Morgen-Aus gäbe Nr. 523 A256 49. Jahrg. Redoktton und Verlag, Berlin SW 68. Cinbenftr. 3 5«rnspr-cher A � Ami Dönhoff 292 bis 297 lelegtammahtcfi'ei Soaiaßemotcai-S-rll» SONNABEND S.November 1932 BERLINER VOLKSBLATT MN Isntvaloega« der Gozialdsmokeatifche« Oariei Deutschlands putsch statt Strsiic Ksriin om fnsitog Im Laut« des Mittags meldete sich bei der BVG. genügend Personal, um einen Teil. verkehr eröffnen zu können. Das Ausfahren von Straßenbahnwagen und Autebussen wurde von uniformierter SA. und Kommunisten in allen Stadtteilen mit schweren Unruhen beantwortet. Bis gegen 5 Uhr<8 Wagen der BVG. beschädigt. 17 Fahrer beziehungsweise Schaffner verletzt. Gegen KB Uhr Wiedereinstellung des Verkehrs. Wiederaufnahme Sonnabend unter verstärktem Polizeischutz geplant. Die kommunistische Streikleitung hat den Beschluß gefaßt,„den Streik-1 verschärft weiterzuführe n". Schwere Unruhen in allen Stadtteilen in einer Unzahl von Fällen. Sehwerste Zusammenstöße in Schöneberg und an der Us« domstraße. Gegen 9 Uhr abends bisher bekannt: Z Tote, 8 ernstlich Verletzte. Stärkstes Hervortreten uniformierter SA.- und SS.-leute bei den Unruhen. An vielen Punkten gemeinsames Vorgehen uniformierter SA. mit den Kommunisten. Ueberfälle auf Sozialdemokraten und Reichsbannerleute, so in der Müllerstraße und in der Landsberger Straße, Sturm auf „Vorwärls"-Filiale Müllerstraße S4a. Massenaufmarsch für die Freiheit! Lexelsterte Kundgebung von Zehntausenden für die Sozialdemokratie! SA. überpuMtKPD.! Die neue Taktik des Faschismus Vorgestern war in Berlin Derkehrsstreik, gestern war SA.-B u t s ch zur Verhinderung der Arbeitsaufnahme. Die SA. hat die Führung übernommen, sie hat die KPD. überputscht. Der deutsche Faschismus will neue Wege wandeln. Seit aus seinem Geschäft mit den Baronen nichts geworden ist, ist er so „arbeitersreundlich" geworden, dah die Arbeiter. wenn sie aus ihn hineinfallen, jahrzehntelang daran denken werden! Eine neue„proletarische Einheitsfront" wird sichtbar. Braunjacken schmücken ihre Reihen. A d o l f h i t l e r ist ihr Führer. Diese proletarische Einheitsfront bringt bestimmt nicht die„Diktatur des Proletariats". Sie bringt höchstens die Diklakur der Bourgeoisie durch den Sieg des Faschismus. Die KPD. steht der nationalsozialistischen „Einheitsfront von unten" völlig ratlos gegenüber. Sie marschiert einfach mit. Die Parole lautet bis auf weiteres:„Umarmt die Faschisten, wo ihr sie trefft!" Der Bruderbund ist geschlossen. Der gemeinsame hast gegen die Sozialdemokratie, gegen die Gewerkschaften und gegen den „Vorwärts" feiert Orgien. Strastenrcd- ner schwärmen aus und predigen Wut und Geifer gegen die SPD. Warum gegen sie? Siht sie in der Direktion der BVG.? Rein! Kein einziger der jetzt amtierenden Direktoren ist Sozialdemo- krat! hat sie den Schiedsspruch gefällt, ihn für verbindlich erklärt? Rein, kein ein�grc Sozialdemokrat hat damit etwas zu tun ge- habt! Befehligt sie die Polizei? Rein. Po- lizeipräsident ist bekanntlich der Vertrauens- mann Dr. B r a ch t s, Herr Welcher. Was wirft man der Sozialdemokratie vor? Dast sie die Löhne gesenkt hat? Aber das hat sie doch nicht getan! Umgekehrt wirft ihr die deulschnalionale Presse vor, dast sie früher die Löhne z u h o ch getrieben hätte! Die Gewerkschaften haben alles getan, was sie konnten, um die Lohnminderung abzu- wehren, es ist ihnen nicht ganz gelungen, weil die Gegenkräfte stärker waren. Run hat die SA. mit Unterstützung der KPD. die Führung übernommen. Sie verhindert bis aus weiteres das Aussahren der Wagen. Wenn es heißt, für Sozialismus und für die Befreiung der Arbeiterklasse unter dem Freiheitszeichen der Sozialdemokratie demonstrieren, dann schreckt den Berliner Arbeiter und die Berliner Arbeiterin kein Verkehrsstreik! Dann erlebt man es, daß schon lange vor dem auf 20 Uhr angesetzten Beginn unserer letzten Berliner Wahlkundgebung vor dem 6. November der Sportpalast bis hinauf in den obersten Rang besetzt war, und daß dann um 20 Uhr die Männer und Frauen stehen mußten, um an der Kundgebung teilnehmen zu können. Große Transparente mahnen, daß der Spuk der Barone wie Spreu verfliegen werde. Von 19 Uhr ab spielt das Reichsbannerorchester. Dann erfolgt der F a h n e n e i n m a r s ch, bei dem die Parteiveteranen, die Delegationen des Reichs- banners, unsere Frauen, unsere Jugend und unsere Sportler mit gleicher Begeisterung begrüßt werden. Unter stärkstem Beifall singen die Männerchöre Fichte-Georginia, Typographia und Berliner Sängerchor die„Hymne" von Nehul und den„Sturm" von Uthmann. Fraiu Künstler eröffnet die Kundgebung. Er sagt: In 48 SlüM den'st eine Wahl beendet, die wohl die ent- scheidendste der Nachkriegszeit sein wird. Schon jetzt danke ich unseren wackeren Parteigenossen und-genossinnen. Am 9. August 1931 wollten Nationalsozialisten und Konimunisten gemeinsam Carl Severing und Otto Braun stürzen. Dieselben Vundesbrüder haben bei der BVG. gestern einen Streik entfesselt, nicht um eine Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter und Angestellten der BVG. zu erreichen. Schrieb doch gestern die„Rote Fahne": Der Streik richtet sich formell gegen einen Lohnabbau von 2 Pf. die Stunde, aber die BVG.-Arbeiter haben durch ihren Beschluß bekannt, daß es um mehr geht als um das! Dieser Satz enthüllt die Absichten der Drahtzieher. Rur politische Absichten im Hinblick aus die Reichstagswahl haben Goebbels und Ulbrich zu gemeinsamem Vorgehen veranlaßt. Fast scheint es, als ob man Papen in die Hände arbeiten will. Ist vielleicht Absicht der Drahtzieher, in letzter Stunde die Reichstagswahl zu vereiteln? Nationalsozialisten und Kommunisten sind einig in ihrer Aktion für die Reaktion gegen die Arbeiterschaft. Reichsbannerleute sind überfallen worden, und Kommunisten rissen den schlagenden Nationalsozialisten zu: Immer feste drauf los!(Stürmische Pfuirufe.) Aber die Berliner werktätige Bevölkerung wird mit sich nicht das Spiel gewissenloser Spekulanten treiben lassen. Darum jetzt erst redst die letzten Stunden ausgenutzt zum Siege der Liste 2, zum Siege der Sozialdemokratie! Unter lebhaftem Beifall nahm dann Genosse Arthur Crispien das Wort. Kommunistische und nationalsozialistische Störungsoersuche wurden rasch durch Entfernung der Störenfriede unwirksam gemacht ■Arthur Crispien: Unter November st ürmen brach 1918 das reaktionäre Preußen-Deutschland zusammen. Die Sozialdemokratie schuf die Republik als günstigsten Ausgangspunkt für den Sozialismus. Nun messen sich in diesem Jahre zum.jünsten Male die Kräfte fem d a l e n Konterrevolution mit denen der sozialen Revolution. Papen und Hitler wollen den Kapitalismus retten, Papen mit seinem sogenannten Wirtschaftsprogramm, mit der poli- tischen und sozialen Entrechtung der breiten Massen, mit aggressiver Aufrllstungspolitik und mit Zoll- und Handelskriegen, Hitler mit seinem wütenden Sturm auf die marxistische Eiserne Front, die er„zerschmettern" will, um das Prole- tariat den kapitalistischen und reaktionären Kräften wehrlos auszuliefern. In Wahrheit ver- dankt Papen, der unabhängig von allen Parteien sein will, sein politisches Dasein dem Herrenklub der Deutschnationalen Volkspartei und vor allem auch der Nationalsozialistischen Partei.(Lebhaste Zustimmung.) Crispien beleuchtete dann die sogenannte natio- nale und christliche Grundlage der Papen-Regie- rung und sagte: Das sind Wege, die ins tiefere Elend führen, aber keine Wege des Aufstiegs. (Lebhafter Beifall.) Die Papen und Hitler zeigen keinen Weg aus Not und Bedrückung, sie werden uns im Gegenteil eine böse Erbschaft hinterlassen. (Neue, anhaltende Zustimmung.) Hitler und Papen haben den Reichen Geld in die Taschen gesteckt, den Armen aber die Unterstützung ge- kürzt.(Pfui-Rufe.) Wir müssen den entschlossensten Kampf gegen Hitler und Papen führen.(Bravo!) Ein neuer Novembersturm wird und muß in Deutschland kommen. Kriegsgesahr und Unter- drückung müssen durch uns überwunden werden, nicht nur die Erringung politischer Freiheiten und sozialer Rechtsansprüche, sondern darüber hinaus die wirtschaftliche Befreiung, die allein erst d i e Erfüllung des Sozialismus bringen kann. Das ist unser Ziel, und deshalb wählen wir am 6. November sozialdemokratisch.(Lang- anhaltender stürmischer Beifall.) Auf das herzlichste begrüßt, ergriff dann Toni Lender das Wort: Dr. Goebbels erzählt uns davon, wie die Barone vor ein paar Monaten auf dem Rücken der Nationalsozialisten in die Amtlichkeit geklettert sind. Seitdem haben wir die„neue Art der Staatsführung": das Volk wird von einer Wahl in die andere gehetzt, aber auf den Willen des Volkes wird gepsiffen! In Wahrheit ist diese „autoritäre" Regierung von Intercssentenhaufen abhängig.(Sehr richtig!) Sie spricht von der not- wendigen Anpassung an die Armut der Nation und drosselt deshalb die Bezüge der Rentner und Arbeitslosen, belastet den kleinen Mann mit neuen Steuern und gibt dafür mit offener Hand anderthalb Milliarden Steuergeschenke an die Industrie, 200 Millionen Subventionen, 700 Millionen Lohn- subventionen und eine halbe Milliarde Zinsge- schenke an den Großgrundbesitz. Sie unter- drückt die freie Meinung, sie faschisiert den Rundfunk, das Hakenkreuzparteibuch ist beste Empfehlung, der Rechtsstaat scheint, das zeigt das Verhalten der Reichsregicrung nach dem Urteil von Leipzig, erschüttert.(Lebhafte Zustim- mung.) Man spricht von der Gleichberechtigung Deutschlands inmitten der Nationen Wir alle wollen diese Gleichberechtigung, verlangen aber, daß man mit ihr gegenüber den eigenen Volksgenossen beginne.(Stürmischer Bei- fa.) Die Herrenschicht hat die letzte Gelegenheit ergriffen, um sich vom Volkswillen unabhängig Aber ob es ihr gelingen wird, die Aufhebung des gefällten Schiedsspruches zu erzwingen. das ist eine ganz andere Frage. Rlan tut der SA. bestimmt kein Unrecht. wenn man sagt, dah ihr der Schiedsspruch vollkommen gleichgültig ist. Für sie und ihre Partei geht es um etwas ganz anderes, nämlich um den Ul a ch t k a m p s d e s F a s ch i s- m u s. In diesem Ulachtkampf des Faschismus ist der Kleinkrieg, den die SA. mit der Polizei führt, ein taktischer Schachzug. weiter nichts. Die KPD. aber? Sie. die oft genug eine politische Hilfstruppe der Razis gewesen ist. ist jetzt aus dem besten Wege, zu einer militärischen hilsstruppe der SA. herabzusinken. Indessen redet im Rundfunk Herr von Papen. Er kündigt dem Bolschewismus Kampf bis aufs ZNester an und sucht sehn- suchtsvoll— wenn auch laut schimpfend— die Bruderhand des Rationalsozialismus. Arbeiter, hütet euch vor den„Arbeiter- freunden" im braunen Hemd! heute helfen sie euch streiken, morgen werden sie. wenn ihr ihnen folgt, eine Knechtschaft über euch bringen, die in der Geschichte ohne Bei- spiel ist! Augen aus! Jetzt erst recht am morgigen Wahlsonntag alle Stimmen der Hüterin der Volksfreiheit: der Sozialdemokratischen Partei! Melcher droht Notkalls �.nwenduns der Schußwaffe Gegenüber beunruhigenden Rachrichten teilt der Polizeipräsident mit, dah das Berliner Straßen- bild durchaus ruhig(!) ist. vereinzelte Sabotage- akte, die gegen Straßenbahnwagen verübt worden sind, sind im Laufe des Spätnachmittags wieder abgeflaut. Für heute sind im Einvernehmen mit der BVG. umfassende Schuhmaß- nahmen für die Arbeitswilligen getrossen, die darin bestehen werden, dah die Polizei mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, notfalls durch Gebrauch der Schuhwasfe, die Arbeitswilligen nachdrücklich schütze» wird. 42V Festnahmen in 24 Ltunden Im Laufe des gestrigen Nachmittags wurden insgesamt 120 Personen wegen verschiedener Delikte festgenommen. Die Festgenommenen ge- Hören fast ausnahmslos der K o m m u n i st i- schen und Nationalsoziali st ischcn Partei an. Die Zahl der von Donnerstag bis Freitagabend Festgenommenen beträgt insgesamt 42 0. Ein großer Teil der Zwangsgestellten ist inzwischen nach der Vernehmung bei der Politischen Polizei wieder entlassen worden. Drei Todesopfer Acht Schwerverletzte Die Namen der Toten des gestrigen Nach- mittags bzw. der an den Folgen der erlittenen Verletzungen Gestorbenen sind: Emil'kepp, Schöneberg, Grunewaldstraße, 25 Jahre(Rückenschuß): Liesbelh Schulze, Schöneberg, Gleditschstr. 19, 67 Jahre(Kopfschuß): Georg Horn, Berlin N., Bernauec Str. 37, 56 Jahre. Die Namen der am Freitagnachmittag Ver- letzten sind: Irma Eitner, Schöneberg, Merseburger Str. 4, 19 Jahre(Oberschenkelstcckschuß): Martha Lossow, Schönebecg, Merseburger Straße. 42 Jahre(Armdurchschuh): Martha Kilian, Schöneberg, Hauptstr. 8(Ober- schenkelsteckschuß): Fritz Birnbaum, Schöneberg, Steinmetzstr. 61, 59 Jahre(Armdurchschuh); Willi haroth, Berlin N., Schönholzec Str. 3, 31 Jahre(Armschuß): Heinrich Kurzidine, Berlin N.. Lortzingstr. 59, 30 Jahre(Unterschenkelschuß): Mar Zorochowski. Berlin N., Swinemünder Straße 74(Unterschenkekschuß). zu machen. 6le stützt sich auf die Macht, aus Bazonetten, aber wir sagen ihr, daß wir schon einmal mit Bajonetten fertig geworden sind. (Neuer Beifallssturm,) Wenn sie das anderthalb Dutzend stellungsloser Monarchen wie» der als einzige Ankurbelung in den Betrieb ein' schalten will(Heiterkeit), dann setzen die Arbeiter ihnen den st ä r k st e n W> d e r st a n d entgegen. Die Reaktion will eine Entrechtung der Frauen. Aber wir Frauen werden uns zur Wehr zu setzen wissen(Anhaltende Zustimmung.) Wir rufen den Baronen zu- Ihr täuscht euch! und wir setzen ihrer Politik den Ausbauwillen aller Schafsenden entgegen.(Stürmifcher Beifall.) krsur Künstler begrüßte sodann mit herzlichen Worten den Führer der deutschösterrcichischen Sozialdemokratie, Otto Bauer-Wien..Er bringt uns unseren Gruß „Freiheit" entgegen, wir willkommen ihn aus freudigem cherzen mit dem Gruß unserer öfter» reichischen Genossen:„Freundschaft!" Die Ver- sammlung erhob sich, um in stürmischer Begeiste- rung in die Begrüßung einzustimmen. Dann nahm Otto Bauer-Wien das Wort:„Euer Kampf gegen die Barone und gegen den Faschismus chitlers ist ein Kampf, von dem die Zukunft der Arbeiterklasse in allen Län- dern in höchstem Maße abhängt. Die Proletarier aller Länder verfolgen ihn deshalb mit leiden- schaftlicher Spannung, wir Deutschösterreicher aber, wir sind noch in ganz besonderem Maße, wir sind doppelt und dreifach interessiert. Am Tage unserer Revolution, am 12. November 1918, verkündeten wir den Anschluß Deutschösterreichs an Deukschland. Uebermächtige Siegergewalt hat diesen Anschluß verhindert. Aber wir wissen: Euer Schicksal ist unser Schicksall Jeder Sieg der Reaktion bei euch schlägt zu uns herüber Wir haben auch unsere Papen, Schleicher und Eitler gehabt, Männer in kleinerem Format. Dies kleinere Format liegt aber nicht nur daran, daß wir ein kleineres Land sind, sondern daran vor allem, daß bei uns die Arbeiterklasse einig geblieben ist.(Stürmischer Beisall.) Ihr dürft den 9. November 1918, wir dürfen den 12. November 1918 nicht vergessen. Damals erhob sich das Volk, und die Throne der j)oben- »ollern und Habsburger verschwanden in der Ver» senkung Die Leute, denen man heute das Märchen vom N o o e m b e r o e r b r e ch er einredet, waren damals noch Kinder(Sehr richtig!) Was war denn damals in Wirklichkeit? Viereinviertel Jahre Krieg lagen hinter uns. wir waren durch Uebermacht besiegt, die Lücken wurden durch Krüppel. Greise und Kinder aus- gefüllt, während von drüben, aus Amerika, eine Million neuer Kämpfer kamen. Wir hatten keine Rohstolfe mehr, die aus der anderen Seit« in Hülle und Fülle vorhanden waren, wir waren zu» sammengebrochen Da erhob sich das Volk, um von denen Rechenschaft zu fordern, die noch 1917 Eroberungen verlangten und den U-Boottrieg ver- kündeten und dadurch über Deutschland die furcht» barste Katastrophe seit dem Dreißigjährigen Kriege herbeigeführt hatten.(Sehr richtig!) Da- mals erhob sich das Volk, und die Schuldigen, die seht wieder regieren wollen, verkrochen sich. Wir nahmen als Erbschaft den verlorenen Krieg, das Chaos, den Hunger, die leeren Speicher und die Wehrlosigkelt. Damals überließ man uns Sozialdemokraten gern die Verantwortung, die Herren fühlten sich damals nicht so„durch Vor- sehung berufen", wie sie es heute tun.(Heiter- keit und Beifall.) Es kam in diesem Zustand des Zusammenbruchs nur zu einer halben Revo- l u t i o n, und es kam auch nur zu einer halben Demokratie.(Sehr wahr!) Das ist nicht die Schuld einzelner. Nein, das zu behaupten, wäre eine dürftige, allem materialistischen Denken widersprechende Geschichtsauffassung. Die Schuld an der halbheil liegt an dem, was wir übernehmen mußten. (Sehr richtig!) Wir standen in wirtschaftlicher Ab- hängigkeit vom kapitalistischen Ausland. Wir konnten die Demokratie in Staat, Ländern und Gemeinden schaffen, aber wir konnten sie nicht schaffen in den Betrieb enl So setzte der Gegenstoß des Kapitalismus, der sich in der Inflation bereichert, der die Rationalisierung aus- genutzt und ein« scheinbare Prosperität herbeige- führt hatte, zum Gegenstoß an. Dann kam frei- lich die Weltkrise, diese Ungeheuerlichste Bla- mage des Kapitalismus.(Sehr wahr!) Da kamen die Agenten des Kapitalismus im braunen und gelben Hemd und sagten: Dir, Arbeiter, Ange- stellter, Beamter, Bauer und Gewerbetreil ender, Der„Vorwärts" erhält von der Reichspresse- stelle„auftragsgemäß" die folgende Auflage- Nachricht, gegen die nach der Pressenotoerord- nung in der gleichen Nummer nicht Stellung genommen, werden dars. Schriftgröße und Platz sind amtlich vorgeschrieben. Anler den Ueberschrislen„Otto Wels über Popen".„Aus der Vergangenheit eines deutschen Reich: kanzlers" bringt die Abendausgabe des „vorwärts" Rr. 522 vom 4. November Behaup- tungen über R�ichrkan-ler von Vapen aus einer Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten Otto Wels, die in den letzten Tagen verschiedentl'ch in der sozialdemokratischen presse auslauchten. Räch diesen Behauptungen soll Reichskanzler von Papen als preußischer Landtagsabgeordneter aus- gesordelt worden sein, von der Tribüne des preußischen Parlaments für das Saargebiet einzutreten. Er babe die ihm angetragene Rede für das Saargebiet mit der Begründung abgelehnt, daß eine derart'ge R'de feine Verwandten im Saargebiet schädigen könne. Diese Behauptung ist falsch. Reichskanzler von Papen hat die Rede über das Saargebiet, die in der Zenlrv.mssraktion des preutzi-chen Landtags vor Jahren erö'tert wurde, lediglich aus auben- politischen Gründen abgelehnt, um der damaligen Regierungspolstik keine Schwierigkeiten zu bereiten. Wenn serner Herr Wels nach der Wiedergabe des„Vorwärts" behauptet Reichskanzler von Papen habe vor dem Untersuchungsausschuß des preußischen Landtags nicht alles oesagt. was er alz Landtagsabgeordnetcr und A''siichlsratsvor- sitzender der„Germania" praktisch über Zeilungs- svbventionen erfahren habe, so ist an'chcinend mit dieser Andeutung die in der soz'aldemokratischen presse erschienene Behauptung gemeint, Herr von Baven babe in seiner Eiaerschai' als Auisichlrrats- vorsibender der„Germania" Subventionen aus öffentlichen Mitteln bewraen lassen. A-ch diese Behauptung ist völlig ans der tust gegrifien und ebenso wie andere saFche Anwürfe g aen den Reichskan-ler tcre'fs am 3 Rovemb-r v-m der Reichsregierung ausdrücklich demenliert worden. '« sülz/ is'd&s-Kksf vevs s* Barrikaden in der Hauptstraße— Polizei schießt— Verbrüderung zwischen Nazis und ICozis Die Berliner Straßen des Südens und Süd- w e st e n s boten in den ersten Nachmittags- stunden ein außergewöhnlich bewegtes Bild. Die Ankündigung der BVG., daß von 3 Uhr nach- mittags abein TeilverkehrfürStraßen- bahn und Autobusse aufgenommen wurde, hatten sich besonders in dem gestrigen U n- ruhezentrum Schöneberg National- sozialisten und Kommunisten zunutze gemacht und sich zu Tausenden auf den Straßen angesammelt. Auch am Halleschen Tor und in der Belle-Allianre-Straße wogte ein dichtes Gedränge, doch herrschte hier das von der Arbeit heim- kehrende Publikum vor. Das Bild änderte sich schlagartig In der Schöneberger Haupt st raße. National- sozialisten und Kommunisten hielten hier diese starke Verkehrsader in dichter Masse besetzt. Wiederholt versuchte die Polizei, zunächst ohne Zusammenstöße, die Hauptstraße zu säubern und die Menge in die Seitenstraßen abzudrängen, jedoch bildeten sich immer wieder dichte Haufen, die aus das Erscheinen der ersten Wogen warteten. In der Hauptstraße. Ecke Eisenacher Straß«, war vor dem Anrücken des starken Polizei- aufgebots im Handumdrehen eine Barrikade in einer Länge von reichlich zehn Metern aus Pflastersteinen, Balken, Pflöcken und anderem Baumaterial entstanden, und die Schienen waren durch eingestreuten Kies unfahrbar gemacht. Unter polizeilicher Absperrung wurde ein Lastzug des Berliner Tiefbauamts herangehalt, dessen Begleit- Mannschaft sich sofort unter dem Gejohle der Menge an das Freilegen der Strecke heranmachte. Während es bis VA Uhr nur zu kleineren Plänkeleien und mehreren Verhaftungen von -radaulustigen Jugendlichen gekommen war, er- eigneten sich bei der Anfahrt der ersten Verkehrs- fahrzeuge schwere Straßentumulte. Als der erste, noch völlig leere, Straßenbahnwagen nahte, erhob sich ein ohrenbetäubendes Pfeifen und Johlen und nur mit Mühe konnte die ausgeregte Menge von der Polizei in Schach gehalten werden. Als nach wenigen Minuten die nächsten Verkehrs- fahrzeuge an der von den Demonstranten beson- der? dicht besetzten Hauptstraße. Ecke Eisenacher Straße, vorbeikamen, zeigte es sich, daß hier unter nationalsozialistischer Leitung systematisch Tumulte erzeugt wurden. Als ein bereits halbbesetzter Wagen der Linie 49 diese Straßenecke kreuzte, wurde er von einigen Dutzend natlonalsozia- listischer Radfahrer und einer mehr- hundertköpfigen Menge unter dem Ruf?„Streit- brecher" und„5)erunter mit den Bluthunden" an- gegriffen. Die Schupoeskorte auf dem Vorder- und Hinterperron zog die Pistolen und gab zu- nächst mehrere Schreckschüsse, darauf ein Dutzend scharfe Schüsse In die Menge ab. die schreiend auseinanderstob. Viele warfen sich bei den ersten Schüssen auf den Damm und den Bürgersteig lang hin. Da zu gleicher Zelt die Fahrbahn freigegeben war und zahlreiche Auto» in schneller Fahrt herankamen, gab es wüste P a n i k s z e n e n. In da» Ge- schrei der ausgeregten Menge und das Knallen der Schüsse mischte sich der harte Laut kreischender Bremsen. Eine Frau wurde mit schwerem Ober- schenkelschuß in das nächstgelsgcne Krankenhau» geschasft und ein gleichfalls niedergofchosfener Mann von mehrere» Tumultuantcn in einen Hausflur geschleppt. In diesem Augenblick, als die Pofizei. darunter auch die Besatzung eines heranrasenden Flitzers, nur auf den Schutz dieses angegriffenen Straßen- bahnwagens konzentriert war, kam auf der Gegenseite von der Rheinstrahe her der erste gleichfalls schon halbbesetzte Autobus der Linie S. geht es schlecht. Hat dich die Demokratie satt g«- macht, hat dich die Sozialdemokratie geschützt? wer Geschichte wirklich begrissen hat. weih, w°e töricht und albern dieser Vorwurf ist. (Lebhaste Zustimmung.) Toren sind es, die da sagen, es gebe nur eins Wahl zwischen der Demokratie und der Diktatur des Proletariats. Rein, e» gibt nur eine Wahl zwischen der De- mokratie und der Diktatur der Barone oder des Faschismus. Ihr werdet die wacht der De- mokratie nicht in e'nem Wahlkamps wieder- erobern. Aber ihr werdet sie wiedererobern, wenn die Enttäuschung über die wißersolge der Reaktion da ist.(Stürmischer Beifall.) Weder wird eine altmodische Reaktion die Wirt- schaft ankurbeln, noch auch wird dies eine neu- modisch» Reaktion niit faschistischer Diktatur können. Die Generalsdiktaturen Koben in I u g o> ! l a w i e n und Polen die Wirtschaftskrise nicht gebannt und in Italien hat da» auch der Fafchis- mus Mussolinis nicht vermocht. Die K r i s i» wurzelt im Wesen der kapital! st i- schen Wirtschaftsordnung.(Sehr richtig.) Nur eine Umwälzung dieser Ordnung kann die Ge- nesung und Lösung bringen.(Stürmischer Beifall.) C» gibt keinen Phrasensozialismus, sondern nur ssük? DEN WAHLKAMPFI Uniccsiülzi den lCatnp$ fiis fuiUeit und Bcoi Freiwillige Spenden auf Postscheck-Konto 14 157(Adolf Holr), Berlin Als dieser Wagen sich ln langsamer Fahrt näherte, kommandierte ein uniformlerler SS.-wann, der innerhalb einer dichten Gruppe von Ra- tionaljozialisten stand:„Achtung. Zcuer!" und ein dichter Steinhagel, darunter eine Anzahl dicker Brocken, prasselte gegen den Autobus, dessen Scheiben in Trümmer gingen, während die Insassen sich zu Boden warfen oder zum Ausgang drängten. In den gleichen?lugenblicken erfolgte ein neuer, organisierter Ueberjall der Nationalsozialisten. Wieder unter dem Kommando unisor» m I« r t e r SS.-L e u t e stürzte sich auf den Befehl:„Jetzt ran an die Rampe!" ein Rudel Nationalsozialisten aus den in der Hauptstraße noch haltenden Lastzug des Berliner Tlefbauamts und stürzte einen mit dem Material der abgeräumten Barrikade gefüllten Wagen unter den Zurufen der Menge um. Diese Tat der„aufbauwilligen Kräfte" des Herrn von Papen begeisterte die herumstehenden Kam- munlsten derart, daß ein Wahlfondssammler der kpv. einen nalio- nalsoz'alislischen Büchs-nsungrn un'erhaklc und beide unter den Beisallsrufen der Umstehenden Im Takt Ihre Betlelbüchsen schwangen mit dem Ruf:„Gebt für den Wahlsoud»!"... Dieser Verbrüderungsakt zwischen Rational- sozialisten und Kommunisten blieb nicht der ein- zige seiner Art. So erschien in dem SA.-Lokal von Rathbart in der Urbanstraße 47 kurz vor 3 Uhr ein Mitglied der NGO. und forderte die anwesenden 15 SA-Leute aus. gemeinsam nach dem Hermannplatz zu ziehen und„ein Ding zu drehen". Gestern noch„Braune Mordvest" hüben und „Rotes Untermenschentum" drüben! Heute in treuester Bundesgenossenschast vereint! Welchem klassenbewußten Arbeiter sollte da nicht die Scham- röte ins Gesicht steigenl ganzen Sozialismus. Es gibt keinen anderen Ausweg und darum vorwärts zum Kamps um die ganze Demokraiie! Die packenden Ausführungen Bauer« ernteten Beifallsstürme, wie sie im Sportpalast selten er- lebt wurden. Arbeitermännelchöre sangen unter Begleitung des Orchesters und der Spielleute vom Reichsbanner den Marsch der Eisernen Front. Kurt K l a w i t t e r sprach hinreißend und mit herzlichem Beifall bedankt„Die drei Pfeile" von Clara Henriques. Franz Künstler hielt eine zündende Schluß- anspräche, dann ertönte die Internationale. Zum Fahnenausmarsch ward der österreichische Schutz- bundmarsch gespielt, aus Tausenden von Kehlen ertönte der Ruf der Zukunft und des Sozialismus, das Kampfwort der Eisernen Front:„Freiheit!" NazMberfall auf Vai-teiZokal Vier Oenossen verletzt Gegen H12 Uhr nacht, wurde da» verkehrslokal unserer 4. Abteilung in der Slralauer Straße 10 von 15 unisormicrten Razis überfallen. Die anwesenden Genossen sehten sich zur Wehr. C» gelang ihnen, die Razis herauszudrängen. vier Genossen wurden verletzt. Da» Aebersallkommando fand keinen der Täter mehr vor. Die Razi» waren mit einem Auto vor- gefahren, mit dem sie dann slüchtelen. K?I).-?eitun!*en verboten Die kommunistischen Zeltungen„Volks- wacht' und„V o l k» e ch o", die für Stettin und Brandenburg erscheinen, sind bi» zum 13. No< vember o e r b o t e>» worden. Nächtliche Schisßerei. In der Webersiraß« und am Strausberger Platz tarn e» am spülen Abend zu einem Kugciwechsel zwischen Demo» st ranten und Polizei- b e a m t e n. Ob dabei jemand oerlegt worden ist, steht zur Stunde noch nicht fest. E» wird oermutet, daß einige Personen Verletzungen erlitten haben. von ihren Gesinnungsgenossen aber in Sicherheit gebracht worden sind. Ein neuer Konstilt~ Bei der Gasbetriebsgesellschaft Tie im Laufe des heutigen TageS bei der Gasbetriebsgesellschaft in der Git- schiner Straße durchgesiihrtr tt r a b st I m- mung über einen neuen Lohnborschlag der Direktion hat eine Dreiviertel- Mehrheit für Ablehnung der ge- planten Lohnregelung ergeben. * Die vlreklion und die Gewerkschaften haben noch In der Rachl nach Bekanntwerden de» Ergebnisie» die Verhandlungen aufgenommen, um ein gütliche» Abkommen zu erreichen. Falls die Verhandlungen heute nacht zu keinem Ergebnis führen, sollen sie nicht abgebrochen, sondern morgen sartgesctzt werden. Vorläufig droht keine Slre'kgesahr.da noch nicht olle rechtlichen Wege erschöpjl sind. Erfolg der Volksbühne Das Erlebnis einer kleinen verlassenen Mutter, die sich tapfer zurechtfindet, gewinnt schnell und leicht alle Herzen. Heinz Hl.'peli gestaltet mit Käthe Dorsch, Rrsa Valelti, Jakob Tiedtke, Paul Verhocven und Erhard Siedet das Wesenllich» dieser„Fanny" des Franzosen Marcel Pognol! den leisen Atcurzug des Menschlichen. R. Ar. Papens große Geste AßSA&E PßEUSSENS ABSAGE 6AY£ßNS ftiswfolö in DänemcH'H 7 fiim A\is$' in. mävdL in Palm in i+aften. ■........ r:':••• t. w* � So hat auch schon 1914 der Anfang vom Ende begonnen. MWstMZ! Wählt Liste 2— SPD. Von Rudolf Bartel Auch die Einzelhandels-Ange- 'stellten sind in kaum zu überbietender Wnse der kapitalistischen Willkür und Aus- beutupg ausgesetzt Sie haben daher ein er- heh�ches Interesse an einer Erweiterung ihres engen Lebensraumes. Der strahlende Elan� der Arbeitsstätten steht in schroffem Gegensatz zu dem trüben Dasein der Einzel- Handelsangestellten. Die lächelnden Gesichter der Angestellten dürfen nicht täuschen, sie sind durch die Arbeitsordnung vorgeschrieben. Kundendienst! Die katastrophalen Wirkungen der K a u f k r a f t v e r n i ch t u n g, an der die Arbeitgeber des Einzelhandels noch immer hervorragend beteiligt sind, sollen durch völlig ungeeignete Maßnahmen wieder beseitigt werden So glauben die Arbeit- geber allen Ernstes, durch eine Verlängerung der für die Angestellten sowieso schon außer- ordentlich ungünstig geregelten Arbeits- zeit eine Erhöhung der Umsätze erstelen zu können. Dabei weiß heute jeder Lehrling, daß selbst bei ununterbrochener Offenhaltung der Läden nicht ein Pfennig neue Kaufkraft, sondern bestenfalls eine Erhöhung der Un- kosten erreicht würde. Eine andere weitverbreitete fixe Idee der Unternehmer ist der Versuch, die Erhöhung der Umsätze durch das L o s u n g s s y st e m zu erlangen. Die Arbeitgeber glauben näm- lich, den gewünschten Umsatz dadurch zu er- zielen, daß sie die Kaufkraftoernichtung ein» fach ignorieren und jedem einzelnen Ange- stellten vorschreiben, wieviel er im Monat verkaufen soll. Je nach der Warengattung soll er das 20- bis 40fache seines Gehaltes umsetzen. Erreicht er diese Losung nicht, so ist ei nicht tüchtig. Die Personalleitung ver- warnt ihn und wenn das nichts nutzt, darf er im Stempelkeller über den Segen des Losunossystems nachdenken. Tatsächlich ist dieser Versuch der Umsatzsteigerung ein voll- kommen ungeeignetes und demoralisierendes Antreibemittel, das den Angestellten das letzte bißchen Berufs- und Arbeitsfreude nimmt. Der Angestellte wird praktisch aber auch gezwungen, in jedem Besucher den Menschen zu sehen, der ihn um sein Brot bringen kann, falls er ihm nichts verkauft. Wehe dem Angestellten, der eine Pleite macht— feine Tage bei der Firma sind ge» zählt. In striktem Gegensatz zu den hohen An- forderungen an die Verkaufskunst der An» gestellten steht die G e h wl t s p o l i t i k der Einzelhandelsgewaltigen Schon die allge» meine Tarifpolitik der Einzelhändler wird viel robuster geführt, wie die mancher an- deren, als besonders reaktionär verschrienen Unternehmergruppen! aber die Einzelhändler scheuen sich auch nicht, die tariflichen Bestim- mungen nach eigenem Ermessen zu ändern und unter Anwendung wirtlchaftlichen Druckes, unter Verletzung von Treu und Glauben die Angestellten einzugruppieren und untertariflich zu bezahlen. Personal» entlassungen riesigen Umkanges, erheb- liche Kürzungen der von jeher besonders niedrigen Gehälter insbesondere der weih- lichen Angestellten, menschenunwürdige Ar- beitsmethoden und kaum glaubliche Schikanen sind die fortschrittlichen Methoden der ehr- baren Kaufleute Selbst wenn der soziale Mantel, den sich die Einzelhändler sehr zu Unrecht immer gern umhönaen, einen bracht- vollen Zwickel erhält, so bleibt doch der üble Reaktionär zu erkennen, der unter Benutzung der zeitgemäßen Schlagworte nur an seinen Profit denkt Auch sein lächerliches Argu- ment lautet immer wieder: die Starrheit der Tarifverträge macht die Betriebe un- rentabel. Die Vorgänge bei zahlreichen sehr be- kannten Berliner Firmen zeigen klipp und klar die Verbundenheit des Ein-elhandels mit der kapitalistischen Front und ihrer Devise: Abwälzung des Risikos auf den Rücken der Arbeitnehmer. Die Arbeitgeber des Einzel- Handels denken nicht daran, sich in die auch für sie allein richtige Front der Arbeitnehmer und Konsumenten einzureihen, eine ver- nünftige Sozial- und Personalpolitik zu treiben und an einem Umbau des zusammen» brechenden Wirtschaftssystems mitzuarbeiten. Um so mehr erwächst allen Angestellten des Einzelhandels die Pflicht, gemeinsam mit dem ZdA. und der Sozialdemokratischen Partei durch eine Vergesellschaftung der Betriebe aufbauende Zukunftsarbeit zu leisten. Wer wirklich ernsthaft für die Umgestaltung der versagenden Profitwirtschaft zur Plan- w i r t s ch a f t, für menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen kämpfen will, der gibt am ö. November seine Stimme der Liste 2 Sozialdemokralen! Wachsende Annchen Schwere Zusammenstöße im Reich Wuppertal, 4. November. Zwischen Klebekolonnen der National» s o z i a l i st e n und der Kommunisten kam es in der Nacht zum Freitag zu einer Schlägerei, in deren Verlauf von den Nationalsozia- listen etwa lg Schüsse abgegeben wurden. Ein Arbeiter wurde durch einen Nieren- schuh schwer, ein anderer leicht verletzt. Zwei Nationalsozialisten wurden in chaft genommen. An einer anderen Stell« der Stadt wurde ein Nationalsozialist durch einen Schuß verletzt. Der Täter konnte noch nicht er- mittelt werden. Zu einer Schlägerei zwischen National- sozial! st en und Gegnern, deren Partei- angehörigteit noch nicht festgestellt ist. kam es um dieselbe Zeit vor einem SA-Heim. Im Handgemenge wurden ein SA.-Mann und ein angeblich Parteiloser niedergeschlagen und verletzt. Remscheid, 4. November. In der Nähe de» Alexanderwerks wurden heute vormittag nationalsoziali st ische Flug- blattverteiler von Kommunisten an- gegriffen. Fünf Beteiligt« wurden vorläufig fest- genommen und der Polizeiwache vorgeführt. Bereits gestern war es auf dem Rathausplatz zu Ansammlungen gekommen, an denen sich rund 500 Personen, meist Kommunisten, beteiligten, die zu demonstrieren oersuchten. Zu Tätlichkeiten kam es nicht. Eigener Beridii de*„Formürts" Schweldnih, 4. November. Als Heines von seiner Truppe am Nachmittag wieder zum Gericht gebracht wurde, wiederholten sich die Skandalszenen. Auf dem Platz vor dem Gericht kam es zu einem Tumult, da sich die etwa 200 Nazis wiederum den Anweisungen der Polizei widersetzten. Die Polizei trieb sie schließ. lich unter Anwendung des Gummiknüp- p e l s nach dem Wilhelmplatz zu. Dabei wurden die Beamten in der unglaublichsten Weise ange- pöbelt. Mehrere SA.-Leute wurden sistiert, u. a. wurde ein Nazi von zwei Beamten eingebracht, der den abgerisstnen Schulterriemen noch schlag- bereit in der Hand hielt. Diese Skandalszenen sind nur möglich geworden, weil die Polizei die Demonstrationen bisher igno« riert«. Man hatte den Eindruck, daß für die Nazis das Demonstrationsverbot nicht bestand. Wie diese offenkundige Verhöhnung der Staats- autorität geduldet werden konnte, ist unerklärlich. Nach Beginn der Berhondlung stellte die Per- teidigung eine Reihe von Beweisanträgen. Sie verlangt u. a. Vernehmung eines Sachverständigen darüber, ob der von Jaehnke benutzte Spreng- kärper im Sinne des Gesetzes als Sprengkör- per oder als Feuerwerkskörper anzusehen ist(bei dem Sprengkörper hantelte es sich um eine mit Blättchen gefüllte Artilleriekartusche: der etwa 5 Millimeter starke Deckel liegt auf dem Gerichts- tisch). Rechtsanwalt Bandmann tritt dieser recht- lichen Auffassung mit»er Feststellung entgegen. daß Jaehnke zerrissen worden sei, beweise mehr als genug, daß«r einen Sprengkörper verwendet Hab«. Das Gericht lehnt diesen Antrag ab mit der Begründung, es unterliege der Beurteilung Arnstadk(Thür.), 4. November. In der vergangenen Nacht kam es hier zwischen Reichsbannerleuten und National» s o z i a l i st e n zu einer Schlägerei, bei der vier Reichsbannerleute und ein Nationalsozialist ver- letzt wurden. Die Polizei stellte die Ruhe wieder her und beschlagnahmte eine Pistole, Schlagringe und eine Reitpeitsche. Darmstadl, 4. November. In Auerbach an der Bergstraße oerfolgten mehrere Nationalsozialisten in der Nacht zum Freitag zwei Reichsbannerleute und mißhandelten sie so schwer, daß beide ins Kran- kenhau» geschafst werden mußten. Sech« Nationalsozialisten wurden dem Richter zugeführt, der Haftbefehl gegen sie erließ. durch das Gericht, ob die Bombe Jaehnkes als Sprengkörper im Sinne des Gesetzes anzu- sehen sei. Längere Erörterungen entspinnen sich um ein Protokoll, in dem d«r Angeklagte Polomski Heines schwer belastete. Heines soll be! der Unterredung mit Polomski im Braunen Haus in Breslau bedauert haben, daß der Anschlag mißglückte, daß ein SA.-Mann und nicht der Richtige das Opfer wurde. Polomski erklärt diesen Widerspruch mit seiner Aussage in der Perhand- lung zunächst dadurch, daß seine Vernehmung 10 Wochen nach der Begegnung mit Heines statt- gefunden und er die Vorgänge nicht mehr genau im Gedächtnis gehabt und deshalb nur Vermu- tungen geäußert habe. Es folgen Erörterungen über die Vorgänge, die zur Verweisung Wagners vom Gymnasium ge- führt haben. Diese Verweisung soll für Wagner den Grund für die Beteiligung an dem Attentat gebildet haben. Wagner sagt:„Die Juden unddie Artikel Paeschkes, in denen ihm als Schüler verbotene Betätigung in der NSDAP. vorgeworfen wurde, hätten die Veranlassung ge- geben." Paeschke erklärt, sein Vorgehen gegen Wagner hänge zusammen mit dem Verhalten der Schüler bei der Verfassungsseier 1931. Er habe aber, als Wagner gemaßregelt werden sollte, sich in einem Artikel dagegen gewendet, daß die Schü- ler bestrast werden und die Auffassung vertreten, die Lehrer, die an der Verhetzung der Schüler schuld seien, müßten bestraft werden. Heines pöbelt hier dazwischen, der Reben- kläger bezeichne stet« als Hege, was gegen feinen Schmutzsozialismus gesagt werde. Der Vor- sitzende tritt dieser Pöbelei energisch entgegen. Bomben auf Befehl Allensteiner Bombenwerfer-Prozeß Allenstein, 4. November. Am heutigen Vechandlungstag des Bomben- werferprozesses befaßte man sich in längeren Er- örterungen mit der Frage, ob die Ange- klagten auf Befehl gehandelt hätten. Der Zeuge Kriminalassistent Ezer- niegky bestreitet, die Angeklagten bei der Ver- nehmung durch unrichtige Aeußerungen zu einem Geständnis bewogen zu haben. Hierauf er- klärte der Angeklagte Quassel sich zu einem umfassenden Geständnis bereit. Doch bevor es dazu kommt, bittet der Ange- klagte Bethke, zunächst ihm das Wort zu geben. Bethke sagt nun aus. er hätte von den Ueberfällen und Unruhen in Allenstein gehört und auf seiner Dienstreise den Entschluß gefaßt, etwas gegen Abraham geschehen zu lassen. Au» eigener Initiative habe er beschlossen. Abraham eine Handgranate in den Laden werfen zu lassen, um ihn zu schrecken. Er habe Weih den strikten Beseht gegeben, dies aus- zuführen. Weih habe sich zunächst geweigert, woraus er gesagt habe:„Dann lassen Sie es durch Leute Zhres Sturmes machen, morgen werden zwei Handgranaten zu Ihnen kommen. die ober noch nicht gebrauchsfertig sind." Cr. Bethke, sei dann am 14. August in München verliaftet worden, und aus der Fahrt von Berlin nach Königsberg habe er dem Kri- minalassistenten Czernietzky esn umsassendes Ge- ständnis abgelegt. Er habe Weiß ge- schildert. wie er sich dieSachedenke. Wahrscheinlich habe er Weiß die ganze Sache so hingestellt, als komme der Besehl von oben. Das sei in Wirklichkeit übertrieben, denn er Hobe von oben keinerlei Besehl erhalten. Der Angeklagte Weiß stimmte allen diesen An- gaben zu, und Bethke versicherte, er habe zunächst bei seinen Vernehmungen nicht in allen Punkten die Wahrheit gesagt, um seine Kameraden und sich selbst zu entlasten. Der Brief Otto Brauns Der vom Ministerpräsidenten Braun ange- kündigte Brief ist noch am Donnerstagabend im Büro des Reichspräsidenten eingegangen. Der Reichspräsident hat dem preußischen Ministerpräsidenten«ine vorläufige Ant- wort erteilt, die die persönliche Unterschrift des Reichspräsidenten trägt, den Empfang des Briefe» de» Ministerpräsidenten bestätigt und hinzufügt. daß da» Schreiben Brauns zur Prüfung an den Reichskanzler weiter geleitet worden sei. Der Wortlaut des Schreibens dürfte erst später veröffentlicht werden. Skandal von Schweidnitz Gerichtsverhandlung unter SA.-Terror W 2104 CftysjtnZvlwjltfy: Die Klinge schabt nicht — sie gleitet! Warum wieder wählen? Eine Frage in letzter Stunde— und unsere Antwort soll das Proletariat auf eure„Einheitsfront" warten? Wir brauchen doch die Ein- heitsfront jetztzum Kampf gegen die Reaktion! Die Einheitsfront gegen die Reaktion, das ist die Eiserne Front der Sozialdemokratie, der Gewerkschaften, des Reichsbanners, der Arbeitersportverbände. Wer gegen die Re- aktion kämpfen will, muß sich der Eisernen Front anschließen. Wir Sozialdemokraten sagen nicht, daß wir unfehlbar sind. Im Gegenteil, wir suchen immer unsere eigenen Fehler aufzu- spüren, um aus ihnen zu lernen. Wir sind die einzige Partei der offenen Selbstkritik! Wir Sozialdemokraten aber sagen: In dieser Zeit, in der die Barone die Demo- kratie mitsamt allen Volksrechten vernichten wollen, ist es ein Wahnsinn, Parteien zu wählen, die wie die D e u t s ch n a t i o- nalen, die Kommuni st en und die Razionalsozialisten, gleichfalls die Demokratie zerstören wollen. Eine Volksver- tretung, in der diese Feinde der Demokratie die Mehrheit haben, kann nichts anderes sein als ein politisches Affentheater, eine elende, ohnmächtige Schwatzbude, ein Spielball in den Händen der Reaktion. Wir Sozialdemokraten sagen nicht, daß wir unfehlbar sind. Aber wir sagen mit vollem Recht: Alles, was g u t gemacht wurde, ist von uns und m i t uns gemacht worden. Die Republik, das gleiche Recht für alle Volksgenossen, jede Art des Schutzes der Arbeitskraft ist von uns errungen und erkämpft. Und alles, was wieder verloren- gegangen ist, ist verloren gegangen durch die kapitalistische Mißwirtschaft und durch den Wahnsinn der Wähler, die gegen die Sozial- demokratie und damit gegen sich selber wählen! Wer deutschnational, nationalsozialistisch oder kommunistisch wählt, der wählt gegen Vernunft, Recht und Freiheit! Wählerinnen und Wähler! Reißt euch los von Parteien, die nur brüllen und zerstören, aber nichts schaffen können. Kämpft mit uns .gegen den Wahnsinn der kapitalistischen Ge- sellschaftsordnung, für den Sozialismus! Schleudert die regierende Reaktion ms Nichts zurück durch ein mutiges Bekenntnis zur Sozialdemokratie! kommt zu uns! Stimmt jetzt alle für Liste 2 Sozialdemokraten! Die Exdkution von Eutin Der deutschnationale Bürgermeister von Eutin wurde von dem Nazi-Regierungspräsidenten gewaltsam aus dem Amt entfernt. ßüteMEISTBWHT EUTIN Der rausgeworfene Deutschnationale:„O weh, mir fallen all meine preußischen Sünden ein." Thomas Mann für Sozialismus Bekenntnis vor den Wiener Arbeitern Wählerinnen und Wähler, wann wollt ihr endlich alle begreifen, um was es geht! Ihr seid verdrossen, daß immerzu neu gewählt werden muß! Ihr seht mit Erbitterung, mit Verzweiflung, wie alles drüber und drunter geht, wie die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosenzahl wächst, Löhne und Unter- stützungen sinken! Viele von euch wollen aber noch immer nicht einsehen, daß sie selber zu dieser unseligen Entwicklung beigetragen haben durch die Unterstützung von Parteien, die das Volk ins Unglück führen! Die Deutschnationalen sind heute die eigentliche Regierungspartei. Sie unter- stützen offen die Regierung der Barone, den Kurs der sozialen Reaktion, des drohenden Wahlrechtsraubs und des Monarchismus. Ja sie spielen selbst dieser Regierung gegenüber noch den Scharsmacher, sie treiben zur inneren Katastrophe. Die Nationalsoziali st en waren bis vor wenigen Monaten mit den Deutsch- nationalen in der Harzburger Front ver- bündet. Auf ihrem breiten Rücken sind, nach dem Geständnis Dr. Josef Goebbels, die Barone in die Aemter hinaufgeklettert. Die Nazis mögen heute noch so laut zetern und toben: sie tragen die Verantwortung dafür, daß heute wieder die soziale Reaktion regiert. Die Nazis nennen sich vor den Arbeitern S o z i a l i st e n. Den Arbeitgebern gegen- über find sie begeisterte Anhänger der kapitalistischen Privatwirt- s ch a f t. Sie versprechen den Arbeitern Arbeit, den Landwirten aber versprechen sie eine Absperrungspolitik, die alle Ausfuhr und damit die noch bestehenden Arbeitsgelegenheiten vernichtet. Den kleinen Geschäftsleuten versprechen sie Hilfe und arbeiten mit ihren„Autarkie""-Plänen an der völligen Zerstörung des Geschäftslebens. Den Arbeitern versprechen sie hohe Löhne und den Unternehmern billige Arbeitskräfte. Muß ein Land, in dem für eine solche Partei des Volksbetrugs 14 Millionen Stim- men abgegeben wurden, nicht durch und durch krank sein? Die Kommunisten wollen nach der feierlichen Erklärung ihrer Zentralinstanzen auch diesmal„den Hauptschlag gegen die Sozialdemokratie" führen. Sie haben keine Zeit, gegen die Reaktion zu kämpfen, der Bruderstreit innerhalb des Pro- letariats ist ihnen wichtiger! Sie kämpfen gegen die Sozialdemokratie mit ähnlichen Argumenten wie die regierenden Barone und die Faschisten Sie wollen, wie sie sagen, „die proletarische Einheitsfront"— aber sie wollen sie nur auf die Weise, daß sich die sozialdemokratischen Arbeiter den häuftg wechselnden Führern der KPD. blindlings unterordnen. Das aber werden die sozial- demokratischen Arbeiter niemals tun. Wir fragen die Kommunisten: Wie lange In Wien sprach jüngst der deutsche Dichter Thomas Mann vor sozialdemokratischen Ar- beitern. Er erklärte: Es geschieht zum ersten Male, dag ich, der bür- gerlich geborene Schriftsteller, vor einem sozial- demokratischen A r b e i t e r p u b l i k u m spreche. Ich empfinde das als epochemachend für mein ganzes Leben. Meine Ausführungen sollen nichts anderes sein als ein Bekenntnis der Sympathie für Ihre sozialistische Sache. Mann erklärte dann weiter in seiner Rede: Der große Gegner des Sozialismus ist der Nationalismus. Er operiert mit dem Be- griff Vaterland Gewiß fesseln uns enge Bande an die Erde unseres Ursprungs. Aber diese Be- Ziehung zum Nationalen hat nichts zu tun mit der großen, als Rückschlag auf die liberalen Ideen des neunzehnten Jahrhunderts geistesgeschichtlich erklärbare Bewegung, die die Gewalt gegen die Freiheit und die Demokratie ausspielt. Diese Bewegung ist der Dien st am Falschen und Lebenswidrigen. Sie ist eine ab- scheuliche Mischung von Revolution und Reaktion, roher romantischer Dienst am Vergangenen, der sich jugendlich gibt und Errungenschaften für nich- tig erklärt, die mit der Tatsache Mensch unlösbar verbunden sind. Große Teile der Jugend sind stim- mungsmäßig bereit, diese verantwortungslosen und menschenfeindlichen Gedanken anzunehmen. Aber ohne den sittlichen Inhalt des Wortes Freiheit ist der Mensch nicht Mensch. Sozialismus ist nichts anderes als der Pflicht- gemäße Entschluß, den Kops nicht mehr vor den dringendsten Bedürfnissen und Forderungen zu verstecken, sondern sich auf die Seite derer zu schlagen, die der Erde einen Menschensinn geben wollen. Der geistige Mensch muh sich sagen, dah es in den wichtigsten Staaten Europas besser stünde, wenn in ihnen statt der bürgerlichen oder feudalen Regierungen Arbeilerregiernngen am Ruder wären, dah dann ein gutes Stück auf dem Wege der Ordnung. Vernunft und Gesundung vorgeschritten werde. Das erste Bekenntnis des großen deutschen Dich- ters zur Sozialdemokratie wurde von den Wiener Arbeitern, die in gewaltigen Massen zu seinem Vortrag gekommen waren, mit jubelndem Beifall ausgenommen. Bvlschewistenschreck Den armen Nazispießern wird auch gar zu viel zugemutet. Gestern unterbreitete ihnen der„An- griff' mit lyrischem Schwung, daß die Nazi- straßenbahner Schulter an Schulter mit der heldenhaften kommunistischen R G O. in den Streik getreten sind, gestern wbte man sich>m Verbrüderungsrausch der beiden rrrevolutionären Fronten aus, und heute wird wiederum treuherzig und bieder an den Anschlag- säulen versichert, daß Adolf Hitler der einzige wahre Bekämpfer des Bolschewismus sei. „Schulter an Schulter mit der RGO. auf zum Bernichtungskamps gegen den Bolschewismus!' Wer lacht da? „Nu sag mal, Maxe, wie is det nu: sind wir für oder gegen den Bolschewismus?" Bilanz des Herrenklubs Sie haben den Staat zu einer Art Vi/ohl- fahrtsanstalt zu machen versucht... Rapens Regierungserstlllrung Nie Regierung gibt Dem Grundbesitz(landwirtschaftlich, hauptsächlich dem Großgrundbesitz) durch Zinssuboention...... Der Schwerindustrie durch Senkung der Aufbringungsumlage...... Herrn Flick Aktien abgekauft für... Den Treibstoffprvduzenlen durch Steuer- erlaß............ Den landwirtschastNchen Sprilbrennereien durch den Beimischungszwang... Den SchissahrtsgeseUfchaften an Abwrack- Prämien.......... Dem hausbesih durch Subvention, siehe Reparaturen......... Allen besitzenden Schichten durch Ausgabe der Steuergutscheine....... Den Unternehmern an Subventionen durch Lohnprämien....... Entschuldung der landwirtschaftlichen Genossenschaften........ Millionen Mark ca. 380 ca. ca. 100 100 ca. 17 ca. SS ca. 12 ca. SV ca. 1S00 ca. 700 ca. 300 nimmt Bon den Arbeitslosen durch Kürzung der Arbeitslosen-, Krisen- und Wohlfahrt? Unterstützung......... ca. 470 Bon den Rentenempfängern durch Kür- zung der Invaliden-, Angestellten-, Unfall- und bestimmter Kriegsrenten. ca. 230 Bon den Arbeitern, Angestellten und Beamten durch Erhebung der Beschäf- tigtensteuer an Stelle der Krisensteuer ca. 200 Bon den Kleingewerbetreibenden durch Heranziehung zur Umsatzsteuer... Bon den breiten Wassen durch Ein- führung der Salzfteuer...... durch Erhöhung des Heringszolls.. Millionen Mark ca. 120 ca. ca. ca. 1110 60 30 ca. 3214 Und weitere Hunderte von Millionen durch die Agrarpolitik und durch den noloerordneten Lohnabbau. Fort mit den Wohltätern für die Reichen! Wählt sozialdemokratisch! Wählt die Liste Ein unzeitgemäßes Plakat der Nazis Bei Goebbels hat die Regie nicht geklappt. tüfrö tPUI*? 1*! Jetzt erscheint an den Anschlagsäulen ein Nazi- Plakat, das offenbar vor Wochen vorbereitet Der Reichsminister für Ernährung und Land- worden ist, aber in die heutige Situation paßt Wirtschaft ist vom Reichskab'nett ermächtigt und in wie die Faust aufs Auge. Man sieht einen fürch- den Stand gesetzt worden, mit beträchtlich terlich großen, barbarisch abstoßenden Rotgar- verstärkten Mitteln und über den lausen- disten mit grinsender Totenkopsfratze bildlich dar- den Bedarf an Eosin-Roggen hinaus Roggen gestellt, der nach der Beschriftung des Plakats für längere Zeil aus dem Markt zu etwa folgendes sagt:.Bravo. Herr von Papen. nehmen und dadurch einen Ausgleich zwischen Sie geben mit Ihren Notoerordnungen uns Bol- Angebot und Rachjroge aus angemessene schewisten die letzte Chance." Und darunter wird preishöhe zu schaffen. dann in großen Lettern beteuert:„Der einzige. Ea5 Jrot wird also teurer werden' der uns vor dem Bolschewismus rettet, ist Adolf Hill«.' Antwort: Liste 2 Sozialdemokraten! SONNABEND, 5. NOV. 1932 ERSTE BEI LAG E Blutige Zwischenfälle in Beelin Limdeslbriicisrsc�afr zwischen Hitlers SA. und den Kommunisten Die sorkgesehien Versuche der Direktion der BVG., einen Teilverkehr in Gang zu bringen, führten am gestrigen vochmittag in fast allen Stadtteilen zu heftigen Zusammenstößen, da sich vor den Straßen- bahndepols große Ansammlungen bildeten, und die heraussahrenden Wagen, die mit Polizeischuh ver- sehen waren, nach Verlasjen des Depots nach wenigen Slraßenzügen mit Steinen beworfen wurden. Heber die folgenschwersten Zusammenstöße, die sich in den ewigen Unruheecken, im Ber- liner Auhenwesten ereignete, und dem leider mehrere Arauen und Mädchen zum Opfer fielen, wird an anderer Stelle berichtet. Im Laufe des Nachmittags wurden zahl- reiche Sabotageakte verübt, die sich in der Zeit von 16 bis 17 Uhr noch derart steigerten, daß sich die Direktion der BVG. entschloß, den Slraßenbahnbelrieb und den Autobusverkehr, der teilweise ausgenommen worden war, gegen IS Uhr wieder völlig einzustellen. An verschiedenen Stellen der Stadt, vornehmlich aber in der näheren Umgebung der Straßenbahn- und Autobusdepots, kam es zu Krawallen. Ueber 20 Sirahenbahnangeslellte und einige Fahrgäste wurden durch Steinwürfe und Glassplitterverlehungcn der zertrümmerten Fensterscheiben zum Teil schwer verletzt. Außer der schweren Schießerei an der Kreu- zung ijaupt- und Eisenacher Straße, über die wir an anderer Stelle ausführlich berichten, kam es an der Ecke Bocberg- und Hauptstraße zu einem b l u! i g e n Zwischenfall der Polizei mit Nationalsozialisten und Kommunisten. Ein Polizeischnellauto, das die Hauptstraße in Schöne- berg entlangfuhr, wurde von meist halbwüchsigen Burschen mit Steinen beworfen. Als das Auto hielt und die Beamten heraussprangen, wurden aus der Menge einige Schüsse abgegeben. Die Schupobeamten erwiderten das Feuer und dabei wurden ein Mann und eine Frau nieder- gestreckt. Der Mann, dessen Personalien noch nicht feststehen, starb aus dem Transport ins nächste Krankenhaus. Als Polizeiverstärkungen eintrafen und zu Bcrhaftungen schritten, stellte sich beraus, daß sich unter den Krakeelern nicht ein einziger BVG.-Arbeiter oder-Angestellter befand. Der ganze Zwischenfall war das Werk national- sozialistischer und kommunistischer Provokateure. Bei der Schießerei in Schöncberg wurde ein Mann getötei und fünf Personen, darunter allein vier Mädchen und Frauen, verletzt. Unrnklekerde im Norden Eine zweite Schießerei spielte sich unweit des Autobusdepots in der Usedom- st r a ß e im Norden Berlins ab. Dort versuchte ein Passant einen gerade vom Depot ausfahren- den Autobus anzuhalten. Der junge Bursche stellte sich auf den Fahrdamm, um den Fahrer zum Halten zu zwingen. Mehrere Schupo- bcamte wollten den Mann festnehmen. In diesem Augenblick stürzten sich wieder Kommunisten und Hakenkreuz lcr im trauten Verein auf die Polizisten. In der Bedrängnis zogen die Be- amten ihre Dienstpistolen und feuerten eine Reihe von Schüssen ab. Fünf Personen wurden durch Schüsse verletzt, einer davon ist inzwischen ge- storben. Zu einer weiteren Schießerei kam es vor dem Stettiner Bahnhos. wo aufrühre- rische Elemente einen Straßenbahnwagen an- hielten und trotz der polizeilichen Begleitmann- schaft zu demolieren versuchten. Von den Beamten wurden mehrere Schüsse abgegeben. Zwei Demon- stranten wurden niedergestreckt und durch Wagen des Städtischen Rettungsamtes fortgeschafft. Zu weiteren bedrohlichen Situationen kam es auch in anderen Stadtteilen, und in zahlreichen Fällen wurden Schreckschüsse abgegeben. Der politische Charakter der Streik- bewegung bei der BVG., die von einem großen Teil der unorganisierten Verkehrsarbeiter als eine reine Tarifbewegung angesehen wurde, hat sich gestern mit aller Deutlichkeit offenbart. Seil Freitag nachmittag üben die kommu- nisten und Nationalsozialisten einen wohl- organisierten Terror aus die Verkehrsarbeiter aus, dem die Polizei sich gestern nicht gewachsen zeigte. Bor den Straßenbahnhöfen und Omnibusdepots versammelten sich in den ersten Stunden des Nach- mittags oftmals Hunderts und Tausende von Menschen, darunter viele SA.- und SS.- Leute in Uniform, die fast überall das Aus- fahren der Straßenbahnwagen und Omnibusse un- möglich machten. Am stärksten belagert wurden die Straßenbahnhöfe 24 in Lichtenberg, Bahnhos 1 in Reinickendorf, Bahnhof 2 in der M ü l l e r st r a h e, Bahnhos 5 in Tempel- Hof, Bahnhof 11 in Steglitz und Bahnhof 6 in Tegel. An! den Strnßenknlmlioien Auf den Straßenbahnhöfen hatte sich in den frühen Nachmittagsstunden ein großer Teil der Straßenbahnangestellten eingefunden, um die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Depots waren in weitem Umkreis durch Polizeiposten gesichert. Trotzdem konnten kommunistische und nationalsozialistische Krakeeler an verschiedenen Stellen ihre„Aktionen" durchführen. Auf dem großen Srraßenbahnhof in der Müller st raße standen bereits um 14 Uhr Hunderte von Fahrern und Schaffnern, um die Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald aber ein Wagen den Versuch machte, den Hos zu verlassen, ertönte auf der Straße ein wüstes Geschimpfe und Steine sowie Eisenteile wurden gegen die Bahnen geschleudert. Die noch weiter im Streit verharren- den BVG-Angestellten hielten sich in einiger Ent- fernung von den Radaumachern: sie beteiligten sich an den Zerstörungs- und Sabotageakten nicht. Schon hier draußen im Norden Berlins hatte man den Eindruck, daß nicht mehr die BVG.-Ange- stellten streikten, sondern daß Hakenkreuzler und Kommunisten die nun einmal gegebene Gelegen- heit zu ihren Terrorakten mißbrauchten. Wieder- holt wurde die Müllerstratze von der Polizei geräumt. In der W i e b e st r a ß e in Moabit standen um IS Uhr gleichfalls Hunderte von Fahrern und Schaffner zur Arbeitswiederausnahme bereit. Un- mittelbar vor dem Straßenbahnhof war so gut wie kein Mensch zu sehen, die Terrortrupps hielten mehr die Bürgersteige der oberen Turm- straße besetzt. In der Nähe des Straßenbahnhofes Kreuz- berg änderte sich das Bild wieder. Kommu- nisten und Nationalsozialisten hatten sich in größerer Zahl eingefunden, und als einige Bahnen das Depot verließen und die Belle-Alli- ance-Straße erreicht hatten, setzte ein Steinhagel auf die Bahnen ein. Dabei wurden nicht nur das Fahrpersonal, sondern auch Fahrgäste verletzt. Von einem Polizeipatrouillenwagen mußten mehrere Schreckschüsse abgefeuert werden, um den Wagen überhaupt erst die Rückfahrt in das Depot zu ermöglichen. Mehrere Burschen versuchten den Polizeiwagen umzukippen, das mißlang jedoch, und einige Haupträdelsführer konnten gefaßt werden. Aehnlich sah es in der Umgebung der übrigen Straßenbahnhöfe und der Autobusdepots aus. Es Zetlt gegen SPD, und Eiserne Front Parteigenossen, Gewerkschaftler, Reichsbanner- leute und Mitglieder der Eisernen Front waren, soweit sie an ihren Abzeichen kenntlich waren, vielfach Gegenstand von Beschimpfungen und An- pöbelungen. In der Landsberger Straße kam es zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Nationalsozialisten und Reichsbarmerkameraden. Dabei wurde ein Reichsbannerkamerad verletzt und ein Nationalsozialist schwer verletzt. Ein- greifende Polizei nahm zwei Sistierungen vor. Als sich am Nachmittag in der M ü l l e r st r a ß e unsere Genossen in der Nähe des Straßenbahn- Hofs versammelten, um zum Sportpalast zu gehen, stürzten aus den umliegenden Lokalen H u n- derte von Nationalsoziali st en und Kommuni st en und schlugen auf unsere Ge- nassen ein, die sich zur Wehr setzten. Einer unserer fceie Saziafasäscüe UacUsdulie Für den heute abend, 1954 Uhr, im Plenarsaal des Reichswirtschaftsrates, Bellevuestrasse 15, stattfindenden Vortrag des Genossen Otto Bauer über „Krise des Kapitalismus" sind Eintrittskarten nicht mehr zu haben. Genossen wurde schwer verletzt. Auf die„Vor- wärt s"- Filiale Müller st ratze 34a er- folgte am Nachmittag ein organisierter Ueberfall, wobei die Fensterscheiben durch Steinwürje zer- trümmert wurden. Als die Polizei eintraf, flllch- tetcn die Täter und entkamen. Auch mehrere Lokale, in denen die Gewerk- fchaftsfunktionäre den Verbandsmitgliedern über die am Vormittag im Gewerkschaftshaus abgs- haltene Funktionärkonfecenz Bericht erstatten wollten, wurden von Nazis und Kommu- nisten belagert, die die Versammelten am Verlassen der Lokale hinderten. Den Eingeschlossenen war es nur mit Hilfe herbeigerufener Polizei möglich, sich aus ihrer Lage wieder zu befreien und ent- weder die Bahnhöfe aufzusuchen oder nach Hause zu gehen. Klub der Harmlosen D!e getarnte Reaktion In einem westlichen Berliner Vorort haben sich seit einiger Zeit 2S Vereine der verschiedensten Art zu einer Nationalen Arbeits- g e m e i n s ch a f t zusammengetan. Damit die Oeffentlichkeit einmal erfährt, was für eine Gefell- schaft sich unter dem angeblich so unpolitischen Stichwort national zusammengefunden hat, seien die Vereins namentlich aufgeführt: 1. Deutscher Offiziersbund, 2. Kriegerverein, 3. Verein ehemaliger Kameraden der Kavallerie, 4. Verein der Jäger und Schützen, 5. Verein Schwarzer Kragen, 6. Stahlhelm, 7. Reichs- offiziersbund, 8. Schützengilde, 9. Verein der Schicßfreunde, 10. Turn- und Sportverein, 11. Sporwerein, 12. Sportverein 1911, 13. Män- nergefangverein 1873, 14. Freiwillige Sanitäts- kolonne vom Roten Kreuz, 15. Verein der Zivil- dienstberechtigten, 16. Verein evangelischer Män- ner und Jünglinge, 17. Bläserchor von 1916, 18. Haus- und Grunddesitzeroerein, 19. Theater- verein, 20. Radfahrverein„Hohenzollern", 21. Verein der Heimattreuen O st- und Westpreußen, 22. Jugendgruppe des Kriegervereins, 23. Bis- marck-Jugendbund, 24. KLnigin-Luife-Bund, 25. Stahlhelm-Frauenbund. Die angeblich politisch neutralen bürgerlichen Sportvereine, allen voran der Radfahrerverein „Hohenzollern", das auf feine politische Neutralität so sehr pochende Rote Kreuz, der ganz und gar „unpolitische" Haus- und Grundbesitzerverein, der angeblich harmlose Theaterverein, alle in einer Einheitsfront mit den eindeutig rechtspolitischen Offiziersvereinen und Stahlhelmgruppen und den die militärischen, kasernenhöfischen und hohen- zollernschen Traditionen hochhaltenden Militär- vereinen! Wenn Ehrlichkeit zu den ausgeprägten Charaktereigenfchasten dieser politischen Heimlich- wer gehörte, dann würden sie sagen: Deutsch- nationale Arbeitsgemeinschaft, und jeder wüßte, was los ist. Kaffenboiin überfallen Räuber mit Beute entkommen Ein beispiellos dreister Ueberfall wurde gestern nachmittag an der Ecke der Friedrich- und Kronen- straße auf die 20 Jahre alte Kontoristin Ella Maire verübt, die für ihre Firma, die Rahmen- fabrik von Joachim in der Ritterstraße 80, 440 M. vom Postscheckamt geholt hatte. Die Kontoristin hatte das Postscheckamt ver- lassen, von wo sie 440 M. abgeholt hatte. Aus dem Rückweg zu ihrem Geschäft passierte sie die Ecke der Friedrich- und Kronenstraße. Plötzlich kam ein Motorrad heran, auf dem zwei Männer saßen. Der eine stieg ab und eilte auf das junge Mädchen zu. Ehe sie es sich versah, hatte ihr der Mann, der etwa Ausgang der Zwanzig war, ihre Aktentasche entrissen und rannte zu dem Motorrad zurück. Das Mädchen schrie um Hilfe und das Ueberfallkommando wurde alarmiert. Mit dem Polizeiwagen verfolgten die Beamten die Täter durch einige Straßen, konnten sie alcr nicht mehr einholen: sie entkamen im Gewühl der City. Die Überfallene Kontoristin konnte infolge des ausgestandenen Schreckens keine Beschreibung des Täters geben. „Trockener" Wahltag Sammeln vor Wahllokalen verboten Zu den polizeilichen Maßnahmen für den Wahl- tag erfahren wir noch, daß das Sammeln vor den Wahllokalen verboten wird. Außerdem darf vor den Stimmlokalen von jeder Partei nicht mehr als ein Plakatträger stehen. Am 5. und 6. November tritt das für ganz Preußen erlassene Verbot des Ausschanks und Kleinverkaufs von Trinkbranntwein in Kraft. Die erhöhte Alarmbereitschaft der Berliner Schutzpolizei setzt am Sonnabend um 2 Uhr nach- mittags ein und am Sonntag tritt dann die große Alarmstufe in Kraft, deren Ende erst je nach der Lage festgestellt werden soll. Wie wird das Wetter? 3n Verlin: Bewölkungszunahme, am Tage mild, südliche Winde.— In Deutschland: Im Westen und Nordwesten erneut Wetterverschlechte- rung mit Niederschlägen, im Süden und Osten noch trocken und vielfach heiter. Das Lehen im Warenhaus �SviscKen Morgen und Abend im Verkaufspalast— Der Sechser als Taschengeld Unter de» Siiininberechttgten Berlins werde» an» Sonntag auch etwa Iggllv Warenhaus- Verkäuferinnen aufinarfchieren. 1? VOl iimner freundliche, immer höfliche, immer adrette Mädchen, Diese ISMO kleinen Fräuleins und jungen Frauen besitzen ein fast übeni�nschliches Geduldstraining: über eine Stunde lang ver- suchen sie einer Kundin einen Hut oder einen Schuh oder eine Gardine zu verkaufen, aber niemals wird ihr„Bitte sehr, gnädige Frau!" auch nur eine Nuance anders klingen als beim ersten Gruß. Diese 15 000 Warenhausverkäuferinnen iverden jedem Kunden, wenn er es wünscht, mit selbstverständlicher Sicherheit Brillanten ver- kaufen und nieniand wird ihnen auch nur das geringste anmerken, daß sie nur»och 15 Pf, in der Tasche haben und die fünfte Fahrt ihrer BBG,- Karte bereits gelocht ist. Erst abends nach 7 Uhr, wenn sie ihre Kittel ausgezogen haben, werden sie wieder privat. Die letzte Stütze Da wir gerade bei den Fahrkarten sind: es reicht bei vielen nicht mehr für die W-Pf.-Karte. Weil tausende Warenhausverkäuferinnen die letzte Stütze der väterlichen oder mütterlichen Haus- Haltung find, weil tausende Warenhausverkäufe- rinnen buchstäblich jeden Pfennig zu Hause ab- geben müssen, deshalb müssen sie morgens wie abends, auch wenn die BVG. nicht streikt, zu Fuß gehen. Wir könnten jetzt eine endlose Aufstellung beginnen: Verkäuferin Nr. 1, 23 Jahr alt, 104,50 M, brutto im Monat. Sechs Personen zu Hause, alle arbeitslos. Jeder Pfennig muß abgegeben werden. Trotzdem kein Hauszinssteuererlaß, keine Hefte und Bücher für den schulpflichtigen Bruder. Verkäuferin Nr, 2, 21 Jahre alt, 92 M, brutto im Monat, Vier Personen zu Hause. Jeder Pfennig muh abgegeben werden. Die Familie ißt in einer Erwerbslosenküche, pro Liter Essen für 10 Pf., die kleine Verkäuferin muß hier mitessen. Verkäuferin Nr. 3, 19 Jahre alt, 89 M. brutto im Monat, Drei Personen zu Hause, all« arbeits- los, Ultimo wird die Lohntüte auf den Tisch gekehrt. Auch hier kein Hauszinssteuererlaß, So könnte man endlos die Liste fortsetzen: jeder Fall der gleiche. Wir fragten nun die jungen Verkäuferinnen:„Sagen Sie bitte, wieviel Taschengeld behalten Sie pro Monat, wenn Sie schon auf die Karte verzichten?" A»t- wort: 1,50 M. Das heißt pro Tag einen Sechser. Dafür könnten sich die Verkäuferinnen nicht einmal eine Stange Honig n au te kaufen! Das heißt, es gibt heute einen Durchschnittslohn für diese Angestellten von rund 100 M.: gleich, ob Ver- käuferin im Warenhaus, ob Telephonistin bei der Post oder ob Putzmacherin in der Fabrik, es sind immer zwanzig Mark in der Woche. Wir fragten, wie oft sie in der Woche Fleisch essen. Sie wollten erst gar nicht antworten, wurden verlegen, dann kam es schüchtern heraus:„Ja, Sonntags und dann noch mal in der Woche, ein Stückchen, wenn es Gemüse gibt." Jur Qual aber wird derjenigen das Leben, die kein Elterichaus in Berlin hat. 92 M. brutto, das sini» etwa 85 M. netto, davon die Zimmermiete mit 35 M. ab, bleiben 50 M, Vom Mittagbrot bis zur Stopfwolle aber muß dieser Fünszigmark- schein reichen. Dabei immer freundlich, immer höflich, immer adrett, Oer Kampf um die Losung Jede Verkäuferin hat ihre Losung. Ein von der Geschäftsleitung festgesetzter monatlicher Be- trag, den die Verkäuferin umsetzen Muß. Oder besser gesagt umsetzen soll. Auf alle über die Losung hinausgehenden Verkäufe gibt es eine Prämie von 1 Proz. Das ist gut gesagt, aber selten erreicht. Gegen die Losung steht die Krise, und jeden morgen mit dem Glockenschlag 9 Uhr beginnen in Berlin 15 000 kleine Warenhaus- Verkäuferinnen jede für sich ihren Kampf mit der Krise. Es braucht ihnen das vielleicht nicht einmal ausdrücklich gesagt zu werden:„Fräulein, Sie lassen in letzter Zeit sehr nach!", jede Verkäuferin weiß selbst, daß draußen 20 000 erwerbslose Kolleginnen stehen, die vielleicht zu jeder Stunde bereit sind, nun ihrerseits um die Losung zu kämpfen. Wir wollen deutsch reden: jeden Abend weinen so und so viel Verkäuferinnen, aus TVuk, vor Aerger.„Denken Sie mal an, eine Stunde Habs lch mit der Kundschaft schon gestanden, was ihnen gefiel, war zu teuer, was billig war, gefiel ihnen im Muster nicht, aber ich hätte bestimmt keine Pleite gemacht," „Was heißt Pleite machen?" „Einen Kunden weggehen lassen. Etwas Schlim- meres gibt es nicht. Also die Kundschaft hatte sich schon dreiviertel entschieden, da kommt doch die alte B,, hängt sich dazwischen und dann hatte sie die 40 M aus ihrem Block, 40 M, sind doch heute schon ein Posten, der rechnet," So kämpfen heute Verkäuferinnen gegeneinander um die Losung Ihre Tüchtigkeit steht abends beim Läuten unad- wischbar auf ihrem Kassenblock geschrieben. Wegen dieser Losung weinen sie am Abend, Dagegen oerblaßt alles andere, der Umtausch, die Proben.„Wie kann ich einem Kunden 10 Zentimeter Probe geben von einem Stoff, der pro Meter 7,50 M. kostet. Den muß ich doch berechnen. Gebe ich der Kundschast einen Zenti- meter, sehen sie mich groß an und fragen empört, ivas sie mit dem Zipfel sollen," Oas Rendezvous Was machen nun eigentlich die Verkäuferinnen abends nach 7 Uhr? Neulich, in einer Verfamm- lung wollte eine Verkäuferin noch zwei Kolleginnen von ihrem Lager mitbringen. Sie kamen aber nicht.„Warum nicht?"—„Sie hatten R e n d c z- vous." Haben alle Verkäuferinnen jeden Abend ein Rendezocnis? Nein! Dazu haben weder die Verkäuferinnen noch ihre arbeitslosen Freunde Geld, In Wirklichkeit haben alle Verkäuferinnen abends erst einmal einen Mordshunger, Wenn wir recht unterrichtet sind, haben sie mittags wohl zwei Stunden Tischzeit, Sie könnten nach Hause fahren, wenn sie nahe genug zum Warenhaus wohnten. Aber da sind wir schon wieder beim Fahren: wenn die Verkäuserinnen nicht einmal zwei Fahrten am Tage bezahlen können, wie dann erst vier? In der Kantine essen, hat für viele keinen Sinn, denn zu Hause gibt es ohnedies Essen aus dem großen Topf, Ein tiefer Teller Mohrrüben mehr oder weniger aus diesem Topf spielt keine überragende Nolle, Sie müssen also tagsüber init ihren Stullen aus- halten und so sind sie abends so hungrig, daß sie kaum in eine Versammlung gehen. Wer außer- dem Freitags in der Lebensmittelabteilung bedient hat, fühlt natürlich abends seine Beine, Um 10 Uhr schläft alles. „Und wenn Sie nun nicht fchlafengehen und kein Rendezvous haben?"—„Dann gehe ich in meinen S p o r t k l u b." Denn der Sport ist billig, im Verein ist es lustig, da sind junge Sport- kollegen, und so kommt es abends darauf an: geht das kleine Fräulein zur Freien Turnerfchast Groß- Berlin oder zum Sportklub Eharlottenburg, Orientiert sie sich sozialistisch oder bürgerlich. Und als wir dann abschließend fragten:„Nun. wo sind Sie?", da antwortete sie:„Nur FTGB, kommt in Frage!"—„Und Sonntag?"— „Aber nur Liste 2!" Der strenge und der gütige Richter Zwei lehrreiche Prozesse Es gibt Richter, deren Grundzug Güte ist, die aber Strenge nicht ausschließt, wo sie am Platze ist. Es gibt aber auch Richter, die sich die Güte abringen müssen. Zwei Verhandlungen in ver- schiedenen Gerichtssälen an ein und demselben Tage: Vortreffliche Illustrationen zu dem Problern Richter— und Richter, Vor dem Schöffengericht Schöneberg stand jener freche Bursche, der an Gitta Alpar, Gerda Maurus, Lilian Haroey, Dajos Bela, an den Bankier Fürstenberg und andere Erpreffungs- briefe schrieb:„Ich befinde mich in großer Arbeitslosigkeit, bitte mir— je nachdem 3000, 5000 bis 10 000 Mark— zu leihen: schwöre, aus Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Wenn Sie das Geld nicht geben, so werde, ich vor nichts zurückschrecken, sogar nicht vor Tötung." Lilian Harvey und Gerda Maurus drohte er:„Sie werden noch aus der Chemie wissen, wie schädlich Salpetersäure ist. Sie können sich die Karriere oerderben, Ihr Augenlicht verlieren. Fritz Meier— zu adressieren an Postamt X." Ein Telephonanruf bei Gerda Maurus wurde dem Briefschreiber zum Verderb. Sie lud ihn zu sich und ein vorher verständigter Kriminalbeamter nahm ihn mit. Es war der 21jährige Arbeits- lose W. Er legte ein Geständnis ab und wurde entlassen. Nach Hause mochte er nicht gehen: sein Sparkassenbuch mit 17 M. hatte er bei sich. So kaufte er sich ein Grammophon, eine Flasche jlognak und 40 Tabletten eines Schlafmittels, ver- brachte die Nacht in einem Hotel und schrieb Ab- schiedsbriefe an seine Eltern, Am nächsten Tage fuhr er nach dem Scharmützelsee, zog sein Grammophon auf, trank den Kognak aus, nahm die 40 Schlaftabletten und— wachte nach mehreren Stunden wieder auf. Der Richter faßte ihn scharf an, sehr scharf: wird ironisch, macht sich über den jungen Menschen ganz und unnötigerweise lustig. Der Vater kann über den Jungen nur Gutes sagen: er habe wohl die Not zuhause nicht mit ansehen können. Der Sachverständige bricht für den infantilen Burschen eine Lanze, wird aber vom Vorsitzenden mehr- mals unterbrochen. Der Staatsanwalt setzt sich verständnisvoll für den Jungen ein und bittet um die milde Strase von zwei Monaten Gefängnis und um Bewährungsfrist Das Gericht beriet dreiviertel Stunden, So schwer wird dem Richter wohl die Güte. Das Urteil lautete schließlich aus einen Monat Gefängnis und Bewährungsfrist. Vor dem L a n d g e r i ch t hat sich ein 2ljähriger Bursche wegen versuchter räuberischer Erpressung an der eigenen Mutter und wegen Freiheits- beraubung zu verantworten Er ist arbeitslos, hatte seine Unterstützung vertrunken— er trank in der letzten Zeit öfter— war nach Hause ge- kommen und hatte von der Mutter 5 Mark ver- langt, sie dabei mit dem Messer bedroht und sie eine halbe Stunde lang im Zimmer eingesperrt. In ihrer Empörung erstattete die Mutter gegen ihren Sohn Anzeige. Zu Beginn der Verhandlung machte der Bor- sitzende die einzige Zeugin, die Mutter des Ange- klagten, darauf aufmerksam, daß sie nach der Strafprozeßordnung nicht verpflichtet sei, ihren Sohn durch ihre Angaben zu belasten, sondern daß sie ihre Aussage verweigern könne. Die Mutter oerweigerte daraufhin ihre Aussage und erklärte, daß sie die Anzeige gegen ihren Sohn nur in der ersten Aufregung erstattet habe. Nun- mehr machte der Vorsitzende auch den Angeklagten darauf aufmerksam, daß er dem Gericht keine Angaben zu machen brauche. Auf diese Be- lchrung hin verweigerte auch der Angeklagte jede Angabe über seine Tat. Der Staatsanwalt be- antragt nun Freispruch, da der Nachweis einer strafbaren Handlung nicht möglich sei. Das Ge- richt spricht den angeklagten Sohn auch tatsächlich frei. Durch die Aussageverweigerung von Mutter und Sohn sei es nicht möglich gewesen, ein schuldhaftes Verhalten des Angeklagten zu er- weisen. Der Vorsitzende zum angeklagten Sohn: Jetzt gehen Sie nach Hause und tun so was nie wieder! Diese Richter brauchen nicht erst die Güte in sich zu erkämpfen. In wenig Worten Aus noch unbekannter Ursache brach im Flug- Hasen der Mittelmeerländischen Fluggesellschaft am Lido von Venedig ein Feuer aus, das siim einmotorige Junkers-Apparate völlig vernichtete. Vr Der„buddhistische" Mönch Chao Kung(Tre- bitsch-Lincoln) wurde»ach Beendigung eines Lortrages in Köln verhaftet, weil er ein Darlehen von 210l Gulden, das er im Jahre 1919 von der Gattin eines höheren Beamten im diplomatischen Dienst im Haag erhielt, nur zum Teil zurückgezahlt hat, ★ Der Kommandant des französischen U-Boots„P r o m e t h e e", das am 7, Juli mit 02 Mann an Bord gesunken ist, wurde am Freitag vom Kriegsgericht in Eherbourg von der Anklage der Fahrlässigkeit freigesprochen, Der Regierungskommissar erklärte in seinem Plädoyer, daß dem Kommandanten keine Ver- fehlung vorgeworfen werden könne, * Die Junkerswerkc Dessau habe» soeben ein neues leistungssähiges Schnellflugzeug fertig- gestellt, das für vier Fahrgäste und zwei Führer gebaut ist. Die Reisegeschwindigkeit reicht an 300 Stundenkilometer heran, \Jtdafy„Vömcids" BERLIN SW68, LINDENSTR 3 Ich abonniere den„Vorwärts" zweimal täglich frei ins Haus mit der illustrierten Sonntagsbeilage in Tiefdruck „Volk und Zeity/ zum Preise von 75 Pf. pro Woche. Name Wohnung B&zwUäi/tc&audBuUucUcSVÄ) (SozialdemokrotischePartei Deutschlands) Hiermit erkläre ich meinen Beitritt zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands• Bezirk Berlin An Beiträgen entrichte ich Eintrittsgeld........ Wochenbeiträge Summa Vor- und Zuname: geboren am Staatsangehörigkeit; Beruf:________________________ Bei welcher Gewerkschaft? Wohnung Sei der Aufnahme ist sehr erwOnscht, daß außer dem Eintrittsgeld mindestens die Beiträge für einen Monat 14 Wochen) gerahlt werden. Postscheckkonto: Berlin Nr. 14 157. Adolf Holz, Kassierer, Berlin SW68- Hoch ist es nicht stu spät! Seid einig! Jlrbeiter und Arbeiterinnen! ün euren Wänden liegt die Am 6. November siegte die deutsche Arbeiterschaft über alle ihre Gegner— wäre sie nur einig! Fünf Millionen freigewerkschaftlich organisierte Arbeiter und Arbeiterinnen, Angestellte und Beamte sind einig, sie stehen geschlossen mitten im Harken Jlampf um den neuen Reichstag, weil sie damit zugleich um die Erhaltung der demokratischen Republik um Freiheit, Frieden, Arbeit und Brot für alle ringen. Diesen Kampf führen die Gewerkschaften in der Ueberzeugung, daß sie damit die Xebensgrundlagen der gefamlen deulfchen JlrbeilerklaSfe verteidigen. Der Sieg in diesem heroischen Kampfe wäre einer geeinten Arbeiterschaft sicher. Er wird von den Gewerkschaften gemeinsam mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands geführt für eine gerechte Verteilung der Arbeitsgelegenheit, für eine wirkliche Arbeitsbeschaffung, für die bessere Versorgung der Arbeitslosen, für die Beseitigung der egoistischen Profitwirtschaft, für die Verwirklichung des Sozialismus. Der Kampf, den die Gewerkschaften jetzt zu führen haben um Lohn und Brot, um den Wiederaufbau einer zusammengebrochenen Wirtschaft, diefer Mampf ifl euer Mampf! Die Gewerkschaften haben die Arbeiterschaft Jahrzehnte hindurch aus schwerster Unterdrückung und Abhängigkeit herausgeführt und sie zu einer Macht zusammengeschlossen, die heute nicht mehr mit den Mitteln politischer Zwangsmaßnahmen zu überwinden ist. Seid euch mit uns diefer iUachl betrufll! 3m Kampf um eine bessere Gegenwart und Zukunft ist die unverbrüchliche Solidarität der Arbeiterklasse, der Geist der Kameradschaft erste Voraus- setzung für den endgültigen Sieg. Diesen Geist der Solidarität pflegen die Gewerkschaften, er allein hat der Arbeiterschaft reiche Früchte getragen. Wehls ifl den Jlrheitern umfonfl in den Schoß gefallen. Alles haben die organisierten Arbeiter unter schwersten Opfern böswilligen Gegnern abtrotzen müssen. Den staatlichen Schutz für Kranke, Invaliden und für Arbeitslose haben sie in harten Kämpfen durchgesetzt. Galt nicht jede Unterstützung der Arbeitslosen als«Prämie auf die Faulheit�? Wer ist es, der jetzt wieder die Arbeitslosen zur Verzweiflung treibt? Wer kürzt alle Renten und Löhne zugleich, wer beseitigt den„Wohlfahrtsstaat"? Es sind dieselben Reaktionäre wie früher, vielfach nur in neuem Gewände! Kommen sie endgültig an die Macht, dann steigt das Elend der Arbeiter weiter an, die Willkürherrschaft in den Betrieben und Verwaltungen feiert neue Triumphe. Deshalb laßt euch nicht durch verlogene Angriffe gegen die Gewerkschaften irre machen. Roch in den Iahren 1930-1931 standen 22,2 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen in 15 298 gewerkschaftlichen Kämpfen und in 16 991 Betrieben mit 439 977 Beteiligten kam es zum Streik. Die im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund vereinigten 28 Gewerkschaften hatten Ende 1931 für 8,4 Millionen Arbeitskräfte 11 713 Tarifverträge abgeschlossen. Vor vier Jahrzehnten haben sich die Gewerkschaften zusammengeschlossen und in diesen 49 Iahren haben sie söhne Inflationsjahre) vereinnahmt.... 4575378437 Mark verausgabt.... 3705321447 Mark davon allein.... 864 659 459 Mark für Streiks, 251 482 297 Mark für Bildungszwecke Unzähligen Arbeitern ist in Zeiten der Not, der Krankheit, Arbeitslosigkeit und Invalidität auf diese Weise geholfen worden. ä)er IViderfland der Qenerkfchaflen gegen politische Bevormundung und gegen wirtschaftliche Unterdrückung der Arbeiter soll gebrochen werden. Vereinzelt stehend bleibt dem Arbeiter nur die Wahl, sich dem wirtschaftlich Stärkeren hilflos auszuliefern und zu unterwerfen. Denkt daran, daß bis zum November 1918 Millionen es den Arbeitern, Angestellten und Beamten, insbesondere in den öffentlichen Betrieben und Verwaltungen, im Verkehrsgewerbe, in der Landwirtschaft und in der Hauswirtschaft bei Strafe sofortiger Entlassung untersagt war, sich wirtschaftlich zusammenzuschließen. hie deulfchen Gewerkschaften haben das freie Ter einigungsrechl unler Schweren Opfern für alle erlrol'il. Gestützt auf dieses Recht haben die Gewerkschaften die Wirtschaftslage der Arbeiter in Lohnkämpfen fortgesetzt verbessert. Prüft selbst die Zahlen aus der Statistik des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes: Wieviel Arbeiter hatten bis 1918 Anspruch auf Ferien? Bis Ende 1939 war es den Gewerkschaften gelungen, für 9,5 Millionen Arbeiter und Angestellte den Ferienanspruch tariflich zu sichern. Die Arbeiterschaft begann durch den Zusammenschluß ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Der Erfolg spricht aus den Leistungen der Sozialversicherung(in Millionen Mark): Die Zuschüffe des Reichs, der Länder und Gemeinden betrugen 1939 etwa 3302 Millionen Mark, 1913 nur 58,5 Millionen Mark. Dazu kommen für 1931 an Wohlfahrtserwerbslose und für öffentliche Fürsorge 2099 Millionen, für Kriegsversorgung 1399 Millionen Mark. Nicht Abbau, sondern Ausbau des Arbeitersckutzes fordern die Gewerk- schaften. Allein 1,5 Millionen Anfälle verzeichnet das Jahr 1929, wobei 168 999 Anfälle schwer und 9599 tödlich verliefen. Hier greifen die Gewerkschaften seit Jahrzehnten ein, sie vertreten durch mehr als 699 Arbeitersekretariate und Rechtsauskunftsstellen kostenlos die Ansprüche aller Mitglieder bis zum Reichsversicherungsamt. Jährlich rollen mehr als 499 999 Prozesse allein vor den Arbeitsgerichten ab, wobei 19 999 ehrenamtliche, von den Gewerkschaften geschulte Arbeitsrichter und Prozeßbevollmächtigte bis zum Reichsarbeitsgericht in Leipzig mitwirken. ä)as alles und noch vielmehr fleht für die gefamle Jlrbeilerklaffe auf dem Spiele, wenn eine autoritäre Regierung weiter in der Macht bleibt und diese Autoritäten, d. h. der Machtwille von den Unternehmern im Betriebe ausgeübt wird. Hunderttausende Betriebsräte hätten ihre Rolle als gesetzliche Anwälte der Belegschaften ausgespielt. Wehl 9tQO. oder Tlasibelriebssellen können helfen, sondern einzig und allein starke Gewerkschaften, die im Reichstag ihre Vertreter finden durch die Sozialdemokratische Partei! hiefe Milfe haben die Arbeiter Sich fei hfl geleiflel. Millionen Unorganisierte wissen nichts von dieser gewaltigen Selbsthilfe- organisation der deutschen Arbeiterklasse. Diese Millionen werden in der gegenwärtig schweren Notzeit zu Totengräbern an ihrer Klasse. Arbeiter und Arbeiterinnen! Werdet Mitkämpfer! Reiht euch ein in die Front der Mitstreiter gegen die Reaktion, gegen den Kapitalismus. Starke Qewerkfchaflen brauchen wir 5eiiiii Aufbau einer neuen Wirlfchaflsordnung. Nur über Einigkeit und Solidarität führt der Weg zur Freiheit, zu Arbeit und Brot. Ss gibt nur eine Xiste, für die ein politisch unterrichteter Arbeitnehmer— Arbeiter, Angestellter oder Aenmter— kämpfen und stimmen kann: £iste 2 Sostialdemohraien! WerKfäflge! Hort den Rnl der freien GewerKsdiaMen! Wer heute noch in Arbeit steht, übe SOLIDARITÄT, reiche helfend seine Hand— werde Mitglied im GESAMTVERBAND der Arbeitnehmer öffentlicher Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs Wir gewähren Streik-, Gemaßregelten-, Erwerbslosen-, Reise-, Umzugs-, Notfall-, Invaliden- und Todesfall-Unterstützung, Rechtsschutz, Haftpflicht, Fach- und Berufsausbildungskurse. wir zahlten 1931 über 12 Millionen Mark an Gesamtunterstützungen Bezirks- und Ortsverwaitung Berlin N 24, Johannisstraße 14-15. Sammelruf: DI Norden 6361 TECHNISCHE ANGESTELLTE UND BEAMTE! Architekten, Bauführer, Chemiker, Ingenieure, Techniker, Kunstgewerbler finden ihre Interessenvertretung, Rat und Hilfe durch Rechtsschutz und Unterstützungen, Berufskrankenkasse usw. in der freien Gewerkschaft aller Techniker, dem Bund dertechnischen Angesteüten und Beamten Haupt- und Ortsverwaltung Berlin NW 40, Werftstraße 7 BANK UND SPARKASSE ALLER ARBEITNEHMER IST DIE BANK DER ARBEITER. ANGESTELLTEN UND BEAMTEN, S BERLIN Zentrale: 5 14, Märkisches Ufer 32 WallstraBe£2, 65 Depositenkasse: SW 63, LindenstraRe 3 Im Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands sind 200 000 Eisenbahner, Arbeiter und Beamte, zusammengeschlossen, weil sie wissen, daß nur diese Organisation ihre Interessen wirksam vertreten kann. Der Einheit sv erb and der Eisenbahrer Deutschlands führt zur Zeit einen erbitterten Kampf um die Erhaltung des Arbeitsplatzes eines jeden Eisenbahners und um die sozialen Einricli= tungen. Darum, Eisenbahnarbeiter u.-beamte, hinein in die Einheitsorganisation der Eisenbahner ZWEITE BEILAGE SONNABEND, 5. NOV. 1932 101 ROMAN von STEFAN POLLATSCH EK\ (Copyright Saturn-Verlag J „Daß Sie, lieber Weltlin, so entgegnen werden, lag in meiner Erwartung. Ich will offen sagen, daß ich an Ihrer Stelle oermut- lich auch nicht anders spräche. Wir sind eben Kaufleute, und es ist unser Schicksal, die Dinge ganz real zu nehmen, eine Situation auszunützen, unbekümmert um ihre Folgen. Aber ich erlaube mir die Frage, ob auch den Herrn Geheimrat diese Folgen so gleichgültig lassen?" „Ich bin kein Kaufmann", sagte Crusius, „ich verstehe vielleicht nicht viel von diesen Dingen. Der Zweck meiner Erfindung ist nicht der, daß irgendein Kaufmann daran Geld verdienen soll. Verdient er es dennoch, so liegt das nicht an uns, sondern an den Verhältnissen, unter denen wir leben. Wir erfinden letzten Endes, damit es dem Men» fchen besser gehe, damit er leichter, müheloser, lustvoller lebe. Wenn eine Erfindung heute die Wirkung hat, daß sie Menschen arbeits» los macht, so ist das nicht Schuld der Technik, sondern schuld daran sind unsere Verhält» nisse, die Gesellschaftsordnung, in der wir leben." „Wir leben aber in dieser Ordnung. Herr Geheimrat", rief der Syndikus.„Sie sind Techniker. Techniker sind Praktiker und Ge- schäftsleute. Stellen Sie sich doch auf den Boden der Wirklichkeit!" „Einigermaßen kann ich das auch von mir behaupten", sagte Crusius lächelnd,„das be- weist meine Mitarbeit an den Werken meines Freundes Weltlin!" „Aber ist es denn notwendig, daß dadurch eine Reihe von Fabriken dem Ruin, taufende von Menschen dem Hunger in die Arme ge» trieben werden?" schrie der Syndikus und lief im Zimmer auf und ab. Crusius blickte den aufgeregten Menschen lächelnd an. Dies genügte. Der Anwalt murmelte eine Ent» fchuldigung, trank Wasier in großen Zügen und nahm sittsam wieder seinen Platz ein. „Sie läßt das Schicksal der Menschen, die der nackten Not gegenüberstehen sollen, also gam kalt, Herr Professor", begann nochmals der Syndikus, suchte in seiner Rocktasche und förderte einen Bleistift zutage, mit dem er auf den Tisch klopfte. „Ich bin wohl kaum dafür verantwortlich zu machen", sagte Crusius leise. „Wer denn?" Dem temperamentvollen Anwalt fiel es schwer, Haltung �u bewahren: „Wer denn, wenn nicht Sie? Es liegt doch an Ihnen, Ihre Erfindung der Allgemein- heit im übergeben!" „Ich weiß nicht, ob das so gam in Ihrem Interesse gelegen wäre. Herr Doktor! Lassen Sie uns überlegen. Uebergebe ich heute meine Erfindung der Allgemeinheit, es entstünde ein Chaos ohnegleichen, seder würde sie ausnützen, und letzten Endes hätten Sie recht sehr darunter zu leiden. Und was täten Sie, wenn ich Ihnen meine Erfindung an- biete? Sie würden sie sofort ausnützen. Ar- beiter entlassen und die Allnemeinheit hätte verflucht wenig davon. Stsinme ich aber Ihrem Plan der Aufteilung des Bedarfes zu, so hieße das, das Endprodukt auf einer Preishöhe zu halten, die durch meine Er- findung nicht mehr nötig ist. Es wäre also ein Scblag gegen � meine Erfindung. Und wenn jemand an meiner Erfindung profi- tieren soll, so ist es mir schon lieber, mein Freund und ich besorgen das, als Sie!" „Sie sind ia allerdings eminent praktisch, Herr Profesior! Ich dachte immer, so ein Genie sei menschenfreundlich!" sagte verbind- lich der Generaldirektor Adler. „Es ist die Frage, was Sie darunter ver- stehen, mein Herr", erwiderte Crusius.„Auch das Genie lebt in der heutigen Zeit. Der Dichter, der Maler, der Bildhauer— alle schenkten ihr Werk lieber, als daß sie den Markt aufsuchen müssen. Aber wir leben in der heutigen Zeit und wir nassen uns doch nur euren kaufmännischen Grundsätzen an. Ihr wollt durch Handel, Svekulation. durch die Tatsache, daß andere Menschen ihre Ar- beitskraft euch billig verkaufen. Geld ver- dienen und, wenn nun ein Künstler, ein Ge- lehrter. ein Wissenschaftler das gleiche durch eigene Arbeit versucht, dann ruft ihr:„Das sind Gaben des Geistes! Die habt ihr zu oerschenken! Ihr habt Wohltäter der Menschheit zu sein"— Ja, meine Herre�, so ist es in Wirklichkeit." „Ick will nicht in Abrede stellen, daß wir Durchschnittsmenschen so denken", sagte Ahler, „wir müssen mit unserem Pfunde wuchern. Aber ein Genie hat Verpflichtungen! Kann denn ein Genie etwas dafür, daß es eines ist? Ist Begabung ein Verdienst? Der eine hat sie bekommen als ein Geschenk der Natur, mitbekommen von einer Vorsehung, die nur Auserwählte beschenkt und die an- dern um so mehr benachteiligt. Der Mensch ist ein Gefäß, Herr Geheimrat, in Sie sind Genie und ungewöhnliche Gaben gegossen worden, in mich nicht mehr als ein wenig Verstand. Kann ich für mich, können Sie für sich? Und da in Ihnen mehr ist als in uns, so haben Sie auch größere Verpflichtungen uns gegenüber— so denke ich!" „Oder ins Deutsche übersetzt", fiel Weltlin ein.„weil du ein Genie bist, will er deine Erfindung umsonst. Aber ich denke, meine Herren, daß hiervon keine Rede sein kann." „Sie lehnen also unsere Vorschläge ab?" „Ia, Herr Generaldirektor." Die Herren erhoben sich. Der Syndikus stürzte, kaum einen Gruß hervorsprudelnd, zur Tür, ihm folgte, um Entschuldigung für das Benehmen feines Begleiters bittend, ver- kindlich lächelnd Generaldirektor Ahler. Als sie wieder allein waren, sagte Crusius leise, als spräche er für sich selbst:„Ich weiß nicht, ob wir recht getan haben, Weltlin. Der Mensch ist ein Gefäß— eigentlich sollte man so leben, daß man immer ein reines Gefäß bleibt. Handle ich schlecht?... Da kommt ein einfacher Mensch, keineswegs ein Denker, und spricht eine tiefe Erkenntnis aus— wie geht das zu? Sollten wir nicht wirklich auf alles verzichten« und ohne zu überlegen, das verschenken, was uns ge- schenkt wurde?" 2. Dienstag, der neunzehnte April, war ein schwerer Tag im Leben des Herrn Weltlin. Wenn man es genauer betrachtet, war er eigentlich nur die Ankündigung, die Ahnung eines noch schwereren Tages. Schon des Morgens nahm Weltlin eine seltsame, nie vorher verspürte Unruhe an sich wahr. Er trank seinen Frühstückskaffee im Umhergehen, die Zeitung sah er mehr als flüchtig durch, kaum daß er die Börsenkurse mit einem Blick überflog, die Zigarette warf er, nur zur Hälfte geraucht, fort. In der Fabrik war er mißmutig, unwirsch. Lechner, der mit der eingelaufenen Post wartete, wurde in wenigen Minuten abgefertigt und der Morgengang mit Hanau durch die Arbeits- räume war fast unerträglich. Er besah weder Rohwaren noch Fertigfabrikat, er hatte kein Wort für Werkführer und Meister, es war ein pflichtschuldiger Besuch, der in einem Tempo absolviert wurde, daß der junge In- genieur kaum Schritt halten tonnte. Nur in der Zurichtung blieb er ein wenig stehen. „Hier hat doch einmal ein Arbeiter ge- standen— wie hieß er nur?— der vierzehn Jahre bei mir in Diensten stand und gegen meinen Willen zur Zeit, als es uns schlecht ging, abgebaut wurde. Warum ist der Mann nicht wieder eingestellt worden?" (Fortsetzung folgt.) Qerda SSackham: Arech ift wieder enUäwfcM Wir veröffentlidien gerne diese Arbeit der 17jährigen Genossin oon der SA]., Gerda Badehaus, deren mutige Kritik an„Gilgi, eine oon uns" roohl noch in Erinnerung ist. Mag die Skizze in ihrer Haltung auch noch die Jugendlichkeit der Verfasserin zeigen, so oerrät sie doch Keime eines starken Talents. Areck war groß und schmal und blaß. Diele Frauen, die ihn sahen, fanden ihn unheimlich, andere flüsterten sich zu, er sei ein hochinteressanter Mann. Areck selbst wußte nichts davon. Er haßte die Welt, die Menschen daraus am meisten. Areck hatte immer wirre, strähnige Haare, einen leicht gebeugten Rücken, kalt«, stechende Augen. Vor sechs Jahren war er ein anderer gewesen, vielleicht schon anders als seine Freunde und Be- verjchafjen ging. Mutz stahl mit großer Schlau- heit anderen Hunden Knochen und verteidigte seinen Raub verbissen und haßerfüllt. Aus Marktplätzen schlich er zwischen den Ständen herum und verstand, seinen Magen zu füllen: er konnte Unmengen oertilgen, dann aber auch tage- lang wieder hungern. Ost blieb er zwei bis drei Tage fort, und wenn er dann zu Areck kam, fuhr ihm dieser durch das struppige, schmutzige Fell und sagte heiser und hart: Na Mutz, da bist du ja wieder! Und Mutz legte die Ohren zurück, klopfte mit dem Schwanz auf die Erde, und seine Augen blickten für einen Moment zärtlich. Mutz war schon vier Tage fort. Areck ging auf die Suche nach seinem Hund. Das hatte er noch nie getan. Mutz war ni« UM. 400.- Bctefyäd und wtdvdU Vceise sind für die Leserinnen des„Vorwärts" durch die Teilnahme an dem Preisausschreiben über den Roman„Gilgi, eine von uns" zu gewinnen. Verlangt werden für den Wettbewerb kleine literarische Beiträge, Niederschriften und knappe Skizzen, deren Thema frei gewählt werden kann. Ein Lebensabriß, ein BUrotag, eine besonders typische oder bedeutsame Szene aus Leben und Beruf, und auch Erlebnisse außerhalb des Arbeitsbereichs sollen kurz geschildert werden. Glaubt Jemand ein besonders abenteuerliches oder die Not der Zeit kennzeichnendes Lebensschicksal hinter sich zu haben— das gilt besonders für die zahlreichen Opfer der Wirtschaftskrise—, so ist auch dessen Beschreibung willkommen. Die Einsendungen müssen bis zum 1. Dezember 1932 beim Verlag„Vorwärts", SW 68, Lindenstr. 3, eingegangen und mit dem deutlichen Kennwort„Gilgi" versehen sein. Neue Abonnentinnen erhalten auf Verlangen kostenlos den Abdruck der Bedingungen für die Beteiligung an dem Wettbewerb. JUsU du austyueivUu. Preise-:» 1. 1 Barpreis 350 RM. 2 1 Modernes Original N o r a- R a d i o- Empfangsgerät, Wert 265 RM. 3. 1 M e r c e d e s■ Kleinschreibmaschine, Wert 240 RM. 4. 1 L i n d c a r- Damenfahrrad, Wert 66 RM. 5.1 Sparbuch der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten A.- G mit einer Einlage von 50 RM. Ferner zehn Preise im Werte von 5 bis 35 RM. kannten, er stellte stets größere Ansprüche an dos Leben, aber damals glaubte er noch an Fr«und- fchast und Liebe. Gerade deshalb, weil er das Leben anders sah, wurde er größer und tiefer enttäuscht. Areck mußte zweimal erkennen, daß es keine Freundschaft gab, und dreimal wurde er von Frauen betrogen. Dann sagte«r der Welt Adieu. Soweit es möglich war. lebte Areck für sich allein. Er sprach nur die notwendigsten Worte, und dann war seine Stimme heiser und leise, er hakt« das Sprechen verlernt. Seine ganze Liebe gehörte Mutz, einem Hunde Mutz war nicht schön, vielleicht war sogar eine Aehnlichkeil zwischen Areck und dem Tiere da, Mutz hatte auch ein zottiges, ungepflegtes Fell, und Mutz haßte alle Tiere, besonders aber andere Hunde. Wenn sich einmal«in Hund an Mutz heranschlich,«s kam selten vor, denn auch Hunde haben Stolz, dann fletschte er die Zähne und seine Augen wurden falsch und tückisch. Wenn einmal ein Fremder Areck ansprach, dann zuckte es höhnisch um seinen Mund und seine Augen blickten noch kälter und abweisender... Areck und Mutz, w'e paßten die beiden zueinander und wie liebten sie ficht Areck konnte für seinen Hund nicht sorgen, er hatte selbst kaum etwas zum Essen Es war daher selbstverständlich, daß Mutz sich sein Futter selbst länger als drei Tage fort geblieben, warum kam er nicht? Areck schall sich. Sicher hatte Mutz einen guten Futterplatz gefunden, er fraß sich dick und satt und morgen würde er wieder da sein. Mutz war schon sechs Tage fort.. Areck suchte wie«in Verzweifelter, er, der Menschenhasser, der kein Wort zuviel sagte, fragte und fragte nach seinem Hunde. Und die Menschen lächelten über Areck und schüttelten den Kopf, denn Mutz war häßlich und falsch gewesen. Und viele nannt«n ihn einen Narren und begriffen ihn nicht Aber Areck suchte weller. Drei Wochen war er nun schon allein. Mutz war fort. Mutz würde nie wiederkommen. Arecks Gesicht war noch straffer, seine Augen noch kälter. Auch Mutz hatte ihn enttäuscht. Mutz war ihm fortgelaufen. Ein widerlicher Haß gegen alles Lebende stieg in Areck auf. Areck sah in das schwarze, unbewegliche Wasier. Dann zog er den Rock aus, lachte noch einmal gellend aus und sprang hinein -Nach wenigen Minuten stand er wieder bei seinen Sachen. Areck war wieder enttäuscht worden, diesmal oon sich selbst. Er war ge- schwömmen um sein verhaßtes Leben wie ein Verzweifelter, ohne Denken, ohne Wollen. Jetzt stand er da und zog sich an. Dann ging er nach Haufe, naß, arm, haßerfüllt gegen die Welt, gegen sich, gegen das Leben. Zwei Tage später fand man ihn tot auf. Er hatte sich erkältet. Und Mutz hatte man erschossen. Waller S)ehmel: 3)as Volk will--- Du Volk, umbrandet vom Strudel der Zeit, von der Welle der Not umlpült, du Volk, das die Laft der Vergangenheit auf deinen Schultern gefühlt, du Volk, das standhielt dem Hungertod, dem Krieg und feinen Gefahren,— merk auf, eine neue Knechtschaft droht und naht steh mit frechem Gebaren! Die Junker wollen dich knebeln wie einst, deine Rechte dir wieder rauben. Sie fragen nicht, was du denkst und meinst, du sollst nur gehorchen und glauben. In deinem Namen, fo sagen sie dreist, find ste befugt, jetzt zu handeln, in Fellein zu schlagen den freien Geist, die Staatsform umzuwandeln. In deinem Namen? Volk, spürst du den Hohn, den ste zur Anmaßung fügen? So stcher fühlen die Herren steh schon, daß ste dich lächelnd betrügen. Du Volk, das den Kelch bis zur Neige geleert, das den Mut fand zu neuem Beginnen, sprich aus das Wort, das das Netz zerstört, das ste wieder um dich spinnen! Sage es laut, daß es dröhnt und schallt, daß ste bebend vom Platze rennen: „Das Volk will keine I lerrengewalt, keinen neuen Zwang anerkennen! Das Volk will fein schwer erkämpftes Recht, es will keine neuen Ketten! Es will keinen Herrn, es will keinen Knecht, es will steh selber erretten! Das Volk will nicht Prinzen, nicht Potentaten, es will kein feudales Aufgebot! Das Volk will selbst entscheiden, beraten! Das deutsche Volk will Freiheit, Arbeit, Brotl" Xeibnis behäU nicht Stecht Leibniz sagte:„Unser Jahrhundert(es war da» achtzehnte und nicht das zwanzigstel) kommt mir vor, wie ein Mensch, der einen großen Uedersluß von Baumaterialien zusammenschleppt und da» Gebäude seinen Nachsahren zu vollenden über- läßt, während er selbst sein ganze» Leben unter .freiem Himmel hinbringt." M. M. die Zahnpaste, die von mehr als 6 Millionen Menschen— allein in Deutschland— täglich gebraucht wird. Vorzüglich in der Wirkung, sparsam Im Verbrauch, von höchster Qualität. Tube 50 Pf. und 80 Pf. Weisen Sie jeden Ersatz dafür zurück. Arbeit durch SowjetdeutscSiland? Kämpft mit uns für Freiheit, Arbeit und Volksrechte! Die Sozialdemokratie hat jede böswillige Kritik Sowjetrußlands immer abgelehnt und bekämpft Die Sozialistische Internationale hat sich an die Spitze der Abwehr von Interventionen gegen Sowjetrußland gestellt. Wo von Rußland zu lernen ist, muß es im Interesse der Arbeiterschaft geschehen. Aber wir verwahren uns gegen die irreführenden Behauptungen der Kommunisten, daß ein Sowjetdeutschland mit sowjelrnssischen Me- thoden die deutsche Arbeiterschaft aus ihrem Elend befreien kann. Die Wirtschaftsankurbelung durch die Regierung der Barone hat jetzt schon Fiasko gemacht Für die organisierte Arbeiterschaft ist das keine Ueberrafchung. Die Sozialdemo- kratie und die Gewerkschaften haben rechtzeitig und richtig gesagt, daß nur großzügige öffentlich« Arbeitsprogramme neue Arbeit schaffen können, und daß Papens Steuer- geschenke von den Unternehmern einfach als Faulheitsprämien eingesackt werden. Sozialdemo- kratie und Gewerkschaften haben selbst großzügige und finanziell auch heute noch durchführbare Programme im Reichstag beantragt. Sie haben «in sozialistisches Umbauprogramm als nach st es Kampfziel aufgestellt, mit dessen Durchführung der Wiederkehr des sinn- losen kapitalistischen Krisenelends ein für alle Mal begegnet werden soll. Ivo ist das Arbeitsbeschaffungsprogramm, wo ist das Umbauprogramm, wo sind die praktischen Kampfziele der Kommunisten? Die Kommunisten wissen nichts vorzuschlagen, sie t u n n i ch t s. sie haben nur die Parole ..Sowjetdeutschland" und führen mit dieser Parole die Arbeiter und Erwerbslosen in die Irre. Die Kommunisten behaupten, S o w j e t r u ß- land allein kurble die deutsche Wirtschaft an. Sie verweisen auf die 200 Millionen Mark, die Deutschland nach Rußland mehr einführe als Rußland nach Deutschland. Haben damit di« deutschen Kommunisten für die deutschen Arbeiter etwas getan? Hätten die deutschen Kommunisten für die deutsche» Arbeiter nicht viel mehr getan, wenn sie mit der Sozialdemokratie für die Abwehr des Lohn- und Unterstützungsraubs in Deutschland, für ein positives Arbeitsbeschaffungsprogramm und für positiven sozialistischen Umbau in Deutschland gekämpft hätten? Durch die Schuld der lkommua�sten sind die-. Müller-Löhne zu Papen-LöHnen geworden. Der Phantasieparole„Sowjet- d e u t s ch l a n d" zuliebe haben die Kommunisten, zusammen mit den Nazis, die politische und ge» werkschaftliche Abwehr des Lohnabbaus und des Unterstützungsraubs lahmgelegt, indem sie den Reichstag lahmlegten. Der Ausfuhrüberschuß Deutschlands gegenüber Rußland, an dem die deutschen Kommunisten nicht das geringste Ver- dienst haben, hat vielleicht 50 000 deutschen Ar- beitern das Brot erhaltene Die Parole„Sowjet- deutschland" hat aber, weil mit ihr die Einheit?- front der Abwehr des Lohnabbaus praktisch zer- schlagen wurde, Millionen deutschen Arbeitern das Brot und die Arbeit g e k o st e t, denn der' Lohnabbau feit Hermann Müller war der ungeheuerste und unsinnigste Kaufkraftmord, den es je gegeben hat, und hätte größtenteils verhindert werden können. Di« Kom- munisten aber hatten Wichtigeres zu tun: sie mußten Sozialdemokratie und Gewerkschaften als Sozialverräter denunzieren und ihre Kampfkraft schwächen. Wenn die Kommunisten für Deutschland aber weder öffentliche Arbeitsbeschaffung noch ei» sozialistisches Umbauprogramm für nötig halten, so bleibt nur das russische Beispiel für Deutschland. Mie aber soll durch das russische Beispiel den b Millionen deutschen Arbeitslosen Brot gegeben werden, wenn die ganze riesige Industrie, die Ruhland erst aufbaut, in Deutschland schon längst vorhanden ist? Und wollen die Kommunisten zum deutsche» Krisenelend den noch viel größeren Hunger der Arbeiter in Sowjetdeutschland hinzufügen? Die Kommunisten sagen den deutschen Arbeitern über Sowjetrußland ja niemals die Wahrheit! Die Kommunisten erzählen den deutschen Ar- beitern, daß in Sowjetrußland von 1928 bis 1931 die Löhne um 40 Proz. erhöht worden sind. Die Kommunisten verschweigen aber, daß die Lebenshaltungskosten in der gleichen Zeit um 150 bis 20 0 Proz. für die russischen Arbeiter gestiegen sind. Der reale Lohnraub in Rußland durch die Preissteigekung ist so groß, daß die Sowjetregierung die B e r ö f f e n t- Ii ch u n g der Lebenshaltungskosten seit über einem Jahre e i n g e ft e l l t hat. Im Jahre 1931 sollten die Löhne um 6 Proz., im Jahre 1932 um 11 Proz. erhöht werden. Am 1. Februar 1932 aber wurden die wichtigsten Preise für die russischen Arbeiter, selbst für die Fabrikküchen, um 25 bis 200 Proz. heraufgesetzt! Warum oerschweigen die Kommunisten die Tatsache, daß auch jetzt in Mozkau, der Haupt- stadl, die Arbeiterfrauen um Brot. Gemüse, Fleisch, Milch Schlange stehen müssen. Der russische Arbeiter durchlebt gerade jetzt die Hölle der Inflation, weil der russische Industrieaufbau nur noch mit gedruckten Papierrubeln durch- geführt werden kann. Der amerikanische Dollar, der früher genau zwei Sowjetgold- rubel kostete, wird heute in Moskau mit 3 0 Sowjetrubeln bezahlt. Warum wird das alles den deutschen Arbeitern verschwiegen? Warum werden die deutschen Arbeiter mit der Phanlasieparole„Sowjetdeulschland" irregeführt, während noch nie in der Geschichte der deutschen Arbeiterschaft nüchterne Tatsachenwahrheit und die Zusammenfassung aller klassenkräste zur Erhaltung des nackten Lebens und der primitivsten Staatsbürgerrechte so notwendig waren wie jetzt? Morgen wird die deutsche Ar- b eiterschaft entscheiden, wem sie die Wahrung ihrer Lebensmterefsen anvertraut. Es ist wahrscheinlich, daß durch die völlig lebens- fremde und in Wahrheit klassenfeind- liche E i n st e l l u n g der Kommunisten auch diesmal kein Reichstag gewährt wird, der die Waffe der Demokratie gegen die Reaktion zugunsten der Arbeiterklasse nützen kann. Die einzige Waffe der deutschen Arbeiterschaft im Kampf um ihre nackten Lebensinteressen, um neue Arbeit und eine bessere Zukunft, muß aber wieder scharf und schneidig gemacht werden. Darum darf, nachdem„Sowjetdeutschland" keine brauchbare Parole für Deutschland ist. die Arbeiterschaft nur für die Sozialdemokratie stimmen. M)ch Reichsbahndefizit Trotz Besserung des Verkehrs Wie alljährlich hat sich auch diesmal im Septem- ber der Güterverkehr der Reichsbahn verstärkt. Im Vergleich zu dem August war ein Ver- tehrszuwachs von 7,8 Proz. eingetreten, der etwas höher war als die entsprechende Verkehrs- besserung in der gleichen Zeit des Vorjahres. Der übliche Rückschlag im Personenverkehr wurde durch den starken Ausflugsverkehr gemildert. Trotz dieser leichten Belebung weist die Be- triebsbilanz aber noch ein Defizit von 27 Mil- lionen Mark auf. Die Einnahmen betrugen ins- gesamt 249,5 und die Ausgaben 276,8 Millionen Mark Die Einnahmen lagen um 78 Millionen Mark unter dem Stande des September ver- gangenen Jahres. Nattonale MPM!?!schaft �Ver hat die Schuld in der BVG.? Besserer Kohlenabsatz 6000 Bergarbeiter wieder eingestellt Der Bergbauverein in Essen hält die Besserung im Ruhrbergbau für mehr als eine nur saison- mäßige Belebung. In einer Mitteilung dieses Verbandes heißt esj daß seit Mitte September mehr als 6000 Bergarbeiter neu eingestellt wurden. Die Besserung hat nach dieser Erklärung bis in die letzte Zeit angehalten und für den Monat Oktober erreicht der Gesamtabsatz des Kohlen- fyndikats 178 000 gegen 159 000 Tonnen im Monat September. Bemerkenswert ist, daß die Besse- rung des Absatzes sich überwiegend aus den In- l a n d s m a r k t erstreckt, was dadurch in Er- scheinung tritt, daß im unbestrittenen Gebiet der arbeitstägliche Absatz im vergangenen. Monat. 87 000 Tonnen erreicht hat, während er im September nur 76 000 Tonnen betrug.— Neben den Neueinstellungen war es auch möglich, die arbeitstäglichen Feierschichten bis auf etwa 17 000 gegen durchschnittlich 33 000 bis 35 000 im Sommer zu ermäßigen. Das Personal der BVG. hat jetzt am eigenen Leibe die Erfahrung machen können, von welcher Bedeutung für ihre Interessen es ist, wenn S o- zialdemokraten einen bestimmenden Ein- sluß in der Leitung eines öffentlichen Unter- nehmen? haben. Dke Belegschaft der BVG. kann rückblickend vergleichen, wie in der BVG. verhandelt wurde, als der Vorsitzende des Aufsichlsrats noch der Sozialdemokrat Reuter und der Personalchef im Vorstand der Sozialdemokrat Brolal waren. Heute ist das gesamte Direktorium wieder . st.ra.Ul.ni„ngit.tzqZ/ll". Daschindert freilich die „nationale" Presse schwarzweißroter u.nd brauner Couleur nicht, in trauter Uebereinstimmung mit der kommunistischen Presse über die„sozial- demokratische M i ß w i r t s ch a s t" in der BVG. zu schimpfen. In einer Polemik gegen den „Angriff" schreibt die„Nachtausgabe" Hugen- bergs u. a.: „Von irgendeiner Unterstützung der sozial- demokratischen Leitung der BVG. durch die„Berliner illustrierte Nachtausgabe" kann im Gegensatz zu den Behauptungen des „Angriffs" überhaupt nicht die Rede fein." Die Unverschämtheit, die d e u t s ch n a t i o- nalen Direktoren der BVG. als Sozial- demokraten auszugeben, ist selbst für ein Blatt wie' die„Nachtausgabe" starker Tobak. Diese„nationale" Gesellschaft ist so feige, daß sie ihre eigenen Leute— mit denen allerdings nicht viel Staat zu machen ist— verleugnet, * sie zu Sozialdemokraten stempelt, um sich von der Verantwortung zu drücken. Ueber das Sünden- r e g i st e r der Leitung der BVG. wird noch zu reden sein. Ohne diese Sünden der Leitung der BVG. hätten große Teile des Personals der Agi- tation der RGO. und der Nazis niemals Gehör geschenkt. Die hartnäckige Weigerung, die schon wiederholt und außerordentlich scharf ver- minderten Löhne wenigstens für vier Monate sicherzustellen, mußte die schon lange zurück- gehaltene Empörung des Personals zum Ueber- laufen bringen. Soeben wird uns eine Verlautbarung der Lei- tung der BVG. übermittelt, in der in heraus- fordernder Sprache die Anwendung von Waffengewalt angedroht wird und dem Personal im Befehlston mitgeteilt wird, es habe sich an den üblichen Dienststellen einzufinden. Ob Waffengewalt angewendet werden soll ist Sache der Polizei. Eine Ankündigung dar- über ist gleichfalls Sache der Polizei. Oder glauben die deutschnalionalen Direktoren Zangemeister. Ouarg, Lültke die sprichwörtliche Unbeliebtheit der BVG. durch solche Verlautbarungen an Publikum und Per- sonal zu heben? Für die Wirtschaft dieser Deutsch- nationalen ist aber nichts bezeichnender als gerade die Tatsache, daß ihre eigenen Partei- freunde sie verleugnen und von„sozial- demokratischer Mißwirtschaft" reden. Wenn es in der Leitung der BVG. eine Mißwirtschaft gibt, dann ist es eine deutschnationale. Mit ebenso großer Bestimmtheit kann man auch be- haupten, daß es ohne diese ausschließliche „nationale" Leitung nicht zu dem Streik mit allen seinen Folgen für Publikum und Per- sonal gekommen wäre. Gerade dieser Streik zeigt. wohin die bodenlose Hege gegen unseren Genosien Brolat geführt hat und wessen„nationale" Be- triebsleiter fähig find. Stärkt die Einheitsfront! Zur Delegiertenwahl der Buchdrucker -d,;>- Die Bezirksversammlungen der Berliner Buchdrucker am kommenden Montag sind von besonderer Bedeutung, da in diesen Ver- sammlungen die Kandidaten für die W a h l der Delegierten zu den Generalver- sammlungen für das Jahr 1933 aufgestellt werden. Dank der Tätigkeit unserer Parteigenossen sind im Gau Berlin des Buchdruckerverbandes in den letzten Jahren keine„oppositionellen" Dele- gierten in den Bezirken gewählt worden. Nur aus einigen Betrieben wurden Anhänger der „Opposition" in die Generalversammlungen ent- sandt. Es war daher möglich, praktische Ge- werkschaftsarbeit zu leisten, die trotz der Schwere der Zeit nicht ohne Erfolg blieb. Die Kommunisten beschränkten sich in de» Generalversammlungen größtenteils darauf, ihre politischen-Phrasen an den Mann zu bringen und die freien Gewerkschaften zu ver- unglimpfen. Das taten die Anhänger derselben Partei, deren Führer sich erst kürzlich dem Polizei- Präsidium gegenüber verpflichteten, sich jeder An- griffe gegen die Papen-Regierung zu enthalten, um den Druck der„Roten Fahne" in einer an- deren Druckerei zu ermöglichen. Die große Mehr- heit der Berliner Buchdrucker wendet sich gegen die gewerkschaftsfeindliche Haltung der Kommu- nisten, die dem Faschismus dient. Alle Berliner Buchdrucker müssen es deshalb als ihre Pflicht betrachten, die Bezirksversamm- lungen am Montag zu besuchen. Wer sich für eine Stärkung der gewerkschaftlichen Einheitsfront gegen Unternehmerwillkür einsetzt, stimmt für die Kandidaten der freien Gewerkschaftsrichtung. Neaktion im Sinzelhanbel Ausschaltung der Angestellten Von besonderer Seite wird uns geschrieben: Die H a u p t g e m e i n s ch a f t des deutschen Einzelhandels e. V., Berlin, verbreitet unter den ihr abgeschlossenen Verbänden ein ver- trauliches Rundschreiben, in dem sie ihre Pläne zur„Reform der Sozial- Versicherung" darlegt. Die Hauptgemeinschaft will für den Einzel- Handel besondere Krankenkassen grün- den, die mit den allgemeinen Ortskrankenkassen in der jetzigen Form nichts zu tun haben sollen. Da die Hauprgemeinschaft fürchtet, daß sie mit der Gründung von Zwangskrankenkassen selbst bei dem jetzt im Reichsarbeitsministerium herrschenden Kurs nicht durchkommen wird, schlägt sie die Gründung dezentraler Ersatzkassen vor. Träger dieser Ersatzkassen sollen die örtlichen Verbände des Einzelhandels sein. In den Organen der Kassen würden also nur Ar- beitgebervertreter sitzen. Nur wenn im Reichsarbeitsministerium mit diesen reaktionären Plänen ganz und gar nicht durchzukommen sein würde, wäre die Hauptgemeinschast bereit, auch den Angestellten eine gewisse Vertretung in den neu zu gründenden Ersatzkassen zuzugestehen. Da es sich um Ersatzkassen handelt, würde, rein rechllich gesehen, kein Angestellter gezwungen sein, der Kasse beizutreten. Mit deutlicher Absicht weist aber die Hauptgemeinschaft des Einzelhandels in ihrem Rundschreiben darauf hin, daß es durch entsprechende„W e r b e m a ß n a h m e n" in den Betrieben schon gelingen werde, den neu zu gründenden Ersatzkassen einen genügenden Mit- gliederstamm zuzuführen. Einzelhandelsangestellte! Wehrt euch gegen diese reaktionären Pläne der Unternehmer. Gebt eure Stimme am 6. November der einzigen Partei, die immer die Rechte der Sozialversicher- ten oertreten hat. Zeichnet euch ein für die Liste 2! Hosbäckerei gefährdet 12 Froz. Lohnkürzung Der Inhaber der Bäckerei Heil forderte vom Schlichter die Ermächtigung, den T a r i s l o h n ge- mäß§ 7 der Notoerordnung um 20 Proz. zu kürzen. Die Firma hat durch„bessere" Lo- kale, sie in Konkurs gegangen sind, wie z. B. die „Gourmenia", Verluste erlitten, in diesem Falle 18 000 M. Die Bäckergesellen sollen das Risiko tragen, obwohl eine derartig«„Betriebsgefähr- dung" mit der Notverordnung nichts zu tun hat. Der Betriebsrat wurde nicht erst gefragt, son- dern vollständig auszuschalten versucht. Erst dem Eingreifen der Gewerkschaften und der daraufhin erfolgten Anordnung des Schlichters gelang es, die Firma zur Beachtung des Betriebsrats zu ver- anlassen. Trotz�m hat sie es vermieden, dem Be- triebsrat anzugeben, worin ihr« Notlage und die Gefährdung ihres Betriebes besteht. Ihre Berufung auf die hohen Löhne wurde gegenstandslos durch den von der Gewerkschaft und dem Betriebsrat geführten Nachweis, daß die prozentuale Lohnquote nicht höher ist als in de» Jahren 1929 bis 1931, die für die Firma gut« Jahre gewesen sein müssen, da sie in dieser Zeit drei Bäckereibetriebe hinzugekaust hat. Der Inhaber der„Hof"-Bäckerei vertrat die Auffassung, daß die E x i st e n z o« r hä l t n i s s e der Beschäftigten hinter seine Wirt- s ch a f t s l a g e zurücktreten müssen. Der Schlich- ter, der das auf die Notverordnung gestützte Ber- langen zurückweisen mußte, gestand eine Lohn- Lohnkürzung von 12 Proz. zu. Di« bei dem„H o f"-B äckermeister Be- schäftigten lassen sich diese Lohnkürzung ruhig ge- fallen, da sie von dem Titel ihres Betriebes allein schon satt werden und obendrein auf die Geiverk» schaft jchimpsen— weil sie verhindert hat, daß ihnen nicht 20 Proz. abgezogen werden?. Die Arbeitslosigkeit in Dänemark nimmt weiter zu. Sie stieg in der letzten Woche um 2649 und hat die bisher höchste Zahl von 13 l 065 er- reicht Hierzu 2 Beilagen Der„Borwärts" erscheint wochentäglich zweimal. Sonntags und Montags einmal. Illustrierte Sonntagsbeilage„Volk und Zeit", i Bezugspreis«: Wöchentlich 75 Ps., monatlich 3,25 M.(davon 87 Ps monatlich tilr Zustellung ins Saust im voraus zahlbar. Postbezug 3,37 M einschließlich 30 Ps. Postzeituna. und 72 Pf. Postbestellgebllhrcn. Auslandsabonnement 5,35 M. pro Monat: für Länder mit ermäßigtem Drucklachenporto 4.35 M. Bei Ausfall der Lieferung wegen höherer Sewall besteht lein Anspruch der Abonnenten aus Ersaß. I Anzeigenpreise: Die einspaltig? Millimeterzcile 33 Pf.. Rcllamezeile l„50 M.„Kleine Anzeigen" da» fettgedruckt? Wort 23 Ps. jedes weiter» Wort lg Pf Rabatt laut Tarif. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte Arbeitsmarlt Millimeterzeile 25 Pf. Zamilienanzeigen Millimeterzeile 13 Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäst Lindenstr 3 wochentäglich von SZH bis 17 Uhr. Der Verlag drhäll Ich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor. I Verantwortlich für Politik: Rudols Brendemühlt Wirtschaft: S. Klingeldöser;(Sewertschaftsbewegung: g. Steiner; Zeuilleton: Kerkert Lepdre; Lokale» und Sonstiges: Friß Karstadt! Anzeigen: Otto Hengst; sämtlich in Berlin. I Verlag: Vorwärts. Verlag(B. m. b. H„ Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerei und B-rlagsanstalt Paul Singer u. Ed., Berlin SW. 38. Lindenstr. 3.