Abend- Ausgabe Nr. 602 B 293 49. Jahrg. Redoktion und Verlag« Verlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher A � Olm! Dönhosf 2S2 bifi 791 Telegrammadresse, Sozialdemokrat Derlw BERLINER VOLKS BLATT DONNERSTAG 22. Dezember 1932 In Groß- Berlin 1l) Pf. Auswärts.... 1l) Pf. Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife siehe Morgenausgabe Aentralovga« der«Sozialdemokratischen Oaetei Deutschlands Das Reich will Arbeit beschassen Kre6ita.uswe!tuiig um 2,7 Milliarden für das„Sofortprogramm" Weihnachtsgeschenk Die Bescherung für die Großagrarier Die Rede des Generals von Schleicher im Rundfunk, die fein Programm enthalten sollte, war in den wirtschaftlichen Punkten dürftig. Sie verwies auf weitere Verlautbarungen, die noch vor Weihnachten ergehen sollten. Heute sieht man deutlich, worüber Herr von Schleicher sich gegen seine sonstige Ge- wohnheit in allen Tonarten ausgeschwiegen hat! Die tollstenPunktedesPapen- Programme? bilden das agrar- und handelspolitische Programm des Kabinetts Schleicher. Vor der Programmrede Schleichers wurde von beflissenen Lobrednern Schleichers ver- sichert, er habe seine programmatische Rede selbst und ganz allein ausgearbeitet! Welch ein Märchen für gäubige Kinder! Das Material dazu haben ihm jene I n t e r- essentenhaufen geliefert, die das Rück- grat des neuen wie des allen autoritären Kabinetts darstellen. Großagrarisch i st T r u m p f! Der Freiherr von Braun ist obenauf, er fühlt hinter sich nur die Unter- stützung seiner Standesgenossen, sondern auch die Person des Reichspräsidenten! Das Wort des Organs der christlichen Gewert- schaften, daß die Barone und Großagrarier den Weg zum Reichspräsidenten finden, den die Millionen von Erwerbslosen nicht gehen können, ist wahr. Es ist noch nicht die ganze Wahrhell! Denn diese Interessenten finden nicht nur den Weg zum Reichspräsidenten. sondern auch sein Ohr! Man hat den General von Schleicher als starken Mann bezeichnet. Was ist seine Stärke gegenüber den starken Männern aus dem großagrarischen Lager? Sie besteht darin, daß er unbesehen das Programm des großagrarischen Eigennutzes, das Programm der unentwegten Osthilfeempfänger über- nommen hat. Der General von Schleicher hat erklärt, daß zwischen Soldaten und Land- Wirtschaft ein besonders enges Band bestehe. Er läuft jetzt Gefahr, daß ihm entgegengehalten wird, daß er durch die Ueber- nähme des großagrarischen Programms ein Band zwischen einer Politik der nackten Lebensmittelverteuerung und den Soldaten geschaffen habe! Die Pläne, die bis auf technische Einzel- Helten im Reichskabinett fertiggestellt sind. bedeuten eine Verteuerung der Lebens- Haltung der Massen. Das ist das Weihnachts- geschenk der Regierung an die Großagrarier! Für die Notleidenden— sind nur 35 Millionen Mark vorhanden! Oesterreich-Deuischland Präsident Mihlas an Frankreich Der österreichische Bundespräsident Mitlas erklärte einem Vertreter des„Excelsior", daß die einzige Lösung siir die Rettung Mittel» und Ost- europas die wirtschaftliche Verständigung aller Staaten von der Nordsee bis zum Adriatischen Meer und vom Rhein bis zu den Karpathen sei. Aus die Frage des Journalisten, ob im Falle des Nichtzustandekommens dieses Planes das An- schluhproblem wieder aufgeworfen würde, erklärte der Präsident ausweichend:„Sie wollen von der Vereinigung aller deutschen Stämme in einem ein- zigen Reich sprechen. Was uns mit Deutschland, besonders mit Süddeutschland verbindet, sind tausend Jahre gemeinsamer Geschichte und Bande des Blutes. Es ist jelbstnerständlich. daß wir Oe st erreicher auch ein deutscher Stamm sind, der sich llog aller politischen Grenzen niemals von seinen Brüdern trennen lasien wird.' ver Retchskommisior siir Arbeitsbeschaffung. Dr. Gereke. gab heute vor der presse nähere Erklärungen über die Durchführung und den Znhall des Sofortprogramms für Arbeitsbefchassuog ab. Zunächst betoute er. daß dieses sogenannte ..Sofortprogramm' sich im Rahmen der vom Reichsbankpräsidenten Luther in München zugestandenen Sreditausweitung von ins- gesamt 2,7 Milliarden Mark halte. Bei dem Sofortprogramm würden etwa 500 Millionen eingesetzt werden. Die Organisation soll möglichst dezentralisiert und den Trägern der Arbeitsbeschaffung Kredite unter besonders günstigen Bedingungen gegeben werden. Die Sreditoermlttlungsstellen sind die �ö f s a' sDeutsche Gesellschaft für öffentliche Ar- beitens und die Rentenbank-Sredit- a n sl a l l. Leider konnte der Reichskommissar über den wichtigsten Punkt, nämlich über die Richtlinien zur Durchführung der einzelneu Ar- beitsobjekle noch so gut wir gar nichts sagen, da heute und morgen hierüber noch verhandelt wird. Zedoch sollen diese Richllinieu mit tunlichster Beschleunigung verössenllicht werden. Bisher konnte der Reichskommissar über Einzel- Helten des Programms nur mitteilen, daß für Hausreparaturen weiters öll Millionen Mark bereitgestellt sind. Bekanntlich waren schon im Septemberprogramm vom Reiche öl) Millionen für Reporawrarbeiten in der Form an den Haus- Nachdem gestern von den Siaatsanwalrschaften die Haftentlassungen angeordnet worden sind, haben die Gefängnisse heute alle Hände voll zu tun, um diesen Anordnungen»ach- zukommen. Es werden auf Grund der Hast- entlassungsbesehle der politischen Staats- anwaltjchasten aus den Gefängnissen entlassen bei der Staatsanwaltschaft I etwa 7Z Verurteilte, bei der Staatsanwaltschaft II 60, bei der Staatsanwaltschaft III vorläufig etwa 7l>. Da die Staatsanwaltschast III eine große An- zahl äußerst komplizierter Sachen zu erledigen Hot, so war sie nichi in der Lag«, bis heute sämi- lich« Akten zu prüfen. Es sind bis jetzt entlassen aus dem Untersuchungsgesängnis 42 Gefangene, aus dem Frauengefäng- n i s 4, aus dem Zellcngsfängnis 20, aus Plötzensee 40, aus Tegel 44, aus der» Zuchthaus Bran- dendurg ein Gefangener. Bei der Entlassung sind selbstverständlich ver- schicdene Formalitäten zu erledigen, es muh auch geprüft werden, ob den zur Entlassung Kommenden nicht irgendeine Hilfe in der Form von Kleidung und dergleichen mehr gewährt werden muß. Die Anordnungen der Staatsanwaltschaft in den Fällen, wo es sich um Delikte, aus Wirtschaft- licher Rot begangen, handelt, können nicht so schnell getroffen werden: es müssen gewisse Vor- aussetzungen sür die Anwendung der Amnestie geprüft werden, so u. a. die Borstrasen. Auch nnissen bei Gesamtstrofen diese in ihre ursprüng- llchen Bestandteile zerlegt und dabei festgestellt werden, welcher Teil der Strafe und f ü i welches Delikt bereits verbüßt ist. Unter den wegen politischer Delikte zur Eni- lassung Kommenden sind einige Angeklagte, deren Prozesse seinerzeit großes Aussehen erregt haben. besonders zu erwähnen. So Z- B M a r k o w s k i vom SA.-Sturm 33! Bei dem Zusammen- stoß mit Kommunisten ist damals der Arbeiter besitz gegeben worden, daß für alle Reparatur- arbeiten aus diesem Fonds 20 Proz. des Auf- trogswertes zugeschossen werden. Der effektive Wert der Hausreparature» stellte sich damit aus 2S0 Millionen, da der Zuschuhionds des Reiches bereits vollständig in Anspruch genommen worden ist. Wenn jetzt unter den gleiche» Bedingungen — in Form eines zwanzigprozentigen Zuschusses — wiederum 50 Millionen vom Reichskommissar �eibnaebtsmann 1932 3edem das Leine! Schirmer ums Leben gekommen. Auch die an der- selben Sache beteiligten SA.-Leute Froschauer und Fritz D o m n i n g fallen unter die Amnestie. Der Teil der Strafe, den Domning wegen ver- suchten Totschlags in einer anderen Sache zu verbüßen hatte, ist bereits von ihm verbüßt. Entlassen wird auch der SA-Mann Stern- Heuer, der wegen des Zusammenstoßes mit Kommunisten in W i l h e l m s a u e verurteilt wurde-, desgleichen der SA.-Mann Marquordl aus dem R ö n t g c n t a l- Prozeß. Sämtliche m dem Kurfürstendamm-Prozeß verurteilten N a- tional sozial! st en werden ihre Strafe n i cht zu verbüßen brauchen lim übrigen sind ja die SA.-Leute jetzt auf dem Kurfürstcndamm ganz sriedlich geworden, die einzige Waffe, die sie hier schwingen, sind ja die Sammelbüchsen, mit denen sie auch die jüdischen Kursürstcndamm-Spazier- gänger nicht verschonen). Entlassen werden auch die K o m in u n i st e n, die im Prozeß Kolonie Grönland wegen Aufruhrs zu Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Was ist aber mit Bothe? Die Entscheidung über die Entlassung des Reichsbannerkameraden Rothe liegt nun In Händen der Sondergerichts- k a m m e r. Die Staatsanwaltschast I hat diese Entscheidung beantragt. Das Amnestiegcsetz besagt nämlich, daß bei Verbrechen gegen das Leben die Amnestie nicht in Anwendung kommt, wenn der Tod oder eine Körperverletzung verursacht worden ist. Kamerad Rothe ist wegen versuchten Totschlags verurteilt worden. Die Urteilsbegrün- dung stellte ausdrücklich fest, es habe n i ch t n a ch- gewiesen werden können, daß der Tod des Nationalsozialisten von einem seiner Schüsse erfolgt sei. Der Berichterstatter im Rechtsausschuh Abg. H ö g n« r hat die Amnestievorlag« in dem hier in Fratze kommenden Punkte ausdrücklich dahin zur Versüguug gestellt werden, so erhöht sich der Gesamtwert der Hausreparaturen im Rahmen der Arbeiisbeschassung um weitere 250 auf insgesamt 5 0 0 Millionen AI a r k. Es ist an- zunehmen, daß dieser zweite Zujchußsonds ebenso schnell in Anspruch genommen wird wie der erste Fonds. Zum Schluß erklärte der Reichskommissar, die Sorgen vor Fehlinvestitionen im Rahnum der Arbeitsbeschaffung seien gänzlich un- begründet. Es handle sich im wesentlichen doch nicht um zusätzliche Reuarbetten, sondern um die Vollendung-liegengebliebener Ar- b e i t e n, die in normalen Zeiten schon längst ausgestchrt worden wären. Was allein in der Reichshauplstadi schon an rückständigen Arbeiten fiir Straßen- und Brücken- erneuerung, sowie andere sür den Verkehr lebens- wichtig« Bauten vorhanden fei, beweise die dringende'Notwendigkeit, diesem Verfall durch öffentliche Arbeitsbeschaffung entgegenzutreten Im übrigen könne die Privatwirt- schast unbesorgt sein, daß sie durch diese össeraliche Arbeitsbeschaffung vernachlässigt würde: da diese Arbeiten nicht im Regiebetriebe durchgeführt würden, gelangten sie doch als Auf- träge an die Privatindustrie, die im Laufe der letzten beiden Jahre durch die Zwangs- weise Drosselung öffentlicher Sachausgaben zur Gemige gespürt habe, wie dieses Zlb drosseln öffentlicher Austräge aus sie zurück- geschlagen sei. verstanden haben wollen, daß von der Amnestie nur diejenigen Verbrechen gegen das Leben ausgenommen sein sollen, bei denen es nach- gewiesen werden konnte, daß der Tod oder die Verletzung von dem bretreffenden Verurteilten verursacht wurden. In dem Fall Roche liegt das nicht vor. Man muß deshalb fordern, daß die Sondergerichtskammer unter Vorsitz des Land- gerichtsdirektors Tolk im Sinne des Reichtsaus- schusses entscheidet. Die Entscheidung dürste erst morgen fallen. Auch die Entscheidung betr. der Reichsbanner- kameraden T e i ch m a n n und Schmidt ist noch nicht endgültig. Die schriftliche Urteilsaus- fertizung isterstvorwenigenTagenauf- gesetzt worden, obwohl das Urteil selbst schon vor einigen Monaten gesprochen wurde. Auch in diesem Falle wird möglicherweise die Entscheidung der Kammer angerufen werden. .Amnestie und Gefangenenfürsorge Die Berliner Gesangenensürsorge ist gegen den zu erwartenden Andrang der Amnestier- ten gerüstet. Es kommen selbstverständlich nur solche Entlassene in Frage, die aus wirtschaftlicher Rot geringe Strafen zu verbüßen halten. Die Entlassenen sollen in großzügiger Weise Mietgelder erhallen, sosern sie eine Schlafstelle gefunden hoben und auch über die Feiertage hinweg mit Eßmarken und Bargeld in erforderlichem Ausmaße versorgt werden, warme Kleidung ist leider kaum vorhanden, die Gesangenensürsorge erwartet, daß in dieser Hinsicht die Strasanstalteu selbst-ihre Schuldigkeit tun. Aus Anregung der Gesangenensürsorge hat sich bereits ein Teil der Bezirksämter damit einverstanden erklärt, daß am Sonnabend und am Dienstag besondere Sprechstunden sür die Straf- entlassenen eingelegt werden, heute hat mau allerdings bei der Gesangenensürsorge von der Amnestie«roch nichts verspürt. Erst heute nachmittag und besonders morgen früh dürste der erste Aasturm beginnen. 3n Freiheit gesetzt Die Auswirkungen der Amnestie Günstling der Fama! �ks�i-I�it�mann» Liexerlcran? entblättert sieb Die geschwätzige Ruhmredigkeit, mit der der Nazi-Zllterspräsident Litzmann seine Kriegstaten angepriesen hat(die alten Römer nannten so etwas den..milas xloriosus hat die Erinnerung an den Durchbruch von Brzeziny im ersten Weltkriegsjahr wachgerufen. Von diesem Durch- bruch handelt ein Brief Mackensens an den General von Scheffer-Boyaoel vom Jahre 1926. der jetzt durch die Presse bekannt wird. Mackensen schreibt u. a.: Unser Frontsoldat hatte wieder einmal be- wiesen, wie sehr er Prinz Karls hohe Meinung verdiente:„Der preußische Soldat leistet mehr als ihm die kühnsten Führer zutrauen und mehr jedenfalls, als man Soldaten der Theorie noch zutrauen darf." Das Vertrauen in diese Helden- mütigen Truppen hat bei Brzeziny eine neue Rechtfertigung erfahren. Aber es konnte sich nur bewähren, weil auch die entsprechenden Führer da waren. Da steht obenan Schesser und neben ihm sein Chef des Generalstabes. Ich verstehe, lieber Massow, wenn Sie dies das wertvollste Erlebnis Ihrer Dienstzeit nennen. Fama hat frühzeitig Litz- mann allein zum Helden des Durchbruchs ge» macht. Ich stelle den Entschluß von Goltz, trotz der Rowikowschen Massen in seiner rechten Flanke links einzuschwenken, mindestens auf die gleiche Höhe, wie Litzmanns tapferen Sturm auf Bahndamm Galkow und Brzeziny selbst. Goltz hat wie ein General gehandelt, der„für das Allgemeine vom Kriege" Verständnis hat, als er auf der Höhe seiner Stellung stand. Nach Feldmarschall Mackensens— wohl- gemerkt schon im Jahre 1926 geäußerter— An- ficht, haben also den Sieg von Brzeziny errungen: in erster Linie die gemeinen Soldaten, in zweiter Linie der General von der Goltz und erst in dritter Linie General v o n L i tz m a n n. Le- genden von fabelhaften Siegesleistungen erweisen sich meistens als brüchig, weyn man ihnen geschichtstritisch auf den Leib rückt. Um so vor- sichtiger sollten die von der Fama Begünstigten sein und nicht die kritische Beleuchtung selber herausfordern! Wohnungsämter werden geschloffen! Nazi-Wahlverluste �.ucb be! den Ltudenten An der Technischen H o ch s ch u l« in Stuttgart fanden die üblichen Studenten- vertreterwahlen statt, bei denen die Nationalsozia- listen die ersten Verluste erlitten. Ihre Mandate gingen von 19 auf 7 zurück, ihre Stimmenzahl von 382 auf 396. Auch die Liste der nationa- listischen Korporationsstudenten verlor an 159 Stimmen und 2 Mandate. Eine Einheitsliste der linken Studenten konnte in Stuttgart zum erstenmal ein Mandat und einen beachtlichen Stimmengewinn erringen. An der Tierärztlichen Hochschule in Berlin sanken die Stimmen der Nationalsozia- listen von 165 aus 89, also auf die Hälfte, von 5 Mandaten verloren sie 3. Dafür gewannen die Korporierten 2 Sitze und 28 Stimmen, während die anderen Listen unverändert blieben. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Ratio- nalsozialisten auch auf den Hochschulen an Boden verlieren. Ihre nächsten Niederlagen werden sie sich im Januar in Rostock und in Braunschweig holen, wo ja die Pg. Minister für die nötige Ab- schreckungsvropaganda des Dritten Reiches s>Wgt haben. Der Ruf nach Arbeit Die Landkreise bei Schleicher Der Reichskanzler empfing unter Führung de» Präsidenten Dr. von Stempel Vorstands- Vertreter des Landkreistages. An- knüpfend an die Rundfunkrede Schleichers, in der als vordringlichste Regierungsaufgabe die Ar- bettsbeschaffung bezeichnet wurde, trugen die Vertreter die Auffassung des Landkreistages über dieses wichtigste Problem der Gegenwart vor. Nur schleunige Arbeitsbeschaffung könne die schwere finanzielle Lage der Landkreise, vor allem im Hin- blick auf die Wohlsahrtserwerbs- losenlasten erleichtern. Vergebung öffentlicher Arbeiten sei einzig und allein »> der Lage, wirksame Erleichterung auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. Eine solche Maßnahme würde nicht nur eine Senkung der Wohlfahrts- crwerbslosenlasten, sondern auch eine weitere wesentliche Erleichterung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bringen. Eine Finanzierung lediglich durch Darlehen müsse wegen der damit verbundenen nicht zu 0« r a n t w 0 r t e n d e n Vermehrung der kommunalen Schulden v�r- mieden werden. Mit dem Plan der Auflockerung der Großstädte stehe der Reichskanzler völlig auf dem Boden der Landkreise. Wenn die Großstädte aufgelockert und der Umschlchtungsprozeß der Be- völkerung wirksam gestaltet werden solle, könne die Mithilfe der Landkreise nicht entbehrt werden. Die Landkreis» seien als kommunalpolitifchs Bs- treuer des flachen Landes zur Mithilfe bei dieser staatspolitisch wichtigen Ausgab» bereit. Aufhebung der Wohnungszwangwirtschaft Das Zentralwohnungsamt keilt folgendes mit: Nach der Notverordnung vom 8. Dezember 1931 tritt das wohnungsmangelgefetz am 1. April 1933 außer Kraft. Zn einer Konferenz der Berliner Ivohnungsdezernenlen ist im Hinblick hieraus von dem Direktor des Zentralwohnungs- amtes der Vorschlag gemacht worden, mit dem 31. Dezember d. 3. die eigentliche Wohnungs- zwangswirtfchaft in verlin praktisch zu beenden. Dieser Beschluß ist von den VZohnungsamtsdezernenlen einstimmig gebilligt worden. In Auswirkung dieses Beschlusses, der von dem Oberbürgermeister inzwischen genehmigt worden ist, werden daher vom 1. Januar 1933 ab keine Eintragungen mehr in die Wohnungslisten vorgenommen. Die bisher für Wohnungsein- tragungen noch geöffnet gewesenen Schalter des Zentralwohnungsamts werden mit dem31.3anuar 1932 geschlossen. Auch die Bezirkswoh- nungsämter nehmen keinerlei Eintragungen mehr vor. Die Inanspruchnahme und die Zu- Weisung von Wohnungen unterbleib�, sofern es sich nicht um auch im Hinblick auf die heutigen Verhältnisie ganz besonders kraß liegen- den Fälle von Wohnungslosigkeit Handell: jedoch ist der Hauswirt, wie bisher, weiter verpflichtet, das Freiwerden einer Wohnung mit einer Friedensmiete bis zu 899 M dem Wohnungsamt anzuzeigen. Diese mit dem 1. Januar 1933 in Kraft treten- den Beschlüsse bedeuten praktisch die völlige Aus- Hebung der auf dem Wohnungsmangelgesetz beruhenden eigentlichen Wohnungszwangswirt- schaft. Wenn das Berliner Wohnungsnot- recht zu dem genannten Zeitpunkt noch nicht völlig außer Kraft gesetzt worden ist, so ist das deswegen nicht geschehen, weil andernfalls nach einer Bestimmung der Notverordnung vom 1. Dezember 1939 damit auch die kleinsten Woh- nungen für den Fall ihres Freiwerdens von den Nächtliche Schießereien Kommunisten und Hakenkreuisler 3n der vergangenen Nach! gab es im Osten Berlins wieder an zwei Stellen Schießereien, bei denen aber niemand verletzt wurde. 25 Personen wurden von der Polizei festgenommen. Der erste Zwischenfall spielte sich in der Litauer Straße ab. Dort waren K 0 m m u- n i st e n mit Nationalsozialisten in Streit geraten, in dessen Verlauf von den Kommunisten die Scheibe eines Naziverkehrslokals zertrümmert wurde. Die Täter flüchteten in das KPD.-Lokal nach der Posener Straße. Bis zum Eintreffen des Ueberfallkommandos sielen in der Litauer und Posener Straße mehrere Schüsse. Beim Absuchen der Straßen wurden ein Trommel- revolver, ein Totschläger und eine leere Patronen- hülse gefunden. 25 Beteiligte, darunter 24 an- geblich Parteilose und ein Nazi, wurden der Politischen Polizei übergeben. In der C b e r t y st r a ß e unternahmen mehrere Nationalsozialisten gegen das frühere NSDAP.-Verkehrslokal im Hause Nr. 24 einen regelrechten Rachefeldzug. Der Wirt hatte sich die Nazi» vor einiger Zeit vom Halse geschafft und dafür sollte er offenbar einen Denkzettel bekommen SA.-Leute feuerten vier Schüsse auf die Schankwirtschaft ab. Eine Kugel durch- schlug die Ladentllr, ohne jemand zu treffen. Die Täter flüchteten und entkamen. Großer Zuweienraub Einbruch in Grunewaldvilla wie erst jetzt bekannt wird, ist in der Nacht zum vlillwoch im Grunewald ein großer 3uwelendieb stahl ausgeführt worden. Den Tätern fielen Schmuckstücke und Edelsteine von hohem werte in die Hände. Der Bestohlene ist der Inhaber eines angefehe- nen Berliner Herrenkonfektionsgeschästes, der in der M a h I e r st r. 8 feine Villa hat. Als der Hausherr am Dienstag einen Hausball in seinen Räumen gab, wurde der Diebstahl verübt. Die Täter legten eine Leiter an die Fassade des Hauses und kletterten durch das offenstehende Schlafzimmerfenster in das Innere. In einem Auf ReichSbahnhSufem dart kein Hakenkreuz wehen In Regenwalde hat die Deutsche Reichs- b a h n- G e s e l l s ch a s t für ihr Personal zwei Zwölssamilienhäuser bauen lassen, in denen in der Hauptsache Beamte wohnen. Bei allen Wahlen konnte man nun oben an den Schornsteinen genannter Gebäude große Haken- kreuzfahnen wehen sehen. Auf eine Vorstellung der Republikanischen Be- schwerdestelle Berlin bei dem Präsidenten der Reichsbahndirektion Stettin hat dieser nunmehr durch öffentlichen Anschlag auf dem Bahnhof in Regenwalde verfügt, daß jedem Beamten das Flaggen untersagt wird, andernfalls innerhalb 24 Stunden die Wohnung geräumt werden muß Nazi-Ortsgruppe aufgelöst Eigener Bericht des„Vorwärts" Husum. 21. Dezember. In der hiesigen Nazlpgrtei geht es ebenfalls drunter und drüber. Infolge unerhörter Schlamperelen in der Kassenführung und Unter- schlagungen ist die Nazi-Ortsgruppe in der Auf- lösung begriffen. Vorerst wurden 2999 Mark festgestellt, für die keine Deckung vorhanden ist. Großfeuer Wie die Nazlführer mit den Parteige'dern um- gegangen sind, geht daraus hervor, daß ein Ge- schäftsmann, der in den Besitz dieses Geldes kam, die geschäftlichen Nachnahmen mit den Partei- geldern einlöste. Mit einem Betrag von 2 Mark als Kassenbestand wurde für 149 Mark ein Schwein gekauft, das sich die Naz>-„Führer" gut schmecken ließen. Einem Geschäftsmann verkaufte man 19 Zentner Kartoffeln, die für die Winter- Hilfe gebettelt waren, zum Preise von 59 Ps pro Zentner Em im städtischen Dienst stehender Nazi erhielt Brot, das für die arbeitslose SA. bestimmt war. Gegen einen weiteren Funktionär schwebt ein Gerichtsversahren wegen Kohlendiebstahl«. Erste Weihnachtszüge Hauptverkehr Ereita? und Sonnabend Auf den Berliner Fernbahnhöfen hat der Weihnachteverkehr am?1. Dezember, am ersten Geltungstape der bis 19. Januar gültigen Weihnachtsrückjahrkarte, eingesetzt. Bereits an diesem Tage mußten die ersten Vor- und Nach- züge eingelegt werden, um olle Reiselustigen zu befördern. So wurde der Verkebr nach München und nach Frankfurt a. M. durch sünf Vor- und Nachzüge oerstärkt, und von der Stadtbahn mußten zwei außerplanmäßige Züge nach dem Bestimmungen des Reichsmieten- und Mieter- fchutzgesetzes ausgenommen werden würden: dies erschien im Hinblick auf die Tatsache, daß gerade nach den kleinsten Wohnungen die Nachfrage heule noch erheblich größer ist als das Angebot, noch nicht angängig, zumal alles getan werden wird, um das Reichsmietengejetz und das Mieterschutzgesetz gerade für diese Woh- nungen aufrechtzuerhalten. » Noch Beendigung der Wohnungszwangswirt- schaft in Berlin wird es die Aufgabe der Woh- nungsämter sein müssen, die ihnen in dem preußischen Wohnungsgesetz vom März 1918 über- tragenen eigentlichen Aufgaben, di� Woh- nungsaufsicht und- pflege, in größerem Umfange als bisher aufzunehmen. Die Bestim- mungen des Reichsmieten- und Mieterschutzgesetzes werden durch den Verzicht auf die praktisch« Durchführung des Wohnungsmangelgesetzes nicht berührt. nebenliegenden Ankleidezimmer stießen die Ein- brecher auf eine H 0 l z k a ff e t t e, die in einem Schrank stand und den gesamten Schmuck der Familie enthielt. Der Diebstahl ist erst gestern bemerkt worden. Beim Absuchen des Parkes wurde an der Gartenmauer halb oergraben die leere Kassette gefunden. Von den Dieben fehlt bisher jede Spur. Notgelandet! Eluszeux Paris— Prag Nürnberg, 22. Dezember. Ein französisches Verkehrsflugzeug, das die Strecke Paris— Prag bestiegt und das außer zwei Mann Bejahung mehrere Zluggäfte an Bord hatte, mußte bei lvilherms- darf notlanden. Die Maschine kam glatt zu Boden. Die Besatzung hatte Störungen an der Funkeinrichtung und am Motor bemerkt und deshalb die Notlandung vorgenommen. Vom Flugplatz Zürlh wurde dem Flugzeug Hilfe gebracht. Westen und einer nach dem Osten«ingelegt werden. Auch die fahrplanmäßigen Züge fahren mit erhöhter Wagenzahl. Die Schnell- und Eil- zöge waren, z. B. auf dem Potsdamer und dem Anhalter Bahnhof, bis zu 89 Proz., zum T«il sogar auch stärker besetzt. Der stärkste Reiseverkehr ab Berlin wird am Freitag, dem ersten Ferientage, und am Sonnabendoormittag erwartet. Auch für die Feiertage selbst wird noch mit lebhaftem Reise- verkehr gerechnet, da viele Berliner den Weih- nachtsabend zu Haus verbringen und erst an einem der beiden Feiertage ihre Weihnachtsreise antreten. * Zur Behebung von Zweifeln über den Wegsall der zwischen Berlin und München verkehrenden Schlafwagenzüge siD 79 und 71 gibt die Reichsbahndirektion Berlin bekannt, daß diese noch bis 7. und 8. Januar 1933 fahren, aber in den Nächten vom 24. zum 25. Dezember 1932 und 31. Dezember 1932 zum 1. Januar 1933 in beiden Richtungen ausfallen. In Staaken wurde in der Nacht ein ein« stöckiges massives Wohnhaus, dem eine Verkaufs- Niederlage angegliedert war, durch ein Groß- f e u e r bis auf die Grundmauern eingeäschert. Die sreiwillige Feuerwehr von Staaken, zu deren Unterstützung die Spandauer Wehr herbeigeeilt war, oersucht« vergeblich, von dem lichterloh bren- nenden Gebäude am Seegefelder Weg noch etwas zu retten. Personen sind glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen. Die Entstehungsursache des Brandes ist Gegenstand der kriminalpolizeilichen Untersuchung. Seemanns Tod London. 22. Dezember. Der britische Dampfer„Gates h e a d" Ist auf der höhe von Seaham Harbour mit dem Dampfer „vl i r a n d a" zusammengestoßen und gesunken. Der Kapitän und sieben Mann der Besatzung der„Gates heod" ertranken. Todesurteil nach 12 Jahren >Vegen Vergiftung des Ehemannes P a s fa u. 22. Dezember. Das Schwurgericht Passau verurteilte die Land- wirtssrau» S l r o ß l wegen Ermordung ihres früheren Ehemannes Schseflen- huber zum Tode, ihren jetzigen Ehemann, Karl Slraßl, wegen Beihilfe zum Mord zu sieben 3ahren Zuchthau». Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden der Frau aus Lebensdauer, dem Manne auf zehn 3ahre aberkannt. Das Verbrechen liegt schon 12 Jahre zu» r ü ck Am 19. Juli 1929 war Frau Straßls da- maliger Ehemann Josef Schoeftenhuber unter Krämpfen gestorben. Die auf Betreiben der Brüder des Verstorbenen durchgeführte Unter- suchung der Leiche blieb erfolglos. Trotzdem wollte das Gerücht nicht verstummen, daß Schoeftenhuber aus dem Wege geräumt worden sei. Seine Frau hatte während des Krieges ein Liebesverhältnis mit ihrem jetzigen Manne Karl Strahl und be- seitigte mit seiner Hilfe Schoeftenhuber nach dessen Rückkehr aus dem Felde durch Gift. Arbeitslofenbildung Sozialer Dienst an den IGrisenopfern Durch die große Ausdehnung, die der freiwillige Arbeitsdienst erlangt hat, ist der sozialistischen Bildungsarbeit ein neues großes Gebiet zuge- wachsen, das eine sorgfältige Betreuung erfordert. Die vor einigen Monaten gegründete Reichs- arbeitsgemcinfchaft„Sozialer Dienst", in der alle Spitzenorganisationen der sozialistischen Arbeiter- bewegung vertreten sind, hat sich denn auch sehr eingehend mit der sozialpädagogischen Gestaltung de» freiwilligen Arbeitsdienstes beschäftigt und Richtlinien für die geistige Schulungsarbeit und Freizeitgestaltung in den Lagern des freiwilligen Arbeitsdienstes ausgearbeitet, die im Dezember- hekt der„Sozialistischen Bildung" ver- öfientlicht werden. Alle Interessenten seien auf diese Veröffentlichung besonders hingewiesen, da sie geeignet ist. die Grundlage für eine umfassende Bildungsarbeit zu schassen. In engem Zusammenhang mit dieser Ver- össentlichung steht der Aussatz O. Uhlig„Jugend ohne Beruf", der sich mit dem schwierigen Problem der Arbeitslosenbildung auseinandersetzt. Eine ausführliche Kursusdisposttion von Dr. E. Fränkel„Die Staatskrise und der Kampf um den Staat" gibt für die Kursus- und Vortragsarbeit auf dem speziellen Gebiet der politischen Schulung wertvolle Anregungen. Das Danziger Ermächtigungsgefeh ist nun rechtskräftig durch eine sozialdemokratisch-kommu- nistisch-hitlerische Volkstagsmehrheit aufge, hoben worden. Die Abkehr von der Fassade Oer Weg des modernen Bauens Die«achskehenden Sähe sind von einem jungen Architekten geschrieben, der sich leidenschastlich für modernes Bauen und modernes wohncn einseht. Der Wohnungsbau der Gemeinden und die grohcn Schöpfungen des freigewerkschastlichen Wohnungsbaus— in Verliu die huseisensicdlung in vrih und die Gehag- Siedlung Zehlendors— haben die Schönheiten moderner Baukunst aufgezeigt. Und trohdem— Bauarbeiter, die der„Sicgcszug" der Maschine arbeitslos machte, und Menschen, die weiter in elenden Löchern zu lebeu gezwungen sind, sie alle können die Lehre vom„modernen Mohuen" nur mit wehmütigem Lächeln ausnehmen. Neue Architektur— Abkehr von der dekorativen Fassade— muß im Zusammenhang mit der Eni- deckung der neuen Baustoffe betrachtet werden. Eisen, Stahl, Beton und Glas sind die neuen Baumaterialien. Die neue Bauweise ermöglicht die Lösung neuer und ungeahnter Aufgaben, er- fordert aber durch ihre neue Statik ein gänzlich neues Sehen. Es geht hier eine Umwälzung vor sich, die von vielen noch nicht erkannt worden ist. Le C o r b u s i e r, der moderne französische Architekt, stellt sie als dritte neben die zwei anderen tiefgreifenden Umwälzungen in der Ge- schichte der Architektur: Die erste erfolgte, als man in grauer Vorzeit vom Holzbau zum Steinbau überging: die zweite, als die Antike die ersten Gewölbebauten errichtete. Die gegenwärtige Um- wälzung erleben wir alle mit. Nun zeigt die Geschichte der Technik, daß die ersten technischen Erfindungen sich immer wieder Wenn d!e Liebe Mode macht Gloria-Palast Durch Zufall im Besitz eines Modellkleides, gerät eine kleine Midinette vor ein internationales Modekomitee, in eine in den heiligen Dingen der Mode entscheidende Konferenz der europäischen Länder, in der sie die seltsamsten Sachen durchsetzt und sich selbst dazu— das ist ein hübscher Einsall, eine reizende Persislag«, das ist ein ganz origmeller Hintergrund für die auch hier nicht fehlend«, normal verlaufende Liebesgefchicht«. Natürlich geht die Ironie nicht etwa so weit, mn die ge- wattigen Fragen nach Sein oder Nichtsein des Rückenausschnittes z. B. ihrer ungeheuren Be- deutung gänzlich zu entkleiden: dafür sind wir im Film, der auch in der Satire noch das persislierte Milieu mtt taufend dekorativen Kameraeinstellun- gen bejaht. Wenn einem auch heutzutage, ins- besondere eben rm Film, die Andeutung bereits wohltut, das wäre nicht alles von Gottes Gnaden und vielleicht doch nicht durchaus ganz in Ordnung... M e y r i n g und Ceckendorf haben sich mit Erfolg um das abwechslungsreiche und filmisch gutgebaute Manuskript bemüht, Winzlers Regie ist geschickt, vielseitig und amüsant. Otto W a l l b u r g, Hilid« Hildebrand, Gisela W e r b e z i r k, Hubert von Mehring sind, wie immer, als markante Typen eingesetzt. Georg Alexander kommt über die Schablone(vom Typ durchaus unterschieden) nicht viel hinaus: Renate Müller endlich wirkt als klAne Mdi- nette soviel bester denn als Mode machender, Mode gewordener Star, daß man unwillkürlich erkennt: sie ist ja viel mehr ein nettes kleines Mädchen als ein« große Nummer. w. Essig und Oel? Syrup! Weder Essig noch Oel, weder Fisch noch Fleisch, nur seicht und süßlich, so ist das Stück der Kam- merspicle„E s s iE und Oel* von Geyer und Frank. Dort lebten Hauptmann und Wedekind und Sttindberg. Herr Geyer hat sie geholt, wie der Kassierer besohl. Zeichen der Zeit— wird ein Couplet in dem Stück gesungen. Beer und Martin, die Direktoren des Theaters, gehen also der Zeit aus dem Wege. Sie beneiden die Zeitgenossen Alfred und Frig R., Generaldirek- toren und Grotzkonzessionäre des Operettenschwach- sinns? Und in der Oase der Schumannstraße soll es nun auch wüst und öde werden. Das Stück wird ein Märchen von heute genannt. Stimmt: es ist unwahrscheinlich fad«. Bertieft und getragen wird es nur durch den herrlichen Charakterkomiker Hans Moser. Er spiest einen Gemischtwarenhändler, der sich auf» hängen will Zeichen der Zeit. Er wird vor dem Unsinn bewahrt durch Fräulein Annie, Gouver- nante im Haus des Kommsrzienrats. Der älteste Sohn des Kommerzienrat» liebt das Fräulein. Die vier Kleinen des Kommerzienrats vergöttern das Fräulein. Darum saniert der Verliebte den Pleitekrämer, der Schluß machen wollte. Der grantig« Kommerzienrat muß zulassen, daß sein Aestester und das Fräulein Verlobung hallen, daß die vier Kleinen ihre Mama, sein« abgesetzte Frau Gemahlin, wieder adoptieren. Und alles geschieht so, daß im Zeichen der Zell die Syrupquantiläten der Verlogenheit verschwenderisch über das Parkett gegossen werden. Das ist weder Volksjtück noch ironischer Literatenspaß. Das ist nur deplaciert« mit dem Kleid der Vergangenheit umhüllen. Die ersten Automobile sahen wie Postkutschen aus, die ersten amerikanischen Wolkenkratzer wollten gotische Kathedralen sein. Das Stahlskelett kon- struierte der Ingenieur, und die Fassade entwarf der Architekt nach historischen Vorbildern. Die moderne Baukunst nimmt in Ver- bindung mit der Technik ein charakteristisches Ge- ficht an, das von dem der allen handwerklichen Baukunst ganz erheblich verschieden ist. Seine typischen Erscheinungsformen tragen aller un- nötigen Zutaten ledige und wohlproportionierte Züge, wie wir sie auch bei den ingenieurmäßigen Produkten der Maschine finden, frei von einer alten Vorstellung-welt, die ganz andere technische Voraussetzungen hatte. Allein entscheidend bei der Beurteilung eines modernen Bauwerkes bleibt die Feststellung, inwieweit es dem Ingenieur oder Architekten-gelungen ist, mit einem geringsten Aufwand an Zeit und Material ein Produkt zu schaffen, das dem verlangten Lebenszweck hundert- prozentig dient. Die menschlichen Behausungen, also die aus- gesprochenen Wohnbauten, sind eine An- gelegenheit des Massenbedarfs. Warum sollten also nicht die Wohngehäuse eine gleich ein- heilliche Erscheinung zeigen wie etwa unsere Schuhe und Kleider? Es ist doch lo, daß das Haus ein Erzeugnis kollektiver und sozialer Ge- sinnung wird. Durch eine solche Vereinheitlichung wäre eine Vergewaltigung individueller Bedürs- nisse ebensowenig zu befürchten wie durch die Mode. Warum muß jedes kleinere oder größere Wohnhaus einen anderen Grundriß, einen anderen Spekulation auf die Sechsdreiersenttinentalität der Leute, die sich bei dem braven Hellsarmeesammler an der Theatertür vorbeidrücken, weil sie vor- geben gerade kein Kleingeld im Portemonnaie zu haben. M. H. Allerlei Unterhaltendes Drei Sender Unterhaltung aus Berlin, Köln, München, die Kölner ebenfalls von Berlin verbrellet, die Münchener von Königswusterhausen. Hier, in München, weht« frischeste Lust. Man machte sich lustig an diesem„heiteren Abend* über alles und jedes, besonders aber über München und die Münchener selber. Denn:„Mer san doch mer.* Man braucht«ine gesunde Selbstsicherhell, um sich so wirkungsvoll oerulken zu können. Der Weiß Ferdl und ein ausgezeichneter Konferencier be- sorgten das bestens: Auswärtige sowohl wie die Münchener unterhiellen sich gut. Die manchmal etwas sehr geschmolzene Musik war stilecht und also am Platze. Köln hielt sich mit seinem„Heiteren Mittwoch* an die von keiner Obrigkeit und keinem Lokal- Patrioten zu beanstandende Schablone. Der Stil der Sendung entsprach etwa dem der.Lustigen Blätter*, die ja auch noch Leser haben sollen. In Berlin weihnachtcte es wieder einmal. Die„Arbeitsgemeinschaft sür Hörspiele* führte am Dienstag ein Hörspiel auf von E. H e s s e- B u r i und Elisabeth Hauptmann nach der Er- Zählung von Dickens„Ein Weihnachtoabend*. Alle Zartheit, alle leise Ironie des Dickensschen Werkes waren in dieser Bearbeitung verschwunden. Uebrig geblieben war eine sehr moralische Geister- geschichte. Diese zwelle Sendung der neu gegrün» deten„Arbeitsgcmeinschast* ließ noch deutlicher als die erste erkennen, daß ein bürokratischer Ein- soll nicht praktisch« Funt-Erfahrung in dieser Ein- richtung der Berliner Funkstunde am Werke ist. Wollte man, neben jungen Schauspielern, nicht auch unbekannt« Hörspieldichter fördern? Vor- läufig ist davon nichts zu spüren, und auch die Mikrophonschulung der Schauspieler läßt sehr viel zu wünschen übrig.— Iz. Tilla Durieux gastiert im Renaissance-Theater Sie ist lange nicht in Berlin ausgetreten, diese interessante Frau, die so gern interessante Frauen spielt Fast m allen Berliner Theatern war sie schon, nun bevölkert sie das Renaissance- Theater, wo sie achtmal an dem„Schatten* von Nicodemi ihre mannigfachen Künste erproben wird. In diesem Reißer ist sie einen ganzen Akt lang verurteilt, die gelähmte Frau zu sein, die von ihrem Stuhl aus alle Fäden in der Hand behält. Wie durch ein Wunder genesen, muß sie entdecken, daß ihr Mann während ihrer langen Krankheit ein neues Lebensglück fand. Plötzlich stehen sich beide Frauen gegenüber, es ist der große Moment. den vorbereitend und weiterführend die Durieux mll blendender Virtuosität formt. Dann noch der letzte Kampf um«inen schon verlorenen Posten. die Aussprache mit der Rivalin(ganz aus Schau- fpielerei gestellt) und die stille Resignation. Sie wird welter im Stuhl sitzen und die Fäden mit kluger Hand führen. Die Durieux liebt die Rollen, die chrem Star- tum reiche Möglichkellen gewähren Hier kann sie. die immer noch lebensvolle Dulderin, die ihr Recht fordernde, die enttäuscht« und mit einem Male ins Baustil aufweisen? Das ist nur eine maßlose Verschwendung von Mitteln. Zeit und Arbeit, und die Entwicklung der Bauwirtschast zum Serien- bau wird allen Einwendungen zum Trotz schon aus wirtschaftlichen Gründen weitergehen. Nun wären allerdings die modernsten Hänser umsonst gebaut, wenn nicht auch die B e- w o h n« r die Errungenschaften der Gegenwart sich in ihrer Lebensführung zunutze machten. Durch höchste Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlich- keit muß die Vereinfachung des Haus- Halts erreicht werden. Das reibungslose und sinnvolle Funktionieren des täglichen Lebens ist In der bekannten Schadenersatzklage, die der Arbeitgeberverband für die nordwestliche Gruppe der Eisen- und Stahlindustrielleu gegen den Deut- schen Metallarbeiter-Verband wegen des Arbells- kampses anläßlich der Einsührung des O e y n- hausener Schiedsspruchs angestrengt hat. hat jetzt das Reichsarbeitsgericht entschieden, daß auf die Revision beider Parteien hin das landesarbeitsgerichtliche Urleil ausgehoben und der Rechtsstreit in die Vorinstanz zurückverwiesen wurde. Das Reichsarbeitsgericht hat siäi grundsätzlich der A u s f a s s u n g der Ge- werkschasten angeschlossen, daß der Arbeilskamps durch eine Aussperrung des Arbeit- geberverbandes in die Wege geleitet sei. Gegen diese Aussperrung durfte der Deutsche Metall- arbeiter-Berband sich zur Wehr setzen. Nur, wenn die Verteidigung des Deutschen Metall- arbeiter-Verbandes das Maß des Zulässigen über- schritt, wäre hierin ein Verstoß gegen den Tarif- vertrag zu erblicken. Das Reichsarbellsgericht will näher« Auf- klärung, ob der Deutsche Metallarbeiter-Verband prinzipiell seine Funktionär« aufgefordert hat kein« Akkordvereinbarungen zu geminderten Sägen mit den beteiligten Arbeitgebern abzu- schließen. Höchstens kann der Arbellgeberverband aber für die Dauer von 14 Tagen Schaden- «rsatz sordern, dadie aussperrendeFirma nach Ablauf von 14 Tagen durch Aufstellung neuer kampfessorderungen da» Kampffeld ver- schoben und für die Fortführung des Arbells- kampfes die Gewerkschaft auf keinen Fall verant- worttich ist. Wellerhin ist ungeklärt, ob nicht sogar d i e Aussperrung, die der Arbeitgeberverband vorgenommen hat, an sich tarifwidrig ge- wesen ist. Das Reichsarbeitsgericht weist das Landesarbeitsgericht an, an Hand des konkreten Tarifvertrags zu prüfen, ob nicht zu- Nichts zurückgeschleuderte Frau sein. Sie kann frohlocken und in wildem Schmerz aufbäumen. Immer ist sie eine prachtvolle und eigenwüchsige Schauspielerin, nie ganz echt— wie die Stücke, die sie bevorzugt. Rudolf Klein-Rogge— in einer wenig glücklichen Maske, gab mit Takt den Partner des Stars. Annemarie Steinsick, die hübsche und natürliche Rivalin. X. Hl. v. Ein monströses Denkmal Mussolini sind kürzlich Pläne für die Errichtung eines Monumentalwerks in Rom vorgelegt worden, das an Wucht und Größe selbst die Pyramiden und die Sphinx in den Schatten stellen könnte. Der Schöpfer des Entwurfs, der Dante und seine„Göttliche Komödie* verherrlichen soll, ist Mario Zampini, ein jugendlicher toskanischer BUdhauer und Architekt. Er hat fünf verschiedene Entwürfe eingereicht. Die Generalidee ist eine impressionistische Nachschöpsung der Werte Dantes. Als Material werden Sandstein, Marmor in Ver- bindung mit Stein, und Eisen in Verbindung mit Marmor oerwandt. Der gebilligte Entwurf hat eine Höhe von 120 Meter vom Sockel bis zum Kopf der Dante-Statue, die das Monument krönt: der Durchmesser ist auf 150 bis 450 Meter be- rechnet Es schließt ein„Purgatorium* aus weißem Marmor ein, das mtt der Darstellung von Episoden aus der Dichtung geschmückt und in der ganzen Anlage eine gewisse Aehnlichkeit mit dem schiefen Turm von Pisa nicht verleugnet. Der 1. Bezirk de» DAS. veranstaltet am Montag. Dezember(2. Feiertag), im Saalbau Friedrichshain, eine Sängermorgenseier. Si werden Chöre alter und lebender Komponisten zu Gehör gebracht. Der Eintritts- preis beträgt 25 Pf.. Erwerbslose zahlen gegen Bor- zeigung der Stempelkarte 10 Pf. Berliner Sängerchor. Freitag, SS. Dezember, abends 714 Uhr. Probe mit Orchester in der Schulaula. Alle Sänger müflen anwesend sein. Paris immer noch d'ittgröhle Stadl. Es muß ein« geheime Verschwörerbande in Deutschland geben, die— so muß man annehmen— daraus au» ist. Pari» um feine wahre Größe zu bringen. die Voraussetzung zu einem Höchstmaß an per- sönlicher Freiheit und Unabhängigkeit und befreit das Leben von unnötigein Ballast, damll es sich desto ungehemmter und freier entfalten kann. Eine unserer Zell entsprechende Forderung ist es, die Gestalt der Dinge, Häuser, Möbel, Geräte, nicht von der Form her, sondern allein vom Material, von der Konstruktion und vom Gebrauch her zu gestalten. Alles, was bisher vom rein konstruktiven Standpunkt aus geschaffen worden ist und nicht etwa auf Grund ästhetischer Meinungen und Empfindungen, alles, was auf der kühlen, klaren Rechnung des Ingenieurs be- ruht, wird uns immer in einem Stil erscheinen. den man zeittos nennen könnte. Wir sind endlich dahin gelangt, die reine Zweckmäßigkeit als schön zu empfinden und das Entstehen eines Dinges aus den drei Komponenten Material, Kon- struktion und Gebrauch als ein organisches Wachs- tum anzusehen. nächst 14 Tage nach Ausbruch des Arbeiiskampjes die allen Tariflöhne und Akkordsätze weller- gezahlt werden müssen. Man wird dem Ausgang des Rechtsstreits vor dem Landesarbeitsgericht Berlin mll Spannung entgegensehen. Metallfusion Die Lüdenscheider Metallwert« A.-G. norm. Julius Fischer u. Basse und die Ver- einigte Elektrotechnische Fabriken F. W.. Busch u. Gebrüder Jäger A.-G. sehen sich durch Krisenverluste und die schlechte Ausnutzung der Anlagen gezwungen, ihre Unternehmen zu fusionieren und zugleich das Kapital wesentlich zusammenzustreichen. Die Gesellschaften waren seit 1927 durch einen Interessenten- gemcinschaftsvertrag verbunden und gehören zum Konzern des Konsuls G u m p e l(Bankhaus Ephraim Meyer u. Sohn, Hannover), Sie pro- duzieren elektrische Apparate, Staubsauger, Kleinmotoren u. a. Die höheren Verluste sind bei den Lüdenscheider Metallwerken entstanden, und zwar vor allem bei einer Düsseldorfer Staubsaugersabrik. so daß das Kapital von 5 Millionen aus V.tz Mil- lionen Mark herabgesetzt wird. Das Kapital von Busch u. Jäger wird nur von 2.6 auf 0.9 Mil- lionen ermäßigt: diese Gesellschaft wird bei der Fusion die aufnehmende sein. Durch die Kapllal- Herabsetzung entsteht ein Buchgewinn von 6.2 Millionen Mark, der zu Sonderabschreibungen benutzt wird. In der Fusionsbllan.z erscheinen neben IL Millionen Mark Aktienkapital Bank- schulden in Höhe von 2.9 Millionen Mark, die zum Teil durch eine Kapitalserhöhung, bei der die Banken Aktien zu übernehmen hätten, abge- deckt werden sollen. In den letzten Monaten soll eine gewisse Geschäftsbelebung eingetreten sein. Auch der„Vorwärts* ist ihr erlegen, denn in der Montagabendauseabe hat einmal wieder Berlin mehr Einwohner als Paris. Wir stellen also fest, daß die richtige Reihe der Weltstädte diese ist: 1. London, 2. New Pork, 3. Paris, 4, Tokro, 5, Berlin. Rundfunk am Abend Donnerstag, 22. Dezember Berlin: 16.00 Berliner Soloterzett. 16.13 Spiel mit Zinnsiguren(J. v. Kunowski). 16.30 Unterhaltungskonzert 17.30 Häuser auf Brettern. 17.45 Bücherstunde für Kinder. 18.05 Unterhaltungsmusik. 18-50 Mitteilungen des Arbeitsamtes. 18.35 Die Funkstunde teilt mit. 19.00 Stimme zum Tag. 19.10 Gelebtes Leben. 19.30 Heilere Geschichten(Andre Foelckersam). 20.00„siir� Jenatsch"(Drama nach der Erzählung C. F. Meyers). Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. Tanzmusik. 24.00 Wiederholung: Sinfoniekonzert Königswusterhausen: 16.00 Pädagogischer Funk. 17.30 Die Geschichte und der deutsche Mensch der Gegenwart (Dr. M Kramimer). 18.00 Musikalischer Zeitspiegel(Dr J. Simon). 18.30 Deutsche Kulturpolitik in Deutschland(Dr. W. Stapel). 18.55 Wetterbericht. 19.00 Stunde des Landwirts. 19.20 Für und Wider.. Wegweiser durch die Zeit(Dr. R. Pediel). 19.30 Aus der Philharmonie: Weihnachtsoratorium vou Johann Sebastian Bach. 21.00 Siebenbürgische Weihnachtsgeschichten(Hanna Copony). 2130 Tages- und Sportnachrichten. 21.40 Aus Stuttgart: Kammermusik. 22.20 Wetter-, Tages- und Sportnachrichten. 22.43 See- Wetterbericht Aus Hamburg: Deutscher Tanz von 1900 bis 1932. Sonst: Berliner Programm. Vollständiges Europaprogramm im„Volks- funk", monatl. 96 Pf., durch alle„Vorwärts"- Bolen oder die Postanstalten. Better für Berlin: Wolkiger, wenig Temperaturänderung. Winde aus Süd Für Deuischlond: Im Nordwesten bewölkt und etwas Regen. In Mitteldeutschland etwas wolkiger, sonst wenig Aenderung. Nordwest gegen BMV. RegrelÄklktge zurückverwiesen SlepDdeckeo. j Daunendecken, direkt vom Hersteller, aus erster Hand, daher billig und reell I Bettenhaus Schonert, SO., Or<»nten*fr«f»e'2 Billiger flefcdwcrhanf A. Sdiiinemann Wran�elslra�e 30 Biiiier-Hcinze ■'■■Baien In allen»«ad««et Ben Gebr. 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Ein Wagen kommt uns entgegen, biegt aus: ein verbranntes Gesicht wird sichtbar im Staub: eins Stimme iragt:„Wohin?"...He, weit", antwortet Psotor. „Noch Wolyn." Es ist ganz finster geworden: wir übernachten in der Steppe. Die Pserde werden ausgespannt. und man läßt sie frei grasen. Psotor und sein Junge entfachen ein Fcuerchen, und die Mutter lacht Abendbrot. Am Hinnnet glimmen Sterne aus: ich liege auf dem Wagen und kann nicht einschlafen. Das Feuer erlischt, und nur ein paar Kohlen glimmen noch unter der Asche: irgendwo wiehern die Pferde, und unter dem Wagen schnarcht Pjotor. Hoch und schwarz ist der Humuei, viele Sterns glitzern daran und zittern, sie werden größer und dann wieder ganz winzig klein: sie sehen aus mich herab und ziehen mich zu sich hinan. Es ist mir, als läge ich gar nicht aui dem Wagen und als hätte ich weder Baker noch Mutter. Das Städtchen ist vergehen und der Ehedcr, dos Mirele und die Großeltern. Der Wagen ist ver- schwunden, die Pierds, Pjotor und sein Sohn— niemand ist mehr da. Eine neue Welt tut sich auf, unendlich und ewig... und mir ist, als iei auch ich so... und: „Ja, ja", sagen die Sterne,„es ist so, wir sind all« da, wir leuchten, und unser Glanz ist bläulich, und du mutzt dir bewußt sein, daß wir es wissen, daß du uns siehst, und wir sehen dich: wir kennen uns, und es wird niemals aufhören, so zu sein." Vlll. Als ich aufwache, steht die Sonne schon hoch am Hunmet. Wir iahren weiter, vorbei an Dörfern und Flecken, vorbei an Quellen mit Kreuzen darüber: Bäuerinnen stehen mir hochgesteckten Röcken und ihre Schlägel klatschen aus die Wäsche- stücke. Knaben und Mädchen baden, indem sie sich mit den Händen am Stege halten und mit den Beinen im Wasser strampein Das Piendchen hebt die Beine, eins nach dein anderen, und während es schreitet, schieben sich seine Knochen unter der 510m hin und her. Mit dem Schwanz schlägt es nach den Fliegen unter seinem Bauch, aber die Fliegen kommen wieder uird fahre» mit uns die ganze Zeit seit Anbeginn. Wie sich einmal, in sengender Sonne, der Weg gabell und Pjotor noch links abbiegt, scheint es mir, als ob wir schon hier waren und bald wieder daheim sind in unserem Städtchen. Mir wird heiß bei dem Gedanken, immer heißer, dann wieder friert mich. Der Atem stockt mir, ich hol'« Durst, ich will nach der Wasserflasche greifen, aber meine Hände gehören mir nicht mehr, ich kann gar nicht erkennen, wo sie sind-- leise beginne ich zu wimmern. Jch erwache, well mir die Mutter das Gesicht mit kaltem Wasser wäscht. Ich blicke in ihre Augen, die sich ties in die meinen senken. Sic küßt mich, sie tröstet mich: bald werden wir beim Bater sein, und der Vater wird sein Söhnchen loben: sie wird ihm erzählen, wie folgsam ich war, und der Vater wird sich sehr sreuen. Sie baut mir«in Schutzdach aus Zweigen und Blättern und gibt mir Himbeeren mit Zucker. Ich schlaf« wieder ein. Als ich bei Bewußtsein bin, fahren wir nicht mehr auf dem Wogen, sondern in einer Stube. lange, sehr lange, und schnell, sehr schnell. Am Fenster vorbei laufen Pfähle mit Drähten, Felder drehen sich, und unter dem Boden klappert es unaufhörlich. Türen gehen auf und viele Mcnjchen kommen herein, und oft sehe ich durchs Fenster Häuser aus Rädern vorbeifahren. Manchmal geht die Tür auf, zwei Männer mit Laternen m den Händen kommen herein, nehmen Papiere von der Mutter und betrachten sie. Zum Schluß ober sitzen wir doch wieder auf einem hohen, breiten Wagen, zusammen mit Frauen und einer schrecklichen alten Zigeunerin. Der Wagen rüttelt über die Steine holpriger Straßen und dann über einen weiten, runden Platz Ich blicke: da schreiten vor uns her viele Füße vieler Männer, und im Dröhnen ihrer Schritte ist ein fortwährendes Klirren: Ketten...1 IX. In einer großen Kammer, die weiße Wände und«iscrnvergitterte Fenster hat. liege'ch aui einer breiten Pritsche mit Bereksch« und Estherl« neben der Mutter. Ebensolche Pritschen besinden sich an allen vier Wänden, überall liegen Frauen und Kinder und schlafen. Es ist noch dunkel: w einer Ecke der Kammer brennt oor einem Heiligenbild ein kleines Lämpchen und umgibt zwei dunkle Köpie mit einem Kranz von Strahlen. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierher» gekommen bin. „Mutti, wo sind wir denn?" Mutter wacht auf: sie umarmt mich weinend, sie küßt mich und flüstert kroh:„?lllmöchtiger, sei gelobt! Kindchen mein, Trost mein, Hab' keine Angst, deine Mitter ist doch bei dir! Söhnchen mein, wie viel Angst habe ich gehabt deinetwegen, wieviel Qualen! Sag', was hat dir geiehlt. niein Kind? Aber nun wird dich mir niemand weg- nehmen. Ai, Bater im Himmel, wie groß ist dies dein Wunder!" Sie küßt mich nochmals, drückt mich an sich, weint... „Wer liegt da, Mammc, und wo sind wir nur?" Inzwischen ist es hell geworden, und bald darauf wird es laut: Frauen kleiden sich an, waschen sich, bekreuzigen sich, zanken sich, laufen nach heißem Teewaüer. Eine alt« Zigeunerin liest Ungeziefer aus ihrem Hemd und zerbeißt es mit den Zähnen. Die Mutter bereitet Tee. und wir trinken auf unserer Pritsche. Ich will auf- steben, aber die Mutter läßt es nicht zu: ich soll au! den Arzt warten. So bleibe ich liegen und ergötze mich am Geraus« der Schkotzimlech. Frauen setzen sich zu mir. Schwatzen über mich und lachen mich aus: so«in Schwächling sei ich und gar kein Sibirianer. Mir wird so wohl, ich betrachte alles um mich her genau. Jemand zupft mich an der Hand. Ick; wende mich um: neben mir liegt«in kleines, nacktes Zigeunermädchen. Es sieht mich aus großen. ichwarzen, sonderbaren Augen an Ich erwiderte den Blick. „Willst du Konfekt?" Sie gibt mir keine Antwort. Ich leg« ein paar Süßigkeiten neben sie. Die alte Zigeunerin kleidet sie an, schmiert ihre silaare und Nägel mit einer Salbe ein, und ich oersolge das alles interessiert. Dann kommt der Arzt mit mehreren Damen: er lacht und sagt: ich diirie schon morgen in den Hof und spielen. Den ganzen Tag liege ich nun neben der Mutter auf der Pritsche: in der Kammer ist niemand außer uns und der alten Zigeunerin. Die Mutetr schläft, sie ist müde: aber immer wieder wacht sie auf, sieht mir lange ins Gesicht und verscheucht di« Fliegen. Ich liege ganz ermottet. Ich will mich an etwas erinnern und kann es nicht. Immer wieder frage ich die Mutter, wo wir sind.„Jetzt mußt du schlafen: morgen erzähle ich dir alles." „Mamma, was sind das für Geräusche hinter den Fenstern, und warum sind sie mit Eiseugittern vermauert?" Immer die gleiche ausweichende Antwort... und endlich schlafe ich ein. Als ich erwache, liege ich ein« ganze Weile mit balbgeschloisenen Augen: so fehe ich di« kleine Zigeunerin, die in der Tür steht Nun tritt sie behutsam ein und setzt sich neben mich aus die Pritsche. Ich betrachte ihr Gesichtchen, und es ist alles so gut. Allmählich wird es dunkel in der Kaminer. Hinter den Gilterienslern flamm m rote und blaue Lichter auf. Die klein« Zigeunerin beugt sich über mich und streichelt mir die Hand, ihre Haare kitzeln mir die Backen Die Frauen kommen, es wird unruhig und geräuschvoll in der Baracke. Sie richten ihre Slrohsäcke, schütteln die Decken und zanken Die Jungens johlen und bewerfen sich mit de» Kissen. Langsam wird es ruhiger, die meisten schlafen ein, nur ewige Frauen sitzen noch, trinken Tee. flechten ihre Zöpje: ein paar ziehen ihre Hemden aus und Iiichen ausmerksam drin herum. Bor dem Heiligenbild kniet eine alte Frau: sie betet und bekreuzigt sich sortviährend, und chr riesiger Schatten läuit über die Wand, als wolle er mich sangen. sFortsetzung folgt.) . sii verkaufen" Amhnng kleiner Schickfale/ Ton R. R. Ken her f Immer stehen die Leute vor dem Aushang am Zaun der Kahlenhondlung: ein kleines Wirt- schastsborometer dieser Zeit! Gastwirtschnsten, Papierläden, Schneiderstiiben machen in diesem Stadtteil Pleite, Fünszimmerwohnungen stehen ewig leer, Arbeitslose werden exmittiert, nur ein Gelchäft blüht, vergrößert sich: dieser Aushang, in dem möblierte Zimmer, guterhaltene Kleider- schränke, Klaviere und Nadioaz'parate angeboten werden. Bor zwei Jahren war jemand auf die ?>dee gekommen, hier einen Kasten anzubringen. sozusagen ein fliegendes Bermittlungsbüro zu er- öffnen. Heute hat der„iinternehmer" bereits den vierten grüngestrichcnen Kasten onbungen können. Immer mehr Witwen, van gekürzten Pensionen lebende Stcuerfskretärsgattinnen, abgebaute Fa- milienväter rennen zu dem Mann, dem der Aus- hang gehört' und lasisn in einem der vier grün- gestrichenen Kästen einen Zettel anbringen: Gut- möbliertes Zimmer zu vermieten! Ich bleibe manchmal vor dem Aushang stehen. ohne daß ich die Absicht habe, mir ein möbliertes Zimmer zu suchen oder einen Kleiderschrank zu kaufen. Ich will nur rasch mal sehen, ob irgend- eine Frau Müller in irgendeiner Strotze endlich ihr„Balkonzimmer mit Klavierbenutzung" ver- mietet hat. Wie die Fiour eines Romans inter- elliert mich diese Frau Müller und alle anderen, deren Schicksal ich hinter kurzen Andeutungen ahnen kann Gleicht dieser Aushang mit den vielen kleinen Zetteln nicht einem spannenden, lchicksalsbewcgten Buch, das der Zufall geschrie- ben und zusammengeheftet? Ich lese in diesem Buche. Fremd« Menschen mid Schicksale treten mir en.'gegen. sprechen zu mir, laufen hinker mir her, beschästigen mich, nur in einem Satz manch- mal:„Ein Klovier ist billig zu verkousen"..Llub- sesiel, wie neu. spottbillig abzugeben." Das sind die Ileberschriften mancher Kavltel in diesem Buche. Kapitel heimlicher Tragödien, olltäglicher Kämpfe, zermürbender Begebenheiten. Die zittrige. ungelenke Schrift einer Frau, die schon lange ein „Leerzimmer mit Separateingang" zu vermieten sucht, zeugt von Rotz Einsamkeit und skeptischer Weltbetrachlung. Unwillkürlich stellt man sich dieses Gesicht oor, ein Käte Kollwitz-Gesicht.— Hell!, TTolffhelm: SaiiafoHllltl Sie leben ihren leiden und essen streng diät, Nur davon wird gesprochen Von frllh bis spät— Sie züchten ihre Krankheit, sonst gibt es kein Problem, So fliehen sie das Leben— Das Ist bequem. Und drauflen sind die andern und tragen wahre Not, Sie können sich nicht pflegen und Krankheit ist hier Ted. Die drinnen müssen essen, es Ist die reine Mast, Und das, was sie nicht schaffen, Das Ist verpraßt. Man wirft es In den Abfall, zuviel auch für den Kund, Was schadet die Vergeucung, Wird man nur selbst gesund. Welt draußen stehn die andern und blicken hungrig drein. Sie sind'*, die wirklich leiden, sie kennen wahre Pein. Bon diesen kleinen Zetteln im Aushang führen Wege über Höfe in Hinterhäuser, drei, vier Trep- pen hoch, durch Gerüche von Kohl und Wäsche, in dunkle, muffige Stuben, wo ein Grammophan zu kaufen ist oder ein„nur wenig getragener Gehrock". Diese kleinen Zettel im Aushang sind nur die Stichwörter sozialer Not. Hinter herunter- gelassenen Jalousien, verriegelten Türen ent- spinnen sich die Dialoge über Gasrechnungen, Mietrückstände, werden die Kämpfe ausgesochten, von denen man im Aushang nur flüchtig liest, daß ein Zimmer zu vermieten, ein Schrank zu ver- kaufen ist. Oder eine Klubgarnitur. Ja, heute hat der Mann den vierten Kasten angebracht, es stottern so viele kleine Zettel zu ihm. Ein Kinderwagen ist zu verkaufen, ein Radioapparat. Eine Waschmaschine. Den Kinder- wagen wird sich eine jung« Frau holen, deren Mann arbeitslos ist. Den Radioapparat wird ein Junggeselle erstehen, der an eine Besserung des Flintprogramms glaubt. Für den Erlös der Waschmaschine wird Frau Uhlig ihren Kindern etwas zu Weihnachten besorgen. Und das„kleine Zimmer mit Küchenbenutzung" notiert sich eben ein junger Mann, der mir bekannt vorkommt. Ich habe ihn schon öster hier gesehen. Alle.zwei, drei Monate scheint er ein neues Zimmer zu suchen. Im Anfang legte er noch Wert aus Tele- phon und Warmbad. Dann wurde er wohl stel- lungslos... Ich gehe immer nachdenklich von diesem Aus- hang am Zaun der Äohlenhandlung. Ich habe ein sehr exnites Buch dieser Zeit gelesen. Ein Buch ohne rechten Abschluß. Man weiß nicht, was mit den Menschen noch geschehen wird. Wenn man die Leute aus den Straßen, im Treppenstur klagen hört, muß man fürchten, daß zu den vier grüngestrichenen Aushangkästen eines Tages noch ein fünfter hinzukommt. Wie schön wäre�es aber, wenn ich �Ihes Tages an der Kohlenhandlung vorbeikomme und von den vier Kästen ist nur noch einer dort? Frau Müller darf selber in ihrem Balkonzimmer sitzen. Herr Gürtler darf sein Klavier behalten und Frau Koch kann in ihr Leer- zimmer eine Klubgarnitur stellen. Leider ist vor- läusig wenig Hoffnung vorhanden. Qrimmers Waffelbäckerei t'ine nelie IVeilwarhisbefcberung/ To« Alice Sherl-Aollüiols Die Wethnachtszeit ist bekanntlich di« Zeit der Geldausgaben und der rührenden und optimisti- schen Welhnochtsgeschichten. Ileberall fieberhafte Geschäststüchtigkeit der Weihnachtsengel und der FestschriftsteUer. Mit Recht. Jeder Deutsch« lall. wen» schon keine Gans, so doch wenigstens seine fröhliche Wechnachtsgeschichte im Tops hoben. Ich will euch ebenfalls eine Weihnochtsgescbichte erzählen. Daß meine Geschichte weder gnaden- bringend noch lomcttoglitzerud ist, ist diesmal be- stimmt nicht meine Schuld. Beklagt euch deswegen beim Leben selber. Die Geschichte vom Glanz und Elend eines Wafselbäckers ist eine böse, böse Be- icherung. Sie Hai aber dafür de» Borzug, tatsäch- lich passiert zu sein. Unser Held und Wosselbäcker befindet sich dalier auch nicht im 66. Märchenbande aus Tausend und einer Nacht, sondern auf dem Hamburger Weih- nochtsdom. Sicher habt ihr schon öster von diesem Jahrmarkt an der Waterkant gehört. Tolle, bunt« Spielbuden, Lichterorgien, viel zu große Zwerge, Reklamationen des aufgebrachten Publikums wegen der viel zu großen Zwerge(„Ich hob schon mal einen kleineren Zwerg gesehen!"), Schieß- biidensiguren im Publikum. Karussells«trieb« sModell au» dem Jahre 1265!) und natürlich Wassel äckereien. Knusperige, schmalzgetränkte Sttigkeit! Der Waffelbäcker Otto Grimmer zum Beispiel hat ununterbrochen zu tun. Wen» die ollen, ehr- lichen(?) Dombummler die Wahl haben zwischen der Dame ohne Unterleib und Grimmers Schmalz- wasfeln, dann siegt allemal das Verlangen des Mogens über das Bedllrsnis nach geistiger An- regung, Grimmer backt und zaubert Sie Wassel» vor den Augen der Konsumenten. Alles ist eitel Schmalz und Seligkeit. Das Geschäft blüht und Grimmers Lächeln blüht. Wir werden einen feinen Weihnachten haben! Drinnen im Wohn- wagen. Mit eigenem Bäumchen und eigenen Wasfeln, die so erstklassia sind, daß sogar Grimmer mit feiner fünfköpfigep Familie sie ißt Soweit wäre das«ine erstklassige Weihnachls- geschichte. Nun mischt sich aber leider das Schick- sal in Grimmer« Wechnachtsangelegenhetten«in. Und das ist oberfaul. Vor ewigen Tagen brach ein kleines Feuerchen auf dem Rummelplatz aus. Man muß anerkennen: das Feuer benahm sich iehr kulant. Es bemächtigte sich einiger Buden. nachdem die letzten Bergnllgungsreisenden das Domterrain verlasien hatten. So wurden die treuen Hamburger Dombesucher nicht erschreckt und die weihnachtliche Stimmung blieb bewahrt. Mehr kann man von einem Zusallsfeuer nicht verlangen. Den Schreck und die Kosten trägt einzig und allein ein kleiner Wasselbäcker, ge- nannt Grimmer. Wer ist schon Otto Grimmer. Wer ist schon Otto Grimmer? Eine Null, die heißes, süßes Gebäck iabriziert Wir werden eben morgen Schulzes Waffeln essen. Grimmers Wasselbäckerei bot ein bedeutendes Naturschauspiel. Die Flammen, angeregt durch die Schmalzberg«, tobten in großer Fahrt zum Nachthimmel empor. Selbst Kaiser Nero, der lediglich aus ästhetischen Rücksichten«ine Stadt namens Rom in Brand setzen ließ, wäre beim Bmnd von Griinmers Schmalzbude nicht unzu- frieden gewesen. Dies Feuer konnte sich sehen lassen. Auch eine nachbarliche Schießbude mit dem be- schwörenden Schild„Der Weg zu Glück und Reich- tum" ist den Flammentod gestorben. Nur das Schild wurde von der zartfühlenden Feuerivehr gerettet und wieder ausgestellt. Grimmer hat in wenigen Minuten alles ver« loren. Geblieben ist ihm nur cm verbundener und zentnerschwerer Kops, sem Wohnwagen, sein Vertrauen in die Zukunft und seine fünfköpfige Familie. Ferner die lleberreste seiner in jähre- langer Arbeit geschaffenen Wasselbäckcrei: Lein- mandfetzen und verkablte Halzstücke. Sie haben außer Erinnerungswert nicht den geringsten Wert. Der Waffelbäcker sieht einem traurigen Feste entgegen. Zwei Tage später versuchte er in einer geliehenen Bude Wiener Mandeln zu vcrkausen. Es kauften wenige Leute.. Kein Mensch kann dasür, daß Schulzes heiße knusprige Waffeln bester schmecken als die kalten, harten Makeln eines Peelivogels. Di« Mandeln erinnern ofsen- bar zu sehr an d»z Leben. Oder an eine vor« zettig abgebrannte Weihnachtsfreude.... Warum Arbeit er Sportabzeichen? Seil einer Reihe von Iahren bejchästigt man sich in den Arbeilersporlverbänden mit der Einführung eines Arveitersport- abj.eichens. das dem vom Deutschen Reichs- ousschuh für Leibesübungen verliehenen„Deutschen Sportabzeichen" gleichwertig sein soll. Der Gradmesser des Wertes eines solchen Abzeichens ist die zu seiner Erwerbung ersorderliche Leistung. Da die Prüfung in je einer Pflichtübung aus süus verschiedenen Gruppen abzulegen ist, seht die Erwerbung des Abzeichens eine körperliche Allgemeinbildung voraus, die nur durch sleigigc Hebung zu erreichen ist. Das ist also der Sinn eines solchen Abzeichens. Die Arbeiter sportoerbände haben von jeher sich eine solche sportliche Allgemeinbildung zum Ziele gesetzt: aber sie waren bisher der Ansicht, daß die Erreichung dieses Zieles dem einzelnen nicht durch ein äußerlich sichtbares Zeichen bestätigt werden dürfe. Das Deutsche Sporr- abzeichen wurde als ein Sportorden angesehen, als ein äußerlich zu tragendes Ehrenzeichen, das eine Abhebung von den weniger gut veranlagten Sportgenosien zur Folge haben müßte Es war der alte Gemeinschaftsgedante, der in einer gewissen Gleichmacherei wurzelte. Aus der Masie stillte sich niemand herausheben, es sei denn, daß er durch geistige Begabung sich zum Führer auf- geschwungen hätte. Man glaubte auch, daß bei den weniger gut veranlagten Genosien ein Minderwertigkeitsgefühl aufkommen könnte, wenn der besser Begabte für eine eigentlich unoer- diente Leistung(unverdient, weil durch Beran- lagung erworben) ausgezeichnet würde. Ich unter- streiche dieses Wort, weil es eigentlich den Kernpunkt für die ablehnende Haltung vieler Arbeiter- sportler bildet. Sie wollen aus sozialen Gründen teinerlei Auszeichnung Es soll jeder um der Sache und der Ideologie willen seine Pflicht tun. Anreiz soll nur die Genugtuung über die Pflichterfüllung im Dienst der Bewegung sein. Man erinnert sich auch der Kriegsabzeichen und des Unfugs, der mit ihrer Verleihung betrieben wurde Wir sind auch alle entsetzt, wenn wir einen gebrechlichen Greis mit einer langen Latle von Orden und Ehrenzeichen„geschmückt" sehen. Endlich erinnern wir uns der noch nicht durch NoWrordnung abgeänderten Bestimmung unserer Reichdverfassung, wonach Orden und Ehrenzeichen weder verliehen noch angenommen werden dürfen. Würde es sich bei der Schaffung eines solchen Arbeitersportabzeichens um etwas ähnliches handeln, ich würde es selbst entrüstet ablehnen, denn mir sind alle unverdienten Ehrungen in der Seele zuwider. Ich verabscheue auch jeden Hohl- topf, der mit einem„Klempnerladen" herumläuft, und ich habe keine Spur von Achtung vor den dlverfen Räten des früheren Systems. Aber davim handelt es sich nicht. Das Deutsche Sport- abzeichen hat sich durchgesetzt: es wird täglich zu Hunderten verliehen und ist zu einem Wertmesser für körperliche Allgemeintüchtigkeit geworden. Wer in die Reichswehr, die Reichsmarine, die Schutzpolizei, die Feuerwehr eintreten will, muß es haben. Es dient als Prüjungsausweis und als Beweis für erfolgreiches Streben nach einer gewissen körperlichen Vollendung. Wenn es richtig ist, daß der körperlich weniger begünstigte junge Mensch Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem Träger eines solchen Abzeichens empstndet, dann trifft das doppelt zu für den körpertüchtigen Arbeitersportler gegenüber dem bürgerlichen Träger des Abzeichens. Wir wollen nicht, daß unsere Iugend sich gegenüber der bürgerlichen minderwertig fühlen soll, wollen vor allen Dingen nicht, daß sie vom Laienpublikum als minderwertig angesehen wird. Von Fritz Wildling Die noch so weit verbreitete Ansicht, als gehe nur jemand in den Arbeitersportverem, der sich körperlich minderwertig fühle, müssen wir gründ- lich ausrotten: das sind wir unseren Jugend schuldig. Ich würde auch entschiedener Gegner eines Arbeitersportabzeichens fein, wenn es eben nur als eine Aeußerlichkeit, ein lediglich zum Zwecke äußerlicher Abhebung geschaffenes Blech gedacht wäre. Unser Zeichen muß ein Treue- Verhältnis zu unserer Bewegung und zum Gedanken der sozialistischen Arbeiterbewegung umschließen Wer es erhält— nicht jeder, der die Uebungen besteht, soll es erwerben können—, der muß sich bereits als nützliches Glied der Gemeinschaft erwiesen haben oder es wird ihm solange vorenthalten, bis er diesen Nachweis geliefert hat. Die begleitende Urkunde wird ein Treuegelöbnis enchalten, das durch Handschlag zu bekräftigen ist. So soll der Träger des Abzeichens als ein würdiges Mitglied der Arbeitersportbewegung jedermann erkenntlich sein. Auch die Anfangsbuchstaben des Abzeichens sollen entsprechend gehalten sein und auf der Rückseite soll in Prägedruck ein Motto stehen, das den Inhaber des Abzeichens stets an die Lebens- gemeinfchast des Arbeitersports er- innert und auf den Grundsatz der gegenseitigen Hilfe im Lebenskamps, den wir noch viel zu wenig betonen, hinweist. Endlich könnte unser internationales Symbol der drei Pfeile auf dem Abzeichen Verwendung finden, womit denn auch eine Uebertragung auf die Bruderverbände anderer Länder angebahnt wäre. Unser Sportabzeichen soll das Symbol des körperlich durchgebildeten Arbeitersportlers wer- den. Freiheit, Aktivität und Diszi- plin sollen darin versinnbildlicht sein. Unsere Jugend soll diese Eigenschaften erwerben und erkämpfen und ihr soll das Abzeichen als die höchste Anerkennung, die der Arbeitersport zu vergeben hat. auch als höchste Ehrung begehrenswert erscheinen. Wir sind über- zeugt, daß wir mit diesem Abzeichen ein Symbol schaffen, das die Lebensgemeinschaft des Arbeiter- sports sefter gestalten wird. Das aber ist es, was wir brauchen. Deutschland-Polen Der dritte Kampf um die Europa-Fußballmeisterschaft Noch nie war die Arbeiterfußballbewegung so rege im Verkehr mit dem Ausland, als in diesem Jahr. Am 26. Dezember(2 Weihnachts- tag) tritt die deutsche Ländermannschaft in L e i p- Z i g zum dritten Kampf um die Europa- Fußballmeisterschaft an. Noch liegt in aller Erinnerung.das große Treffen in Dresden, wo die deutsche Mannschaft mit dem knappsten aller Resultate von den Oesterreichern mit 1: l> geschlagen wurde. Alle, die dabei waren, werden sich dieses Spiels gern erinnern, und die nicht dabei sein konnten, haben sich aus den Berichten ein Bild gemacht, um auch so die Glanzleistungen der Deutschen und der Oesterreicher erkennen zu können. Die zweite Begegnung fand nur drei Wochen später in Aussig gegen die tschechische Mannschaft statt. Hier konnte Deutschlands Der- tretung einen glatten 5: 2-Sieg buchen. In Ausiig spielle die Mannschaft wie aus einem Guß und ließ den Gegner überhaupt nicht zur Entfaltung kommen. Wie wird es nun im dritten Treffen werden? Der Gegner ist in diesem Kampf die Länder- Mannschaft unseres östlichen Nachkur, Polen. Haben die Polen überhaupt eine Chance gegen Deutschlands Elf? O ja, sogar sehr große! Durch gute und gewisienhafte Vorarbeit, durch peinliche Auswahl der Spieler gehen sie mit großer Zu- verficht in den Kampf. Nach mehreren Auswahl- spielen, die die einzelnen Bezirke gegeneinander austrugen, wurde eine Wannschast herausgestellt, die, nach der Versicherung der polnischen Fußball- leitung, die besten Spieler des Landes hat. Mehr zu verraten, hütet sie sich. Gerade diese Schweigsamkeit der Leitung sollte den Spielern der deutschen Mannschaften Veraniasiung geben, alle Kräfte einzusetzen, um einer Ueberraschung zu begegnen. Schon in Wien zeigten die Polen, die zur Olympiade nicht mit ihrer stärksten Elf an- treten konnten, daß sie nicht unterschätzt werden dürfen. Ihre Hauptstärke liegt bei dem Mittel- stürmer, beim Halbrechten und rechten Läufer. Alle drei haben schon mehrer« Male für ihr Land in internationalen Spielen im Kampf gestanden, so daß chnen die Anforderungen, die bei einem solchen Spiel an die einzelnen Spieler gestellt werden, nicht fremd sind. Sie werden auch den anderen Spielern dank chrer schnellen Auffassungs- gäbe gut« Lehrer geworden sein. In der deutschen Mannschast sinden wir sechs Spieler, die bereit» mehrere Wale die Farben des Bundes international vertreten haben, darunter der Sturmführer Schmidt- Bielefeld, der seinen 2ö. Länderkampf bestreitet. Während dieser Zeit war er nicht nur einer der besten Spieler, er ist auch der erfolgreichste Torjchüße aller bisherigen Mannschasten. Aus ihn müssen wir auch unsere größte Hoffnung setzen, die er, wenn sich seine Nebenleute aus sein Spiel gut einstellen, auch nicht enttäuschen wird. In der Läuferreihe ist die Hauptstütze der kleine linke Läuser F i ch t l e r- Gera. Er war in Dresden sowohl wie auch in Aussig der beste Mann aus dem Plag und sollte es auch in Leipzig werden. Groß« Hoffnung wird auch auf die Verteidigung und den Torwart gesetzt. E r e c e l i u s- Leipzig kennt die polnischen Stürmer bereits von der Wiener Olympiade her. Er weiß die Gefährlichkeit des Mittelstürmers und des Halbrechten zu schätzen und wird deshalb auch immer zur rechten Zelt mit seinen Abwehrmaßnahmen einsetzen. So sind alle Vorbedingungen erfüllt, daß sich das dritte Spiel um die Europameisterschaft seinen Vorgängern würdig anschließt. Ein weiteres Treffen um die Europameister- fchaft findet in Belgien am 2ö. Dezember zwischen den Mannschaften aus Belgien und Holland statt. Es ist dies das erste Spiel der Westgruppe und findet deshalb seine Beachtung bei den west- kichen Nachbarn. Der„Sturmvogel" Dr. Staudinger, der neue Vorsitzende Der Verbandsbeirat des„S t u r m v o g e l", Flugoerband der Werktätigen E. V., tagte gestern im Berliner Flughafen unter Teilnahme von Delegierten aus allen Teilen des Reiches. Noch- dem durch den Rücktrstt des bisherigen 1. Vor- sitzenden und des Geschäftsführers der Vorstands- kvnflikt seine Erledigung gefunden hatte, wurde zum 1. Vorsitzenden der jrühere Staatssekretär im preußischen Handelsministerium, Reichstagsabge- ordneter Dr. S t a u d i n g e r, zum 2. Vorsitzenden der Presiereserent Erwin Zimmermann«in- stimmig gewählt. Neben den bisherigen Vorstands- Mitgliedern, die ebenfalls einstimig bestätigt wur- den, erfolgte die Zuwahl des Borsitzenden der Berliner Zentrumspartei, des Magistratsschulrats Kcllermann. In programmatischer Rede brachte Staatssekretär Dr. Staudinger zum Ausdruck, daß der Sturmvogel, gestützt aui die deutsche Arbeiter- bewegung aller Richtungen, in Zukunft noch stärker als kisher die völkerverbindenden Gc- danken des Luftsports und des Flugverkehrs in weiteste Schichten des Volkes propagieren müsse. Der Verlauf der Tagung ergab völlige Einmütig- keit über die zur Erreichung dieses Zieles ersorder- lichen Maßnahmen. 9. Berliner Hallensportfest Das große Berliner H a l l e n s p o r t f e st der Arbeitersportler findet nicht, wie gestern irrtümlich mitgeteilt, in den Ausstellungshallen am Kaiser- dämm, sondern am 29. Januar im Sportpalast, Potsdamer Straße, statt. Die Vorbe- reitungen sind bereits in vollem Gange. Neben zahlreichen Berliner Meldungen liegen viele Nennungen aus dem Reich vor. Der Vorverkauf der Karten wird demnächst in der„Vorwärts"- Sportbeilage bekanntgegeben. Aanadier-Tishockeysieg in Prag. Nach ihrem erfolgreichen Auftreten in Berlin statteten die Eis- Hockeyspieler der Edmonton Superiors(Kanada) am Mittwochabend Prag einen Besuch ab und schlugen vor 19 999 Zuschauern den LTE.-Prag mit 3:9(9:9, 9:9, 3:9) Toren. Bis zum Schluß des zweiten Drittels hielten sich die Prager aus- gezeichnet und tonnten alle noch so gefährlichen Angriffe der Kanadier abwehren. Als die Gäste aber im letzten Drittel voll aus sich herausgingen. mußten die Tschechen klein beigeben und sich drei Tore gefallen lasten. Schwarzes Brett St9tttUI*j>iite Wedding und Rciuickcndors, Sporttcr dandcrtlchaiicn. Donnerstag, 22. Dezember, 2v Uhr, U«dung»obrnd, Turnhalle Mliller» lide Triftstrahc, Turn. tleldung. Ärichadanner-Wnsirrsportatteilung. gng Tegel. Heute, 2l Uhr, Kussenruderu bei 2ant>, Mi. Tiergarten. Weih. nachtgfeier 2S. Dezember, 17 Uhr, Baotshaus-Äasiiro. Frei« Sportnereiuigung Panlow. Der Weihnachtsferieil wegen fiillt das Hallenturnen aus. ALB. 32, Bornawalde sucht flit den 26. Dezember Gegner iüt 1. und 2. Männer, und Zugcndmannschast mit Rück» spieloerpilichtung auf eigenem Plag. Angebote bis grei- tag. A> bis 21 Uhr, Tegel 2061. Tonriftcnnercin..Die Nntursrennde". Freitag, 28. Dezember. Photo.Arbeitsgemeinschait Frankei Iabannf». iirahe 13, Dunkeltammer.— Photo. Arbeits gemein schalt NeukiMnt Bergitr. 2».— Phsto-Arbeitsgeineinschait Osten t Frantiurter Alle» SN7.— Faltbaotabteilung: tlohannis sirajje 15.— Südost: Manteuifelftr. 7: Heimabend.— Chat. lottenburg: Sdreestr. 30; LIngeabenb.— Treptow: Slsen. straße 8, am Bahnhof: Abendfeier.— Brig: Festsaal der .'idcalsiedlung, Hannemannsiratze: Advents, und ZZcih- ngcht-gebräuch- und ihre Entstehung.— Mustkarbetts- gemeinichait, Abt. l Friedrtchsbain: Ch. Ldiäntock. Baut vinger-Ltr. 30 1.— Mustlarbeltsgemeinschaft Abt. II Sumboldthain: Mustljlmmer de- Jugendheims Sarhing. Ecke Graunstrage. Wnstersportnerci» Frnternitns. Sigung am 28. Dezember fiillt aus. Nächste Schung Donnerstag, 29. Dezember, Se> wertschaftshaus. 2. Zeiertaa, 17 Uhr, Weihnachtsfeier, „Fallenstcin" sOberdoumbrllcke). A-ko-Briii. Freitag. 23. Dezember, Mädchenobteiluna, Treff zur Weihnachtsieier des Altersheimes bis 1811 Uhr Schul» Chausseestr. 137 iBibliothekeingong). Eltern und Angehörige— die als Gast» willlommen sind— gehen sofort zur Schulaula hinauf. Vcrantwortlich für Politik: Rudolf BrendemLhl: Wirischast: G. st l i n g e l h ö s e r: Gewerkschasidb«. Wüstung: I, Steiner: steuilleton: Herbert L e- p« r e: Lokales und Sonstiges: striy llarstädt: Anzeigen: Otto Hengst: sämtlich tn Berlin' Verlag: Borwärts-Berlag»»' US. Cur in on.'iriner Str 145 MomöopBthge B-tiand{. 1 Muk 1 jicai-> Uncstr. O innere». lierveoi. l-USvl 10-2, 4-7. SM. b. 5 Der sozialdemokratische Abreißkalender 1933 II ist neu erschienen. In Kupfertiefdruck hergestellt. ist er ein schönes Geschenk für den Weih» nachtstisch Der Preis ist herabgesetzt und kostet statt 2.00 RM nur 1.75 RM Er ist bei allen Zeitungs- boten, Vorwärts-Abgabe- stellen und rarteibuch« Handlungen oder d.rekt bei der Vorwärts Buch. druckerei. Berlin SW 68, Linden straße 3, zu haben * I r kss a sind die l• KLEINEN ANZEIGEN in derüesaniMnilage des■Vorttiru" and