Morgenausgabe Nr. 435 A 212 -tS.Zahrgang Wöch-Ntltch 7S Ps, monatlich z, 2» M (davon 87 Pf. monatlich Mr Zustel. lung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug Z.S7 M. einschließlich 80 Pf. Postzeitungs» und 72 Pf. Postbestellge» buhren. Auslandsabonnement s.ss M. pro Monat! für Länder mit ermäßigtem Drucksachenporto».SS M. Bei Ausfall der Lieferung wegen höherer Gewalt besteht kein Anspruch der Abonnenten auf Ersaß. Erscheinungsweise und Anzeigenpreise stehe am Schluß des redaktionellen Teils. Verliner Vottsblatt Donnerstag 15. September 1932 Groß-Äerlin 10 Pf- Auswärts 15 pf. Zentralorgan der Sozialdemokratische«-Kartei Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 ßernspr.: Dönhoff(A 7) 292— 297. Telegranrm-Adi.: Sozialdeinokrat Berlin. Vorwärts-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: BeÄinZ? 536.— BanKonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 8, Dt.B.».DiSe..G«I., Depositen!., Jernsalemer Str. 65/6». Unser Volksbegehren. Der 15. September ruft zum Kampf. Unser Weg. Von S. Aufhäuser. Die deutschen Herolde des Faschismus hatten den sozial Entrechteten und Enterbten ein neues Drittes Reich an- gekündigt. In Wirklichkeit ist auf dem Rücken der Naziwähler Feudalismus und Monopolkapitalismus, das heißt eine in der Gesellschaft fast wurzellos gewordene Schicht, noch einmal zur Staatsmacht emporgestiegen. Die Hitler-Landsknechte mußten erst die Zerschlagung der Demo- kratie und die Lahmlegung des Parlaments herbeiführen, um eine vom Volke unabhängige Regierung in den Sattel heben zu können. Aller Streit um die rechtliche Auslegung der Verfassung, wie er in diesen Tagen zwischen Feudalen und Faschisten tobt, ändert nichts an der geschichtlichen Tatsache, daß Hitler für das Zustandekommen der heutigen Reichsregierung verantwortlich ist und umgekehrt die Förderung der„aufbauwilligen" Razikrafte das Verdienst des Kabinetts papen bleibt. Für die Arbeiter- klasse aber gibt es hier kein kleineres Uebel. Sie befindet sich gegenüber zwei Diklaturmethoden im Stadium des verschärften Klassenkampfes. Die Zuspitzung der ökonomischen und sozialen Verhält- nisse wird durch die Verordnungen der Reichsregierung vom 4. und 5. September gekennzeichnet. Der 15. Septem- ber, an dem der v er k ü n d e t e L o h n a b b a u be- ginnen soll, ist ein schwarzer Tag der Re- p ub l i k. Nachdem die üblichen Heilungsmittel des Kapita- lismus zur Ueberwindung von Krisen nicht mehr wirken, wird versucht, durch ein gewagtes Experiment die zusammen- gebrochenen privaten Betriebe mit Steuergeschenken und- Lohnabbau noch einmal aufzupumpen. Wiederum werden ge- waltige Kredite der öffentlichen Hand zur weiteren Auf- blähung eines Produktionsapparates gegeben, der heute schon in keinem Verhältnis mehr zum Absatz steht. Der Massenverbrauch aber wird durch den verordneten Lohn- abbau weiter und unerträglich gesenkt. Eine solche weitere Verkümmerung des Binnenmarktes und die von der Reichs- regierung geübte Absperrung in der Handelspolitik können nimmermehr eine Belebung der Wirtschaft bringen. Die ver- hängnisvolle Verordnung birgt vielmehr die Gefahr in sich, daß selbst bei einem Anziehen der Weltkonjunktur der An- schluß Deutschlands an die wirtschaftliche Besserung ver- paßt wird. Wirtschaftlich ist diese Verordnung nicht zu verstehen. Wohl aber entspricht die vorgenommene Generalofsensive gegen die Arbeiterrechte dem längst gehegten Wunsch der organisierten Unternehmer. Die durch die Weimarer Verfassung gewährleistete Unabdingbarkeit der Tarif- vertrüge wird ausgehöhlt und damit freie Bahn für den Lohnabbau geschaffen. Die von Regierungsseite gefundene künstliche Rechtskon- struktion, daß es auch gegenüber tarifvertraglich vereinbarten Löhnen durch Notverordnung eine„ermäßigte Erfüllungs- pflicht" geben könnte, zeigt bereits die UnHaltbarkeit dieser ganzen Verordnung. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Angestellten werden sich gegen- über diesem Lohnraub mit allen Mitteln zu wehren wissen. Dieser Teil der Verordnung wird aber auch schon an tausend Zweifelsfragen und inneren Widersprüchen scheitern müssen. Es ist bezeichnend für den Kurs der Regierung, daß sie das Prinzip der freien Wirtschaft feiert und gleichzeitig die Freiheit der am kollektiven Lohnvertrag beteiligten Ar- beitnehmer aufheben und zum staatlichen Lohn- diktat übergehen will. Es bleibt auch das Geheimnis der autoritär konservativen Reichsregierung, wie sie es mit den Grundsätzen der Verfassung in Einklang bringen will. auf Grund des Artikels 48 eine Ermächtigung des Reichs- Präsidenten zur grundlegenden Aenderung des gesamten Ar- beitsrechts und der Sozialversicherung herleiten zu wollen. Der von der«ozialdcmokrntie beantragte Volks- entscheid über diesen Teil der Verordnung wird die breite Front aller Arbeiter, Angestellten und Werktätigen gestalten, gegen deren Willen auch keine diktatorische Staatsgewalt bestehen kann. Angesichts der klaren Fragestellung des sozialdemokratischen Volksbegehrens, ob die heute kapitalistisch ausgebeutete Arbeitskraft unter dem Schutz des Staates stehen oder vogel- frei gemacht werden soll, wird weder kommunistische Demagogie, noch faschistische Phraseologie verhindern können, daß auch die Millionen der heute noch irregeleiteten Prole- tarier dem Volksentscheid zum entscheidenden Siege verhelfen werden. Der Aufstieg und der Niedergang der deutschen Arbeits- schutzgesetzgebung war auch für die nichtsozialdemokratische Arbeiterschaft die Bestätigung dafür, daß Demokratie und soziales Recht nicht voneinander zu trennen sind. Die Zurückeroberung der von der Reaktion geraubten sozialen Errungenschaften wird daher mit dem Kampf um die Wiederher st ellung der demo- kratischen Grundrechte aufs engste verbunden sein. Die deutsche Wählerschaft hat es erneut in der Hand, das Instrument des demokratischen Parlaments seinen Feinden wiederum zu entreißen und damit auch den Arbeitern und Angestellten ihre demokratischen Abwehrwaffen gegen die soziale Reaktion zurückzugeben. Darüber hinaus aber be- deuten die kommenden Wahlen eine Heerschau der prole- tarischen Kämpfer, die entschlossen sind, der sozialistischen Aktion für den Umbau der heutigen Wirtschaftsverfassung zum Siege zu verhelfen. Herr von Papen hat in seiner letzten Rundfunkrede in Verbindung mit seinem Wirtschasts- plan folgende Mahnung an die Unternehmer gerichtet: „Mißlingt der Plan der Reichsregierung, über die Privat- Wirtschaft den Organismus der deutschen Wirtschast wieder zu beleben, dann ist das freie Unternehmertum verloren. Dann werden jene Kräfte die Oberhand gewinnen, welche den Gesamt- bereich der Wirtschaft der staatlichen Regelung unterwerfen wollen." Wir halten diesen Plan für verhängnisvoll, und wir wissen, daß das brennende Problem der Arbeitsbeschaffung für die Willionen der Erwerbslosen durch die Regierung un- gelöst bleibt. Wer den Erwerbslosen wieder ausreichend Arbeit geben will, muß bereit sein, eine krisenfeste Wirtschaft aufzubauen. Echte Hilfe für die Erwerbslosen und wirk- samen Widerstand gegen den Oohnraub können nur die Willionen der Werktätigen selbst erringen, indem sie sich auf das sozialdemokratische Aktionsprogramm eines kon- ftruktiven Gegenwartssozialismus vereinigen und dafür ihre ganze organisatorische Kraft einsehen. Reichskagswahl und Volksentscheid müssen zur sozialdemokratischen Wobilmachung der Waffen werden. 5Gham gegen ReaKtion und Hot die grofie unüderwindliche Front der Arbeit und ihr seid treü Partei und Einstimmiger Beschluß der Reichsta, Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion be- endete ihre zweitägige Erörterung der politischen Lage. Der letzte Punkt galt der Besprechung der Aktion der Reichsregierung in der Wehrfrage. Dazu wurde einstimmig folgende Erklärung an- genommen: „Die Sozialdemokratie hat für Deutschland stets die volle Gleichberechtigung aus dem Boden der allge- meinen Abrüstung gefordert. Die ehemaligen Gegner Deutschlands sind ihrer Verpflichtung aus dem Versailler Vertrag und dem Völkerbundspakt bisher nicht nachgekommen. Die einseitigen Bestimmungen des Versailler ver- träges sind von uns immer bekämpft worden. Wir protestieren gegen die Politik der kapitalistischen Regierungen, die immer wieder einen entscheidenden Fortschritt in der Abrüstung verhindern. Die Reichsregierung hält nun den Zeitpunkt für gekommen, für Deutschland die Freiheit zur Ausgestaltung seiner Wehrmacht zu beanspruchen. Die Sicherheit der Völker kann aber mit den Mitteln der militärischen Rüstung nicht erreicht werden. Znsbesondere gilt dies für Deutschland angesichts seiner geographischen Lage und der mili- tärischen und wirtschaftlichen Kräfte der anderen Länder. Die Sozialdemokratie hält deshalb die wehrpolitische Aktion der Reichsregierung für verfehlt. Diese Aktion birgt die Gefahr in sich, daß sie den anderen den Vorwand zu einem uferlosen Wettrüsten gibt, das am meisten die Sicherheit Deutschlands gefährden und die Völker in eine Katastrophe führen mühte. Rur eine Außenpolitik, die aus die Verständigung der Völker aus dem Boden allgemeiner Gleichberechtigung, aus die Erhaltung des Friedens und die internationale Abrüstung gerichtet ist, bürgt für die wirkliche Sicherheit. Bereits in den auf dem Magdeburger Parteitag ISZg beschlossenen Richtlinien hat die Sozialdemokratie eindeutig erklärt: Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ver- wirft den Krieg als Mittel der Politik. Als Mitglied der Sozialistischen Arbeiterinter- nationale kämpft die Sozialdemokratische Partei Teutschlands für die vollständige Abrüstung durch internationale Abkommen. Tie Abrüstung wird nur dann dem Frieden dienen, wenn sie nicht eine einseitige Verpflichtung ist, die den Besiegten des Weltkrieges durch die Sieger auferlegt Wehrfrage. sfrakiion.— Kampfrede Breitscheids. wird. Rur zwischen gleichberechtigten Nationen ist dauernder Friede zu erreichen. Zeder Schritt im Sinne der deutschen Rüstungsnole, wie sie insbesondere durch zahlreiche Erklärungen des Reichswehrminister» von Schleicher erläutert worden ist, birgt die Gesahr in sich, Deutschland in politische Zsolierung zu führen, die Welt gegen Deutschtand zusammenzuschweihen und das versailler Diktat zu verewigen. Die schlimmsten Folgen drohen der deutschen Wirtschaft und der deut- schen Arbeiterklasse. Dah die Reichsregierung in der größten wirtschaftlichen Krise und der sozialen Verelendung, des Lohnabbaues und der Zerstörung der sozialen Einrichtungen mit kostspieligen Rüstungsplänen Heroortritt, fordert den entschiedensten Widerstand heraus. Abgesehen von dieser grundsätzlichen sachlichen Ablehnung widerspricht die Fraktion den Plänen der Regierung auch schon deshalb, weil sie unter Ausschaltung des Parlaments und der öffentlichen Kritik durchgeführt werden sollen. Die sozialdemokratische Reichstagssraktion protestiert mit aller Entschiedenheit gegen jede Entsessetung nationalistischer und mili- taristischec Instinkte in allen Ländern, da sie darin eine Bedrohung der Freiheit der Arbeilerschast und eine Gefährdung des Weltsriedens erblickt." Oer Vorsitzende der Fraktion, Genosse Vreitscheid, faßte das Ergebnis der Aussprache dahin zusammen, daß die Ver- Handlungen zwar taktische Meinungsverschiedenheiten gezeigt, aber niemals die Grundsätze der Partei verletzt haben. Die Aussprache ist stets in durchaus kameradschaftlicher Weise erfolgt, und das gilt nicht nur für die letzten Tage, sondern für sämtliche Beratungen der Fraktion des neuen Reichstags. Wir haben dadurch eine Platt- form für die Kämpfe geschaffen, vor denen wir stehen. Im Mittel- punkt dieser Auseinandersetzungen wird— wie wir bestimmt voraussehen— der Wahlkampf stehen. Wir erwarten mit aller Bestimmtheit, daß die Reichsregierung nicht von der Verfassung ab- weichen, und daß sie in der verfassungsmäßigen Frist den Wahl- termin ansetzen wird. Reben den Kampf um den neuen Reichstag haben wir unseren Kamps für das Volksbegehren gestellt. Welche Formen auch diese Kämpfe annehmen werden, ob sie aus parlamentarischer Basis oder außerhalb des Parlaments geführt werden müssen, wir sind zu diesen Kämpfen bereit, wix ftnd zu ihnen gerüstet! Wir haben diesen Kampf gegen drei Fronten zu führen: gegen die monarchistisch-junkerlich-kapitaiistischc Re- aktion der Papen-Regierung. gegen die durch erheuchelte Verfassungstreue schlecht verhüllten faschistischen und terroristischen Absichten der Nationalsozialisten. gegen die Kommunisten, deren antidemokratische Parolen in ihrer Gefährlichkeit nie stärker in die Er- scheinung getreten sind als jetzt. Niemand von unseren Anhängern wird in diesem Kampfe versagen, wir werden alle unsere ganze Kraft einsetzen, um unsere Gegner zu schlagen! Unsere Aufgabe besteht jetzt nicht darin, über das Vergangene zu reden, sondern wir müssen sehen, was ist, und wir müssen erkennen, was sein soll. Gewiß kann man heute über manches klüger reden, was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber welche Taktik wir immer eingeschlagen haben, immer waren unsere Absichten unserer Partei und der gesamten Arbeiterbewe- gung zu dienen. Wir haben Severing über die Vorgänge in Preußen gehört? wir wissen, daß das Preußen vom 20. Juli nicht mehr dasselbe war, was es vor den Wahlen gewesen ist. Wir sind davon überzeugt, daß unsere Genossen in der preußischen Regie- rung nicht anders handeln tonnten, als sie im Interesse der Ar- beiterklasse gehandelt haben. Die Gegner, die uns Mangel an Mut vorgeworfen haben, und vor allem die Nationalsozialisten hätten gerade in diesen Tagen zeigen können, was sie unter Mut ver- stehen. Und was haben wir erlebt? Ein klägliches Schwanken des nationalsozialistischen Reichstagspräsidenten. Im Anfange die stärksten Worte und nachher immer neues Zurückweichen. Die Würde und die Rechte des Reichstags sind durch die Regierung verletzt worden, aber durch das Verhalten der Nationalsozialisten und ihres Präsidenten konnten sie wahrhaftig nicht wiederhergestellt werden. Wir brauchen nicht mehr viel Worte zu machen. Wir stellen die positiven Ziele unserer Bewegung auf: .Kampf für die demokratische Verfassung, für die Rechte des» Volkes. Wiederherstellung der sozialpolitischen Gesetzgebung. Tie«ozialisierungsfordernngen, für die wir im Reichstag und außerhalb des Parlaments kämpfen werden. Wir ziehen in die Schlacht mit der Parole Sozialismus und Demokratie! Wir sind auf uns selbst gestellt. Als Sozialisten haben wir die histo- rische Mission, die Demokratie wiederherzustellen und den Sozialismus zu verwirklichen. Und wir werden den .Kampf führen im Zeichen der drei Pfeile: Aktivität. Disziplin. Einigkeit! Mit einem begeistert aufgenommenen dreifachen Freiheit? bekräftigte die Fraktion den Willen» im .Kampf für Freiheit und Sozialismus nicht eher zu ruhen» bis der Sieg errungen ist? Subventionierte Regierungspresse? Ounfle Andeutungen See! Neichstagsprasidenten Göring. Zu Beginn der gestrigen Sitzung des Ueberwochungsausschusses ergriff der Reichstagspräsident Göring das Wort zu einer Er- klärung, in der er u. a. auch behauptete, von der„s u b o e n t i o- niertenRegierungzpresse'zu Unrecht angegriffen worden zu sein. Daraufhin mekdete sich der Deutschnationale Schmidt-' Hannover zum Wort, um sestzustellen. daß der Reichstagspräsident in amtlicher Eigenschast von einer„subventionierten Regierungs- presse" gesprochen Hab«, ohne zu sagen, wen er damit meine. Ironisch fragte Herr Schmidt, ob damit am End«—— der „53 o r tv ö r t s"(!!) gemeint sei, der ja den Reichstagspräsidenten schärfer angegriffen habe als irgendein anderes Blatt. Göring blieb die Antwort schuldig. An seiner Stelle sprang Goebbels auf und keifte giftgeschwollen zu Schmidt-Hannover hinüber:„Die subventioniert« Regierungspress«— das ist die Presse, die keine Leser hat und noch vor drei Monaten für den schwarz- braunen Block Propaganda gemacht hat". Offenbar handelt es sich also um ein Blatt, das früher den Nazis sehr große Dienste geleistet hat. Aber man muß schon sagen: Für einen Reichsragspräsidenten ist es ein starkes Stück, von einer»subventionierten Rcgievungspresse" zu reden, auf die Frage aber, wer damit gemeint sei, die Antwort zu verweigern! Mlitarisierung derLugendpfiege. Das„s�eichsfuratonum für Iugendertüchtigung". Die schon seit langem von der Regierung gehegten Pläne zur Vereinheitlichung der Jugendausbildung haben nunmehr durch eine 55 e r o r d n u n g des Reichspräsidenten ihre Verwirklichung erfahren. Der Reichspräsident setzt durch diese Verordnung ein„Reichs- kuratorium für Jugend ertüchtigung" ein, an dessen Spitze der Reichsinnenminister steht und zu dessen geschäftssührenden Präsidenten der General der Infanterie Edwin von Stülp. »agel(nicht der Mitarbeiter der„Berliner Börsen-Zettung', sondern der frühere Kommandeur des Dresdener Wehrkreises) er- nannt worden ist. Das Reichskuratorium soll eine Zusammenfassung aller auf beruflicher, konfessioneller und politischer Grundlage stehen- der Jugendoerbände darftellen. Ee wird sich vor allem die Heran- bildung geeigneter Lehrkräfte angelegen sein lassen und dafür Sorge tragen, daß insbesondere Leibesübungen, Sport und Turnen, in erster Linie aber der Geländesport(Wanderungen und Geländespiele) geübt werden. Zlus der Person des Geschäftsführers und der speziellen Aufgabe, die den Verbänden gestellt wird, ist klar ersichtlich, um was es geht: um eine Militarisierung derJugendpfleg«. Die Maß- nahmen will man im einzelnen im Einvernehmen mit den Innen- ministern der Länder treffen und es mag möglich sein, daß so bei der 'Ausführung des Planes sich mancherlei weitere Aufklärungen über die Absichten der Regierung erzielen lassen, von denen einstweilen nur das ersichtlich ist. daß abgesehen von den kommunistischen Ver- bänden alle vorhandenen Verbände herangezogen werden sollen. Eine Auflösung einzelner Verbände oder ein Eingreifen in ihre sonstigen Aufgaben und Zielsetzungen scheint nicht geplant zu sein. Zur Bestreitung der Unkosten soll die Summ« von IX Millionen dienen, die in den Reichshaushalt bereits für diese Zwecke eingestellt worden ist. Sie werden der Behörde zur Verfügung stehen, sollen aber nicht etwa schlüsselmäßig oder in sonstiger Form an die»er- bände verteilt werden. Oienst am Hörer. Die jeweilige Parteizugehörigkeit des Herrn Reichsrundfunk- Kommissars Scholz wird künftig in den Tagesprogrammen der Fnnk-Stunde bekanntg»g«ben.(Aus dem»Uli-.) Ende der Pressefreiheit! Die Unterdrückung nimmt immer schärfere Formen an. Der Polizerpräsident läßt amtlich e r l i n e r V o l k s z e i t u n g" für sie | melden, daß die „Berliner V ö l k s z e i t u n g" für sieben Tage verboten ist. Ueber die Gründe läßt er folgendes mitteilen: In Rr. 437 der„Berliner Volkszeitung" vom 14. September 1932 wird auf der zweiten Seite ein Artikel„Auflösung ohne Rechtsgrundlage" gebracht, in dem ein angebliches Gut- achten des Staatsrechtslehrers Prof. Rawiafky besprochen wird. Es wird hier dem Herrn Reichspräsidenten und der Reicheregierung der schwere Vorwurf des Verfassungsbruchs ge- macht. Die Ausführungen enthalten daher eine Beschimpfung und böswillige Verächtlichmachung des Reickspröfiden- ten im Sinne des 8 6 Absatz 1 Ziffer 2 a. a. O. Das Verbot ist hiernach gerechtfertigt. Durch eine amtliche Entgegnung oder Ver- Warnung kann der erstrebte Zweck nicht erreicht werden. Eine Wiedergabe der beanstandeten Stelle bei einer etwaigen Bcröffent- lichung der Verbotsverfügung würde zu einem erneuten Verbot der Zeitung führen. Zu dieser Erklärung des Herrn Welcher ist zu be- merken, daß es sich nicht um ein„angebliches" Gutachten, sondern um ein wirkliches handelt. Sein Verfasser ist der hochangesehene Münchener Staatsrechtslehrer N a w i a s k y, der bisher als einer der kompetentesten Beurteiler staats- rechtlicher Fragen gegolten hat. Das Gutachten ist im„Baye- rischen Kurier" erschienen, der natürlich nicht verboten ist, da Bayern bisher noch von keinem Reichskommissar verwaltet wird. Professor Nawiasty soll den Reichspräsidenten beschimpft und böswillig verächtlich gemacht haben, weil er gegen ihn den Vorwurf des Verfassungsbruchs erhoben hätte. Unsere Leser wissen, daß das Reichsgericht noch vor einem Jahre den Vorwurf des Verfassungsbruchs nicht als schlecht- hin ehrverletzend betrachtet hat, daß es aber jetzt— Fall des „Vorwärts" vom 2S. August-- in diesem Vorwurf eine Beschimpfung und böswillige Verächtlichmachung erblickt. Nun ist aber in dem beanstandeten Artikel das Wort..Verfassungsbruch" überhaupt nicht zu finden! Es ist vielmehr nur von einem„unzweideutigen Widerspruch mit dem Geiste der Verfassung" und von einer„Verletzung der Reichsversassuna" die Rede, und diese Vorwürfe werden mit keinem Wort aus den Reichs- Präsidenten bezogen, sie richten sich ganz eindeutig gegen dos . Reichskabinett. Aber auch diesem wird keine vorsätzliche Verletzung der Verfassung vorgeworfen: die Frage, ob diese Verletzung nicht etwa bloß Folge eines Rechtsirrtums ist, bleibt völlig offen. Die Behauptung des Polizeipräsidenken. es fei gegen den Reichspräsidenten der Vorwurf des Verfassungsbruchs er- hoben worden, entspricht nicht den Tatsachen. Tatsache aber ist, daß im reichskommissarisch oerwalteten Preußen keine Zeitung mehr das Berhältnis gewisser Re- gierungshandlungen zur Verfassung erörtern kann, ohne sich der Gefahr eines Verbots auszusetzen. Die Volksvertretung wird zum Verschwinden gebracht, weil sie die Aufhebung einer Notverordnung verlangt, und die Presse wird verboten, wenn sie über die verfassungsmäßige Zulässigkeit eines solchen Verfahrens Ueberlegungen anstellt! Das ist der gegebene Zustand! Es geht über die An- kündigung der Regierunaspresse, wonach„gegen Zeitungen, die der Regierung Verfassungsbruch vorwerfen, mit den ent- sprechenden Mitteln vorgegangen werden soll", weit hinaus. Es ist ein Zustand, von dem wir nicht glauben, daß ein Kulturvolk ihn lange ertragen kann! Hindenburg läßt antworten... Sein Siaaissekretär beaustragt, Entfcheidung mitzuteilen. Das ausführliche Schreiben des Reichstagspräsi- denten an dxn Reichspräsidenten ist durch den— Staatssekretär des Reichspräsidenten mit folgendem Briefe ganz kurz beantwortet worden: Sehr geehrter Herr Reichstagspräsident! Der Herr Reichspräsident hat mich beaustragt, Ihnen den Empfang Ihres Schreibens vom 13. September 1932 zu bestätigen. Unter Hinweis auf sein gestern an Sie gerichtetes persönliche» Schreiben läßt Ihnen der Herr Reichspräsident mitteilen, daß die nach Uebergabe der Auflösungsverordnung vom Reichstag noch gefaßten Beschlüsse verfassungswidrig und somit gegen» st a n d s l o s sind. Der Herr Reichspräsident beabsichtigt daher nicht, au» diesen Leschtüssen Folgerungen zu ziehen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung hjp ich Ihr sehr ergebener gez. Dr. Meißner. Di« plötzliche Verfassungstreue Dörings ist höchst ver- dächtig. Aber damit ist nicht gesagt, daß die unmittelbaren Berater Hindenburgs mit ihrer Auslegung der Verfassung im Reckte seien. Die Entscheidung über die Regierung Papen, oie im aufgelösten Reichstag noch nicht den IS. Teil der Abgeordneten hinter sich hatte, wird bei den Wahlen und dem Volksentscheid gefällt, nicht in den Amts- stuben von heute.__ Lleberwachungsausschich. Sie Rechtfertigungsversuche der Regierung nicht anerkannt Die Sitzung des Ueberwochungsausschusses des Reichstags, die ursprünglich lediglich zu dem Briefwechsel zwischen dem Reichstagspcäsidenten Göring sowie der Reichsregierung und dem Reichspräsidenten Stellung nehmen sollte, wurde durch die kommunistisch-nationalsozialistische Mehrheit zu Beschlüssen benutzt. denen die übrigen Parteien die Gefolgschaft versagten. Die Rechtfertigungsversuch« der Reichsregierung wegen ihres Nichterscheinens vor dem Reichstag wurden von dem Ausschuß nicht anerkannt. Lediglich gegen die Stimmen der Deutschnatio- nalen wurde folgender Antrag des Zentrums onge- nommen: „Der Ausschuß hält daran fest, daß das Nichterscheinen des Herrn Reichskanzlers und des Herrn Reichsinnenministers vor dem Ausschuß gegen den klaren Wortlaut und den klaren Sinn des Artikels 33 Abs. 1 Reichs- Verfassung verstößt. Die Reichsregierung hat die Ab- sttmmung des Reichstags über das Mißtrauensvotum nicht anerkannt, sie ist nicht zurückgetreten, amtiert vielmehr uneinqe- schränkt weiter. Bon dieser Tatsache ausgehend, hat der Aus- schuß das Erscheinen des Reichskanzlers und des Reichsinnenministers oerlangt. Bei dieser Sachlage hatten die Mitglieder der Reichsregierung die unbedingte Pflicht, vor dem Ausschuß auf dessen Verlangen zu erscheinen. Dieser Pflicht kann sich die Reichsregierung wirtsam nicht entziehen durch Berufung auf eine juristische Meinung, die sie eingestandenermaßen ablehnt und tatsächlich nicht beachtet." Abtransport Rothes ins Zuchthaus. Sein Abschiedsgruß: Freiheit' Im Laufe des heutigen Vormittags erfolgt der Ab- transport des von der Tolr-.Kammer des Tondergerichts Berlin zu fllnf Iahren Zuchthaus verurteilten Reichs- bannerkameraden Genossen Max Rothe vom Unter- suchungsgefängnis Moabit ins Zuchthaus Luckau. Gestern abend war sein Verteidiger, Rechtsanwalt Joachim, mit ihm zusammen. Max Rothe sagte beim Ab- schied, daß er sich nicht kleinkriegen lassen werde. Aufrecht und im Bewußtsein seiner U n s ch u ld endete er die Unterredung, die sich auch mit den weiteren Schritten zur Einleitung des Wiederauf- nahmeverfahrens befaßte, mit einem kräftigen„Frei» heit!" Da der Ueberwachungsausschuh nach Artikel 35 der Reichsver- fassung das Recht eines Untersuchungsausschusses besitzt, stellte der Abg. Pfleger(Bayer. Vp.) den Antrag, der Aus- schuß solle die Vorgänge in der Reichstagssitzung vom 12. September untersuchen. Dazu gab Abg. Marum(Eoz.) folgende Erklärung ab: „Für die Entscheidung der Frage, ob die Abstimmungen des Reichstags vom 12. September 1932 staatsrechtlich wirksam sind. ist die Klärung der Vorgänge in der Sitzung belanglos, well von allen Sellen anerkannt ist und feststeht, daß der Reichstag vor Beendigung der Abstimmung bereits rechtswirksam aus- gelöst war. Die sozialdemokratische Fraktion hält aus diesem Grunde den Antrag aus Beweiserhebung über die Vorgänge In der Reichstagssihung vom 12. September 1332 für über- .s l s-I l.g.... �. Dem schloß sich der Abg. Wegmann(Z.) an. Nachdem dann sowohl die Nationalsozialisten al, auch die Kommunisten erklärt hatten, daß sie an ihrer ursprünglichen Sachdarstellung festhalten, zog der Abg. Pfleger(B. Vp.) seinen Antrag zurück, da fest- stehe, daß die Mehrheit des Ausschusses nicht die Prüfung der tat- sächlichen Vorgänge wolle und nicht die Absicht habe, sich nach den Ergebnissen der Prüfung zu richten. Der Antrag wurde jedoch sowohl von den Kommunisten als auch von den National- s o z i a l i st e n aufgenommen und von ihnen allein beschlossen. Die Abstimmung über einen Antrag der Kommunisten, der sich gegen den Reichspräsidenten von Hindenburg richtete, vertagte der Vorsitzende, um vorher zu prüfen, ob er verfassungsrechtlich zu- lässig sei. Der Termin der nächsten Sitzung wird noch festgestellt. Um übrigen zeigte der verlaus der Sitzung das zunehmende Zusammenspiel zwischen Rationalsozialisten und Kommunisten, die im Ausschuß über eine Mehrheil verfügen, um Ihre besonderen parleitaktischen Absichten zu verfolgen. Es ist selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie diesen Absichten in keiner Meise Gesolgschast leistet, sondern sich lediglich von der Absicht leiten läßt, die Verfassung und die Rechte de» Parlament» zu wahren. Gerechte Strafe. Sin Nachwort zum Fall Ouesterberg. Der Fall Duesterberg bedeutet für den Stahlhelm eine gerechte Strafe. Man wird immer mit dem gestraft, womit man gesündigt hat! Am 24. Juli 1927 erschien in der„S t a n d a r t e", einem Organ der Stahlhelmer. eine Briefkastennotiz über den Genossen Albert Grzesinski, die den folgenden Wortlaut hatte: „Sie dürfen den preußischen Innenminister Grzesinski nicht als zugewanderten Ostjuden oder Pollacken beschimpfen. Er ist nach unseren Ermittlungen ein Sohn der unverehelichten Tochter des Ratsdieners Ehlert in Treptow a. d. Tol., die damals bei dem Kaufmann Cohn in Stellung war. Erst mehrere Jahre später hat seine Multer den Schnitter Grzesinski geheiratet. Es dürfte danach anzunehmen sein, daß der jetzige preußische Innen- minister kein polnisches Blut in den Adern hat. Auch Grzesinskis Großvater war Soldat und hat die Kriege 1864, 1866 und 1870, wenn auch nicht als General, so doch als bevorzugter Soldat mitgemacht. Das hat die„Standarte", da» Organ der Stahlhelmer, nicht veranlaßt, davon abzusehen, in perfider Weise Grzesinskis Mutter versteckt zu beleidigen und ihn als Judenstämmling hinzustellen. Tatsache ist, daß von dieser Notiz die Hetze gegen Grzesinski ihren Anfang genommen hat, mit der Behauptung, er sei Halbjude und sein Vater sei der Kaufmann Cohn in Treptow a. d. Tol. Ganz abgesehen davon, daß diese Annahme, wie inzwischen in verschiedenen Prozessen festgestellt worden ist, erstunken und erlogen ist, war man damals im Organ des Herrn Duesterberg und wo es sich um den politischen Gegner gehandelt hat, nicht so«rklärungs- bereit wie jetzt bei Duesterbergs Großvater und bei Herrn Duester- berg selbst. herriot fährt nach Madrid. H« r r i o t wird einer Einladung der spanischen Regierung Folge leisten und dem Präsidenten der Republik, Zamora, einen Besuch abstatten. Das Datum der Resse ist noch nicht festgesetzt. Alte Tierfabel. Der SZl.-Haje und der Stahlhelm Swinegel hatten einst einen Vettlaus nach einem fernen Sessel verabredet. Wer gewann, sollte Diktator im Tierreich werden. Der Hase lief, als ginge es ums Leben. Der schlaue Swinegel aber halte vorher seine Zrau aus den Sessel geseht, die in gleicher Uniform von ihm nicht zu unterscheiden war. Als der Hase atemlos ankam. da sah der Swinegel bequem im Sessel und lachte:„Zck biin oll hier." Da siel der Hase vor Schrecken um und rief:„Das ist ja gegen die Verfassung!" Kinderpistole und Hundepeitsche. Drei Monate Gefängnis für ein Kinderspielzeug. In der Reihe der politischen Urteile notieren wir eine Ent> scheidung des Schöffengerichts Hameln. Vor den Reichstags- wählen hatte in Hameln eine stark besuchte Versammlung der SPD. stattgefunden� bei der die Polizei im Vorraum des Saales die Ver- sammlungsteilnehmer nach Waffen durchsuchte. Es wurde aber nichts gefunden. Rur ein Gemüsehändler R., der beim Eintreten sah, dah eine Wafsendurchsuchung stattfand, gab unaufgesor- d e r t eine sogenannte S ch r e ck s ch u ß p i st o l e ab. Er hätte sich ebenso gut und völlig ungehindert wieder entfernen und das Instrument in seiner nahegelegenen Wohnung ablegen können, was er im Vollgefühl seiner Unschuld unterließ. R. wurde aber wegen verbotenen Waffentragens unter Anklage gestellt. Im Termin war die beschlagnahmte Pistole nicht zur Stelle, obwohl sie sich bei den Akten befinden sollte. Der Beamte, dem R. die Pistole übergeben hatte, sagte aus, daß sie äußerlich einem Browning ähnlich gesehen habe, in Wirklichkeit aber ein harmloses Sinderspielzeug mit Zünd- plättchenbetrieb gewesen sei. Das Gericht erkannte gemäß Antrag des Staatsanwalts gegen N. auf drei Monate Gefängnis, indem es erklärte: Die „Waffe" sei zwar an sich ungefährlich gewesen, aber doch durch ihr Aussehen(!) geeignet. Schrecken und Unruhe zu erregen,(ve- sonders, wenn mau sie in der Tasche trägt!) Zufällig am gleichen Tage hatte das gleiche Schöffengericht gegen einen Nationalsozialisten, den wegen seiner Gewalttätigkeiten bekannten SA.-Mann Kalusche, zu verhandeln. Dieser hatte während einer Münchmeyer-Versammlung im gleichen Vorraum, in dem sich auch die Sache mit der Kinderpistole abgespielt hat, provokatorisch mit einer großen Hundepeitsche in der Hand gestanden. Gegen die Wegnahme dieser Hundepeitsche durch die Polizei leistete Kalusche Widerstand. Vor Gericht behauptete Kalusche, es fei keine Hundepeitsche, sondern eine Reitpeitsche gewesen, er lerne gerade Reiten! Das Gericht glaubte dies willig. Die Polizeibeamten, die ihn entwaffnet hatten, beschimpfte K. vor Gericht in flegelhaftester Weise, ohne daß der Gerichtsvorsitzende eingriff. So sagte er von einem Polizeikommisfar, daß dieser„wie ein wild gewordener Floh herumgesprungen" sei.— In diesem Falle erkannte das Gericht, dah die Reitpeitsche— keine Waffe fei. E.ijk konnte auch nicht, obwohl, offen getragen,„Schrecken und Unruhe erregen", wie die in der Tasche getragene Schreckschuß- pistote. Nur wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt erhielt Kalusche— 80 Mark Geldstrafe! Die Regierung Pape» und der Reichskommissar Bracht sind sehr empfindlich, wenn an den Urteilen der Justiz Kritik geübt wird. Wir haben das auch gar nicht nötig, denn jeder, der diese beiden vom gleichen Gericht und am selben Tage gefällten Urteile liest, kann und wird sich ohne jede Anleitung das Not» wendige dazu denken. Theorie des Staatsstreiches. Parteien- verfassungswidrig. Die Verfassungskonflikts im Zusammenhang mit der Reichstagsauflösung hoben eine Fülle staatsrechtlicher Deduktionen hervorgerufen. Unter diesen Deduktionen be- findet sich eine von ganz besonderem Kaliber, die aus folgen- der Meldung des Conti-Büros hervorgeht: „Reichstagsprästdent G ö r i n g verwahrt sich in seinem zweiten Briefe an den Herrn Reichspräsidenten vom 13. September dagegen, daß die Reichsregierung die Parteien nicht als vollgültige Repräsentanten des deutschen Volkes anerkenne. Er behauptet,„daß die Organisation des politischen Lebens verfassungsgemaß parteimäßig ihren Ausdruck findet" und daß„die politische Willensbildung der Nation sich verfassungsmäßig nur durch Par- teien dokumentieren" könne. Eine Reichsregierung, die die politischen Parteien ausschalte oder vernichte, handele gegen Geist und Sinn der deutschen Reichsversassung." In informierten Kreisen stellt man demgegenüber fest, daß diese Behauptung in krassem Widerspruch zu Wortlaut und Sinn der Reichsverfassung steht. Die Verfassung kennt nicht nur keine Parteien, sondern verurteilt sogar im Art. 130 deren Einfluß auf die Staatsgeschäfte(„Die Beamten sind Diener der Gesamtheit, nicht einer Partei"). Vor allem aber bestimmt Art. 21, daß„die Ab- geordneten Vertreter des ganzen Volkes, nur ihrem Gewissen unter- werfen und an Aufträge nicht gebunden sind". Abgeordnete, die diesem Grundgesetz nicht entsprechen, sondern sich den Befehlen ver- fassungsmähig nicht verantwortlicher Parteiführer unterstellen, sind also nicht Vertreter des ganzen Volkes und handeln gegen die Ver- fassung. Parteien oder Parteikoalilionen, die sich als selbständige Herr- schaflsgebilde zwischen Regierung und Volk einschalten, find verfassungswidrig. Ein Reichstag, der in fest organisierte Parteien aufgespalten ist. kann daher nicht den Anspruch erheben, legaler und einheitlicher Repräsentant des Volkswillens im Sinne der Verfassung zu sein. Cr vermag nur, der Regierung gegenüber den verschiedenen ein» ander bekämpfenden Willensrichtungen im Volke Ausdruck zu geben. Verfassungsmäßiger Vertreter des ganzen Volkes ist jedoch der Reichspräsident, der sich überdies durch seinen besonderen Ver» fossungseid zum Dienst an der Gesamtheit des Volkes ausdrücklich verpflichtet hat: während die Unverantwortlichkeit der parte!» gebundenen Abgeordneten schon darin in Erscheinung tritt, daß diese keinen derartigen Eid leisten." Diese Rabulistik anonymer Verfassungsfeinde liefert ge- wissermaßen eine Theorie des Staatsstreichs. Ein Reichstag ist nur„legal", wenn er keine Parteien kennt, so lautet diese Theorie. Gibt es in der ganzen Welt ein Parlament ohne Par- teien? Ist historisch und staatsrechtlich Parlament und Partei- wesen zu trennen? Die Verfassung von Weimar nennt die Parteien nicht, aber sie wäre ohne die Voraussetzung von Parteien unsinnig gewesen. Das verfassungsmäßig verankerte Verhältniswahl» recht ist ohne Parteien sinnlos und nicht durchführbar. Diese„informierten Kreise" verfolgen das Ziel. zu beweisen, daß der Reichstag eigentlich ein Fremdkörper in der Verfassung sei, sie verfolgen mit einem Worte das Ziel des Staatsstreichs. Wer find diese„informierten Kreise"? GA.-provokaiionen vor Eondergerichi. 13 Angeklagte in Breslau. Sreslao, 14. September.(Etgenbericht.) vor dem hiesigen Sondergericht begann am Mittwoch der Prozeß gegen 13 Angeklagte, die sich am 10. Zuli, dem Tage der blutigen Zusammenstöße in Ohlau, des Landfriedens- bruchs, des Aufruhrs, der Sörperverlehung, des Verstoßes gegen das Schuhwossengejeh sowie des Widerstandes gegen die Staatsgewalt bei einem Zusammenstoß zwischen Reichsbannerleuten und Kommunisten auf der einen Seite und Rat'onalsozlalistcn auf der anderen Seile in Santh schuldig gemacht haben. Die Angeklag- tea gehören nur zum Teil der Eisernen Front an. vier bekennen sich zur Rationalsozialistischen Partei, einige sind Kommunisten und Parteilose. Am Sonntag, dem 10. Juli, nachmittags 6 Uhr, passierte ein Zug von Demonstranten auf Rädern und Wagen die Stadt Kanth. Er kam von Gmschwitz, wo ein Roter Tag stattgefunden hatte, und wollte sich nach Rackschütz begeben. In der Nähe des Kanther Postamts standen an einem Eiswagen etwa 15 bis 20 Na- tionalfozialisten. Nach der übereinstimmenden Aussage der Angeklagten beider Parteien hatte der Führer des Zuges gerufen: »Nicht provozieren, weiterfahren!" Als schon ein Teil des Zuges die Gruppe der Nationalsozialisten passiert hatte, kam es zum Zusammenstoß. Sofort erhob sich eine wilde Schießerei. Die Verhandlung soll ergeben, ob auch von feiten der Demonstranten geschossen worden ist. Fest steht jedenfalls, daß der Führer der Kanther SA., der sich unter den Ange- klagten befindet, mit einem Revolver mehrere Schüsse abge- g e b e n h a t. In das Arnoldsche Haus, in das sich die National- sozialisten zurückgezogen hatten, drangen Angehörige des Zuges ein. Auch wurden die flüchtenden SA.-L«ute durch die Stadt ver- folgt: es gab auf beiden Seiten Verwundete. Der Reichsbanner- mann Erdmann Tilke erhielt einen Bauchschuß, an dessen Folgen er starb. Zu der Verhandlung, die unter dem Vorsitz des Land- gerichtsdirektors Kempf vor dem Breslauer Sondergericht statt- findet, sind 38 Zeugen geladen. Die Verhandlungsdauer ist auf drei Tage festgesetzt._ Neuwahlen in Hessen. SPD. beantragt Auflösung des Hessischen Landtags. Darmstadl, 14. September. Die sozialdemokratische Fraktion hat im Landtag folgenden Antrag eingebracht: Der Landtag wolle beschließen: Für den Fall einer Reichstagsneuwahl ist der S. Hessische Landtag gemäß Art. 24 der hessischen Verfassung auszulösen. Die Neuwahlen zum Heffischen Landtag sollen zusammen mit den Reichstagswahlen stattfinden. Ferner, wird beantragt, den Landtag alsbald einzu- berufen, um eine Entscheidung über den Antrag herbeizuführen. Henri Guilbeaux, der 1919 in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde und sich nun der Justiz gestellt hat. bestritt bei seiner Ver- nehmung, daß er Frankreicks Interessen abträglich« Anstel im Auslände oerösisntlichl habe und gab seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß er aus oer Schweiz aus Verlangen Clemenceaus ausgewiesen worden sei und betonte zum Schtutz. daß er sich künstig lediglich seinen literarischen Arbeiten widmen wolle. Interalliierter Zahlungsplan? Ziestzahlung von eimr Milliarde an Amerika Tie amerikanische Hearstpresse läßt sich auS London melden, daß„europäische Sachverständige" gegenwärtig damit beschäftigt seien, einen Plan für die „Ablösung der interalliierten Kriegs- schulden" auszuarbeiten. Ter Plan soll sich eng an die in Lausanne vereinbarte Lösung der Reparationsfrage anlehnen. Aehnlich wie in Lausanne eine einmalige deutsche Schlußzahlung vereinbart wurde, die durch eine internationale Anleihe aufgebracht werden soll, wollen die europäischen Länder ihre Kriegsschulden an die Per- einigten Staaten durch eine Schlußzahlung von einer Milliarde Dollar lgegenüber einer Schuldsumme von 11 Milliarden Dollar) ablösen und den Ablösungsbetrag durch eine internationale Anleihe aufbringen. » Zur Beurteilung dieser Meldung muß man beachten, daß die Hearstpresse den Charakter einer ausgesprochenen Sensationspresse trägt. Die Meldung ist auch ganz unbestimmt. Es geht aus ihr nicht hervor, wer die„europäischen Sachverständigen" sind und wer sie beauftragt hat. Andererseits ist seit dem Boung-Plan eine innige Verquickung der interalliierten Zahlungen mit den Repara- tionen eingetreten, die zu einem wichtigen und nicht leicht zu be- seitigenden weltpolitischen Faktor geworden ist. Diese Verbindung wurde ja saktijch auch von Amerika durch das Hoover-Iahr an- erkannt und man könnte es daher verstehen, daß den Schuldnern Amerikas daran gelegen ist, die Regelung, die sie mit Deutschland vereinbart haben, gegenüber Amerika auszuwerten. Abzuwarten ist vor allem, wie sich die amerikanische Oefsentlichkeit zu diesem Versuchsballon der Hearstpresse stellt. Nazi-Mordpest in Oesterreich. Schießerei in Wiener-Tleustadt. Wien, 14. September.(Eigenbericht.) 3n der österreichischen Industriestadt Wiener- Neustadl haben sich in der Nacht zum Mittwoch blutige Zusammeu- stöße zwischen sozialdemokratischen Arbeitern und hakenkreuzlern zugetragen. Drei Nationalsozialisten und zwei Arbeiter wurden schwer verletzt. Die hakenkreuzler hatten Trupps ousgesandt, um sozialdemokratische Plakate von den wänden zu reißen. Einige Arbr'.kar stellten einen solchen Trupp zur Rede. Die Hakenkreuzler begannen sofort eine wüste Schießerei gegen die Arbeiter, die dann auch geschossen haben sollen. Die niederöfierreichische Landesregierung beabfichkizk für ganz Niederösterreich ein allgemeines Aufmarsch- und ver- sammlungsverbot zu erlassen, um weiteren Zusammen- stötzen die Möglichkeil zu nehmen. Ein Schießaufruf des Wiener Gauleiters. Wien, 14. September, Der Gauleiter der Nationalsozialistischen Partei, Frauen- feld, hat einen Aufruf erlassen, in dem es u. a. heißt:„Wir proklamieren hiermit die Pflicht der Notwehr! Kein Parteiangehöriger darf einen Gegner angreifen. Diez würde seinen Ausschluß aus der Bewegung noch sich ziehen(!). Selbst aber angegriffen, hat er sich rücksichtslos zur Wehr zu setzen, sonst ist er nicht wert,«in Nationalsozialist zu sein. Auch die Gefahr einer Freiheitsstrafe bei U e b e r f ch r e i t u n g der Notwehr wiegt gering gegen die Gefahr, sein Leben zu verlieren oder zum Krüppel zu werden. Lieber einige Monate eingesperrt als ein Krüppel zu sein." Moratorium in Rumänien. Begleitmusik zur Strefakonferenz. Bukarest, 14. September.(Eigenbericht.) Die seit Jahren heftig umkämpfte Frage der En t s ch u l d u n g der Landwirtschaft, die die letzte Regierung Jorga durch das berüchtigte Umschuldungsgesetz zu lösen versuchte, das jedoch den Protest der rumänischen Gläubigermächte hervorrief, hat plötzlich eine unerwartete Wendung genommen. Im Einvernehmen mit dem zur Zeit in Bukarest weilenden Finanzsachverständigen des Völker- bundes hat die Regierung dem Parlament eine dringliche Vorlage zugehen lassen, die die Erklärung eines Moratoriums von 1H Jahren für alle landwirtschaftlichen Gläubiger vorsieht. Während dieser Zeit sollen Gläubiger und Schuldner oersuchen, zu einer gütlichen Einigung über ihr Schulden- Verhältnis zu gelangen. Das lH jährige Moratorium wird weiterhin auch allen jenen Banken zugute kommen, deren Portefeuilles min- bestens 40 Proz. landwirtschaftliche Wechsel aufweist. Das in Kraft befindliche und viel umstritten« landwirtschaftliche Umschuldungsgesetz wird eine radikale Abänderung erfahren. Im übrigen aber wird seine Anwendung während der Dauer des Moratoriums, also 1)4 Jahre, außer Kraft gesetzt. Bei den Mehrheitsverhältnissen im Parlament ist die Annahme der Regierungsvorlage gesichert. Die Budapester Polizei hat von 200 demonstrierenden Kom- nninisten 48 verhaftet: ein Bäckerzchilfe erhielt aus einem Polizei- reuolver einen Bauchschuß, vorher soll dem Schutzmann der Säbel entrissen worden sein.— Wirtschastsverbändler, die vor den aus- känd-ffchen Sachverständigen demonstrieren wollten, wurden mit G-umnri knüppeln ausemandergeschlagea. Die neue Gtaatsfuhrung. Stellungnahme des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes. Der Bundesausschuß des Allgemeinen Deut- schen Beamtenbundes befaßte sich in seiner Tagung vom 14. September in einem Referat von Reichstagsabgeordneten Dr. V ö l t e r mit der politischen, wirtschaftlichen und insbesondere der beamtenpolitischen Lage. Nach eingehender Aussprache wurde einstimmig eine Entschließung angenommen, in i)>er es heißt: „Angesichts der Vorwegnahme von Steuererträgnissen künftiger Jahre, angesichts der Verringerung der Steuereinnahmen durch fortgesetzte Schrumpfung der Kaufkraft ist eine Verschärfung der Finanznot der öffentlichen Körperschaften, insbesondere der Länder und Gemeinden, zu befürchten, die in der Vergangenheit zum Anlaß für Kürzungen der Beamtengehälter und Abbau der Beamtenrechte genommen wurde. Eine weitere Senkung des Lohnniveaus würde diese Gefahr noch verstärken. Der Kampf um die Erhaltung des Berufsbeamtenlums, der gleichbedeutend ist mit dem Kampfe um den Schutz seiner ma- teriellen Lage und seiner sozialen Rechte, kann mit Erfolg nur ge- führt werden, wenn die übrige Arbeitnehmerschaft den ihr auf- gezwungenen Kampf erfolgreich besteht. Das Interesse an der eige- nen Cxistenzerhaltung zwingt daher die Beamten an die Seite der kämpfenden Arbeitnehmer und muß sie veranlassen, in Solidarität und Opserwilligkeit alle ihre Kräfte einzusetzen, um in gemeinsamer Front mit Arbeitern und Angestellten auf dem Boden der Demokratie politisch und gewerkschaftlich die bevor- stehenden schweren Kämpfe durchzuführen." In einer weitere Entschließung zur Verordnung des Reichs- kommissars für Preußen zur Reform der Verwaltung heißt es: „Die Verordnung enthält keine genügenden Rechtsgarantien für die Versorgung und die anderweitige Unterbringung der von den Maßnahmen betroffenen Beamten. Die weitgehenden Befug- nisse, die den Aufsichts- und Beschlußbehörden gegenüber den Ge- meinden gegeben werden, bringen insbesondere den Gemeinde- beamten ernste Gesahren. Der Bundesausschuß der ADB. legt gegen dieses Vorgehen des Reichskommissars nachdrücklichst Ver- Währung ein." Zur Personalpolitik wurde schließlich eine Resolution angenommen, in der es heißt:„Die jahrelang gegen die sogenannten „Parteibuchbeamten" betriebene unwahrhaftige Agitation hat mit dem politischen Kurswechsel im Reich und in Preußen zu einer Personalpolitik geführt, die sich ausgesprochen gegen die republikanische Beamtenschaft richtet. Wenn auch politische Beamte jederzeit ohne Angabe von Gründen in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden können, so haben doch die bisherigen Regierungen von diesem Recht nur gegen Beamte Gebrauch gemacht, die die Republik bekämpft oder den Weisungen der Regierung Widerstand geleistet haben. Im Gegensatz zu dieser Praxis hm der Reichskommissar für Preußen ohne jeden ersichtlichen Grund zahlreiche republiktreue Staatsflink- tionäre aus maßgebenden Stellungen ohne Rückfichi auf ihre aner kannte und bewährte Qualifikation entfernt. Ferner wird durch Versetzung vieler nicht politischer Beamter von wichtigen, insbesondere von personalpolitisch bedeutsamen, ans weniger ein- flußreiche Posten, eine politisch einseitig« Zusammensetzung des Be- amtenkörpers in den leitenden Stellen angestrebt. Disziplinarmaß- nahmen und Einleitung von Untersuchungen gegen pflichttreue Be- amte führen zur Einschüchterung, öffnen dem Denunzianten- und Angebertum Tür und Tor und untergraben das Vertrauen zu un- parteiischer Staatsführung auf dem Gebiete der Personalpolitik.... Der Bundesausschuß protestiert gegen diese Perfonalpolitik. Den geschädigten und gefährdeten Kollegen gibt er namens aller frei- gewerkschaftlich organisierten Beamten die Zusicherung, daß der ADB. im Kampfe um die Wahrling ihrer Rechte nicht nochlassen wird." Des weiteren beschäftigte sich der Bundesausschuß nach einem Referat des Vorstandsmitgliedes Kunze mit der Aktivierung der freigewerkschaftlichen Agitation und der Aufklärungsarbeit in der Beamtenschaft. Tagung des IGÄ. .heute und morgen tagt in Berlin der Vorstand des Internatio- »alen Gewerkschaftsbundes. Er wird sich in der Hauptsache mit der nächsten Internationalen Arbeitskonserenz und auch mit der Sonder- konferenz befassen, die auf Antrag Italiens einberufen wird, um zur Fünftagewoche Stellung zu nehmen. Weiter wird der Vorstand des JGB. eine Anzahl wichtiger Fragen innerorganisatorischer Natur beraten. Lotieriespiel statt planwirtschast. Griesers Prophezeiungen. Im„heimatdienst" erscheint ein, Aufsatz von Staatssekretär Dr. G r i e s e r über den„sozialen Zweck im neuen Wirtschaftsplan der Reichsregierung". Dr. Grieser beschästigt sich darin mit der Vermehrung der Arbeitsgelegenheit. Der neue Arbeitsplan, meint Grieser, wird 1% Millionen Arbeitslosen das Tor zur Betriebsstätte öffnen und damit sogleich zwei Millionen Frauen und Kindern von solchen Arbeitslosen helfen, es sei denn. daß unerwartet widrige Umstände dazwischentreten. Es würde die Oeffentlichkeit gewaltig interessieren, Kenntnis von den rechnerischen Grundlagen zu bekommen, aus denen sich die Beschäftigung von 1%, Millionen Arbeitslosen aufbaut. Aber der Nachsatz,„es fei denn, daß unerwartet widrige U m st ä n d e eintreten", zeigt sehr deutlich, wie wacklig diese Grundlagen sind. Die Rechnung der Reichsregierung ist in Wirk- lichkeit eine Neuauflage der bekannten Milchmädchenrechnung. Wieviel bescheidener war doch die Ankündigung Stegerwalds bei Einleitung des Lohnabbaus! Er sprach von SOOOllO Neueinstellungen. Statt dessen schwoll die Arbeitslosigkeit weiter an. Es bestanden eben„unerwartet widrige Umstände", die im kapitalisti- schen System begriindet sind und durch den Lohnabbau verschärft wurden. Die jetzige Reichsregierung erhöht die Planlosigkeit des kapitalistischen Systems, die zwangsläufig zu Krisen führt. Durch Prämien, Steuergeschenke und Lohndruck wird ein Anreiz zur Gründung neuer Unternehmungen und zur Erweiterung des übersetzten Produktionsapparats gegeben, während gleichzeitig der zu stark gedrosselte Verbrauch durch den Lohnabbau noch weiter gedrosselt wird. Das stärkste Stück ist wohl die blinde Zuversicht, mit der Milliarden in den Abgrund der Krise gbworfen werden. Vielleicht, sagt man sich, gibt es„widrige Umstände", vielleicht haben wir Glück. Das ist nicht Staatsführung, das ist Lotteriespiel. Wer freilich heute noch an das kapitalistische System glaubt, ja, ihm zu einer Wiedergeburt verHelsen will, der muß notwendig an Wunder glauben. Solange die Produktion nicht planmäßig nach wissenschaftlichen Grundsätzen geregelt ist, sind alle Versuche, die Wirtschast mit Anreizmitteln zum Profit anzukurbeln, im besten Falle eine Aufpeitschung der Nerven, da ein um so stärkerer Verfall folgen muß. Der„soziale Zweck" in der Praxis. „Wohlfahrtsstaat" für Unternehmer. Die Romantik Griesers wird durch folgende Feststellung, die wir dem„Deutschen" entnehmen, beleuchtet: Eine Lederfirma stellte nach dem IS. August etwa 8 0 jung? Mädchen von 14 bis IS Iahren ein. Sie hatte bisher 40 Stunden gearbeitet und hat nun die Arbeitszeit auf 37,5 Stunden herabgesetzt, was einer Lohnsenkung von 10 Prozent gleichkommt. Die Firma beabsichtigt, weitere 4 0 Leute einzustellen, und zwar wiederum in der Hauptsache billige Arbeitskräste, Mädchen, die einen Stundenlohn von höchstens 20 Pf. bekommen. Diese Arbeiterinnen verdienen also im Vierteljahr insgesamt 97, S0 M., die Firma bekommt vom Reich pro Arbeiterin 100 M.!! Die Mädchen, die eingestellt wurden und werden, sind keine Unter st ützungsempfängerinnen, die öffentliche Hand wird also in gar keiner Weise dadurch entlastet. Er- reicht wird nur, daß der Unternehmer seine Arbeiterinnen durch den Staat restlos bezahlt bekommt! Wenn nun diese Firma erreicht, daß auch noch die Tarif- löhne um IS Prozent gesenkt werden, wie es der Arbeit- geberverband für sie bei den Gewerkschaften beantragt hat, so wird die ganze beteiligte Arbeiterschaft um weitere IS Prozent Lohn ge- bracht, und die Firma hat dann im Vierteljahr nur 82,88 Mark Lohn an die neu eingestellten Arbeiterinnen zu entrichten, während sie vom Staat 100 M. bekommt!!„Wohlfahrts- ftaat", aber nur für Arbeitgeber. Erfolgreicher Abwehrstreik. Solidarität ist stärker als Willkür. Der Streik in der Buchdruckern von H. S. Hermann in der Beuthftraße ist gestern durch eine Vereinbarung zwischen dem Betriebsrat und der Firmenlcitung nach eintägiger Dauer bei- gelegt worden. Die Belegschaft hat infolge ihrer Einmütig- k e i t einen für die gegenwärtige Zett beachtenswerten Er- folg erzielt, nämlich die diktatorische Herabsetzung der übertarif- lichen Löhne um Z0 Prozent verhindert. Von der Firmenleitung war in der vorigen Woche an den Be- triebsrat das Ansinnen gestellt worden, wegen eines Abbaues der übertariflichen Löhne mit der Gesamtbelegschaft zu oerhandeln. Das lehnte der Betriebsrat im Auftrage aller Beschäftigten ab. Die Firma verlangte daraufhin von 12 Mann der Belegschaft die Ein- willigung in einen Abbau ihrer vor einiger Zeit schon einmal reduzierten übertariflichen Löhne um 30 Prozent. Als die 12 Ar- beiter das Verlangen der Firma zurückwiesen, wurde ihnen ihr Arbeitsverhältnis zum Freitag dieser Woche gekündigt. Die Gesamtbelegschaft in Stärke von rund 600 Mann erklärte sich sofort mit den Gekündigten solidarisch und legte in muster- gülliger Geschlossenheit am Dienstagmittag die Arbeit nieder. Am Mittwoch kam unter Mitwirkung der beiderseitigen Tariforgani- sationen zwischen dem Betriebsrat und der Firma eine Verein- b a r u n g zustande, wonach die Firma sich zur Zurücknahme der 12 Kündigungen und zu Verhandlungen mit dem Be- triebsrat über eine eventuelle Neuregelung der übertariflichen Verdienste verpflichtet. Dieses Verhandlungsergebnis ist von der Belegschaft mit großer Mehrheit angenommen worden, worauf gestern mittag geschlossen die Arbeitsaufnahme erfolgte. Die vorbildliche Disziplin und Solidarität der Arbeiterschaft der Firma H. S. Hermann dürfte der Firmen- leitung gezeigt haben, daß es auch unter dem„neuen System" noch nicht so weit ist, daß man einer gut organisierten Arbeiterschaft die Löhne einfach diktteren kann. Diese Erfahrung werden in der nächsten Zeit noch viele Unternehmer machen, die die Zeit der schrankenlosen Willkürherrschaft des Unternehmertums schon so nahe wähnen. Verhandlungen im Gchiffahrisstreik. Die Reeder lassen mit sich reden. Amsterdam, 14. September. Nach der 14tägigen Streikdauer in der niederländischen Handels- schiffahrt sind jetzt zwischen der Organisation der Reedereien und der Streikleitungen Besprechungen über eine Beilegung des Konflikts im Gange. In diesem Konflikt suchten die Unternehmer die Seemanns- o r d n u n g gegen den Streik der Seeleute als Kampfmittel zu gebrauchen. Die von der Auslandsfahrt zurückkommenden Schiffe wurden nach nichtholländischen Häfen bugsiert, um die Mannschaft zum Antritt der neuen Fahrt zu zwingen, und sie so daran zu hindern, im Heimathafen abzumustern und mit in den Streik zu treten. Die Weigerung der Mannschaften, derart mit sich spielen zu lassen, wurde als straffällige„Gehorsamsverweigerung" ausgelegt. Zur Niederringung des Streiks hat es nicht gereicht. M!!'n i M II I M l-t-t-t-M-|-t-te�:t-l I i I FCf-rT-T-7�E3 W Die SPD.-Fraktioa der arbeitslosen Buchdrucker ladet alle Partei, M und Eiserne-Front-Mitglieder zu einer am Freitag, 13Nj Uhr, statt- D findenden Versammlung in die„BUrgerbräu-Quellc", Sandel- Ecke W Neue Grünstraste, ein. In Anbetracht der wirtschaftlichen Lage ist es Pflicht eines jeden, piinktlich zu erscheinen. Der Fraltionsoorstand. t�reie Gewerkschafts-Iuqenö Berlin Heute, Donnerstag, 13. September, 19�. Uhr, tagen die Gruppen: Südosten: Jugendheim Reichenberger Str."66. Huntes und Heiteres aus der Literatur.— Tempelhof: Jugendheim, Lyzeum Germaniaftr. 4—6. Der Zugang erfolgt durch den Eingang Götzstraße, auf der hinteren Seite der Schule. Zehn Jahre Schutzpolizei.— Moabit: Jugendheim Lehrter Str. 18— 19. Moderner Strafvollzug.— Staaken: Jugendheim der 17. Volksschule, Gartenstadt, Kirchplatz. Endhaltestelle Autobus 31. Fahrtenerlebnisse mit Bildern.— Schönhauser Tor: Jugendheim Tieckstr. 18. Entwicklung der Gewerkschaften.— Schlesisches Tor: Jugendheim Manteuffelstr. 7. Brettspielabcnd.— Landsberger Platz: Iuaendheim Diestelmeyerstr. 5. Die lustige Schallplatte.— Das lustige Buch.— Lichtenberg: Jugendheim Dossestr. 22. Tagespolitische Fragen.— Neu- Lichtenbcrg: Jugendheim Gunterstr. 44. Wir sehen und staunen.— Gewerk- schaftshaus: Jugendheim Engelufer 24— 23, Saal 11. Vom Zunftgesellen zum freien Arbeiter.— Gesundbrunnen: Jugendheim Rote Schule. Gotenburger Straße 2. Sexuelle Fragen.— Osten: Jugendheim Frankfurter Allee 367, Löns- Jimmer. Ein lustiger Abend.— Köpenick: Jugendheim Grünauer Str. 3(Nähe Bahnhof Spindlersfeld). Gewerkschaftliche Taktik.— Südtreis: Kreisabspielen im Volkspark Neukölln, kleine Wiese, ab 19 Uhr.— Iugendqruppe des Ber- dandes der Nahrungsmittel, und Getränkearbeiter: Jugendheim Neue Schön- hauser Str. 4—3, großer Sitzungssaal. Die Einheitsfront der Arbeiterschaft.— Iugcndgruppe des Deutschen Textilarbeitcr-Verbandes: Jugendheim Engel- ufer 24—23, Aufgang B, 3 Treppen. Schallplattenabend. §)uqendqruppe des Zentralverbandes der Angestellten Heute, Donnerstag, finden folgende Veranstaltungen statt: Narben: Jugendheim Lortzingstr, 19, Vortrag: Ncisccindriicke aus Spanien.— Osten: Jugendheim der Schule Litauer Str, 13. Abend eigener Ausgestaltung: Sozialismus, das Schreckgespenst fstr den biederen Bürger,— Treptow: Jugendheim Elsenstr. 3 sPrivathaus), Vortrag: Die Lage im Fernen Osten: Japan und China.— Die Freie Angestelltenbanl e. G. m. b.' 19'� bis 22 Uhr im Verbandshaus. platz Tiergarten. H. tagt heute von Spiele im Freien: Ab 18 Uhr Sport» Der„Vorwärts" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. die Abendausgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel„Der Abend". Illustrierte Sonntagsbeilage„Voll und Zeit". Anzeigenpreise: Die e i n sp a l t. Millimeterzeile Zv Pf., Reklamezeile 2.— M, „fileine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 20 Pf.(zulässig zwei fettgedruckte Worte) jedes weitere Wort w Pf. Rabalt laut Tarif. Worte Uber is Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Millimeterzeile 2S Pf. Familienanzeigen Millimeter- zeile ls Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 8"/, bis 17 Uhr. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht ge- nehmer Anzeigen vor! Verantwortlich für Politik: Vietor Schisf; Wirtschaft: in Katharina Ii JheateriWestens bis 25. Septemb. I täglich SlU Uhr 1 Stgs. 4 U. SV« U. 1 Richard Tauber Dreimäderl- haus metropoi-itieater Täglich SV. Uhr Srifji Massary Eine Fran, die weiß, was sie will! Lessing-Titeaier Tägl 8V* Uhr Grete Mosheim Oskar Homolka in Pygmalion Demsciier meiailarbeiter-miid Adiiuntz! funHIlomtrc I Freitag, den IS. Sepien, ber, abends 7 Uhr, in den Germania-Prachtfälen, Chausseestrahe 110 VersommlunS aller Funhlionäre des DflV. der OrlsverwaUund Berlin Tagesordnung: Die Notoerordnung und die Stellung- nähme der Berliner Metallardeiter dazu. Mitgliedsbuch und Funktionärausweis sind vorzuzeigen. Adlluug! Venvallnngsmltgliederl Freitag, den 16. September, findet aus Anlaß der Funktionär- konferenz keine Sitzung der Mittleren Ortsoerwaltung statt. Die Ortsverwalhmg, Resfamant Berlins BETRIEB KEMPINSKlil? >«•»•••••» Ibis 18 MONATSRATEN |LeipzigerStkl22-l?SI ••••••••— Nr. 435* 49. Jahrgang Beilage des Vorwärts Oonneröiag, 45. September 4932 Dahlien und Herbstblumen. Die gro�e Blumenschau der Gartenbaugesellschaft eröffnet. 3n den Ausstellungsräumen Unter den Linden 70 zeigt die Deutsche Gartenbaugesellschaft bis zum 18. September ihre diesjährige herbstblumenschau. Millen aus dem groh- städtischen Verkehrsgetriebe tritt man in einen prächtigen, viel- sorbigen vlülenhain,— ein Garten Eden hat sich in dem wilden Hasten und Treiben nach Arbeit, nach Brot ausgetan. Die Aussteller haben auch in diesem Jahre wieder außerordent- lich schöne Erfolge ihres gärtnerischen Schaffens erzielt. Wieviel Mühe, Kosten und Geduld Zucht und Pflege dieser farbenschönen Blumenkinder erfordert, davon kann sich der Laie gar keinen Begriff machen. Einen kleinen Einblick in dies arbeitsreiche Gebiet ver- mittelt die Erzählung eines Berliner Dahlien-Groß- Züchters, der etwa 200 Sorten verschiedener Dahlien zeigt.„Es gibt beinahe schon eine richtige Dahlienmode", erzählt er,„und unter den etwa 5000 Dahlienarten befinden sich immer besondere Spitzen- leistungen. Um überhaupt konkurrenzfähig bleiben zu können, muß man naturgemäß schon ganz Besonderes züchten." Ebenso mühsam gestaltet sich der Z ü ch t u n g s p r o z e ß bei den Dahlien. Der Blütenstaub der einen Pflanze wird auf die andere übertragen und ehe das neue Blühen beginnt, werden die Blumen, um sie vor Insekten zu schützen, zugebunden. Man züchtet natürlich nicht 10 oder 100 Pflanzen, zu richtigen Züchtungsversuchen bedarf es schon eines Morgen Landes, auf dem 20 000 bis 30 000 Pflanzen stehen. In 3 Iahren ist man soweit, von seinen Zuchtexemplaren das Beste heraussuchen zu können. Da paart man eine besonders gutgewachsene Pflanze mit einer anderen, deren Wuchs schwächer, deren Blütenkopf aber dafür wieder schöner ist und es entstehen aus diesen Versuchen prächtige Exemplare. Mit der schlichtgewachsenen Dahlie will man heute schon gar nichts mehr zu tun haben, da müssen die Blätter, wie bei der schwefelgelben und weißen Kaktus- oder Hirschhorndahlie, hirschhornartig gekrümmt sein oder die Blüte zeigt scharf abgegrenzte Farbentöne wie bei der Zonen- oder Kokardendahlie, einem englischen Zuchtprodukt! sie geht vom satten Orange ins tiefe Rot über, als Verbindung zeigen die Blüten- blätter einen dunklen Streifen. Die Halskrausendahlie trägt ihren Kopf hoch, sie hat einen Kragen nach Maria Stuart. In herrlichen Farbtönen von Lachs und Gelblich schillert die belgische Nagels-Triomph und des Züchters Freude sind die färben- wandelnden Dahlien, die ursprünglich beispielsweise orange- färben blühen, im nächsten Jahre aber plötzlich rosa Blütenköpfe zeigen. Daraus ergibt sich dann gleich wieder Gelegenheit, die neu« Farbe weiterzuzüchten. Prachwoll und pompös wirken die amerika- nischen Riesen-Hybriden mit ihren breiten Blütenblättern, fast orchideenhast zart und verschnörkelt sind die Blüten der Stern- oder Orchideendahlie! dann gibt es wieder Blüten, die sich der Chrysantheme nähern, die schöne Riesen-Kriemhilde mit kralligen Blättern, gestreifte, gesprenkelte, getupfte und zartirrisierende Blumen ergänzen den Reigen der herbstlichen Blütenpracht. Daneben sieht man Blattpflanzen und Schnittblumen, einen ganzen Hain aus schneeweihen, doldenhast gewachsenen Freiland- Hortensien, ein Zwerg-Obstbäumchen, das mit seinen 4 Iahren 4 überdimensionale Peasgoods-Goldreinetten(je 1 Pfund schwer) schleppt und ein kleines Birnbäumchen, das büschelartig wachsende Prachtbirnen trägt. Eine Edeldahlie in lilarosa Oer Lleberfall auf Wölsel. Das Gericht geht über die Anträge des Etaatsanwatts hinaus Das Schöffengericht Berlin-Mitte hat gestern nach- mittag die Verhandlung zu Ende geführt, in der über den gemeinen Ueberfall abgeurteilt wurde, dem der technische Leiter des Reichsbanners Kreis Lsten, Genosse Max Wülfel, am 12. Iuh in der Ehausfeestrafie auf dem Gang zur Arbeit zum Lpfer gefallen ist. Vei allen drei Angeklagten ist das Gericht in seinem Urteil über den Antrag des Vertreters der Staatsanwaltschaft hinaus- gegangen: der Angeklagte Kring wurde wegen unbe- fugten Waffenbesitzes und gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr neun Monaten Gefängnis, der Angeklagte Lähn wegen gemein- schaftlicher gefährlicher Körperverletzung und versuchter Nötigung zu einem Jahr drei Monaten Ge- f ä n g n i s, der Angeklagte V e st m a n n wegen gemein- fchaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Gegen alle drei An- geklagte wurde der Haftbefehlaufrechterhalten, weil wegen der Höhe der erkannten Strafen Fluchtver- dacht vorliegt. Das Gericht hat sich in der Beweisführung in allen Teilen den Aussagen des Zeugen Max Wölsel und der übrigen unparteiischen Augenzeugen angeschlossen. Es hat in erfreulicher, von den Ge- pilogcnheiten anderer Gerichte abweichender Weise die parteipolitischer Beeinflussung unterliegende, märchenhafte Aussage der Zeugin aus der nationalsozialistischen Frauenschaft beiseite geschoben. Nach der Ueberzeugung des Gerichts sind alle drei Angeklagten der ge- meinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung an Wölsel schuldig, den nach dem klaren Ergebnis der Ber- Handlung im Gegensatz zu den verlogenen Berichten der national- sozialistischen Presse auch nicht der Schatten eines Makels trifft. In dem Wegnehmen der Waffe des Genosien Wölfel, der sich in Rot- wehr befand, sieht das Gericht unbefugten Waffenbesitz. Von einer Notwehr der Nationalsozialisten, von der der Angeklagte Kring spreche, könne absolut keine Rede sein. Weiter habe sich der An- geklagte Lähn einer versuchten Nötigung schuldig gemacht, als er sich mit den Worten:„her mit dem Ding!" an dem Drei-Pfeile-Abzeichen des Zeugen Wölfel vergreisen wollte. Die höhe der Strafe habe sich, so schloß der Vorsitzende, aus der besonderen Verwerflichkeit und Ge- fährlichkeit der Tat ergeben, bei der ein Mensch schweren körperlichen Schaden erlitten habe. Als Wölsel am Stock die Freitreppe des Kriminalgerichts her- unterhumpelte, wurde er von zahlreichen Reichsbannerkameraden mit stürmischen„Freiheit"-Ruf«n empfangen. Die Kinderlähmung in Berlin. Herbsttermine für Pockenimpfung aufgehoben. Die Gesamtzahl der seit dem 1. Januar d.?. in Berlin zur Meldung gelangten Fälle von Kinderlähmung beträgt nach einer Mitteilung des Städtischen Bachrichtenamles z u r Z e i t S 7. 3m Einvernehmen mit dem Polizeipräsidenten hat der Oberbürgermeister angeordnet, daß mit Rücksicht auf die Kinderlöhmungssälle die Herbsttermine für die Impfung gegen Pocken ausgehoben werden, um Massenansammlungen von Kleinkindern zu verhüten. Kommunistische Geheimdruckerei geschlossen. Der Polizeipräsident teilt mit: Der politischen Polizei gelang es im Lause des heutigen Tages, eine kommunistische G e- h e i m d r u ck e r e i, in der ein Ersatzblatt für die„Rote Fahne" hergestellt wird, auszuheben. Dabei wurden mehr als Sg 000 bereits fertiggestellte Exemplare der„Roten Sturmfahne" beschlagnahmt. Sieben Personen wurden noch bei der Druckarbeit von den Beamten überrascht, festgenommen und der Abteilung I einge- liefert. Einer der Festgenommenen versuchte sich seiner Einlieferung dadurch zu entziehen, daß er beim Transport aus dem in voller Fahrt befindlichen Personenkraftwagen heraussprang und fortlief. Den Beamten gelang es, den Flüchtigen wieder einzufangen. so Tote, 80 Verletzte. Zug mit Fremdenlegionären in eine Schlucht gestürzt. Paris, 14. September. Havas meldet aus Cr an: Ein Zug, der 310 Lffi- ziere, Unteroffiziere und Äliannschaften der Fremden- l e g i o n von Bel-Abbes nach Udschda beförderte, ist heute nachmittag in der Gegend von Tlemcen in eine Schlucht gestürzt. Nach den ersten Meldungen sind fünfzig Tote und achtzig Verletzte zu ver- zeichnen. Die Katastrophe soll auf einen durch starke Regengüsse verursachten Vahndammrutsch zurückgehen. Oer Todesschuß auf den Schupo. Oer Name des Täters noch unbekannt Die Personalien des Fahrraddiebes, der gestern mittag in der Mansfelder Straße den Zöjährigen Schupooberwachtmeister Otto T h i ck vom 157. Polizeirevier über den Hausen schoß und sich unmittelbar daraus selbst tötete, konnten trotz aller Bemühungen der Kriminalpolizei bisher nicht ermittelt werden. In den Taschen des Täters wurden keinerlei Papiere gefunden, die über seine Person hätten Aufschluß geben können. In einer Iackettasche entdeckte man dagegen einige Dietriche und mehrere kleine Schlüssel. Hierbei handelt es sich zweifellos um das „Handwerkszeug" des Fahrraddiebes. Ob er noch mehr auf dem Kerbholz hat, wird die weitere Untersuchung ergeben. Es ist übrigens das erstemal, daß in der Geschichte der Berliner Fahrraddiebstähle ein gestellter Verbrecher zur Schußwaffe gegriffen hat. Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß sich der Täter durch Abgabe eines Schreckschusses den Beamten vom Leibe halten und dann flüchten wollte. Unglücklicherweise drang der Schuß aber dem Beamten ins Herz, so»daß er unmittelbar darauf st a r b Ueber den Hergang der Bluttat wird noch folgendes mit- geteilt: Der junge Bursche hatte das Fahrrad am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf gestohlen. Der Besitzer betrat gerade die Straße in dem Augenblick, als sich der Dieb auf das Rad schwang und davonfuhr. Der Bestohlene nahm die Verfolgung des Burschen in einer Autodroschke auf. Unterwegs verständigte der Verfolger einen Schupobeamten— es war Thick—, der sofort in das Auto einstieg und an der Diebesjagd teilnahm. In der Mansfelder Straße war das Auto an den Fahrraddieb heran. Der Bursche sprang jetzt vom Rad, zog eine Pistole und feuerte auf den Schupooberwachtmeister, der im Begriff war, den Wagen zu ver- lassen. In der ersten Verwirrung glaubte der Schütze zu ent- kommen. Dabei lief er jedoch einem zweiten Beamten, der von der anderLN Straßenseite kam, in die Arme.' Mit gezogener Dienstpistole eilte der Schupobeamte auf den Täter zu, ehe er ihn aber erreicht hatte, schoß sich der Verbrecher eine Kugel in die Schläfe. Aus Unvorsichtigkeit erschossen. In Bornim bei Potsdam wurde, wie mitgeteilt, der 24 Jahre alte Arbeiter Walter Meißner in einer Laube in der Nedlitzer Straße 8 von zwei anderen Einwohnern mit einer schweren Schuß- Verletzung in der Brust ausgefunden, an deren Folgen der Ver- mundete kurz nach seiner Einlieferung im städtischen Krankenhaus Potsdam starb. Die Ermittlungen der Potsdamer Kriminalpolizei haben ergeben, daß es sich um einen Unglücksfall infolge un- vorsichtigen Hantierens mit einer Pistole handelt. Der Täter, der den Tot Meißner? verschuldet hat, ist bereits von der Polizei in der Person des 28 Jahre alten Arbeiters Walter Schneemann aus Bornim ermittelt und auf Grund des ihm vorgehaltenen Tat- sachenmaterials zu einem Geständnis gebracht worden. Sch. wollte Meißner in der Handhabung der Waffe unterrichten, wobei ein Schuß losging und M. in die Brust traf. Martyrium zweier Kinder. Kindcrmi�handlungs* Skandal im Osten Berlins. Ein unerhörter Kindermißhandlungsskandal beschäftigt gegenwärtig die Oessenttichkeit. Es werden schwere Beschuldigungen gegen ein Ehepaar h. aus der B l u m e n st r a ß e erhoben, das seine beiden Stiefkinder, den 4 Jahre alten Werner und die dreijährige Gertrud, aufs schwerste mißhandelte. Gegen die Eheleute ist ein S t r a s v e r s a h r e n eingeleitet worden. Die beiden Kinder wurden ins Waisenhaus gebracht. Bei dem Ehemann handelt es sich um einen gegenwärtig arbeitslosen Landarbeiter H. Er wie auch seine Frau brachten in die Ehe ein Kind mit, den kleinen Werner und die dreijährige Gertrud. Hausbewohnern fiel es nun in der letzten Zeit auf, daß beide Kinder ein scheues und verschlossenes Betragen an den Tag legten und viel weinten. Man benachrichtigte den Verein zum Schutze der Kinder, der eine Pflegerin ins Haus schickte, die aber von den Eheleuten barsch abgewiesen wurde. Nunmehr wurde die Polizei benachrichtigt, die ihre weibliche Abteilung mit Nach- forschungen beauftragte. Kriminalbeamtinnen nahmen Ermittlungen auf und stellten dabei fest, daß beide Eltern die Kinder mit Gummischläuchen und Lederriemen unbarmherzig geschlagen hatten. Die Kinder wurden gegen den Bettrand und gegen die Zimmerwände gestoßen. Ein besonderes„Erziehung?- mittel" bei den Eheleuten war es, daß sie die Kinder zwangen, auf den Knien vor ihnen zu liegen und die Hände emporzuhalten. Wenn die Kinder das nicht mehr aushalten konnten und die Arme ihnen erlahmten, erhielten sie von neuem Schläge. Hausbewohner empörten sich maßlos über das Verhalten der grausamen Eltern, wagten aber aus Angst vor dem Ehemann nicht, etwas zu unter- nehmen. Erst als sich jetzt die Polizei um den Fall kümmerte, erfuhr das bedauernswerte Schicksal der beiden Kleinen eine Besserung. Werner und Gertrud wurden den Leuten abgenommen und ins Waisenhaus gebracht. Die kleine Gertrud wies bei der ärztlichen Untersuchung Striemen und blaue und grüne Flecke im Gesicht, aus dem Rücken, an Armen und Füßen auf, auch ihr Brüderchen war über und über mit Striemen bedeckt. Auf der Polizei„entschuldigte" der rohe Vater seine Erziehungs- Methoden mit Nervosität. Gegen die Mutter ist ein Strafoerfohren eingeleitet worden. „Haarglanz" festigt die Frisur! Er macht das Haar straff und elastisch. Infolgedessen läßt es sich noch einmal so leicht frisieren, und die Frisur hält länger.„Haarglanz" erhalten Sie mit jedem weißen Beutel Schwarzkopf-Schaum- pon, dem milden Haarpflegemittel und auch mit dem hochwertigen, kosmetisch wirksamsten Schwarzkopf-Extra. 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Die letzten Spargroschen Die vorjährige Flucht in die Sachwerte und die Folgen. Als am 13. Juli 1931 die Banken und Sparkassen ihre Schalter schlössen, setzte die Flucht in die Sachwerte ein. Aus Furcht vor einer zweiten Inflation rafften viele die letzten Spargroschen zusammen und machten A n g st k ä u f e. Der gesuchteste Artikel in jenen Tagen waren Großmöbel, und wer nicht genug Bargeld zu- sammen bekommen konnte, der übereignete sein Sparkassenbuch dem Warenhaus oder dem Möbelhändler. So sehr dieser kurze Kon- junkturaufschwung besonders den Möbeltischlern zu gönnen war, so bitter sollten die Folgen sein: indem man den letzten Spar- groschen in Sachwerten anlegte, entstand auf längere Sicht gesehen gar kein Mehrabsatz, sondern es war nur eine Vorwegnähme von Kaufkraft zu verzeichnen. Im Juli 1931 hatten sich für Hausrat und Möbel nur die Aufträge ungemein zusammengedrängt, in den folgenden Monaten jedoch war das Ausbleiben der Käufer um so stärker fühlbar. Ueberhaupt ist der Umsatz an Hausrat und Möbeln, über dessen Höhe die deutschen Warenhäuser eine genaue Statistik führen, viel schärfer zurückgegangen als der aller anderen Artikel. Schon das Vorsitzender: August Pattloch. Berlin 71. 65, vurgsdorsstratze 3. Versammlung am Montag, dem 26. September. 16�2 Uhr im Gewerkschaftshaus. Gngelufer 24 20. Stadtkämmerer Genosse Asch spricht über: �Arbeitsbeschaffung und WoHnungswirischast' Alle im Berliner Wohnungswesen tätigen Parteigcnoilen, sowie die Mietervertreter der einzelnen Abteilungen nehmen geschlossen an dieser für die Berliner Mietersunttionäre in Alt- und Neubauwohnungen sehr wichtigen Versammlung teil. Ter HauSbesih will die weniaen Rechte der Mieter beseitigen. Dem muh unsererseits der aeschlossene Wille der Mieter entgegengesetzt werden, der«amps sür ein„Soziales Wohn- und M i« t r e ch t". Das ParteimitgliedSbuch dient zur Kontrolle und ist am Zaaleiugang vorzuzeigen. Jahr 1939 zeigte einen ständigen Abfall der Umsätze, aber dos Jahr 1931 war bereits um 16 Proz. schlechter als 1930. Doch das waren noch beinahe erträgliche Zeiten! Vergleicht man nämlich den dies- und den vorjährigen Julimonat, dann waren in den Abteilungen Hausrat und Möbel die Umsätze 19 3 2 um rund 36 Proz. geringer als 1931! Dabei hält die rückläufige Bewegung der Umsätze noch ständig an. Weder die Umzugstage noch das Weih- nachtsgeschäft bringen einen nennenswerten Aufschwung, so daß die Warenhäuser in ihrem Fachblatt sich keinen Illusionen hingeben. Es heißt da:„Die Tatsache, daß sich die Umsätze in Hausrat und Möbeln schon seit Monaten unter dem Niveau der Gesamtumsätze bewegen, muß beachtet werden. Da fürs erste keinerlei Besserung in Aussicht steht, wird sich diese Tendenz kaum ändern: einstweilen ist mit einer Zunahme der Eheschließungszisfern und damit der Neugründung von Haushaltungen nicht zu rechnen."(29. Aug. 1932.) Nicht einmal die Umsatzzisfern an Lebensmitteln konnten die Warenhäuser halten. Und während in früheren Jahren vom Juni zum Juli als Folge der Saisonschlußverkäufe immer eine mehr oder minder starke Steigerung der Umsätze zu verzeichnen war, ist in diesem Jahr sogar noch ein Rückgang des Umsatzes eingetreten. trotz aller Saisonausverkäufe! Es steht heute fest, daß die großstädtische Bevölkerung ihre letzten Sparreserven aufgezehrt hat. es steht weiter fest, daß bei den heutigen Löhnen und Gehältern die noch in Arbeit Stehenden nur den allernotwendigsten Bedarf befriedigen können, und wenn bis vor einiger Zeit wenigstens die Lebensmittelumsätze einigermaßen auf ihrer früheren Höhe geblieben waren, so beginnen selbst diese jetzt un- aufhaltsam abzusinken. Eine weitere Kürzung der Tariflöhne, wie sie der Papen-Plan vorsieht, muß mit Riesenschritten weiter ins Elend führen. Insgesamt sind die Umsätze der Waren- und Kauf- Häuser im Juli 1932 um 24 Proz. gegenüber dem Juli des Vor- jahres zurückgegangen. Dabei ist der Tiesstand der Umsätze an Be- kleidung geradezu erschreckend, gegenüber dem Jahr 192S betrugen die Umsätze an Bekleidung nur noch 69 Proz. So weiter und kaum jemand hat noch ein Hemd auf dem Leibe! Llm Berlins Bezirke. Magistrat und Bezirksbürgermeister beraten. Seit Bestehen des neuen Berlin-Gesetzes wird in kommunal- politischen Kreisen das Zur und wider einer neuen Bezirkseinteilung für Berlin und die Umgestaltung der Bezirks- Verfassung erörtert. Die weinungen über die Lösung des Problems gehen sehr weil auseinander. Der Oberbürgermeister hat mehrere Gutachten angefordert, unter denen die Arbeiten von Bürgermeister Lange und Stadlrat Dr. Heuer besondere Be- achtung gesunden haben. Der Oberbürgermeister hat zwar erklärt, daß er seinen Dorschlag bereits fertig habe, jedoch vermeidet er es ängstlich, sich in die Karten sehen zu lassen, bevor der Magistrat gesprochen hat. Gestern fand nun im Rathaus eine gemeinsame Sitzung des Magistrats und der Bezirksbürgermeister statt. Zn dieser Beratung wurden in einer Art erster Lesung die ver- schiedenen Möglichkeiten der Reform einer Bezirkseinteilung und Verfassung besprochen. Es handelt sich zunächst nur um einen Meinungsaustausch. Beschlüsse werden nicht gesaht. 93 Zeugen vor dem Gondergericht. Wie ist auf nächtlicher Straße die Erkennungsmöglichkeit? Vor der Ersten Kammer des Sondergerichts Berlin, die unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Stern- heim tagte, wurde gestern ein Landfriedensbruchsversahren verhandelt. das sich gegen sechs Arbeiter richtet, drei von ihnen de» mit einer Mindeststrase von 10 Zahren Zuchthaus bedrohten versuchten Totschlages beschuldigt und zu einem Zeugenaufgebot von nicht weniger als 93 Menschen geführt hat. Am S. September gegen 21 Uhr zogen 5 9 Mann eines S A.- S t u r m s aus Ihrem Lokal in der Hochstraße nach der neuen Sturmkneipe in der Buttmannstraße. Eine große Menschen- meng« sammelle sich an,„Rot Front" wurde gerufen, etwa dreißig Schüsse fielen. Als Schützen sollen von den SA.-Leuten ein 57 Jahre alter Arbeiter B e r g e r, ein gewisser Otto Schlicht und ein Jugendlicher, namens P., erkannt worden fein. Die Angeklagten bestreiten jede Schuld. Sie wollen willkürlich von SA.- Leuten als Schützen bezeichnet worden sein. Ein Angeklagter be- nennt nicht weniger als 49 Zeugen, mit denen er um die fragliche Zeit in einem bürgerlichen Sportklub zusammen war. Aehnlich liegen die Ding« bei den anderen Angeklagten. Bei der Zeugenvernehmung erklärte ein SA.-Mann, einen Angeklagten wiederzuerkennen. Landgerichtsdirektor Stern- heim sagte ihm, daß er gestern zur gleichen Zeit, in der sich die zur Verhandlung stehenden Vorfälle abspielten, in der Hochstraße ge- wesen sei. Dort habe er festgestellt, daß es unmöglich sei, von der einen Seite de» Zahrdammes jemanden zu erkennen, der sich auf der anderen Seite des etwa 69 Meter breiten Zahrdammes befinde. (Im Falle Rothe lehnte das Gericht einen Lokaltermin ab. Der da- mals behandelte Vorfall hatte sich um etwa 1�> Uhr morgens abgespielt. Die Entfernung betrug von der Alten Jakob-, bzw. Holl- mannstraße bis zum Simeonbogen nicht 69, sondern 89 Meter, vom Standpunkt mehrerer Belastungszeugen aus sogar noch mehr!) Wie alle SA.-Leute, blieb der gestern von Landgerichtsdirektor Sternheim wiederholt ermahnte SA.-Zeuge bei seiner Behauptung, den An- geklagten genau erkannt zu haben. Für den Prozeß sind zwei Verhandlungstage in Aussicht ge- nommen. Oer neue Felseneck-prozeß. Wiederaufnahme noch im September. Der nach viermonatiger Verhandlung unter eigenartigen Um- ständen abgebrochene Massenprozeß gegen Kommunisten und Ratio- nalsozialisten wegen der blutigen Vorgänge bei der Kolonie „F e l s e n e ck" im Januar dieses Jahres, bei der zwei Menschen getötet worden waren, wird noch im September vor dem gleich nach den Gerichtsferien zusammentretenden neuen Schwurgericht des Landgerichts III wieder aufgenommen werden. Die Ver- Handlung muß vollständig von Anfang an geführt werden, so daß man wieder mit einer mehrmonatigen Dauer zu rechnen hat. Den Vorsitz des neuen Schwurgerichts führt Landgerichtsdirektor Dr. Böhmert. Die richterlichen Beisitzer des Schwurgerichts find Landgerichtsdirektor. Dr. Krüger und Landrichter Dr. Arndt. Die Anklage wird wieder von Staatsanwaltschaftsrat Dr. Stenig vertreten werden. Nazi-Rummcl Auftakt zu den Dieser Tage spielte sich in der H a s e n h e i d e ein eigenartiges Schauspiel ab: Von allen Seiten marschierten SA.-Trupps an, sammelten sich vor der Neuen K a r n i s o n k i r ch e und zogen dann mit ihren Hakenkreuzsahnen in die Kirche ein. Der Gemeinde- kirchenrat von Neukölln, der bisher allen politischen Parteien die Benutzung seiner Kiräzen verboten hatte, hatte diesmal für die SA.«ine Ausnahme gemacht und die Abhaltung eines Sonder- gottesdienstes für den ermordeten SA.-Mann Thielsch gestattet. Mit dem H i t l e r g r u ß— wie sonst bei politischen Versammlungen— wurde im Innern der Kirche jede einziehende Fahne und ver- schiedene prominente Führer begrüßt. Nachdem 57 Hakenkreuzfahnen vor dem Altar Aufstellung ge- nommen hatten, spielte die Orgel eine Phantasie über das Lied „Morgenrot, Morgenrot". Ein Trauermarsch der SA.-Musil folgte. Noch der Liturgie, in der einigen Anwesenden der Gesang des „Friede auf Erden!" sichtlich schwer wurde, und in der Pfarrer Wenzel aus Neukölln bei der Verlesung der Seligpreisungen die der Friedfertigen vorsorglich wegließ, hielt er die Predigt über das Sonne~ kutt—' körperliche Betätigung und: Kaffee Hag! Ztakeienstari an der Ostsee. Die WinNersche Höhenrakete auf der Frischen Nehrung. Wie aus P i l l a u berichtet wird, ist dort die W i n k l e r s ch e Höhenrakete eingetroffen. Nachdem endgültig die bisher ver- sagte Genehmigung von allen zuständigen Behörden erteilt wurde, erfolgte der Transport von Swinemünde aus durch den„Seedienst Ostpreußen". Mit Hilfe der Hafenbehörden und des Reichswasser- schutzes werden die letzten Vorbereitungen zum Start getroffen. Die Rakete, eins etwa zwei Meter hohe Hülse aus Leichtmetall, deren Antrieb durch flüssigen Sauerstoff erfolgt, wird nun an einem der nächsten windstillen Tage auf der Frischen Nehrung zum Abschuß gebracht. Man erhofft eine Steighöhe von 5999 bis 7999 Metern. Zur Bergung der mit einem Fallschirm aus die Wasserfläche niederfallenden Apparates werden Motorboot« ausge- rüstet. 600 Rassehunde. Im Landesausstellungspark Alt-Moabit waren in der Rasse- Hundausstellung, die vom Deutschen Schäferhundoerband veranstaltet wurde, 699 Rassehunde zu sehen, darunter 2 8 9 deutsche Schäferhunde. Sie haben von ihrer früheren Tätigkeit als Hütehund eine gute Erbmasse und sind daher auch vom Laien bei richtiger Anleitung verhältnismäßig leicht als Schutzhund abzurichten. Kraft und Schönheit verlangt man vom deutschen Schäferhund, hingegen spielt die Farbe bei seiner Zucht keine Rolle. Allzu große Hunde will man auch nicht ziehen, und so wünscht man bei Rüden eine Schulterhöhe von 65 und bei der Hündin eine solche von 63 Zentimeter. Trotz einer der Stadtwohnung angepaßten Erziehung hat man bei deutschen Schäferhunden vielfach den Ver- such gemacht, sie bei der Herde zu verwenden, und diese Stadttiere haben sich alle schnell umgestellt und als Hütehund nicht versagt. Ein Zeichen dafür, daß der deutsche Schäferhund seinen Namen noch zu recht führt. Natürlich waren auf dieser großen Ausstellung auch in der Kirche. Kirchenwahlen. Jesuswort:„Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden. Was wollte ich lieber, denn es brennte schon!" Mit unmiß- verständlicher Betonung arbeitete er immer wieder den einen Ge- danken heraus, daß Jesus, als er von diesem Feuer sprach, grade die innere Glut gemeint habe, die jetzt in den Herzen der SA.-Leute, ihrer Führer und besonders der im Bürgerkrieg gesollenen Käme- raden emporlodere. Mit Genugtuung stellte er fest, daß diese Be- wegung so stark angewachsen sei und schloß mit der Hoffnung, daß ihr Feuer in einer einzigen Flamme über Deutschland zusammen- schlagen möge, um alle. Widerstrebende zu verzehren und den neuen deutschen Menschen und das neue Reich zu schaffen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß der ganze Rummel einen Auftaktzu den bevorstehenden Kirchen- mahlen darstellen sollte, bei denen die Nationalsozialisten bekannt- lich die Absicht haben, die Alleinherrschaft in der evangelischen Kirche an sich zu reißen. Es wird an der Haltung der nichtsaschistischen 5birchenmitglied«r liegen, ob ihnen das gelingt. Wie an anderen Stellen ruft auch in Neukölln der Bund religiöser Sozialiften alle evangelischen Republikaner und Sozialisten zur Gegenwehr auf. Er bittet dringend in letzter Stunde nochmal», daß alle bis zum 17. September ihr« Eintragung in die kirchliche Wählerliste beantragen. Nähere Auskunft sowie Anmelde- formulare sind für Neukölln in der Geschäftsstelle des Bundes, Kranoldstraße 16/17(Telephon Neukölln 5831), erhältlich. alle anderen Rassen vertreten. Ein jeder konnte die schönsten Exem- plare seiner Lieblingsrasse sehen, ganz gleich ob er nun für einen Cocker Spaniel oder für einen Jrish Setter schwärmte. Die Ver- bände legen die sogenannten Rassezeichen fest, noch denen gerichtet wird. So werden beispielsweise die Zwergteckel, die sehr leicht sein müssen, auf einer Babywaags gewogen, während man freilich bei den Bulldoggen, bei denen das Gewicht desgleichen eine Rolle spielt. eine Personenwaage benutzen muß. Noch eine billige Woche im Zoo. Zum Abschluß der Sommersaison veranstaltet der Zoologische Garten in diesen Tagen bis zum 29. d. M. wieder eine billige Woche. Auch die Tierkinderfchau ist während der ganzen Dauer der billigen Woche noch geöffnet, ebenso werden die Konzert« in vollem Umfang aufrechterhalten. Der Eintrittspreis während der billigen Zoo-Woche beträgt, einschließlich des Sonntags, 18. d. M., den ganzen Tag über im Zoo für Erwachsene 75 Pf., sür Kinder bis zu 19 Jahren 25 Pf.: im Aquarium 59 bzw. 25 Pf. Stadlbibliothek bis 15. September geschlossen. Aus betrieb»- technischen Gründen muß die Ausleihe der Stadtbibliothek bis Donnerstag, den 15. September, geschlossen bleiben. In dieser Zeit können keine Bücher ausgegeben oder zurückgegeben werden. Die Lesesäle bleiben unverändert geöffnet. Genosse Hugo Suhr, der langjährige Abteilungskassierer der 6. Abteilung, ist einem schleichenden Leiden kurz vor Vollendung seines 68. Lebensjahres erlegen. Ein Menschenalter wirkre Genosse Suhr als einer der vielen ungenannten Funktionäre in der Parle, als Abteilungstasfierer, im Gcsamtverband als Revisor beim Haupt- vorstand, in der Konsumgenossenschaft und in der Mieterbewegung. Die Einäscherung findet heute, Donnerstag, 29 Uhr, im Krematorium Gerichtstraße statt. Frau Marie Glaß ist am 15. September 39 Jahre bei der Bcr- liner Korsettfabrik W. A. Neumann tätig. Die gleiche Zeit ist sie auch gewerkschaftlich beim ZdA. organisiert. Melleraussichten sür Berlin. Teils heiter, teils wolkig, am Tage ziemlich warm, keine Niederschläge.— Zur Deulschland. Im Süden zeitweise heiter, im Westen trübe mit etwas Regen, in Mittel- und Ostdeutschland ziemlich heiter und am Tage warm. eaelliti circle..peesevei-auce". Heute Abend um 9 Uhr im Bräu-Stübl Neue Kleine Hütte. N 65, Müllerstr. 176, am Weddingplatz: Englische Vorträge und Diskussion. Gaste willkommen. Aus der Partei. Neue Blätter für Sozialismus. Aus dem Kreis der„Neuen Blätter" wird uns geschrieben: Ein bürgerliches Montagsblatt bringt unter dem Titel„Die Verjüngung der SPD." einen irreführenden Artikel, in dem von dem Kreise der„Neuen Blätter für den Sozialis- m u s" als eine Oppositionsgruppe innerhalb der SPD. die Rede ist, die nach außen hin totgeschwiegen würde. Der Inhalt des Artikels ist geeignet, völlig falsche Vorstellungen über die Ziel- setzung und Arbeitsweise dieses Kreises zu erwecken. Der Kreis um die Neuen Blätter besteht aus einer Arbeitsgemeinschaft, die die von Heimann, Tillich und Rathmann herausgegebene Zeit- schrift trägt. Dieser Arbeitskreis, dessen Mitglieder generations- mäßig und freundschaftlich«inander verbunden sind, erstrebt eine Auflockerung und Jmensivierung des marxistischen Sozialismus — innerhalb der Sozialdemokratie und im' positiven Zusammen- wirken mit allen maßgebenden Instanzen und Verbänden der Eisernen Front. Es kann keine Rede davon fein, daß dies« Be- strebungen innerhalb der Partei totgeschwiegen werden, nicht nur der„Vorwärts", sondern der überwiegende Teil der Parteipresse verfolgt die Veröffentlichungen des Neuen-Blätter-Kreises mit größter Aufmerksamkeit. «tae 3RtttcImccmi(e kann sich nicht jeder erlauben, wohl aber eine Fahrt mit den bequemen BPE.-Ausflug-wagen in die Mark. Auch die Ausflüge ,m Herbst haben ihre besonderen Reize, darum beachten Sie das heutige Inserat und erkundigen Sie sich stet» über di, nächsten«usflllae bei der B«D..««r. kehrsabieilung, Aöthener Str. 17. Fernruf: s 2 Lützow 9Ö14— 9019, Apparat 117 Kochen Sie MAGGI* Suppen. Sammeln Sie MA66I'Gutscheine, es lohnt sich! 'Qiegi 151 QX.KQ.VOH UMS � Man muß den Verwandten Köln zeigen. Frau Krön hat sc wenig Zeit. Gilgi wird am nächsten Tag von Tante Hetty und den beiden Kühen vom Geschäft abgeholt. Man sieht sich den Ring an:„Da ist der Jungferns-tieg schoiner". Apostelnkirche, Hohestraße, Wallraff-Richartz-Museum. Das interessiert einen gar nicht, aber wenn man aus einer fremden Stadt nach Hause kommt, will man sagen können: man ist im Museum gewesen. Um acht Uhr trennt sich Gilgi von den drei lieben Menschen. Kaiser-Wilhelm-Ring. Greif. Magdalene Greif geb. Kreil. Wieder steigt Gilgi eine Treppe hinauf. Es riecht nicht schlecht hier. Es ist still hinter den Türen. Kein Schreien, kein Schimpfen, keine stinkige, veratmete Luft, die sich lähmend auf die Brust legt. Freches, hochmütiges Treppengeländer— Aufgang für Dienstboten und Lieferanten verboten!— hochherrschaftliches Haus. Klebrige Bratkartoffeln— Dame ohne Unterleib. Sekundenlang Hab ich geglaubt, daß die Täschler meine Mutter ist. Weil ichs geglaubt habe, ist sie's gewesen, ob Sekunden, zwei, drei, vier— Tage— Wochen— furchtbar egal. Magdalene Greif geb. Kreil. Feines Haus— ekelhaft feines Haus. Ich gehör' nicht hierher. In die Thieboldsgasse gehör' ich auch nicht, aber das stinkige Zun- mer da— das ging mich was an. Warum? Herrgott im Himmel— Olga, Pit, Mutter— helft mir, ich will nicht denken. Und da wickelt man sich zwei Sonnenstrahlen um die Handgelenke— Du mit den frechen starken Zähnen, mit den lebendigen Händen, dem aufrechten, ungebrochenen Nacken— Gott, lieber, lieber, lieber Gott, zehn Minuten steh' ich hier schon vor dem lächerlich gemalten Flurfenster, weiß, daß ich hier stehe, bin doch nicht verrückt. Da ist was los mit mir— los mit mir— los mit mir. Man denkt in Schlagern, fühlt im Schlagerrhythmus, taucht darin unter— tam-tam-tam-ta— Schlager: Flucht von und zu— Langsam steigt Gilgi— Stufe für Stufe. Sie weiß noch nicht, was sie sagen wird, hat sich gar keinen Plan gemacht. Das muß der Augenblick ergeben. Ruhig und fest drückt ihre Hand auf den weißen Klingelknopf: dünnes Bellen. Sicher fo'n widerlich fetter, kleiner Hund. Ein Dienstmädchen:„Bitte???" „Möcht Frau Greif sprechen." „Gnädige Frau sind verreist." Natürlich, das ist so'n unsympathisches Haus, wo die Dienstmädchen so ein merkwürdig verschrobe- nes Standesbewußtsein kriegen, angepaßt den Einnahmen ihrer Herrschaft, nicht dem eige- nen Lohn. „Wann kommt sie wieder?" „Nicht vor acht Wochen." „Wo ist sie denn?" „In St. Moritz, fährt von da aus nach Nizza. Ihr Name?" „Nicht so wichtig.— Komm' in acht Wochen noch mal wieder." Gilgi fühlt ein feindseliges Gefühl in sich aufsteigen. Eine in grauem Schmutz— eine in hellem Licht— keine unwertiger als die andere. Gilgi lehnt sich übers Treppen» geländer. In manchen Menschen liegt's so drin, daß sie sich nicht über Brllckenrampen und Treppengeländer beugen können— ohne runterzuspucken. Gilgi spuckt.— Klick— macht die Spucke, als sie unten auf dem kalten Marmor aufklatscht. Gilgi freut sich. Das war so eine Art winziger Genugtuung für die Täschler, ein kleines Bekenntnis— noch ungedacht— ein ja und ein nein. Nochmal: ... Klick. Gilgi fitzt in ihrem Zimmer. Jetzt wird gearbeitet. Das geht nicht so weiter, man kommt zu nichts. Die Muttersuche, der Ver- wandtenkram, die Karnevalsunruhe— schrecklich, wie einen das in Anspruch nimmt. Gilgi übersetzt aus„Tbroe mou in a boat". Hin und wieder stützt sie den Kopf in die Hände, starrt vor sich hin: fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten— was soll denn das? Ist das gearbeitet? Na, zum Donnerwetter, man wird doch wohl noch nachdenken dürfen. Was wird sie anziehen morgen? Ob's ihr gelingen wird, ebenso hübsch auszusehen wie Olga? Ich Hab'— ich Hab' ein Rendezvous— na, was das schon ist! Gilgi wartet in der kleinen Konditorei von vorgestern. Martin Bruck ist noch nicht da. muß aber gleich kommen. Sie sitzt mit dem Rücken zur Tür: jedesmal, wenn'sie ein Ge- räusch hört, dreht sie den Kopf, der Hals tut ihr schon weh. Und jedes Geräusch an der Tür bringt eine Welle von Hoffnung— und Enttäuschung Nein, so hat sie noch nie ge- wartet, so noch nie. Kommt er? Kommt er nicht? Die kleine Dame Gilgi rät Kreuzwort- rätsel und will überzeugt sein, daß sie heute sowieso sür eine Stunde ins Caf,'- gegangen wäre. Sehr fein ist die kleine Dame Gilgi: die Hände sind säuberlich manikürt, die Brauen exakt nachgezogen, der helle Georgettekragen auf dem braunen Seiden- kleid ist heute morgen in Benzin gereinigt worden und strahlt nun in selbstbewußter Sauberkeit. Der bunte Schal duftet nach Chypre. So fein ist die kleine Dame Gilgi, so hübsch sieht sie aus. Hat das denn Sinn, für sich allein so hübsch auszusehen? Der Martin Bruck langweilt sich in Köln, hat Olga und Gilgi heute treffen wollen, aber Olga hat gleich gesagt, daß sie keine Zeit hat — brave Olga!— na, dann eben Gilgi allein. Und nun ist Gilgi getreulich zur Stelle, und der oerfluchte Kerl kommt nicht. Der krumme Hund, der. Ist doch nur ein Mann. Aber wer sich vornimmt, sich nicht zu ärgern, der ärgert sich schon, und wer um alles in der Welt nicht wütend sein will, der ist be- reits wütend. So, und jetzt geht sie. Und wenn er noch kommt, geschieht's ihm ganz recht, daß er sie nicht mehr vorfindet. Der krumme Hund. Gilgi geht auf ihr Zimmer. Beiläufig wirft sie einen leeren Messingaschbecher an die Wand. Ich bin doch nicht ärgerlich. Keine Spur. Im Gegenteil. Hab' jetzt schöne Zeit für mich. Und sie setzt sich vor die Erika- Schreibmaschine die Tasten fliegen. Sie schreibt zehn spanische Geschäftsbriefe— zur Hebung. Sieht nicht einmal auf, stützt nicht einmal den Kopf in die Hände, um vor sich hin zu starren. Tick— tick— tick— rrrrr... Gilgi liest eine Annonce im Tageblatt. Je- mand sucht für abends eine flotte Maschinen- schreiberin Was für mich. Wird Hingegan- en. Adresse ist angegeben. Persönliche Vor- tellung erbeten zwischen 7 und 8. „Sie haben Glück gehabt", sagt die Blasse zu Gilgi, als sie gemeinsam das große Haus in Lindenthal verlassen. Natürlich Hab' ich Glück, denkt Gilgi und macht lange, selbst- bewußte Schritte. Sie hat die Stelle. Bei einem älteren ehemaligen Offizier, der an- scheinend sein Vermögen sehr geschickt durch die Inflation balanciert hat, um jetzt in Ruhe und Frieden seine Kriegserinnerungen zu schreiben. Ungefähr vier Wochen lang— jeden Abend von sieben bis neun wird er ihr diktieren. Ein schöner Nebenverdienst. Zahlt anständig, der Mann. Stunde 1,50. Daß sie ihre eigene Maschine mitbringen wird, hat sie über die anderen Bewerberinnen siegen lassen. Vielleicht auch, daß sie so ein bißchen verheißungsvoll mit den Augen ge- kullert hat. So niedliche Von-unten-nach- oben-Blicke wirken bei Männern über fünfzig fast immer. Ferner ist's gut, an Beschützer- instinktc zu appellieren, im richtigen Augen- blick solides Selbstbewußtsein durch kleidsame Hilflosigkeit zu ersetzen. Man muß das alles verstehen. Gilgi versteht es. Auf die Arbeit- geber ist man nun mal angewiesen, und ganz ohne Mätzchen ist ihnen nicht beizukommen. Können allein entscheidet nicht, Mätzchen allein entscheiden nicht— beides zusammen entscheidet meistens. Die Blasse läuft neben Gilgi her:„Wann werden Sie anfangen mit der Arbeit?" „Gleich nach Aschermittwoch." Die Blasse seufzt.„Wie ich Sie beneide! Vor fünf Monaten ist die Firma, wo ich war, kaputt gegangen, seitdem Hab' ich noch nichts Neues gefunden." „Sie kriegen doch aber Unterstützung? Die Blasse verzieht das Gesicht:„Was das schon ist!" Außerdem hört sie im nächsten Monat auf, dann kommt die Krisenfürsorge. Schweigend stehen sie nebeneinander än der Haltestelle. Gilgi fühlt sich unbehaglich. Vielleicht wär's nur anständig, jetzt auf die Stelle zu verzichten, sie der Blassen zuzu- schieben. Als wenn das so ginge! Gilgi beißt sich auf die Lippen. Sie muß sehen, wie sie weiter kommt— jeder für sich— wo käme man hin, wenn man allen weichlichen Mit- leidsregungen nachgeben wollte? Die Straßenbahn kommt. Sie steigen ein. Die Blasse setzt sich neben Gilgi.„Da hat man nun gearbeitet, nur für Essen und Trinken und Schlafen und dacht', armseliger kann's Leben gar nicht sein, aber auf einmal ist's doch noch armseliger, und nichts ist eben so schlimm, als daß es nicht noch schlimmer werden könnt'— das hat man jetzt gelernt, so als einzigen Trost."(Forts, folgt.) des Sierbens Ton ZPaul IHorand Paul Morand, don dem vor wenigen Tayen im Verlage Grasset ein südamerilanisches Reise- buch,„Air Indien", erschienen ist, wird binnen kurzem, in den„Editions des Cabiers Libres" ein philosophisches Wer! folgen lassen, das den Titel„L' A r t de m o u r i r" iTie Kunst des Sterbens) trägt. Die folgenden Abschnitte bilden die einleitenden Ausführungen dieser neuen Publikation. „Es gibt nichts, worüber ich mich so gerne informiere, wie über den Tod der Menschen: über Worte, Ausdruck, Haltung, die sie in der Todesstunde fanden... Wäre ich ein Bücher- schreiber, so würde ich ein kommentiertes Ver- zeichnis über die verschiedenen Tode zusammen- stellen." Dieser Satz ist von Montaigne: er hat heute fast keinen Sinn mehr. Der Tod bestätigt in der Gegenwart, ob er nun serienweise arbeitet wie im Kriege oder im detail, die Banalität des täglichen Lebens. Man braucht nur auf die Sterbestunden berühmter Leute zu blicken, wie sie uns in den Zeitungen berichtet werden: Cle- menceau, Fach, Lenin, Curzon. Die großen Männer starben alle etwa auf die gleiche Weife, und ihre letzten Aeußerungen gleichen sich um so mehr, als sie ihnen häufig durch ihr« pietätvollen Historiographen nur in den Mund gelegt werden. „Wie unglücklich ist der, der nicht zu sterben weiß", hat S e n e c a gesagt. Wer von uns weiß jedoch zu sterben, wer von uns hat sich nur die Zeit genommen, sich seinen künftigen Tod zu überlegen, sowie den Abschied, den er von den Ueberlebenden zu nehmen hätte? Wir bemühen uns, nie an den Tod zu denken, und wenn er an uns herantritt, so findet er uns starr vor Ueber- raschung, grinsend oder heulend vor Angst: wenn uns dann einfällt, daß die Stunde feierlich ist und daß man ihr durch einige passende Worte Rechnung tragen müßte, sind wir außerstande, etwas anderes zu finden als leere Phrasen, denn am Rande des Grabes wird man nicht zum Dichter. Die Klügsten unter uns zucken die Achseln. Denn jeder heutige Mensch kann traurig mit dem Abbe Gassend i bekennen: „Ich bin geboren und weiß nicht warum. Ich Hobe gelebt und wußte nicht wie. Ich sterbe und weiß weder wie noch worum." Wir hoben gleichzeitig die wisienschaftliche Ge- wißheit und den Sinn des Jenseits eingebüßt: wir schiffen uns nicht mehr majestätisch für das Nichts ein wie die Atheisten des 18. Jahrhunderts: noch weniger ziehen wir mit der jauchzenden religiösen Begeisterung des Mittelalters von hinnen. Wir haben nicht, wie unsere Vorfahren, eine fertige Antwort auf die Frage, vor die der Tod uns stellt: haben wir, im Taumel unserer Schnellebigkeit, auch nur die Zeit, uns um ihn zu kümmern? Wenn er uns dann jedoch einen Augenblick streiit. in Form von Krankheit, Unfall oder eines Nächsten Agonie, so überstürzen sich die Fragen. Unserer gewohnten Gleichgültigkeit folgt unoermittelt dann die angstvolle Gier, alles zu wissen. Dann suchen wir den Sterbenden noch auszuforschen, der keine Stimme mehr hat, der übrigens auch keine Worte in unserer Erden- spräche fände, um uns seine übermenschliche Er- fahrung zu beschreiben und der uns schließlich nicht einmal über das Mysterium seiner Agonie eine Aufklärung zu geben vermöchte, denn wir können als Grundsatz gelten lassen: Jeder Ster- bende, der spricht, spricht sür die Galerie. Er schaut dem eigenen Sterben zu, er fühlt es nicht: er weiß noch nichts von seiner baldigen Erstarrung, vom Beginn seiner Auflösung: er ist noch leben, so lebend wie wir selbst. Es ist eine große Torheit, von ihm etwas anderes zu er- warten als eine für die menschliche Selbstachtung erbauliche, ehrenvolle oder erniedrigende Bekun- dung. Gerade die Regeln dieser Kundgebungen aber waren bei uns in Vergessenheit geraten: die Sterbenskunst verlernt sich wie die Lebenskunst, und beides aus denselben Gründen. Vergleichen wir den Tod Wilsons oder Anatole F r a n c e s mit dem Tode des A u g u st u s: in seinen letzten Augenblicken läßt der Kaiser sich den Purpur anlegen, läßt sich frisieren und schminken: „Bin ich ein guter Schauspieler?" fragt er lächelnd. Für ihn wie für das ganze Altertum ist der Tod nicht traurig: die Griechen malten ihn mit den Zügen eines schönen Jünglings und erklärten voller Weisheit, der Mensch, den die Götter lieben, stürbe jung. Das Leben war für sie ein„Tages- aufenthalt" oder, wie bei Maenander, eine „Reife", die zu der Asphodeloswiese führt. Ich bewundere solche Selbstverständlichkeit: auf diesem Wege vermögen Menschen der erhabenen Natürlichkeit der Tiere gleichzukommen, die vor dem Tode keine Klagen, keine Posen kennen, son- dern nur die eine Neigung, sich zu verstecken, um allein zu sein. Die Orientalen haben gleichfalls diese Zurückhaltung, diese höchste Bescheidenheit geübt: der Sohn des Konfuzius lag in grausamer Agonie: seine Kinder wollten ihn auf eine be- quemere Lagerstätte überführen, auf die sein Rang ihm aber, im Lande des etikettenstrengen Tschin, keinen Anspruch lieh:.Nein", wehrte der Ster- bende,„ich habe weiter nichts nötig, als der Regel nach zu sterben." Ich wünschte, daß ein gleicher Sinn für Etikette und nicht das Voll- gefühl der eigenen Wichtigkeit dem Marc Aurel seinen berühmten Ausspruch eingegeben hätte: „Ein Kaiser muß im Stehen sterben." Das scheint mir aber zweifelhaft, denn damals verlor das Altertum schon die erhabenen Tugenden seiner Männlichkeit. Schon Cäsar selbst war theatralisch gestorben:„Tu quoque, iilil", und Brutus hatte sich— man möchte sagen: echt Ian-Jacques Rousseau— mit den hochtrabenden Worten ent- leibt:„Tugend, du bist nur ein Name!" Reue und Tränen begannen die Welt zu erfüllen: das Christentum war auf dem Marsche. lDeutsch von H. A.». Maltzohn.) 3)er Well größter ffiau 3)ie Moorertatfperre in USA. Am Ende des berühmten Grand Canon, im Black Canon, dort wo der große Coloradostrom seinen Laus durch die Ausläufer der Sierra Nevada sucht, dort wo er seine Wasser plötzlich nach Süden lenkt und sie durch enge Gebirgs- schluchten dem Golf von Kalifornien entgegen- führt, entsteht im Steppengebiet einer subtropi- schen Landschaft ein technisches Gigantwerk: die Hoover-Talsperre. Ein Kulturdenkmal, welches das bisher größte Bauwerk der Menschheit?- geschichte— die Cheopspyramide in Aegypten— an Größe übertrifft. Die Talsperre wird nach ihrer Fertigstellung ein Wahrzeichen nordameri- konischen Kulturbaues und darüber hinaus ein glänzendes Zeugnis von dem technischen Können und Schassen des 20. Jahrhunderts sein. Mit dem Bau dieser Talsperre erwacht erneut in großer Form der Gedanke von der Freiheit über die Natur durch die Technik, und gerade in unserer Zeit der Anfeindung der Technik entsteht da ein neuer Beweis von der Bedeutung tech- nischen Schaffens für die Aufwärtsentwicklung des Menschen. Die aufgestauten Wasser der Sperre sind nicht nur zur Erzeugung von elektrischer Kraft, sondern auch zur Bewässerung von rund 8(M1l)(H1 Hektar bisher wüsten Landes und zur Wasserversorgung der nahen aufstrebenden Millionenstadt Los Angeles und ihrer Nachbarstädte bestimmt. Die Abgelegenheit und Unzugänglichkcit der Baustelle in einem 200 Meter tiefen schluchtartigen Tal, das heiße und trockene Klima, bei dem im Sommer die Temperaturen auch nachts oft 40 Grad Celsius betragen, der Wasserreichtum und die Wildheit des Coloradostromes schaffen Verhältnisse, die einerseits an den physischen Kräften der Arbeiter und Ingenieure zehren und andererseits dem ganzen Werk riesenhafte Ab- Messungen und in der Planung und Ausführung ganz neue und kühne Linien geben werden. Die Wirkung der fertigen Anlage wird auf die Besucher in jeder Hinsicht unvergleichlich sein. Von der Tiefe des schluchtartigen Tales erhebt sich 223 Meter hoch die gewaltige Staumauer, die am Fuße etwa 200 Meter dick ist und deren 14 Meter breite Krone von 360 Meter Länge bogenförmig von einem Talhang zum anderen führt. Entwässerungsstollen durchziehen die Mauer, um eingedrungenes Wasser zu sammeln und fortzuleiten. Fahrstuhlschächte bohren sich von der Mauerkrone senkrecht in die Betonmassen hinein und führen in verschiedenen Höhen zu Be- sichtigungsstollen, die einen Ausblick aus der Luft- feite der Mauer auf das tiefe Tal gestatten. Tief unten am Fuße der Mauer liegt das Krafthaus, eingekerbt zwischen hohen steilen Felsen. In diesem Haus aus Stahl und Beton werden der- einst die Turbinen ihr Lied der Arbeit singen und jährlich 4 Milliarden Kilowattstunden er- zeugen. Weiter talwärts schießen in meterdicken Strahlen neben- und übereinander die umgc- leiteten Wasser befreiend aus den Felswänden heraus und stürzen in prächtigem Schwünge ent- fesselt 200 Meter in das alte Flußbett hinab. Oberhalb der Mauer stauen sich die Wasser zu einem großen See: 175 Htteter Läng« und 600 Quadratkilometer Oberfläche wird er haben, wo- mit er den Bodensee um 75 Quadratkilometer über- trifft. Der Bau der riesigen Betonstaumauer wird wegen der gewaltigen einzubauenden Massen und infolge der für den Betonbau ungünstigen hohen Lufttemperaturen— bis zu 50 Grad Celsius— ganz neuartige Arbeitsmethoden erfordern. Die Mauer wird aus relativ trocken gemischtem Beton in gegenseitig verankerten Pfeilern von 15 mal 15 Meter aufgebaut. Zur künstlichen Kühlung wird ein Netz von Kllhlwasserrohren mitein- gebaut, das eine Länge von 240 Kilometer hat, Fast zwei Jahre wird der Coloradostrom un- unterbrochen seine Wasser dem Staubecken zu- führen müssen, um es überhaupt einmal bis zum Stauziel, ein Meter unterhalb der Mauerkrone, zu füllen. Das einmal gefüllte Staubecken wird dann aber auch in der Lage sein, den sehr großen Unterschied im Wasserzufluß über Jahre hinaus auszugleichen. Die Umleitung der großen Wasssrmengen zur Trockenlegung der Baustelle erfordert in den beiden Talabhängen umfangreiche Stollen- arbeiten. Vier über je 1 Kilometer lange Um- laufstollen von je 15 Meter Durchmesser leiten die mit einer Geschwindigkeit von 6 Meter in der Sekunde anströmenden Wasser um die Baustelle herum. Die umzuleitenden Wassermengen werden oberhalb und unterhalb der Baustelle durch je einen provisorischen Staudamm aufgefangen. Diese Dämme werden aus Fels und Erde auf- geschüttet, schwer gepflastert und durch eine Eisen- betonplatte und eiserne Spundwände abgedichtet. Eine ganz neu zu erbauende Eisenbahn führt die Baumaterialien an den Rand des Tales, von wo sie durch einen Schrägaufzug in 10 Sekunden 180 Meter in das Tal hinabbefördert werden, In der Nähe der Baustelle wird eine neue Stadt gebaut: Boulder City, die zunächst für 2500 Seelen errichtet wird. Von der Größe des Bauwerks geben die zu bewegenden Massen ein anschauliche» Bild. 2,8 Milliarden Kubikmeter werden offen aus- gehoben oder aus Stollen und Schächte ans Tageslicht gefördert. Dafür werden in den Bau wieder 3,3 Millionen Kubikmeter an Beton, Erd- schüttung. Steine und Stahl hineingebaut. Die Voruntersuchungen sür die Talsperre be- gannen bereits im Jahre 1904, Das Bau- Programm sieht eine Bauzeit von 7 Iahren vor. 1931 wurde der Auftrag für die Summe von rund 49 Millionen Dollar vergeben und mit dem Bau begonnen M. Greü, Das Beispiel von Robert B Nach Arbeiisstreckung mehr Befchästigie.— Zeht kommt die Strafe. Daß die Krisennot der deutschen Wirtschaft nicht so groß, die Lage der Arbeiterschaft bei der Schreckenszahl von 6 Millionen Arbeitslosen nicht so fürchterlich zu sein brauchte, wenn die deutschen Unternehmer ihr Geschäft verstehen würden, das beweist der Geschäftsbericht der Robert Bosch A,- G, Stuttgart, für das Geschäftsjahr 1931. Robert Bosch ist nicht nur in der Oefsent- lichkeit mit Wort und Schrift für eine allgemeine Arbeitszeit» Verkürzung(er forderte den Sechsstundentag), für Kartell- kontrolle und Preissenkung eingetreten: er hat auch nach diesen Grundsätzen gehandelt. Die Robert Bosch A.-G. beschäftigte Ende 1931 in ihren Be- trieben und deutschen Berkaufshäusern 8422 Arbeiter und Angestellte, das sind 398 Personen mehr als Ende 1939, weil viel- fach Kurzarbeit eingeführt wurde. Der Weg„planvoller Arbeits- einteilung" wird auch weiterhin beschritten werden. Die Kon- kurrenten von Bosch aber werden jetzt aus Grund der Rotoerord- nung ihre Arbeitszeit verkürzen, Neueinstellungen vornehmen und sich ihr erwachtes„soziales" Gewissen von der Regierung mit Prämien und mit dem Freibrief für Lohnraub honorieren lassen. Mit solchem Lohndumping bestraft die„grundsätzlich neue Staatsführung" den, der aus freien Stücken die Arbeit gestreckt hat. Aber vielleicht muß man auch, um so wie Bosch handeln zu können, ein tüchtigerer Unternehmer sein als der Durchschnitt der deutschen Wirtschaftsführer. Der Bosch A.-G., die Apparate, Werkzeuge und ähnliches für Elektrotechnik und Feinmechanik und vor allem Autozubehör produziert, ist es jedenfalls gelungen, ihren Umsatz mengenmäßig auf der Höhe des Vorjahres zu halten. Wertmäßig ging er allerdings um 17 Proz. zurück, da die Preise wesentlich ermäßigt wurden. Die Zahl der Bosch-Vertriebs- und Dienststellen im Inland und Ausland beläuft sich auf mehr als 2599. Die Erfolgsrechnung für 1931 schließt mit einem V e r l u st von 1,7 Millionen Mark, der nach Absetzung des Gewinn- Vortrags mit 9,6 Millionen Mark vorgetragen wird(im Vorjahre Reingewinn von 2,1 Millionen Mark). Der Verlust des Berichts- jahres, der niedrig ist im Vergleich zu 39 Millionen Mark Kapital und 9 Millionen Mark Reserven, ist auch wohl kein Betriebsverlust. Einmal wurden 9,5 Millionen Mark während des Geschäftsjahres dem sozialen Fonds„Bosch-Hilfe", der jetzt auf 5,3 Millionen Mark angewachsen ist, überwiesen. Außerdem ist die Erweiterung der Anlagen um etwa 1 Million Mark zu Lasten der Erfolgsrech- nung erfolgt, und die Abschreibungen sind nicht gerade niedrig. Die Vorräte(11,1 Millionen Mark) sind vorsichtig bewertet. Vor allem ist die Liquidität(Zahlungsbereitschaft) des Unternehmens denkbar günstig. Den flüssigen Mitteln von 24,5 Millionen Mark und den Außenständen von 25,1 Millionen Mark stehen nur langfristige Schulden von 22,1 Millionen und kurzfristige Schul- den von 7,9 Millionen Mark gegenüber. Im laufenden Jahre hat sich der Umsatz wertmäßig um 25 Proz. vermindert. Das dürste auch eine Folge der internationalen Absperrung sein, da mehr als die Hälfte des Absatzes ins Ausland geht. Gewarnt wird vor einer Handelspolitik, die mit Zoll- erhöhungen und Kontingentierungen die Hemmungen im inter- nationalen Warenaustausch vermehrt. So siehi es bei General Motors aus! Oer größte AutoProduzent der Welt berichtet über das Halbjahr 1932. Die General Motors Corp., neben Ford die größte Automobil- firma der Vereinigten Staaten und der Welt, oerkaufte im e r st e n Halbjahr 1932 nur 395 999 Kraftwagen gegenüber noch 724 999 Wagen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres. Der Kraftwagenverkauf in den Vereinigten Staaten war so gering, daß die Neuanschaffungen mit der Außerbetriebsetzung alter Wagen nicht entfernt mehr Schritt hielten, so daß der Kraftwagen- bestand der Vereinigten Staaten eine starke Verminderung er- fahren hat. Infolge der rückgängigen Verkäufe, dem verstärkten Uebergang zum Kleinwagen und der Herabsetzung der Preise ging der Umsatz dieses Auwmobilkonzerns von 524 auf 297 Millionen Dollar zurück, d. h. von mehr als 2,1 Milliarden auf 1,2 Milliarde Mark. Noch viel stärker war jedoch die Schrumpfung des Rein- gewinns, nämlich von 86 auf nur noch 15 Millionen Dollar, d. h. von 361 auf nur noch 63 Millionen Mark. Man muß sich hierbei vor Augen halten, daß in früheren Jahren gerade das erste Halbjahr(Sommergeschäst) den Hauptgewinn abgeworfen hat. Man kann also hieraus schließen, daß die finanzielle Entwicklung für das volle Jahr 1982 ein recht ungünstiges Bild geben wird. Englands Außenhandel verschlechtert. Einfuhrüberschuß um ein Viertel geringer als im Vorjahr. Seit einigen Monaten zeigt der englische Außen- Handel eine Entwicklung, die durchaus im Gegensatz zu den mit allen Mitteln i>er Schutzzollpolitik angestrebten Zielen steht. Auch im August hat sich eine weitere Einsuhr st eigerung und eine geringe Aussuhrabnahme gezeigt. Gegenüber Juli ist die Einfuhr um 1,4 Mill. auf 53,3 Mill. Pfund gestiegen, während die Aus- fuhr um 9,7 Mill. auf 28,6 Mill. Pfund sank. Immerhin ist die Einfuhr gegenüber August vorigen Jahres um fast 12 Mill. Pfund, um fast ein Viertel gesunken, während die Ausfuhr sich etwas gehalten hat. In den ersten acht Monaten dieses Jahres belief sich die englische Einsuhr auf 466 Mill. Pfund uns war um 87 Mill. Pfu.id geringer als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Die Ausfuhr ist dagegen nur um 17,6 auf 244,8 Mill. Pfund zurückgegangen. Ueber- wältigend ist der Erfolg der Schutzzollpolitik demnach nicht. Der Einfuhrüberschuß hat sich von 299 Mill. Pfund in den ersten acht Monaten des Jahres 1931 auf 221 Mill. Pfund in der gleichen Zeit von 1932, also um ein Viertel, vermindert. Wieder ein teurer Generaldirektor! HerrBorchardt von derpolyphon AG und seine Attienkäufe Die Polyjchon A.-G., Leipzig, die von jetzt ab Deutsche Grammophon A.-G., H a n n o o e r, firmiert, überraschte die Oeffentlichkeit mit einem hohen Betriebsverlust und einer Bilanz, in der fast die gesamten Reserven(9,6 Millionen Mark) für Abschreibungen und Wertberichtigungen draufgegangen waren. Noch im Vorjahr war eine Dividende von 12 Proz. gezahlt worden. In der Generalversammlung fordert« begreiflicherweise eine(unbegreif- licherweise kleine) Opposition von der Verwaltung eine Aufklärung. die diese sehr ungern gab. Vergebens suchte sich die Verwaltung in Besprechungen vor der Generalversammlung und während einer Unterbrechung der Generalversamn-lung mit der Opposition zu „einigen". Es stellte sich dann heraus, daß die Polyphon A.-G. die tüchtige Kraft ihres Generaldirektors recht teuer bezahlt hat. Nach An- ficht des Aufsichtsrats hat er allerdings sehr uneigennützig gehandelt. Er hätte seine Polyphon-Attien früher nach England für 599 Prozent(sie standen einmal 579 Prozent!) verkaufen können, tat es aber nicht, angeblich aus Rücksicht auf die deutschen Aktionäre. Später hat er dann auf eigene Rechnung Polyphon-Aktien an der Börse zur Kursstützung aufgekauft: die Gesellschaft selbst sollte an- geblich vor dem Risiko bewahrt werden. Diese aber räumte ihrem Direktor dazu einen hohen Kredit ein. Und als das Risiko allzu- groß geworden war, da kaufte sie Herrn Borchardt eine Million Aktien weit über Börsenkurs ab, nämlich zu 95 Prozent, während die Aktien am letzten Bövsentage im Vorjahre mit 69 Prog., in diesen Tagen aber nur mit 42 Proz. notierten. Im kleineren Maßstab also eine Wiederholung der Karstadt-Vorfälle! Der Attienkauf ist auf Grund eines Vergleichs abgeschlossen worden, nach dem die Beziige Borchardts auf die Hälfte herabgesetzt wurden. Er hatte nämlich einen so phantastischen Vertrag, daß er vor zwei Jahren auf eine Tantieme von 199 999 M. verzichten konnte(warum nur tat er das, aus reiner Liebenswürdigkeit?!). Herr Borchardt, der dem Unternehmen als Leiter des Auslands- geschästs und als zukünftiges Aussichtsratsmitglied erhallen bleibt, wird also wohl trotz der Halbierung seiner Bezüge noch mehr als anständig bezahlt werden. Die Opposition fand mit ihrem Antrag auf Einsetzung einer Untersuchungskommission keine Mehrheit Auch Bauernvereme bleiben siur. In den Haupisorderungen solidarisch mit dem Landbund. Der Kampf um die Beeinflussung der Regierungsmaßnahmen in der Frage der agrarischen Einfuhrdrosselung ist auf seinem Höhepunkt. Vergeblich, daß Wissenschaft und gesunder Menschenverstand die Nutzlosigkeit der Kontingente für die Land- Wirtschaft und die grenzenlose Gefährlichkeit für den Industrie- export längst einzusehen gelehrt haben. Die Organisationen der Landwirtschaft beharren auf ihren Forderungen. Gestern fand in Berlin eine Tagung des Vorstandes und mehrerer Ausschüsse der Vereinigung der christlichen deutschen Bauernoereine statt, die unter der Leitung von Dr. Hermes stehen. In der entscheidenden Frage der Kontingente hat auch diese Gruppe landwirtschaftlicher Interessenten nichts hin- zugelernt. Eine Entschließung spricht von einer verhängnisvollen Lücke im Wirtschaftsprogramm der Papen-Regierung— man kennt das„Verhängnisvolle" dieser Lücke schon aus den Deklamationen des Landbundes und des Landwirtschaftsrates—, die durch die nicht mehr länger hinauszuschiebende Fernhaltung aller entbehrlichen Einfuhren durch Kontingentierung und durch eine generelle Zinssenkung für Real- und Personalkredit in erster Linie ge- schlössen werden müsse. Natürlich wird auch weiterer Abbau von Soziallasten, eine neue Subventionierung der ländlichen Spar- und Darlehnskassen und die Einführung der Margarinesteuer gefordert. Eine gewisse neue Note, die gegenüber diesen Grundforde- rungen freilich zurücktritt, liegt in dem Verlangen nach nachdrück- licher Fortführung der Siedlung durch baldige Beseitigung der im Sicherungsverfahren liegenden Hindernisse, worin unter Umständen eine Verurteilung der Besitzerhaltung bei den östlichen bankerotten Großbetrieben erblickt werden könnte und in der Forderung von Arbeitsgelegenheiten auf dem großen Gebiet der landwirtschaftlichen Melioraftonen, womit ein Hinweis auf die Unzulänglichkeit der öffentlichen Arbeitsbeschaffung im Papen-Programm gegeben ist. Die Entschließung fordert ferner die Wiederherstellung der Frei- grenz« von 5999 Mark bei der Umsatzsteuer und die Anerkennung von Steuerkleinbeträgen als Grundlage für die Ausgabe von Steuergutscheinen, die Beseitigung der Schlachtsteuer und die Senkung der Zuckersteuer. Oer Wohnungsbau im Juli. Nach„Wirtschast und Statistik" hat sich die Wohnbautätigkeit gegenüber dem katastrophalen Stand vom Juni im Juli leicht be- lebt. Die Zahl der Bauvollendungen und Baubeginne nahm gegen Juni zu. Auch bei den Bauanträgen war eine Steigerung zu ver- zeichnen. Die Bauerlaubnisse gingen dagegen zurück. Insgesamt wurden in den Groß- und Mittelstädten 4299 Wohnungen fertig- gestellt, um 7,5 Proz. mehr als im Juni, aber um nicht weniger als 69 Proz. weniger als im Juli vorigen Jahres. In den ersten sieben Monaten war das Ergebnis mit 25 499 fertig- gestellten Wohnungen um 63 Proz. geringer als das der entsprechen- den Zeit des Vorjahres. Dabei befanden sich vom Januar bis Juli unter den neuen Wohnungen 6499 Umbauwohnungen, d. h. mehr als doppelt soviel als 1931. Schwedens Eisenerzbergbau auf dem tiefsten Stand. Die größte Betriebsgesellschast des G r a e n g e s b e r g- K o n z e r n s, der be- kanntlich die deutschen Montankonzcrne auf Grund langsristiger Ver- träge mit Erz beliefert, die Luossavaara-Kirunavaara-Gesellschaft, hat in den ersten sieben Monaten des Jahres 1932 nur noch 1,18 Millionen Tonnen Erz verschifft gegenüber 2,56 Millionen in der gleichen Zeit des Jahres 1931 und 5,25 Millionen in den ersten sieben Monaten des Jahres 1939. Infolge dieses Absatzrück- ganges ist die Arbeiterzahl von 1499 auf rund 899 zurückgegangen, außerdem wurde kürzlich die Arbeitszeit auf 26 Stunden wöchentlich herabgesetzt. «insendungen für diese Rubrik sind v e r l i n SW 68, Lindenstraße 3, Groß-Berlin steig an da» Bejirkisekretariat 2. Hof, 2 Trennen recht», zu richten Beginn aller Veranstaltungen 18(4 Uhr, sofern keine besondere Zeitangabe! 18. sirei». Kreisfunktionärkonferenz bei Dallas. Zweckaussprache Uber Gründung einer Kuchcnvereinigung für Erwerbslose. 74b. Abt. Mitgliederversammlung am Freitag, dem 18. September, bei Stock- mann. Machnower Str. 2. Thema: Politische Lage. Referent: Genosse Paul Bernstein. 123a. Abt. Mitgliederversammlung im Lokal Jägerheim, Kaulsdorf-Siid, Jäger- straße SS— 58, am Sonnabend, dem 17. September. Thema: Unsere Auf. gaben im Kamps gegen die Reaktion. Referent: Genosse Paul Bernstein. 137. Abt. Freitag, 18. September, Diskussionsabend im Volkshaus, Scharnweber- straße 114._ 1390. Abt. Freie Scholle. Freitag, 18. September, 20 Uhr, im Schollenkrug, Lermsdorfer Straße, Mitgliederversammlung. Kurt Heinig, M. d. R.: Zur polittschen Lage. Frauenveranstaltungen. 7. Kreis. Die Funktionärinnensißung findet nicht, wie irrtümlich angegeben, Freitag statt, sondern erst nächste Woche. Termin wird noch bekannt. gegeben. Ib.»reis. Kreisfunltionärinnenversammlung am Freitag, dem 18. September, bei Schmidtbauer, Ablershof, Bismarckstr. 74. (Sterbetafel der Groß-Berliner Partei-Organisation 184. Abt. Am 18. September verstarb unerwartet unser lieber Parteigenosse, Inhaber der silbernen Ehrennadel, der Gastwirt Otto Pamp. Ehre seinem An» denken. Die Trauerfeier findet am Freitag, dem 18. September, 17� Uhr, im Krematorium Baumschulenweg statt. Bollzählige Beteiligung erwartet der Borstand. IW Sozialistische ArbeitermendGroß-V erlin Einsendungen für diese Rubrik nur an das Jugendsekretariat Berlin EW 88. Lindenstraße 2, vorn 1 Treppe rechts. Vom Jugenbtag I» den Rehbergi» sind Bilder eingetroffen! Sie können im Sekretariat eingesehen und bestellt werden. Stück 25 Pf. Bezirksvorstand 18 Vi Uhr Sitzung in der Lindenstr. 3. BA. um 28 Uhr ebendort. Dienstag, 28. September, fallen alle Sruppenveraastaltnage» au». Wir beteiligen uns geschlossen an der Kundgebung der Partei im Sportpalast. Proletarisches Orchester: lOZi Uhr Probe im geichensaal der KMS. Neukölln, Kaiser-Friedrich-Str. 288— 218. heule, Donnerstag, 15. September: Wedding: Spielen im Echillerpark.— Arnswalder Platz II: Schönlanker Straße 2. Sozialistische Erziehung.— Fallplatz: Sonncnburger Str. 28. Wie lange noch Faschismus in Italien.— Humannplatz: Sleimstr. 83—85. Die Frau im Dritten Reich.— Nordosten II: Danziger Str. 82. Was ist Autarkie.— Schön- Häuser Vorstadt: Sonncnburger Str. 28. Das heutige Rußland.— Andreas- platz II: Kommunistisches Manifest.— Köpenick«! Viertel: Manteuffelstr. 7. Tagespolitik.— Hafcnheide: Wassertorstr. 4. Leseabend.— Kottbusser Tor: Urbanftr. 187. Iuaendschutz und Iugendrecht.— Südwest: Lindenstr. 4. Schall- plattenabend.— Wilmersdorf: Wilhelmsaue 123. Proletarische Kunst.— Reu- tölln IT: IS'i Uhr Aktive Gruppe Ganghoferstraße.— Hermsdors: Treffpunkt zur Fluablattverbreitung ISVi Uhr„Fiele Ecke". SSS. Neukölln: 19-21 Uhr KMS. Serbe bezirt Neukölln: Der„Querschnitt" probt pünktlich 19Vi Uhr in der Steinmetzstr. 114. Wcrdcdezirk Reinickendorf:„Die Galgenvögel". Hauptprobe In Hermsdorf, „Altes Forsthaus", Auguste-Biktoria-Str. 84. fr5tki»55i|re Qualitäten Liter l/l R» Feinster Weinbrand-Verschnitt....... 2.85 2.25 Reiner deutscher Weinbrand***....... 3.80 2.95 Feinster Jamaika-Rum-Verschnitt........ 3.70 2.90 Fa. Nordh. Branntw. u. Richtenberger ca. 32% 2.25 1.85 Extra prima Getreidekorn 40%......... 3.20 2.50 Prima Edelliköre, alle Sorten............... 2.45 Prima deutscher Wermut„Triestino"..... 0.85 0.70 Original ital. Vino Vermouth........... 1.15 0.95 Original süße Südweine.............. 1.20 0.95 Original spanischer Rotwein........... 1.00 0.80 Echte weiße, süße und rote Bordeauxweine.— 1.60 Prima deutsche Weißweine............ 0.60 0.60 Preise __ exkl. Glas a-Angebot„1925— 30 Tischweine"..... nur 0.80 Prima Dessertobstweine, süß.... Liter von 0.70 an Erstklassige Fruchtsäfte, ganz rein.... 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