Abend- Ausgabe Nr. 470 B 227 49. Jahrg. Redaktion und Verlag, Berlin SW 68, Cinbenfft. 3 Nernspr-cher- A7 Aml Dönhoff 2S2 bli 297 Telegrammadresse: Sozialdemokrat Derlm BERLIN ER VOLKSBLATT MITTWOCH 5. Oktober 1932 In Groß- Berlin 1 0 Pf. Auswärts....... 10 Pf. �Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise siehe am Schluß beö redaktionellen Teils Jentvatovsa« der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Keilerei! Was Oberf obren für Marxismus hält „Der„Vorwärts" hat sich bisher bemüht, die zahlreichen Prügeleien zwischen National- sozialisten und Deutschnationalen gewissen- Haft zu registrieren. Er muß das jetzt auf- geben, weil sich der Stoff allzusehr häuft. Immerhin verdienen aber die Vorgänge, die sich gestern in der Aula des Steglitzer Gym- nasiums abspielten, noch eine rückschauende Betrachtung, weil sie grundsätzliche Fragen berühren. Als nämlich die Keilerei im schönsten Gange war, machte Herr Oberfohren. immer noch verständlich, die Bemerkung. daß sich die nationalsozialistische Bewegung zu„m a r x i st i s ch e n Methoden" zu entwickeln scheine. Damit wird die viel- erörterte Frage, was denn eigentlich Marxis- mus sei, neu aufgerollt. Vielleicht benützt Herr Oberfohren die nächste Gelegenheit, um den Zusammenhang zwischen der marxisti- schen W e r t l e h r e und einem gut gelande- ten Kinnhaken aufzuzeigen. Oder er erklärt uns ein andermal, welche Beziehungen zwischen der hi st arischen Dialektik und einer schwungvoll geschleuderten Stink- bombe bestehen. Oberfohrens Ausspruch zeigt den Unfug. der im sogenannten„nationalen" Lager mit dem Wort Marxismus getrieben wird, auf dem Höhepunkt. Der Marxismus, wie immer man zu ihm stehen mag. ist eine der geist- vollsten und tiefgründigsten Lehren, die jemals Menfchsnhirne hervorgebracht haben. Die Nationalisten haben aber aus dem Wort „Marxismus" eines der plattesten blödesten Schlagworte gemacht, die nur jemals den politischen Kampf verunreinigt haben. Sie haben alles, was ihnen nicht in den Kram paßt, als„Marxismus" bezeichnet und be- schimpft. Auch die beispiellose Verrohung des politischen Lebens, die von ihnen selbst verschuldet ist, haben sie dem„Marxismus" aufs Konto geschrieben. Darum können die Deutschnationalen jetzt nicht einsehen, daß sie mit den Ohrfeigen. die sie jetzt von den Nationalsozialisten be- ziehen, nur etwas aus der Saat der Roheit und der Gewalt ernten, die sie selber gesät haben. Mögen sie also einander prügeln, soviel ihnen beliebt, aber sie mögen aufhören, da- bei den Marxismus anzurufen! Der Marxis- mus darf ihnen stets auf solche Anrufungen antworten:„Du gleichst dem Geist, den du begreif st! Nicht mir!" Röhm versucht fich herauszureden Line LrLIärunx iiLer seine Flucirt zum Reichsbanner— Tatsachen gegen Röhm Im Angriff Die sozialistische Wahlwclle Der letzte Sonntag zeigte die deutsche Arbeiter- jugend, die junge Garde der Bewegung, im Aus- marsch für die kommenden Kämpfe. Besonders stark besucht war das sächsische Jugendtreffen, zu dem sich«000 Teilnehmer eingefunden halten. Die Gesamtdemonstration, aus der die Genossin Sender, sowie Ollenhauer und E r n st Paul sprachen, hatte auf der Radrennbahn in Chemnitz 20 000 Teilnehmer versammelt. Mit einem Kreisvertretertag eröffneten die Spandauer Genossen den Wahlkampf, nach einem Referat Litkes wurde B r e i t s ch e i d als Kandidat wieder ausgestellt Einen begeisternden Auftakt zum Wahlkampf bildete die Parteiversammlung der Erfurter Genossen, in welcher Fritz Barth referierte. Auch in den Dörfern der Umgegend fanden die ersten Wahlversammlungen statt. Auf einer Reichskonferenz der Bergarbeiter in Bochum setzt« sich Genosse H u s e m a n n für die Verstaatlichung der Bergwerke ein. Die Enthüllungen im Münchener Tschekaprozetz haben den Herrschaften im Braunen Hause Kopf- schmerzen gemacht. Der Reichsanzeiger des Dritten Reiches, der„Bölkifche Beobachter", hat kein Wort über den Prozeß veröffentlicht. Herr Röhm versucht sich nun durch eine Er- klärung aus der Affäre zu ziehen, die sehr vor- sichtig stilisiert ist. Er kann die Tatsache der Unterredung mit Mayr nicht bestreiten, er sucht jetzt nur die Initiative dazu Mayr zuzuschieben Die Erklärung Röhms lautet: „1. Die Zeugenladung zu dem Prozeß, dessen Gegenstand mir völlig unbekannt war, kam in den Einlauf der obersten SA.-Führung. Der zu- ständige Referent har mich bei dem Oberamts- richter Kaufmann entschuldigt, da ich in diesen Tagen mich dienstlich in Wien aufhielt. 2. Die Unterredung mit dem Reichs- bannerführer Major Mayr fand am 2. April 1932 in Berlin statt. Herr Bell bat mich im Auftrage Mayrs um diese Unterredung, die in meinem Hotel(KaijerhofI stattfinden sollte. Als Zweck der Unterredung hatte Bell im Auf- trage Mayrs angegeben: a) er möchte mit mir klären, ob sich nicht ein Weg finden ließe, dem gegenseitigen politischen Blutvergießen Einhalt zu tun: b) er möchte sich mit mir darüber aus- sprechen, ob nicht bei einer Aenderung der politi- schen Verhältnisse eine besondere Verwendung seiner Person und der zu ihm stehenden Teile des Reichsbanners an unserer Seite unter meiner Führung möglich wäre. Pflichtgemäß erstattete ich von diesem Ansinnen sofort dem Führer der Bewegung dienstlich Meldung und holte seine Ein- w i l l i g u n g zu einer Aussprache mit Mayr ein. Darauf erklärte ich mich zu der Unterredung bereit. Die Uebermittlung des Wunsches Mayrs zu dieser Unterredung durch Bell fand in Zeugen- gegenwart statt. Etwa eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit kam Bell zu mir ins Hotel und erklärte mir im Auftrage Mayrs: Mayr hätte doch Sorge, in den Kaiserhof zu koinmen, da dort Kriminalbeamte der(damals rot geleiteten) Po- lizei wären, die ihn erkennen könnten. Er wäre dann in seiner Partei unmöglich. Ich möchte doch zustimmen und mit ihm an einem neutralen Orte zusammenkommen. Da mir das gänzlich neben- sächlich erschien, willigte ich ein. Major Mayr erwartete mich auf der Straße an einem verein- karten Punkt und führte mich in die von ihm bestimmte neutrale Wohnung. Die Unterredung dauerte etwa 2� Stunden. Von dem Inhalt habe ich, wie ich mit Major Mayr vereinbart hatte, dem Führer Kenntnis gegeben und darüber nach meiner Rückkunft sofort gemein- sam mit meinem Rechtsanwalt Dr. L u e t g e- b r u n e ein Protokoll aufgenommen. Major Mayr ging von der Notwendigkeit einer anti- bolschewistischen Einheitsfront aus und entwickelte mir in sehr langen Ausführungen die Gedanken, die ihn veranlaßt hätten, diese Unterredung mit mir anzustreben. Im Laufe des Gesprächs erwähnte Mayr mehr- mals die persönlichen Angriffe gegen ni i ch und drückte seine Ueberzeugung aus, daß meine Beseitigung aus meinen eigenen Reihen in Aussicht stünde. Aus meinen Hinweis, daß es sich hier wohl nur um Phantasiegebilde handle. die ich nicht ernst nähme, sagte er. daß er anderer Auffassung sei und daß es ungeheuerlich fei, daß ich als Führer der SA. nicht einmal Kenntnis von den Plänen gegen mich hätte. Aus diesem Verlaus des Gesprächs ergibt sich ohne weiteres, wie lächerlich die anmaßende Behauptung Mayrs ist, daß ich bei ihm Schutz gesucht hätte. Am Ende der Unterredung bat mich Major Mayr, doch bald zu einer Fortsetzung des Gedankenaustauschs mich zur Verfügung zu stellen, was ich zusagte. Dem Wunsche des Major Mayr nachzukommen, ent- sprang allein der pflichtgemäßen Sorge um Gesundheit und Leben meiner SA.-Kameraden." So weit die Erklärung Röhms. Ueber ihren Neue SA.- Feme! Ueberkall des„Sturms 14"— Zahlreiche Verhaftungen bevorstehend 3m Berliner Westen spielte sich in den ersten Morgenstunden des Dienstags, wie erst jetzt durch die eingehenden Ermittelungen der Politischen Polizei bekannt wird, ein regelrechter Z e m e- akt der SA. ab. Etwa 20 bis 25 SA.-eeute verschafften sich Einlaß in eine Wohnung in der Kontstraße und schlugen dort den 18jährigen Hans Heinz S i e b e r von Bellmond brutal nieder. Der junge Mann. Sohn des verstorbenen Generalmajors a. D. von Bellmond, erlitt schwere Verletzungen und liegt noch immer bedenklich danieder. Diese neueste Femetat der SA. ist nur ein Glied in der Kette ähnlicher Verbrechen der Hitler-Burschen. Zu dem Ueberfall werden uns folgende Einzelheiten mitgeteilt: Der junge Mann war kurze Zeit Mitglied der NSDAP, und der SA. Vor einigen Tagen trat er aus der Hitler-Partei und ihrer Söldnertruppe infolge schwerer Differenzen wieder aus. Angeekelt von dem widerlichen Treiben inner» halb der SA. hatte von Bellmond auch in einem Schreiben an den SA.-Führer seinen Austritt ausführlich begründet. Der Sturm der SA., dem der junge Bellmond die kurze Zeit angehörte, hatte ihm für seine „Fahnenflucht" und seine„Angeberei" Rache geschworen. In der Nacht vom Montag zum Dienstag war der junge Mann als Gast bei einer befreundeten Familie in der Kantstraße. Den früheren„Pg.'s" war diese Tatsache bekannt und in aller Frühe gegen 5 Uhr erschienen in dem betreffenden Hause 20 bis 26 Mann des„Sturms l4" und verlangten Einlaß. Die Banditen hatten den Ueberfall so geschickt eingefädelt, daß ihnen vom Wohnungsinhaber trotz der ungewöhnlichen Zeit bedenkenlos geöffnet wurde. Zu spät er- kannte der Mann die Absichten der nationalsozia- listischen Strolche. Während zwei Mann auf der Treppe„Schmier e" standen, um den Rückzug gegen unvorhergesehene Ueberraschungen zu sichern, drang die übrige Bande in die Wohnung ein. Mehrere SA.-Leute waren mit geladenen Pistolen bewassnet. Als der Wohnungsinhaber ans Telephon eilen wollte, um das Ueberfall- kommando zu alarmieren, wurde ihm bedeutet, daß man ihn über den hausen schießen würde, wenn er auch nur einen Schritt wagen würde. Auch die Verlobte des Mannes, die auf den Lärm nach vorn gekommen war, wurde mit der Waffe in Schach gehalten. Ein großer Teil der SA.- Leute hatte sich inzwischen des jungen Bellmond bemächtigt. Unbarmherzig schlugen die Burschen aus den am Boden Liegenden ein, bis er keinen Laut mehr von sich gab. Mit schweren Kopsverletzungen sowie Hieb- und Trittverletzungen am ganzen Körper lag der junge Mann bewußtlos da. Nach der Tat flüchtete die Banditenschar und entkam. Die Politische Polizei ist mit der Auf- klärung dieser unerhörten Femetat beschäftigt, die aufs neue die heimtückische, ungezügelte Mordlust der Hitler-Garden unter Beweis stellt Wie wir aus dem Polizeipräsidium erfahren, liegt der Ueberfallene noch immer vernehmungsunfähig da- nieder. Bereits im Laufe des Tages kann mit emer Reihe von Verhaftungen gerechnet werden. Die Ermittelungen der Polizei werden, wie ver- sichert wird, mit allem Nachdruck betrieben. Wert ist zunächst zu bemerken: Major Mayr hat seine Aussagen vor Gericht gemacht und beschworen. Herr Röhm hat sich vor der Gerichtsverhandlung gedrückt, und zwar nicht nur er, sondern auch alle anderen wichtigen Zeugen aus dem Braunen Haus. Man begnügt sich, sage- nannte eidesstattliche Erklärungen an die Presse zu geben, aber man setzt sich nicht der Gefahr aus, unter Eid befragt zu werden. Weiter aber stellen wir aus eigener Wissenschaft folgendes fest: Am 2. A p r i l 19 3 2 hat die Unterredung zwischen Major Mayr und Röhm stattgesunden. Unmittelbar daraus veröffentlichte die„Münchener Post" Mitteilungen über die Existenz einer Zelle G im Braunen hause und deutete die Mordplöne gegen Röhm an. Am 9. April 19Z2 morgen s verösfenttichte der„vorwärts" diese Mitteilungen der„Münchener Post". Roch im Lause des vormittags des 9. Aprit 1932 erschien aus der Redaktion des„Vorwärts" Herr Bell, der außenpolitische Mitarbeiter und Vertrauensmann des Herrn Röhm. Er gab der Redaktion des „vorwärts" Erklärungen darüber ab. daß ein Mordanschiag nicht nur aus ihn. sondern auch auf den Stabschef Röhm und den Grasen du Moulin geplant gewesen sei. Er erzählte weiter Einzelheiten über die Gegensähe im Braunen Hause. namentlich zwischen Röhm und Paul Schulz. Herr Bell versicherte, daß er im Austrag von Herrn Röhm käme. Wir stellten danach fest, daß am 9. April mor. gens Röhm, der SS.-Zührer Himmler. Graf S p r e t i und in ihrer Begleitung Rechtsanwalt Lütgebrune aus München in Berlin angekommen waren und im„Kaiserhof" Wohnung genommen hatten. Sämtliche Personen, die als Objekte eines Anschlages einer Tscheka im Braunen Hause genannt worden waren, halten demnach München verlassen. Am selben 9. April verhaftete die Münchener Polizei sechs Personen, darunter den später verurteilten D a n z e i s e n. unter dem verdacht einer Mordverschwörung. Angesichts dieser unbestreitbaren Tatsache wird klar, wie lächerlich die Ausreden des Herrn Röhm sind. Erklärung Magrs Wie uns Major Mayr, der erst im Laufe des heutigen Vormittags nach Berlin zurückgekehrt ist, mitteilt, ist der Inhalt der Röhms che» Er° klärung eine einzige Kette von Lügen oder Zwangsvorstellungen. Major Mayr wird noch im Laufe des Tages in einer Erklärung zu den Behauptungen Röhms Stellung nehmen. „Eidesstattliche Versicherung" Röhms„eidesstattliche Versicherung" in der Presse erweist sich auch juristisch als typischer Nazibluff. Eine eidesstattliche Versicherung hat nur dann rechtliche Wirksamkeit, wenn sie vor einer zur Abnahme solcher Versicherungen zu- ständigen Behörde abgegeben ist. Ist dies nicht der Fall, so ist eine sich als„eidesstattlich" bezeichnende Erklärung nicht mehr wert als irgend- eine private Aeuherung. Insbesondere treten keine st rasrechtlichen Folgen ein, mag sie auch wissentlich noch so falsch abgegeben sein. Eine vor der Presse abgegebene „eidesstattliche Erklärung" ist daher ein Humbug! Das Ergebnis ist: Major Mayr hat seine Aussage vor Gericht beschworen. Röhm da- gegen hat sich als Zeuge vor Gericht gedrückt, er wird lieber 600 Mark Strafe zahlen, als eine eidliche Zeugenaussage über seinen Besuch bei Mayr zu machen. Hinterher übermittelt Röhm der Presse eine„eidesstattliche Versicherung", die keine ist, sondern eine wirkungslose private Aeuße- rung! Sagt das nicht genug? Die Nazwmschen von Breslau Die Lörse stsrli versckllllpit Die vernichtende Abfuhr, die die Kontingents- Politik der Regierung in Holland und in Italien erfahren hat, rief zunächst an der heutigen Börse allgemeine Verstunmung hervor. Erst im weiteren Verlauf des Geschäftsganges konnten sich die Kurse etwas erholen, und zwar auf ein Gerücht hin, wonach die Reichsregierung zu Konzessionen in der Kontingentierung entschlossen sei. Aus diese Gerüchte hin schritt die Baisse- spekulation zu Deckungen, so daß sich durchweg leichte Kursbesestigungen ergaben. JG. Farben hörte man mit 95>2 gegen 95, Siemens konnten sich von 117� auf 118 festigen, und Kunstseidewerte wiesen Besserungen bis zu 2 Proz. auf.— Der Rentenmarkt blieb bei kaum veränderten Kursen völlig geschäftslos. Rner der Messerhelden gefaßt? Beamtenschub in Vreußen Noch kurz vor der Entscheidung des Staatsgerichtshois Ahe der Amtliche Preußische Pressedienst mit- teilt, hat das preußische Staatsministeriuin in seiner Sitzung am 4. Oktober 1932 folgende Per- fonalveränderungen beschlossen: Mit der kommissarischen Verwaltung der Ob erpräsidenten werden beauftragt: In Königsberg: Regierungspräsident a. D. Kutscher. In Breslau: der Landrat in Reichenbach, Gras von Degenfeld. In Kiel: der Vizepräsident des Oberpräsi- diums Kiel, Dr. Thon. In Kassel: der Kurator der Universität Marburg, Geheimer Oberregierungsrat Dr. von hülsen. Der Regierungspräsident in Erfurt. Dr. Freysing, wird in den einstweiligen Ruhestand oersetzt. Zu kommissarischen Regierungspräsi- deuten werden ernannt: in Stettin der Landrat in Itzehoe, Göppert, in Magde- bürg der Ministerialrat im preußischen Finanz- Ministerium, Zachariae, in Erfurt der Mi- nisterialdirigent im preußischen Ministerium des Innern, Bachmann, in Münster der frühere Staatssekretär in der Reichskanzlei. Dr. Pünder. Regierungspräsident Dr. A b e g g in Schles- wig wird auf seinen Wunsch in gleicher Eigen- schaft in einem Regierungsbezirk in Mitteldeutschland verwendet werden. Als sein Nachfolger ist der L a n d r a t in Flensburg, Dr. W a l l r 0 t h, in Aussicht genommen. Er wird ihn während eine» bereits genehmigten Urlaubs vertreten. Luftfahrtskandal erlebigt HaHhekehl gegen den Dokumenien- iälscher Paris. 5. Oktober. tigener Bericht des„Vorwärts" Die Voruntersuchung über den Skandal in der französischen Luftschiffahrt hat am Diens- wg große Fortschritte gemacht. Der Unter- suchungsrichter, der zu der Ueberzeugung gekom- men war, daß die meisten der von dem Di- rektor der Aero Postale, Bouilloux-Lafont, als Beweismaterial eingereichten Dokument« ge- fälscht seien, lud am Dienstagabend Bouilloux- Lafont zu einer Vernehmung, die bis 1 Uhr nachts dauerte. Im Verlauf des Verhörs gab der Kläger schließlich den Namen der Person an, von der er die Dokumente erhalten hat. Es handelt sich um den Journalisten Lucien C 0 l l i n, der bereits einmal wegen Unterschlagung von Geldern be- straft worden ist. Der Untersuchungsrichter hat daraufhin einen Haftbefehl gegen Collin er- lasten. Mexiko gegen Vatikan ?äpstllcher Legat ausgewiesen Mexiko. 5. Oktober. Präsident Rodriguez hat entsprechend dem von der Kammer gefaßten Beschluß angeordnet, daß der päpstliche Legal. Erzbischos y Flores, das Landzu verlassen habe. Die Beziehungen zwischen der mexikanischen Re- publik und dem Päpstlichen Stuhl waren in den letzten Jahren abwechselnd sehr gereizt und ent- spannt. Normal waren sie nie gewesen. Der katholische Klerus steht in schärf st er Opposition zur regierenden Mehrheit und klagt über religiöse Verfolgungen. Die Regierung bestreitet entschieden. daß sie die Ausübung der Religion erschwere, aber sie besteht auf der Durchführung der gesetzgeberi- schen Maßnahmen, durch die sich die Kirche vor allem finanziell geschädigt fühlt. Die Lage hat gewiste AehnlichkeU mit den Kulturkämpfen in Frankreich zu Beginn des Jahrhunderts, als die Trennung von Kirche und Staat durchgeführt wurde. Allerdings wird der religiös« Kamps, namentlich von der halbzioilisier- ten Jndios-Beoölkerung, mit einem F a n a t i s» mus geführt, der vor politischen Mord- und sogar Eisenbahnattentaten im Namen von„König B r e s l a u. 5. Oktober. Eigener Bericht des„Vorwärts" Am Dienstagabend, gegen 22.30 llhr. versuchten drei Rationalsozialisten sich durch Heber- rumpelung der Rachtwache Eingang in die in der Garlenstraße gelegene Reichs- bannergeschäflsfielle zu verschassen. Die drei hakenkreuzler konnten rechtzeitig an der Ausführung ihres Vorhabens gehindert und kurz daraus von der Polizei festgenommen werden. Auf dem Wege zur wache warf einer der drei Festgenommenen hinter dem Rücken des Polizeiwachtmeisters einen Gegenstand fort. Als am Mittwoch früh die Stelle, wo der Razi den ihm pein- lichen Gegenstand weggeworfen hatte, von der Polizei abgesucht wurde, fand man unter einem Strauch ein großes feststehendes Messer. an dem noch v l u t haftete. Es ist anzunehmen, daß einer der drei verhafteten zu den Messerhelden gehört, die am gleichen Abend zwei Zungbannerkameraden niederstachen. Aufruf des Reichsbanners Aus Anlaß der Ueb erfülle, die sich am Diens- tagabend in Breslau abspielten, wendet sich die Gauleitung des Reichsbanners mit folgendem Ausruf an die Kameraden des Gaues Mittelschlesien: „Kameraden, seid aus der Hut! Die Nazi- Mordseuche wütet wieder. Gestern sind in den frühen Abendstunden an verschiedenen Stellen der Stadt heimwärts gehende junge Kameraden überfallen worden. Zwei unserer jungen Ge- fährten wurden durch Messerstiche in den Rücken schwer, ein dritter wurde leicht verletzt. Mit unserem Gruß„Freiheit" versuchten diese seigen „Erneuerer Deutschlands" stets in Ueberzahl die Angefallenen zu täuschen. Die Ueber- einstimmung in den Ueberfallmechoden läßt klar die Planmäßigkeit dieser neuen Aktion er- kennen. Trotz dieser neuen Opfer halten wir unerschütter- lich an unseren Freiheitszielen fest. Wir haben Opfer für die Republik gebracht, in einer Zeit, in der man sich berechtigt glaubte, uns stets aus- schließlich die Schuld zuzusprechen. Längst hat die Mehrheit des deutschen Volkes samt den früheren Weggenossen der Hitlerei erkannt und am eigenen Leib verspürt, welchen Geistes die Mörder der Nacht der langen Messer sind. Wir sehen in diesen blutigen Aktionen der Na- tionalsozialisten die Zuckungen einer zu- sammenbrechenden Parteidiktatur. Haltet eiserne Disziplin! Frecheit!" Belgischer vroiest Legen deutsehe keiehsnunister Brüssel. 5. Oktober. Eigener Beruht des„Vorwärts" 3r einem amtlichen Kommunique an die presse wird mitgeteilt, daß die belgische Regierung einen Protest an die deutsche Reichsregie- r n n g gerichtet hat, weil die Reichsminister G a y l und Schleicher an eine in Krefeld statt- gefundene Kundgebung der Landmann- schaft von Eupen-Malmedy, wo der wlederanschluß der neubelgischen Gebiete an das Deutsche Reich gefordert wurde. Begrüßungsschreiben gerichtet haben. Die amtliche Note weist auf die Erklärungen hin, die der Außenminister Hymans bereits anläßlich der Eupen-Malmedy-Entschließung des Reichstags am 24. März 1931 im bel- zischen Senat gemacht hat. Hymans berief sich damals auf den Vertrag von L 0- carno, worin Deutschland sich verpflichtet hat. den Gebietszustand Belgiens in seinen heutigen Grenzen aufrechtzuerhalten und gegen jeden Angriff zu garantieren. Hymans fügte damals hinzu, daß die belgische Regierung jede Diskussion über die Grenzen Belgiens ablehne. Ferner berief Hymans sich auf die in Eupen- Malmedy stattgehabte Volksabstim- m u n g(?), deren Ergebnis der Völkerbundsrat trotz deutschen Einspruchs als endgültig anerkannt hat. Die amtliche Brüsseler Mitteilung schließt mit der Bemerkung:„Die an den Krefelder Kon- greß gerichteten Botschaften können nichts anderes sein als eitle und bedauerliche Kund- gebungen. Sie können keine andere Wirkung haben, als der Befriedung der Geister entgegen- zuarbeiten." Der formelle Protest der belgischen Regierung entstand zweifellos aus dem Druck der nationa- listisch gesinnten Presse, die in dem Krefelder Kongreß und insbesondere in den Kundgebungen Gayls und Schleichers den erwünschten Anlaß zu Angriffen gegen die deutsche Regierung fand. Ein Lütticher Blatt ging sogar soweit, die Rück- berusung des belgischen Gesandten in Berlin zu fordern. Dieser nationalistische Wahn findet natürlich weder bei der belgischen Regie- rung noch in der öffentlichen Meinung Widerhall. Daß aber die gesamte öffentliche Meinung Belgiens von den Krefelder Vorgängen außer- ordentlich peinlich berührt wurde und sie die belgischen Befürchtungen über den außenpolitischen Kurs der neuen Reichsregie- rung bestärken, daran ist kein Zweifel. Auch die sozialistischen parlelkreise in Belgien, die über die sogenannte Volksabstimmung in Eupen-Malmedy und über die Frage des Selbstbcstimmungsrechts der dortigen Bevölkerung ganz anderer Meinung sind als Herr Hymans, stehen auf dem Standpunkt, daß auch nach dem deutlichen Wortlaut des Locarno-Ver- träges das Deutsche Reich sich des Rechtes begeben hat, sich für die Zugehörigkeit von Eupen-Malmdey weiter zu interessieren: denn in Artikel 1 dieses Vertrages wird ausdrücklich ge- sagt, daß die vertragschließenden Parteien sich gegenseitig die Ausrechterhaltung des territorialen status quo, wie er im Verfailler Vertrag fest- gelegt und auf Grund des Vertrages durchgeführt wurde, garantieren. Für die belgischen Sozialisten ist das künftige Schicksal Eupen- Malmedys noch durchaus eine offene Frage, aber eine Frage, die nach Locarno das belgische Volk mit der dortigen Bevölkerung allein zu regeln hat. Rundfunk-Scholz Familiendrama Sechs Menschen gehen in den Tod Roskilde(Dänemark), 5. Oktober. Ein furchtbares Fomiliendrama wurde hier entdeckt. Man fand den 48 Jahre alten Rechtsanwalt Conradsen, sein« 47 Jahre alte Frau, die drei Töchter im Alter von 17, 14 und 19 Iahren und den löjährigen Sohn durch Gas v e r g i s t e t tot auf. Auf dem Tisch lag ein von dem Rechteanwalt und seiner Frau unter- schrieben«? Zettel, in dem sie um Verbrennung der Leichen baten. Der Grund für den Verzweif- lungsschritt ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu suchen. „Vftr geben noch folgendes bekannt: die Nachricht meines Rücktrittes ist falsch. Charaktere wie ich sind dem heutigen Kurs unentbehrlich!" Christus" nicht zurückschreckt. Der Vatikan hat sich immer wieder mit dem mexikanischen Klerus sali- darisiert und ist von diesen blutigen Exzessen eines mittelalterlichen Gotteseifers nicht deutlich genug abgerückt. Die Ausweisung des päpstlichen Legats ist die Folge einer neuen Enzyklika, in der scharf gegen die behaupteten religiösen Verfolgungen durch die Regierung Stellung genommen wurde. Rätsel um Gesundheitssalz Die Gesundheitsbehörde untersucht Die Leiche des angeblich nach dem Genuß eines Gesundheitssalzes im Hedwigskrankenhaus ver- storbenen Neuköllner Einwohners R a u aus der Sanderstraße ist beschlagnahmt worden. Die Ob- duktion ist bereits angeordnet. Von der Gesund- heitsbehörde wird zur Zeit die Zusammensetzung des Salzes untersucht. Das Ergebnis liegt zur Stunde noch nicht vor. Wie wir noch erfahren. sind der Polizei weitere Erkrankungsfälle bisher nicht zur Kenntnis gelangt. Ländlicher Wahlsieg Sozialdemokratischer Gemeindevorsteher gewählt In Selmsdorf bei Lübeck wurde an Stelle des bisherigen bürgerlichen Gemeindevorstehers Michaelsen der sozialdemokratische Kan- didat Oldörp gewählt. Das Wahlergebnis ist folgendes: Von 643 abgegebenen Stimmen er- hielten der Sozialdemokrat 343, der bisherige Vorsteher 294. Das Wachstum unserer Stimmen ist der eifrigen Arbeit der Genossen zu danken und sollte überall zur Nachahmung anreizen! Fall Jürgens Kreditschwindel oder politische Hetze? Die Nachricht, daß der Staatsanwalt gegen die geschiedene Frau des Landgerichtsdirek- tor Jürgens wegen sortgesetzter Kreditschwin- deleien Haftbefehl erlassen hat, ruft die Erinnerung an den Fall Jürgens zurück. Im Jahre 1927 standen der damals noch nicht geschiedene Land- gerichtsdirektor Jürgens und seine Ehefrau vor Gericht unter Anklage des Meineids, des fort- gesetztes Betruges, des Versicherungsbetruges usw. Vorsitzender des Schwurgerichts war der durch die Femeprozesse und seinen späteren Selbstmord auch zu einer gewissen Berühmtheit gelangte Land- gerichtsdirektor Bombe. Das damalige Verfahren endete damit, daß nach mehrwöchiger Verhandlung Jürgens freigesprochen wurde. Seine frühere Ehefrau er- hielt wegen Meineides— unter Freisprechung im übrigen— die auffällig geringe Strafe von fünf Monaten Gefängnis. Das Urteil erregte beträchtliche Unzufriedenheit, die allgemeine Ansicht ging dahin, daß ein anderes Ehepaar mit feinen Cinlasiungen nicht den gleichen Glauben gefunden haben würde wie der Landgerichtsdirek- tor nebst Gattin. Der jetzige Haftbefehl gegen Frau Jürgens ist wohl ein deullicher Beweis dafür. daß sie im Jahre 1927 von der Betrugs- anklage kaum so leichten Kaufes losgekommen wäre, wenn ihre Persönlichkeit schon damals ebenso klargelegen hätte wie heute. Ob solche Klarheit nicht aber auch gewisse Rück- Wirkungen auf die Beurtellung ihres Gatten da- mals gehabt hätte?— Landgerichtsdirektor Iür- gens hat sich nach dem Prozeß frellich scheiden lassen. Vor Gericht aber erklärte er: er fühle sich völlig unschuldig und seine Frau— dies jage er als Jurist— sei genau so unschuldig wie er. Es liege gegen sie beide nur eine p 0 l i t i- s ch e Hetze vor. Er und seine Frau seien das Opfer politischer Rache, weil er in Pro- zessen gegen linksstehende Personen ein scharfer Richter gewesen sei. Das letztere stimmte. Aber stimmte die Be- hauvtung vom politischen Racheakt auch, die aus die Bombe-Kammer damals nicht ohne Ein- druck geblieben ist? Sollte jetzt gegen die seit fünf Iahren geschiedene Frau Jürgens etwa auch ein„politischer Racheakt" vorliegen, weil der Staatsanwalt sie wegen Kreditschwindelei ein- sperren will? Ganz gewiß nicht. Und ebenso gewiß hat auch damals gegen das Ehepaar Jürgens nicht der geringste po- litische Racheakt vorgelegen, sondern es lagen Finanzmanöver der bedenk- l i ch st e n Art vor, sin unerklärlicher mehrfacher Brand in der versicherten Wohnung usw. usw. Landgerichtsdirektor Jürgens hat damals diese Brandstiftungen auf„kommunistische Racheakte" zurückgeführt. Allerdings: als im Rechts aus schuß des Preußischen Landtags der Fall Jürgens be- sprachen wurde, da kam die Kriegsvergangenheit des— damals noch nicht verheirateten— Herrn Jürgens an Tageslicht. Aus Hannoper, wo er als Kriegsgerichtsrat gewirkt halle, wuroen Beschwerden über Jürgens vorgetragen, deren amtliche Nachprüfung sehr wünschenswert ge- wesen wäre, aber wegen emer inzwischen er- lasienen Amnestie nicht durchführbar war. Die geschiedene Frau Jürgens ist nun, nach fünf Jahren, von der Gerechtigkeit ereill worden. Herr Jürgens fungiert nach wie vor als hoher preußischer Richter. Warum auch nicht? Er ist ja unter Ueberbürdung sämtlicher Kosten auf die Staatskasse von der gegen i h n erbv'w—->" Anklage freigesprochen worden. Masfentoö durch Wolkenbruch Hundert Menschen ertrunken London. 5. Oktober. Nach einer Meldung der.Times" aus New'gork sind bei Tehachapi Canon(Kalifornien) 89 Leichen aufgefunden worden, die bei dem Wolkenbruch am Sonnabend ertrunken sind. Dreizehn andere Personen werden noch vermißt und gellen als verloren. Die Leiche einer Frau wurde 39 Kilometer von chrer Wohnung entfernt geborgen. Man befürchtet, daß außerdem noch 29 Wanderburschen von den Fluten überrascht wurden und ums Leben gekommen sind. planmäßige versammlungssprengung. Eine kommunistische Versammlung in Dresden wurde am Dienstagabend aufgelöst, nachdem Parteigegner den Versuch gemacht hatten, die Versammlung zu sprengen. Es war eine Schlägerei entstanden, bei der einige Perionen leichter verletzt wurden.— Haftentlassung im Salm-Prozeß Kein dringender Tatverdacht Achtmal geschüttelte Zwickel Im Warenhaus Bei Tietz frug eine mit Befremden: „Wie kommen mang die Seidenhemden Hier wollene Artikel zwischen?"— — Da stand sie an den Zwickeltischen... Der Kunde schimpfte:„Das ist stark! Ein Badeanzug zwanzig Mark! Der kostete einst zwanzig Nickel!" Des Rätsels Lösung nannt' sich: Zwickel. Was Lola ist, die ist mondämlich, Drum wollt sie ihn aus Blaufuchs nämlich: Doch weil sie Kurt zu Zickel zwang. Drum gab's um ihren Zwickel Zank. Trotz Kaloderma ist Helene Ein bißchen picklich um die Beene. Jetzt sieht man keine Pickel zwar: Sie kaufte gleich ein Zwickelpaar! Am Badestrand Gewaltig in den Badeschwarm Fuhr grimmen Auges der Gendarm, Und schau, schon hat er zwei am Wickel! (Es war ein Loch, ei weih, am Zwickel!) Kein Segel tut's, der Wind steht stille... Doch seht, wie durch der Boote Fülle Mit Schwung sich dies Vehikel zwängt, Well stolz am Mast ein Zwickel hängt! Herr Fritz, der Mituriente, Wollt nach der Prüfung nach Ostende: Doch gab's um die Matrikel Zwist. Nun hängt im Schrank der Zwickel trist. Der Schupo fragt die Badenixe. Warum sie hier den Herrn verwichse? Das Mädchen mit dem Zwickel nickt: „Na. wenn mich das Karnickel zwickt... Yoride. „General Percy gründet ein Königreich" Kalauerkomödie Die Verhandlung gegen die wegen Totschlags angeklagten Kommunisten unter Vorsitz des Land. gerichtsdirektors T o l k nahm heute morgen einen nicht nur sensationellen, sondern vielleicht auch in der Moabiter Kriminalgeschichte einzig dastehenden verlaus. Nachdem Professor Brüning mit aller Be- stimmcheit erklärt hatte, daß die Kugel, die den verstorbenen SA.-Mann G a t s ch k e traf, und die Kugel, die in dem dem SA.-Lokal gegenüberliegen- den Hause eingeschlagen ist, aus ein und demselben Revolver abgeschossen worden sind, und daß mich die übrigen Kugeln, die an den dem SA.-Lokal gegenüberliegenden Häusern Einschläge verursacht haben, unmittelbar vor den Häusern Nr. II und Nr. 12, also unmittelbar vor dem SA.-Lokal abgeschossen sein müssen, sagte Landgerichtsdirektor Tolk, für sämtliche Anwesenden vollkommen über- raschend: Ich mache die Anregung, ob nicht sämt- liche Angeklagten aus der hast zu entlassen wären. Die Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. R o s e n f e l d und Dr. Litten, stellten daraus den formellen Haftenllasiungsantrag. Staatsanwaltschaftsrat Dr. Wagner erklärte sich bloß mit der Hastentlassung derjenigen Angeklagten einverstanden, deren Frei- spruch er zu beantragen beabsichtige. Landgerichts- direktor Tolk: Wir können ja den Beschluß über 'Eigener Bericht des„Vormäris" Pari». 5. Oktober. Di« Taktik, die die französische Regierung gegen- über dem Vorschlag Macdonalds, eine Fünfmächtekonferenz zur Erörterung der deutschen Milllärforderungen einzuberufen, anzuwenden ge- denkt, läßt sich jetzt deutlicher erkennen. Sie will, da sie im Grunde genommen gegen eine der- artige Konferenz ist, nicht selbst die Verantwor- tung für die Ablehimng des Vorschlages über- nehmen, sondern sie auf die Reichsregierung ab- wälzen. So schreibt der„Matin":„Daß die gegen- wärtige Verwirrung aufhören muß, darüber ist sich niemand mehr im klaren als Herriot. Daher wird er sich nicht gegen jede Initiative wenden, die dazu beitragen würde, die Geister zu beruht- gen. Aber man muß wissen, wohin man steuert. Folgende Fragen verlangen daher eine klare und deutliche Antwort: 1. hat die von England ange- regte Konferenz die Billigung Deutsch- lands gesunden? 2. in welchem Geiste ist die Regierung von Papen berell, an der Kon- serenz teilzunehmen? 3. hält die Reichsregierung in bezug auf ihre Forderung nach Gleichberechti- gung das Problem im voraus für gelöst oder hält sie an den Bedingungen fest, die sie für die Wiederbeteiligung an der Abrüstungskonferenz aufgestellt hat?" Herriot hat also in der Unterredung mit Sir Simon von den Engländern gefordert, sich zu- Hvover ist optimistisch feindselige Kundgebungen au! seiner Wahlreise New Jork. 5. Oktober. Eigener Bericht des„Vormäris" Präsident hoover wurde auf seiner Wahlreisc tu Des vloiues(Iowa) von der Farmerschast mit feindlichen Kundgebungen empfau- geu. Die erbitterten Demonstranten wurden von VUliztruppeu vom Festzuge abgedrängt. Es koaute aber nicht verhindert werden, daß der Prä- sident durch hohnruse und Bemerkungen zu- gunsteu Roosevelts überschüttet wurde. Die Rede hoovers war io dem üblichen optimistischen Ton gehalten. Er behauptete, daß sich die Welt aus dem Aufwärtswege befinde. Die Krisen- schlacht sei endgültig gewonnen. Alle Kriegs- s«huldenzohlungeo müßten zum Ausbau der aus- läudischen Absatzmärkte für amerikanische Agrar- Produkte verwendet werden. Hakenkreuz-Kinderfest Rundfunkerneuerer am Werk Der Rundsuukzeit genösse des jetzigen uncntbehc- lichen Reichsrundfunkkommissars, Herr B e u m e l- bürg, der fast ebenso laut wie Scholz die „Objektivität" des neuen Freiherren-Rundfunks betont, hat mit der Dradag die musterhafteste Stelle de» ganzen deutschen Rundfunks über- nommen. Seine regierungetüchtigen Meldungen sind nur noch mit wohlwollender Rücksicht auf ein um geneigte Freundschast gebetenes nationa- listisches Publikum abgestimmt. Am Sonntag- abend ließ Beumelburg vom Treffen der Hitler- Jugend berichten, daß. nach Angabe der die Haftentlassung zurückstellen und die Anträge des Staatsanwalts abwarten. Auf ein paar Stunden kommt es jetzt doch nicht mehr an. Di« Verteidiger erklärten sich schließlich damit einverstanden. Landgerichtsdirektor Tolk verkündete daraus den Gerichtsbeschluß, laut dem sämtliche Nazi- zeugen wie auch der größte Teil der kommu- nistischen Zeugen unvereidigt bleiben sollen. Staatsanwaltschaftsrat Dr. Wagner erhiell das Wort zu seinem Plädoyer. Die Anklage des Totschlags müßte, so führte er aus, nach dem Er- gsbnis der Beweisaufnahme fallen gelassen werden. Es blieb jedoch schwerer Landfriedens- bruch. Wegen dieses Deliktes und wegen Rädels- führerschaft sei der Angeklagte Calm zu zehn Jahren Zuchthaus zu verurteilen, der An- geklagte Zweig wegen schweren Landfriedens- bruches zu zwei Iahren Zuchthaus, zu derselben «träte auch der Angeklagte Sterbt, während die Angeklagten Schall und T o b e h n zu fünf Jahren Zuchthaus zu verurteilen seien. Die Angeklagten Heine, Krüger. Beier und K a- lösche seien freizusprechen. Darauf beschloß das Gericht, samt- liche Angeklagte ans der Haft zu est» lassen. nächst mit Berlin ins Einoernehmen zu fetzen. Wenn Frankreich über die Absichten Berlins genau unterrichtet ist, wird es seine Antwort er- teilen. Pertinax wendet sich im„Echo de Paris" gegen diese Taktik und fordert Herriot auf, ohne alle Umschweife die Teilnahme an der Konferenz abzulehnen. Vlexikos neuer Qesandler Xarier Sanchez Uteiorada, ein früheres Mitglied des mexikanischen Ka- binetts, ist zum Gesandten seines Landes in Berlin ernannt worden. föjlun beim Reichsbanner Will in seinen Todesnöten, Wenn das Mordkommando rollt, Mensch zu Mensch der Nazi reden, Geht er hin zn Schwarz-Rot-Gold. Ist's unheimlich ihm zumute, Läßt's bei Feinden, bei den bösen, Über Freunde, über gute, Sich so schön die Zunge lösen. Kampfruf bleibt: Marxist verrecke! Doch in mancherlei Affären Lassen sie für manche Zwecke Leider sich nicht ganz entbehren. Hans Bauer. NEDA P., 36 000 Kinder in Zelten übernachtet hätten und daß sie am„Führer" vorbeideflliertsn, der eine Ansprache an sie richtete. Der drahllose Beumelburg vergaß auch die Erwähnung der Hakenkreuzfahnen nicht, um das festliche Bild seiner objektiven Zeitungsschau zu runden. Wenn er sich nicht auf die Berichte der national- sozialistischen Beranstaller verlassen, sondern einen eigenen Berichterstatter entsandt hätte, könnte man ihm wenigstens den Willen zur Objektivität zubilligen. Angesichts der ungeheuren Anstrengun- gen, die in dieser an Kinderseuchen so reichen Zell hier einer zusammengepserchten Jugendmasse zu- gemutet wurden, hätte eine sachliche Infor- mation den Nachrichtenfunk besonders notwendig erscheinen müssen. Den Hiller-Leuten durchaus wohlwollende Augenzeugen berichteten bei ihrer Heimkehr von diesem Jugendtreffen empört von dem erschöpsten Eindruck, den die gefährlich überanstrengten Kinder gemacht hätten, und von zahlreichen ohnmächtig Gewordenen. Beumel- burgs„objektiver" Nachrichtendienst sah nur eine Art Kindersest. Im Kleinen Theater herrschte Jux- stimmung wie im Lunapark, wenn die Kripo Sommerfest hält und die geehrten Festtellnehmer einlädt, einen Verbrecher zu suchen. Der Ver- fasser des Stückes, auf dem Zettel S i n d b a d genannt, sollte unter den Zuschauern sitzen. Nach dem Zettel sollte er Stresemanns ehemaliger Sekretär oder ein technischer Erfinder sein. Der Sekretär, der vielen von uns bekannt ist, wird wohl mit Unrecht verdächtigt. Nach dem Wunsch des Theaterzettels ist der Dichter Sindbad ein herrliches Genie, eine Kreuzung von Gosche und Schmeling mit einem kleinen Zuschuß von Wil- Helm Bendow. Was stimmt nun? Hat der Mann, der bis jetzt noch keinen Namen bat, wenigstens Talent? Er will die Komödie vom Juni 1972 schreiben. Ein Prophet also mit bissigen Plänen? Ein blinder Seher oder ein gepsefferter Pfiffikus? Kurz und gut, Sindbad macht sich so seine Ge- danken über den Zukunstsstaat 1972 wird ein„mitteleuropäischer Staat" amerikanische Kolonie. Also Deutschland. Das Land wird ausgepowert. Letzte Krise ist da. General Percy, Tributgeneral, Morgan-MU- lionenschieber, Geschäftsmann ff., powert Deutsch- land aus. Seine Tochter Mabel wickelt ihn um den Finger. Dafür wickelt Percy unsere Minister «in. Er kauft sich unser Land moralisch mit Geld und beschließt, da gerade der Reichspräsident ver- ftorben ist, und damit weder Baronsdiktatur noch Bolschewismus die uns gepumpten Amerikagelder gefährden, die Etablierung eines Königtums. Das geht nun vor sich, und die Satire setzt ein. Es sst aber Talmisatire und klischierter Witz. Der TaKesbekchle Rundfunkhörer strammstehen „Tagesbefehle"— welch schönes, geradezu symbolisches Wort für den chrisllich-national erneuerten Rundfunk! Eine solche Sendung läßt alle drahtlosen Wellen höher schlagen, und es ist kein Wunder, daß Berlin und Königs- Wusterhausen sich mit gleicher Begeisterung auf diese Münchener Veranstaltung stürzten. MUitärmärsche und historisch« Anekdoten liefert ja jeder Sender seinen Hörern täglich, aber nicht so prachtvoll naturalistisch, mit echten Schieß- geräuschen und Maschinengewehrtrommeln unter- malt. Das ist übrigens eine gute Idee: s o sollte man alle Militärmärsche senden, zum zweckvollen Angewöhnen. Jedem guten Bürger zum Mittag- essen seinen Kriegsschauplatz! sei die Parole. Es war durchaus zeitgemäß, daß Paul C i p p e r in seiner Einführung zu der Tier- schutzveran staltung der Berliner Funk- stunde betonte, man dürfe keinesfalls die Tier- schützler mit den Antialkoholikern oder den P a z i- fisten in einen Topf werfen. Bewahre— man weint als wahrer Tierfreund nur über die„sinnlos hingeschlachteten Krokodile": das ist kein ver- fpäteter Aprilscherz von uns, sondern es wurde tatsächlich vor«inigen Tagen im Programm der Berliner Funkstunde gesagt! Das Zerrissenwerden von Granaten und das Ersticken im Gasnebel ist für Mensch und Tier süß und erstrebenswert. Aus solcher Erkenntnis heraus setzt sich die Ber- liner Funkstunde auch heftig für Geburten- st e i g e r u n g ein. Dr. Roderich von Ungern- Sternberg erklärte es für eine„streberische Gesinnung", daß jetzt auch die proletarischen Schichten das Recht der Geburtenbeschränkung für sich in Anspruch nehmen Er weiß es ganz genau, weshalb die Frauen, die hinter den Maschinen in der Fabrik stehen, die tagaus, tagein in den Büros oder hinter den Nähmaschinen hocken, keine Kinder haben wollen: aus Geltungsdrang! Wer erfahren wollte, wie die Jugend Deutschlands aussieht, bekam ebenfalls an diesem Tage ein völlig objektives Bild davon im Pro- gramm der Berliner Funkstunde. Dr. Heinz Dähnhardt\ zeigte sie begeistert für G e- ländesport und Arbeitsdienst Pflicht, demokratische Minister muh natürlich ein Kon- junkturschwein werden. Er gibt sich reaktionär, um die Demokratie zu retten. Erster satirischer Puff. Die Pfaffen, Kardinal, Prälat, schleicheri- scher Prinzenerzieher sind verflucht gescheite Kerle, doch insgesamt verdammte Jesuiten. Zweiter Puff. Der Heereskommandant«in Rind- vieh in Paradeuniform. Dritter Puff. Die Königinmutter eins Schreckschraube, einstmals geil, jetzt gottesfürchtig, der Prinz selber, der künftig« König, etwa so reif wie der Säugling aus der Jdiotenanstalt, auftretend mit Domela- Manieren. Vierter und fünfter Puff. Jeder dieser Witze ist schabloniert, und da alle Leute. die von rechts und von links, gleichmäßig gepufft werden, so glaubt ein dankbares Parkett, daß ein herrlicher und objektiver Satiriker erschienen ist. Es kommt nicht zum Königreich. Dafür aber zur Hochzeit zwischen Mabel und Jack, dem Mischtyp Menjou und Tom Mix, der außerdem noch seinen künftigen Schwiegerpapa begaunert. ihn jedoch zum Trost an seinem Prosit beteiligt. Sechsdreier-Ueberraschungen für geistige Sieben- schläfer bietet Sindbad. Die Siebenschläfer fühlen sich erweckt, erheitert und zum Dank verpflichtet gegen Eugen Felder, den neuen Direktor des Kleinen Theaters. Er wird hoffentlich ein glück- begünstigter und dauerhafter Herr an dieser Bühne der künstlerischen Vagabondage sein. Noch inszeniert er zu pompös und provinziell auf seiner winzigen Bühne. Noch wird zuviel auf- getragen. Aber es sind einige Künstler da, wie Schröder-Schrom, Elinor Büller. B r e f i n, Hilde I a r y u. a., die unter schärfe- rer Zucht eine gesunde Truppe bilden könnten. M. H. und nur der, erklärte er,„wird zur lebendigen Jugend gerechnet werden dürfen, der diese Schulung auf sich nimmt." Tagesbefehle! Iz. Kunstskandal in Bellevue Vom Kartell der Vereinigten Verbände bildender Künstler Berlins geht uns folgende Zuschrift zu: „Am IS. September hat sich eine Sitzung des Kartells mit den unliebsamen Vorgängen vor Er- richtung und während der Eröffnung der Großen Berliner Kunstausstellung, Abteilung II, in gründlicher Aussprache beschäftigt. Das Kartell steht nicht an, seinem 1. Vorsitzenden zu bestätigen, daß er vollkommen korrekt im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten gehandelt hat und spricht ihm und seiner Leistung sein vollstes Vertrauen aus. Es wird erwartet, daß der Bund Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands nun so schnell wie möglich seine Ankündigung wahr macht, seine von der Großen Berliner Kunstausstellung entfernte Kollektion der Künstlerschaft, der Presse und der Oessentlichkeit in der alten Zusammensetzung vor- zuführen, damit ersehen werden kann, wie weit künstlerische Belange verletzt worden sind und wie weit in künstlerische Freiheit eingegriffen worden ist." Es war in der Presse als Kunstskandal charak- terisiert worden, daß die von der Leitung der Großen Berliner zugelassenen Ausstellung der revolutionären Künstler von der Bau- und Finanz- deputation hinausgewiesen worden ist. Da diese Deputation die Rechte des Hauseigentümers geltend machte und die Künstler nur geduldete Gäste sind, konnten sie in der Tat außer einen Protest nichts ausrichten. Org«U»>l,crte. Am 8. und 9. Oktober, 8 Uhr, finden zwei Orgelkonzerte in der Iakobikirche statt. Am 8. spielen Hermann Schelling und Wolfgang Auler Werke von Joh. Ccb. Bach, am 9. Prof. Günther Ramin aus Leipzig Orgelkonzerte von Händel mit Orchester. Eintritt 89 Pf. G-rhart Pohl, deifen Drama„stampf UNI st o I b e n a u" Im Vorjahr in Berlin aufgeführt wurde. hat soeben eine Boliskomödic„Kuhhandel" beendet, Berlin soll entscheiden Frankreichs Taktik gegenüber Macdonalds Vorschlag Erwartungen der Scharfmacher 25. Die Schlichter aus dem Reiche kamen am Diens- tag zusammen, nicht zu einer Konferenz— wie nach Bekanntgabe der neuen Durchführungsver- ordnung„hinsichtlich der Friedenspflicht der Ge- werkschaften" berichtigt wurde—, sondern zunächst nur zu einer informatorischen V o r b e- f p r e ch u n g. Dieser Vorbesprechung folgt heute die Konferenz im Reichsarbeitsministerium zur Beratung der Auswirkungen der Lohn-Rotver- ordnung Man mußte annehmen, daß der Reichsarbeits- minister die Schlichter über das Ergebnis der Nachprüfung der Neueinstellungsmeldungen, der Zahl der wirklichen Neueinstellungen, ohne die kurzsaisonmäßigen Einstellungen, die bereits vor oder gleich, nach Weihnachten wieder erledigt sind, über die Lohnkürzungsoersuche und die da- gegen geführten Abwehrstreiks, erst hören werde, bevor er irgendeine neue Entscheidung trifft. Wollten die Unternehmer nicht so lange warten? Die neue Verordnung ist vom 3. Oktober datiert, die Schlichter waren zum 4. Oktober bestellt, Vorher aber waren— wie uns von unterrichteter Seite versichert wird— die V e r- treter der Unternehmer beim Reichs- a r b e i t s m i n i st e r, um sich über die Abwehr- streiks zu beklagen, und auf ihr Drängen scheint die vorherige Veröffentlichung der Durchführung?- Verordnung zurückzuführen zu sein, Damit sehen die Scharfmacher aber ihre Wünsche noch nicht erfüllt, um für ihre weiteren Lohndrückereien freie chand zu haben, Sie haben vor allem Stimmung dafür gemacht, daß die Be- stimmung des Ss 90 des Arbeitslosen- versicherungsgesetzes aufgehoben oder wenigstens vorübergehend außer Kraft gesetzt wer- de» soll, wonach einem unterstützten Arbeitslosen die Arbeit in einem bestreikten Betrieb nicht zu- gemutet werden kann, � Man hofft auf diese Weise die Arbeitslosen zum Streikbruch zwingen zu können und erwartet obendrein als Ergebnis der Schlichterkonferenz ein direktes Streikverbot, Bor solchen Experimenten warnt auch die dcmo- Von der Schüchterkonferenz kratische Presse, Mit Recht schreibt die„Vossische Zeitung", schon jetzt sei in die Arbeitnehmerschaft eine solche Beunruhigung hineingetragen wor- den, daß zweifellos eine gefährliche Gegenbewe- gung in Gang kommen würde, wenn man die an- gedeuteten Experimente durchführen wolle. Die Arbeitnehmerschast aller Lager habe der Regie- rung Papen von Anfang an mit starkem Miß- trauen gegenübergestanden. Dieses Mißtrauen sei durch die Taten der Regierung kaum vermindert worden. Gerade die Folgen der Lohnsenkung-- Verordnung hätten aber der Regierung zeigen können, daß auch eine„autoritäre" Regierung für die Durchführung ihrer Absichten das Ver- trauen der Arbeitnehmer nicht entbehren könne, Wollte die Schlichterkonferenz die Hoffnungen der Scharimacher erfüllen, sie würde damit die Erklärung des Reichspräsidenten, daß der soziale Gedanke gewahrt werden solle, vollends zum Gespött machen. Im Europa-Haus wird eine Ausstellung über den Krieg„Die Fron t" gezeigt, eine Aus- stellung, die objektiv sein soll, Sie ist objektiv, was das Material betrifft, das ausgestellt ist. Ist es objektiv, wenn der Führer durch die Aus- stellung vom Krieg als von der„großen Z e i t" spricht, in der man sogar aus Papier Stoffe und Kleider hergestellt hat? Sehnt er sich nach dieser „großen" Zeit zurück? Ist es nicht ein Ver- brechen, wenn er die Frauen ganz ernsthast auffordert, ihren Männer» zu Weihnachten Gas- masken zu schenken(„Prospekte der Firma... können mitgenommen werden")? Es i st ein Ver- brechen! Für Gasmaskenfabrikanten mag der Krieg„etwas Großes" fein, für die Arbeiterschaft, für die Menschheit ist er die Katastrophe, ist er das Verderben! Für den Spießbürger zwischen l3 und 50 Iahren mag es „erhebend" sein, durch einen wiederaufgebauten Schützengraben zu gehen, er hat ihn ja im Krieg nicht geseheni für den Nazijüngling mag es „interessant" sein, Kohlrübenmarmelade zu sehen, er braucht sie ja nicht zu essen. Für den, der im Schützengraben gelegen hat, ist die Erinnerung schrecklich und furchtbar, nicht„erhebend und interessant"! Der Spießbürger geht lächelnd in die Ausstellung hinein und kommt lächelnd wieder heraus, er betrachtet lächelnd das Dum-Dum-Ge- schoß und die Handgranate--- Zungbanner Groß-Verlin. Heute keine Zu- sammenkunst der Jungbannerführer im Gaubüro. Wetter für Berlin: Weiterhin kühl, teils heiter, teils wolkig, schwache Winde aus Westen.— Für Deutschland: Im größten Teil des Reiches Fort- dauer des kühlen, beständigen Herbstwetters. Im Nordosten immer noch veränderlich, Die ,, Flamme des Briedens" In Neuville- St. Vaast bei Arras wurde durch den kriegsblinden Deputierten Scapini eine „Flamme des Friedens" enthüllt. 500 Mann entlassen Weil sie streikten Die Firma W i p p e r m a n n AG, in Ha- g c n- D e l st e r n, Abteilung Fahrradteile, wollte die Löhne„angleichen", weil ihre Erzeugnisse von einer katastrophalen Preisgestaltung betroffen seien. Die Arbeiter wandten sich durch Streik gegen die Lohnkürzung, worauf die Firma er- klärte, sie ziehe es vor, den Betrieb zu schließen, als zu den bisherigen verlustbringenden Löhnen weiter zu arbeiten. Die Firma betont ausdrücklich, daß die Einführung einer -lOstündigen Arbeitswoche mit entsprechender Lohnkürzung und Mehreinstellung von Arbeitern im Sinne der Notverordnung von ihr nicht ge- plant sei, Die Arbeiter sind der Auffassung, daß wenn sie hungern sollen, sie es besser ohne Arbeit als mit Arbeit tun können, schwere Schießereien zwischen Unterweltleuten ab. Bei der letzten Schießerei wurde sogar die Polizei mit den Burschen in einen Feuerkampf verwickelt, Es gelang jedoch, zwei Manner. die zum Verein „Atlantik" gehörten, festzunehmen, Dä die Ve- omten der Kriminalpolizei bei den Festgenomme- nen keine Waffen vorfand, wurde bei dem weib- lichen Anhang nachgeforscht. Dabei fanden die Beamten bei einer Haussuchung im Nordosten der Stadt unter einer Bettmatratze versteckt sieben gc- ladene Pistolen und über 100 Schuß Munition dazu. Die Festgenommenen, insgesamt 13 Per- sonen, werden dem Vernehmungsrichter vor- geführt, dem Fallschirm die Anschnallgurte mit einem Draht zu befestigen. Inzwischen war das Flug- zeug von 600 auf 80 Meter herpytergekommen, Der Fallschirm funktionierte tadellos, jedoch war tue Höhe zu gering, so daß Gauß schwer auf das Gelände niedersauste und so schwere Verletzungen erlitt, daß er auf dem Wege zum Krankenhaus seinen Verletzungen erlag, 82. Abteilung. Heute, 20 Uhr, Funktionärsitzung bei Schellhase. Rundfunk am Abend Mittwoch, 5. Oktober Berlin: 16.05 Hörberidit von der Dela. 16.45 Klaviermusik. 17.00 Kinderkalender Oktober. 17.20 Von der bildenden Kunst. 17.30 Rechtsfragen des Tages(Geh. Justizrat Prof. Dr. E. Heilfron). 18.00 Blasorchesterkonzert. 18.33 Die Funkstunde teilt mit. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 Blasorchesterkonzert. 19.30 R. J. Kreutz: Eigene Dichtungen. 20.03 Sinfoniekonzert. 21.00 und 22.00 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. Königs Wusterhausen: 16.00 Pädagogische Bücherstnnde. 16.30 Aus Hamburg: Nachmittagskonzert. 18.00 Alt-Berliner Gesellschaftskultur um 1800(Dr. M. Kramer, Adda Heynssen). 18.30 Geschichte der Tribute (A. Brockdorff). 18.53 Englisch(Marga v. Kuhlwein, Lektor W. Manu). 19.35 Zivilversorgung und Personalpolitik der öffentlichen Verwaltung(O. Mosbach). Sonst: Berliner Programm. Vollständiges Europaprogramm im„Volks- funk", monatl. 96 Pf. durch alle„Vorwärts- Boten oder die Postanstalten. Hierzu 1 Beilage. Schiefifcher WeberstreU Vergebliche Streikbrechersuche Eigener Bericht des„Vorwärts" Breslau, 5. Oktober, Die Streikbewegung in der schlesifchen Textil- industrie ist unverändert. Die Belegschaften der Textilsabriken in Langenbielau und Reichenbach streiken nad> wie vor. Am Dienetag ließen die Reichenbackzer Unternehmer eine Bekanntmachung veröffentlichen, daß ab Mittwoch früh die Fabrik- kontorc zur Wicdereinstellung solcher Arbeiter, die sich mit den von den Werksleitungen vorge- sd)lagen«n Lohnsätzen einverstanden erklären, ge- öffnet seien, und daß für hinreichenden Schutz der Arbeitswilligen Sorge ge- tragen werde. Dieser Versuch, in die Front der Streikenden ein« Bresche zu schlagen, war er- freulicherweise erfolglos, Am Mittwoch standen vor den Toren der Reichenbacher Textilsabriken nur sechs zum Streikbruch bereite Leute. Gtrafantrag im Weiß-Vrozeß Geldstrafe für Lippert, Gefängnis für Krause 3n dem Prozeß gegen die„Angriff-Redakteure Dr. Lippert und Krause wegen Beleidigung des Polizeipräsidenten G r z e s i n s k i und des Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß stellte heute der Vertreter der Anklage, Oberstaatsanwalt B u r ch a r d i. nach mehrtägiger Beweisausnahme die S t r o s a n t r ä g e. Er forderte gegen den Angeklagten Dr. Lippert wegen össent- licher Beleidigung und übler Nachrede eine Geldstrafe von 1500 Reichsmark oder ersahweise drei Wonate Gefängnis und gegen den Angeklagten krause wegen der gleichen Delikte die gesetzliche Blindeslslrase auf Grund der Notverordnung des Reichspräsidenten von je drei Wonaten Gefängnis für zwei Fälle der öffentlichen Beleidigung und üblen Nochrede, und zwar soll diese Strafe zu fünf Wonaten Gefängnis zusammengezogen werden. Weiter beantragte der Oberstaatsanwalt, den Angeklagten die kosten des Verfahrens aufzuerlegen. Den Nebenklägern, Polizeipräsident Grzesinski und Polizeivizepräsident Dr. Weiß, soll außerdem die Publikationsbefugnis des Urteils im „Angriff" und in fünf weiteren politischen Tageszeitungen zugebilligt werden. Der„Vorwärts" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal, Sonntags mit der illustrierte« Kupfertiesdruckbci lage„Volk und Zeit". besteht kein'Anspruch der Abonnenten auf Ersatz,. Anzeigenpreise: Die einspaltige Millimeter zeile M Pf,, Reklamezeile 1,50 RM,„St leine An• zeige u": das fettgedruckte Wort 2» Pf,, jedes weitere Wort U> Pf. Rabatt laut Tarif. Worte über lä Buchstaben zählen doppelt, Arbeitsmarkt: Millimctcrzeilc 2b Pf. Fam ilienanzeigen: Millimetcrzeilc Iii Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Berlin SW, KS, Lindenstratze 3, wochentäglich von 814 bis 17 Uhr, Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht gen ehmcr Anzeigen vor. � Verantwortlich für Politik: Richard Schwartz; Wirtschaft: G. Ztlingelhöfcr; Gewerkschaftsbewegung: I. Steiner; Feuille. im Lcpdrc: Lokales und Sonstiges: Fritz Karstädt; Anzeigen: Otto Hengst; sämtlich in Berlin. ton: Herbert Verlag: Vorwärts-Berlag G. m, b, H. Druck: Vorwärts Buchdruckern und Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., beide Berlin SW.«8, Lindenstratze 3. ftaals fec Theater Mittwoch, den 5. Oktober staatsoper Unter den Linden 191,2 Uhr Der Rosenkavalier Staatliches Schauspielhaus 20 Uhr Die Journalisten Die„Atlantik" Bande Waffenlager in der Matratze In den letzten Tagen sind von der Berliner Kriminalpolizei nach langwierigen Ermittlungen 11 Mitglieder des berüchtigten Vereins „A t l a n t i k" festgenommen worden. Unter den Verhafteten befindet sich eine Frau, die ihre Wohnung als Waffenversteck hergegeben hatte, In den letzten drei Monaten spielten sich n der Lange Straße, bald darauf in der Weberstraße und zuletzt, vor etwa drei Wochen, am Friedrichshain Fliegertod Leim Drehen eines Doopings verunglückt Wannheim, 5. Oktober. Im Mannheimer Flughasen ereignete sich gestern ein tödliches Flugzeugunglück, Der 24 Jahre alte Pilot Gauß, der mit eineni Privat- flugzeug aufgestiegen war, drehte in 800 Meter Hohe einen Looping. Als er aus dem Looping herauskam, war die Maschine in starker Fahrt. Es gelang dem Piloten, die Maschine, deren Trag- flächen bereits flatterten(ein Vorzeichen des Flügelbruchs), wieder anzuziehen, er beging je- doch die Unvorsichtigkeit, vor dem Abspringen mit Theater am Bttlowpiatz D l. Norden 2944. Allabendlich 8*4 Uhr Letzte 3 Au ff Ii hm n gen Der Revisor Regie: Hoinz Hilpert Sonntagnachm. 3Vs Uhr Premierenbesetzung.— Preise 0.75 bis 4.— Mk. Stettiner Sänger Reichshallen-Theater (Dönhoffplatz) j' Dir. Meyscl. Dir. Meysel. Tägl 8.15 Uhr, Sonntags 3J0Uhr(ermäßigte Pr.) Das neue Programm mit der Posse „Und abends wird getanzt*1 Ä* n I 8 Uhr 15. Flora 3434, Räumen erl. Vier Bronnetts, 1 George Dormonde, Lord Ain, I Mary Erik& Co., 7 Alfredos u. s. w. Wartnn. abends schon von 70 Pf. iidllLlI. nachm. von 50 Pf. an l Slam, oper Charlottenburc Fraunhofer 0231 Mittwoch, 5. Oktbr. Turnus III: flacbem 20 Uhr Onegin, Reinmar, Andr�sen, ßottlieb, Cavara, Feher. Dirig.: Fritz Stiedry »v.uhr CASinO-THEATER•■'.üh. Lothringer Strafe 37. iiiimiiiiiiiiiiimiiiiHMiiiiiiiHiiiiii Aach Sonntags nachm. 4 Uhr; Humor! Stimmung! Man lacht Tränen über Direktor Hans Berg als Tante Julchen. Gutschein für die Leser 1—4 Personen Faut 0.7S M.. Sessel 1.25 M.. Park. 0.50 M. Schiller Grolmansir. 70/71 SteinpL(C 1) 6715 Nur noch 8 Vonteilungen Täglich 8V« Uhr Der 18. Oktober Sonnig.. 9. Okt., Uhr: Einmalige Aufführung: Die versunkene Glocke Oeutidies Theater Weidend. 5201. 8 Uhr Rose Bernd von Geihart Häuptmann mit Paula Wessely Hammerspiele 81/« Uhr Lefzte Aufführungen Schicksal nachWunsch Freitag, 7. Oktbr M VerlöhDis von Rich.Billinger f BERLINER THEAtN A 7 Dönh. 625 Letzte Woche f 89. Uhr MOISSI 1 Der lebende] I Leichnam| l BO Pf.— 4 M I Rose- i heaief iroBe Frankfurter Straüe 132 fei. Weiduel E 7 3422 515, 8 30 Uhr Der Hauptmann von Köpenick JUERGEfc5 i Alexanderplatz Neue Königstr.43 Heimarbeit zu vergeben Socken, Paletots, Ulster G e p a, Dircksenstr. 46 Zu melden Donnerstag1 37-7 Uhr abends BEILAGE VomUZ MITTWOCH, 5. OKT. 1932 flot- oder Hungetp? Eine ä\$iiiefie tflundCxagc/ Ton dth, �uCiui Wose» Die Reichsregierung setzt konsequent den Weg der unsozialen„Not"- Gesetzgebung sort, den Popen bei seinem Amtsantritt in unverblümten Worten angekündigt hat:„Der Staat ist keine W o h l t ä t i g k e i t s a n st a l t!" Sie hat de» Industriellen Geschenke gemacht, indem sie die Axt an das Tariswesen legte und ihnen Steuervorteile verschaffe, von denen die arbeiten- den Schichten der Bevölkerung ausgefchlossen sind: jetzt schüttet sie das Füllhorn ihrer Gaben über die landwirtschaftlichen Grundbesitzer aus, denen die Zinsen für ihre Schulden herabgesetzt werden und denen zuliebe eine scharfe Kontingentierung der lebenswichtigsten Nahrungsmittel eingeführt wird. Ilm die Preise der landwirtschaftlichen Produzenten hochzuhalten, wird die Einfuhr der wichtigsten Gemüse, wie Kohl, Tomaten und Zwiebeln, der wichtigsten Sorten Obst, der B»t- tcr, des Kase, des Specks und Schmalzes, der Schlachtrindcr, der Erbsen und Reisabfällc u.a.m. durch Kontinpenticrung verhindert. Unter- dessen stehen Millionen industrieller Arbeiter, Mil- livnen von Arbeitslosen, die durch die gleiche Re- gierung aus der Versicherung entweder ganz her- ausgeworfen wurden oder deren Unterstützungen bis auf ein Minimum gekürzt wurden, vor der Tatsache, daß ihre Ernährung noch mehr als bis- her erschwert wird, ja, daß die Gefahr des Hungers, der heute ähnlich wie im Kriege de- reits seine verheerenden Wirkungen zeigt, zu einer allgemeinen Gesahr für die arbeitenden Menschen wird. Reichsernährungsminister Frei- Herr von Braun hat in seiner Rede vor dem bayerischen Landwirtschastsrat in München richtig gesagt, daß die Arbeitslosigkeit in den Städten ein agrarisches Problem ist, denn der Bauer wird durch den Rückgang des Konsums infolge der zurückgegangenen Kauf- kraft schwer betroffen. Diese Feststellung würde auch den Weg weisen, wie dem Bauern zu helfen ist: durch die Erhöhung der Kaufkraft der Ar- beiter. Wenn aber die Regierung konsequent diese Kauskrast untergräbt, indem sie die Löhne der Arbeiter kiirzt, ihre Unterstützungen beseitigt, die'�-Tarifverträge im Interesse der Industriellen aufgebt, dann macht sie es dem Arbeiter unmög- lich/ die landwirtschaftlichen Produkte zu kaufen. Wenn st« aber jetzt noch außerdem die Einfuhr billiger Lebensmittel einstellt, dann beschwört sie die Gefahr des Hungers für das gesamte städ- tische Proletariat herauf. Freiherr von Braun erklärte:„Wir stehen im kommenden Jahr bei einer mittelguten Ernte bereits vor der Gefahr, daß wir eine Ueberproduktion an Getreide haben, die es nur mit erheblichen Reichszuschüssen mög- lich macht, die Getreidepreise auf auskömmlichem Niveau zu erhalten." Sicherlich ist«r seiner Mei- nung nach ein guter Christ, denn er gehört einer „christlich-nationalen" Regierung an. Kommt es ihm da nicht in den Sinn, daß er sich auch im theologischen Geiste einer schweren Sünde schuldig macht? Seit jeher bestand das Gebet der From- men in dem Flehen nach Brot. Prozessionen wurden abgehalten, um eine reiche Ernte zu erflehen. Als unser größtes Unglück im Krieg war die nicht ausreichende landwirtschaftliche Pro- duktion anzusehen! Und jetzt gilt in den Augen eines Ministers die Ueberproduktion an Nahrung als Gefahr! Cs gibt aber keine Ueberproduktion an Rah- rungsmitteln, ihre Perteilung ist heute so, daß Millionen Menschen hungern! Gäbe es eine Ueberproduktion, dann müßte ja das gesamte Volk gesättigt sein! Bor zwei Jahren habe ich der damaligen Reichs- regierung, dem Reichstag, allen Abgeordneten, den Länderparlamenten u. a.' m. eine umfang- reiche Denkschrift überreicht unter dem Titel: „Arbeitslosigkeit— ein Problem der Volksgesundheit." In dieser Denk- schrift sind eine große Zahl von Berichten ent- halten, die Direktoren medizinischer Universitäts- institute, Kliniken, Krankenhäuser, Fürsorgestellen u. a. m. über die volksgesundheitliche Auswir- kung steigender Arbeitslosigkeit niedergelegt haben, Berichte, die keinen Zweifel aufkommen ließen an dem katastrophalen Niedergang unserer Volks- gefundheit. Heute, nach zwei Jahren, bin ich erneut an die- selben Kreise mit der Bitte herangetreten, die Er- fahrunaen des Jahres 1930 auf die Jahre 1931/32 auszudehnen. Aus den Antworten: „Die auffallendste Erscheinung für mich als Kinderarzt", schreibt uns der Berliner Kinderarzt Dr. B ut te n w i e s e r,„ist die schleichende Hungersnot, die während der letzten Jahre immer weitere Kreise der Bevölkerung ersaßt." Buttenwiescr gibt einen täglichen Speisezettel einer vierköpfigen Familie wieder, die nach drei Jahren Arbeits- losigkeit eine wöchentliche Wohlfahrtsuntersliützung von 18,75 M. erhält: 1. Frühstück: eine Tasse Milch mit einer trocke- nen Schrippe. 2. Frühstück: eine Marmeladenstulle. Mittags: Suppe mit Maggiwürfeln und Kar- löffeln. Nochmittags: eins Tasse Milch oder in den seltensten Fällen Kakao und eine trockene Stulle. Abends: Brei oder eine Margarinestulle. Folge: das älter« Kind hat infolge des chro- Nischen Hungers in den letzten 7 Monaten statt 2 bis 3 Pfund zuzunehmen, wie es seiner natürlichen Entwicklung entsprechen würde, 0 0 0 Gram m abgenommen. Dos sind die Folgen der„Ueberproduktion" an Lebensmitteln! Die Einfuhr von billigem Obst wird verhindert. Haben wir denn billiges Obst so reichlich? But- tcnwieser stellt fest:„Bei Säuglingen macht sich der'Mangel an O b st und G e- müsen vor allem während des Win- ters in einer geringen Zunahme der Rachitis und der Spasmophilie gel- t e n d.... Der ausgedehnten Prophilaxe durch Aerzte und Fürsorgestellen oerdanken wir es, daß Rackitis und Spasmophilie nicht noch in stärkerem Maße aufgetreten sind. Skorbut der Säug- linge, die auf Mangel an Vitamin C beruhen, kamen diesen Winter auch wieder vermehrt in meine Behandlung." Stadtarzt Dr. Richard Roeder schreibt uns: „Bei einem größeren Prozentsatz der Bevölkerung macht sich eine deutliche V e r- schlechterung der körperlichen Ver- fo s s u n g bemerkbar, und zwar von den Greisen bis herab zum Kleinkind«.... Die Erfatzernäh- rungsfürsorge der Städte ist die Maßnahme, die den gesundheitlichen Zustand großer Kreise auf einer Höhe hält, daß sie den Körper noch zur Eivenverteidiguna befähigt. Werden die Unter- stützungssätze noch geringer oder bricht die Er- nährungsfürsorge der Städte zusammen, so sind wiederum die Kriegsverhältnisse gegeben und eine gesundheitliche Katastrophe desselben Ausmaßes setzt ein." So sieht die„Ueberproduktion" aus! Prof. Dr. Moro, der Leiter der Heidelberger Universitätskinderklinik, schreibt uns u. a.:„Es ist— wie nicht anders zu erwarten— nicht besser, sondern viel schlechter geworden. Schlech- ter geworden vor allem in bezug auf Rachitis. Reinhaltung und Ernährungszustand der Kinder____ Am traurigsten ist jedoch die Tatsache, daß die Unterernährung älterer K i n d e r an der Tagesordnung steht. Die kaum still bare Eßgier von Schulkindern, die in die Klinik aufgenommen werden, und das Schwinden der mannigfachen Beschwerden, deret- wegen sie gebracht wurden, in unmittelbarem An- schluß an Sättigung und Gewichtszunahme läßt sich nicht anders erklären, als durch vorheri- gen Hunger...." Stadtrat Medizinalrat Dr. Gettkant sagt, daß„die Ernährung des Säuglings nicht in der Weise erfolgen kann, wie sie fürden Aufbau des kindlichen Organismus gefordert werden muß. Insbesondere können die Eltern den Säuglingen nicht die genügende Menge an Gemüsen und Frischobst zuführen, und wir hören immer wieder von jenen die Klage, daß sie hierfür kein Geld haben.... Wenn der Allgemeinzustand der Kin- der bisher in deutlich sichtbarer Form noch nicht gelitten hat, so kommt das daher, daß die Eltern auch heute noch das wenige, was sie an Lebens- Mitteln haben, zunächst ihren Kindern zukommen lassen und selbst lieber hungern." Di« Eltern haben kein Geld für Gemüse und Frischobst! Freiherr von Braun aber spricht von dem „Druck der Schleuderpreise der Deutschland überschwemmenden landwirtschaft- lichen Erzeugnisse des Weltmarktes". Der Berliner Frauenspezialist Dr. Max Hirsch schreibt uns:..... Es hat sich im Laufe des letzten Jahres der Eindruck befestigt, daß sich der unfreiwillige Abort häusiger er- eigne als früher, besonders bei Frauen, deren Ernährungszustand durch Ar- beitslosigkeit gelitten hat." Sanitätsrat Dr. Otto Juliusburger:„Ich kann auf Grund eigener Beobachtung nur hinzu- fügen, daß mehr und mehr die deutlichen Zeichen der Unterernährung in immer weiteren Kreisen der Be- völkcrung sich zeigen... Die Aerzte selbst können gegen diesen ch r o n i- schen Hungerzustand weiter Bevölkerungs- kreis« nichts tun!„Vom ärztlichen Standpunkt aus", schreibt Dr. B u t t e n w i e s e r,„bedeuten Hunger und Unterernährung als Abweichung vom Normalen einen pathologischen Zustand wie jede andere Krankheit, und wenn sie weitere Kreise der Bevölkerung erfaßt, ist sie ebenso wie eine Seuche für die Gesundheit des Volkskörpers zu bewerten. Leider ist uns als Aerzten die Möglichkeit genommen, diese Krankheit zu bekämpfen, trotzdem uns die Medi- kamente nicht unbekannt find. Aber Eiweiß, Fett und Kohlehydrate fehlet in dem A r z n e i v e r o r d n» n g s b u ch. das uns z u r V e r f ü g u n g st e h t." Man soll sich in den Kreisen unserer Regie- rung nicht täuschen über den Ernst der Situation! In Zeiten steigender Not bestimmt der knurrende Magen die Gedankenrichtung der Menschen, poli- tisiert der knurrende Magen die Massen in radi- kaler Richtung! Die Philosophie der Satten will dem Hungernden nicht einleuchten. Not lehrt stehlen! Unsittlich und unmoralisch sind nicht die Opfer des Hungers: unmoralisch handeln diejenigen, die den Hunger dulden und ihn geradezu fördern:„Drei Tage lang hungern machen ein Vieh aus einem Menschen!" Es gibt nur einen Arzt, der die Hungersge- fahr bekämpfen kann: das ist die Regierung und vor allem das Reichsernährungsiiiinisierium. Lei- der aber fühlt sich dieses in erster Linie als Sach- walterin der agrarischen Produktionsinteressen, als Landwirtschaftsministerium. So kommt es denn, daß in einer Periode des Hungerns die wichtig- ften Nahrungsmittel künstlich und bewußt im Preise hochgehalten werden. Daran ändern auch die schönsten Phrasen nichts! Wenn Herr von Braun in seiner Rede von der Verbundenheit des Menschen mit der Scholle und seinem Heimatland, wozu das Gefühl der Ehre und Freiheit gehöre, spricht, so fragen wir ihn, ob es nicht besser wäre, den Menschen das Gefühl der Sättigung zu verschaffen! Mit Phrasen kann man eine volksgesundheitsfeindliche Politik nicht vertuschen! Spuk am Wockencnde 2tuch Gespenster haben nichts zu lachen in dieser sachlichen Zeit. Der Respekt vor dem Uebernatür- lichen hat bei den modernen Menschen den Tief- stand erreicht. Ehrwürdige alte Geister werden auf langweiligen Abendgesellschaften zitiert und förmlichen Verhören über ihre Privatangelegen- Helten unterzogen. Die englische okkulte Gesellschaft: tbe societv for pscydiic researdi spürt alles auf, was irgendwo herumspukt— niemand kann mehr ungestört gegen die Naturgesetze verstoßen. Oscar Wilde berichtet von einem armen englischen Schloßgespenst, das von einer vulgären Ameri- kanerfamilie mit Kopfkissen und Reklameartikeln zu Tode gehetzt wurde, respektive zurück in die Sterblichkeit. Welch seltener Genuß muß es für ein Gespenst heute sein, wenn sich ein Hinter- wäldler oder eine alte Jungfer noch richtig vor ihm grault— vor den modernen Menschen graulen sich sicher die Gespenster. Natürlich ist das Gespenst von heute eman- zipiert(von Leinentüchern wenigstens) und hält auf ein gutes Aeußere. Ein Freund war in den Küstenkordilleren einem sehr gepflegten und in jedem besten Sinne menschlichen Gespenst begegnet, zu dem er sich wie zu keinem anderen Wesen hin- gezogen fühlte, und er konnte seine Eigenschaft, prompt zu verduften, nur mit Betrübnis feststellen. Aehnlich erging mir's in einem kühn gewählten Landquartier Ein Gespenst half durch seine niedliche Erscheinung einen drohenden Konflikt zu vermeiden, der ein böses Ende hätte nehmen können— eine ganz kuriose Geschichte. Um billig und ungestört zu wohnen hatte ich mir ein ländliches Spukhaus ausgesucht. Ich stieg bei Nacht und Nebel durch die zerbrochenen Fenster- scheiden eines verwahrlosten halbabgebrannten Bauernhofes, an einer düster einsamen Waldsee- ecke, wo man vor gar nicht langer Zeit eine er- mordete junge Verwaltersfrau verkohlt aufge- funden hatte. In diesem verrufenen Landhause glaubte ich mich geborgen gegen jeden uner- wünschten Zuzug und Zins. Auf einer hinfälligen Chaiselongue, der die Drahteingeweide heraus- hingen, hatte ich mir ein Lager zurechtgemacht und starrte zufrieden durch die Spinnwebengardine in die Nacht des Hofes hinaus, der voller Brenn- nesseln und Disteln stand... aus den Kellern tönten Unkenrufe und in dem Obstgartendschungel die Schreie der Nachtvögel: es war leidlich ge- mütlich. Als ich die Kerze gelöscht hatte, drang ein ver- dächtiger Lichtschimmer aus der Brandstätte jenseits des Hofes herüber. Das Gespenst, dachte ich, und versuchte mir, nach den Ortsberichten ein Bild von der zwanzigjährigen ermordeten Hamburgerin zu machen, die nun erscheinen würde. Nachdem ich lange vergeblich gewartet hatte und bereits zu dösen begonnen hatte, stand plötzlich ein Gespenst vor mir, ein Mittelding zwischen einem Engel und einer Range mit langen Wimpern über opal- sarbenen Augen— ein Wesen, nach dem sich ein Kinoregisseur die Finger lecken könnte. „Wat willst« denn hier? fragte die Erscheinung streng. Es war eigentlich eine zweite Erscheinung, ein tätowiertes Männchen, das mit einer Blend- laterne hinter dem hochgewachsenen Backfisch auf- tauchte und diese Frage tat:„Hast du se kalt jemacht, det de hier herumjespensterst? Ich wehrte heftig die Zumutung ab, für einen Mörder zu gelten, aber gerade das wars, was mir die Ermordeten(für die ich diese beiden Erschei- nungen anfänglich hielt) besonders verübelten. „Det herumspuken ist Unbefugten hier strengstens verboten!" schrie der Tätowierte, und seine Fäuste zeigten, daß er nicht mit sich spaßen lieh. Es war ein abgebauter aber sonst noch lebendiger Seefahrer, der schon den ganzen Sommer über mit seiner Tochter Lotte hierher angeln kam, und niemand störte das Treiben der beiden, weil man dachte, sie kämen aus einer anderen Welt, wo es keine Fischerkaten gibt. Und wer war ich? Ich war ein Eindringling, der den Frieden störte. Zu einem Kampf der Gespenster kam es indessen nicht. Ich pachtete der schönen Wimpern halber den Hof für ein paar Mark und lud die altein- gesessenen Geister ein, gefälligst an jedem Wochen- ende in der Scheune spuken zu wollen und Regen- würmer mitzubringen. H. H. Hauptmanns J)tamen Der Verlag S. Fischer, der ja mit dem Werk des Dichters aufs engste verbunden ist, bringt zu Hauptmanns 70. Geburtstag seine Dramen neu heraus.(Gerhart Hauptmann: Das dramatische Werk.) Die Ausgabe verrät die Not der Zeit. Das 3000 Seiten umfassende Werk ist bei einer Unterteilung in sechs Teile in zwei Leinenbänden zusammengefaßt, so daß auf den Band mehr als 1000 Seiten entfallen. Dieses Lexikonausmaß macht die Ausgabe natürlich un- handlich. Aber augenscheinlich bemühte sich der Verlag um äußerste Billigkeit, und 1 6 M. für das dramatische Werk sind im Vergleich zu der wesentlich teueren, vor dem Kriege als billig an- erkannten Volksausgabc eine verlegerische Leistung. Hoffentlich gelingt es, auch das erzählende Werk Hauptmanns noch zu seinem 70. Geburtstag her- auszubringen. Ueberschlägt man das dramatische Werk mit seinen über 30 Dramen, die zwischen 1889 und 1932 erschienen sind, so kommt einem so recht zum Bewußtsein, wie sehr sich hier eine Epoche und ein Menschenwerk in sich selbst rundete und wie arm an geistigem Kulturgut die Nachkriegszeit ist. die nach vier alles zerstörenden, 12 Millionen Tote hinterlassenden Jahren nichts Besseres zu preisen weiß als eben jenen Geist der Gewalt, an dem der Wohlstand, die Kultur und das Glück ganzer Generationen unterging. Man mag mit Gerhart Hauptmann oft gehadert, einzelnen seiner Werke ein„Nicht genug!" zugerufen haben, es bleibt in seinem Werk so viel an dauerndem Wert, und dieses so viel umspannt eine derartige Weite und Tiefe wortgewordenen Menschtums, eines Mensch- tums, das sich selbst treu blieb, daß der Dichter, Repräsentant einer vergangenen Epoche, trotzdem der würdigste Repräsentant der Jetztzeit bleibt, die an Gewalttat und menschenverachtendem Zynis- mus so reich, an wahrer Geistigkeit, einst als der Wesenszug des Deutschtums gepriesen, so arm ist. ftopöro. £tdc ßeßie" Nach der biblischen Sage sollen an der Stell«, wo in Palästina das Tote Meer liegt, einst fünf Städte: Sodom, Gomorrha, Adama, Zeboim und Zoar gestanden haben. Durch„Gottes Zorn" sind die beiden ersten von der Erde verschlungen worden. In Wirklichkeit fand damals ein Erdbeben mit dem größten tektonifchen Einbruch statt, der sich je auf Erden vollzogen hat. Es entstand die oft- afrikanische Bruchstufe, der sogenannte Große Graben, der sich von Antiochia in Kleinasien über das Rote Meer hinweg, der östlichen Seite 'Afrikas entlang bis zum Manjara-See(im früheren Deutsch-Oftafrika) in etwa 4500 Kilo- meter Länge erstreckt. Seen erfüllen ihn, riesige Vulkane begleiten ihn, darunter der Kilimandscharo mit 6000 Meter Höhe. Ein Teilstück dieses Vorganges war die Bildung des Toten Meeres. Der Graben hatte sich an dieser Stelle 800 Meter unter dem Meeresspiegel gesenkt und die Städte mitgerissen. 400 Meter füllten sich mit einer Asphaltslut, dessen Spiegel 400 Meter unter dem Meeresspiegel blieb,— das Tote Meer, in dem keinerlei Lebewesen zu finden sind und der menschliche Körper auf dem Wasser liegen bleibt, ohne unterzugehen. Ins. 8. M. Freikörperkultur! Es geht auch ohne Zwickel Wenn man mit der Kleinbahn Königswusterhausen— Topchin bis zur Station Motzen Seebad fährt und dann links in den Wald einbiegt, kommt man nach etwa zehn Minuten Weg zum Tonsee, An diesem See hat der„Freie Körper- kulturkreis Kreuzberg" sein Gelände. Dieses Stückchen Erde ist so vielen Menschen nutz- bar geworden, und doch gestattet die Abstusung des Bodens, den Ansorderungen des einzelnen ge- recht zu werden Herrscht auf dem Berge mun- teres Leben und Treiben, so ist im Tale mancher Winkel völliger Weltabgeschiedcnheit zu finden. Das Ganze zeigt nicht das Bild der Zeltstädte, in denen Zelt an Zelt und Straße an Straße sich recht. Die Zelte schmiegen sich in die Natur ein, oft hat man das Gefühl, daß sie ein Stück chrer selbst geworden sind. Jeder sucht einen schützenden Baum, unter seinen Zweigen fühlt er sich sicher und geborgen. Das Wasser des Sees ist von seltener Klarheit, an warmen Tagen ist am Strande reger Betrieb. Groß und klein vergnügt sich im Wasser, sonnt und aalt sich im weißen Sand. Wir haben ein Floß und ein Sprung- breit, da kann man aber die Kleinen sehen: Sechsjährige können schon schwimmen, Sieben- jährige springen. Das Herz lacht einem im Leibe, wenn man die kleinen, braunen Körper sieht. Von so einfachen Mitteln unterstützt— selbst Arbeitslose ermöglichen es oft, mit chren Kindern einige Wochen draußen zu fein—, wachsen hier Kinder heran, die sich trotz der Not ihrer Jugend freuen, die durch freie Betätigung erstarken und selbstbewußter und ungehemmter ins Leben hineinwachsen. Das Gelände hat große Flächen, die nicht durch Lagerstätten belegt werden. Sie sind u»beschattet und anderen Zwecken dienstbar gemacht. Sie geben Raum für Gymnastik, Faustballspiel und dergleichen mehr. Auf dem Berge haben die Kinder chren Buddelplatz. Dort steht auch der große Gemeinschaftsherd. Sieben einfache Koch- stellen und ein großer, eingebauter Kessel, 45 Liter fassend, stehen zur Verfügung. Solange noch ge- nügend Betrieb auf dem Gelände ist, ist der große Kessel dauernd in Betrieb. Es war uns möglich, in diesem Sommer einen Liter gutes, schmackhaftes Essen für 20 Pfennig abzugeben. Bei diesem Preis ist es uns noch gelungen, den arbeitslosen Mitgliedern helfend entgegenzukommen. Die allgemeine Notlage macht sich auch bei uns bemerkbar. In den vergangenen Sommern war der Zuspruch durch Gäste viel stärker als in diesem. Das Fahrgeld ist vielen einfach nicht mehr er- schwinglich. Immer mehr schaffen sich ein Fahr- rad an. Wir sind keineswegs ein Kreis, der. abgeschlossen in sich, eigene Ziele verfolgt. Wir sind dem Ver- band„Volksgesundheit" und dem Arbeitersport- und Kulturkartell angeschlossen. Unsere Arbeit recht sich in die gesamte der Arbesterbewegung ein. Freikörperkultur gibt uns Gesundheit und Lebensfreude, hebt unsere Leistungsfähigkest, zum Vorteil des Ganzen. Wir alle wissen, das der drohende Faschismus für uns bedeutet. Herr Bracht hat uns ja be- reits, bemüht um die Sistlichkest des deutschen Volkes, mit einer Versügung bedacht. Wir sehen den Dingen ruhig entgegen. Was Gemeingut ge- worden ist, kann man auch durch Verfügungen nicht aus der Welt schaffen. Die Internationale Schach, Wehrsport, Schießen im Arbeitersport Nachdem sich die Arbester» S ch a ch- Ilster» nationale der Sozialistischen Arbester-Sport-Jn» ternationale(SASJ.) angeschlossen hat, geht es auch in-dieser Sparte gut vorwärts. Am 23. und 24. September fand in Aussig(Tschechoslowakei) die erste Sitzung des internationalen Schach» Fachausschusses der SASJ. statt, in der für den Aus- und Aufbau der Arbeiterschachbewegung wichtige Beschlüsse gesaßt wurden. Unter anderem wurde ein neues Regelwerk beschlossen, das es ermöglicht, den internationalen Verkehr noch mehr als bisher zu fördern. Vorsitzender des in- ternationalen Fachausschusses wurde M. Pflaum- Leipzig. Der Ausschuß besteht aus Vertretern Deutschlands, Oesterreichs und der Tschecho- slowakei. Der Fachausschuß für Wehrsport und Schießen in der SASJ. hielt am 2. Oktober in Berlin unter dem Vorsitz von Kalnin-Lestland eine Tagung ab. Vertreten waren Lettland, Bel- gien, Deutschland, Tschechoslowakei. Bereits sechs Länder der SASJ. pflegen Wehrsport und Schießen. Neue Regeln im Kleinkaliberschießen. Schießen mit Gewehren beliebigen Systems, jagd- liches Schießen, Wurftaubenschießen, Pistolen- schießen, Bogenschießen und Fernschießen wurden beschlossen. Am 25. Juni 1S33 soll anläßlich des 1. Welt-Arbeitersport-Tages ein Sechs-Länder- Fernschlehen in Kleinkaliber und Pistolen vcron- stallet werden. Startverbot am 6. November 3n Uebereinstlmmung mW den Bundessparten- leitungen erläßt der Bundesvorstand des Arbeiter- Turn- und Sportbundes e. B. für den Tag der Reichstagswahl(S. November ISZ?) Spiel-, Start- und Uebungsoerbot für alle Veranstaltungen mit Ausnahme solcher für Kinder und Zugendliche. Der DFB. berichtet Papiersoldaten im Deutschen Fußballbund Lange, lange üher die sonst übliche Zell hinaus mußte man in diesem Jahr auf den Jahres- b e r i ch t des bürgerlichen„Deutschen Fuß- b a l l b u n d e s" warten. Die Herren vom Bun- desoorstand hatten wohl Furcht, die Mstglieder könnten zu zestig erfahren, daß im Bund alles nicht ganz so ist, wie sie es sich gedacht haben. Was wird berichtet? Zuerst die Mittellung, der DFB. sei der größte Sportverband der Well, habe er doch mehr als eine Million Mstglieder. Wie diese Mstglieder zusammenkommen, wissen wir allerdings. Da werden Sportvereine, die auch eine Fußballmannschaft haben, als Fußballer- vereine geführt. Eine west wichtigere Frage ist aber, wieviel Mitglieder sind sportlich aktiv tätig. llnd hier zeigt sich das wahre Gesicht. Im Bericht ist angegeben, daß an den Spielen 35000 Mann- fchasten betelligt sind. Nun kommt man aber zu der Schlußrechnung, daß 11 mal 35000 nur 385 000 Mitglieder ergeben. Das ist noch lange keine Million! Rechnet man zu diesen 35 000 Mannschaften ruhig noch 35000 Schiedsrichter hinzu, so kommen immer erst 420000 zusammen. Die anderen 600 000 Mitglieder stehen nur auf dem Papier oder sind nur Mstglied eines Vereins geworden, um die hohen Eintrillsgelder zu den Plätzen zu sparen. Dann kann man allerdings leicht von einer Million sprechen. Eine andere interessante Entdeckung macht man beim Kassenbericht. Der Deutsche Fußball- bund erscheint hier als Großkapstalist. Neben dem schönen, großen Haus, das er in Berlin zu einem Preise von'250000 Mark erworben hat, und in dem nur die Vorstandsmstglieder wohnen oder ihre Bürozimmer haben, bleibt immer noch«in ganz ansehnlicher Kassenbestand, im Bericht mst Reservefonds bezeichnet, von 130 000 Mark. Das will man mit dem Geld ansangen? Unserer An- ficht nach soll doch eine Sportorganisation den Mitgliedern die Möglichkeit geben, chren Sport auf guten, gesunden Plätzen und Uebungsstätten auszuüben. Wo hat man aber, im Gegensatz zum Arbeiter-Turn- und Sportbnnd, jemals etwas von einem Bundesplatz gehört? Wo hat man jemals etwas von einer Bundesschule, in der die Ver- einsfunktionäre Unterricht über die Leitung eines Vereins erhalten, gehört oder gelesen? Der schwierigste Punkt im Bericht: Die Länder- Mannschaften gehen spielerisch immer mehr zurück. Woran liegt das? Nicht an der geringeren Lei- stung der Spieler, sondern an der falschen Politik des Vorstandes. Wenn die Spieler sehen, daß chr Bundesvorstand viele Reisen auf Kosten der Mit- glieder unternehmen, in den teuersten Hotels schla- fen, dann kann man auch verstehen, daß sie wenig oder keine Lust verspüren, ihre Kräfte einzusetzen. nur damit noch mehr Gelder in die Verbandskasse fließen, wofür diese Reisen wieder unternommen werden können. Wo kommen nun die neuen Mitglieder her? Innerhalb der Städte— muß der Bericht selbst zugeben— schmilzt die Mitgliederzahl immer mehr zusammen: nur auf dem flachen Lande wer- den noch neue Vereine, die meist nur aus 12 und 15 Mstglieder» bestehen, aufgenommen. Mst einer Verbesserung der Spielstärke der einzelnen Mannschaften haben diese Neuaufnahmen aber nichts zu tun, denn die großstädtischen Vereine schicken immer nur die schlechtesten Mannschaften in die Provinz. Sie lernen es ja von den ein- zelnen Verbänden, die bei den Bundespokalspielen auch nur mistelmäßige Mannschaften stellen. So treibt ein Keil den andern, und der deutsche Fußballsport geht mehr und mehr zurück. Uns kann es nur recht fein. Der Bundesvorstand erwartet außerdem von allen Mitgliedern, daß sie an diesem Tage Ihre Pflicht als Arbeitersportler erfüllen. Um den Zwickel Die Stellang der Schwimmsportler Wie gemeldet wird, hat noch gestern abend. unmistelbar nach Bekanntwerden des Brachtsche» Badehosenzwickelerlasses, eine gemeinsame Vor- ständekonfcrenz aller am Schwimmsport und damit am Tragen von Badebekleidung interessierten Sportverbände stastgefunden. Bon all«, Sesten wurde auf die Schwierigkest hingewiesen, beim Bestehenbleiben des Zwickelerlasses Schwimm- Iporller aus außerpreußischen Ländern nach Berlin und nach Preußen zu Westkämpfen zu verpflichten. Es besteht für die nichtpreußischen Schwimmsportler keine Verpflichtung, den Brachtsche» Zwickelerlaß zu beachten, anderersests aber auch die Unmöglichkeit, sich bezwickelt« Bade- bekleidung anzuschaffen. Bei einer unbezwickelten Teilnahme an Schwimmfesten würden also die Brachtsche» Zwickelkommissare sie von der Teil- nähme an Wettkämpfen ausschließen. Als Ausweg aus diesem Dilemma wurde von Leuten, die auch sonst gern im trüben fischen, vor- geschlagen, das Bafsinwasser in den Badeanstalten durch ungefährliche Chemikalien so dunkel zu färben, daß die Körper der Schwimmer und Schwimmerinnen nicht mehr zu sehen smi. Das Herausragen des Kopfes aus dem Wasser, so meinten die Dunkelmänner, genüge, um Sieger und Besiegte in einem Schwimmwettkampf fest- zustellen. Das Zuwassergehen der Startenden will man bei verdunkelter Schwimmhalle vor sich gehen lassen. Es wurde schließlich eine Unterkommission ein- gesetzt, die prüfen soll, ob das Wasser in den Schwimmbassins etwa nach Maßgabe der weit- anschaulichen Belange der einzelnen Schwimm- verbände zu färben sei. Für die Arbeitersportl�r käme selbstverständlich nur die rote Farbe in Be- stacht, während beispielsweise die Deutsche Turner- schaft in einigen Schwierigkeiten ist, da sich das Wasser eines Bassins nicht schwarzweißrot färben läßt, ohne daß die einzelnen Farben ineinander- laufen. Ganz radikale Ansichten verstaten die bürgcr- lichen Wasserballspieler. Die Olympiamannschasl. der bei der Olympiade in Los Angeles von dem südamerikanischen Gegner die Badehosen während des Kampfes heruntergerissen wurden, forderten sogar einen Zwickel au? Zinkblech, der gleichzeitig als Tiefschutz, ähnlich dem der Borer, zu ge- brauchen sei. Die Zerrissenheit im deutschen Sport zeigte sich also auch auf dieser Sitzung. Selbst wenn die er- wähnte Unterkommission zu positiven Vorschlägen kommen sollte, wird ein einheitliches Vorgehen der preußischen Schwimmsportler nicht zu erreichen sein. Die Einsetzung eines Schiedsgerichts, dessen Vorsitz Reichskommissar Bracht übernehmen könnte, wird deshalb notwendig werden. Der gemeinsame Kampf Der Vorstand des Arbeiterbundes für Sport und Körperkullur Oeft erreiche nahm in seiner letzten Sitzung folgende Entschließung an: An die Zentralkommission für Arbestersport und Körperpflege in Deutschland! Nach den bedeutenden sportlichen Begegnungen des Zahres 1332 zwischen Deutschland und O c st e r r e i ch, die zuletzt durch das Europa- meiskerschaflsspiel in Dresden und durch das Bundesmeisierschastefpiel in Wien ihren höhe- Punkt erreicht haben, fühlen wir uns veranlaßt. erneut unsere gemeinsamen Bestrebungen für die hohen Ziele des Arbeitersports zu betonen: wir versichern, daß über die sportlichen Beziehungen unserer beiden Länder hinaus unser gemeinsamer Kamps der internationalen Re- akkion und dem Faschismus gilt. Freiheit. Arbeiterbund für Sport und Körperkullur in Oesterreich. Weltmeister Richter als Profi Ursprünglich wollte der diesjährige Amateur- Fliegerweltmeister Albert Richter- Köln seine Antristsvorstcllung als Berufsfahrer am 15. Ok- tober in der Kölner Rheinlandhalle geben, doch dürfte die für diesen Tag geplante Veranstaltung erst am 29. Oktober abgehasten werden. Aller Voraussicht nach wird der Weltmeister nunmehr sein Profidebut im Auslande geben, und zwar an» 16. Oktober in Paris, wohin er bereits vertrag» lich verpflichtet worden ist. Sonja Henie kommt Mit vollen Akkorden soll am Wochenende die deutsche Eislaufzeit im Berliner Sportpalast einsetzen. Die vieljache Welt- Meisterin Sonja Henie, die am letzten Sonn- tag in Paris vor 15 000 Zuschauern durch ihr sabechaftes Können wieder begeisterte, und Eis- hockeykämpfe zwischen einer britischen Auswahl- Mannschaft und den Vertretern des Berliner Schlittfchuh-Clubs werden der Eröfinungsveran- stallung am Sonnabend und Sonntag das Gc- präge geben. Die Mannschaft des BSC. wird durch den aus USA. zurückgekehrten Orbanowski verstärkt, der gemeinsam mit Jänecke, R. und G. Ball, Linke, Römer, Korff, Brück eine starke Gegnerschaft für die Engländer abgeben wird. Schwarzes Brett Soutifttonmta„Tie SfoiatftumfcC. Freit» z, 7. Ok- »Iber. Photoürbeitsgemeinschatt Franke: Iohannlzsir. 1,V — VholaarbeilsgeineinschllN Reulolln: Kergltr. 2S.— BijcfoarfM>üsgcinemfd)aft Osten: Franlfnrter Allee 307. i-ichtbildervortrag.—.ZaUbootabteilung: Iahanniestc. 15. Seschäftliches.—- Südost: MaMeusfelstr. 1. Orienterleb- nisse, Fortsetzung ütchncr).— Chorlottenbura: Spree. siraße 30. Geschäftliches.— Treptow: Elsensir. 3, am Bahnhof. Sesichl unserer Zeit in Dichtung und Musik.— Britz fKrosisiedlung): Halle im Hufeisen, Fritz-Reuter.Allee. Geschäftliches.— So»»tag,«. Otto bei. Fahrt der Ad- leiluug Britz nach dem Zionnenfließ. Treifpunlt 5.40 Uhr Btettinsr Bahnhof.— Montag, 10. Oktober. Malgemein. schaft: Manteuffelstr. 7.— Photostammabteilung: Ja. hannisstr. 15. Geschäftliches.— Gesundbrunnen, Spiel- gcmeinschaft: Sotenburger Straße, Rote Schule. Sportverein Moabit, Hockeqabteilnng. Heute, Mitt- woch, Hockegfltzuug mit Lichtbildervortrag bei Räsiel, Put, lidstraße 10. Beginn 20 Uhr. ■CiL. vstring e. V. Das Hallentraining fällt heute aus. Rachst-r Uebungsabend Freitag, 7. Ottober, Turnhalle Rcalgnmnasium, An der Pnrlaue. Beginn 20 llhr. tenthal spricht Uber:„Gegen Kulturreaktion". Rätselecke des.Vorwärts Gpiralenrätsel Waagerecht: 2. englische Insel: 3. Bauwerk; 5. weiblicher Vorname: 6. Stadt m Italien: 8. Ausgleichsgut für Flugzeuge und Schiffe: 9. Staat im Kaukasus: 11. Tstel: 12. Schutzdach für Heiligenstatuen: 14. Stadt in Sachsen: 15. Märchengestall. Senkrecht: 1. Englische Verneinung: 2. per- sönliche Eigenschaft: 4. Lebenshauch; 5. Test des Jahres; 7. Abgaben an den Sieger; 8. Stadt in Bayern; 10. europäischer Staat: 11. Angestellter; 13. Stadt in England: 14. Aktensammelstelle einer Behörde. Silbenrätsel a a am ba bahn bi bö chri do dra ein en«u fi go la let man me mi mo nan nat ner nu rich ru rum se sel seu sieb stel stras sus te te tee tel ter u un. Aus obigen Silben sind 16 Wörter zu bilden. deren Anfangsbuchstaben von oben nach unten, deren Endbuchstaben in umgekehrter Richtung ge- lesen, ein Sprichwort ergeben(ch— ein Buchstabe). Bedeutung der einzelnen Wörter: 1. Be- rittene Soldaten; 2. oerkehrstechnische Bezeichnung: 3. Zeitabschnitt: 4. Handarbeit: 5. musikalische Be- Zeichnung: 6. moderner Tanz: 7. Mädchenname; 8. Küchengerät: 9. deutscher Dichter: 10. Vogel: 11. Kleidungsstück; 12. griechische Insel; 13. Land in Afrika: 14. früheres deutsches Längenmaß: 15. Westgotenkönig; 16. Brauch, Herkommen. Icle. Awei Gilben „Eins" sst nicht gelb, nicht rot. nicht blau, „Zwei" ein« Gras- und Wiesenschau. Das Ganze liegt sehr weit von Wien, Weil es ein Vorort von Berlin. Aadlenrätsel 1 2 3425675 Australische Insel. 2 3 6 7 5 Erdteil. 3 7 5 3 7 landwirtschaftliches Gerät. 4 7 12 weiblicher Vorname. 2 7 1 5 2 Vulkan. 5 2 3 7 Teil des Gesichts. 6 4 4 7 Insekt. 731246571 französisches Kaffeehaus. 5 6 7 1 7 Fehllos.-kr.— Gchieberätfel Reuter, Grillparzer. Schiller. Goethe. Wieland. Lessing. Wildenbruch. Rosegger. Andersen. Scheffel, Hoffmannschal.— Vorstehende Namen schiebe man seitlich so, bis eine senkrechte Rech- den Namen eines deutschen Dichters ergcht. Auflösungen der letzten Nätfelecke Rösselsprung auf Hitler: Du bist ein Schreier, bist ein frecher Prahler,/ Ein Drescher mehr auf abgedroschnen Halmen,/ Ein Räuschlein mehr in der Empörung Qualmen,/ Ein Vieloer» sprecher und ein Wenigzahler. I Gottfried Keller. Silben kreuz und quer. Waagerecht: 1. Poseidon; 3. Galle: 4. Nervi: 6. Uli: 7. Neger; 9. Rienzi; 11. Kantate: 12. Taberne: 14. Loft; 16. Maller; 17. Lokomotive: 20. Polo; 22. Feger; 24. Serenade: 25. Andromeda.— Senkrecht: 1. Pole; 2. Donner: 3 Gallien: 5. Vineta: 6. ilri: 8. Gerte; 10. Zita; 11. Kanne; 13. Bergamo; 15. Kilo: 16. Maloe: 18. Kokarde: 19. Tizian; 20. Pose; 21. Lore: 22. Feme: 23. Gerda. Kreuzworträtsel- Waagerecht: 1. Fusel; 4. Amsel: 7. Ahn; 8. Abt: 10 Met: 11. Chimbo- rasso; 14. Freienwalde; 18. Lob; 19. Inn: 21. Oos: 22. Arena; 23. Laden.— Senkrecht: 1. Franc; 2. Sinai: 3. Lea; 4. Ast; 5. Samos; 6. Lotto; 9. Bronnen: 12. Mai: 13. Ada; 14. Fulda' 15. Erbse; 16. Lloyd; 17. Essen: 19. Ida: 20. Nik