Morgenausgabe Nr. 367 A 181 -ty.Iahrgang Wöchentlich 75 Ps. monatlich 3,25 M. (booon 87 Pf, monatlich für Auster lung ins Haus) im voraus zahlbar, Postbezug 3,S7 M. einschließlich soPs. Poitzeitungs» und 72 Pf, Postbestellge» bühren.AusIandsaboanement 5,85 M, pro Monat; für Länder mit ermäßig- tem Drucksachenporto 4,85 M. Bei Ausfall der Lieferung wegen höherer Gewalt desteh» kein Anspruch der Abonnenten aus Ersaß, Erscheinungsweise und Anzeigenpreise stehe am Schluß des redaktionellen Teils, W f berliner Volksblatt Sonnabend 6. August 1.932 Groß-Äerlin 10 pf. Auswtzris slS Pf. Jentralorgan der Sozialdemokratischen Vaetei Deutschlas Redaktion und Verlag: Berlin SW 68. Lindenstr. 3 sternspr.l Dönhoff(A 7) 292—297. Telegramm-Adr,: Sozialdemokrat Berlin Vorwäris-Verlaa G. m. b. H. Postscheckkomo: Berlins? ö36.—BankkoMo:B-nkderArbelter,Angeftellt«n und Beamten, Lindenstr. S, Dt.B.u.Diic.-Ges,. Depostlenk,. Jerusalemer Str. 65/66 Ende des Rechtsstaats. Parteijustiz als«.deutsches Recht". Kort mit der SA.! Tagung des parieiausschuffes.— Anträge der preußenfraktion. Der Parteiausschuß nahm am Freitag einen Bericht des Parteivorsihenden Wels über die politische Situation nach den Wahlen entgegen. In der anschließenden Debatte kam allgemein die un geheure Empörung zum Ausdruck, die der systematische Terror der SA. und das versagen der zentralen Staatsorgane ihnen gegenüber in allen Teilen des Reiches hervorgerufen hat. Der Parteiausschuß war einmütig der lleberzeugung. daß die moralische Verantwortung für die terroristischen Bluttaten nicht nur bei den Führern der Rationalsozialisten liegt, die nach ihren forkgesehten Drohungen und Aussorde- rungen zum Word als die intellektuellen Urheber dieser Der- brechen bezeichnet werden müssen. Sie liegt auch in hohem Waße bei der Regierung des Reiches, deren Politik auf die Begünstigung der nationalsozialistischen Bewegung eingestellt ist. Auch das vorgehen gegen die republikanische und verfassungstreue Regierung Preußens und die ängstliche Zurückhaltung gegenüber den Verstößen gegen Ruhe und Ordnung in Oldenburg, Braunschweig und Anhalt hat gezeigt, daß die Reichsregierung die versprochene Unabhängigkeit und Unparteilichkeit nicht besitzt. Aus dieser Erwägung wurden vom Parteiousschuß die Wöglichkeiten eines beim versagen der Staatsgewalt einzusehenden organisierten Selbstschuhes erörtert. Allgemein war die Ueberzeugung, daß die Entwicklung zu schwersten Folgen drängt, wenn die republikanisch gesinnte Bevölkerung nicht von Staats wegen ausreichend geschützt wird. Oie Korderungen der Landtagsfraktion. Tie sozialdemokratische Fraktion hat im Preußischen Landtag einen Antrag eingebracht, in dem es heißt, es müsse festgestellt werden, daß seit der gewaltsamen Beseitigung der geschäftsführenden Re- g i e r u n g in Preußen eine außerordentlich st a r k e Zu- K8. Königsberg. 5. August.(Eigenberichl.) Bei der Beerdigung des kommunistischen Stadtverordneten S a u s s wurden einige Kommunisten wegen Entrollcns von Jahnen und Bildung geschlossener Marschkolonnen zwangsgestellt. Sie sind am Freitag vom Schnellgericht zu Gcldstrasen zwischen 15 und 50 Mark verurteilt worden. Während der Verhandlung vor dem Schnellgericht war der Zuhörerraum mit bekannten Königsberger SS.- Leuten gespickt, die sich bei dem Ausruf der Angeklagten eisrig Jlamen und Adressen notierten. Vach der Verhandlung zog der Schupowachlmcister, der als hauplbelaftungszeuge ausgetreten war, mit den S S.- Le u t e n in das Bahnhossrestauchnt. Die Provinz wird durch Sprengstofsattentale und andere Anschläge weiter in Atem gehalten. 3n Zohannisburg wurde in der Rächt zum Ireitag aus das Warenhaus hei- mann ein Sprengstosfatlentat verübt, durch das sämtliche Fensterscheiben zertrümmert wurden. D»r Anlage nach vermutet man, daß e» sich um die gleichen Täter handelt, die auch in benachbarten Städten ähnliche Anschläge verüblen. 3n L y ck wurden durch Steinwürfe die Schaufenster mehrerer jüdischer Geschäftshäuser zertrümmert. Besonders hotten es die Täter aus das Haus der Firma Limberg u. Tikohki und die Apotheke Irankenstein abgesehen. 3n die Apotheke wurde eine Hand- g r a n a l e geworfen, die jedoch nicht krepierte. Bei der Untersuchung wurde sestgestellt. daß die Handgranate scharf war. die Sprengkapsel jedoch nicht explodiert ist. 3n Tilsit wurden aus die Wohnung eines kommunisti- fchen Funktionärs In der lehlen Rächt 8 R e v o l v e r s ch äs s e abgegeben. Mehrere Schüsse drangen in das Schlafzimmer des Kommunisten ein. Die Täter entflohen mit einem Kraft- wagen. 3n Elbing wurden In der letzten Rächt zwei Raiionalsozia- ßsien von Kommunisten, mit denen sie in Wortwechsel geraten nähme von Gewalttaten und U ebergriffen zu verzeichnen sei. Die Zahl der politischen Morde sei ebenfalls seitdem außerordentlich gestiegen. Die Beteiligung der SA. an diesen Vorkommnissen sei durch zahlreiche Polizeiliche Feststellungen einwandfrei erwiesen. Die um- fangreichen und zahlreichen Waffenfunde in «A.-Heimen und bei Angehörigen der«A. vom kleinen Revolver bis zum schweren Maschinengewehr und Panzerwagen ließen darauf schließen, daß in Zukunft noch mit einer Steigerung der ttebergriffe gerechnet wer- den müsse, wenn nicht endlich energisch durchgegriffen werde. Der Neichskommissar soll in einem Landtagsbeschluß ersucht werden, seinen Einfluß bei der Reichsregierung dahin geltend zu machen, um die nationalsozialistische SA. sofort aufzulösen, die SA.-Heime sofort zu schließen sowie die stark bedrohte persönliche Freiheit führender Republikaner und Funktionäre republikani» scher Organisationen und der Arbeiterbewegung wie auch die Einrichtungen dieser Organisationen mit allem Nach- druck zu schützen. ★ Die sozialdemokratische Fraktion des Landtags wendet sich weiter gegen die Reichsnotverordnung vom 20. Juli über die Ab- setzunq der geschöftsführenden preußischen Regierung durch die Ein- segung des Reichskommissars. Der Antrag der Fraktion verlangt, daß der Ltandtag„auf dos entschiedenste gegen dieses völlig u n g e- s e tz l i ch e und verfassungswidrige Vorgehen" pro- testiere, Reben der Aushebung der Notverordnung soll der Landtag die beschleunigte Herbeiführung der Entscheidung des Staatsgerichts- Hofs fordern. Ein kannnuniftischer Antrag, der gleichfalls die Aufhebung der Notverordnung bezweckt, will ferner all« auf Grund dieser Ver- ordnung getroffenen Maßnahmen sofort rückgängig machen und einen Beschluß des Landtags herbeiführen, wonach kein Beamter oder Angestellter verpflichtet sein soll, den auf Grund dieser Ver- ordnung erlassenen Dienstanweisungen nachzukommen. waren, niedergestochen. Die beiden Verlehlen wurden in bedenklichem Zustande in dos Krankenhaus geschassl. Der Rücktritt des Oberpräsidenlen Dr. S i e h r und die Absehung seines Slellverlreters, des sozialdemokratischen Vizepräsidenten Dr. S l e l n h o s s. wird in der ostpreuhischen presse lebhast dis- kulierl. Allgemein wird bis in die Kreise der gemäßigten Rechlxn bedauert, daß der Rücklritl des mit der Provinz verwachsenen und In zwölf jähriger Amtszeil politisch bewährten Oberpräsidenlen zu einem Zeilpunkt erfolgt, wo eingearbeitete Kräfte In den führenden Verwaltungssiellen notwendiger denn je sind. Zum Räch- folget des Vizepräsidenten Dr. Steinhoss ist der Oberregierungsral Agricola ernannt worden, der enger Spezialist für agrarische Fragen und in weitesten Kreisen bisher unbekannt ist. Die gewaltsamen Eingrisse in den empfindlichen Verwallungs- apparal müssen für die ordnungsmäßige Abwicklung der Regierungs» geschäfte natürlich verheerende Folgen zeitigen. Fort mit der Milde! Das Zaudern der„Neiniger". Die„Kölnische Volkszeitung" schreibt, die Nachsicht und Milde gegenüber den nationalsozialistischen Terroristen müsse geradezu zu neuen Terrorakten anreizen und das Vertrauen im Volke restlos zerstören. Es scheine, als ob Hitler die Führung der SA. täglich mehr aus den Händen glitte. Gerade einer Regierung, die in zahlreichen Kundgebungen dem früheren Kabinett Zauderpolitik vorgeworfen und in Preußen mit Methoden durchgegrissen habe, die als V e r f a s s u n g s v e r- l e tz u n g empfunden wurden, stehe das Zaudern der letzten Tags schlecht an. Die Regierung müsse handeln, sie dürfe unmöglich die Zustände sich so entwickeln zu lassen, daß nur noch die Olthna ratio Ordnung zu schaffen in der Lage wäre. Zwei Meldungen vom gleichen Tage: das von Re- publikanern gesäuberte Königsberger Polizeiprä- s i d i u m meldet, daß der Anschlag auf das Gewerkschafts- haus vom 1. August sowie fünf weitere Brandstiftungen ge- klärt sind. Die Töter sind je 8 bzw. je 11 Leute von n a t i o- nalsozialistischen SA.- Sturm Nr. 12. Aus Braunschweig wird berichtet, daß zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten eine Einigung da- hin zustandegekommen ist, SA,- Leute und Stahl- h e l m e r paritätisch zu einer Hilfspolizei zu machen, In O l d e n 6 u r g hat der nationalsozialistische Minister Röver bereits einige hundert SA.- Leute als Notpolizisten eingestellt. Dieselbe Organisation also, deren Angehörige an dem einen Ort in Deutschland in geschlossenen Formationen Brand st iftungen, Landfriedensbruch und Attentate begehen, sie soll an anderen Stellen Deutsch- lands als Hilfspolizei— ja was?— sie soll als Hilfs- polizei für den Schutz!�s Lebens und Eigentums der friedlichen Bürger sorgen! Wenn so etwas in einer Posse vorkäme, würde man es als den üblichen Theaterblödsinn belächeln. Aber in Deutschland ist diese Posse Wirklichkeit: man stellt sozusagen Brand- stifter an zur Verhütung von Bränden, man beordert Tot- schläger zur Verhinderung von Morden, Landfriedensbrecher werden für die Erhaltung der Ruhe und Ordnung angestellt — und bezahlt! Der preußische Kommissar Bracht hat eine Statistik der Gewalttätigkeiten herausgegeben, die sich während sechs Wochen— vom 1. Juni bis 20. Juli— in Preußen abgespielt haben. Wir halten diese Statistik nicht für zuver- lässig. Aber immerhin— selbst Bracht? Statistik bezeichnet bei rund 300 Terrorakten in 7 5 Fällen, also in rund einem Viertel, SA.- Leute als die Angreifer. Das ist das Menschenmaterial, dem in gewissen Teilen Deutsch- lands der anständige und ehrenwerte Staatsbürger künftig als der Obrigkeit parieren soll. Wirklich etwas viel verlangt! Aber der Appetit steigt mit dem Essen. Ist man schon einmal dabei, die unpolitische Beamtenpolizei, die nur dem Gesetz gehorcht, durch die auf Hitlers Kommando hörende braune Armee zu ersetzen, so bleibt von da bis zur völligen Beseitigung des Rechts ftaates nur noch ein kleiner Schritt. Unsere Frage, wie es denn in Zu- kunft mit dem gleichen Recht stehen solle, hat in der Rechtspresse die zynisch offene Antwort ausgelöst, daß man Rechtsgleichheit beseitigen will! Hitlers Organ, der „Völkische Beobachter", prägt den unzweideutigen Satz: „Es kommt auf die Gesinnung und nicht auf den Tatbestand an." Das ist die klare Verneinung jeden Rechtes. Dringt zum Beispiel jemand nächtlich in die Wohnung eines Re- gierungspräfidenten ein und knallt diesen nieder, wie das in Königsberg geschah, so muß nach dem„Rechts"standpunkt des„Völkischen Beobachter" zunächst die politische G e- sinn un g des Täters erforscht werden: ist er ein Nazi, so hat man ihn freizusprechen, ist er ein L i n k s- stehender, so ist er an die Wand zu stellen oder auf- zuhängen! Man glaube nicht, daß es sich hier um ein zufällige Entgleisung handelt. Die nicht einmal offiziell nationalsozia- listische„Deutsche Zeitung" schreibt in genau dem gleichen Sinne wie Hitlers Organ: „Wenn der„Vorwärts" im gleichen Zusammenhange heuchlerisch von der„grundsätzlichen Frage desgleichenRechts oller Staatsbürger vor dem Gesetz" spricht, so muß nach den obigen Feststellun- gen bei der selbstverständlichen Anerkennung dieses Grundsatzes für die Rechtspflege doch gesagt werden, daß im Staatsleben endlich mit einer Aufsasfung gebrochen werden muß, die den international-marxistischen Slaalsseinden die gleichen Rechte gewährt wie den nationalen Kräften. Auch Goebbels„Angriff" stellt sich auf diesen Stand- punkt, nur daß er in seinem Kaschemmenton noch ent- sprechend drastischer wird: „Wir wollen dem sozialdemokratischen Schreiberling eine klare und unmißverständliche Antwort geben: Wer das Recht für sich sor> dert, als Staatsbürger behandelt zu werden, der muß sich auch dementsprechend benehmen.(!) Ein verkommenes und verlumptes Verbrecherpack, das sich von marxistischen Mord- Hetzern zu den brutalsten Bluttaten aufputschen läßt, das sich mit Dolch und Revolver bestätigt und Bluttat aus Bluttat, Meuchelmord auf Meuchelmord häuft, kann selbstverständlich nicht mehr den Anspruch erheben, al» Staatsbürger bt« Keine„Ordnung" im Osten. Aber der Kommissarius seht weiter ab. zeichnet uni> dementsprechend behandelt zu wer- den. Mit diesem Gesindel muß vielmehr von Staats wegen gründ- lich ausgeräumt werden, um die wirklich staatserhaltenden Elemente des Volkes vor seinem Mordterror zu schützen. Zu diesen staatserhaltenden Elementen kann man aber heute die K P D., ihre antifaschistischen Organisationen und das Reichs- b a n n e r nicht mehr zählen. Und auch die jüdischen Schreiberlinge des„Vorwärts", die für dieses marxistische Lumpenpack immer wieder eintreten, haben damit dokumentiert, daß sie n i ch l zu den anständigen Staatsbürgern, sondern zu den marxistischen Terroristen gerechnet werden wollen. Wir erinnern uns beiläufig, daß der Reichskommissar Bracht am 1. August eine scharfe Warnung heraus- gegeben die sich auch gegen die„Aufpeitschung der Leidenschaften" durch die Presse wandte. Wir finden in einem einzigen„Angriff"-Artikel Schimpfworte wie: Verbrecherpack, Banditen, Unterwelts- gesindel, besoffene Schweine, besoffene Strolche, Abschaum der Gosse usw. usw., wohl etwa f ü n f z i g m a l auf Sozialdemokraten, Reichsbanner- leute usw. angewendet. Ist es nicht eigentümlich, daß die nationalsozialistische Presse sich aus den scharfen Drohungen des Herrn Bracht offenbar nicht das mindeste macht? Sie scheint aus uns unbekannten Gründen zu glauben, daß die von Bracht angekündigten„drakonischen Maßnahmen" auf sie keine Anwendung finden werden. Doch zurück zum Kernpunkt der Sache: die ganz- und halbnationalsozialistische Presse bekennt sich jetzt offen zu einem System, in dem die Staatsbürger mit zweierlei Maß ge messen werden sollen, in dem der Richter je nach der Gesinnung des Täters freizusprechen oder zu ver- urteilen haben wird. Gegenüber dieser unverhohlenen Ankündigung der krassen Parteijustiz kann die Reichsregierung nicht mehr stumm bleiben. Sie hat seinerzeit die Absetzung der Preußen- regierung damit begründet, daß diese angeblich nicht ge- nügend für die Rechtssicherheit gesorgt habe. Jetzt aber stehen wir vor folgendem Tatbestand: Einer fanatisierten Parteisoldateska, deren Angehörige in geschlossenen Forma- tionen Gewalttat auf Gewalttat häufen, werden im zwei deut- schen Ländern obrigkeitliche Polizeibefugnisse eingeräumt. Die gleiche Partei, die diese Polizei stellt, er- klärt durch ihre amtlichen Organe, daß sie das gleiche Recht aller Staatsbürger nicht anerkenne, daß sie nach der politischen Gesinnung und nicht nach dem Tat- bestand Staatsgewalt und Justiz auszuüben gedenke! Schwerer können Rechtsgefühl und Rechtssicherheit in einem Lande nicht erschüttert werden. Der Staatsbürger, der sehen muß, wie eine OrganHition, deren Einzelteile bandenmäßige Brand st iftung und Attentate begehen, obrigkeitliche Funktionen ausübt, der gleichzeitig hört, daß man ihn nicht mehr nach Recht, sondern nach Ge- sinnung behandeln wolle, der verliert nicht nur den Glau- den an den Staat, er verliert auch jede Achtung vor ihm. Die Reichsregierung muß sich vollständig darüber klar sein, daß die Verwirklichung der nationalsozialistischen For- derungen gleichbedeutend ist mit der re st losen Zer» trümmerung und Vernichtung des Rechts- st a a t e s! Und nun möge sie erklären, was sie dazu meint. Gay! und die GA.-polizei. Besprechung mit den Razi-Ministern.- Ergebnis: Rull! Amtlich wird mitgeteilt: Beim Neichsminister des Inner« fand heute eine Be- sprechung mit den Ministerpräsidenten von L l d e n» bürg und Mecklenburg» Schwerin und dem Innen- minister von Braunschweig über die in der Presse erörterte Aufstellung von Hilfspolizei statt. Die Besprechung ergab, daß es sich in den Ländern iin wesentlichen um Ueberlegungen handelt, wie die Ruhe und Sicherheit im Bedarfsfalle aufrecht- erhalten werden könne. Soweit schon Schritte zur Ver- stärkung der Polizei getan sind, handelt es sich um vor- übergehende Maßnahmen, die in Kürze wieder auf- gehoben werden. Diese„amtliche Verlautbarung" ist nicht unabsichtlich in die Form eines delphischen Orakels gekleidet. Sie vermeidet jede Andeutung darüber, welche Stellung der gegenwärtig amtierende Vecfassungsminister des Reiches zu der ungesetz- licheu Schaffung einer„Hilsspolizei" aus den Kreisen der SA. einnimmt, deren Formationen in Ostpreußen und anderenorts nach amtlicher Feststellung sich der B r a n d- st i s t u n g, der M o r d a n s ch l ä g e und der Bomben- w e r f e r e i schuldig gemacht haben. Was will Baron Gayl tun, um ungesetzliche, angeblich „vorübergehende" Maßnahmen der Naziregierungen zu be- seitigen? Oer Inhalt der Besprechung. Zu der Besprechung der nationalsozialistischen Länderminister mit dem Reichsinnenminister verlautet nach der„Tel-Union" er- gänzend, daß der Reichsinnenminister in der Konferenz die Pläne der Reichsregierung zur Bekämpfung des Terrors dar- gelegt hat. Nach Ansicht der Reichsregierung werden die bisher be- schlossenen bzw. in Vorbereiwng befindlichen Maßnahmen aus- reichen. Grundsätzlich sind Ueberlegungen der Länder, wie die Ruhe und Sicherheit im Bedarfsfalle aufrechterhalten werden kann, selbst- verständlich berechtigt. Gleichwohl dürften die Länderministerien in Mecklenburg. Schwerin und in Braunschweio in ihren Ueberlegungen die bisher getroffenen und die neuen für den Notfall geplanten Mahnahmen der Rcichsregierung berücksiktigen, so daß die Aufftellung von Hilfs- polizei in diesen Ländern zunächst wenig st ens unter- bleiben dürfte. Die Verstärkung der Polizei in Oldenburg wird, wie aus der amtlichen Mitteilung hervorgeht, in Kürze wieder aufgehoben werden. Englisch-irischer Handelskrieg. Die irische Regierung will sich zur Inganghaltung der durch den Handelskrieg mit England be- d'-oi'ten Wirtschaft vom irischen Parlament eine Summe von zwei Millionen Pfund bewilligen lassen. Die Regierung beabsichtigt, die Kohleneinsuhr aus England, die trotz der Zölle noch immer vor sich geht, völlig zu verbieten und den irischen Kohlenbsdarf aus Deutschland und auf Polen Kl verweisen. „Aufbauwittige" Totschläger. Hitlerbanden stechen Oeuffchnationale nieder. Limburg. 5. August. sEigenbericht.) Das Limburger Schnellgericht verurteilte den Nationalsozialisten Munsch zu zwei Jahren Ge- sängnis, den Nationalsozialisten Zaoz zu 15 Monaten und zwei ebeusalls der Nazipartei angehörende Angeklagte zu 5 bzw. 6 Monate. Die Angeklagten bleiben in hast. Bewährungs- srist versagte ihnen das Gericht. Die Angeklagten hallen am wahlabend in Dauborn mehrere junge veulschnalionale überfallen und schwer verletzt. Der hauplläler Munsch, ein wegen eines Spreng st ossatken- t a l s auf ein Pfarrhaus mit 13 Monaten Zuchthaus vor- b e st r a f l e r. aber cus Grund der Amnestie sreige- lassener gewalttätiger Bursche, hatte einem 17sährigea Deutschnakionalen einen so schweren Dolchstich in den Bücken bei- gebrachl. daß dieser noch jetzt in Lebensgefahr schwebt. Die anderen Angeklagten hallen ihre deulschnationalen Segner mii Koppelriemen, an denen schwere Schlösser befestigt waren, niedergeschlagen und schwer verletzt. Der durch eine Vorstrafe wegen Körperverletzung zum Nazisturmführer hervorragend qualisizierle Nazimann Zanz war der Anstifter. Janz behauptete, am Abend des Ueberfalls von polilischen Gegnern angepöbelt und als„dummer Nazi" bezeichnet worden zu sein. Er ging daraufhin zu der Scheune. wo seine 34 SA.-Landsknechle lagen, und befahl den drei Komplicen, die Leute, mit denen er einen Streit gehabt hatte, zu verfolgen und sie nieder; us cht a- gen. Die drei führten den Befehl aus und stießen aus einen Trupp junger Leute, die der Deulschnationalen Volkspartei angehören, aber an dem voraufgegangenen Vorfall nicht beteiligt waren. Ohne jede Auseinandersetzung sielen die Nazistrolche über die Deutsch- nationalen her und schlugen sie nieder. Ein Ohrenzeuge sagte in der Verhandlung aus, daß einer aus dem Mördertrio, als das bluiige Handwerk beendet war. ausgerufen habe:„So. die haben ihre Sach'. Dem haben wir den letzten Rest noch gegeben." Munfch warf das Messer später in eine Dunggrube. Als die Nazis wieder zu ihrem Sammelplatz zurückkamen, rief er:„Macht Licht, wir wollen uns säubern!" Vor Gericht erklärten die Nazimordbuben, sie hätten gemeint. Kommunisten vor sich zu haben, woraus der Richter erregt erklärte:„So mmunisten sind doch auch Menschen!" Gtrafantrag gegen Z�över. Weil er die Harzburger Freunde beschimpfte. Die Deutschnationalen haben, wie ihre Pressestelle offiziell mit- teilt, jetzt gegen den oldenburgischen Ministerpräsidenten auf Partei- buch, R ö v e r, formell Strafantrag wegen Beschimp- f u n g gestellt. Die feierliche Beschwerde, die der Hugenberg-Mann Oberfohren beim Reichsinnenminister über die Hetzereien und Schimpfereien des Herrn Ministerpräsidenten erhoben hatte, war von dem letzteren mit der üblichen Ableugnung abgetan worden. Jetzt soll nun nach dem Willen der Fraktion Hugenberg das Gericht darüber entscheiden, ob ein von Hitler ernannter Ministerpräsident das Recht habe, die Harzburger Brüder als„Lumpe n",„g e- meine und schmutzige Verräter am Volke" zu be- zeichnen. Da Herr Röver Abgeordneter ist, wird das Gericht einig« Schwierigkeiten haben, ihn vor seine Schranken zu ziehen. Brandstifter und Verleumder. Ein nationalsozialistischer Schurkenstreich. Stuttgart, S. August.(Eigenbericht.) In Neckarsulm bei H e i I b r o n n ist«ine gemeine nationalsozialistische Hege gegen die Sozial- demokratie entlarvt worden. Der dortige SA.-Führer Fuchs, der am Sonntag vor der Wahl sozialdemokratische Flugblattvertciler belästigt und für seine Unverschämtheit eine Tracht Prügel bezogen hatte, hat aus Rache dafür die„Marxisten" beschuldigt, am Tage danach in seiner Wohnung einen Brand angelegt zu haben. Der Beschuldigung ist von der Heilbronner Kriminalpolizei nachgegangen worden. Sie veröffentlicht über das Ergebnis ihrer Nachforschungen folgenden Bericht: „Am 25. Juli 1932 gegen 9 Uhr abends brach im Hause des Oberjägers Anton Fuchs in Neckarsulm in mehreren Zimmern gleichzeitig Feuer aus, das jedoch im Entstehen entdeckt und gelöscht wurde. Die Eheleute Fuchs, die sich zur Zeit des Brandausbruchs in einer politischen Versammlung befanden, lenkten den Verdacht der Täterschafl aus politische Gegner. Die ErmitUungen der Kriminalabteilung der Polizeidirektion haben jedoch, ergeben, daß die Ehefrau des Fuchs' vor ihrem Weggang in die Versammlung den Brand s e l b st g e l e g t hat. Sie hatte zu diesem Zweck in zwei Zimmern je eine brennende Kerze, die sie vorher mit ölgetränkten Sägespänen um» geben hatte, in einem Pett aufgestellt. Die Fuchs ist ge- ständig, den Brand gelegt zu haben, um in den Bejig der Mobiliarversicherung zu gelangen. Sie wurde festgenommen und dem Amtsgericht zugeführt." Von dieser Sorte„ausbauwilliger Kräfte" gibt es in der Hitler- Partei Taufende und aber Taujende. Eine Terrorstaiistik. Aber eine recht unvollständige. Der Kommisiarius Bracht veröffentlicht eine Statistik über die Terrorakte in Preußen. Diese Statistik ist aus den verschieden- sten Gründen als unzulänglich zu bezeichnen. Einmal um- saßt sie nur die Zeit vom 1. Juni bis zum 29. Juli, so daß gerade der Tag der s ch l i m m st e n T e r r o r f ä l l e(1. August) nicht miterfaßt ist. Sodann umfaßt die Statistik zwar das preußische Gebiet, aber mit Ausnahme von Berlin. Schließlich werden die Terrorfäll« nach Art und Schwere in keiner Weise unterschieden. Die Mitteilung besagt folgendes: Es kamen in dem genannten Zeitraum 320 Terrorakte vor, bei denen 72 Personen getölek, 49? Personen schwer verletzt wurden. Was die S ch u l d f r a g e an- betrifft, so sollen nach Angabe des Reichskommissars Angreifer ge- wesen sein: in 203 Fällen Angehörige der KPD., in 75 Fällen Angehörige der NSDAP., in 21 Fällen Angehörige des Reichs- banners, während 21 Fälle ungeklärt blieben. Würde die Statistik bis zum heutigen Tage reichen, so würde sicher durch die jüngsten oft preußischen, Holsteini- schen und sch lesischen Terrorakte der Anteil der NSDAP. sehr viel größer sein. Aber selbst so widerlegt die Statistik die mehr- fach öfsentlich aufgestellte Behauptung der Papen-Regierung, daß der Terror mit wenigen Ausnahmefällen allein von der KPD. ausgegangen sei". Der Anteil der Nazis beträgt«in volles Viertel der festgestellten Fälle, das ist wohl erheblich mehr als vereinzelte Ausnahmen. Wer ein anderes beweist die Statistik: Trotz aller verlogenen Denunziationen der Rechtspresse steht fest, daß das Reichs- b a n n e r an den Angriffen mit einem Mindestmaß be- teiligt ist und sich fast ausschließlich auf die Abwehr gegne- rrscher Angriffe beschränkt hat. Wenn unter rund 300 Terrorfällen, deren Urheber festgestellt wurden, nur 20, also nur der fünf- zehnte Teil, auf das Reichsbanner entfällt, obgleich das Reichs- banner an Mtgliedern die stärkste der hier in Frage kommenden Organisationen ist, so ist dies der bündige Beweis für die st a r k e Disziplin und den Sinn für Recht und Gesetz, der im Reichsbanner herrscht. Daran können alle Verleumdungen der Rechten nichts ändern! Offen bleibt die doch nicht unwichtige Frage, wie sich bei dieser unzulänglichen Statistik die Z a h l d e r O p f e r auf die verschiedenen Gruppen verteilt. Die Klage Badens. Gegen das„Beichskommissariat" in Preußen. Karlsruhe, 5. August.(Eigenbericht.) Das badisch« Staatsministerium hat am Freitag im Staats- anzeiger den Wortlaut der Klage des Landes Baden gegen das Reich beim Staatsgerichtshof veröffentlicht. Die Klage lautet: „Antrag: Es wird festgestellt: das Reich darf sowohl im Wege der Reichsexekution nach Artikel 48 Wsatz 1 der Reichsverfassung wie im Wege der Diktaturmaßnahme nach Artikel 48 Wsatz 2 der Reichsverfassung die den Ländern nach der Reichsverfassung und nach den Landesoerfassungen zustehenden Funktionen der Staatsgewalt nur insoweit an sich ziehen, als dies mit dem b u n d e s- staatlichen Charakter des Reiches vereinbar und zur Erfüllung der angeblich verletzten Pflichten des Landes oder zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung notwen- big ist. Insbesondere ist es mit der Reichsverfassung nicht vereinbar, wenn auf Grund des Artikels 48 Absatz 1 oder 2 s) Mitglieder von Landesregierungen dauernd oder vorübergehend ihres Amtes für ver- l u st i g erklärt oder neue Mitglieder von Landesregierungen ernannt werden, b) die Vertretung eines Landes gegenüber dem Reich, namentlich das Recht der Landesregierung zur Er- nennung und Jnstruierung der Reichsratsbevollmäch- tigten(Artikel 63 der Reichsveriasfung) aufgehoben, bsschränkt oder beeinträchtigt wird, c) Landesbeamte ernannt, befördert, in den Ruhestand versetzt oder entlasten werden, 6) Anleihen für Rechnung von Ländern ausgenommen werden." Kinder kriegen! Das ist die Forderung der Börsen-Nazis. Die„Berliner Börsenzeitung", die mit der„gegen die Lank- und Börsenschieber" wetternden Nationalsozialistischen„Arbeiter- parte!" engstens verbunden ist, fühlt sich bemüßigt, angesichts der sechs Millionen Arbeitsloser in Deutschland in Klagen über den„katastrophalen Geburtenrückgang" auszubrechen. Diese Angelegenheit sei besonders wichtig„wegen der von allen natio- nalen Kreisen erstrebte Wehrhastigleit unseres Volkes".„U n a n- gebrachte Aufklärung(!)" habe hier„katastrophale Der- Hältnisse geschaffen",»Sache aller national eingestellten Kreise" müsse es sein,„auf die Wichtigkeit des Geburtenrückgangs hinzu- weisen und für Abhilfe durch eine sittlich. religiöse Erneuerung zu sorgen". Jetzt wissen wir also, worauf es den Kapitalisten und ihren nationalsozialistischen Hintermännern ankommt, was sie unter„sitt- lrch-religiöser Erneuerung" verstehen: Das deutsche Bolk soll mehr Kinder erzeugen, damit die sittlichen Erneuerer der deutschen Nation in kommenden Kriegen Opfer für ihre Macht- und Profitgelüste haben! Mütter und Väter sollen unter Entbehrungen Kinder auf- ziehen, nur damit sie ihnen totgeschossen werden können! Man sieht, das Beispiel des Nazi-Abgeordneten im Preußischen Landtag, der den sozialdemokratischen Frauen, die im Krieg ihre Söhne verloren haben, zurief:„Ihr dummen Ziegen, dafür wurden sie euch ja gemacht!", macht Schule. Raumnot im Reichstag. pullplähe nur noch für die erste Eitzreihe. Im Reichstag werden jetzt die ersten Vorbereitungen für die Eröffnungstagung des neugewählten Reichstages getroffen. Be- kanntlich müssen auch im Sitzungssaal Veränderungen vorgenommen werden, da 30 Abgeordnete mehr als bisher unterzu- bringen sind. Die räumlichen Schwierigkeiten im Sitzungssaal, die zum erstenmal nach der Reichstagswahl vom 14. September 1930 in größerem Umfange austraten, wurden damals dadurch behoben, daß man in den hinteren Sitzreihen vor den Sesseln der Abgeord- neten die Tische entfernte und so Platz für über 100 neue Sitze schuf. Auch diesmal wird die Raumnot nur durch eine Fortsetzung dieses Verfahrens beseitigt werden könnet/ Das wird zur Folge haben, daß dann nur noch vor den Sitzreihen für die Fraktionsführer und jeweiligen Sachbearbeiter der Parteien die Tische stehen bleiben werden. Dem Auetrittsbeschluß der JLP. aus der Arbeiter- Partei haben sich bisher nur wenige Ortsoereine angeschlossen. Im Stadtparlament von Glasgow sind beispielsweise von insgesamt 44 Mitgliedern der Unabhängigen Labour Party nur fünf der Auf- forderung, sich dem Beschluß von Bradford anzuschließen, gefolgt. Inzwischen hat sich ein„Anschluß-Komitee" gebildet, das die An- Hänger der Unabhängigen Arbeiterpartei zusammenfassen will, die im Verband der Labour Party verbleiben wollen. Das Komitee hat zum 21. August eine Konferenz nach London einberufen. Die holländische Spiilkerparkei, die sich vor kurzem von der Sozialdemokratie abspaltete, hat zwei ihrer prominentesten Mit- glieder wieder verloren: Edo Fimmen und R. Nathan, die Sekretäre der Transportarbeiterinternattonale, haben die Splitter» Partei verlassen. Die gekränkte Llnschuld. Der Polizeibericht stellt die hervorragende Beteiligung de» SA.-Sturms?kr. Ii an den Brand- und Bombenatientaien in Königsberg fest. Goebbels:„Gttirm 12?— Wehe, wenn die Strolche in den �edattionskaschemmen der Linksjournaille behaupten, daß wir das gewesen sind!" Wählereinfuhr über die Grenze. Braune Marschkolonnen nach Bayern. Severins und die Schutzpolizei. Ergänzende Ziandbemerlungen zu einer Zleußerung Slresemanns. Von Victor Schiff. Die nachsiehenden Zeilen tauen schon vor der Eewalt- aktion vom 20. Juli gegen Preußen geschrieben, mußten dann infolge der seitherigen Ereignisse und der dadurch bedingten Raumverhältnisse zurückgestellt werden. Sie berühren natür- lich nur einen fleinen Teil des Kampses, den Genosse Seve- ring um di« Rechte und das Ansehen der Schußpolizei jähre- lang geführt hat. In dem zweiten Band von„Stresemanns Ver- m ä ch t n i s", dem im Verlag Ullstein erschienenen Nachlaß des verstorbenen Reichsaußenministers, befindet sich auf Seite 201 eine Stelle, die nicht meiner Person, sondern der Sache wegen einer Erläuterung und Ergänzung bedarf. Es heißt da mit Bezug auf eine Unterredung zwischen Strese- mann und C h a m b e r l a i n in den letzten Tagen vor dem Abschluß des Rheinpaktes: „Ich Habs ihm(EHamberlain) damals besonders vuch die Berücksichtigung der deutschen Polizeifrage an? Herz ge» legt, nachdem Schiff vom„Vorwärts* sich darüber beschwert hatte, daß wir auch die T i t e l f r a g e noch nicht vorgebracht hätten. Chamberlain selbst hat aus meine Beispiele in der nächsten Zu- sammenkunst zurückgegriffen.* In dieser knappen Darstellung könnte es scheinen, als ob ich mich Strefemann gegenüber einer bloßen Aeußerlich- keit wegen eingefetzt hätte. Der Tatbestand ist aber doch wesentlich anders: In jener Zeit standen noch verschiedene Fragen im Zu- sammenhang mit der von Deutschland geforderten Beendi- gung der interalliierten Militärkontrolle offen. Dazu gehörten namentlich gewisse Forderungen der Militärkontrolltommission hinsichtlich der Schutzpolizei. Unter anderem verlangte die Entente kategorisch, daß die Offiziere und Beamten der Schutzpolizei keine militärischen Rangbezeichnungen mehr führen dürften, weil das angeblich dazu beitrug, der Polizei einen friedensvertrags- widrigen Charakter zu geben. Also nicht mehr Wachtmeister, Oberwachtmeister, Leutnants, Hauptleute usw. sollte es bei der uniformierten Polizei geben, sondern nur noch rein zivile Bezeichnungen. Der preußische Innenminister Genosse S e v e r i n g, der bereits 192l> bei der Konferenz von Spa die Beobachtung hatte machen können, daß die Reichsbehörden auf internatio- nalen Konferenzen die Interessen der Schutzpolizei keines- wegs so energisch wahrzunehmen bemüht waren wie die Be- lange der Reichswehr, war nicht ohne gute Gründe besorgt, daß man gerade in diesem Falle den Forderungen der Gegen- feite nicht den nötigen Widerstand entgegensetzen würde. Run hätte die Preisgabe der militärischen Rangbezeichnungen der Schutzpolizei nicht zu unterschätzende disziplinare, moralische und damit innerpolitische Nachteile zur Folge gehabt. Namentlich die Offiziere der Schutzpolizei, die immer von den Reichswehroffizieren etwas von oben herab betrachtet worden sind, hätten sich in ihrer öffentlichen und gesellschaft- lichen Stellung moralisch noch mehr zurückgesetzt gefühlt, wenn sie fortan ihrer früheren Rangbezeichnungen entkleidet worden wären. Angesichts der Tatsache, daß gerade unter den Offizieren und Beamten der preußischen Schutzpolizei die große Mehrzahl sich loyal auf den Boden der demokratischen Verfassung aestelli und sich als zuverlässige, zum Teil sogar als aktive Republikaner erwiesen hatte, wäre eine solche Zurücksetzung auch innerpolitifch bedenklich und bedauerlich gewesen. Bei den Verhandlungen in Locarno sollte auch diese Frage diskutiert und entschieden werden. Um die Erfolgsaus- sichten seines Standpunktes zu vergrößern, bat mich nun Ge- nosse Severing vor meiner Abreise nach Locarno, wohin ich als Berichterstatter des„Vorwärts" fuhr, den Genoffen Vandervelde. der damals als Außenminister Belgiens in diesen außenpolitischen Beratungen einen starken Einfluß vor allem auf Briand ausübte, über unsere Spezialwünsche bezüglich der Polizei zu informieren und seine Unterstützung zu gewinnen. Ich vereinbarte mit Severing, daß er mir nach Locarno einen Brief nachsenden würde, in dem alle seine Gründe ausführlich dargelegt wären. Diesen Brief würde ich dem Genoffen Vandervelde als Unterlage für seine weiteren Schritte bei Briand übergeben. So geschah es auch. Vandervelde sah die Bedeutung der Angelegenheit, insbesondere von unserem republikanischen Gesichtspunkt aus, sofort ein und vertrat unsere These in einem Prioatgespräch mit Briand. Am nächsten Tag teilte mir jedoch Genosse Vandervelde mit, Briand hätte ihm etwas ironisch geantwortet:„Das mag ja alles ganz richtig sein, aber das kann doch nicht so wichtig für Deutschland sein, denn Herr Strefemann, mit dem ich vorhin alle noch schwe- benden Entwaffnungsstreitfragen durchgesprochen habe, hat diesen Punkt überhaupt nicht erwähnt." Sofort ging ich zu Strefemann und machte ihm in der Tat etwas erregte Vorwürfe darüber, daß in einer Sache, in der bereits durch die Fürsprache Vanderveldes bei Briand ein Erfolg des deutschen Standpunktes ziemlich wahrschein- lich wäre, infolge dieser Unterlassung die Interessen der preußischen Schutzpolizei wieder gefährdet worden seien. Strefemann erklärte sofort sehr loyal, er gebe zu. daß das ein bedauerliches Versäumnis von ihm gewesen sei/ Er begründete es— übrigens sicher mit Recht— mit der lieber- fülle von Einzelfragen, über die er in diesen Tagen mit den Staatsmännern der Gegenseite zu verhandeln gehabt hätte, und er versprach mir, die Sache bei der ersten Gelegenheit nachzuholen. Das tat er auch noch vor Schluß der Kon- ferenz, erhielt die grundsätzliche Zustimmung von Chamber- lain und Briand, und einige Zeit danach verzichtete die Botschafterkonferenz offiziell auf die geforderte Abschaffung der Offizierstitel bei der Schutzpolizei. Diese Aufklärung dürfte in der heutigen Zeit schon des- halb nicht unwichtig sein, weil sie an der Hand eines be- stimmten Beispiels beweist, wie sehr die preußische Staats- regierung unter Carl Severing immer für die Interessen der Schutzpolizei eingetreten ist. Grenzen der Gastlichkeit. In Deutschösterreich heißt man Reichs- deutsche stets willkommen! sie müssen sich nur anständig benehmen. Terrorhetzer gegen Andersdenkende und Leute, die den Staat Deutschösterreich oder seine Einrichtungen beschimpfen, sind aus- zuweisen. Das hat man soeben der Polizei in Erinnerung ge- bracht. Am 12. September soll Hitler in Wien auftreten. Die amerikoniscken Kricgv'eilnchmer, die jüngst aus Washington durch Gas und Beschießung vertrieben worden sind, haben jetzt in Iodnitown(Pennsylvania) die Auflösung ihrer„Armee' be- schloffen. München, 5. August.(Eigenbericht.) Eine nähere Prüfung des Ergebnisses der Reichstagswahl in Bayern hat jetzt ergeben, daß durch viele Zehntausende von außerbayerischen Stimmen das Wahlergebnis in Bayern zugunsten der Hakenkreuzler stark beeinflußt worden ist. Das war nicht nur in den Kurorten des bayerischen Hochlandes der Fall, sondern auch im nördlichen Franken durch eine Inno- sion aus Mitteldeutschland. Auf Grund von Berichten ihrer Der- trauenmänner teilt die Bayerische Volkspartei-Korrespondenz dazu folgendes mit: „Die Nationalsozialisten sind in Riesenkolonnen über die fränkische Grenze aus Mitteldeutschland eingedrungen. Sie waren uniformiert, feldmarschmäßig ausgerüstet und auf meh- rere Tage mit Proviant versorgt. Weite Gebiete Frankens gWen am Wahltag« einem Heerlager, aus dem strahlensörmig die An- Marschrichtung aus Nürnberg deutlich zu erkennen war. Da war ganz zweifellos mehr beabsichtigt, als nur eine W ä h l e r e i n- fuhr. Private und behördliche Erhebungen find im Gange, so daß wohl in nächster Zeit klarer erkennbar wird, was beabsichtigt war." In diesem Zusammenhang muß an die SA.-Umtriebb in der Nacht zum 14. März erinnert werden, in der die Hakenkreuzler in vielen Orten Bayerns Vorbereitungen getroffen hatten, um einen Sieg Hitlers bei der ersten Reichspräsidentenwahl entsprechend aus- zunützen. Durch di« amtlichen Veröffentlichungen der bayerischen Regierung hat die Oefsentlichkeit hinterher einigen Einblick in die Um- sturzpläne der Hitlerarmee bekommen. Verantwortung, nicht„Macht"! Bayerische Volkspartei zur Regierungsbildung. Nürnberg, S. August. Das„Bamberg«? Doltsblatt", das Organ des Vorsitzenden der Reichstagssraktion der Bayerischen Voltspartei, Prälaten Leicht. nimmt zur Regierungsbildung wie solgt Stellung. Der Wille des Volkes geht eindeutig dahin, daß di« NSDAP. als stärkste Partei nunmehr dem auf sie treffenden Anteil an der Verantwortung zu übernehmen habe. Das deuffche ' Volt will nicht haben, daß Hitler die Macht in Deutschland er- „Vorstoß" der Verleumdung. Eine Ehrabschneidung vor Gericht. Das Schöffengericht Berlin-Mitt« hatte den Herausgeber Fischer der Zeitschrift„Vorstoß", im Hauptamt Redakteur der„Deutschen Allgemeinen Zeitung", wegen formaler Beleidigung zu 800 Mark Geldstrafe verurteilt. Ein Anonymus Peter v. Lehr gefiel sich in einem Schmähartikel„Bonzen und ihr Einkommen" darin, führende Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei der„i n n e- ren Korruption" zu bezichtigen. Es wurde behauptet, daß die Genoffen Wisiell, Dr. Hertz, Stücklen und Noske als delegierte Aufsichtsratsmitglieder verschiedener Aktiengesellschaften Zehntausend« einsteckten, und zum Schluß hieß es,„sie predigen öffentlich den Sozialismus, suchen ober heimlich ihre politische Machtstellung aus- zunutzen, um als Parasiten des Staates und der Wirt- s ch a f t sich ein möglichst großes arbeitsfreies Einkommen auf mehrer« Jahre zu sichern". Die in der ersten Instanz als Zeugen vernommenen Genossen Wissell, Dr. Hertz, Stücklen und Noske erklärten unter ihrem Eide, daß sie von ihrer Auffichtsratsmitgliedschaft auch keinen Pfennig für sich erhielten. Trotzdem verneinte das Gericht den Tatbestand der üblen Nachrede. In der Urteilsbegründung hieß es, daß laut heuftger Anschauung die vom Verfasser aufgestellten Behauptungen keinen Vorwurf der sittlichen und sozialen Minderwertigkeit dar- stellen. So urteilte das Gericht, obgleich in dem Schlußsatz des Artikels die Absicht der Verächtlichmachung klar auf der Hand lag. Herrn Fischer waren aber selbst die SA) Mark Geldstraf« zu- viel. Er legte gegen das Urteil Berufung ein. Auch die Staats- anwaltschoft und die Nebenkläger gaben sich mit dem Urteil erster Instanz nicht zusrieden. Sie blieben bei ihrer Ansicht, daß hier übl« Nachrede vorliege. greift, sondern daß Hitler endlich im Rahmen der Berfas- s u n g die Verantwortung übernimmt. Die Bayerische Volkspartei hat keinerlei Interesse und Sehnsucht, in eine solche Regierung ein- zutreten, sie wird aber gegen dies« Regierung unter der ausdrücklichen voraussehung, daß sie aus dem Boden der Verfassung steht, ein« durchaus sachliche Haltung einnehmen. Nieinand im Lager der Bayerischen Bolkspartei hindert Hitler an der Uedernahme der Verantwortung, im Gegenteil, die konservative Mitte fordert diese aus das dringendste. Einem Versuche freilich, die verantwort- liche Stellung zu Verfassungsexperimenten oder gor zum Verfassungsbruch zu mißbrauchen, würde die Bayerische Volkspartei entschlossensten Widerstand entgegensetzen. Eine Fraktionsgemeinschast oder gor e-rn« Vereinigung mit dem Zentrum kommt heute weniger denn je in Frage. Damm gegen die Hitler-Welle. Der Wahlausgang in Hessen. Wie wir bereits berichteten, ist die Rechtsmehrheft in den Län- dern Oldenburg, Mecklenburg und Anhalt durch den Ausgang der Reichstagswahlen nicht bestätigt worden. Im FreistäatHessen, wo im Juni der Landtag neugewähll wurde, hat das Ergebnis der Reichstagswahl ebenfalls eine Korrektur zugunstenderLinken ergeben. Zur Zeit stehen sich 3S: 35 Abgeordnete im Hessischen Land- tag gegenüber. Nach dem Ergebnis der Reichstagswahl würden heut« 32 Ab- geordnete der Rechten(30 Nazis, je 1 Deutschnationalsr und volks- parteilicher Vertreter) insgesamt 38 Abgeordneten gegenüberstehen, von denen 19 zur Sozialdemokratie, 7 zur KPD., 11 zum Zentrum und 1 zur SAP. gehören. Obwohl die Nazis nochmals 38 9011 Stimmen gewannen, gingen sie prozentual jedoch von 45 Proz. auf 42,7 Proz. zurück. Dagegen konnten unser« Genossen ihre Stimmen gegenüber der Landtagswahl im Juni um rund 49 000(d. f. etwa 28 Proz.) erhöhen. Zur gestrigen Berufungsverhandlung waren die Nebenkläger persönlich nicht erschienen: sie ließen sich durch Rechtsanwalt Dr. Schönbeck vertreten. Der Angeklagte hatte sich außer seinem Verteidiger aus der ersten Instanz, Dr. Hensel, aus München noch den Rechtsanwalt Dr. Jung oerschrieben. Das Gericht beschloß die Verhandlung zu vertagen und zu der nächsten Verhandlung die Nebenkläger formell zu laden. Oer ungarische Galgenkurs. Ministerpräsident Graf Karolyi bestätigt ihn. Budapest, 5. August. In der Sitzung der Einheitspartei erklärte Mnisterprästdent Karolyi u. a., daß das Standrecht von gewisser Seite im In- und Ausland falsch eingeschätzt werde. Es werde versucht, den Anschein zu erwecken, als ob die Regierung das Standrecht zur Unterdrückung ihr unangenehmer politischer Meinun- gen verhängt habe. Ungarn habe vor nicht zu langer Zeit einen Minderheitenterror durchgemacht. Die Propagierung ähnlicher Dinge könne unmöglich einfach als politische Meinung?» äußerung bezeichnet werden. Er werde jedes Mittel anwenden, um eine Wiederholung dieses Minderheitenterrors zu verhindern. Mit dem„Minderheitenterror" meint Karolyi sichtlich die Räte- diktatur, die 1919 als Reaktion auf den unerträglichen Druck der Siegermächte aufgerichtet wurde: den gräßlichen weißen Terror, der hunderte Menschen gemartert und gemordet hat, verwirft der„Herr kgl. Ministerpräsident" um so weniger, als die Hinrichtung Fürsts und S z a l l a i s nur ein Akt dieses weißen Terrors war. Die An- wcndung des Standrechts, das wegen des weißgardistischen Eisen- bahnattentäters verhängt wurde, gegen diese zwei Propagandisten ist und bleibt ein bewußter und gewollter Justizmord. Der neue Arbeitsdienst. Bedenkliche und gefährliche Bestimmungen. Die Ausführungsvorlchristen des Reichsarbeits- Ministeriums zur Verordnung über den Freiwilligen Ar- b e i t s d i e n st vom 16. Juli find am Freitag im Reichsanzeiger er- schienen. Man kann sich nunmehr ein Bild machen über die Neu- gestaltung des Arbeitsdienstes, über die in den letzten Wochen so viel geredet und geschrieben wurde. Die neuen Bestimmungen ent- halten recht bedenkliche Stellen. Das gilt vor allem in der Frage der A r b e i t s z e i t. Im wesentlichen bieten die neuen Aussührungsvorschriften folgendes Bild: Als Förderung wird für Arbeiten pro Kopf ein Be- trag von höchstens 2 Mark wochentäglich bis zur Dauer von 20 Wochen innerhalb eines Zeitraumes von zwei Jahren gewährt. Bei„volkswirtschaftlich wertvollen" Arbeiten kann die Förderungs- dauer bis zu 40 Wochen verlängert werden. Soweit eine Arbeit nach ihrer Beschaffenheit ihrem Umfang oder in sonstigen Voraus- setzungen als Notstandsarveit durchgeführt werden kann, darf sie nicht im Wege des Freiwilligen Arbeitsdienstes gefördert werden. Der Charakter der Freiwilligkeit des Dienstes bleibt erhalten. Die Förderungszeit wird dem Arbeitsdienstwilligen a u f die U n t e r st ü tz u n g s d a u e r in der Arbeitslosenversicherung und in der Krisenfürsorge nicht angerechnet. Das ist wesentlich; denn danach bleibt der Unterstützungsanspruch er- halten. Das ist eine bessere Regelung, als sie bisher bestand. Unternehmungen, die auf Erwerb gerichtet sind, können nach der Verordnung vom 16. Juli dann Träger der Arbeit sein, wenn die Ergebnisse ausschließlich oder überwiegend der Allgemein- heit zugute kommen. Hier ist ein gefährlicher Punkt. Die Mittel, die das Reich und die Reichsanstalt für Arbeits- verrpittlung und Arbeitslosenversicherung dem Freiwilligen Ar- beitsdienst zur Verfügung stellen, verwaltet der Reichskommissar. Die Entscheidung darüber, welche Mittel die Reichsonstalt zur Verfügung stellt, trifft der Präsident dieser Anstalt. Hier bleibt eine Unklarheit. Soll die Reichsanstalt Ersparnisse zur Per- fügung stellen oder andere Gelder? Ersparnisse sind doch jetzt, wenn die Unterstützung während des Freiwilligen Arbeitsdienstes lediglich ruht, nicht mehr zu machen. Auf der anderen Seite bleibt ober der Präsident der Reichsabstalt nach wie vor an den Haus- halt gebunden. Ueber diesen dunklen Punkt muß baldigst Klarheit geschaffen werden. Der Reichskommissar und die Bezirkskommissare sollen Perso- nen, Vereinigungen und Einrichtungen, die besondere Erfahrungen im freiwilligen Arbeitsdienst hoben, zur beratenden Mit- Wirkung heranziehen. Auf Deutsch: ein eigentlicher Beirat wird also nicht gebildet. Ob eine Arbeit im freiwilligen Arbeits- dienst ausgeführt werden kann, bestimmen die Bezirkskommissar«. Die Vorsitzenden der Arbeitsämter entscheiden über die Förderung des einzelnen Arbeitsdienstwilligen. Die Bezirkskommissare sind an die Weisungen des Reichskommissars gebunden, d. h. Beschwer- den gibt es nicht. Wer zum Arbeitsdienst zugelassen wird, bestimmt der Reichskommissar durch nähere Anordnungen, die noch zu erlassen sind. Die Arbeitsdienstwilligen sind gegen Krankheit und Unfall versichert. Aus der Krankenversicherung erhalten sie aber kein Krankengeld, sondern nur Krankenpflege, gegebenenfalls Krankenhauspflege. Von der Entrichtung des'Arzneikost.'nbeitrages und der Krankenscheingebühr sind sie befreit. Soweit sie vor hrcm Eintritt in den freiwilligen Arbeitsdienst pilichtvcr sichert waren, haben sie Anspruch auch auf Familienkran'enpslege. Ver- besserungen bringt auch die Neuregelung hinsichtlich der Unfall- Versicherung. Dies« ist auch auf Unfälle bei Spoit- und bei Dienst- leistungen im Arbeitslager ausgedehnt. Für Arbeitsdienstwillige, die vorher in der Arbeitslosenversicherung oder Krisenfürsorge oder als Wohlfahrtserwerbslose in der öffentlichen Fürsorge unter- stützt wurden, ist Vorsorge getroffen, daß die An wa rtsch af- t e n in der Invaliden-, Angestellten- und lnappschaftlKbe« Pen» sionsversicherung aufrechterhalten werden wie bei den Ar- beitslosen. Ein böser Punkt in den Ausführungsvorschriften ist der Z 23. Er besagt: Auf die im freiwilligen Arbeitsdienst Beschäftigten finden die Vorschriften über Arbeitszeit, Sonntagsruhe, Gefahrenschutz und Arbeitsbeschränkung für Frauen und Jugendliche und die Bestimmungen über die Durchführung dieser Vorschriften Anwendung, die bei einer gleichartigen Beschäfti- gung im Arbeitsverhältnis gelten würden. Hierbei sind Boden- Verbesserungsarbeiten und Arbeiten zur Herrichtung von Siedlungs- und Kleingartenlond in jedem Fall als landwirtschaftlich« Arbeiten anzusehen. Das bedeutet praktisch nichts anderes als die Möglichkeit einer zwölf st llndigen Arbeitszeit. Nach oben zieht man. da die meisten Arbeiten des Arbeitsdienstes als landwirtschaftliche Arbeiten angesehen werden können, in der Arbeitszeit so gut wie keine Grenze. Heißt das die Arbeitslosigkeit eindämmen? Arbeitsdienstwillige, die bei volkswirtschaftlich wertvollen Ar- beiten beschäftigt werden, können wie bisher verzinsliche Gut- s ch r i s t e n für Siedlungszwecke im Reichsschuldbuch«n Höhe van 1,50 Mark wochentäglich erhalten. ★ Am Montag spricht im Rundfunk der Staatssekretär im Reichsarbeitsministerium Dr. G r i e s e r über die neuen Bestim- mungen für den freiwilligen Arbeitsdienst. Sturmerprobte Gewerkschaft. Die Bauarbeiter in der Krise. Keine Gewerkschaft ist von der Krise so schwer betroffen! worden wie die der Bauarbeiter. Das Zahrbuch des� Deutschen Laugewerksbundes für IgZI, das soeben herausgekommen ist. verdient daher besondere Be- achtung. Mit 72,9 Pro z. Arbeit sloser überschritt der Bau- � gewerksbund die Schwelle des Jahres 1931. Selbst in der Hoch- saifon der Bautätigkeit war im vergangenen Jahr nicht einmal die Hälfte der Bauarbeiter beschäftigt. Mit 35,3 Proz. Ende Juni war der niedrigste Stand der Arbeitslosigkeit erreicht, und am Ende des Berichtsjahres waren 84,4Proz. aller Mitglieder erwerbslos. Das neue Jahr brachte keine Besserung. Im Gegenteil: in den ersten INonateu 1932 überstieg die Arbeitslosenzisser sogar 90 Proz. und noch nn I u l i dieses Jahres waren 7 7, 6 Proz. aller Bau- arbeiter erwerbslos! Was der Baugewerksbund trotz schwerster Krise an Unterstützung, Rechtshilfe und unermüdlicher Tätigkeit besonders auch in der Frage der Arbeitsbeschaffung geleistet hat, ist ein Ruhmesblatt für den Verband und ein überzeugen- der Beweis für den Wert gewerkschaftlicher Verbundenheit wie für die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Organisation. Allein an Arbeitslosenunter st ützung zahlte die Bundeshauptkasse im Jahre 1931: 6,7 Millionen Mark, an Streikunterstützung wurden 1,13 Millionen und an Krankenunter- stützung 795 000 Mark ausgegeben, daneben für Jiwalidenunter- stützung 1,3 Millionen und in Sterbefällen 585 000 Mark. Dazu kommen noch kleinere Unterstützungssparten wie Rechtsschutzsachen mit 75000 Mark und Wanderunterstlltzungen mit 67 000 Mark. Was mit den sozialen Ausgaben von rund 10 Blillionen Mark sowohl für den einzelnen als auch für das Gesamtwohl krrsenmildernd geleistet worden ist, das darf man allen denen, die heute die Ge- werkschaften nicht genug schmähen können, und auch den Herren in den Regierungsstuben zu gründlichem Nachdenken empfehlen. Am Beginn des Jahres 1931 steht das Wiedererwachen tarifvertragsfeindlicher Ideen im Unternehmer- l a g e r. Diese Ideen wirkten auch in Regierungskreife ansteckend. Im Frühjahr 1931 wurde der Reichstarifvertrag erneuert, der für die Einzelarbellsverträge für rund 650 000 Arbeiter grund- legend ist. Bei der damit verbundenen Lohnregelung mußte ein Abbau um etwas über lOProz. gegenüber dem Stand vom Dezember 1930 hingenommen werden. Die Widerstandskraft der Bauarbeiter war durch den enormen Rückgang der Bautätigkeit ge- schwächt; auch hatte die Lohnabbauwelle schon lange vorher alle anderen Berufe erfaßt, und schließlich war dieser erste Lohnabsturz auch eine Auswirkung der Hitlerwahlen vom September 1930. Trotzdem gelang die Abwehr so mancher zuge- muteten Schädigung. Di« für viele Berufe vorbildlichen Lehr- lings- und Ferienbe st im mungen sind— wenn auch etwas verschlechtert— erhalten worden. Trotz der Ungunst der Berhällnisse war der Widerstand des Bundes stark und zäh. Mit wirtschaftlichen Mitteln konnte er nicht gebrochen werden. Dazu bedurfte es erst politischer Maßnahmen. Aber auch bei den Verhandlungen um die Neufestsetzung und Errechnung der Regelung der nach der Vierten Notverordnung geltenden Löhne gelang es dem Bund, manchen Einbruch in den Lohn abzuwehren. Der Beweis dafür liegt darin, daß das Reichsarbeitsministerium auch die Ver- bindlichkeit der Bauarbeiterkähne nach der von der Notverordnung veranlaßten Neuregelung ablehnte. � jßknzählig sind die Maßnahmen und Schritte, die der Bundes- vorstand auf dem Gebiet der Arbeitsbeschaffung unter- nommen hat. Schlimm, daß seme Mahnungen und Forderungen nur wenig Gehör fanden. Bei der Verbesserung und Durchführung des Bauarbeiterschutzes wirkte der Bund an erster Stelle. Trotz erheblicher Schrumpfung der Bautätigkeit konnten durch die Arbeit der Bundesfunktionäre im Jahre 1931 insgesamt 1275 Ver- stöhe gegen Unsallverhührngsvorschriften abgestellt werden. 5163 Lelriebsverlrelungen, darunter Tausende von Baudelegierten, vertraten im Orgonisations- gebiet des Bundes die bezirklichen Interessen seiner Mitglieder. Daß dies nicht immer reibungslos abging, zeigt die Zahl der Klagen gegen Entlassung, die 241 betrug. Biel« hundert Funktionäre sind in den Sozialversicherungskörperschaften und in den Arbeitsgerichten tätig, und schier Legion ist die Zahl der Prozeßvertretungen, die der Bund seinen Mitgliedern vor den Arbeitsgerichten stellte. Trotz schärfster Sparmaßnahmen wurde auch im Krisenjahr 1931 die Schul ungs- und Bildungsarbeit weiter geför- dert. In der ADGB.-Schul« in Bernau wurden, um nur ein Beispiel herauszugreifen, zwei Parallelkurse für Funktionäre, im bundeseigenen Schulheim am Werlsee sieben Funktionärkurs« und ein Progeßvertretertursus abgehalten. Die TNitgliederbewegung litt naturgemäß unter der wirtschaftlichen Bedrängnis. Infolge der katastrophalen Beschäftigungsmöglichkeit ist ein bedauerlicher Mit- gliederverlust eingetreten. Di« Mitgliederzahl verringerte sich um 15 Proz. von 462 428 auf 390 306. Die Durchschnittsmit- gliederzahl betrug 4 3 3 019. Das Organisationsverhältnis der baugewerblichen Arbeiter ist nicht einheitlich, aber allgemein gut. Kleinere Berufsgruppen und größere Gruppen gelernter Ar- beiter sind besser organisiert als ungelernte. So waren nach der Juli- statistik des Bundes die Maurer zu 77 Proz., die Fliesenträger zu 80 Proz., in einzelnen Bezirken auch zu 100 Proz von der Organi- sation erfaßt. Auch das Jahrbuch des Baugewerksbundes 1931 ist ein getreues Spiegelbild einer gut geleiteten Organi- sation. In ihr kämpft eine beachtenswert fest zusainmenstehende, in Sturm und Not wirtschaftlicher Kämpfe erprobte und erfahren« Truppe um den Wiederaufstieg der Arbeiterklasse und für eine bessere Zukunft. Kampf statt Schlichtung. Nein verwaltungsmäßiger Abbau. Die„Vossische Zeitung" veröffentlichte in ihrer gestrigen Abend- ausgab« einen Artikel, der sich mit den Absichten der Reichsregie- rung über den Abbau des Tarif- und Schlichtungs- wesens befaßte. Darauf verbreitet die Telegraphen-Union fol- gende Erwiderung: „Die Nachricht eines Berliner Abendblattes, daß das Reichs- arbeitsministerium damit beschäftigt sei, sehr weitreichende Maß- nahmen auf dem Gebiet des Schlichtungswesens vorzubereiten, und daß die Absichten auf eine wesentliche Einschränkung der staatliche» Schlichtungstätigkeit und eine teilweise Beschränkung des Toris- rechts hinausliefen, wird von zuständiger Stelle in Abrede gestellt. In dieser Beziehung sind gesetzliche Maßnahmen weder in Vorbereitung noch beabsichtigt. Die Verbindlichkeits- erklärung von Schiedssprüchen soll nicht aufgehoben werden, wohl aber soll dieses Instrument vorsichtiger und möglichst nur in solchen Fällen angewendet werden, wo es zur Aufrecht- erhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit erforderlich er- scheint. Es wird auch nicht an die Aufhebung Der Unabdingbarkeit der Tarifverträge und die Ersetzung durch Werktarife gedacht, fon- dern man will rein verwaltungsmäßig daraus hin- wirken, daß die Tarifparteien der Lage der einzelnen Werke mehr als bisher Rechnung tragen, wobei man den größten Wert daraus legt, daß sich die Parteien selcht ohne behördliche Einwirkung verständigen." Also gesetzliche Mahnahmen werden nicht vorbereitet. Will man den Nationalsozialisten ersparen, sich zu demaskieren? Aber der Sachbearbeiter für das Schlichtungswesen im Reichs- arbeitsministerium ist abgebaut, ohne daß man bisher etwas von den Gründen gehört hätte, die zu dieser Maßregelung Anlaß ae- geben haben, noch von der Ernennung eines Nachfolgers. Die Beseitigung des Schlichtungswesens erfolgt„rein verwaliungsmäß.g> aber deshalb nicht weniger tatsächlich. Und was nun die von den Unternehmern immer wieder ver- langte„Auflockerung der Tarifverträge" betrifft, so wird auch sie „rein verwaltungsmäßig" durchgeführt. Wir möchten abfr schon heute das Reichsarbeitsministerium und die Unternehmer daraus aufmerksam machen, daß sie damit keine reine Freude erleben wer- den. Vielfach haben sich die Arbeiter und Angestellten etwas zu sehr auf die Schlichtungsinstanzen verlassen. Künftig werden sie er- fahren, daß sie sich nur auf die Gewerkschaften verlassen können. Und wenn die Unternehmer glauben sollten, die Gewerk- schaften wären nicht mehr imstande, ohne.Schlichtungsinstanzen die Interessen ihrer Mitglieder wahrzunehmen, so werden sie bald ge- wahr werden, wie sehr sie sich verrechnet haben. Die Unternehmer wollen nicht Schlichtung, um vom Tarifvertrag loszukommen. So wird der Kampf entscheiden. Das neue System in Preußen„spart". Auf Kosten der Angestellten Von den gewerkschaftlichen Verbänden der Behördenangestellten fZentralverband der Angestellten. Bund der technischen Angestellten und Beamten, Deutscher Werkmeister-Verband. Gesamtverband, Allgemeiner Verband der deutschen Bankangestellten) wird uns zu der Verordnung der kommissarischen preußischen Regierung über die Neugliederung von Landkreisen geschrieben: Die Durchführung der in dieser Verordnung angeordneten Maß- nahmen bedroht eine größere Zahl von zum Teil langjährigen, im Behördendienst beschäftigten Angestellten in ihrer wirtschaftlichen Existenz, da die kommissarische Regierung es nicht-für notwendig erachtet hat, in der Verordnung die ersorderlichen Sicherungen zu treffen, um die Angestellten der aufgelösten Verwaltungen vor der Vernichtung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Stellung zu schützen. Mit Rücksicht darauf, daß infolge der Absetzung der preußischen Staatsregierung ein« Gewähr nicht mehr bestand für die Einhaltung der seinerzeit vom preußischen Innen- minister S e v e r i n g den Verbänden des AfA-Bundes gegebenen Zusage, diese vor der endgültigen Durchführung einer Berwal- tungsreform in den Landkreisen zu hören, sahen sich die freigewerk- schoftlichen Behördenangestelltenorganisationen genötigt, dem mit der Wahrnehmung der Geschäfte des preußischen Innenministers beauf- tragten Reichskommissar in einer Eingabe ihre Forderungen und Vorschläge zu unterbreiten. Diese Forderungen sind gänzlich unberücksichtigt geblieben. Die Angestelltengewerkschaften protestieren auf das schärfste dagegen, daß die von der Durchführung dieser beabsichtigten Maßnahmen erwarteten Ersparnisse im Per- sonaletat in vollem Umfang« auf die schwachen Schultern der An- gestellten abgewälzt werden. Es war die sozial« Pflicht der kommissarischen preußischen Regierung, den beteiligten Land- kreisen die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen, um in Fällen bei nicht zu vermeidenden Entlassungen den attsscheidenden Angestellten die gleiche Abfindung zu gewähren, wie sie den etwa ausscheidenden Beamten zugebilligt worden ist. Die freigewerk- schaftlichen Angestelltenorganisationen erwarten nunmehr vom Preußischen Landtag, daß dieser sofort die erforderlichen Schritte einleitet, um die kommisiarische preußische Regierung zu einer sozialeren Haltung zu veranlassen. Militär als Streikbrecher. Verschärfung der Streiflage im belgischen Bergbau. Brüssel, 5. August. Der Ausschuß der Bergarbeiter hat heute die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses der Bergarbeiter für den nächsten Sonntag beschlossen und gegen die Verwendung von Militär in den Kohlengruben protestiert. Dem bevorstehenden Kongreß kommt um so größere Bedeutung zu, als die Bergarbeiter im Zentralrevier des Bergbaugebietes ebenso wie diejenigen im Borinage und im Becken von Charleroi die Vorschläge des Arbeitsministers zur Schlichtung des Konfliktes im Bergbau abgelehnt haben. Während in der lim- burgischen Kohlenindustrie allenthalben die Arbeit wiederaufgenom- men wird, beschlossen die Bergarbeiter im sogenannten Zentralrevier, den Streit fortzusetzen und die Verbände der anderen Arbeitnehmer aufzufordern, in einen Sympathiestreik einzutreten. Außerdem rich- teten sie eine Aufforderung an die Eisenbahner, die Beförderung der vom Militär geförderten Kohle zu verweigern. Die Bergarbeiter im Borinage haben sich ebenfalls für Fortsetzung des Streik« erklärt. Gewerkschafts-Iugend Verlin Sonnabend, 13. August, im Festsaal des Film- und Bildamtes der Stadt Berlin, Levetzowstr. 1—3, Bortrag:„Jugend gegen Krieg*.„Wie würde ein neuer Krieg sich auswirken?* Referent: Ecnosie Kurt Anker. Major a. D. Tonfilm:„Niemandsland." Cinlah 19'-.. Uhr. Beginn 20 Uhr. Kostenbeitrag 35 Pf.— Rordkreis und Gruppe Moabit: Heute, 18 Uhr, Sprech- chorprobe in der Schule Lütticher Str. 4(Turnhalle). 0�uqendqnippe des �entralDerbandes der Angestellten Spiele im tzteien; Ab 18 Uhr auf dem Sportplatz Humboldthain. Achtung, Butab-Mitglieder! Für den heutigen Besuch des Zoologischen Gartens sind noch nerbilligte Gintrittskarten zum Preise von 60 Pf. für Erwachsene und von 80 Ps. für Kinder an der Kasse fiir Butab-Mitglieder am Haupteingang des Zoologischen Gartens sgegeniider der Stadt- und Unter- grundbahn) gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches zu haben. Der„Vorwärts" erscheim wochenlägltch zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgade fiir Berlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend". Illustrierte Sonntagsbeilage„Voll und Zeit". Anzetgeupreise: Die einspalt. Millimeterzeile 30 Pf„ Reklamezeile 2.— M. „Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Dort 20 Pf. izuläsfig zwei fettgedruckte Worte) jede» weitere Wort 10 Pf. Rabatt laut Tarif. Watte Uber 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Millimeterzeile 25 Pf. Familienanzeigen Millimeter- zeile ig Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße Z, wochentäglich von 8'/, bis 17 Uhr. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht ge- nehmer Anzeigen pari Verantwortlich für Politik: Victor Schiff; Wirtschaft: G. KlingelHüfeet Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Herber« Lepbre; Lokales und Sonstiges: Fritz»arftädt; Anzeigen: Otto Hengst; sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Berlag s. m. d. H. Berlin Druck: Borwärls-Buchbruckeret und Berlagsanftalt Paul Singer n Co. Berlin SW. 88. Lindenstraße 1 _ Hierzu 2 Beilage». Tekön�vvsik��Äkns schon nach«ininalia. Putzen mit der herrl. erfrisch, schmeckenden„Thlorodonb- Zahnpasle", Ichreibt uns«in Raucher. Tube SO Pf. und SO Pf. Nr. 367. 49. Jahrgang Sonnabend. S.August 1932 llsr Sedullii'snsslMöi' uerhaftet. Geständnis eines Nervenkranken.— 26 FäiSe susegeben. Untersuchung ergeben. Die Serie der Brandstiftungen begann a m 18. Juni im Norden Berlins, wo in der RuHep'agstrofie ein Klassenzimmer nahezu ausbrannte. Dann ging«s Schlag aus Schlag. Kaum ein Tag verging, an dem sich der Brandstifter nicht irgendwo betätigte. Als sich die Schulhausmeister der Berliner Schulen dann zu einer scharfen Ueberwachung der ihnen unter- stehenden Gebäude entschlossen, blieb es acht Tage lang ruhig. Dann nahmen die Brandstiftungen wieder ihren Fortgang. Ein- mal befaß der Täter im Osten Berlins sogar die Dreistigkeit, als in dem Schulgebäude noch die Reinemachefrauen tätig waren, ein- zudringen und in einem Klassenzimmer einen Bücherschrank anzuzünden. In den meisten Fällen wurden di« Brand- stistungen so rechtzeitig entdeckt, daß größerer Schaden verhütet werden konnte. Nur im Steglitzer Gymnasium nahm dos Feuer sehr gefährlichen Umfang an und ein moderner Zeichensaal mit seiner gesamten Einrichtnug brannte aus. Die letzte Brandltistung in dem Gemeindehaus der St. Antonius-Kirche stl der Rüders- dorfer Straße nahm die Feuerm°hr am 1. August aleichsalls lanae Zeit in Anspruch. In diesem Falle war der Schaden bedeutend. und zwei Schwestern, die in Erstickungsgesahr geraten waren, muß- ten durch die Feuerwehr ins Freie geholt werden Das Branddezernat des Bolireipräsidiums hat einen großen Anteil an der Festnahme des Brandstifters, denn auf Grund long- wieriger Beobachtungen konnte eine ziemlich genaue Personen- beschreibung erlangt werden, die bei der Ueberführung des gefährlichen Nervenkranken gute Dienste leisteten Razzia in der Oirckfenstraße. Im Umkreis der P f a n d k a m m e r in der Dircksenstraße, wo sich täglich eine Anzahl von wilden Händlern und dunklen Ele- menten versammelt, um dort einen schwunghaften Straßenhandel zu treiben, wurde heute vormittag gegen 11 Uhr durch ein größeres Aufgebot von Schutzpolizeibeamten— auf Grund von Beschwerden der Anwohner— eine plötzliche Razzia durchgeführt, bei der etwa 40 Personen zwangsgestellt und dem zuständigen Polizei- reoier zugeführt wurden. Die Sistierten werden zur Zeit auf dem Revier einem eingehenden Verhör unterzogen und, sofern sie sich nicht genügend ausweisen können, bis aus weiteres festgehalten. Iugendhilfe in?!ot. Oie Arbeit des deutschen Archivs für Zugendhilfe. Das deutsche Archiv für Jugendhilfe wurde im Jahre ISZZ unter Zührung des Reichsministeriums des Innern gegründet. Es faßte die Archive und Auskunftsstcllen der Deutschen Zentrale für freie Zugendwohlfahrl, des Ausschusses der deutschen Zugendverbände und des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht zusammen. Sein Zweck ist die Unterhaltung einer Sammel-Arbeits- und Auskunftsstelle für die gesamte Iugendwohlfahrt und Jugendbe- wogung Deutschlands. Das Archiv hat sich mit Nachdruck gegen den Abbau der ohnehin nicht genügenden Iugendhilfe wenden müssen, da die wachsende Not der Jugend viel mehr eine Erhöhung der Iugendwohlfahrt erfordere. In dieser Erkenntnis haben sich die einzelnen Iugendwohlfahrtsorganisationen zu einer viel festeren Front als bisher zusammengeschlossen. Besonders eng gestalteten sich die Beziehungen des Archivs zu der Deutschen Zentrale für freie Iugendwohlfahrt, mit der zusammen die drei Notprogramme für Iugendwohlfahrtspflege ausgearbeitet wurden. Eine umfassende Denkschrift wurde über die Not der deutschen Kinder im Kriege als Teil einer internationalen Denkschrift der Union Intarnotionalo cie Lacours aux Enfants in Genf zur Ueber- reichung an die Abrüstungskonferenz fertiggestellt. Auch zur Vor- bereitung des Konaresses über die Wohlfahrt des Kleinkindes, der im Juli 1931 in Paris stattfand, wurde das Archiv von ausländ!- scher Seite aufgefordert. Zahlreiche Ausländer hoben das Archiv in der M o l t k e st r a ß e 5, dem früheren Generalstabsgebäude, besucht, um Material und Organisation der deutschen Jugendwohl- sahrtspflege kennenzulernen. Die Arbeit des Archivs ist sehr viel- seitig. Es verfolgt genau die Gesetzgebung, soweit sie sich mit der Iugendwohlfahrt beschäftigt, es unterstützt die Ausbildung von So- zialarbeitern und-arbeiterinnen. Schülerinnen verschiedener Wohl- sahrtsschulen und sozialpädagogischer Seminare verbrachten einen Teil ihres Praktikums im Archiv. Mehrere stellenlose Kinder- gärtnerinnen und Iuqendleiterinnen arbeiteten hier während der Zeit ihrer Erwerbslosigkeit zu ihrer theoretischen Weiterbildung. Um die Feststellungen auf einem besonders wichtigen Gebiet hera-uszunehmen: die Schließung von Kindertages- st ä t t e n macht sich verhängnisvoll bemerkbar. Da die Unterhaltung von solchen Tagesstätten, von Speisungen und Er- holungsfürsorge keine gesetzlich festgelegte soziale Verpflichtung der betreffenden öffentlichen Wohlfahrtsträger ist, fetzte hier der radi- kale Abbau dieser Ausgaben zuerst ein. Die freie Wohlfahrtspflege ist aber nicht in der Lage, diese Institutionen aus ihren mehr denn je in Anspruch genommenen Mitteln wiederauszubauen. Durch die Aufmerksamkeit einer Kindergärtnerin ist gestern nachmittag der Schulbrandstisler, der Berlin seit Monaten beunruhigte. auf frischer Tat festgenommen worden. Der Täter ist ein 21 Jahre alter nervenkranker Ehauffeur Aisred M., der bei seinen Ellern in Verl'« O. wohnte und an Pyromanie sBrandsliftungs- trieb) litt. M. hat bereits ein Geständnis abgelegt und Zö Brandstiftungen zugegeben. Der jugendliche Brand- stifter wird heute dem Richter vorgeführt. In der Gipsstraße, im Norden Berlins, befindet sich ein Kinderheim. Gestern nachmittag bemerkte ein« Kindergärtn«- rin in dem Bücherzimmer verdächtige Geräusche Die Frau ver- mutete einen Einbrecher und rief die Polizei. Als die Beamten in das Zimmer eindrangen, sahen sie einen jungen Mann, der sich an einem Schrank zu schaffen machte Es war. wie sich auf dem Revier herausstellte, der Chauffeur M., der sich heimlich in den Kinderhort eingeschlichen hatte und gerade wieder einen Bücher- schrank in Brand setzen wollte, kin den T-'t-bcn de<- krekta-nommenen wurden mehrere Dutzend Schlüssel verschiedener Größen gefunden, die M. sämtlich aus den Schulen, in denen er Brandstiftungen verübt Hatte, mitgenommen Hatte. Der Täter wurde dem Leiter des Branddezernats des Berliner Polizeipräsidiums vorgeführt, wo er alsbald ein umfasiendes Geständnis ablegte. Wie er bei seinem Verhör angab, sei er durch unglückliche Familienverhältnisie neroenleidend geworden. Er Hobe nicht die Ablickit aebabt. ganze Gebäude in Brand zu setzen, sondern„es habe ihm schon genügt, wenn etwas brannte". Die weiteren Ermitt- lungen haben außerdem einwandfrei ergeben, daß politische Motive, wie in einem Teil der Berliner Hetzpresse behauptet wurde, nicht in Frage kommen. Der Brandstifter hatte nämlich in einigen Fällen an die Tafeln der Klassenzimmer, in denen er Feuer legte, mit Kreide geschrieben:„Alles muß brennen!— Rot Front!" Es war von vornherein für je>den logisch Denkenden klar, daß der Täter mit diesen Aufzeichnungen die Polizei nur aus eine falsche Fährte locken wollte. Insgesamt hat M. 26 Brandstiftungen in Schulen, Kinderborten und in einem Fall sogar in der katholischen St. An- tonius-Kirch« auf dem Gewisien. Wie es der jugendliche Brand- stifter im einzelnen angestellt hat, trotz der vielfachen scharfen Be- wachung in die verschiedenen Gebäude einzudringen, muß die weitere Hyänen neppen Arbeitslose. Winkeladvokaten nehmen ihnen die letzten Groschen ah. � Die begreifliche Erregung über die Kürzung der Unlerstühungs- fähe und die Unkenntnis des Arbeitslosen über den Rechtsweg nutzen unlautere Elemente zu ihren unsauberen Geschäften aus. In gut besuchten Lokalen in allen Gegenden der Stadt haben sich„Winkeladvokaten" niedergelassen, die gegen Entgelt für die Arbeitslosen Einsprüche gegen die Herabsetzung der Unter st ützungshöhe schreiben. Der Preis für einen Einspruch des angeblichen Gewerkschafters beträgt zwischen 16 Pfennig und 1 Mark. In Ausnahmefällen find diese Hyänen an den Arbeitslosen, die di« Notwendigkeit eines ordnungs- gemäßen Einspruchsschreibens immer wieder betonen, bereit, ihre Tätigkeit gegen Abgabe von Naturalien auszuführen. Mindest- naturalentgelt ist eine Molle. Die Arbeitslosen können nicht dringend genug davor gewarnt werden, solchen Elementen sich anzuvertrauen. Die Ausgabe für derartige Einsprüche ist bestimmt zwecklos. Das Recht des Einspruchs gegen die Kürzung oder Entziehung der Unterstützung hat jeder Arbeitslose innerhalb von 14 Tagen, nach- dem ihm der Bescheid über die Kürzung oder Entziehung zuge- gangen ist. Ueber Form und Inhalt des Einspruchs gibt es keine Bestimmungen. Es genügt vollkommen, wenn der Arbeitslose aus seinem Arbeitsamt ein an den Spruchausschuß des Arbeitsamtes gerichtetes Schreiben abgibt, in dem er gegen die Kürzung oder Entziehung Einspruch einlegt. Zweckdienlich ist es, neben dem Namen und Adresse noch den Beruf und die Aktennummer des Amtes anzugeben, die man auf der vorderen Seite der Stempel- karte unten links in der Ecke findet. Auf dieses Schreiben hin findet dann ein Termin statt, bei dem ein Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen mit dem Vorsitzenden des Arbeitsamtes über das ent- scheiden, was der Arbeitslose, der geladen werden muß, zur Er- klärung seines Einspruchs aussagt. Der teuer bezahlte und in grober Form gehaltene Einspruch des Winkeladvokaten ändert an diesem Versahren gar nichts. Höch- stens kann er die Richter gegen den Arbeitslosen einnehmen. Im Naturtheater Friedrichshagen findet am Sonntag, dem 7. August, zum letztenmal die Aufführung von Grillparzers„Des Meeres und der Liebe Wellen" zu volkstümlichen Preisen statt. Beginn 7 Uhr. Gesamte künstlerische Leitung: Jutta Grunert. ! Regie: E. Bruno Rings, Bühnenbilder: G. Roßteuscher. Schwierige Klugzeuglandung. Auf der Fahrt nach Berlin ein Bad verloren. Durch die Geistesgegenwärtigkeil und Geschicklichkeit eines Flugzeugführers ist gestern ein Flugzeug bei der Landung in Tempelhof vor großem Unheil bewahrt worden. Um 13.36 Uhr war in Leipzig die Maschine C. H. 166, die einer Schweizer Firma gehört, mit sieben Insassen, einem Bord- funker und dem Piloten Ackermann gestartet. Kurz nach dem Abflug löste sich ein Rad und stürzte in die Tiefe. Der Vorfall war von dem Piloten und dem Funker bemerkt worden. Die Flughafen- leitung in Tempelhof wurde von dem Unfall in Kenntnis gesetzt. Der Landung des um 14.33 Uhr über dem Flugfeld erscheinenden Apparates wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt: es gelang dem Piloten Ackermann jedoch, seine Maschine glücklich auf den Boden zu setzen. Die Passagiere erfuhren von dem Unfall erst. als sie die Kabine verlassen hatten. ZIachtwanderuna durch di« vergessenen Winkel Alt-B«rlini. Di« nächste Wanderung veranstaltet das Bezirksamt Schöneberg am Mittwoch, dem 10. August, unter Leitung Georg Bamberaers. Treffpunkt 20 Uhr im Ephraim. Haus, Poftstr. 10, Ecke Mtihlendamm. Teilnehmergebühr 1 M. OskAf NUS. f /w wy Diese Worte haben ihr wunderlich weh getan. Doch es waren Worre von ihm! Darum taten sie wohl, selbst wenn sie bis auf den Tod verwundeten. Aber sie hatte in jenem Augenblick ja gar nicht die Zeit, den Sinn seiner Worte bis zu Ende zu denken! Da er noch immer in Gefahr schwebte, war es das Wichtigste, ihn in Sicherheit zu bringen. Nichts ist einem liebenden Herzen unmöglich. Sie hat es oerstanden, ihm ein unauffindbares Versteck zu verschaffen und ihn dann im Trubel des Zuges aus der Stadt in eine Hütte der Vor- gärten zu schmuggeln. Sie ist für ihn auf dem Brühl die Kundschafterin gewesen. Sein Auge war sie, seine Hand... Und jetzt? Ein armes, erschüttertes Nichts ist sie, ein Ding ohne Zweck, ein Gewächs am Weg, angeschaut, abgerissen, achtlos weggeworfen! Nein, sie darf nicht ungerecht sein! Nein, Zizka hat sie nicht achtlos weggeworfen! Mit aller Be- hutsamkeit hat er sie von sich gelöst. Aber das ändert nichts daran, daß diese Loslösung für sie das Todesurteil bedeutet. Hätte er sie doch als Dienerin mitgenommen, als die niederste Magd! Jeden Dienst würde sie ihm getan haben. Nicht ein- mal zu sprechen hätte er brauchen. Gut, wenn er Soldat war und wirklich nicht aeschafsen, eines Weibes alleinzig zu fein, wenn er keine Zeit hatte, an Liebe zu denken, dies wenigstens hätte er ihr gestatten müssen, mit ihm die gleiche Luft zu atmen! Er hatte wie ein Kind geweint, als er von ihr das Ende seines Freundes Hus erfuhr. Da, beim Bericht über Jans Todesschrei, hatte er sein gepanzertes Herz abgetan und war wie ein weidwundes Tier an ihre bergende Brust gekrochen. Er weinte Verwünschungen und wollte Gottes Fluch und Strafgericht herniederzieyen auf alle, die das Werk dieses Scheiterhaufens verbrochen hatten. Doch kaum tausend Atem- züge danach hatte er an ihr genau so gehandelt, wie die grausamen, unbarmherzigen Widersacher an Hus. Er hat sie auf den Scheiterhaufen seiner Abschiedsworte gestellt. Er hat| ihr die Seele schlimmer als mit Feuer gepeinigt. Die Sterbensqual des Jan Hus war in einigen Minuten zu Ende. Ihre Qual dagegen wird dauern, solange noch ein Atemzug in ihren Lungen ist! Er hat ihr alles genommen, alles! Nicht einmal den Trost eines Wiedersehens hat er ihr ge- lassen!—„Wirst du nie nach Konstanz zurückkommen?" hatte sie ihn gefragt. Da leuchtete sein Auge in böser Glut:„Bete zu Gott, Mädchen, daß ich nie zurückkomme! Denn wenn ich käme, käme ich mit gewaffnetem Volk als Sturm und Feuer und Blut! Keinen Stein würde ich auf dem andern lassen an diesem verruchten Ort! Zu Pulver würde ich die Menschen und die Ziegel zermahlen und sie genau so ins fließende Wasser versenken, wie die papistischen Hunde die Asche meines Hus!" Hus! Zizkas Seele hat für nichts anderes Raum! Hus! Was für ein Hexenmeister ist doch dieser Mann ge- wesen, dieser bleiche, abgezehrte Magister! Er hat ja nicht nur Zizka, sondern alle böhmischen Herren verzaubert, alle, ohne Ausnahme! Hus! Eigentlich müßte sie ihn hassen! Ohne ihn würde es sicherlich in Zizkas Herz einen Winkel für sie geben! Hus! Und doch muß sie ihn segnen; denn ohne ihn würde ja Zizka niemals nach Konstanz gekommen sein! Hus! Sie weiß, die in der steinernen Arche kennen jetzt kein anderes Wort mehr als dieses! Doch sie wird es nie mehr hören; denn— dieser Entschluß kommt so schnell, so hell und grell über sie, wie der Lichtstrich eines schnuppen- den Sterns— sie wird nicht mehr dorthin zurückkehren. Das Haus der böhmischen Herren ist der Totenacker ihrer Liebe. Was soll sie noch dort, wo jeder Zoll sie an das Gestorbene erinnert? Der Nebel ist inzwischen weiß wie Linnen geworden. Von irgendwoher scheint das Mondlicht hinein in den wässrigen Dunst, und nun hebt er sich milchig und schwebt wie ein ungeheurer, wehender Schleier. Ein Schleier, wie ihn die jungen Nonnen bei ihrer Erstweihe tragen, wenn sie Verspruch und Hochzeit mit Christus, ihrem himmlischen Bräutigam, feiern. Luzia schwankt. Soll dieser wehende Nebel ein Zeichen sein? Soll auch sie den Schleier nehmen und der Welt, von der sie so grausam enttäuscht wurde, den Rücken kehren? Doch etwas in ihr sträubt sich dagegen. Sie vermag nicht Ruhe zu finden in Kasteiung, in entrückter Betrachtung, im Lob- > gesang, im frommen Gebet. Sie wird nie als Braut dem I Herrn des Himmels gehören. Denn stärker als Himmel und Welt, gewaltiger als Gottesmacht, lebt in ihr dieser Mann, der sie an seinem Herzen gehalten. Unvergeßlich wird ihr jene Stunde sein, herrlicher als alles Gottesglück. Darum kann sie nicht Rone werden. Nein, keine Flucht ins Kloster, das hieße nur Jefum Christum betrügen! Und doch, sie spürt, sie kann nicht den Weg in das bis- herige Leben zurück. Zu tief hat das erste Erlebnis ihres Herzens die Mauer des Herkommens und des Gewohnten zersprengt. Jetzt quellen aus den Trümmern die unnenn- baren Kräfte der Tiefe. Irgend etwas in ihr drängt sie zur Opferung, zur Aufgabe des eigenen Seins. Wieder flüchtet sie sich an Zizkas breitatmende Brust. Wieder hört sie des Hus-Zuges Sausen und Brausen, das Gewirr der unzähligen, in Todsehensbegier sich kippenden Stimmen. Noch einmal sagt sie zu dem Manne im Panzer: „O du, nimm mich!" Doch als ihr Mund verlangend sich öffnet, ihr Körper dem seinigen entgegendrängt, da, noch ehe eine Vereinigung zustande kommt, schwebt der unheim- liche violette Falter ins Zimmer, an langer Stange der Bettelbeutel aus priesterlichem Sammetgewand, und eine fürchterliche Stimme quäkt:„Christen, gebt Almosen! Christen, gebt Almosen!" Luzia blickt auf und sieht über Zizkas stäblerner Schulter im Fenster das furchtbare Gesicht Iakus, des Aussätzigen, als einziger gesunder Fleck ein Auge im vereiterten, fäulnis- zerfressenen Antlitz. Zizka vermag ihr Erbleichen und ihren erschreckten Aufschrei nicht zu deuten, denn er wendet dem Gesicht im Fenster den Rücken zu. Aber Luzia weiß jetzt, das war das Zeichen, das Gott ihr gab! Das wird ihr zukünftiges Leben sein, in das Haus des Aussatzes, in die Höhle des Ekels, zu gehen, Helferin diesen Aermsten der Armen zu sein, als Magd diesen Verlassensten der Verlassenen zu dienen! Nein, nicht mehr in die Stadt zurück! Nicht mehr in die Gesell- schuft der gesund sich wähnenden Menschen! Auch nicht in den Tod; denn alle Tode der Welt machen kein zerbrochenes Leben neu! Nein, in die Wirklichkeit hinein, da, wo sie am bösesten, am grausamsten ist! Da helfen und lindern, da Flamme sein und Licht in die dunkelsten Winkel tragen, bis endlich das eigene Lämplein erlischt! Luzia steht auf. Keine Minute länger will sie ihre Berufung versäumen. Sie sucht das Siechenhäus, aber sie tappt in der Irre im Dick- dunst des Nebels.(Fortsetzung folgt.) Erster Schulieg. Vorüber sind die schönen Tage, vorüber die großen Ferien. Der erste Schultag wurde natürlich redlich ausgenützt, um Ferienerleb- niffe auszutauschen. Spiel war während der Freizeit Nebensache; man sah nur Gruppen in angeregter Unterhaltung. Lebhafte Meinungsverschiedenheiten gab es darüber, wo es am schönsten war.„Ach, es geht doch nichts über die See", sagten die einen.„Es gibt nichts Herrlicheres als das Gebirge", meinten die anderen.„Am schönsten ist es aber in der Heide", urteilt ein zwölfjähriges Mädchen, dem eine gleichaltrige Schulkollegin ent- gegnet:„Nein, am allerschönsten ist es tn einem Dorf." Nicht ein- verstanden mit all diesen Urteilen war ein achtjähriges Mädchen, das meinte:„Am schönsten war es die fünf Wochen bei meiner Großmutter im Weddtng." Diesen Meinungs- Verschiedenheiten machte eine Zwölfjährige ein Ende, die ihr Urteil dahin abgab:„Es ist überall schön." Das Kind hat nicht ganz unrecht. Der Mensch muß nur für alles Schöne Sinn und Ver- ftändni» haben und dafür empfänglich fein. Reger Gedankenaus- tausch fand auch über das Körpergewicht statt. Da hat ein schmächtig aussehendes Mädchen sechs Pfund zugenommen— und ihr Auge strahlte vor Freude. Nicht minder groß aber war die Freude eines anderen zwölfjährigen Mädchens, das neun Pfund a b genom- men hat. Die kann es vertragen! Denn sie wiegt mit ihren zwölf Iahren jetzt noch III Pfund! Viel stöhlich lachende, sorglose, in der Erinnerung schwelgende Jugend gab es gestern noch in den Berliner Schuleü. Stiefbruder und Stiefschwester. Gittlichkeitsvergehen gehören nicht vor das Schnell- fchöffengericht. An dieser Stelle ist wiederholt erklärt worden, daß Sittlichkeits- oergehen nicht vor das Schnellschöffengericht gehören. Die Richtigkeit dieser Behauptung fand neulich in einer Verhandlung eine schlagende Illustration. Der 2Ajährige Bäcker M. ist uneheliches Kind. Sein Vater, ein Kaufmann, hat mit Selbstmord geendet, sein Großvater ist in der Irrenanstalt gestorben. Er wurde von den Großeltern aus- gezogen. Im Alter von 21 Iahren, also im Jahre 192S, kam«r nach Berlin zur Mutter. Sie hatte unterdes den verwitweten Pflege- oater ihres zweiten unehelichen Kindes geheiratet. Der 21jährige Hans lernte erst jetzt seine 16jährig« Stiefschwester Gertrud kennen, ein geistig zurückgebliebenes Mädchen. Zwischen den jungen Leuten entwickelte sich ein Liebesverhältnis. Hans aber hatte Gewissensbisse: der Mutter fiel sein verändertes Wesen auf, im Jahre 1926 unternahm er kurz hintereinander zwei S e l b st m o r d- versuche. Im Jahre 1927 wurde Gertrud schwanger. Die Mutter war außer sich, die Tochter schenkte ihr reinen Wein ein. Hans mußte aus dem Hause, das Kind wurde von fremden Leuten adoptiert. Die strafbaren Beziehungen der beiden jungen Leute blieben das sorgsam gehütete Geheimnis der Famile M. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wurde aber mit der Zeit immer schlechter. Als die Mutter im Februar d. I. einen Neroenzusammen- bruch erlitt und in die Irrenanstalt Herzberge gebracht werden mußte, zog Hans wieder zur Schwester. Der Vater war inzwischen gestorben. Die verbotenen Beziehungen wurden neu aufgenommen. Als die Mutter heimkehrte, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen und zu Tätlichkeiten. Nun erstattete die Mutter Anzeige wegen Blutschande und Körperverletzung. So standen Stiefschwester und Stiefbruder, der letztere aus der Haft vorgeführt, vor Gericht. Der erste Eindruck von i h m war, das ist kein geistig normaler Mensch. Die außerordentliche Geistesbeschränktheit der Gertrud lag außer Zweifel. S i e wollte sich der Strafbarkeit ihrer Handlungen nicht bewußt gewesen sein. Er erklärte zu wissen, daß er bestrast werden müsse. Der Staatsanwalt äußerte im Plädoyer seine Be- denken, ob es nicht richtig wäre, beide Angeklagten auf ihren Geisteszustand untersuchen zu lassen. Er berief sich dabei auf den Bericht der S o zi a l e n G e r i ch t s h i l f e, den er erst am Morgen des Verhandlungstages erhallen hatte. Für den Fall, daß das Gericht eine Untersuchung des Geisteszustandes nicht für erforderlich hallen sollte, beantrage er gegen die Angeklagten wegen Blutschande je drei Monate Gefängnis. Während der Beratung schickte der Staatsanwalt dem Gericht einen Zettel ins Beratungs- zimmer, in dem er nerneut seine Bedenken vorbrachte. Die Leiterin der Sozialen Gerichtshilfe hat unterdessen mit der Gertrud gs- sprpchen und neue Tatsachen festgestellt. Das Gericht beschloß, die Verhandlung zu vertagen und Sanitätsrat Dr. Leppmann mit der Untersuchung des Geisteszustandes der Angeklagten zu beauftragen. Die Soziale Gerichtshilfe, deren Teilnahme an den Schnell- schöffengerichtssachen der„Vorwärts" seit jeher forderte, hat sich in diesem Falle außerordentlich bewährt. Der Ränber-Chauffenr festaenommen. Der 33 Jahre alte Kraftwagenführer Bruno Bauer, der in der vergangenen Nacht seinem Fahrgast— einem Kaufmann— im Grunewald 00 Mark geraubt hatte, konnte von Beamten des Raubdezernats in seiner Wohnung festgenommen werden. Bei seiner Vernehmung bestritt er zunächst jede Raubabsicht, gab aber Dünengebicie um Berlin. ffanäeranäen ml äeß Sparen der Eiszeli.- Wunder im Dinensande. Wenn man in Deutschland von Dünen spricht, so denken die meisten an die Gebiete der Frischen Nehrung und Kurischen Nehrung am Rande der Ostfeeküste. Die Dünen dort sind durch den von der See her wehenden Wind entstanden und in ihrem Aufbau sowie in ihrer Form von den Linnendünen im Gebiete Berlins grundsätz- lich verschieden. Dennoch wird man bei einer Wanderung in den Berliner Dünengebieten lebhaft an die Kurische Nehrung erinnert: Hier wie dort setzt der Wind den vom Pslanzenwuchs entblößten Dünen bei Picheiswerder neue Lanüschaftsbilder, die stetem Sand in Bewegung und schafft Wechsel unterworfen sind. I. Eine der charaktervollsten Dünenlandschasten finden wir in der Nähe von H e i l i g e n s e e. Hier steht etwas landeinwärts eine Düne, von deren Höhe man einen weiten Blick in die Umgebung genießt. Vor uns liegt das Berliner Dorf Heiligensee, der Hellige See selbst, im Hintergrund die Havel und die von Wald gesäumten jenseitigen Ufer. Auf der anderen Seit« die Tegeler Forst mit ihrem bewaldeten Dünengeländ«. An windigen Tagen ist hier der Sand in Bewegung, so, wie es früher in den Rehbergen war, die erst durch die unter sozialistischer Leitung erfolgte Umwandlung in «inen mustergültigen Volkspark zur Ruhe gekommen sind. An den Besuch dieses Dünengebietes, das feine eigenen Reize hat, kann man eine hübsche Wanderung über Sandhausen durch die Tegeler Forst nach Tegel anschließen. Sehr empfehlenswert ist auch ein Besuch des Freibades von Heiligensee. II. Ein« andere unbewalöete Dünenlandschaft liegt im Südosten Berlins am Seddinsse: Der G o s e n e r B e r g. Er ist leicht mit der„Elektrischen", Linie 86 und 188, zu erreichen. Die Bahn endet in Schmöckwitz. Dann wandern wir über die Schmöckwitzer Brücke, entweder am User des Soddinsees entlang und dann rechts am Spree-Oder-Kanal bis zu der rotgestrichenen Brücke, oder auf dem direkt zu dieser Brücke führenden Fahrweg. Wir überschreiten die Brücke und erreichen nach einer Viertelstunde den Fuß des Gosener Berges. Hier kann man das Wirken des Windes besonders gut erkennen. Verschüttete Bäume, bloßgelegte Wurzeln erzählen von ihm. Jedes Grasbüschel dient hier als Sandfängsr. Wer auf- merksamer den Berg betrachtet, wird finden, daß auf der Höhe der grobe Sand liegt, während der feinkörnige vom Winde entführt wurde. Eine unter dem freien Himmelszell aufgebaute Sichtanlage, «tn guter Anschauungsunterricht für den Vorgang der Dünenbildung überhaupt. Es empfiehlt sich, von der Höhe des Gosener Berges über Gosen und Neu-Zittau nach Erkner zu wandern und von hier die Heimfahrt anzutreten. Man kann natürlich auch nach Grünau wandern oder mit dem Dampfer zurückfahren. III. Von Rahnsdorf aus(Straßenbahnlinie 187) erreichen wir leicht das Gebiet der P ü t t b e r g e. Von der Straßenbahnhalte- stelle aus führt die Fürstenwalder und bald darauf die Hohen- zollernstraße mitten in dieses Dünengsbiet, dessen sich in den letzten Jahren immer mehr die Siedlung bemächtigt hat. Auf der Höhe der Püttberge steht heute ein Denkmol zum Andenken an die Kriegsgefallenen. Hier handell es sich wie bei den Gosener Bergen um Endmoränen, die im Ausgang der letzten Eiszell entstanden sind. Diese Sandhügel sind auf den ebenen Talsand aufgesetzt worden und durch ihre Unfruchtbarkeit gekennzeichnet. Die Siedler sind hier um die Kulturarbeit, die sie leisten, wirklich nicht zu be- neiden. IV. Sehr interessante Dünenbildung kann man in den Müggel- bergen auf dem Gebiet der sogenannten Kanonenberge beob» achten. Straßenbahnlinie 83 bis Wendenschloß, dann durch die Goethestraße zum Wald. Von hier in etwa einer Viertelstunde zu den Kanonenbergen, die früher Militärübungsgelände waren. Weitere Dünenbildungen lassen sich auf dem Pichelswerder und am Großen Fenster in der Nähe von Schwanenwerder im Gebiet der Havel beobachten. Die Theorie der Dünenbildung ist bis heute noch nicht einwandfrei geklärt. Die Wissenschaft hat hier noch Probleme zu lösen. Wer offenen Auges durch die Land- schaft wandert, wird innner neu« Wunder finden, und sei es selbst im Dünensande. schließlich zu. ihn um 50 Mark erleichtert zu haben. Der Kaufmann hätte ihm angeblich die Bezahlung der Fahrt verweigert, und aus diesem Grunde hätte er sich gezwungen gesehen, zu seinem Gelds gewaltsam zu kommen. Der Kampf um die Schuld. Wie es zur Lerhafiung des Gattenmörders kam. Die vielen Spuren, die die Mordkommission bei der Ausklärung des Frauenmordes in der Schönhauser Allee versolgke, kenn- len bald zuriickgeskellt werden, da eigentlich nur ein einziger Mensch für die Tat in Frage kam: der Ehemann der Frau Vier- h u ß. In mühsamer Kleinarbeit sammelte die Komifsion Beweis- Material gegen ihn und führte ihn gestern dem Untersuchungsrichter vor. Zwischen B i e r h u ß und seiner Frau drehte es sich in erster Linie darum, wer von beiiden bei der S ch e i b u n g s k l a g e die Schuld auf sich nehmen sollte. Vierhuß war es, der die Klage ein- reichte, weil ihm seine Frau angeblich untreu war. Frau Vierhuß ihrerseits reichte später auch eine Klage ein. Sie hatte festgestellt, daß ihr Mann wiederholt Heiratsinserate verfolgte und Anschluß an vereinsamte Frauen suchte. Als sie die bisher gemeinsame Wohnung in der Stallfchreibersrraße verließ, nahm sich V. eine Wirtschafterin. Mit seiner Frau verließ gleichzeitig die Nichte die Wohnung, die bisher dort gewohnt hatte und über zwei Jahre hindurch von D. mißbraucht worden war. Der Ehemann hatte nun einmal versucht, seine Frau zu bewegen, die Schuld an den ehelichen Zerwürfnissen ftrltöHUc bfirgerlidie M lenzen. Prozesse um Nidiii�keiien. Einst war er Major, jetzt ist er a. D. Ade ist auch ein Teil seiner bürgerlichen Moral. Er hat sich von Kempinski Sekt kommen lassen und nicht bezahlt. Das ist Betrug, lieber ein Jahr ist darüber hinweggegangen, die 13 M. schuldet er heute noch. Zwischen dem Angeklagten, dem Richter und dem Staatsanwalt entspinnen sich folgende Dialoge: Wie können Sie sich in eine solche Lage bringen? Was machen wir nun mit Ihnen? Solche Dummheiten in Ihrem Alter. Haben Sie wenig- stene die 13 M. schon bezahlt?— Nein Am 10. August werde ich die Sache begleichen.— Haben Sie Beschäftigung?— Nein, ich bin berufslos.— Wie hoch ist Ihre Pension?— 300 M. monatlich.— Und da konnten Sie bis jetzt die 13 M. nicht bezahlen?— Meine Frau ist gestorben, das hat mich viel Geld gekostet. Dann war eines meiner Kinder lange trank.. Der Vorsitzende zum Staatsanwall: Sollen wir das Verfahren nicht einstellen, wenn der Angeklagte die Schuld begleicht? Staatsanwalt: Wenn es nachher aber nicht klappt? — Der Richter: Sie sind übrigens schon einmal wegen Betruges bestraft. Sie haben 100 M. Geldstrafe bekommen! Was war das? — Ich habe Geld geliehen und nicht zurückgegeben.— Sie haben auch einen Offenbarungseid leisten müssen, ein Tell Ihrer Pension ist gepfändet. Sie wollen also bezahlen?— Ja.— Wir werden die Verhandlung auf einen Monat oertagen. Legen Sie uns bis zum 15. August die Ausgleichsquittung vor, so kann das Verfahren mit Zustimmung des Staatsanwalts eingestellt werden. Einst war ihr Mann Besitzer eines der größten Berliner Restaurants, jetzt oermietet sie von ihren vier Zimmern zwei. Mit den 32 M. Wohlfahrtsunterstützung hat sie 100 M. zum Leben. Sie zählt 60 Jahre, hadert nicht mit ihrem Schicksal und führt auch jetzt noch nach außen hin den Schein einer bürgerlichen Existenz. Sie steht zum erstenmal vor dem Richter. Wegen Diebstahls. 1,20 M. betrug der Wert der Himbeerflasche, die sie gestohlen haben soll.„Ich habe die Himbeerflasche nicht gestohlen." Doch, sie hat die Himbeerflaschc gestohlen, sagt die Zeugin. Als sie an der Tür war, polterte etwas und eine Himbesrsaftflasche fiel zu Boden, die ganz wo anders gestanden hatte. Ich verlangte, daß sie die Flasche be- zahle, sie weigerte sich, da erstattete ich Anzeige.— Nein, ich habe die Flasche mit Himbeersaft nicht geltoylen. Ich hatte mein Netz mit Einkäufen bei den Himbeersaftflafchen hingestellt, eine blieb im Netz hängen, ohne daß ich es gemerkt habe, an der Tür fiel sie zu Boden.— Sie müssen doch zugeben, daß das Ganze sehr eigen- tümlich ist, meinte der Richter.— Tut mir sehr leid, Herr Richter, wenn Sie mir das nicht glauben. Der Verteidiger vermittelt: die Angeklagte soll die 1,20 M. heute noch bezahlen, damit das Ver- fahren eingestellt werden kann. Sie bezahlt die 1,20 M. Auf Antrag des Staatsanwalts wird das Verfahren eingestellt. auf sich zu nehmen. Er schrieb dos in einem Brief. Wäre er schuldig geschrieben worden, hätte er Alimente zahlen müssen. So kam es, daß er der Wirtschafterin gegenüber einmal die Aeußerung tat:„Wenn sie die Sckpild nicht auf sich nimmt, dann muß sie eben dran glauben." Man vermutete, daß sich V. den verräterischen Brief an seine Frau zurückholen wollte, da er ihn bei der Klage belastet hätte In diesem Kampfe um die Schuld ist Frau Vierhuß von ihrem Mann getötet worden. Oer Tote aus der Spree festgestellt. Der unbekannte Tote, der mit Kopfverletzungen kürzlich vor dem Grundstück Köpenicker Str.<18 aus der Spree gezogen wurde. ist als ein 28 Jahre alter Arbeiter Leo Domanski festgestellt. Domanski wohnte in der Caprivistroße. Er hat am Sonntagabend seine Wohnung verlassen. Die genaue Todesursache muß erst die heutige Obduktion ergeben. Der Tod aus den Wolken. Fünf Menschen durch Blihe erschlagen, zwölf schwer verletzt. Warschau und Umgebung wurden am Mittwoch nachmittag von einem außerordentlich heftigen Gewitter, das befon- ders Im Bezirk£ u k o w wütete, heimgesucht. Durch Blitzschläge fanden insgesamt fünf Menschen den Tod und weitere zwölf haben zum Teil sehr schwere verlehuogen davongetragen. So schlug in dem Orte Gronzowka der Blitz in«ine Gruppe von acht Kindern ein, von denen eines sofort ge- tötet und die übrigen sieben schwer verletzt wurden. Ebenso schlug der Blitz in der Nähe des Gutshofes K u j a w y in einen Getreide- schober ein. Unter dem Dach des Getreideschobers befanden sich sieben Landarbeiter, die vor dem Regenguß dorthin ge- flüchtet waren. Zwei Landarbeiter erlitten den Tod und die fünf anderen mutzten mit schweren Verletzungen ärztliche Hilfe in An- spruch nehmen. In verschiedenen Gegenden sind große Mengen Erntegut vernichtet worden. An einigen Stellen sind Häuser durch Blitzschläge in Brand geraten. Tragödie im Dorf. Drei Todesopfer nach einem Kinderstreit. Bukarest, 5. August. 3n der besfarabischen Gemeinde S k u l a n y hak sich gestern eine entfehliche Familienkragödie abgespielt. Ein Einwohner hatte sich mit seiner Frau zu einer Hochzeil begeben und seine drei Sinder. eine dreizehnjährige Tochter und zwei Söhne im Alier von 12 und 15 Jahren, zu hause zurückgelassen. Zwischen den Brüdern entstand beim Spielen ein Streit, in dessen verlaus der Aeltere seinen Bruder mit einem Hammer erschlug. Die Schwester wurde beim Anblick der£eiche w a ha s i n n i g. Als die Eltern zurückkehrten und das tole Sind fanden, verübte die Mutter iu ihrer Verzweiflung Selbstmord. Der ältere Knabe, der inzwischen geflüchtet war, wurde später in einem Teich in der Bähe des Dorfes als Deiche aufgefunden. Das Ehepaar Georg>md Elise Grün begeht am 8. August im Hospital Buch-Ost das seltene Fest der Diamantenen Hochzeit. Seit Be, steheu der sozialdemokratischen Presse ist das Ehepaar Leser dieser Presse. Die grei Hoiftsntbiflder aus Berlin.- Die Zuchtrute der Weltkrise hat in ihrem tollen Wirbel das unterste zu oberst gekehrt. Fabriken und Werkstätten sind leergefegt, während auf Arbeitsämtern und FLrsorgestellen drangvolle Enge herrscht. Stätten, die vor zwei, drei Jahren noch Zeugnis ablegten für den Pulsschlag Berlins, scheinen wie ausgestorben. Versiegter AuSwandsrerstrom. Da war ein Auswanderersaal an der Ostseite des Ech lesischen Bahnhofs. Tag um Tag türmten sich dort die Kisten und Kasten, tausende litauischer, slowakischer und polnischer Bauersleute traten von hier aus den Weg in die weite Welt an. Jetzt ist keine Maus mehr in dem geräumigen Saal. Man hat die große Leere benutzt, um den Saal neu herzurichten. Die Wände �flnd bordeauxrot getüncht, die bunten Plakate der Schiffahrtsgesell- schaften, die den Auswanderer lockten, nicht mit der Konkurrenz in die neue Heimat zu fahren, hat man ins Feuer gesteckt und nur noch die glasumrahmten Bilder des Bremer Lloyd sind für würdig be- funden worden, von den Leuten aus der Walachei und aus Wolhynien betrachtet zu werden. Aber es ist niemand mehr da, der sie sich anschaute. Seitdem irgendein Kurssturz an der New-Porker Börse geeignet ist, die Lebenshaltung balkanischsr Bauern zu er- schüttern, ist der große Auswanderer ström versiegt, und die Einwanderungsverbote der neuen Welt haben ein übriges getan, zumal dort drüben, wo der Kaffee ins Meer und der Weizen ins Feuer fliegt, selbst Scheiben trockenen Brotes rar geworden sind. So ist niemand mehr im Saal, der die Bekanntmachungen in jiddischer, russischer, polnischer und tschechischer Sprache liest, der Hahn mit dem heißen Wasser für den Tee läuft nicht mehr, der Auewanderungsbeamte liest die Zeitung und auf die langen Tische, an denen einst Mütter saßen, die ihre Jüngsten säugten, hat man die Stühle und Bänke gestülpt. -Sonnige Zweizimmer-Wohnung." Daß es 10- und K-Zimmerwohnungen zu mieten gibt, ist kein Geheimnis, daß es Geschäftsräume und Läden zu mieten gibt, ist keine Neuigkeit, aber daß heute bereits Zweizimmer- Wohnungen kaum zu vermieten sind, das mag der Rede wert sein. In den Proletarierquartieren des Berliner Süd- ostens hängt vor jedem Haus jenes rotschwarze Schild:„Zu vermieten", Schilder, die die Jahrgänge 1914 bis 1930 nur vom Hören- sagen gekannt haben. Eine wilde Konkurrenz hat sich dort aufgetan, le leere. Streifzug von Ost nach West. die erste Zweizimmer-Wohnung wird als sonnig angepriesen, von der zweiten wird der dazugehörige Balkon gelobt, die dritte hat noch eine große Kammer dazu und so geht es weiter fort. Große rote Plakate haben die Hauswirte, die mehrere Häuser besitzen, in den verschiedensten Stadtgegenden anschlagen lassen, und aus diesen Plakaten preisen sie ihre Ein-, Zwei- und Dreizimmer-Wohnungen an zum regulären Preis und sofort beziehbar. Nicht einmal mehr die geheiligten Umzugstermine vom April und Oktober werden ein- gehalten, all diese Kleinwohnungen sind zum 1. September zu haben. Bis der letzte Groschen abgewohnt war, haben die alten Mieter in ihren Wohnungen ausgehalten, als es nicht mehr ging, sind sie fortgemacht, zum Verwandten, auf die Laube, in die Sied- lung oder gar ganz zurück in die alte Heimat. Und es ist ja auch klar: jetzt sind sie langsam bald alle in der Wohlfahrt, und wer da 8 oder 10 M. wöchentlich für die Seinen erhält, der kann keine Stadtmiete mehr zahlen, auch wenn die Wohnungen nur zwei Zimmer groß sind. Oer Blick zum Hafen Dann gab es ein wunderschönes Blickfeld am Westrand der Stadt: Oben auf der Putlitzbrücke mußt« man stehen und hinunterschauen zum Westhasen, die große Ladestraße entlang, am Getreidespeicher vorbei, bis der Zollspeicher das Bild abschloß. Da war Leben. Oder in der großen Halle II des Hafens, die sich der Herr Henry Ford aus Detroit für seine Motor Company gemietet hatte. Da kamen in ununterbrochener Folge die Autoteile frisch vom Wasser in die Halle, ein paar Stunden lang ruckten sie übers Fließband, um am anderen Ende der Holle auf Glanz lackiert als neugebackene Autos das Tor zu verlassen. Das waren noch Zeiten. Heute sind die Tore verschlossen, in jener Halle wird nur noch dann und wann ein Lincolnwagen repariert: am Getreidespeicher geht ein Schiffer vorbei und meint, wenn er doch wenigstens einen Scheffel Getreide zu fahren hätte: auf dem großen Kieslagerplatz liegen ein paar Häufchen Sand so niedrig, wie die Konjunkturkurve des Bauaewerbes niedrig verläuft, und wer dann weiter gehen wollte nach Plötzensee zur Schleuse, dem wird der SHleusenmeister sein Klagelied anstimmen, wie er sich vor zwei Jahren noch Brüschen in den Kopf gerannt hat: bis in die Nacht gingen die Schleusen und jetzt kann er sich sein Pfeifchen anstecken und muß warten, bis jemand ans Fenster pocht, der nach„Berlin oberhalb" will. Brücke zur Verstandiguug. Schüleraustausch auch von Familie zu Familie. lieber Austauschverschickungen Berliner Kinder nach Frank- reich und umgekehrt hat der„Vorwärts" mehrfach berichtet. Die Berliner Schulverwaltung bewirkt diesen Austausch ganzer Klassen oder Schulgruppen. Daneben wird mit bestem Erfolg seit Jahren vom Landes- Wohlfahrts- und Jugendamt der Stadt Berlin ein Schüleraustausch von Familie zu Familie durchgeführt. Dabei arbeitet die Stadt Berlin zusammen mit dem deutsch-franzö- fischen Schüleraustauschdienst in Stuttgart und mit der Deutschen Liga.für Menschenrecht« in Berlin. Auch in diesem Jahre nahmen 110 Berliner und die gleiche Anzahl französischer Schülerinnen und Schüler am Austausch von Familie zu Familie teil. Nachdem die Berliner Jugendlichen zunächst bei den französischen Familien auf- genommen wurden, kehren sie jetzt nach Ablauf der Ferien mit ihren französischen Austauschpartnern nach Berlin zurück. Beide Gruppen von Austauschschülern trafen am 3. August 1932 in Berlin, Bahnhof Friedrichstratze mit dem Zug 13.16 Uhr, ein. Todesopfer des Fahrdammes. Gestern nachmittag ereigneten sich eine Reihe von schweren Verkehrsunfällen, die zwei Todesopfer und mshere Schwerverletzte gefordert haben. Vor dem Rat- Haus am Rudolf-Wilde-Platz in Schöneberg wurde die 76 Jahre alte Frau Auguste Höhne aus der Albertstraße in Schöneberg von einem in schneller Fahrt herankommenden Prioatauto überfahren. Der Führer des Wagens kümmerte sich nicht um die Verletzte, hielt aber einige Straßenzüge weiter sein Fahrzeug an und lief da- von. Der Wagen, der vermutlich gestohlen worden ist, wurde sichergestellt. Die Schwerverletzte wurde sterbend ins St.-Norbert- Krankenhaus eingeliefert.— In Köpenick raste der 23jährige Motor- radfahrer Willi S ch w e b l e r aus der Wrangelstraße 86 mit seinem MM.m QiUüg bis 14. vm. 1052 Segen Clhgabe dieses Gutsdiei/ts Sie üi jedem Stigdemgeschäft i iOpienla Stjm" i Im Hdeeie voru 10(P/g. mü SM- od.&h/ie JMstck. t !„ OneniöJ' gUgdJcetimfddxHJc• I Q.M.b-.dP.'dövesd&i-CL.QI. Frati, eire italienische Opernsängerin, bringt ein paar Arien vollendet zu Gehör. A u s s i e und C z e ch, ein Mann mit einer Peitsche, zeigt verblüffende Cowboytricks. Explosion einer Erdölraffinerie. Zehn Werksangehörige verlehi Zm Sompressorgebäude der Deutschen Erdölraffinerie sDeurag) in Misburg ereignete sich heute um 8 Uhr bei der Reinigung eines Venzingaskompressors eine Explosion. Durch Stich- flammen erlitten zehn Werksangehörige Verletzungen. Zwei schwerer Verletzte muhten dem Krankenhaus zugeführt werden. Lebensgefahr besteht jedoch nicht. Das Feuer kannte in kurzer Zeit gelöscht werden. AUgemdne Wetterlage. Fahrzeug gegen einen Baum. Sch. stürzt« so unglücklich, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Außerdem wurden fünf Personen, die unter die Räder von Autos und Motorräder geroten waren, schwer- verletzt in die Krankenhäuser übergeführt. Nächtliche Piratenjagd auf dem Wanusee. In der Nacht zum Freitag kam es auf dem W a n n f e e zu einer aufregenden Jagd nach Havelpiraten. Klubangehörige des Akademischen Wassersportoereins bei Nikolassee verfolgten in einem Motorboot eine Piratenbande und tonnten sie am Haveleck bei Kladow überholen. Das Motorboot wurde zum Halten gebracht und ins Schlepptau genommen. Die Diebe wurden später der Krimi- nalpolizei übergeben. Es ist eine dreiköpfige Kolonne, die unter Führung eines 23 Jahrs alten Johann Franke aus der Wein- meisterstraße in Berlin stand. Scala spielt wieder. Der Saisonbeginn der Scala erfüllt die hochgespanntesten Er- Wartungen. Ein ganzes Planetarium voller Sterne hat sich zu- sammengefunden, um ihn würdig zu begehen. Und alle werden angesagt von Adolf Gondrell, der die Wege der bisher üblichen Conference mit eigenen Einfällen vertauscht hat. Jeder aktuelle Witz ist scharf pointiert und schlägt ein. Und dann ist C l a i r e W a l d o f f wieder einmal aus dem Kabarett ins Variete herüber- gewechselt. Mit den neuen Sachen ist es nichts, aber wenn die alt- bekannten Schlager an die Reihe kommen, die Schlager, die eben nur sie so singen kann, will der Beifall kein Ende nehmen. Ein Trapezkünstler mit nicht zu überbietendem Wagemut ist Enos Frazere Lucille Page mit ihrem Dinosaurus aus Pappe ist eine reizende akrobatische Tänzerin, das Ungeheuer aber, das sie nach amerikanischem Rezept trägt, kann sie sich hier ruhig schenken. Die Musikclowns Cairoli, Porto und C a r l e t t o stellen ein Trio, das geladen ist mit den lustigsten Einfällen, und ein ebenso gutes Stepptrio ist Falls, Reading und B o y c e, die außer- dem ganz hervorragende Parterreakrobatik ausführen. Mara Während der letzten 24 Stunden verlief das Wetter in ganz Deutschland wesentlich freundlicher als am Vortage. Der Himmel war teils wolkig, teils heiter, und es kam nur noch im Süden des Reiches zu einzelnen mäßigen Rsgenfällen. Die Temperaturen lagen aber weiterhin verhältnismäßig niedrig. Meist erhob sich das Thermometer nur wenig über 20 Grad Celsius. Ueber Mittel- und Westeuropa geht zur Zeit anhaltender schwacher Lufidruckanstieg vor sich. Damit kräftigt sich der nach Deutschland reichende Ausläufer des Azorenhochs weiter, so daß wir für die nächsten beiden Tage mit ziemlich heiterem Wetter rechnen dürfen. Wetteraussichten für Verlin: Teils wolkig, teils heiter und am Tage etwas wärmer, keine nennenswerten Niederschläge, meist schwache Winde aus West bis Nordwest.— Für Deutschland, lieber- all mäßig warm und ziemlich heiter ohne wesentliche Niederschläge. Vorträge, Vereine und Versammlungen Arbeiter-Samariier-Vund e. v., Kolonne Berlin. � Eeschältsstelle: NO. 43. Iostystr. 4. Telcphou: E 3 Aöaigstadt 5440. ;/ Freitag, 12. August, 20 Uhr, in der Geschäftsstelle Lichtbildervortrag: „Marl Brandenburg"(für Jugendliche). Zahlreiches Erscheinen ,st erwünscht.— Mitgliederversammlungen: Sonnabend, 6. August. Spandau: Lolal Suple, Lutherplatz 5.— Montag, 8. August. Neuliilln: Lolal Sauer, Pannierstr. 54.— Köpenick: Lolal Krüger, Schönerlinder Strotze.— Bohnsdorf: Lokal Heimann. Waltersdorfer Straße..— Wcitzensce: Lolal Bohacek, Wilhelmstr. 29.— Dienstag, 9. August. Fricdrichshain: Lolal Bauer, Tilsiter Stratze 27.— Wilmersdorf: Lokal Mesack, Eastelner Str. 28.— Schöneberg: Lokal Gehrke, Ebcrsstr. SS.— Hermsdorf: Schule Freiherr.v.-Stein-Stratze.— Donnerstag, ll. August. Wedding: Lolal Duwe, schulstr. 199,— Panlow: Ju. g-ndheim Kissingensiratze.— Schöneweide: Säuglingsheim Grünauer Str. Ib. — Freitag, 12. August. Tiergarten: Lokal Malonel, Lübecker Str. 3.— Kreuz» berg: Lokal Krepp, Am Urban 25.— Steglitz: Lokal Rohde, Lichterfelde, Roon- stratze.— Tempelhof: Lokal Lindisch, Königstr. 44.— Neukölln: Britz. Hanne. mannstr. 40.— Trevtow: Lokal Dohling, Elsenstr. 100.— Lichtenberg: Lokal Seipke, Kronprinzenstratze.— Montag, 15. August. Jugend: Geschäftsstelle. Josttzstr. 4.— Dienstag, IS. August. Prenzlauer Berg: Schule Kastanien. ollee 81—83.— Montag, 22. August. Adlershof: Baracke Friedlanderstratze.— Dienstag. 23. August. Mitte: Schule Gipsstratze. Reichsverciniguaa ehem. Kriegsgefangener, Gruppe Berlin, Norden 2. Sitzung jeden 1. Sonnabend im Monat bei Hemperich, Bornholmer Ecke Malmoer Stratze<20 Uhr). Nächste Sitzung Sonnabend, S. August. Sterbetafel de? Groß-Verliner Vartei- Organisation Die Apoiheke meldet sich: Sieht man zunächst von den wissenschaftlichen und fabrikoto- rischen Aufgaben auf dem Gebiet öer cheilmittelherstellung und der cheilmitteluntersuchung ab, so läßt sich das rein oerkaufstechnische Arbeitsfeld einer Apotheke für den Laien in drei Teile gliedern- Einmal in die Herstellung von Arzneien nach den Rezep- ten des Arztes, dann in den Verkauf von sogenannten Arznei- spezialitäten, d. h, fabrikmäßig hergestellten und in sesten Packungen auf den Markt gebrachten Arzneimitteln, und endlich in den so- genannten Handverkauf von Kräutern, Tees, Chemikalien, Drogen usw. Wie steht es nun mit dem Verkauf der Arzneispezialitäten? Diese Erzeugnisse, z. B. Aspirin, Pyramidon, Eu-med usw., sind fa bekanntlich, bis auf ganz wenig« Ausnahmen, der Abgabe in Apotheken vorbehalten. Zuverlässige Auskunft über Zusammen- setzung und Wirkung kann also nur der Fachmann, der Apotheker, erteilen, der auch in der Lage ist, auf Grund seiner Wissenschaft- lichen Kenntnisse und mit Hilfe der Untersuchungsapparaturen in seinem Laboratorium etwaige Zersetzungen oder die Wirkung be- einrrächtigende Veränderungen festzustellen, die durch zu langes Lagern, durch Fabrikationsfehler usw. eintreten können. Denn das ist es ja gerade, was den Apotheker von allen anderen Arznei- mittelverkäufern unterscheidet, daß er für die Güte und Reinheit der von ihm verkauften Erzeugnisse verantwortlich ist. Damit sind wir bei dem dritten Aufgabengebiet des Apothekers, beim Handverkauf von Drogen, pflanzlichen Heilmitteln usw. Während es sonst jedem Kaufmann freisteht, welche Qualitäten er verkaust, genießt der Apotheker diese Freizügigkeit nicht. Ihm wird in Gestalt eines dickleibigen Buches, des Deutschen Arznei- b u ch e s, für die weitaus meisten Waren seines Lagers genau vorgeschrieben, welche Qualität er abgeben darf, und serner/ nach welchen wissenschaftlichen Methoden er alle diese Waren, die er von Grossisten bezieht, zu prüfen hat, ob sie der vorgeschriebenen Qualität entsprechen, ehe er sie in die Standgefäße abfüllt, um sie an das Publikum weiterzugeben. Volksstndentenheim der sozialiftischen Studenten. Die Berliner Sozialistische Studentenschaft unterhält seit April dieses Jahres in der L u i s e n st r. 19 ein Wo h n h e i m für Ar- beiter- und Werkstudenten. Der Berliner Verein für Volksstudentenheime ist der Träger dieses Heimes, dessen Zweck es ist, mittellosen Studenten aus dem werktätigen Volk eine preiswerte Unterkunft für die Zeit des Studiums zu schaffen. Das Heim wird i zur Zeit von 25 Studenten bewohnt. Interessenten wollen sich direkt an die Heimverwaltung NW 6, Luisenstr. 19, Telephon Norden 1399, wenden. DarteinachnchtenF�Msür Groß-Berlin Sinsendungen für dtrfe Rubrik find stets an das B-zirlssekretari»! 6 c r 1 ft n 638 68. LiadenstraHe 3 2. Hof. 2 Treppen rechts, zu richte» Arbeiterwohlfahrt. Genossen, die einen gebrauchten Kleiderschrank zur Verfügung stellen können, werden gebeten, sich mit der Kreisleiterin der Arbeiterwohlfahrt des 13. Kreises, Genossin Gertrud Scholz, Tempelhof, Braunschweiger Ring 81s, in Verbindung zu setzen. Der Schrank wird für die Tempclhofer Nähstube gebraucht. » 2. Kreis Tiergarten. Wichtige Kreisvorstandssitzung heute, Sonnabend, 29 Uhr, bei Röstel, Putlitzstr. Iii. Die ersten Abteilungsleiter, Beisitzer und die ersten Abteilungskassierer werden gebeten, bestimmt anwesend zu sein. 11. Kreis. Montag, 8. August, 2t> Uhr, Kreisfunktionärsitzung bei Will, Martin- Luther-Str. 69. Engerer Kreisvorstand 19 Uhr. Mitgliedsbuch und Funk- tionärkarte ist vorzuzeigen. 19. Kreis. Montag, 8. August, Kreisdelegiertenversammlung an bekannter Stelle. 83. Abt. Die Genossen werden gebeten, sich an dem Schwimmfeft der Arbeiter- sportler des 12. Kreises am Sonntag, dem 7. August, im Agirbad an der Görzallee zu beteiligen. Beginn 15 Uhr. MMM Arbeitsgemeinschaft der kinderfreunde Groß-Berlin. MSm Geschäftsstelle: Lindenstr. 2. - W vi- Friedrichshein. Abteilung Margarete Wengels. Wir tagen heute, 6. August, nicht im Kreisheim. 8«. Abt. Am Di-'nstag, dem 2. August, verstarb nach langem, schwerem Leiden die Genossin Clara Köckritz, gen. Senger, die treue Gefährtin unseres Genossen Alfons Senger, im 72. Lebensjahre. Ehre ihrem Andenken. Die Ein- äschsrung ist am Sonnabend, dem 6. August, 13 Uhr, im Krematorium Wilmersdorf. 91. Abt. Unser Genosse Fritz Marsckewski. Karls�artenstr. 16, ist nach einer schweren Operation gestorben. Die Beerdigung nndet am Montag, dem 8. August. 16� Uhr,' auf dem Ierusalemer Friedhof, Hermannstraße, statt. Wir werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren. Wik§ AozialMA Arbeiterjugend Groß-Zerlm Epö!$5? Einsendungen für diese Rubrik nur an das Iugends'kkretariat ™ii Berlin SD 68. Lindenstraße 2. vorn 1 Treppe rechts. Funktionärkonferenz. Montag, 8. August, lOU Uhr, im Sitzungssaal des Bezirksamtes Krepzberg, Vorcksir. 11. Genosse Dr.'Fritz Crohncr spricht über„Die politische Situation�. All? Abteilungen müsse« vertreten sein. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. ★ Die Bsrichtsbagsn vom 2. Quartal müssen eingereicht werden, desgleichen die Ilmmeldungen bzw. Neuanmsldungen für die Volksbühne. Heute, Sonnabend: Arnimplatz: Fahrt nach Lehnitz. Treffpunkt 19� Uhr Bahnhof Gesundbrunnen. FcHrgelb 70 Pf.— Kottbusser Tor: Urbanstr. 166. Tagespolitik.— Kepeaicker Viertel: Fahrt nach Hangelsberg. Treffpunkt Radfahrer 16� Uhr „Roter Treff" und 17�. Uhr die anderen Schlesischer Bahnhof. Fahrgeld 1,10 M. — Falkplatz l: Fahrt nach Strausberg. Treffpunkt 21 Uhr Bahnhof Schön- haufer Allee. Werbebezirke Tiergarten und Weddino: Svrechchorprobe 18 Uhr Lüttiche? Straße 4(Turnhalle), nicht Arminiussäle. Wedding: Treffpunkt aller Ge- Nossen 17?� Uhr See- Ecke Miillerstraße. Morgen, Sonntag: Norden: Fahrt. Treffpunkt 7 Uhr Bahnhof Gesundbrunnen.— Südwest: Fahrt nach dem Heidesee. Treffpunkt 6 Uhr Belle-Alliance-Platz.— Lüdars: Radfahrt nach dem Briesethal. Treffpunkt 7 Uhr Oraniendamm Ecke Trie- bcrger Straße(Nordstern). Werbebezirk Wedding:.Bei schlechtem Wetter Heimabend. Tftgl.5u.8H U. LUCILLE PAGE mit ihrem DINOSAURUS und DIE STARS DER WELT! Hihi Sdil«. Bhf. |5i.8lf.Stg5.2.5.8'5ü. El Weichsei 4031 iCieCzärdäsfurstin Rose-Theater iroBe Fmkhrtir StnB« 13( TW. Wiidcul E 7 3427 8.30 Uhr Herzdame Oartenbühnc 5.30 Uhr Konzert u. Variete FrühllnDsliilt Ouitfungs Uöbdn u.PeKlomrmdrKfti krtiff v-f/, Uhr, im Krematorium Serichtstraße statt. Rege Beteiligung, besonders der jugendlichen Bertraucnsleute.erwartei Ol« Orteverviiltaaz. m im»«» Warenhaus-m Oranienplatz Beginn Monte g 1. August Kommen Sie, prüfen Sie Konsum-Genossenschaft Berlin und Umgegend dureft% vermittelt die»»Vg uoiKshühne E. v. Melles �litzlied erbült jübrlicti 10 ms 11 yersisiiimn 1 1 ms 2 Vorstellungen im Th.am BUiowpiatz I in der Staatsoper Nachmittagsabteilungen mit 6 Vorst, im Th. am Bülowplatz(Sonntag nachm.) und 1 Oper Anf Wuntch»teti auch 2 Vorstellungen Im Schiller-Theater Charlotienburg Vorstcllungsbesu ch auf allen Plätzen 1.5® JKath Nachmittags-Vorstellungen 1.19 M.:: Opern-Vorstellungen 2.59 M. Keine Vorauszahlungen. Auslosung der Plätze vor jeder Vorstellung Zahlreiche Sonderveranstaltungen(Musik, Tanz, Kabarett) Ohne Mitgliedschatt in der Volksbühne E. V. ferner Abonnements lür 19 Vorstellungen des Theaters am Bülowplatz. Feste Plätze nach eigener Wahl. Vorparkett: 5,-, 4,50 u. 4,- M(Kasse: 8 7,-, u.6,- M); Parkett: 3.50, 2,70, 2,- u.1,80 M (Kasse; 5.-, 4,-, 3,- u. 2,50 M); 1. Ring: 4,-, 3,50, 2,70 u. 2,- M(Kasse: 6,-, 5.-, 4,- u. 3,- M); 2 Ring: 1.80 M(Kasse: 2,50 M); Vorausbezahlung der beiden letzten Vorstellungen. Bei sofortiger Bezahlung sämtl. 10 Vorstellungen 5% Rabatt. Aus dem Spielplan: THEATER AM BÜLOWPLATZ STAATSOPER Gogol: Der Revisor/ Hauptmann: Die Ratten/ Pagnol: Fanny/ Hay: Das Neue Paradies/ Zuckmayer: Schinderhannes/ Raimund: Alpenkönig und Menschenfeind/ Shakespeare: Maß für Maß/ Las tonier: Die Sardinenfischer/ Joachimson und Schiffer(Musik von Spolianski): Das Haus dazwischen/ Ebermayer und Mann; Prof. Unrat/ In Hauptrollen: Hans Albers/ Curt Bois/ Eugen Klopfer/ Otto Wernicke/ Jacob Tiedtke/ Ernst Karchow/ Erhard Siedel/ J. Almas/ Paul Verhoeven/ Artur Mainzer/ Käthe Dorsch/ Camilla Spira/ Brig. Horney/ Käte Haack/ Lotte Stein/ Genia Kurz usw Wagner: Der fliegende Holländer/ Mozart: Cosi fan tutte/ Verdi; Rigol etto/ Der Maskenball./ Falstaff/ Die Sizilianische Vesper/ Schillings; Mona Lisa/ Mas- cagni: Cavallena rusticana/ Leoncavallo: Bajazzi/ Joh. Strauß: Eine Nacht in Venedig/ Wiener Blut usw. SCHILLER-THEATER Hauptmann: Die versunkene Glocke/ Wellenkamp: Theres geht vorüber/ Wal- lace u. Roth: Platz oder Sieg/ Stolz; Wenn die kleinen Veilchen blühn/ Shakespeare; Der Widerspenstigen Zähmung/ Corrinth: Hallo! nur Mut/ Ein Berliner Volksstück mit Musik u. a. m. Prospekte und Anmeldungen in 200 Zahlstellen, u. a. bei sämtlichen Theaterkassen der Firma Tietr, im K.d.W„ in der Volksbühnen- Buchhandlung. Köpenicker Straße 68. sowie in der Hauptgeschäftsstelle, C 25, Linienstraße 227(Th. a Bülowplatz), D 1, Norden 2944.— Abonnementsbestellungen ausschließlich im Abonnementsbüro, C 25 Linienstraße 227, D 1, Norden 2944 Kochherds ieder Art u. 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Darüber Hilst auch der andere Gedanke nicht hinweg, mit hilse des erhöhten Zolleinkommens die deutsche Heringssangflotte zu reorgani- s i e r e n. Die Regierung will zum Beispiel durch Zuschüsse den Bau deutscher Heringslogger(Heringsfongschifse) in einem solchen Aus- maß forcieren, daß die deutsche Wirtschast in zunehmendem Maße von der Heringseinsuhr unabhängig wird. Dieses Ziel lockt notür- lich, ebenso wie das andere Ziel, den st illiegenden Werften neue Aufträge zuzuführen. Entscheidend muß aber die lieber- legung sein, ob die Verbraucherschaft die neue Belastung ertragen kann, und wie die Pläne der Regierung wirtschaftlich fundiert sind, lieber den letzten Punkt, also über die Wirtschaft- l'che Fundierung der Reorganisierungspläne, macht die„Konsum- genossenschaftliche Rundschau", das Organ des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine und der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Consumvereine folgende Mitteilung: Der Heringsfang kann nur dort betrieben werden, wo sich die Heringsschwärme zeigen. Der Fang ist zeitlich und örtlich so be- grenzt, daß Deutsche, Schotten und Holländer gleichzeitig auf den gleichen Fanggründen ihre Fangnetze auswerfen. Di« Fangstellen in der Nordsee liegen im Sommer in der Nähe der schottischen Küste, in den späteren Monaten in der Nähe der englischen Küste und in den Herbst- und Wintermonaten an der norwegischen Küste. In diesen Ländern wird der Hering so schnell und so frisch an Land gebracht, daß er an Land von Frauen, also mit billigen Arbeits- kräften, gekehlt und gepackt werden kann. Dagegen hoben die deutschen Heringslogger einen weiten weg von den Aanggründen bis zu den Heimathäfen zurück- zulegen. Ein solches Aangschifs braucht vier bis sechs Wochen zu jeder Reise: deshalb muß der Hering schon an Bord von Männern gekehlt und gesalzen werden. 3m Heimathasen werden die Aische aus der Seepackung sftantjes) herausgenommen und dann erst sortiert und gepackt. Durch längere Inanspruchnahme der Schiffe für eine Fangreise und höhere Löhne ist die deutsche Heringsfischerei gegenüber der englischen jederzeit im Nachteil. Daher rührt auch die mangelhafte Rentabilität der deutschen Heringsfischerei trotz des Zolls und trotz der gezahlten Subventionen. Nach den Jahresberichten über die deutsche Fischerei hat die deutsche Heringsfischerei an S u b v e n- tionen in fünf Jahren 3637300 M. in Form von Dar- lehen, Betriebsmittelkrediten und in bar gekostet. Die Darlehen sind zwecks Gesundung der Heringsfischerei fast völlig niedergeschlagen worden. An Fangprämien wurden zuletzt 2 M. je Faß gezahlt. Auch wenn weitere 30 Heringslogger gebaut werden, kann die deutsche Fischerei bei weitem den deutschen Bedarf an Salzheringen nicht decken. Der deutsche Gesamtfang betrug in den Jahren 1029 — 242 465 Tonnen mit 136 Fahrzeugen, 1930— 245 992 Tonnen mit 124 Fahrzeugen und 1931— 317 000 Tonnen mit 118 Fahrzeugen. Hingegen belief sich die Einfuhr ausländischer Salzheringe nach Deutschland noch im letzten Jahre aus 967 785 Tonnen: davon waren 528 127 Tonnen englisch-schottischer Herkunft. Es ist schlechterdings unverständlich, daß die Regierung einen unrentablen Wirtschaftszweig auf kosten der Steuerzahler aus- bauen will, zumal auch bedacht werden muß, daß unser Handel mit England aktiv ist und England für über 500 Millionen Mark mehr Ware aus Deutschland einführt, als es nach Deutschland liefert. Der Heringszoll kann daher die deutsch- englischen Handelsbeziehungen sehr zum Rachteil Deutschlands verschlechtern. Die meisten Salzheringe werden in Deutschland zwi- schen Kassel und Breslau verzehrt— in den ärmsten Landstrichen mit der größten Arbeitslosigkeit. Wenn der Hering der armen Bevölkerung statt um ü Pfennig u m 1% bis 2 Pfennig das Stück durch Zölle verteuert wird, muß ein gewaltiger Rückgang des Konsums und damit eine Verschlechterung der Lebenshaltung der minderbemittelten Kreise und der Arbeitslosen eintreten. Einem großen Teil der Bevölkerung wird durch die Verteuerung dieses Volksnahrungsmittels der letzte Rest Fleischnahrung genommen. Daher mutz gegen die Pläne der Regierung sowohl im Interesse der Verbraucher als auch aus er- nährungswirtschaftlichen Gründen schärf st ens Einspruch er- hoben werden. Ruhrbergbau gegen Lunkerpolitik. Die„Oeuische Tageszeitung� ist betrübt darüber und macht scharf. Junker und Schwerindustrie stehen innenpolitisch, wo es sich um die Förderung der sozialpolitischen Reaktton handelt, in einer Front, und sie haben sich dieses Bündnis bisher viel kosten lassen. Was die Schwerindustrie anbelangt, so hat diese bisher auch noch kein Wort gegen die übertriebenen Agrarschutzforderungen zu sagen gewagt, wo ihre eigenen Interessen bedroht worden sind. Damit scheint es jetzt e i n E n d e zu haben. Aus Kreisen des Ruhrbergbaus ist nämlich der Reichsregierung »ine Eingabe überreicht worden, die mit besonderem Nachdruck auf dl« verhängnisvollen Folgen der Gestaltung der deutschen Butterzölle hinweist, die sich für die deutsche Kohlenausfuhr ergeben haben. Von 1929 bis 1931 sei die deutsche Stein- kohlenausfuhr dem Wert« nach von 1236 auf 837 Mill. Mark gesunken. Während die durch die Wirtschaftskrise verursachte inter- nationale Schrumpfung des Kohlenverbrauchs im ersten Quartal 1932 gegenüber dem vierteljährigen Durchschnitt von 1929 nur 21,8 Prozent betrage, sei die deutsche Kohlenausfuhr in der gleichen Zeit um 40,4 Proz. gesunken. Auf das Jahr gerechnet, sei das ein Exportausfall von 7,8 Mill. Tonnen im Wert von 105 Mill. Mark und eine Minderbeschäftigung von 25 000 Bergleuten. Eine wesentliche Ursache dieses Rückgangs fei die hollän- dische und italienische Verärgerung über den Butter- zoll und die deutsche Devisenpolitik, die auch in Dänemark, Schwe- den und Norwegen festzustellen sei. Dabei müsie beachtet werden, daß außer der Tschechoslowakei deutsche Kohle in allen Ländern entbehrlich sei. Zunhme der Arbeitslosigkeit und Verschärfung der Devisennot seien die Folge. Der Binnenmarkt könne durch die einseitige agrarische Politik niemals eine solche Besserung erfahren, daß die Industrie für die Ausfuhr- Verluste entschädigt werde. Wir freuen uns, daß auch die Schwerindustrie allmählich zur Einsicht kommt. Wir nehmen ihr nicht übel, daß es der eigene Geldbeutel ist, der sie an das Gebot der Vernunft erinnert. Es ist aber interessant, was die„Deutsche Tageszeitung", das Organ der junkerlichen Bettgenossen der Sozialreaktionäre von der Ruhr gegen das Aufmucken des Ruhrkohlenbergbaus zu be- merken hat.„Wir find— offen gestanden— betrübt," so heißt es,„gerade vom Ruhrkohlenbergbau derartiges zu erfahren, weil doch in diesem Wirtschaftszweig, der noch lange vor der Land- Wirtschaft in den Genuß von Devisen- und handelspolitischen Schutz- maßnahmen schärfster Art gekommen ist, am ehesten Verständnis für binnenwirtfchaftliche Notwendigkeiten zu finden fein sollte." Sie ttöstet sich mit der Behauptung, daß die Eingabe nicht direkt vom Kohlensyndikat ausgehe, und mit kaum verschleierten Hinweis auf den starken nationalsozialistischen Einschlag bei der Schwer- industrie weist sie darauf hin, daß in diesen Kreisen gerade in der letzten Zeit die Ueberzeugung von der Notwendigkeit betont binnen- wirtschaftlicher Handelspolitik zusehends an Boden gewonnen habe. Die„Deutsche Tageszeitung" präsentiert also denWechsel der reaktionären politischen Verbundenheit der Junker und der Schwerindustrie, um die aufmuckenden Kreise des Ruhr- bergbaus zu zügeln. Im übrigen meint die„Deutsche Tageszeitung", daß die Ein- gäbe des Ruhrbergbaus auf die Entscheidung der Reichs- regierung bezüglich her Verhandlungen mit Dänemark und Hol- lond keinen Einfluß haben werde, was darauf schließen läßt, daß die„Deutsche Tageszeitung" ihre Papenheimer kennt und was für die Schwerindusttie außerdem kein Lob ist: denn die Junker schätzen den schwerindustriellen Einfluß bei der Reichsregierung offenbor doch viel geringer ein, als den ihren. Verhandlungen mit Holland und Dänemark. Amtliches in Kürze ohne Würze. Amtlich wird mitgeteilt: In den letzten Tagen haben mit holländischen und dänischen Regierungsoertretern in Berlin Besprechungen über eine Neu- regelung der Buttereinfuhr nach Deutschland statt- gefunden. Die Besprechungen hoben ihr Ende erreicht. Die holländischen und dänischen Unterhändler sind zurückgereist, um ihr«n Regierungen über die letzten deutschen Vorschläge zu berichten. Diese lakonische Erklärung der Reichsregierung läßt nicht viel Gutes erwarten. Oer Einzelhandel fordert... Schon wieder ein Programm der Hauptgemeinschast. Der staunenden Oeffentlichkeit unterbreitet die Haupt- gemeinschaft des deutschen Einzelhandels schon wieder eine Sammlung von„wirtschastspolitischen Forderungen". Man gewinnt nachgerade den Eindruck, als ob die sehr rührige Hauptgemeinschast Angst hat, irgendwo den Anschluß zu ver- passen. Neu sind diese Forderungen nicht gerade: nur ihre Zu- sammenfasfung in einem Programm kann als einigermaßen kühn bezeichnet werden. Der Spitzenverband des„privatwirtschaftlich geführten, seßhaften deutschen Einzelhandels" hält es für angemessen, die Betonung der W i rt s ch a s t s f r e i h« it an die Spitze zu stellen. Es stört die Hauptgemeinschaft nicht, wenn dieses Prinzip der Wirtschaftsfreiheit mit einigen Forderungen schlechterdings nicht vereinbar ist. Das gilt schon bis zu einem gewissen Grade für das Verlangen, Sonderverkäufe und Sonderangebote gesetzlich zu beschränken und Zugaben völlig zu verbieten(es gab einmal eine Zeit, in der galt jede Reklame als unlauterer Wettbewerb!). Ferner verlangt man ein Vorgehen gegen den Straßenhandel, gegen den Handel auf Wochenmärkten und Bahnhöfen, natürlich mit dem Ziel der Ein- s ch r ä n k u n g. Die Errichiung von Einheitspreisge- sch ä f t e n soll überhaupt für zwei Jahre verboten werden. Wirt- schaftssreiheit? Daß man auf dem Gebiete des Steuerwesens viele(und zu einem Teil berechtigte!) Wünsche hat, ist selbswerständlich. Un- verständlich ist nur, daß man plötzlich eine Realbesteuerung aus Grund von Umsatz, Lohnsummen und Kapital anstatt auf Grund des Ertrages wünscht, während alle Interessenten bisher eine Aen- derung in entgegengesetztem Sinne verlangten. Daß die freundliche Einstellung gegenüber den Verbrauchern(den breiten Massen) ihre Grenze hat, zeigt sich in dem Verlangen nach stärkerer Heran- ziehung der Bürgersteuer. Gegen die Konsumvereine werden die üblichen, längst widerlegten Argumente vorgebracht. Die end- gültige Aufhebung der H a u s z i n s st e u e r soll beschleunigt durch- geführt werden— über die Wirkung auf die öffentlichen Finanzen schweigt man! Aber öffentliche Finanzen: auch hier hält sich die Hauptgemeinschast für belügt, in Schlagworten Aenderungen zu ver- langen, die einen jahrzehntelangen Umbau der deutschen Staats- Wirtschaft erforderten. Daß eine Musterhaushaltsordnung für die Gemeinden schon geschassen ist, ist der Aufmerksamkeit der Hauptgemeinschast entgangen. Es überfchreilek aber jedes erlaubte Maß anständiger Kritik, den Gemeinden heule noch, nach einem ge- radezu vandalischen Abbau ihrer Ausgaben,„äußerste Sparsamkeil" zu empsehlenmil der in ihrer Allgemeinheil längst widerlegten Behauptung. sie wären besonder» verschwenderisch mit öffentlichen Geldern umgegangen. Es steht noch viel in diesem Programm. Um es allen recht zu machen, hat man die Gewerkschaftsforderung nach einem A r- beitsbeschaffungsprogramm aufgenommen. Aber:„Der Arbeitsdienst ist als System der zu leistenden Arbeit anzuwenden" (der Leser erinnert sich— die Hauptgemeinschast wünscht Wirt- schaftsfreiheit! Aber nicht für die, die nur ihre Arbeitskraft„ver- kaufen" können). Große Angst aber hat man, bei der V e r f o r- gung der„Arbeitswilligen"(?!) ausgeschaltet zu werden. Auch der Faschismus hat für die Hauptgemeinschaft angenehme Seiten: daher soll aus Reichsrat, Reichswirtfchastsrat und einer Standesvertretung der freien Berufe eine„Erste Kammer" gebildet werden. Man sieht, an alles hat die Hauptgemeinschast gedacht. Nur. daß man sich durch zuviel Betriebsamkeit auch schaden kann, daran hat sie nicht gedacht. Politik und Kapitalmarkt. Andauerndes Sinken des Pfandbriefumlaufs. Die innenpolitische Unsicherheit und die Not der Sparer läßt den Umlauf von Pfandbriefen und kommunalen Schuldverschrerbun- gen ständig zurückgehen. Im Juni wurden nur 18,2 Millionen Mark Pfandbriefe ab- gesetzt: der Umlauf hat sich aber durch Rückflüsse an die Hypotheken- banken um 46,4 Millionen Mark verringert. An Kommunal- obligationen wurden 1,2 Millionen Mark abgedeckt, der Umlauf verringerte sich durch Rückflüsse aber um 5 Millionen Mark. Während im ersten Halbjahr 1931 noch 378,3 Millionen Pfandbriefe mehr in Umlauf kamen, senkte sich im ersten Halb- jähr 1932 der Umlauf um 147,4 Millionen Mark. Der Steigerung des Umlaufs von Kommunalobligationen um 88,9 Millionen Mark im ersten Halbjahr 1931 stand im ersten Halbjahr 1932 ein Rück- gang um 26,5 Millionen Mark gegenüber. Pfandbriefe und kommunale Schuldverschreibungen werden nur in Fällen der äußersten Rol oder großer polnischer Unsicherheit verkauft. Jede Regierung müßte solche Zeichen als Unzulänglichkeit»- beweise für ihre Politik betrachten. Die jetzige Regierung scheint das nicht nötig zu haben. Millionenverlust bei polyphon. Abschreibungen unter Auflösung der Reserven. Auch die Polyphonwerke A.-G., Leipzig-Wahren, ist von der Ueberproduktton und dem Absatzrückgang in Schall- platten derart betroffen worden, daß die außerordentlich hohen Re- serven— im Vorjahre 9,6 Millionen Mark gleich 60 Prozent des Kapitals— in einem einzigen Jahre r e st l o s draufgegangen sind: Noch für das Jahr 1930 hatte das Unternehmen aus einem Rein- gewinn von 2 Millionen Mark die hohe Dividende von 12 Pro- zent gezahlt. Das Jahr 1931 schließt mit einem Verlust von 4,5 Millionen Mark ab, der aus der Reserve gedeckt wird. In der Erkenntnis, daß bei der Ueberkapazität der deutschen Schallplattenindustrie ein großer Teil des Kapitals verloren ist, entnimmt man dem Reservefonds weiter« 5 Millionen Mark(es bleiben nur 0,2 Millionen Mark übrig), um Sonderab- fchreibungen auf Anlagen, Lager und Beteiligungen durch- zuführen. Mit zwei Tochtergesellschaften, der Deutschen Grammo- phon A.-G. und der Kratt-Behrens G. m. b. H., wird Polyphon fusioniert: die Firma von Polyphon wird dann in Deutsch« Grammophon A.-G. geändert. Eine dunkle Rolle spielt bei den Finanzgeschästen der Polyphon- werk« die Polyphon-Holding A.-G. in Basel. Diese Ge- sellschaft diente zunächst der Durchführung des Auslandsgeschäftes: sie scheint aber auch die Funktion eines der berüchttgten„Ver- schiebebahnhöfe" deutscher Gesellschaften für Finanzgeschäfte im Auslande(Verstecken von Gewinnen usw.) gehabt zu haben. Von der Polyphon-Holding wurden 4,5 Millionen Mark eigen« Aktten erworben, so daß sich der Gesamtbesitz an eigenen Aktien auf 6,3 Millionen Mark stellt. Diese werden eingezogen, so daß sich das Kapital von 17 auf 10,7 Millionen Mark ermäßigt. Lokomoiivaufträge der Reichsbahn �933. Auf Grund des zwischen der Deutschen Reichsbahn und der deutschen Lokomotivindustrie bestehenden Loko motivliefe- r u n g s v e r t r a g e s ist für das Jahr 1933 die Beschaffung von 122 Dampflokomotiven vorgesehen, die einen Gesamtwert von 16,2 Millionen Mark darstellen. Von dem Gesamt- austrag sollen an B o r f i g acht Schnellzugslokomotiven und neun Güterzugtenderlokomotiven vergeben werden, an die Henschel u. Sohn 10 Schnellzuglokomotioen und 26 Perjonenzugtender- lokomotiven, an K r a u ß u. C o. und I. A. M a f f e i München acht Lokalbahnlokomotioen, an die Maschinenfabrik Eßlingen zwei Güterzuglokomotioen, an Krupp-Essen acht Schnellzuglokomo- tioen und zehn Personenzugtenderlokomotiven, an Schichau-Elbing zwölf Güterzugtenderlokomotiven, an S ch w a r tz k opff- Berlin sieben Güterzugtenderlokomotiven und zwölf Schmalspurlokomotiven, an die Lokomotivfabrik Jung-Jungenthal bei Siegen fünf Per- sonenzugtenderlokomotiven und an Orenstein u. Koppel- Berlin fünf Personenzugtenderlokomotiven. Die Betriebseinnahmen der Reichsbahn betrugen im Juni 245,4 Millionen Mark, das sind 2,1 Millionen mehr als im Mai, aber 95 Millionen weniger als im Juni 1931. Die Ausgaben der eigentlichen Betriebsrechnung betrugen 256,6 Millionen: die Gesamtausgaben betrugen 322,7 Millionen. Dos sind 77 Millionen Mark mehr als die Einnahmen im Juni, seit An- fang d. I. haben die Ausgaben die Einnahmen um 447 Millionen überschritten. Die Gesamteinnahmen sind im 1..Halbjahr 1932 ge- genüber der gleichen Zeit des Vorjahres um 530 Millionen Mark zu- rückgeblieben. Im Juni wurden insgesamt 609 988 Personen be- schäfligt gegen 618 125 im Mai. Hermann Riehger im Vergleichsversahren. Die Gläubiger der Hermann Metzger Strumpf A.-G. haben sich auf einen Vergleich geeinigt, nachdem Forderungen bis 100 M. voll, die übrigen Forderungen mit 40 Proz. in Raten von je 5 Proz. befriedigt werden sollen. Je nach den Umsätzen soll eine Besserung»- quote von 10 Proz. gezahll werden. 9lnul Akomkun: Begegnung mit Sinbrechern im wilden Weilen k�ch Hab««igentlich nie gewußt, was Angst sei, bis einmal wahrend meines ersten Aufenthalt« in Amerika Nicht weil mein« Kühnheit so groß ist, sondern weil sie bis dahin niemals auf ein« richtig« Probe gestellt war. Da» war im Jahre 1884. Da draußen in der Prärie liegt«ine kleine Stadt, die Modelia heißt, ein ärmliches, unschönes Nest mit seinen häßlichen Häusern, seinen Gehsteigen und seinen Plankenabfällen und seinen unliebens« würdigen Menschen. Hier war es auch, wo Jessi« James, Amerikas blutdürstigster, rauchgeschwärztester Räuber endlich ergriffen und tot- geschlagen wurde. Hierher war er gekommen, hier hatte er sich versteckt, ein passender Ort für die» Ungeheuer, das seit einer Reihe von Iahren die Freistaaten unsicher gemacht hatte durch seine Ueber» fälle, seine Plünderungen und seine Mordtaten. Hierher war auch ich gekommen— aber in der friedlicheren Ab- ficht, einem Bekannten von mir aus einer Verlegenheit zu helfen. Ein Amerikaner namens Iohnston war Lehrer an der„Mittel- schüle" in einer Stadt in Wisconsin, wo ich ihn und seine Frau kennenlernte. Einige Zeit daraus gab dieser Mann seine Stellung auf und ging zu einer praktischen Tätigkeit über, er reiste nach der Präriestadt Madelia und eröffnete dort ein Holzgeschäst. Nachdem er ein Jahr diese Tätigkeit ausgeübt hatte, erhielt ich einen Brief von ihm, worin er mich bat, wenn es mir möglich wäre, nach Ma- delia zu kommen und seinem Geschäst vorzustehen, während er und seine Frau eine Reise nach dem Osten machten. Ich war zu jener Zeit gerade frei und begab mich nach Madelia. An einem dunklen Winterabend traf ich auf dem Bahnhof ein, wo mich Iohnston empfing, ging mit ihm noch Hause und erhielt ein Zimmer angewiesen. Sein Haus lag eine ganze Strecke außer- halb der eigentlichen Stadt. Wir verbrachten«inen großen Teil der Nacht damit, mich ein wenig in die für mich so fremden Finessen des Holzgefchäfts einzuweihen! am folgenden Morgen händigte mir Iohnston mit einem Scherz, seinen Revolver ein, und«in paar Stunden später saßen er und seine Frau im Eisenbahnzug. Da ich nun allein im Hause war, zog ich aus meinem Zimmer >n dos Erdgeschoß hinab, wo ich bequemer wohnte, und von wo aus ich außerdem bessere Aufsicht über dos ganze Haus führen konnte. Ich nahm auch da» Bett des Ehepaare» in Gebrauch. Einig« Tage gingen dabin. Ich verkaufte Planken und Bretter und brachte jeden Abend da» am Tage eingenommene bare Geld noch der Bank, wo ich eine Quittung darüber in mein Buch ein- trogen ließ. Es befanden sich also keine anderen Mneschen im Hause, ich war ganz allein. Ich bereitete mir mein Essen selber, molk und besorgte Iohnftons zwei Kühe, buk Brot, kocht« und briet. Mein ersteck Brotbacken fiel indes nicht gut aus, ich hatte zuviel Mehl ge« nommen, das Brot war nicht ordentlich durchgebacken, hatte einen schleifigen Rand und war schon am nächsten Tage steinhart. Schlecht erging es mir auch, als ich das erstemal Grütze in Milch kochen wollte. Ich fand nämlich im Laden einen halben Scheffel wunder- schöner Gerstengrütze, und diese erschien mir sehr geeignet für meine Suppe. Ich goß Milch in«inen Kochtops,„tat" die Grütze hinein und fing an umzurühren. Bald sah ich jedoch ein, daß meine Suppe zu dick wurde, und ich goß mehr Milch hinzu. Dann rührte ich wieder. Aber die Grütze prudelte und kochte und schwoll an. und die einzelnen Körner wurden so groß wie Erbsen, und dann wurde es wieder zu wenig Milch; außerdem wuchs die Breimaff« so schnell, daß der Kochtopf überkochen wollte. Da fing ich an, in Tassen und Schüsseln umzufüllen. Trotzdem aber wollte der Kochtopf noch immer überkochen. Ich holte mehr Tassen und Schüsseln herbei, und alle wurden gefüllt, aber noch immer wollte der Kochtopf über- kochen. Und immer wieder fehlte es an Milch: die Suppe war und blieb dick wie ein Brei. Schließlich wußte ich mir nicht anders zu Helsen, ich schüttete den ganzen Inhalt des Kochtopfes auf«inen Tisch, einen einfachen, hölzernen Tisch. Und die Grütze ergoß sich gleich einer köstlichen Lava und legte sich ganz still und gut und dick auf dem Tisch zur Ruhe und wurde steif. Jetzt hatte ich sozusagen meteris prima, und jedesmal, wenn ich Hinsort Grütze in Milch essen wollte, schnitt ich nur ein Stück des Breis auf dem Tisch ab, mischte Milch unter die Masse und kochte beides. Ich atz tagaus tagein zu ollen Mahlzeiten Grütze wie ein Held, um sie wegzuschaffen. Es war wirklich ein hartes Stück Arbeit, aber ich kannte keinen Menschen in der Stadt, den ich hätte einladen können, mir bei meiner Grütze zu helfen. Und schließlich ward ich ihrer auch allein Herr.. Es war recht einsam in diesem großen Hause für einen«in- zelnen Menschen von einigen zwanzig Jahren. Da waren stockdunkle Nächte, und es gab keine Nachbarn, bis man in die Stadt hinab kam. Aengstlich war ich aber nicht, es kam mir gar nicht in den Sinn, ängstlich zu sein. Und als ich zwei Abende hintereinander ein verdächtiges Geräusch an dem Schloß der Küchentür zu hören meinte, stand ich auf. nahm die Lampe und untersuchte die'Küchen- tür von innen und außen. Aber ich fand nichts Verdächtiges am Schloß. Und ich hatte den Revolver auch nicht in der Hand. Aber es sollte eine Nacht kommen, in der mich eine so haar- sträubende Angst befiel, wie ich sie weder vor- noch nachher erlebt habe. Und noch lange Zeit nachher konnte ich das Erlebnis dieser Nacht nicht verwinden. Es war an einem Tage, an dem ich mehr als gewöhnlich zu tun hatte, ich schloß mehrere große Geschäfte ab und arbeitete bis spät in den Abend hinein Als ich endlich Schluß machte, war es so spät geworden, daß es bereits dunkelte und die Bank geschlossen war. So konnte ich denn die Bareinnahme de» Tages nicht ab- liefern. Ich nahm alles Geld mit in das Zimmer und zählte es: Es waren 100 bis 800 Dollar. Wie gewöhnlich setze ich mich auch an diesem Abend hin, um an einer Arbeit zu schreiben: es wurde später und später, und ich saß da und schrieb: es wurde Nacht, die Uhr wurde zwei. Da hörte ich plötzlich abermals das geheimnisvolle Geräusch an meiner Küchentür. Das Haus hatte zwei Türen nach außen, eine, die in die Küche führte und eine andere— die eigentliche Haustür—, die auf einen Vorplatz vor dem Zimmer führte. Diese letzte Tür hatte ich der Sicherheit halber von innen mit einem Sperrbalken verrammelt. Die Jalousien im Erdgeschoß waren ein Patent, sie waren so dicht, daß man von außen absolut keinen Schein der Lampe sehen konnte. Und jetzt dringt also von der Küchentür her«in Geräusch an mein Ohr. Ich nehme die Lampe in die Hand und gehe dorthin. An der Tür bleibe ich stehen und lausche. Draußen ist jemand, es wird geflüstert, und im Schnee vor der Tür schleicht etwas hin und her. Ich lausche eine ganze Weile, das Flüstern hört auf, und gleichzeitig scheint ee mir, als entfernten sich die schleichenden Schrite. Dann wurde alles still. Ich gehe wieder hinein und fange wieder an zu schreiben. Eine halbe Stunde verging. Da fahre ich plötzlich in die Höhe— die Haustür wurde ein- gerammt. Nicht nur das Schloß, sondern auch der Sperrbalken innerhalb der Tür wurde zertrümmert, und ich hörte Schritte auf dem Vorplatz gerade vor meiner Tür. Der Einbruch konnte nur mittels eines starken Anlaufs und mit vereinten Kräften mehrerer Personen ausgeführt sein, denn der Sperrbolken war stark. Mein Herz schlug nicht, es zitterte. Ich gab keinen Ausruf, keinen Laut von mir, ober ich fühlte die Bewegung meines Herzens bis oben in meinen Hals hinein, es hindert« mich, ordentlich zu atmen. In den ersten Sekunden war ich so bonge, daß ich kaum wußte, wo ich war. Da fiel mir plötzlich«in, daß ich das Geld retten müsse, ich ging in die Schlafstube, nahm meine Briestasche au» meiner Tasche und steckte sie unter die Matratze im Bett. Dann kehrte ich in das Zimmer zurück. Diese Handlung nahm sicher keine Minute in Anspruch. Vor meiner Tür wurde gedämpft gesprochen, und an dem Schloß wurde herumgearbeitet. Ich holte Iohnstons Revolver heraus und untersuchte ihn: er funktionierte. Meine Hände zitterten heftig, und mein« Beine konnten mich kaum tragen.. Meine Augen fielen aus die Tür, sie war ungewöhnlich solide, eine Bohlentür mit starken Querbalken: sie war sozusagen nicht ge- tischlert, sondern gezimmert. Diese massive Tür machte mir Mut. und ich fing wieder an zu denken— wa? ich bisher wohl kaum getan hatte. Die Tür ging nach außen, folglich war es eins Un- Möglichkeit, sie einzurennen. Der Vorplatz war auch zu schmal,»m genügenden Raum zu einem Anlauf zu gewähren. Dies fiel mir ein, und ich fühlte mich plötzlich mutig wie ein Maure, ich schrie hinaus, daß ich jeden, der eindringe, tot niederstrecken würde. Ich hotte mich so weit erholt, daß ich selber hörte und verstand, was ich sagte, und da ich norwegisch gesprochen hotte, sah ich da» Törichte meiner Handlungsweise ein und wiederholte mit lauter Stimme meine Drohung auf Englisch. Keine Antwort, lim meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, für den Fall, daß die Fenster ein- geschlagen würden und die Lampe erlosch, blies ich die Lampe so- gleich aus. Ich stand nun im Dunkeln, die Augen auf die Fenster gerichtet, den Revolver in der Hand. Die Sache zog sich in die Länge. Ich wurde immer kühner, ich nahm keinen Anstand, mich als Teufelskerl zu zeigen, und ich schrie: „Nun, wa» haben Sie denn beschlossen� Wallen Sie gehen oder kommen? Denn ich will schlafen!" Da antwortete noch einer kleinen Weil««in erkälteter Baß: „Wir wollen gehen, du Hundsfott!" Und ich hörte, wie jemand den Vorplatz verließ und in den Schnee hinausknirschte. Der Ausdruck„Hundsfott" ist das nationale Schimpfwort Amerikas— wie übrigens auch Englands—, und da ich es nicht auf mir sitzen lassen konnte, daß man mir die» Wort zurief, ohne daß ich eine Antwort gab, wollte ich die Tür össnen und den Schlingeln nochschießen. Ich hielt indessen inne, ich dachte nämlich im legten Augenblick, möglicherweise habe nur der eine Mann den Vorplatz nerlas'en. während der andere daraus wartet«, daß ich die Tür öffnete, um mich dann zu überfallen Deshalb ging ich an eins der Fenster, ließ die Jalousie mit Blitzesschnelle zur Decke hinouirollen und sah hinaus. Ich glaubt« einen dunklen Punkt im Schnee zu erkennen. Ich riß dos Fenster aus, zielte so gut es ging auf den dunklen Punkt und schoß. Klick! Ich schoß nochmals. Klick! Raleiid erledigte ich den ganzen Zylinder, ohne zu zielen, endlich ging ein einziger, armseliger Schutz ad. Aber der Knall war stark in der frosrerstarrlen Lust, und vom Wege her hörte ich Ruse:„Laus! Lauf!" Da sprang plötzlich noch ein Mann van dem Vorplatz in den Schnee hinaus, den Weg entlang und verschwand in der Finsternis. Ich hotte richtig geraten: es war noch einer dagewesen. Und diesem einen konnte ich nicht einmal hübsch Gute Nacht sogen, denn es war nur e i n elender Schuß in dein Revolver gewesen, und den hatte ich verbraucht. Ich zündete die Lampe wieder an, holte dos Geld aus dem Bett und steckte es zu mir Und jetzt, nachdem alles überstanden war, war ich so jämmerlich feige geworden, daß ich es nicht wagte, mich in dieser Nacht in dos Ehebett zu legen, ich wartete noch eine halbe Stunde, bis es zu dämmern begann, dann zog ich meinen Ueberzicher an und verließ das Haus. Ich verbarrikadierte die zertrümmert« Tür so gut es ging, schlich in die Stadt hinab und schellte im Hotel. Wer die Spitzbuben waren, weiß ich nicht. Zu den professio- nellen werden sie kaum gehört haben, denn in dem Fall würden sie sich wohl kaum von einer Tür haben abschrecken lassen, wo doch zwei Fenster da waren, durch die sie hätten hereinkommen können. Aber auch diese Schlingel waren nicht ohne eine gewisse kalte und freche Gewalttätigkeit gewesen, denn sie zerbrachen das Schloß und den Sperrbolken an meiner Tür. Aber so bange um mein Leben bin ich niemals gewesen, w'« in dieser Nacht in der Präriestadt Modekia, Iessie James Zuflucht»- stätts. Es ist mir auch seither mehrmals passiert, wenn ich erschreckt wurde, daß der Schlag meine? Herzens bis oben in meinen Hol? hinauf gehämmert und mir meinen Atem behindert hat— das ist ein Uebsrbleibfel aus dieser Nacht. Nie zuvor hatte ich ein« Ahnung von einer Angst gehabt, die sich auf so außergewöhnliche Weis« äußern kann. m �ierm fälll in die Slole.... Seeliiche Vriachen- körperliche Wirkungen /' Aufregung produmierl Jod WiinUliche Freude/ Aerger im Reagenzglas Ten biLher noch ungeklärten Wirkungen seelischer Erregung auf die.Körperorgane gelten inieresianle Experimente, die Dr. Wittkower, Vriraidozen« und Oberarzi an der Berliner Eharir«, seit einigen Monaten mit seinen Mitarbeitern aufführt. Tie Versuche und ihre aufsebenerregenden Resultate sind geeignet, der medizinilchen Wissenschost neue Wege zu«eisen. Als man in der Berliner Charit« daran ging, den Ein- iluß seelischen Erlebens aus die Funktionen der Körperorgan« durch Versuchs festzustellen, wandte man dem wichtigsten Organ, dem Herzen, besondere Aufmerksamkeit zu. Das interessanteste Ex- veriment wurde folgendermaßen ausgeführt: acht Personen wur- den in tiefe Hypnose versetzt. In diesem Zustand suggeriert« man ihnen durch Ausmalen bestimmter Situationen ein« anhaltende starke Erregung: Angst, Freude, Schreck, Zorn, Trauer. Wahrend des Versuch» wurden Puls, Blutdruck und Herzgröhe registriert. Die Resultate zeigten, daß bei fast allen Versuchspersonen mehr »der minder starke Veränderungen auftraten. Bei vier Personen ergab sich«ine besonder» markante physisch« Wirkung: zwei von ihnen zeigten im Erregungszustand eine Verkleinerung, zwei eine Vergrößerung des Herzens! Damit war eine ganz neue medizinische Tatsache festgestellt: daß die Herzgröße rein nervösen momentanen Effekten unterworfen sein kann. Un- willkürlich denkt man an die Redensarten:„Das Herz krampst sich zusammen" und„Das Herz will zerspringen"... * Daß der Aerger auf die Galle wirkt, weiß jede» Kind. Aber wie und warum— da» ist jetzt zum erstenmal geklärt war- den. Daß einer„grün und gelb vor Aerger" werden kann, bedeutet in der Sprache des Mediziners: psychische Gelbsucht, wie sie nach besonder» starkem Aerger austreten kann. Praktische Versuche sind bis vor kurzem nur mit Tieren gemacht worden, zum Beispiel mit einer Dogge, die man ärgerte, und deren Gollefluß zugleich ge- messen wurde. Dabei zeigte es sich, daß der Galleflutz während des Aergers versagte. Dr. Wittkower machte den ersten analogen Versuch beim Menschen. Einer Versuchsperson wurde eine Sonde in den Darm eingeführt, die ausfließende Galle in Reagenzglöschen aufgefangen. Dann wurde die Person„künstlich", das heißt in Hypnose, in die sogenannten vier Grundaffekte versetzt: in Freude. Trauer, Angst und Aerger. Dabei ergab sich, daß Freude, Trauer und Angst den Gallefluß förderten, und zwar trat diese Wirkung sofort mit dem Einsetzen der Suggestion ein, um mit deren Ende äugen- blicklich zu verschwinden. Rur— der Aerger wirkt auf die Galle in besonderer Art: solange die Person sich ärgerte, stockte der Galle- fluß so gut wie völlig! Der Arzt hatte auch den Eindruck, als ob die Gallenfarbe sich ändert«: so glaubt er beobachtet zu haben, daß die Galle während der Freude ganz hell ist. Dr. Wittkower zog nun folgende Schlüsse- während des Aergers tritt vermutlich«in Krampf der Gallenwege «in. der oft als leichte Bauchschmerzen wirkt. Dir Verdauung de» Geärgerten ist gestört, und es ist möglich, daß rein seelische Fak- toren die Entstehung von Gelbsucht und sogar Gallensteinen ver- Ursachen. Das Gebot„Mensch, ärger« dich nicht" ist also in erster Linie«ine Gesundheitsregel! * Seit fast hundert Iahren weiß man, daß die Magensekretion und damit die Verdauung psychischen Einflüssen be- sonders unterworfen ist. Beim Tier genügt zum Beispiel schon das leidenschaftliche Verlangen nach einer erblickten Nahrung, um die Produktion von Magensast hervorzurufen. E» ist kultur- historisch interessant, daß die Theorie, beim Menlchen verhalte e» sich ebenso, Ende de» vorigen Jahrhunderts große Widerstände überwinden mußte. Aber es ist Tatsache, daß sich die Magensast- absonderung eines Menschen, dem man Nahrungsaufnahme sugge- viert, steigert— und zwar je nach dem Appetit, den er gerade auf die suggeriert« Speis« hat. Nun ging man noch einen Schritt welter und oersuchte festzustellen, welchen Einfluß seelische Erregungen auf Menge und SSursgehylt de» Magensafte» sowie auf die Entleerungszeit ausüben. Auch hier wieder der Anklang an populäre Beobachtungen — Schreck und Angst wirken bekanntlich bei vielen Menschen recht verdauungsfördernd...• Zwei Stunden lang wurden 17 Versuchspersonen, Aerzte und Laborantinnen der Charit«, in Erregungszustände versetzt: in Trauer, Angst, Ekel, Zorn und Freude. Zugleich wurde eine Sonde in den Magen jeder Person«ingeführt. Es ergab sich, daß Gemütsaffekt« starke Veränderungen der Magenfunktionen bewirken können. Besonders inter- elsant ist es, daß man anscheinend mit bestimmten Typen von Men- schen zu rechnen hat, von denen jeder auf die verschiedensten Er- regungen stet» gleich reagiert: der«ine Typ zeigt bei jeder Assekt- art etwa Magensäurevermehrung, Zunahm« de» Säuregehalt», Der- kürzung der Entleerungszeit: beim anderen Typ treten genau die umgekehrten Erscheinungen ein, gleichgültig, ob Freud« oder Trauer. Zorn oder Angst empfunden werden. Ebenso verhält es sich mit der Speichelabsonderung: auch hier wirkt bei dem einen hemmend, wa» aus den andern fördernd wirkt. Sehr merkwürdig ist die Fest- stellung, daß im Erregungszustand ein biochemisch ganz ander» zu- sammengesetzter Speichel produziert wird! * Ganz neue Weg« gingen die Forscher bei der Klärung seeli- scher Einflüsse auf die Arbeit der Schilddrüse, deren Bedeu- tung immer stärker zutsgs tritt. E» fiel seit langem auf, daß zahl- reiche Aeußerungen von Gemütsbewegungen genau mit den Sym- ptomen der Basedowschen Krankheit übereinstimmen: Hervortreten der Augen im Zorn, Herzklopfen bei Angst, Durchfall, Zittern. kalter Schweiß. Sollten Zusammenhänge zwischen dem Affektleben und der Iodproduktion der Drüsen bestehen? 15 Aerzte und Studenten erhielten drei Tage lang nur j o d- arme Nahrung. Dann wurden sie eine Viertelstunde lang in Affekte versetzt, während ihr Blut auf seinen Jodgehalt untersucht wurde. Die Ergebnisse waren erstaunlich: bei 13 von den 15 Per- sonen zeigte sich unter Afsekteinwirkung ein Anstieg des Blutjod- spiegels von mehr als SO Prozent, bei 9 über 50 Prozent, bei 3 so- gar mehr als 100 Prozent. Es wurden Iodgehalte erreicht, wie sie sonst nur oben bei der Basedowschen Krankheit bekannt sind. Die Hormone der Schilddrüse, in denen da» Jod auftritt, scheinen in der Erregung besonders stark ausgeschüttet zu werden. * Die hier geschilderten Versuche werden systematisch fortgeführt. Noch stehen die Forscher im Anfangsstadium einer Arbeit, die viel- leicht richtunggebend für die Medizin der Zukunft werden kann. Späteren Zeiten wird es vorbehalten sein, die praktisch« Nutz- anwendung zu ziehen— und es ist gar nicht ausgeschlossen, daß sich die Dinge so entwickeln werden, wie sie sich der kleine Moritz vorzustellen pflegt: daß jede Apotheke Pillen gegen den Aerger, Tropfen für Angsthasen. Tobletten zur Produktion künstlicher Freude führen wird.. llixon Lareen. Wlohammedanifche Sprichworle Als Mohammed drei Gläubig« gefunden hatte, hatte er die ganze Welt erobert. Das Wesen des Menschen ist gleich einem volkreichen Land«: der Verstand ist der Herrscher, die Zunge sein Gesandter, die Urteils» krast sein Minister. Der Bote Allahs ist dos Gewisien Deine Rede soll nicht wortreicki. sondern sinnreich sein. Alles in der Welt ist vergönolich außer Allah Alle», wa» eine Seele hat, wird den Tod schmecken Auch die Einsamkeit der Wüste ivricht dos Wort des Propheten. Gesammelt und bearbeitet von Walter M e ck a u e r.