Morgen- Ausgabe Nr.610 A300 49. Jahrg. Redaktton und Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 3 SstnlprKfetr- A 7 Ami DönhoN 292 bt« 297 Telegrammabr«!!«, Sozwlbimokr-I Berlw BERLIN ER VOLKSBLATT MITTWOCH 28. Dezember 1932 In Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts....... 15 Pf. �YezucSbebingungen und Anzeigenpreise siehe am Schluß deS redaktionellen Teils Zentvalovgan de« Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Ranzige Margarine fiirs Volk!®tr««uipuis« � i v________ on i,.i:«ÄUi.. Der Landbund befiehlt— das Schleicherkabinett gehorcht— die Notverordnung kommt! Slus den übereinstimmenden Meldungen der Presse— die Regierungsstellen hüllen sich nach wie vor in Schweigen— muh man seht den Schluß ziehen, daß die Rerössentlichung der samosen Butler-Morgarine-verordnung unmittelbar bevorsteht. Die einhelligen Proteste der gesamten Der- brauchers chasi und der Gewerkschaften haben nichts genuht. Es hat bei der Reichsregierung auch keinen Eindruck gemacht, daß selbst weite Kreise der Dauernschast— Bauernvereine des Südens und Westens und die Molkereigenossen- schasten— deutlich haben erkennen lassen, dah sie sich von einem Butterbcimischungszwang zur Margarine für die Besserung der Butterpreise nichts versprechen. Aber die Großagrarier und hugenberg, in ihrem Auftrags der Reichs- crnährungsminister Freiherr von Braun. bestehen aus ihrem Schein. Herr von Schleicher, der Reichskanzler, hat zu diesem volkswirtschaftlichen Unfug, durch den man allein die Deutschnationalen glaubt an der Stange halten zu können, seine Zustimmung geyeben. Und so wird der Unfug einfach verordnet! * Die Regierung Schleicher mußte, um sich ein» führe» zu rönnen, die größten politischen und sozialen Torheiten des Papen-Äabinetts reparieren. Der Butterbeimischungszwang ist die erste Aeuße- rung einer selbständigen Politik des Schleicher. Kabinetts. Wer dieser erste Akt selbständiger Politik wird als neuer wirtschaftspolitifcher Skandal in die Geschichte eingehen! wie wir erfahren, wird es sich bei der Butter- beimischungsverordnung um eine einfache Ermächtigung des Reichsernährungs- Ministers handeln, die Butterbeimilchung anzuordnen. Die Feststellung der beizumischenden Mengen und der zur Beimischung bestimmten Margarinequalitäten werden wahrscheinlich Durchführungsbestimmungen überlassen bleiben. Das entspringt aber nicht etwa höherer Einsicht oder klarer Erkenntnis dessen, was man will Klar ist nur, daß man de» grohagrarischen Kreisen und hugenberg aus politischen Gründen ein Inter- ejsentenhaufen-Geschenk inachen muß. Unklar da- gegen und völlig unbedacht ist alles, was technisch und wirtschaftlich zur Durchführung des Projektes gehört. Es kann nicht mehr als die allgemeine Ermächtigung des Reichsernährungsministers ver- ordnet werden, weil man keine Ahnung hat, wie diese Butterbeimischuna zur Margarine auszusehen hat, damit sie zu einem Erfolge führt! In Holland ein Mißerfolg Der Hinweis auf das gelungene holländische Beispiel ist aus Dummensang berechnet. In Holland war die Sache so, daß man plöglich die ' überschüssige Bulter im Auslande nicht mehr unterbringen konnte, weil der Exportmarkt zu schlecht wurde. Deshalb versuchte man die Butter- beimischung zur Margarme, die im übrigen auch ein Mißerfolg wurde Sie wurde ein Miß- erfolg, obwohl Holland fast nur Markenbutter, also die allerbeste Butter, beimischte und obwohl der Umschlag dieser hochwertigen Buttermargarine nur etwa l2 Tage beansprucht. kanzige Margarine fü« Volk! Im Gegensatz zu Holland ist Deutschland e i n Buttereinsuhrland. Ueberschüssige Butter gibt es in Deutschland nicht, die beizumengen wäre. Darüber hinaus aber sind von den rund 3l)l1t)l)l> Tonnen Butler, die Deutschland erzeugt, nur etwa 40 000 Tonnen Markenbutter. Der Rest ist sogenannte Bauernbutter. Bauern- butter kann bestenfalls 12 Tage lang gehalten werden. Mit Margarine vermischt macht die Bauern- buller die Margarine nach 12 Tagen ranzig. Der. durchschnittliche Umschlag der in Deutschland erzeugten Margarine beansprucht aber 50 bis b0 Tage! Es ist aber den Herren im Reichsernährungs- Ministerium keinen Augenblick eingefallen, sich ernsthaft um diese technischen Fragen zu kümmern. Denn hätte man es getan, dann hätte das ganze Butlerbeimischungsprojekt überhaupt nicht zur Dis- kujston gestellt werden können. Auch noch Lohluderarbeit! Vollständig ofsen sind auch andere Fragen. So die Frage der Kontrolle. Wir haben an sechs Dutzend Margarinefabriken in Deutschland. Soll die Butterbeimischung in der Praxis wirklich er- folgen, dann genügt es nicht, daß man die W- nähme der Butter durch die Margarinesabriken kontrolliert, sondern man muh auch in jeder Kiste die tatsächlich erfolgte Beimischung kontrollieren, weil die Margarinefabriken unter Umständen besser dabei fahren könnten, die ihnen ausgezwungenen Buttermengcn einfach wieder auf dem Marktzu verkaufen! Daß man im Reichs- ernährungsministerium bewußt davor die Augen geschlossen hat, daß eine Butterbeimischung zu den teuren Margarinesorten diese so verteuert, daß nur noch die geringerwertigen Margarinesortcn gekaust werden, der Butterabsatz auf die Dauer weiter sinken und schließlich auch die leicht ranzig werdende Bauernbutter nicht mehr gekauft wird, das haben wir hier so oft gesagt, daß wir es nicht mehr zu wiederholen brauchen. Es ist selbstverständlich, daß die organisierte Arbeiterschaft durch diese unsinnige und verteuernde Maßnahme nur zur Verschärfung ihres Wider- standes gegen das Kabinett Schleicher ermahnt wird. Die GA.-Feme in Dresden Em SA.-Mann wegen Begünstigung verhaftet Eigener Beridit des„Vorwärts" Dresden, 27. Dezember. 3n Freital bei Dresden wurde bei einem Razi- konzerk der S A. M an n Bormann aus Tharandt v e r h a f I e l. Bormann wird beschuldigt, den SA.- Manu Schenk, den vermutlichen Mörder des Rolionalsozlalisten heuhsch. zur Flucht verHolsen zu habe». Schenk Halle henhsch am 4. Rovember spät abends an eine bestimmte Stelle beordert, um ihm angeblich einen Sonderauftrag zu erteilen. Bormonn war einer der Kronzeugen der Staatsanwaltschaft in einem Prozeß gegen acht Reichsbannerleute, der dieser Tage zur Verhandlung kommen sollte, aber aus Grund der Reichsamnestie abgesetzt wurde. Die Mutler des ermordeten SA.-Mannes henhsch hol der Parteileitung der RSDAP. mitgeteilt. daß sie bei der Beerdigung ihres Sohnes weder ein Mitglied der Partei oder der SA. noch irgendeine Kranzspende von dieser Seite zu sehen wünsche. Hitler und die Mutter des Ermordeten Jetzt wird ein Brief der Mutter des ermordeten hentzsch bekannt, die in ihrer Sorge am 8. Dezember, also sieben Wochen, nach- dem ihr Sohn verschwunden war. von Dresden aus an Hitler und Röhm nach München geschrieben hat. Die Mutter bezeichnet das Verschwinden ihres Sohnes als rätselhaft, bittet Hitler und Röhm flehentlich, ihr doch ein Wort des Trostes zu sagen, und spricht Ihre Enttäuschung darüber aus, daß bisher noch kein Vorgesetzter ihres Sohnes, der stets als Nationalsozialist seine Pflicht getan habe, zu ihr gekommen sei, um sie zu beruhigen. Sie habe gemeint, in der Partei Hitlers bestehe Kameradschaft Der Verhallen der Dresdener Ortsgnippenleitung sei ganz unmöglich. Wörtlich schreibt dann die Mutter an Hitler und Röhm: „hier in Dresden funktioniert der RSDAP.- Apparat irgendwie nicht richtig, wie kann eine Mutter so im Stich gelassen werden von der Partei, für die der Sohn alles eingesetzt hat, vielleicht sogar das Leben?" Die Mutter schreibt weller, es sei doch das Allergeringste gewesen, daß man ihr eine Nachricht hätte zukommen lassen. Mit dem Verschwinden ihres Sohnes sei ihr auch ihre einzige Wirtschaft- liche Stütze genommen worden. Zum Schluß bittet die Mutter hlller und Röhm um B e- nachrichtigung, ob sie nicht von der Partei, bei der ihr Sohn doch auckj versichert sei, eine kleine Beihilfe bekomme könne. Aus diesen Brief haben Hitler und Röhm überhaupt nicht geantwortet! Am 1Z. Dezember schrieb im Austrage des „Chefs des Stabes", Röhm, der Oberführer Seydel an die bekümmerte Mutter hentzsch. Der Brief ist sehr kurz und lautet in seinem hauptteil:„3u meinem Bedauern muß ich Ihnen mitteile», daß der Obersten SA.-Führung sowohl der Name Ihres Sohnes Herbert hentzsch wie auch sein plötzliches Verschwinden gänzlich unbekannt waren. Bei einer Organisation von IllvlXXI ist das wohl begreiflich, heil Hitler!" �Vieder Nazi-Bombenanschlag! S t o l b e r g skr. Landsberg), 27. Dezember. 3n der vergangenen Rächt wurde vor dem Hause des ehemaligen Anstaltsbeamten Bernebee-Zoy ein Bombenattenlal verübt. Die Bombe explodierte unter dem Raum, den die Eheleute Bernebee-Zay noch vor einigen Tagen als Schlafzimmer gebraucht hatten. Die Fenster wurden vollständig zertrümmert, verletzt wurde niemand. Bisher wurden in dieser Angelegenheit drei Mitglieder der RSDAP. verhört. Reichstag Mitte Lanuae Entscheidende Litzungen Nachdem Herr G ö r i n g die nächste Sitzung des Aeltestenrates erst auf Mittag, den 4. Januar, angesetzt Hat, wird die erste Sitzung des Reichs- tags nicht vor dem 111. Januar, vielleicht gar noch eine Woche später stattfinden, da die Ratio- nalsozialiste» immer wieder Zeit zu gewinnen suchen— bald verschiebt ihr Präsident, bald ver- schieben sie selber. Am Beginn der Tagung wird die Regie- rungserklärung, die politische Aussprache und die Abstimmung über Mißtrauensvoten und Notverordnungen stehen, die diesmal zusammen ziemlich eine Woche in Anspruch nehmen dürsten. Dabei entscheidet sich das Schicksal der Regierung Schleicher und des Reichstags— falls bis dahin die Nationalsozialisten nicht erneut umgefallen sind. Eine Gewißheit über ihre Haltung besteht auch heute noch nicht. Der I�urs vom 20, Juli geht weiter Der S ch u l p u t s ch in Preußen ist die konsequente Fortsetzung des reaktionären Anschlags vom 20. Juli. Als Herr von Schleicher an der Schwelle des Reichs- kanzleramtes stand, oersicherte er, daß er den 20. Juli ebenso bedauere, wie die Art und Weise, in der Otto Braun und Carl S e v e r i n g behandelt worden seien. Dieser deutlichen Distanzierung in Worten vom Papen-Kurs in Preußen stand schon damals die Tatsache gegenüber, daß der 20. Juli unter aktiver Mitwirkung der Reichswehr erfolgt ist und daß die Reichswehr benutzt worden ist, um eine Politik der Durchsetzung der preu- ßischen Verwaltung mit Monarchisten und Stockreaktionären, mit deutschnationalen Parteibuchbeamten und Junkersprößlingen durchzuführen. Seitdem nun Herr von Schleicher Reichskanzler ist, hat sich in Preußen nicht das geringste geändert. Ganz im Gegenteil: die reak- tionäre Papen-Politik, die Politik der Pro- vokation der Republikaner wird unentwegt fortgesetzt. Wo noch Lücken geblieben sind ist der deutschnationalen Parteibuch beamtenpolitik, werden sie jetzt geschlosten! Seit dem 20. Juli regiert deutsch nationale Parteibuchpolitik die Stunde in Preußen. Die gesamte Vör- waltung und die Personalpolitik ist einer kleinen, aber stockreaktionären Partei aus- geliefert, die keinerlei Rückhalt im Volke hat und allgemein verhaßt ist, als der Hort der frechsten, dümmsten und provo- katorischsteu Reaktion. Am 20. Juli haben Popen und seine Freunde ihren Streich in Preußen vollführt unter dem Vorwand, daß Ruhe und Ordnung gestört seien. Es war der ekla tanteste Mißbrauch der einschlägigen Ver- fassungsbestimmungen, der sich denken läßt. Sie haben sofort den Belagerungszustand verhängt, um unter seinem Schutze erprobte republikanische Beamte von hoher Qualifi- kation aus den Aemtern zu entfernen und deutsch nationale Parteibuchbeamte an ihre Stelle zu setzen. Von Ruhe und Ordnung war so wenig weiter die Rede, daß nach dem Vorgehen in Preußen der unge- heure Anstieg der Terrorwelle und nach ihm die Verordnung über die Sondergerichte er- folgte! Wie sehr durch den 20. Juli Ruhe und Ordnung gefördert worden sind, das haben Papen und seine Freunde selbst er- fahren, als sie nach der letzten Reichstags- wähl durch einen Sturm der Entrüstung und Empörung aus dem Amte verjagt wurden. Der 20. Juli hat in Wahrheit Ruhe und Ordnung gestört, denn wer glaubt, daß die fortgesetzten reaktionären Provokationen in Preußen nicht geeignet seien, die Erbitterung und den Zorn der republikanischen Bevölke- rung zu verstärken, der ist in einem funda- mentalen Irrtum befangen! Empörend ist nicht nur die Tatsache der Auslieferung der preußischen Verwaltung an die Reaktion schlechthin, empörend ist noch viel stärker die Unehrlichkeit der Ausreden, die die Parteibuchbeamten- Politik nur notdürftig verdecken. Erst hat man von der Notwendigkeit des Schutzes von Ruhe und Ordnung gesprochen. Eine zweite Welle des Beamtenschubs ging unter dem Schlagwort der V e r w a l- tungsreform. eine dritte unter dem Vorwand der S p a r m a ß n a h m e n. Um wahre Verwaltungsreform und Sparmaß- nahmen hat es sich dabei so wenig gehan- delt, daß inzwischen die meisten Stellen der von ihren Aemtern entfernten republikani schen Beamten wieder besetzt worden sind! Unter diesen nichtigen Vorwänden ist der Prozentsatz des Adels bei den höheren Ae- amten in Preußen wieder so gesteigert worden, daß er fast an den Prozentsatz heran- reicht, der in den wildesten und reaktio- närsten Zeiten des wilhelminischen Regimes bestand. Das Wörtchen„von", das deutsch nationale Parteibuch und die Zugehörigkeit zu feudalen Korps find heute die Qualifikation für eine höhere Beamtenstellung in der preußischen Verwaltung! Jetzt reden sie wieder von Sparmaßnah- men, weil sie die preußischen Pro- vinzialschulkollegien bis zum letz- ten Posten deutschnationalen Parteibuch- beamten ausliefern wollen. Die sozialdemo- kratischen Beamten in den Provinzialschul- kollegien, Beamte von hoher Qualifikation, deren Namen als Fachleute weithin bekannt sind, sollen entfernt werden, weil eine deutschnationale Clique die Schulen in ihre Hand bekommen will. Der Geist des Reichskommissars für das preußische Kultus- Ministerium, des stockreaktionären Professors Kahler aus Greifswald, treibt dabei sein Wesen. Er hat an Einzelfällen gezeigt, wie ausgezeichnet er sich auf die Parteibuch- beamten-Politik versteht! Es ist der Geist der Breslauer Universitätspro- fesso ren, der Geist jener Erbärmlichkeit, die in der Erklärung des Breslauer Senats gegen Professor Cohn zum Ausdruck gekom- men ist, der nach den preußischen Prooinzial- schulkollegien greift. Es ist ein Geist reaktio- närster Gesinnung, ein Geist der Unkultur, der nicht mehr in die Zeit paßt, ein Geist des Muckertums und der Feindschaft gegen jede Freiheit! Man wage nicht, uns zu erzählen, daß der reaktionäre Anschlag auf die Provinzial- schulkollegien auch zu der berühmten Herbei- führung der Ruhe und Ordnung in Preußen »ach Papens Rezept gehören— denn solche Maßnahmen fördern lediglich den weiß- glühenden Zorn aller Republikaner. Damals gingen sie unter der Firma des Herrn von Papen, heute unter der Firma des Generals von Schleicher. Aber ihr reaktionärer Charakter und ihre Volksfeind- lichkeit ist die gleiche geblieben. Die tolle Zeit der Reaktion ist noch nicht vorbei! Sie pro- v o z i e r t weiter und sichert damit die Gründlichkeit der künftigen Abrech- n u n g schon heute! Ds» deutschnationale Parteibuch initi Die„Ueberparteilichkeit" des jchwarzweihroten Kommissars im preußischen Volksbildungsminifte- rium Professar Kahler ist kürzlich in einem be- sonders krassen Fall durch eine Anfrage der sozialdemokratischen Landtagsfraktion beleuchtet worden. Dieser Kommissar, einst deutsch- nationaler Abgeordneter des Preußi- schen Landtags, heute noch Mitglied der Deutschnationalen Partei, ordnete kürzlich durch einen Erlaß an das Provinzial- schulkollegiunc Berlin die Versegung des deutschnationalen Landlehrers Kick- h ö f f e l aus Pommern nach Berlin an. Dieser Kickhöffel, gegenwärtig deutschnationaler Abge- ordneter des Preußischen Landtags, hat sich jähre- lang dem Schuldienst entzogen und dafür eine besonders honorierte Tätigkeit in der Bienenwirtschaft ausgeübt. Wahr- scheinlich haben ihn seine Kenntncsse der Bienen- zucht die besondere Hochachtung der Deutsch- nationalen Partei eingebracht. Jedenfalls benötigt sie ihn i n B e r l i n. Die Ber- liner Lehrer-Zeitung äußert sich darüber in ihrer Nr. ZI wie folgt: „k i ck h ö s s e l wird in Berlin für die Deukschnationale Partei gebraucht, und da er sich wahrscheinlich noch nicht pensionieren lassen will, sollen die Berliner Schulen, in denen für solche Fälle anscheinend immer Platz ist, obgleich Zunglehrer über Zunglehrer abgebaut wer- den, ihm eine Stelle als Lehrer oder Rektor sreimachen. Das soll sich Berlin stillschweigend gefallen lassen." Das ist Parteibuchwirtschaft übel- st e r Sorte. Weil ein deutschnationaler Lehrer vom Lande in Berlin von seiner Partei benötigt wird, ordnet der deutschnationale Preußenkom- missar Köhler auf dienstlichem Weg« seine Ver- setzung»ach Berlin an! Die Taft ber Bürgersteuer Die Lo�ialdemotcratie kämpft gegen die Ungerechtigkeiten vor uns liegt eine Steuerkarle für das Zahr lSZZ. die einer Berliner Heimarbeiterin lRäherin) zugestellt worden ist. von dieser Räherin verlangt die Stadt Berlin eine Bürger- fleuer im Betrage von 15 JH. für das Zahr 1933. Der Arbeilgeber ist verpflichtet, diese Steuer einzuziehen, sosern die Räherin in einer Woche mehr als 7,85 M. brutto verdient. Da- nach macht das Existenzminimum für diese Näherin 400 w. im Zahre aus. Schlimmer können die Ungerechtigkeiten der Bürgersleuer wohl kaum charakterisiert werden. Die Bürgersteuer gehört trotz der in den letzten Iahren eingeführten Milderungen noch immer zu den unsozialsten Steuern unseres Steuersystems. Die bisherigen Reformen sind völlig unzureichend. Das gilt auch für die Erleichterungen, die die Reichsregierung in der Bürgersteuerverordnung 1933 vorgesehen hat. Danach ist endlich mit der Erhebung eines Frauen Zuschlags aufge- räumt worden. Leider hat sich die Regierung nicht entschließen können, weitere Erleichterungen zuzugestehen und eine befriedigende Regelung der Freigrenze vorzunehmen. Insbesondere ruft die Aenderung der Freigrenze in vielen Fällen so- gar eine Mehrbelastung durch die Bürgersteuer hervor. Die Freixren�e Während bei der Bürgersteuer 1931 die Steuer- pslicht nicht bestand, wenn das gesamte Jahres- einkommen nicht 599 M. überschritt(wöchentlich rund 19 M.), ist jetzt der Richtsatz der Wohlfahrts- fürsorge als Freigrenze bestimmt worden. Wenn das Einkommen den Richtsatz der betreffenden Ge- meinde nicht überschreitet, so wird Bürgersteuer nicht erhoben. Diese Regelung ist vor allem des- halb ungenügend, weil sie 1. die ledigen Arbeit- nehmer wegen der niedrigen Richtsätze für Ledige erheblich schlechter stellt und weil die Richtsätze der Wohlfahrtspflege infolge der Finanznot der Gemeinden immer weiter abgebaut werden mußten und von weiterem Abbau bedroht sind. Deshalb hat die sozialdemokratische Reichstagssroktion in einem Gesetzentwurf zur Umgestaltung der Bürger- steuer gefordert, daß die Bürgersteuer von den Personen nicht erhoben werden soll, deren gesamte Jahreseinkünste den Betrag von 1299 M. nicht übersteigen. Die Sozialdemokratie verlangt also, daß bei der Bürgersteuer dieselbe Freigrenze gilt, die beim Steuerabzug vom Arbeitslohn besteht. Verdoppelung durch Zuschläge Die wesentlichste Härte der Bürgersteuer besteht jedoch darin, daß die Gemeinden für 1933 erheb- lich höhere Zuschläge erheben wollen als bisher. Infolge der ständig wachsenden Finanznot besteht die große Gefahr, daß die Gemeinden 1933 durch- schnittlich 599 Proz. Bürgersteuer erheben werden, also etwa doppelt so viel als 1932. Die Bürger- steuer 1933 würde also 39 M. je Kopf betragen, während sie bisher im Durchschnitt bei einem Ledigen 15 M und bei einem Verheirateten 22,59 M. betrug In zahlreichen Fällen werden die Gemeinden sogar noch weit darüber hinaus- gehen und schon jetzt läßt sich feststellen, daß die Festsetzung von 799 ja 899 Proz. keine Seltenheit sein wird. Die Schuld daran liegt weniger bei den Gemeinden als beim Reich. Da die Gemeinden von den Wohlfahrtslasten fast erdrückt werden, wissen sie sich nicht anders zu helfen, als einerseits einem großen Teil ihrer übrigen Verpflichtungen nicht nachzukommen und andererseits die einzige ihnen verbliebene größere Steuer, die sie unge- hindert erheben können, so weit wie möglich aus- zunutzen. Dieser Zustand muß beseitigt werden und deshalb fordert die Sozialdemokratie, daß die Gemeinden künstig zur Erhöhung der Bürger- steuer nur berechtigt sind, wenn sie gleichzeitig erhöhte Zuschläge zu den Besitzsteuern(Real- steuern) erheben. Das ist der einzige Weg, um die Lasten der Wohlsahrtspslege auf alle Schultern zu verteilen und die Ucberspannung der Bürger- steuer zu verhindern. ILrhöhung für Besitzsteuersenkung Dazu bedarf es aber noch einer anderen gesetz- lichen Regelung: das Reich hat nämlich bestimmt, daß nur die Gemeinden auf Reichszuschüsse zur Wohlsahrtshilfe rechnen können, die einen Bürger- steuerzuschlag von mindestens 599 Proz. erheben.. Ilm sich den Reichszuschuß nicht entgehen zu lassen, haben deshalb viele Gemeinden ihre Bürgersteuer mit 599 Proz. festgesetzt, auch wenn sie vielleicht sonst mit einer geringeren Bürgersteuer ausge- kommen wären Es gibt sogar Gemeinden, die aus der Bürgersteuer einen Ueberschuß heraus- holen wollen, um damit Besitzsteuersenkungen vor- nehmen zu können! Um das zu verhindern, fordert der sozialdemokratische Gsjetzentwurf, daß die Gewährung von Reichszuschüssen zur Wohlfahrts- Hilfe nicht von der Erhebung eines bestimmten Bürgersteuerzuschlags abhängig gemacht werden darf. Eine der größten Ungerechtigkeiten der Bürger- steuer besteht schließlich darin, daß die Steuersätze bei hohen Einkommen in keinem gerechten Ver- hältnis zu der Belastung der kleinen und kleinsten Einkommen stehen. Die Sozialdemokratie fordert deshalb, daß die Bürgersteuersätze für die mittleren, höheren und hohen Einkommen bis aus das Vier- fache erhöht werden. Werden diese Reformen durchgeführt, so wird die Bürgersteuer einen wesentlich sozialeren Charakter haben Ihre beste Veredelung wäre allerdings ihre völlige Beseitigung. Dem steht aber gegenwärtig die große Finanznot der Gemeinden entgegen, die bei einer Aufhebung der Bürgcrsteuer nicht mehr in der Lage wären, auch nur die jetzigen stark abgebauten Unterstützungen an die Wohlfahrtsempfänger weiterzuzahlen. Was sie verschweigen Verschleierungstaktik der Bxtremen 3n einem griechischen Grenzdors bei Kilkis wurde bei einem Zusammenstoß zwischen Gen- darmen und fünf Komitatschis ein Gendarm tödlich verwundet. Die Komitatschis entkamen. Man nimmt an, daß sie seinerzeit den Anschlag auf den Simplon-Expreß verübt Haben. Der isländische Zustizminister Magnus Gud- mundsson Hatte vor ein paar Monaten sein Amt niederlegen müssen, weil er als Rechtsanwalt wegen eines Vergehens zu einer kurzen Gefängnis- strafe oerurteilt worden war. Das Oberste Gericht hat die Strafe aufgehoben und G. ist nun wieder Minister. An der chinesischen Ostdahn wind die inandschu- rische Polizei durch japanisch««setzt. Zwei politische Kapitalverbrechen haben nach der Weihnachtsruhe die öffentliche Meinung in Deutschland aufgeschreckt— wieder einmal verübt von Angehörigen jener extremen Richtungen, die sich in körperlichen Bedrohungen des politischen Gegners nicht genug tun können und damit Roheitstaten wie die von Potempa förmlich züchten. In Bottrop in Westfalen wollten sich Kam- munisten an einem amnestierten National- sozialisten rächen, der an früheren Keilereien mit ihnen beteiligt war. Sie schassen am Weihnacht?- abend auf den vermeintlichen Gegner, als er das Haus nach einer Feier verließ, verwechselten ihn aber mit einen Verwandten, einem gänzlich un- beteiligten Bergmann, der unter ihren Kugeln zusammenbrach und verstarb. Der Getötete hinter- läßt eine Frau und zwei kleine Kinder. Aus Dresden wird zur selben Swnde ge- meldet, daß der seit Wochen verschwundene SA.» Mann H e n tz s ch in einem mit Steinen be- schwerten Sack während der Weihnachtstage aus der Maltertalsperre gezogen wurde, nachdem das Wasser darin zurückgetreten war. Drei seiner nationalsozialistischen SA.-Kameraden, die in- zwischen geflüchtet sind, haben ihn durch Herzschuß getötet und seine Leiche auf diese Weise beseitigt. Während der Suche nach dem Verschollenen gab die SA.-Leitung in Sachsen durch den Mund ver- schiedener Führer die Meldung aus, Hentzsch sei mit einem„dienstlichen Auftrag" fortgeschickt worden, was eine offenbare Verschleierung der Tat war. Wir überlassen es unseren Lesern, zu beurteilen, welche dieser Mordtaten grausiger wirkt— wie aber sollen die Parteigänger der Be- t e i l i g t e n selbst zu solchen aller Menschlichkeit ins Gesicht schlagenden Roheiten Stellung nehmen? Wie werden sie überhaupt darüber unterrichtet? Die kommunistische„Welt am Abend" plakatiert die zweite der Mordtaten in mächtiger Balken- Überschrift:„Sensationelle Aufklärung des bestialischen SA.-Fememordes. Leiche in Sacklein- wand genäht und in die Talsperre geworfen", dann folgt ausführlicher Bericht über die Bluttat in Sachsen. Kein Wort, keine Zeile aber über das zweite Verbrechen, das die eigenen An- Hänger verübt haben, kein kommunistischer Leser darf erfahren, wie ähnliche Brutalitäten von ihren Spießgesellen verübt wurden. Der„Angriff" berichtet über den e r st e n der beiden Morde:„Grauenhaste kommunistische Blut- tat in Bottrop: Ein Bergmann unter dem brennenden Weihnachtsbaum erschossen" leuchtet es dort über die erste Seite des Hauptblatts:„Furcht- bare Einzelheiten über den Mord am Heiligabend" geht es weiter und mit der„Verrohung und Ver- wilderung", welche die bolschewistische Bluthetze erzeuge, schließt es. Von der noch roheren Bluttat im eigenen Lager bringt derselbe„Angriff" hinten auf der dritten Seite einen farblosen Polizei- bericht über den Leichenfund eines SA.-Mannes und knüpfte daran die irreführenden Zeilen: „Die Linkspresse knüpft an d'ese Meldung eine Reihe von Verdächtigungen gegen die SA. und von Vorwürfen gegen die Polizei. Sie spricht bereits wieder von„Fememorden".— Wie uns auf fernmündllche Anfrage in Dresden mitgeteilt wird, hat die Polizei kein Wort verlauten lassen, das auch nur andeutungsweise in diesem Sinne ausgelegt werden könnte." Obgleich dem„Angriff" die Einzelheiten dieses Verbrechens im eigenen Lager genau so bekannt sind wie der gesamten übrigen Oeffentlichkeit, bestreitet er alles und läßt für seine Leser die Möglichkeit offen, als ob politische Gegner der SA. die rohe Bluttat verübt haben könnten. Genau wie im Falle Reichenbach in Schlesien, wo ein Bombenattentat gegen unseren Genossen P a e s ch k e, das inzwischen gerichtlich festgestellt ist, umgelogen wurde in einen Anschlag der Sozialdemokraten. Diese Methode der Berichterstattung, die den Uebeltäter aus den gegnerischen Reihen als einen viehischen Verbrecher brandmarkt, die Bluttat aus den eigenen Reihen aber verschweig: oder ver- fchleiert, die ist es, die immer wieder die Instinkte der Rache hochpeitscht und den Boden für neue Verbrechen vorbereitet. Auf die Anklagebank ge- hörten von Rechts wegen neben die Verüber der Tat diejenigen Gesellen, die durch ihre Verlogen- heit immer wieder die Atmosphäre für diese Morde schaffen. Dabei sei nicht vergessen, daß Hugenbergs „Nachtausgabe"' �sickp- an diesem- Spiel w eder munter beteiligt. Als Goebbels chr monatclang die„Journaille" um die Ohren geschlagen halte, als die Deutschnationalen selbst eine Tracht Prügel nach der anderen bezogen, da hat sie sich vorüber- gehend entschließen müssen, auch die Ausschreitun- gen der Nationalsozialisten zu verzeichnen. Aber damit ist es wieder vorbei. Weder bei den SA.- Mördern in Dresden noch bei den Kasseler Falschmünzern hat sie etwas von der Partei- stellung der Uebeltäter gehört. Sie verzeichnet beide Verbrechen als reine Kriminalfälle, ohne die nationalsozialistische Parteislellung der Ver- über anzugeben. Bei den Kommunisten— ja, das ist etwas anderes, da kann sie sich vor Entrüstung nicht fassen. Für sie gilt, was von den anderen gilt: Verschweigung der Wahrheit heißt Mitschuld an neuen Roheiten. Inda erwache! SA. macht alles— selbst für Zion! Der jüdisch-zionistische W e h r v e r- band„Brit-Trumpledor" hat eine Anzahl ehe- maliger deutscher Offiziere als In- strukteure eingestellt. Unter ihnen befinden sich, nach den Mitteilungen des Berliner „Politischen Pressedienstes", Offiziere, die bisher der SA. als Unterführer angehört haben. Der„Brit-Trumpledor" ist ein in Palästina be- stehender jüdisch-nationalistischer Wehrverband, der die jüdische Jugend Palästinas gegen die Araber „ertüchtigt". In Deutschland haben die jetzt im „Trumpledor" instruierenden SA.-Osfiziere ihre Nazijünglinge gegen die Juden gedrillt. Deutschland erwache— Juda oerrecke! Jetzt lehren dieselben SA.-Leute in Jerusalem den Schlachtruf:„Juda erwache!" demokrat. Er hat in zahllosen Versamm- lungen für die Sozialdemokratische Partei ge- worden, Die Entlassungsurkunde wurde ihm von einem Oberpfarrer überreicht, der als Stamm- gast der Naziversammlungen be- kannt ist. Vom Nazichristentum Eigener Bericht des„Vorwärts" Weimar, 27. Dezember. Der im thüringischen Meuselwitz amtierende protestantische Pfarrer Dr. W o l s ist Weih- nachten strafoersetzt worden. Außerdem hat die Kirchenbehörde den mit ihm bestehenden Kirchenvertrag gelöst. Dr. Wolf muß in fünf Monaten seine kirchlich« Tätigkeit aufgebe». Entlassungsgcund: Dr. Wolf ist Sozial- Neue Kriegsgefahren Columbien gegen Peru Ria de Zaneiro, 27. Dezember. Die k o l u m b i s ch e Regierung trifft ernstliche Vorbereitungen, die im September von den Peruanern besetzte Hafenstadt L e t i c i a am Amazonas zurückzuerobern. Es liegen bereits zwei große kolumbische Transportschiffe klar, die Maschinengewehre, Gewehre, Luftabwehrgeschütze und große Mengen Munition geladen haben. Weitere Schisse sollen in nächster Zeit ausgerüstet werden. Inzwischen haben peruanische Vertreter in Rio de Janeiro Vorstellungen gegen die Maß- nahmen der Kolumbier erhoben. Sie weisen dar- auf hin, daß die kolumbische» Schiffe durch brasilisches Gebiet kommen werden, wenn sie den Amazonas hinauf nach Leticia fahren. Nazisäule geborsten. Die Strafkammer in Sondershausen verurteilte den Iustizober- sekretär Rudolf Wolfram wegen Amts- Unterschlagung und Beseitigung von Testaments- Urkunden in 14 Fällen zu zwei Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für zwei Jahre. Wohlfram war ein eifriger Nazimann. Hitlerei in Oesterreich Grundsätzliche Schulreaktion Nichts als Skandale Me verschiedenen Asfären in der Wiener chitlerei — erst die Ausdeckung des freiwilligen Aufent- Halts des Gauleiters F ra u e n f el d im jüdischen und koschere» Rothschildspital, dann die Ent- hüllung des Obernazis K u s s i t s ch k a, serner ähnliche Korruption der Naziabgeordneten S u ch e n w i r t h(srüher Suchanek) und schließ- lich die aufbauwilligen Tränengasangriffe— haben den ganzen Wiener Nazibetrieb derart„be- eindruckt", daß die B e f e hl s a u s g a b e fast gänzlich eingestellt wurde. Den&S.> und SA,-Leuten vom Sturmführer abwärts wer- den nur noch oie belanglosesten dienstlichen Wei- fungen mitgeteilt, Es ist natürlich unmöglich, den braven Mann, die Schar- und Truppführer und das Gros der Swrmsührer in Unkenntnis jener Befehle zu lassen, die den Kameroden im Deutschen Reich in aller Form mitgeteilt werden. Diesem Uebelstand hilft die sozialdemokratische„Arbeiter-Ztg," in liebevoller Fürsorge ab und und teilt vor allem solche Befehle der obersten Führung mit, die im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen der „A.-Ztg," und durch sie veranlaßt„herabgelangt" sind, Vor etwa vier Wochen hatte die„A,-Z." mit- geteilt, daß der oberste Führer der österreichischen SS.(Schutzstaffel), der reichsdeutsche„Jnformatoriker" Dr. Walter Gräschke, davongejagt wurde. Gräschke war Teilnehmer einer Fresserei, die ein Buda- pester Varietejude Wiener bürgerlichen Journa- listen gab In Wien leitete G, später die D e g r a- dierung seines Stabschefs Turza. Seine Absetzung infolge von Meutereien im Wiener und Grazer Hitlermilitär wurde natürlich sofort als„judäomarxistische Lüge" bezeichnet. Nun aber veröffentlicht die„A.-Z." einen Befehl des„SS.-Reichsführers" Himmler- München vom 11. d. M. Und darin lieft man: Es wird zur Disposition gc stellt: Der SS.-Oberführer Dr. G r ä s ch k e unter Enthebung von seinem Dienste als Führer des Abschnittes VlII(Oesterreich) und unter Versetzung zur SS.-Gruppe Ost.(S ch l e- s i e n.) Ausgeschieden: Der SS.-Standarten- fuhrer Turza, bisher im Oberstab des SS.-Abschnittes VIII. Der Nachfolger Gräschkes, der preußische E x m a j o r Brack, hat bei einem Standarten- appell angekündigt, wenn die Schweinerei in dem österreichischen braunen Sauhaufen nicht sofort ein Ende habe, werde er die ganze SS. auflösen. Auch das wurde bestritten: daher veröffentlicht die„A.-Z." einen SS.-Befehl aus Wien vom 20. Dezember, durch den die Auf- nähme von SS.-Anwärtern gesperrt, zur Wache im Hitler-Haus nur besonders bewährte SS.-Leute zugelassen und ganz exquisit strenge Kontrollmahnahmen vorgeschrieben werden. Don dem allen haben die einfachen Hitler-Soldaten nichts erfahren, denn sonst würden sie daraus die Bestätigung der Drohungen des preußischen Exmajors Brack entnehmen. Endlich scheint aber selbst die Regierung Dollfus der Ueberschwemmung Oesterreichs mit rcichs- deutschen Putschisten und Terroristen satt zu werden. Das zeigt folgender Fall: Der angebliche 33jährige Landwirt Otto S ch u ck e r t aus Deutschland ist seit der Absetzung des Nazi-Gemeinderats Pesch! Standartenführer 4 der SA. Wegen der Naziexzesse am Goldenen Sonntag wurde auch Schuckert verhaftet. Er leugnete beharrlich, ja er bestritt, von den Vor- bereitungen der Gasangriffe überhaupt gewußt zu haben. Da in seinem Besitz eine A r m e e p i st o l e ge> funden wurde, wurde er dem Strafgericht vor- geführt. Schuckert, der vom Münchener Kommando nach Wien mit der Mission ent- sendet wurde, die österreichische Abteilung nach deutschem Muster zu organisieren, redete sich aus, er habe dort eine Melkerschule besuchen wollen. 3 m Braunen haus! Da Schuckert keinen Waffenpaß besitzt, wurde er zu zwölf Stunden Arrest verurteilt und seine Abschiebung als lästiger Ausländer aus Oesterreich veranlaßt. Oie IVänenxas-Nazis Die Suche nach den Wiener Tränengasatten- lätern vom goldenen Sonntag wird energisch be- trieben. Polizeioberkommissar Dr. Böhm ist un- ausgesetzt damit beschäftigt. 500 Personen wurden vernommen, einige zwanzig sind verhaftet. Dar- unter ist auch ein Aufbauwilliger, der zwei Tage nach der„Aktion" zu seinen Eltern nach Ober- österreich gereist ist und dort am Weihnacht?- abend verhaftet wurde. Gerade dieser Hitlerianer soll besonders verdächtig sein. Am Abend des Attentats hatte eine Wohnpartei in einem ganz weit ab liegenden Hause zu ihrem Leidwesen unter starker Tränengaswirkung zu leiden: das Reizgas stieg aus dem Klosettschlauch auf. Die Leute sprachen zwar mit Nachbarn dar- über, aber man wußte noch gar nichts von dem Anschlag im Warenhaus Gerngroß. Als man am nächsten Morgen davon in der Zeitung las, ver- ständigte man die Polizei und diese nahm den darüberwohnenden Mann, einen Ber- treter, der den Hakenkreuzlern nahesteht, alsbald fest, da er sehr verdächtig ist, überflüssige Tränen- gasflüssigkeit ins Klosett geschüttet zu haben. Die Wiener Polizei hält übrigens ihre erste An- ficht, daß der spätere Anschlag im P o st s ch e ck- a m t unpolitisch gewesen sei und nur Raub- und Diebstahlsobsichten dienen sollte: man sieht setzt auch in dieser Rauchbombenaktion den bekannten Aufbauwillen. Revision! korderunZ der französischen Linken Eigener Bericht des„Vorwärts" Paris, 27. Dezember. Die französische Liga fürM enschenrechte befaßte sich aus ihrem 31. Kongreß mit der Frage der Revision der Friedensverträge und des Völkerbundspaktes. Das erste Referat hielt der Vorsitzende Professor Victor Bäsch, der u.a. ausführte, daß der Ver- sailler Vertrag auf Grund der in ihm enthaltenen Bestimmungen sehr wohl revidiert oder berichtigt werden könnte. Entweder hätte der Völker- bund Deutschland nicht ausnehmen dürfen, oder, nachdem er das getan habe, müßte er alle Ver- sailler Bestimmungen, die Deutschland nicht die gleiche Behandlung wie den anderen Mächken zu- erkennen, abändern. Das sei der stärkste Grund für eine Revision oder vielmehr für eine Berichtigung des Vertrages. Es handle sich nicht darum, den Versailler Vertrag zu verurteilen, sondern darum, alles aus ihm zu entfernen, was der Gleichberechtigung aller Völker- bundsmitglieder zuwider sei. Das sei die notwendige Grundlage für die Existenz des Völker- bundes. Eine der größten Ungerechtigkeiten sei Artikel 231. Ebenso müßten die Bestimmungen über die Abrüstung Deutschlands und die Terri- torialklauseln des Vertrages, vor allem die über die Schaffung des polnischen Korridors, abgeändert werden. Schließlich sei er, der Redner, auch der Meinung, daß Deutschland seine früheren Kolonien als Mandatsgebiete zurückerhalten müßte. In ähnlichem Sinne äußerte sich der Sozialist Grumbach, der vor allem die unmögliche Grenzziehung in Mitteleuropa kritisierte, und der Vizepräsident der radikalen Partei Abg. K a y s e r, Chefredakteur der„Republique", der sich besonders gegen den polnischen Kvrrioor und das Nebeneinanderbestehen des Völkerbundspaktes und der zahlreichen Sonderoerträge zwischen einzelnen Staaten wandte. „Soviel Kenntnisse muß man den Kindern gar nicht erst beibringen wollen.—» Stramme Haltung, hohles Kreuz, Kinn an die Binde, Hände an die Hosennaht— das will ich sehen! Verstanden!" Nachmittags wurden die einzelnen Artikel des Gesetzes oerabschiedet. Gegen einen Antrag, die Ausgabe der Schatzanweisungen von 5 aus 4 Milliarden Franken herabzusetzen, stellte die Regierung die Vertrauensfrage und erhielt mit 349 gegen 23S Stimmen eine Mehrheit von 114 Stimmen. Damit war die Hauptschwierigkeit überwunden und die Annahme der Vorlage gesichert. ★ Schließlich wurde die Regierungsvorlage mit 524 gegen nur 53 Stimmen angenommen. Budxetzwolftel gesichert Paris. 27. Dezember. In der Kammerberatung des provisorischen Haushaltszwölstels wandte sich der Rechtsoppositionelle Marin dagegen, daß.die Ausgabe der Schatzanweisungen in das Zwölftel einbezogen wird: er erinnerte daran, daß bereits für neun Milliarden Franken Schatzanweisungen im Um- lauf seien. Finanzminister C heran erwiderte, daß er persönlich noch nie die Ausgabe von Schatzanweisungen beantragt oder unterstützt habe. Man hätte ihn als Finanzminister des Kabinetts Tardieu eben nicht st ü rz e n sollen, wenn man jetzt zur Notwendigkeit gewordenen Maß- nahmen hätte entgehen wollen. Bluttat in Bochum Eigener Bericht des„Vorwärts" Bochum. 27. Dezember. In der- Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag wurde in Bottrop der Bergmann Szezotok in der Wohnung seines Schwagers durch das Fenster erschossen. Zwei Personen wurden am ersten Weih- nachtsfeiertag unter dem dringenden Verdacht der Täterschaft festgenommen. Die Polizei vermutet in der Tat einen poli- tischen Racheakt. Szezotok, der parteilos ist, feierte bei seinem Schwager Contura, der der NSDAP. angehört, Weihnachten. Contura war kürzlich an einer Schießerei zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten beteiligt. Die Polizei nimmt nun an, daß die Kugel ihm gegolten hatte, zumal kurz vorher von kommunistischer Seite Drohungen gegen ihn ausgestoßen worden waren. Zwei Kinder verbrannt Feuer in einer Wohnlaube Aus dem umfangreichen Gelände in der Landsberger Allee 35—38, den sogenannten Sahenstein- schen Grundstücken, das seit Zahren von zahl- reichen Wohnlaubenbesihern besiedelt ist. hat sich in den gestrigen späten Abendstunden ein folgen- schweres Brandunglück zugetragen, bei dem zwei Kinder den Tod fanden. Gegen 22.30 Uhr bemerkten Siedler in der Wohnlaube des Arbeiters K. starken Feuerschein. Unmittelbar daraus schlugen auch schon die hellen Flammen empor. Einige Rachbarn versuchten die beiden Kinder, die sich beim Ausbruch des Brandes allein in der Laube befanden, zu retten. Die Flammen hatten aber bereits so weit um sich gegrissen, daß sich alle Rettungsversuche at? ver- geblich erwiesen. Die Feuerwehr kämpfte den Brand nach verhältnismäßig kurzer Zeit nieder. Die Kinder konnten nur noch als Leichen aus den rauchenden Trümmern geborgen werden. Gin Gubventionsfkandal Ounkle Manöver bei Mansfeld Das Subventionsabkommen zwischen der Mansfeld-Vergbau A.-G. und dem Reich bzw. Preußen läuft Ende d. I. ab. Das Kabinett Schleicher hat sich daher in der Notoer- ordnung des Reichspräsidenten vom 23. Dezember die Ermächtigung geben lassen, die Hilfsmaßnahmen bei Mansfeld bis Ende März 1934 fortzusetzen. Diese Hilfsmaßnahmen sehen so aus, daß der Staat bis Ende März 1933 rund 2 Millionen Mark und sodann bis Ende März 1934 weitere 8 Millio- nen Mark in die Mansfeld-Betriebe hineinsteckt. Als im Jahre 1930 bei dem anhaltenden Preis- verfall auf dem Weltkupfermarkte vom Reich und von Preußen die Subvention für Mansfeld be- schlössen wurde, konnte man sich aus sozial- und produktionspolitischen Gründen— Mansfeld be- schäftigt etwa 17 000 Mann und betreibt als ein- ziges Unternehmen den Kupferbergbau in Deutsch- land— auch als Subventionsgegner der Not- wendigkeit dieser staatlichen Hilfsaktion nicht ver- schließen. Wir haben aber in den letzten Jahren wiederholt gefordert, daß es ein Unding ist, das Unternehmerrisiko zum größten Teil auf den Staat als Subventionsquelle abzuwälzen und die Kapitalbesitzer von Mansfeld nahezu risikofrei zu lassen. So ist es einfach skandalös, daß man sich bisher vor einem K r i s e n o p s er der Aktionäre in Form einer Sanierung durch Zusammenstreichung des Aktienkapitals gescheut hat, während der Staat seit 1930 etwa 16 Millionen Mark Zu- s ch ü s s e geleistet hat. Nicht genug aber, daß Mansfeids Aktionäre sich dank der staatlichen Sub- ventionen heute von jedem Krisenopser drücken wollen, holt man jetzt bei Mansfeld zu einem ganz großen Schlage gegen den Staat aus. In die dunklen Manöver der Verwaltung brachte erstmalig eine Große Anfrage der Sozialdemo- kratischen Fraktion im Preußischen L a n d t ag Ansang November d. I. Licht, in der darauf hingewiesen wurde, daß eine der hoch- wertigsten Mansfeld-Zechen an den Bergwerks- konzern Rheinpreußen abgestoßen worden sei. Dieser Verkauf bildete den Austakt für die von der Verwaltung geplante Konzernumbildung, die von Mansfeld so gedacht war, daß die Verlust- betriebe— also in erster Linie der Kupfer- bergbau— verselbständigt und eventuell verstaatlicht werden sollen, während die mit Gewinn arbeitenden Betriebe im Besitze des Privatkapitals bleiben. Mansfeids Rechnung ist in der Tat einzigartig: nachdem man die hoch- wertigen Bestandteile des Bergwerkbesitzes für schweres Geld verkauft hat(Zeche Sachsen!), dreht man dem Reich, das mittlerweile fast anderthalb Dutzend Millionen hineingesteckt hat, die kranken Betriebe an, zieht sich selbst auf die rentablen Verarbeitungsbetriebe zurück und ist auf diese Weise saniert! Wir fordern, daß das Kabinett Schleicher vor dem Reichstag Rede und Antwort steht, was bei Mansfeld vor sich geht. Es ist ein unerträglicher Zustand und erinnert an die schlimmsten Zeiten der Ruhrhilfe, wenn das Reich sich von einem privatkapitalistischen Großkonzern derart über das Ohr hauen lassen würde! Morbland Bulgarien Zwei Fälle an einem Tag Sofia, 27. Dezember. Ein Anhänger der extremen Mazedoniergru pe Michailow hat vor dem Kriegsgericht einen gegnerischen Protogerowisten erschossen. Der Täter wurde festgenommen. Er gab an, den Movd auf B e f e h l des revolutionären Gerichts- Hofs von Saloniki ausgeführt zu haben. Am selben Tage kam es zwischen dem Kavalle- rieleutnant Similonofs und dem Advokaten Di- mitroff auf einer Gesellschaft zu einem Streit, in dessen Verlauf der Advokat durch Säbelhiebe verletzt wurde. Der Leutnant wurde verhaftet, aber in den Morgenstunden wieder freigelassen. Unmittelbar darauf begnete ihm der Bruder des verwundeten Advokaten, der ebenfalls Offizier ist. Nach kurzem Wortwechsel gab er auf Leut- nant Similonofs mehrere Schüsse ab, die ihn sofort töteten. Der Mörder übergab dann einem gerade des Weges kommenden Oberleutnant seinen Revolver und stellte sich dann seiner vor- gesetzten Behörde. Arbeitsbeschaffung im roten Schweden Eigener Bericht des„Vorwärts" Stockholm, 27. Dezember. Die sozialdemokratische Regierung Schwedens wird dem im Januar zusammentretenden Reichs- tag für 1933 einen Etat zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorlegen, der Aus- gaben von 200 Millionen Kronen vorsieht. Von diesem Betrage sollen 150 Millionen, die man zum größten Teile durch eine Anleihe aufzu- bringen hofft, zu Notstandsarbeiten ver- wendet werden. Der Rest soll der amtlichen Arbeitslosenkommission für ihre W o h l s a h r t s- t ä t i g t e i t zur Verfügung gestellt werden. Dr. gen Botschafter in Moskau. Der Führer der chinesischen Delegation in Genf. Dr. Jen, ist zum Botschafter in Moskau ernannt worden. Neues Kesseltreiben Gegen Gewerkschaften und Partei „In zahlreichen wichtigen A D G B.- Betrieben(!) sinden bereits im Januar die Neuwahlen der Orlsoerwaltungen statt." Also be- ginnt ein Bandwurmartikel der„Roten Fahne". Eine Gewerkschaft ist sür die ÄPD. ein„Be- trieb", in dem man politische Geschäfte macht. Die Wahlen zu den Ortsverwaltungen und zu den Betriebsräten stehen bevor. Somit wird in der kommunistischen Presse mit verdoppeltem Eifer auf die.Gewerkschaftsbürokratie" eingehauen. Die dümmsten und die ältesten Lügen sind immer noch gut genug, um gegen die Gewerkschaften und ihre Bertrauensleute gebraucht zu werden. Wir haben es längst verlernt, uns darüber auf- zuregen Man soll aber keineswegs die Wirkung dieser politischen Giftmischerei unterschätze». Gewiß. die Wirkung auf die Organisierten ist nur geringfügig, und es wird immer leicht sein, den Schaden zu reparieren, den hier Verleumder und Schwätzer anzurichten vermöge». Aber auf das Riesenheer der Unorganisierten ist die Wirkung auch der dümmsten Lügen nicht nur stärker, es ist ihr auch schwerer beizukommen. Wenn man den Unorganisierten immer wieder erzählt— wie es auch in dem erwähnten Artikel des kommunistischen Blattes geschieht— die Ge- werkschasten schlössen Tarisverträge ab mit ab- dingbaren Tarisbestimmungen! sie führten syste- matisch einen tariflosen Zustand herbei! sie kapitulierten kampflos! die Leipart und Ge- nossen seien mit Schleicher und S t r a ß e r im Bunde! sie hätten dem verflossenen Reichs- arbeitsminister Vorschläge gemacht, wie man den Lohnabbau herbeiführen könne: wenn diese und ähnliche Windbeuteleien den Unorganisierten vor- gesetzt werden, dann bleibt so manches hängen. Denn die Unorganisierten, die nach dem Ausspruch eines kommunistischen Reichstagsabgeordneten „hundertmal besser sind als die Organisierten", haben gegenüber den Gewerkschaften ein schlechtes Gewissen und daher das Bedürfnis, ihre ablehnende oder gleichgültige Haltung gegenüber den Gewerk- schaften irgendwie zu rechtfertigen. Die Politik der ÄPD. der Spaltung, der Lüge und Verleumdung findet ein nur zu williges Ohr. Wir find nicht Gegner der Ä.PD., weil diese angeblich„radikaler" ist als die Sozialdemo- kratische Partei, und ihre RGO. angeblich er- folgreiche Äämpse führt. Wäre die KPD. wirklich was sie zu sein vorgibt, dann stünde sehr wenig zwischen ihr und uns. Ihr V e r b r e ch e n an der Arbeiterschaft besteht darin, daß sie den Un- organisierten noch dem Munde redet, sich mit den Nazis und den Gelben gegen die Gewerkschaften verbündet, als Hauptfeind nicht das kapitalistische System und die es stützenden Parteien bekämpft, sondern die Sozialdemokratie. Wenn jetzt die KPD. mit verstärkter Wucht ihre Angriffe gegen die Gewerkschaften und deren Ver- trauensleute richtet— gleichviel ob sie als Funktionäre im Betrieb stehen oder als Gewerk- schaftsangeftellte auf verantwortlichem Posten— dann können und dürfen wir nicht gleichgültig und achselzuckend daran vorübergehen. Nun erst recht gilt es, auch den Unorganisierten das Verderbliche der Politik der KPD. aufzuzeigen, ihre totale Unfähigkeit zur praktischen Arbeit, die bewußte Verlogenheit ihrer Presse. Unsere Ge- werkschaften, unsere Partei, unsere Presse werden in dem Maße gesichert und gestärkt, in dem es uns gelingt, die KPD. zu entlarven. Gruppen etwa Teilerhebungen vorliege»! sie ge- nügen nicht. Allerdings könnten solche Erhebungen nur mit Unterstützung der Krankenkassen und in Verbindung mit ihnen vorgenommen werden, da die wenigen Gewerbeärzte die Arbeit allein nicht leisten können Das Ergebnis der vorgeschlagenen Erhebungen würde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werden. Es würde für die Arbeit der Gewerbeauf- sichtsbeamten von außerordentlicher Bedeu- tung sein Ihre Tätigkeit würde aus Grund solcher Unterlagen viel wirksamer sein als bisher. Die Krankenkassen würden voraussichtlich große E r- s p a r n i s s e erzielen können, weil durch die Untersuchungen viele Erkrankungen, deren späte Behandlung bedeutende Kosten verursachen, früh- zeitig erkannt und geheilt werden könnten. Vor kurzem wurde in der Presse darauf hingewiesen, daß ein Dr. M. Neumann 3757 Menschen, die sich für gesund hielten, mit Röntgenstrahlen unter- sucht und dabei festgestellt hat, daß l3l tuberkulös waren. In einer Reihe von Fällen könnte wahrscheinlich die Gesundhcitsgefährdung durch einen Wechsel der Arbeit oder der Arbeitsstätte rechtzeitig behoben werden. Die Gesundheit ist das einzige Kapital der Arbciterschast: sie zu erhalten und zu kräftigen, darf keine Mühe gescheut werden. Unbedingt notweirdig wäre, die Erhebungen systematisch vorzunehmen, d. h. überall mit den Untersuchungen in dem gleichen G e- w e r b e z w e i g z. B in der Tertilindustrie zu beginnen. Die Reihenfolge der Gewerbezweige wäre von dem Reichsarbeitsministerium zu be- stimmen, das eine Verbindung zwischen den Ee- werbeärzten und den Krankenkassen herstellen und die sehlenden Mittel zur Verfügung stellen müßte. Der Reichsarbeitsminister als früherer preußischer Gewerbeaussichtsbeamter wird hoffenttich Ver- ständnis für den vorstehenden Vorschlag zeigen und die nötigen Anordnungen recht bald ergehen lassen._ „Vergettungsmahnahmen" Auf dem Rücken der Arbeiter Konstanz, 27. Dezember. Auf Grund einer Verfügung des Thurgauer Polizeidepartements ist dem zehnten Teil der bis fetzt in Kreuzlingcr Betrieben beschäftigten, in Konstanz und Umgegend wohnenden deutschen Arbeitern die Arbeitsbewilligung ent- z o gen worden. Das ist wohl die erste tief greisende Maßnahme im Rahmen der Gegen aktion der Schweiz gegen die Aufhebung des bisherigen zollfreien Milchkontin- gents. Wie man hört, werden die VerHand lungen zwischen der deutschen und der Schweizer Regierung zur Beseitigung des Streitfalls iort gesetzt. * Die Zollpolitik der Reichsregierung hat den Zweck, die Preise der Agrarproduktc zu erhöhen, damit also die Lebenshaltung der Arbeiterschaft zu verschlechtern. Die betreffenden fremden Staaten wehre» sich dagegen mit„Vergeltungs mahnahmen". Diese bestehen zum Teil darin, deutsche Arbeiter zu entlassen. Damit wird freilich weder den deutschen noch de» ausländischen Land- Wirten geholfen. Der arbcttslose deutsche Ar- beiter aber muß hungern. Der dänische Reedereiverbaad hat die Lohntarisc der Seeleute, Heizer und Maichinenmeister, die im Jahre 1930 festgesetzt wurde», zum l. April 1933 gekündigt. Bisher erhalten Vollmairosen monat. lich 158 und Leichtmatrosen 80 Kronen Lohn. Hierzu 1 Beilage. Zu Besuch in ihrer Wohnung Die Berliner Außenmonteure kommen selten in ihre Wohnung. Sie kommen nur zu Besuch. Das bringt der Betrieb so mit sich und das ist gut so, denn sonst, wenn sie ständig zu Hause sein könnten oder müßten, würden sie arbeitslos fein Es sind heute so gar viele Arbeiter zu Hause, den ganzen Tag. So werden denn unsere Außenmonteure iwch beneidet, einmal wie der Arbeitslose den Arbeitenden beneidet, außerdem aber, weil der Außenmonteur draußen herumkommt, etwas hört und sieht. Manchem jungen Schlosser oder Elektriker er- scheint die Stellung eines Außenmonteurs so romantisch, daß er alles daran setzt, auch eimnal „R e i s c m o n t e u r" zu werden. Wie hart aber auch diese Menschen um eilte bescheidene Existenz ringen müssen, wird immer wieder in den Feier- tagen klar, wenn sich die in Verlin ansässigen, freigewerkschastlich organisierten Außenmonteure mit ihren Organisationsvertretern zu einem Aus- fpracheoormlttag zusammenfinden. Da hört man nichts von Reiseromantik. Genau wie in jeder anderen Gewerkschaftsversammlung wird hier über Lohn, und Tarisfragen diskutiert. die nun einmal Lebensfragen der gesamten Arbeiterschaft sind. So war es auch in der Versammlung der Berliner Außen- in o n t e u r e am 2. Weihnachtsfeiertag. Der Schlichtungsausschuß hatte einen Schieds- s p r u ch in her Frage der A u s l ö s u>» g s s ä tz e gefällt, nachdem vom Verband Berliner Metall- industrieller(LBMJ.) das Abkommen über die Auslösungssätze zum 31. Dezember gekündigt und eine Verständigung zwischen den Tarifparteien nicht erziell worden war. Die MetaUinöustriellen wollten den Monteuren für ihre Sonderaus- Wendungen am MontogeplaZj in den Groß- und Hafenstädten täglich nur noch 5 Mark an- statt 0 Mark als Auslösung, und in den übrigen Orten auch entsprechend weniger zahlen. Gegen diese imgcheure Verschlechterung der Existenz- bedingungen wehrte sich die ständige Berliner Monteiirkommission ganz energisch. Den Sonderzuschlag für Montagen von nicht mehr als einer Woche Dauer, den sogenannten K u r z m o n t a g« z u s ch l a g, wollten die Unter- nehmer gänzlich besettigt haben. Der Schlichtlings- ausichuß ist den üblichen Mittelweg gegangen. Er beließ es bei den bisherigen Aus- lösungssätzen, hat aber den Kurz- m o n t a g e z u s ch l a g beseitigt. Um es nicht zur Tariflosigteit kommen zu lasten, stimmte die Monteurkommission nach reiilicher Ueberlegung zu, was die Monteurversammlung am 2. Feiertag für das einzig richtige in der augenblicklich schwierigen Situation hielt und einmütig billigte. Das allgemeine Monteurabkommen, das den Urlaub, die Arbeitszeit und alle anderen Arbeitsbedingungen der Monteure regelt, war vom VBMJ. zum Jahresschluß ebenfalls gekündigt worden. Die Metallindustriellen hatten Forderungen auf Verschlechterung der Bestimmun- gen über den Urlaub, die Be, Zahlung der Reisezeit zum Montageorr usw. angekiii-digt. es dann aber angesichts des energischen Widerstandes der Unter- Händler der Monteure doch für ratsam gehatten, in dieser Frage keinen Konflikt heraufzubeschwören. Das allgemeine Monteurabkommen ist zunächst bis zum 31. März 1933 unverändert verlängert worden. Vorsorglicher Gesundheitsschutz !�ot>vendisskeit systematischer Untersuchungen Von besonderer Seite wird uns geschrieben: Den Berufskrankheiten wird mit Recht große Aufmerksamkeit geschenkt. Wer u. a. die fürchterlichen Wirkungen von Bleivergiftungen ge- sehen hat, wird noch mehr als bisher sich dafür einsetzen, daß alle Maßnahmen getroffen werden, um solche Gefahren zu beseitigen. Ueber den Kamps gegen die Berufskrankheiten dürfen aber die Gesundheitsgefahren im allgemeinen, die aus der Arbeit erwachsen können. nicht vergessen werden. Durch die für den Ge- werbehygieniker so sehr interessanten Fälle von Berusskrankheiten vergißt man anscheinend, daß nicht nur die besonders gefährdeten Arbetter, sondern alle Arbeitnehmer das Recht haben. gegen gesundhettsschädliche Einwirkungen der Arbeit soweit wie möglich geschützt zu werden. Bis- her fehlen Erhebungen über den Gefundheits- zustand der gesamte n Arbeitnehmer größerer Betriebe einzelner Industrien. Die Krankenkassen- statistiken genügen sür den gedachten Zweck nicht, da eine jährliche Untersuchung von Gesunden noch nicht zur Pflicht gemacht worden ist und mancher als gesund herumläuft, der nicht mehr gesund ist. Die Gewerbeärzte sollten beauftragt werden, in größeren Betrieben den Gesundheitszustand der gesamten Arbeit nehmer zu untersuchen und dabei festzustellen, welche Einwirkungen die Arbeit auf den Körper des einzelnen Arbeiters und Angestellten gehabt hat. So wären z. B. festzustellen: die Einwirkungen durch einseitige Bewegungen einzelner Körper- teile oder bestimmter Muskelgruppen, durch stän diges Stehen oder ständiges Sitzen oder durch un- geeignete Arbeitssitze, durch Staub, Gase, Dünste, Nässe, Hitze, Kälte, Zuglust, durch Ueber- anstrengung der Augen überhaupt und besonders durch schlechte Beleuchtung des Arbeitsplatzes, durch schweres Heben, Tragen, häufiges Bücken, durch ungünstige Pausenregelung, Nachtarbeit, überlange Arbeitszeit, durch Band- und Fließ- arbeit usw. Man wende nicht ein, daß sür einzelne Der„Vorwärts" ericheint wochenläglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Illustrierte Sonntagsbeilage. Volt und geil"./ Bezugsvreile: Wöchentlich 75 Pt., monatlich 3.25 M.(davon 87 Pl monatlich für Zustellung ins Haus) im voraus zahlbar. Postbezug 3,9? M einschließlich SU Pi. Postzeitung, und 72 Pf. Postbcstellgebühren. Auslandsabonnement öPö M. pro Monat: für Länder mit ermäßigtem Druckfachenporto 165 M. 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Dezember staatsoper unter den Linden 20 Uhr Die Hugenotten staatliches Schauspielhaus 19 Uhr Faust I. Teil SCÄtÄ Tägl. 5 u. 8% Uhr „ Märchen" Malray-Solveg. Stenn Saftsvicl Neri 3 Wiera/ Napp usw, I Nilie Sdte. Bhf. I. a.«».?. 5. 8li Ii E 1 Weite! 4031 Iller letzte uiaizer die Sensation Berlins: Drei Codonas 6 v. d. Staatsoper Naitto's• 3 Baldors usw. Tagl.SUhrlS• Flora 3434■ Rauchen erl. Itose- Theater QraBe Frankfurter StraBe 132 Tel. Weicbul E7 3422 5.15, 8.30 Uhr Böhmische Musikanten *tä(li.Oper Charlottenburi' Fraunhofer 0231 Mittwoch, 28. Dez. Turnus Iii 20 Uhr Madame Butterfly Berger Cavara, Hüsch. Zr.dor. Qombert. Heyer, Kandl. Dirigent: Ladwig VOLKSBUHNE Theater am BUIewniasz Täglich 8 Uhr D I Norden 6536 Silvester 7 Uhr| Oliver Gromwelis Sendung v. Walter Gilbricht. Regie Heinz Hilper. CASINO-THEATER S1/« Lothringer Strohe 37 8*4 i m Hin min ii initi im teonntagM auch 4 Uhr Nur noch wenige Aufführungen ASIes um Lotti Posse mit Gesang und Tanz Qutschein 1—4 Personen Parkett nur 0.60, Fauieuil 0,75, Sessel 1,25 Schi II er Bismarckstr.(Kaie) Steinpl.(C!) 671: Täglich SVi Uhr Zum 65. Mal Robert und Bertram ten a Söncland. Paul Heldcm a on 28., 30. Dez und 1. Januar nachmitt 4 Uhr )r.Dolittles Abenteuer mit Alfred Braun Kleine Pieise! Th.d. Schauspieler Ihzater sm Sdi fftaueidamm Weidendamm j30u täglich 8*4 Uhr UWZlMM Komödie voo A. Gmeyoer mit Agnes S raub Köiber. Beilinger. Gnaj. Irtok-Trebihdi, Odimar. Komödiennaus S chiffbaaerdamm 25 Irl. D 2 Weil. 631)4-05 Täglich 814 Uhr Das Haus dazwischen von Sdiifftr ord Joadiimson Musik: SpoliinskT liraenieraaq; Bamowsky Adalbert, Ander, Tiedtke Deutsches Theater Weidend. 5201 Täglich 8 Uhr Gott, Kaiser und Bauer Sdhuspiel voll J. Hay Insieo.: K, H. Martin Konner.Wcgener, Wiemann, von Fortenbach, hart. Kaiser Kammerspieie Täglich 8 Uhr Essig und Oel v.Geyer u. Frank Musik: Robert Katsdiar Inszenierung O L. Piemin er Hans Moser Ettlinger, Stepanek. ferwin, Eilers, Woiwode, Staudt Szurovy «Ä Kabarett für Alle 4 Uhr Tätlich« 9 Uhr Das sensationelle Kabarett■Programm Abendvreise I— 3 Mk. Nachm. GedecK 1.25 Jeden Sonrabeno 1 1 yt Uhr: Nachtvorstelhing Stettiner Sänger > Reichshallen-Th„ Dönhoifpl. 8.15, Sonn- u. Feiertane 3.30 zu erm Iiis ist en Prellen Das Weihnachts- Programm l Großes SAWellmSu'I Ball«n Savvy I Glita Sltvav 2 Rosy Barsonq Catar Xencn I R«gi-- Stlsvöd KOttev! Kanürstenfl-m Kurfürstendamra 209 Tel Bism. 140» Täglich 8*4. Uhr Silv«ter 7 Uhr Glüddidie Reise von Bertiidi und Sdiwabach Musik: KQoneke Regie: Peakert Hans Schindler mit seinen Jaiz-Symphonikern Vorverkauf ununterbrochm Charlotteastr. 9J Dönhoff 625 Täglich s*.« Uhi Silvester 7 Uhr Zu wahr um schön zu sein Komödie von Shaw Mtissi. Newes, Evans, Birten. Otto. Sima, üroniii. Wdü. Theater de» Westens Steinpl. 51 21 Täglich 8'U Uhr Silvester 7 Uhr Max Pallenberg Der brave Soldat Schwejk Theater im Attmlralspa.asi Merkur 9901 Täglich 81-4 Uhr. Hans Albers Liliom Inrvefkaiit nnantsrlir. lessiitg THeater Täglich 8'/. Uhi Silvester 7 Uhr Grete Mosheim Brausewetler Der Liebling von Paris Musik V3n Ofleabadi Regst: Italka Deutsches Künstler-Th Nürnberger Str. Tel Bavaria 6466 Täglich 812 Uhr: Silvester 7 Uhr Leopoidine Konstantin in Die Nacht zum 17. April Schroih, Steinbeck Gebühr, Brionne, Wolle. Picha ppopoMneaicr -veitag, 30 Dez| Premiere| 3Io( Hansen lOOMeterGlück L Op relle mn Spoliansty 1 mit Erika von i Thellmann Regis; Robsrl Rstin. i B. B. B. Bendows Bnnte ttüdne Kottbusser Straflc 6 Oberbaum 3500 Täglich S'4 Uhr ionnt. oaefam. By/j „von ft-r Ibis 18 MONATSRATEN ia&'alz |LeipzigerStt!22-ISl BEILAGE MITTWOCH, 28. DEZ. 1932 Wer ist unterstützungsberechtigt? Die Bedingungen für Wohlfahrtsunterstützung Alanch einer, der früher nie zu befürchten brauchte, einmal die össentlichc Wohlfahrt in Anspruch nehmen zu müssen, lebt heute auch in bitterer Tlot. Viele sind über die Bedingungen der Wohl- fahrlsunterslühung im unklaren. Wir veröfsent- lichen deshalb nachstehend eine Zusommenslellung der wesentlichsten Punkte. Man unterscheidet die allgemeine und die ge- hobene Wohlfahrtsfürsorge. Nach der allgemeinen Fürsorge werden insbesondere die Wohlsahrtserwerbslosen betreut, nach- dem sie aus der Arbeitslosenversicherung und aus der Krisenfürsorge ausgesteuert sind Die Unter st ützungsr'chts ätze in der allgemeinen Fürsorge betragen ab 1. August 1932: moaatl. wöchcntl. tägl. Für Mk. Mk. Mk. Alleinstehende..... 34,— 7,85 1,10 Ehepgare....... 51,— 11,75 1,65 jedes Kind unter 6 Jahren. 11,— 2,55 0,35 jedes Kind im Alter von 6 bis 16 Jahren.... 13,— 3,— 0,40 * In der gehobenen Fürsorge werden Kleinrentner, Sozialrentner und die diesen Gleich- g e st e l l t e n betreut. Kleinrentner sind Frauen über 60, Männer über 65 Jahre oder er- werbsunsähige Personen, die infolge eigener oder fremder Vorsorge ohne die eingetretene Geld- entwertung nicht auf die öffentliche Fürsorge an- gewiesen wären. Sozialrentner sind alte oder berussunfähig gewordene Rentner der In- validen- oder der Angestelltenvsrsicherung. Den Kleinrentnern können alte oder durch geistige oder körperliche Gebrechen erwerbsunfähig gewordene Personen gleichgestellt werden, die trotz Wirtschaft- licher Lebensführung auf die öffentliche Fürsorge angewiesen sind. Bei Bedürftigkeit werden den vorstehenden Per- sonen Unterstützungen nach den Richtsätzen der gehobenen Fürsorge gewährt. Diese sind ab 1. August 1932: monallich für Alleinstehende..... 39 Mark „ Ehepaare....... 56„ „ jedes Kind unter 6 Jahren. 11 ,,. r. „ jedes Krnd im Alter vom'-i'. 6 bis 16 Jahren'..... 13„ * Zu den Richtsätzen ist zu bemerken, daß sie nach individueller Prüfung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Antragstellers durch den zuständigen ehrenamtlich tätigen Wohlsahrts- pfleger oder durch die Familienfürjorge über- und auch unterschritten werde» können. In der Praxis (vor allem in der allgemeinen Fürsorge) ist es aber so. daß die Unterstützungen genau nach diesen Richtsätzen gezahlt werden. Zu den Richtsätzen ist noch zu bemerken, daß sie mit der fortschreitenden Verschlechterung der Finanzlage der Stadt Berlin in den letzten Jahren fast von Monat zu Monat herabgesetzt wurden. Der„notveocllZe I�etzeiisliedsri" Die von den Wohlfahrtsämtern ausgeübte gefetz- liche Fürsorge hat die Ausgabe, dem chilssbedürf- tigen den notwendigen Lebensbedars zu gewähren. Sie muß dabei die Eigenart der Notlage berück- sichtigen. Sie soll den Hilfsbedürftigen in den Stand setzen, sich und seinen unterhaltsberechtigtcn Angehörigen den Lebensbedarf selbst zu beschaffen. hitssbedürslig ist, wer den notwendigen Lebens- bedarf für sich und feine unterhallsbercchtigten Angehörigen nicht oder nicht ausreichend beschaffen kann und ihn auch nicht von anderer Seite, ins- besondere von Angehörigen, erhält Zum notwendigen Lebensunterhalt gehören: der Lebensunterhalt, insbesondere Unterkunft, Nah- rung, Kleidung und Pflege(diese Bedürfnisse werden durch die oben»ach den Richtsägen gewährten Barunterstützungen gewährt): ferner Krankenhilfe sowie Hilfe zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit und die Hilfe für Schwangere und Wöchnerinnen. Außerdem bei Minderjährigen: Erziehung und Erwerbsbefähigung', bei Blinden, Taubstummen und Krüppeln: Erwerbsbefähigung. Nötigenfalls ist auch der Bestattungsaufwand zu bestreiten. Zu den eigenen Mitteln, die der Hilfsbedürftige einsetzen muß. ehe ihm die Fürsorge Hilfe gewichrt, ist sein gesamtes verwertbares Vermögen und Ein- kommen zu rechnen, besonders Bezüge in Geld oder Geldeswert aus gegenwärtigem Arbeits- oder Dienstverhältnis und aus Unterhalts- oder Renten- ansprächen öffentlicher oder privater Art Als ver- wertbar gelten nicht Gegenstände, die zur per- fönlichen Fortsetzung der Erwerbs- tätigkeit unentbehrlich sind. Die Fürsorge soll, besonders bei alten, bei noch nicht erwerbsfähigen und bei erwerbsbeschränkten Personen die vorherige Verwertung kleiner Vermögen oder Vermögensteile nicht ver- lange», wenn dadurch die Not des Hilfesuchenden oder seiner unterhaltsberechtigten Angehörigen er' heblich verschärft oder zur dauernden wird. Bei Prüfung der 5zilfsbedürstigkeit bleiben Zu- Wendungen außer Ansatz, die die freie Wohlsahrts- pflege oder ein Dritter zur Ergänzung der öffent- lichen Fürsorge gewährt, ohne dazu eine rechtliche oder eine besonders sittliche Pflicht zu habe». Dies gilt nicht, wen» die Zuwendung die wirtschaftliche Lage des Unterstützten so günstig beeinflußt, daß die öffentliche Fürsorge ungerechtfertigt wäre. * Zu bemerken ist ausdrücklich, daß sämtliche Unterstützungen(auch die Kleinrentner- und Sozialrentnerunterstützungen) zurückgezahlt werden müssen, wenn der Unterstützte in bessere Ver- mögcnsverhältnisse gekommen ist Ebenso hat die Stadt Berlin einen Erstattungsanspruch an die unterhaltspflichtigen Angehörigen und an den Nachlaß des Unterstützten. Bei dem Wiedereinzug gezahlter Unterstützungen soll aber möglichst human verfahren werden. Nicht zu ersetzen sind: die Kosten der Wochenfürsorge. die Kosten der Erwerbsbefähigung von Blinden, Taubstummen und Krüppeln: Fürsorgeleiftungcn, die dem Unter- stützten vor Vollendung seines 18. Lebensjahres gewährt worden sind. Der Ersatzanspruch der Stadt Berlin verjährt in vier Jahren vom Ablauf des Jahres ab, in dem der Anspruch entstanden ist. Erwerbslose als Opfer 1% Jahre Zuchthaus für Betrüger Den gemeinen Betrüger ist jede Gelegenheit gut genug, um aus ihr Geld zu schöpfen. Sewst vor der ausweglosen Not seiner Mitmenschen macht er nicht halt: im Gegenteil, sie bedeutet für ihn die beste Konjunktur. Die unstillbare Sehnsucht nach Arbeit macht er sich zunutze, mn auf Kosten der Erwerbslosen zu leben, ja, nicht selten auch zu ge- nießen. Die Kautionsschwindler sind die Betrüger im großen, die dem kleinen Mann unter Vorspiegelung, ihm eine Stellung zu besorgen, die letzte» Ersparnisse herauslocken. Der sogenannte „S t e l l e n v e r m i t t l e r" tut dasselbe im kleinen am Wohlfahrtsempsänger und nimmt ihm seine paar Pfennigs ab, die er notwendig zum Unterhalt seiner Familie braucht. Diese Stellenvermittler haben sich in der letzten Zeit außerordentlich vermehrt. Die Gerichte ver- suchen, ihnen durch harte Strafen das Handwerk zu legen. Da war zum Beispiel neulich ein junger Buchdrucker, der schon mehrmals wegen ähnlicher Betrügereien bestraft wurde. Er machte sich an Kollegen heran und versprach, ihnen in einem Großbetrieb Arbeit zu besorgen. Er sei dort selber angestellt, habe gute Beziehungen. Damit aber aus der Sache etwas werde, brauche er 3,65 M., denn eine Karte müßte in der Kartei angelegt werden. Die Leute sielen daraus hinein und gaben die 3.65 M. her. Bis eines Tages ein Mann Mißtrauen schöpfte, zum Schein auf den Vorschlag einging und den Betrüger von der Polizei festnehmen ließ. Das Eigentümliche aber war, daß dieser Halunke einmal bereits auf sreiein Fuß gelassen wurde und der Aintsanwalt das Veriahren gegen ihn eingestellt hatte, und zwar wegen Geringfügigkeit der Sache: er hatte näm- lich dein Geschädigten das Geld zurückgezahlt. Daß der Amtsanwall die Angelegenheit als gering damit gleichzeitig den auf den Schecks verzeichneten Beitrag im voraus aus. Der Kellner entnimmt die Blocks vom Gastwirt und zieht bei Ausstellung der Nota für de» einzelnen Gast den Pfennig- betrag ein. Die Winterhilfe denkt bei dieser Neueinrichtung besonders an die Silvesterveranftaltungen, bei denen es manchem Gast sicher auch nicht aus den Betrag von 20 Pf. ankommen wird. Scheckhefte sind zu beziehen durch die Berliner Winterhilfe, Berlin C 2, Burgstr. 28, I l. Norden 1928. bezeichnen konnte, erscheint mehr als verwunder- lich— das Schnellgericht verurteilte den Mann zu anderthalb Jahren Zuchthaus. Ein Betrüger von der gleichen Sorte stand auch vor dem Schöffengericht. Diesmal war es ein Fleischergeselle. Seine Opfer waren gleich ihm Schlächtergesellen. Er nahm ihnen 8,50 M.— also mehr, als die Wohltahrtsunterstützung für eine Woche ausmachte— für einen Fleifcherkittel ab. In vierzig Fällen ließen sich die Leute ins Garn locken, bis sich wieder ein Gewitzigter fand, der ihn der Polizei übergab. Auch dieser Bursche war bereits mehriach wegen ähnlicher Betrügereien vorbestraft und wanderte gleich dem Buchdrucker ins Zuchthaus. Die Erwerbslose» sollten damit aber vor derartigen Lumpen gewarnt sein. Folgenschwere Explosion Durch hrennende Taxe verursacht Die Mieler des Hanfes K a st a» i e n a l l e e 23, im Norden Berlins, wurden am Dienstagnach- mittag durch eine heftige Explosion, die auf dem Hof des Grundstücks erfolgte, in Angst und Schrecken versetzt. Zahlreiche Fensterscheiben wurden zertrümmert und durch eine fast haus- hohe Stichflamme wurden die Fensterkreuze im 3. und 4. Stockwerk angebrannt. Kurz nach 16 Uhr erschien an der T a n k st e I l e, die sich auf dem Hof in der Kastanienallee 23 befindet, eine Autodroschke, deren Führer tanken wollte. Dabei geriet aus noch ungeklärter Ursache das Auto in Brand. Die Löschversuche waren vergeblich und man muhte die Feuerwehr alarmieren. Gerade als zwei Löschzüge an der Brandstelle eintraf, erfolgte eine heftige Explosion. Der Benzintank des Wagens flog unter Getöse in die Luft. Der Druck war so ge- waltig, daß das Haus in feinen Fundamenten erschüttert wurde. Klirrend zersprangen die Fensterscheiben und einzelne Fensterkreuze gerieten in Brand Die Wirkung der Explosion erstreckte sich bis zum Dachfirst, wo die starke Dachzinkrinne buchstäblich wegschmolz, Holzteile in Brand gerieten und hell aufloderten. Durch das tatkräftige Ein- greisen der Wehr kannte die Gefahr beseitigt werden. Eine polizeiliche Untersuchung ist ein- geleitet worden. Beitrag des Gastes Heue Wege der Winterhilfe Di« Berliner Winterhilfe beschreitet immer neue Wege, um Mittel siir ihr llnler- stützungswerk zu erhalten. Die Tombola für die Glückspakete war ein voller Erfolg. Jetzt kommt etwas Neues: Der Beitrag des Gastes! In den Gaststätten Berlins werden von dieser Woche ab die Kellner ihre Rechnungen auf der Rück- seite von'Schecks ausstellen, die zugleich die Quittung über einen geringen Beitrag für die Berliner Winterhilfe(1, 5, 10 oder 20 Pf.) ist. Die Vorderseite der Schecks trügt das Signum der Berliner Winterhilfe, die empfangende Hand im blauen Felde. Die Gastwirte kaufen von der Berliner Winterhilfe diese geblockten Schecks und lege» Geistige Masten? Wie fürs Trinhen Propaganda gemacht wird Der Verlag Knorr u. Hirth(München) gibt einen Deutschen Bierkalender heraus. Gedenk- tage, wie es sich bei einem Kalender gehört. Am 1. Juli 1855: Gründling der Patzenhofer-Brauerei in Berlin. Bild dazu: Die bekannte Zeichnung von Käthe Kollwitz:„Mutter und Kind." An der Seite ein Text, der den stillenden Mütter» Bier empfiehlt. Diese Empfehlung ist unter- zeichnet:„Dr. Agnes Bluhm: Die Stillungsnot." Unterschrift:„Das Bier als Arznei für stillende Mütter." Es ist eine Infamie, Küthe Kollwitz, die eine Fülle von Bilder» gegen den Alkohol geschaffen hat, zur Alkoholreklame zu mißbrauchen. Käthe Kollwitz hatte Klage erhoben wegen unbefugter Benutzung der Zeichnung. Frau Dr. Bluhm klagte gleichzeitig wegen Mißbrauchs ihres Namens unter einem ihr völlig fremden Text. Noch nie hat sie Bier für stillende Mütter empfohlen. Der Verlag und der Herausgeber des Kalenders sind dazu verurteilt worden, die bean- standete Kalenderseite zu entfernen, und im Kalender von 1933 eine Berichtigung zu bringen. Käthe Kollwitz erhält 100 Mark Schadenersatz. Außerdem haben die Beklagten 200 Mark an den Deutschen Verein gegen den Alkoholismus zu zahlen. Der Herausgeber des Kalenders, Josef Schuster, ist Hauptlehrer in München. •rtamAe* jindimu, meil sie in dieser Cigarette stets ihre berechtigten Ansprüche aut Qualität, Frische und Format erfüllt sehen. Das ist höher zu bewerten als Zugaben wie LUert marken, Gutscheine und Stickereien, die «sFuusmo ausschließen muß, um ihre anerkannte Güte zu wahrem So besteht eine Verbundenheit des Rauchers mit seiner Juno! KON LINON Wunschzettel des Publikums Beachltenswerte Anregungen und Kritiken Täglich, ja man kann ohne Uebertreibung sagin stündliä? gehen der Redaktion des„Vor- w ä r t s" Aeuherungen aller Art aus denr Leser- und Be.ziehertreis, mündlich, schriftlich und tele- phonisch, zu, die sich mit irgendeiner Angelegen- heit des öffentlichen oder auch des eigenen pri- vaten Lebens befassen. Die Redaktion soll ein- greifen und veröffentlichen, soll der Kritik des einzelnen zu allgemeiner Aufmerksamkeit und Geltung verhelfen, soll letzthin dadurch auf irgend- einem Gebiet Besserung schaffen. Mancher Zu- schrift sieht man auf den ersten Blick an, daß sie im Grunde genommen nichts weiter ist als ein literarisches Mit-der-Faust-auf-dcn-Tisch-fchlagen. Einer mußte seinem gepreßten Herzen mal Lust machen. Zu Hause kann er es nicht, im Beruf kann er es erst recht nicht. So setzt er sich hin und schreibt der Redaktion, und dann ist ihm leichter und freier, und eigentlich ist die Sache damit erledigt. In den letzten Iahren haben sich jedoch jene Zuschriften gehäuft, die in Wahrheit lliot- und Hilferufe verzweifelter Menschen sind. Entweder gehen dann beauf- tragte Sonderberichterstatter des „B o r w ä r t s" hinaus und halten Rücksprache mit diesen Menschen und schreiben jene Berichte, die das Gewissen der Regierungen, der Behörden und der Oesfentlichkeit wachrütteln. Zuschriften aber, bei denen es sich um private Rechtsfragen handelt, werden der feit Jahrzehnten bekannten und bewährten Juristischen Sprechstunde des„Vorwärts" zur Erledigung überwiesen (Lindenstr. 3, 1. Hof, Sprechstunde von 3— 6 Uhr nachmittags—„Vorwärts"-L!uittung mitbringen). Oder aber die Redaktion greift auch selber ver- mittclnd ein. Anders liegen die Fälle, in denen Zustände öffentlicher Einrichtungen— etwa Ver- kehrswcsen, Post, Steuerämter, Arbeitsämter. Wohlfahrtsstellen, Krankenhäuser usw.—, kritisiert werden. Auch hier ist es manchmal ein momentaner Aerger über irgendeine kleine Unzu- längiichkeit, über die Unhöjlichkeii eines Beamten usw. Oft bleibt aber auch eine berechtigte Kritik und eine beachtenswerte Anregung übrig, die der Veröffentlichung wert ist. Eine Auswahl derartiger zugegangener Einsendungen veröfsent- lichen wir wieder einmal', sie stellen gewisser- inaßen einen Wunschzettel des Publikums dar, und wir hoffen, daß alle, die es angeht, dieser Anregungen und Wünschen ernste Beachtung schenken Das leidisse Wechselgeld Sehr oft kann man morgens beobachten, daß die Schaffner mit den Fahrgästen auf der Straßenbahn oder auf den Omnibussen Streit bekommen, weil sie kein Wechselgeld haben. Armer Schaffner, armer Fahrgast. Was soll der Schaffner machen, wenn mehrere Fahrgäste SV Pf., l, 2 oder gar 3 Mark gewechselt haben wollen? Die BVG. gibt ihren Schaffnern keinen Pfennig Wechselgeld und ver- Ner Mord in Grüneberg (Geheimnisvoller Lriek des Täters Eine eigenartige Wendung Hat die Untersuchung zur Aufklärung des Mordes an den 38 Jahre alten Landwirt Paul Schenk genommen. Schenk wurde bekanntlich auf seinem GeHöst in Grllneberg. nördlich' von Oranienburg, von einem unbekannten Täter am Hoftor niedergeschossen. In den Feiertagen traf bei dem Gemeindeoor- sleher von Grüneberg ein Schreiben ein. Der Briefumschlag, der die richtige Adresse mit der ausfallenden Ortsbezeichnung Kreis Templin trug, enthielt zwei Ansichtskarten. Die eine stellt die Kirche in R a w a- R u f k a, die andere Bettelweiber an der Kirche zu B i a l a dar. Auf den Karten befand sich mit Bleistift folgender Text:„Ich bin kein Verbrecher. Es ist die Pflicht jedes edeldenkenden Menschen, einem Arbeiter- ausbeuter wie Schenk einen gehörigen Denkzettel zu geben, daß er zeitlebens daran denkt. Wer sich nicht scheut, die Aermsten der Obdachlosen bei unzureichender Ernährung, Bezahlung von früh bis spär auszunutzen, in Not und Elend zu bringen, ist kein Mensch." Dieses Schreiben ist drei Tage nach der Tat am Heiligabend zwischen 15 und 16 Uhr auf dem Postamt in R u h l a n d sLausitzf von einem Unbekannten aufgegeben worden Aus dem Schreiben geht deutlich hervor, daß der Schreiber die örtlichen Verhältnisse genau gekannt hat. Die Eharakterlsierung Schenks trifft nämlich bis zu langt, daß die Schaffner das notwendige Wechselgeld selber mitbringen. Es hat sich in den Kreisen der BVG.-Direktion anscheinend noch nicht herum- gesprochen, daß die Schaffner bei den heutigen Löhnen und Preisen meist nur noch eine ganz geringe Geldsumme zum Wechseln zur Verfügung stellen können, denn das meiste oder fast alles Geld bekommt doch„Mutter" zur Haushalts- führung. Die BVG. sollte also ihre Schaffner schleunigst init ausreichenden Wechselgeldern ver- sehen, damit die Streitigkelten am frühen Margen aushören. Es macht einen kläglichen Eindruck. wen» die Schaffner in ihrer Angst, um Bc- schwerden zu vermeiden, von Fahrgast zu Fahr- gast rennen und um die Wechselung von 50 Pf. bitten müssen. Umschreibegebühr sein? Ich bin von meinen Eltern noch der Lausiger Straße gezogen und habe jetzt eine eigene Woh- nung. In derselben sind nun elektrische und Gasanlagen vorhanden. Für die II m- s ch r e i b u n g des früheren Mieters auf meinen Namen verlangen die Berliner Elektrizität s- werke 3 M. und die Städtischen Gaswerke l ,50 M. ll ni s ch r e i b e g e b ü h r. Auf meine Einwendung, daß ich wohlfahrtserwcrbs- los bin und es mir schwer fällt von meiner ge- ringen Unterstützung das Geld zu bezahlen, erhielt ich die Auskunft, daß ich mir das stunden lassen könnte, und eventuell monatlich mit 1 M- abbezahlen kann. Nicht allein, daß uns Erwerbs- losen das schwer fällt zu zahlen, es fällt ja auch den noch Arbeitenden genau so schwer bei dem geringen Verdienst. Meiner Meinung nach sind diese Umschreibegbühren viel zu hoch und 50 Pf. würden dafür auch genügen. Es ist doch bestimmt nicht viel Arbeit, wenn für den Namen Schulz der Name Müller eingesetzt wird. Ebensalls ist auch die monatliche Miete für den elektrischen Zähler mit 80 Pf. viel zu hoch. Es heißt immer, brennt elektrisch usw., sauber und billig, aber diese hohe Zählermiete hält viele davon ab. elektrisch zu brennen. Mit 40 Pf., wie bei der Gasag, wäre diese Miete hoch genug angerechnet. Wasser wird Tum Uuxus Ich erlaube mir, Ihre Aufmerksamkeit auf die Charlottenburger Wasser- und In- d u st r i e w e r k c A.- G. zu lenken, welche die Orte Charlottenburg, Wilmersdorf, Steglitz, Friedenau, Zehlendors und weiter bis Zeuthen mit Trinkwasser versorgt. Ich füge Wasserrech- nungen von zwei Siedlungshäusern in Wilmer»- darf bei. Bei einem Haus in der Hanauer Straße <7 Köpfe) kostet der Kubikmeter Wafse?",42 und 0,43 M., bei einem anderen Haus in der 5zano»er Straße<3 Köpfe) 0,57 bis 0,62 M. Die Berliner Städtischen Wasserwerke berechnen 0,25 M. Die „Charlottenburger" nimmt also 72 bis 148 Proz. mehr als die Stadt Berlin für die gleiche„Ware". einem gewissen Grade zu. Cr war gegen sich selbst sthr streng und verlangte gleiches Verhalten von seinen Angestellten, arbeitete von früh bis spät und legte selbst keinen Wert aufs Essen. Daß er damit bei seinen Arbeitern wenig Gegenliebe fand, ist verständlich, und so kam es, daß er im letzten halben Jahr nacheinander 17 Arbeiter hatte. Fast alle sind im Streit mit ihm fort- gegangen. Er rechnete schon im vornherein damit, daß sie bald fortlausen würden, denn er meldete sie weder polizeilich an, noch fragte er nach ihren Vatersnamen. Von der Mordkommission ist nun auf Grund des Schreibens eine großzügige Fahndungsaktion eingeleitet worden. Glück im Anglück 200 Meter abgestürzt und unverletzt Mayrhofen(Tirol), 27. Dezember. Bei Hinterdux oberhalb der Bichelalm im Zillertal stürzte der 24jährige Sohn Oskar K l o k o w des Mitinhabers der Buchdruckerei und Verlagsfirma Hermann Klokow, Berlin, Alexan- drinenstr. 77/78, einen 200 Meter hohen Gras- hang herunter. Glücklicherwelse wurde er von emem Schnee feld aufgefangen, so daß er unverletzt davonkam. Er wurde von Schülern eines Hochschulkursus der Deutschen Hochschule für Leibesübungen unter Führung von Neukirch ge- borgen, die dort einen Skikurs abhielten. Sie sehen aus den beiliegenden Rechnungen, daß die„Charlottenburger" vierteljährlich eine Ver- ivaltungsgebühr von 4,76 M., also jährlich 10,04 Mark erhebt. Wo in aller Welt nimmt der Kauf- mann seinen Kunden, die ihm Ware abkaufen, eine Verwaltungsgebühr ab? Ich schätze, daß etwa l'A Millionen Wasserabnehmer dermaßen von der„Charlottenburger" übervorteilt werden. Die immer noch teure Reichsbahn Die Heutige Notlage lenkt die Aufmerksamkeit auf den PersonensoHrtaris der Reichs- und Privatbahnen. Mehr als 6 Millionen Menschen aller Berufsstand« liegen erwerbslos auf der Straße, die Unterstützungssätze werden immer geringer. Es ist nicht auszudenken, wie die Armen noch zurechtkommen sollen, ohne von der geraden Bahn abzugleiten. Bestimmt haben diese M!l- lionen noch nicht mit der Welt abgeschlossen, ober bald hat es den Anschein, als Hobe die Welt mit ihnen abgeschlossen. Wäre es nicht an der Zeit, daß die Reichs- und Privatbahnen einen Sonder- tarif für Erwerbslose, deren Familienangehörige sowie Rentenenrpsänger und Arbeitsuchende her- ausbrächten? Alle deutschen reichsangehörigen Erwerbslosen, deren Famüienangehörige sowie Rentenempfänger und Arbeitsuchende, welche im Besitze eines ordnungsmäßigen Ausweises der zuständigen Zahlstelle oder Behörde sind, fahren >n der 3. W a g e n k l a s s e aus ollen Reichs- und Prioatbahnen innerhalb des Deutschen Reichs für den halben Personenfahrtarif. Jeder fünfte Fanrilienangehörige und darüber hat freie Fahrt. Tausende von fahrplanmäßigen Zügen verkehren täglich von Station zu Station und sehr häufig ist nicht einmal der vierte Teil der Plätze belegt. Bestimmt würden die Bahnen keinen Nachteil erleiden, wenn in einem oder dem anderen dieser Züge sich eine Anzahl Fahrgäste befinden würden, die nur den Vorzugstarif be- zahlen. Auch die Berliner Vorortarife der Reichs- bahn sind bei Ausflügen für ein« Familie von 4 bis 5 Personen viel zu teuer und unerschwing- lich.(Die hier gemachten Vorschläge sind durch- sührbar. Zunächst läßt die R e 1 6) s b a h n bereits alle Soldaten der deutschen Reichswehr statt für 4 Pf. für nur Ui Pf. den Kilometer in der dritten Klasse fahren, ermäßigt also den Satz weit über die 5)älfte. Sodann haben die öfter- reichischen Bundesbahnen für die Vor- und Nachsaison die Bestimmung, daß bei gemein- samen Hin- und Rücksahrten ganzer Familien das zweite Familienmitglied einen um 25 Proz. er- mäßigten, das dritte Familienmitglied einen um 50 Proz. ermäßigten Fahrpreis bezahlt, während sämtliche übrigen Familienmitglieder voll- kommen unentgeltlich befördert werden. Die österreichischen Bundesbahnen beweisen also em weitgehendes Verständnis für große Familien. Red. des„Vorwärts".) Die Weihnachisreisen Verhehr geringer als im Vorjahr Wenn auch den Wintersportlern durch das wilde Wetter die Weihnachtsreise und die Sportsreude verdorben worden ist, so haben dafür von den auch in diesem Jahr herausgegebenen wesentlich ver- billigten Weihnachisreisefahrkarten alle die profitiert, die sich aus einen Verwandtenbesuch zum Fest gefreut haben. Viele, die die Festtage wahrscheinlich sonst zu Hause verbracht hätten, sind durch die mit der Festtagsrückfahrkarte geschaffene Reiseverbilligung erst zu einer Weihnachtsreise ver- anlaßt worden, und manche werden auch noch nach dem Fest diese Erleichterung ausnutzen, da die Fe st tagskarte noch bis zum 1. Januar zur Hinfahrt benutzt werden kann und ihre Gültigkeit erst am 10. Januar erlischt. Berlins Weihnachtsreifeverkehr erreichte nicht ganz den Umfang des Vorjahres. In der Zeil vom 21. bis 26. Dezember wurden auf den Berliner Fernbahnhöfen neben den verstärkten fahrplan- mäßigen Zügen insgesamt 176 Vor- und N a ch z ü g e und 5 Sonderzüge abgelassen. In den Fahrkartenausgaben der zehn großen Fern- bahnhöfe sowie in den Ausgabestellen des MER.-Reisebüros wurden in der Zeit vom 20. bis 24. Dezember insgesamt 244 470Fahr- karten ausgegeben(im Vorjahr: 284 000 Fahr- karten). Unter Berücksichtigung des Durchgangs- Verkehrs und des Verkehrs an den beiden Feier- tagen selbst haben in der Zeit vom 20. bis 26. Dezember insgesamt 310 000 Personen die Reichshauptstadt mit den Fernzügen verlassen. Der 8- B a h n- und Borortverkehr war an beiden Feiertagen etwas stärker als im Vor- jähre: am 25. Dezember wurden 940 000(i. V.: 910 000), am 26. Dezember 1080000(i. V.: 1 040 000) Fahrgäste gezählt. Auf den drei Dresdener Bahnhöfen wurden in der Zeit vom 23. bis 26. Dezember insgesamt 140 000 Fahrkarten gegen 164 000 im Vorjahre verkauft. Davon waren 63 Proz. Sonntagsrückfahrkarten. Trotz des Mangels an Schnee beförderten die Kraftverkehrsgesellschaften in etwa 30 Sonderwagen meist auswärtige Gäste, darunter viele Berliner, nach dem Erz- gebirge. Im Weihnachtsverkehr im.Harz ist die Preis- ermäßigung der Fahrkarten stark in Erscheinung getreten. Die Züge, insbesondere aus Berlin und Hamburg, waren gut besetzt. Die Reisenden waren größtenteils Erholungsuchende. Im Riesengebirge war der Verkehr hingegen recht schwach: er blieb sogar noch hinter dem vor- jährigen Weihnachtsverkehr zurück, der gleichfalls unter ungünstigen Wetterverhältnissen litt. Selbst in den Kammbauden war kein 5)ochbetrieb. Die Verhaftung Lrolats Die plötzliche Verhaftung des BVG.-Direktors Fritz Brolat, der gestern vormittag nach seiner verantwortlichen Vernehmung durch Landgerichts- rat Dr. Mittsndors vom Landgericht III auf An- trog von Oberstaatsanwalt Seeths wegen Mein- eidsverdachts und Fluchtverdachts festgenommen und ins llnterfuchungsgefängnis gebracht wurde, hat die Verteidiger Rechtsanwalt Dr. T r e i t e l und Rechtsanwalt Dr. Nübell veranlaßt, mit dem Verhafteten Rücksprache zu nehmen. Die Verteidiger beabsichtigen, Antrag aus Hastent- lassung zu stellen. In wenig Worten In den Ausstellungshallen am Kaiser- dämm stürzte kurz nach Mitternacht der dort be- schästigte 31jährige Mechaniker Artur Kaßner aus der Cojanderstr. 2 von einem Wandel- gang aus 5 Meter Höhe in die Tiefe. Er erlitt Gesichtsverletzungen und einen Nervenschock und wurde in das Krankenhaus Westend eingeliefert. * Die Gib m ü n d u n g und die Deutsche Bucht liegen seit drei Tagen in dichtem Nebel. Der große Schiffsverkehr, der stets zu Weihnachten herrscht, erlitt eine katastrophale Unterbrechung. 150 Schiffs mußten vor Anker gehen, um bessere Sicht abzuwarten und liegen zum Teil noch still. * Der 2Zjährige Student Friedrich M a r t i t s ch erschoß gestern im W i e n e r w a l d bei Wien die 15jährige Berta Eibl und stellte sich dann der Polizei in Wien Als Grund zu der Tat gab er verschmähte Liebe an. * Im Nordostseekanal stießen bei Kilometer 64 der finnische Dampfer„Ester Thorden" und der Motorschoner„Jupiter" zusammen.„Jupiter", der eine Zwiebelladung an Bord hatte, lief voll Wasser und liegt an der Nordböschung des Kanals. Der Verkehr im Kanal ist nicht gestört. Wie wird das Wetter? 3n Berlin: Meist bedeckt, zeitweise Dunst oder Nebel, wenig Wärmeänderung.— 3n Deutschland: Ueberau Fortdauer des neblig-trüben Wetters, nachts vielfach leichte Fröste. Ein Dochstuhlbrand in der Nordbahnstraße 10 in Pankow äscherte gestern abend de» ganzen Dachstuhl und eine darunter liegende Wohnung ein. die vollkommen ausbrannte. Das Feuer fraß sich bis in die Wohnungen des dritten Stockwerks durch. Die Dachtrümmer stürzten auf die Straße. Aus dem aiideuisl-ten Marltplas in der IZunIhalle wird sich weilerhin ei» fröhliches Treiben abspiele». Der trau, liche»nd personnene Plah, umrahmt von biederen Ptirger- hiinser». bietet de» stimmungsvollen Nahmen sitr die wiedererstandenen Wein Äerde-Wocheu, die schon vor dahren mehrmals de» Berlinern eine Uber�euaende Probe der töstlichen deutschen Weine verinttlelte». Unter Mit. Wirkung der deutschen Winzerqenossenlchaften haben einige B-rliner Weingros, Handlungen de» jritheren iSedanten auf- genommen und werde» besonders den Ausschank offener Weine, wobei hervorragende Lagen in Criginalvolalen ge- reich, werden, pflegen. An jedem Donnerstag, Sonnabend »nd Sonntag ist also wiederum chrlegenheit, bei Mustt, Ton» und Borsührunge» ein paar sorgrnsreie ötunden»u verleben. Durch niedrige Preise soll guier deutschrr Wein propagirri werden und auch der Eintrittspreis mit öd Pt. hzw. 30 Pf. im Porvertauf ist so gehalten, daß sich jeder. mann einen billigen Genuß froher Stunden verschassen lann. Groß-Berliner Partemachrichten. Beginn aller Veranstaltungen 19'A Uhr, sofern keine besondere Zeitangabe: tt».»rei, Pankow. Die Sißung des Kreisporstandes mit den Wohlfahrtspslegern findet Mittwoch. Ist'.i Uhr, im Türkischen Zelt, Breit« Straße, statt. öS. Abt. 3. Gruppe: Mittwocki, 28, Drjcmber, 20 Uhr, Gcncralvcrsammlung bei Schllß, Ballstr. 90. Neuwahl der Sruppcnlcitung. Frauenveranstaltungen. 48. Abt. Bei der am 29. Dejemher, l8� Uhr, im Parteihcim Schlesischc Str. 42, Oos 1 Treppe, stattfindenden Feierstunde spricht die Genossin Bohm-Lchuch. Das Proletarische Lrchestei wirkt Mit. »1. Ad». Bunter Adend bei Grimm«, Boddinstr. Ist-Il, Mittwoch, W j Uhr. Ansprache der Genossin Schneider. Re»itationen des Genolsen Raumann. Kuchen bitte mitdringen Arbeitsgemeinschaft der Kindersreunde. Fricdrichshain, Ab«. Gtralaucr Viertel: Zur Teilnahme an der Fallenveranstaitung in der Alten Taverne trefscn sich alle Fallen ilkwtlsi sin Falkenkleiduna) heute, 17 Uhr, vor dem Jugendheim. Die Falte» -il?-St mit den Musikinstrumenten müssen erscheinen. Der Gruppenabend iällt heute aus.— Freitag, 30. Dezember, Gruppenabend. Wir Sterbetafel der Groß-Berliner Partei-Organisation 8S. Abt. Unser langjähriger Genosse, der R°slauratcur Hermann E ch u l», ist am 24. Dezember»erstorben. Ehre seinem Andenkens Die B,i. setzung iindet Donnersiog, 29. Dezember, IZtz Uhr, auf dem Parkfriedhof llichterselde, Luzerner Plaß. statt. Um zahlreiche Beteiligung wird gebeten. tFohrperbindung: Straßendahn 177.) ---------- i.1.■ 1 ns=aaBaaasa3C5=«=acgr: Vortrage, Vereine und Versammlungen Deutich« Sandsmsnnschast der Pro»i», Polen. Groß. Berlin,«.«. Weih. »ochtst-ier am Mittwoch, 28. Dezember, 19 Uhr, in der Kindl.Brauerei. Neu. tölln, Sermonnstr. 214—219. Deutsche Kakteen-Gesellichait E. P., Ortsgruppe Berlin. Montag, 2. Januar, l9i,z Uhr, Restaurant..Wilhelmshoi". Anhalter Str. 12, ttichtbildervortrag Dr. W-rdermann:„Meine Brasilienreise 1982". Gäste herzlich willkommen. loagiollov Engllih Orbttlnit Club, BUlowstr. 104; Heute Mittwoch, 28. De- zernber, abends gv« Uhr: General-Dlscussion;„Are we volitlca l?' Gazw willkornrntn. vvA\ 5. Was Lüdersen bei der Unterredung auf dem Büro des Postdirektors am empfind- lichsten getroffen hatte, war weder Bergers Anspielung auf seine geringere Intelligenz, noch die Behauptung, daß er weniger kalt- blütig sei. Beides war an sich beleidigend genug.. Aber man konnte es als Ausbrüche einer heftigen Augenblicksstimmung auf- fassen, als eine Störung des Gleichgewichts infolge der Katastrophe. Was ihn aber wirtlich getroffen hatte, war die Bemerkung von der kleidsamen Bandage. Die war ein persönlicher Ueberfall und einhielt einen wirklichen Stachel, den man nicht so emfach außer acht lassen konnte. Sie verriet, daß Berger sich über den ficht- baren Beweis von Lüdersens größerem Mut geärgert hatte. Sie verriet aber auch, daß nach Bergers Meinung er— Lüdersen— zu sehr prahle. Es schien ihm fast, als fei Berger der Meinung, er fei ein eitler Narr und kokettiere mit seinem mutigen Auftreten. Und das faß. Eine boshafte und räche- gierige Niedertracht war es. Es war sozu- lagen wie Schmutz in einer Wunde. - Aber wenn Schmutz in eine Wunde kommt, strömen die weißen Blutkörperchen zu Hilfe und vertreiben ihn. So auch bei Lüdersen. All sein aufgespeicherter Unwille gegen Berger, aller Groll des weniger tüchtigen Kollegen strömte zusammen und formte sich zu einem verächtlichen Haß gegen Berger.— Was war denn der und was bildete er sich ein? Hatte er sich nicht in der Stunde der Gefahr deutlich als feiger Stüm- per gezeilt? Als ein Angsthase?— War der ein Mensch, auf den man Rücksicht zu nehmen brauchte? Aber wo die weißen Blutkörperchen sich um den Schmutz sammeln, entsteht Eiter. So auch bei Lüdersen. Es brannte und schwärte ihm in der Eitelkeitswunde und sie ent- zündete sich. Es war wie ein Geschwür an der Persönlichkeit selbst. Und nun lag ihm alles daran, daß das Geschwür aufbräche. Keine Gelegenheit war ihm zu gering- fügig. un, Berger anzuschwärzen.' Beim Postdirektor, bei den Kollegen und bei einer abermaligen Unterredung auf der Polizei. Dies tat er nicht etwa mit großer Geste oder mit überzeugendem Pathos. Er tat es mit kleinen, geringschätzigen Seitenhieben, jeder für sich kaum mehr als ein Achselzucken. Nach und nach wurden sie der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Alles dies war nicht Ueberlegung. Es ge- schah instinktiv— ohne weiteres Nach- denken. Die Woche über redete er nicht mit Berger, nicht ein Wort. Er sah ihn nur. wenn er an ihm vorbeigehen mußte, mit schwerer, vor- wurfsvoller Verachtung an. Der Kerl soll sich bloß nichts einbilden. Ein bißchen mehr praktische Tüchtigkeit mag er ja haben, wenigstens möchte er, daß es so wäre. Aber warten wir's nur ab. Wer weiß, ob auf die Dauer nicht auch andre Eigenschaften in Betracht kommen. Er soll sich bloß nicht erhaben dünken. Lüdersen lebte in einem sogenannten beste- ren Pensionat. Seine Mitpensionäre bestan- den aus ein paar Lehrerinnen, der In- haberin eines Handarbeitengeschäfts, einigen Ingenieuren, einem Bantkassierer und einem Steuerinspektor. Im ganzen zehn— elf Leute, die in Gruppen auftraten. Die Damen bildeten eine Gruppe für sich, die Ingenieure eine zweite, der Bankkassierer und der Steuerinspektor bildeten eine Gruppe für sich, die Ingenieure bildeten eine etwas lockere Formation und die vierte Gruppe bestand aus Lüdersen ganz allein. In den drei Iahren, die er in dieser Pension wohnte, hatte er mit den anderen Gruppen wenig Verkehr gepflegt. An den Pflichtgefprächen bei Tisch nahm er in der ihm eigenen, etwas verdrossenen Weise ohne besonderen Eifer teil, und es kam auch vor, daß er abends im Salon erschien. Zum Bei- spiel, wenn in den Kinos das Programm zu schlecht oder das Wetter zum Ausgehen zu scheußlich war. Dieses letztere war an dem Sonntag nach Quifchus' Beerdigung her Fall. Nach den, Abendessen hatten sich sechs Leute im Salon niedergelassen Die Damen- gruppe vollzählig, Ingenieur Engelhardt. Bankkassierer Ragnos und Lüdersen. Die Damen saßen in der Sofaecke und plauderten halblaut bei ihrer Patience, In- genieur Engelhardt las einen Detektiv- schmöker und Lüdersen ging langsam im Zimmer auf und ab. während der Bank- kassierer Rognos nervös auf dem ziemlich perstimmten Klavier spielte. Lüdersen war recht übler Laune. Er be- fand sich in einer Art Katzenjammer nach dem Mittelpunktdasein einer ganzen Woche. Das Leben war im Begriff, wieder in die alte wohlbekannte Einförmigkeit zurückzu- ebben. Den ganzen Nachmittag hatte kein Mensch ihn gefragt und keine brauchbare Ge- legenheit hatte sich ergeben, sein Wissen aus- zu kramen. Wie er da ging, sah er mit gerunzelter Stirn zu Boden, als ob er etwas sehr Schwieriges durchdächte. Und doch bejchäf- tigte ihn nur das eine. Ein paarmal machte er in der Nähe der anderen Gruppen halt und betrachtete sie mißbilligend. Die Damen kamen noch am besten dabei weg. Diese Ansammlung ältlicher Nippfiguren hatte ihn weidlich verhimmelt. Aber dieser Engelhardt hätte ihn eigentlich mal fragen können. Wozu las er Räubergeschich- ten. wenn sich in Wirklichkeit ein Roman dicht vor seiner Nase abspielte und er unter einem Dach wohnte mit dem Helden des Romans? Er hatte ihn die ganze Woche nicht gefragt. Na ja, einerlei. Er war ein weichlicher, witzelnder Idiot. Da war es mit Rognos schon ärgerlicher. Der war doch wenigstens ein strammer Kerl, ganz nett. wenn er sich mal im Hause zeigte. Aber auch der hatte ihn nicht gefragt. Er hatte nicht einmal ordentlich zugehört. Lüdersen sah ihm zu und ärgerte sich grün und blau über die langen, schlanken Finger, die mit sich selbst um die Wette über die Tasten liefen. Blödsinn! dachte er, wie kann sich ein erwachsener Mensch dazu her- geben, stundenlang auf dem Wimmerkasten herumzuklimpern.— Ucbrigens spielt er heute besonders nervös. Aber auch Rognos schien sich zu ärgern, und zwar über Lüdersen; denn plötzlich brach er mitten in einem Lauf ab. sprang auf und fragte mit einer gewissen Gereiztheit: „Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Lüdersen?" Lüdersen sah verdonnert aus. Eine schwer- fällige, träge Verworrenheit stieg in ihm auf, die ihn am Antworten verhinderte. Er stand nur und glotzte ihn an. „Dann nehmen Sie bitte die Bandage ab, sobald sie nicht mehr notwendig ist!" Die Worte erregten die Aufmerksamkeit des Salons. Sämtliche Anwesende blickten von ihren geistigen Interessen auf und sahen erstaunt die beiden an. Da tauchte Lüdersen mitten in seiner augenblicklichen Stimmung die Erinnerung an die infame Bemerkung Bergers auf: Hättet ihr beide auch etwas mehr Zeit ge- habt, so läge Ouisthus heute nicht in seinem Sarge und du wärst ohne die kleidsame Bandage! Er fühlte sich völlig überrumpelt. Er ver- stummte total und sah verblüfft und ver- wirrt in Rognos' nervöses Gesicht. Der Bankkassierer unterbrach als erster die Stelle:„Sie tragen den Lappen ja wie ein eisernes Kreuz", sagte er.„Ist es etwa eine Heldentat, sich übereilt zu benehmen? Außer- dem habe ich im Krankenhaus erfahren, daß es mit der Wunde da nicht viel auf sich hat. Immer und ewig diese Helden- und Kranken- Hausreminiszenzen mitanzusehen, das kann einen ja verrückt machen. Sie können den Verband ruhig abnehmen. Kommen Sie. ich helfe Ihnen. Wir legen Haar darüber. Dann sieht es wenigstens nicht so wider- lich aus." Das war ja unerhört! Ein phantastisches Ereignis in der Geschichte des Pensionats! Und keiner wagte zu mucken. Keiner konnte sich ermannen, einzugreifen, ehe es geschehen war. Ehe es zu spät war. (Fortsetzung folgt.) 'Denkmal der Chinefifche Zrsähhmq/ Ton Jfnn Zongheng Nördlich von Peking, der alten 5?auptstadt des Reiches der Mitte, liegt etwa einen Tagemarsch entfernt das kleine Dörfchen Pelingkau in einem öden Tal zwischen kahlen Bergen. Aus einem Platz in der Mitte der Ortschast rage» einige uralte Eichen, Eschen und Buchen gen Himmel. Tag und Nacht ziehen hier die Karawanen vorbei mit Kamelen und kleinen Pferden, Eseln und Maultieren: sie komincn von der Mongolei über die große Mauer und streben gen Peking oder sie bringen Ware von der Hauptstadt zu den Bar- baren im Nordwesten. Ununterbrochen dröhnt es im Dorf von den Schlägen des Gongs und der Handtrommel, ohrenbetäubend schwillt oft der Lärm, und dazwischen tropft in allen Tönen das Kling-Älang der Pichglöckchen. In der Stille der Nacht wirkt der Lärm doppelt laut, aber die Dorfbewohner haben sich daran gewöhnt und lassen sich nicht mehr stören. Befriedigt blicken sie. ehe sie schlafen gehen, auf das Hin- und Her- gewoge der bunten Lampions und Fackeln im Karawanenbetrieb, dem sie ihren Wohlstand ver- danken. Die Dörfler von Pelingkau hatten einen guten Ruf in der ganzen Gegend und waren dafür be- kannt, daß sie die Gesetze der alten Lehrer hoch- hielten. An Ehrbarkeit und Nächstenliebe galten sie überall als Vorbild. Kein Makel lag auf der Gemeinde. Da, in einer dunklen 5)erbstnacht, fand man zwischen Pelingkau und der Ortschast Mailingsan im Tal an den unteren Aesten einer Buche zwei Männer und eine junge Frau erhängt aus. Man erkannte die Toten sofort, aber alle standen vor einem Rätsel. Was war die Ursache? Erst mühselige Nachfragen ergaben die Zu- sammenhänge. In Mailingsan wohnte Woang Tsching Pai mit seinem alten Vater, in Pelingkau sein jüngerer Bruder Fung Pai mit seiner jungen Frau. Ein- tracht, Liebe und Vertrauen herrschte zwischen ihnen. Eines Tages besuchte Tsching Pai seinen Bruder in Pelingkau. Als er ins Zimmer trat. saß die Schwägerin gerade vor dem Spiegel und schmückte sich. Sie genierten sich beide ein bißchen. sprachen aber doch miteinander. Der Mann werde gleich heimkehren, sagte die Frau. Im Verlauf des Gesprächs sahen sie eine kleine ./Ufo fpmch... Dante Alighieri, der größte Dichter des mittelalterliche» Italiens, diente vor seiner Ver- bannung für ein geringes Gehalt in der Verwal- tung seiner Vaterstadt Floreuz. Klarsichtige, tri- tische Menschen, die das, was ihnen nicht als Recht und Gerechtigkeit erscheint, sogar aus- schreiben, enipsahle» sich schon damals mit solcher Literaturerzeugung nicht gerade für große Karrieren im Staatsdienst. Die anderen, weniger charaktervollen Hofleute, ja sogar die Hofnarren, die lebten jedenfalls viel besser in Florenz. Und es müßten keine Hofnarren gewesen sein, wen» sie aus ihrem besseren Gehalt nicht die Be- rechtigung abgeleitet hätten, das Genie zu höhnen. „Wie kommt es", sagten sie zu Dante,„daß Ihr mit all Eurer Dichtkunstt so arm bleibt, während sogar wir Hofnarren im Uebersluh leben und uns noch ein Erkleckliches zurücklegen können?" „Auch ich würde reich sein", erwiderte Dante, „wenn ich das Glück hätte, einen Brotgeber zu finden, der mir gleich ist an Geist und Sinn." dOl. Maus in der einen Ecke des Zimmers hin und her lausen.- Schnell verstopfte die junge Frau das Mauseloch in der Ecke, und beide jagten dem Tiere nach. bald unter der Truhe, bald unter dem Schränk. Sie kniete» auf dem Boden und rückten Kasten und Körbe in die Mitte des Zimmers. Plötzlich war der kleine Nager spurlos verschwunden. Er- hitzt von der Hetze standen die beiden da und atmeten schwer. Verwirrt war ihnen Haar und Kleidung. In diesem Augenblick trat Fung Pai ins Zimmer. Er sagte kein Wort, sah beide einige Sekunden lang scharf an, die wie Stunden ver- gingen, dann drehte er sich brüst um und stürzt« fort. Stumm und betreten standen die beiden da. Sie wußten, was Fung Pai vermutete. Aber wie wollten sie ihre Unschuld beweisen. Stunde um Stunde warteten sie vergeblich aus Fung Pais Rückkehr. Die Frau weinte. Nieder- geschlagen erklärte Tsching Pai:„Wir können unter diesem schmählichen Verdacht nicht weiter- leben. Ich werde unser« Unschuld durch meinen Tod beweisen. Sie können dann mit Ihrem Gatten wieder in Frieden leben." Di« junge Frau erwiderte nichts. Was sollte sie auch antworten? Entschiede» griff Tsching Pai zu Papier und Pinsel, malte einige Worte und steckte den Zettel in seine Tasche. Dann verließ Tsching Pai schweigend das Haus. Die junge Frau wartete weiter. In ihrer Verzweiflung be- gab sie sich schließlich aus die Suche nach Jung Pai. Inzwischen kehrte Fung Pai verbittert heim. Alles war still und dunkel, die Oellampe bis auf den Docht heruntergebrannt. So zündete er eine Kerze an und stellte sie auf den Tisch: alle Gegen- stände im Zimmer sah er sinnlos durcheinander gestellt. Wozu das? fragte er sich. Wollte man mich damit täuschen? Ich habe genau gesehen und kann mich nicht irren. Aber gerade mein Bruder? Die ganze Welt mag mich betrügen, von ihm glaube ich es doch nicht. Und meine Frau? Sie ist immerhin nur ein Weib, und ich kenne sie erst seit drei Jahren. Doch wenn sie mir un- treu werden wollte, hätte sie schon mehr und bessere Gelegenheit gehabt. Oder habe ich nur nichts gemerkt? Sind beide Betrüger, bin ich so dumm? Da hörte er ein Geräusch. Kam seine Frau? Nein, unter dem Lampenständer lag ein Stückchen Papier, und dieses Papier bewegte sich. Fung Pai blickte genauer hin... ein Mäuschen raschelte unter dem Papier hervor. Eine Maus? Wie kam die Maus hier ins Zimmer. Fung Pai oersuchte sie zu haschen, sie schlüpfte unter ein Tuch am Boden. Er hob das Tuch auf. warf es beiseite, wieder entschlüpfte die Maus und entwischte durch die Türritze ins Freie. In diesem Augenblick war Fung Pai das ganze Geschehnis klar: diese Maus hatten die beiden sangen wollen, auf der Mäusejagd hatten sie die Unordnung gemacht, um der Maus willen waren sie erhitzt und zerzaust. Wo sind sie jetzt, was haben sie getan? Aollsr Angst lief Fung Pai ins Freie. Bruder und Frau zu suchen. Das Bgchufer entlang ellte er, dann zurück durch dre Ortschaft. Niemand sah er in der Dunkelheil. Vielleicht sind sie nach Mai- lingsan zum Vater gegangen? Fung Pai rannte aus dem Dorf; gerade als er ins Freie trat, stieg der Vollmond über den Gipfel des Hingson, deutlich tonnte man die Riesenschlange der Großen Mauer im geisterhasten Licht erkennen, wie sie sich über Bergrücken und Täler wälzte. Der Weg nach Mailingsan war die ehemalige Karawanenstraß« von Peking nach Urga, der Hauptstadt der Mongolei. Dicht vor dem Dorf liegen hier noch die alten Säiöpfbrunnen, aus denen einst Millionen von Menschen und Last- tieren ihren Durst gelöscht. Auch die Riesenbäume stehen hier, darunter mühselige Wanderer jähr- hundertelang ersehnten Schatten gesunden. Ganz vorn am Wege ragt eine Buche, von der die Alten berichteten, sie sei mehr als tausend Jahre alt. Jedes Jahr bekommt der Baum ein Dorfopfer, unzählige Rinder und Schweine sind ihm zu Ehren geschlachtet worden. Unter dieser Buche sah Fung Pai jemand stehen. „Wer sind Sie? Was machen Sie hier?" fragte er ängstlich. Keine Antwort. Er ging näher. Die Gestalt hing in der Lust an einem Ast. Die Füße berührten fast den Boden. Fung Pai schrie auf. Er zitterte wie ein frierendes Kind. Er ist es! Ich bin sein Mörder! Mit seinem Tod wollte er seine Unschuld beweisen. Und meine Frau? Nur von dem einen Gedanken ersüllt, raste er nach Hause. Da brannte die Kerze immer noch, aber sonst war alles unverändert still. Verzweifelt malte er einige Zeilen auf ein Stück Papier und legte es deutlich sichtbar mitten aus den Tisch. Dann ging er wie im Traum und unbeirrt zu der Buche zurück und gesellte sich zu seinem tote» Bruder. Es war schon tiefe Nacht, als die Frau von ihren vergeblichen Irrwege» im Dorf in das L)a»s zurückkehrte. Van Angst geschüttelt, erblickte sie das Licht, das vorher nicht dagewesen war, und den Zettel aus dem Tisch unter der brennenden Kerze. Dann los sie, und ihre Augen wurden ganz weit vor Entsetzen. Kann so etwas sein? Heut obend noch vor Sonnenuntergang haben wir ge- schwatzt und gelacht, und nun ist er für immer von mir fortgegangen? Kaum sah sie durch ihre Tränen, was sie auf die Rückseite des Zettels schrieb, den ihr Mann hinterlassen hatte.„Als ich in die Ehe trat", war da zu lesen,„habe ich meinem Gatten ge- schworen, ihm bis zum Tod zu solgen. Ich halte mein Versprechen und folge ihm nach." Schluchzend nahm sie Abschied von allen Gegen- ständen des Hauses und machte sich auf den letzten Weg, den ihr das Schicksal bestimmt hatte. Irgendwo heulte ein Hund. Schon gaben von allen Seiten die anderen bellende Antwort. Fern aus der Landstraße ertönten lärmende Geräusche aller Art. Eine Stimiüe schimpste, und andere riefen lachend zurück. Immer zögernder werden die Schritte der jungen Frau. Wie oft hat sie diesen Weg zum Schöpfbrunnen wohl schon ge- macht im Leben, jeden Tag mehrmals hin und zurück? Und nun wird sie nie wieder heimkehren. Endlich steht sie vor dem Geisterbaum und den zwei stummen Gestalten Dreimal verbeugt sie sich tief gegen den Baum und spricht:„Herrscher des Himmels und ihr Götter auf der Erde! Gern wollten wir noch wie andere Menschen durch eure Gnade, ein paar Jahre lebe», aber es scheint, die Welt ist uns ver- sagt. Laßt unseren Tod der Nachwelt eine Mahnung sein! Wer scheinbar schuldig aus dem Leben ging, ist oft frei von Fehl--- die Lebenden tragen Schuld. So gehe auch ich. Ein Weib ohne Gatten ist wie ein Haus ohne Dach. Mein Herr Gatte hat mich geliebt--- er ist nun von mir geschieden, und ich folge ihm treu ins Jenseits" Weiß und kalt leuchtet der Mond über den öden Bergen. Ein Wind fährt durch die Buche, rafchsliii riefeln rote Herbstblättor auf die drei Toten. In dieser Nacht fingen alle Hunde km Dorf an zu heulen und liefen nach dem Baum. Als sie nicht aufhören wollten, gingen eimge alte Männer hinaus und sahen, was geschehen war. An der Beerdigung der drei beteiligten sich Tausende aus der wettest«» Umgebung. Sie kamen nicht aus Neugierde sondern aus Hoch- achtung. Unter der Buche wurde ein Denkmal errichtet mit der Inschrift: „�Voan Sc Tsching Fung." „Nur die Wahrheit bleibt ewig." Das Krisen] ahr 1932 in Zahlen Zahlenbeweise für den Bankrott privater Wirtschaftsführung— Von Wladimir Woytinsky Dos Jakr 1932 ist für die deutsche Ardeitertlassc ein Jahr des inirtlchaitlichcn und sozialen Tiei- stondes gewesen. Schon dos Vorjahr stand ini Leichen der Ärisc, die Depressionssoktoren hoben aber erst im zweiten Halbjahr 1931 ihre ganze Kraft entfaltet: der Ausoinmenbruch der D a n o t- dank Hat das Kreditsystem Deutschlands auss tieiste erschütterst die durch die Abkehr Eng- londs vom Goldstandard eingeleitete allgemeine handelspolitische Abschnürung der Völker von- einander in Verbindung mit der eigenen Zoll- und Kontingentierungspolitil des Reiches hat der deutschen Industrie die wichtigsten Absatzmärkte im Ausland versperrt; die kurzsichtige Lohnsenkung hat den deutschen Binnenmarkt ausgeholt. Diesen Depressionskrästen könnte nur ein C n tlast u n g s m om e n t entgegengestellt wer- den: Aushebung der Reparations- Zahlungen. Im Frühjahr 1932 hat die Arbeitslosen- zahl bei den Arbeitsämtern zum ersten Male 6 Millionen überschritten, in: Com- mcr schwanUe sie zwischen 5% bis 514 Millionen, um 1 bis IVi Millionen über den Stand des Vorjahres, ebenso wie im Jahre 1931 die Arbeits- losigkeitswelle sich hoch Über der des Vorjahres bewegt hatte. Für die e r st e n 1 1 M o» a t e des Jahres zählten die Arbeitsäniter im Durchschnitt: im Jahre 1939 3 Millionen Arbeitslose, im Jahre 1931 4,3 Millionen und im Jahre 1932 5,9 Millionen. Soweil die Monaksberichie der Arbeits- ämter! 3n Wirklichkeit ist aber die Arbeitslosenzahl in einem noch größeren wahe gestiegen. Mit der Verengung des Unterstützungsrechtes vergrößerte sich immer mehr die Zahl der Arbeits- losen, die den Arbeitsämtern, von denen sie keine Hilse erwarteten, fernblieben. Die Zahl der Beschäftigten ist viel stärker zurück- ge gongen, als die Arbeitslosenzahl bei den Arbeitsämtern angewachsen ist. Nach der amt- lichen Statistik waren im Durchschnitt für die ersten 19 ZKonate des Jahres beschäftigt:>m Jahre 1939 19,9 Millionen Arbeiter und Ange- stellte, im Jahre 1931 14,3'Millionen, im Jahre 1932 12.5 Millionen. Lssamtrslil der Arbeitslosen nach Oer Beschäftigtenstatlstik Wenn man die unsichtbare Arbeits- l o s i g k e i t mitberücksichtigt, ist das deutsche Arbeitslosenheer im Sommer 1932 aus etwa 7,9 Millionen zu schätzen. 7,6 Millionen arbeitsfähige und arbeitswillige Menschen standen in der besten Jahreszeit außerhalb des regelrechten Arbeitsprozesses und waren aus össentliche Unterstühung, ksilse der Familienongehörigen— sosern diese selbst noch was zu essen hatten—, gelegentliche Schwarzarbeit oder Betteln angewiesen! Seither ist diese Zahl weiter gestiegen. Zugleich hat sich unter den Beschäftigten in einem bisher unbekannten Maße die Kurz- arbeit oerbreitet. Es genügt zu erwähnen, daß unter den beschäftigten Gewerkjchaftsmit- gliedern gegenwärtig rund 49 Proz. in Kurzarbeit stehen! Im Herbst 1932(d. h. noch vor dem Einbruch der Wintersröste) verteilten sich die Arbeitnehmer Deutschlands wie folgt: Vollbeschäftigte.. 7,9 Will, oder 37,2 Proz. Kurzarbeiter... 3,2 Mill. oder 23,9„ Arbeitslose: b. d. ArbeitsäiMern 5,2 Mill. oder 25,9„ unsichtb. Arbeitslose 2,4 Mill. oder 11,9„ Mit diesem„Erfolg" haben die Kapital! st«n ihre soziale Funktion als Arbeitgeber erfüllt! Zur Massenarbeitslosigkeit und Kurzarbeit ge- seilte sich der brutale Lohnabbau. Die taris- lichen Lohnsätze wurden im Vergleich mit dem Höhepunkt vom Ende 1939 um 29 bis 25 Proz. gekürzt. Berücksichtigt man dabei den Wegfall übertarislicher Verdienste, so ergibt sich eine Senkung des Stundenverdienstes um 25 bis 30 proz., in einzelnen Berufen noch mehr.'Dieses Maß der Lohnkürzung gilt aber nur für die Voll- beschäftigten. Bei den Kurzarbeitern fällt darüber hinaus etwa ein Viertel ihres Wochen- Verdienstes weg. Etwa 5 Millionen Ar- b e i t e r und Arbeiterinnen haben in diesem Jahre einen Wochcnverdienst nach Hause gebracht, der kaum höher war als die Unterstützung, die vor einem Jahr den Arbeitslosen ausgezahlt wurde! Do es aber un- gerecht wäre, einen beschäftigten Arbeiter soviel verdienen zu lassen, wie ein Arbeitsloser an Unterstützung erhält, mußten eben die Unter- stützungssäge gekürzt werden! Freilich sind im Jahre 1932 auch die Reichsbank vor Jahresschluß Noch keine Ultimobelastung Der Reichsbankausweis für die vorletzte Iahreswoche läßt noch nichts von Vorbereitungen der Banken für die Jahresschlußbilanzen erkennen. Der Druck wird in diesem Jahre auch weniger stark sein, da durch die Gründung der beiden im „Vorwärts" mehrfach besprochenen Stützungs- inftitute ohnehin eine Entlastung der Banken eintreten wird. An Flüssigkeit Hot es übrigens den Banken in der letzten Zeit ja ohnehin weniger gefehlt als an der Solidität der ausstehenden Kredite. Reichsbankkreditc wurden wieder kräftig zurückgezahlt: die Bestände an Handels- wechseln gingen um 91 aus 2545,7, die an Reichs- schatzwechseln um 34,9 aus 8,5, die an Lombard- darlehen um 7,3 aus 193,1 Milliarden Mark zurück. Eine leichte Ultimobewegung hat man vielleicht in der Vermehrung der fremden Gelder um 32,2 aus 389,3 Millionen Mark zu erblicken. Der Notenumlauf ging wieder zurück, um 29,2 aus 3371,2 Millionen bei den eigentlichen Noten, um 1,3 aus 399,5 Millionen bei den Rentenbankscheinen. Die Deoiscnbilanzwar Preise zurückgegangen. Die Senkung der Lebenshaltungskosten ist aber weil hinter der Kürzung der Löhne zurückgeblieben Der amtliche Inder der Lebenshaltungskosten war Ende" 1939 141,9, Ende 1931 139,4, Oktober 1932 119. In diesen Zahlen ist die Steigerung von Steuern und Versicherungsbeiträgen nicht verrechnet. Unter Berücksichtigung dieser Mehr- belaslung des Arbeiterhaushaltes hat die Sen- lüng der Lebenshaltungskosten die Lohnkürzung kaum zur Hälfte ausgleichen k ö n n.e n! Dos reale Einkommen der deutschen Arbeiter- klasse war im August 1932 etwa um 50 pro;. geringer als vor zwei Jahren. Der versuch, mit hilse des Lohnduinpings den Iveltmorkt für deutsche Waren zu erobern— wenn man unterstellt, daß diese Ab- ficht ernstlich bestand und nicht lediglich als vorwond für den Lohnabbau diente—, ist Näglich mißlungen. Vom Januar bis Oktober 1932 lhü Deutschland Waren für 4,8 Milliarden Mark ausgeführt gegen 8,1 Milliarden in derselben Zeit im Vor- jähre und 19,2 Milliarden im Jahre 1939. Diese Zahlen geben das Maß des Zusammen- schrumpsens der deutschen Wirtschast wieder. Rein objektive Bedingungen waren im verflossenen Jahre eher für einen wirtichastlichen Ausstieg günstig! Die Landwirtschast konnte sich einer ungewöhnlich guten Ernte erfreuen: nachdem in den Jahren 1939 und 1931 die Ernte an Hauptgetreidearten rund 29 Millionen Tonnen betrug, was durchaus befriedigend war, ist sie im Jahre 1932 aus mehr als 23 Millionen Tonnen gestiegen. Zugleich ist die Industrie von der Last der politischen Verschuldung befreit worden. Andererseits ist es den Industriellen und Agrariern— mit tatkräftiger Hilfe der National- sozialisten und Kommunisten— gelungen, die Sozialdemokratie aus der öffentlichen Verwaltung zu verdrängen. Der Traum der Besitzenden nach Allein- Herrschast ging in Erfüllung. Sie haben die ergriffene politische Macht rücksichtslos ausgenutzt, um Löhne und soziale Leistungen zu kürzen. Sie haben das System von Subventionen nach ihrem Wunsch ausgebaut und die Staatskasse in eine riesige Krippe verwandelt. Schließlich ließen sie sich unter Pape» offen mit Steuergut scheinen beschenken. Das einzige, was ihnen nicht ge- l u n g e n ist, war die Verbesserung der Wirt- ausgeglichen. Die Goldbestände hoben sich sogar um 1,5 auf 899,1 Millionen vermehrt und die Devisenbestände blieben mit 117,5 Millionen fast unverändert. Die Notendeckung durch Gold und Devisen Hot sich gegenüber der Vorwoche von 29,9 aus 27,2 Proz. erhöht. Der Lehuhexport Schrumpfung auf fast ein Viertel Oer Außenhandel der deutschen Schuh- i n d u st r i e ist im Lause der vergangenen elf Monats dieses Jahres aus einen kleinen Bruchteil seines bisherigen Umfanges gesunken Die E i n s u h r ausländischer Schuhe sank im November von 11 154 aus 7313 Paaren und liegt um 99 Proz. unter den Einsuhrzisfern des Ro- oember 1931. Noch stärker aber ist der Rückgang bei der Aussuhr von Ledcrschuhen. Exportiert wurden im November nur noch 89 471 gegen 419 725 Paar im gleichen Monat des Borjahres. lionen Mark geschrumpft war. Vom Januar bis November 1932 war der Wert der Schuheinsuhr im Vergleich mit der entsprechen- schastslagc! Die industrielle Produktion ging weiter zurück, um dann auf dem Tiesstand zu verharren. Index der Industrieproduktion(üahresdurch- schnitt 1928= 100 ohne Saisonschwankung.) Die Produktionskapazität der Betriebe wurde im September dieses Jahres im Maschinenbau nur mit 27 Proz., in der Großeisenindustrie mit 33 Proz., in sämtlichen Produktionsmittel- industrien mit 31 Proz., in der Textilindustrie mit 49 Proz„ in sämtlichen Berbrauchsgüter- industrien um 42 Proz. ausgenutzt. Mehr konnte man nicht produzieren, weil die Erzeugnisse keinen Absatz fanden: ihnen steht keine kauf- kräftige Nachfrage gegenüber... Das Zahr 1932 war ein Jahr schwerer mate- rieller und seelischer Rot für die deutsche Arbeiterklasse. Für das kapitalistische System ist es aber ein Jahr der erschütternden Niederlage gewesen. Die vorhandene Wirtschaftsführung hat sich auf eine eklatante weise unfähig er- wiesen, die produktiven Kräfte zu meistern und zu lenken. Die Gewerkschaften haben unter dem Druck der Krise einen Teil ihrer Mitglieder ver- loren. Auch die Sozialdemokratische Partei wurde von einer Zahl von Mitläufern verlassen. Dies« Verluste werden bei einer besseren Kon- junktur ausgeholt. Wie wird aber der K a p i t a l i s m u s seine Verluste decken? Wie wird er das verlorene Prestige wiederherstellen, das verlorene Vertrauen wiedergewinnen, den Volksmasscn, die er zu Not und Verzweiflung getrieben hat, einreden, daß er weiter über ihr«chicksol verfügen muß? Die gegenwärtige Krise bedeutet noch kein Endo des Kapitalismus, wohl aber eine Niederlage, die sein Ende beschleunigen wird. den Zeit des Vorjahres von 5,98 aus 2,13 Mil- lionen Mark gesunken, während der Wert des deutschen Schuhexportes von 39,7 auf 8,39 Mil- Goldbarrenwährung in Südafrika. Dem Ver- nehme» nach hat die südafrikanische Regierung be- schlössen, sich besondere Vollmachten zum Erlaß eines Ausnahmegesetzes geben zu lassen, das sie ermächtigt, die Währung aus Goldbarren zu gründen und die Goldstücke aus dem B e r k e h r zurückzuziehen, damit das Goldgelb weder exportiert noch gehortet werden kann. An eine Aufgabe der Goldwährung denkt die süd- afrikanische Regierung nicht. Reuer Eisenpreiszusammenbruch. Aus der Brüsseler Eisenbörse, deren Preisbilanz für den deut- schen Eisenexport entscheidend ist, haben die Eisenpreise einen neuen Tiesstand erreicht. Stabeisen wurde zuletzt mit zwei Goldpsund zehn Schilling oder 59 Mark notiert, gegen noch 69 Mark vor wenigen Tagen und 42 Mark im Sep- tember. Abwracken bei der hapag. Die Hapag wird sechs Schiffe von 2799 bis 19 999 Tonnen init zusammen 34399 Bruttoregistertonncn aus den Jahren 1999 und 1912(relativ neu also!) aus der Deutschen Werst und bei Blohm u. Voß in Hamburg abwracken lassen. 2.3. Dezember verschied plötzlich meine innigstgeliebte Frau, Mutter und Großmutter Anna Zsdioch Nl£uus im Alter von 60 Jahren. Dies reigt tiefbetiübt an namens der Hinterbliebenen: Berlin, Schulstr. 3S/36 Wilhelm Zieh och Einäscherung: Donnerstag, den 29 Dezember, mittags 12 Uhr, im Krematorium GerichtstraBe. Todesanzeige Nach kurzem, schwerem Leiden verstarb plötzlich am I. Weihnachtsfeiertag unser heiBgeliebtes einziges Kind Rudi im Alter von 7 fahren Um stille Teilnahme bitten die tieftraurigen Eltern Wilhelm Uhlenhui und Frau K&the. Die Bestattung findet am Donnerstag, dem 29. Dezember, nach in 3 Uhr, im Krematorium Baumschulenweg, Kidholzstraße, statt Alexanderplatz Neue Königstr.4.3 Schöne Kränze liefen preiswert Blumen- Meier R ren zl auer AI 1 ee 222 Tel. Humboldt 065? Ouiffiiru)3 Dabon u DeklomrmorKm vft 4(3 lohrrn ü 3 Conrad Müller •ffljrSr Kinderland 1933 Das beste und billigste Gcsch enkbuch für unsere Kinder ist neu erschienen. 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