepflanzt. Der Rasensport, welcher bisher auf dem Tempelhofer Felde unorganisiert ausgeübt wurde, erhält durch die Neugestaltung auch feste Plätze. Auf dem genannten ersten Bauabschnitt längs der Berliner Straße sind vier Fußballplätze eingerichtet worden, die nach Fertigstellung des anschließenden zweiten Bauteils auch ge> wechselt werden können. Die gesamte Feldfläche soll ferner als Rahmen eine Me« von Kugelbäumen erhalten, die gleichzeitig Schatten spenden sollen. Eine höhere Baumart verbietet sich, weil die Fläche zum Anschwebe- gelände des benachbarten Flughafens gehört. So wird sich aus dem ehemaligen Exerzierplatz mit seiner oft lästigen Staubentwicklung allmählich eine neuzeitliche große Freifläche entwickeln zur spart- lichen Betätigung der Jugend und für die Erholung der Berliner Bevölkerung. Zwei Mädchen erirunken. Beim Spielen am Nordhafen in den Kanal gefallen. Auf tragische Weise sind gestern nachmittag zwei kleine Mädchen umz Leben gekommen. Die Kinder, deren Personalien noch nicht ermittest werden konnten, spielten auf einem Laufsteg des Verbin- dungskonals am Friedrich-Krause-Ufer 13, unweit des Rordhafens. Vlöglich verloren die Mädchen den Halt und stürzten ins Wasser. Augenzeugen des Vorfalles versuchten die Kinder zu retten. Die Bemühungen blieben jedoch erfolglos, da die beiden Mädchen fast augenblicklich untergegangen waren. Die alarmierte Feuer- wehr konnte die Leichen nach zweistündiger Suche dicht an der Unfallstelle aus dem Walser ziehen. Beide Mädchen waren nur mir einem Badeanzug bekleidet und es daher zweifellos anzunehmen, daß sie in der Gegend wohnen. Die Bergungsarbeiten der Feuer- wehr hatten gewaltige Scharen Neugieriger angelockt, die sich zu beiden Seiten des Kanals stauten. » In später Stunde konnten die Personalien der ertrunkenen Kinder ermittelt werden. Es handelt sich um«ine IE Jahrs alte Ingsborg A b e und eine Kjähnge Dora Dopsloff, deren Eltern in der Pu tl i tzst ra ß e 1 2 In Moabit wohnen. Verkoffunasfeier der S fnH�ollzei am 1 1. Au uft. Die Verfassungsfeier für die Beamten der Berliner Schutzpolizei und ihre Angehörigen findet im gleichen Rohmen wie im Vorjahre vormittags g.tzE Uhr am 11. August im Lustgarten statt. Nach der Festrede erfolgt unter Mitwirkung sämtlicher Kapellen der Schutzpolizei ein Vorbeimarsch der Beamten zu Fuß und zu Pferd, sowie der Polizeihund abtellungen. Mit der BVG. in die Mark. Die Berliner Verkehrs-Gesellschast veranstaltet euch im August eine große Anzahl von Sonderfahrten in die Mark. So u. a. in die Märkische Schweiz, in den Spreewald, nack Rheinsberg und nach Bad Freienwalde. Auskunft und Karten- verkauf: BVG.— Verkehrsabteilung— Berlin W 9, Köthener Straße 17, Zimmer S1. Fernruf: S 2, Lützow 9014—9010, App. 117, Außerdem finden jeden Sonntag abwechselnd ab Bahnhof Zoo um 11 und 13 Uhr bei genügender Beteiligung Fahrten nach: Fichten. grund(Grabowsee— Havel). Mellensee, dem Liepnitzse«, Bötzsee und Samithsee statt. Fahrpreis für jede dieser Fahrten 4 Mk.(für Hin. und Rückfahrt). Fahrkarten für diese Fahrten nur am Wagen. Ehikagos Oberbürgermeister kommt nach Berlin. An den Ober. bürgermeister von Chicago, Herrn C e r m a t, der sich an Bord der „Bremen" befindet, haj Oberbürgermeister Dr. S a h m eine Ein« ladung gefunkt, auf der Europa-Reise auch Berlin zu besuchen. »cs»ai im keWÄMiwr-MiMlsKtf Der„Skcrmvoäe!" ist mil d&Dei/ fiesen die lerrsdiall des Kon»oralslo In der Fatower Straße in Spandau, unweit der Heerstraße, trug sich gestern abend ein entsetzlicher Unfall zu. Bor den Augen seiner Eltern wurde der 9 Jahre alte Schüler Heinz S ch o t t st ä d t aus der Gatower Straße 47 in Spandau von dem Anhänger eines Wahittanipl Hinte danemd sein... Der Wunsdi der Saalieslfzer, DroftereUlrmcn und FaStncnlabrikcn. Ein Reichstagswahlkampf wie der hinter uns liegende bedeutet nicht nur eine Hochflut der politischen Leidenschaften, er bringt einer stattlichen Reih« von Unternehmungen und Kleingewerbetreibenden auch eine ansehnliche wirtschaftliche Belebung. Es ist schon verständlich, wenn die E a a l b e s i tz e r auf die Demonstra. tionssrelheit nicht gut zu sprechen sind. Denn wenn die Parteien durch die Straßen marschieren, fallen an einem Tage dreißig bis vierzig Versammlungen aus, für die Saalmiete hätte entrichtet werden müssen, während der M a g i st r o t für den Lustgarten keine Miete verlangt. Deshalb atmeten die Besitzer der großen Sät« in Berlin erleichtert auf, als das Demonstrationsverbot erlassen wurde. Allerdings ist der Sportpalast diesmal wenig benutzt worden, da er die Massen, die in den vergangenen Tagen auf die Beine gebracht wurden, gar nicht fassen konnte. Als Ersatz für Lustgartenausmärsche wurden die großen Stadien an der Peripherie Berlins benutzt. Welch« enormen Ausgaben dabei den Parteien an Saalmiete er- wachsen, ersieht man daraus, daß einschließlich aller Reklame eine Sportpalastkundgebung etwa 9000 M. kostet. Großen Anteil an der Wahlkonjunktur hat natürlich das Druckereigewerbe. Selbst kleiner« Vorortdruckereien hatten viele Aufträge an Speztalflugblättern. Von einer größeren Ber- liner Druckerei wird berichtet, daß ihr an sich schon hoher Papier- verbrauch während des vergangenen Wahlkampse» noch um 23 Proz. gestiegen ist. Den Bogel aber dürft« die B e r e k. die Besitzerin der Litfaßsäulen, abgeschossen haben. Seit Beginn des Wahlkampfes waren alle lesren Stellen an den Säulen verschwunden. Die Jndustri:r«klame wurde vollständig in den Hintergrund gedrängt, knapp, daß eine Reisegesellschaft,«ine Rennbahn oder«in Detektiv- institut eine kurze Anzeige machte, sonst war aller verfügbare Raum mit ständig wechselnden Plakaten von den politischen Parteien i» Anspruch genommen worden. Di« Fahnensabriten berichten, daß sie fest ihrer Existenz «ine derartige Konjunktur wie die vergangene noch nicht erlebt haben. Der Umfang des Flaggenkrteges hat alle Erwartungen bei weitem übertroffen. Die Fahnenfabriken hätten allerding»«inen Wahlkampf im Winter weit lieber gesehen, da sie im Sommer durch die Sportflaggen und Strandsahnen sür die Seebäder ohnedies gu: beschäftigt sind. Dazu kam jetzt aber noch die riesige Nachfrage nach den politischen Flaggen. Eine ähnliche Konjunktur wurde den Abzeichenfabriken beschert: allerdings sind wohl die meisten Abzeichen nicht in Berlin, sondern in der Provinz hergestellt worden. Der Wahlsonntag selbst bringt den G a st w i r t» n, deren Wirt- fchaften als Wahllokal« bestimmt sind, einen ganz annehmbaren Umsatz. Nicht nur der eine oder andere bleibt an der Schänke stehen, sondern an den Wahltagen geben sich vom frühen Morgen ab die Diskutierklub» der Nachbarschaft ihr Stelldichein. Deshalb liegen ja bei den Bezirkswahlämtern auch immer viele Bewerbungen von Gastwirten vor, alz Wahllokal bestimmt zu werden. Aber in ganz Berlin werden bekanntlich nur 2000 gebraucht. Die schwerste Arbeit zum Schluß hatten die Straßenfeger und die Parkwächter, die bis zum Montagmorgen die Papier- berge wegschaffen und der Reichshauptstadt wieder das normale Bild geben mußten. Lastwagenzugos erfaßt und auf der Stelle getötet.— Vor dem Hause Friedrichstraße 61 wurde der 37jährige Kutscher Karl S ch r a- m a r aus der Lückstraße in Lichtenberg von einem Privatouto über- fahren und schwer oerletzt. Sch. fand im Krankenhaus am Friedrichs- Hain Aufnahme. Das Drama um den Vierjährigen. Auch die Mutter des Kindes vorläufig festgenommen. Der tragische Vorgang, der sich am Montagabend in der Moh- nung der 31 Zahre alten Frau Runge In der Charlottenburger Straße 142 in VZeißense« abspielte und bei dem die alle Frau ihr Enkelkind, den 4 Zahre alten Paul Dupont. durch mehrere Messerstiche schwer verletzte, hat zur Folge gehabt, daß die kriminal- pollzel auch die Mutter de? Kinde» verhaftete. Man vermutete, daß die alte Frau und auch die 23jährige Frau Edith Dupont geb. Runge schon se't geraumer Zeit die Absicht hegten, das Sind zu täten, falls es der Vater mit Gewalt holen würde. Der kleine Paul Dupont liegt noch immer im Krankenhaus schwer da- nieder. Schon als es zwischen den Eheleuten Dupont noch in deren Wohnung in der Travbacher Strotz« in Weißensee zu wiederholten Streitigkeiten gekommen war, hatte Frau Dupont den kleinen Paul zu ihrer Mutter gebracht. Die alt« Frau hing sehr an dem Kleinen. Als die Scheidungsklage lief und auch Frau Du- pont sich jetzt bei ihrer Mutetr aushielt, wollte der Vater schon einmal sein Kind zurückholen. Gestern halte er sich mit einem Ge- richtsvollzieher nach der Wohnung seiner Schwiegermutter begeben. Dabei kam es zu der entsetzlichen Szene. Frau Duponl sprach noch in Gegenwart des Gerichtsvollziehers mit ihrem geschiedenen Mann, al» Frau Runge plötzlich das Kind an sich riß und damit in ein Zimmer lief, dessen Tür sie hinter sich abschloß. Der Vater und der Schupo sprengten die Tür und fanden die Frau mit dem Enkel im Arm aus der Chaiselongue blutüberströmt vor. Der Vater entriß der Großmutter das Kind und eilt« zum Krankenhaus. Der Polizeibeamte nahm Frau Runge fest und brachte sie zum Revier. Im Anschluß an die Vernehmung der alten Frau wurde auch Frau Dupont festgenommen. Veichsbahn und Giedlerverkehr. Klagen über die Vorortstrecke Königswusterhaufen. Bon Siedlern, di« an der Görlitzer Streck« wohnen, wind uns geschrieben: Die Zustände aus der Strecke Richtung Görlitz sind derart, daß sie unbedingt öffentlich angeprangert werden müssen. Seit langen Jahren besteht die anerkannt dringende Notwendigkeit, die End- station nach Teupitz-Groß-Köris oder Halbe zu verlegen, um den vielen Tausenden Siedlern an der Strecke die Möglichkeit zu geben, auf ihrem Grundstück zu wohnen. Es fahren jegt ganze drei Züge vormittags von Königswusterhaufen nach den genannten Stationen. Man wollte doch die Strecke elektrifizieren und würde damit in der jetzigen Krifenzeit gut angewandte Arbeitsmöglichkeit schaffen, In Königswusterhausen, wo Tausend« umsteigen müssen, um nach den erwähnten Stationen zu kommen, hat man sich den Schildbürger- streich geleistet, die Zugänge zu den Wartesälen vom Bahnsteig aus zuzumauern, so daß jeder, der den Anschluß verpaßt hat, stunden- lang auf dem offenen Bahnsteig warten muß. Es sind aber auch nicht genügend Bänke auf dem Bahnsteig vorhanden. Ganze vier Stück stehen aus der einen Seite, so daß nicht einmal für alte und gebrechliche Leute bei dem Massenverkehr genügend Platz ist. Nebenbei sei gesagt, daß der Hinweis, daß Karten für Richtung Beeskow aus Bahnsteig 2 zu haben sind, nicht etwa aus dem Ein- fohrtsbahnsteig steht, sondern im Durchgangstunnel oersteckt zu lesen ist. Aus dem Bahnhof Groß-Besten bestand ein Zugang am hinteren Ende für den am meisten besiedelten Ottsteil Klem-Besten. Da aber sich hier anscheinend der Bahnhofswltt beschwert hat, daß die Siedler nicht genüzend verzehren, hat man diesen Eingang einfach neben den Ausschank nach der Mitte verlegt. Als Kunden der Reichsbahn müssen die Siedler unbedingt verlangen, daß dies« Zustände ge- ändett werden und vor allem durchgehende Vorortzüge oder Pendel- züge in größerer Zahl geschaffen werben. Die Nazibluttat in Charlottenburg. Zu der feigen Tat der Hitlerburschen in der Guerickestraße in Charlottenburg, bei der drei Republikaner von uniformierten SA.» Leuten niedergestochen worden waren, teilen uns die Eltern des durch einen Lungenstich lebensgefährlich oerleglen 35 Jahre alten Karl P a ch u r k a mit, daß ihr Sohn weder dem Reichsbanner noch einer anderen Organisation angehört. Offenbar hatte sich P. irgendwie bei den Hakenkreuzlern mißliebig gemacht, denn als er an dem verhängnisvollen Abend mit zwei Kollegen das Restaurant in der Guerickestraße verließ, zeigte ein SA.-Mann auf Pachurka und rief seinen Kumpanen zu:„Das ist er!" Wie die Wilden fielen dann di« Hitlerbanditen über die drei Männer hex und stachen ihn nieder. Die IM der Revolverhelden. SA. schwindelt im Chor.— Leichtgläubige Richter. Die neuesten anscheinend von der SA.-Leitung herausgegebenen Verhaltungsmaßregeln für SA.-Führer, die mit Waffen angetroffen werden, lauten:„Bei der polizeilichen Vernehmung und vor Gericht wird gesagt, die Waffen seien zugesteckt worden". Der nationalsozialistische Landtagsabgeordnete G ö r l i tz e r, über dessen Freispruch wir berichteten, hatte vor der Polizei diese Regel befolgt. Vor Gericht glaubte er besser wegzukommen mit der Behauptung, er habe die Waffe einem Parteigenossen abge- nommen. Hätte er gesagt, die Waffe sei ihm von einem Partei- genossen, der von der Polizei verfolgt wurde, zugesteckt worden, so wäre er ja wegen Begünstigung verurteilt worden. Ein am selben Tage festgenommener Sturmbannführer könnt« aber den Umständen nach vor Gericht nicht die gleichen Ausslüchte machen wie der Landtagsabgeordnete Görlitzer. Es blieb ihm nichts übrig, als bei seiner polizeilichen Aussage zu bleiben, daß ein Partei. genösse ihm die Waffe zugesteckt habe: als er um 4 Uhr morgens festgenommen wurde, sei er erst wenige Minuten in dem Besitz des scharf geladenen Revolvers gewesen, und das Schnellgericht glaubte tatsächlich dieses Ammenmärchen, das jeden Tag von neuem aufgetischt wird, und verurteilte ihn wegen Begünstigung zu 100 Mark Geldstrafe. Sonst hätte es nämlich mindestens sechs Monate Gefängnis gegeben. Die andere Verhaltungsmaßregel für bewaffnete SA.-Leute, die vor Gericht erscheinen, lautet offenbar:„Wir befanden uns im Rot- stand, ja selbst in Notwehr. Wir werden von der.Kommune' und vom Reichsbanner systematisch bedroht, sind unseres Lebens nicht sicher, die Regierung gewährt uns keinen genügenden Schutz, der Ausnahmezustand ist aufgehoben worden, es bleibt uns nichts an- deres übrig, als uns durch Waffen selbst zu schützen: wir müssen deshalb freigesprochen werden". Dieser Verteidigungs- Methode, die jetzt Tag für Tag vor dem Schnell» gericht von SA.- Leuten angewandt wird, bedienten sich auch die drei SA.-Leute Zander, Heim und Witt vom Sturm 9 2. Es ist derselbe Sturm, der unter Führung des Sturmführers Schwur den Ueberfall auf Felseneck oerübt hat und Schwur ist der Mann, der die junge Kommunistin in einem Haus- flur niedergeschossen hat, nur weil sie Flugblätter verbreitst hatte. Die drei Angeklagten hatten die Absicht, am Sonnabend auf dem Gebäude des Realgymnasiums in Reinickendorf-Ost die Haken- kreuzfahne zu hissen. Es wurde daraus nicht», die Polizei nahm die drei unterwegs fest und fand bei jedem der drei einen scharf geladenen Revolver. Der Staatsanwalt beantragte gegen sie vier bis acht Monat« Ge- fängnis, das Gericht aber ließ es bei vier bis viereinhalb Monaten. Notstand wollt« der Richter nicht gelten lassen. Da könnte ja, meinte er, ein jeder Angeklagte behaupten, einerlei zu welcher Partei er gehört, er befinde sich im Notstand: da brauchte man ja keine Notoerordnung mehr gegen Erwerb und Führung von Waffen. Die Wahlkampfnachlese ist aber noch lange nicht erschöpft. Es steht noch eine große Zahl politischer Prozesse bevor. Dies» drei verurteilten Naziburschen gehören zum Sturm Reinickendorf-Ost. Die am Sonnabend, dem 30.. in Rei- nickendorf-West von den SA.-Leuten verübt« Bluttat, der sieben Ar- beiter zum Opfer gefallen sind, bietet ein« vortrefflich« Illustration zum Kapitel„Notstand". Unter den Teilnehmern des Feuerüber- falls in Reinickendorf-West befand sich aber auch der Felseneck-Ange- klagte Schwarz. Die letzte Felseneck-Verhandlung kannte nur mit einer Verzögerung beginnen, weil Schwarz, der sich bisher der Frei- heit erfreute, vorgeführt werden mußte. Seltene Tiere im Zoo. Die stark verbesserten und beschleunigten Verkehrsmittel ermög- lichen es, nicht nur die Menschen, sondern auch die Tierwelt fremder Länder gründlichst kennenzulernen. Darum ist es heute für den Tierhandel fast unmöglich, ein noch unbekanntes Tier einzuführen. Sogar Ersteinführungen sind höchst selten und daher kann der Student Otto Schulz-Kampfhenkel wirklich von Glück sagen, daß seine Bemühungen belohnt wurden und es ihm gelang, »in« schwarze Antilope zum erstenmal lebend einzuführen und zwei Urwaldrallen und zwei Großschnabelraken erstmalig nach Deutschland zu bringen. Mit Unterstützung des Zoologischen Gartens in Berlin weilte der Student der Zoologie ein halbes Jahr in Liberia. Dort wohnen insgesamt 90 Europäer, aber die sitzen in den Fak« toreien an der Küste, während im Hinterland sich überhaupt keine Weißen aufhalten. Da mußte der junge Student, unterstützt durch Eingeborene, dem Tierfang nachgehen. Die Neger betreiben dieses Handwerk gerne, doch waren sie maßlos erstaunt darüber, daß man die gefangenen Tiere am Leben ließ und sie auch noch pflegte. Der Neger ist nämlich sehr fleischhungrig, er schlägt die Tiere tot und verspeist sie. Insgesamt wurden von dieser Expedition drei Trans- parte nach dem Zoologischen Garten gesandt, und zwar SS Säuge- tiere und Vögel. Ferner Reptilien, Amphibien und Gliedertiere für das Aquarium. Ferner ist«in Transport von 7 0 Kolibris eingetroffen. der größte, der je das Festland erreichte. Unter den winzigen Vögeln befindet sich einer, der sage und schreibe 3 Gramm wiegt. Die Tiere bleiben nicht alle in Berlin, denn etliche werden sowohl an anders Gärten wie an Private weitergegeben. Wolfgang von Gronau glatt gelandet. Ehitago. 2. August. Wolfgang von Gronau ist auf dem Michigans«« um 2.58 Uhr Ostnormalzeit glatt gelandet. wetlerauzsichleu für Berlin: Zeitweise aufheiternd ohne wesent- lich« Niederschläge, weiterhin mäßig warm mit Winden aus weft- licher Richtung.— Für Deutschland: In Süd- und Südostdeurschland allmählich« Wetterbesserung: im übrigen Reiche zeitweise auf- heiternde», mäßig warmes Wetter ohne erhebliche Niederschläge, jedoch im Westen des Reiches später wieder Wetterverschlechterung. CiBlen&ungta tüt dies« Rubrik sind «,« l i» S««. ein&enittaSe 3. parieinachrichten�M�für Groß-Berlin stet, an das Bezirtsietretarta» t. Hos, 2 Treppen recht», zu richte» Beginn aller Veranstaltungen 19% Uhr, sofern keine besondere Zeitangabe! z. Kreis. Die zu heute angesetzte Kreisbildungsausschußsitzung mutz um- ständehalber ausfallen... �, 12. Kreis. Dannerstag, 1. August, 15'; Uhr. Zusammenkunft cnnerbelotot Parteimitglieder bei Schellhase, Steglitz, Ahornstr. 15». Nach der Wahl. Referent: Gattlieb Reese.„.... m 13. Kreis. Donnerstag, 4. August, Bahnhos Temvelhos Tresspunkt zum Be. such der Ausstellung„Sonne, Luft und Haus sllr alle". Die Teilnehmer, liste ist geschlossen.. 3. Abt. Freitag, ö. August, Saal 5 des Gewerkschaftshauses, wichtige Funk. tioniirsitzung._ S. Abt. Heute, 20 Uhr, Fusammenkunit jüngerer Parteimitglieder bei Do- brohlaw, Ewinemünder Str. 11. Die Wahlen. 9. Abt. Heute,?n Uhr, Zusammentunft der Bezirksfllhre- und Gruppen. führ» bei Hufenbach,.„ 28. Abt. Heute, 20 Uhr, Diskussionsabend bei Barteidt. Nach der Wahl. Re- serent: I. P. Mauer. 33. Abt. Donnerstag, 4. August, Funktionarsttzung an bekannter Stelle. 33. Abt. Donnerstag, 4, August, Funktionitrsitzung bei Bauer, Tilstter Str. 27, 38. Abt. Freitag, 5. August, 20 Uhr, Funktionijrkonferenz bei Bartusch, Friedenstratze. Fahnenabrechpung und Materialeinziehung in dieser Sitzung, Evtl, Anträge und Beschwerden schriftlich vorbereitet mitbringen. 38. Abt. Donnerstag, 4, August, Funktionärsitzung. Di« Sammellisten müssen abgerechnet werden. 74b. Abt. Donnerstag, 4. August, 20 Uhr, Mitgliederversammlung bei Stock. mann. Machnower Str. 2. Was nun. Referent: Hans Marx, 81. Abt. Heute, 20'4 Uhr, Fusammenkunst jüngerer Parteimitglieder bei Klabe, HandjeAstr. 60—31. Innen, und außenpolitische Lage. Ref.: Hans Eohn. 84. Abt. Heute kein« Funltionärsitzung. Di« Mitgliederversammlung am 10. August findet stait, 8». Abt. Freitag, 3. August, Vorstand», und FunktionSrsttzunz bei Stein, Sanderstr, 10. 98. Abt. Freitag, 5. August, Funktionärsitzuno bei Lohann, Wivverstratze, 133. Abt. Donnerstag, 4, August, Funktionärsitzung bei Blockwitz, Park. Ecke Herrenhausstratze, Abrechnung des Wahlmatsrials lFahnen usw.), 113. Abt. Mittwoch, 3. August, Funktionärsitzung an bekannter Stelle. Fahnen usw. unbedingt abrechnen. Frouenveranstaltungen. 23. Abt. Mittwoch, 8. August, Frauenausslug zum Reichsbanner-Bootshaus Wendenfchlotz. Fahrverbindung: 1. Stadtbahn bis Köpenick, umsteigen aus Straßenbahn 83 bis Eichhornstratze(35 Bf,, Umsteigefahrschein). 2. Dtratzen. bahnlinien 4, 5 und 9 bis Schlssische Straße, umsteigen aus Linie 87 bis Endstation, dann zh Stunde Fußweg. BW«;»!), Arbeiksgemelnschask der kinderfreunde Groß-Verlin. W&K&Sß Geschäftsstelle: Lindenstr. 2. llMErWS Krei» Steglitz. Donnerstag, 0z- wfmwpMK lagert eilnehmer bei Frau D~' Schöneberg. Donnerstag Manien. Pelziger Straße<20 Uhr). Mittwoch für Jungfalken, Gruppe Hermann Müller, Heimabend. Prenzlauer Berg. Donnerstag, 4. August, 20 Uhr, in den Baracken wichtige Kreishelfersitzung. Sterbetafel der Groß-Derliner Partei-Organisation 48. Abt. Am 1. Augusi verstarb unser Genosse Otto Wolf. Ehr« seinem W' 1 WM' dem Neuen .. ,., Henseler. Ehre ihrem Andenken. Beerdigung Mittwoch, 3. August, 13 Uhr, Tempelhof, Ger. maniastraße. Um rege Beteiligung wird gebeten. isire miibszen Tlel WV einem ÜRdC3r-!Fsh?r3d ab 62.00 RM. Ersatzteile: DecKsn 1.- rm. schläMs q.so rm EJflOCÜrFiÜälS' pe!,!-n'-A!t8(DMU.-Haus) . Berien.EngeiuferzoiHaus ö.Gesamt-üerD.) Uiuttu• fawcdUfyz Bösteu I —h—«a........ Miii»gBaaBnaBMirielmr;OT�yTiwr':--TT�CTWT�tmiraB»»h-7gsragKT»»iaanf,-at»r,g��r.: y.Tm--v-»-; g�i'�-acrTB Sportblusen ou» gutem Trileolett» ohne ä£ oder mit langem Arm, seilt w M. 1.30.................. Pf./ W Damenblusen teil» reinield.Crtpe de Chine,<• o-z >/, Arm, teil» kunitteldener I mm Marocain, lang Arm, M. 2 93 I Morgenröcke ....... Sportkleider eu» guten Ponomaitoffen, 175 weiß, res« und hellblau, vor- I mmm rötig bl< Gr. 3«. jetzt nur M. I Sommerkleider 1~ Gummi-Mäntel morineblauer Stoff, m. 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In die Seele, mit dem freundlichen Lächeln der behutsam vor jeder Verletzung durch ungebetenes Unkraut, fürwitzigen Gras- wuchs ot>er gar rücksichtsloser Menschen Fußspuren bewahrten säuberlichen Anordnung von behäbig breiten Beeten für nützliches Gemüse, molligen Strauchbüscheln der verschiedenen Beerenarten, schmalen, reinlichen Fußpfaden zwischen ihnen und mit dem Stolz und Glanzpunkt des kleinen Gartens: dem weit und hoch ragenden Birnbaum, neben dessen dicken, mächtigem Stamm eine zartstäbige blanke Laube den kommenden traulichen Abenden mit rosa Lampionschein entgegenträuimt. Im Sommer ist es so. Natürlich, im Sommer. Bis dahin wandelt die Seele des Fräulein Callmann vereinsamt und freudenlos zwischen dem Alltagskram umher. Denn das ältliche Fräulein ist als Besitzerin einer schmächtigen Schreibwarenhandlung seit vielen, vielen Jahren tagsüber und wintersüber in die Zelle der papiernen Armseligkeiten gebunden, die dort sorglich gestapelt Ordnung und Anteilnahme erheischen. So wartet sie dort, auf einem Stuhl hinter dem Ladentisch sitzend, den Geschäftsschluß, den Sommer ab: vor sich, hinter sich, über sich Papiere, Karten, Kartons, voll sorgsamer Vorsicht mit diesen Dingen Wirtschaft treibend: die Einsamkeit hat sie liebevoll und freundfchasts- bedürftig gemacht, und sie gibt jedem Geschäftsgang die persönliche Wärme einer Guttat. Mit den lichter und wärmer werdenden Tagen beginnen die Menschen, ihr Leben in den naheliegenden Kleingärten einzurichten, und an besonders lockenden Sonnentagen sieht man das Fräulein bereits in den Mittagstunden ihren Laden oerschließen und mit raschen, etwas zu großen, hageren Schritten den sonnenglasigen Steindamm der Vorstadtstraße überqueren, bis sie in den grünen Windungen des Kolonieweges oerschwindet. Je sommerlicher die Jahreszeit wird, desto länger dauern diese Mittagspausen in ihrem Garten, zumal sie an Sonnabend- Nachmittagen oft alte Bekannte aus ihrem Kundenkreis zu Besuch hat. Sie ist freundschaftlich und empfindet es als eine der gewohnten Guttaten, den Genuß ihres Gartens auch anderen teilhaftig werden zu lassen. Sie sitzt in bescheidener Glückseligkeit aus dem Stuhl vor der Laube, während Herr Knauer, ein pensionierter Postbeamter und aufrechter Familienvater, den Stand ihrer Gemüsekultur einer sach- verständigen, gewichtigen Prüfung unterzieht. Er schreitet mit sicheren und schweren Tritten in den Fußpfaden zwischen den Beeten, volltönend Lob und Ermahnung der still Horchenden er- teilend; manchmal bückt er sich sogar zu dieser oder jener Pflanz« herab und verhilft ihr zu geraderer Lebenshaltung, lockerer Erde, oder er stößt mit dickem Finger eine Raupe von ihren Blättern auf den Fußweg, um sie mit sachlicher Gleichgültigkeit beim Weitergehen zu zertreten. Das hätte Fräulein Callmann selbst niemals fertig gebracht. Sie bemühte sich zwar«rnschast um all die kleinen un- schuldigen Dinger, die sie aus braunen Samenkörnern aufsprießen ließ, steckt« auch die Beete mit Bindfäden ab— aber Raupen ab- lesen und die Bindfäden wirklich geradezichen mußte Herr Knausr; jedenfalls stand er zur rechten Zeit immer breitbrustig, hemdsärmelig am Staketenzaun und trat mit dröhnendem:„Denn werd ick Ihnen woll mal helfen müssen, Frollein.. in das Gärtlein ein. Vor diesem Sieger flüchtete das Fräulein in die Laube und überließ ihm lächelnd die Arbeit. Da wirkliche Männer allen Redensarten zum Trotz eifersüchtiger als Frauen sind und keinen Sieger unangefochten neben sich dulden, findet Herr Frohwein, der Besitzer des benachbarten Gartenstücks, eine Gelegenheit, sich mit Auslassungen über das Wetter, den Stand des Wachstums und Sonstiges an dem beide Gärten trennenden Drahtgeflecht bis zu seiner Gartentür am Kolonieweg vorzuschlängeln, um dort mit einem„Na, da kann ich ja auch mal ganz rein- kommen..." das Nahen des zweiten Siegers anzukündigen. Er ist groß, hager, in einen faltigen grauen Anzug gekleidet, und ver- steht es, in den Lauben Licht- und Klingelleituugen anzulegen. Im übrigen beschäftigen ihn soziale und ethische Probleme. Fräulein Callmann hört mit glücklicher Erregung zu, wie er den Nutzen eines Schrebergartens entwickelt, sofern ein Teil von ihm als Spielplatz für Kinder eingerichtet wird, die somit vor den Gefahren der Straße bewahrt werden und Leib und Seele in künstlich geordneter Natur erfrischen können. Ja, dann hatte der kleine Garten eine Idee, einen Zweck, eine höhere Bestimmung erhalten, die ihn ruhmvoll umleuchteten— und Herrn Knauers prosaisch grobe Ratschläge, die siebenundachtzig Kartoffeln im vordersten Beet während der Keimung mit Pappe zu überdecken, erschienen nichtig, blaß, völlig oerfehlt. Das Fräulein ließ Herrn Frohwein auf einen Stuhl neben sich fegen und plauderte angeregt über die sozialen Zwecke eines Stücks Grünland. Als Dritter im Bunde macht« sich eine behende rundliche Gestalt in braunem Anzug mit gewagt sommerlichem Strohhut bemerkbar, die ohne besondere Ankündigungen die Gartentür aufreißt, schallend zuknallen läßt und sich mit fast hüpfenden Schritten dem Fräulein an der Laube entgegenwirft: Herr Niedlich, ein Mittelding zwischen Lokalreporter und Feuilletonschreiber an aller Art von Zeitungen. Er wohnt im gleichen Häuserblock wie Fräulein Callmann, und dieses fühlt sich geschmeichelt, ihm als Erste ihren Eindruck über eine neu« Nooelette in der Vorstadtpost mit der täglichen Morgen- zeitung gratis mitgeben zu dürfen. „Rur auf eine Sprung, wertes Fräulein Callmann—", haspelt er nach der Begrüßung rasch hervor, langt sich den gewohnten Lehm stuhl aus der Laube, streckt sich auf ihm im Schatten des Birnbaums lang, dreht das volle, gerötete Gesicht nach einem durch das Blätter- dach fallenden Sonnenstrahl und genießt die Minuten mit Stundentiefe. „Solch ein Garten... solch ein Garten, wertes Fräulein, können Sie verstehen, was er für einen Menschen sein kann? Wie das quillt, wie das sprießt— aus nichts diese Fülle— dieses wogende Blätterdach, dieses Lebensdokument..." Herrn Frohweins Kindererziehungspläne sind vergessen, das Fräulein schließt in Gedanken die Augen und träumt sich in die Lebensdokumente, die Herr Niedlich ihr in jedem Baum, jedem Strauch, jeder Gemüsepflanze darlegt. Es wurde geradezu eine Weihestunde für sie, wie sich auch Herr Knauer und Herr Frohwein an der Debatte über Nutzen, Wert und Sinn des Gartens beteiligten. Die drei Männer taten, als sei der Garten ihr persönlichstes Eigentum. Herr Knauer sah sich in würdiger Gewichtigkeit über Gedeihen und Sterben der ihm unterworfenen Pflänzlein sachgemäße, klangvolle Anordnungen treffen, er wuchs in des Fräuleins Augen zu einer Autorität empor und mit ihm der unschuldige Gartenslccken. Herrn Frohweins langgliedrigen, sehnigen Hände umbilderten, umphantastelen ihres Lenkers soziale Thesen, und dem Fräulein schien es, als müßte es den Garten vor des Sprechers Füßen kniend niederlegen: Herr, mache einen Wein- garten des Menschtums,-inen Kinderspielplatz daraus oder baue eine gemeinnützige Milchhalle mit Rasenplatz daraus. Herr Niedlich fand in jedem Verwertungsoorschlag Poesie genug, sein Lebens- gesühl zu erhöhen, und Fräulein Callmann sah schließlich nicht mehr den Garten vor sich, sondern nur Träume. Das war eins Weihestunde! Die Mittagsstunde war schon reichlich überschritten, die Sonne drückte heiß herab, und das grüne Leben war in schwüler Glutmauer erstarrt. Man oerabredete, am nächsten Tag, Sonntagnachmittag, im Garten zu einer Maibowle zusammenzukommen, und das Fräulein eilte beseligt in das Steinmeer zurück. In der Nacht zogen drohende Wolkenmausrn am Himmel herauf und seitlich über der Stadt hinweg. Der Sonntagmorgen dieselte schwül über der Gartenkolonie aus, und bereits zu Mittag zerriß die glühende Luftstarre in chaotischen Gewittern. In Sturzbächen strömten die Wasser vom Sturm getrieben auf die Steine der Vor- sladtstraßen herab, schlugen gegen Mauern, Fenster, Türen, geißelten die hohen Eschen, daß Blätter und kleine Aeste niederbrachen, und das Fräulein Callmann hockte in der dunklen, dumpfen Stube hinter dem Ladenraum, wie vom Sturm dahingetrieben, verstört, verloren. Am Nachmittag war es, als hätte eine Hand plötzlich die Wolkenballen irgendwohin fortgeschoben, und die Sonne spiegelte sich strahlend in dem See, den sie an Stelle des Straßendamms vorfand. Wie es draußen ruhig war, wurden die Häuser lebendig, und zaghaft, klopfenden Herzens schloß sich Fräulein Callmann den übrigen Hausbewohnern an, die bald in bunter Schar über die feucht gleißenden Straßen der Gartenkolonie zustrebten. Ihr Garten war verschwunden. Sie suchte ihn, mit zögernden Schritten von fern auf die Stelle zugehend, wo er sonst war. Wohl war dort noch ein Baum zu sehen: aber es war ein Trümmer mit abgebrochenen Aesten, nicht ihr Birnbaum, dessen Früchte Herr Knauer auf der Landwirtschaftsausstellung prämieren, Herr Froh- wein an magere Straßenkinder verteilen lassen wollte und Herr Niedlich als ein Symbol des Lebensdranges erblickte. Die Laubs erschien neben ihm als ein fadenscheiniges nacktes Holzgehäuse. Das war allein vom Garten übrig geblieben; die abströmenden Wasser hatten den Boden eben geschliffen und die schmucke Rekrutensront der jungen Pflanzen durcheinandergeschwemmt. Das Fräulein sank in sich zusammen, unter Schmerz und Scham, wie von einem Grauen regungslos auf die Stelle gebannt. Es wollte sich umwenden und zurück auf die Straße eilen, um dem Anblick dieses ekelhaften Stückes schamloser Unordnung und Wildheit zu entrinnen. Ach, es war, als hätte es nie einen Garten besessen. Es wollte in diesem Augenblick verzichten und hätte gern verzichtet; aber es fühlte die Blicke der anderen Kolonisten auf sich ruhen; es fühlte die Lächerlichkeit seines Benehmens, wenn es jetzt fremd vorüberginge. Es mußte allen Mut aufbringen, zusammengekniffen, kalt, verächtlich die wenigen Schritte zur Gartentür zu tun. Da lag im vorderen Teil des Gartens gerode über dem Kartofelbeet das schwarze Dach von Herrn Frohweins Laube, üb«r die Kräuter wie ein Messer plump hingeschliddert. Nun, schlimmeres konnte nicht mehr kommen; das Fräulein raffte sich zusammen, drückte die windschiefe Garentür auf, ging durch den Garten, über das Schlachtfeld mit einem Empfinden, als fei sie es nicht, die hier zum Hohn Aller über die Trümmer schritte. Sie klaubte die Pklanzen auf und schied sie voneinander: sie begann, die zugeschütteten Wege notdürftig freizugrabcn, und als sie so vorn an den Gartenzaun gekommen war, bat sie einen draußen umher- stehenden jungen Mann, mitzuhelfen, das schwere Dach in Frohweins Garten hinüberzukanten. So— dann kauerte sie sich schweigend und demütig in den schmalen Fußpfaden nieder und setzte die Pflanzen in die wieder- hergestellten Beete ein, sorgsam, mit vorsichtigen Händen, in wohl- ausgerichteten Reihen. Der gelbwarme Schein der Abendsonne spielte über ihr gebeugtes Gesicht und die schaffenden Hände. Wie sie sich einmal aufrichtete, ging Herr Knauer auf dem Kolonieweg mit stämmigen Schritten vorbei. Sie rief ihn an, und ihr war, als hätte eine Fremde ihn angerufen. Er grüßte aber nur mit gewohnt gewichtigem Handwinken und zog feine Familie, vier Menschen hoch, mit Spaten, Hacken und Kannen beladen hinter sich her. Nach der anderen Seite hin sah das Fräulein Herrn Frohwein langbeinig auf dem Dach seiner Laube hocken unb den Hammer in dunkler Silhouette gegen den farbig verschwimmenden Abendhimmel schwingen. Da zuckte sie zusammen. „Grüß Gott, wertes Fräulein Callmann. Aus der Bowle ist infolge Wasserllberflusses nichts geworden... ha haha... aber ein grandioses Unwetter... grandios! Sehen Sie doch den sturmzerrissenen Birnbaum— fabelhaft, was?!.. Herr Niedlich war mit jugendlichem Schwung über eine Wasserlache auf dem Wege an den Zaun gesprungen und wippte seinen geflochtenen Strohhut über dem Kopf des Fräuleins durch die Luft. „Eine Windhose war das, was?.. schmatzte er mit feistem Lächeln.„Will mir gerade den Schauplatz der Katastrophe näher besehen und einen Bericht davon geben. Den Baum— betrachten Sie doch den Baum, wie von Gott und aller Welt verlassen, ein gebrochener Riese... fabelhaft! Morgen werden Sie davon lesen können!" Das Fräulein blieb allein zurück. Raffte die abgerissenen Zweige zusammen, las die Scherben der Blumentöpfe vor der Laube auf, und als es mit der sinkenden Dämmerung langsam nach Hause ging, blieb noch viel für ihren Garten zu tun, für ihren Garten, von dessen armseliger Bedürftigkeit sich die Gelüste der drei Phantasten unhöflich abwandten. Und allmählich stieg irgendwie ein Gefühl der Dankbarkeit für das Unwetter in dem Fräulein auf, denn es war ihm, als hätte es jetzt den Garten erst richtig für sich gewonnen. Wenn es nur nicht nach zwei bis drei Wochen mühsamer Auf- bauarbeit der kleinen Eitelkeit verfallen würde, den Garten andern als Guttat anzubieten. Ob sie es wird? Friedrich WeigeU/ Schulgefchichlen 3)er Wuianfall Es llopft an die Tür des Klassenzimmers. Der Lehrer öffnet. Draußen steht Pauls Vater. Der Lehrer kennt ihn bereits von Elternversammlungen. Da er zu außergewöhnlicher Zeit kommt, muß etwas vorgefallen fein. Es ist wohl besser, man verhandelt das unter sich. Leise drückt der Lehrer die Tür hinter sich ins Schloß, indem er auf den Flur hinaustritt. „Guten Morgen, Herr F., was führt Sie so früh zu uns?" Herr F. sieht sehr oerärgert aus. Man merkt es ihm an, daß er sich gewaltsam zurückhält. Sein Sohn sei gestern mittag aus der Schule mit total zerrissenem Lesebuch nach Haus gekommen. Nach dem Urheber des Schadens gefragt, erklärte der kleine Paul, sein Nachbar hätte ihm in der Pause nach einem Streite das Buch ent- rissen und seine Wut daran ausgelassen. Nun fordert Herr F. Be- strafung und Schadenersatz. Der kleine Paul wird herausgerufen, das corpus ckelicti herbeigeschafft und das Verhör beginnt. Die Angaben des Schülers wieder- holen sich. Auch der Uebeltäter ist zur Stelle— aber dieser macht große, erstaunte Augen, weiß sich kaum zu fassen über das, was Paul vorbringt, und erklärt alles für puren Schwindel. Zeugen sind vorhanden, die den Angeschuldigten für die fragliche Zeit aus- weisen, in der Pause war und alles sich auf dem Hofe befand. Man steht vor einem Rätsel. Es scheint ausgeschlossen, daß Paul, der sonst sehr sorgsam auf seine Bücher achtet, sein Lesebuch selbst ohne Grund zerreißt. Gründe aber kann man nicht finden. Ein anderer kommt für die Tat nicht in Betracht, und Paul in die Enge getrieben, fängt schließlich an zu weinen. Drohungen und Bitten helfen nichts, die Tat bleibt ungeklärt. Der Lehrer kommt zur Ueberzcugung, daß er nach dem Unterricht in einer persönlichen Unterredung mit Paul weiter kommen werde. Wie enthüllte sich das Rätsel? Paul bekam als armer Junge täglich mit vielen anderen Kindern zusammen Schulspeisung. Besonders gern aß er weiße Bohnen. Süß-sauer gekocht mit Speck, das war ein„Götterfraß", wie er sich ausdrückte. Tagelang freute er sich im voraus auf den Tag, wo er fein Leibgericht bekam. Dann konnte er vor Erwartung kaum dem Unterricht folgen und war als erster im Speiseraum. Da der Küchenzettel in jeder Woche gleich war, so gab es für Paul wöchentlich zwei Festtage. Das war der Sonntag, an dem es daheim Fleisch zum Mittag gab und der Donnerstag, der weiße Bohnen in der Schulspeisung brachte. Diese zwei Tage trösteten ihn über den Sonnabend hinweg, an dem er regelmäßig zweimal Erbsen bekam, sowohl daheim, als auch in der Schule, die er nicht aß, ohne sie heimlich zu verwünschen. Hätte er nicht riskiert, daß ihm die Speisekarte abgenommen wurde, wenn er sich Sonnabends die Erbsen nicht holte, so hätte er lieber gehungert. Oft wußte er sein Essen einem anderen Schüler aufzureden, aber Erbsen aßen alle nicht gern und so war Paul gezwungen,„den Fraß" selbst hinunter- zuwürgen. Daheim saß sogar die Mutter dabei und paßte auf, daß das Mittagessen säuberlich im Magen verschwand. O, um der Erbsen willen hätte Paul manchmal das Leben verwünscht. Wozu war es nütze, sagte er sich, wenn die Hölle schon hier aus der Erde ist. Starb er, dann kam er gewiß in den Himmel, und dort gab es keine Erbsen. Hölle war für ihn ein Erbsenbrei, der dauernd bis an den Mund reicht und von selbst hineinfloß, wenn man den Mund öffnete. Am letzten Donnerstag war Paul schon um 6 Uhr aufgestanden. An diesem Tage trieb es ihn immer schon früher aus dem Bett als sonst. Niemals war er, seit er Schulspeisung bekam, am Donnerstag zu spät zum Unterricht gekommen. In der ersten Stunde wurde ge- rechnet Und alle Zahlen verbanden sich in Pauls Gehirn mit Bohnenmengen. Als der Lehrer es den Schülern überließ, freie Be- nennungen hinter die Ziffern zu setzen, da wurde bei Paul jede Auf- gäbe zu einer Bohnenrechnung. In der nächsten Stunde zeichnete die Klasse. Paul malte Bohnen, große und kleine, grüne, weiße Bohnen. Als mitten in der Stunde das Fenster geöffnet werden mußte, spürte Paul einen Bohnengeruch von draußen hereinziehen, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Er hatte morgens kein Frühstück gegessen, nur um recht viel Platz für die Bohnen im Magen frei zu bekommen. Wie atmete er auf, als das Klingelzeichen ertönte. Einen Griff nach seinem Topf und los stürmte er. Auf der Treppe rannte er einen Jungen um. Der schimpfte hinter ihm her. Paul hörte es kaum. Atemlos stand er unten in dem Speisesaal, wo bereits andere Kinder sich zum Essenempfang angestellt hatten. Er drückte sich eng heran und schob die Reihe nach vorn. Aber die Frauen schimpften über das Drängeln und so mußte er sich ge- dulden. Es roch etwas seltsam heute, das Essen war wohl angebrannt? Für Paul war das nicht weiter schlimm, wenngleich er Bohnen lieber gut gekocht gehabt hätte, so tröstete er sich doch damit, daß sie ja sonst immer ordentlich waren. Er zählte die Reihe, noch 10 vor ihm. Wie langweilig das Einschenken ging. Es sah gerade so aus, als ob die Frauen, die die Arbeit besorgten, Paul ärgern wollten. Nun gerade nicht. Er tonnte sich auch gedulden. Wie schwer es aber fiel— 3 Kinder noch vor ihm— endlich, er schöpfte tief Atem. Seine Schulmappe hatte er unterm Arm, denn nach der Pause turnte die Klasse in der Halle. Ja, was war denn das? Paul schaute erschrocken in den Kübel, der vor ihm stand und in den jetzt der Schöpflöffel hineingriff. War es denn möglich? träumte er? narrte ihn feine Phantasie?— Das waren ja gar nicht Bohnen!— Erbsen— pfui Teufel, richtige Erbsen! Er riß der Frau seinen Topf aus der Hand, daß die Hälfte des Inhaltes sich auf den Fußboden ergoß und stürmte aus der Halle. Hinter ihn drein schimpfte die erregte und erschreckte Helferin. Paul rannte über den Schulhof. Die Klassen waren bereits in ihren Zimmern versammelt. Der große Hof war leer. In einem mächtigen Bogen flog der Essentopf in den Sand und sein Inhalt ergoß sich dick und schlammig in den Schmutz. Paul fürchtete nicht, daß ihn ein Lehrer zur Rechenschaft ziehen könnte. In wilder Wut rannte er weiter, bis er in einem stillen Winkel am Ende des Hofes haltmachen mußte, da ihm die Mauer Einhalt gebot. Hier warf er sich auf die Erde und strampelte wild mit den Beinen. Seine Finger griffen in den Sand, da dieser aber keinen Wider- stand leistete, faßte er die Schulmappe, die neben ihm lag, das Lese- buch schaute etwas heraus. Seine Finger griffen danach. In einigen Sekunden war das Buch in Fetzen gerissen— Erst jetzt kam Paul langsam zur Besinnung. Ein physisches Unwohlsein überkam ihn. Er legte sich lang auf die Erde. Sie kühlte»nd brachte in seinen Kopf einige Klarheit, aber wie ein Schüttelfrost durchzog es seinen Körper und sein Magen krampfte sich zusammen. Müde erhob er sich. Die Erbsen waren vergessen. Vor ihm lag das zerrissene Lesebuch. Was wird Vater sagen, wenn er es sieht? Paul blickte nach den Fenstern des Schulgebäudes. Der Unterricht hotte längst begonnen. Vielleicht fiel es nicht auf, wenn er fehlte. Schnell raffte er alles zusammen. Bis Zwölf trieb er sich in den Straßen herum, immer von dem einen Gedanken verfolgt:„Was sage ich Vater über das zerrissene Lesebuch?"— „Und ich habe es ja gor nicht gewollt", dachte er.„Worum Hab ichs nur getan? Es kam so über mich. Aber wird es denn Vater glauben. Er wird noch der Ursache fragen. Welches aber war die Ursache? Daß es Erbsen bei der Schulspeisung gab?— Das konnte doch nicht Ursache für ein Zerreißen des Buches sein.— Ich sage: Fritz war es. Fritz hat sich schon einmal mit mir ge» prügelt. Vielleicht glaubt Vater es. er muß es glauben." Das war die Lösung des Rätsels. �Ir 361• 49 Iahraong 2. Beilage des Vorwärts Mittwoch, 3. August 1932 Der Profit fürs eigene Haus. Arbeit für das Z�eich als Großaktionär der Vereinigten Stahlwerke. Die Vereinigte Stahlwerke A.-G. hat— wie die anderen Eisen- konzerne— einen großen Erzbedarf. Bekanntlich auch verrückte Erz- lieferungsverträge. die Millionenverluste bringen. Das ist b e- k a n n t. Nicht bekannt ist, daß Großaktionäre des Stahl- Vereins bzw. ihre Familien, wie die der Thyssens, an den Verlust- reichen Erzverträgen noch in besonders interessanter Weise zu ver- dienen scheinen. Wir empsehlen den Reichsbehörden, die als jetzige Beherrscher des Stahltrufts zur Nachprüfung oerpslichtet sind, jol- gende Zuschrift zum Studium, die wir aus Holland erhalten hoben: „Ueber die Beteiligung der„B u l c a a n" an dem Hafenverkehr in Rotterdam und Dlaardingen machen wir Ihnen im folgenden Mitteilungen, aus welchen ersichtlich ist, daß in über- ragendem Maße die„Vulcaan" bei den Versrachtungen der Erze für die VestagR 6- o/U das AuBerste an Reinheit Milde und BeKömmlichkeit REEMTSMA SORTE CRMTCN ST BIS SO* MUSTBRCIOARCTTCN ♦ MISCHUNOSNUMMCR R6o/MN Ole*» Cloefetle* werden In den nesÄn iscbniscban Musterbetriebes in Altona-Bahrenfeld Lieferung ist zunächst beschränkt. Oer ungewöhnlich zarte und reine Charakter dieser Mischung beruht darauf, dafl «ämfliche Tabake wird ausschließlich ohne MundslOefc hergestellt folj vj�W�a. Ifen I 'alitatJ :e MaJ O�e Cigaretten sii . die zui DfcTIfH )lCa, . « OMkdaWW�Me folgenden Otstrlkten: KRMTSMA CIGARETTCNFABRIKCN 6. M.B.H. ALTONA-BAHRCNFCLO zur Gewährung mittelfristiger Kredite besonders aufgenommen worden war. Nach längeren durch die deutsche Devisengesetzgebung erschwerten Verhandlungen Hot die D. D.-Bank den Inhabern der „Kotes" ein Rückzahlungsangebot gemacht. Zurückzuzahlen bleiben rund 12 ü Millionen Dollar oder SO Millionen Mark, da die D. D.-Bank selbst etwa die chälfte der Anleihestllcke auf dem freien Markt schon zurückgekauft hotte. Anleihebcsitzer gibt es in Deutsch- land und im Ausland. Den deutschen Anleihebesitzern bietet die D. D.-Bank sofortige Bezahlung in Reichsmark an und zwar wegen der erst im September liegenden Fälligkeit zur Ablösung des Zins- anspruches zu 103 Proz. Aber auch den ausländischen Gläubigern kann wegen der deutschen Devisengesetzgebung nur Reichsmarkzahlung angeboten werden. Diese soll zugunsten der Auslandsgläubiger auf Sperrkonto in Deutschland erfolgen. Industrielle Llmbauten. Konzernumbau bei Stettiner Ehamotte Didier. Die Krise zwingt die Stettiner Thamottefabrik A.-G. vorm. Didier, Berlin, ihren Konzern neu zu gliedern und der Generalversammlung einen erheblichen Kapitalschnitt vorzu- schla'gen. Das Unternehmen produziert feuerfeste Steine, Feue- rungsanlagen und Oefen; der Absatz ging mengenmäßig um 3 4 Proz. zurück infolge der Finanznot der Hauptabnehmer, der Schwerindustrie und der Kommunen(Gasanstalten). Ohne den er- höhten Absatz nach Rußland wäre das Ergebnis noch schlechter gewesen. Die Gesellschaft hat drei eigene Produktionsstätten— Stettin, Riederlahnstein und Bodenbach— und beherrscht 17 Tochtergesellschaften. Bei diesen sind erhebliche Verluste auf Forderungen und Beteiligungen entstanden. Der Konzernumbau soll so vor sich gehen, daß die Gesellschaft sich mit vier Tochtergesellschaften fusioniert und daß das Verkaufsgeschäft zentralisiert wird. Für dos Geschäftsjahr 1S31 wird ein V e r l u st von 2,6 Millionen Mark ausgewiesen. Die notwendigen Ab- schreibungen stehen aber noch bevor: zu dem Zweck soll das Kapital im Verhältnis 2 zu 1 von 18 auf 9 Millionen Mark zusammen- gelegt werden. Um die Bankschulden einer der wichtigsten Tochtergesellschaften, der Stellamerk A.-G., Berlin- Wilmersdorf, zu tilgen, werden Vorzugsaktien ausgegeben und ein Teil der Stamm- in Vorzugsaktien umgewandelt. Die Vorzugsaktien werden von den Bankgläubigern übernommen. Das Gssamtkapital setzt sich dann aus 2,S Millionen Mark Vorzugsaktien und 7,245 Millionen Mark Stammaktien zusammen. Scharfer KapitaZfchnitt bei Nürkopp. Der Aufsichtsrat der Dürkoppwerke A.-G., Bielefeld, hat eine durchgreifende Sanierung beschlossen. Zur Beseitigung der Verluste und für die nötigen Abschreibungen soll das Stammkapital im Verhältnis 29 zu 1 von 6 Millionen auf 9,3 Millionen Mark herabgesetzt werden. Das Vorzugskapital wird nur im Ver- hältnis 19 zu 1, von 1,95 auf 9,1 Millionen Mark herabgeschrieben, aber unter Verzicht auf die rückständigen Dividenden und unter gleichzeitiger Umwandlung in Stammaktien. Das Kapital wird dann von 9,4 auf 2,75 Millionen Mark erhöht. Die neuen Aktien übernehmen die Gläubigerbanken zu 199 Prozent gegen einen entsprechenden Teil ihrer Forderungen: für den Rest der Bankschulden wurden günstige Bedingungen erreicht. Dieser scharfe Kapitalschnitt war auch deshalb erforderlich, weil wesentliche Teile des Betriebes stillgelegt find und bleiben. Die Abteilungen, die noch arbeiten(Nähmaschinen aller Art, Fahr- räder, Photopapiermaschinen), hofst die Verwältung nach der Sa- nierung rentabel fortführey zu können. Hanomag- Abteilungen verpachtet. Die hannoversche A.-G. vorm. Georg Egestorfs(hanomag) hat ihre Abteilungen Automobil- und Schlepperbau zum 1. August verpachtet. Diese Betriebe werden unter der Firma „hanomag Automobil- und Schlepperbau G. m. b. h." fortgeführt: auch der Verkauf wird von den Pächtern übernommen. Die alte Firma wird dann nur noch die Abteilung Dampfkesselbau fortführen. Ltm die Sanierung von Hirfch-Kupfer. Die Hirsch, Kupfer-Messingwerke A.-G. in Ber- l i n ist durch die Familien- und Freundschastsgeschäste ihrer Groß- aktionäre(der Familie Hirsch) an den Rand des finanziellen Zu- sammenbruchs gebracht worden, so daß ihr Kapital von 12 Mill. Mark auf 9,97 Mill. Mark zusammengelegt werden mußte. Die Metallhandelsfirma Aron Hirsch& Sohn war tatsächlich schon im Jahre 1929 pleite. Sie wurde dadurch gerettet, daß Hirsch-Kupser mit ihr einen Lieserungs- und Arbeitsvertrag ab- schloß, für den Hirsch-Kupser den ungerechtfertigt hohen Betrag von 359 999 Mark jährlich zehn Jahre lang zu zahlen sich verpflichtete. Außerdem räumte der Vorstand, in erster Linie Herr Siegmund Hirsch, der Handelsfirma Hirsch einen Kredit von 3'/} Millionen Mark ein, der restlos verloren ist, da im Jahre 1931 die Metallhandelsftrma aufgelöst werden mußte. Von oll diesen Dingen hat der Aufsichtsrat nichts erfahren. Wenn auch der Auf- sichtsrat hinters Licht geführt wurde, die Tatsache bleibt bestehen, daß er v e r s a g t hat. Dieses auch heute noch glänzend arbeitende Unternehmen— bei einer Ausnutzung von 69 Proz. der Leifwngssähigkeit sind 1559 Arbeiter und 399 Angestellte beschäftigt— ist also allein durch die Geschäfte der Großaktionäre in eine üble Si- tuotion geraten. Auf der Generalversammlung, die über die Neu- gründung von Hirsch-Kupser beschließen und die Fortsührung des Werks sichern sollte, tauchte nun ein neuer Großaktionär auf und machte eine verantwortungslose Oppsition lediglich um seiner Sonderinteressen willen. Es handelt sich um den Schweizer Bankverein, der auf dem Umweg« über ein Kreditgeschäft von Herrn Siegmund Hirsch mehr als 2,5 Mill. Mark Aktien erworben hatte, und der den Antrag auf Vertagung der Generalver- sammlung stellte. Die Hintergründe für diese Einstellung wurden klar, als Wassermann von der VO-Bank mitteilte, daß der Schweizer Bankverein ein Angebot gemocht hotte, wonach er auf jede Opposition verzichtete, wenn die OO-Bank anderthalb Millionen Mark Forderungen über- nähme; die OO-Bank hatte dies Angebot abgelehnt. Die Generalversammlung ging über den Dertagungsantrag zur Tagesordnung über und faßte die zur Sanierung und Neugründung notwendigen Beschlüsse. „Anpassung an die Armut der Ration.� Die A.- G für Glas- industrie-Dresden ersucht uns um eine Berichtigung. Danach teilen sich in die 119 999 M., die wir in der Tabelle der Veröffentlichung vom 21. Juli„Anpassung an die Armut der Na- tion" nur einem Vorstandsmitglied zugeschrieben haben, ein ordent- liches und zwei- stellvertretende Mitglieder, so daß sich die auf das einzelne Vorstandsmitglied entfallenden Bezüge entsprechend er- mähigen. Fünftagewoche in.... Gesetzliche Einführung.— Ws vleibi Oeutfch'.and? New Nork. 2. August.(Eigenbericht.) Die amerikanische Bundesregierung Plant zwecks Ein- fiihrung der fünftägigen Arbeitswoche die E i n b e- rufung einer Reich skpnfcrenz. Tie Fünf- tagewoche ist als ständige Einrichtung und nicht etwa als Krifenmaßnshme gedacht. Man hofft, auf diese Weise für drei Millionen Menschen Arbeit schaffen zu können. Die Unternehmer sind mit der Fünftagewoche einver- standen. * Die Amerikaner sitiid bekannt für ihr frisches Zupacken in Not- fällen. Seit längerer Zeit schon fordern die amerikanischen Gewerk- schaften die Einführung ber Fünftagewoche. Es ist ihnen auch gelungen, tn einer erheblichen Anzahl von Betrieben und Teilen von Industrien, in der Autoindustrie, im Baugewerbe usw., die Fünf- tagewoche zur Durchführung zu bringen. Unter dem Druck dieser Agitation und der Hoffnungslosigkeit, der Krise, sowie der dadurch erzeugten Arbeitslosigkeit auf anderem Wege Herr zu werden, hat sich»runmehr hoover entschlossen, die Initiative zur Einführung der gesetzlichen Fünftagewoche zu ergreisen. Es kann dahingestellt bleiben, ob und inwieweit diese Initiative hoovers als Konzession an die Wähler angesichts der be- vorstehenden Präsidentschaftswahl gewertet werden muß. Aber auch wenn hoover im Hinblick auf die bevorstehende Wahl es für notwendig gehalten hat, zur Erhöhung seiner Popularität die er- forderlichen Schritte zu unternehmen, um die gesetzliche Fünf- tagewoche in den Vereinigten Staaten einzuführen, auch dann bewiese diese Tatsache, daß die große Masse der amerikanischen Be- völkerung die Notwendigkeit erkannt hat zur Beseitigung oder der erheblichen Eindämmung der Arbeikslosigkeit durch die Einführung der Fünftagewoche. Die Initiative hoovers, wenn sie von Erfolg begleitet ist, wird sich unmittelbar auch auf die europäischen Länder aus- wirken, hier Hot man es feit Iahren sträflich vernachlässigt, irgendwelche durchgreifende Maßnahmen gegen die Ar- b e i t s l o s i g k e i t zu unternehmen. Man hat sich sogar noch nicht einmal dazu aufschwingen können, das Abkommen über den Achtstundentag zu ratifizieren. Soweit das Abkommen über die Arbeitszeit im Bergbau in Frage kommt, wird ein ü b l e s I n- t r i g e n s p i e l getrieben, um die feierlich übernommene Berpflich- tung nicht einzuhalten. In Deutschland, seit Ernennung der Regierung vom Paven- kreuz, ist nicht nur nichts geschehen, um der Arbeitslosigkeit Herr zu werden, sondern man hat alles getan, um die Arbeitslosigkeit noch zu steigern. Die von der Regierung.Brüning vorbereiteten Pläne zur Arbeiksbcschassung sind in den Akten verschwunden. Die, wenn auch schwächlichen Bemühungen Stegerwalds zur Ein- führung der Fünftogewoche in verschiedenen Industrien auf Grund freiwilliger Vereinbarungen sind völlig eingestellt worden. Dagegen hat man aus Wunsch der Hitler und Hierl und der gesamten alten Generalität, die Deutschland„erneuern" will, den freiwilligen A r- b e i t s d i e n st ausgebaut unter dem ausdrücklichen Hinweis, die Arbeitsdienstpflicht einzuführen, die A r b e i t s d i e n st p f l i ch t, die wiederum nur die Vörstüfe zur allgemeinen Wehrpflicht sein soll. Diese reaktionären Bestrebungen können nicht zu einer Milderung, sondern nur zu einer Verschärfung der Krise führen. Die Mittel, die der Staat und die Oessentlichkeit freimachen, um den Arbeitsdienst— freiwillig oder nicht— zu fördern, werden der wirklichen Arbeitsbeschaffung entzogen und die aufgewandten Mittel werden obne wirtschaftlichen Nutzeffekt vertan. Es wird not- wendig fein, in Deutschland eine Volksbewegung zur Eindämmung der Arbeitslosigkeit zu entfachen. Wie die Ding« liegen, angesichts der Finanzlage, gibt e- zunächst nur eine Möglichkeit, in größerem Maße sofort Arbeits- lose in den Produktionsprozeß zurückzuführen: durch die allge- meine Einführung der Fünftogewoche. Selbstver- ständlich müßte damit Hand in Hand gehen die Durchführung eines Programms derArbeitsbeschoffung, wie es die Regie- rung Brüning vorgesehen hatte und die Einstellung jedes weiteren Lohnabbaus. Auf diesem Gebiete ist soviel ge- sündigt worden, daß es allerhöchst« Zeit zur Umkehr ist. Die deutsche Arbeiterklasse muß der Berzweiflungsstimmung Herr werden und Regierung und Parlament zwingen, endlich das Problem der Ueberwindung der Arbeitslosigkeit energisch in Angriff zu nehmen. Auch die Stellungnahme des Verbandes preußischer Land- gemeinden, die wir an anderer Stelle veröffentlichen, zeigt, daß die Einsicht in die Dringlichkeit der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auch in Deutschland wächst. Selbst Lialien für Arbeitszeitverkürzung Aorstoß beim Internationalen Arbeitsamt. Der italienische Vertreter im Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes, de M i ch e l i s, hat an den Präsidenten des Verwaltungsrates das Ersuchen gerichtet, so rascb wie möglich zur Verkürzung der Arbeitszeit zum Zweck der Arbeits- Marktentlastung einen Schritt zu unternehmen. De Michelis be- antragte, die Frage einer internationalen Verkürzung der Arbeits- zeit auf schnellstem Wege durch die Internationole Arbeitsorqani- sation prüfen zu lassen, damit sofort die notwendigen Maßnahmen zur Arbeitszeitverkürzung getroffen werden könnten. De Michelis empfiehlt ein beschleunigtes Verfahren, d. h. eine frühere Ein- berufung des Verwaltungsrates oder die Veranftal- tung einer Sonderkonferenz des Verwoltungsrates, die sich lediglich mit der Arbeitszeitverkürzungssrage zu beschästigen hätte. Der Präsident des Verwaltungsrates Hot die Rotsmitglieder von dem italienischen Vorschlag verständigt und an sie die Frag« gerichtet, ob die nächste Verwoltungsratssitzung eventuell auf den 19. September vorverlegt werden soll Die Arbeitszeitfrage wurde in Italien durch ein Interview auf- gerollt, da» Senator A g n e l l i, der Herr der F i a t w e r k e in Turin, also einer der einflußreichsten italienischen Industriellen, einer amerikanischen Agentur gegeben Hot. Agnelli geht von dem Gedanken aus. daß durch die gegenwärtige Krise der ganze Wirt- schaftsaufbau der Welt in seinen Grundsesten erschüttert worden ist und daß man nicht wie bei früheren Krisen des kapitalistischen Systems das Ende eines natürlichen und infolgedessen begreiflich langsamen Leidensweges abwarten könne. Diesmal führe der Leidensweg bei weiterem Abwarten nicht zur Genesung, sondern zur Katastrophe. Es gebe nur eine einzige schnelle Lösung: Erhöhung der Kon- s u m k r a f t dadurch, daß man die Arbeitslosen wieder in Arbeit bringe. Das sei ober nur möglich, wenn die A r- beitszeit radikal herabgesetzt und voller Lohn- ausgleich geschaffen werde. Man müsse von der Achtundvier vg- stunden-Arbeitswoche zu der von fechsundrcißig Stunden und nötigenfalls zu der von zweiunddreißig Stunden übergeben, der Lohn aber müsse der gleiche bleiben wie bei achtundoierzig Stunden. Die Krise komme nicht von Mangel an Kapital, son- dern von Mangel an Konsum. Der Einwand der Unter- nehmer, daß dann auch die Preise für alle Konsumartikel gefährlich ansteigen müßten, sei nicht stichhaltig: denn noch beitehc die bekonnte Tatsache zu recht, daß der Lohn auf den allermeisten Fabrikations- gebieten nur einen ge ringen Bruchteil der herftel- lungskosten bildet. Die Herstellungskosten und damit die Preise brauchten also keineswegs in gleichem Verhältnis zu steigen wie die Löhne. Auch könne in einer Krisenzeit wie der gegen- wärtigen der P r o d u k t i o n s g e w i n n, d. h. der Nutzen an der Ware, verringert werden, damit der Umsatz und damit der Gesamtnutzen st e i g e. Wir möchten diesen an sich vernünftigen Ausführungen hinzu- fügen, daß der Umweg über eine internationale Herabsetzung der Arbeitszeit ebensowenig gemacht zu werden braucht, wie man ihn seinerzeit bei der Einführung desAchtstundentages nicht gemacht hat. Selbst wenn durch die Verkürzung der Arbeitszeit eine gringiügiye Erhöhung der Sozial- und Verwaltungskosten der Betriede eintritt — wie die Unternehmer behaupten— so würde die in der Folg« mögliche Herabsetzung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, sowie der Verminderung der Ausgaben der öffentlichen Hand diese Erhöhung der Ausgaben reichlich wettmachen. Hoffnung auf das papen-Kreuz. Tariflos wegen„politischer Unsicherheit". Von den größeren Branchen der Berliner Ortsverwaltung des holzorbeiterverbondes war die Branche der Vergolder und R a h m e n m a ch e r bis vor kurzem noch die einzige, in der die Lohn- und Arbeitsbedingungen tariflich geregelt waren. Jetzt ist auch diese Branche völlig tariflos. Ueber den Neuabschluß des Manteltarifvertroges, der zum I. Juli gekündigt war, haben die Unternehmer„angesichts der politischen Unsicherheit"(Hoffnung auf Zerschlagung der Tarifs durch Hitler!) jede Verhandlung abgelehnt, hinsichtlich der Entlohnung haben die Unternehmer von sich aus einen Schieds- spruch des Schlichtungsausfchusses zur Durchführung gebracht, der einen Abbau der Löhne um 19 Proz., für die Facharbeiter also einen Stundenlohn von 95 Pf. vorsieht. Dieser Schiedsspruch war von der Branche der Vergolder und Rahmenmacher o b- gelehnt worden. Da in einem Teil der Betriebe gegen jeden diktatorischen Abbau Wider st and geleistet und die Weiter- zahlung der alten Löhne erreicht wurde, ist die Entlohnung in der gesamten Vergolderbranche zur Zeit ganz uneinheitlich. Die Branche hat im Hinblick auf die gesamte wirtschastspolitische Situation beschlossen, zunächst eine abwartende Haltung einzu- nehmen und tariflos zu arbeiten. Die Vergolder und Rahmenmacher werden schleunigst die in ihrer Branche noch vorhandenen organi- satorischen Lücken schließen, um sich dann mit Hilfe ihrer gewerk- schastlichen Stärke bei passender Gelegenheit wieder annehmbare Löhn« zu erkämpfen. Mit oder ohne„politisch« Unsicherheit." Daß der tariflos« Zustand für die Unternehmer, deren scharf- macherischer Teil ihn offenbar mit allen Mitteln herbeigeführt hat, keine Ideallösung ist, werden die Berliner Goldleisten- und Bilder- rahmensabrikanten noch zu spüren bekommen. Die Tariflosigkeit öffnet nämlich nicht nur der Unternehmerwillkür die Tor«, sondern gibt auch der Arbeiterschaft in besseren Beschäftigungszeiten mehr Aktionsfpielraum als beim Bestehen eines Tarifvertrages. Schon wieder die Schuhfabrikauien! Kündigung des Reichstarifvertrages. vie Arbeitgeberverbände der Schuhindustrie haben den Reichstarisvertrog zum 39. September g e k ü n- d i g t. Also schon wieder eine Beunruhigung der Schuhiodustric. Nach der Vereinbarung der Parteien in der L ohusrage, die Mitte Zuli zustande kam und den Lohnoertrag wieder tu Kraft sehte, dürste man von den Unternehmern etwas mehr Zurückhat- tung erwarten. Statt besten wird von ihnen nun schon wieder ei« Tariskonslikt heraufbeschworen, wenn die Forderungen der Unter- nehmer auch zur Zeit noch nicht bekannt sind, so deuten doch Aeuße- rungen aus Ihrem Lager darauf hin, daß wesentliche ver- schlechterungen der Vertragsbestimmungen beabsichtigt find. Die Schuhindustriellen können aber kaum darüber im unNaren sein. daß die Schuharbeiter weiiere verschlechlerungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht widerstandslos hinnehmen werden.' f Freie Gewertfchafis-Iuaend Verlin Heute, 19�2 Uhr, tagen die Gruppen: Südwesten: Jugendheim Porck» ftroße 11(Fobrikgedäude). Heimbesprechung. Brettspieladend.— Schöneberg: Jugendheim Hauptstr. 15(Gartenhaus). Heimbesprechung, Wahlergebnisse. Verbandsbuchkontralle.— Spandau-Reustadt: Jugendheim Sin- denüfer 1. Heimabend.— Nordring: Jugendheim Sonnenburger Str. 20. Heim- besvrechung. Bringt das Berbandsbu'ch mit.— Weitzcnsee: Jugendheim Weißens««, Parkstr. 30. Heimbesprechung.— Arnswalder Platz: Iugendhe'm Schönlanker Str. 11. Barocke 0. rechter Eingang. Heimbesprechung. Verbands. buchtontrolle.— Neukölln: Jugendheim Bergstr. 29(Hos)- Wir tagen draußen. — Flughafen: Jugendheim Flughafenstr. 68 sU-Bayn Boddinstraße). Heim- belprechunq. Perbartd?buch mitbringen.— Humboldt: Jugendheim Graun- Ecke Lartztngstroße Seimbesprechung, aktuelle Zeitunasschau. Berbandsbum. kontrolle.— Baumschulevweg: Jugendheim Baumschulenweg, Ernststr. 16. Heimbesprechung.— Iraendruppe des Gesomtverbandes: Jugendheim des Ge- werkschaftshauses. Engeluser 24—25, Aufgang B, part. Fachgruppe Gärtnerei und Binderei: Lustiger Abend.— Dir spielen ob 18 Uhr: Osttreis: Spart. platz Friedrichshain. Platz 4.— Westkreis: Valkspark Rehberge.— Südost- kreis: Treptower Wiese, Fläche 6. £& Iuqenvqruppe des IenrrawerdonSes 0er Angestellten Heute sind folgende Veranstaltungen: Schönhauser Borstadt: Jugend- beim der Schule Kastanienallee 51. Nie wieder Krieg.— Nordost I: Jugendheim Danziger Str. 62(Baracke 3). Ausspracheabend.— Neinickcndors: Jugendheim kindouer Str. 2«Baracke). Ausspracheabend.— Stralau: Zu- oendbeim der Schule Goßlerftr. 61. Jugendpflege und Zuaendsürsorge.— Köpenick: Jugendheim Oahlwitzer Str. 15(Gasanstalt, am Bahnhof Köpenick). Dte Welt des Angestellten im Nomon.— Reutölln: Zugendheim Böhmische Giraße 1—1. Ecke Aanner Straße Aussprache: Was ist Nunft? Südost: Zu- gendheim Manteusfelstr 7. Arbeitsgemeinschaft: Das geistige Nüstzeug des lungen Gewerkschafters(2 Abend).— Schöneberg: Zugendbeim Hauptstr. 15 (Hofgebäuoe Hachs»n»immer).' JPtc wieder striea.— Charlotteubudg: Zugend- beim Spielhagenftr. 4. Ausspracheabend.— Gp«nsau: Zugendbeim Linden- user 1. Unsere Musiker üöen�— P-?tkdam-N.?waw?,: Zuaendherbergk' Na- wawe?. Nie wieder Kriea.— D'e Psmsicherungsgcscllschast./Sorgenfrei'� A.-G. tagt heute von 16 bis 15 Uhr im Verbandshaus, Zimmer 24.— Spiele f« ?re,en: Ab 18 Uhr Sportplatz Humboldthain, Sportplatz Weiß-nsee, Feld 5, und Sportplatz Friednchshain.