Kr. 6 15.|um 19£4 Hlick in Hellage öes Vorwärts flebeiLerbewegung. Vr. Th. Vrauer: Krisis der Gewerkschaften. Verlag Gustav Fischer. Jena 1924. Brauer hat der langen Reihe seiner Arbeit über die Gewerk- schaften eine weitere folgen lassen, deren Titel mehr oerspricht als ihr Inhalt zu halten oermochte. Brauer war Theoretiker der Christ- lichen Gewerkschaften, er ist dann in weltanschaulich« Konflikt« ge- raten; doch auch weiter beherrscht die christlich-soziale Grundan- schauung mit ihren bis in das Mittelalterlich« hineindringenden Wurzeln seine soziologischen Richtlinien. Sein Ideal ist ein« ständische Organisation, in der die Eemertschasten den„Stand der Arbeiter" vertreten sollen, wie früher die Zunft den Stand der mittel- alterlichen Handwerksmeister repräsentiert hat. Di« Zukunft Deutsch- lands und die Sicherung der Gewerkschaften sieht er in der„Standes- bewegung" der Arbeiterschaft. Ihr„Standesstreben" soten die Ausführungen seines Buches stärken. Viel dutzendmal kommt das Wort„Stand" auch in mannigfachen Zusammensetzungen in seinem Buche vor Kennzeichnend für diesen Standpunkt ist der Satz:„die Gewerkschaftsbewegung ist ihrem Wesen nach ausgesprochen« Standesbewegung", und gleich nachher:„die Gewerkschaftsbewegung ist Stondesbewegung, weil die Arbeiterschaft sich in der Gewerk- schaftsbewegung durch dieselbe einordnen will... So ost und auf- dringlich von ständischer Verfassung gesprochen wird, so vergeblich sucht man in dem Büchlein das Wort„Klasse". Daneben kommt ein stark individualistischer Zug in Brauers Ausführungen. Ob- gleich man durchaus nicht bestreiten soll, daß Brauer ein Beobachter der Arbeiterbewegung ist, so wird seine Einsicht in die Arbeitsver- hältnisf« durch die ihn beherrschende christlich-soziale Tendenz ge- trübt, so, wenn er die Auffassung Heinrich Lorschs, des Schmieds und Dichters für Millionen von Arbeitern, als„sicher geltend" bezeichnet. Diese Anschauung, die in dem vo� ihm ganz wiedergegebenen Ge- dicht„Der Schmied" zum Ausdruck kommt, das nnt den Sätzen beginnt: „Ich fühle und ich weiß, Daß es keinen glücklicheren Menschen gibt als mich, Und ich freue mich dessen. Ich glaube, daß selbst die christlichen Gewerkschafter für dies« Auffassung ihres Theoretikers nur ein energisches Kopfschlltteln haben werden. Professor Brauer ist ein sehr leichtfertiger Generalisterer. Er stellt es als ein« Tatsache hin, daß die Söhne der Arbeiter nach höheren Positionen als nach dem„Stande" ihrer Väter streben. Kein Zweifel, es gibt Beamte, Handelsangestellte, Doktoren, die die Söhne von Handarbeitern sind: aber wenn sich Herr Brauer mit dem Problem der beruflichen Generationenfolge der gelernten Ar- beiterschaft befassen möchte, so würde er finden, daß die Söhne zahlreicher gelernter Arbeiter nach Verlassen der Volksschule nicht in die Berufslehre gehen, sondern als ungelernte Arbeiter, als Aus- läufer und dergleichen sofort durch Lohnarbeit zum Unterhalt der Familie beizutragen suchen. Herr Brauer behauptet, daß«in Fehler der Gewerkschaftsführer, die die Krise kommen sahen, war, daß sie kaum einen Finger ge- rührt haben, um so etwas wie ein Arbeitsdienstjahr einzuführen und so an der Vereitstellung von Arbeitsmöglichkeiten mitzuwirken. Wir müssen schon sagen, daß diese Ausführungen des Herrn Brauer ganz unverständlich sind. Das Arbeitsdienstjahr steigert natürlich das Angebot von Arbeitskräften, eventuell von amtlich abgestem- pelten Streikbrechern, es macht die Technisch« Nothilfe überflüssig, es oermindert die Arbeitsgelegenheit für den freien Arbeitsmarkt, es mehrt sie nicht, es geschieh: also das unmittelbare Gegenteil dessen, was Brauer von ihm erhofft. Herr Brauer will, daß die Arbeiterbildung den Weg über den Beruf gehen solle, daß Berufsausbildung die Sorg« der Gewerk- schaften sein soll. Das kann man bequem niederschreiben, wenn man den handwerksmäßigen Betrieb und nicht die Mommutbetriebe als die Zielsetzung lmserer gewerblichen Entwicklung betrachtet. Er schreibt an anderer Stell«, es kommt alles auf die Mitarbeit an der Hebung der Produktivität an. Wenn man das lieft in einer Ar- beit, die den Gewerkschaften dienen soll, so ist man erstaunt, in diesem Zusammenhange keine Kritik der Unternehmer zu finden, die bei großen Leistungen der Arbeiter die Akkordlöhne regelmäßig herunterdrücken. Was das beste Mittel bleibt, die Produktivität der vernünftigen Arbeiter zu lähmen statt sie anzutreiben. Merkwürdig ist auch, daß in dieser der Krisis der Gewerkschaften gewidmeten Schrift der Mißbrauch der Betriebsräte zur Niederkonkurvierung der Gewerkschaften ebensowenig wie die Zellentaktik der Kom- nnmisten nicht behandell werden. So gäbe es noch manches, was einen Kenner der Gewerk- schaften. selbst einen Angehörigen der Christlichen Gewerkschaft zu einer Kritik dieser jüngsten Schrift Brauers zu veranlassen hätte; trotzdem würden wir den Gewsrkschaftsbeamten das Lesen dieser Broschüre empfehlen. Was zur Kritik Anlaß gibt, werden sie wohl ebenso finden wie der Rezensent. Wir fürchten nicht, daß auf einen halbwegs geschulten Gewerkschafter— Brauer schreibt immer Ge- werkschaftler— die rückständigen Auffassungen Brauers überzeugend wirken können. Das gilt auch nicht für seine. Erklärung der Ur- fachen der Krisis der Gewerkschaften. Aber daneben sind doch ein« Anzahl guter Beobachtungen über Ersche-inungen in den Gewerk- schaften während der letzten Zeit, die zum Nachdenken veranlassen könnten und die das Schriftchcn trotz aller seiner Fehler und falschen Einstellungen lesenswert machen. Adolf Braun. GMichtstmterncht. Dr. Siegsried kawerau: Alter und neuer Geschichts- Unterricht. Ernst Oldenburg, Verlag, Leipzig, Ivo S., Preis 1,20 M. Eins Lebensfrage für die sich wirtschaftlich und politisch organi« sierende Arbeiterdemokratie ist eine grundstürzend« Ilmgeltaltuug des Geschichtsunterrichts. Die nationalistisch-,»anarchistische Geschichts- klitterung hat in Deutschland eine wahre Blutrauschatmosphäre schaffen Helsen, unter deren dumpfem Druck die wahnwitzigsten Pläne und Anschläge Gründeutschlands reiften. Die Verherrlichung des Krieges die militärische Götzenanbetung stießen förmlich die Türen deutscher höherer Lehranstalten für ein Liederbuch, wie„Rötung" auf aus dem uns Dr. Kawerau dies« charakteristischen Proben gibt: Ta'liett man„Hoch Ehrhardt! wir folgen dir überall hin. und solltest du gegen di> Hölle Z'ehn" oder:„wir stehen und flehen zum Gott der Germanen". Zur Völkerversöhnung singt man:„Wir löffeln den Dersöhnungsbrei, der schmeckt gewiß nicht fein. Der Teufel hol' die Eselei! Soldaten müssen sein! Und auf eine gewisse Geschichts- klitterung fallen Schlaglichter, wenn es heißt:„Das Volk ward zum Verräter" und„dennoch schlugen die Memmen uns die Waffen aus der Hand"(Dolchstoßlegende). Dazu kommt brünstiger Sehnsüchte- schrei nach altem Beöicntentum vom gekrönten Narren:„Kaiser, wir grüßen dich".„Der Kaiser fehlt im Lande".„Dann stehen deutsche Fürsten auf und führen uns zum Krieg. Dann hört das Kettentragen auf(!), dann geht's zum Freiheitssieg." Den Boden für das üppiche Wuchern einer derartigen mords- patriotischen Poesie lockerte ein Geschichtsunterricht, in dem die kata- strophalen Ereignisse der letzten Jahrzehnte in einer Weise gelehrt wurden, als lägen die Dokumente über die Entstehung des Weltkriegs noch im dicksten Aktenstaube, als hätten die wahrheitsmutigen Zeugen, die mit innerlicher Ergriffenheit die verhängnisvollen Wandlungen der deutschen Weltpolitik durchlebten, niemals gesprochen. Das, was die historische Wahrhertsforschung der letzten Jahre zutage gefördert hat, läßt Dr. Kawerau mit feurigen Zungen gegen die heutigen historischen Lehrbuchfabrikanten sprechen, in deren Arbeiten die alt« „patriotische" Legende ruhig fortspinnt. Mit vielem Geist hat Kawerau seine Geißelhiebe auf die Rücken der historischen Leitfaden- fchreiber des„alten" und des„auf neu renovierten Geschichts unter- richte" verleilt. Das zweite Kapitel des Kawerauschen Buches:„Vom üblichen Geschichtsunterricht" fährt schweres Geschütz gegen den geschichtlichen Unterrichte„betrieb" unserer Tage auf. Nach radikalem Niederreißen des Alt-Brüchigen und Dumpf- Stockigen im Geschichtsunterricht schreitet Kawerau zu dessen Neu- aufbau. An zwei Boraussetzungen bindet er eine wirkliche Neu- gcstaltung des historischen Unterrichts:„Die Jugend muß handelnd, körperlich-fchaftend, wirtschaflliche Werte erzeugend, in einer Pro- duktionsfchule tätig sein, und die Jugend muß in dieser Schule unter eigener Verantwortung und Mitwirkung leben, muß unter dem Ge- setz de? Gemeinschaft und der Arbeft als einem bewußt erfüllten Lebensdienst stehen statt unter dem Gesetz des Profites und Zwan- ges". Arbeitend, schaffend dringt das Kind in die schöpferischen, in die geschichtsbildenden Kräfte ein. Di« organisierte, gesellschaftliche Arbeit, sich stets wandelnd und zur Lösung immer größerer sozialer Aufgaben ausholend, gestaltet die Geschichte der Menschheit. Aus dem Erleben der Gegenwart steigt das Kind zur geschichtlichen Ver- gangenhcit herab. Das Kind, das vom 8. bis 11. Lebensjahr wirklich Geschichte erlebt hat. wird dann von Kawerau planmäßig im Gefchichtsunterricht fortgeführt. Wie viele historisch« Hilfs. mittel eröffnet uns Kawerau bei dieser Führung! Allein schon diese Erschließung der für den Unterricht brauchbaren historischen und soziologischen Literatur macht seine Arbeit für die weitesten Volkskreise äußer st wertvoll. Er trägt uns ein förmliches System wegweisender Gedanken für die theoretische Schulung der Jugend vor. Und die Methode des soziologifchen Unterrichts erörtert er an der Hand einer tiefschürfenden Analyse des Romans:„Frau Mari« Orubbe" von Jens Peter Iakobfen. De? soziologische Geschichtsunterricht Kaweraus steuert in die große Richtung der Lebensreform hinein. Neu« und volle Würdigung des Alltags, der Arbeit.„An Stelle dieses Lebens nach Schein und Nichtigkeit wollen wir ein Leben nach Wahrhaftigkeit und Würdig- keit. Der Alltag und die Arbeit sollen heilig gesprochen werden." Von dem Geschichtsunterricht muß eine lebenweckende, die mensch- lichen Energien entfesselnde Kraft ausgehen. Nicht Totes soll der Geschichtsunterricht wieder lebendig machen. Das Lebendige in der Vergangenheit pulst auch heute noch in der Geschichte. Die geschichts- gestaltende Kraft der Arbeit wirkt gleichsam ewig. Weshalb treiben wir moderne soziologisch« Geschichte? Diese Frage beantwortet uns eben die treffliche Arbeit des Genossen Kawerau. Wir wollen die gegenwärtige Gefellschaft tiefer oerstehen lernen, damit wir zielklarer und erfolgreicher als bisher an der Höherentwicklung der Gesellschaft arbeiten können! Paul Kampffmeyer. ?ugenüprobleme. Johannes Schult: Das Jugcndproblem in der Gegenwart. Arbeiierjugend-Verlag. Berlin. 88 S«iten. Preis 0,70 Mark. Das lang« vergriffene Buch ist in dritter, bedeutend erweiterter und vermehrter Auflage erschienen. TJn der ersten Hälfte des Buches entwirft der Verfasser ein teilweis« erschütterndes Bild von den Hemmnissen, die das Wirtschaftsleben unserer Zeit der freien Ent- faltung junger Menschen bereitet. Zum Schluß zeigt er, wie die Weg«, die die sozialistische Weltanschauung uns weist, auch der Jugend die Möglichkeit einer ungehemmten Entwicklung eröffnen werden. Die zweit« Hälfte des Buches behandelt die Probleme, die das gesellschaftliche Leben für die Jugend aufrollt. Auch hier muß der Verfasser ein Bild der Zwiespältigkeit und der Gefahren entwerfen, die das Leben der Gegenwart für die Jugend des Proletariats ent- hält. Besonders gedankenvoll und selbständig ist der Abschnitt „Jugend und Autorität". Gut ist auch das Kapitel„Jugendgemein- schaften". Was der Verfasser über die ungleich besseren Entwick- lungsmöglichkeiten der Jugend im Mittelalter sagt, ist sicher etwas einseitig. Im ganzen ist das Buch ein ausgezeichnetes Spiegelbild der Sehnsucht unserer proletarischen Jugend nach einer höheren Lebens- gestaltung. Was in den letzten zwei Jahrzehnten in unserer Jugend braust und gärt und immer mehr Form gewinnt in dem bewußten Willen zur Schaffung eines besseren Lebens, das ist in dem Büchlein wiedergegeben. Sein« Lektüre kann jedem Genossen empfohlen werden. Unser Weg. Die Arbeiterjugendbewegung 192 3. Arbeiterjugend-Verlag, Verlin. 66 Seiten. Preis 0,60 Mark. Was dem Parteigenossen, der nicht aktiv in unseren Jugend- organisationen mitarbeitet, als eine erfreulich« geistige Bewegung erscheint, das dokumentiert sich in dem vorliegenden Bericht, den der Haupworstand des Verbandes der Sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands für das Jahr 1923 erstattet, als ein Werk, das allen Schwierigkeiten zum Trotz mit wahrem Feuereifer von den Jugend- lichen aufgebaut wurde. Gering waren die Schwierigkeiten im Jahr« 1923 gewiß nicht. Unsere Jugendbewegung aber hat sich tapfer gehalten und emsig weitergebaut. Der Arbeiterjugend-Verlag hat ein« ganze Anzahl neuer Bücher, zum Teil in sehr großen Auf- lagen, herausgebracht. Ebenso war die eigene Einkaufszentcal« dem Verband wie den Jugendlichen in den Zeiten der Inflation«ine große Erleichterung. Mit Recht ist die Berichterstattung über die Mitgliederbewegung und über die Kassenverhältnisse auf das notwendigste beschränkt und dafür die lebendige g e i st i g e Bewegung mehr zum Ausdruck gekommen. In einem besonderen Kapttel wird berichtet über den 3. Deutschen Arbeiterjugendtag in Nürnberg. Gut reproduzierte Photographien von diesem Jugendtag und von Ferien- Heimen und Herbergen, die der Arbeiterjugend gehören, erhöhen den Wert des schmucken Büchleins und geben ein anschauliches Bild von dem Leben unserer Arbeiterjugend, Anna Geyer. Eduard Spranger: Psychologie des Jugendalters. Verlag Quelle u. Meyer, Leipzig. 1924. 366 S. Der Pädagoge und Psychologe Spranger will«ine ver- stehende Entwicklung der Psychologie geben, er will den Menschen in seiner Jugend, zeit aufzeigen, das Hineinwachsen der Jugend in die Kultur, ihr Verhalten zur Welt und zum Leben. Sein Werk versucht eine psychologische Gesamtcharakteristik der Jugend, und diese Aufgabe löst es meisterhaft. Die Jugend, wie sie leibt und lebt, wie sie mit sich und der Umwelt kämpft, wie sie sich zu ihrem Eigenleben durchringt, ersteht vor den Augen des Lesers in ihrer ganzen Schönheit und Derbheit, mit ihren Schwächen und Stärken, ohne Uebcrschwang und Schminke. Ihre Abgeschlossenheit beim Be- dürfnis, verstanden zu werden; ihre trotzige Selbständigkeit bei den sie beherftchenden Minderwertigkeits- und Veeintröchtigungs- gefühlen; ihr selten gefülltes Sehnen, geführt zu werden, bei immer wieder durchbrechendem Drang, ihr Leben selbst einzurichten— all das findet hier tief« und treffende Erklärung. Di« Forderungen, die Svranaer in bezuq auf das Verstehen der Jugend aufstellt, erfüllt sein Buch im höchsten Maße.„Zum echten Verstehen— sagt er— ist ein über dem Standpunkt des unmittelbaren Lebensbswußtseins hinausgehendes. Wissen um objektive geistige Zusammenhänge der verschiedensten Art erforder- kich". Und an anderer Stelle:„Verstehen heißt geistige Zusammen- hänge in der Form objektiv gültiger Erkenntnis als sinnvoll auf- fassen."„Und Sinn hat, was in ein Wertganzes, als konstituierendes Glied eingeordnet ist." Dieses Sinnvoll« deckt nun der Autor in allen Lebenserscheinungen der Jugend auf. Das, was er über Sexualität und Erotik der Jugend in ihren Beziehungen, zueinander und über jede dieser Erscheinungen für sich sagt, was er über das Hineinwachsen der Jugendlichen in die Gesellschaft, über ihre sitt- liche Entwicklung, über ihr Rechtsbewußtsein, über ihre Beziehun- gen zur Politik, zum Berufsleben, zum Wissen und zur Welt- anschauung ausführt, ist so einleuchtend und zum Nachdenken an- regend, daß seine Schrift jedem empfohlen werden kann, der die eigenen Gesetze der Jugend verstehen lernen will, um ihr den qual- vollen Weg zu ihrem eigenen Ich und zum wahren Menschentum zu erleichtern. L. R. Dr E. v. karmänn: Die Diebstähle der Kinder.— Dr. Hugo Sauer: Jugend beratungsstellen. Verlag R. Oldenburg, Leipzig. Preis jedes Bändchens 1,20 M. Kärmänp, Jugendrichter in Budapest, ist gleichzeitig Leiter des Institute für Kriminalpädagogik. Wo er in seinem Büchlein über Ursachen und zum Teil auch über Erkennen der Diebstähle von Kindern spricht, ist«r mitunter nur schwer verständlich, auch leuchten seine Darlegungen nicht immer ein. Seine Grundanfchauung jedoch, daß die Diebstähle der Kinder eine soziale Krankheits- erscheinung sind, kann man nur unterschreiben. Sehr inter- cssant ist seine Beobachtung, daß Lieblosigkeit der Eltern zur Miß- achtung ihres Eigentums und somit auch des Eigentums überhaupt durch die Kinder führt. Wo der Autor weiter auf die Therapie, die Erziehung dieser diebischen Kinder zu sprechen kommt und als Kriminalpädagoge aus dem Reichtum feiner praktischen Erfahrung schöpft, erhält man die wertvollsten' Anregungen. Seine Schrift kann deshalb gute Dienst« leisten. Dr. Sauers Schrift steht in einem inneren Zusammenhang mit der ersten. Er will durch seine Iugendberatungsstellen vorbeugen, Unheil oerhüten, den Jugendlichen innere Konflikte ersparen, ihrer Vernichtung durch die„strafende" Gesellschaft entgegenwirken. Die von ihm angeführte Selbstmordstatistik der Jugendlichen wird zu einer Anklage, die Statistik der Kriminalität und der Fürsorge- zöglinge desgleichen. Daß ein so einfacher Gedanke wie der, aller- orts Männer und Frauen, die die Jugend verstehen und denen die Jugend vertraut, als Berater der fühnungsbedürftigen Jugend zur Verfügung zu stellen, auf so viele Widerstände stoßen konnte und erst in so wenigen Orten durchgefühlt ist, beweist nur von neuem die Dickhäutigkeit und die Verständnislosigkeit der Erwachsenem für die Nöte der Jugend. Dr. Sauers Büchlein sollte eifrig gelesen und seine Vorschläge auch in der sozialistischen Jugendbewegung beherzigt werden. Justus. Literatur. Arno holz: Des berühmbten Schäffers Dafnis salbst oerfärtigte/ Sämbtliche Freß-, Sauff- und Venus-Lieder. Verlag I. H. W. Dietz Nachf., Berlin, Preis 8 Mark. Von der mit Spannung erwarteten Dietzfchen Ausgabe des Ge- samtwerkes von Arno Holz liegt ein Band, der berühmt«„Dafnis", nunmehr vor. Die Bibliophilen lecken sich alle zehn Finger: es ist die endgültige, um einige bisher nicht veröffentlichte Stücke bereicherte Fassung, die der Dichter aus der Hand gibt. Aber auch alle, für die der„Dafnis" nicht bloß ein Buch unter Büchern, sondern ein Stück Freude im Haus bedeutet, werden dem Verlag dankbar sein, daß er eine ebenso gediegene, wie immerhin erschwingliche Ausgab« des be- rühmten Werkes herausgebracht hat. Kein Staatsanwalt wetzt heute mehr das Messer wider des Dafnis sauf- und sangesfrohe Kehle. Und wenn es ein Lehrbeispiel dafür gibt, daß man Frau Venus in allen ihren Reizen einem pp. teutfchen Publica zu präsentieren sich unterfangen darf, ohne daß selbst dieses sehr verehrliche Publikum sich aus seine moralischen Leichdörner getreten fühlt, so ist halt der „Dafnis" eben dieses Lehrbeispiel. Es hat heut« auch in der Familie des Herrn Oberlehrer Heyse- rich keinen ersichtlichen Zweck mehr, den„Dafnis" vor der frischkon- schmierten Haustochter zu verschließen,— sie liest ihn ja doch. Sinte- malen die Äugend einem Dichter auf Knien dankt, wenn er ihr be- sagte Venus zeigt, ohne dreckige Hintergedanken zu haben. Und auch der puritociischeZopf hat sich mit der pantagrulischen Tafel im Blauen Oriflanten ausgesöhnt, nachdem die moderne Soziologie schließlich keinen zureichenden Grund gegen die Richtigkeit des Satzes anzufüh- ren vermag, daß, wenn Bacchus und Ceres nicht mittun/ Venus kalte T@ Qfe>0p w?ip hoffen ihren Sie�esfauf nicht durch eine Preiserhöhung hemmen.� W?er die "KLEINE iHASSARY'Vauchnmuss zugeben. dqss hier für 2� /Ausserordentfiches geboten \�ird.....;____'.............. fllrteifen Sie sefbst! 0 G Füße friegt. Rur in fodpfäffifchen Kreffen, beren intimes Geeten| leben ewiges Rätsel bleibt, mudert und medert man noch gegen den ,, Dafnis". Aber auch hier, und das ist das Nachdenkliche an der Sache, nicht mehr mit der gewohnten Traute, der Ton ist unsicher geworden. Einer hat mal gesagt, der ,, Dafnis" sei letzlich doch nur etwas für literarische Feinschmecker; es erfordere eine intime Kenntnis des Opizdeutsch, wenn man die sprachlichen Finessen und Delikatessen recht auf den Grund austoften will. Lieber Arbeitsmann: laß dich um Gotteswillen nicht verblüffen und mißtrauisch machen! Du bist nach der zweiten Seite durchaus im Bilde dieser entzückenden Sprache der urgroßpäterlichen Drollerien, amüsierst dich prachtvoll, spürft tiefe Weisheiten auf und haft eine gespaßige Einführung in das Allegorienbukett antifen Göttergewimmels gratis obendrein. Was zur Geschichte des Dafnisbuches zu sagen ist, erzählt 5 ans W. Fischer in einem liebevoll geschriebenen Vorwort. Schließlich: der Krieg ist zu Ende, und so übel die Zeit auch noch immer sein mag, es bleibt doch immer noch eine Stunde übrig, in der man fich in die Rosenlaube setzen mag. Dafnis ist, wenn man ihn historisch beſtimmen" will, ein Mann, der nach dem Dreißigjährigen Krieg lebt. Man kann überzeugt sein, daß auch jene Nachkriegszeit fein Bergnügen war. Aber er fagt dieser Dafnis und das gehört mit zu den föstlichsten Wort- Juwelen, die Deutschlands Volk gegeben worden sind, er sagt über die Zeit, indem er das Wesentliche herausschält: Mit Flöten und mit Leŋren Wollen wir dihß fenren: Die Fenster haben wibber Scheiben/ Weil die Leutnamts Kühe dreiben! Es ist halt aller Hoffnung Anfang, so die Leutnamts Kühe drei ben! Und so greife man zu diesem Buch des Optimismus, zum Dafnis", dem unverwüstlichen! Friedrich Wendel Rechtsprechung. Dr. A. Baumbach: Taschenausgabe der neuen Zivil. prozeßordnung. Verlag Otto Liebmann, Berlin. Preis 5 M. Die neue Zivilprozeßordnung, die am 1. Juni in Kraft getreten ist, stellt in ihrer jezigen Gestalt ein völlig neues Gefeß dar. Die neuen Bestimmungen interessieren deshalb nicht bloß den Juristen, sondern auch weitere Kreise, zumal ein Teil von ihnen auch für das Arbeitsrecht von erheblicher Bedeutung ist. Denn da, wo fein Gewerbe- oder Raufmannsgericht besteht, sind die ordentlichen Gerichte nach wie vor für die Entscheidung von Arbeitsstreitigkeiten zuständig. Die Dom Senatspräsidenten beim Kammergericht Dr. Baumbach herausgegebene Taschenausgabe enthält nicht nur das neue Gesez in wortgetreuem Abdruck, es sind in ihr auch die einzelnen Paragraphen tommentiert.( Die Erläuterungen find allerdings furz gehalten und teilweise nur dem Fachmann verständlich.) Außerdem ist im Anhange u. a. das Gerichtstoftengeset und die Gebührenordnung für Rechtsanwälte abgedrudt. Das sehr ausführliche Sachregister erleichtert das zurechtfinden in dem neuen Gesez Wer sich über den neuen Rechtszustand schnell informieren will, dem sei die Anschaffung der Taschenausgabe empfohlen. C. F. Kleine Anzeigen. Das Bibliographische Institut in Leipzig hat als Sonderdruck aus Meyers Klassiterausgaben eine Ausgabe von Goethes " Faust" herausgebracht, die von allen Literaturfreunden begrüßt werden wird. Der vorzüglich ausgestattete Band enthält eine umfangreiche Einleitung des bekannten Goethe- Forschers Robert Betsch über die Vorgeschichte des Faust sowie zahlreiche erläuternde Anmerkungen des Herausgebers. Ferner enthält das Buch sämtliche Pläne und Entwürfe zum Fauft, die in Goethes Nachlaß gefunden wurden. Im Verlag Bruno Cassirer- Berlin ist ein schön ausgestatteter Band von Goethes Novellen und Märchen erschienen, die aus„ Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren", den„ Guten Weibern" und den Wahlverwandtschaften" entnommen sind. Die Ausgabe bildet eine willkommene Bereicherung der Goethe- Literatur. In einer sehr reizvollen Ausgabe hat F. v. Oppeln Bronttomsti im Wegweiser- Verlag, Berlin, das persönliche Testa ment Friedrich des Großen herausgegeben. Das Büchlein enthält neben einer mit Menzelschen Zeichnungen geschmückten deut schen Uebertragung die originalgetreue Wiedergabe des Testaments, das als kulturhistorisches Dokument bauernden Wert besitzt. Neue Bücher. ( Besprechung der eingegangenen Schriften bleibt vorbehalten.) Mag Adler. Neue Menschen. E. Laub, Berlin. C. Arriens. Mosait des Völkerlebens. Thüringer Verlagsanstalt, Jena. Michael Bakunin. Gesammelte Werke Band III. Der Syndikalist, Berlin. A. Bogdanow. Entwicklungsformen der Gesellschaft und die Wissenschaft. Nite- Verlag, Berlin. Georg Brandes. Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts. Erich Reiß, Berlin. Mag Brod. Leben mit einer Göttin. Kurt Wolff, München. Wie immer an der Spitze! 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