Morgenausgabe «-.Z-Hrg.°g Wöchentlich 75 Pf, monatlich 3,25 M. (baoon 87 Pf. monatlich für Zustel» wng ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 3.87 M. einschließlich S0 Pf. Postzeitungs- und 72Pf.Postbestellge» bühren-Auslandsabonnement 5,85 M. rro Monat; für Länder mit ermäßig- tem Druckfachenporw».85 M. » Sei Ausfall der Lieferung wegen höherer Gewalt besteht lein Anspruch der Abonnenten auf Ersaß. Erscheinungsweise und Anzeigenpreise stehe am Schluß des redaktionellen Teils. Nertiner Voltsblatt Donnerstag 18. August 1932 Groß-Äerlin 10 pf. Auswärts 15 pf. Jentralorgan der Gozialdemokrattschen Kartei DetttsÄlaVW Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 gernspi.: Dönhoff(A T) 292— 297. Telegramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin. Vorwärts-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: Berlins? öZK.—Bankkonto: Bankder Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. S, Dt.B.n.DiSc..G«s., Dehositenk., Jernsalemer Str.KSl> SA.-Leute eine Anzahl von Radfahrern, die jenseits der Oder wohnen, über die Oderbrücke gebracht hatten(wobei es zu der blutigen Schießerei von SA.-Leuten in die Wohnung des Ar- beiters Karkus, Oderstraße 27, kam), kehrte der Trupp nach der Stadt auf den Schloßplatz zurück. Daraus setzten sich 20 bis 30 SA.-Radfahrer in Richtung Postbrllcke als Vorhut in Bewegung. Ihnen folgten in einigem Abstand die SA.-Leute zu Fuß, an deren Spitze Polizeibeamte gingen. Aus der postbrücke muß es zu einer blutigen Schläge- rei mit Angehörigen des Reichsbanners gekommen sein, bei der auch der SA.-RIann Soniehke ums Leben kam und eine Anzahl Räder ins Wasser geworsen wurde. Dunkel bleiben die Zlussagen der SA.-Leute über den Zusammenstoß mit dem Gewerkschastssekretär Manche. Die einen wollen Manche allein aus dem Dunkel haben hervorstürzen sehen, die anderen da- gegen meinen, er sei verfolgt worden und hätte flüchtend geschossen. Das alles kann die Tatsache nicht widerlegen, daß Manche von einer großen Anzahl SA.-Leuten niedergeschla» gen und in fürchterlicher Weise mißhandelt wurde. Es ist nur zu leicht begreiflich, daß die Nationalsozialisten ein brennendes Interesse daran haben, diesen Dorfall zu verschleiern. Bei ihren Aussagen verwickeln sich mehrere SA.-Leute in starke Widersprüche. So will der SA.-Mann Kluge nach dem Hause Steindamm 1 gelaufen sein, wo sich ein Mann versteckt hielte, der am Schloßplatz aus den Eträuchern geschossen hat. Kluge drang in das Haus ein, will aber beschossen worden sein. Sein SA.- Kamerad Kamysek gibt etwas ganz anderes an. Cr ging mit Kluge nach Steindamm l. Daß dort. geschossen worden wäre, hat er, der Begleiter Kluges, nicht bemerkt. Seine Angaben, er habe den Gewerkschastssekretär Manche bei der blutigen Prügelei an der Postbrllcke gesehen, muß er auf Vorhalten des Vorsitzenden dahin revidieren, Manche sei schon vor der Prügelei an der Postbrücke vorbeigegangen. Man sieht den Mienen der Richter an, wie wenig Glauben sie den Aussagen dieser beiden SA.-Leute schenken können. Der nächste Zeuge ist der SA.-Führer von Ohlau, Kauf- mann Anton. Die Angabe dieses Ohlauer Einheimischen ist sehr wesentlich, daß er bei dem Begleittransport der 300 SA.-Leute, die die 40 bis S0 Radfahrer an die Oderbrllcke brachten, völlig u n b e l ä st i g t blieb. Dasselbe gibt Polizeihauptwachtmeister h e p p n e r an, der diesen Transport durch die Oderstraße an der Spitze begleitete. Als der Hauptwachtmeister an die Postbrllcke kam, hörte er von links, also vom Doktordamm her, Schüsse. Als der Arbeiter Frost mit zwei Frauen Rlichler und Rowack des Weges daher kam. stürzten sich SA.-Leute aus ihn und ver- prügelten ihn. Der Polizeihauptwachtmeister befreite ihn von seinen Peinigern und bekam dabei selbst Schläge. Gleichzeitig mit dieser Prügelei sah er, wie auf der anderen Seite des Schloßplatzausganges nach der Postbrücke hin der Gewerk- schaftssekretär Manche, umringt von SA.-Leuten, am Boden lag. Die Zeugin Muche macht ihre Aussagen mit wilden, hyste- rischen Gesten. Sie demonstriert dem Gericht genau, wie jeder zu- geschlagen haben soll. Sie muß auf Vorhalte zugeben, daß sie mit dem einen Angeklagten, den sie belastet, verfeindet ist. Die Zeugin Anna C u s ch hat gesehen, wie die SA.-Leute mit Gummiknüppeln auf die Reichsbannerleute losschlugen. Der Ratio- nalsozialist Schöps, der den Reichsbannermann Vanin belasten will, wird von ihm bezichtigt, selbst mit einem Schlagring Vanin an den hals geschlagen zu haben. Ausweg statt Agitation. Die Anträge der sozialdemotratischen Reichstagssraktion. Die angekündigten Anträge der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion auf Umbau der Wirtschast und Sicherung der Existenz der notleidenden Volksschichten haben in einem Teil der kapitalistischen Presse schon jetzt eine heftige Kritik hervorgerufen. Besonders besorgt um das Schicksal des Kapitalismus und der Grundpfeiler der bürgerlichen„Ord- nung" ist die„Kölnische Zeitung". Schon die Ankündigung des Reichsinnenministers von G a y l über die Aenderung der Weimarer Verfassung hat sie besorgt gemacht. Sie schrieb: „Die Frage ist nur, ob dem jetzigen Reichstag mit 72,9 Proz. sozialistischen Stimmen eine Reform der Verfassung übertragen werden soll. Man könnte dann erleben, daß durch die einmal hochgezogenen Schleusen sich ein sozialistischer Sturzbach ergießen würde, der manches mit fort- schwemmte, was in der Weimarer Berfasfung als Grundpfeiler der bürgerlichen Ordnung steht." Die Furcht vor dem„sozialistischen Sturzbach" leitet die „Kölnische Zeitung" auch bei der Kritik der sozialdemokrati- schen Anträge. Sie behauptet deshalb, die Anträge verfolgen hauptsächlich einen agitatorischen Zweck und sollten die Nationalsozialisten zwingen, Farbe zu bekennen. Daher bringe die Sozialdemokratie jetzt Anträge ein, die sie früher bekämpft und abgelehnt hat. Was die„Kölnische Zeitung" dafür an Tatsachen an- führt, ist falsch. Sie behauptet, daß die Nationalsozialisten im vergangenen Jahre eine Winterhilfe beantragt hätten, die von der Sozialdemokratie abgelehnt worden sei. In Wirklichkeit hatten die Nationalsozialisten überhaupt keinen Antrag auf Winterhilfe gestellt, während die v o n der Regierung Brüning durchgeführte Winter- Hilfe durch einen sozialdemokratischen An- trag veranlaßt worden ist. Ebenso abwegig ist die Bemerkung, daß die jetzigen Anträge der Sozialdemokratie vermutlich alle noch vor einem Jahre von ihr selbst als demagogisch abgelehnt worden wären. Schon im letzten Reichstag hat die Sozialdemokratie Anträge auf B e r- staatlichung der Montanindustrie, auf Kartell- kontrolle usw. gestellt. Die jetzigen Anträge befinden sich also nicht im Widerspruch zu der Haltung, die die Sozialdemo- kratie früher eingenommen hat. Die Anträge gehen allerdings wesentlich wei- ter als bisher. Aber neben allen anderen Gründen ist das darauf zurückzuführen, daß inzwischen die Wirtschaftskrise weiter fortgeschritten ist, die Aussichten auf Beseitigung der Krise mit kapitalistischen Mitteln von Tag zu Tag geringer werden und vor allen Dingen der Wille der übergroßen Mehrheit des Volkes nach einem sozialistischen Aus- weg aus der Krise durch die letzten Reichstagswahlen eine gewaltige Verstärkung erfahren hat. Das Programm der Sozialdemokratie, das in dem Dutzend Anträgen ent- halten sein wird, das die sozialdemokratische Reichstags- fraktion am kommenden Freitag beschließen wird, soll in- folgedessen zeigen, wie die Wirtschaftskrise überwunden werden kann, die durch das Versagen des Kapitalismus zu einem immer weiteren Anwachsen von Not und Berzweif- lung geführt hat. Es ist falsch, anzunehmen, daß die Sozialdemokratie diese Anträge nur aus der Erwägung stellt, die Nationalsozialisten zu entlarven oder ein bequemes Agitationsmittel zu haben. Das Ziel der Sozialdemokratie ist vielmehr, den der Ver- zweiflung nahen Volksschichten einen Aus- weg aus der Wirtschaftskrise zu zeigen. Sie will selbstver- ständlich zugleich die antikapitalistisch gesinnten Kräfte, die jetzt noch im Lager der Nationalsozialisten stehen und dort als Stützen des Kapitalismus mißbraucht werden, für sich gewinnen, um ihrem Streben die Er- füllung zu verschaffen. Lltn die Deutsche Welle. Eine Erklärung. Wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, ist in einer Unterredung erklärt worden, daß das kulturelle Programm der Deutschen Welle im Rahmen des neuen Reichssenders nicht eingeschränkt werden soll. Es soll, wie angekündigt wurde, im Gegenteil vertieft und erweitert wenden. Ueber personelle Fragen ist noch nicht gesprochen worden, doch scheint sestzustehen, daß der Leiter der Deutschen Welle, Dr. S ch u b o tz, auf feinem Posten bleibt. An Stelle des im Programmausschuß ausgeschiedenen Dr. Duske ist der Intendant C h r i st e a n mit der kommissarischen Wahrung der Geschäfte betraut woroen. Die endgültige Regelung über die Form des Reichssenders wird in der nächsten Woche sollen. To weit die Mitteilung. Man wird abwarten müssen, inwieweit diese recht vage Versicherung mit den Tatsachen übereinstimmt. Bis- her hat Herr Scholz mit seinein blind wütenden Eifer das eine erreicht: selbst seinen Freunden wird vor ihm angst und bang«. So schreibt die„Deutsche Tageszeitung" zur Maßregelung des bisherigen Leiters des Nachrichtendienstes Dr. R ä u s ch e r: „In diesem Fall Räuscher aber müssen wir sagen, daß uns das Objekt der Reformbestrebungen unrichtig gewählt erscheint Die Gerechtigkeit gebietet anzuerkennen, daß Räuscher in der Leitung des Rundfunknachrichtendiensies eine wie immer geartete partei- politische Färbung sorgsam und bewußt vermieden hat. daß ins- besondere die nicht ganz leichte Aufgabe neutraler Presseschauen auch von ihm in einer Weise gelöst worden ist, die zu Beanstandun- gen keinen Anlaß bot____ Sie einem Neuling aus diesem Gebiet zu übertragen, scheint uns ein nicht ungesährliches Experiment zu sein, bei dem die Hörer des Rundfunks ebenso leicht zu Schaden kommen können wie der Mann, der möglicherweise ohne genügende Vorkenntnisse und Erfahrungen eine solche Aufgabe übernimmt." Man darf annehmen, daß derartige Vorstellungen Herrn Scholz, der offenbar auf eine Präsidialregierung Hitler gesetzt hatte, auch von anderer Seite gemacht worden sind. Daher ostenbar die plötzliche Erklärung: die Neuregelung der„Deutschen Welle" oerschoben. Keine Abberuwnq??Zuschers? Zu den Pressemeldungen, daß der Leiter der Dradag, Dr. Räu- scher, telegraphisch vom Urlaub zurückgerufen sei und von seiner Stellung abberufen würde, teilt Tclunion mit, daß der Rückruf nur ein vorübergehender und deswegen erfolgt fei, weil bei der Ueber- leitung der Dradag in die Reichsrundfunkgesellschait die Anwesen- heit Dr. Räuschers in Berlin dringend erwünscht ist. Er dürste den unterbrochenen Urlaub in allernächster Zeit wie- der fortsetzen. Staalrrot Zinn Rundsunkkommisiar der Rorag. Der Senat hat im Einvernehmen mit dem Rcichsminister des Innern Staatsrat Zinn, den bisherigen Vorsitzenden des Ueberwachungsousschuises, zum Staatskommissar der Nordischen Rundfunk A.- G. ernannt. Oeutsch-französische Verhandlungen. Was in Deutschland wird, geht die Welt nichts an? Eine anglo-amerikanische Nachrichtenagentur hat am Dienstag behauptet, daß nach der Rückkehr des französischen Botschafters Francois-Poncet von seinem Urlaub direkte Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich über die beut- schen Wünsche bezüglich der Umorganijierung der Reichswehr, von der Herr von Schleicher in seiner bekannten Rundfunkrede gesprochen hat, beginnen würden. Dazu hat nun dje französische offiziöse H a v a s- Agentur in einem Berliner Bericht Stellung genommen. Das Havas-Telegramm b e st ä t i g t die Meldung insofern, als es feststellt, daß derartige Erörterungen bereits während der Genfer Abiüstungskonferenz zwi- schen deutschen und fränzösischen Sachverständigen startge- funden haben, fügt aber hin u, daß neue Verhandlungen über dieses Thema nur dann Wert haben könnten, wenn sich die p o l i- tische Lage in Deutschland einigermaßen geklärt haben würde, d. h. frühestens nach dem Zusammentritt des Reichstags. Die zuständigen deutschen Stellen wenden sich nun gegen diese Auslastungen der französischen Agentur, weil sie in dieser letzten Bemerkung eine unzulässige„Einmischung" in die innerpoli- tischen Verhältnisse Deutschlands erblicken. Wir fürchten sehr, daß, wenn man auf deutscher Seite nnt solchen Zluffassunoen an derartige Verhandlungen herangeht, die an sich nicht übermäßig großen Er- solgsaussichten noch verringert werden. Will man ernsthast den Franzosen untersagen, sich Gedanken über die künftige Entwicklung in Deutschland zu machen? Glaubt man wirtlich, daß gerade hin- sichtlich der Befriedigung der deutschen militärischen Wünsche es den Franzosen ganz gleich sein wird, wer in Deustchland regiert? Derartige Betrachtungen, die in Frankreich unvermeidlich sind, von vornherein als„unzulässige Einmischung in die deutsche Innen- Politik" zurückzuweisen, ist kurzsichtig und führt zu nichts. Wer einen positiven Erfolg solcher Verhandlungen wirklich wünscht, muß auch den Mut haben, die selbstvesttändliche Tastache anzn- erkennen, daß, je mehr das Ausland Vertrauen zu den friedlichen Absichten Deutschlands haben wird, desto größer die Aussichten Deutschlands sein werden, auf dem Verhandlungswege von den einseitigen Bestimmungen des Friedensvertrages befreit zu werden. Provokation durch Anhalt. Naziministerium verbietet Neichsflagge. Dessau, 17. August.(Eigenbericht.) Das nationalsozialistische Anhalter Slaatsministerium hat in einem Erlaß an die nachgeordneten Behörden eine Beflaggung der öffentlichen Staats- und Dienstgebäude in den Reichsfarben schwarzrotgold untersagt. Lediglich die Anhalter Landes- färben dürfen künftig gezeigt werden. Bolivianische Streitkräfte griffen das Fort Presidente Ayala an, wurden jedoch zurückgewiesen. An die Gewerkschaftsmitgiieder! Die gewaltige Wirtschaftskrise wird zu einem Generalsturm gegen die Arbeiterbewegung ausgenutzt. Mit in erster Linie richtet sich dieser Kampf gegen die Konsumgenossensehaften. Die Konsumgenossenschaften haben ein Rechtauf den Schutz durch die Arbeiterschaft. Sie steilen ein Stück sozialer Gemeinschaft dar. Der Schutz der Konsumgenossenschaften ist um so notwendiger, als die Konsumgenossenschaften ihren Mitgliedern nicht nur gute, vollgewichtige Waren zu gerechten Preisen liefern, sondern ihren Arbeitern und Mitgliedern auch vorbildliche und bahnbrechende soziale Einrichtungen zur Verfügung stellen. Selbstverständlich hat die furchtbare Arbeitslosigkeit auf die Umsätze der Konsumgenossenschaften ähnliche nachteilige Wirkungen ausgeübt wie auf die Umsätze des privaten Einzelhandels und der Warenhäuser. So wie unter diesen Umständen die privatwirtschaftlichen Unternehmungen ihre Umsatzschmälerung durch eine erhöhte Propaganda auszugleichen versuchen, mufl auch die Werbetätigkeit für die Konsumgenossenschaften stark gesteigert werden. Die unterzeichneten gewerkschaftlichen Spitzenverbände, die mit den Konsumgenossenschaften freundschaftlich verbunden sind, fordern alle Gewerkschaftsmitglieder auf, ihre Hauswirtschaften der organisierten Sedarfs- deckungswirtschaft einzuglie dem und ihren Bedarf an Lebensmitteln, Haushaitungsgegenständcn und Bekleidung nur in den Verteilungsstellen und Warenhäusern der Konsumgenossenschaften des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine zu decken. Jeder Gewerkschafter mufi Mitglied einer Konsumgenossenschaft sein. Der Eintritt in die Konsumgenossenschaften ist mit Kosten nicht verbunden. Die Aufnahme neuer Mitglieder erfolgt in allen Verteilungsstelisn der Konsumgenossenschaften. Allgemeiner Deutscher Gewerkschafts-Bund. Allgemeiner freier Angestellten-Bund. Allgemeiner Deutscher Beamten-Bund. Zugendarbeit in der Krisenzeit. Erweiterie Aufgaben- verringerte Mittel. Wir habest heute in Berlin schätzungsweise 60 000 arbeit- suchende Jugendliche. Wahrscheinlich ist diese Zahl sogar nach zu niedrig gegriffen. Van den Arbeitsämtern ersaßt wird nur ein Bruchteil dieser Jugendlichen. Dagegen wurde von dem zen- traten Ausschuß zur Fürsorge für die erwerbslose Jugend in Berlin, dem neben dem Landes-Wohlsahrts- und Jugendamt alle wesentlich an der Jugendbildung und-fürsorge beteiligten Arbeitskreise ange- hören, im Februar dieses Jahres eine Zählung veranstaltet. Es ergab sich, daß ohne die vom Hauptausschuß für Leibesübungen und Jugendpslege und seinen Ortsausschüssen und ohne die von den Ge- werkschasten betreuten Jugendlichen rund 12 000 erwerbslose Jugend- tiche in Kursen, Heimen, Jugendswben usm. sich besanden. Nimmt man an, daß jedem im Durchschnitt etwa ein Vierteljahr lang solche Betreuung zuteil wird, so werden im Jahr durch diese Maßnahmen etwa 46 000 Jugendliche ersaßt. Ein großer Teil bleibt also ohne jede Fürsorge, und selbst ihren„glücklicheren" erwerbslosen Altersgenossen wird sie höchstens wenige Monate hindurch zuteil. Unter diesen Umständen gewinnt die gewerkschaftliche Jugend- arbeit besondere Bedeutung. Sie hat jetzt nicht nur die Aufgabe, die Jugend für den Gewerkschaftsgedanken zu erziehen und sie im Sinne dieses Gedankens zu bilden und zu betreuen; sie muh sich vor allem auch bemühen, den von der Erwerbslosigkeit mittelbar oder unmittel- bar betroffenen Jugendlichen rein menschlich zu helfen, ihnen das Selb st vertrauen zu erhalten oder wiederzugeben, aus dem allein Gemeinschaftsgeist sich entwickeln kann. So hat der B a u g e w e r k s b u n d im vergangenen Jahr ein« Anzahl berufsfördernder Kurse veranstaltet: drei für Maurer, einen für Stukkateure, einen für Glaser, einen für Töpfer. Das Interesse und die Teilnahme an den Kursen stieg beständig. An ihrem Schluß sprachen die Jugendlichen den Wunsch aus, die Kurse fortzusetzen und weiter zu spezial-isieren, besonders auch im Hinblick auf die viel- fach heute sehr mangelhafte Lehrlingsausbildung.„Was soll dabei herauskommen, wenn wir zwei üahre nicht im Beruf gearbeitet haben, und wir sollen später wieder einmal als Maurer unseren Mann stehen? Auch die anderen Fragen... wie Arbeitsschutz und Arbeits- recht, müssen noch weiter behandelt werden, um dort auch ein klares Bild zu bekommen", schreibt ein Kursusteilnehmer. Wie notwendig solche Rechtsbelehrung ist, zeigt die Taffache, daß im Jahre 1931 rund 590 Klagen um ausreichenden Lehrlingsschutz im Berliner Bezirk von den freien Gewerk- schasten beim Jnnungsausschuß und beim Arbeitsgericht vorgebracht werden mußten, die für 362 Lehrlinge und jugendliche Arbeiter ver- besserte Arbeitsbedingungen ergaben. Hauptsächlich handelte es sich dabei um zu Unrecht geforderte Ueberstunden, mangelhafte Aus- bildung, Nichteinhaltung des Tarifvertrages. 62mal wurde die Ge- werbeaufficht gegen Ueberstundenunwesen, Unfallgefahr und ähnliche Mißstände mobilisiert, zweimal der Gesundheitsschutz. Auch der ver- einbarte Urlaub wurde mehrfach nicht gewährt. Dabei ist die Urlaubssrage für Lehrlinge noch immer in ihrer Gesamtheit sehr unzureichend geregelt Das bedeutet heute in sehr vielen Fällen dos Wegfallen jeder Ruhepause im Jahr für die berusstätigen Vierzehn- bis Achtzehnjährigen. Trotz der Sparmaßnahmen, die diese Krisenzeit den Gewerkschaften aufzwang, war man dort bemüht, alle Einrichtungen aus dem Gebiet der Jugendfürsorge zu erhalten und zu fördern. Viel- fach waren Bildungskuvse für die Gewerkschaftsjugend in den ver- gangenen Jahren in Verbindung mit Wochenendfahrten veranstaltet worden. Diese waren, wie der Jahresbericht für 1931 der Frei- gewerkschaftlichen Jugendzentrale darlegt, nicht im alten Umfange durchzuhalten gewesen, sondern mußten zum größeren Teil als Abendveranstaltungen in der Stadt durchgeführt werden. Im ganzen wurden von den freien Gewerkschaften für 23 605 Ber- liner Lehrlinge und Jugendliche unter 18 Jahren 1716 Veranstal- tungen im Berichtsjahr geboten. Neben der systematischen Bildungsarbeit im gewerkschaftlichen Sinn nehmen in diesen Veranstaltungen allgemein bildende, künst- lerische und unterhaltende Darbietungen einen breiten Raum ein. Es fanden 560 statt. Sie stellen einen sehr wichtigen Teil der ge- werkschaftlichen Jugendarbeit dar, besonders in dieser Notzeit, wo es dem jugendlichen Arbeiter kaum möglich ist, sich allein den Weg zu geistigen Anregungen und Bildungsmitteln zu bahnen, und wo der Arbeitslose in Gefahr ist, durch sein wirtschaftliches Elend stumpf und teilnahmslos zu werden. Die Benutzung der Bibliothek der Gewerkschaftsjugend ist stän- dig g e st i e g e n; auch die Beteiligung an den von den Jugend- gruppen veranstalteten Sonntagsheimabenden nimmt fort- laufend zu. Leider stellten sich hier bei der Beschaffung geeigneter Räume mehrfach Schwierigkeiten heraus, da in der gegenwärtigen Zeit die Mieten dafür, auch wenn es sich im Einzelsall um einen verhältnismäßig geringen Betrag handelte, nur schwer aufzubringen waren. Der Ausbau dieser Abende wurde trotzdem sortgesetzt, da man in ihnen ein wirksames Mittel sah, die Jugendlichen von ob- skuren Vergnügungsstätten fernzuhalten. lieber alle diese gewerkschaftliche Jugendarbeit und ihre syst«- matische Durchführung gibt der oben erwähnte Jahresbericht Aus- kunst. Ihre Lektüre ist sehr zu empfehlen. Durch übersichtliche Ta- bellen im Anhang über Rechtsfragen der Lehrlinge, Ferien der Lehr- linge, Lohn- und Kostgeldsätze der Lehrlinge, Jugendarbeit der Ver- bände und Adressenverzeichnisse der Berussberatungsstellen und der Gewerkschaften dürfte das Hest für viele außerdem zu einem wertvollen Nachschlagewerk werden. T. EL Sduilz. Bamuarktkrise ist iniernaiional. Arbeitsbeschaffung tut not. Der Gesamtvorstand der Bauarbeiterinter- nationale hat dieser Tage in Z ü r i ch neben dem Organisations- bericht des Sekretärs K ä p p l e r- Berlin die Situationsberichte der der Bauarbeiterinternationale angeschlossenen Verbände entgegen- genommen. Alle diese Berichte sind nichts anderes als ein Schrei nach Arbeit. Die Bauarbeiterinternationale zählte im Jahre 1931 2 4 angeschlossene Organisationen in 19 Ländern mit 897 403 Mitgliedern. Aus dieser Aufstellung ergibt sich gegenüber dem Vorjahr eine Verminderung der Mitgliederzahl um 71 846. Dieser Rückgang ist zurückzuführen auf die in fast allen angeschlossenen Ländern zu beobachtende schlechte Bautätig- k e i t. Das Baugewerbe ist überall in der Welt von der Wirtschafts- krist am härtesten betroffen. Jetzt, im Hochsommer, also in einer Zeit, in der früher im Baugewerbe Hochkonjunktur herrschte, sind in der Mehrzahl der berichtenden Länder die Bauarbeiter b i s z u 80Prozent arbeitslos! An der Spitze der Arbeitslosigkeit steht Deutschland. Das Problem der Arbeitsbeschaffung wurde eingehend besprochen. Alle Redner betonten, daß die Maßnahmen der Regierungen zur Vermehrung der Arbeitsgelegenheit absolut u n z u l ä n g- l i ch seien. Wolle man die Arbeitslosigkeit ernsthaft bekämpfen. dann müsse vor allen Dingen die Bautätigkeit in Gang gebracht werden. Ueberall fehle es an gesunden und billigen Wohnungen für die Arbeiterschaft. Desgleichen müßten Kultur- und Verkehrsbauten sowie volkswirtschaftlich notwendige Anlagen wie Land- und Wasserstraßen, Talsperren und Kraftwerke geschaffen werden: auch seien die Eisenbahnen in der Elektrifizierung noch weit zurück. Der freiwillige Arbeitsdienst wurde als Palliativmittelchen im Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit charakterisiert. Er schasse überdies für die Bauarbeiter die Gefahr, daß ihr schon jetzt aus ein Minimum eingeschränktes Arbeitsfeld noch mehr eingeschränkt wert-. Aus allen diesen Gründen und auch deshalb, weil man bemüht ist, die im freiwilligen Arbeitsdienst beschäftigten jungen Arbeiter dem moralischen Einfluß der Gewerkschaftsbewegung zu entziehen, lehnte der Gesamtvorstand der Bauarbeiterinternationale diese Art von Arbeitsbeschaffung ab. Die Ausstellung eines Arbeits- beschaffungsprogramms für die Bauarbeiterinternationale hielt die Züricher Tagung für unangebracht. Das Baugewerbe, so wurde hervorgehoben, sei an sich in der Hauptsache auf lokale und nationale Bedürfnisse angewiesen; außerdem hätten eine Anzahl ge- werkschaftlicher Landeszentralen die Forderungen der Arbeiter in ihren Arbeitsbeschassungsprogrammen bereits berücksichtigt. Dessen ungeachtet wird aber die Bauarbeiterinternationale bereits vorhan- dene und noch auftauchende internationale Arbeits- beschaffungsprograinme fördern Helsen, besonders in jenen Fällen, wo es sich um die Arbeitsbeschaffung in notleidenden Ländern handelt. Der geschästsführende Ausschuß wurde ermächtigt, in besonderen Fällen jugendlichen Arbeitern die Teilnahme an Schulungs- und Bildungskursen sowie an Studienreisen durch Zuschüsse aus der Kasse der Bauarbeiterinternationale zu ermög- lichen. Die Drucksachen und Berichte der Internationale, die bisher in dänischer, deutscher, englischer und französischer Sprache herausgegeben wurden, sollen künftig auch in spanischer Sprache ge- druckt werden. Ferner soll bei allen angeschlossenen Organisationen festgestellt werden, ob und in welcher Weise die regelmäßig« B e- richterstattung über den Baukostenindex durchsühr- bar ist. � Die Krau in der Arbeiislosensürsorqe. Haben Mann und Frau Anspruch auf Unterstützung in der Ar- beitslosenfürsorge auf Grund eigener Anwarffchaften, so ist es ein Fehler, wenn der eine von beiden auf seinen Anspruch verzichtet. Ein praktisches Beispiel: Der Ehemann hat 50 M. die Woche ver- dient; er erhält jetzt die Woche 11,70 M in der Arbeitslosen- Versicherung und Krisenunterstützung im Falle der H i l f s- b e d ü r f t i g k e i t. Die Ehefrau hatte bisher auch einen eigenen Versicherungsanspruch, aus den sie aber freiwillig oder aus'Anraten der Arbeitsamtsangestellten verzichtet, weil unter Einhaltung des H ö ch st r i ch t s a tz e s für ein Ehepaar— das find 11,75 M.— dann der Ehemann entsprechend weniger bekommen müßte und dafür die Frau, um denselben Sag gemeinsam zu erreichen, auch stempeln gehen müßte. Tatsächlich würde in diesem Falle— bei Bejahung der Hilf-- bedürftigkeit— der Ehemann 7,85 M. und die Ehefrau 3,90 M., also insgesamt auch nur 11,75 M. bekommen, aber— im ersteren Falle ist nur der Ehemann gegen Krankheit vom Arbeitsamt versichert und die Ehefrau hat nun entweder gar keinen oder nur den Aisspruch aus der F o m i 1 1 e n h i l f« im Krankheitsfalle oder im Wochenbett. Im zweiten Falle dagegen hat die Ehefrau sowohl bei Kran'heit als auch im Wochenbett einen Anspruch an die Krankenkasse auf Grund eigener Ver- s i ch e r u n g. Der Unterschied in diesen beiden Arten der Kranken- und Wochenhilfe ist gewallig. Hier gibt es keinen Arzt der freien Wahl, kein Krankengeld, kein Wochengeld und zu jeder Medizin und zu jedem Medikament muß ein großer Anteil zunezahlt werden. Bei eigener Versicherung der Ehefrau hat sie dieselben Anrechte auf Kranken- und Wochenhilfe wie der Ehemann, also Krankengeld, Wochengeld, freie Arztwahl und nur geringe Zuschüsse zu Medikamenten. Für die Aufrechterhaltung der Ansprüche aus der Jnva- lidenverficherung und Angestelltenversicherung gilt dasselbe. Bezieht die Frau selbst auch nur noch Pfennige, so ist das Arbeitsamt verpflichtet, auch ihre Anwartschaften aufrecht zu erhalten. Bekommt nur der Ehemann noch Unterstützung, so ist auch dieser Anspruch erledigt. Im eigensten Interesse kann daher den Arbeitslosen in solchen Fällen nur geraten werden, die kleine Unbequemlichkeit der Stempelei durch die Frau mit in Kauf zu nehmen, damit die An- spräche an die Sozialversicherung gewahrt bleiben. Ein Wachenbett oder eine Krankheit machen es hundertfach bezahlt. Vorläufig noch keine Arbeiisdienstpsticht Dementi over Polemik? Das Reichsarbeitsministerium erklärt zu der Mitteilung der DAZ., die Regierung beabsichtige, den freiwilligen Arbeits- dienst in eine— wenigstens teilweise— Arbeitsdienst« pflicht zu verwandeln, diese Absicht sei ihr nicht bekannt. Im übrigen hätten sich mehr Arbeitswillige gemeldst, als untergebracht werden können, womit auch jeder Grund zum Zwang entfalle. Der Reichskommissar sei beauftragt, zur gegebenen Zeit ein Gutachten über die Umwandlung des freiwilligen Arbeitsdienstes in die Arbeitsdienstpflicht zu erstatten. Es läge kein Anlaß vor, diese Umwandlung vor Erstattung des Gutachtens vorzunehmen. Schön. Warum aber wurde übereinstimmend gemeldet, die Reichsregierung beschästige sich u. a. auch mit der Frage des Ar- beitsdienstes? Wir haben den Eindruck, daß oas Dementi des Reichsarbeitsministeriums einer Polemik gegen andere Regierungs- stellen nicht unähnlich ist. Aber vielleicht gehört auch das zu dem „grundsätzlich neuen System". Erhaltung der Kampfkraft. Veiralöbeschlüsse der Gaffwirtsangestellfen. Vor«inigen Tagen war in Berlin der Beirat des Zen- traloerbandes der Hotel-, Restaurant- und Cafe- ange st eilten versammelt, und zwar in der Hauptsache zu dem Zweck, für die durch die weitere Verschlechterung der Wirtschasts- läge entstandenen Einnah nteausfällc einen Ausgleich zu schaffen. Auch die immer noch ansteigende Arbeitslosigkeit im Gastwirtsgewerbe— Ende Mai waren von den rund 250 000 gast- wirtschaftlichen Arbeitnehmern in Deutschland 100 530 arbeitslos— und den L o h n a b b a u, der bis jetzt ungefähr 20 bis22 Proz. beträgt, sind die Beitragseinnahmen der Organisation wieder stark zurückgegangen. Die auf früheren Beiratstagungen beschlossenen Einsparungen genügen daher nicht mehr. Nach langer Debatte wurden vom Beirat folgende B e- schlüsse gefaßt: Die bereits zweimal gekürzten Gehälter der Verbandsangestellten werden ab 1. August nochmal- um 5 bis 6 Proz. abgebaut. Nochmals gesenkt werden auch die R e i s e- s p e s e n der Verbandsangestellten. Alle Zuschüsse der H a u p t t a s s e an Zweigvereine werden ab 1. September um 25 Proz. gekürzt. Abgebaut werden drei Ortsangestellte und eine Hilfskraft bei der Hauptverwaltung. Das Verbands st erbe- g e l d wird ab 1. September um ein Drittel gekürzt. Die vom Beirat im September 1931 beschlossene Herabsetzung der Kranken- und Arbeitslosenunterstützung wird bis auf weiteres beibehalten und das Statut entsprechend geändert. Bei- träge für die I n v a l i de n u n t e r st ü tz u n g s k a s s e werden nicht mehr zurückgezahlt. Der hierauf bezügliche Abs. 14 des 8 45 des Verbandsstatuts wird gestrichen. Alle der freiwilligen Sterbe- lasse„Zentral- Horesca" beitretenden über 40 Jahre alten Verbandsmitglieder müssen in Zukunft eine längere als die bisher im Statut festgesetzte Karenzzeit durchmachen Ueber Tariffragen wurde nach einem Bericht des Ge- nassen Reißer lebhaft diskutiert und die Taktik des Verbandes bei den kommenden Tarifkämpfen festgelegt. Entsprechend einem Vorschlag der Hauptverwaltung soll im Oktober ein« einheitlich sich über das ganze Reich erstreckende Werbeaktion durchgeführt werden._ # Freie Gewerkschafts-Iugend Berlin Heute, Donnerstag, IfiVs Uhr, tagen die Gruppen: Südosten: Jugend- heim Reichenberger Str. 6«. Frauen im Beruf und im Haufe.— Tempelhof: Jugendheim, Lnzeum Germaniastr. 4— H. Der Zugang erfolgt durch den Eingang Götzstraße. auf der hinleren Seite der Schule. Poli- lisch. satirischer Abend.— Moabit: Jugenheim Lehrter Str. 18— 19. Das Wirt. schaftsprogramm der Gewerkschaften.— Staaken: Jugendheim der 17. Volks- schule, Gartenstadt, Kirchplatz. Endhaltestelle Autobus 31. Gewerkschaften und Arbeitsdienstpflicht.— Schönhauser Tor: Jugendheim Tieckstr. 18. Gewerk- schaftsrichtunaen.— Landsberger Platz: Jugendheim Diestelmeyerstr. 5. Burschen- abend.— Lichtenberg: Jugendheim Dossestr. 22. Hinter den Kulissen der Kunst. — Reu-Lichtenberg: Jugendheim Gunterstr. 44. Die NSDAP, und die Ge- werkschaften.— Osten: Jugendheim Frankfurter Allee 307 lLöns-Zimmer). Sieg- reich wolln wir..— Gesundbrunne«: Jugendheim Rote Schule, Goten- burger Str. 2. Gewerkschaften und Neicbstagswahl.— Köpenick: Jugendheim Grünauer Str. 3(Nähe Bahnhos Spindlersfeld). Der Umbau der Wirt- schaff.— Das Wirtschaftspi.ograinm der Gewerkschaften.— Schlestsches Tor: Jugendheim Manteuffelstr. 7. Gutheit kommt.— Spiele ab 19 Uhr: Jugend- gruppe des Deutschen Bekleidungsarbeiter-Verbandes: Treptower Wiese, Nr. 8. Iuaendoruppe des'.'Zenlralverbandesi der Anqeffeltten Heute, Donnerstag, sind folgende Veranstaltungen: Rorde»! Jugendheim Lorhingstr. 19, Was geht in der Welt vor?— Ostc»! Jugend. heim der Schule Litauer Str, 1«. Die deutsche Reichsverfassung.— Treptoiv: Jugendheim Elsenstr. Z. Wir gehen baden.— Die Freie An» gcstclltcnbant e.0 Pf. Rabatt laut Tarif. Worte über is Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Millimeterzeile 2» Pf. Familienanzeigen Millimeter» zeile:S Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindensiratze 3, roochentäglich von 8V» bis 17 Uhr Der Verlag behält sich da» Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor: Verantwortlich tlli Politik: Victor«ch-ffi Wtrllcha'i S lklingelhötert Gewerkschaftsbewegung: I. Steiner: Feuilleton: Herbert Lcpore; Lokales und Sonstiges: Fritz ik-rftädt: Anzeigen: Ott» Hengst: sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts. Verlag G m. d H. Berlin Druck: Vorwärts. Buchdruckeret und Verlagsanstalt Paul Singer u. Co. Berlin SW. 68. Lindenstrah« tz, Hierzu Z Beilagen. Er. 387* 49. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts Donnerstag, 48. August 4932 Alter Goldschatzschwindel. M Bei der Berliner Kriminalpolizei sind gegenwärlig verschiedene Anzeigen eingelaufen, die einen umfangreich angeleglen Schwindel mit dem berüchtigten spanischen Goldschah zum Gegenstand haben. Seit etwa 14 Tagen ist eine Gruppe anscheinend internationaler Hochstapler an der Arbeil, Opfer für dieses uralle Betrugs- Manöver zu finden. Von Zeit zu Zeit— immer in Abständen von einigen Jahren — sind Schwindler mit einer Goldschatzaffäre in Spanien an be- gitterte Leute herangetreten. Die Gauner konnten leider nie gefaßt werden. Für den Schwindel sind im Lause der Jahr« mehr als 100 000 Mark von den Interessenten geopfert worden. Als Lock- mittel diente häufig der Schatz der Jnkas, das Goldschiff der spanischen Armada, das auf einer Erobererfahrt gesunken war und über dessen Verbleib man wußte. Leider fehlten nur die Mittel, um den Schatz zu heben. Man kargte nicht mit den Nomen berühmter spanischer Cavalleros und hatte angeblich aufschlußreiche Dokumente und genaue Pläne zur Hand. Die neuesten Ereignisse in Spanien hat sich jetzt wieder eine Gruppe von Hochstaplern zunutze gemacht und an verschiedene wohlhabende Deutsche Briefe gerichtet. So er- Hole Carmen und die 50 Prozent." hielt ein Berliner Großkausmann einen Brief, der tat- sächlich aus Spanien kam und in dem ihm ein Spanier fol- gendes Angebot machte: er, der Schreiber, sei infolge seiner jetzigen politischen Betätigung verhastet und ins Gesängnis gebracht worden. Er habe in Berlin bei einer großen Bank ein Millionenkonto. Außerdem habe er«ine 16 Jahre alte Tochter, Carmen, deren Leben und Zukunft in Spanien unsicher sei und die er gerne in die Obhut eines Deutschen geben möchte. Der Kaufmann sollte nach Sevilla kommen, dort die Tochter in Empfang nehmen, die auch die Dokumente über das Konto in Berlin besitze. Dann sollte der Mann mit dem Mädchen nach Deutschland zurückfahren, das Geld abheben und davon 50 Prozent behalten. Das fei als Gegen- leistung für die treue Hilfe gedacht. Dem Brief lag das Manuskript eines Telegramms bei:„holeCarmenunddie 50Pro.zent" sollte die zustimmende Antwort lauten. Nach Aufgabe dieses Tele- grammes sollten dann nähere Einzelheiten über Carmen und das Millionenkonto folgen. Dem Kausmann kam die Geschichte reichlich spanisch vor. Er ging zur Kriminalpolizei, die ihn über diesen schon fast historisch gewordenen Schwindel hinreichend aufklären konnte. Braudstifiung am Weidenweg. Ein Verdächtiger festgenommen? Die Serie der Dachsluhlbrände in den letzten Tagen fand ihre Iorksehung durch ein Feuer, das gestern am frühen Nachmittag im Hause weidenweg 82 Ecke Znsterburger Straße zum Ausbruch kam. Ein Teil des Dachsiuhls brannte nieder. Noch während der Löscharbeiten wurde ein junger Mann festgenommen, der im verdacht steht, das Feuer vorsätzlich angelegt zu haben. Um 13 Uhr drangen aus den Bodenluken des Hauses Weiden- weg 82 plötzlich dichte Oualmwolken. Die alarmierte Feuerwehr, die sofort mit mehreren Schlauchleitungen und wegen der starken Derqualmung mit mehreren Rauchschutzapparaten nach oben vor- drang, konnte das Feuer schnell einkreisen. Es zeigte sich, daß Brand st iftung vorlag. Aus der Zuschauermenge wurde dann auch ein 17jähriger Bursche festgenommen, der seit den frühen Morgenstunden vor dem Hause umhergelungert hatte und nach der Behauptung mehrerer Mieterinnen auch im Treppenhaus wieder- holt gesehen worden war. Der Beschuldigte bestritt die ihm zur Last gelegte Tat. Iuwelenraub lohnt sich nicht. Geringer Erlös aber je drei Jahre Gefängnis für die Räuber Am 14. Januar d. I., kurz nach 9 Uhr, fuhr vor einem Juwe- lierladen in Lichtenberg ein Auto vor. Ein Mann, der sich bereits wenige Minuten vorher eingesunden hatte, zertrümmerte mit einem Hammer die Glasscheibe, und während sein Komplice mit dem Re- volver in der Hand den Juwelier und das Publikum in Schach hielt, ergriff der erste ein Tablett mit Brillantringen und stürmte in das Auto, das mit vollem Gas davonsauste. Zwei Tage später wurde unter dem Verdacht der Täterschaft der nur wenig vorbestrast« Str. verhaftet und trotz seines Leugnens vom Schöffengericht zu vier Jahren Gesängnis verurteilt. Vor 14 Tagen nahm die Polizei die zwei anderen Teil- n e h m e r des Uebersalls in Lichtenberg fest, den Boxer S. und den Mechaniker B. Man fand bei ihnen noch Reste der Beute; bei B. auch eine Uhr, die aus einem Einbruch aus demselben Juweliergeschäft stammte. Beide legten ein Geständnis ab, sie behaup- teten, Str. habe sie zu dem Uebersall angestiftet, er habe das Auto besorgt, doch erst am Morgen der Tot gesagt, wohin die Reise gehen sollte und wie die Rollen zu verteilen wären. Ihm habe auch der Revolver gehört. Str., der bis jetzt jede Täterschaft bestritten hatte, legte plötzlich gleichsalls ein Geständnis ab. Wie er vor Gericht er- klärte, unter Einfluß seines Vaters. Dieser hatte an das Gericht einen Brief gerichtet, in dem er die Schuld seines Sohnes als viel geringer darzustellen versuchte und die gegen ihn verhängte Strafe als zu hoch bezeichnete. Str., als Zeuge vernommen, behauptete tatsächlich, daß der Angeklagte B. derjenige gewesen sei, von dem der Plan ausgegangen: er, Str., habe auf seine Veranlassung das Auto gestohlen und bei dem Uebersall den Chauffeur gespielt. Es seien ihm 200 Mark versprochen worden, die er nicht erhalten habe. Die drei Ringe, die er bekommen habe, sei er nicht los geworden. Während der wirkliche Verkaufswert etwa 8000 Mark ausmachte, erhielten die Räuber nicht mehr als insgesamt etwa 300 bis 400 Mark.— Das Gericht verurteilte S. zu drei Jahren einem Monat Gefängnis, B. zu drei Iah- ren Gesängnis._ Oer alie Gerichiszopf. Die Neuregelung auf dem Gebiete der Rechtspflege, die durch Verordnung des Reichspräsidenten vom 14. Juni 1932 vor- genommen wurde, hat leider noch nicht die Abschaffung der jetzt üblichen vielen Gebühren gebracht. Wer gezwungen ist, einen Prozeß zu führen, kann allerlei Ueberraschungen erleben. Das Gericht sordert von ihm— vorschußweise— Prozeß- gebühren, hinterher kommt dann eine dicke Rechnung über B e- weisgebühren und Schreibgebühren. Die Summierung dieser Beträge löst aber oft großen Schrecken aus und dieser Schrecken wird immer größer, da auch der eigene Anwalt alle diese Gebichren liquidiert, selbst wenn er den Prozeß nicht ge- wonnen hat. Da aller guten Dinge drei sind, darf man auch noch die gleichen Prozeßkosten sür den gegnerischen An- walt bezahlen. Während im gewöhnlichen Leben Leistung und Gegenleistung für die Zahlung ausschlaggebend sind, richtet sich dies bei dem Gericht noch der Geschicklichkeit des Anwalts. Wenn man sich dazu hat oerleiten lassen, statt nur einen Teilbetrag der strittigen Summe den Gesamtbetrog einzuklagen und man verliert den Pro- zeß, so erhalten die drei beteiligten Stellen ohne jede Mehrarbeit ein Vielfaches von dem, was sie bei einer Teileinklagung erhalten würden. Es müßte also auch hier einmal gründlich« Abänderung geschaffen werden. Ist Eierpampe erlaubt? Bei unseren Berliner Jungens und Mädels, vor allem aber bei den Jungens gibt es ein sehr beliebtes Spiel. Wo immer sich Gelegenheit bietet, stellen sie sich— selbstverständlich mit einer Art von Badebekleidung angetan— dorthin, wo in der Natur Wasser und Sand sich zu mischen beginnen. Wenn sie das erstemal aus dem Wasser herauskommen, beschmieren sie sich von oben bis unten mit Sand. Sie sehen aus wie die Maori, springen dann aber in die Flut, um blitzblank und geläutert, wie der berühmte Phönix, der der Asche entsteigt, wieder herauszukommen. Sie nennen dies Spiel Eierpampe, das weiß ja jeder Berliner. Durch den Sitt- lichkeitserlaß des stellvertretenden preußischen Staatskommissars Ton oben bis unten bedeckt. Dr. Bracht aber haben zahlreiche Berliner Eltern Bedenken be- kommen, ob sie sich und ihre Kinder nicht dem polizeilichen Zu- griff aussetzen, wenn sie ihren Kindern das Spiel Eierpampe er- lauben. Wir haben die Verordnung des stellvertretenden preußischen Staatskommissars auf das gewissenhafteste dahingehend geprüft, ob die Eierpampe mit der„Wahrung christlicher Grundsätze" in Wider- spruch steht und als eine„kulturelle Zersetzungserscheinung im äußeren Bilde, vor allem der Großstädte", anzusehen ist. Beson- der? haben wir auch festzustellen versucht, ob das Spiel Eierpampe als„Nacktbaden" und„Besuch von Gaststätten in Badebekleidung" anzusehen ist. Wir können den besorgten Eltern mitteilen, daß unsere Nachprüfungen in staatsrechtlicher und moralischer Hinsicht zu einem gegenteiligen Ergebnis geführt haben. Ist richtige Zu- sammenfetzung der echten und unverfälschten Eierpampe erreicht, das heißt, haben sich die Jungen von oben bis unten mit Sand beschmiert, dann ist geradezu ein Jdeal.zustand im Sinne der stell- vertretenden kommissarischen preußischen Verordnung hergestellt worden. Die Jungen sind ja dann geradezu von unten bis oben bekleidet. Sind sie dann ins Wasser gesprungen und haben sich ab- gespült, dann müssen sie sich entweder schleunigst wieder mit Sand beschmieren oder sich so rasch wie möglich anziehen. Dann kann Herr Bracht ihnen und der Eierpampe ganz be- stimmt nichts anhaben! Die Bergung der„Niobe". Teile des Schiffskörpers über Waffer. Siel. 17. August. wie von der Marine mitgeteilt wird, war der Schiffskörper der„Niobe" um 16 Uhr auf 11 Meter Wasiertiefe gehoben. 3n- zwischen sind die Bergungsarbeiten so weit gediehen, daß gegen 18 Uhr bereits der Bug und ein Teil des Vorderschiffs an der Wasseroberfläche erschienen. piccard startet heute früh. Zum zweiten Stratofphärenflug. Zürich, 17. August. Professor Piccard wird nunmehr endgültig Donnerstag früh, wahrscheinlich zwischen 4 und 5 Uhr, zu einem zweiten Stra- tosphärenflug starten. Der Organisationsausschuß meint, daß die Wetterlage jetzt den Aufstieg fraglos gestatte und ein Aufschub daher nicht mehr notwendig sein werde. Die Vorbereitungen zum Aufstieg haben auf dem Flugplatz in Dübendorf bereits be- gönnen. Die Ballonhülle ist Mittwochnachmittag wieder auf dem Rasen ausgebreitet und für die Füllung mit Wasserftoffgos vorbereitet worden. Piccard selbst beaufsichtigt. Gegen Abend wird die Gondel aus der Flugzeughalle auf dem Platz eintteffen. Die Gondel muß mit großer Vorsicht befördert werden, damit die Instrumente nicht Schaden leiden. Die Komödie im Kammergericht. Gefängnisstrafe für Gerichtsvollzieher undIustizangestellten Das Schöffengericht Berlin-Mitte verurteilte gestern den Gerichtsvollzieher Brehm wegen fortgesetzten Betruges, Urkundenfälschung, Amtsanmaßung und Anstiftung zum Diebstahl zu einem Zahr sechs Monaten Gefängnis und den Zustizange- stellten S a g e r t wegen Betruges, Urkundenfälschung, Diebstahls und Beihilfe zur Amtsanmaßung zu acht Monaten Gesang- n i s. Beiden Angeklagten wurde die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter abgesprochen. Der Hausverwalter Sternberg wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. » Es war eine humorvolle Gerichtsverhandlung. Man wußte nicht, worüber man mehr staunen sollte, lieber die Naivität und Weltfremdheit dieses Architekten, der durch Vermittlung seines Hausverwalters aus den Händen eines Gerichtsvollziehers die Be- stallungsurkunde des höchsten preußischen Gerichts, des Kammer- gerichts, entgegennimmt, oder über die Dreistigkeit, mit der dieser Gerichtsvollzieher im leeren Saal des Kammergerichts die Szene voller grotesker Komik aufführte, als er in Zivil, ohne Talar, mit dem künstlichen Bärtchen, den Herrn Architekten die Hand zum Eidesschwur erheben und ihn die Eidesformel des Sachverständigen nachsprechen ließ. Der Hausverwalter Sternberg kann von Glück reden. Seine Rolle war durchaus nicht ganz durchsichtig. Gehörte aber nicht auch der Herr Architekt, der durch sein Ver- halten den Anstoß zu der Kammergerichts-Köpenickiade gegeben hat, auf die Anklagebank? Er hatte es so eilig mit dem Amt des ge- richtlichen Sachverständigen, daß er kurzerhand beschloß, zu schmieren, um die Angelegenheit zu beschleunigen. Leider fehlt« die juristische handhabe, auch ihn zur Verantwortung zu ziehen. Die Auslandsferienschulen in Freienwalde. Die Stadt Freienwalde veranstaltete für 100 englische und deutsche Teilnehmer an den Auslandsferienschulen der Stadt Berlin ein volkstümlich gehaltenes Treffenim Stadt- und Kurpark Freienwalde, dem Stadtschulrat Nydahl und Magistratsoberschulrat Heyn beiwohnten. Nach einer Besichtigung des Schlosses Freienwalde mit den Königin-Luise- und Walter-Rathenau-Räumen begaben sich Engländer und Deutsche in den Kurpark, wo das Mit- tagessen eingenommen wurde, hier begrüßte Bürgermeister Regel die Vertreter der Stadt Berlin sowie die Vertreter der Städte Strausberg und Falkenberg, wo die deutsch-englischen Auslands- schulen ihren Sitz haben. Danach erfolgte ein Besuch des Schiffs- Hebewerkes in Niederfinow, worauf man sich wiederum im Kurpark Freienwalde zur Kaffeetafel vereinigte. Nach Darbiewn- gen der englischen Schüler und Schülerinnen und warmen Dankes- warten der englischen Lehrer und Lehrerinnen wurde der Abend, dem auch zahlreiche Freienwalder Lehrer und Schüler beiwohnten, mit einem gefelligen Zusammensein beschlossen. ITm die Gnadenentscheidung im Fall Z�eins. Der Verteidiger des wegen Ermordung des Geldbriefträgers Schwan durch das Schwurgericht II Berlin am 12. Dezember 1931 zum Tode verurteilten 21jährigen Maurergesellen Ernst R e i n s teilt mit: In den letzten Tagen hat sich die Presse ver- schiedentlich mit dem von mir für Reins eingereichten Gnaden- gesuch befaßt und der Verwunderung Ausdruck gegeben, daß über dieses Gesuch noch nicht entschieden sei, sowie die Befürchtung ge- äußert, daß diese Verzögerung einen Umschwung der pria- zipiellen Einstellung des Preußischen Staatsministeriums als höchster Gnadeninstanz gegenüber Todesurteilen ankündige. Dem- gegenüber muß festgestellt werden, daß über das u. a. von vier der sechs Geschworenen, dem psychiatrischen Sachverständigen Dr. Dyrenfurth und den drei sozial-psychologischen Sachverstän- digen Dr. Kawerau, Dr. Behnke und Justus Ehrhardt eindringlich besürwortete Gnadengesuch bisher weder eine Ent- schcidung für noch gegen gefallen ist. Nach amtlicher Auskunft ist auch für die allernächste Zeit mit einer solchen Entscheidung noch nicht zu rechnen. Reins befmdet sich nach wie vor im Moabiter Untersuchungsgesängnis. Ein Lebensretter! Genosse Walter Link, Lindenstraße 78, rettete am Dienstag morgen aus dem Landwchrkanal ani halleschen Tor die Hausangestellte Erna B. vom Tode des Ertrinkens. ZH/M k M RiieinsDerg Hin- und Rückfahrt RM P in die Mark " am Sonntan. dem 21. August K ljN NaUlAIMGKWerUelliQseejR 51] Abf. 10 Uhr, Hin- j. Rückfahrt RM. UUtlü Nadi ISpreewald(LiiDbeaau) Q. Nadi Bad Freienwalfle fi_ Hin- und Rückfahrt RM. 55* Abfahrt 11 Uhr, Hm- u. RUckfahrtRM. O» Nadi Bofliow(Mdrk. Sfliffolz) R_ Nadi Blankensee bei TrGööin 4 5N Hin- und Rückfahrt RM. U. Abf- 13 Uhr, Hin- u Rückfahrt RM. TT.tlU Vom Leipziger Platz(Paiast-Uolei) Abfahrt 8 Uhr Nadi MellßRSße Abfahrt13Uhr, Hin- u. Rückfahrt RM. BniBOC Auskunft und Karten-Vorverkauf ohne Aufschlag durch die BVG.-Verkehrsabteilung, Berlin W 9, Küthener Straße 17, Zimmer 51, Fernruf B 2, Lützow 9014-19, Apparat 117, werktags von 8— 16 Uhr, Sonnabends von 8—13 Uhr und nachdem Auskunft BVG., Leipziger Platz, Fernruf A2 Flora 0038. Verlangen Sie kostenlos Prospekt und August-Programm. Klatsch und Tratsch gibt Berlin ein Dorf?! Berlin, das auf die fünfte Million zu- marschiert, das an einem heißen Sommertag rund einhundert- taufend«rholnngsarme werktätige Menschen, also eine ganz« Groß- stadt, an den Strand des Wannsees schickt. Berlin, das au» sieben- undzwanzig Gutsbezirken, aus neunundfünfzig Landgemeinden und sieben Großstädten ein einziges kolossales Gsmeinwesen wurde, Berlin, auf dessen Bahnhöfen täglich vierhundertneununddreißig einkommende und ausfahrende Fernzüge abgefertigt werden,— Berlin, das über eine Million Einwohner mehr beherbergt als das ganze Dänemark, dies Berlin, das ist ein Dorf? O nein! O doch! Natürlich nicht dies ungeheure Gebilde von vierund- neunzig Gemeinden, nicht diese Ballung von Millionen von Men- schen und Tieren, nicht dies unerhörte Gewirr Tausender von Straßen, dieses unübersehbare steinern« Millionenheer der Wohn- und Geschäftshäuser, der Banken, Regierungspaläste und Museen, nicht dies fast einhunderttousend chektar messend« Stadtganze mit den dreihundert Bahnhöfen und siebenhundert Schulen ist das Dorf. das ist die Weltstadt,— eine Weltstadt allerdings, die Raum auch für Dörfer, für zahllose Dörfer hat, Venn jede kleine Straße, jeder Wohnblock ist, en miniature gesehen, ein Dorf! Unsichtbare, von jedem aber instinktiv erfühlte Linien grenzen die einzelnen Wohngebiete gegen Fremde, einer andere« Sphäre angehörende Straßenteile ab. Das ist so ganz unmerklich gekom- men. Es fing an mit der Aufteilung in Stadt- und Berwaltungs- bezirke, in Wohlfahrt?- uns Armenviertel, in Steuer- und Polizei- reoiere, m Postbestell- und Telephonbezirke, so ganz unmerklich ist das gekommen, damals, als die vielen, vielen Behörden begannen, ihr« Rechte und Kompetenzen amtlich abzugrenzen,— als sie. um sich das Regieren zu erleichtern, anfingen, die Millionen zu divi- dieren— und also sind eigentlich die Behörden daran schuld, daß die Berliner, seltsame Synthese, diese Weltstädter zugleich auch Dörfler sind, Beim Morgenkaffee fängt es mit dem Aerger an der Zestung an, denn im lokalen Teil steht schon wieder so allerlei von Straßen- auibrüchen im eigenen Viertel, von der Wohnungsnot, von ver- fchärfter Steuerkontrolle und— leider— von Krawallen, mm so allerlei, das einen in Wut und Wallung bringen kann. Die Sachen werden dann erst einmal mit der lieben Frau und später unten es auch in der Weltstadt beim Friseur besprochen der schabenderweise voll und ganz die Meinung des von ihm Rasierten unterstreicht.„Ist ja auch n' wahrer Skandal, diese ewige Buddelei hier vor der Tür! Denken sich, vorgestern abend ist der alte Herr Müller, Sie wissen, der mit seiner geschiedenen Tochter, hier an der Ecke über ein heraus- gerissenes Gasrohr gestolpert und hat sich den Arm gebrochen. Aber sowas kommt vom vielen Buddeln!" Der von dem Lehrling eben«ingeseifte Nachbar im Sessel nebenan, er wohnt im Hause des Friseurs, steuert einig«„Iajas" und empörte Schnalzlaute zu diesem kommunal-politifchen Disput bei— und i:n Nu haben sich da die paar hellen Berliner in diesem kleinen Friseurladen in biedere Kleinstädter verwandelt, die verärgert die Politik der Ge- meinöe betratschen— wie auf dem Dorf! Ehe sie es sich versehen, kommen sie von der städtischrn Politik In die Angelegenheiten Ihrer Hausgenossen, in den klatsch ihres Viertels. Sie wissen dabei die interessantesten Details aus dem privaten Leben der nächsten Nachbarn auszupacken.„Na, ick saze IHnm, die Frau ruiniert den Mann ja. Wie soll der arme Deibel das alles schaffen. Jeden Abend will se ausgehen! Und dann de Kleider! Und dabei arbeitet der Mann von früh bis spät und sie liejt den janzen Tag im Schaukelstuhl und liest dicke Romane!"— „Ja, aber, wissen Se. warum hat er se auch genoinmen. Sogar ihr eigener Bater hat ihn ja gewarnt, der hatte mit ihr zu Hause auch schon sein Theater. Fragen Se man de Wittecken hier, de Ge- müsefrau, die kennt die Familie" Ewig Weltstädter zu sein, immer vor rasenden Autos über den Asphalt zu hetzen, ständig auf Ampeln und Verkehrsschupos achten zu müssen, oh, das alles ist so strapaziös! Also flieht man für ein Weilchen in das Dorf, aus dem man ia über so und soviele Vorfahren irgendwie einmal in diese mächt'g wogeuöe Stadtmasse hineinkam. Wird zum Dörfler und freut sich ai' dem.Guten Morgen" des Milchmädchens und an dem«h'-erb'etigen Gruß seines Zigarrenkaufmanns, von dem man sich, ein Schmunzeln im Gesicht, erzählen läßt, wie und wo er gestern abend der kleinen Ver- käuferin aus dem Wäscheladen überm Damm das Herz geraubt habe. Denn hier, drei Querstraßen weiter nach Ost und West und die eigene Straße hinauf und herunter bis zu den nächsten Plätzen. kann man sich nicht verstecken.... Stuttgarter Landfriedensbruchprozeß. Bor allem linksstehenoe Angeklagte verurteilt. Stuttgart. 17. August. sEigenbericht.) Nach fünftägiger Verhandlung wurde in der Nacht zum ZNitkwoch um 11 Uhr von der Großen Strafkammer in Stult- gart das Urteil In einem Landfriedensbruchprozeh gesprochen, der gegen 17 Angeklagte wegen eines nächtlichen politischen Tumults in der Stuttgarter Arbeitervorstadt Jeuerbach am Z. Zuli angestrengt worden war. Der Tumult hatte vor dem„Hirsch", dem Feuerbacher Gewerk- schaftshaus, zwischen Kommunisten, Reichsbannerleuten und Ratio- nalsozialiften stattgefunden. Die Nationalsozialisten waren in ge- schlossenem Zuge am„Hirsch" vorbeigezogen, und der Streit drehte sich darum, ob dies mit der Absicht eines Angriffs erfolgt war oder nicht. Die Anklagebehörde vertrat die Auffassung, daß die Ratio- nalsozialiften nur harmlose Absichten gehabt hätten, während von Zeugen Aeußerungen von SA.-Leuten bekundet wurden des In- Halts:„Wenn wir am„Hirsch" vorbeikommen, dann heben wir ihn aus!" Als sie dann wirklich vorbeikamen, entstanden Schlägereien, doch waren gerade die Urheber der ersten Schläge und Steinwürfe nicht festzustellen, so daß die Frage, wer denn die Hauptschuld an den Zusammenstößen trägt, überhaupt nicht geklärt werden konnte. Im ganzen sind dann zehn Leute oerletzt worden, darunter zwei Polizeibeamte, fünf SA.-Leute und drei Kommunisten. Der Staats- anwall kam zu ganz ungeheuerlichen Strafanträgen. besonders gegen den Hauptangeklagten, den 2Sjährigen Hilfsarbeiter König, gegen den er wegen erschwerten Landfriedensbruchs, ge- fährlicher Körperverletzung aus politischem Beweggrund usw. ein« Zuchthaus st rafe von Jahren beantragte. Gegen drei Kommunisten beantragte er je 1%. Jahre Zucht« haus, im übrigen Gefängnisstrafen von 1 Jahr 3 Monaten bis herunter zu 6 Monaten. Das Gericht sah die Angelegenheit jedoch wesentlich milder an. Es erkannte gegen König zwar auch auf schweren Landfriedensbruch. verurteilte ihn aber nur zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis. Gegen drei Kommunisten wurden Gefängnisstrafen von Ii). 8 und S Mo- naten, gegen drei weitere Angeklagte, darunter ein Nationalsozialist, 4 Monate 15 Tage, 3 Monate und 4 Monate Gefängnis verhängt. Sieben weitere Angeklagte, darunter je zwei Reichsbannerleute und Nationalsozialisten, wurden freigesprochen. Heuer und Heuer. Einige Berliner Abendblätter brachten gestern das Bild unseres Genossen Stadtrat Heuer und bezeichneten ihn al» Nachfolger des Genossen Wissel!, Schlichter für Berlin-Brandenburg. Der Nachfolger Wissells heißt allerdings auch Heuer, doch ist es nicht der Stadtrat, wie die einfachste Ueberlegung sofort ergeben hätte, sondern der bisherige Vertreter Wissells. Dumme werden gesucht... Man schreibt uns: Ein Brief flattert ins Haus: Wir teilen Ihnen höflichst mit, daß Sie bei unserem Preisausschreiben eine Uhr gewonnen haben, die Sie gegen Unkostenerstattung zugesandt erhalten. Der Freudenbotschaft ist eine Rechnung über nicht ganz 1» M. sowie eine Postanweisung beigefügt. Obgleich man sich keiner Beteiligung an einem Preisausschreiben entsinnt, beschließt man doch, sich um die Sache zu kümmern. Der Gewinn entpuppt sich als ein primitiver Holzkasten mit einer Uhr, die nach Weckerart tickt. Sie hat mit einer Standuhr das gemein, daß sie in einem Kasten steht. Ein Masten- artikel einer auswärtigen Uhrenfabrik, der einen ganz geringen Wert repräsentiert und mit dem geforderten„Untostenbeitrag" meist überzahlt wäre. Halb Berlin scheint diesen Brief erhalten zu haben, denn im Büro dieses Glückshafens geht es wie in einem Tauben- schlag zu, und zwar in einem sehr aufgeregten, denn jeder einzelne macht seinem Zorn über die Irreführung gleich an Ort und Stelle Luft.„Das ist heute noch gar nichts", meint ein Mann aus dem Hause, der sich schmunzelnd den Hochbetrieb ansieht.„Wir hatten schon das Ueberfallkommando hier und Krach gibt's täglich mehr als genug. Da war unter anderem auch einer, der treu und brav fein Geld eingeschickt hatte, bloß, daß er keine Uhr bekam." Aber nicht bloß Berlin, sondern vor ollem die Provinz wird mit dieser Glücks- botschaft gesegnet, täglich gehen Säcke voll Briefe weg. Wer hier wohnt und sich das Prachtobjett vorsichtshalber vorher besieht, der kommt ja noch mit heiler Haut davon, aber wer gut- gläubig fein Geld opfert, der ist eben wieder mal der Dumme. Der Betrieb geht schon seit Januar und soll sich, wie der Mann aus dem Haufe erzählt, in den letzten Monaten als recht einträglich erwiesen haben. Auf jeden Fall: Betrieb gibt's hier von morgens bis abends und Krach dazu, und wenn zuviel Gefoppte auf einmal da sind und die Sache brenzlich erscheint, dann wird das Büro geschloffen und die Wutenbrannten werden auf morgen vertröstet. Militärflugzeug abgestürzt. Schrecklicher Flammeniod der vier Insassen. Paris, 17. August. Lei einem Nachlflug stürzte unweit vizerla ein Marine- Wasserflugzeug mit vier Mann Besahung ab. Der Apparat ging in Flammen auf. sämtliche Zufassen verbrannten. Seinen 70. Geburtstag feiert heute Genosse EmilKämmerer in Tempelhof. Der jetzt Siebzigjährige gehört nicht nur dem Lebens- alter nach zu den ältesten Mitkämpfern und der sozialdemokratischen Bewegung. Von Beruf Schrijtgießer, war Kämmerer schon in den achtziger Jahren Mitglied der Partei. Er kann heut« noch mit Stolz die Mitgliedskarten des„Vereins für volkstümliche Wahlen des 12. und 13. sächsischen Reichstagswahlkreises" aus der Zeit des Sozialistengesetzes vorzeigen. Lange Jahre hat er in der Organila- tion des früheren Berliner 2. Wahlkreises alz Bszirksführer ge- arbeitet. Wie in der Partei war er auch in der Gewerkschaft tätig. Wir wünschen dem alten Mitkämpfer noch manches Jahr frohen Erlebens! Im Plötzensee ertrunken. Beim Baden an verbotener Stelle im P l ö tz e n s e e ist gestern nachmittag der 43 Jahre alte Tischler Bernhard H o f r i ch t e r aus der Brücken st raße 9 ertrunken. H. ging plötzlich lautlos unter. Es wurden sofort Rettungsoersuche unternommen, die jedoch erfolglos blieben. Die Leiche des Ertrunkenen konnte einige Zeit später geborgen werden. Klinqelfahrer machen fette Beute. Ein schwerer Einbruch ist von Klingelfahrern im Hause In den Zelten 9 oerübt worden. Hausbewohner hatten nacheinander zwei Bettler beobachtet, die alle Wohnungen abklingelten. Zu dieser Zeit war in der Wohnung des Kaufmanns E,.niemand anwesend. Die Bettler sind dort eingedrungen und haben die ganze-Wohnung durch- wühlt. Im Schlafzimmer fanden sie Schmuck im Werte von etwa 12 000 M., mit dem die Täter entkamen. Pilzkursus. Am Montag, den 22. August, beginnt ein von der Staatlichen Stell« für Naturdenkmalpflege veranstalteter Kursus: „Einsührung in die Kenntnis der heimischen Pilze mit besonderer Berücksichtigung der«peise- und Giftpilze uno der Schäd- linge unserer Nutzpslanzen." Die Vorlesungen finden im großen Hörsaal des Botanijchen Museums, Berlin-Dahlem, Königin-Luije- Straße 6/8. Montags von 17— 19 Uhr, statt. Vortragender ist Professor U l b r i ch. Mit den Borlesungen sind zahlreiche Führungen verbunden. Anmeldung am 22. August an Ort und Stell« oder bei der Geschäftsstelle der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege, Berlin-Schöneberg, Grunewaldstraßs 6/7, wo auch das ausführliche Programm zu erhalten ist. Di« Gebühr be- trägt 3 M. Gerhart Herrmann Mostar: Und es ist nicht so, daß dieser Mann böse oder besonders hart gewesen wäre; es war nur so, daß er nicht über seine Erziehung und seine Verwandtschaft und Freundschaft und nicht über seinen Glauben wegkonnte. Und es ist auch so, daß es in fast allen Fällen geht wie in diesem... So weit erzählte der Alte: und in seiner Geschichte war die Geschichte von Anja und Hassan enthalten. Ich dachte des Mutes, der dies Mädchen veranlaßt«, quer durch alle Widerstände den geraden Weg der Liebe zu gehen, sich Hassan zu geben und ihm ein Kind zu gebären: dachte auch der Ueberwindung. die den Vater vermochte, das Mädchen nicht zu verstoßen und lieber das uneheliche Kind zu dulden als den islamitischen Mann-, dachte auch Hassan Chardans selbst, der Blut spie, dicht neben sein Kind auf den Boden, der die Luft, die sein Kind atmete, mit Bazillen vollhauchte und bald sterben würde und mit seinem Tode all die Kämpfe und Leiden sinnlos machen würde... Es war dunkel geworden; der mohammedanische Gast erschien am Eingang der Hütte und winkte uns hinein. Wir kamen alle und aßen unsere Fisolen. Abseits faß die Hanum«: ihr Gesicht war uns abgewandt, und sie schob Bissen um Bissen mühsam hinter den Schleier. Anja sah lange nach ihr hinüber: dann trat sie plötzlich zu ihrem Vater, der rauchend am Feuer saß, und küßte ihm die Hand. Sie hatte ihn ver- standen. Die Alte lächelte und streichelte das Kind, das mit geballten Fäusten in der Asche schlief. Hassan Chardan hatte die Geste Anjas nicht gesehen: er hielt das Gesicht der Wand zugekehrt. Der Besuch blieb über Nacht in der Hütte: wir anderen gingen hinaus, zündeten unsere Feuer an und wachten gegen den Wolf. Es gab viel Huirdegebell, viel Feuerbrand- schwingen, viel Schafblöken, viel Erregung und wenig Schlaf. Als wir in dat Frühe, durchkältet von der harten mazedoni- Ichen Nacht, in die Hütte trmen. hörten wir leise heulendes Klagen. Es kam von der Jslamitin her. die einmal eine Christin gewesen war: sie erfüllte, mohammedanischem Ritus gemäß, die Pflicht des Klageweibes. Denn Hassan Chardan war über Nacht gestorben. Gleich nach dem Hassan Chardan gestorben war, hatte sich der mohammedanische Hirt zu seiner Hütte begeben und war am Abend mit noch zwei verschleierten Frauen wiedergekommen. Die hatten sich an das Lager des Toten gesetzt und die ganze Nacht über geweint und gewimmert, gebetet und von der Güte und Große Hassans gesprochen: Toten- klage... Zuweilen hatte das Kind mit eingestimmt, hatte geweint mit hoher, kläglicher Stimme, dann hatte Anja ihm die Brust gegeben— ihre schöne, feste Brust, die schön und fest bleiben würde, weil ihr Geliebter tot war und sie nicht zur Hanuma machen konnte. Sie sah auf das kleine Etwas herab, das von ihm bleiben würde... würde es? Die Säuglingspflege ist nicht sonderlich hoch entwickelt auf dem Balkan... Windeln gibt es nicht, das Kind bleibt liegen in der Asche neben dem Feuer, so weit es die Mutter nicht mit sich nimmt beim Hüten der Herde in Vergwind und Berg- kälte. Lange säugt sie es nicht, dann bekommt es die scharfe Milch der Schafe und Ziegen, und bald wird auch das schwer verdauliche Maisbrot hineingebrockt.„Auf diese Weise", sagte mir später ein Arzt unten im Tal,„sterben von zehn Kindern sieben. Aber was übrig bleibt, das gibt den richtigen Balkanesen. Den kann man mit Dolchen durchbohren oder von Felsen stürzen oder vierzehn Tage hungern lassen— der ist nicht tot zu kriegen, der ist so, wie ihn das Leben in dieser harten, unerbittlichen Karstnatur braucht. Was wollen Sie? Es ist ein rohes Prinzip, aber ein notwendiges: das Land ist arm: wenn unsere sentimentalen Damen aus den Städten im Bunde mit der Regierung es schaffen und den Leuten Hygiene beibringen, auf daß wirklich alle zehn am Leben bleiben— dann können nachher sieben davon verhungern. Es sei denn, daß man Beschäftigung für sie fände: daß Industrie ins Land käme; ja dann.." Industrie! Das war die Sehnsucht hier, der Glaube, die Zukunft. Zum zweitenmal reckte sich diese Frage vor mir auf: War dem Lande hier durch Industrie zu helfen? Dies war ein Intellektueller gewesen, ein Arzt, er hatte geträumt von Fabriken, die Geld bringen würden, Geld und Kultur. Vor meinen Augen aber lagen die dröhnenden Maschinen-! hallen mit dem laufenden Band, daran die Kraft der Ar- 1 beiterarme im ewig gleichen Handgriff erstarb, ich roch noch den Atem der Schornsteine, der die Luft zur Pest machte, und meine Haut fror mit den Erwerbslosen, die vor den Arbeits- ämtern frierend von einem Bein aufs andere traten... Ein Rauschen von Schritten schreckte mich auf: sie trugen Hassan und Cyardan auf rasch gezimmerter Bahre aus der Hütte, auf den Schultern des Alten und der Brüder und des Türken, und nahmen den Weg zur Straße hinunter. Ich folgte ihnen, denn auch meine Arbeit hier war mit Hassans Tod zu Ende. Man hatte mich gefragt, ob ich bleiben wollte an feiner Stelle: aber das wäre eine Verpflichtung für Jahre gewesen: und mich lockte das Weite. Die Frauen kamen uns nach, aber Anja blieb in der Hütte und säugte ihr Kind... eines von zehn: würde es zu den sieben gehören, denen der Tod bestimmt war, oder zu den dreien, die im Leben blieben...? � Unten auf der Straße warteten drei Mohammedaner. Sie lösten die drei Hirten ab. Ich verabschiedete mich von ihnen, herzlich und sachlich zugleich, und eilte dem kleinen Zuge�vor mir nach. An den vier Ecken der Bahre ragten die vier Feze wie vier dicke rote Kerzen und leuchteten, leise flackernd bei jedem Schritt, und auf den wiegenden Schultern fuhr der Tote wie in einem Schiff über das steinerne Meer seiner Berge. Wir gingen lange so, wir wurden immer mehr. Fast überall da, wo Weidepfade an die Straße stießen, warteten befezte Hirten aus fernen Hütten und nahmen den Trägem stumm ihre Last ab und trugen sie bis dahin, wo die nächsten warteten. Es waren Freunde Hassans darunter, und weit herbeigeeilt waren vor allem solche, die seine Feinde gewesen waren: denn Allah will, daß Friede sei um einen Toten. Nach drei Wegstunden stieß die schmale Nebenstraße an ihre große Schwester, die nach Konstantinopel führen sollte, wie man sagte: in den Ecken, die so entstanden, lagen sich eine kleine Dsamia und ein kleiner Friedhos gegenüber. Die Jünger Mohammeds legen ihre Friedhöfe gern da an. wo eine kleine Straße in eine große mündet... Sie trugen Hassan Chardan in den Hof der Moschee und betteten ihn auf einen Stein am Brunnen. Der Imam kam und wusch ihm Hände. Füße und Antlitz mit geweihtem Wasser. Dann bedeckte er Hassans Gesicht mit einem Tuch: von nun an war es verschlossen vor der Welt und die Welt vor ihm. von nun an sahen Hassans Augen die weißen Leiber der Huris im Paradiese.(Forts, folgt.) Das schwimmende Kaufhaus T agesbedarf für die Binnenschiffer— Der Laden an der Fischerbrücke Vater Tresp, der Besiger des ällesten schwimmenden Waren- Hauses An der Fischerbrücke, feiert sein 40jähriges Geschäfts- jubiläum,„Das heißt, ich habe das Geschäft 40 Jahre." erzählt er, „aber es ist bestimmt weit über 1 Äahre alt, denn einer von meinen alten Kunden, der die Siebzig lange auf dem Buckel hat, erzählt, daß er als kleiner Jungs mit seinem Großvater schon bei uns einkaufen kam." Vater Tresp hat zwei Läven, einen zu Wasser und einen auf dem Lande� Er selbst befehligt die schwim- mend« Koufhausflottille, die täglich zwischen Fischer- brücke und Jannowitzbrücke fährt, die Mutter Tresp be- treut das Ladengeschäft Fifcherbrücke 1. Von der Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit dieses schwimmenden Kaufhauses kann sich der Außenstehende kaum einen Begriff machen. Es muh eben alles da sein, was der Mensch braucht. Kleidung, Schuhzeug für Mann, Frau und Kind mit der Haupt- tendenz: stabil, wetterfest und praktisch. Der schwimmenve Haus- halt bedarf aber vor allem auch der Nahrungsmittel, denn die Binnenschiffersfrau kann nicht von einem Laden zum andern stiebeln, um zu sehen, wo sie am besten und billigsten kaust; sie muß, während der Mann die Ladung löscht und neue aufnimmt. sich gut und billig eindecken und nichts Notwendiges vergessen. Da ist also die Lebensmittelabteilung mit Brot, Gurken, Konserven, Wurst, Mehl, Salz, Bier usw., dann gibt ez im Wirtschaftslager die Schrubber und Teerpinsel stabilster Konstruktion. Putzmittel, Ruder- und Staakkrücken, und noch vielerlei nützlich« Dinge. Die Schiffermode ist vielseitig. Wer da glaubt, daß die Schifferkleidung ausschließlich in der dunkelblauen Hose, Holzpantinen, Pullover und Schiffermütze be- steht, der ist arg auf dem Holzweg«. Na, da kommen Sie man rauf ins Straßengeschäft," meint Mutter Tresp,„da werd ich Ihnen mal unser Lager so ein bißchen zeigen. Und man sieht und staunt. Da gibt es zum Beispiel mehr als 10 Sorten Mützen. Die begehrtesten sind die Ostiziersmützen, dunkelblau oder weiß mit dem goldenen Eichenkranz, di« ist unter den Seglern stark gefragt: dann kommt die richtige Matrosenkappe mit dem„Arcona"-Auf- druck auf flatterndem Bande, dann die Heizermütze, eine dunkel- blaue Mütze mit Lock- oder Tuchrand und die einfache Klubmütze; für die Sonne gibt es sie großen, buntgestreiften Strohhüte, die sogenannten„Palmhüte". Auch die Hose hat verschiedene Dario- tionen, sie ist dunkelblau oder weiß, aus ganz festem Leinen, das ist wieder mehr die Sportlerausrüstung, dann aus leichterem oder ganz festem Tuch für die Schiffer. Im Schuhlager gibt es besonders reichliche Auswahl; zierlich auf Rand genäht sind sie ja nun allesamt gerade nicht. Die guten, derben Schifferschuh«, etliche Pfündchen schwer, mit einer Sohl«, die für die Ewigkeit bestimmt zu sein scheint, innen mit Filz gefüttert, sind für die kalte Jahres- zeit bestimmt. Dann zeigt Mutter Tresp die„Schandaue r", das sind bequeme Wollpantinen aus einem Stück gewebt, mit einer extra Sohle darunter; dann die„Dachdeckerschuhs", das sind Bordschuhs aus stabilem Segeltuch mit oder ohne Lederbesatz, dann di«„L u m p e n s ch u h«", Schuhe aus Teppichresten gefertigt. di« ein alter Mann mühsam Stich für Stich mit Pechdraht näht und ihnen damit ebenfalls ein langes Leben gewährt; die Lumpen- schuhe werden von den Steinschiffern sehr gerne gekauft. Dann gibt es noch die„W i t t e n b e r g e r", Holzpantinen mit bunt- bedruckter Glanzleinwand verziert, und die einfachen Holzpantoffel. Das Schuhzeug, meist nach seinem Herstellungsort benannt, kommt hauptsächlich aus Sachsen, das Oelzeug aus Hamburg, die Mützen aus Wilhelmshaven, die Staakkrücken kommen aus Zehdenick. Vieles wird auch in Berlin angefertigt. Flaues Gefchäfi. „Zurückdenken darf man gar nicht," meint Bater Tresp mit sorgenvoller Miene,„da dachte man, man hätte ausgesagt für sein« alten Tage, und nun muß man immer noch weitermachen und kann sich gerode so kümmerlich halten. Ganz früher ging das Geschäft großartig, bis zum Jahre 1928/29, wo sie an der Jannowitzbrücke bauten, konnte ich mich auch noch nicht beklagen, aber jetzt ist's Feierabend. 12 Kasten Bier jeden Tag habe ich früher verkauft, heute finds di« ganze Woche noch nicht mal so- viel. Früher mußte es die beste Hose sein, weil sich«in Schiffer doch schließlich nicht alle Woche eine kauft, heute reicht es nicht mehr zur billigsten, und beim Schuhzeug gehen nur die billigsten Pantinen. Wo solls denn auch herkommen? Da hat einer jetzt, wo der Sommer fast zu Ende, die erste Fuhre bekommen, all die vielen anderen haben gor nichts und so mancher, der ein Objekt von etwa 40 000 Mark unter seinen Füßen hat, muß sich vom Wohl- fahrtsamt die Unterstützung holen. Ein bißchen alte, treue Sportler- kundschaft kauft noch ab und zu. Früher fuhr ich von morgens um 3 Uhr bis zum Spätnachmittag, heute langts, wenn ich ein paar Nachmittagsstunden unterwegs bin." Deutschland und polen. Ein Vortrag H. v.(Serlachs. In einer überfüllten Mitgliederversammlung der Ortsgruppe Norden der Deutschen Liga für Menschenrechte sprach Helmuth von G e r l a ch über das Thema„Deutschland und Polen". Will man das heutige Polen verstehen, so muß man an das große Unrecht denken, das ihm durch die zweimalige Teilung angetan worden ist. Die Gegensätze zwischen Deutschland und Polen aber seien hauptsächlich entstanden durch den Bismarckschen Kulturkampf, dessen Etappen gekennzeichnet sind durch die verschiedenen Ausnahmegesetze gegen die preußischen Polen. Allein so tst zu verstehen, daß in Polen, als man es 1316 selbständig machen wollte, sich ganze 847 polnische Soldaten fanden, die an der Seite der Mittelmächte gegen die Entente kämpfen wollten! Gerlach ging dann auf die Legende ein, die ihn jahrelang verfolgt. er habe deutsche Landesteile an Polen verschenkt. Im Gegenteil ist die Grenzziehung, so wis sie heute vorliegt, im Gegensatz zu dem ersten Dersailler Entwurf auf sein Gutachten zurückzuführen. Die Entente hatte außerordentlich schlimme Vorschläge gemacht, die «in noch größeres Unrecht an Deutschland dargestellt hätten. Gerlach brandmarkte die Verweigerung der Volksabstimmung im heutigen Korridorgebiet als ein schweres Unrecht. Nach scharfer Kritik an der deutschen Handelspolitik in bezug auf Polen, aber auch an der Minderheitenbehandlung, trat Gerlach für m o r a- lische Abrüstung und gegenseitiges Verständnis ein. Dom Auslandsdeuischium. Ein nützliches Handbuch. Die Revolution hat wie in vielen Fällen auch für die Wissen- schaft den Weg freigelegt zu neuen Forschungsgebieten. So ist beispielsweise seit 1919 eine rege Tätigkeit um die Erforschung des Auslandsdeutschtums erwachsen. Vor dem Kriege war dies ein obliegende» Wissensgebiet, denn die auf feudalistische Grundgedanken aufgebaute Monarchie kümmerte sich nicht um die Untertanen, die durch Auswanderung aufgehört hatten, ihrem Landesherrn zu dienen. Für die Monarchie waren die Auslandsdeutschen„Ueber- läufer", wie selbst Bismarck sich auszudrücken pflegte. Erst die Republik, in der die Staatsgewalt vom Volke ausgeht, weckte die Verbundenheit mit den im Ausland lebenden Volksgenossen, die über die Landesgrenze hinweg Bande der Freundschaft von Staat zu Staat weben können. Und jetzt erst zeigte sich, daß im Lause der Jahre und Jahr- zehnte eine umfangreich« Literatur über das Grenz- und Auslands- deutschtum entstanden war. In der Bücherei des Deutschen Auslands- Instituts, Stuttgart, sind in der bibliographischen Zentralkartei mit mehr als 3ZV00 Titeln die gesamten Schriften und Aufsätze über das Grenz- und Auslanddeutschtum vermerkt. Um von diesem Material weitesten Kreis«« die Kenntnis der wichtigsten Literatur zu vermitteln, wird jetzt ein Bibliographisches Handbuch des Auslanddeutschtums herausgebracht, das eine Aus- wähl von rund 6000 Büchern und Zeitschriften auf 400 Seiten aus dieser Kartei bringt. Das Handbuch erscheint in acht Lieferungen in vierteljährlichem Abstand. Die erste jetzt erschienene Lieferung umfaßt neben der allgemeinen Literatur das Schrifttum über Dänemark, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, die Schweiz, Oesterreich-Ungarn. Das Handbuch, das vor allem für Schulen und Bibliotheken«in gutes Hilfsmittel sein wird, erscheint in der Aus- land- und Heimqt-Verlags-A.-G., Stuttgart. Subskriptionspreis pro Lieferung 2.50 M. W. T. Das Planetarium bittet... Da» Planetarium bittet seine Freund« und Besucher wieder einmal um freundliche Mithilfe. Eine her größten Schwierig- testen für die gesamte Planetariumsarbeit war immer die A i u st i t. Aus diesem Grunde wendet sich die Leitung des Planetariums an seine Besucher mit der Bitte, die im Planetarium ausliegenden Fragebogen auszufüllen. Auf der Rückseite dieser Bogen sind zwei Pläne abgedruckt, in die jeder, der nicht gut gehört hat, seinen Platz kenntlich machen soll. Der Plan 1 ist für Tonfilmvorführungen, der Plan 2 für Vorträge, Ankündigungen durch Redner und für Musik bestimmt. Gleichzeitig bittet das Planetarium um sreuMiche Kritik der Veranstaltungen und um Wünsche für den weiteren Ausbau seines Programms. -i° Mit Lyrd zum Südpol! Mit Spannung verfolgen die Besucher des Planetariums das Abenteuer der kühnen Forscher und Entdecker, die trotz aller Anstrengungen und Entbehrungen gewagt haben, zwei Jahre lang in der Antarktis zu leben. Das Planetarium zeigt jetzt den Film in Verbindung mit einem himmelskundlichen Bortrage, der die sonderbare Tatsache erklärt, daß die Nächte am Pol nicht nur einen halben Tag, sondern ein volles Jahr dauern. Durch die Verbindung von Film und Vortrag wird das Programm im Planetarium besonders wertvoll. Die Vorführungen finden um 3, S, 7 und 9 Uhr statt. Vom Dienstag, dem 16. August, ab bringt das Planetarium den Film:„Menschen im Busch". Es folgen „Kameradschaft", ein Film von einem stillen, unbekannten Helden- tum im Bergwerk,„Himatschal" u. a. m. Arzneiverforgung der Kassenmitglieder. Die diezjährige Hauptversammlung des Deutschen Apothekervereins, die vom 23. bis 26. August 1332 in Swinemünde tagt, ist in mancherlei Hinsicht von besonderer Be- deutung und von besonderem Interesse für breiteste Volkskreise. Ein- mal stellt sie gleichzeitig die Feier des 60jährig«n Bestehens des Deutschen Apothekeroereins als Reichsvereinigung— der Hauptvorgänger des Deutschen Apothekervsreins, der„Aj lpothekerverein im nördlichen Deutschland", wurde schon im Jahre 1820 gegründet — dar. Zum anderen stehen aber diesmal auf der Tagesaronung der Versammlung verschiedene Punkte, di« sich mit bereits durch Notverordnung vollzogenen oder in Vorbereitung befindlichen Gesetzesbestimmungen von«inschneidender Bedeutung für das Leben jedes einzelnen befassen. Zunächst wären die die Be- ratungen über Krankenversicherung und das Verhältnis der Apo- theken zu den Krankenkassen. Die Besorgnis scheint nicht unberech- tigt, daß die Arzneiversorgung in Zukunft ernstlich gefährdet, ja sogar ungenügend werden könnte. Da ist ferner die Einführung des Regelbetrags für die Arzneiverordnungen der Kassenärzte. Der Regelbetrag verlangt bekanntlich, daß der Kassenarzt einen nach ziemlich umständlichem Verfahren errechneten Betrag beim Arznei- verbrauch eines Kassenpatienten je Krankheitsfall nicht überschreiten darf, wenn er nicht an seinem Honorar regreßpflichtig gemacht werden will. Weiter sind da die Richtlinien für die Arznei- Verordnungen, die die Freiheit des Arztes bei der Auswahl geeigneter Arzneien noch weiter einschränken, so daß es in vielen Fällen unmöglich scheint, dem Kassenpatienten ose für die BeHand- lung seines Falles notwendige Arznei zukommen zu lassen. Ferner verdient auch noch der Teil der Tagesordnung allgemeines Inter- esse, der sich mit dem Entwurf eines Arzneimittelge- s e tz e s befaßt._ Durch Schwarzwald an den Bodeosee! Die letzte diesjährige Ferienwanderung, die der Touristen- verein„D i e R a t u r f r e u n d e" für olle wanderlustigen Genossen veranstaltet, ist eine fünfzehntägige Schwarzwald- Wanderung. Sie beginnt am Abend des 3. September(Sonn- abend) mit einer V-Zug-Fahrt nach Heidelberg iBesuch von Eberls Grab, Besichtigung von Schloß und Stadt); am Montag Weiterfahrt nach Karlsruhe, Schöllbronn, Gaggcnau. Raumünzach, Hornisgrinde, Mummelfee, Wildsee, Kniebis, Freudenstadt, Fahrt mit der Schwarz- Waldbahn nach Hornberg, Triberger Wasserfälle, Breitenau, Raoenna- schlucht, Höllental, Feldberg, Titisee, Schluchsee, St. Blasien, Rhein- fall bei Schaffhausen, Markelfingen am Bodensee, Konstanz, Meers- bürg, Friedrichshofen. Bon dort Rückkehr mit dem V-Zug nach Berlin. Ankunft Sonntag, 18. September, gegen 10 Uhr vor- mittags. Teilnahmekosten 142 M. Alles Nähere durch die Ge- schäftsstells de» Touristenvereins„Die Naturfreunde", Berlin N. 24, Johannixstraßs 14, Fernsprecher: V 1(Norden) 4177. Perkehrsrückgsnq bei der Reichspost. Der Verkehr bei der Deutschen Reicheppst ist im ersten Rechnungsvierteljahr(April bis Juni) 1332 in allen Zweigen gegenüber dem Vorjahr zurück- gegangen. Aber die Gesamteinnahmen sind mit 406 Mill. M. nicht unerheblich höher als die Gesamtausgaben von 400 Mill- M. Die Zahl der Telegramme ging von 7,2 auf 5,4 Mill. von 1981 zu 1932 zurück, die Zahl der Ferngespräche von 628 aus 556 Millionen. Die Zahl der Postscheckkonten hat sich um 1828 auf 1016 841 erhöht. Rundfunkhörer wurden am Ende Juni 4 119 500 gezählt, von denen etwa 10 Proz.(Blinde, Schwerkriegsbeschädigte usw.) keine Ge» bühren zahlten. In den Monaten Januar bis März wurden 231 Schwarzhörer verurteilt. Das Sommerfest der Tempelhofer Bezirke. Die Eiserne Front des 13. Kreises(Tsmpelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichten- rade) veranstaltet am Sonntag ein„Sommerfest aus Anlaß des Verfassungstages" im..Lindenpark", Marienfelde, Berliner, Ecke Dorfstraße. Die Begrüßungsansprache hält Polizeipräsident Albert Grzesinski. Das Programm enthält gesangliche und konzertliche Darbietungen, denen sich abends Tanz anschließt. Das Sommerfest soll eine wuchtige Kundgebung für den republikanischen Staats- gedanken werden. Der Männergcsangverein VDG.. Mitglied des DASB., feierte kürzlich im Saalbau Friedrichshain sein großes Sommerfest, zu dein sich auch die Kapelle der BVG. freundlichst zur Verfügung gestellt hatte. Dem Rufe der«änger hatten zahlreiche Gewerkschafts- und Parteimitglieder Folge geleistet, so daß der Garten bei 4000 Teilnehmern überfüllt war. Auch für Unterhaltung der Kinder war bestens gesorgt. Außer dem Konzert wurde gesanglich viel geboten, z. B. als Begrüßungslied„Sieg der Freude", Chor mit Orchester, von Büttner, die schönen sozialistischen Kampflieder und auch Volkslieder. Viel Beifall fand der Kuckuckswalzer des Diri- genten Mühlberg. Sehr einorucksvoll war die Festansprache des Genossen H o f f m a n n von der Reichsleitung des Gesamt- Verbandes. Das Fest hinterließ bei allen Teilnehmern den besten Eindruck.__ Allgemeine Wetterlage. 47 Aug.>{932. abds. ® wolkenlo&9 heiter, O hslbbedeckt 3 waikia,©bedeck:,«RegeaAGreupeln "«*ft3NiW,TiGewinw©VWndsfille In Nord- und Ostdeutschland sind etwas kühlere Luftmassen aus Nordwesten eingedrungen. Dabei kam es jedoch nur vereinzelt zu Gewitterregen. Die Temperaturen, die am Dienstag in diesen Gebieten meist 30 Grad erreichten oder überschritten, konnten am. Mittwoch hier nur auf 23 bis 26 Grad steigen. Im übrigen Deutsch- land konnten sich die mehr hohen Temperaturen halten. Karlsruhe meldete wieder eine Höchsttemperatur von 33 Grad Celsius. Durch besonders große Hitze zeichnet sich gegenwärtig Italien aus, wo stellenweise mittags 40 Grad im Schatten gemessen wurden. Selbst am Abend herrschen dort noch 35 Grad. Bon Westen her ist erneut ein Hochdruckgebiet nach Mitteleuropa vorgedrungen. Das Wetter hat sich daher schnell wieder aufgeheitert. Ueber dem größten Teil Mitteleuropas steigt der Luftdruck langsam weiter. Der Hochdruck- einfluß dürfte also zunächst überwiegen. Später ist damit zu rechnen, daß sich eine zur Zeit über England befindliche Störungs- linie bemerkbar macht. -i- Wetteraussichten für Verlin: Meist heiter mit ansteigenden Temperaturen, schwache Luftbewegung.— Für Deutschland: Im Nordwesten wolkig ohne nennenswerte Niederschläge, mäßig warm; im übrigen Reiche beständiges Sommerwetter. Vorträge, Vereine und Versammlungen Di« Arbeitsgememlchast tür Forstschutz und Naturluude S. D. veranstaltet Sonntag, 21.-August, eine Vormittaasdampferfahrt über den Müggelsee, Such- tung Ertner. Abfahrt in Köpenick tLuisenhain) um 3 Uhr, in Friedrichshagen (m'' f--------«MMMi WjMMWWMMWWW _______ rich«Hagen/ einen Vortrag über„S�ätze der Äinnengewässcr" halten und die neuzeitlichen wissenschaftlichen Methoden zur Untersuchung der Gewässer prak» tisch vorführen. Fahrpreis 5» Pf. für Mitglieder, 7Z Pf. für Gaste und 25 Pf. für Jugendliche. Nichtmitglieder der„Arfp" sind als Gäste herzlich willlommen. Efporanto-Gruppe Berlin. Norden. Iasmundcr Str. 8. Jasmunder Per. einshaus. Heute. 20 Uhr, Uebungen, Konversation, geselliges Beisammensein. Gäste willtommen. Oeffentliche Monatsveranstaltung am usta-Schulc, Berlin, Gltzholz- mrchfllhrung der Montessori- Methode in der Schule. Jedermann eingeladen. Funk- und phonofchau bei Karstadt. Die Rudolph Karstadt A.-G. veranstaltet ab 19. Auguit dieses Jahres in ihrem großen Ausstellungsraum im vierten Stock am Hermannplatz eine Funk- uns Phonojchau. Bon dem kleinsten Ortsempfänger bis zu dem größten Uebsrseeempfänger sind hier alle Apparate sowie Lautsprecher vertreten. Eine Spezialität der Radio- abteilung die Pflege der Bastelei, hat hier ganz besondere Beach- tung gefunden. Ueberraschend ist die große Auswahl in den Klein- teilen. Alle nur erdenklichen Teile, oie der Bau eines Apparates oder Lautsprechers erfordert, sind zu besonders billigen zeitgemäßen Preisen ausgestellt. Den Höhepunkt der Ausstellung bilden die Schallplattenaufnahmen unter Mitwirkung prominenter Künstler. Das Publikum hat Gelegenheit, die Darbietungen nack) etwa zwei Meuten schon auf der Schallplatte in überraschender Natürlichkeit und Klangreinheit zu hären. Se.lo.mu ist nicht der Name eines chinesischen Prinzen, sondern da« Motto, unter dem am lommenden Sannabend ein Kinderfest im Lünapart stattfindet. Das Fest steht im Zeichen der Musik.„Jeder kann mustziersn". jedes Kind er- hält ein Musikinstrument geschenkt. In der„AttraZtions-Freipundr"(von 3— t Uhr) stehen die Attraktionen de» Lunaporl» seinen kleinen Gästen zur un- entgeltliche« Benutzung zur Verfügung. Am Abend wird«in großer Fackelzug und zum Schluß da» berühmte Lunapark-Feuerwerk gebaten. „k-iaarglsru" neutralisiert das Haar, d. h. er bindet die noch Im Haar verbliebenen ftlkalireste des Wasdirnlttels, die durch ihn rückstandlos herausgespült werden.„Haarglanz" erhalten Sie mit jedem weißen Beutel Sdiwarzkopf-Schaum- pon, dem milden Haarpfiegem Ittel und auch mit dem hochwertigen, kosmetisch wirksamsten Schwarzkopf-Extra. Für Blondinen.Extra-Blond", die aufhellende Spezial-Sortel f Clnjentiungcn für Dtefe Rubrik sind B e 1 1 i n SS8 68, Lindenstraß« 3, jfy stets an das Bezirtsfetretartot 2. Hof, 2 Treppen rechts, zu richten Beginn aller Veranstaltungen 19�4 Uhr. sofern keine besondere Zeitangabe! 4. Breis, Freitag, 19. August, 20 Uhr, Bildungsausschußfißung bei Klug, Danziger Straße, Vertretung der Frauen, SAJ., Bindersreunde, Freie Schulgcmeinde, Freidenker und Sportkartell notwendig. IZ. Breis. Heute, 8Vj Uhr früh Treffen zur Fahrt nach Rangsdorf in Marien- dorf, Chaussee- Ecke Dorfstraße. 19. Breis. Sitzung des Breisbildungsausschusses am Freitag, dem 19. August, 20 Uhr, Pankow, Türkisches Zelt. Hauptthema: Burfe. 7. Abt. Sämtliche Fahnen und Transparente sind beim Genossen Lehmann abzuliefern. 25. Abt. Heute, 29 Uhr, in den Baracken. Schänlankcr Str. 11, Anti-Briegs- abend. Rege Beteiligung der Parteimitglieder wird erwartet. 79. Abt. Sämtliche Fahnen, die zur Wahl ausgegeben, und bis spätestens Montag nicht abgeliefert sind, gelten als verkauft. 99. Abt. Freitag, 19. August, 20 lf. Uhr, Vorstandssttzung bei Lohann, Wipper- straße 18—19. 99». Abt. Freitag. 19. August. 20 Mr, Abteilungsvorstand mit Bezirks- führern im Einfa-BUro, Hufeisen. Wichtige Tagesordnung. Arbeiksgemeinschafk der Sinderfreunde Groß-Verlm. B Breuzbcrg. Der Singekreis tagt am 31. August, 7. September und st 14. September. Wir proben für unseren Breiselternabend. Alle Abteilungen müssen daraus achten, daß ihre stngefreudigcn Falken regelmäßig hingehen. Der Tagungsort wird noch bekanntgegeben. Nestsalkenlagcrgemeinfchaftl Alle Nestfalken, die in Blankensee waren, kommen am 24. August, 17 Uhr, im Heim Porckstraße mit ihren Helfern zusammen. Am gleichen Tage treffen sich die Rot- und Jungfalienlagergemeinschaften um 17� Uhr im Heim Wassertorstr. 4. i\ H SozialistischeArbetterWendGroß-Verlm Einsendungen für diese Rubrik nur an das Iugendfekretariat Berlin SW 98. Lindenstraß» 2, vorn 1 Treppe rechts. Abteilungsleiter! Sorgt dafür, daß die Plaketten„Jugend gegen Brieg" abgeholt werden. Gebt den Berichtsbogen vom 2. Quartal und das Sep- temberprogramm ab. Genossinnen nnb Genosse»! Die Bolksbllhnenummeldungen bzw. Neuan- Meldungen müssen sofort erledigt werden. Die Ummeldegebllhr beträgt SO Pf., Neuanmeldungen 1,20 M. BB.-Sitznng heute, pünktlich 19 Uhr.«... Proletarisches Orchester der SAZ. Heute, 1914 Uhr, Probe in der BMG., Neukölln, Baifer-Friedrich-Str. 208—210. Wirtfchastsg-schichtc. Die vom Genossen Abraham geleitete Arbeitsgemern- fchaft beginnt am Montag dem 22. August, 19% Uhr, in der Arbeiter- bildungsschule, SW., Lindcnstr 3, 2. Hof, Ii Trevven. einen selbständigen Bursus über:„Wirtschaftsgeschichte". Dauer voraussichtlich 10 Abende. An- fänger sind willkommen. Heute, Donnerstag. 20 Ahr: Gewerkschaftshaus: Köpenicker Str. 92. Tagespolitik.— Humboldthain und Norden: 18 Uhr Spielen im Humboldthain.— Schillerpari: 18 Uhr Spielen im Schillerpark.— Arnswaldcr Platz II: Schönlanker Str. 11, B. 6. Anti-Kriegs- frier.— Falkplatz I: Sonnenburger Str. 20. Sexuelle Fragen.— Humannplatz: Gleimstr. 35. Politische Zeitungsschau.— Nordosten U: Danziger Str. 62, B. 3. Bericht von einer Fahrt nach Frankreich.— Schönhauser Vorstadt: Sonnenburger Str. 20. Sendespiel der R. F.— Andreasplatz(R.-F.): Brommn- straße 1. Funktionärsitzung.— Hascnheide: Wassertorstr. 4. 1914 Uhr Heimabend. — Kottbusser Tor: Urbanstr. 167. Praktische Gruppenarbeit.— Köpenicker Viertel: Manteuffelstr. 7. Wie diskutiere ich mit meinem Gegner.— Süd- west: Spielen auf dem Katzbachspielplatz.— Schöneberg III: Hauptstr. 15. Das Wesen der Konsumgenossenschaft.— Westend: Sportplatz Westend.„Ein- führung in den Marxismus."— Zehlendorf-Dahlem: Zinnowaldfchule, Schlieffenstraße. 17 Uhr Mitgliederversammlung.— Treptow: 18 Uhr Spielen, Wiese vi.— Lübars: Fragekastenabend.— Tegel: Schöneberger Str. 3. Wie diskutiere ich mit einem Gegner? Werbebezirk Neukölln:„Der Querschnitt" probt pünktlich 19� Uhr im Heim Steinmetzstr. 114. ff Charlottenburg Bismarckstraße 34 Donnerst, 1 S.August Turnus IV Die Banditen Pfahl, Eisinger, Nikolaiewa a.(3., Burgwinkel, Gründgens a G.; Kandl, Egenlaut Anfang 20 Uhr Ende 22,45 Uhr TS9I.5U.8<;unr LUCiLLE PAGE m. Dinosaurus usw. ■Ue Schlss. Bht. SMUS.StüS, 2, 5,3151). Reinhartt-Insrenlerj,: Kabale u. Liebe Rose- Theater 5n)Se Fmkfarttr Sin!! 132 lei. Weidnil k � 342! 8.30 Uhr Herzdame Gartenbilhne 5.30 Uhr Konzert u.Variete Frttlillngsloll TRÄUM LAND SCHCfKJHOLZ STRASSENB' 57"Ö8*119 Heute Groß- Fenerwerk AHraküonen Tierparadkcs »v.uhr CaSIRO THEATER Lothringer Strohe 37. iiiiiiiiiiiummiinMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitimiitiiiiifiiiiiiiiitiiiiiMiiiii Berlin wird wieder lachen! Ab Freitag, den 26. August Annemarie das kleine Tanzmädel Volksoperette— Musik von Gilbert Vorher ein hunter Teil. Preise 0.50 M. 0,75 M. und 1,— M. Auch Sonntag abend. 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Wegen der Bedeutsamkeit des Gegenstandes und der Auf- fasfung dieses wichtigsten deutschen Unternehmeroerbandes geben wir im folgenden das über die Tagung veröffentlichte K o m m u- nique wörtlich: ..Der Reichsoerband der deutschen Industrie vertritt den Stand- Punkt, daß auf dem Wege einer öffentlichen Arbeitsbeschaf- fung eine konjunkturfördernde Beeinflussung nicht erreicht wer- den kann, und lehnt alle uferlosen Pläne, die zur Ausführung von Milliardenprojekten von verschiedenen Seiten aufgestellt worden sind, nach wie vor ab. Eine Besserung der innerwirtschaft- lichen Lage und eine allmähliche Behebung der Arbeitslosigkeit kann noch Auffassung des Reichsvsrbandes nur dann erhofft wer- den. wenn die innerwirtschaftlichen Hemmungen, die die freien Entwicklungsmöglichkeiten beeinträchtigen, beseitigt und die Produktionskosten derart gesenkt werden, daß die Betriebe wieder rentabel wirtschaften können Es wurde aber anerkannt, daß unter den gegebenen Ver- Hältnissen die öffentlichen Stellen, einschließlich der Reichsbahn und der Reichspost, die Ausgabe haben, diejenigen Arbeiten mit möglich st er Beschleunigung in Gang zu setzen, die zur Erhaltung des öffentlichen Vermögens notwendig find, und zwar in einem erheblich erweiterten Umfange als bisher vorgesehen, In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage des Frei- willigen Arbeitsdienstes und der Arbeitsdienst- Pflicht erörtert. Dabei wurde festgestellt, daß der Freiwillige Arbeitsdienst einer möglichsten Förderung bedarf und daß in einem weiteren Ausbau des Freiwilligen Arbeitsdienstes auch die organi- schen Grundlagen für eine spätere Einführung der Arbeits- dienftpflicht gefunden werden können," Diese Stellungnahme des Rcichsverbondes war auch in ihren Einzelheiten zu erwarten. So wenig es überrascht, daß der Reichs- verband sich von einer Senkung der Produktionskosten, worunter ganz zweifelsfrei in erster Linie auch die Löhne gemeint sind, für die Verringerung der Arbeitslosigkeit etwas verspricht, so absolut widersinnig und empörend bleibt der Gedanke weiterer Lohnsenkungen. Daß mit der Beseitigung der innerwirt- schastlichen Hemmungen noch größere Freiheiten für Monopole und Kartelle und der Abbau des Schlichtung?- sowie der Umbau des Tarifwesens gemeint sind, ist klar. Die Er- fahrung hat aber bewiesen, daß selbst der ollcrstärkste Abbau der Löhne, wie er schon erfolgt ist, weder für eine Mehrbeschäftigung in der Industrie noch für eine Erhöhung der industriellen Rentabili- tät etwas bedeuteten. Hinsichtlich der Arbeitsbeschaffung stimmen die Unternehmer im ganzen den jetzigen Absichten der Reichsregie- rung offenbar zu, nur mit der Betonung, daß Reichsbahn und Reichspost noch mehr Aufträge vergeben sollen. Daß sich der Reichs- verband nur bedingt für die Arbeitsdien st pflicht ausspricht, ist immerhin bemerkenswert. Getreidepolitik im Kreise. Die Junker gegen den lieben Gott.- Vrotpreissenkung darf nicht fein. Die„grundsätzlich neue Staatsführung" der Regierung der Barone hält viel von ihrer gottgewollten Sendung. Der liebe Gott hat es nun mit Deutschland gut gemeint. Deutschland hat diesmal eine sehr reiche Ernte. Die amtliche Schätzung erwartet 8,1 Millionen Tonnen Roggen gegenüber 6.7 Millionen Tonnen im Vorjahr, 5,2 Millionen Tonnen Weizen gegenüber 4,3 Millionen Tonnen im Vorjahr: ebenso wird die Gerste- und Haserernte nicht unerheblich besser ausfallen. Aber mit diesen Deutschland so wohl- gesinnten Gnadenbcweisen des lieben Gottes ist die deutsche Junkerregierung gar nicht einverstanden. Es werden alle erdenkbaren Maßnahmen ergriffen, um die Getreide- preise möglichst hoch zu halten, obwohl die Landwirte bei einer reicheren Ernte mit niedrigeren Preisen auskommen. Eine reiche Ernte ist ein Geschenk, das auch den Aermsten etwas bringen könnte, nämlich durch Verbilligung der Lebensmittel. Das aber widerspräche dem Grundsatz, daß Deutschland für die Aermsten kein Wohlfahrtsstaat sein darf, sondern nur für die Pri- vilegierten, mit denen Gott im Bunde ist. So wird in Deukschland eine Getreidepolitik gemacht, die das Tollste an Unsinnigkeit und Ungerechtigkeit darstellt. Für den weit überwiegenden Teil der Landwirtschaft wäre der jetzige Roggenpreis von 160 Mark je Tonne völlig ausreichend. Dieser Preis von 160 Mark entspricht nämlich durch die seitdem veränderten Bedingungen einem Preise von mindestens 2(X> Mark im Jahre 1929. Die Produktions» kosten sind nämlich stark gefallen. Es wurden im obge- laufenen Erntejahr weniger künstliche Düngemittel verwandt: außer- dem sind die Düngemittelpreise empfindlich herabgesetzt. Die Löhne sind gesenkt, die Zinsen sind herabgesetzt worden und durch die Osthilfe wurde eine teilweise Entschuldung durchgeführt. Dabei er- zielt man mengenmäßig jetzt um eine 29 Prozent höhere Ernte. Es ist also glatter Schwindel, wenn landwirtschaftliche Organisationen behaupten, daß„ein Roggenpreis von 169 Mark je Tonne den Erfordernissen der deutschen Landwirtschaft in keiner Weise gerecht wird". Und das wissen die Landwirte auch selbst: denn sie würden den Roggenanbou nicht von neuem stark ausge- dehnt haben, wenn es anders wäre. Den jetzt gemeldeten Erweiterungen der Getreideanbaufläche und damit noch größeren zukünftigen Erntesegen stehen aus der anderen Seite erhebliche Einschränkungen in der V i e h w i r t- schaff gegenüber. Dos zeigt, wie falsch und einseitig die Hochhaltung der Getreidepreise sich auf die Landwirtschaft aus- wirkt. Hohe Ketreidepreife sind auch hohe Futtermittelpreise: wird unsere immer und immer wieder erhobene Forderung nach bivi- gerem Futtergetreidc nicht erfüllt, so wird die mit hohen Preisen künstlich gepäppelte Getreidewirtschaft von der Seite der Viehwirtschaft her gefährdet werden. Der Schweinebe st and betrug am 1. Juni d. I. 21.3 Millionen gegen 22,5 Millionen vor einem Jahr und 25,3 Millionen am 1. September 1939 Die Senkung des Schweine- bestände? hat die Verwertungsmöglichkeiten des Getreides als Futter für die Schweine sehr stark eingeschränkt. Die Abnahme der Ferkel, von denen es jetzt noch 5,5 Millionen gibt, wird bis zum kommenden Winter auf 799 999 geschätzt. Bis es schlachtreif wird, frißt aber jedes Ferkel 8 Zentner Getreide. Danach kann man sich eine Vorstellung machen, wie nachteilig sich die infolge der hohen Getreidepreise eingeschränkte Schweinehaltung aus den Getreideabsatz auswirken muß. Wird die einseitige Erhöhung der Getreidepreise sortgesetzt, so wird die Schweinehaltung weiterhin übermäßig eingeschränkt— das gleiche gilt auch für die Hühnerhaltung— und das einzige Ergebnis ist, daß der am Getreideverkauf interessierte Teil der Landwirtschaft durch die unsinnige Preispolitik in stärkste Mit- leidenschaft gezogen wird. Sa dreht sich die jetzige deutsch« Agrarpolitik, die von Kops bis Fuß nur auf die Junker eingestellt ist, völlig im Kreise Die U n s i n n i g k e i t dieser Getreldepolitik wird höchstens noch von ihrer Ungerechtigkeit übertrojfen. Entsprechend den gegenüber dem ssrühjobr gesunkenen Getreidepreijen hätten längst die Vrotpreise gesenkt werden müssen. Den Landwirten würde das nichts schaden: ober man läßt den Ver- brauchern, denen es wahrlich schlecht genug geht in Deutschland, einfach den Vorteil nicht zukommen, weil die Iunkerregierung den empörenden Eindruck einer Brotpreiserhöhung in jenem Augen» blick fürchtet, in dem die jetzige Preiserhöhungspolitik sich durch- setzen wiivde. Dann würde nämlich dem Volk bewußt werden, wie die Verbrauchermassen trotz der reichen Ernte ausschließlich zu- gunsten der Junker hochgenommen werden. Daß eine Verbilligung des Brotes längst fällig wäre, zeigt folgende Aufstellung: Weizen Weizenmehl M. je Tonne Mitte Mai... 275 348 11. Augufl... 211 392 Preisermäßigung. 23 13% Roggen Roggenmehi M. je Tonne 295 267 159 236 22% 13% Während also die Getreidepreise um 22 bzw. 23 Proz. gesunken sind, sind die Mchlpreise seit Mitte Mai nur um 13 Proz. gesunken. An den Preisen für Weizengebäck ist seit dem Höchststand in diesem Jahre aber überhaupt keine Ver- änderung vorgenommen worden. Außer in Königsberg und in Frankfurt a. M. hat es auch noch kein« Brotpreisverbilligung ge- geben. Wenn die Reichsregierung eine ehrliche Politik treiben wollte, so hätte sie längst auf die Mühlen einen Druck ausüben müssen, um die Senkung der Getreidepreise voll in den Mehlpreisen zum Ausdruck kommen zu lassen. Sie hätte dadurch auch den Bäckern die Möglichkeit geben müssen, die Brot- preise entsprechend herabzusetzen. Dos wäre eine Politik gewesen, die auch im wahren Interesse der Landwirtschaft gelegen hätte: denn wenn die Massen des Volkes da? Brot billiger kaufen können, so können von den Einsparungen beim Broteinkouf mehr Fleisch und mehr Fette gekauft werden. Es wird also auch in der Mehl- und Brotpreissrage dieselbe verrückt« Politik gemacht, daß man um eines scheinbaren Augenblicksvorteils willen mit dem Volt in den Städten auch die Landwirtschaft selbst aus die Dauer schwer schädigt. Diese Getreidepolitik im Kreise muß sich schwer rächen. Wird sie fortgesetzt, dann werden die Verbraucher noch mehr ver- elenden, das Einkommen der Landwirtschaft wird sich weiter ver- ringern und schließlich wird auch die Getreidewirtschaft, der alle diese Maßnahmen dienen sollen, zusammenbrechen. Die Menschen können einfach nicht alles Getreide, das mit dieser Ernte in Deutsch- land zur Verfügung steht, bei den jetzigen Kauskrastverhältnissen aufessen, lind die Bauern sind nicht in der Lage mehr Getreide zu kaufen, nachdem die hohen Futtermittelpreise die Viehbestände so haben zurückgehen lassen. Es ist Verelendungspolitik für das ganze deutsche Volk in Stadt und Land, die von diesem durch und durch christlichen Kabinett der Junker gemacht wird. Oberschlesische Industriesanierung. Beschlüsse in der Oderschlesischen Hüttenwerke AG-Gleiwih In der Generalversammlung der Vereinigten Oberschlesischen Hüttenwerke A.-G., Gleiwitz. in der das gesamte Aktienkapital ver- treten war, wurde beschlossen, das Aktienkapital von 39 Millionen auf 4 Millionen herabzusetzen und durch Ausgabe neuer Aktien wieder auf 29 Millionen zu erhöhen. Von den 16 Millionen neuen Aktien wurden 9 Mill. M. von der Preußischen Staats- dank(Seehandlung) und 7 Mill. M. von einem Banken- konsortium übernommen. Roch Ausscheiden der bisherigen Aussichtsratsmitglicder wurde der Aufsichtsrat neu gewählt. Ihm gehören an: Generaldirektor Dr van der Porten(V i o g- Berlin), Ministerialdirektor Dr. Heintze und Ministerialrat Dr. Bree vom Reichs- wirtschaftsministerium, Ministerialrat Küsel vom Reichssinanzministerium, Ministerialrat Dr. Schnie- wind und Ministerialrat Dr. Warncke vom Preuß. Handels» Ministerium, Ministerialrat L a n d f r i e d vom Preuß. Staats- m i n i st« r i u m, Staatsfinonzrot Brekenfeld von der P r e u ß i- schen Staatsbank: serner Graf von B o l l e st r e m. Gene- raldirektor Dr Vieler(Graf Ballestremsche Verwaltung), Reichs- minister a. D. Treoironus, Bankdirektor Rit scher (Dresdner Bank), Bankdirektor Kichl(DD-Bank), Or. für. Regen- danz, Dr. K r u k e n b e r g(Graf Ballestremsche Verwaltung). In der nachfolgenden Aussichtsratssigung wurden Generaldirektor von der Porten zum Vorsitzenden und Dr. Nicolaus Graf von Ballestrem und Staatsfinanzrat Brekenfeld zu stellvertretenden Vorsitzenden des Aussichtsrats gewählt. Vor dem Wettumschwung? Das Londoner Bankhaus Schröder ist optimistisch. Die Bedeutung des Londoner Geldmarkts für die Weltwirtschaft rechtfertigt die Wiedergabe der optimistischen Auffassungen, die das Londoner Bankhaus Henry Schraeder über die Wirtschaftslage Ende Juli äußert, Die Lag« sei Ende Juli entschieden Hoffnung?» voller geworden. Obgleich die Entschließunzen der Laus.ai'ner Konferenz unter gewissen Bedingungen ständen, könne es keinem Zweifel unterliegen, daß der Doung- Plan und irgendwelche Reparationszahlungen nach der Art, wie sie von dem Dersailler Vertrag beabsichtigt waren, endgültig begraben feien. Ein Unkraut, daß die zarte Pflanze de? politischen Der- trauens in Europa erstickte, sei damit beseitigt. Während die inter- national«?1tmosphäre sich geklärt habe mit der Möglichkeit einer raschen Besserung, seien zwar die Geldsätze weiter gefallen, aber die Erholung der R o h st o f f p r e i s e, die so wesentlich für die Erholung des Handels und die Zahlungsfähigkeit der Schuldner ist, deute auf den möglichen Beginn zu dauerndem Fortschritt hin. Eine der wichtigsten Handlungen zur Wiederherstellung von Ver- trauen und Vernunft sei die Konvertierung der bri- tischen Kriegsanleihe gewesen, und es bestehe Grund zu der Hoffnung, daß der 39, Juni, an dem sie angekündigt wiirde. in Zukunft als der Wendepunkt in der Weltdepression bezeichnet würde. Der Bericht unterstreicht, daß man in gut informierten deutschen Kreisen mit Zuversicht die Ratifizierung des La u sanner Abkommens erwarte und daß die Be- fteiung van den Reparationen zu einer besseren Stimmung und einer Rückkehr der im Ausland befindlichen Gelder nach Deutsch- land führen werde. Trog der mageren Ergebnisse internationaler Wirtschastskon- ferenzen in der Vergangenheit könne man hoffen, daß die Schrumpfung von Handel und Einkommen die Weltwirtschafts- konferenz in London zu einer wirklichen Anstrengung veranlassen werde, um die Welt von den Hindernissen und Schranken ,zu befreien, die den Handelsaustausch drosseln, Starke Neichsbankent asiung. Anhaltende Oevisenzugänge. Der R e i ch s b a n k a u s w e i s vom 15. A u g u st läßt eine weitere Verflüssigung des Geldmarktes erkennen. Die Bestände an Handelswechseln nahmen um 139,4 auf 2913,5, die Bestände an Reichsschatzwechscln von um 2,5 aus 24,6 Mill, Mark ab. Die Lombarddarlehen vermehrien sich um 9,7 aus 196.8 Mill., also in einem zur Monatsmitte außerordentlich geringen Umfang. Auf dem Konto der girofreien Gelder ergab sich gegenüber der Vor- woche noch eine Zunahme um 4,6 auf 338,5 Mill. Mark. Der Notenumlauf ging um 79,9 auf 3743,1, der an Renten- bankscheinen um 3,1 aus 499,1 Mill, Mark zurück. Die Gold- und Devisenbestände erfuhren wieder eine leichte Ver- mehrung. Die Goldbestände blieben mit 763,1 Mill, fast im- verändert, die deckungssähigen Devisen nahmen um 5,3 auf 136,7 Mill. zu. Die Deckung der umlaufenden Noten durch Gold und De- visen verbesserte sich gegenüber der Vorwoche um 23,4 auf 24,9 Proz. Schwierigkeiten durch Arbeitslosigkeit. Der Breslauer Konsumverein sucht einen Zahlungsvergleich Die große Arbeitslosigkeit unter den Mitgliedern der Konsum- vereine hat beim Breslauer Konsum- und Sparverein zur Zahlungs- einstellung geführt. Die Warenverteilung wird unverändert fort- geführt: mit den Warengläubigern wird ein Vergleich angestrebt. Die Sparer sollen keine Verluste erleiden: jedoch werden sie einige Zeit stillhalten müssen. Der unmittelbare Anlaß der Schwierigkeiten liegt darin, daß eine Hypothekenschuld von 199 999 Mark sofort zu- rückgezahlt werden sollte. Von den 15 999 Mitgliedern des Bres- lauer Konsumvereins sind drei Viertel zum Teil schon seit Jahren arbeitslos. Der Breslauer Spar- und Konsumverein arbeitete bisher unter besonders widrigen Verhältnissen und war ein relativ schwacher Verein. Er konkurrierte mit dem sehr viel größeren, fi< nanziell von bürgerlichen Kreisen beherrschten„alten Breslauer Kon- siimverein", der organisatorisch dem Zentralnerband Deutscher Kon- sumvereine ebensalls angeschlossen ist. Eine Vereinigung konnte bisher noch nicht durchgesührt werden. Falls die vom Breslauer Spar- und Konsumverein eingeleiteten Verhandlungen zu keinem günstigen Ergebnis führen, würde wenigstens die konsumgenossen. schastliche Versorgung in Breslau keine große Einbuße erleiden. Aus Kreugers Nachlaß. Das schwedische fZündholz-Monopoi in Litauen bleibt. Ein Punkt in der Abwicklung der Kreuger-Pleite, die der Schwedischen Zündholz A.-G. besondere Schwierigkeiten bereitete, ist jetzt erledigt. Kreuger hatte nämlich für das Zündholz- mvnopvl in Litauen noch einen erheblichen Betrag an die litauische Regierung zu zahlen, der natürlich von der Schwedischen Zündholz A.-G. jetzt unmöglich aufgebracht werden konnte. Die Verhandlungen haben als wichtigstes Ergebnis gebracht, daß das Monopol der Zündholz A.-G. in Litauen bestehen bleibt. Die litauische Regierung hat darauf verzichtet, von der Schwedischen Zündholz A.-G. die Uebernahme von Obligationen im Betrage von 2 Millionen Dollar(etwa 8,5 Mill. M.) zu fordern. Die Gesellschaft hat sich dafür damit einverstanden erklären müssen, daß der Zinssatz für die bereits übernommenen 4 Millionen Dollar von 6 auf 4,75 Proz. herabgesetzt wird. Auch mußte sie der litauischen Regierung ein besonderes Entgegenkommen für die Zins- Zahlungen in diesem und im nächsten Jahr« einräumen. Die Londoner Wellwirkschoslskonserenz soll erst nach den ame- rikanischen Präsidentschaftswahlen, also noch dem November, statt- finden. Die Ernennung einer amerikanischen Delegation am Vor- abend der Wahlen sei zu schwierig. Den Vorsitz aus der Konferenz wird Macdonald führen. Tlnmni van Qogk Stildnis eines lUenfchen/ Ton Qünlher SMrkenfeld Der Autor der Romane ,.D ritter Hof links" und„A n d r e a s" fetzt sich hier in seiner Weise mit Vincent van Gogh aufeinander. Viele wissen, daß Vincent van Gogh einer der größten Maler Europas war, wenige wissen, daß er von Geblüt und Wesen nichts anderes als ein Urchrist gewesen ist. Sein Leben war be< ständige Bewährung jener höchsten Möglichkeit der Liebe, die wir Hingabe nennen. Der Sohn des Landpfarrers. Er selbst nannte sich einen Soldaten,..„Soldat Gottes". Er war einer seiner demütigsten und tapfersten. Sein Opfermut war bar jeglicher Eitelkeit und sein brüderliches Werben um den Men- schen und um alle Geschöpfe der Natur war erfüllt von einer solchen Ehrfurcht, daß Dank ihn schmerzte und Lob ihn beschämte. Als Sohn eines protestantischen Landpfarrers kam Vincent 1853 in der holländischen Provinz Brabant zur Welt. Er entstammt dem Halbdunkel, darin Rembrandts Menschen leben, der stürm- verdiensteten Landschaft des R u y s d a e l. Zeit seines Lebens bleibt Vincent der Sohn dieser Ebene, bäurisch und ungelenk. Schweres Blut, das leicht dumpf wird. Dann ist er reizbar und übertreibt hemmungslos. Er war nicht schön. Sein Gesicht war so spröde wie sein Wesen. Wulstige Backenknochen, spitzes Kinn, eine überschwellte Stirn und rötliches, bürstenförmig aufgestelltes Haar. Seine Figur war eckig, mst Hängeschultern. Das Bewußtsein seiner Häßlichkeit, das er vor sich selbst übersteigerte und auch auf sein Inneres hinüberzog, vsr- mehrte seine Scheu vor den Bürgern, seine Unsicherheit vor den „Snobs der Boulevards". Um so ingrimmiger bekannte er sich zu den Bauern und Arbeitern, zu allen einfachen und starken Men- schen, in deren Gesichtern das Leid menschlichen Daseins sich groß und hart eingekerbt hatte. Die Grubenarbeiter im belgischen Kohlendistrikt Borinage, der Briefträger Roulin in Arles und der nachsichtig grinsende Krankenwärter im Irrenhaus von St. R e m y, das waren die ein» zigen Freunde, die Vincent, der unauslöschlich nach Freundschaft dürstende, während seines Lebens fand. Und dann war noch Theo da, der Bruder. Angestellter der Kunsthandlung Goupil-Paris. Er war mehr und weniger als ein Freund. Er war der duldsamste und großherzigste aller Brüder, den ein Genie je besessen hat... und war zugleich der Mäzen, dessen mühsam abgespart« Geldopfer für den überempfindlichen Vincent ein« beständige Demütigung bedeuteten. So war Theo der einzige gute Stern und eine ewig lastende Wolke. Theo starb 1890, ein halbes Jahr nach dem älteren Vincent und bald nach dem ersten Verkauf eines einzigen Bildes. Es brachte ihm vierhundert Franken. Sie«. Auch Sien, die einzige Frau, mit der Vincent für ein kurzes sich zusammentat, kam aus der niedersten Hefe. Vorher, als Kommis in einer vornehmen Londoner Kunsthandlung, hatte Vincent sich in ein Mädchen von Stand oerliebt. Monate hindurch war der bra- bantische Bauernpfarrerssohn nicht gewahr geworden, daß das Mädchen Ursula längst verlobt war. Und dann oersuchte er es noch einmal mit einer Amsterdamer Kusine. Sie war alt und auch nicht schön. Vincents rechtschaffene Pastoreneltern waren empört, weil des Sohnes tolpatschige Art das gute Einvernehmen mit den Ver- wandten gefährdete. Die Kusine rettet« sich von seinen Werbungen durch Strychnin. Danach verzichtete Vincent. Jetzt blieb nur noch ein«, die so gering war» wie er selbst sich fühlte. Sien, das Mädchen der Straße. In dieser Lieb« zum erstenmaf offenbart sich der Urchrist, makel- los und ungestüm. Er will Sien gut machen, nimmt sie zu sich mit ihren zwei Bastarden in das elende Lattenquartier Im Haag, hun- gert mit ihr und kämpft um sie. Endlich muß er einsehen, daß er ein Maßloses, ein unerreichbares Vielzuviel gewollt hat. Beim Ab- schied sagt er zu Sien:„Wenn du nur so handelst, daß die Kinder in dir, auch wenn du nur eine arme Magd und Hure bist, eine Mutter finden, dann bleibst du mit deinen vielen Fehlern in meinen Augen gut. Auch ich werde es für mich versuchen. Ich muß hart arbeiten. Tu du das auch!" Vincent, der Apostel der Hingabe, wie kam er denn eigentlich zum Zeichnen und Malen? War nicht von jungauf seine Ver- ehrung für die heimatlichen Meister wie auch für D e l a c r o i x, für M i l l e t und D a u m i e r so groß, daß et sich seiner eigenen gelegentlichen Versuch« nur immer schämte? Laienprediger und Maler. Ja, dies ist eine Geschichte, ergreifender wohl noch als jene mit Sien. Angewidert vom Kunsthandel, vom„Tulpenhandel", wie er ihn später nur noch nannte, war der Zwanzigjährige aus London nach Paris geflohen und begann dort Theologie zu studieren. Doch auch das Treiben der Gottesgelehrten stieß ihn bald ab. Bin- cent beschließt, Laienprediger zu werden, zum Entsetzen des pharisäischen Vaters. Er geht in den Kohlendistrikt Borinage. zur „Universität des Elends". Freude und Licht will er bringen den Grubenarbeitern, die in Finsternis ihr karges Brot verdienen müssen. So sitzt er an ihren Tischen und spricht und darbt mit ihnen. Der vorgesetzten Behörde mißfällt dieses herzliche Einver- nehmen und mehr noch das Stillschweigen, durch das Vincent mit dem Streit der Grubenarbeiter sympathisiert. Das Predigen wird ihm verboten. Vincent, da er nun nicht mehr in Worten von seiner Gläubig- keit mitteilen darf, greift zu Kohlestift und Pinsel. Jetzt will er künden von Gott, indem er alle Wunder des Wachstums seiner Natur und ollen Zauber ihrer Farben schildert. Und dies muß auf so einfache Weis« geschehen, daß es auch der einfachste Mensch zu be- greifen vermag. Angeleuchtet sollen sie werden, die im Dunkel fronen müssen, reicher sollen sie sich fühlen und vielleicht sogar ein wenig verzaubert. Niemals Hot Vincent für die„Snobs der Boule- oards" gemalt. Niemals konnte er in Paris heimisch werden. Den alten Propheten auch hierin gleich, ging er in die Wüste, in die Ein- sam/eit des Südens, dorthin, wo Gottes Wachstum reich sich ent- faltete, wo seine Forben inbrünstig brannten. Immer mehr wird der Schwung des Pinsel» der Schwung des Säens selbst und des Erblühens aus dem Blütenkern. Vincent kann nicht ahnen, wie sehr alle seine Arleser Blumen aus der Mitte seines Herzen» entwachsen, wie vollkommen die Zypressen empor- lodern aus dem Feuer seiner Gläubigkeit. Nein, er bleibt demütig. ewig zweifelnd und unzufrieden, obgleich er täglich bis zur Er- schöpfung arbeitet, oft nicht mehr als etwas Brot und Kaffee im Magen, häufig kränkelnd und resigniert. Zehnmal in zehn Tagen malt er dos gleiche Stück goldgelber Aehren und fünfzehnmal die blühenden Obstbäume von Arles. Immer scheint ihm die innerste Meinung und da» Wirken Gott«» in seinen Geschöpfen noch nicht sichtbar, nicht begreiflich genug abgeschildert zu sein. Nie hat Vincent aufgehört, das Kunstschaffen als ein„tünst- liches Dasein" zu empfinden—„Kinder zu machen wäre besser"! Und er beneidet Jesus von Nazareth, der sich in keinem anderen Material als im Menschen selbst bildete und formte. Ja, armselig fühlt er sich, weil er nur nach dem Objekt, nicht„per eoeur", aus freiwaltender Phantasie schaffen kann.„W ann ober werde ich die Sterne malen?" klagt er zum Bruder nach Pari» hin. Wiederholt bekennt er, daß er sich nur als ein„Dorbereiter für jene Maler der Zukunft fühl«, die dereinst hier im Süden schaffen werden". Ja, da ist er wieder und immer wieder, der Bruder- schofts-, der Gemeinschaftswille! Er läßt Theo keine Ruhe mit der Bitte, doch eine Genossenschaft für die jungen I m p r e s s i o- nisten zu organisieren. Und unermüdlich bettelt er den bewun- derten und schon überschätzten Freund Paul Gauguin, doch zu ihm nach Arles in das gelbe Haus zu kommen. Einer für sich ist nichts, aber zwei zusammen sind unüberwindlich! Wochen hindurch hat Vincent gehungert, um das Haus für den geliebten Freund ein- richten zu können. Die Gasleitung allein hat zwanzig Franken ge- kostet. Das sind zehn Mittagsmahlzeiten und viele Pfeifen Tabaks. Der Zwistchenfall Gauguin. Endlich kommt Gauguin. Eine Weile geht alle» gut. Die Freunde arbeiten und diskutieren miteinander. Gauguin lächelt zwar oft über diesen lallenden Bauernpfarrerssohn und vernimmt nicht, daß letzte Erkenntnisse von des Freundes Lippen kommen. Aber Vincent ist so dankbar, daß er Gauguin nun endlich bei sich hat, daß er sich.. endlich einmal!.. aussprechen darf! Zuletzt wagt er, seinen innersten Wunsch auszusprechen, den Lebens- und Wesenswunsch eines Urchrstten. Das geschieht in der Dunkelheit des Arleser Stadtgartens,.. bei hellem Lichte wäre die Scham zu groß. Stockend fragt Vincent den Freund, ob er wohl in Arbeitsgemeinschaft mit ihm Bilder schaffen würde. Der phantasiereiche, großzügig bauende Gauguin soll die Gesamt- entwürfe liefern. Und er, der armselige Vincent, will nur einige Details ausführen,.. eine Oleanderblüte, eine Zypresse... Gaugyin... lacht und läßt Vincent stehen. Gauguin, d°r wilde, athletische, abenteuersüchtige Individualist zerlacht d>e frömmste Sehnsucht des Urchristen und geht zum Haufe der Mad- chen, die schwärmerisch zu ihm ausblicken. Vincent, von der monatelangen Arbeit in der erbarmungslosen Arleser Sonne ausgelaugt, bricht auf einer Bank zusammen und jault wie ein geschlagener Hund. Verhöhnt vom einzigen Freunde der Traum von einer Kunst der Zukunft, von der C o o p e r a t i v e, da viele Gute gemeinsam das Beste schaffen sollen, zurückgestoßen der armselige Vincent in gänzliche Einsamkeit! Am nächsten Tage wirft er nach Gauguin mit einem Absynth- glas. Und dann schickt er einem der Mädchen sein Ohr, weil sie sich'» im Scherze zum Weihnachtsfest erbeten hatte. Gauguin ver- läßt Arles. Fünfzig und mehr Arleser Bürger belagern das gelbe Haus des „kc>u-rc»ux", wie Vincent schon lange im Städtchen genannt wird. Bleich und ausgezehrt, die Pelzmütze tief in die Stirn, so spricht er vom Fenster zu ihnen nieder... von Gott und von der Liebe zum Menschen. Die fünfzig wiehern vor Gelächter. Dann die Gummizelle. Zwischen den Anfällen darf Bin» cent malen, malt in dem Bewußtsein, daß seine Tage gezählt sind, mit verdoppeltem Fanotismus, malt Bilder von solch leuchtender menschlicher Hingabe, wie sie seit Rembrandt, dem verzerrt lächeln- den Magier mit der roten Mütze, in Europa nicht geschaffen worden waren. Geduldig nimmt Vincent die Krankheit hin, wacht über sich selbst wie ein weiser Arzt und grämt sich nur sehr um Bruder Theo. weil der sich so sehr um ihn grämt Und nachdem sich Vincent in Auverz s u r Oise eine Kugel in den Leib gejagt hat, weil sein Arzt und Freund Dr. Gachet Meisterwerke der kindlich verehrten Väter P i s s a r o und C i- z a n n e s noch immer ungerahmt auf dem Boden liegen ließ, schreibt er an Gauguin:„Mein lieber Meister, es ist würdiger, nach- dem ich Sie gekannt und gekränkt habe, bei voller Geistesklarheit, als in einem entwürdigenden Zustande zu sterben." Theo wachte bei dem Sterbenden. Vincent rauchte feine gev liebte Pfeife. Gemeinsam betrachteten sie seine vielen Bilder. Und fragend, yngstvoll fragend, haftete Vincents brechendes Augs auf Theo, der in dieser Stunde zum erstenmal erahnte, wer und was Bruder Vincent gewesen war. £uflballom Tiergarten Studie/ Ton JCotar Holland Ein Busch durchsichtiger blauer, roter, grüner, gelber Kugeln, die wie mit den giftigfarbigen Zitronen- und Himbeersprudeln, und ähnlichen bunten Erfrischungswassern getaufte barbarische Riesen- seifenblasen aussehen, schwebte an dem Seil ihrer zusammen- geflochtenen Fäden fluglüstern in der Luft torkelnd über den Reihen weißgestrichener Tische unter dem lichtgrünen Gewirr der Baum- krönen hin. Der Restaurationsgorten war vollbesetzt von Mann, Frau, Kind und Stullenpapieren, Familien, die in soliden, dicken Zweiliterkrügen Kaffee aufbrühen durften und Noch-nicht-Familien, die sich mit geringeren und nicht selbst gekochten braunen Quanti- täten in zwei Tassen begnügten. Die ländliche Sonne meinte es gut und warf heiße goldne Schleier wahllos über die kiesigen Wege und dos Menschengewimmel hin, wo gerade das Blätlerdach den flirren- den Himmel durchschauen ließ. „Die lustigen Luftballons— zwanzig Pfennige das Stück!", bellt der Ruf des Ballonoerkäufers in dem Stimmengewirr auf, den Garten noch allen Richtungen hin durchkreuzend, bis das An- gebot akustisch gleichmäßig über die Luftfläche verteilt ist. Dann humpelt der Verkäufer mit leicht noch innen getretenen Füßen, noch rechts und links blinzelnd und den Hol» unter ständigem Kopfzucken am schweißdurchtränkten Kragentrümmer reibend, durch den Mittel- weg nach hinten auf den freien Einfahrtsplatz der Gastwirtschaft, den das Wirtschaftsgebäude, ein Tanzfoal, der Getränkeausschank und die Toiletten einschließen, und stellt sich mißmutig neben den Ausschank. So versperrt er ungewollt der blonden Mamsell hinter dem Schanktisch die freundliche Aussicht auf den am ersten Tisch links sitzenden jungen Herrn. Er ist ein seelischer Bär und kümmert sich um das Fräulein nicht, das den gutgewachsenen Körper und die nicht minder wohllebigen Gliedmaßen von Berufs wegen in einen kaleidoskopartigen Hantelntanz mit Gläsern, Bechern, Mollen und Schalen weißen, gelben und dunklen Inhalts auflöst: die gebleichten Kellnerkittel eilen hinter den Gläsern her, und wenn das Fräulein in einer Ruhepause ihre von Gott gewollte Gestalt zurückfindet, sieht sie jetzt links vor sich nicht mehr das freundlich lächelnde Antlitz des jungen Herrn, sondern das bärtige Gesicht des seelischen Bären, der auf die Straße hinaus glotzt und in der rechten Hand stumpfsinnig teilnahmslos den sadigen Stamm der leichtbeschwingten Ballon- palme über sich sesthält. Das ist wahrhaft trostlos, und wenn sich gerade«in Troß Familienzusammenhang zum weit geöffneten Staketentor hereinwälzt, ruft sie dem Hinderlichen in ärgerlich drängendem Befehlston zu:„Gehn Sie doch endlich wieder mal rum, die Kinder werden Ihnen Ballons abkaufen wollen, Herr Engelbert... ich an Ihrer Stelle— ach, die Leute wollen doch taufen— gehn Sie nur..." Der Bär glotzt verständnislos neben sich: wie er das Fräulein sich erregt zu ihm über den Schanktisch beugen sieht— daß sie eine ersehnte Sicht an ihm vorbei sucht, ahnt er nicht— rinnt ein tauiges Lächeln aus seinen Augen, für einen Augenblick nur, dann reibt er rasch mit einem kurzen Ruck den Hals am rissigen Kragen und glotzt wieder geradeaus. In der Zeit, während sich das Fräulein beruflich auflöst und dem suchenden Blick des jyngen Herrn am ersten Tisch nicht widmen kann, hat Herr Engelbert den ihm so nahe gelegten Rundgang durch den Garten unternommen, die Ballon» wie ein enges Rudel von Luftwalftschbabys ein wenig durch ihr Element geführt, den Flug- trunkenen so ungefähr angedeutet, wie e» wäre, wenn sie sich aus seiner Hand befreien könnten— und steht in dem Augenblick wieder zwischen Ausschank und dem ersten Gartentisch, wie da» Fräulein ein plötzliches Interesse am Restourationsbetrieb zum Vorwand nimmt, den Kopf prüfenden Blicks zum Mauerausschnltt hinaus- zustrecken. Der erschrockenen liebesbedürftigen Mamsell erschien er mit den lustigen Bollonkugeln über sich wie«in finstres Walroß, das sich ein paar pralle, muntre Wälfischjunge geraubt und aus- gezogen hat, um sie eines Tage» zum Zeitvertreib mit den Hauern zu zerstechen. Aus reiner Mordlust. Da» Fräulein überlief es bei diesem romantischen Einsall schaudernd kalt, wie e» vereinsamt. hinterhältig von dem jungen Herrn getrennt hinter der Theke stand, der vom ersten Glas Bier an au» Blickesarüßen eine zarte Freund- schaftsbrücke zu ihr hinüber gewebt hotte. Des Fräuleins milde Seele wallt« in harter Verbitterung resignieren, da kamen zwei Kinder über den Platz gesprungen,«in Modchen in rosaseidigem Kleidchen hielt dem Bären zwei Zehnpfennigstück« entgegen, und dieser brachte allmählich soviel Bewegung in seinen schwerfälligen Körper, daß er die Geldstücke einsteckte und da» bunt« Ballonrudel herabzog, um aus den Fadenenden da» richtige herauszunesteln: hierbei gab cr den sehnenden Augen neben sich den Blick aus den ganzen Garten mit Vorder- und Hintergrund, den Bäumen, Tischen, Gästen und natürlich auch dem ersten Tisch vorn links frei: der junge Mann hotte den Kopf zur Seite gesenkt und saß da in der prallen Sonne. Unendlich schade, daß er nicht aufblickte, gerade in diesem Äugenblick sich abwenden mußte. Aber es war ein sehr sympathischer junger Mann. Zweifellos gut gekleidet, solide und doch noch mit einem verführerischen Glanz von jugendlichem Sturm und Drang über Mund und Stirn. Nun— so sollte er doch nicht in d->r prallen Sonne sitzen, seit Stunden schon, und da» kalte Bier trinken, dachte das Fräulein bange und schmollt« ihm wegen dieser Liebesunvor- sichtigkeit. Sein Kops sah aus wie ein blonder, wundersamen Ballon... ober da stieg vor dem Gortenausblick wieder das Rudel mattglönzender Kugeln hoch, und des Fräuleins Augen glitten von der Mauer des bärbeißigen Gesichts cK>. Ein lieber Jungs... mit diesem Gedanken löste sie sich wieder in ihre beruslichen Bewegungen auf: das kleine Mädchen lief mit dem roten Luftballon aus dem Gortenoorplatz Schlangenlinien, Dreier, Achter und �antasiebuchstaben ab, das torkelnde Luftwalfischbaby in Sprüngen über sich nachziehend: der Bär hatte durch dieses eine Geschäft soviel Mut bekommen, hin und wieder sein Angebot: „Die lustigen Luftballons— zwanzig Pfennig das Stück!", auszu- rufen: die Kellnerkittel flogen den Bierseideln in den Garten nach, als wollten sie diese unterwegs überholen und sich selbst als Gaste an den Tischen sitzend vorfinden, diese Schäker: es war wirklich sehr lustig: das Mädchen hatte aus Bindfadenstücken ein ganz langes Flugseil für den roten Ballon zusammengeknüpft und ließ ihn jetzt hoch in die Luft gegen die Baumkronen und die Dachvorsprünge des Saalbaues klettern. Der Bär neben dem Ausschank hatte sich eben über das stoppelige Kinn gerieben und den Entschluß gesaßt, wieder einen Rundgang durch den Baumschatten zu unternehmen, da waren Ballon und Ballonseil plötzlich zweierlei, denn dieses fiel dem kleinen Mädchen aus hoher Höhe schlaff über das rosa Kleid, während die rote Kugel mit leichtem Abschtedsnicken in das All entschwebte: das runde Tierchen wurde immer kleiner und fand dorteoben sogar den Mut, sich einen selbständigen Weg aus dem menschlichen Blickreich heraus zu wählen: seine an die Hand des Herrn Engelbert gefesselten Brüder sahen ihm darob mit Erzittern nach. Einige Minuten hatten die Gäste im Garten also über etwas lächerlich zu lachen, was weder paradox noch scheinbar naturwidrig war: dann brachte das unent- wegte Mädchen aus der Geldtasche seiner Mutter noch einmal zwei Zehnpfennigstücke, zuzüglich der Ermahnung, besser auf den Ballon aufzupassen, und der Verkäufer hatte sich zum bevorstehenden Rund- gang innerlich soweit vorbereitet, daß er der Kleinen enigegcnqing. Das Fräulein vergaß eine Bierbestellung in dem Zwange, das Glück der freien Sicht nach dem ersten Tisch links auszukosten. An den ersten Tischreihen hatte sich eine wirre Erregung der Gäste bemächtigt: zwei Kellner kittelten weiß wie Segler im Wirbel- wind um den ersten Tisch: endlich verschaffte sich ein resoluter Herr im Durcheinander Geltung und dann allgemeine Achtung durch seine die Ungewißheit beruhigende ärztliche Mitteilung, daß der junge Mann am Hitzschlag gestorben sei... immerhin aber— und nun entwickelte sich jene» mit Beklemmung überschattete Getriebe der Betulichkeiten. Sorgsamkeiten, Hin- und Hergänge, leichten Uebel- keitsansälle und dergleichen, die im Gefolge eines unerwarteten nahen Todesfalles zu sein pflegen, von dem da» Fräulein trotz aller- bester Sicht nur einen irgendwo im Grauen dahinziehenden Schleier von Vorgängen wahrnahm, der sie in ihrem lustlos gewordenen, schematischen Körpertonz nicht berührte. Als der junge Mann somit sich und den Eindruck seine» Todes aus dem Leben und der Er- innerung der Ueberlebenden gewischt hatte, war es mittlerweile Abend geworden. Abendpaufe für die Mamsell, die den Ausschank der Gastwirtsfrau überließ und über den Hof, der Küche zu, ging. Herr Engelbert hockte in dem breiten Ausgabeienfter der tiefliegenden Küche, neben sich einen Teller mit Wurstschnitten, vor sich auf den Knien den Ballonbusch. aus dem er behutsam eine Kugel nach der anderen löste und deren Luft leise pfeftend herausließ. Wenn ein Ballon nicht rasch genug schlaff zusammenklappen wollte, preßte er ihm zwischen den Handflächen da» Leben ungeduldig au». Da? Fräulein fühlte sich in seltsam weicher Seelenstimmunq und nickte dem Bären im� Vorbeigehen freundlich zu. denn es war ihr ein schrecklicher Gedanke, daß sie sich ohne de» Alten Dazwischen- treten beinahe in«inen Sterbenden verliebt hatte. Und dos hätte doch wirklich zu viel Trauer süc zu kurze Liebe gegeben.