Redaktion u. Expedition: Serltn SW 68, Lindenstr.S Sei. A7 Dönhoff 292—297 BERLIN Mntag 22. August 1932 10 Pf. Nr. 394 B 192 49. Lahrgang Anzeigenpreis: Die Isplt. MiNt- meterzeile 80 Pf. Die Reklmnezeil« kostet 2 Mark. Rabatte n. Tarif. Erscheint täglich außer Sonntags Zugleich Abendausgabe des„Vorwärts". Bezugspreis f ll r b e i d e A u s g a b e n 75 Pf. pro Woche, 8,25 M. pro Monat(davon 87 Pf. monatlich fitr Zustellung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 8,97 M. einschließlich 60 Pf. Postzeitungs. und 72 Pf. Postbestellgebühren. Zuchdiaus über OMau SchrecHensurleiie des Sondergerichis Breslau. 22. August. Am Montag wurde unter starkem Andrang des Publikums und in Anwesenheit des Brcslauer Ober- landesgerichtspräsidentcn Witte das Urteil im Bricger Zondergerichtsprozctz wegen der blutigen Zusammenstöße in Qhlau am Ist. Juli verkündet. Von den Hauptangeklagtcn wurden wegen schweren Landsricdcnsbruchs in Tateinheit mit Wafsenmißbrauch und wegen schweren Ausruhrs der Kreisleiter des Reichsbanners. Durniok, zu drei Jahren Zuchthaus und der Orts- gruppensührer des Reichsbanners. Blech, zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Ter An- geklagte Vanin sen. erhielt wegen schweren Land- sriedensbruchs in Tateinheit mit schwerer Körper- Verletzung zwei Jahre Zuchthaus. Ter Ge- werkschastssckrctär Ztrulik und der Arbcitersekretär Stadtrat Manche wurden wegen einfachen Land- sriedensbruchs in Tateinheit mit Raushandel ver- urteilt. Strulik erhielt Jahre. Manche 1 Jahr Gesängnis! Bon den beiden weiblichen Ange' klagten erhielt Frau Kose wegen schweren Land- sriedensbruchs K Monate und Frau Rabe 3 Monate Gefängnis. Tic weiteren Strafen bewegen sich zwischen l Lj Jahren und 3 Monaten Gefängnis. * Jas Urteil dieses Sondergerichts wird als ein Dokument der Zustände unserer Zeit in die Geschichte eingehen. Des- wegen ist es nützlich, auch die Verfasser dieses Dokuments der Nachwelt vorzustellen. Landgcrichtsdirektor Serzog-Brieg zeichnet für dieses Zuchthausurteil als Vorsitzender verant- wortlich. Der Name soll in aller Erinnerung bleiben! Das Gericht in dieser Zusammensetzung hat es abgelehnt, die Einwände gegen seine Zuständigkeit gelten zu lassen, obwohl diese Einwände so berechtigt waren, wie nur je Zuständigkeitsbeschwerden berechtigt gewesen sind. Man denke: Der blutige Zusammenstoß in Ohlau, ausgelöst durch den frechen Angriff eines nationalsozialistischen Motor- radfahrers auf einen friedlichen Arbeitersportler, erfolgte am Sonntag, dem 1 0. I u l i. mitten in der Hitze der Wahlagitation, die von den Nationalsozialisten im ganzen Reiche mit den schamlosen Angriffen in Wort, Schrift und Tat bis zum Siedepunkt getrieben wurde. Erst einen vollen Monat später wurde die Notverordnung über Sondergerichte erlassen, weil die Bluttaten der Na- tionalsozialisten selbst der Baron-Regierung eine Geste der Abwehr aufzwangen. Diese mehrere Wochen nach dem Zusammenstoß von Ohlau errichteten Sondergerichte werden nun mit ihren neuen Kompetenzen als zuständig für Urteile über Dinge er- klärt, die im ordentlichen Gerichtsverfahren bearbeitet und schon vor der Strafkammer— mit Laienbeisitzern— zur �Verhandlung angesetzt waren. Drei Tage vor Beginn der Strafkammertagung wird die Sache plötzlich dem Sondergericht überwiesen, dem nur drei Be- r u f s r i ch t e r angehören und gegen dessen Entscheid e i n Rechtsmittel ausgeschlossen ist! Wenn irgend jemand erwarten sollte, daß das drako- nische Urteil von Brieg in der republikanischen Bevölkerung als Recht anerkannt würde, so befindet er sich in einenz unverzeihlichen Irrtum. Man muß sich vor Augen halten. daß die brutalen Vergewaltigungen durch die SA.-Leute schon jahrelang andauerten, daß der Fememörder Heines als Führer gerade der s ch l e s i j ch e n National- sozialisten bestellt ist und daß gerade in Schlesien sich eine besonders rohe Methode der Nazis herausgebildet hatte. Man wird dann begreifen, daß auch bei den Reichsbannerleuten einmal die tiefe Empörung zum Ueberlaufen kam, daß sie sich die Mißhandlung ihrer Angehörigen durch die braunen Landsknechte nicht mehr widerstandslos gefallen lassen wollten. Gerade diese offenkundige Abwehrhand- l u n g zum Gegenstand eines politischen Sondergerichtsver- fahrens zu machen, war schon eine Herausforderung aller republikanisch denkenden Bevölkerungskreise. Das Urteil aber unterstreicht diese Herausforderung fast in dem gleichen Maße wie die Schreckensanträge, die die Staats- anwaltfchaft stellen ließ, wenn es auch um ein geringes unter den beantragten Strafen zurückblieb. Niemand kann sich des Eindrucks verwehren, daß in Brieg bewußt„ein Exempel statuiert" werden sollte, ein Exempel gegen Reichsbannerleute. In der Presse und den Versammlungen der Reaktion wird das lebhaft begrüßt, weil man so von der Blutschuld der Hitler-Garden ablenken kann. Aber gerade in dem Augenblick, da das Urteil von Ohlau bekannt wird, treffen auch die Straf- anträge aus Beuthen ein, wo die Schuld an einem verabredeten gemeinsamen Mord an einem Ar- bester, der nachts aus dem Bett geholt und viehisch erschlagen wurde, ganz einwandfrei feststeht. Hier gehören die Mörder zur Ehrengarde Hitlers, der die Hand nach der„Macht" im Reiche und in Preußen ausstreckt. Diese Ehrengarde stellt auch das Dreimännerkollegium von Beuthen Beuthen. 22. August. Im Sondergerichtsprozest gegen die wegen Totschlags an dem Kommunisten Pietrzuch angeklag- ten Personen stellte am Montag der Oberstaatsanwalt Lachmann folgende Strafanträge: Gegen die Angeklagten ottisch. Gräupner. Müller. Lachmann und Wolnitza die Todes- st r a f e wegen Vergehens gegen K 2 Ziffer 3 der Notverordnung vom 19. August und des K 3 Ziffer 5 derselben Notverordnung in Tateinheit mit Bergehen gegen das Tchusttvaffengesetz. Außerdem beantragte er gegen die- selben Angeklagten je 2 Jahre Zuchthaus wegen schwerer politischer Körperverletzung, begangen an Alfred Pietrzuch. Außerdem sollen dem Angeklagten Lachmann die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer unter Druck, indem sie durch ihre Zeitung„Die Ostfront" er- klären ließ: „Wenn das Gericht es wagen würde, auch nur ein einziges Todesurteil zu fällen, so würde sich in ganz Teutschland ein Sturm erheben und die Fol» gen wären unabsehbar..." Mit sollchen Drohungen können die Nazis auf das Ge- richt zu wirken suchen, ohne daß ihnen dafür ein Haar ge- krümmt wird. Die Notwehraktion des Reichs- b a n n e r s aber wird— unter Ausschluß jedes Rechts- mittels— mit Zuchthausstrafen bedacht! Wir drohen nicht! Aber wir stellen fest, daß das Urteil von Ohlau wie ein Fanal in den Reihen der deutschen Arbeiter wirken wird, daß den Verurteilten, selbst wenn sie die Grenzen der Notwehr im einzelnen überschritten haben sollten, die volle Sympathie aller freiheitlich Denkenden ge- hört und daß mit diesen Sondergerichten und ihren Urteilen gegen Republikaner bald Schluß gemacht werden wird. Die Rückkehr zum Staat des Rechts ist nicht aufzuhalten. Auch nicht die Rückkehr zum Rechtsmittel, daß das Urteil von Ohlau korrigieren wird! aberkannt werben, da er sich in besonders gemeiner Weise zu der Tat hergegeben habe. Gegen die Angeklagten Hoppe und Novak beantragte er wegen Beihilfe zu diesen schweren Straftaten j e fünf Jahre Zuchthaus. Handgranaten in Schlesien. Attentat auf Zentrumsführer. Breslau, 22. Zlugufk. fEigenberichl.) 3n der Ttadst zum Montag wurde in Schönwalde bei Glciwih ein Handgranatenanschlag gegen die Mahnung eines Mitgliedes der Zenlrumspartei verübt, dessen Sohn sich in der Sreuzschar-Lewegung beläligle. Die Handgranate plahle unmittelbar vor dem Hause und richtete erheblichen Sachschaden an. Der Täler ist unerkannt eut- kommen. Das Parlament der Metallarbeiter Die Eröffnung des Verbandstages Leb. Dortmund. 22. August.(Eigenbericht.) heute vormittag begann hier in der Weftfalenhalle der 20. Ver- bandstag des Deutschen Metallarbeiteroerbandes. Zum ersten Male seit dem 40jährigen Bestehen dieser größten Organisation ist das der erste Verbandstag, der im R u h r g e b i e t, im Kohlen- pott, abgehalten wird. Den ernsten Beratungen des ersten Verhandlungstages ging gestern im Festsaal des„F r e d e n b a u m", im Lunapark Dortmunds, eine schlichte Begrüßungsfeier vorauf, deren erstrangiges Programm vom Dortmunder Sinfonieorchester und den Volkschören Witten und Dortmund bestritten wurde. Mit großer Aufmerksam- keit folgten die Delegierten den Begrüßungsworten des Dortmunder Bevollmächtigten der Metallarbeiter, Genossen Otto Schmidt, der mit packenden Worten die Schwierigkeiten schilderte, die gerade hier im Ruhrgebiet in der Vorkriegszeit bei der Werbung von Gewerk- schaftsmitgliedern zu überwinden waren. Neben Oberschlesien, Ost- und Westpreußen fanden sich hier die anspruchslosesten Arbeiter Europas, Italiener und Polen, zur Arbeit ein. In diesem„Kehrichthaufen" der deutschen Arbeiterschaft, wie Ignaz Auer einmal das Ruhrgebiet nannte, die Saat gewerk- schaftlicher Organisation zum Keimen zu bringen, war äußerst schwer, zumal hier das rücksichtsloseste Unternehmertum zu Hause war. Auch heute noch erhebt die Sozialreaktion im Ruhrrevier ihr Haupt. Im Ruhrgebiet begann die Beseitigung des Achtstunden- tages, vom Ruhrgebiet nahm auch in dieser schwersten aller Krisen der Lohnabbau seinen Anfang. In diesem Sammelbecken der Sozialreaktion wird das Parla- ment der Metallarbeiter die Beschlüsse fassen, die zur Erhaltung der Kampfkraft des Deutschen Metallarbciterverbandes notwendig find. Im Mittelpunkt der dann folgenden zündenden Rede des hiesigen Regierungspräsidenten, Genossen König, einem Mit- begründer des Metallarbeiteroerbandes, stand die Forderung nach Beschaffung von Arbeil für die hunderttausende, die im Ruhrgebiet als Wohlfahrtsunterstützungsempfänger oder sonstwie dürftig Unter- stützte ein erbärmliches Leben fristen. ?SZ Delegierte aus allen Gauen Deutschlands, dazu die Mitglieder des erweiterten Beirats, des Verbandsvorstandes usw., Vertreter der örtlichen Be- Hörden und eine große Zahl von ausländischen Metallarbeitersührern Fünf Todesurteile beantragt Die Strafanträge gegen die Mörder von potempa fanden sich heute vormittag in der festlich geschmückten Westfalen Halle zusammen. Nach kurzen Begrüßungsworten des hiesigen Bevollmächtigten der Metallarbeiter nahm der Verbandsvorsitzende Ge- n o s s e Reichel das Wort zu der Eröffnungsansprache, in der er zunächst die Delegierten und Gäste herzlich begrüßte, sowie der Männer aus Partei, Gewerkschaft und Reichsbanner gedachte, die seit dem letzten Verbandstag in Berlin verstorben sind. Genosse Reichel warf dann einen kurzen Rückblick auf die Erfolge des jetzt mehr als 40 Jahre bestehenden Metallarbeiteroerbandes. Dem Wirken dieser Organisation ist es zuzuschreiben, daß die Metall- arbeiter aus Zabriksklaoen zu freien Menschen, zu Staatsbürgern wurden. Heute versucht der Kapitalis- mus, diese Errungenschaften wieder zu beseitigen. Die Organi- sation wird alle Kräfte ansetzen zur Abwehr dieser schädlichen An- griffe. Die sozialreaktionären Kräfte seien gewarnt, den Bogen nicht zu überspannen. Der Metallarbeiterverbond bekennt sich zu dem Marxismus, den gewisse Kreise in Deutschland be- kämpfen, ohne ihn überhaupt zu kennen. Den Gegnern der vor- wärtsstrebenden Arbeiterschaft sei gesagt:„3hr könnt uns wohl hemmen, aber ihr besiegt uns nicht. Die Zukunft gehört der Sozialorganisation der Arbeit, für die wir kämpfen." Oer Maulkorb. Echleswig-Holsteinische Volkszeitung verboten. Siel. 22. August. Der Oberpräsidenl der Provinz Schleswig-holstein hat die in Siel herausgegebene sozialdemokratische„Schleswig-Hol- steinische Dolkszeitung" auf die Dauer von acht Tagen und zwar vom 22. bis 29. August einschließlich verboten. Anlaß zu dem Verbot gab der in der Nummer 193 der Zeitung erschienene Artikel„Zweierlei Maß— Vomenleger Dr. Forst aus der Haft entlassen, weil kein Fluchtverdacht— Reichsbannerleute werden wochenlang in Haft behalten." Durch diesen Artikel sollen die Gerichtsbehörden angeblich böswillig verächtlich gemacht worden sein. * Uns scheint, daß auch die schärfste Kritik in der Oesfent- lichkeit dem Ansehen der Justiz nicht im entferntesten so- viel Abbruch tun kann, wie sie sich selbst durch die unter- schiedliche Behandlung von Rechtsradikalen und Nationalsozialisten schadet. In dem Fall des Nazi-Ehirurgen Dr. Först wird der ver- antwortlichen Justizbehörde der Nachweis schwerlich gelingen, daß seine Haftentlassung gerechtfertigt war. Landtag beginnt am 50, August. Reichstags- und Landtagseröffnung fallen zusammen. Der Präsident des Preußischen Landtages, Kerrl, hat den Landtag nunmehr zum 3V. August, 13 Uhr, ein- berufen. Die Vorverlegung des ursprünglich auf den 1. September festgesetzten Zeitpunktes ist auf Wunsch des Zentrums erfolgt, da vom 31. August bis zum 4. September der Katholikentag in Effen stattfindet.— Die Eröffnungssitzungen des Reichstages und des Landtages finden also an dem gleichen Tage statt. Mutief möfder Thielecke geflüchtei. Zusammen mit einem Gefangenen aus plöhensee. Wie erst jetzt bekannt wird, ist gestern nachmittag der 26 Zahre alle Kaufmann Calislros Thielecke, der am 6. August 1930 in der Zoachim-Friedrich-Straße ZZ in Halensee seine 47 Zahre alte Wulter Camilla Reuhaus-Thielecke in der Badewanne er» mordete, aus der Zrrenabteilung des Gefängnisses in plöhensee zusammen mit einem anderen Slraszesangenen, dem 2? Jahre alten Arbeiter Julius W i s ch n e w s k y, entwichen. Die beiden haben einen sensationellen Fluchtweg gesunden und sind wahrscheinlich im Auto entkommen. Sie müssen bei ihrer Flucht Helfer gehabt haben, da sie nach lleberkletterung der Außenmauer ihre Kleidungsstücke zurückließen. Th. hätte noch bis zum Jahre 1941, der andere bis 1935 in Haft bleiben müssen. Falschmünzer-Werkstatt ausgehoben. Zwei Verhaftungen in Wandlitz und Zühlsdorf. Beim Vertrieb von falschen Fünfzigpfennigstücken wurde in einer Ortschaft bei Wandlitz eine Frau K l e i st festgenommen und der Polizei übergeben. Die Frau hatte schon ver- schiedene andere Orte, wie Zerpenschleuse usw., aufgesucht und dort die Stücke untergebracht. Bei Wandlitz wurde sie angehalten und von der Polizei verhört. Dabei legte sie ein T e i l g e st ä n d n i s ab. Durch den Vertrieb der falschen Geldstücke kam man gleich- zeitig dem Hersteller auf die Spur. Er ist ein Erich D e b e r t aus Zühlsdorf. Als die Polizei bei ihm eindrang, fand man eine komplette Fälscherwerk st att vor, in der nicht nur Fllnfzigpfennig-, sondern auch Zwei- und Dreimark st ücke hergestellt worden waren. Die Ortspolizei fahndet jetzt noch nach einigen anderen Personen, die im Verdacht stehen, sich an dem Vertrieb der Stücke beteiligt zu haben. Debert sowohl als Frau K. wurden ins Gefängnis eingeliefert, wo die Frau oersuchte. Selbstmord zu begehen. Sie konnte aber noch rechtzeitig daran gehindert werden. Es ist die Vermutung aufgetaucht, daß die Leute auch in Berlin Falschgeld vertrieben haben. Vorführung von Raketenflugzeugmoöellen. Osnabrück. 22. August. Auf der Atterheide bei Osnabrück fand in Anwesenheit der Spitzen der Behörden und vor etwa 4000 Zuschauern der e r st c Raketenflugtag Deutschlands statt. Der bekannte Os- nobrücker Ingenieur T i l i n g führte seine patentierten Raketen- flugzeugmodelle vor. Tiling legte dar, daß das Grundprinzip seiner Forschungen darin bestehe, bei langsam steigender Beschleunigung und bei Auslösen der Flügel im Gipfelpunkt des Fluges den Rakctenjlug für Menschen möglich zu machen. Er führte sechs Modelle vor, die eine Höhe von etwa lögg Meter erreichten. Leider litt die Vorführung unter der steigenden Hitze, und so explo- dierte eine Rakete kurz vor dem Abschuß. Vor allen Dingen wurde die Erfindung Tilings bewundert, wie sich die Rakete in 1500 Meter Höhe zum Flugzeug verändert. Im Hungerstreik stehen seit 9 Tagen 32 junge Ukrainer, die seit vier Monaten in Przemysl in Untersuchuugshast sitzen, ohne daß ihnen die Anklage zur Kenntnis gebracht wurde. Raymond poincars hat sich entschlossen, bei den Senatswahlen im Oktober wieder zu kandidieren. 11/1 ■■ Siarl stum Suropa- Stundflug Sm Flughafen Tempelhof wurden geflern früh die 39 Teilnehmer des Snropa- Stund flugs auf die 7500 Siilomeler lange Steife geschickt (Näheres i m Sportteil!) Ein Tropensonntag Massenflucht aus Berlin/ Mehrere tödliche Badeunfälle Ter gestrige Sonntag, der bereits in den frühe« Morgenstunden verspraclz, ein Rekordhitzctag zu werden, ist gekennzeichnet durch die bisher wohl in diesen Ausmaßen noch nicht beobachtete Massenflucht der Ber- liner aus der Reichshauptstadt. Schon von g Uhr morgens ab waren Zehntausende von Radfahrern, Motorrad- fahrern und Automobilisten unterwegs, um nach den zahllascn Ausflugsorten und Seebädern in der Umgegend Berlins zu kommen. Die Straßenbahnhaltestellen der Linien, welche die Ausflügler nach den Strandbädern bringen, waren mit besonderen Polizeiposten besetzt, da der Andrang so groß war, daß die Bahnen regelrecht gestürmt wurden. Um einen reibungslosen Verkehr durch- führen zu können, mußten sich die Fahrgäste vielfach zeitweise in Reih und Glied anstellen. Desgleichen waren an den aus Berlin herausführenden Hauptverkehrsstraßen in gewissen Abständen zahl- reiche weitere Doppelposten der Polizei aufgestellt, um den riesigen Auto- und Motorradoerkehr zu regeln. Auch das Rote Kreuz und die Arbeiter-Samariter hatten an allen gefährlichen Stellen provisorische Lager eingerichtet, um bei Unfällen sofort eingreifen zu können. Natürlich hatte die BVG. sämtliche zur Verfügung stehende Verkehrsmittel, so besonders die Straßenbahn und Autobusse, in erhöhtem Maße eingesetzt und zahlreiche Sonderwagen eingelegt. Die Strandbäder und die umliegenden Ausflugsorte wiesen einen Rekordbesuch auf, wie er in diesem Jahre noch nicht zu ver- zeichnen war. In einzelnen Parkanlagen hatten Hunderte von Leuten, die aus ihren heißen Wohnungen' geflüchtet waren, über- nachtet und führten nun den Tag über ein heiteres und schattiges Lagerleben.— Jedenfalls, fast ganz Berlin war unterwegs, und die Reichshauptstadt Glich in den Mittagsstunden einer ausgestorbenen Stadt. Die Nadeopfer. Leider forderte der starke Dadebetrieb trotz oller an den Strand- anlagen getrastencn Vorsichtsmaßnahmen wieder mehrere Todes- opfer. So ertranken beim Baden im Müggelsee, unweit des Restaurants Müggelschlößchen, wahrscheinlich infolge Hitzschlags der 33 Jahre alte Fahrstuhlführer Schwieg aus der Skalitzer Straße 143 und die siebenjährige Jngeborg Zania, die bei ihren Eltern in der Alexandrinenstraße 116 wohnt. Beide konnten durch die Feuerwehr nur noch als Leichen geborgen werden. Ferner ertrank um die Mittagszeit im Tegeler See im Freibad Willner der 22iährige Telephonist Kurt N o w a ck aus der Posener Straße 5. Schließlich wurde in Tegelort vor dem Lokal Waldburg gegen 14 Uhr die Leiche eines bisher noch unbekannten etwa achtzehnjährigen Mannes aus der Havel gezogen, der vermutlich am Vormittag beim Baden ertrunken ist.— Nachmittags ertrank im Strandbad Grünau der 27 Jahre alte Monteur Paul Naumann aus der Zossener Straße 17. Die Leiche konnte ge- borgen werden. Im Freibad R u h l e b e n ertrank ein etwa 35 bis 40 Jahre alter, mit einer schwarzblouen Badehose bekleideter Mann. Die Leiche wurde geborgen, der Tote konnte aber noch nicht identifi- ziert werden. Er wurde in das Leichenschauhaus übergeführt.— Der elfjährige Schüler Heinz Scheer aus der Alten Jakob- stroße 173 ertrank gegen 15 Uhr beim Baden im Stößensee in der Nähe des Jagen 152. Die Leiche wurde geborgen und dem Schauhause eingeliefert. Auch die Feuerwehr hatte im Lause des ganzen Tages infolge der übermäßigen Hitze, die vielfach zu Bränden durch Selbstentzündung führte, reich« Arbeit. Glücklicherweise sind Feuer größeren Ausmaßes nicht zu verzeichnen. Gegen 14 Uhr kam es im Brikettkeller der Kohlen- Handlung Scholz in der Badenschen Straße 30 durch Selbst- entzündung zu einem Brand, der zunächst größeren Umfang anzu- nehmen schien. Der Feuerwehr gelang es jedoch, nachdem die brennenden Briketts auf den Hof geworfen waren, das Feuer-n verhältnismäßig kurzer Zeit zu löschen. Ltnwetterschäöen. Die furchtbare Hitze wurde in Norddeutfchland am Sonntag- nachmittag und in den Abendstunden durch schwer� Unwetter a b g e l ö st. Bei einem Gewitter, das über Stettin niederging, wurde ein zwölfjähriger Schüler Herbert Stenzel vom Blitz g e- tötet. Seine Mutter mußte mit schweren Lähmungserscheinungen ins Krankenhaus geschafft werden. In Schleswig-Holstein und in den Elbegebieten ging am Sonntagnachmittag ein sthweres Unwetter nieder. Eine Windhose richtete große Ver- Wüstungen an. In den von ihr heimgesuchten Ortschaften wurden viele Gebäude fast völlig zerstört. Die Chausseen, die der Wirbel- stürm passierte, sind durch umgestürzte Bäume gesperrt. Wein in Hitseld wurden vierzig Wohnhäuser durch die Windhose abgedeckt. Die Feuerwehr aus den betroffenen Ortschasten und den Nachbor- dörsern, unterstützt durch die Hamburger und die Horburger Feuer- wehren, leistete in dem Unwetteryebiet Hilfe. In Berlin war es seit ö7 Jahren nicht mehr so heiß wie am gestrigen Sonntag. Der Hitzerekord vom Sonnabend, an dem dos Quecksilber 3 6,2 Grad Celsius im Schotten erreichte. wurde im Laufe des Sonntags noch um fast um einen halben Grad übertroffen. Es herrschte ein« wahre afrikanische 5)itze. Roskock, 22. August.(Eigenbericht.) Ein furchtbares Unwetter wütete am Sonntagabend und in der Nacht zum'Montag in weiten Teilen von beiden Mecklen- bürg. Mit dem Unwetter war zum Teil wolkenbruchartiger Regen und Wirbelwind verbunden. Insgesamt sind durch Blitz, soweit es hier zu übersehen ist, mehr als 25 Wohn» und Wirtschaflsgebäude in Asche gelegt worden. Im Mecklenburger Gebiet wurden zwei Personen vom Blitz erschlagen. In der Umgegend von Boizenburg wurden fast zu gleicher Zeit sechs verschiedene Gebäude durch mehrere Blitzschläge in Brand gesetzt und völlig eingeäschert. Die Bewohner konnten sich teilweise noch in Sicherheit bringen. In der mecklenburgischen Ortschaft Bresegard wurden durch Wirbelwind mehrere Häuser abgedeckt. Mord an einem Knaben. Leichenfund bei Fattensee.- Mordkommission alarmiert. Am Sonntag mittag gegen 12.45 Uhr wurde von Spazier» gängern in der Gemarkung F a l k e n s e e ein furchtbarer Fuud ge» macht. Dort wurde die Leiche eines Knaben im Alter von etwa 12 bis 14 Zähren im Laubwaid gefunden. Der Tote, der zunächst unbekannt war, wies am Kopse Berlehungen und Blutgerinsel auf. Die Leiche lag aus dem Bauch im Grase und war unbekleidet. Ulan benachrichtigte zunächst den Förster, der von sich aus die Landjägerei von dem Fund in Kenntnis sehte. Mehrere Beamte erschienen am Fundort und alarmierten nach den ersten Feststellungen schon die Berliner Blordkommission, die sich unter Führung von Kriminalkommissar Dr. Ziese mit Beamten des Erkennungsdienstes und der Polizeiphotographen sofort nach Falkensee begab. Der Fund wurde im Wald« von Brieselang in der Gemarkung Faltensee zwischen den Stationen Finkenkrug und Brieselang ge- macht. Die Ortschasten liegen auf der Strecke nach Spandou-Nauen. Anscheinend hat der Tote bereits mehrere Tage dort ge> legen, denn die Leiche wnr bereits teilweise entstellt. Reben dem Toten lag eine kurze Tuchhose. Infolge des anhaltend schönen Wetters hatten sich am Sonntag bereits in den Mittagsstunden zahl- reiche Spaziergänger in den dortigen Wäldern eingefunden, von denen ein Teil sogar Naturschutzparkgebiet ist. Der Fundort des Toten bejindet sich in der Nähe der B o b n b u d e 3 5. Es ist die» ein kleines Streckenhäuschen. in dem sich Beamte der Ueberwachungs- stelle der Reichsbahn aufzuhalten pstegen. Die Landjäger sperrten die Fundstelle in weitem Umkreise ab. ver Ermordete festgestellt. Im Laufe der Untersuchung wurde festgestellt, daß der Tote der 16 Zatzre alte Kur! Schöning aus der Kroiiener Straße 13 in Lichtenb �g. durch einen Schnitt mit einem Rasiermesser getötet war. den ist. Der Schnitt hatte die Halsschlagader durchtrennt. Außerdem sind dem jungen Manne schwere Verletzungen am Unterleib zu- gefügt worden. Bei einer Adjuchung des Fundortes entdeckte man auch zwei Rasiermesser, von denen das eine zur Tat benutzt wurde. Vom Täter fehlt noch jede Spur. Räch Ansicht der Gerichtsärzte kann die gräßliche Tat am Frei- tagabend oder Sonnabendfrüh passiert sein. Kurt Sch. ist sehr früh der elterlichen Gewalt entwichen. Kurt wurde zu einem Schlosser- meister in die Lehr« geschickt, rückte aber sehr bald aus. Es stellte sich heraus, daß er eine Neigung hatte, sich in homosexuellen Kreis«« zu bewegen, wo er bald eine bekannte Erscheinung wurde. Der Jung« trieb sich nächte- und tagelang umher und verkehrte auch in entsprechenden Lokalen. Am Sonntag, dem 14. August, wurde er von einem Bekannten der Familie, der um die Verhältnisse genau wußte, in der Friedrichstraße angetrosten. Er ließ Kurt Sch. fest- nehmen. Man benachrichtigte den Vater, der den Jungen abholte. Nunmehr gelobte Kurt Besserimg. Sein Vater glaubte ihm und zog seinen Antrag, den Jungen in Fürsorgeerziehung zu geben, zurück.. Am Donnerstag, dem 18. August, machte er zusammen mit seinem Vater einen Gang, der sie auch zum Aleranderplatz führt«. Dort erklärte der Junge seinem Vater, daß«r einem Freunde Geld geliehen Hab«, der es ihm jetzt zurückgeben wolle. Er äußerte den Wunsch, sich das Geld abholen zu dürfen. Der Vater willigte ein und verabredete mit ihm einen Treffpunkt. Von da an fehlte jedes Lebenszeichen pon Kurt Schöning. Als man die neben dem Toten liegende Hofe durchsuchte, sand man ein Notizbuch, das den Namen des Toten enthielt. So konnte er identifiziert werden. Der Voter des Jungen wurde gestern abend noch von der Mordkom, Mission vernommen. Er konnte aber keine wichtigen Fingerzeig- geben. Die Mordkommssion wird eine schwere Arbeit haben, das Rätsel um den Tod de» Jungen zu klären und seinen Mörder zu finden. Gowjetbeschwerde über Liieraiurverboie. Der sowjetrussische Geschäftsträger ist beim polnischen Außen. Ministerium wegen des Verbots sowjetrussischer Schriften, Zeitungen und Bücher vorstellig geworden. Insgesamt sind bis jetzt 364 jowjet- russische Schriften in Polen verboten, darunter auch Zeitschriften über Literatur, Industrie, Kino, Theater, Medizin usw. 34„Mobe"'Tote geborgen. Aber es werden noch 35 vermißt. kiel. 22. Zlugust. Sie„Aiobe" ist jehl vollkommen aufgeiaucht und hat nur noch geringe Schlagseite noch Backbord. Fast alle Räume sind jetzt leer gepumpt, um zu den Toten zu gelangen, die sich zumeist im achteren Dachraum befanden. Bis um 17 Uhr am Sonntag waren alle Räume der„Riobe" genau nach Toten durchsucht worden. Es ist nicht anzunehmen, daß in den bisher noch nicht leer gepumpten hellegats sich noch weitere Tote befinden. Von den geborgenen Toten stammen aus Berlin: Erich Guß, Karl Hellmut G e r l a ch, Dimitri Schmidt tpotsdam). Uterner Schulz fBerlin-Wilmersdorf). von 21 l b e- d Y l l fpotsdam) und G u t j a h r. Weiter wurde ein Toter geborgen, der noch nicht erkannt werden konnte. Es sind demnach am Sonntag aus dem Schiff 31 Tote geborgen, mit den schon früher geborgenen Toten zusammen 34. 35 werden weiter vermißt. Aufsallend ist es, daß sich unter den genannten Toten einige befinden, von denen die Geretteten behaupteten, sie hätten sie schwimmen sehen, während andererseits Vermißte, von denen man bestimmt annahm, daß sie im Schisse seien, nicht gefunden worden sind. mackenjen verlieft Waiierboljctwft Weil der Tag der Schlacht von Leuthen sich zum 1ZZ. Male jährte, wurde durch den Generalfeldmarschall von Mackensen ein Denkmal enthüllt. Dabei verlas dieser Pensionär der Republik vor den Zeugen des Mittelalters eine Botschaft des— Exkaisers, der sich den Fridericus-Gestalten in Erinnerung bringen will. Großfeuer bei Görlitz. Zwei Feuerwehrleute tötlich verunglückt. G ö r l i tz. ZZ. August. 3n einem bekannten Gartenlokal an der Reiße, dem„Reichs- Hof" in L e s ch w i h. südlich von Görlitz, brach nachts ein Zeuer aus. das mit großer Schnelligkeit um sich griff und in kurzer Zeit die gesamte Anlage mit den beiden Tanzsälen bis auf die Grundmauern eingeäschert hatte. Glücklicherweise war zu dieser späten Stunde nur noch der Wirt mit seiner Familie und wenigen Gästen anwesend, die Folgen des Brandes hätten sonst unausdenkbar sein können. Leider ist trotz dieser glücklichen Um- stände die Katastrophe dennoch nicht ohne Opfer geblieben: zwei Leschwiher Feuerwehrleute wurden von einer ein- stürzenden Giebelmauer erschlagen und zwei andere Personen erlitten schwere, wenn auch nicht lebensgefährliche Rauch- Vergiftungen. Die Entftehungsursache des Brandes ist noch unbekannt, doch wird Brandstiftung vermutet. Der Sachschaden ist außerordentlich groß. Da» Hauptgebäude wurde vom Wirt und sechs anderen Fa- mitten bewohnt, deren ganze habe mitverbrannt ist. Alan schätzt den gesamten Schaden auf etwa 150 000 bis 180 000 Mark, eine Summe, die allerdings zum größten Teil durch Versicherung gedeckt sein dürste.. Wie weiter zu dem Brande des„Reichshof� in Leschwitz bei Görlitz gemeldet wird, ist der Einsturz der nördlichen Giebelwand des Lokals, bei dem zwei Feuerwehrleute das Leben einbüßten. durch eine Gasexplosion hervorgerufen worden, die den nördlichen Teil der Giebclwand nach außen drückte, wobei der Jeuerwehrmann Rohrleiter Willi E i ch l e r und dessen Sicherungs- mann Martin Fischer, beide aus Leschwih, in die Tiefe gerissen wurden. Beide Verunglückten wurden unter den nachstürzenden Mauermassen begraben. Sie konnten zwar noch aus den glühenden Gesteinsmasssn lebend geborgen werden, erlagen aber aus dem Transport zum Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. ElSöampfer durch Blitzschlag versenkt. Lauenburg(Elbe), 22. August. Zwischen Bleckede und Radegast sank bei einem schweren Un> weiter innerhalb ganz kurzer Zeit der Schleppdampscr„Ger- mania" der Dampfschiff-Reederei Rehnke u. Mewesi die Besatzung tonnte gerettet werden. Man will beobachtet haben, daß ein Blitz in den Schornstein der„Germania" einschlug. Das Schiff hatte mehrere Tankkähne im Schlepp, die unbeschädigt blieben.___ wstter für Berlin: Wechselnd bewölkt mit einzelnen Regeniällen und weiterer Abkühlung. Mäßige westliche bis nordwestlich« Winde. — Für Deutschland: Ueberall wolkig mit Temperaturrückgang und einzelnen Niederschlägen. Kulturbolschewismus im Film? Anmerkungen zu„Die elf Gchillschen Offiziere" Tos Heldische bat nicht direkt obgewirtschastet und wird noch lang« nicht abgewirtschaftet haben, aber sein Äurk hat nun mal seine besondere Hohe verloren, und anstatt sich in diese Tatsache zu finden, versucht es unser Regime, dem Niedersteigcnden eine künst- liche Hausse zu geben. Theodor Fontane, Zlm Sonnabend erlebte der Film„Die elf S ch i l l s ch e n Offiziere" im Marmorhaus seine Uraufführung. Der Marschall„Vorwärts" und andere„historische Großfilme" werden folgen, Sie lösen ofsenbar die Militärschwönke ab. Den Beginn machte bereits im vorigen Winter„Port", an dem sich die Serie orientieren zu wollen scheint. An und für sich wäre es zu begrüßen, wenn der deutsche Film aus der Verlotterung ideenlosester und vertrotteltster Unterhaltungs- schablone herauskäme. Es ist auch nichts gegen Filme einzuwenden, die deutsches Schicksal und das Schicksal Deutschlands behandeln. Zum Protest dagegen fordern solche Filme heraus, die in bewußter nationalistischer und chauvinistischer Tendenz verhetzend wirken wollen. Das wäre dieselbe Linie, die reaktionäre Kreise in gewissen sowjetrussischen Filmen als Kulturbolschewismus bezeichneten. In den bisher angezeigten und aufgeführten historischen Filmen deutscher Produktion steht die Front gegen Frankreich. Die tendenziöse Absicht der Aufpeitschung nationalistischer Leidenschaften ist unverkennbar. Frankreich wird in allen diesen Fällen als der Feind hingestellt, der in friedliches deutsches Schicksal eingreift. In „Jork" und„Die elf Schillschen Offiziere" wird darüber hinaus be- wüßt die Auflehnung des einzelnen gegen die Staatsgewalt als Hauptthema behandelt. Die Insubordination, die Rebellion wird heroisiert(genau wie in den sowjetrussischen Filmen). Damit wird die doppelte Bezogenheit dieser Art Film auf die deutsche Gegenwart deutlich. „Befreiung vom französischen Joch" ist das eine Leitthema(eine köstliche Begleitmusik zu den deutsch-französischen Rüsiungsoerhand- lungert). Der fundamentale Unterschied zwischen dem Heute und der Vergangenheit, die Tatsache, daß die Weltwirtschaftskrise und— tiefer gesehen— die Auseinandersetzung zwischen dem Kapital aus der einen, dem Konsumenten und dem Arbeiter aus der anderen Seite alle anderen Nöte in den tiefsten Schatten relativer Belang- losigkett stellt, ist zu einleuchtend, um nicht dieses Leitthema in den Hintergrund zu rücken. Bleibt als zweite, fast einzige Parallele die Rebellion gegen das bestehende„System". Es heißt, daß in einem der kommenden historischen Filme SA.-Formationen mitwirken. Hier haben wir fast symbolhast den Sinn der Parallele: die„nationale" Rebellion der„aufbauwilligen Kräfte", sie lebe... Lassen wir die schmückenden Beiworte„national" und„ausbau- willig" beiseite, so folgert aus diesen Filmen für alle, die da glauben, daß der Staat in irgendeiner Hinsicht versogt, die Moral: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott(einschließlich der, wie in den„Elf Schillschen Osfizieren" sehr ausführlich gezeigt wird, protestantischen Kirche). Können sich jene, die diese Art Film als ihre Waffe anfehen, wun- der», wenn sich die Waffe eines Tages gegen sie selbst richtet? Die sowjetrussischen Filme deuten die Möglichkeiten an. Auch in dieser Beziehung ist der Kulturbolschewismus der russischen und der deut- schen Filme derselbe, wenn auch die Borzeichen verschieden sind. Danach ist über die elf Schillschen Ossiziere nur noch wenig zu sagen. Mann von dreiunddreißig Jahren, der er ist, inszeniert Schill (1809!) einen Putsch gegen die französische Besatzung, an dessen wahnwitzigem Leichtsinn auch der Film keinen Zweifel läßt. Die Folge: Schill und eine Anzahl seiner Getreuen bleiben auf dem Platz, elf Offiziere werden gefangen und— wir wissen aus eigener An- schauung, daß das im Kriege nicht anders ist— erschossen. Es bleibt eine menschlich schöne Szene im Film, wenn der Vater eines dieser vom Nationalismus verblendeten Offiziere und der Kommandant der französischen Bejatzungstruppe in einer Unterredung an die Grenze der Erkenntnis von dem Irrsinn dieser von unfruchtbarem Kriegs- willen diktierten Feindschaft zweier nachbarlicher Völker gelangen, ohne doch die Grenze der nationalistifch-militaristischen Tradition überwinden zu können. Gerade in diesem Augenblick empfand man mit schmerzlicher Eindringlichkeit, wie leicht es wäre, den nationalen Film ans der negativen Linie der Völkerverhetzung herauszuführen und ihn mit jener großen Idee der Völkerverföhnung zu erfüllen, wie sie als Richt- linie für den öffentlichen Unterricht in der Reichsverfasiung fest- gelegt ist. Fast hatte man den Eindruck, daß auch Rudolf Meinert, der für Regie und Buch verantwortlich zeichnet, hier die größere Aufgabe sah und nur widerwillig(und kaum mit Bei- fall belohnt) die Erkenntnis von der Ohnmacht des Menschen, ist die Kriegsmaschinerie einmal in Bewegung geraten, in eine Blutschuld des napoleonischen Frankreich umbog. Das ist um so bedauerlicher. als der Film an sich, abgesehen von der widerlichen und an die übelsten Instinkte appellierenden Szene, in der ein Lump von Vater- landsverräter zu Schaden gekommen nicht nur von den Mitbürgern liegengelassen, sondern auch verspottet und verhöhnt wird, dramatisch und szenisch gute Qualitäten hat und Schauspielern wie Friedrich K a y ß l e r, Veit Harlan, Hans Brausewetter, Eugen Rex und Hertha Thiele Gelegenheit gibt, ihre Gestaltungskunst an einer ernsten Aufgabe auszuleben. I�epers. Richard Tauber als Franz Schubert. Theater des Westens. Käme einer auf die Idee, durch Aneinanderreihen berühmter Zitate ein Lustspiel zu fabrizieren, versuchte es jemand, lediglich aus Bildern alter Meister einen Film zusammenzusetzen— er würde verdientermaßen ausgelacht und ausgepfiffen. Was im Literarischen aber schlechterdings unmöglich ist, in der Sphäre des Visuellen zu bodenloser Lächerlichkeit verdammt wäre— das soll im Musikalischen möglich sein und immer wieder hingenommen werden? Mag dieses„D r e i m ä d e r l h a u s" noch so lange schon gespielt werden und mit Erfolg über olle deutschen Bühnen laufen: niemals vermag diese beschämende Tatsache Unrecht in Recht zu verwandeln, so grauenhasten Unsinn sinnvoll zu machen. In Schuberts Musik und nur in ihr gibt es das, worum sich Dutzende von Operetten und Hunderte von Tonfilmen ganz umsonst bemühen: Wien und Oesterreich--- ja, sie ist wienerischer als Wien, sie ist österreichischer als Oesterreich es je war. Solch unsagbare Wunderwerke barbarisch und ohne jede Ahnung vom Wesen musi- kalischer Organismen rücksichtslos zu zerstücken, um— eine Operette daraus zu machen, das heißt doch wenn irgend etwas: Perlen vor die Säue werfen, um dann die Säue, die sie gefressen haben, für kostbarer zu halten als vorher. Nein, nein es ist und bleibt eine Sünde wider den heiligen Geist der Musik, die Herrn Berte in alle Ewigkeit nicht wird vergeben werden: und eine Schande für jeden, der begreift, was da geschieht, und sich nicht wehrt, so gut er kann. Die Aufführung im Theater des W e st e n s, mit der die Operettensaison ihren diesjährigen und hoffentlich nicht typischen Anfang nahm, war um Richard Tauber herumgebaut: um Tauber als Schubert, für den er nicht nur seine berühmte Stimme mit all ihren Vorzügen und oll seinen Mätzchen, für den er auch schauspielerisch viel einzusetzen hatte; wenn er sich auch immer wie- der aus dem rührend ungeschickten Komponisten in den überaus geschickten Tenor gar seltsam verwandelte. Mimi G y e n e s(Hau- nerl) enttäuschte alle Erwartungen restlos: flache, resonanzlose Stimme, durchschnittlich nett und sonst gar nichts. Erwähnenswert noch Heidi E i s l e r(Grisi) mit viel Scharm und Temperament, Harry Bayer, Ludwig S t ö s s e l und Rost Kurz. Die kleineren Rollen waren ausnahmslos miserabel besetzt, Spiel, Regie, Orchester waren überaus mittelmäßig, das Ganze also Staroperette im schlechtesten Sinn. Der Premierenerfolg war groß. w. Theaterstück und Hörspiel. Berlin sendet zwei Einakter. Die Funkgemeinschaft der Deutschen Bühnengenossenschaft spielte vor dem Mikrophon der Berliner Funkstunde zwei Einakter,„Der Triumph der Wissenschaft" von Tri st an Bernard und„Schul- stunde im Jahre 3000", ein Hörspiel von Paul Schaaf. Tristan Bernards harmlose Satire ließ sich nicht ganz unbeschädigt aus der Welt des Auges in die des Ohres verpflanzen. Das Kleinstadt- milieu, in dem ein Kurpfuscher gegen den anderen und der Arzt gegen beide konkurrieren muß, um sich beim Publikum durchzu- setzen, wird von dem fröhlichen Wortgeklingel des Werkchens zwar in recht heiteren Farben, aber in wenig erkennbaren Umrissen gemalt. Erst der Schauspieler, der die Worte auch in Maske und Mimik sichtbar ausdeutet, kann die ziemlich gestaltlose Buntheit plastisch eindrucksvoll gliedern, die vor dem Mikrophon— trotz der guten Aufführung— in flüchtigem Spiel zerrann. Mehr Substanz hatte die„Schulstunde i m I a h r e 3 0 0 0". die den Hörer aus der Perspektive einer infolge ihrer Peroollkomm- nung vereinfachten Zeit auf unsere Gegenwart blicken lassen wollte, oder wenigstens auf unser Maschinenzeitalter: denn andere als tech- nische Probleme wurden in dieser„Schulstunde" höchstens mit einem zusälligen Wort gestreift. Eine Ahnung von der Dunkelkeit und Schwere und Barbarei, mit denen die heutige Technik die Menschen, ihre Diener belastet, wurde immerhin herausbeschworen, nicht mit der Kraft eines Dichters, doch mit dem verstehenden Wissen eines Menschen, der nicht blind durch die Welt geht. Man kann diese„Schulstunde im Jahre 3990" in die Reihe der brauch- baren Lehrspiele stellen. Die sprechtechnisch sauberen, gut durchgeführten Aufführungen wurden von Wolfgang Hoffmann-Harnisch geleitet.— lz. Schlangentanz im Naturtheater. Das„L o g e i o n"— laut Programmzettel„das Überpartei- liche Sprechtheater"— startete am Sonntagabend im Friedrichs- Hagener Naturtheater ein Lustspiel„Die Schlange" von E r n st L a c m e i st e r. Das szenische Milieu der Naturbühne bestimmt in diesem Fall rückwirkend den Charakter des Theaterstücks: Mi- schung von einfach geknoteter Handlung. Spielerei für die Augen, Ohren und das Herz und Tändelei von Lichtern und Schatten über dem grünen. Rasenplatz zwischen duftenden Strauchkulissen, im Hintergrund schlank und hoch gewachsene Kiefern, darüber der nach- tige Himmel. Also eine Mischung von Naturschönheit mit Phan- tastik, Schelmerei und tänzerischer Grazie, denn den visuellen Höhe- punkt bildete der Schlangentanz von Gertruds Schönborn. Dieser Typ des Logeion war zweifellos aus bester Hand: die An- mut der Natur für ein einstündiges Erlebnis mit geistiger und artistischer Anmut künstlerisch zu füllen. Aber— Die Veranstaltung scheiterte an dem Stück von Bacmeister, das an sich technisch zwar nicht heiterer Situationen entbehrt, flott und nicht unwitzig aufgebaut ist, dessen Sujet jedoch jenseits jeder künst- lerischen Ausdrucksmöglichkeit steht, was die Veranstalter und Ge- samtleitung Jutta Grunert und Regisseur C. Bruno Rings hätten voraussehen müssen. Einer mußte doch aus dem Manuskript lesen können, mit welchem Phantasieprodukt der naive, unschuldige, reine Naturwinkel bei Friedrichshagen Heuer 1932 überfallen zu werden drohte. Ein aus irgendwelcher jugendlicher Romantik her- vorgeholter Fürst(Otto Roland) läuft Gefahr, von einem indischen „Prinzen" und Magier(Gottlob Göricke) im Weisheitsdrang be- strickt zu«erden: die vernachlässigte Fürstin(Jutta Grunert) plant mit des Fürsten Adjutanten(Ernst Kollberg) einen Anschlag gegen den Magier, ihr Rendezvous wird van der Hofdame(Helene Nie- chers) gestört, die Fürstin täuscht eine Ohnmacht vor, in die sie beim Anblick einer Schlange gefallen sein will, und im Laufe der Jagd nach der illusionistischen Schlange wird der indische Pseudoprinz als Betrüger entlarvt. Hiappy«nd— das der Gewitterregen gestern abend leider verwässerte. Man sieht, daß dieses pseudoromantische Sujet einer Kabarett- oder Zirkuspantomime näher liegt als einer Naturbühne. Bühne ist immerhin Bühne. Die Mitwirkenden retteten die Aufführung in die gutmütige Duldung des mit kollektivistischer Bravour durchkämpften unmög- lichen Stücks. Das Publikum war beifallsfreudig, und die ganze Sache sah einer Privatveranstaltung ähnlicher als einer öffentlichen Darbietung. l. st. Expedition in die Kongo-Alpen. Von der belgischen wissenschaftlichen Expedition in die Ruwenzori-Gebirge zwischen dem Aibertsee und dem Eduardsee in den Grenzgebieten des belgischen Kongos, dem Tanganjika-Territo- rium und Uganda im Innern Afrikas, liegen die ersten Nachrichten vor. Die Cxpeditionsgruppe unter Führung lavier de Grunnes, dem Geologen de la Vallee-Poussin und dem Vermessungsoffizier Marlis hat die Berggipfel Margherita, Kräpelin und Alexandra erstmalig bezwungen. Sie befindet sich jetzt in Anmarsch auf dem Mount Emil. Die Expedition hat dem Ruwenzori-Kamm bezwun- gen und wird später den Weg wählen, den 1996 die Expedition des Herzogs der Abbruzzen genommen hat. Bis zu einer Höhe von 3999 Meter fand die Expedition das Ruwenzori-Massiv von bisher unbekannten einheimischen Bergstämmen bewohnt, über die reich- liches Material gesammelt worden ist. In weiteren Höhen bis zu 5999 Meter, die von der Expedition bezwungen worden sind, wurden keinerlei Lebewesen, weder Mensch noch Tier festgestellt. Dos Gebiet ist ständig in Nebel gehüllt. Bei starken Nachtfrösten und für den Aufstieg sehr gefährlichen Schneewehen hört die Zone der Bambuswälder in 2999 Meter Höhe völlig auf. Grenzlandtreffen im Westen. Friedensdemonstration der Gewerkschaften. Köln, 22. August.(Eigenbericht.) Das olljährliche Grenzlandtreffen der freien Gewerkschaften von Deutschland, Holland und Belgien, das sich in den Dienst des Völkerfriedens und der Völkerversöhnung stellt, fand in diesem Jahre in dem alten romantischen Maastricht in Holland statt. Eine solche Massendemonstralion von rund 20 000 Arbeitsleuten hat Maastricht noch nie gesehen. Welche Bedeutung der Kund- gebung auch von den Behörden beigemessen wurde, geht daraus hervor, daß die Begrüßungsfeier am Sonnabendabend durch Rundfunk übertragen werden durste. Diese Feier fand in der ehemaligen Dominikanerkirche statt, die heute als Konzertsaal benutzt wird. Als Vertreter Deutschlands begrüßte Haas- Aachen die zahl- reichen Teilnehmer, als Vertreter Hollands sprach der alte, aber noch sehr rüstige Abg. V l i e g e n, und als Vertreter Belgiens der temperamentvolle Bouchery. Alle waren sich einig in der Forderung „Rie wieder Krieg" selbst unter Anwendung der äußersten Mittel. Besonders be- wunderten die ausländischen Genossen den Kampf der deutschen Arbeiterschaft für Demokratie und Freiheit gegen den Foschis- mus, den sie auch als ihren Kampf bezeichneten. Deutschland als Vorkämpfer für diese hohen Ideale der Freiheit und Demokratie werden stets die Unterstützung der Sozialisten oller Länder finden. Der Sonntag stand im Zeichen der Internationale. Deutsche, Belgier und Holländer strömten zu Tausenden in das Städtchen. Die Deutschen trugen fast alle die drei Pfeile und immer wieder erscholl bei ihnen der Freiheitsgruß, so daß schließlich auch die Holländer und Belgier die drei Pseile ansteckten und mit dem Freiheitsaruß grüßten. Mittags bewegte sicheinendloslonger Demonstrationszug durch die Straßen der Stadt. Auf der Festwiese sprachen als Vertreter Deutschlands der zweite Vorsitzende des ADKB., Peter Graßmann, der dem deutschen Faschismus die Larve vom Gesicht riß und ihm schärfsten Kampf ansagte. Für die Belgier sprachen Besgesnes und V e r v i e r, für die Holländer Vonderbildt. Begeistert stimmten die 2t1 Teilnehmer immer wieder in der Sprache ihres Landes in den Ruf ein: Jlie wieder Krieg! Cngrosschlächtermeister als Arbeiter. Mitglieder der braungelben„Arbeiter"-partei. Die nahezu restlose Auflösung der Wirtschaftspartei bei der letzten Reichstagswahl zeigt, daß auch viele Handwerksmeister der Demagogie der Nazis zum Opfer gefallen sind. Vor allem sind es die Fleischermeister und unter diesen die Engros- schlächtermeister Berlins, die zu SS Prvz. blindlings dieser„sozialistischen Arbeiter"partei Gefolgschaft leisten. Diese sind in ihrer großen Mehrzahl von jeher als besonders reaktionär be- könnt, als Förderrer der Gelben, so daß es nicht weiter auffällt. wenn sie jetzt Gönner der Nazis geworden sind. Sie sind besondere Freunde einer überlangen Arbeitszeit ihres Personals. Teilweise verweigern sie sogar den tariflich festgelegten Urlaub unter An- drohung der Entlassung. Für die„rauhen Kämpfer" Hitlers aber, die in voller Kriegs- bemalung mit Bettelsäcken auf dem Berliner Fleischgroß- markt an der Landsberger Allee fechten gehen, haben sie stets eine offene Hand. Schnell ist das Messer zur Hand, um anständige Stücken Fleisch zur Füllung der Säcke abzuteilen. Das ist sozu- sagen verständlich bei diesen Herren. Unverständlich dagegen erscheint es sowohl den republikanisch gesinnten Besuchern und den Arbeitnehmern des Fleischgroß- markte;, daß Polizei und st ä d t i s ch e A n g e st e l l t e n der Fleischmarktdirektion das provozierende Auftreten der SA. in voller Uniform stillschweigend dulden. Während man Frauen und andere Privatpersonen, die zu Festtagen oder Familienfeiern einmal ein größeres Stück Fleisch billiger kaufen wollen, vom Fleischmarkt ver- weist, gestattet man hier die offene Bettelei, die von vielen als Be- lästigung empfunden wird. Vor der Wahl hing eines Tages während der ganzen Markt- zeit am Stand eines Großfchlächters ein großes Wahlplakat aus, ohne daß die städtischen Beamten dagegen einschritten, trotzdem sie darauf aufmerksam gemacht wurden. Im Interesse der Ruhe und Ordnung ist hier Abhilfe notwendig, ehe es zu unliebsamen Vor- kommnissen kommt. Streik des Londoner Berkehrspersonals? / London, 22. August. „News Chroniclc" gibt der Befürchtung Ausdruck, daß ein Streik der 2S()<1l1 Londoner Autobusange st eilten drohe, da auf einer Konserenz der Angestellten eine Probe- abstimmung über die Lohnkürzungen und die Arbeits- bedingungen eine riesige Mehrheit für die Ablehnung ergeben Habs. Die Autobusangestellten seien sicher, daß sich ihnen 43 llllll Straßenbahnangestellte anschließen werden, die mit ihren letzten Lohnherabsetzungen sehr unzufrieden seien. Rundfunk der Woche Streik oder Mitarbeit? Täglich gehen uns Briefe zu, in denen unsere Leser ihrer Empörung über die Gestaltung des Rundsunkprogramms Aus- druck geben, das unter der Sonne des Rundsunkkommisiars und dem Schatten des Hakenkreuzes immer miekriger wird.„Ich bestelle ab!" „Wir haben abbestellt!"„Sollen wir unsere Hörcrgebühren dafür bezahlen, daß der Rundfunk unseren Kindern Kriegsbegeisterung und Militärmärsche einzuhämmern oersucht?" Ein Leser schreibt: „Ich hatte mich auf die„W anderungen mit dem Mikro- phon durch die Mark" gefreut, da ich selber eifriger Wochen- endwanderer bin, und hoffte, Altbekanntem wieder zu begegnen und vielleicht auch auf mir noch unbekannte Gegenden hingewiesen zu werden. Aber statt über landschaftliche Schönheiten wurden die Hörer hauptsächlich in preußischer Geschichte unterrichtet. Da es jetzt ohnehin nichts Vernünftiges mehr im Programm gibt, habe ich meinen Rundfunk bei der Post abbestellt." Die Erregung, die aus allen diesen Briefen spricht, ist nur zu verständlich. Es ist durchaus zu begreifen, wenn Familien, die ihre letzten Groschen zusammenkratzen müssen, um die Rundfunkgebühren zu bezahlen, sich überlegen, ob sie die vierundzwanzig Mark jähr- lieh sinnvoller anlegen können als für Rundfunkdar- bietungen, die sie meistens doch nach wenigen Mi- nuten verärgert abschalten. In solchen Fällen mag die Abbestellung des Radios zur Wirtschaft- lichen Notwendigkeit werden. Leider schließt sich jeder, der seinen Rundfunk bei der Post kündigt, mit dieser Demonstration gegen die Programmentwicklung des deutschen Rundfunks auch aus der Schar derer aus, die bereit und fähig sind, einen systematischen Kampf gegen die neueingeschlagene Richtung zu führen. Aus diesem Grunde muß einmal deutlich betont werden, daß der einzelne seiner Neigung zum Hörerstreik, so selbstverständlich sie ist, nicht nachgeben soll, falls nicht schwerwiegende wirtschaftliche Gründe ihn dazu zwingen. Wer gegen ein Uebel kämpfen will, kann dies nicht tun, wenn er sich abseits stellt, sondern nur, indem er die Reihen schließt, die bereit- stehen, um dagegen anzurücken. Jeder gewerkschaftlich Geschulte weiß, daß der Streik, die Verneinung, nur als letztes Machtmittel eingesetzt werden darf, erst dann, wenn alle anderen versagten. Nur dann auch wird er zur Massenbewegung, die die Forderungen, um deretwillen er ausgelöst wurde, in diesem Entscheidungskamps zum Ziele tragen kann. Selbstverständlich wäre eS auch heute schon möglich, einen eindrucksvollen Hörerstreik zu entfesseln. Viele Tausende von proletarischen Hörern erwarten bereits unge- duldig, daß von den Organisationen der Arbeiterschast die Parole dafür ausgegeben wird. Eine Summe, die für den jährlichen Rund- sunketat sicher nicht bedeutungslos ist, könnte ihm damit entzogen werden. Das wäre für die maßgebenden Stellen gewiß eine sehr peinliche Ucberraschung: aber man würde sich in den neuen Ver- Hältnissen arrangieren, die als Gewinn eine Ausschaltung jeder Opposition brächten. Unter diesen Umständen ließe sich ein außer- ordentlich gesinnungstüchtiges und sparsames nationalistisch- „autarkes" Programm erwirtschaften. Die heute bereits auf Kosten der arbeitslosen Musiker reichlich gelieferten Militär- k o n z e r t e sind von keinerlei festgelegten Honorarsätzen abhängig. Die Kundgebungen national! st ischer Verbände, Stahl- h e l m f e i e r n usw., mit denen der Rundfunk unter der Freiherrn- regierung uns schon so freigebig oersorgt, warten nur darauf, sich vor dem Mikrophon noch breiter zu machen, da alle diese Darbietun- gen, die sonst den veranstaltenden Parteien ein schönes Stück Geld kosten, zu einträglichen Geschäften werden, wenn alle deutschen Sender sie übernehmen. Ein gründlich durchgeführter Programmaustausch könnte höchste Sparsamkeit an Geld und Geist gewährleisten und der Reaktion am besten dienen. Der proletarische Hörer könnte vielleicht achselzuckend beiseite treten und sich sagen: gut, lassen wir diesen Rundfunk denen, die ihn oerdienen: wenn der politische Wind sich gedreht hat, werden wir ihn wieder zu neuem Leben erwecken— er könnte so sprechen, wenn es nicht in dem technischen Wesen des Rundfunks läge, daß, wie immer auch fein Programm beschaffen sein mag, er eine Ange- legenheit des ganzen Voltes bleibt, ein Dokument seiner Geistigkeit, für das Ausland vielleicht das wesentlichste Dokument. Jeder, der nationale und internationale Verständigung wünscht, Sieg des Geistes in der Welt, Kampf gegen den Krieg, muß schon aus diesem Grunde olle Kräfte einsetzen, um den Rundfunk, der das wirksamste Instrument dafür werden kann, entsprechend bilden zu helfen. Wir freuen uns der internationalen Erziehung einiger hundert Schüler, des Ferienaustauschs von Jugendlichen und Erwachsesien zwischen den Ländern, der Verständigung, die damit in Familien- und Lebenskreise von Volk zu Volk getragen wird. Sollen wir dulden, daß der Rundfunk taufende und hunderttausende, die als Hörer immer noch übrig bleiben, mit nationalem Hochmut und Militarismus vergiftet,- daß er dem Ausland ein Zerrbild des deutschen Menschen, des deutschen Geistes bietet? Es wird augenblicklich in de» Rundfunkoorträgen soviel Mißbrauch mit den Wörtern„Stolz" und„Ehre" getrieben, daß man sich fast scheut, sie zu gebrauchen. Den Besitz dieser Eigenschaften beweist man ja auch schließlich nicht, indem man sie aufdringlich plakatiert. Aber weil wir es uns zur Ehre rechnen, Deutsche zu sein, weil wir vor der ganzen Welt stolz darauf sein wollen, einem Volk an- zugehören, das so viele große Geister hervorgebracht hat, deren natio- nale Verwurzelung sie ins Weltbürgertum emporwachsen ließ, des- halb fordern wir, daß dieses Deutschtum, dieser wahrhast deutsche Geist vom deutschen Rundfunk gepslegt wird. Was heute hier als Deutschtum ausgegeben wird, ist g e i st i g e Verödung,„Autarkie", wie unsere teutschen Männer den pein- lichen Begrift„Selbstbeschränkung" gern wohlklingend umschreiben, obgleich sie von der kosmopolitischen Weltanschauung der stoiker, denen sie die Vokabel entlehnt haben, sternenweit entfernt sind. Den griechischen Weisen war„Autarkie" Ausdruck höchster Bescheidenheit, die zum Streben nach vollkommenstem Verständnis, nach voll- kommenstcr Anerkennung des anderen führte. In den Gesprächen des alten Goethe verrät sich viel davon, wie ja überhaupt dieser größte und deutscheste Deutsche zugleich im wahren sinn Weltbürger war. Der Rundfunk, der„unseren" Goethe in diesem Jahre so oit mit akademischer Gelehrsamkeit beleuchtet hat, rückt von seinem Geist von Tag zu Tag weiter ab, nähert sich von Tag zu Tag mehr den bramarbasierenden Nationalisten und den geistesarmen Philistern. Wenn man versucht, aus den deutschen Rundsunkprogrammen der letzten Zeit ein Bild ihres Publikums zu bekommen, so wird die Substänzlosigkeit der Darbietungen erst richtig fühlbar. Außer sehr spärlirsten Porträgen aus dem Arbeits- leben gibt es eine Perührung mit wirklichen Zeit- Problemen in ihnen überhaupt nicht. Als Unterhaltung wird möglichst Musik geboten, die im Militär- marsch die erwünschte und in der klassischen Komposition oder dem Schlager wenigstens eine unfchädlich-neutrale Stimmung verbreitet. Die Hörspiele malen freundliche, nach Möglichkeit heroisch dekorierte deutsche Landschaft oder andere ergötzliche Bilder für den Bürger hinter dem Ofen. Die klassischen Dichter sind in Auswahl zugelassen. und da die deutsche Rundfunkschule durchaus jür Borkriegsbildung schwärmt, kriegt Theodor Körner einen Lorbeerkranz und Heine wird überschlagen. Soweit die Programmankündigungen für die nächsten Wochen vorliegen, zeigt sich keinerlei irgendwie bemerkenswerte Aufhellung in diesem geistigen Nebelmeer, in dem sich zweifellos Nationalisten aller Schattierungen und nicht zuletzt die Pg.s des Reichsrundfunkkommisiars fröhlich tummeln werden. Deshalb ist höchste Aufmerksamkeit der Hörer nötig. Wer eine Veranstaltung, deren geistige Haltung ihn empört, abschallet, hat zwar sich von ihr besreit, nicht aber den Rundfunk von ähnlichen Darbietungen. Dagegen kann nur helfen Beachtung dieser Sen- düngen, P r o t e st an den Arbeiter-Radio-Bund, an unsere Zeitung. an die Sendegesellschaften. Nur so läßt sich der Boden bereiten für den deutschen Rundfunk, den wir wollen, für den wir unsere Hörer- gebühren entrichten und den wir uns erkämpfen werden, wenn es sein muß, auch mit einem Massenstreik der Hörer! 'Des. Rimdhmlc am Abend Montag, den 11. August 1932 Berlin: 16.05 Leistungsmcssung»nd Leistungsfähigkeit des Arbeiters im Betriebe(Ing. A. Stitz und ein Arbeiter). 16.30 Orcheslerkonzert. 17.30 Fütterung der Großraubtiere im Zoo(Dir. Dr. L. HedO. 17.50 Vor den Radweltmeistersdiafteu in Rom(E. Kroner. W. Sawall). 18.00 Orchesterkonzert. 18.30 Lebensangst(Dr. E. Rothe). 18.55 Die Funkstunde teilt mit. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 Gedichte. 19.30 Die deutsche Presse im Ausland iDr. K. Börner). 20.00 Blasorchesterkonzert. 21.00 Tages- und Sportnachrichten. 21.10„H as ihr wollt" (Komödie von Shakespeare). Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Königs Wusterhausen: 16.00 Pädagogischer Funk (\. Tschentscher). 17.30 Die Auswanderung als Kulturfrage (Öb.-Stud.-Dir. Dr. Elsa Matz. M. d. R). 18.00 Musizieren mit unsichtbaren Partnern(Dr. H. Just). 18.30 Spanisdi für Anfänger(Gertrud van Evseren. Dr. F. Armesto). 18.55 Wetterbericht. 19.00 200 Jahre Herrnhut(Oberkonsistorialrat Dr. Scholz). 19.30 Neue Verwendungsmöglichkeiten des Abfallholzes (Forstmeister Dr. v. Monroy). 22.00 Aus Breslau; Rhapsodien. 22.50 Aus Leipzig: Unterhaltungsmusik. Sonst: Berliner Programm. Vollständiges Europa-Programm im..Volksfunk", monatl. 96 Pf. durch alle„Vorwärts"-Boten oder die Postanstalten. 21. Abt. Genosse Ludwig Mertens, Oudenarder Str. 4. ist verstorben. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet morgen, Dienstag. 23. August, 15 Uhr, auf dem Nazarethfriedhof, Seestrahe, statt. 52. Abt. Gruppe Siemensstadt. Genossin Minna Thee ist plötzlich verstorben. Ehre ihrem Andenken. Einäscherung morgen, Dienstag, 23. August, 10'A Uhr, im Krematorium Gerichistrahe. Um rege Beteiligung wird gebeten. Verantwortl. für die Redaltion: Rich. Bernstein, Berlin; Anzeigen: Otto Hengst, Berlin. Vertag: Vorwärts Verlag G.m.b.H., Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckerei und BerlagsanstaU Paul Singer\ Co., Berlin ZW SS. Lindenstr. 3 Hierzu X Beilage. Theater, Lichtspiele usw. Sfaafs fe Theater staaisoper unter den Linden Wiederbeginn der Spielzeit Donnerstag« I. September, lOUhr: Sizliianische Vesper Dirigent: Kleiber de Strozzi. Ruziczka, Wittriscfa, Gro�mann, List, Abendroth Beginn des Vorverkaufs: Sonntag, 21. August, bei den bekannten Verkaufsstellen. Staatliches Schauspielhaus Wiederbeginn der Spielzeit Sonnabend, 27. August, 20 Uhr: E g m o n I Otto, Franck, Koppenhöfer, Mülhel, Belke, Mlnelll Beginn des Vorverkaufs; Sonnlag. 21. August, bei den bekannten Verkaulssteilen ngl. 5u.tn iü Speziolifdd fonrod Müller Biumenspenoen jeder Art liefert preiswert Paul Golletz vormals Rollert Meyer Mariannenstr. 3 FL, Oberbaum 1303 stadnaebiste. Dlatinabfälle. Quecksilber. ginn. Metalle. Silber» fchmela«. Koldfchmel. »erei. Christin nat, üdpenickerstraste 39. Haltestelle Adalbert. straste. Sebrouchte reilauiräder 15,—, -0,—. Werner, Adalbertstrahe 9, Kottbusser Tor.» (Beilage Montag, 22. August 1932 MUn»n9 SfiaJaoL�aße Jß* liftiwk WiCfteCtH ItieigenA: §e(it Hanada$u liSd.? Das kanadische Problem, das in der Ottawa-Konferenz aus- schließlich als eine Frage der Wirtschaftsbeziehungen und der Zoll- Politik innerhalb des Britischen Imperiums erscheint, ist in Wahr- heit ein Teil des großen wirtschaftlichen Ringens zwischen Groß- britannien und den Bereinigten Staaten von Amerika, Im Hinblick mif den Kampf um die Führung in der Weltwirtschaft gewinnt das Verhältnis des Dominions Kanada zum Britischen Imperium und zu Großbritannien auch an staatspolitischer Bedeutung. Das Hervor- treten dieses politischen Hintergrundes und die steigenden Wirtschaft- lichen Schwierigkeiten zwischen Kanada und dem Imperium haben nicht wenig dazu beigetragen, die Reichskonferenz gerade in Ottawa, der Hauptstadt Kanadas, zusammentreten zu lassen. Das Dominium Kanada ist trotz seiner stattlichen Größe— (2l>mal so groß wie Deutschland)— und trotz seines wirtichastlichcn Reichtums eigentlich nur ein ärmlicher Rest der britischen Besitzungen in Amerika. Als 13 englische Kolonien in Nordamerika 1776 ihre Unabhängigkeit von England erklärten und die V e r- einigten Staaten von Amerika gründeten, zerbrach der gitantische Plan Großbritanniens, um den Atlantischen Ozean herum ein geschlossenes Britisches Weltreich aufzurichten. Das wertvollste Glied, eben dos industrie- und agrarwirtschaftlich reiche Usamerika. war herausgebrochen. Der bei Großbritannien verbliebene kanadische Norden, eingekeilt zwischen den sperrenden Ufern des Eismeeres und den Eiswüsten Labradors, hat sich in seiner Ausdehnung kaum ent- wickelt, während von den 13 Staaten aus nahezu der gesamte amerikanische Kontinent politisch und vor allem wirtschaftlich erobert wurde. Es mag müßig sein, von den damaligen historischen Borgängen bis zu unserer politischen Gegenwart einen unmittelbaren Zusammen- hang herstellen zu wollen, aber es ist nicht ohne Reiz, zu sehen, daß gerade die zuerst abtrünnig gewordene Kolonie Englands heute der stärkste und erfolgreichste Konkurrent Großbritanniens und des Imperiums ist. Ja, seit dem Weltkrieg hat Usamerika die weit- politische Führung, der Schwerpunkt der Weltwirtschaft liegt nicht mehr in London, sondern in New P o r k. Und von Usamerika erstrecken sich die wirtschaftlichen Beziehungen nicht in erster Linie über den Atlantischen Ozean und über Großbritannien zurück in die Alte Welt, sondern sie tendieren in steigendem Maße west- und südwestwärts über den nord- und den südamerikanische» Kontinent und über den Pazifischen Ozean noch Asien, wo die größten Menschenmassen zusammengeballt sind und die reichsten agrarischen und industriellen Rohstosse noch nahezu ungenützt liegen. Dadurch gerät Großbritannien in die Gefahr, in einen toten Winkel gedrängt zu werden. Mit der Verschiebung des weltwirtschastlichen und weltpoliti- schcn Schwerpunkts erlangen die nordamerikanischen Besitzungen Großbritanniens wieder erhöhte Bedeutung. Kanada kann— ganz abgesehen von seinem Wert als Lieferant landwirtschaftlicher Pro- dukte und Käufer industrieller Fabrikate— ebenso wie die kleineren Besitzungen Großbritanniens in Nordamerika die Plattsorm werden. aus der das Britische Imperium den Bereinigten Staaten bei der Verschiebung des weltwirtschaftlichen Schwerpunkts erfolgreich ent- gegentrsten kann. Nun zeigt aber die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre, daß Kanada nicht nur nach eigener wirtschaftlicher und politischer Selbständigkeit strebt, sondern es hat sich auch er- geben, daß der Einfluß der nahen usamerikanischen Volks- w i r t s ch a i t aus Kanada größer ist als der der großbritannischen Volkswirtschaft. Die Einsuhr Kanadas von Usamerika ist etwa vier- einhalbmal größer als die von Großbritannien und sogar noch drei- einhalbmal größer als die vom gesamten Britischen Imperium. Und die Aussuhr kanadischer Produkte ist trotz des großen Reichtums Usamerikas auch an Lebensmitteln noch doppelt so groß wie die Aussuhr nach dem lebensmittelbedürftigen Großbritannien und wesentlich größer als die Ausfuhr ins gesamte Britische Imperium. Damit ist gezeigt, wie stark wirtschaftlich Kanada mit Usamerika verflochten ist. Außenhandel Kanadas 1330/31. Einfuhr von Aussuhr nach tMillionen Kanadische Dollars) (1 Kanadische? Dollar— ctroa 4,15 M) Großbritannien......... 180 282 Britisches Imperium ges...... 253 380 USA............... 850 517 Uebriges Ausland........ 395 740 Gesamt..... 1 250 1 120 Die Handelsstatistik der übrigen Besitzungen Großbritanniens in Amerika zeigt ein ähnliches Vorherrschen der Vereinigten Staaten. Neusundland sendet ein Drittel seines Exports nach USA. und nur ein Fünftel nach Kroßbritannien, der Import steht ebenfalls ein Drittel zu ein Fünstel. Der Handel der Britisch- Westindischen Inseln, der an sich unbedeutend ist, geht auch nur zum kleinen Teil nach Großbritannien. Diese Inseln haben aber auch politisch an Wert verloren, seitdem der Kampf um die Herr- schaft über einen mittelamerikanischen Kanal zugunsten der Vcr- einigten Staaten entschieden ist, die 1314 den Bau des Panama- kanals vollendeten, während die Engländer ihren Plan, durch Nikaragua einen Kanal zu stechen, ausgaben. Damit ist Großbritannien auch in Südamerika verdrängt worden. Die Werbereise des englischen Kronprinzen, des Prince of Wales, nach diesen Staaten, hat der usamerikanischen Wirtschast kaum Abbruch tun können. Das nordamerikanische Kapital, gegen- über dem großbritannischen in vielfachem Vorteil, erobert immer stärker den südamerikanischen Markt und hat bereits die Führung. wie die folgende Statistik zeigt. Der Außenhandel der südamerikanischen Staaten mit USA. und Großbritannien 1330/31. Imporl von Export nach Import von Export nach UEA USA. Großdritann. Grohdrltann (in Millionen Mark) Argentinien.... 700 450 600- 1 500 Brasilien..... 500 800 320 120 Chile...... 250 310 30 35 Colombia..... 135 425 65 40 Peru....... 90 110 40 90 Uruguay..... 100 60 40 60 Venezuela..... 160_ 1Ö0_ 30_ 5 Hm 2325 TÜS 1850 In dieiem Zusammenhang ist die Entwicklung in Kanada von weltpolitischer Bedeutung. Es ist nicht gerade die Frage, ob sich Werner Hegemann s Seftieicftdt und Mapoieen - Seftid�t SeftCßtcftet? oder Wer nach drei Wahlen der Politik müde ist, wird sich freuen, daß heute wieder ein Mann mit hoher literarischer Bildung unser Volk der Dichter und Denker regiert, und daß inan mit dem neuen Herrn endlich einmal wieder über Dinge reden kann, die nichts mit der leidigen Politik zu tun haben. Eine Unterredung mit General Schleicher erinnert an die bewunderten Gespräche Cäsars, Na- poleons oder Friedrichs des Großen, die Herr von Schleicher zwar etwas respektlos aber treffend„leichtsinnige Burschen" oder„ver- teufelte Gesellen" nennt, die es aber sicher glänzend verstanden haben— ähnlich wie Herr von Schleicher—, in ihren Unterhaltungen historische Schlaglichter spielen zu lassen. Historische Vergleiche haben etwas Verlockendes. Wünscht oder erlaubt Herr von Schleicher, daß man ihn auch mit dem großen Homer vergleicht, der manchmal geschlafen haben soll? Herr von Schleicher sagte dem Aussrogcr einer ausländischen Zeitung:„Ich leide nicht an Schlaflosigkeit. Ich kann einschlafen, wann und wo ich will, und des Abends brauche ich nicht länger als zehn Minuten dazu." Eingeweihte verstehen hier sofort die Anspielung auf das berühmte Wort Napoleons:„In meinem Kopfe habe ich verschiedene Schubloden für die verschiedenen Ge- schäfte. Wenn ich ein Geschäft unterbrechen will, schließe ich seine Schublade und öffne eine andere. Wenn ich schlafen will, schließe ich alle Schubladen, und der Schlaf ist da." In der Tat, vor Jena machte Napoleon den Schlachtplan zwischen drei und vier Uhr morgens und bestellte seinen General- stab auf sechs Uhr. Er schlief dann fest von vier bis dreiviertel sechs und besiegte Preußen programmäßig pünktlich um sechs. Sollte aber Herr von Schleicher übersehen haben, daß schon damals derart napoleonische Pünktlichkeit nur in Preußen möglich war? Herr von Schleicher erklärt:„Was ich aus tiefster Seele ver- abscheue, ist mangelnde Entschlußkraft." Und er rühmt„die Herr- lichen Worte Bonapartcs bei Beginn des ersten italienischen Feld- zuges:„Soldaten, ihr seid zerlumpt, ohne Schuhe, verhungert..." „Diese Worte", sagt Herr von Schleicher,„müßte man immer wieder lesen. Das Bewundernswerte ist die klare Unerbittlichkeit der Sprache." Also lesen wir diese„herrlichen Worte" wieder einmal: „Soldaten! Blühende Provinzen, reiche Länder erwarten euch. Ehre, Genuß und Reichtum sollt ihr dort finden." Mit derselben „klaren Unerbittlichkeit der Sprache" erklärte Napoleon auch:„Man läßt sich nicht für fünf Sechser am Tage oder für eine magere Auszeichnung totschlagen. Man muß zur Seele sprechen, um den Menschen zu elektrisieren." Diese„Elektrisierung" der Truppen gelang so gut, daß Napoleon bald darauf nach Paris schreiben mußte:„Die armen Teufel sind entschuldbar: drei Jahre lang auf der Alpengrenze oben, und nun kommen sie ins Gelobte Land!... Der Soldat ohne Brot überläßt sich Exzessen der Wut, bei denen man sich schämen muß. Mensch zu sein... Ich will die Ordnung wiederherstellen, oder ich will darauf verzichten. Räubern zu befehlen... Morgen lasse ich einige Soldaten und einen Korporal füsilieren." Findet Herr von Schleicher auch die Folgen der„herrlichen Worte Bonapartes"„bewundernswert"? oder entschuldigt er dnese Folgen vielleicht damit, daß sie doch zu schönen italienischen Siegen wie Arcolc und Marcngo geführt haben? Dann würde man daran erinnern müssen, daß der junge Bonaparte sich zwar gern und oft mit der Jahne in der Hand, eine italienische Brücke stürmend, malen ließ, daß ihm aber bei Arcole die Soldaten davon- liefen, mit denen er die Brücke stürmen wollte, und daß Napoleon unter der Brücke im Graben saß, während General Angereau für ihn die Schlacht gewann. Vergaß Herr von Schleicher etwa, daß Napoleons Soldaten erst recht in der Hauptschlacht von Marcngo davonliefen, und daß Napoleon die Schlacht schon völlig verloren hatte, als sie nachträglich ohne sein Zutun durch D e s a i x gerettet wurde? Sicher weiß Herr von Schleicher, daß Napoleon später sämtliche Urkunden über die Schlacht von Marengo aus den Ar- chiven entfernen und durch gefälschte Stücke ersetzen ließ. Es wäre bedauerlich, wenn Herr von Schleicher diese wich- tigen Tatsachen übersehen könnte, und wenn ihn seine Bewunde- rung für die skrupellosen Versprechungen Napoleons eines Tages einmal zur Nachsicht gegen die ebenso ausschweifenden Bersprechun- gen führen könnte, mit denen gerade heute wieder skrupel- lose Bandensührcr ihre verwilderten Prätorianer zu„Exzessen der Wut" nach napoleanischen Mustern aufreizen. Das nachträgliche „Füsilieren einiger Soldaten und eines Korporals" würde weder die menschlichen Opfer noch den Bombenschaden noch die Ehre Deutschlands wieder gesund machen. Wer Herrn von Schleicher in den letzte» Jahren beobachtet hat, darf sicher sein, daß nur ein gelegentliches homerisches Schlummern ihn über den wahren Charakter der napoleonischen Raubzüge täuschen konnte, und daß Herrn von Schleichers eigene Pläne glück- licherweise unendlich viel klarer sind als die„klare Unerbittlichkeit Bonopartes". Klarheit war ja gerade das, was Napoleon am allerwenigsten besaß. Der historisch gebildete General von Schleicher, der„mangelnde Entschlußkraft aus tiefster Seele ver- abscheut", kann niemals die nimmer endenden halt- und plan- losen Prahlereien Napoleons billigen, der abwechselnd Italien, Aegypten, Westindicn, Deutschland, Amerika, Indien, Eng- lond oder Rußland zu erobern versprach und schließlich Frankreich kleiner zurückließ, als er es vorgefunden hatte. Daß die Er- schöpfung des französischen Revolutionswillens einige Jahre lang die Gewalt über Krieg und Frieden diesem rasenden Armeephan- tasten in die Hönde spielte, hat sechs Millionen Menschen ums Leben und Hunderte von Millionen Menschen um den Verstand ge- bracht.„Ja", meinte Nietzsche,„vielleicht war es gerade Napoleon, der die romantische Prostration vor dem„Genie" und dem„Heros" unserem Jahrhundert in die Seele gegeben hat. An solchem„Kniefall" vor einem skrupellosen„Heros(unend- lich kleineren Kalibers) berauschen sich heute 14 Millionen deutsche Wähler. Immerhin gibt es noch mindestens 17 Millionen anders- denkender deutscher Wähler: sie sind noch nüchtern und sind auch Herrn von Schleicher dankbar dafür, daß er diesen Kniesall nicht mitmachen zu wollen gesonnen scheint. Kanada politisch den Vereinigten Staaten von Nordamerika an- schließen wird,— was vor wenigen Jahren nicht unmöglich erschien. Wohl aber zeigen neben den wirtschaftlichen Verknüpfungen guch unzählige andere Einzelheiten des öffentlichen Lebens in Kanada und in Usamerika ein stetiges Verschmelzen der beiden Staaten. So sind z. B. die Gewerkschaften Kanadas größtenteils der Zlmerikanischen'Arbciteriöderation angeschlossen und nicht der Briti- schen Arbeiter-llnian. Die amerikanischen Weizensarmer, von der westlich wandernden Industrie mehr und mehr verdrängt, siedeln in das kanadische Weizengebiet über und versorgen von hier aus den usamerikanischen Markt. Im Jahre 1329/30 wanderten ins- gesamt 30 000 Usamerikaner in Kanada ein, im Jahre 1930/31 etwa die gleiche Zahl. Die Weltwirtschaftskrise hat mit der schroffen Beendigung der usamerikanischen Prosperität diese Entwicklung etwas zugunsten Englands gestoppt. Die USA. haben jetzt ihre eigenen Wirtschaft- lichen Nöte, haben Arbeitslosigkeit, Unterkonsumtion und Ueber- praduktion. So sällt die Kurve der Handelsbeziehungen auch mit Kanada. Das hat die Situation der Engländer Kanada gegenüber gestärkt. Der Ottawa-Konseren; sind langwierige Verhandlungen der Wirtschastsvertreter beider Länder vorausgegangen, als deren Er- gebnis der Konferenz verschiedene Handelsvereinbarungen vorliegen. so für die Einfuhr britischer Stahl- und Eisenprodukte sowie für den Austausch der Baumwollindustrien. Aus der Basis der Vorzugszölle innerhalb des Imperiums und des inneren Warenaustausches soll der Versuch gemacht werden, das Britische Imperium zu einer festen Wirtschast zusammenzuschließen. Wenn dies gelingt, ist ein Viertel der Welt wirtschaftlich zu einem einheitlichen Komplex geworden und in der Lage, der Welt die Handelsgesetze zu diktieren. Damit wäre dos wirtschaftliche und politische Schwergewicht der Welt erneut nach London, dem Haupt des Britischen Imperiums verlegt, Groß- britannien würde erneut, wie es Minister Baldwin als Ziel der Ottawa-Konferenz aussprach, die Welt führen. Die zu überwinden- den Schwierigkeiten jedoch sind, daß Kanada, seit Jahren auf Selb- ständigkeit gerichtet, mit einer strengen Schutzzollpolitik eine eigene Industrie aufgezogen hat und jetzt vor die Notwendig- keit gestellt wird, diese Industrie zugunsten des industriellen Mutter- landes wieder abzubauen und zur ausschließlichen Landwirtschast zurückzukehren. Es darf als fraglich erscheinen, ob es den britischen Unterhändlern gelingen wird, diese Politik zu erreichen, weil anderer- seits Großbritannien Kanada wenig für dieses Opfer zu bieten hat. Clißeit&Cose kämpfen um einen Späten Eine Stadt im amerkanifchen Westen. Nochilsemaßnahmen für die Arbeitslosen sind angekündigt. Straßen sollen ausgebessert und neu gelegt, die Telegraphenkatel unterirdisch gebettet, Kanali- satioven ausgebaut und zwei neue Verwaltungsgebäude der Re< gierung und der Post in der Stadt errichtet werden. Und bei allen diesen Arbeiten, so verkündet die Regierung, sollen Maschinen so wenig wie möglich benutzt werden. Die menschliche Arbeits- kraft soll wieder zu ihrem Rechte kommen. Freudige Erregung herrscht unter den Erwerbslosen. Die gestern noch voller Sorgen in die Zukunst blickten, schöpfen Hossnung. Die Hungernden und Kampfesmllden sind von neuer Spannkraft erfüllt, es ist, als wenn sich die Muskeln wieder spannen im lange entbehrten Rhythmus der Zlrbcit. Die Sonne scheint wieder hell und freundlich— alles und alle schlägt es in seinen Bann, schwebt wie ein leuchtendes Fanal am Himmel über ihnen, dies kleine, magisch wirkende Wort: Arbeit!.... Der Tag des Arbeitsbeginns ist da. Heute soll mit den Aus- schachtungsarbeiten sür das neue Poft-Hochhaus begonnen werden. In gedrängten Gruppen marschieren die Arbeitslosen an... Keine Dampsschaufel!... Das bedeutet für mindestens 200 Menschen Arbeit. Bedeutet Lohn, bedeutet Brot für die Familie... Immer inehr marschieren... Hunderte... inehr... Tausend... Die Massen stocken, stauen sich. Die Hinteren drängen vor- wärts. Ihälse wenden gereckt. Fragen schwirren. Undefinierbares legt sich über die Menge. Ein Gerücht fliegt auf, hüpft über die Köpfe, um dann in einem zornigen Aufschrei seine Bestätigung zu finden: Eine Dampsschaufel!... Da steht sie! Ihr Feind. Der stählerne Gigant, der die menschliche Arbeitskraft besiegte. Kalt, plump, wie in breiten Hüften sich schwerfällig wiegend steht sie da. Brutal aufgerissen das nach der Erde gierende Maul... Das Blut hämmert in den Schläfen. In den Hirnen brennt nur ein Gedanke: eine Dampsschaufel! Hoffnungen sind vernichtet. Der Hunger wühlt wieder in ihren Mägen. Haß und Erbitterung springt sie an. Langsam ballen sich die Fäuste. Schrittweise schieben sich die Massen vor. Wortfetzen, Flüche fliegen durch die Luft... da... Schweigen legt sich über die Menge. Der„Foreman" einen Spaten in der erhobenen Hand, kommt aus dem Gerätewagen... tausende Augenpaare richten sich auf ihn.... Tausende warten angespannt auf seine Worte... was kommt?.... „Ein Mann wird benötigt. Wer diesen Spaten zuerst greift, erhält den„job"..."— laut, hart fallen die Worte... kaum richtig verstanden von den Massen der Drängenden... in der Mitte des Bauplatzes steckt der Spaten im Boden... Ein Ausschreien... Brüllen... Kreischen... ein Vulkan scheint ausgebrochen. Hunderte... Tausend... Hunderte mehr... auf engem Raum zusammengepreßt.... Es ist ein sich schlagender, reißender, tobender, wälzender 5)aufe scheinbar wahnsinniger Men- schen... Ineinander verkrampft im Kampfe um den Spaten. Blut fließt... Niedergetretene, von den Stieseln unbarmherzig immer wieder in den Dreck gedrückt... Verletzte röcheln unter stampfenden Nägeln... Fäuste umklammern Hälse... Zähne schlagen sich in zugreifende Hände... Polizei greift ein... Holzknüppel klatschen... der Platz wird geräumt... die Massen abgedrängt, Krankenwagen sausen... Der Spaten ist zerbrochen, in die Erde gewühlt... Die Dampsschaufel rasselt und faucht... lacht sie? mer, Erster Tag des Europafluges Der Start im Flughafen vor Tausenden von Zuschauern Mit den technischen Prüfungen wurde der erste Akt des 3. Europarundfluges beendet. Sie haben den Italienern und Polen einen' nicht unwesentlichen Punktvorsprung gebracht. Jetzt liegt die Entscheidung bei dem Streckenflug. Die Geschwindig- keit gibt den Ausschlag und manches wird sich in der bisherigen Wertungsliste ändern. 7Z47 Kilometer huftreise 7347,72 Kilometer über Europa hinweg haben die Flieger zu absolvieren, nachdem sie am gestrigen Sonntag auf dem Flughafen Tempelhof gestartet sind. Nur wenige Zuschauer waren gekommen, um dem Start beizuwohnen, der sich flott und reibungs- los abwickelte. Immer in kleinen Gruppen gingen sie ab. Nur 40 Minuten hat der ganze Start gedauert und die 3 3 Teil- n e h m e r strebten der polnischen Hauptstadt zu. 33? Es waren doch 41? Ja, zwei mußten hierbleiben: Miß Spooner und Massot. Noch sind die Zusammenhänge nicht geklärt. Jeden- falls befand sich im Brennstosftank der Engländerin Putzwolle, da- mit läuft aber der beste Motor nicht. Daß diese durch Unachtsam- keit hineingekommen sein soll, erscheint höchst zweifelhaft, denn wer die Engländerin kennt, weiß, mit welcher peinlichen Genauigkeit sie ihre Maschine wartet, alles selbst macht, keine schmutzigen Finger scheut. Nur in ihrer Gegenwart darf auch ihr Monteur an der Maschine arbeiten. Und wegen des Ausscheidens des Franzosen Massot erzählte man sich gestern auch so alles mögliche in Tempel- Hof. Wer weiß, wo die Wahrheit aufhört, die Dichtung anfängt. Soviel steht jedenfalls fest, daß nach der Brennstoffverbrauchs- Prüfung sich Gewichtsunstimmigkeiten bei Massots Guerchais-Ein- decker herausgestellt haben. Nun hat man außerdem auf dem Flugplatz Staaken einen Bleigürtel gefunden. Niemand will fein Besitzer sein. Ob da Zusammenhänge bestehen? Offiziell heißt es, daß davon nichts erwiesen sei. Jedenfalls wurden Massots Punkte der technischen Prüfung annulliert, da ausschrcibungsgemäß fämt- liche Prüfungen mit dem gleichen Gewicht geflogen werden mußten. Dem Franzosen blieb da nichts weiter übrig, als auszugeben. Jeden- falls wäre es dringend erwünscht, daß diese beiden höchst unlieb- samen Vorfälle doch noch restlos geklärt werden. Der unbedingten Sauberkeit wegen. Da nun die Geschwindigkeit im Streckenflug den Ausschlag gibt, ist interessant festzustellen, daß aus der e r st e n Etappe von Berlin nach Warschau die Heinkel-Maschinen am schnellsten waren. Stein und v. M a s s e n b a ch brachten es auf einen Reisedurchschnitt von 236,5 Stundenkilometer. Ausge- zeichnet auch Hirch(Klemm) mit 236, der Schweizer S traumann (Comte) und der Rumäne Papana(Monocoupe) mit 235,4 Stunden- kilometer. Die Italiener kamen aber über 225 Stundenkilometer hier nicht hinaus. Auf der Reise und in Warschau M a r i e n f e l d konnte als erster auf der Kontrollstelle War- schau landen und flog nach einer knappen Viertelstunde sofort weiter nach Krakau, wo er gemeinsam mit Colombo kurz vor 11 Uhr vormittags eintraf. Dicht hinter diesen beiden Piloten lagen die Deutschen v. Massenbach, Lusser, Junck, Ost er- kamp, Seidemann, Poß und M o r z i k sowie der Schweizer Straumann. Ueber Prag und Brünn ging der Flug dann weiter nach Wien, wo die beiden Spitzenreiter bereits kurz nach 15 Uhr gesichtet wurden. Der Deutsche v. C r a m o n mußte wegen Kurbelwellenbruch bei Kattowitz notlanden und aufgeben. Auch der Schweizer Straumann mußte in Wien aufgeben. Kurz vor Wien war übrigens schon sein Monteur mit dem Fall- schirm aus dem Flugzeug abgesprungen, weil es ihm in dieser Mo- schine nicht mehr geheuer schien. In Wien stellte dann Straumann bei der Untersuchung seiner Maschine fest, daß die Flügel des Apparats nicht mehr stark genug waren. Eine Fortsetzung des Fluges wäre mit zu großer Gefahr verbunden gewesen In VieenTda gelandet Rom, 22. August. Von dem Europarundflug liegen in Rom bisher nur drei Meldungen vor: es sind in Vicenza gelandet: um 13.37 Uhr M a- rienfeld, um 13.13 Uhr Massenbach, um 13.33 Uhr C o- lombo. Es steht fest, daß keiner der Teilnehmer noch am Sonn- tagabend Rom erreichen wird. Agram, 22. August. In Agram traf als erster Colombo ein(16.43 Uhr), als zweiter M a r i e n s e l d(16.52 Uhr), als dritter Seidemann (17.33 Uhr) und als vierter v. Massenbach(17.13 Uhr). Was die Durchschnittsgeschwindigkeit anbetrifft, so liegt an erster Stelle v. Massenbach, der am Sonntag, soweit die Streckenzeiten vor- liegen, bisher eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 215 Kilometer je Stunde erreicht hat. Seidemann erreichte 238 Kilometer, Marien- feld 234 und Colombo 231 Kilometer je Stunde. Rom erreicht Rom, 22. August. Im Flughafen von Rom landeten in der Reihenfolge: Seide- mann um 7.54 Uhr, Marienfeld um 8.33 Uhr, Colombo um 8.34 Uhr, Massenbach um 8.12 Uhr und Lusser um 8.13 Uhr. Der neue Wasserballmeister! Fr. Wassersport Hannover-Linden gegen ASV. Hellas 9:5(3:3)1 In einem prächtigen Kampf errang Hannover, der Meister des 11. Kreises, gestern in Herne(Wests.) über Hellas den höchsten Titel, den der Arbeiter-Turn- und Sportbund im Wasserballspiel zu vergeben hat. Es war der verdiente Sieg einer technisch ausgezeichneten Mannschaft. Hellas war nicht in jener Glanzform, die notwendig gewesen wäre, um es einer Mannschaft vom Format Hannooers gleichzutun. Die Leinestädter haben sich enorm verbessert, ihr Angriffsspiel ist ausgeklügelt und wuchtig, ihr Abspiel schnell und genau. Hellas bot erwartungsentsprechend Aus- gezeichnetes in der Hintermannschaft, während der Sturm teilweise versagte. Den Rahmen zu diesem Spiel blldete ein S ch w i m m s e st großen Formats, für dessen Durchführung der 6. Kreis(Rheinland- Westfalen) verantwortlich zeichnete. Bereits am Sonnabend gelangte ein Teil des umfangreichen Programmes zur Abwicklung. Der de- kannte Breslauer Werner mußte von Weidlich-Chemnig eine über- raschende Niederlage im IMÜ-Meter-Kraulschwimmen hinnehmen. Die Zeit des Siegers betrug 16,34,4 Minuten. Verschiedene Wasserball- spiele westfälischer Mannschaften beschlossen die Vorführungen des Sonnabends. Am Sonntag stand Herne ganz im Zeichen der großen Veranstaltung. Den Darbietungen im Stadion ging ein Fest- umzug von 1533 Schwimmerinnen und Schwimmern durch die Straßen des Jndustriestädtchens vorauf, bei dem man etwas vom neuen Kulturwind zu spüren bekam. Die Sportlerinnen mutzten über ihre Turnkleidung noch Trainingshofen ziehen! Einen Abbruch tat dieser Streich der Veranstaltung keineswegs. Die Wettkämpfe brachten zum Teil recht gute Leistungen. Was hier aber besonders auffiel, war die große Zahl der Startenden, die z. B. im Brustschwimmen der Männer durch sieben Läufe zum Aus- druck kam. Um 18 Uhr stieg schließlich der mit Spannung erwartete Kampf. Dem Schiedsrichter Schirrmacher, Gladbeck, stellten sich die Mann- schaften in der mitgeteilten Ausstellung. Hellas warf an, verlor den Ball aber an den Gegner und hatte gleich zu Beginn bange Momente vor dem eigenen Tor zu bestehen. Schließlich gelang Hellas nach einigen gegenseitigen Torbesuchen im Anschluß an einen Freiwurf das erste Tor. Gleich danach stellte Hannooer mit ausgezeichnetem Schuß seines Mittelstürmers den Aus- gleich her. Eine weitere gute Leistung desselben Mannes bringt Hannover in Front. Hellas hat nicht das genaue Abspiel seines Gegners, kommt aber bis zur Pause innner wieder heran. 3: 3 Halbzeit stand. Nach Wiederbeginn besiegelte sich das Schicksal von Hellas ziemlich schnell. Blendend« Schußleistungen des Hannover- Mittelstürmers bringen einen Abstand von 6: 3. Hellas nahm sich noch einmal mächtig zusammen, placierte Schüsse seines rechten Stürmers verringerten den Abstand noch einmal auf 5: 6. Doch Hannovers taktssch richtige Spielführung zerstörte alle Hellas- bemühungen. Der ausgezeichnete Torhüter von Hellas konnte wei- tere drei Erfolge der ohne Tadel spielenden Leinestädter nicht ver- hindern und freudig verließ der neue Meister Hannover das Wasser. Weitere Wettkämpfe schloffen sich an. Bon den volkstümlichen Vor- führungen verdienen der 64er Kunstreigen der Frauen und eine Massendemonstration von 53 Schwimmern für den Arbeiter-Wasser- Rettungsdienst besondere Erwähnung. Resultate aus Wettkärnpfen: Brustschwimmen für Frauen, 100 Meter: Keil-Aöln 1:10.— Brustschwimmen für Männer, 100 Meter: Zahnte und Brummer(Hellas) I:R,Z.— Brust. schwimmen für Männer, 200 Meter: Müller-Solingen 3:19,1.— Kraulschwimmen für Männer, 100 Meter: Werner. Breslau 1:09,8.— Kraulschwimmen für männliche Jugend, 100 Meter: Tesle(Hella«. Berlin) 1:13,5.— Jugendlagen. staffel, 4 mal 50 Meter: Bielefeld 2:44.— Männerlagenstaffel, 4 mal 100 Meter: 1. Hannover 5:21,1; 2. Düsseldorf 5:38,4. Länderweltkarnpf Schweiz- Deutschland Gesamtergebnis: Deutschland 77 Punkte, Schweiz 51 Punkte Am Sonntag trafen sich zum ersten Male in der Geschichte der Arbeiter-Turn. und Sportbewegung die leichtathle- tischen Ländervertretungen der Arbeitersportler Deutsch- l a n d s und der Schweiz auf dem neuangelegten Sportplatz von B a s e l- O st. Bei sehr gutem Sportwetter wurden den 1333 Zu- schauern sehr gute Kämpfe geboten. Die Laufkonkurrenzen litten etwas unter der weichen Laufbahn. Die Veranstaltung stand im Zeichen internationaler Verbrüderung. Die Resultat«. 100 Meter: Weller-Deutschland 11,5; Eberhardl-Deutschland 11,3; Herle-Schweiz 11,3.— 200 Meter: Weller-Deutschland 23,9; Seidel. Deutschland 23,9; Peter-Schwei, 24,5.— 400 Meier: Geiger-Deutschland 53,2; Albiez. Schweiz 55.— 800 Meter: Echirdewahn-Deutschland 2:01,5; Beisel- Deutschland 2:04.— 5000 Meter: Hutzel-Deutschland 16:33,8; Semini-Schweiz 17:04,2.— 110 Meter Hürden: Marguet-Deutschland 13,3; Pslüger-Deutschlaiid 13,4: Bisang-Schweiz 17.— Hochsprung: Grogg.Echweiz 1,75 Meter: Säristcr- Deutschland 1,38 Meter.— Stabhochsprung: Keck-Deutschland 3,20 Meter; Schwarz-Schweiz 3,10 Meter.— Weitsprung: Geiger-Deutschland 3,30 Meter; Keck.Deutschland 3,23 Meter; Buillemier.Schweiz 3,10 Meter,— Kugelstosten: Fuchslocher. Deutschland 12,5 Meier; Stupmann-Schweiz 11,35 Meter.— Dis- ruswerfsn: Fuchslocher-Deutschland 43,80 Meter; Etudmanii. Schweiz 34,70 Meter. — Speerwerfen: Lang-Deutschland 53,30 Meter: Färber-Schwciz 47,05 Meter,— 4 mal lOO.Meter.Stafette: Deutschland 43; Schweiz 43,4.— Olympische Stafette: Deutschland 3:59,3; Schweiz 4:04._ Achtung, kartellvereine! Mit Ablauf des Monats September muß für unsere Turnhallen benugenoen Vereine in den Berliner Verwaltungsbezirken Mitte, Tiergarten, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg für das Winterhalbjahr erneut der Ueberlaffungsantrag«ingereicht werden. Die Antragsformulare können in der Kartellgefchäftsftelle beim Genossen Robert Oehl» s ch l ä g e r, Berlin N. 65, Nazarethkirchstr. 46 4 Tr. abgefordert werden. Die Anträge sind mit dem Vermerk„Winter 1932" zu oersehen. Lichtenberg Turnier-Sieger Der Bezirk Lichtenberg der Freien Turnerschaft Groß-Berlin führte am Sonntag ein Handball-Blitzturnier durch, daß die Veranstalter leicht gewinnen konnten. Leider sagten die Braunschweiger, die man mit an der Spitze hoffte, in letzter Minute ab, so daß die zweite Mannschaft der Lichtenberger ein- springen mußten. Dadurch lag der Endkampf im Turnier zwischen der ersten Mannschaft Lichtenbergs und Mahlsdorf. Mit dem knappen Siege von 6: 5 behielten die Lichtenberger die Oberhand. Das Re- fultat hätte auch ebensogut umgekehrt lauten können, nur durch die schnelleren Angriffe der Lichtenberger kam der Sieg zustande. Die einzelnen Spiele brachten folgende Ergebnisse: Mahlsdorf gegen Lichtenberg 2 9:0. Lankwitz gegen Lichtenberg 1 1:7. Teltow gegen Lichtenberg 2 3:1. Mahlsdorf gegen Lankwitz 4: 1. Lichtenberg 1 gegen Teltow 3: 1. Lichtenberg 2 gegen Lankwitz 1: 2. Lichtenberg 1 gegen Mahlsdorf 6: 5. Lankwitz gegen Teltow 1: 3. Lichtenberg 1 gegen Lichtenberg 2 4:2. Teltow gegen Mahlsdorf 9:4.— Punkte erzielten: Lichtenberg 1 8:9; Mahlsdorf 6: 2; Teltow 4: 4; Lankwitz 2: 6: Lichtenberg 2 9:8. Arbeiter-Turn- und Sportbund. l. kreis. Montag, 22. August, 29 Uhr, Funktionärversammluno der Sportler in der Geschäfts- stelle, Elsasser Straße 86—85. Vortrag des Genossen Hans Marx: „Unser Kampf nach der Wahl— unsere Forderungen zur Linde- rung der Not." Neue Saison im Sportpalast Etwas früher als sonst, bereits am Sonntag, 11. September, eröffnet der Berliner Sportpalast die neue Wintersalfon. Das spart- liche Programm, das im Laufe des Winters in der populären Sportstätte in der Potsdamer Straße zur Abwicklung gelangen wird, ist äußerst umfangreich. Den Beginn machen die Rad- f a h r e r. Mit dem Einbau der Radrennbahn wird schon in den ersten Tagen des Monats September begonnen und die Premiere steigt mit einem großen Radsportprogramm, wie schon erwähnt, am 11. September. Die zweite Radsportveranstaltung am 25. September bringt die prominentesten Tour-de-France-Fahrer im„Kriterium der Asse" an den Ablauf, drei weitere Radsportveranstaltungen finden im Oktober statt und der erste Teil der Radrennsaison wird mit dem 28. Berliner Sechstagerennen vom 4, bis 19. November abgeschlossen. Der Boxsport kommt bei zwei Großveranstaltungen, die für September und Oktober vorgesehen sind, zu Worte. Die Eishockeysaison wird am 39, September und 1. Oktober mit einem zweitägigen Meeting, bei dem auch Sonja Henie ihre große Kunst wieder zeigen wird, eingeleitet. Eiche Ver einsmeister schatten> Der Turnverein Eiche- Köpenick hatte mit seinen Vereinsmeisterschaften eine stattliche Anzahl Interessen aus feinen Platz gelockt. Wer gekommen ist, hatte es auch nicht zu bereuen. In allen Konkurrenzen wurde trotz der Tropenglut heiß um den Sieg gekämpft. Daß die Ergebnisse unter der Hitze zu leiden hatten, ist selbstverständlich. So blieben bei den Frauen K ö l l i n g und bei den Männern Steffen im Speerwerfen weit hinter ihre sonstigen Leistungen zurück. Kölling, die bei den Bundesmeister- schaften in Dresden den Speer 36 Meter werfen konnte, muhte sich gestern mit 27 Meter begnügen. Einen harten Kampf gab es im 199-Meter-Lauf der Männer. Nicht weniger als drei Teil- nehmer kamen zu gleicher Zeit in 12,1 Sek. durchs Ziel und lieferten sich dadurch ein totes Rennen. Im 1599-Meter-Lauf der Männer vollbrachte der erst 18jährige Niedzwetzki mit 4: 48,2 Minuten eine sehr gute Lesstung, während Huck im Hochsprung der Jugend mit 1,48 seine eigene Körpergröße um sechs Zentimeter übersprang. Eitz Handballspiel zum Abschluß zwischen Eiche-Köpenick und Bohnsdorf sah die Köpenicker mti 5: 3 siegreich. Leun Hockey am Hitzschlag gestorben Auf dem Neuköllner Stadion wurde gestern nachmittag gegen vier Uhr während eines Hockeyspieles der 35 Jahre alte Kraft- wagenchauffeur Hermann Mahlow aus der Wilkenbergstr. 9a in Pankow vom Hitzschlag getroffen. Er brach bewußtlos zusammen und o e r st a r b aus dem Transport in das Buckower Krankenhaus. Holler und Sa>vall fuhren in Amsterdam Auf der Amsterdamer Stadionbahn fanden dieser Tage vor 29 999 Zuschauern Radrennen statt, die eine erstklassige Besetzung gefunden hatten. Leider fehlte in den Dauerrennen auch hier der Franzose Lacquehay am Start, so daß sein Landsmann Paillard allein für Frankreich startete. Nachdem Paillard den ersten Lauf über 49 Kilometer gewonnen hatte, gab er im zweiten wegen Sitzbeschwerden auf. Eine mäßige Rolle spielten die beiden deutschen Vertreter Möller und S a w a l l, die sich nie zur Geltung bringen konnten. Bester Flieger war der belgische Meister Scherens. Ergebniss«: Dau«rr«nnen, 1. Laut. 40 Kilometer: 1. Poillorä 31:49; 2. Echleebaum 100 Meter; 3. Linart 120 Meter; 4. Thollembeel 150 Meter; 5.«awall 450 Meter; 3. Degraf 475 Meter: 7. Möller 495 Meter zurück. 2. Lauf, 40 Kilometer: 1, Linart 31:09; 2. Degraf 30 Meter; 3. Cchleebaum 50 Meter; 4. Thollembeel 540 Meter; 5. Sawall 900 Meter: 3. Möller 1450 Meter zurück. Gesamt: 1. Linart 4 P.; 2. Echleebaum 5 P.; 3. Degraf 3 P,; 4. Thollembeel 8 P.; 5. Eawall 10 P.; 3. Möller 13 P. Fliegcrkamof: 1. Scheerens 4 P.; 2. Eerardin 5 P.; 3. Moeslops 3 P.; 4. Faucheux 7 P.; 5. Falck Hansen 8 P._ e Buch SrHi Stemberg: tderlliedergangdegdeulichenSiapHalismus Im Verlag von Ernst Rowohlt veröffentlicht Fritz Stern« b e r g eine umfangreiche Untersuchung mit dem Titel:„Der Nie» dergang des deutschen Kapitalismus". Sternberg ist ein überwiegend analytischer Denker, was schon aus seinen früheren Büchern hervorging. Dieser analytischen Begabung gelingt auch in dem neuen Werk eine übersichtlich gegliederte Darstellung des deutschen Kapitalismus in seiner Verflechtung mit der nieder- gehenden Weltwirtschaft. Sternberg holt weit aus: er verankert feine Darstellung in einer wohlfundierten Uebersicht über den Weltkapi- talismus der Vorkriegszeit, an die dann in drei Kapiteln die Ge- schichte des deutschen Nachkriegskapitalismus anschließt. Die deutsche Jnslationswirtschast wurde von der kapitalistischen Scheinblüte der Jahre 1924—1928 abgelöst. Sternberg beschränkt seine Analyse nicht nur auf die ökonomische Lage der Arbeiterschaft in ihrem Verhältnis zum Kapital, auch der Lage der Mittelschichten(Bauern, Angestellte, Beamte) werden umfangreiche Nachweise gewidmet. Die Weltwirt- schastskrise setzt ein. Deutschland erweist sich als das schwächste Glied der hochindustrialisierten Wirtschaftsgebiete. England und Amerika haben gewaltige Kapitalreserven, auf die zurückgegriffen werden kann. Deutschland ist ohne große Kapitalreserven unmittel- barer den Krisenwirkungen ausgesetzt. Infolge der ungeheuren Ratio- nalisierung war die Arbeitslosigkeit in den Konjunkturjahren der Nachkriegszeit größer als in den Krisenjahren der Vor- kricgsepoche. Kartelle und Monopole verschärften die Krise. Die Proletarisierung der Mittelschichten, die schon während der Inflation in verheerendem Maße eingetreten war, zog weitere Kreise. Die nationalsozialistische Bewegung wurde zu einer Millionenbewegung. In drei weiteren Kapiteln versucht Sternberg„Die Aufgaben der Arbeiterklasse" zu umreißen. Hier gelingt ihm nur die Analyse der wirtschaftlichen Ursachen der faschistischen Bewegung über- zeugend aufzuzeigen. Die ideologischen Faktoren des deutschen(und europäischen) Faschismus werden jedoch kaum berücksichtigt. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Sozialdemokratie und der KPD. ist scharf, aber in bezug auf die SPD. zu sehr im rein Destruktiven verankert. Hier sind die schwächsten Teile des Buches: Sternberg bliebt im leer Programmatischen stehen. Zu- sammenfassung der Arbeiterklasse ist heute eine Selbstverständlich- keit: Gewinnung der planmäßig irregeführten Mittelschichten eben- falls! Entscheidend bleibt hier das Wie! Die sozialen Machtkämpfe in Deutschland sind seit der Reichspräsidentenwahl in ein akutes Stadium getreten, demgegenüber Sternbergs Analytik höchst un- ergiebig ist. Dieser Einwand betrifft aber nicht die ökonomischen Teile des Werkes, die ein breites Erfahrungsmaterial verarbeitet haben und für jeden von Wichtigkeit sind, der sich über die Geschichte des deutschen Nachkriegskapitalismus informieren will. J. P. Meyer,