Morgenausgabe Nr. 391 A 193 49.Iahrgang Wöchentlich 78 Pf, monatlich 3,28 M. (davon 87 Pf. monatlich für Zustellung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 3,87 M. einschließlich so Pf. Poftzeitungs- und 72 Pf. Poftbestellge- bühren-Auslandsabonnement S,S8 M. reo Monat! für Länder mit ermäßigtem Drucksachenporto 4,88 M. Set Ausfall der Lieferung wegen höherer Gewalt besteht kein Anspruch der Abonnenten aus Ersaß. Erscheinungsweise und Anzeigenpreis« stehe am Schluß des redaktionellen Teils. Ir'v f Berliner SoltSblatt Sonnabend 20, August 1932 Groß-Äerlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf. Jentralovgan der Gozialdemokeatische« Partei DeutschtanS� Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Kernspr.! Dönbofs(A 7) 292— 297. Telegrumm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin Vorwäris-Verlag G. m. b. H. Postscheckronto:BerlinZ7S3K.—BankkoMo:Bankder Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. S, Dt.B.u.Disc.-G«s., Depositenk., Jerusalemer Str. KS/KS ZvÄsilslizeiiei' auwsu vnsei'e koi'llki'ungkn im neuen Reichstag Das Versagen der kapitalistischen Wirtschaft hat in Deutschland so unnennbares Krisenelend ange- richtet, die untauglichen Versuche untauglicher Regierungen haben durch Notverordnungen das Massenelend so verschärft, die Krisenheilung mit privatkapitalistischen Methoden hat sich als so unzugänglich erwiesen, daß die organisierte Arbeiter- schaft von sich aus nicht nur schärfste Maßnahmen zur Mil- derung des Elends, sondern auch grundsätzliche Umbaugesetze für die deutsche Wirtschaft fordern muß. Die kommende Reichstagstagung wird die Sozialdemokratische Partei in der vorder st en Front des Wirtschafts- kampfes sehen. Gegenüber der Regierung der Barone gibt es keinerlei Möglichkeit des Vertrauens. Die Notverordnung vom 14. Juni war so maßlos ungerecht und widersinnig, daß sie fallen muß. Das wird die erste Forderung der Sozial- demokratie sein. Deshalb wird die Sozialdemokratie die Wiedererhöhung der sozialen Leistungen auf dem gesamten Unterstützungsgebiet mindestens und zu- nächst auf den Stand vor dem 14. Juni verlangen. Es muß aber auch an den kommenden Winter gedacht werden. Auch im kommenden Winter müssen Kartoffeln und Kohlen den Arbeitslosen kostenlos zur Verfü- gung gestellt, das Fleisch muß für sie verbilligt werden. Ganze Arbeit werden sozialdemokratische Anträge in der Frage der Arbeitsbeschaffung und der Verkürzung der Arbeitszeit gegenüber dem zögernden und schwäch- lichen Tun der jetzigen Reichsregierung verlange�. Die öffentliche planmäßige Arbeitsbeschaffung soll durch Bereitstellung von Arbeiten im Werte von einer Milliarde Mark energisch und mit größter Beschleuni- gung gefördert werden. Zu den öffentlichen Arbeiten müssen die Hausreparaturen, die Förderung der Siedlung, die kollektive Selbsthilfe der Arbeitslosen und zuletzt aber nicht am wenigsten die so dringend notwendige Schulung der Ju- gendlichen hinzutreten. 3lX> Millionen will die Papen-Regierung beschaffen. Für 506 Millionen Mark verlangt die Sozial- demokratie die Auflegung einer Prämien- bzw. Zwangsanleihe', weitere 206 Millionen Mark können aus den ersparten Unterstützungen genommen werden. Der Kampf um die Verkürzung der Arbeits- zeit wird mit neuer Wucht vorgetragen werden, nachdem Wissenschaftler und Praktiker in aller Welt immer rücksichts- loser die Arbeitszeitverkürzung einfach als wirtschaftliche und technische Notwendigkeit erklären. Der Widerstand der Unternehmer muß gebrochen werden. Auch rein wirtschaftspolitisch gilt es durch die Gesetzes- anträge schon laufendem und noch kommendem Unheil vor- zubeugen. Mit der Verteuerung und der Verschlechterung der Volksernährung durch einseitige Begünstigung des Junkertums muß ein Ende gemacht werden. Es darf nicht weiter beliebig viel neue Arbeitslosigkeit erzeugt werden, nur weil die Junker in kurzsichtigstem Egoismus sich der Er- nährungsautarkie verschrieben haben. Das soziale Elend der arbeitslosen Massen. dieUntragbarkeitderMieten bei den heutigen Elendssätzen der Unterstützung, verlangen gebieterisch öffentliche Mietbeihilfen sowohl bei Alt- Wohnungen als auch bei den besonders teuren Neubau- Wohnungen. Hugenbergs unsinnigen allgemeinen Schuldenabwer- tungsplänen. die nur eine Beraubung der Sparer mit sich bringen, muß entgegengewirkt werden. Nur, wo wirklich gutwirtschaftende Betriebe ohne eigene Schuld i n N o t gekommen sind, darf der Staat seine Hilfe leihen. Das soll nach wohlerwogenen sozialdemokratischen Auf- fassunaen durch die Errichtung eines Schuldencinigungsamtes sichergestellt werden, vor dem jeder einzelne Fall nach Recht und Billigkeit zu behandeln ist. Endlich aber muß auch den Pächtern auf dem Lande geholfen werden. Die Sozialdemokratie wird verlangen, daß vom 1. Oktober ab sämtliche landwirtschaftlichen und gärtnerischen Pachten um 36 Proz., mindestens aber auf die Höhe der Vorkriegspachten gesenkt werden. Endlich muß der Rechtsschutz der Pächter verbessert werden. Das find in sozialdemokratischen Gesetzesanträgen dem Reichstag vorzulegende dringliche Tagesaufgaben. Die Liste solcher Gesetzesanträge ist noch nicht abgeschlossen. Es wird noch viel mehr geschehen müssen, um die Krisennot zu lindern und die herrschenden Notstände bis zur Wieder- kehr besserer wirtschaftlicher Verhältnisse zu überwinden. Die Sozialdemokratie wird aber auch die sinanzielle Deckungs- frage nicht vergessen. Sie fordert Notsteuern zur Sicherung der sozialen Leistungen und zur Mil- derung des größten Elends. Die hohen Einkommen und die hohen Vermögen müssen ebenso erfaßt werden wie der Luxus. Die Offenlegung der S t e u e r l i st e n muß die Steuerscheu überwinden helfen. Die Verschärfung bei der Steuerveranlagung und Steuererhebung muß das Steuer- aufkommen erhöhen. Aus der längst notwendigen Schaffung von Staats Monopolen(Tabak, Oel und Branntwein) müssen dem Reich neue Einnahmen zugeführt werden. End- lich müssen die nur auf formales Recht und keinerlei Ver- dienst gegründeten Fürstenabfindungen wieder gestrichen, ihr Grundbesitz zugunsten der Kriegsopfer enteignet und die Gehälter und Pensionen grundsätzlich auf höchstens 12 000 M. herabgesetzt werden. Geschieht das, so werden dem Reich ausreichende Mittel zur Verfügung stehen, um die sozial- demokratischen Anträge auch praktisch durchzuführen. Neben diesen Tagesaufgaben wird die Sozialdemokratie durch fünf besondere Gesetzesanträge aber auch den g r u n d- sätzlichen Umbau von der kapitalistischen Anarchie zur Planwirtschaft vorwärts treiben. Es muß die Verstaat- lichung der Schwerindustrie und der übrigen monopolistischen Industrien, einschließlich der Zementindustrie, durchgeführt werden. Die gesamte Kreditwirtschaft wird zur planvollen Lenkung der Kapitalverwendung der staatlichen Aufsicht unterstellt, sämtliche Groß- danken müssen verstaatlicht werden. Ein Kartell- und Monopolamt muß die Kontrolle und die planmäßige Bewirtschaftung aller Schlüsselindustrien sicherstellen. Mit der Enteignung des Großgrundbesitzes muß der Krisenherd im agrarischen Osten ausgebrannt und die materielle Basis der reaktionären Junkerherrschaft in Deutsch- land beseitigt werden. Es ist in Deutschland keine Zeit mehr, die Not weiter wachsen, die Wirtschaft weiter versacken und die junker- lichen und schwerindustriellen..Wirtschaftsführer" als Staat im Staate weiter herrschen zu lassen. Um der Wohlfahrt des Volkes willen, die der einzige Sinn alles Re- gierens zu sein hat, müssen wir vorwärts zu einer neuen Wirtschaftsordnung, müssen wir vorwärts zu einer demo- kratischen, wirklich nur dem Wohl des Volkes gewidmeten Wirtschaftsordnung, müssen wir vorwärts zu einer wirklich nur dem Wohl des Volkes gewidmeten Wirtschaft! Minen gegen Baronsregierung Die Anträge der Sozialdemokratie Tie sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat am Freitag eine Reihe von Anträgen und Gesetz ent» w ü rf e n beschlossen,«ie stellen ein umfassendes Programm zum Umbau der Wirtschaft, zur Uebcrwindung der Wirtschaftskrise und zur Sicherung der Existenz der notleidenden Schichten dar. Wir geben heute zunächst den Wortlaut eines Teils dieser Anträge wieder und behalten uns wei- tere Veröffentlichungen vor. Oer Mißtrauensantrag. Der Reichstag wolle beschliehen: Der Reichstag entzieht der Reichsregierung das Vertrauen. Aushebung der papeu-Verordnungen. „Ter Reichstag wolle beschließen: die Notverordnungen 1) vom 14.«. 3S über Maßnahmen zur Erhaltung der Arbeitslosenhilfe usw., 2) vom 14.«. 32 gegen politische Ausschreitungen. 3) vom 14.«. 32 über Maßnahmen auf dem Gebiete der Rechtspflege und Verwaltung, 4) vom 28. 6. 32 gegen politische Ausschreitungen. 5) vom 20. 7. 32 betr. Einsetzung eines Reichskom- missars für das Land Preußen sind außer Kraft zu setzen." Anträge zur Planwirtschaft. Entwurf eines Gesetzes über den Umbau der Wirtschaft. Z 1- Um die Befreiung aus der Not der kapitalistischen Wirtschasts» ordnung und den Uebergang von der planlosen Gewinn- Wirtschaft zur planmäßigen Gemeinwirtschast an- zubahnen, werden folgende Umbaumaßnahmen durchgeführt: 8 2. Der Umbau der Wirtschaft erstreckt sich auf 1) die Vereinheitlichung der öffentlichen Wirtschaft, 2) die Schaffung einer Planstellc(Sj 3), 3) die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und der subven» tionierten Unternehmungen auf Grund des Gesetzes vom..... 4) die Verstaatlichung der Großbanken und die Schaffung eines Bankenamts auf Grund des Gesetzes vom.... S) die Schaffung eines Kartell- und Monopolamts auf Grund des Gesetzes vom..... 6) die Schaffung und den Umbau von Staatsmonopolen gemay dem Gesetz von...., � 7) die Enteignung des Großgrundbesitzes auf Grund des Ge- setzes vom..... § 3. Die Planstelle hat die Aufgabe: 1) in Gemeinschaft mit dem Bankenamt und dem Kartell- und Monopolamt auf ein planmäßiges Zusammenarbeiten aller Glieder der Volkswirtschaft hinzuwirken. 2) die einheitliche Führung der öffentlichen Wirtschaft zu sichern, 3) die Verstaatlichung weiterer Wirtschaftszweige vorzubereiten. 4) alle sonstigen Maßnahmen zu fördern, die dem Umbau der Wirtschaft dienen. 8 4. Bei dem Umbau der Wirtschaft, bei der Zusammensetzung aller öffentlichen Einrichtungen und bei der Führung der verstaat- lichten Wirtschaftszweige find die Arbeitnehmer angemessen zu beteiligen. 2. Entwurf eines Gesetzes über die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und der subventionierten Unternehmungen. s 1. Die Schlüsselindustrien und die aus öffentlichen Mitteln fub- ventionierten Unternehmungen sind zu verstaatlichen. s 2- (1) Die Verstaatlichung hat insbesondere zu umfassen alle pn- vaten Unternehmungen des Bergbaues, der Eisenindustrie, der sonstigen Metall- gewinnung, der Großcheiyie, der Zementindustrie. (2) Die Verstaatlichung hat sich auf alle Nebenbetriebe sowie auf die Verwertung von Altmetall j;u erstrecken. 8 3. (1) Die Entschädigung erfolgt nach der tatsächlichen Ausnutzung der Anlagen in den Geschäftsjahren 1929 bis 1931, höchstens jedocl) iu den Börsenkursen vom 1. Juli 1932. (2) Auf die Entschädigung werden Steuerschulden, bisher ge- währte Subventionen und sonstige Forderungen der öffentlichen Hand angerechnet. 3. Entwurf eines Gesetzes über Bankenverstaat» lichung und Bankenaufsicht. 8 1. Das gesamte Bankgewerbe wird der Aufsicht und Führung durch das Reich unterstellt. Zur Durchführung dieser Aufgaben werden 1) die Großbanken verstaatlicht(8 2), 2) ein Bankenamt errichtet(8 S). § 2. Die Verstaatlichung der Großbanken umfaßt: Dresdner Bank. Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft. Commerz- und Privatbank. Berliner Handelsgesellschaft. Allgemeine Deutsch« Creditanstalt. 8 3. Die verstaatlichten Banken werden unter Mitwirkung des Bankenamts zu einer Deutschen Staatsbant zusammengeschlossen. ' S 4- Die Entschädigung der Aktionäre der verstaatlichten Banken erfolgt auf der Grundlage der Berliner Börsenkurse der Aktien vom 1. Juli 1932. 8 S. Das Bankenamt hat die Führung der öffentlichen und privaten Banken nach einheitlichen Richtlinien zu sichern. Zweck dieser Bank- Politik ist die Lenkung des Kapitals im Interesse der Gesamt- Wirtschaft. 8 6. Das Bankenamt hat Vorschläge über weitere Verstaatlichung von Banken zu machen. 8 7- Jnnerhalb eines Monats nach Inkrafttreten dieses Gesetzes gehen die Geschäfte des Reichskommissars für das Bankgewerbe auf das Bankenamt über. 4. Entwurf eines Gesetzes über die Enteignung des Großgrundbesitzes. 8 t. (1) Um eine Gesundung der deutschen Landwirtschaft anzu- bahnen, wird der private Großgrundbesitz enteignet. (2) Großgrundbesitz im Sinne dieses Gesetzes ist jeder land- und forstwirtschaftliche Grundbesitz über 299 Hektar. Durch Landes- gesetz kann bestimmt werden, daß auch Großgrundbesitz unter 299 Hektar unter dieses Gesetz fällt. 8 2- (1) Als Entschädigung wird den enteigneten Großgrundbesitzern eine Rente gewährt, die sich nach der Höhe des in den Jahren 1929 bis 1931 durchschnittlich versteuerten Einkommens aus dem ent- eigneten Grundbesitz bemißt. (2) Verfügt der enteignete Großgrundbesitz über hinreichende landwirtschaftliche Kenntnisse, so kann ihm an Stelle der Rente eine Siedlungsstelle überlassen werden. 8 3. Der enteignete landwirtschaftliche Grundbesitz ist entweder als Graßbetrieb zu erhalten oder an Landarbeiter und Kleinbauern auf- zuteilen. Die Wahl der Betriebsform ist so zu treffen, daß die wirt- schaftliche Ausnutzung des Grundbesitzes gewährleistet wird. 8 4 Wo die Betriebsform des Großbetriebes beibehalten wird, ist der Betrieb in öffentlicher Bewirtschaftung zu übernehmen oder in ge- eigneten Füllen den Landarbeitern zur genossenschaftlichen Bewirt- schaftung in Landarbeiter-Produktivgenossenschaften zu überlassen. 8 S. Im Falle der Aufteilung des Grundbesitzes ist der enteignete landwirtschaftliche Grundbesitz je nach den örtlichen Verhältnissen an landbedürftige Kleinbauern zu verteilen oder zur Errichtung von lebensfähigen Bauernsiedlungen zu verwenden. Als Siedlungsbewerber sind vornehmlich Landarbeiter zu be- rücksichtigen. 8 6. Der enteignete forstwirtschaftliche Großgrundbesitz ist der öffentlichen Hand zur Bewirtschaftung zu übertragen. Lohann Schober gestorben. Tod des ehemaligen Äundeslanzlers. Ter ehemalige Bundeskanzler und langjährige Polizeipräsident von Wien, TD Johann Schober, ist im Alter von 38 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. Schober war der Typ des vornehmen, dabei aber ein- fach-bürgerlichen altösterreichischen Beamten. Im Juni 1918 wurde er k. k. Polizeipräsident von Wien. Die Republik hat ihm dieses Amt gelassen. Das wäre bei dem großen Einfluß der Sozialdemokratie in der Nachkriegszeit nicht geschehen, wenn Schober sich als parteiisch gegen die Arbeiterschaft erwiesen hätte. Das gräßliche Blutbad, das die Polizei am 15. und 16. Juli 1927 anrichtete, hat das Verhältnis der Sozialdemokratie zu Schober zwar sofort ins Gegenteil ver- kehrt, indes hat sich nachher wieder Schober als Gegenpart des Heimwehrförderers Seipel erwiesen— dem er so bald in den Tod folgen mußte— und diese politische Tatsache hat dann auch die Haltung unserer Bruderpartei zu ihm be- einflußt. Das Gleichgewicht zwischen der Sozialdemokratie und den bürgerlichen Parteien der Christlichsozialen und Groß- deutschen führte 1921 zur Bildung eines Beamtenkabinetts mit Schober als Kanzler. Nach einem Jahr folgte ihm Seipel und Schober leitete wieder die Wiener Polizei und das Sicherheitswesen im ganzen Staat. Im Sommer 1929 wurde er wieder Regierungschef. Es gelang ihm, wichtige finanzielle Erfolge zu erzielen, so die Vereinigung der Boden- credit- mit der Creditanstalt für Handel und Gewerbe, er konnte auch eine Verfassungsreform durchsetzen, wobei die Sozialdemokratie weniger wichtige Aenderungen ermöglichte, um den demokratischen Charakter des Staates zu sichern. Mit Schobers Kanzlerherrschaft ist auch die B e- f r e i u n g seines Landes von der— allerdings vollkommen unerfüllbaren— Reparationslast verbunden. Schließlich aber stürzten ihn die Intrigen Seipels, der nun das Heim- wehrkabinett � Vaugoin-Starhemberg etablierte. Nach dessen Sturz durch den sozialdemokratischen Wahlsieg am 9. November 1930 wurde Schober, nun als Parlamen- tarier und Führer des„Nationalen Blocks", wieder Kanzler. Die Zollunionskampagne mißlang fre'lich, und seit- her regieren zwar wieder die Christlichsozialen, aber ihr Regime ist gerade jetzt sehr wackelig— und die Großdeutsche Partei Schobers dürste ihren großen Mann nicht mehr lang« überleben. srd von voie Nationalsozialistische Mörder vor dem Sondergerichi. Beul Yen, Ig. August, f Eigenbericht.) Welche Bedeutung die Nationalsozialisten dem INordprozeh in Reuthen beilegen, beweist, daß von den ausgegebenen 40 Presse- karten die Hälfte aus Nazi-Pressevertreter entfallen. Auch der Führer der schlesischen SA., Fememörder Heines, ist anwesend. Bei Fortsetzung des Verhörs erklärt der Angeklagte Kottisch, daß nach längerer Fahrt in dem Dorfe Zworrock noch mehrere Pistolen besorgt wurden. In Potempa angekommen, wo sie bereits erwartet wurden, führte man die Autoinsassen in die Gastwirtschaft des dortigen SA.-Führers L a ch m a n n, der gleichzeitig T s> meindeoorsteher ist. Man bewirtete sie dann mit mehreren Litern Schnaps und Bier, bis sie fast alle betrunken gewesen seien. Alsdann seien sie von einem ihnen unbekannten Führer in das Dorf zu einem Gehöft geführt worden. Beim Verlassen dieses Lokals habe man ihnen gesagt, sie sollten ganze und keine halbe Arbeit machen. Der Trupp habe sich dann zunächst an ein Gehöft begeben, wo man ihn aufforderte, zu klopfen und zu schießen. Es sei dann eine Frau am Fenster erschienen. Er habe aber nicht schießen können. Daraufhin hätten sie den Hof verlassen. Eine ihm unbekannte Person habe dann bei dem Betreten des zweiten Hofes erklärt: „Jetzt muß es aber klappen." Man habe hier die Tür offen gefunden, sie seien dann mit mehreren Personen hineingegangen und hätten dort im Lichte der Taschen- mmpe zwei Betten stehen sehen. In dem einen habe die Mutter Pietzuch, in dem anderen die beiden Söhne geschlafen. Als die Mutter gefragt habe, was sie wollten, sei von einem anderen ge- rufen worden, sie solle still sein, sonst würde sie auch erschossen. Als er dann an das Bett der beiden Brüder herangetreten sei, habe man ihm zugerufen: „Den Cmil, den Dicken, den andern nicht." Emil Pietzuch sei dann aufgesprungen und habe ihm die Decke über den Kopf geworfen. Er sei gestürzt und dann hätten seine Käme- raden auf den Emil eingeschlagen. Emil sei dann in die Kammer gesprungen und man habe ihn dann aufgefordert zu schießen. Er habe dann in die Kammer geschossen und gesehen, wie Pietzuch zusammengebrochen sei. Auf die Vorhaltung des Vorsitzenden erklärte Kottisch: „Ich war betrunken, außerdem führte ich ja einen Befehl aus." Sie hätten dann gemeinsam die Kammer verlassen und der Führer habe sie zu einem dritten Gehöft geführt. Unterwegs hätte dann der Führer gesagt:„Jetzt seid aber vorsichtig, er ist schwer be- w a f s n e t." Als ich mir eine Zigarette anzündete, merkte ich, daß ich an den Händen Blut hatte.(Wie kommt das Blut an die Hände des Angeklagten, wenn er nur aus der Entfernung geschossen und auf Pietzuch angeblich nicht eingeschlagen hat? Red. d.„V.".) Daraufhin sagte ich, ich mache nicht mehr mit. Er habe sich dann zum Auto begeben und sie seien dann gemeinsam nach Broslawitz zurückgefahren. Er habe dann bis?L19 Uhr vormittags geschlafen. Auf die Frage des Vorsitzenden, was er sich denn bei der ganzen Tat gedacht habe, erwiderte Kottisch:„Ich dachte nur an ein Zur- redestellen und ein paar Ohrfeigen." Als zweiter Angeklagter wird der SS.- Mann Wolmizsk vernommen. Dieser bekundete, daß sie im SA., Heim Broslawitz eine Woche exerziert hätten. In den Nachmittagsstunden habe ihm Kottisch gesagt:„Wir fahren heute abend weg, es kommt ein Auto'." Ich dachte, es würde ein Ueberfall werden. Es kam dann der Bs- fehl, wer keine Waffen hat, bleibt zurück. In Potempa angekom- men, wurden wir sehr stark mit Schnaps und Bier bewirtet. Lach- mann, der dortige SA.-Führer, sagte dann, als wir ins Dorf ge- führt wurden: „halbe Arbeit ist keine ganze Arbeit." Mir wurde die Pistole abgenommen, ich bekam einen Gummi- knüppel. An dem ersten Hause klopfte einer und erklärte dem dort wohnenden Schwingel:„Florian, du sollst mal heraus kommen." Dieser kam aber nicht. Wir gingen dann zu der Wohnung Pietzuchs. Wir konnten hier gleich durch das Fenster sehen, w t e Emil schwer geprügelt wurde. Bevor wir das Lachmannsche Lokal verliehen, sagte Lachmann: „Die Telephonleilungen müssen durchgeschnitten werden." Als wir von Pietzuch zu dem dritten Gehöft gehen wollten, wurde ich von einem Zollbeamten verhaftet. Als dritter Angeklagter wird der SA- Führer Kreup- n e r vernommen. Auf die Frage des Vorsitzenden, wieso sie aus dem Industriegebiet nach dem Broslawitzer EA.-Heim kamen, er- klärte Kreupner:„Das Broslawitzer Gut hatte uns angefordert. Am Tatabend glaubte ich zunächst bei der Abfahrt, daß wir wieder für das Gut eine Streife machen sollten." Der vierte Angeklagte Müller bestätigt die bisherigen Aus- sagen im wesentlichen. Bei einer Debatte über das Verhältnis zwischen SS. und SA. unternimmt der Verteidiger Luetgebrune einen Vorstoß und beantragt den Ausschluß der Oessentlichkeit aus Gründen der Staatssicherheit. Der Antrag wird aber vom Gericht abgelehnt. Zum Schluß wurde der Angeklagte Paul Lachmann aus Potempa vernommen, der zwar Mitglied der NSDAP, ist, aber weder der SA. noch der SS. angehört. Der Angeklagte sagt u. a. aus, nachdem er vor dey Wahlen erfahren habe, daß auf die Häuser der Parteimitglieder kommunistische Anschläge verübt werden sollten, habe er aus zehn Leuten eine Schutztruppe ge- bildet. Den getöteten Pieczuch habe er wiederholt aus dem Lokal weifen müsien, weil er die anwesenden Gäste belästigt habe. Eine Woche vor der Tat sei Pieczuch abermals in dem Lokal erschienen und habe geäußert, die anwesenden Nationalsozialisten würden ebenso wie die bisher erschossenen 459 Nationalsozia- listen(?) umgebracht werden. Als erster Zeuge wird bei der Wiedereröffnung der Nach- mittagsverhandlung der Oberlandjäger Osfadzin ver- nommen. Dieser bekundete, daß nach seinen Feststellungen der Pieczuch nachts um 1 H Uhr ermordet worden sei. Um 6M Uhr früh sei ihm eine entsprechende Meldung zugegangen. Er sei sofort zu dem Tatort hingegangen, wo der oerhaftete Wolnicza ihm die ersten Aussagen machte. Die von ihm benachrichtigte Mord- kommission aus Gleiwitz sei eine Stunde später ein- getroffen und habe ihn beaustragt, auf den Eolombek a u f z u- passen. Dies habe er auch getan. Eolombek sei aber nachmittags Pilze suchen gegangen(??) und aus dem Wald« nicht mehr zurück- gekommen. Der Angeklagte Lachmann habe den getöteten Pieczuch schon im Jahre 1923 einmal mißhandelt, desgleichen am 31. Januar 1932. Lachmann sei nach dem ihm Bekannten ein persönlicher Feind des Pieczuch gewesen. Lachmann wäre noch vor einigen Jahren Kommunist, dann Zentrumsmann gewesen und erst in jüngster Zeit Nationalsoziali st geworden. Als zweiter Zeuge wird Florian Schwinge vernommen, den die Nationalsozialisten zuerst aufgesucht hatten. Schwinge er- klärt, daß es gegen lk Uhr geklopft habe. Seine Frau sei ans Fenster getreten und habe gefragt, was los sei. An der Antwort habe die Frau erkannt, daß der Nationalsozialist Eolombek bei der Kolonne war und hätte das Fenster zugeworfen. Da ihm schon öfter mit Erschießen und Aushängen an der großen Dorflinde gedroht worden sei, habe er sich versteckt. Der Gemeindevorsteher und SA.-Führer Lachmann sei früher mit ihm befreundet gewesen und hätte ihn einmal in einem amtlichen Versahren gegen ein Zahlungsversprechen von 89 Mark zu einer falschen Aussage verleiten wollen. Da er die zunächst gemachte Aussage widerrufen habe, sei der Sachmann ein per- sönlicher Feind von ihm geworden. Es folgt die Aussage des Bruders Pieczuch. Dieser bekundet, daß er erst durch den Ruf „Hände hoch" erwacht sei. Es hätten dann mehrere Personen vor dem Bett gestanden. Er habe dann einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen. Sein Bruder sei an den Füßen gesaßt und aus dem Bett gezogen worden, nachdem er vorher versucht hatte, sich mit der Bettdecke zu schützen. Als man ihn aus dem Bette gejagt hatte, sei ihm gesagt worden:„An die Wand mit dir" und man habe ihn dann mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt. Inzwischen sei auf den Bruder schwer eingeschlagen worden, plötzlich sei ein Schuh gefallen und er habe gehörk, daß der Bruder in der Kammer geröchelt habe. Er sei dann auf den Boden geflüchtet. Auf das Schreien der Mutter wäre er dann wieder heruntergekommen, fand aber seinen Bruder bereits tot vor. Als die Mutter des Ermordeten, die 69jährige Frau Maria Pieczuch vernommen werden soll, läßt der Angeklagte Müller den Verteidiger erklären, daß er nicht mehr der Verhandlung folgen könne. Daraufhin wurde die Verhandlung auf Sonnabend früh 9 Uhr vertagt. * Von irgendwelcher Reue war bei den Angeklagten nichts zu verspüren. Sie benahmen sich im Gegenteil sehr provozierend, und als ihnen aus dem Zuhörerraum bei Abschluß der Abendoerhand- lung der Hitler-Gruß zugerufen wurde, brüllten sie ihren Partei- freunden mit erhobenen Händen gleichfalls ein„Heil Hitler" zu.— Im Laufe des Tages kam es mehrfach zu Ansammlungen vor dem Gerichtsgebäude und zu Zusammenstößen zwischen SA.- Leuten und Kommunisten. Ein besonders rabiater SA.-Mann wurde hierbei festgenommen. Gegen Abend wurden auf der Beuthener Hauptstraße und in der Umgebung des Gerichtsgebäudes wiederholt größere SA.-Trupps, darunter zahlreiche auswärtige SA.-Leute festgestellt. Schamlosigkeit und freche Drohung. Das oberschlesische Naziorgaa zu dem Mordprozeß. Die„Ostfront", dos oberschlesische hiller-Organ, erklärt zu dem Prozeß, daß unter den gegebenen Verhältnissen mitsünf Todesurteilen gerechnet werden müßt«. Wenn das Gericht es aber wagen würde, auch nur ein einziges Todesurteil zu fällen, so würde sich in ganz Deutschland ein Sturm erheben und die Folgen wären unabsehbar. Zum Schluß erklärt dieses schamlose Blatt:„Schuldig an dem Mord sind nicht die Angeklagten, sondern aus die Anklagebank ge- hören der frühere preußische Innenminister Severing und der Justiz. minister Schmidt. Sie sind die wahren Schuldigen von Potempa." Cine Lappalie! Die regierungsoffiziöse„DAZ." schreibt: Die schweren Vorwürfe, die der Stahlhelmführer v. S t e p h a n i gegen die Nationalf ogialiften schoben hat, werden von den zustän- digen preußischen Stellen nachgeprüft werden. Von amtlicher Seite verlautet, daß sich aus dem bisher mitgeteilten Material— also vor der Veröffentlichung, die wir im Auszug wiedergaben— kein Anhalt für ernsthafte Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit er- geben habe. Ganz allgemein wird von unterrichteter R e i ch s st« l l e hierzu bemerkt, daß in den letzten Monaten zahllose Puffchansagen erfolgt feien, an denen sich erfreulicherweise niemals etwas bewahrheitet habe. Auch könne nicht jedesmal ein Ermittlungsverfahren in Gang geseht werden, denn sonst müßte die Zahl der Staatsanwälle verzehnfacht werden. Von zuständiger preußischer Seite wird diese Einstellung im allgemeinen unterstrichen. Nicht einmal ein Ermittlungsverfahren? Wann wird die„DAZ." wegen böswilliger Verächtlichmachung der Reichs- regierung verboten? Die„Berliner Börsenzeitung" des Generals o. Stülp- nagel bemerkt zur selben Sache: Der Gegenstand des Streits ist so unwesentlich, daß wir es ablehnen, auf ihn einzugehen. Wir begnügen uns mit der Fest- stellung, daß der Ausgangspunkt eine Lappalie ist. Ausschneiden und aufkleben! Mappe:„Ueb�erpar» parteiliches!" SA. überfällt Kommunisten. Ein Fall für das Breslauer Sondergericht. Breslau, 19. August.(Eigenbericht.) Heute vormittag gegen 11 Uhr kam es an der Neudorf- Ecke Nachodftraße zu einer politischen Schlägerei. In unmittelbarer Nähe des Braunen Hauses hatten zwei kommunistische Zeitungshändler Aufstellung genommen. Sie wurden von uniformierten Nazis angegriffen, verfolgt und zu Boden geworfen. Es sammelte sich eine Menschenmenge von etwa 499 Personen an. Die am Boden Liegenden trat man mit Füßen, den einen von ihnen so schwer, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Zwei Täter wurden von der Polizei festgenommen. Man darf ge- spannt sein, ob auch dieser Fall vor das Breslauer Sondergericht kommt, das sich m der kurzen Zeit seiner Tätigkeit schon durch besonders harte Urteile gegen Kommunisten aus, gezeichnet hat. „Wenn es nur zu Schuh und Truhe Brüderlich zusammenhält!" Klara Zetkin erkrankt. Als Patient im Kreml-KrankenhauS. Moskau lüber ficvnmo), 19. August. Eine Erkrankung der greisen Klara Zetkin hat ernst. liche Besorgnis hervorgerufen. Zur Patientin, die im Kreml- Krankenhaus untergebracht ist, sind vier der besten Aerzte befohlen worden, von denen je zwei ständig beobachten. Es verlautet, daß zunächst der Verlaus des Anfalles sich normal entwickle. Brachts Llrlaub verlängert. Regierungsantrag gegen die Stimmen der Eisener Sozial« demokratie angenommen. Essen, 19. August. - Der Verfassungsausschuß der Essener Stadtverordnetenversamm» lung stimmte am Freitag mit Mehrheit gegen die sozial- demokratischen Mitglieder dem Antrag der Reichsregie- rung auf weitere Beurlaubung des stellvertretenden Reichskommissars für Preußen, Dr. Bracht, von seinem Essener Oberbürgermeister- amt bis zum 1. Dezember dieses Jahres zu. Tränengas! Reue Attentatsserie in Westdeutschland. Wuppertal, 19. August. Verschiedene Wuppertaler Warenhäuser wurden heute nachmittag von unbekannten Personen erneut mit Tränengas heimgesucht. Wie aus den Meldungen an die Polizei hervorgeht, haben die Täter fast zur gleichen Stunde in vier Geschäftshäusern— zwei in Barmen und zwei in Elberfeld— während der Hauptgeschäftszeit die Gas- kapseln geworfen. Nach den Anschlägen verließ das Publikum fluchtartig die Räume. Zwei Geschäfte mußten geschlossen werden. Am 11. August hielt Oldenburgs nationalsozialistischer Minister- Präsident HSnge-Röver in Hannover aus einer Nazi-Protestversammlung eine wilde hehrede gegen die Eröffnung eines neuen Woolworth-Einheitspreisgeschäftes. Am 1?. August flogen in Krefeld Tränengasbomben in die Häuser von Moolworih, Epa und Leon- Harb Tieh. Jehl ist eine Woche später die Allenlalswelle auf Barmen hinübergeschlagen. Für sorgfältigste Vorbereitung der Anschläge spricht das zeitliche Zusammenfallen aller vier Altenlote. Die Durchführung läßt daraus schließen, daß es sich In Krefeld, Barmen und Elberfeld um ein und dieselbe Terrorkolonne handelt. Den klaren Zusammenhang zwischen der Röverschen Warenhaushehe und diesen Anschlägen dürste wohl nur eine m i t völliger Blindheit geschlagene Regierung nicht erkennen. Wehrmachiumbau und Frankreich. Hernot läßt Sturm läuten. Paris, 19. August. sEigenbericht.) Tie Havas-Agentur meldet angeblich bestinformiert aus Berlin, daß die Reichsregierung entschlossen sei. durch die Botschafter in Paris und London ihr Verlangen nach Neuorganisation der Reichswehr vortrage» zu lassen. Man werde da erklären, daß es„nicht mehr mög- lich ist, eine gründliche Aussprache und eine Entscheidung über ein Problem zu vertagen, das die gesamte öffent- liche Meinung in Teutschland als lebenswichtig ansieht". Der hiesigen Deutschen Botschaft ist von einer derartigen Absicht der Reichsregierung noch nichts bekannt und An- ordnungen aus Berlin sind nicht eingetroffen. Dies« Havas-Ankündigung hat zusammen mit dem Reuter- Interview des Reichskanzlers in Paris st ä r k st e M i ß st i m- mung hervorgerufen. Man betont hier, daß die ununterbrochene Kette der deutschen Forderungen keineswegs dazu angetan sei, das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zu bessern. Nach der Rheinlandräumung habe Deutschland sofort die Annullierung der Reparationen gefordert: nach der Konferenz von Lausanne ver- langte es jegt Rüstungsgleichheit, und wenn dies erledigt sei, werde es, wie Reichskanzler von Papen bereits angekündigt habe, Kolonial forderungen in den Vordergrund stellen. Dann brauche es nur noch die territoriale Revision des Versailler Friedens zu fordern und dieses ganze Werk werde damit aus der Welt geschafft. Die Pariser Presse, die zunächst dem Reuter-Zaterview des Reichskanzlers nur wenig Beachtung schenkte, ist am Freitag. nach der Rückkehr Herriols von Lyon nach Paris, ausfälliger- weise mit schwerstem Geschah gegen Deutschland ausgefahren. Der„Temps" macht eine Reihe neuer juristischer Argumente gel- tend, die augenscheinlich dem amtlichen Arsenal entnommen worden sind:„Die militärischen Versailler Klauseln bestehen in ihrer ganzen ursprünglichen Kraft noch fort und können nicht einfach durch eine Entschließung einer allgemeinen Konferenz abgeschafft werden. Eine deutsche Forderung auf diesem Gebiet hat daher keinerlei j u r i st i s ch e Basis. Wenn Deutschland die Rüstungsgleichheit fordert, kann es das nicht auf Grund des geschriebenen Rechts tun. Es müßte dos juristische Terrain aufgeben und die Frage auf rein politischen Boden stellen. Dann aber würden die Verhandlungen einen ganz anderen Charakter annehmen. Es würde sich dann nämlich die Frage erheben, welche politische Gegenleistung Deutschland anbieten kann. Dann würde das ganze weite Problem der allgemeinen Sicher- h e i t aufgerollt werden müssen, und Zwar unter Bedingungen, die eine Lösung beinahe unmöglich machen." Zum Kolonialproblem schreibt dasselbe Blatt:„Man begeht einen Irrtum, wenn man behauptet, daß diese Frage ord- nungsgcmäß vor den Völkerbund gebracht werden könnte. Denn es ist nicht der Völkerbund gewesen, der die K o l o n i a l m a n d a t e verteilt hat. Das erfolgte durch direkte Einigung zwischen den Mächten, der Völkerbund war lediglich dazu da, die Verteilung zu registrieren und die Kontrolle über die Kolonialverwaltung zu über- nehmen. Auch hier handelt es sich also um eine rein politi- s ch e Angelegenheit, die nicht vom Genfer Rat entschieden werden kann" Der ehemalige Abrüstungsdelegierte unter der Regierung Tar- dteu, Abg. Oberst Fabry. aber kündigt im.�intransigeant" an. daß er Oer„Vorwärts" Drohung mit einem Folgendes Schreiben geht uns zu: Der Polizeipräsident. Berlin, den 19. August 1932. I. 2. S. 34 00/169. 32. An den„Vor!wärts"-Vei'lag G. m. b. H., Berlin SW 68, Lindenftr. 3. In der Tageszeitung„Vorwärts" Nr. 381, 19. Jahrgang, vom 11. August 1932 befindet sich im chauptblatt auf der 1. Seite ein Artikel„Zurück zum Recht!" In diesem Arttkel wird im Absatz 2 davon gesprochen, daß die„Reichsregierung unter der Firma einer angeblich„überparteilichen Regierung" eine Politik der Peitschenhiebe gegen die republikanisch gesinnte, verfassungstreue Bevölkerung ge- ttieben habe, während sich gegenüber den gewalttätigen Feinden der Staatsordnung eine würdelose Liebedienerei breitmachte". Ferner wird in den letzten 3 Absätzen u. a. ausgeführt,„auch eine national- sozialistische Parteiregierung könnte ihre Macht kaum noch einseitiger anwenden, als das die bisherige deutschnationale Parteiregierung getan hat." Der Artikel schließt dann mit den Worten:„Schluß mit dem zweierlei Recht, mit der einseitigen Begünstigung faschistischer Staatsfeinde und der Menschenjagd auf aufrechte Republikaner!" In diesen Ausiich rangen wird den Mitgliedern der Reichsregie- rung der Vorwurf einseitiger Parteiregierung gemacht. Sie ver- stoßen daher gegen den Z 6 Absatz 1 Ziffer 2 der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten gegen politische Ausschreitungen vom 11. Juni 1932 und würden mich zu einem Verbot des„Vorwärts" berechtigen. Wenn ist diesmal von einem Verbot der Zeitung noch absehe, so geschieht das in der Erwartung, daß Sie sich fortan größter Zurückhaltung befleißigen. Ich verwarne Sie aber nachdrücklichst und mache darauf auf- merksam, daß Sie bei einem weiteren Verstoß gegen die gesetzlichen Bestimmungen unnachsichtlich mit einem längeren Verbot zu rechnen haben. Melcher. Dies also das Neueste! Geht es so weiter, so wird sich die republikanische Presse in der Deutschen Republik bald das lange geheimgehaltene Aktenstück der Regierung Tardieu über die deutschen Geheimrüstungen und die systematischen Der- flöße gegen die versailler Militärbestimmungen ausschlage« werde. Er werde bei allernächster Gelegenheit in der Kammer mit unwiderleglichen Aktenstücken beweisen, daß Deutschland 1. widerrechtlich den Großen General st ab wiederher- g e st e l l t habe, 2. eine höhere Zahl Soldaten in der Reichswehr ausgebildet habe als Versailles erlaube, 3. die B e- w a f f n u n g der Reichswehr willkürlich geändert und 1. die Fabrikation verbotener Waffen wiederaufgenommen habe._ Schanghai nach Budapest. Ehepaar Ztaegg soll lebenslänglich eingekerkert bleiben. Schanghai. 19. August. Nach fiinfzehnmonatiger Untersuchungshast sind zwei Europäer, Paul Nonlens und seine Frau, die sich als schweizerische Staatsangehörige Ruegg bezeichneten, wegen kommunistischer Propaganda zum Tode verurteilt worden. Die Strafe wurde auf Grund der allgemeinen Amnestie sofort in lebenslängliche Einkerkerung umge- wandelt. Wenn diese chinesischen Machthaber auch nicht ganz die blutdürstige Roheit des„christlichen" Horthy-Kurses in Ungarn erreichen und die Rueggs nicht auch zu Blutzeugen der Lehre Lenins gemacht werden, so bleibt doch lebenslange Kerkerstrafe für bloße Propaganda ein Tiefpunkt reaktiv- närer Rachejustiz. Dabei ist es noch sicher, daß nur die Proteste zahlreicher Größen des europäischen Geisteslebens neben dem wochenlangen Hungerstreik der Rueggs die Todes- strafe abgewandt haben. Admiral Zenker gestorben. Der frühere Chef der Reichsmarine- leitung, Admiral Zenker, ist am Donnerstag in einer hiesigen Klinik gestorben.— Zenker war von 1921 bis 1928 Chef der Marine- leitung und reicdle nach der Lohmann-Phoebus-Filin- Affäre," für die er sich vor dem Reichstag mitverantwortlich erklärt hatte, sewen Abschied ein. wird„verwarnt"! „längeren Verbot". nach der kaiserlichen Kriegszensur zurücksehnen, die nicht nur angemessene Umgangsformen zu wahren wußte, sondern auch, was die Uebersteigerung des Machtgefühls betrifft, die augenblicklichen Machthaber Prsußen-Deutsch- lands in keiner Weise erreichte. Nach§ 6 Abs. 1 Ziffer 2 der Notverordnung vom 11. Juni 1932 können Zeitungen verboten werden, wenn in ihnen„leitende Beamte des Staates beschimpft oder böswillig verächtlich gemacht werden". Eine solche„böswillige Per- ächtlichmachung" erblickt der Polizeipräsident Melcher schon in dem„Vorwurf einseitiger Partei- r e g i e r u n g", den wir gegen die Reichsregierung erhoben und sachlich begründet haben. Der Polizeipräsident Melcher möchte uns auf den Glaubenssatz verpflichten, daß die gegenwärtige Reichsregierung„überparteilich" ist. Das lehnen wir auf das allerentschieden sie a b. Wir lehnen es ab, der Regierung ihre angebliche„Ueber- Parteilichkeit" zu attestieren in dem Augenblick, in dem sie— um nur ein Beispiel herauszugreifen— die Taten der S A., die der Major von Stephan, aufgedeckt hat, öffent- lich zu bagatellisieren versucht. Will Herr Melcher vielleicht behaupten, die Regierung würde dieselbe gleichmütige Hal- tung einnehmen, wenn es sich um K o m m u n i st e n statt um Nationalsozialisten handelte? Die Kritik, die wir an der Regierung übten, gründete sich auf nachweislich wahre Tatsachen. Die Vor- würfe, die wir gegen sie erhoben haben, mögen ihr peinlich sein— aber die Drohung mit einer gewaltsamen Unter- drückung der Kritik ist das allerfchlechteste Mittel, sie zu ent- kräften. Oollfus-Konfusion. Einspruch des Bundesrates- Gefahr im Nationalrat. Wien, 19. August.(Eigenbericht.) Der Bundesrat, bestehend aus proportional gewählten Ver> tretern der Landtage— und infolgedessen sitzen jetzt auch einige Hakenkreuzler drin—, hat auf Antrag seines Außenausschusses Einspruch gegen die Ratifizierung des Lausanner Abkommens erhoben. Den Ausschußantrag begründete der Sozialdemokrat General a. D. Körner. Der Abfall eines Teils der Heimwehrleute vom Regierung?- block gab Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Christ- lichsozialen und Heimwehrfaschistcn. Auf Provokationen der Haken- kreuzler antworteten die Sozialdemokraten gehörig. Ob im Nationalrat die Einstimmenmehrheit für Lausanne und die Regierung D o l l s u s erhalten bleibt, ist zweifelhast. Der groß- deutsche Abg. Vinzl hat durch seine Krankmeldung die Opposition um eine Stimme verringert, ein großdeutsches Blatt hat diese Krankmeldung als einen Druckerfolg der Regierung(ausgeübt durch Wirtschaftsverbändc, denen Binzl seine Aufstellung zu verdanken hatte) hingestellt. Binzl hat zwar erklärt, auf sein Mandat zu verzichten, aber er hat nachträglich tele» g r a p h i e r t, daß er sein Mandat weiter ausüben werde. Das hat gewaltige Aufregung im Regierungslager hervor- gerufen, und man berät fieberhaft, ob man Binzl wieder zulassen könne. Bon seinem Nachfolger erwartet man nämlich, daß er für Lausanne stimmen werde, obgleich die Klubparole der Großdeutschen auf Ablehnung lautet. Gras Reventlow erklärt im„Reichswart" die von einer Kor- respondenz aufgestellte und von uns wiedergegebene Behauptung, in der NSDAP, fei gegen ihn wegen seines Bekenntnisses zum � Sozialismus ein Verfahren im Gange, für unrichtig. Der Prozeß Dr. weiß gegen„Angriff". Im Beleidigungs- prozcß des früheren Berliner Polizeipräsidenten Dr. Weiß gegen den nationalsozialistischen„Angriff" ist neuer Verhandlungstermin auf den 2. September, 9 Uhr vormittags, anberaumt worden. Lord Kylsanl auf freien Fuß gesetzt. Der englische Wirtschafts- führer Lord K y l s a n t, der frühere Borsitzende des Royal Mail. der im vorigen November wegen Veröffentlichung falscher Börsen- Prospekte zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt worden war, ist inzwischen auf freien Fuß gesetzt worden. Ausbeutung von Krau und Kindern. Warum amtliche Heimarbeiterkontrolle notwendig ist. Arbeit zu bekommen, ist heute ein unendlich großes Glück, fast ein Wunder. Jede Arbeit wird gern angenommen— und fei es die geringste. Dies trifft in besonders starkem Umfange auf die Heimarbeiter zu. Tag und Nacht— auch Sonntags— wird (oft von der ganzen Familie) geschuftet, um einen geringen V'"'. dienst zu erzielen. Arbeitslose Hände gibt es ja in so unendlicher Fülle, sie sind meistens bereit, auch für den niedrigen Lohn zu ar- beiten, obwohl höhere Heimarbeiterlöhne in vielen Gewerbezweigen amtlich festgesetzt sind. Es sind bald zehn Jahre her, daß die Fachausschüsse für Hausarbeit(Heimarbeit) gesetzlich die Befugnis erhalten haben, Heimarbeiterlöhne amtlich festzusetzen. Was ein Fachausschuß für Hausarbeit ist, wissen viele auch noch nicht, denn sie hoben noch wenig oder gar nichts von dem Schutzgesetz für Haus- arbeite?(Heimarbeiter)— dem Hausarbeitsgesetz— gehört. Der Zweck dieses Gesetzes ist vor allem die Beseitigung der niedrigen Löhne in der Heimarbeit. Deshalb ist die wichtigste Aufgabe der auf Grund des genannten Gesetzes zu er- richtenden Fachausschüsse, Mindestlöhne für Heimarbeiter festzusehen und Tariflöhne al» allgemeinverbindlich für Heimarbeiter zu genehmigen. Die Fachausschüsse bestehen aus einem unparteiischen Vorsitzen- den(in Preußen: einem Gewerbeaussichtsbeamten), zwei Beisitzern und Vertretern der Gewerbetreibenden und Hausarbeitern(Heim- arbeitern). Es können für Gewerbetreibende und Heimarbeiter je zur Hälfte Angestellte von Organisationen bestellt werden. In den Jahren 1927/28 begannen endlich die Lohnfestsetzungen der Fach- ausschüss« sich durchzusetzen, die schlechtesten Löhne wurden damals im allgemeinen beseitigt. Bald zeigte es sich, daß die Heimarbeiter die festgesetzten Löhne meist nicht erhalten, wenn die Zahlung der Löhne nicht überwacht wird. Es wurden deshalb— insbesondere in Preußen— die Gewerbeaufsichtsbeamten ausdrücklich beauftragt, die Heimarbeiter zu de- suchen und festzustellen, ob ihnen die vorgeschriebenen Löhne auch gezahlt werden. Verschiedene Gewerbeaussichtsbeamt«(weibliche und männliche) erhielten eine besonder« Ausbildung, um die Art der einzelnen Arbeiten, ihr« Eingruppierung in die Tarifverträge usw. genau beurteilen zu können. So befindet sich beim Polizeipräsidium in Berlin(Magazinstraße) eine besondere Heimarbeiterlohn- k o n t r o l l st e l l e mit zwei besonders vorgebildeten Beamtinnen. Da ihre Kräfte nicht ausreichen, um Taufenden von Heimarbeitern in Berlin und Umgegend Hilfe zu bringen, werden sie von den Beamten bei den Gewerbeaufsichtsämtern in Berlin und in der Provinz Brandenburg unterstützt. Besonders vorgebildete Beamtinnen und Beamte sind auch in Breslau(Regierung), Stettin, Königsberg, Düsseldorf(Regierung), Erfurt, Frankfurt a. M. und Minden, auch ihnen leisten die übrigen Gewerbeaussichtsbeamten Hilfe. Wo eine besonder« Heimarbeiterlohnkontrollstelle nicht vor- handen ist, überwachen die Gewerbeaufsichtsbeamten allgemein die Zahlung der Heimarbeiterlöhne. Auch die Vorsitzenden der Fach- ausschüsse nehmen Lohnkontrollen vor. Oft werden die Beamten bei ihren Besuchen der Heimarbeiter dringend gebeten, keine Anzeige über Unterentlohnungen zu erstatten. Tie fürchterliche Angst, durch eine Anzeige der Beamten die Ar- beit zu verlieren, treibt die Heimarbeiter zu dieser Bitte. Leider wissen die wenigsten Heimarbeiter, daß in Preußen die Be- amten die Namen der Heimarbeiter bei Anzeigen über Unter- entlohnungen nicht angeben. Stets werden von einer Firma mehrere Heimarbeiter besucht. Bei Feststellung von Unterentlohnung wird nur die Nummer oder die Bezeichnung des Ar- t i k e l s benannt. Der Arbeitgeber wird dann aufgefordert, für die benannte Arbeit den zu wenig gezahlten Lohn an alle Heim- arbeiter. die die Arbeit ausgeführt haben, nachzuzahlen: andern- falls wird er durch den Fachausschuß mit einer Geldbuhe belegt, die das Mehrfache des zu wenig gezahlten Lohnes beträgt. Heimarbeiter haben daher bei der Lohnzahlung manchmal Nach- Zahlungen erhalten, ohne daß sie sich beschwert hätten oder daß ein Gewerbeaufsichtsbeamter sie besucht hätte. Besonders zu er- wähnen ist, daß gewerkschaftlich organisierte Heim- arbeiter mutiger sind als Nichtorganisierte. Wie und wo erfährt ein Heimarbeiter, ob für seine Arbeit Löhne durch einen Fachausschuß festgesetzt worden sind und in welcher Höhe? Heimarbeiter sind meist hilflos, ohne den Beistand einer Ge- werkschaft. Rur durch die Gewerkschaften wird man über alle Fragen genauestens aufgeklärt, darum vor allem: Heimarbeiter, hinein in eine freie Gewerkschaft! Unbedingt erforderlich ist auch der gewerkschaftliche Beistand, wenn Heimarbeiter den zu wenig gezahlten Lohn beim Arbeitsgericht einklagen wollen. Dringend notwendig ist, daß die Heimarbeiter den Gewerbeaufsichtsdeamten bei deren Besuchen richtige Aus- k u n f t über die Höhe ihrer Löhne geben, die Lohnbücher vorzeigen oder— wenn der amtliche Besuch lange auf sich warten läßt— beim Polizeipräsidium, bei der Regierung, bei den Gewerbeaussichts- ämtern oder den Fachausschüssen selbst die Höhe der Löhne festzu- stellen, bei Unterentlohnungen auch Beschwerde führen. Der Lohndruck gegen die Heimarbeiter fördert nicht nur Kinder- arbeit, Sonntags- unnd Nachtarbeit, er ist auch ein Unrecht gegen die Gemeinden. In vielen Fällen würde Wohl- fahrtsunter st ützung nicht in Anspruch genommen, wenn der vorgeschriebene Lohn gezahlt würde: die Gemeinden müssen also des öfteren diejenigen Beträge als U n t e r st ü tz u n g zahlen, die lohn- drückende Arbeitgeber für geleistete Arbeit nicht zahlen. Ganz ab- gesehen davon, daß solche Unternehmer durch Schmutzkonkurrenz die Unternehmer, die den vorgeschriebenen Lohn zahlen, die auch ehrliche Steuerzahler sind, ruinieren. „Einheitsfront." „Antifaschistische* Gewerkschastshehe. Zur Propaganda für ihre„antifaschistische Aktion", eine Aktion gegen alle nichtkommunistischen Arbeiterorganisationen, ist der KPD. offenbar jedes Mittel recht. In der„Roten Fahne" von gestern wird in großer Aufmachung auf der Titelseite an die graphische Arbeiterschaft Berlins die Aufforderung gerichtet, ,chas Banner der Antifaschistischen Aktion" zu entfalten, weil angeblich«ine neue Lohnabbauwelle die graphisch« Arbeiterschaft bedrohe. Es heißt da: „Die Berliner Grohdruckerei Büxen st ein droht mit der Stillegung des Betriebes, falls die Belegschaft sich nicht mit einem KOprozentigen Abbau der übertariflichen Löhne einverstanden erklärt. In der Reichsdruckerei ist ein Abbau der übertariflichen Löhn« um 33 Prozent angekündigt worden. In den Betrieben der Zeitungskönige Ullstein, Mass« und Scherl derselbe Vorstoß." In den Zeitungsbetrieben Ullstein, Masse und Scherl ist weder dem Betriebsrat noch den Belegschaften etwas von einem derartigen „Vorstoß" bekannt. Sollten sich die drei Firmen durch die Tataren- Nachricht der„Roten Fahne" veranlaßt sehen, einen Anschlag auf die übertariflichen Löhne zu versuchen, werden sich die graphischen Arbeiter dieser Betriebe schon zu wehren wissen. An den Mel- düngen über die Firma Büxenstein und die Reichsdruckerei ist nur wahr, daß den Betriebsratsvorsitzenden mitgeteilt worden ist, die Firmen müßten mit den Betriebsräten in der nächsten Zeit und«- dingt über eine Herabsetzung der übertariflichen Löhne verhandeln. Bis jetzt sind aber weder Verhandlungen dieser Art geführt, noch von den Firmenleitungen bestimmte Forderungen erhoben worden. Die„Rote Fahne" von heute weiß schon nicht mehr, was sie gestern geschrieben hat. Sie meldet, die Firma Bllxenstein habe einen Sllprozentigen Abbau der übertariflichen Löhne gefordert, und von den Spitzenfunktionären der Ortsverwaltung des Buchdrucker- Verbandes sei beschlossen worden,„den Belegschaften die Annahme des provokatorischen Angebots zu empfehlen". Auch die in dieser Meldung behaupteten Tatsachen sind glatt aus der Luft ge- griffen. Die Tatsache, daß diese Lügenmeldungen nicht der graphischen Arbeiterschaft, sondern nur der Hetze gegen den Buch- druckerverband dienen sollen, geht aus der Aufforderung an die graphische Arbeiterschaft am Schluß des Artikels hervor, die „streikbrecherische Sabotage der Bürokratie" zu brechen. Die Rege- lung der übertariflichen Löhne ist nämlich nicht Sache der„Büro- kratie" des Buchdruckeroerbandes, sondern der einzelnen Beleg- schaften. Diese schmutzige Hetze läuft unter der Rubrik„Ein- heitssront"! Arbeitsdienst bei der Reichsbahn. Ein halber Rückzug. Die Reichsregierung hat bei dem Versuch, den freiwilligen Arbeitsdienst im Reichsbahnbetrieb einzusetzen, den Rück- z u g angetreten. Der FAD. soll nämlich, wie uns von zustän- diger Stelle mitgeteilt wird, nach dem neuesten Plan der Re- gierung nur noch für Arbeiten in Frage kommen, die nicht im Wirtschaftsplan der Reichsbahn enthalten sind. Für den FAD. können beim Reichsbahnbetrieb also nur Ar- beiten in Frage kommen, die bisher schon nie in eigener Regie von der Reichsbahn ausgeführt wurden und die mit dem Betriebs- und Verkehrsdienst nicht in Zusammenhang stehen. So sollen z. B. s bei Verwendung des FAD. im Reichsbahnunternehmen nur Ab- h rucharbeiten von baulichen und technischen Einrichtungen sowie Vorarbeiten zu R e u a n l a g e n, die erst für spätere Zeit in Aussicht genommen sind, in Betracht kommen. Der FAD. darf also für sogenannte zusätzliche Arbeiten, wie ursprünglich von der Reichsregierung beabsichtigt war, nicbt verwendet werden. Aber auch so bleibt die Einbeziehung dieser Arbeiten höchst bedenklich. Denn es handelt sich hier um Arbeiten, die sonst von Arbeitern zu vollem Lohn ausgeführt würden— und wahrscheinlich billiger als durch den freiwilligen Arbeitsdienst. Wie man es auch anstellen mag, sowie der freiwillige Arbeitsdienst eine gewisse Ausdehnung nimmt, führt er nicht zu einer Verminderung, sondern zu einer Vermehrung der Arbeitslosigkeit, zu einer weiteren Schrumpfung der Kaufkraft. Zuchthaus-Engel. Die Terroristen schreien über Terror. Man erinnert sich, daß die NSDAP, mit großem Tamtam seinerzeit eine sogenannte Hib- Aktion(Hinein in die Betrieb«) angekündigt hat, deren Zweck die Eroberung der Betriebe durch die Nationalsozialisten war. Der Leiter dieser Aktion und Spezialist in Betriebsfragen, ein g/wisser Engel, preußischer Landtagsabge- ordneter, muß nun im„Angriff" das völlige Fiasko dieser Aktion eingestehen. Truppweise zogen SA.-Leute vor die Betriebe und verteilten Millionen von Flugblättern, die die Arbeiter ent- weder gar nicht nahmen oder meist ungelesen wieder fortwarfen. Besagter Engel kann sich diese tiefe Abneigung der Arbeiter- schaft gegen alles, was von den Nationalsozialisten kommt, nur er- klären durch den angeblichen Terror, den die„Marxisten" in den Betrieben ausüben. Diese Entdeckung ist sehr alten Datums. Sie ist schon in den 8<)er Iahren von dem Oberscharfmacher und Ober- terroristen Freiherrn von Stumm gemacht und seitdem von allen Scharfmachern und Gelben nacherzählt worden. Die Nazis, als getreue Landsknechte des Unternehmertums, wissen nichts Besse- res zu erzählen, als die alten Lügen aufzuwärmen. Man erinnert sich der Massenklage der Nazis gegen den Betriebsrat der BVG. Die Klage ist schmählich zusommenge- brachen. Es ist noch nirgends geglückt, Sozialdemokraten den Ter- ror nachzuweisen, den die Nazis Andersdenkenden gegenüber aus- üben und darauf noch sehr stolz sind. Daß jeder Naziminister und jeder Nazibürgermeister ohne weiteres alle Beamten, Angestellten und Arbeiter auf die Straße setzt, die ihm irgendwie als marxistisch verdächtig sind, dagegen die berufsmäßigen Terroristen der SA. als Hilfspolizei einstellen, alles das sind ebenso bekannte Dinge wie die nationalsozialistischen Bombenanschläge auf Gewerkschaftshäuser und die Attentate auf sozialdemokratische Redakteure, Reichsbannerleute und Gewerkschaftsfunktionäre. Weil nun aber die Arbeiterschaft den Nazis widersteht, soll der gerichtliche Terror ausführen, was dem Terror der Ratio- nalsozialisten nicht gelungen ist. Der schon erwähnte Engel verlangt also im„Angriff" folgendes: „Mit Zuchthaus soll derjenige, ob Arbeitnehmer oder Ar- beitgeber, bestraft werden, der einen arbeitenden Deutschen wegen seines politischen Glaubens vom Arbeitsplatz verdrängt." Für diesen Engel gibt es nicht eine politische Ueberzeu- g u n g, sondern nur«inen politischen Glauben. Daß er mit Zuchthaus bestrafen will, wer nicht an Hitler glaubt und jemanden von seinem Arbeitsplatz verdrängt, der ein streng gläubiger Nazi ist, kann man als das Maß dessen festhalten, was im sogenannten Dritten Reich der Arbeiterschaft blühen würde. Zur Begründung seiner Zuchthausvorlage führt der Zuchthaus-Engel einige dumme Rsdensarten von Kommunisten an die über die Einstellung oder Entlassung von Arbeitern und Angestellten gar nichts zu bestimmen haben, oder aber die Abwehr von A:beitern gegen den Naziterror. Genau so wie die Hib-Aktion wird auch die Zuchthausaktion des Herrn Engel scheitern. � Maschmenproölem im Vankgewerte. Die Kehrseite des Fortschritts. Die Maschinisierung hat heute auch den Beruf des A n g e- stellten tiefgreifend umgestaltet. An die Stelle des gelernten Buchhalters ist die ungelernte, nur für die Bedienung einer bestimmten Maschine angelernte Hilfskraft getreten, die von den buchungstechnischen Zusammenhängen und der Bedeutung, die dem einzelnen Vorgang darin zukommt, oft keine Ahnung hat. In dem komplizierten und in jedem einzelnen Posten so verantwortunzs- vollen Betrieb wie dem einer Großbank werden heute für solche Buchungsarbeiten die ungelernten Kräfte den gelernten Bank- beamten sogar vorgezogen, da die scharfe, nur auf den mechani- schen Vorgang der Maschinenbuchung eingestellte Au'merksamkeit im allgemeinen von jenen am besten erreicht wird, die, mangels entsprechender Vorbildung, gar nicht in Versuchung kommen können, den der Buchung zugrundeliegenden Geschäftsvorgang zu durch- denken. Ein kleiner Teil der gelernten Buchhaltungskräfte hat bei den Großbanken Verwendung in Kontrollposten oder in solchen Abteilungen gefunden, die von der Maschinisierung noch nicht er- .saßt worden sind. Alte Angestellte wurden vorzeitig pensioniert, jüngere in großen Scharen entlassen. Ein Gespräch, das im Programm der Deutschen Welle über das„Maschinenproblem im Bankgewerbe" zwischen Adolf Mendt und Karl Emonts stattfand, skizzierte diese für die Bank- angestellten so bittere Entwicklung. Die beiden Sprecher. Bank- fachleute und erfahrene Gewerkschafter, betonten jedoch, daß es auch hier unmöglich sei, einen technischen Entwicklungsprozeß rückwärts zu revidieren. Durch den maschinifierten Buchungsbetrieb erst ist auch die Großbank in der Lage, täglich Bilanz zu ziehen und damit die rechnerisch genaue Grundlage für alle Dispositionen zu gewinnen, was besonders in kritischen Zeiten bei diesen großen Finanzinstituten ein entscheidender Sicherheitsfaktor werden kann. Eine entsprechende Umwandlung des Arbeitsprozesses, vor allem verkürzte Arbeitszeit für die an den Maschinen zu be- ständiger äußerster Nervenanspannung gezwungenen Menschen, muß den schwer betroffenen Bankangestellten einigen Ausgleich bringen. Bezirkshammerfchast im Gastwirisgewerbe. Oer Osten macht den Ansang. Nachdem die Belegschaften der Großbetriebe im Gastwirts- g e w e r b e ihre Hammerschaften innerhalb der„Eisernen Front" gegründet haben, regte sich bei den Angestellten der Klein- und Mittelbetriebe ebenfalls der begreifliche Wunsch, organisatorisch erfaßt zu werden. Es handelt sich um freiwillige Mitarbeit und Disziplin— das kam deutlich zum Ausdruck und wurde auch in der lebhaften Diskussion nachdrücklichst betont in der Versammlung für den Bezirk O st e n am Mittwochnachmittag in der„Schlesischen Heimat", in der Bürde vom Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Case-Angestellten das einleitende Referat hielt. Besonders lebhaft wurde es begrüßt, daß auch den weiblichen An- gestellten Gelegenheit gegeben werden soll, sich innerhalb der „Eisernen Front" an der Stelle zu betätigen, wo sie je nach Lag« der Sache ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden können. Nachdem nun der Berliner Osten mit gutem Beispiel vor- angegangen sst, und eine Bezirkshammerschast für die Angestellten des Gastwirtsgewerdes ins Leben gerufen hat, darf erwartet werden, daß bald«in edler Wettstreit einsetzen wird und die anderen Bezirke nicht nur dem gegebenen Beispiel nacheisern, sondern es nach Möglichkeit noch zu übertresfen versuchen werden. Di« nächste Veranstaltung ist für den Bezirk Norden geplant, und die anderen Bezirke werden bald folgen. Dafür wird die Organisation sorgen, derer. Funktionäre natürlich bei allen Vorarbeiten die Leitung in der Hand behalten. Arbeitsangebot eines Hitlerianers. Keinen Lohn, aber stramme Nazigesinnung. Der Gutsherr auf R o ch o w im Kreise Liebenwerda wollte einen neuen Handwerker einstellen und annoncierte deshalb im Kreisblatt:„Ein Gutstischler gesucht". Da offene Stellen heutzutage auch auf dem Lande zu den Seltenheiten gehören, meldeten sich auf dieses Inserat 33 Bewerber, die sich bei dem Gutsbesitzer vorstellten. Nicht wenig erstaunt aber waren sie, als sie von dem Guts- gewaltigen erfuhren, daß Vorbedingung ihrer Einstellung unter anderem ihre Zugehörigkeit zur NSDAP, oder mindesten zum S t a h l h e lm sei, daß er außer Beköstigung keinen Lohnzahlen könne und daß sie sich i h r B e t t v o n zu Hause mitbringen müßten! Unter diesen Umständen nahm natürlich keiner der Bewerber die Stellung an. Man muß sich eigentlich wundern, daß dieser Verehrer Hitlers von den Arbeitern noch nicht die Zahlung einer Prämie für eine eventuelle Einstellung verlangte. Jedenfalls zeigt sein Angebot, was er von einer Herrschaft Hitlers und seiner Partei erwartet: die Möglichkeit, die Arbeiter schamlos und brutal ausbeuten zu können. Das ist die Hoffnung, die alle Unternehmer auf die Nazipartei setzen und das ist auch der Grund, weshalb sie sie unterstützen. Alle Arbeiter sollten daraus endlich die Folgerung ziehen und sich mit Ekel von der Partei ab- wenden, die sich nur Arbeiterpartei nennt, um die Arbeiter besser einfangen zu können. tfffeie Gewerkschafts-Iugend Bertin Plaketten„Znae»d gegen«tieg" sind in der Iugendzentrale erhält- lich.— Volksbühne: An. und Ummeldungen bitten wir schon jetzt vorzunehmen. §Zuaendaruppe des /Zentralverbandes der Anc,este«lten Heute, ob l» Uhr, Sprechchorprobe in der Turnhalle Llltticher Str. 4 (Weddiug) zur Anti-Nriegsveranstaltung. Alle Mitglieder der Nord. bezirke müssen sich hieran beteiligen.— Spiele im Freien: Ab 1« Uhr aus dem Sportplatz Humboldthain. Der..Vorwärts" erscheint wochenläglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. die Abendausgab« für Berlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend", Illustrierte Sonntagsbeilage.Volk und Zeit". Anzetg-npretse: Die einspal t. Millimeterzeile so Pf„ Reilamezetle M, „Kleine Anzeigen" das fetlgedru-tte Wort 10 Bf.«zulässig zwei sertgedruckte Wone) jedes weiter- Wort>0 Pf. Rabatt laut Tarif. Worte über 16 Buchstaben zählen fiit zwei Worte. Arbcitsmarit Millimeterzeile 26 Pf. Familienanzeigen Millimeterzeile 16 Bsi Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße S, wochentäglich von 0>/, bis 17 Uhr. Der Berlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht ge- nehmer Anzeiaen vori Verantwortlich tllr Politik: Vietor Sch'ff: Wirtlchoit 8. itliagelhöfer! Dewerkschaftsdewegung: I. Steiner; Feuilleton: Herbert Lcp.'re: Lokale» und Sonstiges: Fritz itarstädt; Anzeigen: Otto Hengst; sämtlich in Berlin Verlag: Vorwärts. Verlag®. m. d. H. Berlin. Druck: Vorwärts. Buchdrucker«« und Berlagsanstalt Paul Singer u. So.. Berlin 633. 68, Lindenstrasi, L Hierzu 2 Beilage». 5?r.301» 49.?ahraonq ± Beilage des Vorwärts Sonnabend 20. August 1932 Skandal am Molkenmarkt T olleZustände in der ehemaligen Stadtvogtei" Zellen als„Wohnungen" Es gibt in Berlin eine ganze Reihe Metkasernen, die— nunmehr bald 100 Zahre alt— ihren Einwohnern feine menschen- würdige wohnstalt mehr bieten. Aber alles Elend und alle Trübsal in diesen Häusern ist ein Sinderspiel gegenüber dem b e i s p i e l- losen lv o h n s k a n d a l in dem ehemaligen Berliner Stadtvogteigesängnis. wie hier Familie an Familie in den noch nicht einmal 9 Quadratmeter grohen Zellen haust, vom llugezieser geplagt, wie diese bedauernswerten Menschen dann noch sür eine derartige Zelle 21,50 Mark sbis Juli sogar 26,50 Mark) Monatsmiete bezahlen müssen, das ist das tollste, was in Berlin wohl je an Mielwucher vorgekommen ist. Dabei ist der bauliche Zu- stand dieses ehemaligen Gesängnisses ein einziger Skandal! Lieber im Asyl? Das Grundstück Molkenmarkt 1 gehört zu dem Komplei; der früheren Stadtvogtei. Es war schon vor mehr denn dreißig Jahren nicht einmal mehr zu gebrauchen für den Strafvollzug der preußischen Reaktionszeit. Ursprünglich inhaftierte der Berliner Ma- gistrat die sür ihn zuständigen Rechisbrecher im Kalandshof, der einst den Kalandsbrüdern gehörte. 1791 wurde dann am Molkenmarkt ein der Städtischen Kämmerei gehörendes Gebäude als Stadtvogtei- gefängnis eingerichtet. 1844 fiel dies Gebäude an den preußischen Fiskus. Bis 1866 diente es als gemeinsames Männer- und Frauen- gefängnis; nach der Eröffnung des Frauengefängnisses in der Barnimstraße beherbergte es nur noch Männer. Erst 1901 schloß die Stadtvogtei ihre Pforten, und im Jahre 1906 taucht der Herr Emil Schippanowski auf, dem der preußische Fiskus das Haus in Erbpacht gab. Die Erben dieses Herrn Schippanowski verwalten jetzt das Haus weiter. Insgesamt sind in dem ehemaligen Gefängnis 110„Wohnungen" errichtet worden, von denen etwa 56 Proz. bereits vor dem 1. Januar 1918 bezogen waren, also noch unter das i Meterschutzgesetz fallen. Ein Gang durch die ehemalig« Stadtvogtei wirkt gespenstisch. Noch innner reiht sich Zelle an Zelle mit dem Lichtschacht und der Futterluke. Noch immer sind die eisernen Quer- bänder vor den Zellentüren, ja nicht einmal die Zellennummern hat man abgemacht, so daß noch fortlaufend zu lesen steht: Zelle Nr. 12, ... Mann. In dieser Zelle Nr. 12 hat ein st Fritz Reuter gesessen, und heute wohnt dort in den allerärmlichsten Verhältnissen eine junge Familie. Die Zelle ist knapp zwei Meter breit und 4H Meter long. Dafür müssen 21,50 Mark monatliche Miete bezahlt werden! Bis zum Juli 1932 kostete diese Zelle sogar 26,50 Mark Miete. Aus dem Gang steht in einer Krippe ein nacktes, vielleicht einige Monate altes Kind. Die Frau kann das Kind nicht in die„Wohnung" nehmen, da es dort von Wanzen aufgefressen würde. Der Wohlfahrtsarzt hat schon verschiedentlich Atteste aus- gestellt, daß die Kinder von Wanzenbissen übersät waren. In allen Zellen hängt die Wäsche, da es weder Böden noch Keller gibt. Teil- weise sind auch die alten Beamtenwohnungen neu hergerichtet wor- den. Die Wände sind dermaßen dünn, daß sie beim Anfassen in jeder beliebigen Richtung wackeln. Die Türsüllungen sind aus alten Kistenbrettern zusammengenagelt. Die unglückseligen Bewohner haben sich alte Decken vor die Türen gehängt, damit durch die Ritzen nicht jeder in die Wohnlöcher sehen kann. Mal ist eine Eisentür eingesetzt, mal eine Holztür, gerade wi« man es auf einem Abriß gefunden hat. keine der Zellen hat eine Kochmaschine. Trotz der wahnsinnigen Miete Hot jede Familie sich einen eisernen Kochherd oder meist di« billigen Laubenherde selber stellen müssen. Wo aber noch nicht einmal Abzugsrohre sind, müssen sich die Menschen mit einem Spirituskocher begnügen. Diejenigen, die am Ende des Zellen- ganges eine„Toilette" haben, sind beinahe glücklich zu preisen. Denn in dem einen Teil dieses ehemaligen Gefängnisses, in dem bereits seit 5 Monaten Menschen wohnen, ist bis heute weder Klosett noch Wasserleitung! Aber in einer düsteren Ecke liegt ein alter Schutt- Haufen, hier verrichten die Menschen ihre Notdurst. Für diese Zu- stände stimmt einmal das Wort„unbeschreiblich", wer das nicht ge- sehen Hot. der glaubt es einfach nicht, daß Menschen hier überhaupt wohnen können. So gehen aus ein Klosett 14 Familien. Beispielloser Mietwucher. Aber die 21,50 Mark Miete für die Zellen sind beinahe noch billig gegenüber den Mietpreisen für die hergerichteten und geteilten Beamtenwohnungen. Für einen einzigen Raum ohne Licht, ohne Kloselt, ohne Wasserleitung werden bis zu 32 Mark verlangt und de- zahlt! Dabei haben diese Wohnlöcher noch nicht einmal einen Koch- Herd. Ein Zellengang hat auch immer nur eine Wasserleitung, mit- unter ist der Ausguß so hoch, daß kleinere schwache Frauen gar nicht einen Eimer ausgießen können. Die alten Zellengänge haben auch keine Nachtbeleuchtung, wer nicht ortskundig ist, kann sich in der Dunkelheit in den Dielenlächern alle Knochen brechen. Wenn jemand an die Tür klopst, rieselt der Putz von den Wänden. Da anscheinend seit Fritz Reuters Zeiten die hohen Wände an den turmartigen Aufgängen nicht mehr gewaschen wurden, klebt der Dreck eines Jahr- Hunderts fingerdick an der Wand. Die Luftlöcher in den Zellen haben die Menschen mit alten Strümpfen oder Papier verstopft. Die Lichtklappen oben auf dem Dach sind so undicht, daß der Regen ins Haus fällt Nattirlich haben die Zellen keine Dielen, sondern nur Zementfußböden, und nirgends ist im Hause eine Scheuer- leiste. Faßt man das Treppengeländer an, hat man es plötzlich in der Hand, so wacklig ist es. Eine alle Frau beteuert:„Wenn das mein Mann wüßte, wie ich hier Hause, so hat unser Kohlenkeller nicht ausgesehen! 17 Jahre hatte ich hier nun schon aus!"' Aus den düsteren Zellengängen ist an einer Stelle nicht einmal mehr die Fußbodenschuttung. vieltach sind die Fensterkreuze durchfault. Bei einem etwa ausbrechenden Feuer ist der größte Teil der Mieter rettungslos verloren. Und da wagt man es noch, drei Räume, von denen zwei keine Fenster haben, als I�-Zimmer-Wohnung für monatlich 35 Mark zu vermieten! Das Wohnungsamt hat es des- halb auch abgelehnt, die„Wohnunzen" noch weiter in seiner Karto- thek zu führen, Wohnungsuchende werden von den Behörden nicht mehr nach der ehemaligen Stadtvogtei oermittell. Ausblick nach dem Totenhof. Di« 110 Familien, die zum Teil nur einen Ausblick nach dem grausigen Tolenhof haben, wo früher die Hinrichtungen vollzogen wurden, haben sich jetzt einen Mieterausschuß gewählt, der nicht eher zu ruhen gewillt ist, bis dieser unglaubliche Skandal am Molken- markt beseitigt ist. So wird zuerst eine 50prozentige Herabsetzung der Wuchermieten gefordert. Dann Lösung des Erbpachtvertrages mit den Schippanowfki-Erben und llebernahme der Grundstückverwaltung wieder durch den preußischen Staat. Dazu kommen dann eine Reihe anderer Forderungen, wie Wasserleitung, Klosetts, Wasch- küchen, Einlegen von Dielen usw. Der rührige Mieterausschuß ist auch bereits bei den verschiedenen Fraktionen des Preußischen Land- tags vorstellig aeworden. So wird dieser Skandal auch demnächst im Preußenparlament zur Sprache kommen. Wieder großer Oachstuhlbrand. Die Feuerwehr wurde in den gestrigen Rachmittagsstunden nach der Tegeler Straße 4 gerufen, wo im Dachstuhl des Quer- gebäudes gegen 17 Uhr Feuer ausgebrochen war. Als drei Löfchzüge in kurzen Abständen an der Brandstelle eintrafen, stand der D a ch st u h l in feiner ganzen Ausdehnung be- reits in hellen Flammen. Eine ungewöhnlich starke Qualm- entwicklung erschwerte die Löschaktion. Der Rettungswagen mußte nachalarmiert werden, um die Löschtrupps mit Rouchschutzgeröten versehen zu können. Fünf Schlauchleitungen wurden in Betrieb genommen. Es dauerte nahezu zwei Stunden, ehe es gelang, das Feuer einzukreisen. Der Dachstuhl brannte trotz aller Bemühungen der Feuerwehr herunter. Der Feuerschaden und der Wasserschaden in den oberen Stockwerken ist erheblich. * Wie auch an den Vortagen hatte die Berliner Feuerwehr im Laufe des gestrigen Tages eins Reihe von Kohlenbränden auf Lagerplätzen und in Kellern zu bekämpfen. In allen Fällen konnte größerer Schaden durch das umsichtige und tatkräftige Eingreifen der Löschzüge verhütet werden. Transozeanflug geglückt. In Ost-West-?iichtung. Halifax, 19. August. Der Transozeanflieger Mollifon, der zuletzt gestern abend von dem kanadischen Zrachidampfer„Beaverbrae" gesichtet worden war, hat heute Halifax mit Kurs auf Rem Aork überflogen. Mollifon ist damit der erste Flieger, dem es gelungen ist, den Ozean in ostwestlicher Richtung ohne Begleiter zu überfliegen. Nach einer weiteren Meldung ist Mollifon in Pennfieldbridge bei St. John in Neu-Braunfchweig gelandet. Er hat die rund 4023 Kilometer lange Strecke D u b l i n— H a l i f a x in 24 Stunden 10 Minuten zurückgelegt. Sein Flug ist insofern bemerkenswert, als er die erste lleberfliegung des Allanlifchen Ozeans durch einen leichten Eindecker darstellt. Mollison, der sofort nach der Landung in Pennfieldbridge seine Frau, die Fliegerin Amy Johnson, von dem Gelingen des Ozeanfluges benachrichtigte, wird zunächst eine kurze Rast in St. John halten, um sich von den Strapazen des Fluges auszuruhen und dann nach New Jork weiterzufliegen. Finger Berlins auf dem Funkturm KABEL- ANTENNE .46SCHIPMUNG- ZucUMBUN©. KACTEk &8EU Der Finger Berlins, die Kabelantenne des neuen Ultra- Kurzwellensenders auf der Spitze des Funkturms. Die Ultrawelle dient nicht wie die Kurzwelle nur für sehr große Entfernungen, sondern im- Gegenteil, vorläufig nur für sehr kleine Entfernungen als Träger für Sprach« und Musik. Ihre Reichweit« ist nicht viel größer als die der Lichtstrahlen, d. h. man wird nicht viel weiter senden können als man sehen kann. Des» halb hat man sich für den ersten starken(15 Kilowatt) Ultra- Kurzwellensender den 138 Meter hohen Berliner Funkturm ausgesucht, auf dem sich seit wenigen Wochen, wie ein Wahrzeichen der diesjährigen Funkaussteliung, die nur zwei Meter hohe Stabantenne erhebt. Denn vom Funkturm aus kann man mit den Ultra-Kurzwellen nicht anders als mit dem Auge, das Stadtbild Berlins und feiner Umgebung viel weiter„übersehen" als von jedem anderen Punkt der Stadt. Uebersehen im wahren Sinne des Wortes: denn der neu« Ultra-Kurzwellensender wird in erster Linie vorläufig Fernsehzwecken dienen. Alles ist noch im Anfang der Entwicklung, und man weiß nicht, ob es nicht viel- leicht sogar gelingt, mit der 7-Meter-Welle des neuesten Berliner Senders noch weit über das Berliner Stadtgebiet, ja über den „optischen Horizont", hinaus, Bezirksempfang zu ermöglichen. Den Besuchern der Funkausstellung aber wird diesmal eine ganz be- sondere Sensation geboten; von Zeit zu Zeit nämlich soll, anstatt über die 2-Meter-Antenne des Funkturms, über eine Spule, die in einer Kugel endet, gesendet werden vor den Augen der Besucher, die das Wunder erleben, wie das strahlende L i ch t b ü s ch e l, das sichtbar aus der Kugel tritt, hörbar die Modulation des Senders wiedergibt. Man sieht die Musik aus dem Aether entstehen und kann dieses Wunder gleichzeitig mit seinen Augen und seinen Ohren wahrnehmen. * Für die Funkausstellung, die bis 28. August in den sechs Funk- turmhallen stattfindet, ist der Eintrittspreis um 33Zb Proz. auf 1.— M. ermäßigt worden. Jede gelöste Eintrittskarte berech- tigt zur Teilnahme an einer großen Geschenkoerteilung, bei der u. a, wertvolle Radioapparate, Superhets und Schronkapparat« verlost werden. Die Ausstellung ist täglich in der Zeit von 3 Uhr 30 bis 20 Uhr geöffnet. Die Berliner Funkstunde sendet nachmittags und abends ihr Programm aus dem Funkturmgarten. Jeder Aus- stellungsbesucher hat die Möglichkeit, den Sendedarbietungen beizu- wohnen. Bei ungünstiger Witterung erfolgt die Sendung aus der Halle II, die 10 000 Besuchern Platz bietet. Halb aus dem Wasser. Der„Niobe"-Tragödie letzter Teil. Siel, 19. August. Zm weiteren verlaus der Bergungsarbeiten bei dem„Riobe"- Wrack wurden die hebeschisse wieder leergepumpk. Dadurch wurde die„31!obe" weiter aus dem Wasser gehoben. Größere Teile des Vorder, und Mittelschisses tauchen aus. An der vorder- feite sieht man drei Bullaugen, von denen die beiden vorderen ver- nagelt sind. Ans dem zweiten Bullauge ragt noch der Schlauch her- aus. mit dem das Vorschiff leergepumpt worden ist. An der Steuer- bordseite hängt der Anker an der Klüse, der Backbordanker hängt an der Reling. Ans Deck herrscht stärkste Unordnung. Das Vor- schiff liegt bis hinter die Ankerwinde frei. Das Hinterschiff liegt noch immer unter Wasser. Die Riedergänge sind dicht gemacht. Man sieht die Spuren der an Deck zur Beseitigung der Hindernisse und Takelage erfolgten Sprengungen. Als die „Riobe" angehoben war, zog der Schlepper„Simson" das ganze Schleppsystem mit dem Heck näher an das Land heran. Dadurch hat sich die„Riobe" vollkommen gedreht. Während sie bisher den Sleuerbordbug dem Lande zukehrte, sieht man jetzt von Backbord- seile aus das Deck. Lastauio mit Kindern verunglückt. Vier Verletzte.— Zwei Tote des Motorradverkehrs. Aus der Landsberger Chanssee ereignete sich gestern nachmittag ein folgenschwerer Autounsall. bei dem vier Schüler Verletzungen erlitten. Aus einem Lastauto befanden sich zahlreiche Kinder, die einen Ausflug gemacht hatten. Auf der Heimfahrt nach Berlin, unweit des Wrie.zener Bahnüberganges, versagte nach Aussage des Ehauf- feurs plötzlich die Steuerung und das Auto prallte gegen einen Baum. Bier Kinder wurden verletzt. Die Verunglückten, der 16 Jahre alte Erich M e f i ck e aus der Kochhannftraßs 27, der 13jährige Herbert Kühl aus der Kochhannstraße 18, der 15 Jahre alte Heinrich Maschke aus der Kochhannstraße 11 und der elf Jahre alte Hans Joachim K r y k a n t aus der Kochhannstraße 12, wurden durch einen Automobilisten zur nächsten Rettungsstelle ge> bracht, wo ihnen erste Hilfe zuteil wurde. Die Verletzungen stellten sich durchweg als nicht gefährlich heraus. In Alt-Biesdorf stteß der 20 Jahre alte Günther G e r l o f f, Sohn des Bürgermeisters aus Landsberg an der Warthe, mit feinem Motorrad mit einem Lastauto zusammen. Das Rad wurde völlig zertrümmert. Der junge Mann wurde mit schweren Ver- letzungen bewußtlos ins St. Antonius-Krankenhaus nach Karlshorst übergeführt, wo er einige Stunden nach seiner Einlieferung starb. — Ein zweiter tödlicher Motorradunfall ereignete sich aus der Tel- tower Chaussee. Dort fuhr der 22 Jahre alte Johannes R a d t k e aus der Marienselder Straße 23 in Lichterfelde gegen einen Baum. R. stürzte so unglücklich, daß der Tod aus der Stelle eintrat. Emopa-�undflugstart in Tempelhof. Nachdem am Freitag die technischen Prüfungen sür den Europa- Rundslug in Staaken abgeschlossen wurden, werden die noch in Wettbewerb befindlichen 41 Teilnehmer am Sonnabend nachmittag von 5 Ahr an ihre Maschinen von Staaken nach dem Zentralslughasen T e m p e l h o s überführen. Am Sonnlog früh 7 Ahr erfolgt dann der Start zum Streckenslug quer durch Europa._ Lleberfall auf Zeitungshändler. An der Ecke Müller- und Schulzendorfer Straße wurde gestern abend ein Alarm-Zeitungshändler von SA.- Leuten überfallen und mißhandelt. Die Nazibanditen ent- rissen dem Händler die Zeitungen und warfen sie aus der Straße umher. Durch das rechtzeitige Eingreisen des Ueberfallkommandos gelang es, noch vier der Strolche festzunehmen. * In der Breite st raße in Spandau wurde gestern an der Straßenbahnhaltestelle ein Polizeihauptmann in Zivil von einem Hakenkreuzler angepöbelt. Als sich der Beamte die Be- lästigung verbot, wurde der Nazi tätlich. Mit den Worten:„Sie sind auch so einer, ich werde schon sür ihre Absetzung sorgen", schlug der Bursche aus den Schupohauptmann ein. Der Täter kam jedoch a» den Unrechten. Der Polizeibeamte überwältigte in dem sich ent- spinnenden Handgemenge seinen Angreifer, und später wurde der Nationalsozialist der Politischen Polizei übergeben. Ein Ausweg aus der Not. produktive Darlehen statt unproduktiver Unterstützungen. Mlliardensummen sind jährlich an unproduttiver Unterstützung herausgegangen, ohne daß man den Versuch gemotht hat, mit diesen Summen wirtschaftliche Werte zu schassen und damit die Arbeits- losigkeit zu mildern. Um so größeres Aufsehen dijrfte deshalb eine Veröffentlichung erregen, die die Zeitschrift der freiqn Gewerkschaften „Bauen, Siedeln, Wohnen" in ihrer neuesten Nummer unter dem Titel: Umwandlung der unproduktiven Wohlfahrtsunter st ügungen in produktive Bau- darlehen vorgenommen hat. In einer sorgsam errechneten Ta- belle wird festgestellt, welchen Betrag eine Stadt bei einer 27wöchigen Beschäftigung von Wohlfahrtserwerbslosen bei Herstellung von Bauten dem Bauherrn je geleistetes Wohlsahrtserraerbslosentage- werk geben kann, ohne daß ihr eine Mehrausgabe gegenüber der Unterstützungsleistung bei Nichtarbeit entsteht. Der aus der Praxis stammende Vorschlag beruht auf folgender Ueberlegung: Würde ein Wohlfahrtserwerbsloser Arbeit finden und wenigstens wahren� 26 Wochen innerhalb eines Jahres von seinem ersten Arbeitstag an beschäftigt sein, so würde er für weitere 26 Wochen in die Arbeitslosenfürsorge(Alu) und für weitere 38 Wochen in die Krisenfürsorge(Kru) gelangen und während der 26 Wochen in der Alu die städtischen Finanzen über» Haupt nicht und während der 38 Wochen in der Kru nur mit einem Fünftel der Kru-Unterstützung belasten. Findet der Wohlfahrtserwerbslose dagegen keine Arbeit, so fällt er in der Gesamtzeit 26-st 26-s- 38— 84 Wochen) dem städtischen Wohlfahrtsamt zur Last. Da wohlfahrtserwerbslos gewordene Ar- beiter von sich aus kaum wieder Arbeit finden, kann damit gerech- nct werden, daß sie die Gesamtzeit wohifahrtserwerbslos bleiben, es sei denn, daß die öffentliche Hand Bauten finan- ziert oder sie wenigstens finanziell fördert und dabei Wohlsahrts- erwerbslose beschäftigt oder beschäftigen läßt. Man kann also den Wohlfahrtsunterstützungsbetrag für die genannten 84 Wochen dazu benutzen, um während 26 Wochen Arbeit zu ermöglichen. Die Tabelle weist nach, daß man dieselben Aufwendungen macht, gleich- gültig ob man für 8ö Wachen Wohlsahrtsunterstützung von IS M. in der Woche gibt oder einen städtischen Zuschuß von 7,26 M. in 27 Wochen bezahlt. Für den Kommunalpolitiker, der bei spärlichsten Ge- meindefinanzen mit der Sorge um die Bereitstellung der Wohl- sahrtsunterftützungsgelder belastet ist, sind die Berechnungen der genannten Zeitschrift von größtem Interesse. Zusammenbruch einer Aazilüge. „Waffen von Kommunisten abgenommen." Es gibt auch gewissenhafte SA.-Leute, die dar Parole nicht Folge leisten, in jedem Falle eines Waffenfundes zu behaupten, die Mordwerkzeuge feien politischen Gegnern abgenommen worden. Zwei SA.-Leute Koch und Fengler wurden eines Abends auf der Straße von der Polizei angehalten und nach Waffen durchsucht. Man fand bei Koch einen Trommel- revolver und ein feststehendes Messer. Auf dem Polizei- revier erklärte er, die Waffe bei einer Keilerei einem Kommunisten abgenommen zu haben. Fengler bestätigte das. Vor dem Schnell- Ichöffengericht widerriefKoch ganz unerwartet seine polizeiliche Aussage, er behauptete nun. die Waffe von Fengler erhalten zu haben. Dieser jedoch blieb bei seiner ursprünglichen Aussage. Der Vorsitzende hielt dem Angeklagten Koch seine widersprechenden Dar- stellungen vor; er, der Richter, wisse nicht, was Koch veranlasse, jetzt Fengler zu belasten, jedenfalls wäre es eine Schusterei, ihn fälschlicherweise zu beschuldigen. Als dann der SA.-Mann Kern aussagte, Koch habe ihm selbst gesagt, er habe die Waffen einem Kommunisten abgenommen und Koch sich weigerte, aus diese Aus- sage etwas zu erwidern, da brannte die Empörung des Richters über ein derartiges Verhalten lichterloh. Nun geschah aber etwas ganz Unerwartetes. Ein Mann im Zuhörerraum machte Zeichen. Der Staatsanwalt teilte das dem Richter mit, dieser rief dem Mann zu:„Was soll das bedeuten!", worauf der Mann: „Die beiden Herren lügen, ich verlasse den Saal." Er mußte aber da bleiben, vor den Richtertisch treten und sich ausweisen. Es war der Kellner P. Er sagte:„Fengler hat mir selbst erzählt, daß er Koch den Revolver gegeben hat. Anfangs sollte ihn der Zeuge Kern bekommen, da aber seine Hosentasche zerrissen war, nahm ihn Koch an sich." Nun mußte Fengler gestehen, daß tatsächlich er den Revolver Koch gegeben habe, wie er nun be- Wanderung in die Vor Rund um den Sakrower See Die Verkehrsmittel gestatten es, auch zum gewöhnlichen Tarif die weitere Umgebung Berlins zu erreichen. Eine der schönsten Landschaften außerhalb der Grenzen Berlins ist das Gebiet um S a k r o w. Wir benutzen die Straßenbahn nach Spandau(Linien 58, 75, 54, 154) und steigen hier auf die Auwbuslinie A 34 um. Allerdings muß man sich vorher genau darüber unterrichten, ob die Fahrzeit nach Spandau nicht so lang ist, daß sie die Umsteige- berechtigung überschreitet. Die Autobusse A 34 verkehren in halbstündigen Abständen. Von Spandau aus fahren wir dann am rechten Havelufer über Gaww nach Kladow. An der alten, idyllisch gelegenen Kirche beginnt unsere Wanderung. Wir verlassen Kladow in genau westlicher Richtung durch den Krampnitzer Weg. Nach etwa zwei Kilometer swßen links an die Chaussee die Anlagen der Zünderwerke. Wir wandern nun zwischen dem im Norden liegen- den Glienicker See und dem südlich davon liegenden Sakrower See, deren Ufer hier nur dreiviertel Kilometer von- einander entfernt sind. Nach einem weiteren Kilometer haben wir eine Waldschneise erreicht, die in südwestlicher Richtung nach weiteren drei Kilometern zur Römerschanze führt, einem reizvoll am L e h n i tz s e e gelegenen altgermanischen Burgwall. Um die Be- deutung des Namens„Römerschanze" ist viel gestrilten worden. Die alten Römer haben diese Anlage sicher nicht geschaffen. Viel- leicht handelt es sich um eine volkstümliche Umgestaltung d« Bezeichnung„Räuberschanze". Nach den Forschungen Professor Schuchards muß der Wall Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung an dieser strategisch günstigen Stelle angelegt worden sein. An den Eingängen finden wir Tafeln, die das Betreten der Böschungen des Walles im Interesse seiner Erhaltung untersagen. Das Innere des etwa 56 Meter breiten Ringes, der einst Zufluchts- ort bedrohter Menschen war, ist von Gras, Sträuchern und Bäumen erfüllt. Die Legende weiß zu berichten, daß der Wall von den Wenden erobert wurde, die dann von hier aus in die Schlacht bei Groß-Glienicke gezogen seien, die für sie unglücklich ausging. Südlich von der Römerschanze kann man sich nach Nedlitz übersetzen lasten und von hier nach Potsdam wandern. Ein anderer Weg führt in östlicher Richtung nach etwa zwei Kilometer durch schönen Wald zur F ö r st e r e i Zedlitz. Von hier gehen wir in südlicher Richtung oder auch zum Sakrower See und an diesem entlang nach S a k r o w. Durch den Schloßpark kommen wir zur Heilandskirche am Port, die in der Geschichte der Funktechnik eine bedeutsame Rolle gespielt hat. Hier machren P r o- f e sso r Slaby und Graf A r c o ihre ersten großen Versuche zur Erprobung der von ihnen gebauten Funkanlage. Eine G e- denktafel am Turm der Kirche, die die Antenne trug, erinnert an diese Arbeiten. Wenn man zunächst an den Ufern der Havel in der Richtung auf Kladow weiterwandert, kommt man in das landschaftlich reiz- volle Gebiet der Fuchsberge. Wenn man inmitten dieser Wald- Hügel steht, glaubt man nach Thüringen versetzt zu sein. Wir ver- lassen die Berge in der Richtung nach der Havel und wandern nach Kladow zurück, von wo wir die Heimfahrt antreten. Man kann sich aber auch in Sakrow mit der Motorföhre übersetzen lassen, am anderen Haveluser über Moorlate an der Pfaueninsel vorüber nach W a n n s e e wandern und von hier die Heimreise antreten. Auch von Kladow aus kann man sich nach Wannsee über- setzen lasten. Weglängen: Kladow— Römerschanze 6 Kilometer, Römer« schanze— Sakrow 4 Kilometer, Sakrow— Kladow 5— 6 Kilometer. Zusammen 15— 16 Kilometer. Sakrow— Wannsee 6 Kilometer, Nedlitz— Potsdam-Hauptbahnhos 6 Kilometer. hauptete, auf dessen Ersuchen. Die„Knarre" wollte Fengler" sich von einem anderen SA.- Mann besorgt haben. Die Verhandlung konnte nicht zu Ende geführt werden. Es fehlten Zeugen. Von Interesse ist allein die Tatsache, daß hier eine frivole Lüge, die von den Führern und den Geführten, wenn nicht„Verführten", vor Gericht immer wieder aufgetischt wird, endlich einmal durch die angeklagten Nationalsozialisten selbst in ihrer ganzen Schamlosigkeit enchüllt wurde. Zerrissene Oollarscheine. Warum Lina Prügel bekam. Lina wollte gut leben und schnell zu Geld kommen und auch ihr Freund sollte es gut haben. Der erste Diebstahl geschah in der Schönhauser Straße, wo Lina einer Arbeitskollegin— einem Haus- Mädchen— 366 Mark stahl. Sie gab davon den größten Teil ihrem Freund Paul und nahm erst wieder eine Stellung an, nach- dem das Geld ausgegeben war. Aber auch hier begann sie schon wieder, krumme Finger zu machen. Bei einem Umzug stahl sie vier Brillantringe und ein« Brieftasche, in der sich 266 Dollar befanden. Die Ringe wurden versetzt, das Geld verjubelt und Freund Paul erhielt von seiner Lina die Brieftasche zum Geschenk, nicht aber die 266 Dollar. Die behielt Lina für sich. Dann mußte Lina die Entdeckung machen, daß Paul ihr untreu wurde. Sie stellte den Ungetreuen zur Rede und erinnerte ihn an die Einbruchdiebstähle, die sie sozusagen für ihn begangen hatte. Paul war sehr ergrimmt. Seine Wut steigerte sich aber ins uferlose, als Lina ihm sagte:„Ich Hab' dir doch mal'ne Brieftasche geschenkt! Was da drin war, daß hast du aber nicht bekommen. Nämlich 266 Dollar." Paul sah, wie das Mädchen chm das Geld unter die Nase hielt. Er wollte es ihr wegnehmen. Da lief Lina fort, zerriß die Scheine und spülte sie im Waschraum mit Wasser fort. Lina bekam eine Tracht Prügel und das alte herzliche Verhältnis kam wieder zustande. Bei den Nachforschungen der Polizei kam man den beiden aber auf die Spur und nahm sie fest. Sie hatten alles, bis auf eine Uhr, die sie neben anderen Stücken in der Jnvalidenstraße gestohlen hatten, versetzt. Erste Sitzung des Berliner Gondergerichts. Ein Kommunist und ein Nationalsozialist als Angeklagte. Am 2 4. August wird das Sondergericht Berlin seine erste Sitzung abhalten. Zur Aburteilung steht der Zusammenstoß, der am 13. August in der Proskauer Straße zwischen K o m m u- n i st e n und N a t i o n a l s o'z i a l i st e n stattfand. Angeklagt»st der Kommunist S ch m i t t k e des schweren Landfriedensbruchs und der Begehung einer Gewalltätigkeit mit einer Schußwaffe, sowie der Nationalsozialist B i ck e l wegen unerlaubten Führens, einer Schuh- waffe. Ter Kleingartenverein Grüne Allee E. V. in Lichtenberg, An der verlängerten Thaersirafe, veranstaltet vom 21. bis 23. August eine Blumenschau bei freiem Eintritt. Fabrverbindung: Ringbahnhos Landsberger Allee, Straßenbahn Nr. 64 und 176 bis Sleuerhaus, Landsberger Allee. Das treten der des W#cs ist. yeriiote«. Hitfcörger scfciitzt den Wall vor voller ZerstoroSsJ. kiM iim zu eHialfen! P>t&. StetMerfäskr. Gerharf Hertmann Mostar: Jknj�B Wir sehen uns lange an, wortlos. Natürlich geht's mir durch den Kopf, der Weg ihrer Familie mußte ja hier vorbei- geführt haben.„Nanu, man kennt sich?" fragt der Ingenieur, verdutzt lärmend... Ich gebe ihr die Hand, sie will sie nehmen, zieht ihre Hand auf halbem Wege zurück, legt sie vor die Augen, wendet sich um, weint... „Na aber, na aber, Anjitschka, Anjalein...!" stottert hilflos der Ingenieur, faßt uin ihre Schulter, sie nimmt mit der freien Hand seinen Arm, legt ihn weg, wirklich, so sieht das aus, wie ein Weglegen. Ich stehe auf, um zu gehen, in das nette, saubere Zimmer über der Kantine, das fortab mir gehören soll. Aber ich weiß, ich werde keine Freude mehr daran haben. Wie ich in der Tür stehe, sagt Anja zum Ingenieur:„Ich möchte... ich kann heute nicht bleiben... das Kind... müde.. Auch sie tritt in die Tür Der Ingenieur nimmt einen schnellen, tiefen Schluck, grinst.„Na, da gehen Sie man mit", sagt er zu mir,„trösten Sie ein bißchen die Gospodjitza! Können mir ja morgen berichten, oder nachher noch, bleibe auf, bin riesig neugierig!" Es überwältigt mich, die Nichtswürdigkeit, feine, meine, Anjas Nichtswürdigkeit, alle Nichtswürdigkeit. Ich trete auf ihn zu, will ihm eine herunterhauen, ihn vor den Lauch treten, ich weiß auch nicht was ich will, aber ich tue es nicht, der Winter draußen, der Winter...! Ich verbeuge mich kurz grüßend, und schäme, schäme mich so... Mensch, was bist du für ein klägliches Gewächs aus Not und Niedertracht» du Kretin von einem Vagabunden... Wir gehen, Anja und ich, wir stehen draußen, Schnee weht im Sturm. Wir sprechen nichts, an der Ecke der Kantine will ich mich verabschieden. Aber Anja hält meine Hand fest und zieht mich mit sich. Ich folge. Ihr Zimmer ist mit häßlichsten Buntdrucken verziert, aber es ist geräumig und sehr sauber, in einem Wägelchen liegt das Kind und schläft. Ich denke an sein erstes Lager in der Asche neben dem Feuer. Was ist besser für dies Kind, die Asche in den Bergen oder das Bett im Tal? Was ist besser für diese Mutter...? Anja spricht noch nicht, aber sie beginnt, zusammen- zupacken, sie tut Kleider, Eßreste, Kissen in einen Rucksack, weiß der Teufel, woher sie dies westliche Instrument hat, sie nimmt sorgsam die Buntdrucke von den Wänden und rollt sie zusammen. Ich begreife sie nicht, halte jetzt ihre Hand fest. Wie versteht sie das nur, wie seltsam? Sie zerreißt die Buntdrucke... lind dann sagt sie einfach:„Ich will mit dir. Ich will nicht hier bleiben. Ich kann nicht hier bleiben. Nimm mich mit dir." Mir wird fast übel vor Schreck. Sie glaubt, ich will weiter. Sie weiß nicht, daß ich hier eine bleibende Statt ge- funden habe. Ich muß es ihr sagen... „Wir gehen zu meinen Angehörigen, kommst du mit?" fragt sie. Da kann ich es ihr nicht sagen... Sie tut Decken über das Kind, zieht das kleine Verdeck des Kinderwägelchens hoch, faßt an seinen Grifs, schiebt ihn der Tür zu. „Gleich?" frage ich zitternd. Sie nickt.„Litte, bitte, sonst läßt er mich nicht!" Nun nicke ich, muß ich nicken.„Ich gehe nur noch und hole meine Sachen!" sage ich. Sie läßt mich gehn, sie vertraut mir, obwohl ich sie jetzt täuschen will, irgendwie täuschen— nun kann ich es nicht mehr, dies Vertrauen macht mich wehrlos. Ich schleiche mich in mein Zimmer, packe. Unten im Kantinenraum lärmen noch einige trinkende Arbeiter, in den Fenstern des Werkes gegenüber brennen einige Lichter. Das ist also die Industrialisierung des Balkans... vielleicht nur die eine, die seelische Seite sozusagen, die ist daraestellt in Anjas Schicksal, ich habe die Antwort auf dies« Frage, die mir entgegentrat bei Hassans Begräbnis. Und ich— sogar ich bin ihr indirektes Opfer. Ich werde l nun mit einer Frau- und einem Kinderwagen über die � winterlichen Straßen des Balkans zotteln, ein Don Quichote des Vagabundentums. Zu Fuß und ohne Geld, mit einem Weib und einem Kind, die mir nicht gehören. Ich lache gellend auf, ein einziges Mal. das kann ich mir noch einmal leisten, ich bin noch einmal allein. Dann gehe ich und hol« Anja. Ich stehe an der Kimmung der Planina und blicke hinab: steil unter mir liegen die vier festen Häuser, die Anjas Familie gehören. Ich fühle nach der Tasche, ob die kostbare, leichte Last noch da ist, die ich darin trage: ich komme aus der einen Tagmarsch weiten, winzigen Stadt, auf deren Postamt ich Briefe in Empfang genommen habe, Briefs aus Deutschland, sogar ein Päckchen ist dabei: es ist Weihnachtspost... Die da unten feiern heute ihr Weihnachten, das ist so üblich bei den Nomadenhirten des Balkans, daß Wintersonn- wend und Weihnachten zusammen gefeiert werden, heute, am einund�wanzigsten Dezember. Die vierzehn Tage, die ich nun mit Anja unter ihnen weile, sind mit Vorbereitungen auf diesen Tag ausgefüllt gewesen. Ich blicke auf die Rauchfahnen, die den Löchern im Schindeldach geruhsam entsteigen, denn nicht weniger als zehn Schafe werden am Spieß gebraten, ich denke daran, wie seltsam das ist, daß ich hier Weihnachten feiern werde, wie seltsam das war, dieser dreiwöchige Wanderweg hierher. Es war sehr gut gegangen. Anja hatte nicht geduldet, daß ich in den Hütten am Wege um etwas bat: sie hatte viel von ihrem Lohn erspart, sie hatte alles bezahlt, wir halten, wo es ging, in den Gostionas gegessen und übernachtet. Sie waren nicht so schmutzig gewesen, wie ich gefürchtet hatte, diese Gostionas, und Anja war immer froher geworden, je näher sie ihrer Heimat kam: ich aber war immer traurig gewesen, war mir etwas schäbig vorgekommen, und nur wenn ich sah, wie viel ich Anja war, fand ich eine Entschuldigung für das groteske Bild dieses seltsamen Manderns zu dreien. Ich stieg hinab, und Anja kam mir auf halbem Wege entgegen. Es war merkwürdig: gerade heute, am Tags des Festes, war sie wirr und traurig und ängstlich geworden: ich begriff das nicht: ihre Angehörigen hatten sie und auch mich mit selbstverständlicher und auch freundlicher Geste auf- genommen, niemand hatte nach Anjas Erlebnissen im Säge- werk gefragt, niemand wußte etwas davon, außer mir: sie war damals im Einverständnis mit den andern zurück- geblieben, um zu arbeiten, sie hielt ihren Kummer um Hassan Chardan in der halben Beschäftigungslosigkeit des Heim- wanderns nicht aus. So hatte sie gesagt, so war es ihr ge- glaubt worden, so war es ursprünglich wohl auch gewesen. (Fortsetzung folgt.) Neue Siedlung im Osten. Das aufblühende Neuenhagen. Ein gutes Siedlungsvorhaben mit dem besten Grund und Boden wird für den Werktätigen nur oft stark entwertet, wenn es an ausreichenden Verkehrsmöglichkeiten mangelt. Was nützt die schönste Lage an See und Wald, wenn für den täglichen Weg von der Wohnung zur Arbeitsstätte zweimal zwei Stunden in Ansatz gebracht werden müssen. Aehnlich steht es mit der Gelegenheit zum Einkaufen für die Hausstauen. Wenn sie erst mit der Bahn in die Stadt fahren müssen, um einzukaufen, dann hätten sie auch in der Stadt bleiben können. Das Vorhandensein eines einzelnen Ärämers ändert daran nicht viel, denn er wird sofort Monopol- preise für seine Waren nehmen, da die Konkurrenz am Ort fehlt. Es ist deshalb immer gut, wenn sich ein Siedlungsvorhaben an eine schon bestehende Ortschaft anlehnt. Dies ist zum Beispiel bei der jetzt entstehenden Großsiedlung Neuenhagen-Süd der Fall. So hat die Vorort st recke Strausber g— B e r l i n «inen halbstündigen Zugverkehr; bis zum Schlestfchen Bahnhof be- trägt die Fahrzeit 28 Minuten. Der Preis der Siedlerkarte be- trägt 2ö Pfennig. Und in Neuenhagen kann man so gut wie alles kaufen, ohne übers Ohr gehauen zu werden. Hinzu kommt der an- erkannt gute Boden, den die östliche Umgebung von Berlin hat. wo man sich schon mit einiger Zuversicht an den Obstbau wagen kann. So sind in Neuenhagen-Süd bereits 1200 Parzellen verkauft worden;, insgesamt sollen hier einmal etwa 30 000 Menschen zwischen Wald und Heide angesiedelt werden. Der Kaufpreis einer Parzelle beträgt augenblicklich 345 Mark. Davon sind 95 Mark anzuzahlen, der Rest ist in Monatsraten von 3,50 Mark zu tilgen. Der ältere Teil der Siedlung hat bereits gepflasterte Straßen, Wasierleitung, elektrisches Licht mit Straßenbeleuchtung. Für die neuen Siedlungsabschnitte wird nächstens mit dem Straßenbau be- gönnen; der monatliche Beitrag des Siedlers zur Pflasterkasse be- trägt 2,80 Mark. Durch besondere Abkommen konnte man diesen billigen Preis erzielen. Wer also noch Arbeit hat und die äugen- blicklichen niedrigen Baupreise ausnutzen will, kann in einer schönen Gegend unter günstigen Bedingungen Siedler werden. Schreckenstat einer Mutter. Zwei Kinder im Oorfteich ertränkt. Striegau, 13. August. Eine in Iohnsdorf bei Gärbendors wohnende Frau hat ihre beiden Sinder im Alker von 3 bis 5 Jahren in die Schafschwemme geworfen. Dann lief sie zum Landjäger und machte ihm von der Tat Mitteilung. Sodann öffnete sie sich mit einem Rasiermesser beide Pulsadern. Sie wurde verbunden und ins Krankenhaus geschafft. Die beiden Kinder sind als Leichen geborgen worden. Der Beweg- grund der unglücklichen Frau zu der Tat ist noch nicht bekannt. Zwei billige Augnst-Sonnabende im Zoo. Der heutig« Sonnabend und der nächste, am 27. d Mts., sind im Zoo billige Tage; von 2 Uhr nachmirtags ab kostet der Eintritt für Erwachsene 5 0 Pf., für Kinder bis zu 10 Iahren 2 5 Pf. Dieselbe Ermäßigunci gilt für das Aquarium. Beim Uebergang zwischen beiden Instituten wird für Erwachsene nur der halbe Preis als Zuschlag erhoben. An beiden Sonnabend- Nachmittagen konzertiert der Phllharmonische Bläserbund des Neuen Sinfonieorchesters unter Leitung von Hugo Eduard Riemann. Svvvvv-Mark-Gewinn nach Berlin und Rheinland In der Preußisch. Süddeutschen.Staatslotterie ist auf das Los Nummer 244 375 ein Gewinn von 300000 Mark gefallen, das in der ersten Abteilung in Achtelleilung in Berlin und in der zweiten Abteilung ebenfalls in Achtelteilung im Rheinland ge- spielt wurde. Schiller am Ostbahnhof. In der„P l a z a" am Ostbahnhof erklingt jetzt Schillers eherne Sprache, stirbt Luise für und mit ihrem Ferdinand den Liebestod. Daß die alten Klassiker routiniert« Theaterpraktiker waren, beweist die zeitlose Wirkung ihrer Werke. Unter Max Reinharots straffer Regie wurden die Klippen von Pathos und überflüssigen Senti- Die Biberfarm an der Havel Der Theologe als Züchter und Kolonist Da sich die Gewöhnung verschiedener Edelpelztiere in unserer Zone als möglich erwiesen hat, erstanden im Laufe der Jahre im Reich, und auch knapp vor den Toren Berlins, eine Reihe von Pelztierfarmen, wo man— mit mehr oder weniger Erfolg— Silberfüchse, Nerze und Biberratten züchtet. Aus der anfänglichen Liebhaberei ist bald— der Not der Zeit gehorchend— der Wunsch der Existenzmöglichkeit in den Vordergrund getreten. Ein genügsames Tier. Da hat sich unter anderen heimischen Edelpelztierzüchtern ein Student der Theologie in den Haoelniederungen eine Nutria- Farm(südamerikanischer Sumpfbiber aus der Gegend des Ama- zonenstromes) angelegt. Zum Unterschied von Fuchs und Nerz, die starker Winterkälte bedürfen, gedecht der Sumpfbiber in unserem Klima recht gut; er ist ungemein anspruchslos nicht nur in klimatischer, sondern auch in kulinarischer Beziehung. Genau wie das Kaninchen begnügt er sich mit Gemüseabfällen, Kartoffeln und Schilfgras und weiß die Leckerbissen Gerste und Rüben sehr wohl zu schätzen. So ist die Ernährungsfrage auch keine allzu kostspielige. Die 40 Tiere, die der Mann besitzt, oertilgen wöchentlich 1 Zentner Kartoffeln, und das Futtergeld beträgt pro Tier im Jahr etwa 10 M. Zweimal wöchentlich gibt es Hart- futter— Gerste und Rüben—, an den übrigen Tagen wird der weichen Rohkost gehuldigt. So wie die Ernährungsfrage dem Farmbesitzer im allgemeinen nicht viel zu schaffen macht, so bereitet sie der Bibermutter im besonderen ebenfalls keine Schwierigkeiten. Das Jungtier, bei seinem Eintritt ins Leben gleich mit Augen und Haarkleid ausgestattet, begibt sich erst mal ins Bad und nimmt dann sofort an der allgemeinen Mahlzeit teil. Durch verbesserte Nahrung will man das Wachstum der Tiere fördern, das Fell ver- edeln und dadurch den Pelzwert steigern. Graublau ist Trumpf. Gefragt ist ausschließlich graublaues Nutriafell, Tiere mit rötlichem Pelz sind wertlos; auch dürfen die Tiere nicht allzuviel Sonne bekommen, da sonst die Pelzfarbe zu fahl wird. Ein Paar schöner Alttiere kostet 350 M., Jungtiere 150 M. Die harten Granhaare auf dem Rücken werden ausgezupft, das Fell am Rücken durch Längsschnitt ausgeschnitten, wertvoll ist nur das weiche Bauchfell, zum Unterschied von anderen Pelztieren, bei- spielsweise Fuchs, Hermelin usw., wo das Rückenhaar das schönere ist. Gepelzt wird im Februar, da ist das Fell in der besten Ver- fassung. Die Muttertiere kriegen zweimal im Jahr Junge, meist 5 bis 7 Stück, das sind in zwei bis drei Jahren dann schon 30 bis 40 Stück, und da diese Farm zahlreiche Muttertiere besitzt, so wächst die Zahl der Tiere in dieser Zeit auf ein paar hundert. Schöne Felle bringen zwischen 20 und 30 M., die Hauptpflege besorgt das Tier selbst, das den ganzen Tag ununterbrochen an feinem Haarkleid kämmt und bürstet. Nutriabraten eine Delikatesse. Während wir nur das Fell der Biberratte als wertvolles Objekt betrachten, wissen die Südamerikaner auch das Fleisch des Tieres sehr wohl zu schätzen, und ein Nutriabraten steht dort un- gesähr im Range unseres Rehbratens. Bei den Indianern zählt der Sumpfbiber zum Hausgetier. In herzlicher Kameradschaft mit dem Hühnervolk sitzt der Biber in Männchenstellung, den langen, rattenartigen Schwanz kühn von sich geworfen, und putzt und putzt; plötzlich, marsch, marsch, geht es im Sturmlauf mit Kopfsprung in die kühlen Fluten. Das Schwimmbassin ist untergittert, damit die Tiere nicht verloren gehen, für die jüngsten Schwimmer sind kleine Treppchen aufgestellt, über die sie sich ins Wasser plumpsen lasten. Die äußerst kräftigen Schneidezähne, womit sie in ihrer Heimat Schilfgras und kleine Bäume zum Wohnungsbau absäbeln, sind rot gefärbt, und es sieht aus, als hätten sie eine Mohrrübe zwischen den Zähnen; an den rückwärtigen Zehen haben sie kleine Schwimmflossen. Während Väter und Kinder sich lustig im Wasser oder auf dem Sande tummeln, sitzen die trächtigen Weibchen— sie tragen vier Monate— in ihrem Käfig und gucken aus großen Augen in die Welt. Die Tiere sind zahm und gutmütig, sie lassen sich von ihrem Nähroater nach Belieben auf den Arm nehmen und sind nicht mal böse, wenn er sie bei der Mahlzeit stört. Nutriafell wird seiner großen Haltbarkeit wegen viel gefragt, und der Züchter hofft, sich auf diese Weise eine Existenz gründen zu können.» ments geschickt vermieden. Die interessanteste Leistung des Abends war unbeding: die Lady Milford. der Maria Fein alles Schil- lernde der großen Liebeskünstlerin verlieh: Maria Solveg gab der Luise das Rührende der Gestalt, die zu Paul Wagners etwas allzu forsch betontem Ferdinand ein wirksames Gegenstück bot. Das Elternpaar war bei Emilie U n d a und Friedrich Eitel in besten Händen, ebenso der grausame Präsidentenvater von Stahl- Nachbaur. Eine gute Studie bot Hubert von M e y e r i n k als die männliche Hofpuppe Major von Kalb, der«lenide Wurm wurde von Wladimir Sokoloff gut pointiert gespielt. Das zahlreiche Publikum war aufmerksam und beifallsfroh. Siunmeltag der Arbeitersamariter. Der Arbeiter- Samariter» Bund E. V., Kolonne Berlin, veranstaltet am Sonntag, dem 21. August 1332, eine Straßensammlung in Groß-Berlin. Unsere Arbeiter- Samariter sind bei allen Veranstaltungen, in Freibädern usw., stets zur Hand, um da«inzugreifen, wo die Notwendigkeit vorliegt. Gerade die letzten heißen Sonnabende und Sonntage waren für Die Antl-KriegsKundgebung der sozialistisohen Jugendorganisationen findet wegen des Burgfriedens nicht, wie in der letzten Nummer „Unser Weg" angekündigt, am 21. Auguststatt, sondern erst am Sonnabend, dem 3. September, 19 Uhr, im Stadion des Volksparks Rehberge.— Alle Parteigenossen beteiligen sich geschlossen an dieser Veranstaltung.— Preis der Plakette 20 Pfennig. die Arbeiter-Samariter Großkampftage. Viele in Gefahr Geratene sind durch sie vom Tode des Ertrinkens gerettet worden. Da die Arbeiter-Samariter ihre Tätigkeit ehrenamtlich und fast unentgeltlich ausüben, wenden wir uns mit der Bitte an die werktätige Bevölkerung Berlins: Helft die Einrichtungen der Arbeiter-Samariter, Kolonne Berlin, erholten und ausbauen. Spendet am Sonntag, den 21. August 1932,«in Scherflein. Der so gewonnene Betrag flieht wieder der All- gemeinheit zu in Form von Anschaffungen von Material und Aus- bauten der Rettungsstation. Die Funk- und Phonoschau im Hause karskadk beginnt nicht am 13. August, sondern am 2 9. A u g u st. Lumophon-Radio auf der Funkausstellung. Im Mittelpunkt des Interesses steht der Superhet. Einer der besten Vertreter dieser modernen Äpparateklasse ist der kürzlich herausgekommene Sechs- Röhren-Empfänger, Lumophon 7 6. Absolute Einknopf- bedienung ist erreicht. Markant tritt die optische Doppelskala mit zweifarbiger Beleuchtung und wanderndem Stationsseld aus dem formschönen Gehäuse hervor. An 80 Stationen sind auf der Doppel- skala waagrecht aufgetragen und dadurch gut lesbar. Zwei Zwischen- frequenzbandfilter ermöglichen eine Trennschärfe von 3 kHz, der alle Sender ohne Mühe trennt. Durch Verwendung neuer moderner Röhren und in Verbindung mit einem hervorragenden Lautsprecher- chassis, D 29, das z. B. in die Superhetkombination eingebaut ist. wird eine Tonqualität erreicht, die höchste Ansprüche befriedigt. Da, heutige Kinderfest im Lunapark„3c.Ia.mu"(Jeder kann musizie Abend Bruns Quander mit dem großen Lunapark-BIasorchester. 8lSM.voer CharlotteaburK BismarckstraSe 34 Sonnabd., 20. August Turnus IV Rigoletto Berger. Zador, Cavara, Destal, Baumann Anfang 20 Uhr Ende nach 22,13 Uhr TBgl.su.Bi:Uhr LUCILLE PAGE m. Dinosaurus usw. PLAZA ■ike Stilti. Ulf. SO.WtjfcUlli«. lelnkrrdMnsresltrg.: Kabalen. Lieb« Tüeafem.Westens Premiere Keale 8 Uhr Ml!! Wer in Dreimüderlhaas Rose■ Tüeater UM tfiums. Flora 3434. Rauoisn er). Taps& Tempo, RemosComp. 4 Richys, Sealtiel, M.& C Mayo Levanda, Hunter& Bobette usw. sonnalienil u. Sonntag ls 2 Vorsteilg. 4 u. 8.13 um. 4 um kleine Preise Berlins BETRIEB U/fPi K£MPIHSIflt|«3 rieuti KIND tK FEST ! Je-ka-mu(Jeder kann musizier.) j | Jod. Kmd erh. ein Instr. geschenkt. i 3-4 Uhr 2 Frei-Aftroktions-Stunde j Kinderlanz im Fre en 3Kcpell.• 1 Sshüier-Orchest.] Musikai-Ciowns• Ballett j [ fackeizjg, ksuarwsele Einlr.! 10 Hg., Erwachs. iO Hg. j Ehren, und Freikarten tiuliia Heute nachm. 3« Uhr Zü chterpreis SONNTAG lytr RENNEN GRUNEWALD OLEANDERALBA- Rennen Volkstag Verlosungs- Rennen 24 000 M Preise eimtiuti: HALBE PREISE 1. Platz.. 2.50 2. Platz.. 1.— Damen.. 2.— Terrasse. 0.75 Sattelplatz 1.50 3. Platz.. 0.50 »v.uhr CASIHfl-IHEÄTER«v.uh. Lothringer Strafe 37, ■ iiiiii lim iimi im iiiiiiiiiin iiiiii in isiiiiiin ii Berlin wird wieder lachen! Ab Freitag, den 26. August Annemarie das kleine Tanzmädel Volksopereite.— Musik von Gilben Vorher ein bunter Teil. Preise 0.50 M, 0,75 M. und I.— M. Auch Sonntag abend. Parteigenossen ÄmÄ gute Küche(5 Mahlzeiien), Garten mit Liegewiese direkt am Hause, nahe Wald und Bahnstation. Schwimmbad vorhanden. Pension 3,— täglich. Aiberl Karges, Loiikurort Harriehausen (Han)._ Deutsdiei MetallaUr-ygM VerwalhiBgftsleUe Berlin Nachruf. Den Mitgliedern nur Nachricht, daß unser Aollege, der Schlosser Fritz Buchholz geboren 25, Februar 1892, am 14. Au- gust gestorben ist. Ehre sein«» Andenben! Die Beerdigung hat bereit« stattgefunden. Dl« OrlnrerwaUusg. eisü �Betten iä; Kinder Polster, CbaiaeL, en jeden, TeilX KetaJou frei. Ei�emaabaUabfOc Sohl tThflai Graft« frankfartir Straft« 132 Td. Waichs«! E 7 342: Herzdaiße Rennen zü Karlshorst GartenbUhne 5.30 Uhr KonzGrtu. Varlet« nuiiBastui Die große Funkillustrierie für das schaffende Volk VOLKSFUNK Reich illustrierter Texffeil, mit großem Europaprogramm Erscheint wöchentlich, 48 Seiten stark, in Kupfertiefdruck VOLKSFUNK Einzelnummer 25 Pfennig-»- monatlich 96 Pfennig \$u* Für Jeden Wunsch und Jeden Bedarf das richtige Gerät aus unserer neuen Reihe* Siemens 23. der kleine leistungsstarke Feroempfänger. Siemens 46, der Europaempiänger mit Exponenü alxöhren. 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Und nun sitzt sie wieder auf der Anklagebank wegen versuchten Dieb- stahls in einem Konfektionshaus in der Leipziger Straße. Das Objekt war unbedeutend: ein Herrenmantel hatte es ihr ongetann. Der junge Verkäufer beobachtete einen Herrn und eine Dame, die anscheinend miteinander nichts zu tun hatten. Sie saßen in einer gewissen Entfernung voneinander und machten gar keine Anstalten, sich bedienen zu lassen. Als der Ver- käufer einen Augenblick frei hatte, wandte er sich an den Herrn mit der Frage, womit er ihm dienen könne. Der Herr bat um eine Kletterweste für seinen Bruder, erzählte dabei lange Geschichten, interessierte sich dann für ein Motordreß und wußte dabei wieder vollständig belanglose Dinge vorzubringen. Plötzlich bemerkte der junge Verkäufer im Spiegel, wie die Dame von vorher verdächtige Bewegungen machte. Im selben Augenblick sah er einen Mantel sich bewegen. Zu gleicher Zeit brach der Herr ganz unmotiviert die Unterhaltung ab und begab sich zum Ausgang. Der junge Ver- käufer wollte ihn festhalten, der Herr verbat sich das, riß sich los und eilte davon. Die Dame, die sich nun in der Nähe des jungen Verkäufers eingefunden hatte, war sehr erschrocken und sagte: „Machen Sie mich nicht unglücklich, ich wollte ja nicht stehlen, ich werde bezahlen." Neben ihr auf dem Stuhl lag der Mantel voll- kommen zerknittert. Die Größe des Mantels war 46. Gerade diese Größe hatte eben erst der Herr verlangt. Was sagte nun die Frau vor Gericht: Ein Maler habe ihre Wohnung renoviert. Als sie bezahlen wollte, weigerte er sich, Geld entgegenzunehmen: er brauche einen Mantel, sagte er. Und so war sie in das Konfektionsgeschäft gegangen, um dort einen Mantel zu kaufen. Sie sei sehr lange Zeit nicht bedient worden, da habe sie sich selbst einen Mantel abgenommen und auf den Stuhl gelegt. In diesem Augenblick sei sie verhaftet worden. Sie habe nicht die Absicht gehabt, den Mantel zu stehlen. Den Herrn kenne sie nicht. Das Gericht verurteilte die Beamtenfrau zu sechs Monaten Gefängnis und billigte ihr eine Bewährungsfrist zu. Leipziger Giaaisanwalt in der Oder ertrunken Leipzig, 13. August. Das Polizeipräsidium teilt mit: Am 3. August wurde aus der Oder in der Nähe von Stettin ein unbekannter Toter ge- borgen. Der Tote wurde als der seit dem 29. Juli vermißte Staats- anwalt Dr. Ziefchang aus Leipzig identifiziert. An der Leiche wurden keinerlei Merkmale vorgefunden, die auf ein Ver- brechen schließen lassen. Auch Hitzewelle über England. London, 19. August. Die große Hitzewelle, die seit zwei Tagen über England liegt, bescherte den Londonern am Donnerstag den bisher h e i ß e st e n Tag des Jahres und mit 33 Grad Celsius im Schatten die höchste Temperatur seit zwei Jahren. Wieder wurden mehrere Personen vom Hitzschlag getroffen und mußten ins Krankenhaus geschafft werden. Der Nebel, der über dem Kanal gelagert hatte, klarte in den Mittagstunden des Donnerstag auf, so daß der Amerikadampfer„Aquitania", der vor der Isle of Wight geankert hatte, mit beinahe 24stündiger Verspätung in Southampton einlaufen konnte. Allgemeine Wetterlage. 49. Aug. 4932,«bds. Owolkanlo&cs haimr.SMbbedeckr dwolldg.Vbedeckt'RegeaAGraupelfl =Habd,TiGewin%(§iWntelle Das europäische Hochdruckgebiet hat sich seit Donnerstag nach Osten oerlagert. Die starke Hitze, die in den letzten Tagen in West- europa herrschte, hat zur Ausbreitung eines über Südwesteuropa lagernden Tiess nach Nordosten geführt. Am Freitag stiegen die Temperaturen in Frankreich stellenweis« auf 3« Grad im Schatten; auch in Südenglond wurden bis 3S Grad gemessen. Erhebliche Er- wärmung trat auch in Westdeutschland ein, wo vereinzelt 36 Grad erreicht wurden. In Nordostdeutschland blieb es verhältnismäßig kühl. Das mitteleuropäische Hoch setzt seine Ostwärtsbewegung fort. Damit kommt auch unser Bezirk in den Bereich des heißen südlichen Luftstromes, der im Westen die außerordentliche Hitze verursacht. -i- Welleraussichten für Verlin: Meist heiter mit zunehmender Hitze, südliche bis südöstliche Winde.— Für Deutschland: Im Nordwesten zunehmende Bewölkung, später Gewitter mit Abkühlung, im übrigen Reiche beständig, West-, Süd- und Mitteldeutschland sehr warm. Parteinachrichten �Wfür Groß-Berlin Eintenvungen für oictk Rubrik sind\!/)< Ueib an Las Rcjitfstcfretanal B« t U n SS 6S. Andenirraße S 4. Hot. 2 Treuven rechl«. zu richte» Beginn aller Veranstaltungen INV2 Uhr. sofern keine besondere Zeitangabe? Ig. Kreis. Montog, 22. August, Kreisvorstandssitzunz mit den Abteilung-. leitern an bekannter Stelle.,,.. 2g. Kreis. Sonntag, 2t. August, im Seei-auillan Tegel Krelssommerfest. Sroste- Gartenionzcrt— Kafteekochen— Bühncnoorsühruugcu im Garten— Kindersackelzug. 3m Saal ab 17 Uhr Tanz. Beginn tö Uhr. Eintritt gg Pf., Ermcrbslose 10 Pf. Tanz 30 Pf. Die Genossen, welche IM Beuze von schwarzrotgoldenen Fahnen sind, werden gebeten, dieselben mitzubringen. Alle Parteigcnostcn nehme» an dem Sommcrsest teil. Für Erwerbslose kostet das Kasfeckochen pro Kanne 2ö Pf. Den gemahlenen Kaffee hierzu liefert die Partei kostenlos. Die erwerbslosen Genostcn melden fich bei ihren Abteilungsleitern im Seepavillon. 21. Abt. Achtung, Bezirksfllhrer! Akontozahlungen müssen sofort an den l. Kasfierer geleistet werden.. 104. Abt. Sonntag, 21. August, Führung durch das Wagerwsrk Müggelsee, Friedrichshagen. Treffpunkt g Uhr früh Straßenbahnhaltestelle Bahnhof Niedersehöneweide..„ 108. und 10'8a. Abt. Die Freien Wasserfahrer Köpenick begehen am Sonntag, dem 21. August, 14 Uhr, auf dem Gelände Friedrichshagener Str. 7— s ihre Bootshausweihe. Die Parteimitglieder werden gebeten, an dieser Forer teilzunehmen. � 113. Abt. Alle Parteimitglieder beteiligen ssch Sonntag. 21. Angust, 15 Uhr an dem Werbefest b« Bohnsdorfcr Arbeiterfänger im Restaurant„Zur Palme". Kaffeekochen, gesangliche Darbietungen, Rustk, Tanz. Ein- tritt frei. 128. Abt. Montag, 22. August, 2« Uhr, Sitzung der Zeltungskommisston beun Genossen Stieglitz. Arbeiksgemeinschaft der Kindersreunde Groß-Berlin. Das Kreismaterial kann am Montag zwischen 16 und 18 Uhr vom Schuppen abgeholt werden. Bergeßt nicht euren Helferausweis als Legitimation mitzubringen. Die sundgegenstände sind ab Mittwoch in der Geschäftsstelle ab- zuholen. Mitte. Abt. Wilhelm Liebknecht. Morgen, Sonntag. Treffen zur Fahrt nach Wuhlheide um 714 Uhr am Schlesischen Bahnhof (Haupteingang). Badezeug und 30 Pf. mitbringen. Etzrbetafel der Groß-Berliner Partei-Organisation 21. Abt. Unser Genosse Ernst Hempel, Wiesenstr. 41— 42, ist im 42. Lebensjahre verstorben. Ehre seinem Andenken. Einäscherung Montag, 22. Au- gust, 18-4 Uhr, im Krematorium Gerichtstratze. Um rege Beteiligung bittet der Vorstand. Treffpunkt für all« Mitglieder 18 Uhr in der Geschäftsstelle. Die Be- zirksführer laden ein. jWSozialMcheMeiterl'ugendGroß-Verlm Einsendungen für diese Rubrik nur an das Lugendsekretariat Berlin SW 58. Lindenstraß» 2. vorn 1 Treppe rechts. heute, Sonnabend, 20. August. Falkplatz: Zeltfahrt zum Grabowfss. Treffpunkt für Radfahrer 17 Uhr Bahn- Hof Schönhauser Allee, Bahnsahrer 21 Uhr Bahnhof Gesundbrunnen. Kruppe Norden: Wir treffen uns um 17 Uhr an der Normaluhr Brunnen- straße Ecke Gustav-Mayer-Allee. Vorträge, Vereine und Versammlungen Reichsbanner„Schwarz-Rot-Gold". Geschäftsstelle: Berlin S. 14, Sebastianstr. 37—38. Hol 2 Tr Wasserfportabteilung. Zug Tegel. Sonntag, 21. August, Beteili. gung an der Feier im Seepavillon. 15 Uhr Wasserballspiele, die wir von unseren Booten aus besichtigen. Deutscher Arbeiter-Sängerbund, Gau Berlin. Geschäftsstelle: p. Schneider, Berlin RO. 55. huselandstr. 31. Männerchor Friedrichshai». Achtung! Die Abfahrt zur �heutigen Petersburger Sängerfahrt nach Kpritz erfolgt 15-4 Uhr vom Lokal von Wittschus. ger Str. 5. Teilnahme aller Sangesbrüder ist Pflicht. Getvinnauszug 5. Klaffe 39. Preußijch-Süddeutjche Staais-Lotterie. Ohne Gewähr Nachdruck verboten Auf jede gezogene Nummer sind zwei gleich hohe Gewinn« gefallen, und zwar je einer auf die Lose gleicher Nummer in den beiden Abtelluagea I und II 19. Ziehungstag 19. August 1932 In der heuligen Vvrmittagsziehung wurden Gewinne über 499 M. gezogen 2 Gewinne zu 300000 M. 244975 2 Gewinne zu 75000 M. 346735 2 Gewinne zu 1 0000 M. 43480 6 Gewinne zu 5000 W. 21435 130813 295243 20 Gewinne zu 3000 M. 27113 71123 80937 38031 135730 151339 172046 262256 378630 333332 54 Gewinn- zu 2000 M. 51483 32243 62642 32451 102663 123220 165537 166767 173353 134425 131634 133737 203223 223243251037 253533 276352 285735 305333 303105 303704 317075 344240 367293 331733 385035 333243� 1 13 Gewinne zu 1000 M. 4363 13771 20117 26331 23332 31566 3751 1 33323 451 34 51 334 56745 60480 60745 63731 82686 34604 110171 117182 120780 125287 128462 145335 164209 168118173913 188436 191337 197777 201207 203646 207105 222440 238567 240975 247829 254267 257145 267816 271997 274058 276151 296779 301273 305448 320475 330035 332847 334079 341 773 344673 346685 351674 354904 380307 380899 385042 390679 393897 398415 220 Gewinne>u 500®. 1421 2057 8209 14052 14080 15345 18872 19350 22516 24644 25588 26775 28697 30139 31300 33705 33946 46299 46977 52004 53642 56325 57749 61 772 64691 64943 68404 72701 73422 81484 81608 87590 89999 95522 95830 97978 98088 98664 103529 105392 106949 107395 109111 112939 115093 116120 1 18264 120845 132209 135420 136344 142021 143140 146097 148855 150054 158301 160219 165764 175533 179690 163034 183786 135701 188048 192280 195140 197108 197216 200106 200713 210192 215586 217164 219969 223160 226237 233372 235603 237296 253421 254579 255947 256025 269079 269588 273194 234023 287427 294596 295392 300831 301327 301616 305004 308002 311372 311809 312715 327879 329542 330535 339912 366238 367732 375138 383575 390498 392379 396330 In der heutigen Nachmittagsziehung wurden Gewinne über 400 M. gezogen 2 Gewinne zu 50000 M. 323842 4 Gewinne zu 5000 M. 132331 390515 26©esirnc«u 3000 W. 113005 123369 130906 204113 210395 236682 243097 254846 262091 265914 310721 329920 366641 56©ctotene zu 2000®. 10488 52784 57446 60189 65615 76214 76860 33102 101526 143633 144003 163297 165227 192841 205840 213961 229132 231992 232565 261355 287056 289626 319293 321506 330917 335279 341201 394241 1 30 Gewinne ,u 1 000 Dl. 7489 1 1 355 23382 35420 37403 50303 5361 1 55551 60446 62633 63041 76159 80030 82733 86326 87477 104949 108606 116398 131221 143136 153763 154041 157922 162663 167947 170732 172790 172893 192384 194882 200145 205158 228919 234013 253597 257253 261275 261856 263010 265859 271501 274873 276959 273048 280460 288305 299300 301650 312696 322973 323176 327640 329700 342802 347127 353578 353934 357898 358404 365432 366366 377754 396566 397233 194 Gewinne zu 500 M. 5889 14065 16024 20426 21587 23165 29127 32385 37602 40612 46309 50014 53552 54973 65925 71535 71547 74127 76753 77593 80072 84200 38090 83401 92927 103532 111834 114131 114502 117712 122632 131741 132353 133128 135074133676 141661 144849 151598 154363 161288 162926 170667 170760174559 175085 186410 188848 192829 199026 200796 203975 204393 210868 211975 212673 213571 216141 224936 236260 236943 257497267491 271446 278994 281554 287202 291016 293373 297791 297846 301837 308930 309869 312198 313945 317671 319911 330241 338062 341035 343804 345177 356276 330413 360939 371744 372462 380701 383094 383721 387133 387735 330167 394720 396927 398268 Im Gewinnrade verblieben: 2 Prämien je zu 500000, 100 Schlutzprämien zu je 3000, 2 Gewinne zu je 200000, 4 zu ie 1000C0, 4 zu je 75900, 4 zu je 50000, 20 zu je 25000, 134 zu je 10000, 310 zu je 5000, 650 zu je 3000, 1872 zu je 2000, 3766 zu je 1000, 6244 zu je 500, 18966 zu je 400 M. romöbel von«Jugandbelmen A ttÜAkfSAvA Berlin N65, Fennsir. 27 KlBSTl benutze Telephon 0 6, 3128 ie< Ue eder Art efört preiswert Paul Goiletz ■armaU Babert Mariannen str. -»m, mbmm i. Jedes Mitglied erhält jährlich 10 bis Ii vorstetiunoen{ 1 bis 2 uorsteiiungen im Tb. am Bfllowpiatz I in der staatsopar Nachmittagsabteilungen mit 6 Vorst, im Iii. am Bülowplatz(Sonntag nachm.) und 1 Oper Auf Wunsch»fei» aud» 2 Vor»le Hungen im Schiller-Theater Charlottenburg Vorstellungsbesuch auf allen Plätzen 1.50 JKatk Nachmittags-Vorstellungen 1.10 M.:: Opern- Vorstellungen 2.50 M. Keine Vorauszahlungen. Auslosung der Plätze vor jeder Vorstellung Zahlreiche Sonderver antialiungen(Musik. Tanz, Kabarett) Ohne Mitgliedschaft in der Volksbühne E. V. ferner Abonnements für 10 Vorstellungen des Theaters am Bülowplatz. Feste Plätze nach eigener Wahl. Vorparkett: 5,-, 4,50 u. 4,- M(Kasse: 8 7,-, u.6,- M); Parkett: 3.50, 2,70, 2,- u. 1,80 M (Kasse; 5.-, 4.-, 3,- u. 2,5Q M); 1. Ring; 4,-, 3,50, 2,70 u. 2,- M(Kasse: 6,-, 5.-. 4,- u. 3,- M); 2 Ring: 1.80 M(Kasse: 2,50 M); Vorausbezahlung der beiden letzten Vorstellungen. Bei sofortiger Bezahlung sämtl. 10 Vorstellungen 5% Rabatt Aus dem Spielplan: THEATER AM BÜLOWPLATZ Gogol; Der Revisor/ Hauptmann: Die Ratten/ Pagnoi: Fanny/ Hay: Das Neue Paradies/ Zuckmayer: Schinderhannes/ Raimund; Alpenkönig und Menschenfeind/ Shakespeare: Maß für Maß/ Castonier: Die Sardinenfischer/ Joachimson und Schiffer(Musik von Spolianski): Das Haus dazwischen/ Ebermayer und Mann: Prof. Unrat/ Kunst 1, Leitung: Heinz Hilpert In Häuptrollen: Hans Albers/ Curt Bois/ Eugen Klopfer/ Otto Wernicke/ Jacob Tiedtke/ Ernst Karchow/ Erhard Siedel/ J. Almas/ Paul Verhoeven/ Artur Mainzer/ Käthe Dorsch/ Camilla Spira/ Brig. Horney/ Käte Haack/ Maria Fein/ Lotte Stein/ Genia Kurz usw STAATSOPER Wagner: Der fliegende Holländer/ Mozart: Cosi fan tutte/ Verdi; Rigoletto/ Der Maskenball/ Falstaff/ Die Sizilianische Vesper/ Schillings: Mona Lisa/ Mas- cagni: Cavallena rusticana/ Leoncavallo: Bajazzi/ Joh. Strauß: Eine Nacht in Venedig/ Wiener Blut usw. SCHILLER-THEATER Hauptmann: Die versunkene Glocke/ Wellenkamp: Theres geht vorüber/ Wal- lace u. Roth: Platz oder Sieg/ Stolz: Wenn die kleinen Veilchen blühn/ Shakespeare: Der Widerspenstigen Zähmung/ Corrinth; Hallo! nur Mut/ Ein Berliner Volksstück mit Musik u.a.m. Prospekte und Anmeldungen in 200 Zahlstellen, u. a. bei samtlichen Theaterkassen der Firma Tietz. im K. d. W, in asr Volksbühnen- Buchhandlung, Köpenicker Straße 65. sowie in der Hauptgeschäftsstelle. C 25, Linienstraße 227(Th. a. Bülowplatz), ,D 1, Norden 2944.— Abonnementsfaestellungen ausschließlich im Abonnemenientsbüro, L 25 Linienstraße 227, D 1, Norden 2944> KLEINE ANZEIGEN iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiimiiiiimi Oberschristswort 20 Pf..Textwort 1 0 Pf. Wiederholungsrabatts 5 mal 5%, 8 mal 7*lt%, 12 mal 10%, oder 1000 Worte Abschluß 10%, 2000 Worte 15%. 4000 Worte 20%. 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Zu der Annohine, daß es diesen unsicht- baren, unsühkbaren Stoff geben müsse, gelangte man, als man nach einer Erklärung für die Ausbreitung des Lichtes suchte. Was wir Licht nennen, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Bereich aller Wellen, eingebettet zwischen Ultrarotstrabi en und Radiowellen auf der einen Seite, Ilstraoiolettstrahlen, Röntgen- und-Gamma- strahlen aus der anderen Seite des Spektrums. Alle diese Strahlungen, die sich wie Wasserwellen im Raum fortpflanzen, mußten doch— so schloß die„klassische Physik"— einen st o s s l i ch e n Träger haben. Wasserwellen pflanzen sich im Wasser fort, Schall- wellen in der Lust— und die Licht- oder elektrischen Wellen eben... im„Aether". Diese Theorie war so einfach und praktisch zur Cr- klärung des Welleneffekts, daß um die Jahrhundertwende kaum einer der großen Physiker chr widersprach. Nur sehste noch der eindeutige Beweis für die Existenz des Aethers und damit der naturwissen- schastlichen Griindlehre, daß im Kosmos keineswegs alles relotin sei, sondern daß jede Bewegung, leder Weltraumpunkt sich vom „ruhenden Aether" aus absolut bestimmen lasse. Michelsons Apparat. Bor vierzig Jahren unternahm der oimerikamsche Physiker M i ch e l s o n seinen berühmten Versuch, die Existenz des Aerhers zu beweisen. Gab es diesen feinen Stoff, in dem die Gestirne wie Inseln schwimmen, so mußten die ihn durcheilenden Sonnen und Planeten— wie ein Auto im Lustmeer— einen„Wind" erzeugen, und dieser Wind mußte auf irgendeine Art meßbar sein. Da nun aber der Aether als Träger der Lichtstrahlen gedacht war, so mußte der„Aetherwind" zugleich diese Strahlen mehr oder weniger„schwanken" lassen, wie eine Flußströmung die Wasserwellen beeinflußt. Micheksons Apparat bestand aus zwei waagerecht liegen- den Metallarmen, die im rechten Winkel zueinander angebracht find: am Scheitel des Winkels befindet sich ein« Lichtquelle, an den beiden Armenden je ein Spiegel, der die Strahlen wieder zu ihrem Aus- gangspunkt zurückwirff, Michelfon sagte sich: der Apparat nimmt samt der Erde an ihrer Vewegung durch den Aether teil. In einer der beiden Armrichtungen muß also ein„A e t h e r w i n d e f s e t t" austreten, das heißt: die durch den Spiegel zurückkommenden Strahlen müssen in der einen Richtung verzögert werden und später wieder im Winkelscheitel eintreffen als aus der anderen Richtung, und die aller- feinsten optischen Hilfsmittel erlaubten es Michelfon, diese winzige zu erwartende Verzögerung festzustellen. Man kann nämlich dos ver- spätete Eintreffen des«inen Strahls durch die sogenannte I n t e r- ferenz nachweifen: durch das Auftreten von Schattenftreifen, wenn Berg und Tal zweier Wsllenzüge aufeinandertreffen. Newton hat dieses Phänomen entdeckt, Michelfon wurde enttäufcht. Wie er auch feinen Apparat zur Erdrichtung drehte� wie er auch prüfte und beobachtete— die Interferenz t r a t n i ch t a u f. Die Lichtstrahlen trafen von beiden Seiten pünktlich ein, von keinem„Aecherwind" verzögert. Einsteins Behauptung. Als Einstein vor fast dreißig Jahren seine ersten Arbeiten ver- öffentlichte, behauptete er: wenn Michelfon keinen Aether nachweisen konnte, fo gibt es auch keinen! Und damit war eine der Grundthefen der Relativitätstheorie festgelegt: die Lag« jedes Punktes im Raum, di« Geschwindigkeit jeder Bewegung ist relativ, von keinem ruhenden Bezugssystem im Weitall aus be- stimmbar. Es läßt sich denken, welche Revolution schon diese eine Behaup- tung Einsteins— ein nur kleiner Ausschnitt aus dem Gebäude feiner Theorie— in der Welt der„klassischen" Physiker erregte. Immer wieder, dis in die jüngste Zeit, hat man versucht, sie experimentell zu widerlegen und damit dos ganze Gebäude der Relativitätstheorie zu unterminieren. Ungeheures Aufsehen erregte daher 1025 die Be- hauptung eines anderen amerikanischen Physikers Miller, er habe bei einer Neuauflage des Michelfon-Dersuchs sowohl zu ebener Erde wie auf einem Berg in Kalifornien einen Aetherwind von etwa zehn Meter Geschwindigkeit in der Sekunde festgestellt! Professor I o o s in Jena machte daher den Vorschlag, den Michelfon-Versuch einmal zur Nachprüfung der Millerfchen Behauptungen mit allen Raffinessen der modernsten optischen Präzisions- technik zu widerholen. Die Zeißwerke stellten ihre Kräfte gern zur Verfügung, Ter Aetherwindapparat tritt in Aktion. Unter Leitung von Ingenieur K ö p p e n wurde der Aether- windapparat konstruiert: ein riesiges waagerechts Kreuz von meterdicken Röhren, durch einen Elektromotor in olle Himmels- richtungen drehbar. Uebsr der Mitte des Apparates Kejindet sich eine Quarz punktlompe, die ihren Lichtstrahl durch ein kompliziertes System von Spiegeln auf einem Weg van 21 Meter Länge durch die Röhren hin- und hersendet, bis er am Sockel des Apparates im Objektiv einer Photokamera landet. Somit war jeder Beobachtungs- fehler des menschlichen Auges ausgeschaltet und die nicht zu be- trügende Platte durfte als einwandfreies Dokument gelten. Die Plattenkassette wurde automatisch während des Drehens des Appa- rates verschoben, so daß die eintreffenden Lichtpunkte auf der Platte als Streifen erschienen. Zeigte sich auch nur die geringst« W-wsichuiff»- dieser Lichtstreifen von der Geraden, so hatte Miller recht und Ein- stein unrecht: es gab einen Aether. und es gad einen Aeiherwind, der die Lichtstrahlen abzubiegen oermochte! Mit allen erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen ging man zu Werke. Zwei Jahre erforderte die Ausbalancierung des Gerätes, um höchste Präzision zu gewährleisten. Dann begann man mit den Versuchen. Man wählte die Zeit ab Samstag mittag, wenn durch die im Fabrikgebäude arbeitenden Maschinen keine Erschütterung zu befürchten war. Man verlegte die Schalchebel vor den Eingang des Raumes, so daß niemand während der Versuche anwesend zu sein brauchte— man wollte damit die minimalen Temperaturerhöhungen der Lust, die ein menschlicher Körper verursacht, ausschalten. Eine Klaviatur von elektrischen Knöpfen gestattete die Verschiebung der im Innern des Apparates angebrachten Spiegel, die nicht auf Metall, sondern auf langen Ouorzplatten montiert waren, um Wär:neaus- dehnungen des Lichtweges zu vermeiden. Eine halbe Stunde lang wurde der Apparat in Drehung versetzt— immer in 10 Minuten eine volle Drehung—, um jede unprogrammäßige Nebenschwingung auszubalancieren. Erst dann begann man mit der ersten Auf- nähme. Viele Hunderte von Platten wurden aufgenommen, ausgemessen, berechnet, registriert. Für den Laien sieht eine Am- nähme aus wie die andere. Aber auch die Resultate der Prüfung zeigten die Taffache, daß kein einziger Strahl eine metzbare Der- schiebung mm wies: die Genauigkeit des Instruments ließ die Messung eines eventuellen Aetherwinds bis mij anderthalb Meter Sekunden- gefchwindigkeit herunter zu. während Miller angeblich zehn Meter Geschwindigkeit beobachtet hatte. Gab es also trotzdem einen Aether- wind, so mußte er langsamer sein als anderthalb Meter in der Se- künde. Praktisch bedeutet dies aber die nahezu hundertprozentige Sicherheit, daß es keinen Aetherwind— und damit auch keinen Aether gibt! Einstein hat also recht behalten. Das„Jnterferometer". wie der Aecherwindapparat mst feinem wisieiffchaftlichen Namen heißt, steht unbenutzt, unbeachtet von den Physikern im Keller der Zeißwerke. Es hat seinen Zweck erfüllt. Es ist verkäuflich, aber keiner will es haben— weder Herr Miller noch irgendein anderer Gegner der Einsteinschen Theorie. Professor Ivos hat einem Ruf an die Münchener Technische Hochschule stattgegeben: seine Beobachtungsresultate hat er der wifsenfchcrstlichen Welt zur Diskussion unterbreitet. Es scheint immer stiller zu werden um das Für und Wider der Rslativstätscheorie, der Kampf der Gelehrten, vierzig Jahre long mit außerordentlichem Temperament geführt, flaut allmählich ab. Vielleicht war die letzte Etappe im Strest um Einstein und zugleich der Beweis seines endgültigen Sieges das Jnterferometer im Keller zu Jena. Wer will es haben? Wer stellt es auf als sichtbares Zeichen für das endende„Mittelalter", die be- ginnende„Neuzest" in der Well der Raturertenntnis? 53 lIMmmien Terlpäiumg Die Qefchichle eines AUenials/ Von 3>eier 3tenl Im Dienstzimmer des Blockpostens 453 schrillte das Telephon. Antoine Renard griff nach dem Hörer. Eine schwache Stimme meldete sich. „Expreß 109, dreiundfünfzig Minuten Vevjpäwng. Begehen Sie die Strecke knapp vor Passieren des Zuges!" „Wer spricht?" brüllte der Streckenwärter in den Apparat. „Lauter— ich versteh« Sie nicht. Fahrdienstleitung in Lorial— sagen Sie?" Ein Krachen und Knistern wie da? von elektrischen Entladungen machte jede Verständigung unmöglich. Renard schrie sich heiser, ober ohne Erfolg Aergerlich legte er den Hörer auf. Er sah nach der Uhr und stellte fest, daß der Expreß 109 Marseille— Avignon— Ba- lence— Lyon fahrplanmäßig in genau einer halben Stunde fällig war. Hatte er 53 Minuten Verspätung, so passierte er den Block- posten 453 nicht vor 22 Uhr 12 Minuten. Antoine Renard schüttelte den Kops. So arg war das Schnee- gestäber nun gerode nicht, daß eine solche Verspätung nötig ge- wesen wäre Oder sollte etwas Besonderes—? Der Streckenwärter mußte Gewißheit haben. In gleichen Abständen ries er Lorial— sechsmal hintereinander gab er das Signal— die Station meldete sich nicht.„Der Sturm hat die Drähte zerrissen", murmelte Renard verdrießlich.„Jh werde.in Avignon anfragen." Eine ärgerliche Stimme fuhr zwischen seine Bemühungen, d>e Station zu erreichen WaK er denn wolle— die Verspätung des Expreß 109? Dreiundfünfzig Minuten— ja, stimmt. Kann noch mehr werden. Nichts weiter als das! Wieder da? Knattern in der Leitung — nicht einmal rückfragen konnte Renard, welche Station die Ver- spätung bestätigt hatte. Antoine. Renard nahm die Lektüre der„Gazette du Lyon", in der ihn der Anruf aus Lorial gestört hatte wieder aus. Aber er war kaum imstande, zwei Sätze zu Ende zu lesen. So Unverstand- lich ihm die innere Unruhe war, es trieb ihn ein unwiderstehlicher Zwang hinaus auf die Strecke. Keuchend kampjte er sich durch den hohen Schnee, bis er das Licht des Signalmaste» durch dos dichte Flocken- wirbeln schimmern sah. „Sonderbar", wunderte sich der Streckenwärter.„Vor einer Stunde ist der Zug nicht zu erwarten und trotzdem zeigt der Block .Frei« Fahrt'." Er prüfte die Zugdrähte de? Signals, klopfte den Schnee von den Rollen, horchte«ine Weil« in dos ab- und auffteigende Heulen des Sturmes hinaus. Dann schritt er die Strecke nordwärts bis zu der Betonbrücks ab, die über den Werkkanal der nahen Papier- fabrik führte Der Schnee hatte das Geländer fast zugeweht, Re- nard mußte jeden Schritt mit aller Vorsicht tun, der Kanal lag 15 Meter tiefer, ein Sturz auf die Eisdecke konnte das Genick brechen. Quer über den Bahndamm führten Fußspuren, knapp daneben andere, nahezu verweht von dem unaufhörlich fallenden Schnee. „Wilddiebe!" vermutete der Streckenwärter und wandte sich zur Umkehr. Der Sturm kniff einem ordentlich in die Ohren. Es war sinnlos, da draußen halb zu erfrieren, wo der Expreß noch gute sechzig Kilometer südwärts durch den Schneesturm stampfte. Antoine Renard sah alle fünf Minuten noch der Uhr.„In einer Viertelstunde wäre er fällig", murmelte er.„aber Lorial mel- dete 53 Minuten Verspätung, gibt eme Stunde und acht Minuten — früher ist mit der Durchfahrt nicht zu rechnen." Nervös horchte der Streckenwärter nach dem Telephon. Nicht das geringste Geräusch— nicht ein, einziges Klingelsignal. Jetzt waren es 12 Minuten. Konnte mit rechtzeitiger Ankunft des Zuges gerechnet werden, müßte Renard jetzt noch einmal die Strecke nachsehen--. Renard schrack zusammen. Was hatte er nur mit den Fuß- spuren? Er zwang sein Gehirn, genau zu überlegen. Was kümmerten ihn Wilddiebe? Er hatte die Strecke zu bewachen, vom Wächterhaus nordwärts bis zur Betonbrück« und noch Süden bis zum Signalmast. „Der Teufel! Wozu eine Stunde vor Passieren des Zuges schon.Freie Fahrt'?" Der Stteckenwärter sprang auf. Wenn sich der Fahrdienstleiter in Lorial in der Angabe der Verspätung geirrt hätte— oder wenn er selbst falsch verstanden hatte! Mit einem Schritt war Antoine bei der Tür. „Acht Minuten", keuchte er, während er, fo schnell es nur ging, vorwärts hastete. Renard stolperte, fiel, kämpfte sich über heimtückische Schneehügel, glitt aus, riß sich die Hände wund, sah nicht zwei Meter weit, so stoben ihm die Schneeflocken in die Augen. Schwitzend erreichte er den Signalmast. Der Block gab noch immer„Freie Fahrt". In oller Hast zurück! Seine Lungen keuchten, das Herz hämmerte in krampfhaften Schlägen. Vorbei am Wächterhaus, nordwärts bis zur Betnnbrücke! Dreihundert Meter noch— zweihundert! Antoine wußte genau, wo die Distanz- steine standen— hundert Meter, er atmete auf. Kaum daß die Beine noch vorwärts konnten. Bis zu den Hüsten sank er in den Schnee, Endlich vierzig Meter— in der Hölle Namen! Hatte er nickit eben eine Stimme gehört— ein Anruf! Von wem? Der Stteckenwärter stürzte vorwärts— fein Atem pfiff— feine Augen suchten das Schneegestöber zu durchdringen,.. „Hast! Nicht einen Schritt weiter!" brüllte es ihm entgegen. Ein Schuß krachte, kaum zwanzig Meter links, unten an der Sohle des Dammes der dunkle Umriß eine Gestalt, dicht neben der Brücke eine zweite, „In aller Teufel Namen!" schrie Renard, Zwei Revolver gaben ihm Antwort, Ein dritter eröffnete dos Feuer, Ein harter Schlag gegen die rechte Brust brachte ihn zum Sturz Vor feinen Augen wirbelten schwarze Kreise inmitten der weißen Schnee- flocken Die Zähne aufeinandergebissen, kroch der Stteckenwärter auf die rechte Seite des Dammes. Ein Anschlag auf den Expreß. durchzuckte es fein Gehirn, Die Verspätung war eine Finte! Bei den Heiligen de? Himmels, der Zug mußte aufgehalten werden. „Die Signaldrähte!" stöhnte Renard. Seine Lungen versagten. Ein Würgen schnürte ihm die Kehle enger. Seine Rechte wühlte den Schnee auf, mit der Linken suchte er nach der Drahtschere in seinen Taschen, Mit letzter.Kraft schnitt er die Strange durch, jetzt mußte das Signal in die Halfftellung sollen... Ein gellender Pfiff schnitt duech da? Toben de? Sturmes. Hart schlugen die Bremsen gegen die Räder. Expreß 109 hielt knapp vor Blockposten 453, Der Zugführer und zwei Schaffner mochten sich aus die Suche, Fünfzehn Meter vor dem Werkskanal sattben sie Renard. die Hände in den Schnee oerkrampst, flach auf dem Boden liegend. Sein Atem ging nur schwach,' aus der rechten Brustseite sickerte Blut. Keine acht Schritte vor ihm war ein Draht an den Schienen befestigt, der zu einer Batterie unter dem mittleren Brückenpfeller führte. Zwei Sprengladungen sollten in der Sekunde zur Explosion gebracht werden, in der der Erpreß die Brücke passiert«. Bon den Attentätern fehlte jede Spur, sie hotten nichts zurückgelassen als etn Feldtelephon. An einem Telegraphenmast hatten eiserne Kletter- boken tiefe Schrammen in das Hol,; gerissen Die Leitung zum Blockposten 453 war durchschnitten, die Drahtenden hingen zu Boden, Nicht zu verwundern, daß Antoine Renard weder Lorial noch Avignon erreicht hatte. Ungestört hatten ibm die Banditen ihre Weisungen erteilt und seine Anfragen abgehorcht, Um dreiundfünfzig Minuten verspätet setzte der Erpreh 109 seine Fahrt nach Lyon fort. Dem schwerverletzten Streckenwärter rettete eine sofort durchgeführte Operation gerade noch das Leben.