3lr.8 i. September 1929 in Beilage des Vorwärts Die 8eele Chinas. Richard Wilhelms Chinawerk. Doß das Interesse an China im letzten Jahrzehnt in der tzanzen Welt stark zutzenommen hat, ist ollgemein bekannt und erklärt sich ahne weireres aus den Umwälzungen, die aus der einen Seite die europäische, auf der andern die ostasiatische Welt bctrosfen haben und die China zu emem immer bedeutsameren Faktor in der öko- nointschen, politischen und nicht zuletzt auch kulturellen Entwicklung der gesamten Menschheit werden lassen. Gerade in Deutschland hat dieses Interesse weniger einen momentanen und die seither ent- standene Literarur einen ernsthafteren und weniger von autzer- wissenschaftlichen Interessen bedingten Charakter als in England und auch den meisten anderen Ländern, da Deutschland sich durch den Verlust seiner politischen Machtstellung in Ostasten und den Verzicht auf Konzcssionen und Konsulargerichtsbarkeit, um den ver- schieden« andere Nationen noch einen ebenso unsinnigen wie un- ehrlichen Kampf sühren, in einer bedeutend günstigeren Lage be> stndet, die sich nicht nur kommerziell, sondern auch in den kultu- rellcn Beziehungen zwischen beiden Völkern auswirkt. Daß sich aber die so gegebenen Möglichkeiten verwirklichen und die vielfachen philosophischen, literarischen, künstlerischen und sonstigen Anregun- gen, die China dem Abendland« in so unendlicher Fülle geben kann, aufgefangen und weitergeleitet werden, ist zum großen Teil das Verdienst eines Mannes in dem dieser historische Prozeß seinen Exekutor gefunden hat, des Vertreters der Chmakund« an der Frank- furter Universität, Richard Wilhelm. Richard Wilhelm hat, wie kaum ein zweiter Europäer, Ge- legenheit gehabt, China von innen und außen, in seinen Denk- und Lebensformen, kennen zu lernen, und diese Gelegenheit in ebenso seltenem Maß« ausgenutzt. Er kam ursprünglich als Missionar dorthin, wandte dieser Laufbahn aber schon sehr bald den Rücken — vermutlich weil er sogleich ihre Sinnlosigkeit einsah— und war zuerst Geistlicher der protestantischen Europäer in Tsing-tao, dann wissenschaftlicher Berater der deutschen Gesandtschast und endlich Professor an der chinesischen Reichsuniversität in Peking. Nach Teutschland zurückgekehrt, gründete er mit chllse von Interessenten, die er besonders in Frankfurt gewann, das China-Institut, dessen Aufgabe die Vermittlung chinesischer Kultur an Deutschland und deutscher an China ist. Neben vielfacher anderer Betätigung gibt das Institut hierfür auch«in besondere», sehr inhastrewhe» Organ heraus, die„Sinica* das zahlreich« chinesische und europäische Gelehrte zu Mitarbeitern hat und neben wissenschaftlichen und at- tuellen Beiträgen zu den verschiedensten chinesischen Problemen be- sonders Uebersetzungen au» der modernen wie auch der älteren chinesischen Literatur bringt. Neben seiner Lehrtätigkeit hat Wilhelm eine reich« schriftstellerische Wirksamkeit entfaltet, um namentlich die schon vor dem Kriege im Verlag Eugen Diederichs, Jena, begonnene Reihe»Die Religion und Philosophie Chinas" zu veroollständigen, die die grundlegenden Werke der chinesischen Denker in kommentierten Uebersetzungen bringen soll, und sodann sein in den 25 Jahren seines Aufenthaltes in China gesammeltes Niaterial über die verschiedensten Gebiete der Chinaforschung nutz- bar zu machen. Von den philvsophi«geschichtlichen Werten Wilhelms ist zunächst sein Buch über Konsuztu» zu nennen:«Äungts». Leben und Werk"(Vertag Frommann. Stuttgart 1925). E» eristiert in deutscher Sprache bereits ein« nicht unbeträchtliche und teilweise auch recht gute Literatur über ZTung-tz«: das schon 1867 erschienen« Werk von Plach.Consucius' und seiner Schüler Leben und Lehre" ist noch heut« die vollständigste Materialsammlung in einer«uro- päischen Sprach«: die Arbeiten von Gabelentz, Dvorak, Stüde und Haas und die kurzen, aber treffenden Charakteristiken, die Grub« in seiner Geschichte der chinesischen Literatur und Conrady in seiner Geschichte Chinas gegeben haben, sind ebenso wichtig wie die Wür- digungen in den verschiedenen Werken zur Geschichte der chinesischen Philosophie. Aber noch niemand hat den Meister als Menschen Lehrer und Denker so einqehend gewürdigt wie Wilhelm, ihn so klar in seiner allumfassenden Bedeutung darzustellen verstanden und von dem größten Chinesen, mit dem hinsichtlich der praktischen Trag- weite seines Wirkens unter den europäischen Denkern vielleicht nur mit Karl Marx verglichen»erden kann, ein so lebendig«» und in sich geschlossene« Bild entworfen. Wichtig war für die Erzielung dieser abgerundeten Charakteristik insbesondere, daß Wilhelm sich nicht wie die meisten anderen europäischen Autoren auf eine be- stimmte Auswahl aus den Quellen beschränkte, sondern alles Material, auch die apokryphe Literatur— die man natürlich nicht, wie es bequemerweise meist geschieht, einfach unbeachtet lassen darf. sondern kritisch mitverwerten muß— herangezogen hat. so daß«in klares und vollständiges Bild K'ung-tzes entstehen konnte. Umfang- reich« Anmerkungen und Quellennachweise geben dem Buche blei- benden Wert. Für weitere Kreise hat Wilhelm dasselbe Thema in dem Bändchen„K'ung-tse und der Konfuzianismus" (Stuttgart 1928, Sammlung Göschen. Nr. 979) belkandelt: besonders die ausführliche Behandlung der Quellen verleiht auch diesem Bändchen dauernden Wert. JTcing-tzes großer Gegenspieler Lao-tze, dessen Buch Wilhelm schon 1919 übersetzt hatte, hat ebenfalls in Frommanns Klassikern der Philosophie einen Band erhalten(„L aotse und der Taois- mus", Stuttgart 1925, Frommann). Da sowohl die Lehren des Tooismus wie seine Geschichte sehr viel dunkler sind als die des Konfuzianismus, so ist es auch viel schwerer, darüber zu einem ge- schlosienen Bilde zu gelangen, und ein fast müßiges Beginnen, sich jetzt schon über die Auffassung eines moistischen Autors streiten zu wollen. Jedensalls ist Wilhelms Anschauung von Lao-tzes System klar und in sich geschlossen und gaiyz auf Quellenstudien gegründet: von europäischen Interpretationen hat er sich im Gegensatz zu manchen neueren Uebersetzern, die fast nur auf solchen süßen, gar nicht beeinflussen lassen. Eine Gesamtdarstellung des chinesischen Denkens, für weiteste Kreise bestimmt, gibt Wilhelm in seinem in der„Jedermanns Bücherei" erschienenen Bändchen„Chinesische Philo- s o p h i e"(Breslau 1929, Hirt). Es find in den letzten Iahren nicht wenige Werke erschienen, die die Geschichte der chinesischen Philosophie behandeln, wie die auf Quellenstudien beruhenden Ar- bciten von Tucci, Kzackmanw Forke und die Kompilation oon Senker- aber alle diese sind, was Größe, Darstellungsart und auch Preis anbelangt, nur für einen oerhältnismähig kleinen Kreis be- sonderer Interessenten bestimmt. Wilhelm dagegen schreibt für jeden der Belehrung sucht, und ist trotzdem nicht oberflächlich: denn wie immer arbeitet' er auch hier ganz nach den Quellen und gibt in mehr als einer Hinsicht auch mehr als die genannten Autoren, da er auch die historiscksn Verhältnisse berücksichtigt, die zur Eni- stchung der philosophischen Meinungen führten, und ferner die neuere Philosophie, die meist sehr flüchtig abgehandelt wird, zu ihrem Recht kommen läßt. Schade ist, daß nicht auch die letzte Zeit, die seit 40 Jahren eingetretene Renaissance der chinesischen Philosophie und ihre Auseinandersetzung mit dem abendländischeit Denken, eingehender behandelt ist: gerade für diese Aufgabe wäre Wilhelm wie kein anderer befähigt gewesen. Eine ebenfalls für die Allgemeinheit berechnete Darstellung des gesamten chinesischen Geisteslebens ist die„Chinesische Literatur"(Wildpark- Potsdam 1925/27), die eine großzügige durch zahlreiche gute Ueber- setzungsproben und Bilder unterstützte Ueberstcht über die Cntwick- lung der chinesischen Literatur oennittelt. Allgemein kulturgeschichtlichen Charakter trägt das Werk„O st- a f i e n"(Potsdam 1928. Kiepenheuer), das zu dem Meisterwerk Wilhelms„Die Seele Chinas"(Verlag R. Hobbing, Berlin 1926) gewissermaßen die historische Vertiefung gibt. Man erhält eine die neuesten Forschungen mit verarbeitende, aber doch wesent- lich selbständig« und originelle Darstellung der Entwicklung der cht- nesischen Kultur, mit einem Ausblick auf die Zukunft, der als«in- zige Möglichkeit für die künftige Entwicklung der gesamten Mensch- heit eine Synthese zwischen östlicher und westlicher Kultur erblickt, da keine der beiden Kulturen so überlegen Ist, daß sie hosten könnte, die andere zu besiegen und auszusaugen. Denn wenn„die leben- dige Kulturauseinandersetzung zwsschen Ost und West scheitern sollte, so würde ein Chaos eintreten, aus dem kein« bewußte Ueberlcgung den Menschen retten könnte". Mehr ins einzelne geht die„G e- schichte der chinesischen Kultur"(München 1S28, Bruck- mann). Sie gibt zunächst eine gründliche Analyse der Quellen, so- wol» b«r literarischen wie der archäologischen und folNoristischen, die als Material für den Aufbau emer chinesischen Kulturgeschichte zur Versügemg stehen wobei auch die gerade für China so wichtig« mündliche Tradition nicht vergessen wird, und dann unter stetem Hinweis auf die Quellen ein« Ueberstcht über die gesamt« Kultur- entwicklung Chinas, b«i der auch das sonst fast immer sehr stief- mütterlich behandelte Mittelalter zu seinem Recht kommt. Di« neueren Forschungen der auf diesem Gebiete arbeitenden chinesischen und europäischen Gelehrten sind eingehend berücksichtigt und ein austührllches Derzeichns» der in Betracht kommenden chinesischen und europäischen Literatur beigegeben. In Wilhelms Werken oereinigt sich eine gründliche Kenntnis Chinas, seiner Sprache und Literatur wie seines Volkstums, mit einer von keiner europäischen nationalen oder religiösen Beschränkt- heit eingeengten Weit« des Blickes und einer warmen Sympathie für die chinesisch« Eigenart, die mit einem ebenso klaren Verstand- nis für die Entwicklung der europäilchen Kultur und ihre Bedürf- nisse verbunden ist. Als Kosmopolit und Pazifist arbeitet Wilhelm m derselben Richtung auf Aussöhnung und endlich Synthese des Ostens und Westens, die in den letzten Jahren die Werk« von Driesch, Dewey, Russell. Lederer und T' a n g L i a n g- l i verfolgt haben: aber seine sprachliche Schulung und ebenso weite wie tiefe Sachkenntnis machen ihn vor allen anderen zum berufenen Interpreten Chinas und zum Vermittler zwischen beiden Kulturen. Seine Werke, die auch m China hochgeschätzt werden-+ ein chinesischer Gelehrter meinte zu mir über die„Seele Chinas", daß auch ein Chinese das Buch nicht besser hätte schreiben können— sollten darum auch in Arbeiter-, Volks, und Schulbiblio- theken nicht fehlen. Gegen die von den diplomatischen und missio- narischen Agenten des Imperialismus verfaßten Schriften, deren Anschauungen noch immer die öffentliche Meinung gegenüber China beeinflussen, bilden sie ein wirksames Gegengift— daraus erttären sich wohl überwiegend auch die sachlich sehr schwach begründeten Angriffe, die sie vielfach von reaktionärer Seite erfahren haben. Und der Kampf gegen den Imperialismus, der ja auch einen wesent- lichen Teil des Befreiungskampfes des europäischen Proletariats bildet, wird durch solche wissenschaftlich und weltanschaulich gleich hochstehende Werke, die die besten Waffen gegen imperialistische und kolonialpolitische Agitation bilden, wirksam gefördert. Prof. Eduard Erkes. Sirafvollzug. Dr. Erwin Bumke: Deutsches Gefängntswesen. Ein Handbuch. Verlag Franz Vahlen. Berlin ISA. Das oon dem jetzigen Reichsgerichtsprästdenten Bumke heraus- gegebene Handbuch des deustchen Gefängniswefens orientiert durch Aufsätze zahlreicher Sirafvollzugspraktiker und Theoretiker über den heutigen Zustand deutscher Gesängnisse und die Stellung der Ge- fangcncn in ihnen. In drei gesonderte Gruppen schliehen sich für den Leser die zahlreichen, ohne besondere Systematik nebeneinander stehenden Bei- träge zusammen. Wertvolle Belehrung über die technischen Bor. bedingungen des Strafvollzugs erfahren wir In den Abschnitten über Organisation und Verwaltung von Gefängnisanstalten, über Ausbildung und Art der Strafanstaltsbeamten, über die Gesundheits- fllrforg« In den Anstalten u. a. m. Sind so die äußeren Umrisse unseres Strafvollzugs dem Leser deutlich geworden, so eröffnen ihm die Kapitel über die Strafvoll- streckung, die rechtliche Stellung der Gefangenen, die Behandlung der Gefangenen, die Arbelt der Gefangenen, den Strafvollzug in Stufen. die vorläufige Entlassung und nach manche andere Einblick in die näher« Ausgestaltung der Freiheitsentziehung, in die mannigfaltigen Verhältnisse, die hier zunächst durch Uebung der einzelnen Länder entstanden und jetzt durch Grundsatzoereinbarung für das Reich ein- heitlich geregelt sind. Besonders verdienstvoll erscheint uns hier der Beitrag des leider inzwischen verstorbenen Proi«ssors Freuden- t h a l. der mit deutlicher Betonung den Gefangenen nicht als Objekt einer irgendwie gearteten Fürsorge oder Verwaltung, sondern als Subjekt von Rechten darstellt. Durch die ganz schlichte, aber an- Ichauliche Schilderung von scheinbar mich geringfügigen Regelungen der„Gesangenschast" wird h-er der Leser genötigt, sich selbst einmal in die Lage eines Gefangenen hineinzuversetzen und die Aus- Wirkungen aller dieser Anordnungen, Gebote und Lerbot«. auf sich selbst deutlich zu empfinden. Aber mit einem noch so fein ausgebauten, der Gerechttgkeit noch so nahe kommenden System von Regelungen über Tageseinteilung und Aufrechterhaltung der Disziplin ist es ja nicht getan. Wir ver- langen heute für die brutal« Tatsache der Freiheitsentziehung durch Urteilsspruch ein« innere Sinngebung. Ein noch so reibungslos verlausender Strafvollzug, selbst wenn er nur mit einem Minimum von Härte ausgestattet wäre, läßt in un» heute nicht das Schuld- gefühl zur Ruhe kommen darüber, daß hier Menschen getrennt werden von allem, was das Leb«n lebencwert macht, daß sie ab- geschlossen und eingesperrt werden und ihr Interesse abstumpft und verkümmert. Mit isieser ganz großen, dieser seelischen Not des Gefangenen beschäftigen sich die Beiträge über Seelsorg« an evangelischen und an katholischen Gefangenen und der Aufsatz von Oberregierungsrat Dr. Frede über geistige und seelische Hebung der Gefangenen. Die Unmöglichkeit, an der seelischen Haltung der Gefangenen vorbei- zugehen, ohne ihr Beachtung zu schenken, spricht aus den Worten des Strafanstaltsoberpfarrers Dr. K l a t t, mit denen er aufs treffendste den Zustand der in Einzelhaft gesetzten Gefangenen schildert. Welcher Art sollen nun die„lebendigen Kräfte" sein, von denen der Gefangene Willen zum neuen Leben empfangen soll? Es ist hier nicht der Ort, sich mit dem Dogma der katholischen Kirche von Schuld, Erbsünde und Sühne auseinanderzusetzen, auf dem die warmherzigen Ausführungen des Hamburger Pfarrers Meyer be- ruhen. Die Feststellung genügt, daß nur eine kirchlich-dogmatische, keineswegs aber eine psychologische Notwendigkeit dafür besteht, den Rechtsbrecher das bittere und niederdrückende Gefühl des Sünder- seins auskosten zu lassen. In welchem Maße es vielmehr möglich ist, jede negative seelische Veeinslussung zu vermeiden und alle Einzelheiten des Gefängnislebens der einen und wesentlichen Aus- gab« dienstbar zu machen: Geist und Seele des Gefangenen zu wecken, anzuregen, zu heben und zu fördern, zeigen die Aus- führungen von Dr. Frede. Hier wird ohne Furcht vor dem immer noch so oft zu hörenden, gedankenlosen Vorwurf, man mache das Gefängnislcben zu schön und geradezu verlockend für den Rechts- brechcr, überzeugend dargestellt, welch geiltig-seelische Förderung dem Gefangenen aus einer sinnvollen Handhabung des Unterrichts, aus einer verständigen Ausgestaltung der arbeitsfreien Zeit er- wachsen kann. Ja, es soll an den Gefangenen in seiner Strafzeit etwas herangetragen werden, was besser ist als sein bisheriges Leben: er soll die Freude an der Musik, am Lesen, an körperlicher Bewegung und an vielem anderen kennen lernen. Rur auf diesem Weg« der Ermutigung, der Erweckung und Stärkung seines see- tischen Lebens kann der im Gefängnis sonst unvermeidlichen völligen inneren Abstumpfung entgegengearbeitet werden. So enthält das Werk eine Fülle von Belehrung und Anregung für den Leser. Zu vermissen ist nur«in Beitrag über das Sexual- leben im Gefängnis, das— wohl das düsterste Kapitel de» ganzen Gesängnisleben»— doch als Gegengewicht gegen den sonst zu leicht betörenden und beruhigenden optimistischen Besserungswillen säst aller Mitarbeiter nickst hätte fehlen dürfen. Dr. Hilde Kirchheimer. j Karl Plättner: Eros Im Zuchthau», Morp-verlag, Ben- lin. 236 S. Preis 4.50 M. Das Sexualproblem des Gefangenen Interessiert nicht seit heute. Sowohl in der schönen als auch in der wissenschaftlichen Literatur, in Gefängnisschilderungen und Bekenntnissen von Gefangenen gab es bald kurze Andeutungen, bald drastische Darstellungen. Aber erst jetzt ist das Sexualproblem mit zu einer brennenden Frage der Strafvollzugsreform geworden. Das mußte es; soll der gesamte Mensch durch den modernen Strafvollzug erfaßt werden, so kann der Praktiker wie der Theoretiker an den Forderungen des zweit- stärksten der menschlichen Triebe nicht stillschweigend vorübergehen. Mehr noch: er muh ihn wenn irgend möglich in den Dienst des Erziehungsgedankens stellen Der Kommunist Karl Plättner hat ein Buch geschrieben, das nur dieser einen Frage gewidmet ist: Eros im Zuchthaus. Es ent- hält die Sexualbeicht« des Berfasters und die Bekenntniffe einer Reihe seiner Mitgefangenen. Mit schonungsloser Offenheit wird intimes Erleben bloßgelegt: was man hier erfährt, wirkt erschüt- ternd, selbst dann, wenn man von den Sexualqualen dieses intellck- tuellen und anscheinend seelisch ein wenig labilen Menschen manches abstreicht. Mag sein, daß sein Erleben nicht ganz typisch Ist für sämtliche Strafgefangene, insbesondere für solche von weniger feiner seelischer Struktur und für die, die tagsüber mit körperlicher Arbeit beschäftigt sind. Trotzdem bliebe noch so viel üt:ig, daß man mit ruhigem Gewissen von spezifischen Sexualqualen de? Ge- fangenen sprechen muß. Daß es sich' hier nicht um den Einzel- fall„Plättner" handelt, beweisen die Geständnisse seiner Mitze- fangenen. Plättner erzählt, wie sein Sexualleben trotz hartnäckigen Widerstandes, den er Anfechtungen jeglicher Art entgegensetzte, nach und nach den ungesunden Reizen des Eingekerkertseins unter- lag: er schildert die Einwirkungen der Gemeinschaftssäle, der Einzel- hast und der Arrestzell« und macht Vorschläge, die geeignet wären, den schlimmsten Auswüchsen der Gefängnissexualität entgegenzu- wirken. Hierbei versteigt er sich zu Vorschlägen, die wie Zukunfts- mustk klingen. Da» soll nicht besagen, daß es vielleicht nicht doch noch einmal dahin kommen würde; aber vorläufig befindet sich der moderne Strafvollzug noch in den ersten Anfängen. Plättncrs Buch zeigt, wie notwendig es wäre, schon im Rahmen des jetzt Möglichen den für die Entfaltung des schöpferischen Menschen so wertvollen Geschlechtstrieb dem modernen Strafvollzugsgcdanken dienstbar zu machen. Leo Rosenthal. Sozialpolitik. Friedrich Uleeis: Die Geschichte der sozialen Ber- sicherung in Deutschland. Berlag der„Arbeiter-Bersor- gung" in Berlin-Lichterfelde. 300 S. Preis geb. 7 M. Ein ausgezeichneter Kenner unserer Sozialversicherung hat hier den durchaus geglückten Versuch unternommen, ihr« Geschichte zu schreiben. Das Schwergewicht dieser Kleeisschen Arbeit liegt weniger in der ideengeschichtlichen Darstellung und in Untersuchungen über die sozial« Funktion der Sozialversicherung und ihre Wandlungen im verlauf« der Entwicklung, es siegt in der Hauptsache in der Darstellung der Sozialversicherung a�s Schutz gegen die Wechselfälle des Lebens von ihren Anfänaen im Mittelalter als Selbsthilfe- einrichtungen bis zu jenen umfassenden Schöpfungen durch die Gesetz- gebung. Di« Fortbildung der einzelnen Zweig« der Sozialversiche- rung durch die Gesetzgebung wird in gedrängter und doch erschöpfen- der Form in ihren einzelnen Etappen dargestellt. Kleeis unter- scheidet dabei in seiner Darstellung nach der Einführung der reich?- gesetzlichen Zwangsversicherung, di« Zeit der Reformbewcgun� und neuer Pläne, die Reichsvcrsicherungsordnung und ihre Auswirkun- gen auf andere Gesetze, die Kriegs- und Nachkriegszeit und die Zeit des Wiederaufbaus und Weiterbau». Die einzelnen Zweige der Sozialversicherung werden in diesen verschiedenen Zeitspannen be- handelt, so daß eine einheitliche chronologische Darstellung der einzel- nen Zweige nicht möglich ist. Man kann darüber streiten, welche Bei offenen Füßen. Krampfadergeschwüren, schwer heilenden Wunden, schmerzhaften Entzündungen usw., unerträglichem Jucken sollten Sie di« mild« wohltuend« Orllnda-Salb« anwenden. Dose Mk. 1.75 und, in Drogerien und Apotheken erhältlich, sonst hei Otto Reichel, Berlin 43 SO. Eisenbahnstraß« 4. . � einen vl«Mc».vis vcrscHoffefi.. � Rauchen Sie Syftematif glidficher ft. Ich hätte es für vortetthafter gehalten, die einzelnen Sachgebiete in einem Zuge zu behandeln, wobei fich auch die großen Phasen in der Entwicklung hätten unterscheiden laffen. Das Kapitel über die volkswirtschaftliche Bedeutung der sozialen Versicherung hätte ich mir weit ausführlicher gewünscht; es wäre insbesondere dabei eine grundsägliche Auseinandersetzung zum Thema: soziale Belastung notwendig gewesen. Bei diesem Kapitel ist die Zahl der Angestelltenversicherten mit über 2 Millionen angegeben, es muß über 3 Millionen heißen. Bei einer Neuauflage wäre auch zu überlegen, ob nicht ein befonderes Kapitel den versicherungstechnischen Fragen zu widmen wäre. Dem Kleeisschen Geschichtswert hat der beste Kenner und warmherzigste Förderer unserer Sozialversicherung, der Ministerialdirektor Dr. Grieser, ein Geleitwort vorausgeschickt. Wenn er hier zum Ausdruck bringt: Das Wert ist eine umfassende Geschichte im wirf lichen Sinne des Wortes. Ich wünsche ihm das verdiente Glück auf dem Wege zu den Abnehmern", so ist diesem Urteil nur beizutreten. Paul Weber: Die Hege gegen die deutsche Krantenversicherung offensichtlicher Boltsbetrug. Selbstverlag, Aachen, Sophienstr. 3. Brosch. 3,50, geb. 5 M. Weber hat sich der höchst verdienstvollen Aufgabe unterzogen, der von den verschiedensten Interessenten ausgeübten systematischen Hetze gegen die Krankenversicherung mit umfassendem Tatsacher material zu Leibe zu rücken. Von Mißbräuchen redet man, den Abbau des sozialen Schuzes meint man. Fast möchte man ausrufen: wie bei der Arbeitslosenversicherung. Doch es liegt ein menig anders. Die Krankenversicherung war schon vorher dem Trommelfeuer einer solchen Hezze ausgesetzt, allerdings mit dem Unterschied, daß ihr in den zuständigen Reichs- und Landesbehörden, insbesondere im Ministerialdirektor Grieser, tapfere Berteidiger entstanden. Aber auch die Krankenkassen und ihre Verbände wissen sich ihrer Haut zu wehren. Mit großem Fleiß hat Weber das in zahlreichen Fachzeitschriften usw. verstreute Material zusammengetragen. Es wird seinen aktuellen Wert behalten, weil bei jeder Reform bestrebung die Hetze von Neuem beginnen wird. Zu seinen Vorschlägen zum Ausbau der Krankenversicherung wird man dem Verfaffer nicht in allen Bunkten zustimmen tönnen. Friz Schröder. Gesundheitswesen. Dr. Joseph Löbel: Haben Sie teine Angst!" 40 Rapitel optimistische Medizin. Verlag Grethlein u. Co., Leipzig- 3ürich 1928. 240 G. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß? Im Gegenteil antwortet der Verfasser der Vierzig Kapitel optimistische Medizin" was ich weiß macht mich nicht heiß. Nur in der Dämmerung erscheint jeder Nebelstreif als Erlkönig mit Krone und Schweif, nur im Zwielicht des Halbwissens wagen sich Gespenster hervor. Aber selbst das schlimmste Gespenst, das Gespenst der Angst, vertreibt ein flares und deutliches Wissen. Ein solches Wissen will nun die optimistische Medizin ver mitteln, und zwar ein Wissen um das, was uns am meisten not Besuchen Sie während der Deutschen Funkausstellung tut: um unferen Körper und feine Funktionen. Grefft der Baie fonft zu aufklärenden, populären Schriften, so enthalten biese meistens eine so überreiche Aufzählung von Gefahren, die uns auf Schritt und Tritt belauern, daß solch ein armer Teufel fich schon gar nicht mehr zu atmen getraut. Die vorliegende Schrift will dagegegen gerade die vielen Schugmittel aufzählen, die uns gegen die gegegen gerade die vielen Schugmittel aufzählen, die uns gegen die Gefahren zur Verfügung gestellt sind. Das Buch gibt uns Aufklärung darüber, was in unserem Körper vorgeht, solange er gesund ist, damit wir wissen, was wir ihm zumuten dürfen; wir sollen erfahren, was wir zu tun haben, um den Körper gesund zu erhalten. Aber selbst wenn wir erkrankt sind, ist noch kein Grund zur Angst und zur Verzweiflung. Das Büch lein zeigt uns, wie vieles die Wissenschaft bereits gefunden, hat, um uns auch dann wieder auf die Beine zu helfen; es zeigt, welche enormen Fortschritte gerade die Medizin in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Ein großes Arsenal von Kenntnissen wird in dem Buche von Löbel vor uns ausgebreitet, aber weder in jener für den Laien so ungenießbaren Geheimsprache des Fachmediziners, noch in dem mystischen Jargon der Kurpfuscher und Dunkelmänner, die ihr Halbwissen hinter einer gelehrt flingenden Terminologie geschickt zu verbergen suchen. Unser Autor bedient sich im Gegenteil der flaren und verständlichen Sprache eines Mannes. der die Dinge, über die er schreibt, voll und ganz beherrscht. Die„ optimistische Medizin" ist aber mehr als bloß flar geschrieben; sie ist darüber hinaus wißig und geistvoll und liest sich wie ein Band gehaltvoller Novellen. Sobald nämlich von wissenschaftlichen Dingen die Rede ist das weiß unser Autor genau, wird von den meisten nur mit halbem Ohr hingehört; es gilt aber, fie an beiden Ohren zu friegen. Vielleicht gelingt es, so meint er, wenn man sich Mühe ist hier in vorbildlicher Weise gelungen. Daneben aber bietet das gibt, nicht langweilig zu sein." Der Versuch, nicht langweilig zu sein, Buch eine solche Fülle von Wissenswertem, daß man es zur Lek. türe aufs wärmste empfehlen tann. Dr. Lily Herzberg. Rainer Fetscher: Der Geschlechtstrieb. Einführung in die Segualbiologie unter besonderer Berücksichtigung der Ehe. Verlag Ernst Reinhardt, München 1928. 156 Seiten. Preis 3 Mr. Bei der bergehoch angewachsenen Literatur über das Geschlechtsleben des Menschen begegnet man Neuerscheinungen mit einem ge: wissen Mißtrauen. Fetschers Buch der Verfasser ist Leiter der Dresdener Cheberatungsstelle zwingt Empfindungen dieser Art nieder. Es zählt zu den beachtenswertesten Publikationen und ist als Einführung in den Gesamtkompleg der Geschlechtsfragen ein wertvoller Mentor. In dreiteiliger Gliederung wird der Stoff bebandelt. Die Darstellung des normalen Geschlechtslebens umfaßt Fortpflanzung und Embryologie, bte Selt vor und in ber Bubertät, die Segualität des Erwachsenen; ihr folgen die Störungen in ihren verschiedenen Formen und Auswertungen; der Schlußabschnitt zeigt in lebendigen flaren Geschehnissen aus der Praris der Ehe- und Segualberatung Wesen und Träger der Nöte und Konflitte auf. Die verständnisvolle Begrenzung, Wissen über dieses verschlungene. Ge biet menschlichen Trieblebens fördern zu helfen und dieses Wissen auf das Leben anzuwenden( ich verweise vor allem auf die Ab. schnitte Hygiene der Bubertät, Geschlechtsfrankheiten, Hygiene und Technik der Geburtenregelung), zeigen den menschlich, sozial warms herzigen und erkenntnisklaren Arzt. Dr. Julian Marcuse Neue Bücher. ( Besprechung der eingegangenen Bücher bleibt vorbehalten.) Chr. Addison. Praktischer Sozialismus. ,, Volkswacht"-Buchdruderei, Breslau. M. Andersen- Nego. Im Gottesland( Roman). Albert Langen, München. H. Barbusse. Klarheit. Roman. Rascher u. Cie., Zürich. 2. Bergsträffer. Das Frankfurter Parlament. Frankfurter SocietätsAnna Blos. Frauen in Schwaben. Silberburg, Stuttgart. Druckerei G. m. b. H., Frankfurt a. M. H. Brandt. Trommelfeuer. Fadelreiter- Verlag, Hamburg- Bergedorf.. C. J. A. van Bruggen. Das zerstörte Ameisenreich. Rascher u. Cie., Zürich. A. Busemann. Das Geschlechtsleben der Jugend und seine Erziehung. Union Deutsche Verlags- G. m. b. H., Berlin. E. Caffirer. Die Idee der republikanischen Verfassung. Friederichs. De A. Damaschke. Der Entwurf eines Wohnheimstättengesezes. Reimar Gruyter u. Co., Hamburg. Hobbing, Berlin. E. E. Dwinger. Die Armee hinter Stacheldraht. E. Diederichs, Jena. B. Fechter. Deutsche Dichtung der Gegenwart. Ph. Reclam, Leipzig A. Fraenkel. Die Philosophie Benedetto Croces. J. C. B. Mohr, Tübingen. L. Frant. Der Mensch ist gut. Rascher u. Cie., Zürich. R. Franz. Freidenfergeschichten aus der Weltliteratur.„ Der Freidenker", Verlags- G. m. b. H., Berlin. Henriette Fürth. Die Regelung der Nachkommenschaft. J. Püttmann, Stuttgart. A. Grotjahn u. G. Hunge. Makvolle Schulreform. A. Kröner, Leipzig. W. Grottopp. Ameritas Schutzzollpolitik und Europa. Dr. W. Rothschild, Berlin. Hildegard Grünbaum- Sachs. Zur Krisis in der Hauswirtschaft. J. Belz, Langensalza S. Harmsen und R. G. v. Loesch. Die deutsche Bevölkerungsfrage im euros päischen Raum. K. Vowindel, Berlin. E. Heimann. Soziale Theorie des Kapitalismus. Mohr, Tübingen. Sämtliche hier angezeigten und besprochenen Bücher tönnen durch die Buchhandlung 3. H. W. Dieh, Berlin SW 68, Lindenftraße 2( Caden) bestellt werden. 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