Ar. 16 18. Dezember 1927 Blick in die Bücherwelt Volkstümliche Naturwissenschaft. Billige Bücherreihen. I wirtschaft gibt eine sehr vollständige Uebersicht über Erzeugung und Berwertung der Elettrizität, viele schöne Photographien und andere Bilder zeigen die neuesten riesigen Dynamomaschinen und Trans: formatoren und die berühmtesten Großfraftwerke. Neben den Riesen aber die Zwerge, es wird der elektrische Haushalt gezeigt. Das Buch ist unentbehrlich für jeden, der sich für die Erzeugung und Vertretung der am meisten gebrauchten Naturkraft interessiert. Ein sehr schönes und besonders für jeden Marristen wertvolles Buch ist auch das schon genannte Buch von Professor Schapel. Es ist in der deutschen populärwissenschaftlichen Literatur bisher noch nicht gewagt worden, eine so vorbehalt und rückhaltlose Darstellung der rein naturwissenschaftlichen Fragen des Geschlechtes zu geben. Schagel beginnt die eigentliche Darstellung mit der Liebe der Einzeller, deren Fortpflanzung eine einfache Teilung ist, und leitet dann über auf die verwickelteren Fortpflanzungsarten der Knospung und Sprossung bis zur echten, bei den Säugetieren allein üblichen Mischliebe. Besonders wertvoll macht das Buch, daß es nicht schamhaft von allen möglichen Tieren redet, von denen dann gelegentlich einmal zum Menschen herüber geschaut wird meist muß das der Lejer ganz selbständig tun, sondern daß Scharel offen meist vom Menschen selbst spricht und an ihm das andere verständlich macht. Den sekundären Geschlechtsmerkmalen ist ein etwas enger Raum gewährt worden, dafür ist das abschließende Kapitel über„ Geschlecht und Gesellschaft" sehr lesenswert. Algemeinverständliche naturwissenschaftliche Bücher find auch im Laufe des Jahres 1927 wieder in größerer Zahl erschienen, nur ftimmte leider bei vielen die Volfstümlichkeit der Darstellung und der Sprache nicht mit der Bolkstümlichkeit des Preises überein. Bei einer Uebersicht über die auch in dieser Hinsicht wirklich volkstümlichen Bücher des Jahres 1927 müssen die Buchbeigaben des Kosmos genannt werden. Als erste erschien aus der Feder des bekannten Zoologen Dr. Kurt Floeride ein Bändchen Aussterbende Liere". Es handelt sich bei diesen aussterbenden Tieren allerdings nicht um aussterbende Tiere im allgemeinen, wie man aus dem Titel schließen möchte, sondern um aussterbende Tiere Deutschlands. Also ein Buch, das jeden Naturfreund besonders nah angeht. Biber, Nerz, Luchs und Uhu schildert uns Floericke, das Biberkapitel mit schönen Naturaufnahmen aus dem legten streng geschützten Biber revier bei Magdeburg von Amtmann Behr. Auch die anderen Kapitel sind durch gute Photographien illustriert. Das 80 Seiten starke Bändchen fostet broschiert( wie auch die im folgenden er wähnten Kosmosbändchen) 1,50 mt, in Ganzleinen gebunden 2.40 m. Als zweites in der Reihe der Kosmosbändchen erschien Wilhelm. Bölsches Bernsteinwald" Es ist faum nötig, zu einem Buche Wilhelm Bölfches auch noch etwas zu sagen, oder ihm gar eine Empfehlung mitzugeben. Wie immer in seinen Arbeiten gibt Bölsche zunächst die Geschichte des in Frage kommenden Gegenstandes. Der zweite Teil des Buches ist dann ganz dem natur wissenschaftlichen Fragentompler um dies versteinerte Urweltharz gewidmet, die perjchiedenen Theorien und Deutungen ziehen chronologisch geordnet am Leser vorüber. Zum Schluß entsteht ein farbenprächtiges Bild des verschollenen Urwelturwaldes der älteren Tertiärzeit, Das dritte Kosmosbändchen Bas ist Magne tismus wurde von Hanus Günther verfaßt und stellt eine Fortfegung und gewissermaßen einen Abschluß seines fchon 1912 erichienenen Kosmosbändchens Was ist Elektrizität" dar. Die Dar- dimir Misar( D.a's Weltbild der heutigen Physit", stellungsart des neuen Buches ist dieselbe wie in dem ersten, das Günther im Anschluß an den Engländer Gibson niederschrieb: er läßt eines der Atome der Elektrizität, ein Elettron, erzählen. Und das Elektron kennt die neuesten Gedanken der Phyfit, über die immer wieder absonderliche Erscheinung des anziehenden Eisens. Bie üblich, erfährt man die ganze Geschichte der Forschung, damit man die neuesten Gedanken besser verstehen kann, die in der Elektronentheorie gipfeln. Auch die„ llrania" in Jena hat ihren Abonnenten wieder nier Buchbeigaben befchert, die, broschiert 150 m., in GanzTeinen gebunden 2 m foften 3mei von den vier Bändchen find rein foziologisch( Im Schweiße beines Angesichts von Dr. Julius Eisenstädter, eine Einführung in die gefellschaftliche Organisation der Arbeit, und Soziologie und Sozialis mus", eine Einführung in die materialistische Geschichtsauffaffung non Prof. Dr. Th. Hartwig). Die beiden anderen Bücher find: Dr. Rudolf Lämmel: Moderne Elettrowirtschaft und Prof. Dr. Julius Scharel: Das Geschlecht". Lämmels ElettroZu den Bändchen der Urania" und des Kosmos" tommen nur noch wenige billige entsprechende Buchserien. In den sonst recht empfehlenswerten Reihen der Sammlung Göschen und des Verlags Teubner( Aus Natur und Geisteswelt") ist diesmal leider nichts Bemerkenswertes zu vermelden. Die Monistische Bibliothek( Berlag Hamburg 36) hat zwei gute Heftchen von Win1. Atomismus der Materie, 2. Atomismus der Energie, Preis je 0,45 M.) herausgebracht. Auch durch die Lehrmeister Bücherei" des Berlages Hachmeister u. Thal in Leipzig weht ein frischer naturwissenschaftlicher Zug. Hier schrieb, Mar Balier eine Einführung in die Welteislehre", die das umstrittene Thema bedeutend fritischer und steptischer hätte behandeln können, und ich selbst ein Büchlein vom Leben auf anderen Planeten unter dem Titel: Mars der Kriegsplanet". Jedes dieser Hefte tostet 0,90 m. Zum Schluß sei noch auf einige sehr gute Neuerscheinungen der Sammlung Wege zum Wissen des Ustein- Verlages hingewiesen. Lesenswert ist Band 81 der Sammlung Der Körper des Menschen" von Dr. Adolf Heilborn. Die Kleinwelt der Urtierchen" von Prof. Dr. C. Günther ( Bd. 82) und Band 85, Von Kopernitus bis Einstein", in dem Prof. Dr. H. Reichenbach sehr schön und anschaulich den Wandel unseres Weltbildes: zeichnet, fowie die beiden Bändchen des Genossen Dr. Bruno Borchardt„ Die Sonne" und„ Der Mond". Willy Leg. Beilage des Vorworts Neue Sprechchorliteratur. Das proletarische Massengefühl hat sich ein neues Ausdrudsmittel gefchaffen: den Sprech chor. Was nicht der einzelne int jeinem stillen Rämmerlein denkt und empfindet, sondern Taufende und Millionen gleichzeitig, und was erst dadurch, daß eben die Masse es empfindet, feinen Wert bekommt, das soll auch von einer Bielheit vorgetragen werden und nicht vom Einzelnen allein. Als griechischen Tragödie zurückgriff, war die Zeit für das Theater der Schiller mit der Braut von Messina" auf den Chor der alt= Maffe noch nicht reif. Es kam um hundert Jahre zu früh. Aber wir haben den Wint verstanden. Wir knüpfen ebenfalls an die äugeln mit der Mysterienbühne des Mittelalters, die mit ihrem alten Griechen wieder an. Das ist weit nützlicher als das Liebspezifisch kirchlichen Zwed uns durchaus fremd geworden ist. Allgespiele und ähnliche Harmlosigkeiten betrieben, die so gar nicht un zulange hat unsere Arbeiterjugend schon dieses minigliche Reigenunser Maschinen- und Jazz- 3eitalter mehr hineinpassen wollen. Der Sprechchor will uns von dieser Buzenscheibenmode losreißen. Er fordert neue Inhalte. Mit Anleihen bei der bürgerlichen Idevlogie ist uns nicht gedient. Was Anna Siemien für die bildende Kunst verlangt, gilt auch hier: eine entschiedene, fompromißlose proletarische Ausdrucksfulnur. Wie die durch das Mittel der Sprechchöre in die Wege zu für Sprech dhore" von Adolf Johannessohn, der im Arbeiter: leiten sei, das zeigt uns ein ganz ausgezeichneter„ Leitfaden jugend- Berlag erschienen ist. Alle technischen Fragen werden hier erörtert, die der Berfasser als Chorleiter aus der Praxis genau fennt. Mehr Sorgfalt als bisher muß auf die Vorbereitung gelegt merden, richtige Lautbildung, die nur durch Atemgymnastik erzielt werden fant, und dialektfreie Aussprache sind Borbedingungen. Zu dem sprachlichen Ausdruck gesellt sich der Ausdruck der Gebärde, der Bewegungschor. Tonhöhe und Tonstärke, überhaupt die musikalischen Elemente, find als Wirkungsmittel zu pflegen. " Was sollen die Sprechchöre vortragen? Die Literatur ist durchaus nicht so färglich, wie man vielfach behauptet. Außer den eigentlichen Sprechchordichtungen fönnen alle guten, alle wahrhaft tollektiv empfundenen Arbeiterdichtungen durch den Chor vorgehagen werden. Greifen wir zu den Gedichten der Achtundvierziger, eines Herwegh etwa, aber auch zu Heines Webern", dann zu Berhaeren, zu Bröger, Lerich, Barthel, Engelte, Petzold: welch ein Reichtum tut sich vor uns auf. Aber auch die Sprechchordichtung im engeren Sinne mird von Jahr zu Jahr eifriger gepflegt. Es gibt, wie das bei neuen Bersuchen natürlich ist, allerhand Entgleifungen. Es gibt vor allem ein bequemes Schema, das sich manche zurechtgelegt haben; Klagende, die am Boden hocken im Dunkeln, worauf es langfam hell wird und die Jugend als Befreierin auf marschiert. Damit ist unser Bedarf hinlänglich gedeckt. Es gibt aber auch echte Chordichter. Der Arbeiterjugend- Berlag stellt sie uns vor: Karl Bröger, den Schöpfer des, Morgen" Barthel mit Drei tleinen Sprechhören", Bruno Schönlank, der eine sehr wirkungsvolle Dichtung aus dem Holländischen. Erwachen" übersetzt hat, hat im Gespaltenen Menschen" und in dem Spiel zur Jugendweihe Seid geweiht!" einen besonderen Stil geschaffen für diese neue Gattung: eine ganz tnappe, schlagmortartige Sprache, die das Tempo unserer Zeit vorzüglich wiebergibt. Auf ähnliche Art ist„ Der Auf" Mar Heute von 2-6 geöffnet In unseren Filialen Tanentzienstr. und Brunnenstr. stehen bereits bedeutend vergrösserte Räume zur Verfügung. Silberbrokat. 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Zohu Erskine: Das Privatleben der schönen He> l e n a. Kurt Wolsf Verlag, München. 322 fc. Preis geb. 7,50 M. Stünde der alte Friedrich Theodor Bischer, der Dichter oes „Auch Einer", aus seinem Grabe auf, er hätte an dem famosen John Erskine seine ehrliche Freude. Denn mit so souveräner Ironie sind Geschichte und geschichtlicher Roman seit den Togen der Bischer- schen Pfahldorfsatire nicht mehr gehandhabt worden, dieser Helena- Roman funkelt und brennt nur so von überlegenem. Geiste. Im Mittelpunkt stehen wirklich und wahrhastig Melenaos und Helena, beider Tochter Hermione und deren Gatte Orestes, und von Agamem- non und Klytemnestra, Achill, Pyrrhus, Odysseus und den anderen Helden Homers ist auf jeder Seite die Rede. Sie alle als moderne, non europäischer Tradition belastete Menschen regieren zu sehen und sprechen zu hören, ist schon amüsant genug, weil dadurch unsere europäische Kultur in ihrer ganzen formalistischen. Mehrheit Zug um Zug bloßgestellt wird. Aber der tiefste Witz der Dichtung liegt erst in der Umkehrung aller sittlichen Vorzeichen, daß nämlich He- lenas heilige„Liebe zum Leben" das Natürliche auch natürlich zu � nehmen vermag und sie dadurch in den Köpfen eine ungeheure Verwirrung anrichtet. Melenaos, der gescheite Philister, zappelt am Angelhaken ihrer Schönheit und ihres unbestechlich geraden Verstandes, die selbstsilbere Hermkone erweist im Gegensatz zur realistisch- tatsachenfrommen Mutter prinzipienfeste Selbstgerechtigkeit als die unleidlichste all-r Tugenden, und der zynische Torhüter Eteoneus landet von her Tradition her bei der Lebensart Helenas, weil auch er .Ding als Ding, Geschehenes als geschehen gelten läßt In den Ge- sprächen dieser Hauptpersonen wird eine bürgerliche Wertung nach der anderen, Menschensatzung um Menschensatzung. Gefühl analysiert. bloßgestellt. Wie Galswortbys Forfyte-Sage, so bringt Erskines Helena-Sage mit hoher Kunst zum Ausdruck, daß die repräsentative Kultur einer Menschheitsepoche zusamt allen ihren Einschätzungen sterbensreif ist. Indem man lacht, lächelt und die erlesenen Leckerbissen des Geistes froh genießt, löst man sich von einer überhosten Bindung nach der anderen los und bekommt den Blick frei für die„Liebe zum Leben": die unsentimental und untraditionell gefchauten Tilsachen. Alfred Kleinberg. Richard Friedenkhal: Maria Rebscheide r. Vier Novellen. Jnsel-Verlag, Leipzig. 225 Seiten Vier Novellen eines jungen Erzählers von seltenem Einfühlungs- vermögen. Seiner Kunst gelingt es, absestige und seltsam verknüpfte seelische Geschicke so lebendig zu gestalten, daß wir von der ersten bis zur letzten Seite im Banne des Miterlebens stehen und die von ihm gewählten Gegenstände so wenig anstößig empfinden, wie die grausamen Schicksale der griechischen Tragödie. Die drei ersten Novellen verraten deutlich den Einfluß moderner Sexualpsychologic auf das Schaffen des jungen Dichters und jede dieser Novellen ist ein kleines, rundes Meisterstück.— Die schönste und reifste der Novellen ist wohl die dritte,„Habakuk", das Schicksal eines vor der herrschsüchtigen und gewalttätigen Liebe der Mutter zerbrochenen Sohnes, der. Deserteur, von ihr selbst den Militärbehörden aus- geliefert wird. Spielerisch und lebensfremd steht er selbst als De- ferteur außerhalb jeder durch Gesinnung oder Blutsbindung bedingten Gemeinschaft und läßt schließlich selbst ohne inneres Widerstreben fein Geschick von den starken Händen der Mutter zerbrechen. .Ärcangeli", die zweite der Novellen hat den Tod. die Ermordung Winckelmanns durch seinen Liebling zum Gegenstand; die erste der Novellen,„Maria Rebscheider", endet mit dem Selbstmord der Titel- Heldin, einer chrem Vergewaltiger in sexuelle Härigkest- verfallenen Bauerntochter. Tötende Liebe ist der Inhalt dieser drei Novellen, und es bedurfte eines Dichters, um sie trotz des gewählten heikeln Gegenstandes so zu gestalten, daß wir jeden dieser Menschen wie einen verschollenen und halbvergessenen Bruder grüßen können. '_ Rose Ewald. Neisebeschreibungen. Martin Vorrmann: S u n d a. Eine Reise durch Sumatra. Mit 25 Bleistiftzeichnungen und Aquarellen von Siegfried Sebba. Frank» furter Societäts-Druckerei G. m. b. H., Frankfurt a. M. 1927. In künstlerischem Ganzleinen. Preis 25 Mk. Dieses Buch ist sehr bunt und voll Musik und durchwoben von einem seltsamen Duft, so wie Reisende schildern, daß man auf hoher See die Gewllrzinseln riecht, bevor man sie zu Gesicht bekommt und beim ersten Atemzug eingehüllt ist in jene Atmosphäre, die den Menschen des Nordens immer wieder in abenteuerliche Fernen lenkt. Die Tropen sind schon so oft geschildert worden, daß man glaubt, es könnte nichts Neues mehr darüber gesagt werden. Soweit Tatsachen in Frage kommen, sagt Borrmann auch nichts Neues, aber wie er das sagt, was er zu sagen hat, ist das Geheimnis dieses Buches. Zustände und Landschaften in den Tropen werden uns zumeist in Voreingenommenheit vorgeführt; der eine steht nur durch die Brill« des Romantikers, der andere bleibt nüchterner Wisienschastler, der dritte erkennt in ihnen nur die Feindseligkeit und tötende Kraft der Wildnis. Borrmann bringt nichts mit als ein offenes Auge und ein offenes Herz, er erfühlt die Seele der Dinge um ihn und macht sie auch uns wahrnehmbar. Fluß und Dschungel und Berg und das blaue Meer registriert er nicht, sondern er erlebt sie. Tiere werden ihm Mitwesen, nicht niedriger, sondern nur anders als er selbst, und wenn er von den Menschen spricht, von dem unbegreiflichen Mond- menschen, den Chinesen, von den sanften Malaien und den harten, gebirgsbewohnenden Batakern, von den wandelnden Leichnamen der Aussätzigen, von Fürsten und von Tänze™, so tut er das nicht als Europäer mit überlegeuer Geste, nicht als Dichter aus Himmel- blauen Höhen romantischer Unwirklichkeit, sondern ganz einfach als Mensch. Es muß wiederholt werden: Borrmann schwärmt nicht, er gibt Wirklichkeit, aber die Wirklichkeit ist gehüllt in ein unsicht- bares Gewand, dessen nur zu ahnende Farbentöne und Faltenwürfe dem Eindrucksfähigen die letzten Feinheiten der Gestall vermittelt. Angewidert von dem Patentpatriotismus jener Kreise in der Heimat, die immer noch nicht vergessen können, daß man von ihrer Halbgott- ähnlichkeit nichts mehr wissen will, sucht und findet er den Weg zu einem Nationalgefühl, das, fern von �er Heimat, den Ansprüchen des zursickgelasiene» Vatertande« und den billigen Forderungen der übrigen Menschheit gerechi wird. Es läßt sich nicht umgehen, daß er auch über Kolonialpolttik spricht. Vielleicht ist er etwas zu optimi- stisch, wenn er denkt, daß Humanität und kapitalistische Kolonial- Politik miteinander vereinbart � seien, aber hier klafft ein Weltan- schauungsunterfchied, der wohl nie zu überbrücken sein wird. Die Bleistiftzeichnungen und Aquarelle, die Sebba dem Buch beisteuerte, sind vorbildlich in der Reproduktion, sachlich da, wo es auf Sachlichkeit ankommt, und bisweilen von phantastischer Buntheit, jn der die Wirklichkeit mit sicherer Hand eingefangen ist. C u r t Aiging. Markin Johnson: Mit dem Kurbelkasten bei den Menschenfressern Verlag F. A Brockhaus, Leipzig. 158 S. Mit dem Kurbellasten ging M. Johnson noch den Neuen Hebriden, weil es in den Urwäldern und Dschungeln dieser Insel- gruppe noch Menschenfresser gibt. Sein Ehrgeiz war es, diese Wilden auf einem gilm mit nach England zu bringen Es gelang ihm nach mancherlei Kreuz- und Querfahrten und Abenteuem, die er mit seiner kleinen Truppe bestand. Auch seine Frau nahm an diesen Fahrten teil. Daß sie mü dem Leben davon kamen, dankten sie mehrfach nur einem glücklichen Zufall. Denn es war sehr schwer, sich mit diesen primitiven Stämmen zu velständigen. Die von der insularen Lage ihrer Heimat begünstigte Inzucht hat manche Stämme der Südsee mit mancherlei Degenerationsmerkmolen gezeichnet, und ihre Wildheit und Grausamkeit scheint in manchen Punkten unter dem Tier zu stehen. Der große„weiße Bruder", der sich dort in der Südsee aus Kokosnutzplantogen festgesetzt hat, betrachtet die Ein- geborenen als billige Arbeitskräfte und Ausbeutungsobjekte, sofern er ihrer habhaft werden kann. Und so ist zwischen ihm und ihnen ewige Feindschaft gesetzt. Sie macht sich gelegentlich in Rebellionen Luft, die von den Weihen mü Strafexpedrtionen gerächt wird. Auch Jack London hat diese Primitiven in einigen Südsee' romanen gezeichnet, ober das geschieht leider recht oberflächlich und manches von der Ueberheblichkeü des rassestolzen Amerikaners ist darin. Johnson sieht tiefer und sozialer. Er trägt es nicht gerade agitatorisch vor, aber immerhin läßt er die Schuld erkennen, die weiß« Profitsucht auch iy diesem Teile eines unentwickelten Erd- striches auf sich geladen hat, und er begreift die Tierjeele dieser Menschenfresierstämin« aus den Bedingungen ihrer tropischen Wildnis. So ist aus dieser Filmexpedition ein ebenso lehrreiches wie abenteuerliches Buch entstanden. Zwei Dutzend gute Aufnahmen illustrieren die Fahrt.'_ Robert G r oetz s ch. Kalender und Atmanache. Alle Jahr« kehrt im Dezember die Hochflut der Kalender wieder. Zumeist sind es gute alle Bekannte, die sich bei unseren Lesern schon eingebürgert haben, und es genügt hierbei ein kurzer Hinweis. In seiner Art unerreicht ist der Sozialdemokra- tische Abreißkalender(Dorwärts-Buchdruckerei, Berkin, Preis 1 M.). Jeden Tag eine wichtige gewerkschaftliche oder politische Tatsache oder ein Gedicht oder ein bedeutsames Zitat. jeden Tag ein Bild und interessante Gedenktag«. Der Neue- Welt-Kalender(Verlag Auerdruck, Hamburg, Preis 0,80 Mk.), bringt diesmal außer guten Erzählungen von Jack London u. a. eine Erinnerung an Fritz Ebert von Heinrich Schulz sowie eine gute Uebersicht über die Brandherde in der Weüpolitik mit vielen Illustrationen. Die bayrische Sozialdemokratie hat wieder ihren „Armen Konrad" herausgebracht, der u. a. Beiträge von Emil Fischer(Erinnerungen an Elsah-Lothringen) August Gräf(Bei den Steinbauern im bayerischen Wald) und Geschichten und Ge- dichte von Karl Bröger, Otto Krille und Julius Zerfaß aufweist. Erfreulicherweise sind auch die Kinder in diesem Kalender reichlich bedacht. Der Deutsche Landarbeiterverband verlegt einen Deutschen Landarbeiter-Verband- Kalender, der ganz der Ausklärung und Belehrung der Landarbeiter gewidmet ist. Er oer- einigt in glücklicher Weise propagandistisches, unterhaltendes und praktisches Material. Das„T ms ch e n b u ch der Arbeit"(I.H. W. Dietz Nachf., Berlin, Preis 1 M.) hat-in der glücklichen Bereinigung von Schreib- kalend.er und Mrefsenfammlung längst die zusagende Form efunden. In dem neuen Jahrgang gibt er llebersichten über olitik, Wirtschaft, Technik und Kunst im neuen Jahrhundert. Der Kalender f ü r die s.o z i a l i st i sch e A r b e i t e r; u g e n d" (Arbeiterjuaend-Verlag, Berlin), ist in seinem roten Einband ein schmuckes Notizbuch mit Adressenangaben.—„Die Rote W e l' e"(Jungbrunnen, Wien), ist das österreichische Jahrbuch für Arbeiterkinder, das zudem allerlei historisches und aktuelles Material bietet. Zum ersten Mal erscheint„Das Kinderland"(Verlag Vorwärts-Buchdruckerei) mü farbigen Abbildungen in Kupferties- druck, die von dieser neuen Technik das höchste erwarten lassen. Es ist, im übrigen, wie alle Jahre, ganz vom Standpunkt der Buben und Mädel aus geschrieben und entspricht doch allen künstlerischen Anforderungen. Besonders gelungen sind die Kalenderumrahmungen in Scherenschnitt. „Die Welt der Kleinen", den der Bildungsausschuß der Pfalz als Zeitungsbeilage herausgibt und alle Jahre in Buch- form sammeti(Verlag Gerifch u. Co., Ludwigshafen, Preis 2,50 Mk.), steht bereits im vierten Jahrgang und wird sich sicher immer noch neue Freunde seiner guten Zusammenstellung und besonders auch der Kinderbeiträge wegen erwerben. Die Ernte an illustrierten Abreißkalendern ist für das nächste Jahr besonders reichhaltig. Es ist wirklich für all Interessen �gesorgt. Neu ist der„Berliner Kalender"(Rembrandt-Verlag). Adolf Heilborn hat ihn mü Unterstützung der Berliner Kunst- deputation und des Märkischen Museums zusammengestellt und bietet eine Fülle von. interessanten kulturhistorischen Beiträgen aus und über Berlin. S p c m a n n s illustrierte Abreißkalender, die sich durch ihre klaren Bilder auszeichnen, ei scheinen auch diesmal wieder in fünffacher Form als Literatur-, Musik-, K u n st-, W a n d e r- und Alpenkalender.(Verlag W. Spemann, Stuttgart.) � Der„Deutsche Kalender","den die Reichs- zentrale für Verkehrswerbung bei Carl Gerber in München erscheinen läßt(Preis 2,50 Mk.). gibt 122 Bilder von deutschen Städten und Burgen, von deutschen Landschaften vom Meer bis zum Hochgebirge. Speziell Kunstinteressen widmen sich Vards „M useumskalender"(Verlag Julius Vard, Berlin, Preis 3 Mk.) mit zum Teil farbigen Reproduktionen aus deutschen und ausländischen Galerien, ferner„Kunst und Leben"(Verlag Fritz Heyder, Zehlendorf, Preis 3 Mk.), mit Origmaizeichnungen von 54 bekannten Künstlern sowie der„D ü r e r- K a l e n- der", den Karl Maußner im Dürer-Verlag, Zehlendorf, zun. Preis von 3 Mk. herausbringt, mit 110 Bildern nach Handzeich- nungen, Kupferstiche».und plastische» Werk« aha und neuer Meister.. Für Techniker empfiehlt sich der„Deutsche Werttalen- der(Verlag Carl Gerber, München. Preis 2„50 Mk.), der aus der deutschen Wirtschaft und Industrie anschauliches Material liefert, sowie„Das Technische Jahr"(Dieck u. Co., Stutt- gart, Preis 2,40 Mk.). das zu den Bildern aus Technik und Jn- dustrie auch noch kurze Erläuterungen hinzufügt Auch der „Deutsche Gartenbaukalender" von L. Lesier(Rem- brandt-Verlag, Zehlendorf, Preis 2,50 Mk.), stellt sich wieder ein und gewährt außer den zum Teil farbigen Bildern vielerlei prak- tische Anregungen Eine eigenartig« Neuerscheinung ist der von Adele Schreiber im Hippokrates- Verlag, Stuttgart, herausgegebene'Kalender „Mutter und Kind".(Preis 2,80 Mk.) Vorzügliche Ausstat- tung und inhaltsreicher Text machen ihn zu einem unentbehrlichelr Ratgeber für Mütter und Erzieher. An alle die, die an eine Entwicklung unseres Volkes nach auf- wärts glauben, wendet sich„Das neue Deutschland"(Ver- lag Friede durch Recht, Wiesbaden), das in Wort und Bild die frei- heiüichen Traditionen etwa im Sinne der Paulskirche pflogen will. Auch die Naturfreunde stellen sich wieder ein mit ihrem Natur- freunde- Kalender, der rechte Lust zum Wandern bereitet und auch über die Heime und UnterkunftsstSUen berichtet. Ein aller Bekannter ist auch der Kosmos-Taschenka- l e n d e r(Franckhsche Verlagshandtung, Stuttgart). Die heranwachsende Jugend, besonders des Mittelstandes, findet dann außer einem praktischen Anschreibebuch, mannigfache Belehrung, besonders in Naturwissenschaft und Technik.' Derlagsalmanache, die über die neuen Bücher der Verleger berichten und durch gutgewählte Kostproben und Illustrationen auf vornehme Weise Propaganda machen, geben wie alle Jahre, auch diesmal wieder der Inselverlag, Leipzig, S. Fischer, Berlin Paul Zsolnay. Wien und Leipzig, Paul List, Leipzig, und der A m a l t h e a- Verlag, Wien, heraus. Der Karl R e i ß n e r> Verlag, Dresden, begeht das Jubiläum von 50 Jahren Verlagstätigkeit, der Almanach„Der Morgen" ist daher besonders stattlich ausgefallen. Das Jahrbuch des Rhein'uerlages, Basel.(„Die fünf Weltteile"), hat einen originellen Dichteralmanach von Francis Lammes zur Einleitung. A.H. D. Wirtschastsgeschichte. Heinrich Eunow: Allgemeine WirtschaftsgesHicht«. Eine Uebersicht über die Wirtschaftsentwicklung von der primitiven Sammelwirtschaft bis zum Hochkapitalismus. Zweiter Band: Wirt- schaftssormen der indischen Arier, der Jtaliker, Kelten und Ger- manen. Verlag Dietz, Berlin. 478 Seüen. Preis in Leinen gebunden 15 M. Der zweite Band der großen Wirtschaftsgeschichte Cunows schließt sich dem ersten nach Jyhalt und Methode würdig an. Hier wie dort erstaunt man nicht nur über die Fülle des Materials, fön- bcrn mehr noch über die Meisterschaft, mit der dieser Stoff wissen- schaftlich bewältigt wird. Sehr zustatten kommt es dem Verfasser, daß er, wie der erste Band gezeigt hat. ein so gründlicher Kenner der heute noch in den verschiedensten Teilen der Erde lebenden Naturvölker ist. Denn dieser weltweite Ueberblick ermöglicht Ver gleiche, durch die manches Dunkel, das über den Quellenschriften liegt. m oft überraschender Weise aufgehellt wird. Es kann daher nicht ausbleiben, daß Cunow auch in diesem Bande mit vielen unrichtigen Vorstellungen über den wirtschaftlichen Entwicklungsgang aufräumt. Und immer deutlicher hebt sich heraus, welch unendlich langen und muhseligen Weg die Menschheit im harten Kampf ums Dasein zurück- gelegt hat.< Haben wir im ersten Bande die Wirtschaft zahlreicher Natur- und Halbkulturoölker in Australien und Oceanien, in Amerika, Afrika und. Asten kennengelerntj so. werden, wir fetzt indem wir 4>ie Haupt- Marschroute weiter verfolgen, in die Kirtschaftllche und soziale Eni- wicklung der wichtigsten Zweige des indogermanischen Volkes.und damit vor allem in. das Verständnis, der Geschichte Mittel- und West- curopäs eingeführt. Die indischen.Arier, die Pelarger, die alten Römer erstehen vor uns; wir blicken hinein in das Leben der alten irischen Kelten, begleiten die Dandalen und Goten, die Angelsachsen und Franken auf ihren Kriegs- und Eroberungszügen und erfahren, was sie an wirtschaftlichen und politischen Gebilden geschaffen haben. So gelangen wir über mehrere Jahrtausende hinweg.bis in das Europa des 11. und 12. Jahrhunderts, also, nahe an die Schwelle der Neuzeit heran. Alle diese Völkerschaften waren bei ihrem Eintritt m die Ge- schichte über die primitivsten Stufen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung schon längst hinausgewachsen. Sie verstanden den Boden zu bebauen und Haustiere zu züchten, kannten den Pflug und das Düngen. Jn sozialer Beziehung hatten sie den Entwicklungs- gang von der Einzelhorde �um straff gegliederten Stamm und zu Stammesbünden bereits zurückgelegt; es gab bei ihnen schon Häupt- linge und Unterhäuptlinge in verschiedenster Abstufung. Aber die Entwicklung steh: nicht still Cunow zeigt, vor allem an dem Beispiel der Iren, Angelsachsen und Franken, wie zwar die Produktion für den Eigenbedarf innerhalb enger Schranken bis ms Mittelalter vorherrschend bleibt, wie ober doch Ackerbau und Viehzucht fort- schreiten; wie die Zahl der Gemeinwesen zunimmt; wie die großen Blutsverwondtschaftsverbände sich mehr und mehr differenzieren; wie das alte Gemeineigentum die mannigfaltigsten Formen onnimnit (Nolkslond, Stommesland, Markenland, Sippenland, Familienland — Ansätze zu Sonderligen). Und die Völker selbst geraten anein- ander. Infolge Eroberung und dauernder Unterjochung entstehen schließlich große politische Gebilde mit starken Zentralgewalten, die über die Blittsverwandtschastsgruppen hinausgewachsen sind. Inner- halb dieser Staaten finden wir dann die verschiedenartigsten politi- schen, wirtschaftlichen, sozialen Abhängigkeits- und Ausbeutungsoer. Hältnisse(Königtum, große und kleine, geistliche und welUiche Grund- Herren, Freie. Halbsreie, Hörige. Leibeigene, Sklaven). In den letzten Abschnitten schildert Cunow die städtische Entwick- lung im Frühmittelalter und die sich allerdings nur ganz allmählich anbahnende Waren- und �Getdwirtschast. Das Buch vermittelt' eine Fülle von Wisien und regt auf den verschiedensten Gebieten zum Nachdenken an. Fachleute seien beson- ders auf die Kapstel über die irischen Kelten und die Angelsachsen aufmerksam gemacht. Hier wird wisienschastliches Neuland er- schloßen. EhristianDöring. -'-• 1■---T-llil I I I f Sämtliche hier angezeigt« und besprochenen Bücher sind in der Buchhandlung 3. f). TD. Dietz Rächst, Berlin SIL. 68, Linden- straße 2(Loden), erhälllich. DEK KENNER«henkt man IB Sd�C'