Ar. 5 18. April 1930 Blick in die Bücherwelt Der große Brockhaus. Beilage des Vorwärts Von Pflanzen und Tieren.s Gestern und heute. Bor fünf Monaten habe ich hier die neue Ausgabe des Großen Brockhaus angezeigt, den ersten Band von zwanzig. Heute, nach fünf Monaten, liegen weitere vier Bände vor, der fünfte Band erscheint in wenigen Wochen, und damit ist ein Viertel des Gesamtwerts in imgewöhnlich schneller und prompter Arbeit abgeschlossen worden. Wie im gesamten Unterrichts- und Erziehungswesen sich in den Nur, mer weiß, wieviel Mühe es macht, ein einziges Buch eines verflossenen Jahrzehnten eine gewaltige Umwälzung vollzogen hat, einzigen Autors gut herauszubringen, kann diese Arbeit abschätzen. so namentlich auch im naturgeschichtlichen Unterricht. Welcher Bert Denn dieser Brockhaus ist nicht ein Buch, sondern die Zusammenschätzung oder richtiger Nichtwertschätzung er sich vor 60 Jahren fassung von Hunderten Büchern, mit Tausenden Karten, Tabellen, erfreute, als ich die Serta und Quinta des Gymnasiums besuchte, Beilagen, farbigen und schwarzen Tafeln, Tertillustrationen, Unter- steht mir noch lebhaft in Erinnerung: nur in diesen zwei Jahren schriftsproben und Literaturnachweisen. So schwer es zu sagen ist, sollte er überhaupt erteilt werden, und da der einzige Oberlehrer was in diesem Lexikon das Wichtigste ist, so fann doch taum be= an der Anstalt, welcher die Lehrbefähigung für diese Fächer besaß, zweifelt werden, daß die Literaturnachweise an erster Stelle wegen schwerer Erkrankung für ein Jahr beurlaubt war, so fiel stehen. Das Lerikon erteilt ja für den, der sich wirklich unterrichten der Unterricht während dieses ganzen Jahres einfach aus, so daß ich mill, nur eine provisorische Auskunft. Es sagt ihm: fo und so liegt nebst allen meinen Altersgenossen während unserer Schulzeit nur der Fall, willst du mehr wissen, dann findest du die Antworten in in einem einzigen Jahre naturgeschichtlichen Unterricht den und den Büchern. Was nun für Bücher als Material zitiert hatte, Botanit( Pflanzenfunde) im Sommerhalbjahr, Zoologie wird, das ist das Entscheidende. Denn wenn die Antwort sachlich ist,( Tierfunde) im Winterhalbjahr. die zitierte Literatur aber einseitig, so würde das Leriton seine Aufgabe verfehlen. Seine Auskunft muß fachlich, sein Literaturnachweis vielseitig sein. Ich habe in den vorliegenden Bänden besonders die Literaturnachweise nachgeprüft und auf allen Gebieten, die ich kontrollieren tann, eine besonders vorzügliche Zusammenstellung der Literaturnachweise in bezug auf Bücher, Zeitschriften, ja selbst einzelne Zeitschriftenartikel gefunden. In den Bänden zwei bis vier stehen wieder zahlreiche Beweise für die parteipolitische Neutralität und fachliche Zuverlässigkeit des Werks, modurch sich der Große Brockhaus von dem deutschnationalen Großen Meyer vorteilhaft unterscheidet. Parteipolitische Neutralität heißt aber nicht ängstliche Behandlung politischer Bersonen und Ereignisse. So ist es mutig und richtig, daß der Brockhaus z. B. Otto Braun besonders ausführlich würdigt, ihn in einer von edytem Respekt erfüllten Darstellung als„ preußischen Staatsmann" bezeichnet und feststellt, daß er die politische Leitung unbestritten in der Hand behält". In den vorliegenden Bänden ist das prattische und technische Material von einer oft großartigen Vielseitigkeit. Im vierten Band , findet man ganze Monographien. So wird z. B. die Belt Chinas in neunzig Druckspalten mit einem prachtvollen Apparat von Bildern und Illustrationen dargestellt. In früheren Auflagen war diese Darstellung viel geringer, da wir von China noch nicht so viel zu missen brauchten. Daneben wird der vierte Band von allen mit ,, Deutsch" verbundenen Stichwörtern beherrscht. Sie nehmen nicht weniger als 350 Tegtspalten ein, denen ein ebenso bedeutender Bilderteil entspricht. In der Tabelle der Wappen der Republit entdeckte ich, daß Bayern noch immer etwas Kronenartiges im Wappen führt. Recht geschieht ihm! Sehr gut und gründlich ist die Ver= fassung der Republik behandelt; neun Tertspalten sind ihr gewidmet. Wie schon früher angedeutet, hat aber der Brockhaus bei aller Borzüglichkeit eine schwache Stelle. Und das ist die auswärtige Politif. Hier finden sich fast in jedem Band Formulierungen und Darstellungen, die nicht unbedenklich sind. Das ist auch das einzige Gebiet, auf dem Brockhaus die Sachlichkeit des Ausdrucks verläßt. Was soll das heißen, in einem Lerifon auf hugenbergisch Belgien als„ Basallen" Frankreichs zu bezeichnen. So eine Aus: drucksweise können wir nicht dulden. Bismards Versailler Frieden nennt der Brockhaus trotz der von Bismard selbst nicht gewünschten Annerion von Elsaß- Lothringen maßvoll", die für damals ungeheuere Kriegsentschädigung von 5 Milliarden sehr(!) gering". Anfang 1918 sollen bolfchemistische Ideen Deutschland zerfetzt" haben. Danach fann man mit Spannung dem Stichwort ,, Dolch fish" entgegensehen, das für den fünften Band angekündigt ist. Daß der vierte Band die Konferenzen über den Young- Plan mitenthält, ist technisch fabelhaft; daß er Schacht rühmt, weil er die Bariser Konferenz durch seine Nachgiebigkeit" gerettet habe, während er sie doch durch seine politischen Extratouren tatsächlich schädigte, ist eine unrichtige Privatansicht eines außenpolitischen Mitarbeiters. Hoffentlich wird vom fünften Band die Schiußredaktion gerade diesen Kapiteln größere Aufmerksamkeit zuwenden. Gerade wir wünschen es, die wir hier Brockhaus mit allem Nachdruck als das für Republikaner und Sozialisten beste Lexikon der Nachkriegszeit empfehlen. Die drucktechnische und fünstlerische Ausstattung des Bandes ist wieder vorzüglich und beim praktischen Gebrauch finden sich eine Fülle von Vorzügen, durch die der Besitzer dieses Werks mit ihm allmählich zusammenwächst. Felix Stössinger. Die Propyläen- Kunstgeschichte. Das große Unternehmen der ,, Propyläen- Kunstgeschichte", das jezt in 16 Bänden zu je 55 oder 60 M. vollendet vorliegt, zeigt so recht Den Charakter der heutigen Kunstverhältnisse. Seit der Inflationszeit ist die schön ausgestattete, reich illustrierte Kunstiteratur immer mehr algeschwollen. Je geringer die Rolle wurde, die die Kunst im wirklichen Leben spielt, um so aufgeblähter wurde ihre papierne Herrlichkeit. Freilich zum Gebrauch einer engen Kaste; das bessere Bürgertum der 70er und 80er Jahre legte sich die illustrierte Lurus. ausgabe auf den Salontisch, die Reichen von heute stellen sich die sechzehnbändige Kunstgeschichte aller Böller und Zeiten in den pruntenden Bücherschrank. Die Sanaase, Lübfe und Sprin ger, die die Kunstbildungsbedürfnisse ihrer Zeit befriedigten, schrieben ihre Bände allein; das Abbildungsmaterial war spärlió) und schlecht. Wörmann. der letzte große Kunstenzyklopädist, bewältigte noch das Riesenmaterial: jetzt ist für jeden Band ein anderer Verfasser aufgebaten. Das illustrative Material herrscht auf der ganzen Linie vor. In dem zuletzt erschienenen Bande( Mar Hauttmann: ,, Die Kunst des frühen Mittelalters", PropyläenBerlag, Berlin) kommen auf 145 Seiten Teri 535 Seiten Abbildun gen und Tafeln. Der Kunstsnob von heute will in der Anschauung samelgen, aber seinen Geist nicht anstrengen. In der Tat tommt die Propyläen Kunstgeschichte diesem Berlangen aufs beste entgegen. Tie zuvor hat man ein so reichhaltiges, in der photographischen Auf nahme und Wiedergabe so vollendetes Bildmaterial in einer Sanitgeschichte gesehen.( Im einzelnen sind natürlich Beanstandungen der Auswahl usw. angebracht. Zum Beispiel fehlt in dem vorliegenden Bande eine farbige Reproduktion eines der Mosaiken von Ravenna, die cift ihre ganze Schönheit offenbart.) Der Bearbeiter der„ Kunst des früheren Mittelalters", Mar Hauttmann, hat sein Wert nicht vollenden können, das meiste haben Sans Rarlinger, der auch den Band über die Gotit bei Von dem Unterricht selbst galt, was von jedem Unterricht gilt, daß es in erster Linie auf die Persönlichkeit des Lehrers ankommt. Von dem oben genannten Oberlehrer kann ich rühmend sagen, daß er nicht zu den ledernen Pedanten gehörte. Das ändert natürlich nichts daran, daß der naturgeschichtliche Unterricht jener 3eit den Vergleich mit dem heutigen durchaus nicht aushält. Im ganzen war er doch wesentlich ein beschreibender, bei dem Pflanzen und Tiere zergliedert, aber nicht als lebendige Organismen in ihren Lebensäußerungen erfaßt wurden. Dieser Mangel wurde um so fühlbarer, je mehr der Entwick: Iungsgedante in den sogenannten beschreibenden Naturwissenschaften Fuß faßte und allmählich herrschend wurde, und um die Jahrhundertwende gab es wohl faum noch einen Naturgeschichts. Jchrer, der diesen Mangel der Unterrichtsmethode nicht lebhaft empfand. Einer derjenigen, die am lebhaftesten für einen Wandel eintraten und in Wort und Schrift erfolgreich dafür fämpften, ist Otto Schmeil. Wie er selbst die Natur„ biologisch", als lebendigen Organismus, schaute, so sollte auch der Unterricht das biologiche auch seine Lehrbücher der Tier- und Pflanzenkunde dienen, die feit Schauen, Erkennen und Denten vermitteln. Diesem Zwede sollten ihrem ersten Erscheinen( 1899, Lehrbuch der 30ologie, 1903, Lehrbuch der Botanif) immer wiederholte Auflagen erlebt haben( vor kurzem die 47. bzw. 49.), in denen sorgfältig dem jeweils fortgeschrittenen Stande der Wissenschaft Rechnung getragen Gerade wurde. Dasselbe gilt von Schmeils Leitfäden der Tier- und Pflanzenkunde, von denen mir die neuesten Auflagen, die vor kurzem erschienene 143. bzw. 144. vorliegen.*) Bestimmt sind die Werke zur Unterstützung der Arbeit an der Jugend, a so in erster Reihe für den Lehrer, der sich aber selbstverständlich nicht sklavisch an das Buch zu halten hat, welches ihm lediglich Fingerzeige geben tann, während er in seinem Unterricht aus seiner eigenen Erfahrung schöpfen und vor allem auch an die Fauna und Flora( Tier- und Pflanzenwelt) der engeren Heimat anknüpfen muß, was im Lehrbuch und im Leitfaden ja feineswegs eingehend berücksichtigt werden kann. Gerade der hervorragende Lehrer und tüchtige Pädagoge wird in der Regel seinen Unterricht überhaupt nicht an ein bestimmtes Lehrbuch anlehnen, während für den Schüler ein systematisch angelegter Leitfaden recht wertvoll ist. In der vorliegenden neuen Auflage der Tierkunde tritt die Morphologie und Entwicklungsgeschichte noch schärfer hervor als in den früheren, und die Haustiere sind noch eingehender berücksichtigt, um den Bedürfnissen des praktischen Lebens soweit als möglich Rechnung zu tragen. In der Pflanzenkunde find die bisherigen Pilztafeln durch neue farbige, sehr lebensvolle ersetzt worden, die von dem Leiter der Deutschen Gesellschaft für Bilzfunde", Herrn Kallenbach und seiner Gattin, herrühren. Sie bilden eine wesentliche Bereicherung des Buches. Sind die Schmeilschen Lehrbücher und Leitfäden auch in erster Linie als Hilfsmittel für den Unterricht an höheren Lehranstalten gedacht, so werden sie, wie ja auch ihre große Berbreitung beweist, allen Freunden der Natur das Beobachten und Kennenlernen erleichtern und die Freude an der Natur mehren. Dr. Bruno Borchardt. *) Prof. Dr. O. Schmeil, Leitfaden der Tierfunde, 143. AufLage. 387 Seiten mit 27 farbigen und 23 schwarzen Tafeln sowie zahlreichen Tertbildern; in Leinenband 5,80 m. Derselbe, Leitfaden der Pflanzenkunde, 144. Auflage, reichen Textbildern; in Leinenband 5,60 m. 356 Seiten mit 22 farbigen und 26 schwarzen Tafeln sowie zahlDerselbe, Pflanzen der Heimat, 2. Band, 78 Tafeln mit Tert von Prof. Dr. E. Leick. Berlag aller drei Bücher: Leipzig, Quelle u. Meyer, 1929. KlaffenGrund an: Bom Wesen der Erziehung Renolte der Jugend gegensatz in der Erziehung Jugend und Sozialismus lagen der Selbsterziehung Unsere Ziele- Unsere Bege- Jugend und Alter in der sozialistischen Erziehung. Aber auch dem Wetteren möchte ich das Buch recht empfehlen. Er wird nach der Lektüre vielleicht weniger von Erziehung reden, jedoch mehr für die Erziehung tun. Laßt uns gute Sozialisten sein, dann werden die, mit denen mir leben, schon rechte Sozialisten mera durch Selbsterziehung. Aevermann. steuerte, und sein Schüler Peter Hahn geliefert. Der Tert facht ohne alles gelehrte Beiwert wie in allen Bänden dem Stande der heutigen Wissenschaft entsprechend das Tatsachenmaterial in bequemer und furzer Form zu bieten und auch funsthistorische Perspektiven zu eröffnen. Leider wird jeder Versuch, Kunstgeschichte geschichtsmaterialistisch zu verankern, ängstlich vermieden. dieses Zeitalter die Zusammenziehung der altchristlichen und der frühmittelalterlichen Kunst ist ein glücklicher Gedanke hätte reiche Gelegenheit gegeben, die Ueberlegenheit einer tiefer fundierten Meden thode zu erweifen. So bleibt man in der Stilkunde und im ästhtischen Genuß befangen. Aber verlangen die Käufer solcher Lurusbände mehr? Jedes Mehr würde wahrscheinlich dem Absatz Walther v. Hollander: Frühling in Duderstadt".") schaden oder doch den Textteil zur überflüffigen Zugabe zum Bilderbuch degradieren. K. H. Döscher. Selbsterziehung der Jugend. An Erziehungsbüchern fehlt es zur Zeit wahrhaftig nicht und an Bemühungen um die Erziehung der Kinder und Jugendlichen ebensowenig. Die Betroffenen können ein Lieb davon fingen. Bater und Mutter geben sich Mühe, Jahr um Jahr, Tag für Tag. Die Schule bemüht sich. täglich 5 Stunden und mehr. Lehrmeister und Betrieb strengen sich nicht minder an. Das war immer schon. Wenn heute sich fast jede Organisation eine Jugendgruppe angegliedert hat, so will sie damit auch Erziehungsaufgaben übernehmen. Ein wahres Trommelfeuer von Erziehung prasselt auf den jungen Menschen nieder, und wenn das Maß der Bemühungen ausschlaggebend wäre, müßten geradezu nur noch Musteregemplare wohlerzogener Menschen unsere Städte und Dörfer bevölkern. Daß dem aber nicht so ist, betonen die Erzieher am allerlautesten, und es ist gut und nüglich, daß wir auch aus Anna Siemens Bud Selbsterziehung der Jugend"( Arbeiterjugend Berlag, 60 Seiten, 1.30 bzw. 2 M.) zunächst den Ruf vernehmen: Erzieher, überschätzt eure Arbeit nicht, erzieht weniger, so erzieht ihr mehr! Wir müssen gründlich mit der Auffassung brechen, daß die Menschheit sich einteilen ließe in Erzieher und Zöglinge. Wir alle find immer und zu jeder Zeit Erzieher und Erzogene zugleich; oder nie Anna Siemfen es sagt:„ Das erste ist dies, daß es keinen Menschen, der innerhalb der Gesellschaft lebt, geben kann, der nicht in jedem Augenblic seines Lebens erzogen wird, ebenso wie er in jedem Augenblick seines Lebens erzieht." Die Gesellschaft erzieht sich in der Gesellschaft, der einzelne erzieht zuvörderst sich selbst. Zu dieser Selbsterziehung dem anderen und dem Jugendlichen aud) und erst redyt Hilfe leihen, das ist das Mögliche und Wirffame zugleich, das ist Besgräntung, aber auch fieffte Berpflichtung. Mer von Erziehung redet, kann nicht an der heutigen Notlage der Jugendlichen vorbeigehen. Anna Giemfen schildert diese Not und gibt die Begründung und die Aussióst auf Lösung. Eins have ich allerdings dabei vermißt, ein gründliches Eingehen auf die Revolte des jungen Arbeiters, die sich überall dort ergibt, wo das Elternhaus den unsozialistischen Macht- und Autoritätsstandpunkt in der sogenannten häuslichen Erziehung noch nicht aufgegeben hat. Die Einbettung des Erziehungsvorgangs in die gesellschaftliche Gesantentwicklung ist vielseitig und überzeugend dargestellt. Bei der Letture fonn man zeitweilig vergessen, daß man es mit einer pädagogischen Schrift zu tun hat. Aber es ist gut so. Die fozio. Logische Betrachtung soll für den Sozialisten selbstverständlich sein, und an guten Büchern, die die Erziehungsfrage non diesem Standpunft aus betrachten, ist wahrhaftig fein Ueberfluß. Die Jugend felber sollte an dieser Schrift ja nicht vorbeigehen. In ihrer Waren, recht verständlichen Sprache gibt Anna Siemfen so vielfache Hinweise und Anregungen, daß die Gedankentätigkeit des einzelnen davon auss stärtsle befruchtet werden kann. Mehr Gewinn wird jedod) nody bie Jugendorganisation haben, die die Leftüre des Büchleins zur Grundlage ihrer Diskussions. abende macht. Die Kapitelüberschriften deuten den Gedantengang Liebes Leid und Lust in einem mecklenburgischen Nest an der Grenze Brandenburgs. Durch den Chausseebau fommen Fremde in die Weltabgeschiedenheit und zerstören den fünstlich seit Gene rationen behüteten Bau einer dumpfen und verlogenen Kleinbürgermoral. Das Fremde lockt und plöglich fallen die Masken. Bom Tagelöhner bis zur adligen Gutsherrin reicht der Taumel und läßt die Frauen alle Rücksichten vergessen. Aber er ist keine Befreiung, er löst keine Freude, kein Glüd ohne Reue aus. Die Menschen leben. wie von einem wilden Krampf geschüttelt und diese plötzliche Entladung weist auf die sonst keusch verhüllten Hintergründe hin, auf die Unzufriedenheit dieses Lebens, auf den geistigen und körper. lichen Mangel. Sehnsucht nach Befriedigung durchzittert die Menschen, eine Sehnsucht, die in den Tod treibt oder kaum geftillt werden kann. Es ist eine Tragikomödie des Triebs, der krank geworden ist. Das Buch wirkt wie eine Stizze. Hollander bleibt, bei Anbeutungen. Er enthüllt die Gebrochenheit der sogenannten erdverbundenen Menschen, versucht sie in Gegensatz zu einer neutralen Natur zu setzen, aber dieses Problem wird nicht durchgeftaltet, scho die Sprache ist hier merkwürdig blaß und unplastisch, von fondentionellem Charakter. Ein Hinweis, ein Gerüst, ein Aufriß, es fehlt die intimere Ausgestaltung. -arna.* Der Roman ist in der Internationalen Bibliothek Berlin erschienen. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart Das wahre Gesicht des Bolschewismus In wird enthüllt von einem russischen Revolutionär in dem soeben erschienenen, Aufsehen erregenden Buche: Sowjetkerkern Erlebnisse eines ehemaligen Sowjetfunktionärs Von Wladimir Brunowski Mit 16 Abbild. nach Originalphotographien. Kart. RM.4.Das Buch des Tages, das gerade jetzt Jeder lesen muß In allen Buchhandlungen zu haben saillid Freitag 15. April 1930 Unterhaltung und Beilage des VorVäris Sdward Stilgebauer: JlndlTC{jtl&MSßF Es ist in den Osteriagen des Jahres 1792. Um die Veranda des kleinen Landhauses der Frau Pourrot in Lucicnnes winden sich die ersten blühenden Glyzinen. In Paris gährt und brodelt es, denn Unfaßliches bereitet sich vor. Aber hier in Luciennes herrscht tiefer Friede. Frau Ponrrat, auf deren gepuderten haaren die Lichter dieser goldenen Osterzeit spielen, liest den Emil des Rousseau. Nun schüttelt sie den Kopf. „Was hast du, Mutter* fragt da ihre Tochter, Frau von Lecoulteux. „Ich weiß nicht Fanny, aher diese modernen Ansichten...* „Modern, Mutter, der gute Rousseau... und modern. Aber warum nennst du mich Fanny?" „Cr nennt dicht doch so!" „Das wäre doch an und für sich noch kein Grund einer Um- taufe!" Frau von Lecoulteux erhebt sich. Sie geht an dos Geländer der Veranda und lehnt den Kopf weit hinaus. „Nach wem schaust du aus?" fragt da die immer besorgte Mutter. „Ich sorge mich um Andre!" „Da hast du nicht unrecht, er könnte vorsichtiger sein!" „Wenn es gestern nur gut abgelaufen ist!" „Was war denn gestern?" „Ihr seid vergeßlich. Mutter!" „Entschuldige, mein Kind! ober in diesen Tagen ereignet sich so vieles und Ungeheures, daß man beim besten Willen nicht olles behalten kann!" „Aber, Mutter! Andre sprach doch darüber. Er hat dock, selbst die Verse für diese Festlichkeit gedichtet. Die Jakobiner geleiten die vierzig Soldaten des Schwcizerrcgiments Chateauvieux, die am Auf. stand in Nancy beteiligt gewesen und zur Zwangsarbeit in Brest verurteilt waren, feierlich nach Paris zurück!" „Andrj sollte Gescheiteres dichten!" „Eure Ansicht, Mutter! Im übrigen haben sich der Maler David und der Komponist Gossec auch an dieser Feierlichkeit beteiligt. Collot d'Herbois sollte eine Ansprache hallen!" „Der Schmierendirektor?" „Wer kann in d i e s e n Zeiten wissen, Mutter, was noch einmal aus einem solchen werden kann?" Frau von Lecoulleux ist einen Moment von dem Geländer der Veranda zurückgetreten. Da ertönt draußen im Garten eine Stimme: „Guten Tag. meine Damen!" „Endlich! Endlich!" Schon nach wenigen Minuten steigt«in eleganter cherr die Stufen zur Veranda empor. O wären Sic gestern doch in Paris gewesen, Frau von Le- coulteux!" „War es denn so schön?" „Unvergleichlich", antwortet da Andre Ch-inier,„und dabei der größte meiner Triumphe. Ein erhebender Moment, als mein chym. nus auf die revollierenden Schweizer erklang!" „Ich hörte solche Worte lieber nicht aus Ihrem Munde, mein bester Chtnier", verweist da Frau Pourrat. Andre Chänier hört gar nicht hin. Er folgt der Einladung der Freundin, die ihn jetzt bittet, auf der Veranda Platz zu nehmen. „Erzählen Sie!" „chörn Sie, meine Damen, es war herrlich! Großartig war es! Noch nie Hab« ich einen solchen Taumel der Begeisterung in den Straßen von Paris erlebt." „Taumel?" kritisiert Frau Pourrot. „O, Sie hätten nur dabei sein müssen!" „Danke!" Andrö Chänier läßt sich durch die Muller nicht abbringen, denn der Tochter Augen hängen'begeistert an semen Lippen. „David hat seine Sache brillant gemacht! Es waren Wunder von Wagen, auf denen die Befreiten ihren Einzug in Paris gehalten haben! Sie wurden von weiß gekleideten Mädchen empfangen. Di« hielten zerbrochen« Ketten in den Händen, die mit Osterblumen umwunden waren. Symbol der Auferstehung! Ist das nicht wundervoll?" „Herrlich, herrlich!" Mit diesen Worten klatscht Frau von Lecoulteux in die Hände. Und Andre Eherne r ruft: „Es lebe die Freiheit!" „Und die Gleichheit und die Brüderlichkeit", hallt es ihm aus dem Munde der Freundin zurück. Wieder schüttelt Frau Pourrat das weißgepuderte Haupt. „Man hat die Soldaten feierlich in die Sitzung der National- versammlling geleitet", fährt Andrä Chenier sokt. Collot hat gött- lich gesprochen!" „Und haben Sie niemals. darüber nachgedacht, mein bester Chenier, wohin das alles»och führen soll?" fragt Frau Pourrat. „Zur Gleichstellung aller Menschen, zur Verbrüderung der Nationen", entscheidet da der Dichter aus dem Handgelenk. „Und das glauben Sie wirklich?" „Das glaube ich, Frau Pourrat!" „Und auch ich glaube das, Mutter", versichert nun Frau von Lecoulteux. „Sie sind Poet, und du bist verliebt!" Nach langer Pause legt sich da plötzlich ein finsterer Zug auf das eben noch lachende Gesicht des Dichters. „Was ist Ihnen, mein Freund?" „Sellfam! Ab und zu habe ich Vistonen in diesen Zeiten. Und wenn ich die habe, dann werden Verse daraus!" „Verse?" „Ja, dann frage ich mich, wer wird wohl noch alles unter den Opfern für die Freiheit fein?" „Also auch Sie", meint Frau Pourrat. Da zieht Andre Chenier ein kleines Album aus der Tasche. „Ist das eine neu« Ode, Andre?" „Keine Ode, eine Vision!" „Lesen Sie!" Andrä Chenier beginnt: „Wie der letzte Strahl und der letzte Hauch 'Am scheidenden Ostcrtag, So sei auf dem Blutgerüste auch Meiner Leier scheidender Schlag! Vielleicht, eh' die Stunde den Lauf noch vollbracht Auf dem glänzenden Zifferblatt, Noch eh' sie die sechzig Schritte gemacht Und ihr Ende geschlagen hat, Senkt sich ewiger Schlaf auf mein Augenlid, Noch eh' ich gefunden den Reim, Den mein Geist fetzt am Schlüsse des Verses steht, Für den ich legte den Keim... Schon tritt in des- grausigen Kerkers Nacht Der Bote der rohen Gewalt, Von den Soldaten des Todes bewacht... Hört ihr es... mein Name erschallt!" „Schrecklich", schreit da Frau von Lecoulteux. Und Andrä Chenier lächelt. „Aber, Beste, das war doch nur eine Vision!" Eine Wolke zieht über den Himmel. Des Gartens Oslersonnengold ist plötzlich verschwunden. Und fröstelnd begeben sich die drei Menschen zu einer �Tasse wärmenden Kaffees in das Landhaus. Etwa zwei Jahre später stand Andre Chenier auf dem Schafott. Sein Haupt siel... drei Tage vor dein Sturze Robespieres. 3)r. Qeorg tVolff: D«»" idllVCltfchlllllSIVietlfclt Man spricht gern und oft vom Durchschnillsmenschcn und wird doch in einige Verlegenheit tonnnen, wenn man ihn genauer defi- nieren oder von den anderen abgrenzen soll, die angeblich über oder unter dem Durchschnitt sind. Das ist schon schwer für die körperlichen Eigenschaften des Menschen. Immerhin lassen sich hier Durchschnittswerte auf Gnmd eingehender statistischer Er- Hebungen berechnen, wie es zuerst Q u e t- l e t in seinen Unter. suchungen über den„mittleren Menschen" getan hc(t, und nach ihm zahlreiche Anthropologen. Aerzte und 5)ygie»iker. So spielen Mes- sangen und Wägungen im Kleinkind- und Schulkindalter, aber auch später, zur Feststellung der Normalgröße und des Normalgewichts «in« große Rolle. Di« hierbei gewonnenen Werte können durch weitere Verfeinerung der Berechnung einen Rückschluß auf vor. moles Wachstum, Ernährungszustand«md Gesundheit ermöglichen. Solche Feststellungen benutzen die Schulärzte daher vielfach bei ihren laufenden Untersuchungen ganzer Schulklasscn: freilich stets nur zur Unterstützung des sonstigen Untersuchungsbefundes, der in jedem Fall vollstes ärztliches Verständnis für das Individuum und seine soziale Umwelt erfordert. Diel schwieriger ist aber eine solche Klassifizierung für die geistigen Qualitäten des Menschen. Wer entspricht dem Durchschnitt, wer nicht? Seit langem bemühen sich Pädagogen und Psychologen, neuerdings mit experimentell- psychologischen Mecho- den, darüber Bescheid zu geben. Im Schulkindatter entscheidet im allgemeinen das Zeugnis der Schule. Immerhin werdcn manche, die dort keine Durchschnittleistungen erzielten, falstl) eingeschätzt werden: gerade die einsettig Begabten, die bei richtiger Auswahl ihres Fache» nn späteren Leben Höchstleistungen erzielen, versagen in der Schule oft gänzlich. Umgekehrt sind Musterschüler im Kampf des Lebens nicht immer Mustermenschen geworden. Neuerding» bemüht sich die Vererbungswissenschaft, die seit ihrer Begründung durch den Brünner Augustinerpater Gregor Mendel für olle Zweige der Biologie von größter Bedeutung geworden ist, auch die Konstitution des Menschen auf Grund an- lagemäßiger Eigenschaften vorher zu bestimmen. Auf diesem Boden ist Eugenik, die Lehr« vom Wohl geborensein, entstanden, deren An- Zläog«, chMÄ»6 TM" Ulmzenzüchtor. durch Auslejx der guten und Ausscheidung der minderwertigen Elemente eine Vcr- besserung der menschlichen Rasse erstreben und damit eine Rassen- Hygiene begründen. Wenig verheißungsvoll wäre freilich das Be- streben, wenn es darin gipfelt-, nur Durchschnittsmenschen h-ron- zubilden: dann würden die Ergebnisse kaum eine Höherzucht des Menschen bedeuten, keinen Fortschritt, sondern eine unerfreuliche und ungeistige Gleichzucht. Gliicklicherwesse sind die Gesetze der menschlichen Vererbung nicht so einfach! Ihre Erkenntnis ist gewiß von höchstem Reiz, »och aber ein vielfach unerschlossenes Land. So einfach wie beim Nutztier oder der Nutzpflanze, die menschlicher Gewalt unterliegen und noch einer bestimmten Richtung gezüchtet werden, ist die Höher- Züchtung des Menschen aus naheliegenden Gründen nicht: t>cnn es gilt im allgemeinen nicht als Ziel der Eugenik, die Veredelung des blomo sapiens auf Fleisch oder Fett oder Milch oder eine bestimmte Farbe der Haare, der Augen oder dergleichen zu bewirken, wie es die Tier- oder Pflanzenzüchter tun. Die Veredelung des Geistes ist erst recht eine heikle Sache. Zu mannigfach sind die Variattonsmöglichkeiten, die sich aus der Kreuzung zweier Menschen- typen ergeben, zweier Individuen, die das Endglied einer unend- lichen Ahnenkette darstellen und in ihren Erbwerten deren vielfach gekreuzte, summierte und differenzierte Eigenschaften vereinigen. Einige ganz grobe Anlagefehler sind menschlichem Zugriff viel- leicht heute schon zugänglich, etwa auf dem Gelüct der vererbten moralischen und intellekruellen Minderwertigkeit, die sich in den Symptomen familiären Säufer- und Verbrechertums oder der an- geborenen geistigen Verblödung(Idiotie) kundtun. Hier urw noch in einigen anderen Fällen erfolgt schon jetzt, zum Beispiel in ein- zelnen Staaten Nordamerikas, die gesetzliche Sterilisierung, um die menschliche Gescllschcst vor der weiteren Fortpflanzung dieser „asozialen" Element« zu schützen. In dieser Richtung liegt die pratttsche Bedeutung der menschlichen Vererbungslehre. Aber auch hier ist 0er Erfolg nicht immer als ein weiser Eingriff in das Walten der Natur verbürgt: denn cs muß das bekannte Beispiel zu denken geben, daß Beethovens Vater ein chronischer Säufer war, umgekehrt Goethes einziger Sohn keinerlei besondere Leistun- gen mstzmveijcn hatte. Die.Produkte her Vererbung bleiben stets von neuem ein biologisches Wunder. So werden wir uns wohl auch hier der Grenzen menschlicher Erkenntnis bewußt sein und uns damit abfinden müssen, daß die menschliche Gesellschaft stets eine gewisse Zahl minderwertiger Elemente mit sich tragen muß, die freilich im modernen Staat dem„Spiel der freien Kräfte" durch Aussicht und Verwahrung entzogen bleiben sollen. Bei der Beurteilung abnormer Persönlichkeiten der mensch- lichen Gesellschaft, der uiitcrwcrtigen wie der besonders hervorragen- den Vertreter in Kultur. Politik, Kunst und Wissenschaft spielt eine gewisse psychopathische Anlage fast stets eine charakteristische Rolle. Ihre Beseitigung kann daher wieder nicht das Ziel menschlicher Zuchtwahl sein oder gar ihr Ersatz durch die Norm des guten, nie- mals vom Wegs dcr goldenen Mittelstraße abweichenden Durch- schinttsmenschsn. War auch Lombrosos berühmte Formulierung in „Genie und Irrsinn" nicht zutreffend, sofern es sich um eigentliche Oiiehirndcfekte, angeborene oder erworbene paralytische Geistes- ftorungen handelte, so läßt sich doch das häufige Zusammentreffen krankhafter Seelenzustonde, bald vorübergehender, bald mehr dauernder Art, bei einem großen Teil hervorragender und geistig produktiver Menschen nicht leugnen. Die Psychiater haben hierfür seit langem reichhaltiges Material gesammelt. Abnorme Seelen- zustände, beginnend von dcr psychopathischcn Anlage bis zur schweren Paranoia, begleiten außerordentlich häufig das Schaffen exaltierter, von einer überwertigen Idee erfüllter Mensche»: diese Ideen können ober auch durchaus falsch und verschroben sein. Hier ist der Uebergang vom Normalen' zum Pathologischen fliehend. Und auch im Leben der sogenannten„Durchschnitts- menschen" pflegen solche Grenzzustände bei besonderen Anlässen nicht auszubleiben.' Daher wird die Wissenschaft die Antwort auf die Frage„Wer ist ein Durchschnittsmensch?" auf Grund statisti- scher Berechnungen nur schwer finden, wie es Ouctclet in seinem genialen Entwurf einer„Sozialen Physik" in beziig aiif die körper- lichen und geistigen Fähigkeiten des Menschen vorgeschwebt Hai. Denn in dieser Frage ist bereits ein subjektives Werturteil ent- halten. Aber nur was objektiv feststellbar, was meß- und zählbar ist, ist dem Zugriff dos Statistikers zugänglich. Aus einer großen R�ihe verschiedener Einzelwerte lassen sich dann noch wahrscheinlich- kcitstheoretischen Grundsätzen Mittelwerte berechnen, die freilich auch hier einen gewissen Fchlerrcft noch stets enthalten, je nach Größe und Zuverlässigkeit des zugrunde liegenden Urmaterials. Eine solche Klassifizierung ist aber für geistige Eigenschasten nur schwer möglich. Es trifft hier insbesondere zu, was der Psy- chiater Kurt Hiidebrandt in stinem Buch„Norm und Entarttin� des Menschen" von der Norm im allgemeinen sagt:„Die Norm ist eine Idee, ein Bild, das geschaut werden kann, auch wenn es den äußeren Sinnen nicht gegeben ist". Damit möchten wir zu- gleich selbst bekennen, daß die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens sich kaum erhalten läßt, wenn bestimmte Anlagen daraus künstlich entfenit werden, die das eine Mal krankhaft entarten können, das andere Mal nicht, die einmal zu intuitiven Höchst- leistungen führen, ein andermal zu bizarren Abwegen. Hier eine Gesetzmäßigkeit auf Grund statistischer Durchschnittswerte zu finden, nach der eine„Veredelung" des Menschen möglich wäre, wird einst- weilen wohl ein Traum der Biologie bleiben müssen. Siiedrich cl( alle rollt: JßiMSEVS Nach vielen Jahren Fremdsein— träumte er— schritt er wieder die helle Straße im Dorf hinauf. Neben ihm lief der Schmied, dcr alt und geschwätzig geworden war. Das steife Schurzfell schlug ihm bei jedem Schritt gegen die Knie und die breiten Holzlatschen klapper- ten auf dem Kopfsteinpslaster. Der Kopf des Schmiedes war seit- wärts gedreht, während das Gesicht in erstarrtem Grinsen unaus- hörlich wie ein Automat unverständliche Worte sprudelte. Am Gasthof blieb er stehen, in der Hoffnung, den Schwätzer los zu werden. Von der Schmiede her erklang dos Wiehern von Pferden, und wirklich, dcr Schmied rauschte vorüber. Der Träumer in seinem Traum trat jedoch nicht in die Schänke ein, er blieb draußen im Bcr- koufsraum stehe». Ein seifiger Geruch, vermischt mit dem Dust von Rosinen, schlug ihm entgegen. Luzie stand wie immer hinter dem Ladentisch aus der obersten dcr drei Stufen, die zur Gaststube führten. Sie hatte noch das schöne rote Haar, vorn an der Stirn war es ganz hell und ein wenig geträufelt. Doch war wohl ein wenig Rost in dem Glanz wie bei Seide, wenn sie vom langen Liegen schal wird. Auch schien das Gesicht mit den wasserblauen Augen schmaler und wie von Erlebnissen böser Zeiten gealtert. Luzie lachte leise, als sie den Träumer erkannte. „Ich weih schon, was du willst, gelt, eine Stange ganz frischen?" Daß sie seinen Wunsch gleich erraten hatte, verwunderte ihn sehr. Inleincr Vorstellung, die nur ein Traum war, waren die häufigen Gänge der kleinen Füße in seiner Kindheit gänzlich verlöscht. Er mochte diese Sorte Kautabak gar nicht leiden, er liebt« ihn in kleinen Röllchen, der angenehmer und milder schmeckt. Doch nahm er die dargebotene Ware und hielt dabei die Hand Luzies fest:. „Wie geht es dir. Luzie? Du siehst mich nicht an?" Er sagte das, obwohl ihr Blick mit dem Ausdruck letzter Ver- zweiflung an ihm hing. „Wir sollen aus dem Gasthof heraus. Mein Mann will nicht. Wo sollen wir auch hin?" Er schwieg. Er wußte keine Antwort, die sich einfügen konnte in dieses leise Adagio von Traum und Schmerzen. Aus. toten Jahren wehte es wie Erinnerung hxrüber: „Ihr hattet doch den Gasthof vor dem Krieg schon verkauft?" „Ja, wir haben ihn damals oerkauft. Aber mir haben es nie ernstlich gemeint. Es war uns nur um das Geld zu tun." In der Erinnerung des Träumers blühten plötzlich die Hänge, und das Getreide rauschte in Wellen zu der Berglehne hoch. Luzie sank immer mehr in sich zusammen. Während sie sich rückwärts zur Tür wandte, jammerte sie: „Was wird nun aus uns werdcn? Was wird nun werdcn?" Er haschic nach ihrer herabhängenden 5)and. „Hast du Kinder, Luzie?" Sie wandte sich hart von ihm ob. und trat, die Tür hinter sich schließend, in den Schankraum. Dcr Fußboden dort war mit weißem, frischen Sand bestreut. Hinter dem Glasfcnster stand Luzie und sah zu ihm herüber. Mit verstärkter Stimme, und doch nur, um ihr etwas Liebes zu sagen, rief er: „Wieviel Kinder hast du, Luzie?" Aber sie stand hinter dcr Glasscheibe, unbeweglich und die Hände über dem Leib gefallet. Immer noch, als der Träumer schon längst wach geworden war, sah er sie gegen das helle Licht des Morgens so stehen, bis das Bild langsam entschwand,