in öie Hücherwelt jsz». Jahrmarkt der Gerechtigkeit. Zu Lion Keuchtwangers Roman„Erfolg". Der Mensch steht nicht isoliert da, sondern wird im Raum ge- zeigt, verbunden mit seiner Umgebung. Das ist die Grundlage des sozialen Romans, gleichgültig, von welchem politischen und weltanschaulichen Standpunkt aus Menschen und Dinge gesehen wer- den. Die Verknüpfungen des einzelnen mit der Zeit, mit ihren wirt- schaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen sind wichtiger oder ebenso wichtig wie die individuellen Schicksal«, die wiederum ihre Form von der Außenwelt aufgeprägt erhalten. Di« Menschen werden zu symbolischen Erscheinungen ihrer Zeit. Sie tragen neben persönlichen Zügen auch typische, sind Vertreter gewisser Volksschich- ten. So ist es etwa bei Stendhal und Zola, bei Tolstoi und Dosto- jewski, und in diesem Sinn« ist Lion Feuchtwangers neuester Roman„Erfolg'(Verlag Gustav Kiepenheuer) ein großer so- zialer Roman und ein« scharfe Kritik an den Wirrnissen der letzten Vergangenheit und Gegenwart. Das Buch führt den Untertitel„Drei Jahre Geschichte einer Pro- vlnz'. Gemeint ist damit die Zeit von 1321 bis 1924, und unter der Provinz versteht Feuchtwanger den Freistaat Bayern. Es handelt sich also um die Zeit der Inflation, des Hitler-Putsches und der Fememorde, um die Zeit, da Bayern große Lust verspürte, sich vom Reich zu lösen. Feuchtwanger gibt einen Querschnitt durch die poli- tischen Parteien, durch Justiz, Wirtschost und Kunst. Hitler, Luden- darf, der Staatskommissar Kohr und ähnliche Politiker und Wirt- schaftler, wie Herr von Miller, sind Faktoren der Handlung, treten als treibende Kräfte unter anderen Namen auf, und diese Kräfte weisen— gewissermaßen als Symbole für die Wünsche bestimmter einflußreicher Cliquen— die Richtung, in die der einzelne getrieben wird. Auf dem Rücken des Volkes spielt sich die politische Tragi- komödie ab, der Cancan der Dummheit, Anmaßung, Selbstbespiege- lung und des Egoismus. Welchen Typ repräsentieren nun diese politischen Komödianten? Aus welche Bevölkerungsschichten stützen sie sich? Feuchtwanger zeichnet den Münchener als einen Landmenschen, der aus Versehen in die Stadt gekommen ist, und er zeichnet den Kampf gegen das Reich als einen Kampf von Agrariern gegen die drohende Jndu- strialisierung. In ihren Gefühlen stark und triebhaft, fallen diese Menschen auf alle Phrasen hinein, die Altbekanntes berühren. Hin- zukommen Geldentwertung, Ruhrbesetzung und die ganze verzweifelte wirtschaftliche Lage, die den verärgerten Kleinbürger zu den Völki- schen treiben, genau so wie heute. Die Völkischen sind ober nichts weiter als ein Stoßtrupp des Kapitals, das durch dies« Landsknechte «in Gegengewicht zu den organisierten Arbeitern zu schaffen beab- sichtigt, und als Hitler gerade die Diktatur errichten will, ist es zu spät. Die deutsche Großindustrie hat sich mit der französischen ge- einigt. Der wahre Diktator, die Großindustrie, runzelt die Augen- brauen, und die Dreigroschenpolitiker müsien erbarmungslos kuschen. Das ist die politische und wirtschaftliche Situation im„Erfolg". Die Handlung setzt ain mit dem Meineidsöerfahren gegen den Kunsthistoriker Martin Krüger. Dieser Prozeß ist eine einzige Farce. denn jeder weiß, daß ein Meineid nicht vorliegt, außerdem würde es sich dabei um einen Meineid handeln, der edlen Motiven entsprungen wäre. Doch Krüger muß fallen, well er sich als Leiter der Museen durch seine modernen Bestrebungen bei allen braven Bayern un- beliebt gemacht hat. Es muß drei Jahre ins Zuchthaus. Und nun zeigt sich der ganze„Jahrmarkt der Gerechtigkeit". Die Bemühun- gen um Revision und Begnadigung scheitern aus politisch«,, Grün- den. Das Gericht darf sich nicht blamieren, einer schiebt es auf den anderen, jeder macht faule Ausreden, und erst als ein amerikanischer Milliardär, der Bayern eine große Anleihe gibt, die Befreiung Krll- gers fordert, wird sofort die Begnadigung ausgesprochen, aber da ist es zu spät, Krüger ist tot. Vertrauenskrise der Justiz! Ein Industriemagnat fordert und sofort schweigt jeder Protest. Ein Mann ist unbequem und er muß fallen. Was ist Gerechtigkeit? Eine Spielerei, ein« tolle Komödie, in der ehrgeizige Leute effektvolle Rollen spielen wollen. Die Richter fällen Urteil«, wie sie die vorgesetzten Behörden und die Politik for- dern und wie sie ihrer Beförderung günstig sind. Ehrgeizige Exi- stenzen kriechen dagegen in dem Landesoerratsprozeß der Völkische». Feuchtwanger konstatiert diese Dinge ganz kühl und sachlich. Die Tatsachen sprechen für sich selbst. Vertrauenskrise der Justiz! Nur in Bayern? Und nur vor sechs Jahren? Dieser Prozeß mit seinen Auswirtungen durchzieht den Roman. Er bedeutet auch den Ausgangspunkt der künstlerischen Entwicklung, er ist der Kern der Komposition. Hier in der Verhandlung stellt Feuchtwanger gleich am Ansang alle Menschen nebeneinander, die im Lauf« des Romans stärker hervortreten und zu Exponenten der Handlung werden. Der Kampf für oder gegen das Schandurteil führt sie immer wieder zusammen, bildet den Knotenpunkt, der die einzelnen Fäden schürzt. Sonst wendet Feuchtwanger die Technik der Paralletilät an, die der Amerikaner John des Passos in seinem „Manhattan Transfer" virtuos handhabt. Keine Figur tritt beherrschend in den Vordergrund. Alle sind gleich wichtig oder unwichtig und beleuchten durch ihr Schicksal be- stimmte Strömungen und Zustände der Zeit. Der Roman ist ein Mosaik, jedes Steinchen, es mag willkürlich hingesetzt erscheinen, hat Bezug auf das Ganze, ist ein wichtiger Farbfleck in diesem Fresko.„Erfolg" bleibt ein bedeutender Beitrag zur Zeitgeschichte, «in Dokument, ein historisches Werk, und auf das Historische legt Feuchtwanger den Akzent. Er will dem Leser suggerieren, daß hier eine Art von Chronik vorliegt, die diese Zeit rückblickend behandelt, die bereits einige skurrile Erscheinungen nicht mehr versteht. Gegenüber der Schärfe der Kritik, der Größe der Anlage und Komposition fallen Mängel weniger ins Gewicht. Die Sprache be- nimmt sich manchmal zu kapriziös,.zu selbstherrlich und zu begriis- lich. Vielleicht wählte Feuchtwanger die chronikähnliche Fonn, weil er seine Menschen nicht von innen heraus gestallet, sondern über sie berichtet, sie als Außenstehende beschreibt mit der kühlen Geste des klugen, berechnenden Arrangeurs und sie dabei grau m grau malt. Es fehlt dos Kolorid Aber das verschwindet vor der Tatsache, daß hier jemand der Zeit einen Spiegel vorhält, aus dem ihr das wahr« Gesicht, das Gesicht Calibans entgegengrinst, und hoffentlich rüttelt das Buch an dem Schlaf der Welt. Zu erwähnen ist, daß Feuchtwanger an diesem Buch vier Jahre gearbeitet hat, und dies« sorgfältige Arbeit merkt man dem Werk an. Felix Scherret. Der Kampf ums Kind. Die sozialistische Erziehungsbewegung in katholischer Betrachtung. Im Wahlkampf mußten Angriffe aus dem bürgerlichen Lager gegen die Bewegung der Kinderfreunde abgewehrt werden. Wir haben aber auch feststellen können, daß auf dem unlängst ab- gehaltenen Deutschen Katholikentag in Münster die Kinderfreundebewegung in einem Referat von Dr. D e s i d e r i u s Breiten st ein eine verständnisvolle kritische Würdigung er- fahren hat. Nunmehr legt Breitenstetn der Oeffentlichkcit ein Buch vor, in dem nicht nur die Bewegung der Kinderfreunde, sondern die so- zi alistische Erziehungsbewegung überhaupt in ihren geistigen Grundlagen und in ihrem Verhältnis zum Marxis- ums dargelegt wird.*) Das Buch, mit dem offiziellen Imprimatur der katholischen Kirche versehen, verdient sorgfällige Beachtung, denn der Verfasser kennt Theorie und Praxis der sozialistischen Er- ziehungsbewegung ausgezeichnet. Sein Buch hält auch durchaus das. was im Vorwort versprochen wird: es„sieht von Polemik ab". Di« Gefamthaltung der Arbeit ist streng sachlich und vornehm, so daß eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit Breitenstein not- wendig erscheint. Zunächst die Beantwortung einer Vorfrage: Was veranlaßt den katholischen Pädagogen, sich mit der sozialistischen Crziehungs- bewegung in ihrer Theorie und Praxis zu beschäftigen? Die ka- tl.olische Kirche ist von jeher stark pädagogisch interessiert gewesen. Seit die hierarchische Ordnung des Millelallers zerfiel und sich die Kirche allmählich aus den Reformationskämpfen wieder zu erheben begann, galt es der„neuen Zell" Rechnung zu tragen. Der dem Echoße der Kirche entflohene moderne Mensch kann nur dann wieder den kirchlichen Hcilswahrheitcn zurückgewonnen werden, wenn er von Kind an behütet wird. So gehören z. B. zu den wichtigsten Be- stimmungen des faschistischen Konkordats mit der Kirche die neuen Vereinbarungen über die Jugenderziehung. Es ist des- halb selbstverständlich, daß sich der moderne Katholik mit der mäch- tigsten zeitgenössischen Erziehungsbewegung, der sozialistischen, ver- traut machen muß.„Die Erziehungsbewegung in der nichtkommu- nistischen Proletarierjugend, als Ganzes genommen, ist ein« gewal- tige Zeiterscheinung. Die Massen haben sich hier zujammengefun- den."(Seite löl.) Wie geht nun Breitenstein bei seiner Untersuchung vor? Er prüft zunächst den sogenannten„U r m a r x i s m u s" auf seine päd- agogffchen Momente: unter Urmarxismus versteht Breitenstein die Ideen von Marx und Engels. Cr verkennt durchaus nicht den großen Wirklichkeitssinn der marxistischen Lehre, wenngleich er deren Wirklichkcitsbegriff deshalb für unvollständig hält, weil er das „Transzendente", nämlich Gott, leugnet. Das ist vom Stand- puntt des Verfassers aus verständlich.„Denken, Wollen und Han- dein wird bestimmt und geformt von der ökonomischen Grundlage aus. Das ist die Kernlehr« des Urmarxismus. Es gibt in der so- zialistischen Bewegung keine eigentliche Erziehungstätigkeit, solange sie am programmatischen Urmarxismus orientiert ist."(Seite 22 ff.) Für Breitenstein ist der Urmarxismus durchgängig„K a u s a l i s- m u s". Der Mensch wird in bestimmte gesellschaftllche Verhällnisse hineingeboren, die ihn bestimmen. Sicht man den Urmarxismus so, dann muß man zu Breitensteins Konsequenzen kommen. Aber diese Ausfasiung des„Urmarxismus" ist ganz abwegig. Marx ist eben kein Marxist. Mit zweifelsfreier Ausrichtung aus pä- dagogische Theorie sagt Marx in den doch bekannten„Thesen über Feuerbach":„Die materialistische Lehr« von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß." Der ganze Sinn der Marxschen Lehre, die in ihrem kulttirwissen- schafllichen Gehalt vielleicht erst jetzt— mit der Entdeckung des jungen Marx— allseitig klargelegt werden kann, zeigt uns Marx keineswegs als„Kausalisten". der die gesellschafttichen Tat- fachen an dem Faden einer fragwürdigen Kategorie Kausalität von ihrem leb eichig«t Fluß abschnürt. Marx war doch nicht umsonst Hegelianer gewesen und schon in der Hegeischen Philosophie ist das bewegende Moment kein kausales Moment. Schon aus diesen Andeutungen mag hervorgehen, daß man. im Gegensatz zu Breiten- stein, ohne gewaltsame Konstruktion eine moderne sozialistische Er- Ziehungstheorie am„Urmarxismus", aber#in richtig verstandenen. orientieren 4ann. Alle vom„Urmarxismus" abweichenden theoretischen Aus- fasiungen bezeichnet Breitenstein als Revisionen des Ur- Marxismus. Er skizziert dann jewells Tlzeoric und die von ihr inspirierte oder die sie tragende Bewegung. So werden z. B. Kurt Löwen st eins Arbeiten im Zusammenhang mit der deutschen Ktnbersreundebewegung objektiv analysiert, Könitz und Max Tldlers pädagogische Schriften werden im Hinblick auf die öfter- reichischc Kinderfreundebewegung gewürdigt. Breitensteins Endurteil über die deutsche Kinderfreundebewegung muß hier wiedergegeben werden, verrät es doch«in ehrliches soziales Pathos, aus dem her- aus der Verfasser schreibt: „Immerhin ist die Zugkraft der Kinderfreundebewegung er- staunlich. Ein Grund, der ihr besondere Unterstützung verleiht, ist dcr Uinstand, daß sie die Vorarbeit leistende Reaktion auf eine Wirtschaftsordnung ist, die wirklich nach Abhilfe schreit. Die Kinderfreundebewegung wäre allem Anschein nach in dem heutigen Ausmaß überhaupt nicht möglich, wenn bisher von anderer Seit« eine durchgreifende Aktion zur Korrektur der sozialen Lage unternommen wäre."(Seite 72.) Mit sichtlich größerer Sympathie als über die areligiösen Löwenstein und Kanitz referiert Breitenstein über die sozialistische Bewegung„auf idealistischer Grundlage". Hendrik de Man steht hier im Mittelpunkt der Darstellung.(In diesem Zusammenhang *> Dr. Desiderius Breitenstein. Die sozialistische Er- ziehungsbewegung. Verlag: Herder u. Co., Freiburg 1930, 207 Sellen, kart. 4.20 M. wäre auch auf Gertrud Hermes einzugehen gewesen.) Breiten- stein sieht hier am leichtesten die Möglichkeit einer Brücke zur katholtschcn Religion, Er läßt jedoch, wie nicht anders zu erwarten, alle Möglichkeiten offen. Eine Charakteristik der Arbeiterjugendbewegung und des Iungsozialismus, der allerdings etwas zu sehr von außen gesehen wird, schließt an. Auch die kommu- nistische Jugendbewegung wird sorgfältig dargestellt. Der Anhang reproduziert wichtig« Materialien zur sozialistischen Jugendbewegung, die die Darstellung wirksam ergänzen. 5. F. Mayer. Herrschast und Wirtschast. Die Geschichte einer Entwicklung. In seinem 1S21 erschienenen Buch„Romantischer Sozialismus" hat SigmundRu bin st«in bereits versucht, die bewegenden Ideen der deutschen Revolution als Erbteile der dem deutschen Geistesringen eigentümlichen Romantik darzustellen. Die gleiche Aufgab« stellt er sich in seinem neuen Werk„Herr. schaft und Wirtschast"(München 19Z0, Drei-Masken-Verlag, 417 S.) in bezug auf die Wirtschaft. Auch dieses Buch„entstand"— wie der Verfasser mitteilt—„aus dem Streben, die sozialen Form- ideen romantischer Herkunft, die heute als Wirtschaftsdemokratie Wirklichkeit werden wollen, in den geistigen Einheitsgang des Abend- lands einzureihen". Es soll bewiesen werden,„daß die eigentümliche geschichtliche Leistung der abendländischen Menschen die Schaffung herrschaftsfreier, in demokratischen Formen sich selbst regierender Volksgemeinschaft ist". Der vorkapitalistischen Zivilisation lag der Gedanke der Herrschaft zugrunde, d. i. dcr Organisierung der Wirtschaft durch die Inhaber der politischen Gewalt. Auch der Frühkapitalismus hotte noch cin herrschaftliches Gepräge, aber dem Kapitalismus gelingt die Losreißung von der Zielsetzung durch die Herrschaft. Er gibt der Wirtschast eine«igen«, der Herr- schast entrückte Organisation, welche der Verfasser mit„Industrialis- mus" bezeichnet. Rubinstein behandelt eingehend und in fesselnder Weise die geistigen Kräfte, die dies« geschichtlich« Wandlung bewirken. Au erster Stelle steht die R e l i g i q n, insbesondere die Wirtschafls- Politik des Puritanismus(Max Weber, Troettsch). Sie wird zur Triebkraft einer neuen bllrgerlich-politi schen Kultur, die auf den Gedanken beruht, daß alles, was der freie Mensch schafft und häuft, für die Gesamtheit zu verwerten sei. Sie gibt dem Wollen des einzelnen die Richtung auf das Gemeinwohl, lieber. raste des Herrenstandpunktes leben allerdings im industriellen Unter. nehmer weiter, aber er ist nach christlich-puritanifcher Auffassung nicht, wie der Feudalherr, Gebieter über ihm Untertan« Arbeits- Hände, sondern selbst an die Marktgemeinschaft gebunden, innerhalb deren er„Organisator und geistiger Führer ist, aber kein Herr". Eine zweit« geistige Triebkraft ist der„humanistische Liberalismus", welcher zuerst als rationalistische Lehre die bürgerlich-industrielle Gesellschaft von der herrschaftlich-militärischeu absondert, dann aber im gejellschaftskritischen und besonders im sozialistischen Schrifttum eine große geschichtsbildende Idee in den Vordergrund rückt: den gleichen Anspruch aus Menschenrecht und Menschenwürde und den daraus fußenden Aufstieg der Arbeiterklasse. Die romantische Gesellschaftsauffassung er. gänzt als dritte geschichtliche Richttinie diese Lehre durch die Jde« von dcr organischen Verbundenheit aller im Wirtschaftsprozeß Zusammenwirkenden zu einer Ganzheit und von der Wirtschaft als „Föderation produktiver Kräfte". Di« Verwirklichung jener Idee ist das wirtschaftlich-sozial« Bewegungsgesetz in der bürgerlichen Gesellschaft. Es tritt zutage in der beruflichen Asso-- ziation, am eindringlichsten in der Gewerkschaftsbcwe- g u n g, welche dem Arbeitnehmer seine Stellung als ebenbürtigen Marktgenossen, seinen Anteil an der bürgerlichen Freiheit und air der Selbstregelung der Wirtschaft erstreitet und die Folgen seiner Besitzlosigkeit auszugleichen siicht. Sie bahnt der politischen Geltung der Arbeiterschaft den Weg und mündet in der ,st>« m o k r a t i s ch« n Marktgemeinschaft". . Unter Föderation produktwer Kräfte versteht der Verfasser den „beruflichen Föderalismus", die Volksgesamtheit als Aufbau von Berufsständen, in welchen sich Arbeiter und Leiter zusammenfinden. Das Resultat der gesamten Entwicklung ist die Verdrängung des Herrschaftsgedankens durch den einer Selbstregierung der Markt. genossenfchaft, m. a. W. die„industrielle Demokratie". Mit ihren inner- und überstaatlichen Problemen beschäftigt sich das letzte Buch des Rubinsteinschen Werkes, aber immer nur im Rahmen der ideengefchichtlichcn Entwicklung. Ein kurzes, aber sehr interessantes Kapitel behandelt die ständisch durchorganisierte In�» dustriegesellschaft Mussolinis, den faschistischen Korpo. BBTTBBSMilftBI Mo BE B IFBWBKN amRAEMAMM graue Peflern 0.60. bessere.. o.w, i.so, 1.90 Kissen, geiüiit.... 2.00, 3f0' 4_� �\ ÜÜS OB W UTE■El Bannen..'!! I! � S S s'«! m�n'�s.«. 9�. W lö'tf KottbuserDamm88Jurmstr.71,Ro»ei»thalerstr.9 rativismus, welcher in rabitater Welse versucht, Staat und Wirtschaft, politische und wirtschaftliche Machtorganisation in einem forporativen Gefüge so zu verknüpfen, daß das Entscheidungsrecht der gemeinsamen diftatorischen Spitze verbleibt. Hierbei geht aber der förperschaftlichen Demokratie die bürgerlich- kulturelle Seele" Der= loren, nämlich die Freiheit und Selbstbestimmung". Dieser forporative Bau ist daher keine„ Demofratie", teine Selbstverwaltung der Wirtschaft". Aber das spricht feineswegs gegen die Idee der Wirtschaftsverbände als Träger wirtschaftlicher Selbstbestimmung. Diese drängt vielmehr in allen Staaten machtvoll nach Verwirt lichung. Die Wirtschaft steht vor der Frage: wie sind die Berufsgemeinschaften, die der Markt hervorbringt, zu industrie- demotratischem Zusammenspiel in Gang zu sehen"? Der Verfasser entzieht sich leider einer Auseinandersetzung über diese Frage, wie überhaupt über die Verfassung der demokratischen Wirtschaft. Im letzten Teil seines Buches schildert er, wie der Imperialismus allmählich in der Idee der Völkerdemokratie, als fommender geschichtlicher Kraft, Platz macht. Er schließt etwas unerwartet mit dem Hinweis, daß im extremen Staatssozialismus die Gefahr einer Zurückdrehung zur Altherrschaftlichkeit und zum Wirtschaftsbürokratismus früherer Zeiten enthalten ist. Das Rubinsteinsche Wert beschränkt sich auf die geschichtliche Darstellung der geistigen Unterströmungen im Flusse des Wirtschaftslebens. Diese Aufgabe erfüllt es in meisterhafter Weise. Aber es hinterläßt im Leser ein Gefühl der Unbefriedigung über die lediglich negative Kennzeichnung des Industrialismus" und der Wirtschaftsdemokratie, als Ideen einer herrschaftsfreien Wirt fchaft". Ist eine solche überhaupt denkbar? Das Resultat der geschichtlichen Entwicklung ist nicht nur das Zuendegehen der Aera der Herrschaft, sondern auch ihre Neugestaltung. Was läßt sich aus der Betrachtung der geistesgeschichtlichen Entwicklung der Wirtschaft für die neue Gestaltung der demokratischen Wirtschaftsver. fassung, das Verhältnis der in ihr wirkenden Kräfte zueinander und zu den vorhandenen politischen Machtorganisationen entnehmen? Wie soll die Verfassung aussehen, in welcher die christlich- libera! humanistische Sozialidee fich aktualisiert, einem geltenden Rechtszustand zugrunde gelegt wird? Trotz des reichen Materials enthält das Rubinsteinsche Wert darüber nur einige wenige nebelhafte Andeutungen, denn es handelt sich hier um mehr und etwas anderes, als die Verwirklichung von sozialen Formideen romantischer Herkunft". Aber dem denkenden Leser wird das Buch auch in diesem Buntte manche wertvolle Anregung bieten. " Das Menschengesicht. Dr. L. Thal. Es ist fein Zweifel: seit einer Reihe von Jahren breitet sich der Geist einer neuen Romantit immer mehr aus. Man scheint es müde zu werden, die Welt nur mit dem Begriff zu erfassen und jie als ein Nur- Gegenständliches zu nehmen. Man will sie aus einem tieferen Miterleben nachgeftalien, sie als lebendige Ganzheit anschauen. Hunderte von Aeußerungen des geistigen Lebens unserer Zeit auf allen Gebieten lassen sich anführen, faum aber eine ein1200-1500", III. Buch Der Fürstenstaat 1500-1800", IV. Buch „ Die Staatsbürger und ihr Reich, von 1800 bis zur Gegenwart". Man könnte zur Not den ersten und vierten Abschnitt in threr Abgrenzung rechtfertigen; denn um das Jahr 1200 hat zwar nicht das deutsche Kaisertum selbst aufgehört, aber doch ein charakteristi scher Abschnitt seiner Entwicklung. Und seit 1800 fetzt sich tatsächlich der staatsbürgerliche Gedanke durch. Aber die Titel des zweiten und dritten Buches find sehr seltsam. Denn die Staaten der deutschen Landesfürsten beginnen nicht um 1500, sondern um 1200. Ferner hat die deutsche Fürstenmacht doch nicht um 1800 aufgehört, sondern sie hat leider nur zu eindringlich bis zum 9. November 1918 bestanden. Sodann ist das deutsche Volf von 1200-1500 niemals ein Bürgervolk gewesen. Sondern 90 Prozent der Deutschen waren damals Bauern, und die politische Macht der Städte war viel geringer als die Gewalt der Fürsten und des Adels. brudsvollere als das Mert von Bicarb Das mensen- 1 Das Reid der Raffer 900-1200", II. Buth Das Bürgervoff gesicht( 223 Seiten. Mit 30 Lichtbildtafeln. Geh. 12 Mart. Delphin Verlag, München 1930). Es ist zweifellos einer der merfwürdigsten und tiefsten Bücher der Gegenwart. Das Menschengesicht wird von dem Verfasser als symbolhafter Ausdruck dessen genommen, was tiefstes Leben in uns ist, als Offenbarung einer höheren Ordnung, die Leib und Seele zur Einheit zusammenschließt. Wie sich Charakter und einzelne Stimmungen im Gesicht ausbrüden, wie es zum Schauplatz seelischer Kämpfe, Zusammenbrüche und inneren Aufbauens wird, das wird mit einem unerhörten Feingefühl von dem Verfasser erspürt und nachgezeichnet. Außerdem aber werden beschrieben die Beziehungen des Gesichts zu anderen Gesichtern, zu Pflanzen und Tieren, der Einfluß der Umgebung, des Berufes, der Landschaft, der Rasse, des Lebensalters und des Geschlechts. Zahlreiche gut gewählte Beispiele physiognomisch bedeutsamer Gesichter werden auf Lichtdrucktafeln dargeboten und besprochen Von Berufstypen werden das Gesicht des Unternehmers und des Arbeiters behandelt. Wertvoll und sehr interessant ist die Nebeneinanderstellung eines Jugend- und eines Altersgesichts desselben Menschen. Dr. Christian Herrmann, Zur deutschen Geschichte") Die beiden hier angezeigten Bücher stellen achtbare und wichtige Leistungen aus der Feder bürgerlich- republikanischer Historiker dar. Pinnow behandelt in einem einzigen Band die ganze deutsche Geschichte. Er hat die außerordentlich schwierige Aufgabe geschickt gelöst. Neben den politischen Vorgängen fommt auch die Wirtschafts- und Kulturgeschichte zu ihrem Recht. Eine Anzahl geschmackvoller Illustrationen ist dem Buche beigegeben. Binnow hat ein gesundes und flares Urteil, und erläßt sich von den hergebrachten Werturteilen nicht beeinflussen. Die Darstellung Luthers und Bismards, Friedrichs des Großen und Wilhelms II. ist durchaus kritisch. Hervorzuheben sind ferner die Abschnitte über die Revolution von 1848, über die Reichsverfassung von 1871 und über Weltfrieg und Revolution, wo überall das gesunde Urteil sich durchsetzt. 3ietursch gibt mit dem neuen dritten Band den Abschluß feines Gesamtwertes über das neudeutsche Kaisertum. Auch er sucht die Ereignisse von einem entschieden republikanischen Standpunkt aus zu werten. Er hat Wilhelm II. so gut wie den General Luden dorff ungeschminkt charakterisiert. Er zeigt treffend den inneren Niedergang des deutschen Kaisertums, er meist auf die schweren Fehler hin, die unter Wilhelm dem Zweiten gemacht wurden, und die zum Zusammenbruch führen mußten. Beide Bücher, so wertvoll sie sind, haben aber ihre eigenartigen Schwächen. Das Wert Pinnows leidet unter einer ver= fehlten Disposition. Nach einer Einleitung über die Germanen zerlegt er die deutsche Geschichte in vier Abschnitte: I. Buch *). Hermann Pinnow: Deutsche Geschichte. Bolt und Staat in tausend Jahren. Berlin. Frankfurter Verlagsanstalt. Johannes Ziekursch: Politische Geschichte des neuen deutschen Raiserreich s. III. Band. Das Zeitalter Wilhelms II.( 1890-1918) 1930. Frankfurter Societätsdruckeret. Wie kommt ein so verständiger Historiker wie Binnow zu solchen Mißgriffen in der Gruppierung und Beurteilung des histori schen Stoffes? Die Frage ist leicht zu beantworten. Er konnte sich von den althergebrachten Epochen der deutschen Geschichte nicht losmachen, die man um 1500 und um 1800 anzusehen pflegt. Um 1500 beginnt angeblich die neue Zeit dank der lutherischen Reformation und um 1800 durch das Aufkommen des deutschnationalen Gedankens. In Wirklichkeit ist die deutsche Geschichte von Karl dem Großen bis 1800 ein einheitlicher Abschnitt, charakterisiert durch die Herrschaft des Feudalabels über das deutsche Bolt. Das wirklich Neue, das sich um 1800 durchsetzt, ist dann die bürgerliche Gesellschaft, die durch die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Anfänge der Gewerbefreiheit usw in Deutschland sich konstituieren fann. Diese wirklichen Zusammenhänge der deutschen Geschichte find gar nicht so schwer zu finden. Aber man fann sie nur richtig werten, wenn man die althergebrachte Periodeneinteilung der deutfchen Geschichte rüdsichtslos beseitigt, und sie nicht durch die Hinter tür anderer Benennungen wieder einführt. In dem Werke 3ieturschs ist die Beschränkung auf den äußerlichen Verlauf historischer Ereignisse auffällig. Für Ziekursch besteht die Geschichtschreibung im wesentlichen in der Aneinanderreihung von einzelnen Tatsachen, die sich chronologisch mit Hilfe von Jahreszahlen und Tages daten greifen lassen. Dagegen kommen bei ihm die tieferen Entwicklungen, die sich nicht in ein bestimmtes Datum hineinpreffen lassen, entschieden zu furz. Darunter hat vor allem die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie gelitten. Es wird zwar getreulich bei jeder Reichstagswahl angegeben, vieviel Stimmen und Mandate die Sozialdemokraten errungen haben. Aber von dem inneren Leben und von der Gedankenwelt der sozialistischen Arbeiterschaft erfährt der Leser nichts. Ebenso unzulänglich ist z. B. das Zentrum und die katholische Bewegung behandelt. So ist der wirkliche Berlauf der deutschen Gesellschaftsentwicklung in der Zeit von 1890 bis 1918, aus dem allein der Untergang der Monarchie und die Entstehung der Republik zu begreifen ist, hier nicht zu finden. Als Anfänge einer Neuorientierung der bürgerlichen deutschen Geschichtschreibung sind aber diese beiden Werke, trotz der er. A. Rosenberg. forderlichen Einwendungen, warm zu begrüßen. Parzellen und Wohnungen Gartenstadt Dallgow auf dem Mühlenberg ( Gegen den Brocken zwar nur ein Zwerg) mit herrlicher Fernsicht über Tal und Flur, vom Bahnhof Dallgow- Döberitz 5 Minuten nur. Von 200 Parzellen such' dir eine aus und baue darauf dein eigenes Haus Wasser, Gas, Elektrisch ist da, auch Park und Sportplatz, das Freibad ganz nah Kein Moor, kein Sumpf, nicht fliegender Sand, nur tiefgründig Lehm, bestes Ackerland. Wer's anders sagt, versteht nichts vom Boden, oder er hat dieh absichtlich belogen. Du kannst bauen, doch ohne Zwang. 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