BERLIN Mittwoch 24. Allgllst 1932 Nr. 398 B 194 49. Jahrgang Redaktion u. Expedition! Berlin SW KT, Lindsnstr.S Ziel. A7 Dönhoff 292—297 Erscheint täglich außer Sonntags Zugleich Abend ausgäbe des„Vorwärts". Bezugspreis fürbeideAusgaben7öPf. pro Woche, z,2ö M. pro Monat ldavon 87 Pf. monatlich für Zustellung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 8,97 M. einschließlich S0 Ps. Postzeitungs. und 72 Pf. Postbestellgebühren. Anzeigenpreis: Di« lsplt. Millimeterzeile 30 Pf. Di« Reklamezeile kostet 2 Mark. Rabatte n. Tarif. Sonfleraepicm in Benin Furchtbarer zuchthausantrag für Zwanzigjährigen In der heutigen ersten Verhandlung des Berliner Sondergerichts beantragte StaatsanwaltschaftSrat Dr. Wagner gegen den'20 Jahre alten Hausdiener Paul S ch m i d t k e, der auf feiten der Kommunisten bei dem Zusammenstoß in der ProSkauer Straße am 14. August mehrere Schüsse abgegeben haben soll, wegen schweren Landfriedensbruchs die auf Grund der Not- Verordnung gegen politischen Terror geforderte Strafe für dieses Delikt von 10 Jahren Zuchthaus. Gegen den angeklagten Nationalsozialisten und SA.-Mann, den Arbeiter Franz Bickel, wurden neun Monate Gefängnis wegen unbefugten Waffenbesitzes und Gin- ziehung der Waffe beantragt. Der Strasantrag löste im Zuhörerraum große Bewegung auS. Zu irgendwelchen Kundgebungen kam es aber nicht. Das auf Grund der Notverordnung gegen politischen Terror vom 9. August gebildete Sondergericht für die drei Berliner Land- gerichte nahm heute vormittag im Neuen Kriminalgerichtsgebäude seine Tätigkeit auf. Bor und in dem Gerichtsgebäude war ein ver- flärtter Polizeischutz und eine scharfe Einlaßkontrolle eingerichtet, um irgendwelche Zwischenfälle zu vermeiden. Den Vorsitz des Ber- liner Sondergerichts führt Landgerichtsdirektor Tolk, dem zwei Berussrichter, die Landgerichtsräte Hausleitner und G ü n- t h e r. zur Seite sitzen, da bekanntlich Laienrichter beim Sonder- gericht fehlen. Die erste Anklage, die sich gegen den 2l) Jahre alten kommu- nistischen Hausdiener Paul S ch m i d t k e wegen schweren Land- friedensbruchs und den 23 Jahre alten nationalsozialistischen Ar- heiter Franz Bickel wegen unbefugten Waffenbesitzes richtet, wurde in Vertretung von Oberstaatsanwalt Dr. Sturm, der Dezer- nent der Anklagebehörde für das Sondergericht ist, von Staats- anwaltschaftsrat Dr. Wagner vertreten. Der kommunistische Ange- klagte, für den eine Vertreterin der Jugendhilse wegen seiner Minderjährigkeit erschienen war, wurde von Rechtsanwalt Dr. Litten verteidigt, der bekanntlich vom Vorsitzenden des Felseneck-Prozcsses von der Verteidigung ausgeschlossen worden ist. Der nationalsvzia- listische Angeklagte Bickel wurde von Rechtsanwalt Dr. Beneke ver- teidigt. Der Andrang der Presse und der Photographen zu der ersten Verhandlung des Berliner Sondergerichts war außerordent- lich stark, so daß der kleine Saal stark überfüllt war. Das dem Angeklagten S ch m i d t k e zur Last gelegte Verbrechen des schweren Landfriedensbruchs wird nach der neuen Not- Verordnung mit einer Mindeststrafe von 1l> Jahren Zuchthaus ge- ahndet. Zu der Verhandlung waren ll Zeugen geladen, darunter fünf Beamte der Schutzpolizei. Der Anklage liegt ein politischer Zusammenstoß zwischen Kommunisten und National- sozialisten zugrunde, der sich in der Nacht vom 15. August gegen l Uhr in der Proskauer Straße ereignete. Nach den bisherigen Ermittlungen der Anklage zogen mehrere Nationalsozialisten, die zwei Kameraden nach Hause gebracht hatten, die Proskauer Straße entlang. In der Nähe des Hauses Nr. 28 fielen plötzlich etwa 20 Kommunisten über sie her und gaben mehrere Schüsse ab, durch die jedoch niemand getroffen oder verletzt wurde. Nach Abgabe der Schüsse flohen die Kommunisten nach verschiedenen Richtungen. Als Schütze wurde von der Polizei der Angeklagte Schmidtke ermittelt, der trotz seines Leugnens nach Ansicht der Anklage von Zeugen mit Sicherheit wiedererkannt wurde. Das Ueberfallkommando wurde dann von einem Zeugen Krause daraus aufmerksam gemacht, daß sich der Angeklagte Bickel an der Garageneinfahrt des Hauses Rigaer Straße bückte. Als die Beamten dort nachsahen, fanden sie einen Trommelrevolver mit vier scharfen und einer abgeschossenen Patrone. Landgerichtsdirektor Tolk eröffnete die Sitzung mit der kurzen Bemerkung, daß es sich um die erste Verhandlung des Sondergerichts handele. Der Angeklagte S ch in i d t k c äußerte sich dann zur An- klage und bestritt, geschossen oder irgendwie mit der Angelegenheit zu tun zu haben. Er behauptete, mit einer Freundin im Kino ge- wesen zu sein, dann habe er in der Rigaer Straße eine Ansamm- lung gesehen und«s seien in der Nähe einer Tankstelle Schüsse ge- fallen. Er sei deshalb zurückgelaufen, um auf der Polizeiwache in der Zellerstroße Schutz zu erbitten, dazu sei er aber nicht mehr ge- kommen, weil er von Nationalsozialisten verfolgt wurde, die über ihn hergesallen seien und ihn der Polizei übergeben hätten. Sogar aus der Wo�e sei er in Anwesenheit der Polizeibeamten noch von den Nationalsozialisten bedroht worden. Der Vorsitzende befragte den Angeklagten dann nach seiner politischen Parteizugehörigkeit und Schmidtke erklärte, daß er keiner po- Edelmsnschen von OS. Morden ihr Vergnügen- warum auch nicht? Wer glaubt, daß nur die nationalsozialistische Parteipresse sich mit den Mördern von Potemba solidarisiert, der irrt. Die Ver- viehung ist schon soweit fortgeschritten, daß auch Blätter, die nicht unbedingt hitlertreu sind, sondern eher Hugenberg nahestehen, sich zur Mordsreiheit der Gutgesinnten an den Schlcchtgesinnten be- kennen. Die„Deutsche Zeitung" z. B. weist im Zusammen- hang mit dem Beuthener Urteil darauf hin, daß Papen in einer Rundfunkrede„ausdrücklich die Gleich st ellung von Ratio- nalsazialisten und Kommunisten abgelehnt ha t". Also, der Kommunist, der einen Nationalsozialisten ermordet, wird geköpft, der Nationalsozialist, der einen Kommunisten umbringt, bekommt vielleicht noch eine Belohnung. Noch toller treiben es die„Hamburger Nachrichten", die sich zu den folgenden Sätzen versteigen: Wir sind stets gegen alle Gewaltakte ausgetreten, aber was in Beuthen abgeurteilt wurde, war ja kein Gewaltakt gegen einen deutschen Volksgenossen, sondern die Beseitigung eines polnischen Halunken, der zudem noch Kommunist war. Also ein zwiefacher Minusmensch, der das Recht, auf deutschem Boden zu leben, längst verwirkt hatte.... Hat man denn um Gottes willen in deutschen Richterkreisen immer noch nicht begriffen, daß es sich im Osten in dem Grenz- kamps zwischen germanischen Edelmenschen und polnischen Unter- menschen um den Daseinskampf des deutschen Volkes handelt? So urteilen die Plus- und Edelmenschen in der Redaktion der „Hamburger Nachrichten". Das deutsche Volk kann auf solche Söhne stolz sein! Uebrigens: Germanische Edelmenschen? Unter den neun An- geklagten im Potemba-Prozeß fanden wir folgende Namen: Rusin Molniha, hippolith hadamik und Karl Ezaja, dazu ein Nowak... P i e t r z u ch ist ein„polnischer Halunke", die anderen aber—„germanische Edelmenschen"! Solchen aus bodenloser Roheit geborenen Unterschei- düngen gegenüber versagt die deutsche Sprache. Goebbels hetzt zum Pogrom. Die Juden sind schuld. Judenhetzen waren schon im Mittelalter das beliebte Mittel der Machthaber, Volksstimmungen in eine ihnen selber ungefährliche Richtung abzulenken. Nach diesem altbewährten Rezept verfährt Goebbels im„Angriff", indem er dort erklärt, daß an allem, was den Nationalsozialisten in Deutschland nicht gefällt, die Juden die Schuld tragen. Zum Schluß schreibt er: Das Strasgericht kommt! Noch sitzen die wahren Schuldigen sicher hinter den Kordonen der Polizei! Es wird die Stunde kommen, da die Staatsgewalt andere Aufgaben zu erfüllen hat. als die Verräter am Volk vor der Wut des Volkes zu beschützen. Vergeht es nie Kameraden! Sagt es euch hundertmal am Tage vor, so daß es euch bis in eure tiefsten Träume versolgt: Die Juden sind schuld! Und sie werden dem Strasgericht, das sie verdienen, nicht entgehen. Der SA.-Sturm 3ll hat an die Regierung ein Telegramm ge- richtet, in dem er sofortige Nichtigkeitserttärung des Beuthener Urteils verlangt. Im einleitenden Satz des Telegramms wird erklärt, daß die gegenwärtige Regierung ihre Existenz nur der SA. verdanke! Herzlichen Glückwunsch! Reichswehr muß SA. grüßen! Nöhms Forderung an die Neichoregierung. Die„Frankfurter Zeitung" hatte kürzlich gemeldet, Röhm habe bei seinen Verhandlungen mit der Reichsregierung u. a. auch ge- fordert, daß die SA.-Führer künftig von der Reichswehr gegrüßt werden mühten. Die„Kölnische Zeitung" hatte das in Abrede gestellt. Nun schreibt die„Frankfurter Zeitung": Unsere Nachricht stammt aus einer viel zu guten Quelle, als daß irgendein Zweifel an ihr möglich wäre, dagegen können wir uns sehr wohl denken, daß es Stellen gibt, die geneigt sind, die Wahrheit zu bezweifeln, weil sie amtlich davon nichts gehört haben,— und weil die Forderung Röhms so unerhört war, daß es tatsächlich nicht leicht ist, daran zu glauben. Leider haben aber führende Nationalsozialisten in jenen Tagen noch viel tollere Zumutungen an die Regierung gestellt, sie haben ihr Ansichten(und Absichten) vorgetragen, die beispiel- los sind! Diejenigen, die über diese Dinge Bescheid wissen, sollten reden! Röhms Zumutungen an Reichswehr und Reichsminister— da bleibt allerdings für die Phantasie der weiteste Spielraum offen! Verleumder auf der Kluchi. 3ur Verhandlung erscheint ein„Angriff"-Held nicht? Vor dem Schöfsengericht in Alt-Moabit stand heute am 24. August Termin gegen den verantwortlichen Redakteur Z i e t- l o w vom„Angriff" an. Er hatte sich wegen Verleumdung des Regierungsvizepräsidenten Grimpe in Schleswig zu verant- warten. Der„Angriff" brachte Behauptungen von großen Unter- schlagungen, die der Regierungsvizepräsident sich während seiner Tätigkeit als Landrat in Jnsterburg angeblich zuschulden kommen ließ. Zum Termin war der Verleumder nicht erschienen: Sein Rechtsbeistand erklärte, er sei nach Breslau versetzt. Die VerHand- lung mußte infolgedessen vertagt werden, damit der Angeklagte noch einmal gebeten werden kann, doch gefälligst ein bißchen für seinen Schwindel gerade zu stehen. litischen Partei angehöre und keine Beziehungen zur KPD. habe. Er habe auch nicht dem Roten Fronlkänipserbund an- gehört, habe aber einen Freund, der Kommunist sei. Vors.: Haben Sie schon einmal gehört, was man unter einem Sympathisierenden versteht? Ange kl.: Das ist jemand, der der Partei angehört. Vors.: Nein, gerade nicht, sondern jemand, der ihr nicht angehört und nur die Bestrebungen billigt. Sympathisieren Sie mit der kam- munistlschen Partei? Ange kl.: Man denkt sich so sein Teil. Mit den Nationalsozialisten kann ich nicht sympathisieren, weil sie einen Meineid leisten wollen, daß ich in der Proskauer Straße dabei war und geschossen habe. Wenn man einen jungen Menschen ins Zucht' haus bringen will, dann wird er davon nicht gebessert. Das kann nur durch andere Verhältnisse geschehen. Vors.: Haben Sie früher einmal zu den Nationalsozialisten Sympathien gehabt? A n g e k l.: Ich bin in ihre Versammlungen gegangen, die vorhandenen Sym- pathien sind aber geschwunden, weil jetzt fünf Zeugen der National- sozialisten beschwören wollen, daß ich dabei gewesen bin, was nicht stimmt. Der Angeklagte erklärte dann, daß er auf Versammlungen der Sozialdemokraten, der KPD., der Roten Hilse usw. war. Zu einem Teil haben die Nationalsozialisten recht, die anderen kann ich nicht beurteilen, denn ich bin politisch nicht geschult Der Angeklagte blieb dabei, mit dem Zusammenstoß nicht zu tun zu haben. Auf Veranlassung seines Verteidigers erklärte er dann noch, daß er einem unpolitischen Auswandererverein angehöre, dessen Mitglieder Arbeitslose seien, die durch Auswande- rung nach Südamerika sich eine bessere Zukunft schassen wollten. Dieser Verein werde durch die Behörden unterstützt und sei völlig unpolisisch. Der zweite Angeklagte, der Nationalsozialist Bickel, betonte, daß er seit über einem Jahr SA.-Mann sei, und zwar sei er das ge- worden, weil man ihm Arbeit verschafft habe. Auch er bestritt, bei dem Zusammenstoß in der Proskauer Straße dabei- gewesen zu sein und eine Waffe besessen zu haben. Er Hobe sich an dem betreffenden Abend in seinem Sturmlokal in der Rigaer Straße befunden. Eine Frau habe angerufen, daß sich in der Nähe Kom- munisten zusammenrotteten und einen Uebersall planten. Aus diesem Grunde sei er auf die Straße gegangen, wo schon die Polizei gewesen sei und Kommunisten und SA.-Leute nach Waffen durchsucht haben. Als die Polizei bereits abfahren wollte, hätte einer der fest- genommenen Kommunisten von dem Polizeiauto herabgerufen:„Der mar auch dabei und hat eine Waffe". Die Beamten hätten ihn durch- sucht, aber nichts gefunden. Später habe der gleiche Mann noch Lucher gegen Der K8. Deutsche Gcnossenschaftstag in Dortmund fand seinen Abschluß mit einer groß angelegten Wirt» schaftspolitischen Rede des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther. Einleitend bemerkte Dr. Luther, daß wir uns trotz allen Wirbeln« der politischen Ereignisse in einer historischen Lage befinden, wo die Wirtschaftskrise zwar noch nicht ihren Drehpunkt durchschritten Hot, wohl aber die elementare Kraft des Schrumpsung-oorganges der Wirtschaft an Stärke so verloren hat, dag der Staat und die Reichs- bank jetzt versuchen müssen, den natürlichen Genesungsprozeh zu unterstützen. Manches, was in einem früheren Zustand der Krise von der Wucht der Ereignisse verschlungen worden wäre, kann im jetzigen Zustand mit Aussicht auf Erfolg eingesetzt werden. Dies um so mehr, nachdem Lausanne den Ueberdruck der Reparations- frage tarsächlich ausgelöst hat. wenn auch trotz stärkster deutscher Kraft» anstrengung ein Rest verblieben ist. Nach einer Verteidigung der privatwirtschaftlichen Grundsätze, die bei der bekannten Einstellung des Reichsbankpräsidenten nicht überraschen, machte der Redner höchst bemerkenswerte Ausfüh- rungen zu den jetzt mehr denn je verschärften Autarkie- bestrebungen. Dr. Luther erklärte: Möglich ist es und nützlich, den deutschen Menschen in großem Umfange auf die Erzeugnisse des deutschen Bodens zu verweisen. Es gibt aber Grenzen, die von den Fanatikern autarkistischer Planung übersehen werden. Die Deutschen, die infolge ihrer fortschreitenden Verflechtung mit der Weltwirtschaft von 40 auf mehr als 60 Millionen angewachsen sind, haben Jahrzehnte hindurch einen wesentlichen Teil ihrer Arbeitslei st ung an das Ausland verkauft. Sie würden, wenn diese Verkaufsmöglichkeit fortfiele, einem der» artigen Clendszustand preisgegeben sein, daß die aus dem Aufsich- selbstgestelltsein entstehenden Gefühlswert« durch den Rückgang der Lebensführung mehr als ausgewogen würden. Sache der prak- tischen Politik ist es, einen Zustand herbeizuführen, in dem der Binnenmarkt stark ist und wir doch die Segnungen des Weltwirt- schaftsverkehrs genießen. Die absolute Autarkie aber würde mit Rot und Tod sehr vieler Deutschen überbezahlt werden. Eine gesunde Ausfuhr hängt davon ab, daß ein gesunder Binnenmarkt vorhanden ist, aber umgekehrt ist, jedenfalls auch in Deutschland, das Gedeihen des Binnenmarktes von der Ausfuhr abhängig. Die Landwirtschaft kann nur dann die Preise erzielen, die zu ihrer Erhaltung notwendig sind, wenn die Kaufkraft der Bevölkerung eine starke Ergänzung durch Beschäftigung im Dienste der Ausfuhr erfährt. Die Währung ist kein Versuchsfeld, an der ohne die Erfahrungen der Vergangenheit zu benutzen, herumgebastelt werden darf. Dazu hängt zu viel Glück und Leid von ihr ab. wie alle, die die dem Genossenschasisiag große Inflation durchgemacht haben, wüsen. In allen Anjenzeiten sind Pläne aufgetaucht, durch Währungsexperimeme den Druck der Krise künstlich aufzuheben. Nie ist durch ein Experimentieren mit der Währung dieser Krisendruck dauernd gemildert worden, wohl aber werden Krisen durch Währungscxperimente zu Katastrophen. Der Reichsbank sind über tausend Währungsprojekte eingereicht worden. Welches dieser Projekte ist das richtige? Alle Währungs- leiter der Welt sind sich darüber einig, daß die Krise von der Währungsseite her nicht überwunden werden kann. Irreführend ist das Wort Kreditausweitung besonders dann, wenn damit die Vorstellung verbunden wird, als hätte die Reichs- dank jemals(nachdem die Bankenschließung alz solche u'z"' wunden war) wirtschaftlich berechtigte Kredite verweigert und als bedürfe es zur Behebung dieses Zustande? einer Kre. ausweitung. Richtig ist das. eine, daß die Notenbank nie die Grund- regel außer Kraft setzen kann, wonach der Umlauf von Waren und Leistungen von sich aus den Umlauf an Geld unter Berücksichtigung der Umlaufsgeschwindigkeit dieses Geldes bestimmt. Die Notenbank kann kein Kapital zaubern. Die Notenbank kann nur Geld hcrleihcn, das in kurzer Frist zu ihr zurückfließen muß. Unter besonderen Umständen kann sie bei gc- sicherter Kapitalbildung in Vorschuß treten und kann auch ver- ständigerweise zu erwartende Leistungen des Kapitalmarkics in gc- wissem Umfang diskontieren. Was die Reichsbank für Arbeitsbc- Ichaffung bereite getan und zugesagt hat, ist bekannt. Aus dem Re- gierungsprogramm wird stch weiteres ergeben. Ich erinnere auch an die Russenwechsel und an die Sparkassenhilfe. Vor allem aber spreche ich auch hier wieder aus, daß die Reichsbank bereit ist, der Wirtschaft für jeden wirtschaftlich gesunden Zweck ihre Kreditkrast zur Verfügung zu stellen, sofern es sich nur um echte Geschästsvor- gange handelt. Gegenüber der Forderung, das Gold als Währungsgrundlaae aufzugeben, ist zu sagen, daß man einen anderen internationalen Wertmesser alz Gold bisher noch nicht gefunden hat. Die falsche Koldoerteilung auf der Erde hebt seine Eigenschaft als Wertmesser nicht auf. Diese falsche Verteilung kann nur durch eine vernünft'ge Welthandels- und Weltkreditpolitik überwunden werden. Zu der in der Oeffentlichkeit viel diskullerten(frage der Zinshöhe äußerte sich Dr. Luther noch nicht mit aller wünschenswerten Klar- beit. Er begründete diese Zurückhaltung damit, daß speziell über diese Angelegenheit eingehende Erörterungen zwischen der Reichs- regierung und der Reichsbank schweben. Es fei selbstverständlich, daß in freier Entschließung von Schuldnern und Gläubigern fort- gesetzt an einer Senkung der Geldkosten gearbeitet werden müsse. Ein weiterer Abbau des Reichsbankdiskontes fei lediglich durch die Vorschriften des Bankgefetzes verhindert worden. Die Bemühungen der Reichsbank gehen dahin, daß diese gesetzlichen Hindernisse sobald wie möglich beseitigt werden. einmal die Poüzeibeamten darauf aufmerksam gemacht, daß die Waffe in der Garageneinfahrt versteckt sei. Man habe da auch eine Waffe gefunden, die ihm aber nicht gehört habe, denn er habe überhaupt nie eine besessen. Auch dieser Angeklagte blieb dabei, nichts mit der Angelegenheit zu tun zu haben. Damit war die Vernehmung der Angeklagten beendet und man trat in die Zeugenvernehmung«in. Der Verhandlung wohnten übrigens der Oberstaatsanwalt Sturm und der Präsident des Land- gerichts, Dr. Soelling, bei. Der Arbeitsmarkt. (Statistischer Rückgang, aber tatsächliche Steigerung der Erwerbslosigkeit. 3n der Zeit vom 1. bis 15. August ist die Zahl der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Arbeitslosen um rund 10 000 zurückgegangen. Insgesamt wurden bei den Arbeitsämtern 5 3 8 Z 0 0 0 Arbeitsuchende gezählt. Die deutsche Arbeitslojenslatistik bietet nach' der Papen-Notver. ordnung keine Gewähr mehr für annähernde Richtigkeit der Erwerbslosenziffern. Die brutale Aussteuerung und die rigorosen Prüfungen aus hilfsbedürstigkeit lassen die Armee der Erwerbslosen, die bei den Arbeitsämtern gar nicht mehr erscheinen, von Woche zu Woche wachsen. Die rückgängige Arbeitslosigkeit in den letzten vier Wochen ist also nur Schein. 3n Wirklichkeit steigt die Elendsflut seit Rlitte Zuli wieder an. Trendelenburg iriii zurück. Abschiedsgesuch bereits eingereicht. Der Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium Dr. Tren- delenburg, dessen Rücktrittsabsichten wir bereit» gemeldet haben, hat heute feinen Abschied«ingereicht. Das Abschiedsgesuch liegt bereits dem Reichspräsidenten vor. Die Gründe für den Rücktritt dieses verdienstvollen Wirtfchafts- Politikers sind in persönlichen Gegensätzen zu dem Reichswirtfchasts- minister Warmbold zu suchen. Die Quelle dieser Gegensätze liegt in dem Widerstande Trendelenburgs gegen die Au- tarkieplän« der Regierung. Kuhhandel in Thüringen. parlamentarische Schiebungen in den Landtagsausschüssen. Weimar, 24. August.(Eigenbericht.) In der Dienstag-Rachmittagssitzung des neugewählten Thurm- gifchen Landtags wurden die Wahlen zu den Landtagsausschüssen vorgenommen und bestimmt, welche Parteien in den einzelnen Aus- schüsten den Vorsitz führen sollen. Bisher war es üblich, daß die stärkste Oppositionspartei den Vorsitz im Haus- haltsausfchuh bekam. Von dieser Gepflogenheit wich der Landtag am Dienstag ab. Der Sozialdemokratischen Partei als stärksten Oppositionspartei wurde jeder Ausfchußvorfitz ver- weigert. Nationalsozialisten und Landbündler nahmen die Posten nur für sich in Anspruch. Der Landtagsvorstand, der sich aus zwei Nationalsozialisten und einem Landbündler zusammensetzt, hat am Dienstag den Frak- tionsvorsitzenden der Nationalsozialisten, Abg. Sauckel, ossiziell beauftragt, als Unterhändler für die Regisrungs- b i l d u n g tätig zu sein. Nach der Verfassung gibt es in Thüringen -keinen Ministerpräsidenten. Die Wahl der Regierui?g vollzieht sich in der Weise, daß vollständige Ministerlisten eingereicht und in einem Wohlgang gewählt werden. Dieser Umstand hat es mit sich gebracht, daß der Landtagsvorstand einen Unterhändler bestimmt, der ver- suchen muß, ein« Regierungsbildung zustandezubringen. Gelingt ihm dies nicht, dann gibt er seinen Austrag zurück, und es wird ein zweiter oder ein dritter Unterhändler bestimmt, der sein Glück versuchen muß,«ine Einigung unter den Parteien herbeizuführen. In der Landtagssitzung am Freitag, dem 26. August, soll die Wahl der Regierung auf die Tagesordnung gesetzt werden. Die„nationalen" Brüder. Eine Blütenlese von Liebenswürdigkeiten. Neustrelih. 24. August.(Eigenbericht.) Das Verhältnis zwischen Stahlhelm und Nationalsozialisten in Mecklenburg-Strelitz wird immer entzückender. Seit einiger Zeit spielen sich rein politische Eifersuchtsszenen ab. Der Stahlhelm, Gau Mecklenburg-Strelitz, veröffentlicht einen, wie er ihn nennt, offiziösen Bericht, in dem er Gift und Galle gegen die 5)itler-Leute verspritzt, die ihn und seine Führer seit Tagen stark gereizt haben. Rein sachlich ist aus diesem Bericht zunächst zu ent- nehmen, daß der Stahlhelm sich hinter jede Regierung in Mecklenburg-Strelitz stellen werde, die, wenn es geboten erscheint, auch ohne Parteien regiert. Das bedeutet, daß. die Deutsch- nationalen die Nationalsozialisten ausbooten wollen und dann in Mecklenburg allein zu regieren beabsichtigen. Die Stahlhelmführung wendet sich dann gegen die Nationalsozialisten: ..Für Angriffe aus dem Hinterhalt, wobei der Angreifer nicht für seine Tat einsteht, sondern im Verborgenen bleibt, haben wir Front- saldaten kein Verständnis, sondern nur tiefste Abscheu. Nun gibt es hier im Lande ein widerliches schmutziges Slrauchrillerlum, Leute, die aus dem Dunkel der Anonymität mit Dreckkübeln von Lügen und Verleumdungen unseren Gausührer(also den des Stahlhelms) angreifen. Diese widerlichen Schmierfinken, die aus persönlicher Rachsucht handeln, weil ihnen ihr für die nationale Sache verderb- liches Handwerk vom Stahlhelmgauführer gelegt wurde, sind zu feige, um ihre Namen zu nennen. Sie oerkriechen sich hinter der doppelten Schande der Anonymität und der eines immunen Abgeordneten. Aber diese Schmuhsprltzer von Verleumdungen, die diese Leute in einer Zeitung, die das Nationale, den politischen Anstand und die guten Sitten immer so sehr betont, veröffentlicht, können unserem Gauführer nichts anhaben, denn wir wissen, daß er turmhoch über allen solchen Verleumdungsversuchen steht." Weiter gibt der Stahlhelm noch bekannt, daß der Stahlhelm-Gauführer von Mecklenburg-Strelitz, Major a. D. Braun, gegen den national- sozialistischen„Niederdeutschen Beobachter" Strasantrag ge- stellt habe. Paris und Beuchen. Die Hitleiv TUvolte. Pari», 24. August.(Eigenbericht.) Das Havas-Büro glaubt zu wissen, daß die Regierung vielleicht vier von den Verurteilten begnadige, den fünften aber, den Rädelsführer, hinrichten lassen werde. Die Reichsregierung könne keine Schwach« gegenüber der Hitler-Drohung zeigen, denn das würde«ine allzu ungünstige Rückwirkung auf den Geist uyd die Disziplin in der Reichswehr haben. Die lebhafte Prelsediskulsion über die Todesurteile von Deuthen dauert an. Der„Matin" betont, daß jedes Gericht der Welt angesichts der ungeheuerlichen Bestialität der Beuthiner Mordtat die Höchststrafe hätte verhängen müssen. Die Entrüstung Hitlers sei daher durchaus nicht angebracht, zumal seinen Parteigängern das Leben der Andersdenkenden durchaus nichts wert sei. Ein Mann, der für das Amt des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers kandidiere, müsse am besten wissen, wie nötig es fei, das Gesetz zu achten. Der„Matin" meint weiter, Goebbels sei von den Mördern abgerückt(?!), während Hitler sich mit ihnen völlig identifiziert habe. Der„Petit Parisien" führt aus, daß das Zentrum angesichts der Revolte der Hitler-Leute genötigt sei, derart scharfe Be- dingungen zu fordern, daß«in Erfolg der preußischen Koalitlons- Verhandlungen nicht mehr wahrscheinlich sei. Die Nebellion in Brasilien. Revolutionäre unter Führung eines Deutschen. Rio de Janeiro, 24. August.(Eigenbericht.) In einer zwei Tage währenden Schlacht wurden von R«- gierungstruppen unter General Lima die von dem deutschen General Berthold Klinger geführten brasilianische» Re- bellen vernichtend geschlagen- Die Schlacht, die als die schwerste in der brasilionischen Geschichte bezeichnet wird, wurde mit den modernsten Massen auf einer acht Meilen breiten Front aus- gefochten. Beide Parteien halten schwere Verluste. Zahlreiche Rebellen wurden gesangen genommen, darunter de? Sohn des Ex- Präsidenten Washington Luis. Die Regierungearmee ist auf dem Marsch nach Sao Paulo. Dort soll sich eine steigende Un- zufrieden heit der Arbeiterschaft gegen das Re» bellenregime bemerkbar machen. -> Nach einem über Buenos Aires nach Europa gelangten Funk- fpruch aus Brasilien hat sich im Distrikt Cunha eine große Schlacht zwischen Regierungstruppen und Aufständischen ent- wickelt. Das Hauptquartier der Aufständischen meldet, daß die Regierungstruppen 10 Meilen weit zurückgeschlagen worden seien. Autoprozeß um eine Tänzerin. Marianne Winketstern vor den Schranken des Gerichts. Unter starkem Andrang des Publikums, da» von einer kette von Justizwachtmeistern von dem versuch, den Gerichtssaal zu stürmen, zurückgehalten werden mußte, begann vor dem Verkehrsgericht Berlin-Mitte der Prozeß gegen die ZZjährige Tänzerin Marianne winketstern wegen fahrlässiger Tötung des Ober- Ingenieurs Oskar Rudloss. Die jung« Tänzerin war am 16. Mörz in ihrem Ford-Wagen von ihrer Wohnung in der Reich»straße au» gegen M Uhr abend» die Kantstraße entlanggefahren, um in die Scala zu kommen, wo sie damals auftrat. In der K a n t st r a h e. an der Kreuzung der Kaiser-Friedrich-Straße. fuhr sie einen Passanten, den Ober- ingenieur Rudloss, an, der aus den Damm geschleudert und so schwer verletzt wurde, daß man auf der Rettungswache nur noch den Tod feststellen konnte. Die Anklage, die von Staats» anwaltschastsrat Wolsf vertreten wird, wirst der Autofahrerin vor. daß sie die Kreuzung unachtsam und mit zu hoher Geschwindigkeit passiert Hobe, so daß sie durch Fahrlässigkeit Rudloffs Tod verursacht habe. Tödlicher llnfall auf Wannseebahn. Bauleiter über fahren und getötet. An der Baustelle des neuen Bahnhofs Feldstraßen- brücke in Steglitz, der im Zusammenhang mit den Tlektrisi» zierungearbeiten der Wannseebahn errichtet wird, ereignete sich heute morgen kurz vor S Uhr«in tödlicher Unglücksfall, dem der Baumeister Richard Blume, der Leiter dieser Baustelle, zum Opfer fiel. Blume, der schon seit längerer Zeit bei der diesen Bau au«» führenden Firma Philipp Holzmann 2l.-D. tätig ist, erschien meisten» einen um den anderen Tag auf dem Bau, um sich von d«:n Fortschritt der Arbeiten zu überzeugen. AI» er heute früh wieder seine Tätigkeit an der Feldstraßenbrücke aufnahm, muß er dos noch Wannsee führende Vorortgleis betreten haben, ließ aber dabei außer acht, daß auf diesem Gleis der Vorortzug 4088 vom Potsdamer Bahnhof herankam. Die Maschine des Wannsee- zuges erfaßte ihn und riß ihn um, wobei sein Schädel zertrümmert wurde, so daß der Tod auf der Stelle eintrat. Der Verunglückte, der im 49. Lebensjahr stand, hinterläßt Frau und Kind. Oachstuh!brand am Tegeler Weg. Am Tegeler Weg, in. der Nähe der L u f t s ch i f s« r» k a s e r n e, brach heute vormittag ein schweres Schadenfeuer aus: In einem zweistöckigen Wohnhaus geriet der Dachstuhl in Flammen. Da befürchtet werden mußte, daß der Brand sich ausdehnt, wurde für die Feuerwehr sehr bald dritter Alarm angeordnet. Nach harter Arbeit gelang es, das Feuer einzuschränken. Menschenleben wurden nicht gefährdet. Der Sachschaden ist beträchtlich. Dos Gebäude liegt auf dem Polizcigelände der In» spektion Reinickendorf. Schwere ltnwetier in Oft- und Wsftpreußen. Königsberg. 24. August. lieber weiten Gebieten Ost- und Westpreußens, besonders aber im Süden Ostpreußens, entluden sich überaus schwere Ge- witter, die erheblichen Schaden anrichteten. In Iewonischken im Kreise Darkehmen wurden zwei Landarbeiter auf dem Felde vom Bljtz erschlagen. Hagelschlag vernichtete«inen Teil der noch auf dem Felde stehenden Ernte. Giraßenbahnkaiafirophe in Wales. Zwei ZZerfonen gelötet, 17 schwer verletzt. Bei Llandudno in Wales wurde ein Straßenbahnwagen infolge Versage»? der Bremse aus einer abschüssigen Straße aus den Schienen geworfen und raste mit großer Geschwindigkeit gegen eine Bkaucr. Der S t r a ß e n b a h n f ü h r e r und ein zehnjähriges Mädchen wurden getötet, 17 Personen wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Der Straßenbahnwagen wurde vollkommen zerirümmert. Die Kopferoller Wie oft sah man sie Wollust schöpfen Aus wilden Blntrunstphnntasien! Wie haben sie sidi nach dem Köpfen Die Kehle heiser oft geschrien! Wie oft iitierten sie die Krähe, Die nach dem GalgenReische giert... Jetzt hat in ihrer eignen Nähe Sich mal der Henker etabliert. Die Köpferoller, Köpfehauer Sind plötzlich nicht mehr recht intakt. Auf einmal hat der Todesschauer Ihr innres Wesen angepackt. Das alte Lied... die alte Leier: Die Werte der Humanität Entdeckt der Guillotine-Schreier, Wenn s selbst ihm an den Kragen geht. Die Operette Kriiische Vorrede zu Ist öS nicht wie all« Jahre, ist«s nicht fast wie immer? Die Operettenfaifon ist eröffnet, Zeitungen und Zeitschriften bringen die niedlichsten Bildchen, die verheißungsvollsten Probenberichte und Voranzeigen, die Rotter-Bühnen(nicht weniger als sieben an der Zahl) versprechen ihren Besuchern den Operetten- und Ton- silmhimmel auf Erden mit all seinen Sonnen und Sternen: die M a f s a r y singt im Metropoltheater, Tauber den Schubert, Gitta Alpar die Katharina! Wahrlich es ist wie alle Jahre, es ist wirklich fast wie immer. Da aber fo viel anders geworden ist, da Millionen Menschen nicht wissen wie sie weiter leben sollen, da das Elend wächst wie eme Sturmflut, die jeden bedroht, da selbst die große Kunst den Atem anhält und nicht weiter will noch kann — ist's da nicht unheimlich, die kecken Komödien in gespenstischem Zwielicht vor einem tragischen Hintergrund von so ungeheuren Ausmotzen abrollen zu sehen? Haben wir schon kein Brot— was sollen uns. was bedeuten uns all die gedankenlos leichtfertigen Spiele? Können wir das noch verantworten? „Welch pathetische Perspektive" könnte hier, wird hier ge- antwortet worden.„Trotz all der aufwühlenden Erschütterungen gibt'» immer noch die kleine Welt, des emzelnen beschränkte Exi- stenz, unendlich wichtig für jeden in all ihrer Enge. Je geringer ihre Sicherheit, je freudeleerer ihr Ablauf, um so stärker ist die Flucht in den Traum, um so heißer die Sehnsucht nach Reichtum jeder Form, nach Gold, Glanz, Glück... Den unentbehrlichsten Ersatz ohnmächtiger Wirklichkeiten, nur allzu kurzer Stunden selbst- vergessene Verwandlung, wer anders schenkt sie so mühelos leicht dem Ermüdeten, Traurigen? Das Firmament der himmelhohen Kunst ist ach so vielen unerreichbar fern— wer hat den Mut, auch dies noch ihnen zu verwehren: den schalen Abglanz von dem Glanz des Lebens?" Auch diese Verteidigung aber wird noch zur Anklage. Ersatz sich versagender Wirklichkeit— ist dies denn Aufgabe der Kunst? Dem Leben zu versklavt, um der vollen Freiheit der Phantasie teil- haftig zu werden, der Wirklichkeit zu fern, um ihren furchtbaren Ernst zum Gleid)nis zu erhöhen— entsteht hier nicht ein Zwischen- reich, in welchem alles unecht wird: die Welt, die Wirklichkeit, so- gar der Traum...? Gewiß, die Operette wollte einst und war einst mehr, hatte gesellschaftskritischen Elan: was aber ist aus ihr geworden! Aus n unserer Zeit n Gtari der Saison einer kritischen entstand die kritikloseste, aus einer geistreichen die g e i st l o s e st e, aus einer revolutionären die reaktiv- n ä r st e aller Kunstbemühunge». Im Augenblick, als sie zu paro- dieren aufhörte und sich selbst ernst zu nehmen begann, wurde sie zur Parodie ihrer selbst, zur Farce wider Willen: wurde sie Rumpelkammer der Musik wie der Historie. Hier werden abgelegte Kleider der großen Kunst genau so aufgetragen wie die der großen Welt; der Mensch kommt auf den Hund, die Weltgeschichte auf die Operette. Was ist sie heut noch anderes als Glorifizierung einer Gesellschaftsordnung, eines Lebensstils, die nicht mehr existieren, Traumspiegelung von Dingen, die es nicht mehr gibt? Die als Atrappen nur, als fadenscheinige Gewohnheitssymbole für Glück und Größe lediglich noch ihren Kurswert haben, um nichts leben- digsr als eine Vorkriegsuniform in Hollywood? Es ist kein Zufall und keine besondere Stupidität der betreffenden Autoren, daß hier noch Majestäten aktuell, daß hier noch Exzellenzen und Maitressen interessant sind wie in guter alter Zeit: daß wir die Pompadour, die Dubarry, die Liselotte von der Pfalz und jetzt die Katharina miterleben dürfen, daß wir Hoflust atmen, bis es selbst uns ganz ausgezeichnet trainierten deutschen Republikanern zu viel wird... nein, nicht aus Zufall, aus Gedankenlosigkeit: sie ist notwendiger- weise und nicht nur im Aeußerlichen reaktionär. Im P s y ch o l o- zischen herrscht schrankenloser Individualismus, der hier seine letzte Zuflucht findet: von kollektivem Geist und anderen„kultur- bolschewistischen" Neuerungen ist hierorts nichts bekannt, höchstes Glück der Erdenkindcr ist da immer noch die Persönlichkeit: und zwar die hochgeborene, mit Macht über andere, im Dunkeln Ver- kommende, ins Dunkel Gehörende, verschwenderisch ausgerüstet. Kurz resümiert: die Operette ist Relikt einer Zeit, Produkt einer Welt- und Lebensanschauung, die mit uns Heutigen wenig oder nichts zu tun hat. Daß sie von ihrer alten Schablone seit Jahrzehnten nicht mehr loskommt, im Formalismus längst erstarrt ist und absolut nichts Neues mehr hervorzubringen vermag, daß sie tot ist ohne es zu wissen— ist dies nicht der beste Beweis alles dessen? Dies al� Ersatz des Lebens? Dafür wollen wir keinen Ersatz, dürfen wir keinen wollen, das müssen und werden wir uns erkämpfen. Darüber hinaus aber brauchen wir wahrlich nur wirkliche, echte, heilige Kunst, die auch von dem reichsten, dem er- fülltesten Leben noch eine Brücke schlägt in die Unendlichkeit. Arnold Walter. Hans Bauer. Das Recht im neuen System. Ein unglaubliches Urteil. Frankfurt a. d. O.. 24- August.(Eigenbericht.) Unter dem Vorsitz des AmtsgerichisdireUors W r e d e, der seiner Stellungnahme gegen Republikaner wegen bekannt ist, wurde vor dem Frankfurter Tchössengericht heute gegen drei Reichsbannerleute ver- handelt. Sie waren angeklagt, auf Grund der Notverordnung gegen Waffemnißbrauch, weil sie mit Erlaubnis des zuständigen Nazi-Klippschule. (Hitler» Ausruf wurde von Goebbels scharf zensuriert.) gut an, aber schriftlich ist er doch noch sehr mangelhaft." Polizeikomm issars gelegentlich des Kreistreffens des Reichs- banners in Frankfurt a. d- O. als Symbolgruppe auf einem La st wagen g Dunggabeln mitgeführt hatten. Zwei der Angeklagten wurden zu drei � Monaten, einer zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Das Urteil entsprach den Anträgen des Staatsanwalts Grsssin, der den N a t i o n a l f o z i a li st e n nahe- steht. Gegen da» unglaubliche Urteil ist sofort Berufung ein- gelegt worden. Zwei Urteile aus einem Gericht. i. In der schlefischen Kleinstadt Steinau(Oder) hatte der SA.- Führer Wilhelm E l s n e r eine„Strafexpedition" organisiert, um in dem Zlrbeiteroiertel die verhaßten Freihsitsfahnen herunterzu- holen und zu verbrennen. Mit einer Horde von etwa 25 bis 30 SA.- Leuten durchzog er die Stadt Steinau kreuz und quer, und überall dort, wo sich eine Freiheitsfahne zeigte, drangen die SA.-Lcute in da« betreffende Haus ein und versuchten, die Bewohner durch Drohungen zur Herausgabe der Fahnen zu zwingen. In zahlreichen Fällen wurde Hausfriedensbruch verübt. Mehrfach wurden die Freiheitsflaggen auch, soweit sie erreichbar waren, herunter- gerissen. Unter allgemeinem Gejohle wurden die„erbeuteten" Fahnen dann angezündet und verbrannt. Da» Urteil des G l o g a u« r Sondergericht» lautete gegen den Rädelsführer auf sechs Wochen(!!) Gefängnis. II. Am gleichen Tage hallen sich vor dem Sondergericht einige Mitglieder der Eisernen Front und mehrere Kommunisten au» Steinau wegen Landsriedensbruchs zu verantworten. Slm Tage nach dem Wahlsonntag war eine Anzahl S A.- Leute in voller Kriegsbemalung vor dem Arbeitsamt Steinau erschienen, um sich ihre vom„System" bewilligten Stempelgelder abzuholen. Es tam vor dem Arbeitsamt zu einer zunächst durchaus harmlosen An- rempele!, die auch ohne weitere Folgen geblieben wäre, wenn nicht der S A.- M a n n Anders seine Pistole gezogen und den Arbeiter Wittig durch einen Schuß am Kops verletzt hätte. Ein Teil der Erwerbslosen stürmte nunmehr in verständlicher Erregung den nach dem Stadtinnern flüchtenden Nazi, nach Dies« erhielten aus dem Schützenhause telephonisch herbeigerufen« Verstärkungen, und es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem der Arbeiter Friese von den Nazi» durch Messerstiche noch schwer vermundet wurde. Auch einige Nazi» wurden verletzt- Eine spätere Durchsuchung bei einem Trupp SA.-Leute fördert« mehrere Revolver mit Munition, Dolche. Tot- schläger und ander« Handwaffen zutage. Trotz diese, klaren Tatbestandes, der einwandfrei erkennen läßt, daß die Nazis provoziert hotten, beantragte der Staatsanwalt gegen den„Rädelsführer", den Arbeiter Mathäus,«in Jahr sieben Monate Zuchthaus(!!), gegen sieben weitere An- ge'iagle Gefängnicstrasen von sechs Monaten bis zu einem Jahr. Da» Sondergericht verurteilte Malhäus zu einem Jahre Ge- fängnis und die übrigen Angeklagten zu weiteren Gefängnisstrafen von drei bi? neun Monaten. Zwischen Fridericus Vex und piccard. Oer Führergedanke im Echafstall. Am Dienstag oerbarg sich der für die Berliner Rundfunk- Hörer jetzt täglich fällige Fridericus-Rex-Marsch in dem Massen-Orchefterkonzert aus der Funkausstellunz in Hugo Kauns „Aus großer Zeit". Wer trotzdem noch den Mut hatte, an diesem Abend seinen Rundfunkapparat wieder einzuschalten, erlebte mit dem Hörbild„Die Arche Roah des Herrn Brehm" wenigstens eine kleine freundliche Heberraschung. Das Manuskript von Oda Weitbrecht läßt Tiere aufmarschieren, so wie der Mmeister der Tierkunde, Vater Brehm, sie selbst betrachten lehrte: als Tiere, die der Mensch nur dann lebendig sehen kann, wenn er nicht versucht, sie nach seinen menschlichen Anschauungen und Werturteilen abzu- schätzen. In diesem Hörbericht malte keine Geräuschkulisse den Dschungel des Tigers und der Schlange, keine Sphärenmusik die Felfeneinsamkeit dez alten Steinbocks. Das Wort allein ging mit leiser, fast scheuer Achtung den Spuren der Tiere nach. Was es zeigte, war ein Stück echter Natur. Man erfuhr übrigens auch bei- läufig, wo der„F ü h r« r g« d a n k e" unter den Tieren feine voll- kommenfte Berwirklichung findet: bei dem degenerierten Haus- s ch a s, das dumm und blindlings dem vierbeinigen Führer der Herd« auch das Unsinnigste nachmacht. Für den heiteren Augenblick, den der alte Brehm mit dieser von ihm ungeahnten Aktualität seiner Naturbeobachtungen dem Rundsunihörer bescherte, gebührt ihm eine extra dankbare Erinnerung. Nachts gegen halb elf wurde ein Hörbericht des Professors P i c c a r d gesendet. Da er vorher aus Wachsplatten aufgenommen worden war, war es unverständlich, daß man diese, doch sehr viele Hörer interessierende Sendung nicht zelliger zwischengeschaltet hatte. Für Interviews von Filmschauspielern und Tennismeistern ist doch immer zu günstigerer Stunde im Programm Raum? Die Schikde» rungen Professor Piccards, die sehr schlicht und ohne wissenschaftliches Beiwerk von seinem Stratosphärenflug erzählten, wurden anscheinend im Funkhaus für minder belangvoll gehalten.— lr. Das wiederhergestellie Marmorpalais. Die Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten fährt trotz der ungünstigen Zeiten fort, mit Kenntnis und Geschmack die vielen Anlagen um Potsdam wiederherzustellen und der Oeffent- lichkeit zu erschließen. Nach der Wiedereröffnung der Gemälde- galerie in Sanssouci Hot Direktor Dr. G a l l dos Marmor- palais am Heiligen See in den alten Zustand versetzt und den nördlichen Seitenbau mit einer ständigen Au«-stellung Potsdamer Ansichten des 18. und 13. Jahrhunderts gefüllt. So ist wieder ein Anziehungspunkt Alt-Berliner Kultur entstanden: denn die Räume des Hauptbaus in ihrer ursprünglichen Schönheit, bestes Beispiel des Louis-XVI.-Stils und der Langhans- schen Dekorationsweise, erhalten in der neuen Sammlung von Bil- dein aus Potsdam und Umgebung Aquarelle(von Schinkel, Hintze, Kloß, Graeb, Gemälde von W. Barth) eine Ergänzung, die das etwas abgelegene und wenig bekannte Schlößchen am Heiligen See in den Mittelpunkt intimer Interessen an den preußischen Schlössern rückt. Am Zufahrtsweg des Parkes steht als letzter der edelgeformten Kleinbauten de»„Holländischen Etablissements" an der linken Seite die Orangerie von Langhans, deren Konzertsaal mit seiner eigentümliche Dekoration von Blumenstöcken in Berliner Porzellan- topfen(auf palmenartigen Konsolen), Glaskronen und klassizistischen Eisenöfen wieder so erscheint, wie er zur Zeit Friedrich Wilhelm» 11. ausgesehen haben mag. Noch hübscher ist freilich da, Blumen- parterre, das man vor der Orangerie erneuert hat. mit einem Ge- fühl für die Farbenpracht spätsommerlicher Staudengewächse, die hier eine ganz besonders glückliche Hand der Gärtnerei und feinsten Geschmack der Leitung verrät. Unter den Bildern im Schloß ragen mehrere Dutzend überau» reizvoller Gemälde von Wilhelm Barth hervor, die am an- schaulichsten das Aussehen von Potsdam und den Schlössern ver- gegenwärtigen. Merkwürdig ist, daß kaum ein Mensch vorher von ihm gewußt hat, ja, daß Barth eine vollkommene Neueilldeckung der deutschen Kunstgeschichte darstellt. Er scheint fast ausschließlich für Friedrich Wilhelm IV.(als Kronprinz) gearbeitet zu haben. Es ist nichts über ihn bekannt, als daß er Maler an der Berliner Porzellanmanufaktur war: und daß diese trefflichen Bilder über- Haupt nicht untergegangen sind, ist das Verdienst der Museums- Verwaltung, die sie aus dem Ausoerkauf des Koblenzer Schlosses vor zehn Jahren gerettet hat. Eaul F. Schmidt. Kleines Theater:»Die Diebin". Im Kleinen Theater, das Kreugers Pleiteverwalter an Pächter und Unterpächter weitergeben, hat sich vorübergehend ein Außen- seiterklüngel, ein Dilettantenhaufen, eine Schwärmerzelle festgesetzt. Diese Glückspilze und Zufallsgewinner aus der Konkurslotterie, die vom Ober- oder Unterpächter wieder Unterpachten, finden immer wieder Geld. Sie haben auch diesmal«inen gefunden, der vor- schießt, oder«inen, der verspricht, daß er vorschießen wird, oder «inen, der hofft, daß er vorschießen kann. Man variiere die Host- nung. die Hoffnungslosigkeit, die Ahnungslostgkeit dieser Künstler, die ohne Stück und Zucht in dieses Unglückshaus einziehen, in dem es von ausgefallenen Vergangenheitsgespenstern wimmelt. Sie haben weder einen Kunstkompaß, noch eine Kasse, noch einen Kopf. Denn hätten sie einen Kopf, dann wurden sie nicht--- Ja, als Soisontatorata wählen diese blutigen Dilettanten kein Stück, nein, kein Stück, sondern eine von zahmsten Freibillettgästen sogar ausgelachte Tragödie, welche erzählen soll, daß die Tochter eines internationalen Spitzbuben zur Heiligen bekehrt wird. Diese Kollektivisten des Schunds und der Talenllosigkeit finden also immer wieder Protektion. Unsere besten Schauspieler, die brot- los sind, bleiben ratlos vor solcher Narretei. Wir auch. � Max Hochdorf. Ainum.».Strafsache von Geldern." Seit„Der Greifer" seinen Sensationeerfolg hatte, ebbt die Hoch- flut der Krimmalfilme nicht ab. Diesmal machte man sich einen Roman von Hans Hyan zunutze, der sich anerkannterweise auf Kriminalgeschichten versteht. Das Filmmanuskript ist mehr als ein echter Kriminalreißer; denn hin und wieder klingen soziale Momente an. Und die Ge- schidste von dem Rechtsanwalt, der unschuldig in den Verdacht des Gattenmordes gerät und von einem Verbrecher bewußt unter Ein» setzung des eigenen Lebens und von einem Reporter dank eine» günstig ausgenutzten Zufalls gerettet wird, wirkt packend, obwohl Dr. W o l s s s Regie zuweilen schleppt. Seine Hauptkraft kon- zentriert er auf Gerichtsverhandlung und Lokaltermin, und beide gelingen ihm gut, weil er in Paul Richter einen vorzüglichen. außerordentlich diskreten Darsteller des Rechtsanwalts hat. Die Seelenqualen dieses Menschen sind glaubhaft. Neben ihm, als draufgängerischer Verbrecher, Fritz K a m p e r s, der erfreulicher- weise seine Paraderolle nicht zur Elownsfigur umbiegt, sondern sie mit wahrem Menschentum erfüllt. Zart ist Elga Brink als Freundin: wenn doch nur der Film nicht jedes schöne Frauengesidst durch schablonenhaft angeklebte Augenwimpern und ausrasierte und künstlich verlängerte Augenbrauen verhunzen wollte! In kleineren Rollen sehr groß Lude Höflich und ungeeignet, wie in ihrem ersten Tonfilm, Ellen Richter. Ohne daß eine Tendenz hervorgekehrt wird, wendet sich dieser Film gegen ein« Verurteilung aus Indizien.«. h. Marcellus Schiffer, der bekannte Revuedichter und Schlager- Verfasser, hat in dieser Nacht durch Veronal Selbstmord begangen. Schiffer hatte schon m der vergangenen Woche einen Selbstmordver- such unternommen. Er war in Berlin sehr bekannt, da er alle Kabaretts und auch Revuen mit seinen sehr schlagfertigen und auch mutigen Ehansons versorgte. Naliirwissenschaftlicher Unterricht. Lehrgänge der Staatlichen Haupsttelle für den naturwissenschaftlichen Unterricht finden auch im kommenden Winterhalbjahr statt. Die Besonderheit der Lehrgänge dieser Stelle liegt darin, daß nicht Borträge gehalten werden, son. dern daß der Nachdruck unbedingt in die praktisch-technische Arbeit des Kurjusteilnehmers selbst gelegt wird. Diese sollen solche neueren Zlpparate und Versuchsanordnungcn kennen und benutzen lernen, die im Schulunterricht nm meiste» geeignet sind, Einsichten und Fertig- leiten zu vermitteln. Die Lehrgänge umfassen die Abteilungen Physik, Chemie und Mineralogie, Biologie. Erdkunde und Photo- graphie. Nähere Auskünste gibt die Staatliche Hauptstelle für den naturwissenschaftlichen Unterricht, Berlin NW. 40, Invalidenstr. 87/64 Die Reichsanstatt als Arbeitgeber Lteberstunden statt Arbeitsbeschaffung Was nutzen alle Projekte der Reichsregierung zur Arbeits- beschaffung, wenn ausgerechnet d i e Behörde, die zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit da ist, selber, statt Arbeitsplätze zu schaffen, ständig Entlassungen vornimmt und aus der anderen Seite nicht nur Ii e b e r st u n d e n l e i st u n g duldet, sondern sie sogar in unerhörtem Maße anordnet. In der ganzen Reichs» anstalt fiir Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung werden zur Zeit Heber st undcn über lieber stunden geschoben. In Berlin, im Arbeitsamt N o r d o st, hat der Direktor sogar anordnen müssen, daß 57 Angestellte täglich zwei lteberstunden leisten müssen, bis die Durchführung der anfallenden Dienftgeschäste wieder sichergestellt ist. Der„Vorwärts" hat wiederholt darauf hingewiesen, daß be- sonders durch die Bestimniungen der Papen-Notverordnung die Arbeit auf den Arbeitsämtern in unglaublichem Maße zugenommen hat. Auf Grund der Prüsungen des Reichssparkommissars hat seinerzeit der Verwaltungsrat der Reichsanstalt eine Personal- m e ß z i f f e r beschlossen, durch die fast ein viertel des Personals abgebaut wurde. Diese Meßziffer, deren Durchführungsmöglichkeit bei der Personaleinstellung schon seinerzeit von allen Fachleuten bezweifelt wurde, wurde nach einer Arbeit errechnet, die damals zu leisten war. Inzwischen hat sich aber die Arbeit vervier- facht. Trotzdem ist diese überholte Meßziffer auch heute noch für die Personalberechnung maßgebend. In keiner Weise wird der vermehrten Arbeit durch die ständigen Prüfungen der Hilss- bedürftigkeit und besonders durch die Vermehrung der statistischen Arbeiten Rechnung getragen. Der Zentraloerband der Angestellten hat an allen möglichen und unmöglichen Stellen vergeblich versucht, das Los der Arbeitsamtsangestellten zu verbessern, weil ja durch die Heber- lastung der Arbeitsamtsangestellten auch die Arbeitslosen zu leiden haben. Die Leitung der Reichsanstalt läßt die Dinge treiben. Sie läßt eine Statistik über die anfallende Arbeit machen und erklärt, erst in einigen Monaten zu der Personalsrage Stellung nehmen zu können. Inzwischen entlassen die Aemter hunderte von Angestellten und zwingen die verbleibenden Ange- stellten zur Heberzeitarbcit. Das Verhalten der Reichsanstalt wird nur erklärlich, wenn man an die Vorschläge von Dr. G ö r d e l e r über die Vereinheitlichung der Arbeitslosensürsorge denkt. Beseitigung der Arbeitslosenver- sicherung ist das Ziel der Reaktion, denn die selbstverwaltete Sozial- Versicherung stört ihre Kreise. In Leipzig ist man den Inten- tionen des Herrn Gördelers bereits gefolgt und hat die gesamte Krise nsürsorge der Kommune zur Abwicklung überlassen. In einigen Wochen wird man die Resultate dieses Experiments vor sich haben und dann wahrscheinlich wird die Reichsanstalt über die Personalfragen weiterverhandeln können. Folgt man im ganzen Reich dem Vorgehen in Leipzig, dann werden alle Arbeitsamts- angestellten überflüssigi denn was dann noch von der Reichsanstalt übrig bleibt, wird man mit den zwangsweise einzustellenden Ver- sorgungsanwärtern zu bewältigen versuchen. Es ist ein Skandal, wie hier mit einer der wichtigsten Er- rungenschaften der deutschen Arbeiterschaft, der Arbeitslosenversiche- rung, umgegangen wird. Gibt es gar nichts mehr zu bauen? Eine Rotstandsaktion für das Baugewerbe gefordert. Der Deutsche Baugewerksbund fordert von der Reichsregierung die Durchführung einer Notstandsaktion für das Baugewerbe. Er macht die Regierung in einer Eingabe noch einmal nachdrück- lichst auf die ungeheure, leider noch imnier nicht genügend beachtete Not der Bauarbeiter aufmerksam. Im ersten Halbjahr 1932 wurden nur ungefähr ein Viertel soviel Bauten begonnen, wie noch im ersten Halbjahr 1939. Zu Beginn des Monats Juni waren noch 3 0 P r o z. der Mitglieder des Bundes arbeitslos, Mitte Juli noch 77 Proz., und seitdem steigt die Arbeitslosigkeit wieder. Noch unheimlicher ist die Dauer der Arbeitslosigkeit unter de» Bauarbeitern. Schon im Jahre 1931 sind rund 85 099 (etwa 29 Proz.) der Mitglieder des Bundes überhaupt nicht in Arbeit gekommen: weitere 39 Proz. sind nnndestens 36 Wochen und 19 Proz. 25 und mehr Wochen ohne Arbeit gewesen. Im Jahre 1932 haben bisher mehr als 200 000 Mitglieder des Baugewerksbundes noch keine Arbeit gesunden, und die meisten von ihnen dürften bei der jetzigen Lage des Baugewerbes wohl auch im zweiten Halbjahr keine Arbeit finden. Alle bisherigen Regierungsmaßnahmen, wie die Lockerung der Wohnungszwangswirtschast, der Abbau der Hauszins- st e u er und der staatlichen Wohnungsbausina nzieruirg sowie die starke Senkung der Bau arbeiterlöhne, haben nichts genutzt, sondern— wie die Gewerkschaften vorausgesagt haben— die Krise nur noch verschärft. Der Baugewerksbund hall die baldige Bereitstellung von etwa einer Milliarde Mark für öffentliche Hoch- und Tiefbauten sowie zur Förderung des Klein- wohnungs- und Siedlungswesens für unerläßlich, wenn die Not der Bauarbeiterfchaft fühlbar gelindert und zugleich durch Ankurbelung der Bouwirtschaft ein erster wirksanier Schritt zur Heberwindung der Krise getan werden soll. Textilarbeiterlöhne in Sachsen. Sie sotten noch mehr herabgedrückt werden. Der von den Textilunternehmern in Sachsen geforderte neue Lohnabbau hat unter der Textilarbeiterschaft begreiflicherweise große Erregung hervorgerufen. Denn der Verdienst der Arbeiter ist heute so elend niedrig, daß die Existenzmöglichkeit schon fast nicht mehr gegeben ist. Die Löhne betrugen sür Ostsachsen bis zum 13. August nach dem allgemeinen Webertorif für männliche Zeitlohn- a r b e i t e r 47, 49, 52 und 53 Ps. pro Stunde. Die weiblichen Stundenlöhne waren 35,5, 37, 38,4 und 39,9 bis 42 Pf. Bei den Akkordarbcitern sind die Löhne der Drei- und Vierstuhl- weber etwas höher: von diesen Arbeitern werden aber auch außer- ordentliche Leistungen verlangt. In der Textilindustrie arbeitet die große Mehrzahl der Be- schäftigtcn im Akkord. Der Abbau der Tariflöhne sowie die Kürzung der Akkordstücklöhne trieben die Leistungen auf das höchst- mögliche Maß hinauf. Die L e i st u n g c n des einzelnen— gleichgültig, ob es sich um Zeit- oder Akkordarbeiter handelt— wurden nach den Beobachtungen des Textilarbeiterverbandes gegen früher um 59 bis 69 Proz. gesteigert. Der Textilarbeiter kann schon jetzt bei voller Arbeitszeit sich nur noch das Allernotwendigste kaufen. Ein Rauher in Neugersdorf hatte in 219 Stunden einen Nettover dien st von 99,56 Mark. Die Familie besteht aus Mann, Frau und zwei Kindern. Wie sieht es aber in der Familie eines Kurzarbeiters aus! Hnd nun fordern die Hnternehmer in Ostsachsen einen weiteren Abbau der Löhne um 5,5Proz. bis über 7Proz. Sie scheinen ausprobieren zu wollen, wie tief die Löhne sich noch herunterdrücken lassen, ohne daß die Arbeiter direkt oerhungern. Das Kriminalmuseum des Einbrechers. Aufregende Oiebesjagd in der Dreibundstraße. Durch die Festnahme eines 25 Jahre alten Einbrechers Walter R u h b i l d ist die Kriminalpolizei auf die Spur einer„Zweigstelle" ihres Kriminalmuseums gekommen. 3n der Wohnung des Einbrechers in der Waldslraße in Moabit wurde eine komplette Ein- bruchswerkstatt vorgesunden. Ein Kausinann aus der D r e i b u n d st r a ß e 31 hatte seine Wohnung bereits am Mittag oerlassen und kehrte erst gegen Abend beim. Schon an der Tür merkte er, daß dort etwas nicht stimmte und trat nichts Gutes ahnend ein. Er überraschte einen Einbrecher, der gerade dabei war, verschiedene Beutestücke zu- sammenzupacken. Als der Einbrecher sich dem Wohnungs- inhaber gegenüber sah, ergrijs er die Flucht. Vor dem Hause hotte er sein Fahrrad abgestellt. Er kam aber nicht dazu, es zu besteigen, denn der Kaujmann war bereits hinter ihm. Auf die lauten Rufe des Mannes wurden Passanten auf den flüchtenden Dieb aufmerk- sam. Inzwischen hatte man das Hebersallkommando alar- miert, das den Dieb in Empfang nahm und zum Revier brachte. Hier verweigerte er jegliche Angaben über seine Person. Man brachte ihn zum Polizeipräsidium, wo sich sofort der Erkennungs- dienst mit ihm beschäftigte und seine Personalien feststellte. R. wohnte in der W a l d st r a ß e in Hntermiete. Als man sein Zimmer be- trat, entdeckte man ein kleines Kriminalmuseum. In dem Zimmer hingen und waren versteckt zahlreiche Schlösser mit elektrischen Sicherungen. Weiter fand man eine Sammlung von Die- t r i ch e n und anderem Werkzeug, wie man es bei einem einzelnen Einbrecher noch nicht gefunden hatte. R. hatte sich hier eine Werk- statt eingerichtet und sich die Schlösser selbst angefertigt. Er pro- bierte daran aus. wie er geräuschlos und sicher arbeiten konnte. Das„Museum" sowohl als auch die vorgefundene Beute wurden beschlagnahmt. Dunkelmänner gegen Freidenker. „Ausrotten mit Feuer und Schwert." In Berlin wurde kürzlich eine„Nationale Abwehrstelle gegen bolschewistische Umtriebe" ins Leben gerufen, an deren Spitze jener Walther K o r o d i steht, dessen hervorragendste Charaktereigenschaften wir in unserem Blatt wiederholt zeichneten. Die Rolle, die er im Falle des Genossen Breuer spielte, ist noch in lebhafter Erinnerung. Gleich die erste Veröffentlichung der„Nationalen Abwehr- stelle" legt Zeugnis ab von einer erschütternden geistigen Ver- wahrlosung. Der„Reichsbote" brachte einen Artikel eines gewissen Hans H e i d r i ch, der in folgende Forderung aus- klingt: „Verbot und Auflösung auch der sozialde-mokratischen Frei- denkerbünde, Verhaftung und schwere Bestrafung eines jeden, der auf volkszersetzende Weise antikirchlich aktiv ist! Das gleiche gilt für die Vokksbestattungsvereine und die Komitees für den Austritt aus der Kirche. Das Hebel an der Wurzel packen und mit Feuer und Schwert ausrotten. das ist die dringendste Pflicht der Regierung. Hunderttausende deutscher Familien warten aus die befreiende Tat." Hier wird nicht nur die Rückkehr zur Inquisition des Mittelalters gefordert, sondern es wird auch zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Millionen von Volksgenossen ausge- fordert. In Preußen sind erst kürzlich Sonder gerichte gegen politischen Terror durch eine Verfügung der Regierung ins Leben gerufen worden. Hier aber darf eine angeblich christliche nationale Zeitung ganz unverblümt zu Gewalttätigkeiten mit Feuer und Schwert auffordern und sogar noch diesen Artikel am Kopfe als„An- Haltspunkte für die Reichsregierung" bezeichnen. Selbst das kaiserliche Deutschland hat den„Deutschen Freidenker-Verband", der auf ein 27jähriges Bestehen zurück- blickt und dessen kulturelle Leistungen selbst von seinen ehr- lichen Gegnern anerkannt werden, nicht angetastet. Mit Feuer und Schwert lassen sich Weltanschauungen nichts aus- rotten, auch nicht durch behördliche Verbote. Darum läßt sich die deutsche Freidenkerbewegung auch nicht schrecken. Durch Verbote könnte sie n u r n o ch wachsen! Dem englischen Gewerkschasiskongreß. der in 14 Tagen in N e w- c ast l e zusammentritt, wird eine Entschließung zur Einführung der 36-Stunden-Woche vorgelegt werden.� Die bisherigen Entschließungen handelten stets nur von der 49-Siunden-Woche. Schauspieler-Au