Abend- Ausgabe Nr. 508 B246 49. Jahrg. Rsdaktton und Verlag, Berlin SW 68, Linöenstr. 3 S-rnlpnch«,«7 Am« Dönhoff 292 bt» 297 Telezrommabiifs«! Sozialbemoka« BrrNn BERLINER VOLKS BLATT DONNERSTAG 27. Oktober 1932 In Groß-- Berlin 1 l) Pf. Auswärts....... 10 Pf. Vezugsbebingungen unb Anzeigenpreise siehe am Schluß beS rebattioncllen Teils Jentvalorgan dee Sozialdemokratischen Partei Deutschlands »i- s->i>-nimn,l,e Neutschland braucht keinen Zaren" /.uriietcnnltiinv im Knpor- ahpr% Zurückhaltung im Krieg— aber großes Portemonnaie Seitdem Stahlhelm und Nazis sich in den Haaren liegen, erfährt auch das Bürgertum einige Wahrheiten, die zwar keineswegs neu sind, vor denen es sich aber die Ohren ver- stopft hat, so lange sie allein von den Linken bekanntgegeben wurden. Daß der deutsch- nationale Unioersitätsprofessor von Frey- tagh-Loringhoven während des Krieges russischer Offizier gewesen ist, daß Herr Rosenberg, Chefredakteur des„Völkischen Beobachter", als Rigaer Student den Eintritt in das deutsche Heer ängstlich vermieden hat. das wußten wir längst. Aber bei dem Bürgertum waren das „marxistische Lügen", bis man es sich in der Wut gegenseitig an den Kopf warf. Nun hat der Stahlhelm aus Zorn über ein paar ausfällige Bemerkungen des Hohen- zollernfprosfen Auwi ein neues, sehr bedenk- liches Kapitel angeschnitten: Die Kriegs- beteiligung der Hohenzollern. Der Stahlhelm hat festgestellt, daß Auwi im Weltkrieg eine„bemerkenswerte Zurückhaltung" beobachtet hat. Das ist richtig. Aber ist dieses Thema für den Stahlhelm weniger brenzlich?— Bei der Aufführung der Stahlhelmfilme waren jüngst demonstrativ folgende Brüder Auwis zu- gegen: der ehemalige Kronprinz, der dicke Eitel-Friedrich und Oskar. Die Kriegserlebnisse des Kronprinzen be- schränken sich auf das Generalquartier Charleville, und seine Siege hat dieser Herr dort jedenfalls nicht über männliche Franzosen davongetragen. Von irgend- welchen Kriegstaten des Eitel Fritz ist nicht das mindeste bekannt. Oskar ist der einzige der sechs Hohenzollernsprossen, die überhaupt einmal— nämlich zu Anfang des Krieges— Pulver gerochen hat. Aber da bekam er postwendend Herzkrämpfe und mußte sofort in die Heimat zurückgeschafft werden. Während es bei Beendigung des Krieges kaum eine einzige deutsche Familie mit drei oder vier erwachsenen Söhnen gab, die nicht mindestens einen Toten oder Schwer- verletzten zu beklagen gehabt hätte, trugen in der Familie Hohenzollern zwar ein Vater und sechs Söhne dauernd glänzende Offiziers- uniformen, aber nicht einer von ihnen hat auch nur eine Schramme davongetragen! Der einzige Kampf, den diese Familie siegreich beendet hat, ist der Kampf um die Fürstenabfindung gewesen! Wenn jetzt der Stahlhelm grollend dem Prinzen Auwi vorwirst, daß er die finan- ziellen und materiellen Vorteile seiner Stellung durchaus in Anspruch nehme, die er lediglich dem erfolgreichen Kampf nationaler Kräfte gegen die Fürstenenteignung verdanke, so ist für jeden denkenden Menschen darauf die selbstverständliche Antwort: Seht euch bitte die Leute an, für deren Wohl- ergehen die„nationale Rechte" Volk und Staat um viele hundert Millionen Mark geschädigt haben! Jetzl entlarvt der Stahlhelm selbst die Minderwertigkeit dieser angebetenen Puppen, für deren Portemonnaie seine Anhänger sich mit Löwenmut schlagen mußten. Jetzt bezichtigt er Auwi, aus purer Eitelkeit(dürfte väter- liches Erbteil sein), well seine Bilder und Reden von der Stahlhelmpresse nicht oft genug gedruckt wurden, zu den Nazis über- geschwenkt zu sein. Für die Riesenvermögen solcher Leute haben die Leute gefochten, die angeblich den Grundsatz vertreten:„Gemein- nutz geht vor Eigennutz." Freilich, chre Organisationen beständen ja ohne diese Geldquelle nicht! Bin«jeulliches Wort gegen die Papenheimer Eigener Bericht des„Vonvärts München, 27. Oktober. In Landau äußerte �der bayerische Minister- Präsident Dr. Held am Mittwoch in einer Wähler- Versammlung des ZeiUrUms und der Bayerischen Bolkspartei sich scharf gegen die politischen Methoden der Reichsregierung, die von Tag zu Tag mehr abwirtschafte. Held erklärte, er glaube nicht, daß sich das deutsch« Volk auf die Dauer so behandeln lasse, wie ein halbkultiviertes Volk. � Es möchte den Leuten so passen, die jetzt� in der Reichsregierung sitzen, wenn man die Bauern, den Mittelstand und die Arbeiter zur Seite stellte und einer dünnen Herrcnschicht die Führung � auf lange Zeit über- lasse. Einen derartigen Zustand«verde sich die Mehrheit des deutschen Volkes unter keinen Umständen gefallen lassei«. Der bayerische Ministerpräsident nahm dann Stellung zun« Parlamentarismus als Regierungs- systein. Er, so erklärte Held, sei der Auffassung, daß der Reichstag das verfafsungs- mäßige Instrument des deutschen Volkes sei. Die gleichen Fundamente wie der Reichs- tag habe auch der Reichspräsident, und es sei völlig falsch, immer davon zu sprechen, daß der Reichspräsident größere Befugnisse haben müsse, als der Reichstag. Deutschland brauche keinen Zaren und es könne ihm nicht geholfen werden mit einer Art Zarismus. Die„grundsätzlich neue Staatssührung" der Regierung Popen sei nichts anderes als der alte Ds« rechtmäßige SPreußenminiHerium Unser Bild zeigt die Sitzung des preußischen Kabinetts. Sitzend von links nach recht: Justiz- minister Schmidt, Landwirtschaftsminister Steiger, Wohlfahrtsininister 5) i r t s i e f e r, Mi- nisterpräsident Braun. Handelsminister Schreiber und Innenminister S e v e r i n g. Stehend von links nach rechts: Kultusminister Grimme. Ministerialdirektor Brecht, Ministerialdirektor B a d t und Finanzminister Klepper. papen hat keine Lei! DBB. muß ohne Regierungsvertreter tagen Heute vorinittag begann im großen Festsaal der K'oll-Oper in Berlin der Achte ordentliche Bundestag des Deutschen Beamten- b u n d e s. Die Tagung ist von mehr als 4lW Delegierten aus allen Teilen des Reiches und einer großen Anzahl von Gästen sowie Vertretern befreundeter Organisationen besucht. Der Eitzungs- saal weist reichen schwarzrotgoldenen Flaggen- schmuck auf. Der Bundesvorsitzende Flügel teilte in seiner Eröfsnungsansprochc«nit. daß zu dieser Tagung der größten Beaintenspitzenorganisation auch die Reichsregierung eingeladen worden sei. die jedoch daraus verzichtet habe, der Ein- ladung Folge zu leisten. Die Reichsregierung hat ihr Fernbleiben mit geschäftlicher Be- Hinderung entschuldigt. Diese Mitteilung wurde mit stürmischen Zurufen „Hört, hört!" und.Handwerkertagung!" erwidert. Der Bundesvorsitzeride gab daraufhin der Auffasiung Ausdruck, daß er keinen Zweifel an der Richtigkeit der Entschuldigungsgründe der Reichsregierung habe, dennoch aber bedauere, daß die Reichsregierung die Gelegenheit nicht wahr- genommen habe, mit den Vertretern des Deutschen Beamtenbundes aus allen Beamtengruppen und Gauen Deutschlands in persönliche Fühlung zu treten. Mit der Begrüßung der Vertreter des saarländischen Beamtenbundcs verband der Bundesvorsitzende de» Wunsch, daß bald die Zeit kommen möge, wo das Soargcbiet wieder zum Mutterlande heiinkehren und Oesterreich den Anschluß an das Reich finden kann. Besondere Grüße widmete er den Vertretern aus Memel und Danzig, denen ein hartes Friedensdiktat ihr Mutterland entrissen habe. Räch der Wahl des Regierungsrats Dietrich- Kassel zum Leiter der Verhandlungen des Bundes- tages nahm der Bundesvorsitzende Flügel das Wort zu seinem Vortrag über„Die Politik des Deutschen Beamtenbundes", über den wir noch berichten werden. Liberalisnius in einer neuen konser- vativen Form. Wer einem Lande ohne Rot einen R e i ch s k o n« in i s s a r schicke, mache eine komische Figur, wenn er von sich behaupte, er sei Föderalist. Die Geschlagenen Webt nur Papen und Bracht, sondern auch Kerrl und Kube Im Rahmen einer Betrachtung über das Urteil von Leipzig veröffenllicht unser Stuttgarter Parteiblatt, die„Schwäbische Tagwacht", folgende interessanten Erinnerungen: „So hat die Regierung Papen eine Niederlage erlitten. Diese Niederlage ist aber auch zugleich ein politischer Schlag für die Na- t i o n a l s o z i a l i st e n, die nach ihrem eigenen Eingeständnis die wahren Väter der Preußen- aktion gewesen sind. wie rühmte sich doch Herr Kerrl, der preußische Landtagspräsident, am 20. Juli, am Tage des Gewaltstreiches, unter dem tosenden Beifall seiner Leute in der Stuttgarter Stadthalle: „Sehr rasch hat die Reichsregierung a u f meinen gestrigen Brief an Papen hin zugegriffen, und zwar auf eine Art ui«d Weise, die ich besonders begrüße. Zetzt ist endgültig Schluß mit den Braun und Severing und n i e«n a l s werden sie wieder nach oben kommen, ebensowenig wie das Z e n t r u m." Der„NS.-Kurier", dem wir diese Ausführungen entnehmen, bemerkt dabei:„Die Stadthalle glich nach diesen Worten einem wahren Hexen- tessel der Begeisterung, nachdein Kerrl noch auf die unsinnigen marxistischen Lügen ein- ging, das Kabinett Papen sei ein Kabinett der Nazi-Barone." Zur gleichen Zeit erklärte in einer Ham- vurger Rede der Führer der preußischen Razisraktion, kube, indem er sich als den„Führer des neuen Preußen" vorstellte und den Hamburger Nationalsozialisten wünschte, daß sie auf den« gleichen Wege die politischen Verhältnisse ändern, wie es durch Papen in Preußen geschehen sei: „Tie Regierung Papen und ihre Taten sind nur möglich gewesen durch die Nationalsozialisten. Deshalb muß der NSDAP, das Verdienst der Absetzung der Preusienregierung zugesprochen werden." lind der(Stuttgarter)„NS.-Kurier" selber schrieb am Tag des preußischen Gewaltstreichs, daß er Popens Eingreifen in Preußen„init außerordentlicher Genugtuung" begrüßt:„Die Aktion löst stiirmische Freude und grenzenlosen Jubel aus. Man ist allgemein der An- ficht, daß sich die settherigen Machthaber vor den« Staatsgerichtshof eine eklatante Niederlag« holen werden. Das Urteil des Staatsgerichts- Hofes wird bestätigen, daß die Schwarzen und Roten in Preußen wider Recht und Verfassung ihre Macht ausübten. Vor der Nation und der Geschichte aber ist Papen eindeutig gerechtfertig t." Damals waren die Nazis und die Papenheimer ein Herz und eine Seele. Die Abfuhr, die der Staatsgerichtshof erteilte, trifft demnach die nationalsozialistischen Antreiber in gleicher Schwere wie die aus- führenden„feinen Leute" mit der Freiherren- kröne! Ein japanisch-russischer NichlongrissspakI soll in Berhandlung gezogen werben. Zugleich ist nach japanischer Meldung noch geplant: Abschluß eines Petroleum-, Kohlen- und Erzlieferungsvertrages mit Rußland, Festlegung der russisch-mandschun» scheu Grenz». Papen Dilettantismus Lobe über das Wirtschaftsprogramm" Essen. 27. Oktober. Der frühere Reichstagspräsident L ö b e sprach gestern abend hier in einer Massenkundge- b u n g der Sozialdemokratischen Partei. Er setzte sich u. a. mit dem Wirtschaftsprogramm des Reichskabinetts auseinander. Wenn es Herrn von Papen gelinge, so erklärte er, zwei Millionen Arbeitslosen Arbeit und Brot zu verschaffen, werde die Sozialdemokratie das neiolos als einen großen Erfolg anerkennen. Aber leider habe er wenig Hoffnung, daß der Kanzler sein Ziel er- reiche. Ein Drittel der heute noch beschäftigten deutschen Arbeiter sei in den Industriebetrieben tätig, die für den A u s la n d s e x p o r t arbeite- ten. Die deutsche Ausfuhr aber werde durch die Kontingentierungen aufs schwerste ge- troffen. Nur die Umwandlung des prioatkapitali- stifchen Wirtschaftssystems in die sozialistische Planwirtschaft könne, so schloß Lobe, den darbenden Massen einen neuen Aufstieg bringen. ZnternaNonale" bei den Nazis Nsinksll 6er �ie�i-I�ekrsr in Pleullöüo— Feiges Kneifen Heines-Glütk Sprengstoff-Prozeß vertagt Wie wir heute morgen erfahren, ist der auf Freitag, den 28. Oktober, angesetzte Termin zur Verhandlung des nationalsozialistischen Attentats in Reichenbach vor dem Sondergericht in Schweidnitz wiederum und zwar vorerst auf den 3. November verschoben ivorden. Als Grund wird angegeben, daß ein »euer Verteidiger eingetreten sei, der sich erst genügend mit der Prozeßmaterie vertraut machen müsse. Bekanntlich steht in diesem Prozeß auch der schlesische SA.- Führer und Fememörder Heines vor dem Sondergericht, der durch seine Wiederwahl am V. November in den Reichstag wieder seine Immunität zu- rückzuerhalten hofft. Wieviele Arbeitslose? Vollständigere Auskünfte verlangt Der Berwaltungsrat des Internationalen Ar- beitsamts hat in seiner Sitzung in Madrid am 2t>. Oktober sich unter anderem auch mit der Ent- schließung über die Bekämpung der Wirtschaftskrise besaßt.' Die Arbeitnehmervertreter ersuchten den Direktor des Arbeitsamts, bei d e n R e g i e- r u ii g e n vorstellig zu werden, damit diese vollständige Auskünste über die Zahl der Arbeitslosen geben. Damit haben die Arbeitnehmervertreter einen sehr wunden Punkt berührt. Es ist kein Geheimnis mehr, daß die offiziellen Zahlen entweder noch nicht. oder längst nicht mehr ein richtiges Bild über die Arbeitslosigkeit in den einzelnen Ländern bieten. Die Tendenz geht der Richtigkeit vielfach vor, die nicht unterstützten Arbeitslosen werden nicht gezählt, die„unsichtbaren" Arbeitslosen können nicht gezählt werden, ganz abgesehen von Mängeln des statistischen Apparats. Wie die Regierungsvertreter sich zu dem eigent- lich selbstverständlichen Verlangen der Arbeit- nchmervertrcter stellen, steht noch nicht fest. Imnierhin ist die'Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß wir nach Abschluß gründlicher Nachprüfungen vollständigere Auskünfte über die Zahl der Arbeits- losen am Schlüsse des Jahres 1981 bekommen, und diese Auskünfte dann später fortgesetzt werden. Die Angriffe aus Klepper Herr Zubke aus Köslin Dem Klepper-Ausschuß des Preußischen Land- tags sitzt ein deutsch nationaler Ab- geordneter vor, der alles andere als eine Zierde der Objektivität ist. Dieser Mann heißt Zubke, stammt aus Köslin, ist von Beruf Rechtsanwalt und ist, da er deutschnational ist, im Sinne der„neuen Staatssllhrung" selbstverständlich „überparteilich". Wie„überparteilich", das hat er . dieser Tage in der Kösliner Stadtverordneten- Versammlung gezeigt. Zubke erklärte unter anderem, daß„die B e r- Handlungen des Klepper- Aus schuf- ses auf die Korruption der SPD. und ihres Herrn Klepper ein ganz eigen- tümliches Licht geworfen" hätten. Bon sozialdemokratischer Seite wurde dem Reinigungs- fanatiker Zubke sofort erwidert, daß es ein merkwürdiger Vorgang sei, wenn der Vorsitzende des Klepper-Ausschusfes während eines schwebenden Verfahrens ein der- artiges Urteil abgebe Zubke habe den Ausschuß selbst vor einigen Tagen b'S nach den Reichstagswahlen vertagt und müsse wissen, daß die von ihm erhobenen Vorwürfe unberechtigt seien. Zubke nahm seine Anschuldigungen in der Sitzung trotzdem nicht zurück. Da» war anscheinend unter der würde dieses deutschnationalen Reinigungssanatiker». Aber persön- lich erklärte er dem sozialdemokratischen Sprecher still und leise, daß er nicht ge- Der sogenannte„Nationalsozialistische Lehrer- Kampfbund" erlebte gestern abend in Neukölln eine mächtige Pleite. Die Neuköllner Nazi- „erzieher" hatten für 29 Uhr zu einer öffentlichen Lehreroersammlung nach dem„Deutschen Wirts- Haus" in der Bergstraße 13g in Neukölln ein- geladen. Ein Studienrat S ch w e d t k e, der seit Monaten in der reaktionären Presse einen ge- hässigen Kampf gegen die Karl-Marx-Schule führt, sollte zu dem Thema:„Erziehungserfolge der Karl-Marx-Schule" reden. Die Neuköllner Lehrerschaft wollte sich das Referat dieses Herrn Schwedtk« nicht entgehen lassen, und so war der Saal bereits 45 Minuten vor Beginn besetzt— nur nicht mit Mitgliedern des„Nationalsozialistischen Lehrerkompfbundes" Der Versammlungsleiter, Rektor Freytag aus Neukölln, roch sofort den Braten, und so hielt er es für ratsam, einer geistigen Auseinander- setzung aus dem Wege zu gelten. Da wurde schnell der Dreh erfunden, daß man vergessen habe, die Versammlung polizeilich anzumelden— man sei deshalb genötigt, die Kundgebung entweder ganz auszulösen oder als Mitgliederversammlung fort- zuführen. Zu letzterem habe man sich entschlossen, und Herr Freytag ersuchte die Anwesenden, so- weit sie nicht dem„Lehrerkampfbund" ange- hörten, den Raum zu verlassen. Es erfolgten zahlreiche erregte Zurufe, die der Nazi-Freytag damit beantwortete, daß er sich in eine Diskussion nicht einlassen könne. Nun erhoben sich die Neu- köllner Lehrer von ihren Plätzen, und wad übrig blieb, war ein Nazihäuflein von 12 Mann, meistens Rektoren Neuköllner Schulen. Spontan erscholl die Zuternationale durch den Saal, der sich langsam leerte. Inzwischen hotten die„Lehrerkampfbündler", die wohl um ihre Sicherheit besorgt waren, einen „SA.-Sturm" heranholen lassen. Als den brau- nen Burschen der Abzug der Neuköllner Lchrer- schaft zu lange dauerte, ergriffen einige der jugendlichen Strolche Stühle und prügelten damit auf die Lehrer los. Besonders tat sich ein ver- hetzter SA.-Mann hervor, der sich später nach seiner Festnahme noch als Schüler entpuppte. Die Nazis werden gestern endgültig gemerkt haben, daß sie bei den Neuköllner Lehrern nichts gewinnen könne». Vielleicht bietet sich noch ein- mal eine Gelegenheil zur Abrechnung mit den nationalsozialistischen Verleumdern. Nach dem gestrigen Hereinfall bezweifeln wtr jedoch ernsthaft, daß dieser famose„Lehrerkampfbund" es noch ein zweites Mal versuchen wird, zu einer öffentlichen Lehrerversammlung aufzufordern. Steine gegen Brüning �lationalsozialistiscbe Heldentaten Bamberg, 27. Oktober. Nach dem heute ausgegebenen Polizei- bericht kam es bei den B r ü n i n g- V e r s a m m- l u n g e n in Bamberg auf den Straßen.zu starken Ausschreitungen. Vor den Sälen sammelten sich große Menschenmengen an, die Brüning mit schweren Beschimpfun- gen empfingen. Der Zutritt zu den Ver- sammlungsräumen konnte nur unter polizeilichem Schutz erfolgen. Bald nach Beginn der Verfamm- lungen mußte die Polizei die Straßen räumen, weil man den Redner in dem Versammlungsraum infolge des Lärms auf der Straße überhaupt nicht hören konnte. Zu Hilfe gerufene Landes- polizei wukde mit Steinwürfen empfan- gen, so daß der Gummiknüppel angewendet werden mußte. Auch vor den Zentralsälen hatten sich über 1000 Personen versammelt. Auch hier wurde derart geschrien, daß der Platz geräumt werden mußte. Auf der Fahrt vom Gesellenhaus zum Hotel wurde gegen den Kraftwagen, in dem Dr. Brüning saß, ein Stein geschleudert. der ein Wagenfenster völlig zertrümmerte. D'e Demonstranten waren meist junge Leute ver- schiedener Parteirichtungen, unter ihnen in b e- sonders großer Anzahl Angehörige der NSDAP. Die Demonstration war, wie die Polizei mitteilt, planmäßig organi- siert. Die Polizei hat drei Verletzte zu�oer- zeichnen. Auf Grund der Vorkommnisse wurden vom Stadtkommandanten die- p t> i i t istöfe» Versammlungen in Bamberg bis auf wei- teres ver boten. Lrolöor preis von t-eipziig Rätsel um Leichenfund Unglücksfall oder Verbrechen? Die Reserve-Mordkommission wurde nach dem Neubaublock in der M a s s i n i st r a ß e im Nord- osten Berlins gerufen. Hier wurde in ihrer Woh- nung im zweiten Stock l�es Hauses Nr. 32 die 54 Jahre alte Witwe Frieda Ieschke. geb. Neumann, aus Schleswig in einer Blutlache tot aufgesunden. Die Reserve-Mordkommission unter Leitung von Kommissar Dr. Schambacher sowie der Gerichtsarzt Dr. Dyrenfurth wurden an den Tatort entsandt. Nach der vorläufigen Besichtigung ist in der Wohnung nichts geraubt worden. In einem Kittel, der in der Nähe hängt, fand man noch die Geldbörse. Die Leiche wurde beschlag- nahmt und ins Schauhaus gebracht. Wahrscheinlich ist die Fraa einem Blutsturz erlegen. pellation über die Abrüstungspolitik einbringt und deren Besprechung beantragt. Perlinax wirft im„Echo de Paris" Herriot vor, daß er sich durch den Kriegsminister und die Ossi- ziere seiner Umgebung habe einschüchtern und einen zu weit gehenden Abrüstungsplan habe ausarbeiten lassen weil man ihm das«chreck- gespenst der Isolierung Frankreichs an die Wand gemalt Hobe. Der Ministerpräsident und die übrigen Minister hätten schließlich nachgegeben in der Hoffnung, daß die Unnachgiebigkeit und die Ungeschicklichkeit der Berliner Regierung sie davon entbinden werde, ihr Versprechen zu hallen. Es sei möglich, so meint Pertinox, daß dieser Fall eintrete. Aber das Gegentell sei auch wahrscheinlich und dann werde Frankreich doch schließlich der Isolierung nicht entgehen. lleberfall auf Reichsbanner Sechs SA.-k>eute festgenommen 3n den gestrigen späten Abendstunden verübten Rationalsozialisten auf mehrere Reichsbannerleute im Rorden Bertius an der Ecke hoch- und Wiesenstraße einen Uebecsoll. Drei Reichs- bannerkameraden erlitten Sopfverlehungen. Sie muhten zur nächsten Rettungsstelle gebracht werden. Die Reichsbannerleute kehrten zwischen 22 und 23 Uhr von einer Versammlung heim. Sie hatten kaum die Straßenkreuzung Hoch- und Wiesen- straße erreicht, als von allen Seiten Hakenkreuzler, die dort im Hinterhalt gelegen hatten, auf die Heimkehrenden eindrangen und auf sie einschlugen. Im Verlaufe der Schlägerei wurde die Fenster- scheide eines Geschäfts in der Wiesenstraße zer- trümmert. Von Bewohnern war inzwischen das Ueberfallkommando telephonisch alarmiert worden. Die Beamtin konnten noch sechs Haken- kreuzler fest nehmen. Die notionalsoziali- stischen Wegelagerer wurden der Politischen Polizei übergeben. Insgesamt wurden in der letzten Nacht 23 Per- sonen wegen verschiedener Delikte festgenommen und eingeliefert. Der Anwalt als Zeuge Beweisaufnahme im F elseneckprozeß Im Jelseneckprozeß begann heute die B e- weisaufnahme. Beim Zeugenaufruf meldete sich auch R.-A. Dr. Litten als Zeuge. R.-A. Dr. Löwenthal beantragte, Dr. Litten als ersten Zeugen zu vernehmen. Landgerichtsdirektor Böhmert erklärte, daß er beabsichtige. R.-A. Dr. Litten zu jedem einzelnen Fragen- komplex gesondert zu vernehmen. R.-A. Dr. Löwen- thal beantragte einen Gerichtsbeschluß. Land- gerichtsdirektor Böhmert wandte sich dagegen, da die Rechenfolge, in der die Zeugen zu vernehmen sind, durch den Vorsitzenden bestimmt werde. Es kam zu längeren Auseinandersetzungen zwischen dem Verteidiger und dem Vorsitzenden, R.-A. Dr. Litten war schließlich gezwungen, der Aufforderung, den Saal zu verlassen. Folge zu leisten. Es tonnte dann mit der Beweis- aufnähme begonnen werden. Schwerer Sturz des Herrenreiters v. Papen an der AroLen blauer mußt habe, daß Klepper kein Sozialdemokrat sei.. Zubke hat sich damit für das Amt des Bor- sitzenden des Klepper-Ausschufics als besonders „geeignet" erwiejen. Dieser deutschnationale Vor- sitzende— wir gönnen ihn Herrn Hilgenberg von ganzem Herzen— ist zwar Rechtsanwalt, aber davon, daß es unzulässig ist. in ein schweben- des Versahren einzugre�en und er als Vorsitzender eines Ausschusses init seinen öffent- lichen Urteilen besonders vorsichtig sein muß, hat er ebensowenig Ahnung, wie von den politischen Voraussetzungen, die der Vorsitzende eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu erfüllen hat. Wahrscheinlich schimpft er sich des- halb„überparteilich". So wird seit der„grund- sätzlich neuen Stoatssührung" immer deutlicher, daß dort, wo Verstand und Begrisf fehlen, die „Ueberparteilichkeit" herhalten muß. Beurlaubung Prof. Dehns. Prof. D. Dehn, um dessen Berufung aus den Lehrstuhl für praktische Theologie in Halle seinerzeit der Konflikt mit der Studentenschaft entstand, ist auf seinen eigenen Wunsch aus.zwei Semester beurlaubt worden. D. Dehn wird eine Studienreis« ins Ausland unternehmen. Frankreichs Abrüstung V/ie sie aussehen soll Eigener Bericht des„Vorwärts" Paris, 27. Oktober. Der, neue französische Abrüstungsplan war am Mittwoch Gegenstand einer mehr als vierstiindigen Beratung im Außenminifterium Zwischen 5)erriot, den drei Wehrwinistern und dem Kolonialminister. Der Regierungsentwurf soll am Freitag dem Obersten Landesverteidigungsrat unterbreitet werden. Nach dem„Matin" ist der Plan hauptsächlich aus die Verteidigung eingestellt, Frankreich konzentriere seine Anstrengungen aus die Deckung seiner Grenzen, deren absoluie Unverletzlichkeit es durch eine Organisation aufrechterhalten wolle, die den französischen Truppen im Angrifsssalle ein Minimum von Opfern sichert. Falls Frankreich in Genf bestimmte Sicherheitsgarantien und die Gewißheit erlangen sollte, in einem Konflikt weder moralisch, noch materiell isoliert zu sein, würde der Plan eine herabsehung der Militär- dienstzeit von 12 aus 9 Monate vorsehen. Als Gegenleistung sollen die Zahl der Reserve- Übungen erhöht und die militärischen Vorbereitungen verstärkt werden. Außerdem sollen Milizen geschassen werden. Herriot wird vielleicht heute nachmittag in der Kammer einig« Angaben über den Plan machen, wenn Abg. Franklin-Bouillon seine Inter- Todesurteil Grundbesitzer erschießt Pächterfrau Stendal. 27. Oktober. Das Schwurgericht verurteilte gestern den Tischler und Grundbesitzer Georg Große aus Barnebeck wegen vollendeten Mordes und versuchten Mordes in zwei Fällen zum Tode sowie zu fünf Iahren Zuchthaus und zu dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Der Verurteille lzatle am 12. Juli dieses Jahres nach einem kurzen Wortwechsel, der wegen Pacht- st r e i t i g k e i t e n entstanden war, die Landwirts- ehefrau Schulze aus Barnebeck durch Revolver- ichüsse getötet. Außerdem Halle er den Ehemann der Getöteten und deren Sohn, die unmittelbar nach der Bluttat hinzugekommen waren, durch Schüsse und Hiebe verlegt. indischer Glaubensfrieden Mohammedaner kür Freilassung Gandhis Allahobod, 27. Oktober. Der Führer der Mohammedaner, S ch a u k a t Ali, hat ein Schreiben an den Vizekönig ge- richtet, in dem er ihn bittet. Gandhi f r e i z u- lassen, damit er an der Konferenz der Sikhs, Mohammedaner und Hindus am 3. November teilnehmen kann. Schautat Ali verspricht, daß die Mohammedaner Gandhi bitten würden, die Bewegung des zivilen Ungehorsams einzustellen._ 3n der Schanghaiet Ehinescustadi Tschapei explo. dierle eine Granate, die noch aus den Kämpfen vom Frühjahr stammte. Sieben Chinesen wurden getötet und 27 Personen ver- wundet. Spielende Kinder hatten die Grämte entdeckt und wollten sie einem vorübergehenden Hausierer verkaufen. Inmitten einer gleich entstandenen Ansammlung erfolgt« die Crplosion. Schiffbruch der Spalter Selbstbekenntnisse der RGO. „Scampolo" Ufa-Theater am Kurfürstendamm Das rührende Märchen von dem Kind der Straße, das sich reinen und guten Herzens durch das Leben durchschlängelt und die Liebe eines vornehmen und durch iyre Tips wieder zu Reich- tum gelangenden Mannes gewinnt, ist als italienische Komödie und stummer Film bereits ein Erfolg gewesen. Nun wird es als Tonsü'm ausprobiert, aber weder die Textversasier noch der Regisseur Hans S t e i n h o f f haben die rechte und leicht« Form für dieses Märchen von heute gefunden. Schon daß sie es nach dem Norden verlegten, ist ein Mißgriff, denn dieser Scam» polo, dies Stückchen fröhliches Elend, ist nur als Kind des Südens denkbar. Der beste Trumpf. der in diesen Film eingesetzt wird, ist Dolly Haas. Sie ist wirklich drollig und spitzbübisch am Ausdruck, anmutig und lausbübisch zugleich. Sie läßt wirklich streckenweise vergessen, daß diese ganze Handlung zu schön ist, um wahr zu sein. Ach, wo gibts bei uns solche Telephon.zellen. in denen man übernachten, wo gibts solche Pen- sionen, wo man wochenlang auf Pump leben kann, und wo solche ehemaligen Bankers, die sich in solche rührenden Kinder der Gasse ver- lieben und sie schließlich im Flugzeug entführen? Freilich, es gibt reizende Episoden genug im Film, in denen Dolly Haas sich ausspielen kann, bald schnippisch und neckisch und sogar einmal im Glanz der Dame. Aber das Ganze.st doch zu dünn, die Einfälle sind zu wirklichkeitsnahe ge- blieben, so der an sich lustig gesehene Rummel- platz und die Sprachenschulc. Der Mut zum Märchenhasten ist nicht stark genug. Carl Ludwig Diehl gibt den Prinzen etwas starr uno typisch. gute Schwankfiguren sind Oskar S i m a als Bankier und Paul H ö r b i g e r als ulkiger Zimmerkellner. Ausnahmsweise sind auch die Schlager— Text von Max K o l p e, Musik von Franz Wachsmann— Muster der Gattung. Emstmnx zur Musik Wegen Platzmangel eingeschränkt Die Deutsche Welle hatte eine Reche von Aeranstaltungen, aus die der musikliebende Hörer sich stets freute! es waren dies die Vorträge von Nikolaus F e i n b e r g, der mit zärtlicher und kluger Musikliebe die Hörer an die ver- schiedensten musikalischen Kunstwerke heranzuführen verstand. Er lehrte, diese Werke richtig hören, er lehrte, mit Hilfe dieser Einzelbeispiele, Mustkhören überhaupt. Der Hörer ohne jede musikalische Vor- bildung lernte hier, sich in Musik hineinzufühlen: der musikalisch Geschulte genoß mit dem Vor- tragenden an Einzelheiten den Reichtum der ge- wählten Kompositionen. Nun sollen wie Feinberg in seinem Dortrag am Mittwoch bekanntgab, aus„Programm- technischen Gründen" vorläufig keine seiner Darbietungen mehr stattfinden. Lassen die vielstün- digen Geschichtsvorträge, die endlosen deutsch- tümelnden Zyklen, die zahlreichen, anscheinend aus Ersparnisgründen vorgenommenen Uebertragungen keinen Raum mehr für diese wertvollen Dar- bietungen? Oder hat der P r o g r a m m l e i t e r der Reichsrundfunkgesellschaft, Dr. Stapel- feldt, wieder einmal sein„unerwünscht" an den Rand geschrieben? Felix Stöhinger, der— weniger tiefschürfend pädagogisch, dafür ober mit begeisternder Musiksreitde— eine Zeitlang seine ausgezeichneten Einführungen in Opern geben tonnte, scheint auch aus den Berliner Pro- grammen endgültig verschwunden zu sein. Dr. E r i ch F o r t n e r. der im Programm der Berliner Funtstunde am Mittwoch über Niccolo P a g a n i n i sprach, ist ein begabter musikalischer Plauderer. Man hört ihm gern zu, vielleicht sogar, wenn man an der eigentlichen Substanz des Vortrages ganz uninteressiert ist. Aus Musik und Musikerschicksalen formt er seine Menschen, in flüchtigen, manchmal nur spielerischen Andeutungen, die aber immer einen Hauch von Leben haben.— 1z. Goethe-Ausstellung in Paris Der französische Ilnterrichlsminisler eröffnet heule in der bkalionatbibliothek eine Goethe-Aus- stellung, die einen Monat lang de» Besuchern einen Eindruck vom Leben und Wirken des Dichter- fürften vermitteln soll. An der Spitze des Goethe- Komitees steht Minister Paul Painlevc. Vizepräsident ist der Unterrichtsminister. Ihr« Reichhaltig- keit veroankl die Goethe-Ausstellung dem bereit- willigen Entgegenkommen zahlreicher Museen, Bibliotheken und Privatsammlungen namentlich aus Deutschland und Oesterreich. Die National- bibliothek hat einen äußerst reichhalligen illustrier- tcn Katalog herausgegeben, der von Prof. Andler bearbeitet ist. Die stärkste Lokomotive der ll>elt. In den Werkstätten der französischen Staatsbahn zu«oUeville- les-Rouen geht jetzt eine Lokoinoiive der Voll- endung entgegen, die als die stärkste Maichine ihrer Art beschrieben wird. Dieie„Ileber-Lokomotive" kann 2600 i'S entwickeln und laust beinahe ganz von selbst, indem fast die ganze Bedienung mecha- nisch vor sich geht. Sogar die Kessel werden cmto- matisch mit Brennmaterial versorgt, wenn�es not- wendig wird. Die Lokomotio« wird auf den Strecken zwischen Paris und Havr«, Paris und Brest sowt« Pari» und Cherbourg in Betneb genommen werden. Die KPD. ging an die Textilfront in Sachsen und Schlesien, um hier ins Geschäft zu kommen. Während die kommunistische Tagespresse ununterbrochen Siegesberichte von der Textil- front bringt um ihre Leser zu belügen, mutz die KPD. ihren Funktionären wohl oder übel klaren Wein einschänken. Dies geschah im„B o l- s ch e w i k", 3. Jahrgang, Rr. 15. Der Film beginnt aus Seite 242: „Jetzt mutz es darauf ankommen, die Betriebs- arbeit in der Partei zur Hauptarbeit zu machen, alle Arbeiten vom und im Betrieb durchzuführen. Die T e x t i l a r b e i t e r b e w e g u n g ist für die Ankurbelung der Arbeit an der Betriebsfront von autzerordentlicher Bedeutung. Es kommt jetzt darauf an: 1. Die Arbeit an der Textilfront auf die gesamte Industrie zu übertragen: 2. die angewandten Methoden zum System unserer gesamten Arbeit zu machen." Ueber den Ersolg der kommunistischen An- kurbelung an der Textilfront wird im„Bot- sch« w i k" berichtet: „Als Beispiel für viele sei hier aus dem Be- richt des Instrukteurs in Harta folgendes zitiert: In Harta ist vor allem zu verzeichnen, daß unsere Genossen selbst nicht davon überzeugt sind, daß es uns gelingen wird, eine Bewegung aus- zulösen." „Die entscheidende Ursache für das mangelnde Vertrauen der Arbeiter zur RGO. und damit auch für das Fehlen der Bereitschaft zum Kampf ist die ungenügende Wahrnehmung der Interessen der Arbeiter durch unsere betrieb- lichen Funktionäre." „So wird z. B. vom Instrukteur aus Limbach folgendes berichtet: In den Betrieben sind zwar die Arbeiter zum großen Teil der KPD. f y m p a- tisch, aber die roten Betriebsräte verabsäumen alle Vorkommnisse im Betrieb zum Anlaß zu nehmen, die Interessen der Arbeiter zu vertreten." In einem Bericht aus Plauen heißt es:„Die Genossen berichten in der Diskussion, daß überall der Einsluß der RGO. und der Partei gewaltig zurückgegangen ist." „Aus Adorf wird über den Großbetrieb Wenn man die Räume dieses Hauses betritt, so glaubt man nicht, sich in einem Institut der medizinischen Faklutät zu befinden, sondern denkt eher, in einem physikalischen Laboratorium zu sein. Denn das erste, was dort ausfällt, sind die in den meisten Räumen befindlichen großen Isolatoren und die darunter stehende Warnung: Vorsicht! Hochspannung! Lebensgefahr! In den meisten der 40 Räume dieses Instituts besteht die Möglichkeit, mit Hilfe der Anlage im Hause mit Strömen von einer Spannung von 180000 bis 200000 Volt zu experi- mentieren.— Eine besondere Sicherung d>cnt der Ausschaltung von Gefahren, wenn jemand etwa aus Unvorsichtigkeit solch einen Hochspannungs- räum betritt. In dem Augenblick, wo er die Tür dieses Raumes öffnet, wird der Strom durch einen an der Tür angebrachten selbsttätigen Kontakt ausgeschaltet— und damit die Möglichkeit von Unfällen beseitigt. Aufgabe dieses Instituts ist es, alle Strah- l e n wissenschaftlich zu untersuchen, die für die praktische Medizin von Bedeutung sind. An erster Stelle sind da die R a d i u m st r a h l e n zu nennen, die von so großem Wert für die Krebs- bskämpfung siird. 4 Gramm Radium=: 1 Million Mark. Das Institut sür Strahlenforschung hat die Verwaltung und Ueberprüfung des gesamten Radiumbcstandes der preußischen Universitätskliniken, d. h. für 4 Gramm dieses kostbaren Metalls. Diese 4 Gramm repräsentieren einen Wert von etwa 1 Million Mark. Man muß damit also sehr sparsam und vorsichtig umgehen. Vor allem ist darauf zu achten, daß durch Beschädigungen nichts davon verloren geht. Die Kliniken oder auch Aerzte schicken daher ihre Radiumpräparate, die sich in fest verschlossenen Röhrchcn befinden, zur Prüfung an das Institut. Die Radmmmenge von 4 Gramm, die hier als staatlicher Besitz für ganz Preußen zur Verfügung steht, ist sehr gering, wenn man etwa vergleicht, was andere Institute besitzen. In Leningrad hat z. B. ein einziges Institut 3 Gramm Radium. Wir brauchten heute, um alle Krebskranken schnell genug und hinreichend mit Radium behandeln zu können, etwa die dreifache Menge, also 12 Gramm. Alles Radium in einer Hand! Doch noch etwas anderes wäre für eine günstige Behandlung notwendig: eine R a d i u m k o n z e n- t r a t i o n, wie man sie in Rußland und Schweden C l a v i e z berichtet: daß dort auf den Vorschlag eine Betriebsversammlung durchzuführen erklärt wurde: „Die Arbeiter kommen ja sowieso nicht in die Versammlung und im übrigen ist die anti- faschistische Vetriebswoche um 14 Tage verlängert. In diesem Betrieb, wo eine Reihe kommunistischer Parteigenossen vorhanden ist, kam nicht ein einziger Parteigenosse in die Betriebs- Versammlung. Sogar der Instrukteur er- klärte, Betriebsversammlungen fallen unter den Burgfrieden, wir können dieselbe deshalb nicht durchführen." „Solche Stimmungen haben wir in den anderen Bezirken ebenfalls zu verzeichnen:„In den L i m b a ch e r Bezirken so z. B. bei Stelz- mann, kümmert sich der rote Betriebsrat durchaus nicht darum, daß den Arbeiterinnen der Lohn gekürzt wird. Ein Lohnabzug von 2 Pf. ist sür den roten Betriebsrat eine Lächerlichkeit, für die es sich nicht rentiert, einzutreten." „In Leipzig wurde zur Bearbeitung der Betriebe in jedem Stadttell wo Textilbetriebe liegen, für diese Stoßbrigaden und Dis- kussionsgruppen von 6 bis 30 Mann zur dauernden Bearbeitung und Materialvertellung zusammen- gestellt. Verstärkung dieser Gruppen wird, wo notwendig, durchgeführt. Die Stadtteile wo keine Textilbetriebs vorhanden sind, sind beauftragt, von sich aus gleichfalls Stoßbrigaden zur Hilfe für dis übrigen Stadtteile zu organisieren." Weiter wird in dem Bericht gesagt: „Da unsere Kräfte im Betrieb selbst zu schwach sind und«in legales Auftreten in Beleqschafts- Versammlungen, die im Betrieb sind, faktisch un- möglich machen, werden die manigfältigsten Methoden angewandt, wie z. B. in M i t t- weida bei der Firma Stäche, wo heute mittag 30 Mann im Betrieb diskutierten, weil die Hälfte der Belegschaft bei der Hitze die Mittagspause auf der Wiese abgehalten hat." „Auch im Betrieb Liebermann, Falkenau, ist heute eine Diskutiergruppe als Essenträger mit Essenkörben und Krügen hineingegangen, um im Speisesaal und auf dem Hof mit den Arbeitern zu diskutieren." Diese Zitate aus dem„Bolschewik" sind nur hat und wie sie auch bei uns vielfach angestrebt wird. Die gesamten, in einem Lande vorhandenen Radiummengen sollten nach landschaftlichen Be- zirken an bestimmten Stellen konzentriert werden, wo von ganz besonders ersahrenen Radiologen die Behandlung der Krebskranken erfolgen könnte. Die langjährige Erfahrung dieser Gelehrten würde einmal eine besondere Gewähr für die Behandlung bieten: ferner könnte die Ausbildung junger Aerzte auf diese Weise an Hand einer großen Anzahl praktischer Fälle erfolgen. Schließlich würde man auf diesem Wege zu genauen Verzeichnissen aller Krebskranken kommen. Deutscher Radiumersah. Uebrigens wendet man heute statt des Radiums schon immer mehr das Mesothorium an, das nur halb so viel kostet, wie das Radium— das allerdings auch sehr viel schneller zerfällt: nämlich in 15 Jahren gegenüber 1500 Jahren beim Radium. Seine Benutzung ist aber trotzdem viel billiger. Hinzu kommt, daß die Herstellung des Mesothoriums, das aus dem in Indien vor- kommenden Monazitsand gewonnen wird, bei uns in Deutschland erfolgt, wir also nicht auf die Einfuhr aus Belgifch-Kongo, dem einzigen Radiumland, angewiesen sind. Neben diesen Untersuchungen mit den Radium- strahlen werden noch viele Versuche mit ultra- violetten, ultraroten und anderen noch wenig erforschten Strahlen gemacht. Solide Pflanzen Für die Bestrahlungsversuche werden außer Bakterien auch Pflanzen benutzt, und zwar besonders eine bestimmt«, seit über 15 Iahren ge- züchtete A l g e n a r t. Man kennt durch die lang- jährig« Züchtung genau die normale Verhaltungs- weise dieser Algen und ist so in der Lage, die durch Bestrahlungen erfolgenden Veränderungen eindeutig zu erkennen.— Diese Algen leben hier im Institut in ganz regelmäßiger und solider Weis«: In einem Raum, der ständig die gleiche Temperatur hat, leben sie 12 Stunden an der künstlichen Sonne, einer sehr hellen elektrischen Birne: die 12 anderen Stunden sind für sie Nachr. Die Vermehrung erfolgt durch Teilung, und zwar werden aus einer Zelle innerhalb von fünf Tagen 32 Zellen. Dag ultraviolette Licht. Schließlich ist noch die aus dem Dach des Hauses befindliche meteorologische Versuchsstation zu er- wähnen. Zwei Jahre lang wurden hier, gemein- sam mit dem Observatorium in Potsdam Messungen über die Ultraviolettstrahlungen durch- geführt, deren Fehlen die englische Krankheit bei Kindern in so großem Maße zur Folge hat. Man eine kleine Blütenlese aus den kritischen Berichten über die kommunisttsche Ankurbelung von der Textilfront— sür die Funktionäre. Die „roten" Betriebsräte find ja nicht dazu da, sich um das Wohl und Wehe der Arbeiterschaft zu kümmern, sondern lediglich dazu, die Parteige- schäfte der KPD zu besorgen. Die Textilarbeiterjchaft insbesondere hat mit der KPD und ihrer RGO. schon soviele unangenehme Erfahrungen gemacht, daß sie das üble Spiel kennt, das mit ihr getrieben werden soll und nichts mehr davon wissen will. Selbst RGO.-M>tglieder haben dem Textilarbeiter- verband erklärt, daß sie aus der RGO. ausscheiden, und wieder im Verband ar- beiten, weil sie das verbrecherische Treiben der RGO. gemeinsam mit der KPD. nicht mehr mitmachen wollen * Der Textilarbeiter st reik in Leipzig zeigt erneut das vergebliche Bemühen der RGO., bei den Textilarbeitern anzukurbeln. Der Kon- kursverwalter des Nordwolltonzerns hat den mit dem Textilarbeiteroerband abgeschlossenen Konzern- vertrag gekündigt. Daraufhin machte die Firma Tittel u. Krüger durch Anschlag im Betriebe bekannt, daß sie wieder dem Arbeitgeber- verband beigetreten sei und deshalb auch in ihrem Betriebe den für die westsächsische Textil- industrie abgeschlossenen Tarifvertrag durchsühren werde. Sie kündigte zu diesem Zweck die Einzel- arbeitsverträge zum 24. und 30. Oktober. Gleichzeitig forderte die Firma, den Leistung?- lohn der Handwerker um S>� Pf zu kürzen. Zur Abwehr dieses Anschlags traten die Handwerter mit Zustimmung des Metallarbeiteroerbandes am Dienstag früh in den Streik. Mit den Handwerkern legten auch zwei Drittel der Belegschaft die Arbeit nieder. Die Arbeiter bei Tittel u. Krüger sind sämtlich freigewerkschaftlich organisiert. Das hindert die REO. jedoch nicht zu prahlen, erst durch ihr Eingreifen fei der Anschlag der Textilbarone abge- wehrt worden. Die Streikenden lachen darüber und die RGO. erntet allgemein die ihr gebührende Verachtung. kam zu dem verblüffenden Ergebnis, daß in Berlin— mitten im rauchigen und dunstigen Norden, wo dieses Institut steht— nur etwa 5 Proz. weniger ultraviolettes Licht gemessen wurde als im Freien in Potsdam. Sofort aber änderte sich dieses günstige Ergebnis, wenn man mit den Instrumenten aus den Hos des Instituts herabging, über dem nur ein kleines Stückchen Himmel zu sehen ist: hier zeigte sich tatsächlich fast gar kein ultraviolettes Licht. Ruckolk Melitr. Das„heilige Eigentum" Diebstahl in den Sowjets Der Iustizkommisiar der Sowjetregierung, Kry- lenko, ist der Gegenstand scharfer Kritik infolge seines letzten Erlasses geworden, durch den das Eigentum in Rußland für„heilig und unoerleg- lich" erklärt und für alle Dieb« die Todesstrafe bestimmt wurde. Besonders heftig wendet man sich gegen das Wort„heilig", weil dieses in die „veraltete Phraseologie des Klassenstaates" zurück- falle, und man findet, daß die Bestrafung des Diebstahls mit dem Tode zu streng sei. Krylenko hat daraufhin ein« lange Verteidigungsschrift ver- ösfentlicht, die er mit dem Bekenntnis eröffnet, daß er tief verletzt sei über die ironische Behand- lung durch die Genossen, wer sich über eine so ernste Sache lustig mache, müsse im Herzen ein Feind der Revolution sein. Um seinen Ausdruck zu rechtfertigen, führt er eine Stelle aus Lenin an, an der dieser auch das sozialistische Eigentum als„heilig" bezeichnet hat. Er gibt zu, daß es eine harte Maßnahme sei, jemanden, der etwas Korn oder Ackergerät stiehlt, mit dem Tod« zu be- drohen, aber Menschen, die im Laufe von fünfzehn Jahren nicht gelernt Hatten, das Eigentum zu achten, seien unverbesserlich und müßten erschossen werden. Früher habe die Regierung mit solchen Verbrechern nachsichtiger verfahren können, aber die Zeit der Nachsicht sei jetzt vorbei und diese Feinde des Staates mühten ausgerottet werden. „Was sollen wir tun?" fragt Krylenko zum Schluß.„Der Klassenkrieg ist ein grausames Ding. Aber die Arbeiter dürften nicht deswegen getadelt werden, weil ihre Feipde sie zwingen, zu solchen Mitteln ihre Zuflucht zu nehmen." Tie Herbstausstellung der Deutschen Kunstgemein- sch-st„Eincir Sommer lang" dauert bis zum 18. No- vember. Die Ausstellung ist täglich von ll bis 6 Uhr, am Sonntag von ll> bis 2 Uhr, geöffnet. Sonnabend, den 27. Oktober, 5 Uhr, findet ein„Künstler-Tee" statt. „Die schöne Galathee" kann im Kabarett der .<1 o m i k e r nur noch bis Zt. Oktober gespielt werden. Am 1. November geht die parodiftische Groteske „Frankensteins unheimliche Geschichten" mit Curt Bois in der Hauptrolle in Szene. Ueber moderne Hochstapler spricht A. H. Zeiz in einer Veranstaltung der Lupe Donnerstag, 8.45 Uhr, im Klubhaus am Knie. Institut kür Strahlenforschung Eine Zentrale für 4 g Radium Rundfunk am Abend Donnerstag, 27. Oktober Berlin; 16.05 Zimmerpflanzen im Winter (Garteninspektor H. Köhler). 16.30 Lieder. 16.35 Kammermusik. 17.30 Wie steht die Jugend zur Großstadt?(Dr. J. Wagenbadi). 17.30 Landschaftliche Politik(H. Laeuen). 18.10 Erdachte Gespräche von P. Ernst. 18.33 Die Funkstunde teilt mit. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 Chorgesange. 19.30 Schallplaften- stunde. 20.10 Aus der Philharmonie: Beethoven. 20.30 Tages- und Sportnachrichten. 21.00 Zeitfunk. 21.10 Die Geschichte vom..Blauen Diamant" von E. E ranzen. 22.20 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. 24.00 Wiederholung; Orchester- konzert. Königs Wusterhausen:_ 16.00 Päd- agogi scher Funk. 17.30 Der Erfinder des Mikroskop(Dr. E. Heizmaun). 18.00 Musikalischer Zeitspiegel(Else C. Kraus). 18.30 Die Gefahren des elektrischen Stromes(Dipl.- Ing. Wolter). 19.00 Stunde des Landwirts. 19.23 Für und Wider. Wegweiser durch die Zeit(Dr. R. Pechel). 19.40 Zeitdienst. 21.00 Aus München; Uraufführung„Im Fernen Osten"(Hörspiel). 22.30 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. 22.40 Aus Königsberg; Unterhaltungskonzert. Sonst: Berliner Programm. Vollständiges Europaprogramm im„Volksfunk", monatL 96 Pf., durch alle„Vorwärts"- Boten oder die Postanstalten. Die diamantene Hochzeit begeht heute unser alter Abonnent A-1 b e r t W e r t h e r, Neukölln, Walter- straße 2— 3._ Wetter für Berlin: Wechselnd bewölkt und noch ziemlich mild mit einzelnen leichten Regensällen. Mäßige Siidwestwinde.— Jüt Deutschland; UchcraU veränderlicher Wilterungscharakier ohne wesentliche Teinperaturäirderung. Im Süden stärkere, im Norden nur leichte Niederschläge. �-Jlnjefger Fensler- und Gebäude Relnigungs Gesellschaft m.b.H. 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Studentisches Wevhjahv/ Akademisches Fveijahv/'Planmäßige Auslese Vorsichtige Schätzungen rechnen gegenwärtig mit einem cheer von 45 000 stellungslosen Akademikerm Zu dieser Zahl kommen jährlich etwa 20 000 weitere, die ihre Studien abgeschlossen haben, aber auf dem überfüllten Markt keine Stellung finden werden. Es ist bezeichnend, daß Dr. Rein- hold Schairer, der chauptgcschästsführer des Deutschen Studentcnwerkes, in seinem Buch„Die akademische Berufsnot, Tatsachen und Auswege" auf die revolutionäre Gefahr arbeitsloser intellek- tueller Massen besonders eindringlich hinweist und unter diesem Aspekt eine Reform des Hoch- schulwesens vorschlägt. Die Resormpläne des Deutschen Studenten- wertes und Dr. Schairers sind eine äußerst ge- schickte Zusammenfassung und Durcharbeitung all der vielen Forderungen und Gedanken, die die Studenten selber in ihren jahrelangen Bemühun- gen um eine Hochschulreform aufgestellt haben. Wesentliche Bestandteile sind aus dem Hochschul- Programm der S o z i a l i st i s ch e n S t u- d e n t e n s ch a f t entlehnt, wenn auch sicher aus anderen Motiven. Der als geschlossenes Ganzes aufzufassende und nur so wirksam werdende Plan zerfällt in drei große Einzelmaßnahmen: das studentische Werkjahr, das akademische Freijahr und eine planmäßige Regelung des Hochschul- Zuganges. Den ersten Teil, das studentische W e r k j a h r, will die Reichsregierung durch Verfügung bereits zum 1. April 1933 verwirk- lichen. Das Werkjahr will von Ostern 1933 an olle höheren Schüler, die zur Hochschule gehen wollen, für ein Jahr lang zu praktisch-körperlicher Arbeit verpflichten. Es ist also die Einführung der Arbeitsdienstpflicht für Studenten. In den ersten Wochen sollen die in Gemeinschafts- gruppen lebenden Universitätsanwärter durch Bor- träge auf das Hochschulstudium vorbereitet werden und besonders viel Sport treiben. Daraus soll für etwa drei Monate Arbeitsdienst in den Ar- beitslagern des Freiwilligen Arbeits- d i e n st e s folgen, wobei vor allem an die östlichen Grenzgebiete gedacht ist. In der Ernte- zeit sollen die Werkjahrsstudenten als„frei- willige" Erntehelfer bei unverschuldet leistungsschwachen Landwirten(!) zur Verfügung stehen, auch wiederum besonders im Osten. Das letzte Halbjahr soll schließlich alle Werkjahrs-. studenten verstreut in Lchrlingswerkstätten und industrielle Betriebe führen, um sie für einen praktischen Beruf anzulernen. Für die Mädchen sollen entsprechende Maßnahmen gelten. Der Idee des Werkjahres liegen folgende Ab- sichten zugrunde: Durch Einschiebung eines prak- tischen Jahres zwischen höherer Schule und Hoch- schule soll für 1933 einmal der Zugang von etwa 30 000 jungen Studenten verhindert werden, wodurch in einigen Iahren der akademische Markt für ein Jahr die gleiche Entlastung ersahren wird. Ferner soll die rein intellektuelle Ausbildung der Akademiker durch eine praktisch-körperliche Tätig- kcit eine Unterbrechung und Ergänzung erfahren. Und letztlich soll sich das Werkjahr(in Verbindung mit der Auslese) als Netz auswirken, das manche Hochschuljünger vom Studium abhalten und in andere Berufe überführen soll, damit der Zudrang zu den Hochschulen abnimmt. Das akademische Freijahr will die Erfahrungen und Vorteile des amerikanischen Altakademiker- Studienjahres, des„KaKKatical \ear", mit einer finanziellen Selbsthilfe des akademischen Standes verbinden. Danach soll jeder beruslich tätige Akademiker für die nächsten zehn Jahre monatlich 3 Prozent seines Einkommens zugunsten des notleidenden akademischen Nachwuchses abführen. Als Gegen- leistung soll er im Lause der zehn Jahre einen einjährigen bezahlten Urlaub, eben das akademische Freijahr, erhalten, allerdings mit der Verpflichtung, keine bezahlte anderweitige Tätigkeit auszuüben. In die so freigewordene Stelle hat ein Iungakademiker einzurücken, der aus dem Selbschilfefonds und aus Staats- Mitteln aiigemessen bezahlt werden soll. Denn der Staat übernimmt nach dem Plan die Verpslich- tung, für jede Freijahr-Stelle 20 Prozent des akademischen Durchschnittseinkommens zur Ver- fügung zu stellen. Die Ausgabe des akademischen Freijahres ist also, so schnell wie möglich eine große Zahl junger Akademiker in Berufstätigkeit zu bringen. An- dererseits sollen die heute überlasteten Akademiker durch das Freijahr Gelegenheit haben, erneut „Studenten" zu werden, um ihre Kenntnisse dem neuesten Stand der Wissenschast wieder anzu- gleichen oder im Ausland zu erweitern. Der dritte Teil des Reformplanes, die plan- mäßige Auslese der künftigen Studenten. bringt einen völligen Umbau des heutigen Zuganges zur Hochschule. Bisher gab allein die Äbiturientenprüfung das Recht zum Hochschul- besuch, die Zahl der Studenten war unbeschränkt. Jetzt sollen noch dem Plan der Auslese nicht mehr Studenten ausgenommen werden als in den kommenden Jahren Akademiker begründet« Aussicht aus Berufstätigkeit haben. Diese Anzahl soll durch Richtzahlen der volks- wirtschaftlichen Entwicklung auf dem akademischen Markte festgestellt werden. Die übergroße Anzahl der zu den Hochschulen drängenden Witurienten soll durch eine Reihe von Maßnahmen auf die festgesetzte Zahl herabgedrückt werden, wobei es gilt, die Geeignetsten herauszusuchen. Einmal soll in diesem Sinne das studentische Werkjahr wirken. Eine weitere Auslese soll das college- artig erweiterte Studiener st jähr bringen. In diesem Studienerstjahr sollen die Studieren- den zu Gruppen von etwa 30 Teilnehmern zu- sammengefaßt werden und in ständig engstem Zusammeichang mit Professoren, Assistenten, Jung- akademikern als Tutoren und Altakademikern als Mentoren arbeiten. Dadurch stehen sie das ganze Jahr hindurch unter scharfer Leistungskontrolle, so daß es möglich sein wird, die zum Studium Geeignetsten endgültig herauszufinden. Die planmäßige Auslese übergibt also den Hochschulen die letzliche Entscheidung, wer als Student zugelassen werden soll. Damit soll das A b i t u r i u m, das heute meist eine unmögliche verfrühte Berufsentscheidung ist, wieder seinen Sinn als abschließendes Schulexamen erhalten. Andererseits sollen fähige junge Leute ohne A b i t u r i u m— etwa junge Arbeiter oder Fachschüler der verschiedensten Berufe— leichter als heute den Weg zur Hochschule finden, wodurch die bisher noch fast ausgeschlossenen Bolkskreise Zugang zu den Hochschulen erhalten. Und schließ- lich will der collegeartige Ausbau des Studien- erstjahres durch Erweiterung der Assistententätig- keit für eine große Anzahl von Jungakademikern einen neuen akademischen Beruf schaffen. Wilhelm Tietgens. Petorm tiiv die Peaklion? Aus den Kreisen der Sozialistischen Studentenschaft wird uns zu den Reformplänen Dr. Schairers geschrieben: Das Ausschlaggebende bei den Plänen ist, daß sie richtunggebend in die Zukunft weisen. Es sind Ansätze zu einem grundlegenden Umbau der Hock)- schul« und der höheren Schule, den wir in sozio- listischer Hochschulpolitik fortzuführen und zu voll- enden haben. Das studentische Werkjahr kann der Forderung der Sozialistischen Studentenschaft nach einer Ausrichtung des Studiums auf die soziale Funktion entsprechen und die völlige I s o l i e- rung der Hochschulen, die heute Fremd- körper im Volke sind, überwinden helfen. Hierzu ist allerdings nötig, daß die Werkjahr-Studenten in einem ihrem Studium nahestellenden Berus arbeiten, etwa Juristen in der Gerichtshilfe, Medi- zitier in der Sozialfürsorge. In der gleichen Rich- tung muß das akademische Freijahr wirken, weil die auf die Hochschulen zurückkehrenden Altakademiker die heute fehlende Berufsver- bundenheit, das Wissen um die Gesetze und Anforderungen der Praxis, in die Theorie der Seminare bringen werden. Schließlich kann die Bsschräntung der Studcntenzahl auf ein der oka- demischen Berufslage entsprechendes Maß der Beginn sozialistischer Planwirt- s ch a f t sein, wenn nicht ein rasten- oder geld- gebundener numerus clausus, sondern eine Aus- lese der Begabtesten und Geeignetsten aller Volksschichten die Richtschnur sein wird. Die So- zialistische Studentenschast hat wiederholt im Sinne "iolcher Pkanwirtschnft gefordert,„daß nir�ver end- gültigen Auslese die Hochschule selbst in hervor- ragendem Maße beteiligt sein soll durch.eine aus zwei oder drei Semester sich erstreckende Lei- st ei n g s k o n t r o l l e". Aehnliches fordert der AfA-Bund in seinem Hochschulprogramm. Dr. Schairer ist also durch den Druck der Tatsachen auf durchaus sozialistische Gedankengänge gedrängt worden. Nun muß allerdings die mögliche Kehrfeite dieser Pläne, die Entwicklung zur Reaktion, ebenso klar erkannt werden, um so mehr als ihre Träger der Reaktion näher stehen als dem Sozialismus. Denn Dr. Schairer und das Deutsche Studenten- werk wollen mit ihren Forderungen keineswegs sozialistische Hochschulpolitik auch nur begünstigen, und daß die Regierung P a p e n, vor allem der Rcichswehrminister Schleicher, die Reform- Pläne aufgreift und so schnell verwirklichen will. läßt vermuten, daß eine„Reform" nach rück- wä r t s gemeint ist. Die größten Ansatzpunkte zu reaktionärer Ent- Wicklung liegen im studentischen Werkjahr. Die Zusammenfassung der Werkjahrstudenten zu großen Gruppen und die starke Betonung des Sports— Dr. Schairer spricht von Wehr spart!— legt die Gefahr einer Militarisierung sehr nahe. Desgleichen können die drei bis vier Monate Ar- beitsdienst in den Arbeitslagern des Ostens stärkste nationale Verhetzung der Studierenden bringen. Die„freiwillige" Erntehilfe der Werk- jahrstudenten, für die die Freiwilligkeit doch sehr problematisch ist, kann zu einer nackten Aus- beutung dieser Kräfte unter gleichzeitiger Ver- drängung der Landarbeiter führen. Wer soll dar- - Über beftiirnneiv wann ein Landwirt nnverschutdet so in Not geraten ist, daß er keine Ernteorbeiter mehr bezahlen kann? Sind die ostelbischon Groß- Uilte tiivVevbrechev? Vorschläge eines Juristen/ Von Dr. S. Weinberg Die Erkenntnisse der modernen Psychologie in ihrer Anwendung auf Strafrecht und Strasvollzug beleuchtet der Münchener Rechtsanwalt Eugen Schmidt in seiner Schrift„Das Verbrechen als Ausdrucksform sozialer Ent- in u t i g u n g"888. Hauptjahrcsversammlung Sonnabend, 2g. Oktober, 2V Uhr, bei Tristram, Bürger- straße. Mittwoch, g. November, 20 Uhr, treffen sich die ---------------------------- 1888 und Azkö in der Turn- einem gemeinsamen Werbe- Aufsilllunq der thandball- Frauenabteilnngen von Britz 1888 und Azkö in der Turn. Halle Britz. Wcrderstraße, zu einem i turnen. Genossen können sich zur Auf! WW Mannschaften Donnerstag, 2V Uhr, in der Turnhalle Britz, turnen. Genossen können\ Mannschaften Donnerst Werderstratze, melden. Soli, ikrastfahrcr! Touren für Sonntag, Zg. Oktober. Abt. Friedrichshain: Birkenwerder, Start 12 Uhr Landsberger Platz.— Abt. Norden: Uetzdorf bei Sänke, Start 18 Uhr Seestr 62.— Abt. Lichtenberg: Ziel am Start um g Ubr Oderstr. 18.— Abt. Temvelhof.Marlendors: Ziel am Start um 8 Uhr Kurfürsten. Ecke Schützenstratze. WB. Frateruita». Sitzung Freitag, 28. Oktober, Se» werklchastsbaus. ZTSB.. Rudcrbe-iri. Versammlung Donnerstag, 27. Ok- lober, im Ubr, Fiirstenhos, Köpenicker Str. 187. Freie Faltbootiabrer Bi-r'in. Donnerstag. 27. Oktober. 20 Uhr, Gruppe Norden Billdenowsir. 5, Gruppe Nord» often Cbristburger Str. 7, Gruppe Südosten Trotze Frank» furter Str. 18.— Funktionärversammlung 81. Oktober, 20 Uhr, Linde, Uferstr. 18. Hierzu 1 Beilage. Berantwortlich für Politik: Richard Schwartz: Wirtschaft: G. Klingelhöfer; Gewerkschasttzbeweaitna« I. Steiner: Feuilleton: Herbert Lcpdre; Lokales und Sonstiges Otto Hengst; sämtlich in Berlin. I Verlag: Vorwärts. Verlag G.m.b.H., Berlin. Truck: Vorwärts-Buchdruckerei und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW. 68, Lindenstraße 3, Anzeigenpreise werden in jeder Morgen-Ausgabe des„Vorwärts" veröffentlicht. Fritz K a r st ä d t; Anzeigen: I Bezugsbedingungen und lUe&iee. Lidilsptele usw| ■■ I■ I■■■■ I■ I II■■ lim....... ftftfllf Theater Donnerstag, den 27. Oktober staatsoper unter den Linden 20 Uhr Ariadne auf Naxos staatliches Schauspielhaus 20 Uhr Wilhelm Teil Stettiner Sänger Reicbshallen-Theater 8.15 Sonntag 3.30 rn ermäßigten Preisen. Letzte Woche! „Und abends wird getanzt" und das Oktober-Prograrara VOLKSBUHNE Theater am BHIowpiatz 0 I. Norden 2944. Täglich H Uhr Die Ratten Dorsch, Klopfer, Wernicke. Karchow, Almas, Loovsky, Marlow, Dahlke, Wollenberg, Beihge siddhOper Oharlottenbur.! Fraunhofer 0231 Donnerstag, 27. Okt. Turnus II OleEntIQlirung aus dem Serail 20 Uhr Berger, Eisinger, Ludwig, Andtdsen, OomberLOuttmann Dirigent: Paul Breisach Schiller Bismarckstr.(Knie) Steinpl.(CI) 6715 Täglich»>/» Uhr Robert und Bertram Mlnd Brian. Friti öinck Senil Minil Deutsches Theater Weidend. 5201 8 Uhr Pnnz fii m Homlin Sduaiplel van H.». Kleid Regie: MaxReinhardi 8 Uhr Stose Stemd mit Paula Wessely 3» 3» 3» Bendows Bunte Böhne Koitbusser StraOe« fröber„Elite- Singer" ladie did) geiDod! Tgl. 8 Uhr. Sannt, nichm. Z>/, Preise von SU Pf. an Ab 1. Xov. Katfee kotfien" Komödlentiaos SchKfbauenlamm 25 0} Weidend. 6804-05. Täglich HV, Uhr Auslandreise «.0«tsrrtldMru.B1rsdililii Felix Bretiart MariaPaudler Paul Heidemann «W» Wallnertheater Täglich S'i Uhr I LeMatsctierdesFrldericusRex 1 Sin: li� Sinsspiil v. 5. Mentildt, Musik i. Ja Snaia Preise 0,50 bis � M. Vorverk. al . ab 10 Uhr. Win»«, -Garten- dunrii. Flora 3434. Haoditntri. Bronett-Familie. Lord Ain. 7 Alfredos. Marianne u Roberts. Dormonde. MaeElgin. Mary Erik u. Co. usw. sv, uhr CASIIIO- THEATER"'."d' Lothringer Strahc 57. illtllHIIIIMIIIIIBIIIIMIIinitllllllllNIIlUIHNtNniNIIMIinini Nor noch bis 5. November auch Sonnlags nachm. 4 Ubr Khnipln der Lull Am 4. November zum 1. Male Die Liebe blübtin Werder Gutschein tür die Leser 1—4 Personen Paul. 0.75 M.. Sessel I 25 M.. Park. 0.50 M. wirksam sind dt» DCSUllUcra Kleinen Anzeige» in der desamt. Auflage(.JlUo.! des Vorwärts und uoudem A»»* n* J» 4 Rose-Theater SftJi Fmtfnrlir Stnfi 13? Iii. Wnldnü E 7 3432 8,15 Uhr Der Hauptmann von Köpenick Kabarett für Alle 4 ühr TigUch 9 Uhr Du sossatioosllo rabartzn-Programm Abendvreise 1—3 Mk. Nachm. G*d.cK 1.25 Jeden Scnabenn 1 1 ütukNi'chtvorrteniing Blumen iiiiimiimiimiuuiiiiiiiiiitii Paul Golletz Marlannenstr. 3 F 8, Ober bäum 1 303 Eine altbekannte Berliner Gaststätte im neuen zeitgemäßen Gewände wird Freitag eröffnet Binden-{Restaurant Spezial- Ausschank nandmer lOwenbrao Neu• oankei- fflirzei ter\ � Pilsnip Urquell \'us tlem �urgerlicbeu \Brauhaus in Pilsen Tellorgeridite• Schnellimbiß Münchner Speziolitöten