BERLIN Dienstag 6. September 1932 Nr. 420 B 202 49. Jahrgang Redaktion u. Expedition: Sellin SW 68, Lindenstr.Z Sei. A7 Dönhoff 292—297 Erscheint täglich außer Sonntags Zugleich Abendausgabe des„Vorwärts". Bezugspreis f il r b e i d e A u s g a b e n 7S Pf. pro Woche, 3,2ö M. pro Monat(davon 87 Pf. monatlich für Zustellung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 8,97 M. einschließlich 80 Pf. Postzeitungs. und 78 Pf. Postbestellgebüchren. Anzeigenpreis: Di, Ifplt. MiM- meterz eile 80 Pf. Die Rellamezetle lostet 2 Mari. lllabatte n. Tarif. Die Wahrheit über Ohtau Was war in Ohlau?— Das unmögliche Llrteil des Gondergen'chts Slählhclnnmiforni für SBetMngen :«racW irar am Sonnlag bei derSlahlhelmparade. AmWlonlag forgle erdafür, daß fünf berliner Xinkszeilungen uniformiert erfchienen. Sie mußten fämllich den gleichen Jluffals an der Spilse bringen. Ileberfchrifl 3 Cicero hodt, Text(.ßorgis feil über alle Spalten hinweg... Rechtsanwalt Dr. B r a n n-Ragdebnrg, der Verteidiger der Ohlauer Reichshannerkame« raden vor dem Sondergericht in Brieg. gibt im folgenden die Antwort auf die Auflage- nachricht des Herrn Bracht. Dr. Bracht hat einer Reihe von Linksblättern Zwangsauflazen zugehen lassen mit der Begründung, diese Zeitungen hätten irre- führende Mitteilungen über Urheberschaft und Schuld an den blutigen Ausschreitungen von Ohlau gebracht. Dr. Bracht macht sich die Sache sehr leicht. Anstatt seine Behauptungen zu beweisen, läßt er Teile alls einem bisher wenigstens den Verteidigern unbekannten Urteil abdrucken. Das Urteil des Tondergcrichts Pricg aber, auf das er sich stützt, ist in jedem Satze anfechtbar. Irreführend ist die Behauptung des Urteils, die Verteidiger hätten lediglich„geltend gemacht", die Ausschreitungen der Reichs- bannerangehörigen feien durch das provozierende Verhalten der Nationalsozialisten ausgelöst worden. Richtig ist und hätte nicht verschwiegen werden dürfen, daß die Verteidiger dies auch b e- miesen haben durch eidliche Aus jagen untadeliger Zeugen. Diese haben beschworen, daß vor Beginn aller Auseinander- fehungen durch Ohlau ziehende SA. friedliche Arbeiter überfallen und geschlagen hat. Die einen wurden ge- schlagen, weil sie nicht„heil Hitler" rufen wollten: andere, weil sie auf den Naziruf mit„Freiheit" antworteten: andere, weil sie„heil hiller" mit„heil Bioskau" beantworteten. Andere wurden offenbar nur aus dem Grunde geschlagen, weil sie drei Pfeile am Rockkragen trugen. Es ist in dem Prozeß Beweis dafür angetreten war- den. daß die SA.-Leuie außer mit Pistolen auch mit Karabinern und Handgranaten ausgerüstet waren, daß sie ahnungslos vom Angeln heimziehende Republikaner grundlos beschimpften und verfolgten, andere zufällig des Weges Daherkommende niedergeworfen und ge- treten haben. Das Sondergericht hol umfangreiche Beweisanträge der Verteidiger, die die moralische Schuld der Rationalsozialisten darzutun bestimmt waren, als unerheblich abge- lehnt. Wie kann sich unter solchen Umständen das Gericht unterfangen, den Tatfachen widersprechende Feststellungen zu treffen? Irreführend ist die Behauptung des Urteils: die National- sozicrlisten hätten in keinem einzigen Falle von den Waffen Gebrauch gemocht. Demgegenüber ist eidlich erhärtet und während der Ber- Handlung auch vom Gericht als wahr unterstellt worden, daß die Breslaucr SA. in ein friedliches Haus grundlos eingedrungen ist und dort auf friedliche Bewohner geschossen hat, daß zwei Frauen von vier kugeln in ihrer Wohnung niedergeschossen worden sind! Unrichtig ist die Behauptung des Urteils, daß den Ange- klagten von den Ausschreitungen der Nationalsozialisten nichts be- könnt gewesen sei. Mehrere Zeugen der Staatsanwaltschaft haben eidlich bekundet, daß die Reich sbannerleute erst aus- gezogen sind, als ihnen gemeldet wurde, daß ihr« Leute überfallen würden. Der zweite Marsch des Reichs- banners, in desstn Verlauf es zu den Schießereien gekommen ist, wurde nach den eidlichen Zeugenaussagen ausgelöst durch d i e Nachricht von der Erschießung zweier Frauen in der Oderstraße. Das Urteil greift aus dem umfangreichen Beweismaterial willkürlich eine einzige Bemerkung heraus und läßt alles übrige entgegengesetzte Material unbeachtet. Auf solche Weis« läßt sich natürlich mit Leichtigkeit die völlig abwegige Be- h a u p t u n g aufftellen, das Reichsbanner habe von vornherein Angriffsabsichten gezeigt! Zweimal ist das Reichsbanner ausgezogen. Das erste Mal, als die Nationalsozialisten in den oer- schiedensten Gegenden der Stadt Ueberfälle ausgeführt hatten; das zweite Mal, nachdem die Breslauer SA. die beiden Frauen nieder- gestreckt hatte. Jedesmal bedurfte es eines solchen Anlasses, um das Reichsbanner zum Auszug zu veranlassen. Sollen etwa die Pro- vokationen der SA.- und SS.-Leute als bestellte Arbeit der Reichs- bannerkameraden hingestellt werden? Tos Urteil stellt die Dinflc völlig auf den stopf. stein Wunder, wenn umn miterlebt hat, wie es zustande gekommen ist! In unglaublicher Hast wurde die Verhandlung durchgepeitscht. Niemand kannte die Akten über die gesamten Vorfälle vom 11). Fuli 1932, deren stcnntnis notwendig gewesen wäre, um ein gerechtes Urteil fällen zu können. lieber den Ausschnitt, der zum Gegenstand der Verhandlung ge- (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Moniag Reichstag. Präsidium am Sonnabend bei Hindenburg. Reichstagspräsident Göring hat der kommunistischen Rvichstagsfraktion, die einen Antrag auf sofortige Ein- bcrufung des Reichstags gestellt hatte, mitgeteilt, daß das Reichstagspräsidium am Sonnabend vom Reichs- Präsidenten empfangen werde und daß er den Reichs- tag zu Montag, den 12. September, nachmittags 3 Uhr, einberufen habe. MetallarbeiterfireikinSchlefien Die Löhne sollen immer mehr gedrückt werden. Breslau, b. September.(Eigenbericht.) Die Breslauer Bezirksleitung des Deutschen Rietall- arbeiter-Verbandes teilt mit: Der von den Unternehmern gekündigle Lohntarif in der niederfchlesifchen Metallindustrie mit 6 8 Pfennig Spihenlohn und öZ Pfennig Akkordsah war am 31. August abgelaufen. Ein Einigungsvorschlag und späterer Schiedsspruch des Schlichtungsausschuffes Görlitz wurde von beiden Parteien abgelehnt. Durch Aushang geben jetzt die Unternehmer bekannt, daß jedem Arbeitnehmer das Arbeitsverhältnis gekündigt fei und daß die Arbeit nach Ablauf der Kündigungsfrist zu einem um 4 pr o z. gekürzten Lohn und Akkord- sah sortgesetzt werden kann. Die Arbeiter sind n i ch i g e w i l t t, sich dem Diktat der Unter- nehmer zu fügen. Rund 300 Mann stehen in Görlitz und Riesky seit Montag im Streik. Die Zahl der Streikenden vergrößert sich täglich. Am Dienstag sind weitere 3 0 0 Mann aus dem waldenburger Bezirk in den Streik getreten. D-3»g Paris-Marseille verunglückt. Acht Schwerverlehte.— Ursache Schienenbruch. p a r i s, b. September. Der Schnellzug Paris— Marseille— Ventimiglia, der Paris am Montag um 21.40 Uhr verlassen hatte, entgleiste am Dienstag gegen 10 Uhr in der Rühe von Marseille. Einer der aus den Schienen gesprungenen Wagen st ü r z t e um und ging vollkommen in Trümmer. Räch den bisher vorliegenden Meldungen sollen Todes- opfer nicht zu beklagen sein. Acht Reisende wurden durch Holzsplitter und Quetschungen so schwer verletzt, daß sie in h o s s n u n g s l o s e m Z u st a n d in ein Krankenhaus über- geführt werden mußten. Die Zahl der Leichtverletzten ist noch nicht bekannt. Das Unglück ist angeblich auf einen Schienenbruch zurück- zuführen, von Marseille ist sofort ein hilsszug an die Unglücksstelle geeilt, um den Verletzten die erste Hilfe zu bringen. Bolivien hat das Verlangen der Neutralen abgelehnt, die Mobilmachung einzustellen. Im Parlament hat jetzt erst ein Abgeordneter beantragt, Paraguay den Krieg zu erklären. Bis zu 20 Prozent Lohnsenkung! Die Papen-Bescherung für die Arbeiter Die Wahrheit über Ohlau. (Fortsetzung von der 1. Seite.) macht worden war. zeigte sich nur der Vorsitzende informiert. D i e beisitzenden Richter waren gänzlich unoorbe- reitet. Keiner von beiden hatte die Berichterstattung. Der Bor- sitzende führte nicht nur die schwierige überhastete Verhandlung, sondern legte auch gelegentlich Notizen nieder, soweit das bei einer so überstürzten und umfangreichen Verhandlung möglich war. Welche Gefahr das für die Wahrheitsfindung bedeutete, ist ohne weiteres einleuchtend, wenn man berücksichtigt, daß im Sonder- gerichtsverfahren eine Niederschrift der Zeugenaussagen durch den Protokollführer nicht stattzufinden braucht. Für die Bertei- digung waren die Gerichtsakten unerreichbar. Schließlich wurden zum Ersatz Polizeiakten hingegeben. In- folge der überstürzten Terminanberaumung war keine Gelegenheit gegeben, den Akteninhalt mit den Angeklagten zu besprechen. Auch während des Prozesses konnte dies nicht nachgeholt werden. Der Vorsitzende verbal die Unterredung der Angeklagten mit den Verteidigern während der Verhandlung. Die Verhandlung nahm den ganzen Tag in Anspruch. Am Abend erklärte die Gefängnisverwaltung, ein« Besprechung mit den in 5)aft befindlichen Angeklagten sei aus dienstlichen Gründen nicht möglich. Erst zum Schlüsse der Verhandlungsperiode, als bereits mehrmals Angeklagte zusammengebrochen waren, wurde das Tempo gemindert. Aber in diesem Zeitpunkte war bereits der größte Teil des Prozeßstoffes in sinnverwirrender Eil« am Ohr vorüberge- rauscht. Die Angeklagten, fast ausnahmslos in Haft, waren für ihre Entlastung rein auf den Zufall angewiesen. Der C?ile fiel selbst die TtaatSanwaltschast zum 'Cpfcr. Sie beantragte ivrcisprcchuncz für Anfle- klagte» deren Verurteilung sie ausdrücklich ge» wünscht hatte, sie begehrte Strafe, wo sie firrei- sprcchllng anheimstellen wollte; der sachbcarbci- tcndc Staatsanwalt vergas» in seinem Plädohcr Angeklagte vollständig, während der Lberstaats- anwalt unabhängig davon für diese vergessenen Angeklagten Strafe beantragte. Tic Staats- anwaltschast plädierte teilweise nach den Cr- mittlungsaktcn und nicht nach dem(Ergebnis der Hauptvcrhandlung. Recht eigenartig wirkte die Tatsache, daß die Staatsanwalt- schaft sämtliche Nebenakten, die unmittelbar mit dem Prozeßstosf im Zusammenhang standen, verschickt hatte. Jeder Antrag auf Her- beiziehung dieser Akten wurde mit der freundlichen Antwort be- dacht:„Die Akten sind verschickt!" Dabei wachte der Vorsitzende unerbittlich darüber, daß die vielen Begleitumstände, die zur Klärung und Rechtfertigung der Handlungen der Angeklagten nach Ansicht der Verteidigung unbedingt erörtert werden mußten, nicht in den Prozeß hineingezogen wurden. Dagegen waren Angeklagte und Verteidiger machtlos. Die Sondergerichlsverordnung hat fast alle Garantien, die nach der Strafprozeßordnung ein sorgfältiges und abwägendes Urleil ermöglichten, in Wegfall gebracht. Der Ge- danke, daß ein auf solch unsicherer Grundlage beruhendes Urteil unanfechtbar ist, muß jedes normale Rechtsempfinden verletzen. Wir sind weit davon entfernt, die schuldigen An- geklagten in Schutz zu nehmen und für sie ein Aus- nahmerecht zu verlangen, wie das Hitler für die Bcuthcncr Totschläger gefordert hat. Aber wir wehren uns auf das entschicdcndste dagegen, daß Un- schuldige verurteilt werden! Trotz Urteil und trotz Tr. Bracht bleibt für jeden unbefangenen Beurteiler die Mitschuld der Nationalsozialisten erwiesen! Massenauflage durch Brach!. Insgesamt haben etwzi 25 Zeitungen die Auflagenachricht des Herrn Bracht über Ohlau erhalten. In Berlin: Vorwärts. Ber- liner Tageblatt. Berliner Volkszeitung. Acht-Uhr-Abendblatt. Welt am Abend. Rote Fahne. In der Provinz, soweit wir bisher fest- stellen konnten: Volksbote-Stettin. Schleswig-Holsteinische Volks- zeitung-Kiel, Volkszcitung für Flensburg, Harzer Volkszeitung, Hildesheimer Volksblatt, Arbeiterzeitung-Breslau. Zwei Lleberfchrifien. Ehrliche und unehrliche Kapitaltstenfreude. Die kapitalistische Presse überschlägt sich im Freudentaumel über die Papen-Rotverordnungen nach dem Vorbild der Börse, an der eine hemmungslose Haussebewegung Orgien feiett. Die„D e u t s ch e Allgemeine Zeitung" läßt in ihrem Jubel die Gebote elementarster politischer Vorsicht beiseite und überschreibt ihre Be- sprechung der Notverordnung kurz und klar: „Kapitalistische Offensive." Sie hat damit das Wesen der Sache einprägsani gekennzeichnet. — Im Hause Hugenberg ist man vorsichtiger. Aus Angst vor der Nazidemagogie scheut man dort das offene und ungeschminkte Bekenntnis zum Kapitalismus. Den Vogel an Verstellungskunst schießt der„T a g" ab, der die aus dem Naziagitationsschatz über- nommene Formulierung prägt: „Gemeinnutz vor Eigennutz." Sachlich meint er freilich genau dasselbe wie die„DAZ.", denn er schreibt: „Grundsätzlich ist der wichtigste Punkt in dem Wirtschasts- Programm der Regierung das Bekenntnis zur Privat- Wirtschaft. Dem Unternehmer wird eine sehr große Möglichkeit gegeben, und es ist zu wünschen, daß er sie ausnutzt." Man sieht, daß unser Kapitalismus vielseitig ist: er macht eine Offensive gegen die Gemeinwirtschaft, er nutzt große Möglichkeiten gewinnbringend für sich aus:— trotzdem behauptet er, daß er durch- aus gemeinnützig handle und seinen Eigennutz zurückstelle. Wieviel offenherziger war doch der Kapitalismus vor just einhundert Jahren. danmls anno 1830, als sein höchster Repräsentant, der französische Bürgerkönig Louis Philipp schlicht und klar die Parole ausgab: -Bereichert euch, meine Herren!" Verbot des-Alarm" abgekürzt. Wie aus dem Polizeipräsidium mitgetellt wird, ist die Verbots- dauer der republikanischen Wochenzeitung und Kampfschrist„Alarm" abgekürzt worden. Der„Alarm" wurde am 28. August bis Ende September verboten. Lediglich die Ausgaben vom 1. und 8. Sep- temher fallen noch unter das Verbot, ab 15. September kann W„Alarm" wieder erscheinen. Im Reichsgesetzblatt Nr. 58 wird nunmehr eine Durch- führungsverordnung zur Verordnung des Reichspräsidenten veröffentlicht. Der erste Teil der Durchführungsoerordnung regelt die Lohn- senkungen bei Vermehrung der Arbeitnehmerzahl. In§ 1 heißt es: Die zulässige Unterschreitung der tariflichen Lohnsätze(für die 3 0. bis 4 0. Stunde) beträgt während einer Vermehrung der Arbeiterzahl von mindestens 5 Prozent.. 10 Prozent ,, 10„*« 20 ,, ,, 1-�„ ♦•-10 ,, „ 20 ,,.. 40„ ,, 2d ,,•« oO„ Bei der Bemessung des Umfanges der Vermehrung sind die nach dem Inkrafttreten der Verordnung neu«ingestellten Lehr- linge und Volontäre nicht mitzuzählen. Entsprechendes gilt bei Erhöhung der Zahl der A n g e st e l l t e n für die Gehaltssätze. 8 2 nimint die Saisonbetriebe aus. Im Zweifelsfalle entscheidet der Schlichter mit bindender Wirkung innerhalb seines Bezirks. 8 3 verpstichtet den Arbeitgeber, der von der Berechtigung nach 8 1 Gebrauch macht, zur Bekanntgabe an die Beleg- s ch a f t durch Aushang und zur Anzeig« gegenüber dem Schlichter. In Aushang und Anzeige sind die Zahl der am 15. August oder im Durchschnitt der Monate Juni— August 1932 beschäftigten Arbeiter oder Angestellten, die vorgenommene Vermehrung ihrer Zahl und die ermäßigten Lohn- oder Gehaltssätze anzugeben. Tritt eine für die Bemessung wesentliche Aenderung der Arbeiter- oder Angestellten- zahl ein, so sind Aushang und Anzeig« zu berichtigen. Im Falle der Verminderung der Arbeiter- oder Angestelltenzahl tritt die Ermäßigung der Lohn- oder Gehaltssätze bei Arbeitern mit Ablauf des am Tage der Verminderung laufenden Lohnzahlungsabschnitts, bei Angestellten bei Ablauf der Monatshölfte gayz oder teil- weise außer Kraft. Der Arbeitgeber ist über aller derartigen Maßnahmen zur Auskunft gegenüber dem Schlichter verpflichtet. Räch 8 1 können dem Arbeitgeber die vorgenannten Berechtigungen vom Schlichter ganz oder teilweise entzogen werden, soweit nach dessen Ueberzeugung der mit der Verordnung beabsichtigte Zweck nicht erreicht wird, insbesondere die Mehreinstellungen durch Verschiebung zwischen mehreren Betrieben oder Betriebsabteilungen bedingt sind. Das gleiche gilt, wenn der Arbeit- geber die Auskunft verweigert. Die Entscheidung des Schlichters ist bindend. 8 5 ermächtigt den Arbeitgeber eines Saisonbetriebes, nach den Vorschriften des 8�2" oersahren, wenn er eine über die saison- mäßig bedingte Vermehrung der Belegschaft hinausgehende Erhöhung vorgenommen hat. 8 8 regelt die Verhältnisse in landwirtschaftlichen Betrieben. Für sie gilt als Vergleich der entsprechende Monat des Vorjahres. Die Sachbezüge werden von der Senkung aus- genommen. Die hiernach zulässige Unierschreitung der tarisoertrag- lichen Lohnsätze beträgt bei einer Vermehrung der Arbeiterzohl von: mindestens 5 Prozent..~ Prozent „ 10 ,, ♦• 4 ,, ,, l-i ,, ♦* 0 ,, 20„.. 8„ ,, Zo ,,-» 10 ,» Bei Arbeitern, deren tarifvertragliche Sachbezüge dem Werte nach die tarifverlraglichen Lohnsäge übersteigen, verdoppeln sich die Hundertsätze der zulässigen Un terschreitung. Bei der Bemessung des Umfanges der Vermehrung sind nur Ar- beiter mitzuzählen, die mehr als 12 Arbeitstage im Monat voll beschäftigt waren. Der zweite Teil regelt die Erhaltung gefährdeter Betriebe.$ 1: Gefährdet die Erfüllung der tarifverlraglichen Verpflichtungen die Weiterführung eines Betriebes oder seine Wiederaufnahme infolge außerhalb seines Einflusses liegender Um- stände, so kann der Schlichter den Arbeitgeber zur Tarif- unterschreit ung ermächtigen. 8 8: Den Umfang der zulässigen Unierschreitung setzt der Schlichter fest. Er darf dabei nicht über 20 Prozent der tariflichen Lohn- und Gehaltssätze hinausgehen. Die Festsetzung erfolgt auf Antrag, antragsberechtigt sind der Ar- beitgeber und jede Vertragspartei des Tarifvertrages. Die Er- mächtigung kann befristet werden. Die Bestimmungen über den Aushang und das Inkrafttreten find denen unter Teil I ent- sprechend. Dritter Teil: Gemeinsame Vorschriften: § 9: Die für Betriebe geltenden Lorschristen gelten auch süc Verwaltungen. 8 10: Die nach den vorstehenden Paragraphen ermäßigten Lohn- und Gehaltssätze gelten als tariflicher Lohn im Sinne des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslofenver- sicherung. 8 11. Für die Durchführung dieser Verordnung ist der Schlichter zuständig, in dessen Bezirk der Betrieb seinen Sitz hat. Der Schlichter und seine Stellvertreter sind als Beauftragte des Reichsarbeitsminifters tätig und an seine Weisungen gebunden. 8 13: Die Verordnung tritt, soweit es sich um Mahnahmen zu ihrer Durchführung handelt, am Tage ihrer Verklln- d u n g(5. 9. 1932), im übrigen am 15. September in Kraft. Die Vorschriften der 88 1 bis 8 treten am 30 März 1933 außer Kraft. Der Reichsarbeitsministcr ist zu Rechtsverordnungen und allgemeinen Verwaltungsvorschriften ermächtigt. Er kann insbesondere vorschreiben, unter welchen Voraussetzungen die Vor- schriften des I. und III. Abschnitts dieser Verordnung auch auf Betriebe und Betriebsabteilungen Anwendung finden, die am 15. August oder während des Juni, Juli und August stillgelegt waren oder die nach dem 15. August 1932 gegrün- det worden find. Nazi vorm Gondergericht Oer Totschläger von Giemenssiadt Unter der schweren Anklage des Totschlags in zwei Fällen und des versuchten Totschlags in drei Fällen, sowie des Schuhwaffenvergeheas steht heule der Rationalsozialist Paul her- mann vor der zweiten Abteilung des Sondergerichls unter Vorsitz von Dandgerichtsdirettor Vtarschner. Die Tat geschah am 13. 3uli, also vor Erlaß der Antiterrornolverordnung und vor der Verhän- gung der Todesstrafe für politischen Tolschlag. An jenem Tage fand am Wittenbergplatz eine kommunistische Wahlkundgebung statt. Am Abend marschierten Mitglieder dieser Demonstration nach Siemens st adt zurück. In der Nähe des Siemens-Verwaltungsgebäudes wurden aus dem Gebüsch auf die Demonstranten Schüsse abgegeben. Die beiden Arbeiter P r e ch- l i n und G r o t h e wurden getötet und drei weitere Kommu- nisten schwer verletzt. Diese tödlichen und verletzenden Schüsse sollen alle von Hermann abgegeben worden sein, der an dem Ort gestanden haben soll, von dem aus die Schüsse fielen und an dem die Waffe später gefunden wurde. Hermann bestritt selbstverständ- lich seine Beteiligung an diesem Feuerüberfall. Wie er angab, sei er seit 1% Jahren Mitglied der NSDAP. Am 13. Juli sei er nach seiner Arbeit im Parteibüro in das nationalsozialistische Ver- kehrslokal gegangen, wo sich eine ganze Anzahl von Parteigenoffen aufgehalten hätten. Plötzlich sei ein Mann hineingekommen mit der Meldung:„Kommune kommt." Als dann noch hinterher ge- sagt wurde, es spiele sich in der Nähe eine Schlägerei ab, sei er auf die Straße und zum Nonnendamm gegangen, an dem das Verwaltungsgebäude liegt. Weitab habe er Schüsse fallen hören und Krawallszenen gesehen. In der Annahme, daß die Polizei schieße, sei er fortgerannt, und zwar über den Rasen hinweg. Der Vorsitzende machte nun dem Angeklagten eindringliche Vorhaltungen, warum er denn so schnell fortgelaufen sei, wenn er sich an den Krawallen gar nicht beteiligt habe. Kreis- und Abiei'ungsleiter: Die Genossinnen und Genossen der Kreise Wilmersdorf, Mitte, Tiergarten, Wedding, Charlottenburg. Spandan, Schöneberg, Steglitz, Tempelhof, Neukölln beteiligen sidi an der Einäscherung des Genossen Heinrich Schulz im Krematorium Wilmersdorf am Donnerstag, 8. September, 15 Uhr. Die Genossinnen und Genossen der Kreise Kreuzberg, Treptow, Köpenick, Lichtenberg beteiligen sich an der Einäscherung des Genossen Otto Kraatz im Krematorium Banmschulenweg am Donnerstag, 8. S e p t e m b er, 17 Uhr. Parteibanner und Fahnen sind mitzubringen. Der Bezirksvorstand. Mit Hermann sitzen noch zwei weitere Angeklagte, Werner Gebauer und Richard Kirsch, auf der Anklagebank, denen Anreizung zu Gewalttätigkeit und Widerstand zur Last gelegt wird. -» Nicht weniger als acht Angeklagte stehen heute vor dem von Landgerichtsdirektor T o l k geleiteten Sondergericht I zu Berlin. Sie werden beschuldigt, an einem Zusammenstoß beteiligt zu sein, der in der Nacht vom 17. zum 18. August sich an der Höchste, Ecke Wcinstraße abgespielt hat. Ein Teil der Angeklagten ist parteilos. Andere bekennen sich zu den Kommunisten oder zur Eisernen Front. Der Hergang ist dieser: In der Lichtenberger Straß« liegt«in Verkehrslokal der Nationalsozialisten, das schon seit langer Zeit einen Unruheherd für die ganze Gegend darstellt. So sind von dort aus vor der letzten Wahl Reichs- und Freiheitsfahnen mit Salzsäure begossen worden. Politisch Andersdenkende wurden belästigt. In dieser Nacht nun verließen gegen 21 Uhr die SA.- Leute ihr Heim. Plötzlich fielen Schüsse. Es kam zu einem Raufhandel, bei dem sich aber niemand ernsthafte Verletzungen zu- zog. Die Schutzpolizei griff ein, man nahm mehrere Verhaftungen vor, zwei Kommunisten wurden festgenommen, von denen der eine einen Holzkloben, der als Pistolenbestandteil dient, und der andere ein« eiserne Stange in der Hand hatte. Sie wollten diese Gegenstände auf der Straße gesunden haben. Aus durch Anwohner erfolgte An- zeigen hin schritt die Polizei auch in den folgenden Tagen zu mehreren Festnahmen. So verhaftete man auch den Arbeiter Kästner, der sid) zur Eisernen Front bekennt. Er gibt bei seiner Vernehmung an, am kritischen Abend um 21)1 Uhr zu Bett gegangen zu sein, geschlafen zu haben und von den ganzen Vorfällen nichts zu wissen. Nach der Vernehmung der Angeklagten, die alle ihre Unschuld betonen, tritt das Gericht in die Beweisaufnahme ein. Wieder ist ein außerordentlich großer Zeugenapparat aufgeboten. Zwei Opfer des Moiorrades. Schwerer Verkehrsunfall auf der Heerstraße. Zn den ersten Morgenstunden ereignete sich heule aus der Heerstraße ein Verkehrsunfall, der den Tod zweier Motorradfahrer zur Folge hatte. In der Heerstraße vor dem Hause Nr. 101 versagte bei dem Lieferwagen eines Markthändlers die Steuerung, so daß der Wagen gegen einen Kandelaber geschleudert und schwer beschädigt wurde. Der Besitzer des Wagens, der noch beleuchtet war. horte plötzlich von Richtung Spandau ein Motorrad mit großer Geschwindigkeit ankommen, und während er noch an der Reparatur des vorderen Teils beschäftigt war, krachte das Motorrad gegen den stehenden Wagen auf. Der Wagenbesitzer eilte sofort den Verunglückten zu Hilfe, konnte aber nur noch feststellen, daß beide so schwer verletzt waren, daß der Tod sofort eingetreten war. Bei den Ver- unglllckten handelt es sich um den 38jährigen Apotheker Ljeo Mi- ch a l s k j aus der Pestalozzistr. 88 in Charlottenburg und um den 24 Jahre alten Kraftwagenführer Willi Vogt aus der Wall- straße 54. Rundfunk 1932. «Angeregt durch die gestrigen Ministerreden im Rundfunk, schickt uns ein Leser diese Zeilen.) Ich hör' mir den Minister an Am Vormittag Und dann kommt noch ein zweiter ran Am Nachmittag Und dann der Kanzler noch, ich weit' Abends um halb acht— Ich hör' das ganze Kabinett Vis mitten in der Nacht Militärmusike gibt's sehr früh Am Vormittag Ein nationales Potpourri Am Nachmittag Ein deutsches Lied, aus deutschem Mund Abends um halb acht— Ich tanz mich national gesund Bis mitten in der Nacht. _ Jakob. Vachstühle in Flammen. Feuerwehrmann schwer verunglückt.— Wieder Vrand- stifterwerk? In den heutigen frühen ZNorgenslundev war die Feuerwehr an zwei Stellen der Stadt wieder mit der Vetämpsung gefährlicher Dachstuhl.brände beschäftigt. Der erste Alarm kam kurz nach 3 Uhr aus der Keibelstr. 17. Die Brandstelle lag nur wenige Schritte von der Zugwache der Feuerwehr in der Keibelstraße 26 entfernt. Obgleich die Wehr schon nach wenigen Minuten an der Brandstelle eintraf und sofort Bolkszeitung nHOR:****! Organ für die werstästge BwSlkerung. wnrunwaiw Vkomberq. Ssnntas. den 4. ctpiemBtr 1932. 1». Zahrq«"« Jf / i5 K £ u 4* I K J5 F A i Kln ru*9i für S. Orosthmn. «OMO b»«(•». k>.«M*"» ts r~ Ist Mlckl»wlc* vmrglffat worden? r'jSfcHStS W»W. � ; fitlij— fefc» n S»»»>» IIMMta>«*♦'»»« MW--- rwfrr S«I>-- süx~ a.e\r;,£;:rc."B ,-yi- i', 17 X» T*« W« wa«.??>»,» w»m,—» (Mim ,-«>/-».>-»»»,»«t In«••«•Hn ibm M««»-■Wd�rn VÄ&MSSB- SWiSSCtt irtt« Ifl. Mi«tMiM•- tt'-'ärt«i.*. n». V—>U wMKi»- m t«uil Kni|u- � Im»Um»WiIm. OTiha«n--» �k-�I«MI M-n Uli Mf inaai TM m »3—;■..«Kl«h't WW..r-" nau Wm*. n«....>*1*, tMM»' I» h..» Irr tr-flMr UM.i'» Wüm BfcrVkM k-Mr w- lutV. 14 Mm Bm%■, tar n»»«rnhl.«>» i» -.N'"-'-VM«.("B, M w« N.M|'Sil an*. Ml.*«i:-| 7.1 rW H m In Mm( ,> Ma/a'!.»«•,«(..««j ,1. 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SÄW iuM» r«�l Mi e*.xn» lüchl nur in 3)eulfchtand— auch in Polen werden deutsche Zeitungen behördlich drangsaliert. aus mehreren Schlauchleitungen Wasser gab, dauerte es geraume Zeit, ehe«s gelang, den Brand einzudämmen. Ueber die Treppen- Häuser und zwei mechanische Leitern wurden die Flammen, die an den Bodenverschlägen und Gerumpel reiche Nahrung sanden, mit vier Rohren angegriffen. Der Feuerwehrbeamte G ü h t e r erlitt durch Stichflammen schwere Kopfverletzungen. Der Verunglückte er- hielt auf der nächsten Rettungsstelle erste Hilfe. Ein Teil des Dach- stuhles brannte trog der Bemühungen der Wehren herunter. Es wird wieder Brand st iftung vermutet. Der zweite Feueralarm rief die Feuerwehr nach der Budde- straße 16/17 in Tegel, wo kurz vor 7 Uhr gleichfalls im Dach- stuhl des Wohnhauses Feuer entstanden war. In diesem Falle ge- lang es, durch einen umfassenden Löschangrifs eine weitere Aus- dehnung des Brandes zu verhüten. Der Schaden ist trogdem er- heblich. Die gefahrliche Königsheide. Reues Sittlichkeitsverbrechen an emem Mädchen. Nachdem erst vor kurzer Zeit, nämlich am 23. August, in der Königsheide, Vaumschulenweg, eine Schülerin von einem Un- bekannten vergewaltigt worden war, ist gestern dort schon wieder an einem elfjährigen Mädchen aus Oberschöneweide ein Sittlichkeits- verbrechen verübt worden. Das Kind wurde gegen 26 Uhr erheblich verlegt von einer Frau ausgefunden und in die elterliche Wohnung gebracht, von wo es auf Anordnung ejries Arztes in eine Klinik übergeführt werden muhte. Der Täter Ist unerkannt entkommen. Allem Anschein nach handelt es sich um den gleichen Unbekannten, der vor drei Wochen dort dieselbe Tat verübte. / Relchrbanner-Freikonzert in den Rehbergen. Der Spielmonns- zug und das Blasorchester des Ortsoereins Wedding des Reichs- banners Schwarz-Rot-Gold veranstalten für die Anhänger der Eisernen Front am Mittwoch dem 7. Sevtembcr, Uhr, ein Freikonzert im Tanzring des Bolksparks Rehberge. Blekter für Berlin: Teils heiter, teile wolkig, weitere Er- wärmung. Südliche Winde.— Für Derüf hland: In der Nordwest- lichen Hälfte meist starker bewölkt und stellenweise Regen, Im Süden und Osten noch ziemlich heiter, weiterer Temperaturanstieg. Schluß mit dem Kulturabbau! Das Theater an der Front/ Von Ulbert Vroddedk Es ist kein Zufall, daß am Ausgangspunkt des Kulturabbaus das Theater gestanden hatte, und daß seit Jahren an der öffent- lichen Bewertung des Kulturtheaters sozusagen der Stand der Kulturreaktion abzulesen ist. Der Anteil, den breitere Volks- schichten an der Kunst des Theaters haben durften, war gewisser- maßen ein Gradmesser für Art und Umfang ihrer kulturellen Emanzipation, war aber auch sichtbarer Ausdruck dafür, daß das Theater aufgehört hatte, ein Reservat der besitzenden Klasse zu sein. Darüber hinaus mußten dem Theater seit je, insbesondere ober im letzten Jahrzehnt starke und stärkste allgemein- und gesellschafts- bildende Kräfte zuerkannt werden: das Theater war auf dem besten Wege, Volkstheoter im besten Sinne zu werden. Wirkliches Volkstheater kann aber nur gedeihen, we»n das Theater lediglich seiner kulturellen Mission dienen soll, wenn private Er- werbszwecke von ihm ferngehalten werden und wenn es sich als öffentliche Einrichtung des Staates oder der Gemeinden gleichwertig und gleichberechtigt neben alle übrigen gemeinnützigen Unter- nehmungen stellen darf. Dieses gemeinnützige, kulturelle Theater, eine der wichtigsten, wenn auch nicht immer entsprechend gewerteten Errungenschaften der demokratischen Republik, steht also seit etlichen Jahren im Mittelpunkt des ständigen Kleinkriegs der Kulturreaktion. Zwar blieben die Erfolge dieses Guerillakrieges jahrelang nur bescheiden, solange der wirtschaftliche B e st a n d des Theaters durch seine Träger gesichert war und sein künstlerisch-geistiges Gesicht von einer stattlichen Schar überzeugter Theaterleute gewahrt blieb In- zwischen ist das anders geworden. Die fortschreitende Wirtschafts- krise mit ihrem Zwang zur Sparsamkeit auch bei der Lsfentlichen Hand forderte zunächst einmal billigerweise auch vom Theater ihre Opfer. Aber sie forderte mehr. Sie verlangte, als Feuer- taufe gleichsam, ein Bekenntnis für die Idee des Kulturtheoters, und dieses Bekenntnis mußte in erster Linie von den Trägern der öffentlichen Verwaltung abgelegt werden. Sie haben in mehr als einer Hinsicht versagt. Wir erlebten in den letzten ereignisreichen Jahren das Trauerspiel, daß die Grundsragen des gemeinnützigen Kulturtheaters von seinen Freunden viel lässiger behandelt wurden als man fürchten tonnte, und daß infolgedessen sein« Feinde verhältnismäßig leichtes Spiel hatten, als sie zum Generalangriff auf das Theater übergingen. Dieser Angriff ist teilweise gelungen. Er bediente sich der Formel, Theater sei Luxus, mindestens aber nicht lebensnotwendig, und die Unterhaltung der Theater müsse daher privater Initiative über- lassen bleiben. Erst aus dieser These erklärt sich das Schlagwort vom„Abbau" des Theaters restlos Tatsächlich ist bereits einer Reihe von Bühnen die sichere materielle Unterlage in Form öffent- licher Zuschüsse entzogen. Andere stehen bedenklich hochkant. Und der neue Unternehmer, der unterwegs ist, betätigt seine private Initiative natürlich in erster Linie im Rahmen des Geschäfts- theaters. Für soziale Kunst- und Theaterpflege bleibt darin, wenn überhaupt, nur noch wenig Raum. Fast ebenso groß aber sind die Gefahren, die dem Theater von dem neuen„Cyste m" her drohen. Hier laufen die verschieden- artigsten Kräfte durcheinander. Es genügt offenbar noch nicht, daß schon seit Monaten fast jeder frische Lufthauch sorgfältig von zahl- reichen Bühnen ferngehalten wird, daß der hereinbrechenden Aera der kulturellen Dunkelmännerei bereits ein erheblicher Tell der verantwortlichen Theaterleiter ganz oder teilweise ver- fallen ist: die NSDAP, versucht nunmehr, das Theater gesinnungs- gemäß unter ihre Botmäßigkeit zu zwingen und mit der ausschließ- lichen Pflege„v o l k h a s t e r" Kunst ihr Parteiprogramm zum obersten Gesetz auch in künstlerischen Dingen zu stempeln. Damit wäre das Theater endgültig erledigt. Diese Borgänge zwingen zum Handeln. Aufgabe aller wirk- lichen Freunde des Kulturtheaters, insbesondere aller Organisationen, die am kulturellen Aufstieg des werktätigen Volkes interessiert sind, muß es sein, mit Nachdruck den Kamps um die Erhaltung des Kulturtheaters aufzunehmen und damit gleichzeitig die gleich- berechtigte Anteilnahme auch der minderbemittelten Volkskreise on der Theaterkunst zu sichern. Darüber hinaus aber gilt es, von der Theaterseite her den Wider st and gegen die kultu- relle Entrechtung des arbeitenden Volkes zu organisieren. Es war sicherlich ein schweres Versäumnis der letzten Jahre, daß die zahlreichen Kräfte, die in dieser Richtung zu wirken berufen sind, nur in Tlusnahmesällen zu gemeinsamer Arbeit sich finden konnten. Hier, in der Konzentration dieser Kräfte, hat die Gegenwehr zu beginnen. Das ist inzwischen geschehen. Vor einigen Monaten, als es vorerst nur um die materielle Sicherung des Theaters ging, hatten sich die Spitzenorganisationen der freien Gewerkschaften, der Volks- bühnenoerband, der Sozialistische Kulturbund und die Arbeit- nehmerorganisationen des Theaters zu einer Zlrbeitsgemein- s ch a s t zusammengeschlossen mit dem Ziele, den Zlbbau- bestrebungen Einhalt zu gebieten. Gleichzeitig sind damals aber auch die Forderungen dieser Organisationen zur Er- Haltung und zum Ausbau des Kulturtheaters formuliert worden (siehe„Soz. Bildung", Jahrgang 1932, Seite 116). Diese zentrale Arbeitsgemeinschast hat sich als nützlich und fruchtbar erwiesen. Sie ermöglicht die dauernde gegenseitige Verständigung der Spitzen in allen wichtigen Kulturfragen, und sie garantiert insbesondere die Einheitlichkeit aller notwendigen Maßnahmen dieser Spitzenver- bände, handle es sich um Einzelaktionen oder um gemeinsame Schritte zur Aufklärung oder zur Durchsetzung bestimmter Forde- rungen aus kulturellem Gebiet. Es hat sich aber gezeigt, daß diese zentrale Zusammenarbeit trotz aller Vorzüge noch nicht ausreicht, um wirklich auch im letzten wirksam zu werden. Praktisch fallen die Entscheidungen in den Teilabschnitten der Front, nämlich in der Provinz, und zwar hauptsächlich in den vielen kulturellen Mittelpunkten der einzelnen Landschaften und Provinzen. Es ergab sich daher von selbst, daß diese in der Zentrale hergestellte Zusammenfassung der tätigen Kräfte auch aus die wichtigen Städte des ganzen Reiches übertragen wurde. In Betracht kamen und kommen in erster Linie die Theaterstädte: deren Zahl und Gruppierung ermöglicht ver- haltnismäßig leicht die Bildung eines Netzes oktionsfähiger Arbeits- gsmeinschaften. In 146 Städten des ganzen Reiches sind im Augenblick solche Arbeitsgemeinschaften im Werden begriffen. Sie umfassen die örtlichen Organisationen der freien Gewerkschaften, der Volks- bühne, die dem Sozialistischen Kulturbund angeschlossenen Organi- sationen, serner die Ortsverbände der Bühnengenossenschaft, des Musikerverbandes, der Chorsänger und Tänzer und die Fachgruppen „Theater" des Gesamtverbandes der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe. Im Mittelpunkt des aktiven Interesses dieser Arbeits- gemeinschasten steht die Erhaltung des Kulturtheoters und der Aus- bau der sozialen Kunst- und Theatcrpflege, die planmäßige Förde- rung des Gedankens des Volkstheaters(namentlich durch die Unter- stützung der Volksbühnenbewegung), darüber hinaus aber die Ab- wehr aller kultur- und kunstfeindlichen Bestrebungen politischer und anderer Gruppen. Die Arbeitsgemeinschaften werden mit allen geeigneten Mitteln der Werbung und Aufklärung, nicht zuletzt mit öffentlichen Kundgebungen an ihre Aufgabe herangehen. Zum erstenmal seit Jahren erleben wir eine derart breite und tiefe Kräftegruppicrung um die Durchsetzung einer kulturellen Forderung. Der Ausgangspunkt ist das Theater. Aber die Wurzeln liegen tiefer. Die neue Kulturfront ist im Werden Sie wird alle wahrhaft„aufbauwilligen" Kräfte zu- sommenschließen und jeden Angriff eines neuen„Systems" auf die kulturellen Grundrechte des schaffenden Volkes zum Stehen bringen! Komische Kurzoper. Kabarett der Komiker. Die ehrgeizigen Bemühungen Kurt Robitschecks, in dem von ihm geleiteten Kabarett der Komiker die„Kurzoper" zu schaffen. führen zu ganz entzückenden Resultaten— die freilich keine Opern sind, unzweifelhaft aber kurz: auch keine komische Oper, wie er sich einbildet— aber komisch und unbestreitbar amüsant. Statt sich etwas Neues auszudenken, was wesentlich verdienstvoller gewesen wäre, ist er mit Paul Morgan zusammen S u p p e s „schöner G a l a t h e c" zu Leibe gegangen und hat sie auf sag« und schreibe 66 Minuten reduziert: wenn auch sehr geschickt redu- ziert. Hat sie mit neuen Texten versehen lassen, die ihre Pflicht und Schuldigkeit tun(Pflicht ist auch hier die Forderung des Tages; nämlich: diese unsere Tage zu parodieren, was freilich seit vielen Jahren keine so leichte und dankbare Aufgabe war wie heute)— hat alles in allem eine blitzsaubere Kleinkunstsache zuwege- und hat sie nicht zuletzt ganz reizend herausgebracht. Max5)ansen als Ganymed(der ein Griechencouplet vorzüg- lich zur Wirkung bringt: unbeschreiblich, wie die reaktionäre Renaissance des 19. Jahrhunderts die schon halb verstorbene paro- distische Methode dieser Zeit lebendig werden läßt!), sowie Paul Morgan als Midas— sie waren die satirischen Motors des Ganzen, leider auch Monopolisten des Witzes und der Ironie des Abends. Denn Mühlhardt— Pygmalion, Besitzer einer weder sehr geschulten, noch sehr beweglichen Stimme— störte mächtig. Und die beiden Damen: Carla Carlsen und Friede! Schuster— sie sahen bildhübsch aus, soubrettenhaft hinreißend frech die eine, stilvoller Divatyo die andere und griechischer als Griechenland: die Kaborettbühne ist schließlich aber keine Bildergalerie, und was den Unterschied ausmacht(er lebe, der kleine Unterschied!), das hatten sie nicht: überlegen gestaltenden Geist, der hier, wenn auch in kleiner und gefälliger Verpackung sozusagen, notwendiger ist als irgend wo anders auf dem Theater. Die Koppelung der frisch gespielten Ouvertüre mit wenig origi» nellen und albernen Spitzentänzen war die einzige Geschmacklosig- keit des sonst geschmackvollen und recht erfolgreichen Abends, w. Arbeitslose schreiben einen Tonsilm. Eine klein« Anzahl von Arbeitslosen aus der Zeltsiedlung von Königswusterhausen wird in Kürze einen Kurzfilm drehen, der das Leben und die Schicksale der erwerbeloscn Wanderburschen schildern will. Professor Dr. Ernst kantorowicz ist zum ordentlichen Professor in der Philosophischen Fakultät der Universität F r a n k s u rt a. M. ernannt worden. Die Jutta-Klamt-Schüle beginnt doS neue Wintersemester mit einer völligen Neugestaltung des LehrplauS. Der crzieberischen und künstlerisiben Arbeil. wie der Flöge der Äörperbildung de» Jugendlichen und deS Be. russtäligen, wird besondere Aufmerksamkert geschcnkl. Welikriegschristentum und Welikriegswirtschasi ..Zeitgemäße" Belehrungen für Rundfunkhörer „Stimme zum Tag." Die Zeitmaschine der Herrenklub- Regierung schaukelt den Rundfunk zwischen Miitelatter und den ruhmvollen Regierungstagen Wilhelms des Entflohenen. Unsere Gegenwart ist feinem Gesichtskreis entschwunden. Was erschien der Funkstunde am Montag zeitgemäß? Eine Erinnerung an den Ober- Hofprediger Dryander. Der Kaiser beriet sich mit ihm über seel- sorgerische Fragen: die Beisetzungsseierlichkeiten für die Kaiserin wurden von ihm zelebriert, obwohl die Revolution, wi« der Vor- tragende, der ehemalige Hof- und Domprediger Hugo Döring, mitteilt«, den Oberhofprediger seelisch gebrochen hatte.„Er hatte von seinem Volk Besseres erwartet." Da Herr Hosprediger Döring offensichtlich die Revolution und die aus ihr hervorgegangene deutsche Republik ebenfalls heftig mißbilligt, so ist es natürlich, daß der Rundfunk dieser Republik ihm die Möglichkeit gibt, das einmal gegen angemessenes Honorar in breitester Oeffentlichkeit kundzutun. Oder nicht? Der Herr Hofprediger schwelgte in Erinnerungen. „Das Erleben des Weltkrieges", sagte er,„begeistert« den Oberhos- Prediger, zu neuer Art zu predigen." Von christlicher Liebe, die alle Menschen, alle Völker umfaßt? Nicht doch:„der Greis er- kannte, daß die Heilige Schrift erst dann ihre ganze Fülle entfaltet, wenn sie vaterländisch gepredigt wird". Gott segne unser« Kanonen und beschere dem Feind möglichst viele Tote. Amen. Ueberhaupt, was waren das im Weltkrieg für herrliche, von echt deutscher Leben-sühnmg erfüllte Jahre! Wie wunderbar ge- dieh die Autarkie! In dem Vortrag„Kauft deutsche Waren!" stellt« Erich Schwabe diese Zeit als Vorbild hin. Brauchen wir Südfrüchte, Apfelsinen, Bananen? Empört verneint der Red- ner diese Frage:„Die ganze Generation, die während des Krieges groß geworden ist, kannte keine Bananen." Sie kannte auch kein Brot, sonoern Kohlrübenklcister, und keine Butter, sondern Kohl- rübenmarmelade. Nein, mit Vernunft kann man gegen diesen Un- sinn nicht argumentieren. Herr Schwabe erklärte, daß es durchaus falsch sei, stets nur das Beste und Preiswerteste zu kaufen, um den Bedarf zu decken, und damit der Deutsche nicht doch in Versuchung gerote, es zu tun, forderte er Schutzzölle, noch mehr Schutzzölle. Denn rund um Deutschland lauert Feindseligkeit: das Zollbündnis zwischen Holland, Belgien, Luxemburg, dem sich auch die nordischen Staaten Dänemark und Schweden zuneigen, ist nicht etwa ein erster Schritt zur Niederlegung der Zollschranken, wie es dem gesunden Menschenverstand erscheint, sondern, so erklärte Herr Schwabe, eine feindliche Mahnahme gegen Deutschland, dessen Zollpolitik die Wirt- schaftsvereinigung der kleinen Staaten mindestens sehr begünstigt hat. Aber das braucht ein Redner der Funkstunde nicht zu wissen oder wenigstens nicht zu sagen. Es genügt zu feiner Qualifikation, wenn er am Schluß seiner Rede ausruft:„Deutsche, kauft bei d e u t- schen Volksgenossen!" Welche Volksgenossen als„deutsch" anzu- sprechen sind, darüber wird sich hoffentlich jeder Rundfunkhörer durch regelmäßige Lektüre des„Angriff" unterrichten.— lz. Aus dem Wohlfahrtsfiaat. Von i4,6S Mark auf Z,W Mark. Ein Zyjähriger Holzarbeiter schreibt uns: Ich bin seit einem Jahr arbeitslos. Bis Juli bekam ich in der Krisen- fürsorge 14, SS M. Ich lebe mit meiner Mutter zusammen und be- kam einen Abzug von 10, 7 S M., so daß mir nur noch ZM TN. bleiben. Die Wohlfahrtsunterstützung der 7Sjährigen Mutter wuroc von 35 auf 25 M. herabgesetzt. Miete müssen wir 22 M. monatlich zahlen. Mithin bleiben für uns beide etwa vier TNark in der Woche zum Leben. Noch«in Vierteljahr, dann komme ich von der Krise in die Wohlfahrt. Die Mutter gilt dann als Hauptunterftützte und erhält im günstigsten Falle 34 M. monatlich, während ich 17 M. be- komme, zusammen 51 M. im Monat für zwei Menschen. weniger 22 M. Miete, bleiben also?g W. monatlich für Nahrung, Heizung, Kleidung, Wäsche und Kulturbedürfnisse, oder 6,69 M. in der Woche. Aber— soweit ist es noch nicht. Jetzt wie gesagt: 25 M. monatlich und 3,90 M. wöchentlich. Der Arbeitslose kann warten. Ein anderer Arbeitsloser schreibt: Ich bin von Borsigwalde nach Mahlsdorf verzogen. Nach erfolgter Bedürftigkeitsprüfuug bekam ich am 26. August die bisherige Arbeitslosenunterstützung für die siebente Woche. Am anderen Tage meldete ich mich bei dem bisher zuständigen Arbeitsnachweis in der Gneifenaustraße ab und ging zu der für Mahlsdorf zuständigen Nebenstelle in Kauls- darf. Hier wurde mir am 2. September erklärt, daß ich erst am Dienstag, dem 13. September, Geld bekommen könne, da von der bisherigen Stempelstelle in Reinickendorf-Oft erst die Akten an- gefordert werden müßten. Nun soll ich von der am 26. August erhaltenen iluterstützung von 10,20 M. mit meiner Frau etwa 19 Tage leben, be- vor ich wieder etwas bekomme. Wir find mit diesem Beschwerdeführer der Meinung, daß eine derartige Rücksichtslosigkeit beseitigt werden muß. Ist es bei einem Umzug nicht möglich, die Akten rascher von der«inen zur anderen Stelle zu bringe», dann muß den Arbeitslosen, die sich ja aus- weifen können und nicht davonlaufen, eine einstweilige Zahlung geleistet werden, bis der Fall in Ordnung ist, die Akten zur Stelle sind. Die den Arbeitslosen auf Grund ihrer Beitrogsleistungen aint- lich zubemessene Lebensration ist doch derart knapp, daß der für eine Woche bestimmte Teil n i cht zwei bis drei Wochen ausreicht. Es muß hier also schon weniger bürokratisch, mehr menschlich versahren werden, zumal es keinen Pfennig kostet und den Vorteil hat, daß nicht rnehr und mehr Arbeitslose zur Verzweiflung und grenzenloser Verbitterung getrieben werden. Eine Verhinderung am Gireik. Manöver einer holländischen Reederei. Rotterdam, 6. September. Die Holland-Amerika-Linie ließ ihren aus Amerika zurück- kommenden Passagierdampfer„Rotterdam" nicht im Heimathafen anlaufen, um die Besatzung nicht mit den Streikenden zusammen- kommen zu lassen. Sie setzte vielmehr die Passagiere in dem sran- zösischen Hafen B o u l o g n e ab, ließ aber auch dann das Schiif nicht nach Rotterdam, sondern dirigierte es nach Southamp- t o n. Die Mannschaft, die Anspruch darauf hat, nach beendeter Reise im Heimathafen an Land zu kommen, sollte also widerrecht- lich gezwungen werden, an Bord zu bleiben. Der Kapitän wurde gezwungen, Kurs auf Rotterdam zu nehmen, doch kam das Schisf am Montag hier nicht an, es soll vielmehr in der Nähe von Hoek van Holland vor Anker gegangen sein. Der„Rotterdam" wurde jetzt eine Abteilung Seesoldoten ent- gegengeschickt, da an„Meuterei" grenzende Fälle von Gehorsams- Verweigerung vorgekommen seien. Und wie steht's mit der Urheberin der Meuterei, der Schiffahrtsgesellschaft, die die Besatzung ihrer Freiheit berauben, sie unter Druck zu halten suchte, anstatt sie im Heimat- Hafen abzusetzen? Wenn die Gesellschaft sich mit der Organisation der Seeleute verständigte, dann brauchte sie nicht zu derartigen Manövern zu greifen und dann noch obendrein die geprellte Mann- schaft der Justiz auszuliefern. Die Streikleitung hatte übrigens die Mannschaft telegraphisch aufgefordert, auf hoher See nicht in den Streik zu treten, da dies als Meuterei ausgelegt werden könne. Inzwischen Hot die Holland-Amerika-Linie das Schiff— das beim Feuerschiff Westhinder vor Anker lag— nach Rotterdam zurückbeordert. Es sollen sich keinerlei Gewalttätigkeiten an Bord er- eignet haben. Vom Weberkampf in Lancashire. Der A r b e i t s m i n i st e r beschloß, die Vertreter der Unter- nehmcr und der Arbeitnehmer der Bouinwollindustrie Lancashires zu Besprechungen mit Vertretern der Regieruno schriftlich einzuladen. Nach Empfang der Antwort auf dieses Schreiben wird sich ein Vertreter des Ministeriums nach Manchester begeben. 3)ie ITandhmgen der Itirtfchafl Im Verlag von Dr. Walter Rochschild, Berlin, gibt Professor Götz Briefs unter der Mitarbeit anderer Forscher ein Sammel- werk heraus, das unter dem Titel„Die Wandlungen der Wirtschaft im kapital! st ischen Zeitalter" eine Reihe von Abhandlungen zur Charakteristik des hochkapitalistifchen Zeit- alters vereinigt. Im ersten Hauptstück des Werkes werden die so- zialen und wirtschaftsphilosophischen Ideen des 19. Jahrhunderts geschildert: der zweite Teil des Bandes beschreibt die soziale und wirtschaftliche Wirklichkeit im Zeitalter des Kapitalismus. Handels-, Agrar-, Gewerbe-, Finanzpolitik usw. des liberaliftifchen Zeitalters werden in einzelnen Studien sinnvoll in die Thematik des Gesamtwerkes eingefügt. Es ist nicht möglich, den konzentrierten Inhalt des umfangreichen Buches im Rahmen einer kurzen Anzeige kritisch nachzugehen. Nur einige Arbeiten können hier herausgc- hoben werden. Der Herausgeber eröffnet das Werk mit einer Dar- stellung des„Nassischen Liberalismus", welche die Wandlungen der liberaliftifchen Theorie im Fortschreiten der kapitalistischen Wirk- lichkeit ganz ausgezeichnet herausarbeitet. Von Adam«mith über Malthus, Ricardo bis zu John Stuart Mill ist ein weiter Weg. Alfred M e u s e I analysiert die Lehren des„klassischen Sozia- lismus". Von Marx und Engels ausgehend, gruppiert er die nach- marxistische Theorie je nach ihrer Stellung zum Problem des Imperialismus. Vielleicht hätte der wcltanfchau- l i ch c Gehalt des klassischen Sozialismus nicht ganz unberücksichtigt bleiben dürfen: wahrscheinlich wäre dann die gegenwärtige geistige Situation des Sozialismus deutlicher geworden. In einer Schluß- Übersicht umreißt wiederum der Herausgeber„das neue soziale und wirtschaftliche Werden". Der Liberalismus der einer wirlschastlich und sozialen Klcinwelt entstammt, ist im Verlause des 19. Jahr- Hunderts zur Freiheitsformel und zum Freibries für die Wirtschaft- lich Ueberlegenen geworden. Heute steht der Anti-Liberalismus im Begriff,„sich positiv zu wenden und zu einer Art Mythos zu ver- dichten, zum Mythos der Planung..." Goetz Briefs sieht das neue wirtschaftliche Werden in Rich- tung auf eine zentral geleitete Staatswirtschaft oder der gesell- schaftlichen Selbstordnung der wirtschaftlichen Dinge unter Bs- scheidung des Staates auf eine bloße Normenfunktion. Da der f a s ch i st i s ch e Staat als Normenstaat verstanden wird, dürfte über die zweite„Möglichkeit", die Briefs für die Zukunft erwartet, keinerlei Zweifel bestehen. Ausführliche Literoturangaben sowie ein umfangreiches Per- fönen- und Sachregister erleichtern die Benutzung des reichhaltigen Werkes. 5- L- M. Rundfunk am Abend Dienstag, den 6. September 1932. Berlin: 16.05 Volksmusik und Knnstmusik in der Gegenwart(P. Bekker). 16.30 Unterhaltungsmusik. 17.30 Doktor Üeberall erzählt. 17.50 Die Frau in Staat, V irtsdiaft und Familie(Susanne Suhr). 18.20 Zehn Minuten Sport (G. KumneU). 18.30 Klaviermusik. 18.55 Die Funkstimde teilt mit. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 A.A.Kuhnert: Eigene Prosa. 19.30 Aktuelle Steuerfragen(Obersteuersekr. H. Schordi). 20.00 F nterhaltungsabend. 21.30 Tages- und Sportnachriditen. 21.40 Werbekonzert des Kampfbundes für deutsdieKultur(Achtung!). 22.30 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Königs Wusterhausen: 16.30 Aus Leipzig: Nadi- mittagskonzerl. 17.30 Das Gesicht der modernen Zeitung (P. Steinborn). 18.00 Musikalische Hörübungen(W. Dieken- mann). 18.30 Die Osthilfe und ihre bisherigen Ergebnisse (Min.-Bat Frankenbach). 18.55 Wetterbericht. 19.00 Neue\\ ege der Völkerkunde(Dr. L. F. Clauss). 19.30 Wieviel Menschen kann die Erde ernähren?(Prof. Dr. G. Wegener). 21.00 Tagesund Sportnachrichten. 21.10 Aus Leipzig:„Aufruhr im Sudan". 22.25 Metter-, Tages- und Sportnachriditen. 23.00 Aus Hamburg: Spätkonzerl. Sonst: Berliner Programm. Vollständiges Europa-Programm im„Volksfunk", raonatl. 96 Pf. durdi alle ,A orwärts"-Bofen oder die Postanstalten. Berantwortl. füt die Redaktion: Rich. Bernstein, Berlin; Anzeigen: Otto Hengst, Berlin. Verlag: Borrnärts Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Vorwärla Buch» druckerei und Derlagsanstalt Paul Singer-c Co.. Berlin SW KS. Lindenstr. Z. Hierzu t Beilage. PRO GRAMM für die Zeit vom s. bis 8. September ©IOIÖ Potsdamer Straße 38 An der LützowslraDe. Der Hexer mit Harla Solrej:, Paul Richter, Fritz; Rasp W. 5. 7. 9 Uhr KINO-TAFEL Odeon, Potsdamer Str. 75 An der Pallasstraße. Hcnsch ohne Xamon mit Werner Krauß, Helene Thimi;?. Haria Bard, Hathias TViemaiin W. 5. 7. 9 Uhr Tarmstraße 12 Wilsnacker Sir. 63. Jonn.r stiehlt Europa mit Harry Piei, Dary Holm, Alfred Abel JuRcndliche haben Zutrittl W. 5, 7. 9 Uhr Alexanderstraße 39-40 (Paasasrc) E» war einmal ein Walzer mit Hartha Eggerth, Rolf v. CJoth Den ganzen Tag geöffnet. Jugendliche haben Zutritt! Bio-Lichtspiele Hackescher Markt 2-3 Tageskino ab 12 Uhr. Sonnt, ab 2 Uhr Jugendvorslellung Eine Munde mit dir mit 51. Chevalier.— Kintopp vor 30 Jahren.— Beiprogramm c Friedrichstadt Franziskaner GeorgenstraOe(Ecke Friedrichstraße) 9. 12. 3, 6. 9 Uhr Der Hellseher mit 5lax Adalbert, Trude Berliner 10.30. 1.30. 4.30. 7.30. 10.30 Uhr Das Eled ist aus mit Liane Haid, Willi Forst Neueste Ton-Bild-Reportaffe Die Kamera Unter den Linden 14 W. 5. 7. 9 Uhr 5. 3. 3. 7. 9 Uhr Puzsenprogramm! Hensehen- Arsenal— Die Affen t. Snchum Moabit Ärtnihnf Wochent. ab 6 Uhr ririU&nUl Sonntags ab 5 Uhr Perleberger Str. 29 Kopfüber in» Glüek mit Fritz Schulz— Ariane mit Elisabeth Bergncr, Förster— Tonwoche Germania-Palast Charlottenburg, Wilmcrsdorfer Str 53/54 5Iensch ohne Xaraen mit Werner Krauß. 51aria Bard, Helene Thimiff W. 5, 7. 9 Uhr Kant-Lichtspiele Kantstr 64(an der Wilmersdorfer Str.) Ja. freu ist die t�oldatenliebe mit Fritz Schulz. Er». Grabley, Camilla Spiru, Ida Wüst W. 5. 7. 9 Uhr Schlüter-Theater �.'Tuhr Schlüterstr. 17 Stg, 3 Uhr: Jugd.-V. Sehun jrhai-E.vpreß mit Marlene Dietrich.— Hessercr Herr gesucht zwecks... Ä frhim Wochenl. 7, 9% U. /ilTlUm Slg. 6. 7. 9-4. ü. Kaiserallee. Ecke Berliner Straße Uraufführung: Die verkaufte Braut(der erste Opern-Tonfilm) frei nach Smetana mit Jarmilla\o- votna. W. Domffraf-Faßbaen- der. Karl Valentin.— Tonbei- profframm W Zehlendorf-Mitte> 7�7; Beginn lägl. 5, 7. 9 Uhr Arcll stg. 3 Uhr Jugendvorstell. Potsdamer Str. 56. Henseh ohne Namen mit Werner Krauß. Helene Thimiff Bciprofframm ■ Stcgllt« S Titania-Palast Sfeiju. Steglitz, Schloßstr 5. EckeGutsmuthsstr. Uraufführung: Drei von der Kavallerie mit Paul llörbiffer. Fritz Kampers, Paul Heide mann, A. Pauliff. Hilde Hildebrand, Menta Söneland.— Ton filmbeiprofframm Friedenau Kronen-Lichtspiele Hbeinstraße 65 Bcg. 7. 9 Uhr. Sonnt. 5. 7. 9 Uhr Lügen auf Kügen tni! Maria Solvent. O. Wallburg, Roberte — Beiprogramm Schöneberg Alhambra Hauptstraße 30 Gr. Tonluslspiel: Ja, treu ist die �toldatenliebe mit Fr. Schultz — Bühnenschau Titania Schöneberg Hauplslr. 49. W. 5, letzte 9 Uhr S. ab 3 Uhr Tonlustspiel: Ja, treu ist die Soldatenliebe mit Fritz Schulz, Ida Wüst— Tonbeiprofframm i-™ e s t e n Primus-Palast Potsdamer Str. 19 Ecke Margaretcnslr. Drei von der Kavallerie mit Fritz Kampers, P. llörbiffer, P. Heidemann, Senta Söneland W. 5.15, 7.15, 9.15 Uhr Film-Palast Kammersäle Teltowcr Str. 1. W. ab 5.30, S. ab 3.30 2 Großtonfilme: Zwei fflückliche Taffe mit Paul llörbiffer— In 80 Hinuten um die Welt Knrfiinf � 9' Sbd- slg-5.7,9 I\Ur/ U/öl 3 Uhr: Jgd.-Vorsl. Dorfslraße 22. Ecke Berliner Straße Eine Stunde mit dir(Regie; Lu- bitsch) mit Hauricc Chevalier— Tonbeiprofframm Wochentags ab O'i IxuRuR Sonntags ab 3 Uhr Kotlbusser Damm 92 Schuß im Horffenffrauen mit Ery Bos. Ludw. Diehl.— Tonbeiprofframm Mercedes-Palast s ab' l ü; Hermannstr. 212. Strafsache van Geldern mit Ellen Richter. Kampers— Ich bin ja so verliebt mit Bressart Primas-Palast soSlVs'u. Am Hermannplatz, Urbans tr. 72/76. Ich bin ja so verllebt mit Felix Bressart.— Die Nacht der Versuchunff Tivoli Täglich 5, 7, 9, Stgs. 3 Uhr: Jugendvorstell Berliner Straße 97. Großtonfilm: Strafsache van Geldern mit Fritz Kampers. Ellen Richter— Tonbeiprofframm W JUtn Ii Mariendorfer W. 7, 9, Tonlichtspiele S. 5, 7, 9 Chausseesir. 305. 2 Tonfilme: Johann Strauß mit Eec Parry,.Michael Bohnen— Der Boß mit Will Roffers W Neukölln> Fvro /c#/i r Wochentags ab Sanntags ab 4 Uhr Kaiser-Friedrich-Straß« 191 Das milionentestament mit Charl. Ander, Joh. Riemann Jugendlich© haben Zutrittl Stern, Hermannstraße 49 Wochentags ab 6V3 Sonntags ab 4 Uhr Schuß im Horffenffrauen mit Ery Bos. Ludw. Diehl.— Tonbeiprofframm Süden Theater am Moritzplatz W. 6, 8.45 Uhr. S. ab 4.30 Uhr Hüde he n in Uniform— Der Köniff der Steppe mit Tom Kcene Südosten Deatsch-Amerik. Theater Köpenicker Str. Tägl. ab 5 Uhr Eine Stunde mit dir mit H. Chevalier. J. Macdonald— Die ffrausame Freundin mit Anny Ondra, F. Rasp Filmeck Am Görlitzer Bahnhof W. 6.30 U., Stg. 5 ü. Fritz Schulz in dem lustigen Tonfilm Ja, treu ist die Soldatenliebe Ferner Es ffeht um alles mit Eddie Polo, Luciane Albcrtine Stella-Palast"ünu Üi™ uhrr Köpenicker Straße 12—14 Der großartige Tonfilm Schuß im �lorffenffraucn Auf der Buhne: 1 Stunde Variete W Treptow"b Treptow-Sternwarte Donnerstag 8 Uhr: Das blaue Licht. Eine Berglcgende Ein Lcni-Riefenstahl-Film • O'ten j Germania-Palast JVbV'r?: Frankfurter Allee 314 Jetzt täglich Orcheslerkonzert unter Leitung unseres langjährigen Kapellmeisters Dr. Knauer Tonfilm: W. Vogel, der Ausbrecherkönig, nach Strafsache van Geldern Bühne: Drei Variete-Attraktionen Lunn-Pnln�f Woch. 5 Uhr LiUnWl aiasi Sonnt.ab3Uhr Gr Frankfurter Str. 121. Schuß im Horffeiiffrauen mit C. L. Diehl— Der falsche Tenor mit Franz Baumann— Bühne; Dücker, d. deutsche Grock— Ton- Schwarzer Adler �«"9 W. 5. 7. 9 Uhr. S. 3. 5. 7. 9 Uhr 2 Tonfilme: Liebe im Walzertakt «Johann Strauß) mit Lee Parry. �lichael Bohnen P. llörbiffer —- Tom Hix: Goldfieber(Der Ritt ins Todestal)— Tonivochen- schau— Jugendliche haben Zutritt Viktoria- Theater| u5 Frankfurter Allee 48 Flucht von der Teufelsinsel mit Ronald Colman— Großes Tonbeiprofframm Nordosten PROGRAMM für die Zeit vom 6. bis 8. September Volks-Kino Königstadt Schönhauser Allee 10/11 Wochent. 6.45 Uhr. Sonnt. 5 Uhr Eine Stunde mit dir mit Jlau- rice Chevalier— Tonbeiproffr. — Bühnenschau W Neu« Lichtenberg> Kosmos-Lichtspiele Lückslr. 70. W. 347. 9 Uhr. Stg 5. 7. 9 Uhr 2 große Schlager: Das Liebeslied mit Renate Hüller, G Fröhlich — Die Mexikanerin Kino Busch 5 u� Alt-Fricdrichsfelde 3. Tonwoche 2 Großtonfilme: Der Sänffcr von Sevilla mit R.\ovarro— Endkampf mit lloot Gibson Jugendliche haben Zutrittl 1 Horden» A Ihntn ftYn Siinamora Ecke Seestraße W. 5. 7. 9 Uhr Stg. 3. 5. 7. 9 Uhr Eine Stunde mit dir mi' Maurice Chevalier(Regie: Lubitsch) Pankow Palast-Theater Breite Straße 21a. W. 7 u. 8.30 Uhr, Stg. ab 4.30 Uhr Verlängert! Strafsache van Geldern mit E. - Richter.— Zwei fflückliche Taffe mit Cl. Rommer * Tegel» Filmpalast Tegel Bahnhofstr. 2. W. 6. Stg. 4�4 Uhr Sonntag 2 Uhr: Jugend-Vorstellung Hadam Satan, Revue-Tonfilm mit Reffin. Denny— Gr Tonbeipr. Luisen-Theater w ab 6 30 S. ab 5 U. Reichenberger Str. A4. Eine Stande mit dir mit Haurice Chevalier Ferner: TIaffda Schneider, J. Riemann in der Tonfilm-Operette Fraulein, falsch verbunden „Elysium" PreniIauer Allee 56 Wochent. ab 61a Uhr. Sonnt, ab 4 Lhr Strafsache van Geldern mit Kümpers. Blga Brink.— Der Tugcndkönig Flora-Lichtspiele��' Wocbtg. 5.45, ca. 7. 8.45, Stg. ab 3 Uhr 2Tonf.: Frau Lehmanns Töchter mit HAnsl Vlese, Kampers— Tradcr Horn, der Afrikatonfilm in deutscher Sprache F/iomsto Fl,in W- 6. 8% Uhr liOSfnOS Bühne S. 4�4. 6�, 874 Hauptstraße 6. Zwei Großtonfilme: Die Kriminalreporterin von New York— Weiße Schatten, Sfidseetonfilm Union-Theater 4 U Hauptslr. 3. Stg. 2 Uhr: Jug.-Vorst. Der Draufffänffer mit Hans Albers.— Köniff der Steppe mit Tom Kiene U Fi Im nn lernt E�- w 6«so vbr / iimpaiasi stes 4�. bh. u. Berliner Str 59 2 Tonfilme: Der Flüchtling mit Rieh. Bathelmeß— Kismet mit Dita Parlo, Gust. Fröhlich föellage Dienstag, 6. September 1932 BprAbtmÖ %uUcuii4a$& Jß}, UnruHifk e Sexual* erbrechen Folgte des Wolmnngselends Menschen waschen sich und verrichten ihre Notdurft vor aller Augen und Ohren! sie geben sich auch, da es ihnen nie anders möglich war, und da sie es, als sie noch Kinder waren, auch bei ihren Eltern und älteren Geschwistern nicht anders miterlebt haben,!n Gegenwart Dritter und Vierter und Fünfter Umarmungen hin, Ihre Verhältnisse lassen es nicht anders zu. Noack reiht Zahl und Bericht an Zahl und Bericht. Ei» Ma- terial in gleich erdrückender Fülle kaum irgendwo anders gegeben. Er kommt zu folgendem Fazit: Das Wohnungselend zerstört die Gesundheit der unglücklichen Menschen, zermürbt ihre Nervenkrast. Die Menschen werden leistungsunsähig, werden aus ihren Stellungen entlassen. Lange Arbeitslosigkeit entwöhnt sie der Arbeit, Sie werden arbeitsscheu, Ihr Dasein erscheint ihnen zwecklos, sie kommen sich überflüssig vor. Langeweile beginnt sie zu plagen. Sie werden schlecht, verlumpen an Leib und Seele. Sie werden asozial, werden Schädlinge der Gesellschaft. Unter ihnen leben 5ünder: Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder und schulentlassene Jugendliche. Man hat gegenwärtig in Deutschland mit 750 000 jugendlichen Arbeitslosen zu rechnen. Für 1930/31 haben aber nur rund 150 000 gewerbliche Lehrstellen und Anlcrnestellen zur Verfügung gestanden. Demnach hoben nur rund 25 Proz. der Schulentlassenen in gelernte Arbeit übergeführt werden können. 1932 haben knapp 10 bis 12 Proz. der Schulentlassenen Lehrstellen gefunden. Etwa 250 000 Schulentlassene können mangels Nachfrage dem Arbeits- markt nicht zugeführt werden(vorausgesetzt, daß für die 550 000 Schulentlassenen von 1930/31 kein Arbeitsmangel bestand). Zu den Millionen arbeitsloser Jugendlichen käMen demnach im Lause des Jahres 1932 rund 250 000 Jugendliche hinzu, die nie gearbeitet haben. Man muß also mit 1 Million junger, unbe- schästigter Menschen rechnen. Diese Zahl wird sich 1933 selbst bei einer Konjunkturverbesserung noch vermehren. Erklärt sich nicht auch zum Teil hieraus die zunehmende poli- tische Verwahrlosung der Jugend? Noack betitelt seine Schrift:„Das Soziale Sexual- verbreche n." Er will damit die Schuld der sozialen Verhaltnisse an der Verrohung im Geschlechtsleben der Menschen festnageln. Er macht der Gesellschaft, dem Staat, den schweren moralischen Vor- wurf der Versäumnis einer vorsorglichen Wohnungspolitik. Diese Versäumnis komme einem Verbrechen des Staates an den auf seine pflichtgemäße Fürsorge angewiesenen Menschen gleich. Mit dem Schwert der Justiz kommt man Verbrechen, die aus sozialen Mißständen erwachsen, nicht bei. Gegen eine Ueberbetonung des sexuellen Wunschgeiühls infolge ungesunder sozialer Verhältnisse gibt es kein besseres Mittel, als den Menschen eine verantwortungs- volle Berufsarbeit und eine ausreichende Wohnung zu gebfti. Der pflichtgebundene Mensch, der aus seiner Arbeit das befriedigende Gefühl der Nützlichkeit seines Daseins schöpft, der auch die Hoffnung hat, von seiner Arbeit emporgetragen zu werden, dein seine Arbeit aber auch Zeit läßt, sich geistig zu bilden, sich körperlich zu ent- wickeln und zu pflegen und der sich mit jedem Volksgenossen staats- bürgerlich gleichberechtigt weiß, ein solcher pflichtgebundener Mensch ist, er sei denn krank, von vornherein in hohem Maße geschützt gegen Entartung seines Geschlechtstriebes,— und er ist nahezu absolut davor geschützt, wenn der normalen Befriedigung nicht unzeitgemäße Sittenanschauungen im Wege stehen. n. Provisorische Psychologie Berlelit über«leu X. internationalen Kongreß für Pliycltologie Das sozial Eine Akten reden und Zeihingen und Zeitschriften und Bücher reden— reden und reden jahraus jahrein, es ist eine kaum noch übersehbare, umfangreiche Literatur entstanden und über das Woh- nungselend und seine schlimmen Wirkungen auf die Gesundheit und— vor allem— aus die Sittlichkeit des Volkes. Die Bauwirt- schaft, die Wohnungen produziert, das Wohnungsvermietungs- gewerbe, das mit Wohnungen handelt, die Bodeneigner, die mit Bauland spekulieren, die Hypothekenbanken, die aus dem Finanz- bedürfnis dieser Wirtschaftszweige ihre Gewinne herausschlagen und der Staat, der sie miteinander schalten und walten läßt,— sie alle tragen Verantwortung für die aus ihrem Zusammenwirken ent- stehenden Wohnungsverhältnisse, mit denen sich das Proletariat und breite Kreise des Mittelstandes— lebendiges Fleisch mehr als Geist— abfinden müssen. Die Landgemeinden und Städte, die Länder bestürmten das Reich, öffentliche Gelder für den Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen, nachdem die private Wohnungsproduktion vollkommen ver- sagt hatte. Das für den Wohnungsbau zuständige Reichsarbeits- Ministerium führte schon unter Brauns, besonders aber unter Wissell und auch noch und immer wieder unter Stegcrwald einen energischen Kampf im Kabinett um die Bewilligung von Mitteln für den öffent- lichen Wohnungsbau. Ist doch der Wohnungsbau nicht nur wegen der Versorgung der Menschen mit Wohnungen von größter sozial- politischer Bedeutung, sondern auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt und aus die Bauwirtschaft von allergrößter volks- wirtschaftlicher Bedeutung: Tie Bauwirtschast umfaßt etwa 300 000 Betriebe. Sie beschäftigt 2,5 Millionen Arbeiter und über 220 000 Angc- stellte. Sie ernährt etwa ein Neuntel des deut- schen Volkes. Die Löhne der Arbeiter allein belaufen sich bei normaler Beschäftigung auf rund 6,5 Milliarden Mark. Jede Milliarde Erzeugungsoussall der Bauwirtschaft macht rund 350 000 Arbeiter arbeitslos. Auf einer Pressekonferenz des„Groß-Berliner Vereins für Kleinwohnungswesen"(August 1931) erklärte der Ge- schäftsführer dieses Vereins, daß die Notverordnung vom 30. No- vember 1930 dadurch, daß sie 400 Millionen von den aus dem Hauszinssteueraufkommen für den Wohnungsbau bisher zur Ver- fügung stehenden Mitteln für andere Zwecke bestimmte, 577 000 Bau- arbeiter arbeitslos gemacht habe. Bei der Schlüsselstellung des Bau- gcwerbes in der Jndustricwirtschait seien durch dieselbe Maßnohme zugleich 3 Millionen in Baunebenindustrien Berufstätige in Mit- lcidcnschaft gezogen. Bei voller Beschäftigung innerhalb der gesamten Wirtschast gehörten in Deutschland etwa 2'A Millionen (rund ein Achtel aller Arbeitnehmer) unmittelbar zum Baugewerbe und zu den Baustossindustrien Fast ein Drittel des gesamten lHütervcrkehrs der Reichsbahn entfiel aus Transport von Bmsttvffen und auf Industriezweige wie Elektrotechnik und Möbelindustrie. Hiernach kann man ermessen, wa? es volkswirtschaftlich bedeutet. daß vom Jahre 1930 an eine starke Verringerung der Mohnungs- bautätigkeit begonnen hat, wie es in der Denkschrift des Reichsmini st eriums des Innern vom 22. Oktober 1931 heißt:„nicht zuletzt infolge der Unmöglichkeit für zahlreiche Weh- nungsuchende. die hohen Mieten für die Neubauwohnungen auf- zubringen". Die Bauerlaubnisse bzw. Bauvollendungcn betrugen im 1. Halbjahr 1930: rund 50 000 bzw. 82 000, im 1. Halbjahr 193!: rund 37 000 bzw. 55 000. Im 1. Vierteljahr 1932 sind in den deutschen Groß- und Mittelstädten nur 10 857 Wohnungen gegen- über 25 532 im 1. Vierteljahr 193l fertiggestellt worden. So tief das Wohnungsproblem nach der einen Seite, der reinen! Kapitalwirtschaft, im Kapitalmarkt durch den Realkredit verwurzelt ist, so tief nach der anderen Seite, der Menschenökonomie, vuf dem Arbeitsmarkt durch die Arbeitsleistung und den Arbeitsverdravch. Ueber allem aber steht drohend und warnend die ungeheuerliche Tatsache, das» wir heute init einem objektiven Wohnungsfehl- bedarf von annähernd 1 Million Wohnungen zu rechnen haben, daß annähernd l Million Familien(Familien!) heute in Untermiete wohnen, daß rund 5 bis 6 Millionen Menschen in überfüllten Wohnungen hausen. Ins- gesamt handelt es sich hierbei um etwa 750 000 Wohnungen, wovon rund 490 000 in Städten über 5000 Einwohner gezählt wurden. In einer soeben bei Julius Püttmann in Stuttgart erschienenen Schrift„Das soziale Sexualverbreche n" gibt Genosse Victor Noack— seit vielen Iahren ein eindringlicher Rufer und Warner auf diesem Gebiete— einen Ueberblick über die sittlichen Folgen der schlechten Wohnungsverhältnisse. Aus der Fülle des dem Verfasser erschlossenen amtlichen Materials gibt er zurück- haltend nur wenige aussührlichere Berichte. Er bemerkt dazu: In all diesen Fällen waren schlechte Wohnungsverhältnisse Menschen zum Verhängnis geworden, denen zum Teil Ablenkung von trieb- haftem Verlangen durch ordentliche und befriedigende Berufstätigkeit fehlte. Alltägliche Geschehnisse sind es, die nach den Berichten der Sozialen Gerichtshilfe Gegenstand hochnotpeinlicher Ge- richtsverhandlungen geworden sind und teilweise mit schweren Strafen geahndet wurden. Aber die alltägliche Erscheinung ist in erster Linie wichtig und aufschlußreich für eine Gesellschasts- ordnung.„Was mich beim Durcharbeiten meines Materials und bei der persönlichen Unterhaltung mit den Menschen besonders ergriffen hat," schreibt Noack,„ist die Selbstverständlichkeit, die Wurstigkeit, mit der das Elend ertragen und die Endlosigkeit dieses Elends hingenommen wird. Diese Menschen berichten über pein- lichste Verhältnisse, als gäbe es dabei überhaupt nichts Errötens- wertes. Bedauerliches oder Empörenswcrtes. Die nach 1914 auf- gewachsene Generation hat zum Teil unter dem Einfluß des Wohn- räum- und Bettenmangels die der älteren Generation noch eigenen Hemniungen eingebüßt. Es gibt in der Sockelschicht der Gesell- schaftspyramide genug Fälle, wo die Schamgrcnze durch Wohn- räum- und Bettenmangel ausgelöscht ist und geschlechtliche An- näherungsversuche Blutsverwandter nicht mehr überraschen." In der Tat: diese Jugend, in Wohnungselend hineingeboren, nie anderes als enge Schlasstättcn- und Bettgemeinschaft mit jung und alt verschiedenen Geschlechts gewöhnt, nie anders als in Drangsal und Not gelebt, hat auch die dem Bürgertum anerzogenen Hemmungen nie empfunden und begreift darum auch die bürgerliche Einstellung zu manchen Fragen der Sittlichkeit gar nicht. Diese Eine Woche lang haben 200 Psychologen aus aller Herren Länder in Kopenhagen getagt und einander Vorträge gehalten. Der Berichterstatter versucht zunächst die Fülle der Themen zu übersehen und kommt zu folgender Statistik: Von den Vorträgen entfielen aus Charakterologie(Auzdruckslehre, Beschreibung von Verhaltensweisen. Messen individueller Unterschiede) 25 Proz. wahrnehmungspjychologie(einzelne Sinnesgebiete, allgemeine Fragen der Ausnahme der Außenwelt) 19„ Entwicklungspsychologie(Kinder- und Jugendpsychologie, Phasenunterschiede und Lernen)........ 19„ Sozial- und Mrtschastspsychologie(inklusive Religion und Sprachen)............. 18„ Prinzipienfragen.............. 9„ Psychologie des Abnormen........... 5„ Physiologische Psychologie und Tierpsychologie... 5„ 100 Jede Wissenschaft hat zunächst das Recht, nach sich selbst � beurteilt zu werden. Und so stellt man mit einiger Befriedigung fest, daß die Wahrnehmungspsychologie, die den Hauptinhalt der alten akademischen Psychologie ausgemacht hat, zurücktritt gegenüber den Versuchen, die lebendige Persön- l i ch k e i t zu erfassen, und daß die Isolierung, in der man früher da? Individuum sah, durch einen beträchtlichen Anteil Sozial- Psychologie durchbrochen ist. Aus verschiedenen Wegen versucht die akademische Sozial- Psychologie sich der Erfassung sozialer Vorgänge zu widmen. Da ist die K o r r e l a t i o n s f o r s ch u n g, die versucht, verschiedene Merkmale miteinander in gesetzmäßige Verbindung zu bringen: die also etwa durch Dauerbeobachtungen in Familien statistisch und daher unanfechtbar seststellt. daß verständnisvolle Erziehung der Entwicklung der Kinder förderlicher ist als Strenge, oder durch Feststellung in Arbeitslosenhaushalten ermittelt, von welcher durch- schnittlichen Einkommenstiefe an der psychologische Zusammenbruch unvermeidlich wird. Ein zweiter Weg ist der der psychologischen Beschreibung sozialer Tatbe st ände. So wurde am Kongreß über Formen der Verwahrlosung bei ungarischen Kindern berichtet, über die Art, wie verschiedensprachige Kinder sich miteinander verständigen, über das Zeiterlebnis des Arbeitslosen und anderes mehr. Bei solchen Arbeiten geht es vor allem um möglichst feine Wiedergabe von weniger bekannten sozialen Vorgängen. Wer die Schwierigkeiten solcher Soziographien einmal erfahren und z. B. die Wirkung einer solchen Beschreibung von Arbeitslosigkeit auf ein bürgerliches Publikum erlebt hat. der wird es als Fortschritt empfinden, daß solche Arbeiten aus akademischen Kongressen austauchen. Eine dritte Gruppe von Arbeiten geht den sozialen Unterschieden bei einzelnen Leistungen nach. Die Intelligenz des Stadt- und Landkindes, die Arbeitsleistung schwarzer und weißer Arbeiter wird verglichen: die Ergebnisse sind dem Praktiker oft von Nutzen für seine organisatorischen Maßnahme», wenn auch hier machtpolitischer Mißbrauch manchmal nahe liegt. Nicht vertreten auf dem Kongreß waren jene Versuche, die den seelischen Kräften nachgehen, hie das soziale Geschehen mitbestimmen. Seit dem ersten Ansatz, den die Lehren von Freud und Adler und die englisch-amcrikanische Jnstinktpsychologie gebracht haben, sind in diesem Punkt so viele Probleme und Schwierigkeiten aufgetaucht, daß niemand einen neuen Vorstoß gewagt hat. Aber gerade dieser Umstand gibt einem solchen Kongreß, wie der in Kopenhagen es war, das Gepräge des Provisorischen. Alle weitsichtigeren Psycho- logen wissen, daß das Problem der menschlichen Antriebe die eigent- liche Aufgabe der gegenwärtigen Psychologie ist und die etwas mittelpunktlose Vielheit der vorgetragenen Themen wird bloß hin- genommen in der Ueberzeugung, daß das gemeinsame Thema ganz deutlich werden muß, wenn die Einzelsorschung in den Instituten es genügend weit vorbereitet haben wird. Der marxistische Teilnehmer, der aus deutschem Sprachgebiet kommt, hat aber einen besonderen Grund, diesem Provisorium mit einigem Wohlwollen gegenüberzustehen. In Deutschland fand näm- lich der Faschismus auch bei der Psychologie seine Diener in Gestalt der sogenannten geisteswissenschaftlichen Rich- t u n g. Das„Psychische", das keine Bindungen an Raum und Zeit kennt— entspricht es nicht dem„Führer", der alle demokra- tischen Bindungen abwirft? Das Leugnen psychischer Gesetzmäßig- keiten im Namen eines Kampfes gegen den„Materialismus"— entspricht es nicht dem Kampf gegen die Tarifverträge im Namen einer höheren„Werksgemeinschaft"? Gegen diese Strömung ist die experimentelle Psychologie immer noch ein wertvolles Bollwerk. Denn wie provisorisch immer deren Ergebnisse sein mögen, sie gehen in der Richtung ernsthaster und allen sichtbarer Durch- leuchtung des individuellen und sozialen Lebens. Und auf inter- nationalen Kongressen(das hat auch Kopenhagen wieder gezeigt) wird immer dieses experimentelle wissenschaftliche Element in der Psychologie gestärkt: den glücklicheren Ausländern fehlt der sozio- logische Hintergrund für den ideologischen Ueberbau des deutschen Faschismus und sie interessieren sich deshalb nur für totsächliche Forschungsergebnisse, nicht für psychologische Metaphysik. So hatten unter den Deutschen vor allem B ii h l e r(Wien), Köhler(Berlin) und Kotz(Rostock) das Ohr des Kongresses. Es mag noch das besondere Interesse erwähnt werden, das eine Untersuchung fand, die mit Unterstützung der Wiener Arbeitcrkammer durch- geführt worden ist. Eine österreichische Forschungsstelle hat m Marienthal(einem gänzlich arbeitslosen Dorf in Niederöster- reich) monatelang Erhebungen angestellt und gezeigt, durch wie weitgehende Einschränkungen ihrer Bedürfnisse die Arbeitslosen ihre ökonomische Lage zu ertragen versuchen und wie trotzdem an einem gewissen Punkt der psychische und physische Zusammenbruch unver- meidlich wird. Die Tolerierungspolitik, die die sozialistische Berichterstattung gegenüber den Repräsentanten des 51openhagener Kongresses vor- schlägt, soll übrigens nicht das Befremden verdecken, das die große Uneinigkeit zwischen den einzelnen Schulen der experimentellen Psychologie erweckt. Sowohl die geringe Beteiligung der Schüler von Freud und Adler als auch der geringe Widerhall, den der englische Appell zur Einigkeit fand, zeigte, daß außer der intellek- tuellen Leistung auch noch viel sozialer Mut notwendig sein wird, damit der Aufbau einer allgemeinen Wissenschaft Psychologie gelingt. Dr. Lazarsfeld. l>a« Wunderbare „Propheten in deutscher Krise", nennt Rudolf Olden die Per- sönlichkeiten, mit denen sich eine von ihm herausgegebene Sammlung: „Das Wunderbare"(Rowohlt, Berlin) beschäftigt: Therese von Konnersreuth, die Stigmatisierte,— den Oesterreicher Zeil- eis, der in Gallspach mit seiner Hochfrequenzthcrapie Massen von Menschen anlockte— Schappeler, genannt der Magier des Kaisers— Goldmacher Tausend, dem Ludendorss und teils sogar die sonst sehr nüchtern denkende Schwerindustrie mit ausgiebigen Mitteln zur Seite standen— Krishnamurti, der indische Heiland mit seiner Managerin Anni Besant— Mary B a k e r E d d y, die Stifterin der Clmstian science— und viele andere noch, die uns aus Zeitungsberichten längst bekannt sind. All diese Glaubensverkünder unserer Zeit, die das Mittel zur materiellen oder geistigen Rettung unseres Volkes gesunden haben wollten, sie alle waren oder sind noch immer entweder Besessene oder Hochstapler. Meist aber sind sie als solche nicht voneinander zu unterscheiden. In diesem Sinne behandeln auch die einzelnen Mitarbeiter des Buches das Leben und Wirken der„Propheten in deutscher Krise". Ein aufschlußreiches Buch, interessant und fesselnd in der Darstellung der verschiedenen Fälle— ein Zentdokument, in das jeder einmal Einblick nehmen sollte, der etwa nockz immer an die Rettung durch das Wunderbare glaubt. Ein recht amüsantes, und— man möchte fast sagen—? unterhaltendes Buch. Friedrich Licfatneker.' Altershirnen im Arbeitersport Die letzten Sonntage standen im Zeichen der Herbstfahrten der älteren Turner des Arbeiter-Turn- und Sportbundes. Die Bewegung der Altersturner hat ihren Ausgang von Berlin aus genommen und zunächst den Kreis Brandenburg ersaßt, bis sie nun auf den gesamten Bund ubertragen worden ist. Es sind recht statt- liche Massen, die in den einzelnen Bezirken aufmarschieren! hat es doch der Leipziger Bezirk im Borjahre auf mehr als 20!)0 Teilnehmer gebracht. Auch die Berliner Vereine, die gestern nach Caputh gewandert sind, haben stets eine bis an die Tausende gehende Beteiligung aufweisen können. Das Altersturnen hat im Arbeiter-Turn- und Sportbund eine gute Pflegestätte. Für das Vereinsleben hat das eine in mehrfacher Hinsicht große Bedeutung, denn die alten Turner stellen nicht nur den größten Teil der Ver- einsfunktionäre,, sie üben auch auf die Jugend einen sehr wohl- tätigen Einfluß aus. Ohne die rastlose, meist von großer Liebe zur Bewegung getragene Arbeit der Aelteren ist das Vereinsleben in der heutigen Notzeit kaum noch zu denken. Die Jugend, die mehr als je im Sport'eine Stütze sucht, bedarf der verständigen- Führung durch die älteren, in allen Stürmen des Vereinslebens erprobten Genossen in dieser Zeit der Umwertung aller Werte besonders dringend. Die alte Generation muß auch dafür sorgen, daß das gute und bewährte Alte in den Leibesübungen und im Vereinsleben nicht von der stürmenden Jugend zu voreilig abgetan wird. So haben die Alten zur Ehrenrettung unseres Geräteturnens sehr viel beigetragen und auch im geselligen Leben der Vereine viel Gutes geleistet. Gar nicht zu reden von dem oft überschäumenden poli- tischen Radikalismus der Jüngeren, den in fruchtbare Wege zu leiten oft eine schwierige Aufgabe der Aelteren ist. Die Alten haben auch die„ruhmreichen" Traditionen des Turnerlebens mit viel Liebe lebendig zu erhalten gesucht. Auf den erwähnten Altersturnfahrten kann man hier und dort noch die uralten Kneipsitten beobachten, wo bei viel Humor und wenig Alkohol auch mal„in die Kanne gestiegen wird". Aber mit den Altherrenpartien philiströser Vereine an Himmelfahrts- und Putz- tagen haben diese Turnfahrten wirklich nichts gemein. In den meisten Bezirken wird auf diesen Fahrten auch wirklich geturnt. Ganz untraditionelle Freiübungen werden verbindlich für jeden Teilnehmer ausgeschrieben, und oft finden auch Wettkämpfe statt, bei denen aber mehr auf Humor als auf Höchstleistungen gesehen wird. In neuerer Zeit nehmen auch die Frauen an diesen Turn- fahrten teil, was allerdings wenig traditionsmäßig ist, denn in der alten guten Turnzeit durfte auf einer echten rechten Turnfahrt kein weibliches Wesen sich sehen lassen. Daß die Alten immer noch aktiv sind, versteht sich. Die Liebe zum guten alten Turnen und zu den Leibesübungen auch in mo- dernstem Sinne ist wohl das Beste an dieser Pflege des Alters- turnens im Arbeiter-Turn- und Sportbund. HerdstreKatta auf dem Langen See» I 20 qm Rennfolien der Freien Segler am Ziel TR.-Friedrichshain Kreismeisier Am Sonntag fand das letzte Sericnspiel in der A- Gruppe für Männer statt. Im Lichtenberger Stadion standen sich Tennis-Rot Gesundbrunnen und Tennis- Rot Friedrichshain gegenüber. Friedrichshain ent- schied erwartungsgemäß das Treffen hoch mit 5:1 für sich und holte sich damit zum vierten Male die Kreismeisterschaft. Friedrichs- Hain schnitt überhaupt in der Serie hervorragend ab, diese Ab- tellung stellt in drei Gruppen die führende Mannschaft. In dem Treffen Gesundbrunnen-Friedrichshain gab es zwischen Müller- Friedrichshain uud Büttner-Gesundbrunnen einen sehr spannenden Dreisatz, den der jugendliche Büttner, der sich zur Zeit in Hochform befindet, durch kluges taktisches Einstellen für sich entscheiden tonnte. Müller, etwas überspielt, verstand es nicht, sich vor den kaum zu haltenden harten Vorhandschlägen Büttners zu schützen. Immer und immer wieder gab er Büttner Gelegenheit, diese schweren Sachen anzubringen. Das variierte Spiel Büttners lag Müller sichtlich nicht, es entschied aber den Ausgang dieses Treffens. Für die Berliner Arbeitertennissportler dürfte nach dem Freitod von Heini Hanke Büttner der kommende Spieler sein, bildungsfähig, verfügt er schon jetzt über eine ganze Sammlung von Schlagarten. Jeder Tennisspieler muß eben darauf achten, ein variiertes Spiel zu beherrschen, nur Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit führt im Tennis zum Ziel. Zu gleicher Zeit, ebenfalls im Lichtenberger Stadion, führte Tennis-Rot fein diesjähriges Anfängerturnier durch. Bei stärkster Msldungsabgabe konnte man gute Leistungen bei den Tennisküken feststellen. Die älteren Jahrgänge brauchen um die sportliche Weiterentwicklung im Berliner Arbeitertennis keineswegs besorgt sein. Unter den jüngsten Nachwuchsspielern befinden sich eine ganze Reihe tüchtiger Sportler. Die Schlußrunde im Frauen-Einzel bestritten Klobsch-Charlottenburg und Kegel-Lich- tenberg- Das Finale war sine sichere Sache der Charlottenburgerin, die ein klares und ungekünsteltes Spiel vorführte. Im Schluhkampf entschied bei den Männern Hetz-Weißensee das Treffen für sich. Er gab dem sich tapfer wehrenden Würbs-Ncukölln mit 6:1, 6:1 das Nachsehen. Der Unterschied ist nicht so groß wie das Resultat darstellt. Hetz wird sich bei intensiver Ausbildung des Aufschlages zu einem achtenswerten Tennissportler entwickeln. Schon jetzt sei darauf hingewiesen, daß am kommenden Sonn- tag im Lichtenberger Stadion zwischen den Abteilungen Friedrichs- Hain und Lichtenberg von Tennis-Rot ein Abteilungstreffen bei stärkster Besetzung stattfinden wird. Friedrichshain dürste, wenn auch nur knapp, den Sieger stellen. �>veierlei Malj? Vor etwa zwei Jahren hatte das Wehrministerium die Z e n- tralkommission für Arbeitersport und Körper- pflege e. V. von neuem für politisch erklärt und darauf ihren Vereinen d i e Plätze der Reichswehr gesperrt. In einigen Orten hat das zu einer schweren Schädigung der betreffen- den Vereine geführt, da der Reichswehrplatz der einzige am Orte ist. Inzwischen ist aller Welt bekannt geworden, daß unser Reichs- wehrministerium selbst zu einem politischen Ministerium geworden ist. Es hat sich augenscheinlich fest den Tagen, als man die Zentralkommission für politisch erklärte, viel in der Reichswehr geändert und der§ 36 der Reichswehrordnung hat eine ganz andere Auslegung erfahren. Da nicht anzunehmen ist, daß die Reichswehrleitung bzw. das Reichswehrministerium auch nur einen Augenblick in den Verdacht kommen möchte, nach links anders zu verfahren als nach rechts, muß man sich wundern, daß jene ungerechte Vertreibung der Arbeiterfportoereine von den Plötzen der Reichswehr noch nicht wieder aufgehoben worden ist. Die„ttimdert" im Sportpalast Diesmal ist mit dem Aufbau der Radrennbahn im Sportpalast früher begonnen worden als sonst, so daß den Fahrern, namentlich den in Berlin ansässigen, genügend Gelegenheit geboten ist, sich mit den Holzlatten vertraut zu machen. Zwei weitere aussichtsreiche deutsche Mannschaften haben ihre Verträge für das Eröffnungs- rennen am kommenden Sonntag erhalten: die bekannte Straßen- fahrermannschaft Thierbach- Siegel und das neu zusammen- gestellte Paar Funda- Maidorn. Die bisherige Startliste hat somit folgendes Aussehen: Piet van Kempen-van Nek(Holland): A. Buysse- Bisiiet(Belgien): Kroll-Metz(Deutschland): Thierbach- Siegel(Deutschland): Funda- Maidorn(Deutschland): Lehmann- Manthey(Deutschland). UntuZ beim Fußballspiel Die Städtemannschaft des Verbandes Bran- denburgischer Ballspielvereine hatte am Sonntag wieder einmal Glück. Gegen die durch Ersatzspieler geschwächte Hamburger Vertretung konnte Berlin mit 5:3 gewin- n e n. Trotzdem hatten die Berliner so verdient gewonnen, wie es das Resultat besagt. Die Hintermannschaft hatte in der zweiten Halbzeit verschiedene gefährliche Momcntg zu bestehen. Als 20 Mi- nuten nach der Pause der anstürmende Hamburger Weber ge- rade zum Torschuß ansetzte, warf sich G e h l h a a r ihm direkt vor die Füße. Weber konnte nicht mehr abstoppen und der Berliner erhielt den wuchtigen Schlag direkt ins Gesicht. Blutüberströmt mußte Gehlhoar vom Platze getragen werden. Sehlhaar, der schon verschiedene ähnliche Unfälle hinter sich hat. und durch sein waghalsiges Benehmen auch seine Mitspieler aufs äußerste ge- fährdet, müßte doch vom VBB- aus das Unsinnige seines Ver- Haltens aufmerksam gemacht werden. Mit Sport haben solche Bravourstücke nicht das geringste zu tun. Was„Solidarität" schafft 17000 neue Miiglieder in einem Monat „S o l i d a r i t ä t", der Welt größte Sportorganisation, ruft zur Werbung auf. Günstige Eintrittsbedingungen— in den Werbemonaten wird kein Eintrittsgeld erhoben— und die bestehenden Unter st ützungseinrichtungen: die Haftpflicht-, Rechts- schütz-, Not-, Raddiebstahl-, Hinterbliebenen- und Unfallhilfe sind es, die einen Werbedoden bilden. Allein im letzten Jahre schütteten die Unterstützungskassen 460 590,09 Mark aus, eine Leistung, die einzig dasteht. Neben den Einrichtungen der„Solidarität" lockt der faire Sportbetrieb zum Beitritt.„Soli" lehnt es ab, sogenannte „Kanonen" zu züchten, weiß aber trotzdem das Können des Einzelnen in das rechte Licht zu rücken! Jetzt meldet die Statistik, daß die Werbung im Monat Juni über 17 000 neue Kämpfer einbrachte. Bei dieser Gelegenheit sei es mit aller Deutlichkeit ausgesprochen: es gibt keine bürgerliche Organisation, die in der Lage wäre, gleiche Er- folge aufzuweisen! 17 000 Radsahrer haben trotz der ungeuren Not- zeit den Weg zur„Solidarität" gefunden. An erster Stelle mar- schieren bei dieser Werbeaktion die sächsischen Gaue 14 und 15, die über 4500 Neugewonnene nach dem Bundessitz Ofsenbach(Main) meldeten! An zweiter Stelle befinden sich die schlesischen Gaue 7 und 8, die es auf über 2300 Neuaufnahmen brachten, während die Gaue 19 und 20— Nord- und Südbayern—„nur" 2100 neue Kameraden heranholten. Die Provinz Brandenburg— Gau 9—, deren„sandiger" Boden bei der Werbung nicht leicht zu bearbeiten ist. verbuchte rund 1000 neue Sportler. Die Württemberger im Gau 21 gewannen 840 und Unterbaden, Rheinpsalz und Saar- gebiet, die im Gau 22 zusammengefaßt sind, 680 Radler. Thürin- gen meldet 650 und der Gau 18— Freistaat Hessen, Hessen-Nassau und Waldeck— 605 Beitritte. Unter 600 blieben die Gaue 13(540), 23(525), 12(501). 17(385), 5(381), 10(366), 11(255). 6(230), 4(226), 3(156) und 1(190) Neuaufnahmen. Von einer Anzahl Ortsgruppen liegen die Angaben noch nicht vor: die oben mitgeteilte Zahl von 17 000 dürfte also noch über- schritten werden. Ein Ergebnis, das nur dank einer harmoni- schen Zusammenarbeit aller im Arbeiter-Rad- und Kraftfahrer- bund„Solidarität" Organisierten erzielt werden konnte! Vollcssport Nteulcolhi in Guben Die Leichtathleten des Volkssport Neukölln weilten vor kurzem in Guben bei der Freien Turnerschaft, um Berlin im Wettkampf mit den Lausitzer Vereinen FT. Kuben, Comet Guben, Forst, Weißwasser, Sommerfeld und Spremberg zu vertreten. 300 Leichtathleten rangen um den Erfolg und trotz der vorangegangenen Anstrengungen der Autofahrten, der Hitze des Tages und der Platzverhältnisf« wurden beachtliche Leistungen er- zielt. Im Weitsprung wurde I ö r s Bfpt. Neukölln mit 6,07 Meter Erster. Den 1000-Meter-Laus der Jugend gewann Scharf Bspt. Neukölln in 2:53,0 Min. Im Dreikampf übersprang Schulze Vspt. Neukölln die Latte bei 1,68 Meter. Deutsche Rennfahrer in Belgien. Bai den Radrennen auf der belgischen Bahn Kapellebrug gingen u. a. auch die beiden deutschen Berufsstrahenfahrer Olböter-Nitschke an den Start, die im Mannjchastsomnium hinter den Belgiern Picavet-Odorio den zweiten Platz besetzten. Das 80-Kilometer-Mannschaftsr«nnen ge- wannen Debruycker-Raes in 1: 54:00 mit 11 Punkten vor Picaoet- Oderie und Deloor-Alexander mit je 6 Punkten. Eine Runde zurück folgten Ban Oers-von der Horst mit 11 Punkten vor Olböter- Nitschke mit 4 Punkten. Fußballklub Rot-weiß Neukölln(AISB.) sucht laufend sür 2. Mannschaft Spiele, Sonnabend oder Sonntag, auf eigenem oder auch aus Gegners Platz. Spielangebote sind zu richten an Genossen Willi Berger. Neukölln, Reuterstr. 14. oder Freitag ab 20 Uhr unter? 2 0672._ Butedzsheuc ieUeu uui: Aiichsbannrr-Wasiersportabtcilung, 3ub Köpenick. Mittwoch, 7. September, lO'-i Ufit, Mitgliederoersammlunz im Bootshaus Köpenick. Es wird gebeten, vollzählig und ptinktlich zu erscheinen. Touristenoercin„Die Ratursrcnade". Dienstaq, S. September. Wcdding: Willdenowstr. 5, tzimnier 4.— Humdoldthain: Willdenowstr. 5, Zimmer 13. Eruppcniragcn.— Gesundbrunnen: Pank, Ecke Biiesenstrahe. Gruppcnfraacn. — Norden: Sonnenburger Str.;!0. Freikörperkultur: Uhr, im Restaurant Becker, Potsdam, Lindenstr. 20. Um vollzähliges Erscheinen wird gebeten. jf;" Xlteaier Ltdiispizle mshj ■U.■■■*»% Staats TSteatcr Dienstag, den 6. September itaaisoper unter een linden 19 Uhr Die Watküre staatliches sciiauspiemaus 19 Uhr (Neueinstudierl) Was ihr wollt frirwtnä » Uhr ts. Flora 9434 Handien en. Das berOhmte Dayesma-Baiiett Paul Beettsrs, 3 Suiltts irolmauMr. 70/", I äteinpl(0 1) 6715 Täglich s Uhi „Die fersunkene ojocke" Kassenstunden lägl 10—20 Uhi Mnmm IM- SdilK. Bhl. ia.BN.Stsi. 2.5,1" II. kl Wiiihsii«03; Der liMpiifl Rose■ l Dealer iroli traiüfarter Strati 132 in. Wildni!:' 342 8.30 Uhr Aerzte im Kampf WM fosater Weidendamm 5201 8 Uhr Wonder nm Verdon Dram- Dichtung von Hans Chlumberg iiioli: Kail Hein! Martin. Kassenpreise von 0,50 M. bis IlLu M IUI Kammerspleie Weidendamm 5201 Eröffnung Fnitij. 9. Sept.. B Ohr VranffUhrnna; „Schicksal nach Wunsch" Komäliiv. Christi Winslse Regit: Rudolf Beer tzniinteiliiin. lolu Uilrid:. Jtbannes Biemann,«Ifraä «bei. Ha» örausewetW KanenverKaul von 10 bis 18 Uhr ununterbrochen MUWM Restaumat Berlins Rfscnnrlfrc«vlrksamsinddH UCSUilUCl» Kleinen Aneeißei in der desaml- Aullaxe kj||Jo.l des Vorwärts und troudem'-"•"a' Allen unseren Freunden geben wir hiermit tieferschüttert bekannt, daß der erste Vorsitzende und Gründer unserer Gemeinschaft Herr Staatssekretär I. e. R. Heinrich Schills nach langer, schwerer Krankheit unerwartet am Sonnabend, dem 3. September, einem Herzleiden erlegen iat. Bsutsche Kunztgemeinschaft Der Vorstand Oer ArbeiisausschuD Prof. Aug. Kraus Rechtsanwalt und Notar Werda ' L. Vorsitzender. Syndikus.