Rr. 8 9. August 1931 Blick in die Bücherwelt Wilhelm Tietgens: Deutsche Hefte. Die Friedensverhandlungen 1918/19 haben in überraschender Weise das nationale Selbstbestimmungsrecht der Völker in den Mittelpunkt des politischen und diplomatischen Kräftespiels gerückt. Was in der Zeit der Monarchien unmöglich mar, schien durch die demokratische Auffassung des amerikanischen Präsidenten Wilson Wirklichkeit zu werden: daß nämlich die Völker über ihr Geschick selbst bestimmen sollten. Das Selbstbestimmungsrecht ist im Gestrüpp der Intrigen und des Mißtrauens erstickt. Aber seit seiner lauten programmatischen Verkündung und seit der jeder Ueberlegung spottenden Neuregelung der europäischen Grenzverhältnisse ist das Bewußtsein von dem demokratischen Recht des Volkes und seiner politischen Bedeutung lebendig geblieben. Vor allem ist um die Fragen der Grenzräume, der Grenzvölker, der nationalen Minderheiten und der abgesprengten Volksteile im Ausland eine neue Wissenschaft mit einer umfangreichen Literatur entstanden. Mit den Deutschen Heften ist ein neuer Typ der wissenschaft lichen Zeitschrift entstanden. Die besondere Aufgabe, Führer zu sein durch das vielseitige Gebiet der deutschen Volks- und Kulturboden forschung, bringt zahlreiche Wissenszweige und Fachvertreter zusammen, so daß wohl selten eine Zeitschrift mit wissenschaftlichem Gehalt eine solche Fülle des Interessanten bietet. Methodische Aus einandersetzungen und stoffliche Darstellungen gehen Hand in Hand, erweitert durch zahlreiche Kartenbeilagen, Forschungsnachrichten und den ausführlichen Literaturberichten. Die Ausbreitung des deutschen Volkes, seine Siedlungsarbeit in den Grenzgebieten und im Ausland, das Verflochtensein mit den Wirtschaftskräften und den Kulturen anderer Völker und die mannigfaltigen Ergebnisse und Wechselbeziehungen, die sich aus diesem voltlichen Verwachsensein für das wirtschaftliche, rechtliche, politische und kulturelle Leben der Völker und der einzelnen Siedler ergeben, wird für das gesamte deutsche Sprachgebiet und seine ausländischen Sprachinseln untersucht. Dit Beilage des Borwärts Kartell, Arbeiter, Produzent. = Drei Bücher über das Kartellwesen. Die drei Bücher: Hans Start,„ Die Theorie der Kartelle"| len Unterbau des Kapitalismus gefestigt. Das gewollte Ziel der ( Berlin 1980, Carl Heymanns Verlag, 144 S.), Reinhard Gewerkschaftsbewegung ist aber genossenschaftliche Selbsthilfe auf Hüber, Der Kartellcharakter von Gewerkschaft und Arbeitgeber verband"( Berlin 1931, Verlag von R. Hobbing, 130 5.) und F. R. Bergmann Gorsti,„ Das Berdingungskartell"( Berlin 1931, Carl Heymanns Verlag, 197 S.) haben nur das miteinander gemein, daß sie alle das Kartellierungsproblem behandeln. Die Verfasser haben sich nicht nur ganz verschiedene Aufgaben gestellt, sie bezeichnen mit Kartell auch nicht ein und dasselbe und wenden diesen Begriff auf völlig wesensverschiedene Borgänge und Erscheinungskomplere an. Aber gerade deshalb ist es nicht uninteressant, sie nebeneinander zu halten. 1. der Grundlage des Solidaritätsbewußtseins. Ihr Manopolstreben richtet sich gegen die„ Eristenz, Würde und Kulturform des Arbeitslebens gefährdende Kommerzialisierung der menschlichen Arbeitsfraft"( Briefs). Es ist lediglich das dem bestehenden Wirtschaftssystem angepaßte ,, adäquate Mittel, soweit dieses Ziel nicht auf dem Wege des Interessenverbandsmäßigen erreicht werden kann". Da die Fremdbestimmtheit der Arbeitsleistung, welche für das konkrete Schicksal des Lohnarbeiters maßgebend ist, an der Arbeitsstätte, d. h. im Betriebe, noch fühlbarer hervortritt als auf dem Arbeitsmarkt, so haben die Gewerkschaften als Kartell der Arbeit ebens sowohl das Markt- wie das Betriebsschicksal der Arbeiter zu ges stalten. Sie unterscheiden sich auch dadurch von den Warenkartellen, daß sie nicht egoistisch, ohne Rücksicht auf andere Wirtschaftsgruppen, handeln dürfen, ferner durch zwei Eigentümlichkeiten: es fehlt die Tendenz( wenigstens in Europa), die Lasten des fartellarischen Bor gehens in Verbindung mit den Arbeitgebern auf die Verbraucher abzuwälzen; die ,, tatsächliche Unterwürfigkeit" der Arbeiter( die nach der Meinung des Verfassers vornehmlich irrationale Gründe hat) bleibt trotz des Machtzuwachses der Gewerkschaften bestehen. Der Verfasser schließt mit dem Hinweis, daß die Betrachtungsweise der Gewerkschaften unter tartellarischem Aspekt nur eine von vielen Möglichkeiten darstellt und das Kartellarische an der Gewerkschaft ebensowohl wie das Quasikartellarische am Arbeitgeberverband nur Teile größerer Ganzheiten" sind, somit zu ihrer Charakteristik feineswegs ausreichen. Das Hübersche Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Sozio logie der Koalitionsbewegung. Aber wenn der Vers fasser die Fruchtbarkeit des„ kartellarischen Aspektes" beweisen wollte, hat er eher das Gegenteil erreicht. Instruktiv ist hauptsäch lich die Erkenntnis der Wesensverschiedenheit der Arbeiter- und Arbeitgeber foalitionen von den Kartellen im üblichen und eigent lichen Sinne, zu welcher Erkenntnis dieses Buch einen sehr be= achtenswerten Beitrag liefert. 3. = Der Mittelpunkt dieser vielseitigen Arbeiten und Forschungen ist für das deutsche Sprachgebiet die Stiftung für deutsche Bolts- und Kulturbodenforschung" in Leipzig, die in Start ficht im ,, Kartell" eine Kingbildung von selbständigen Berbindung mit der Universität unter der Leitung des Prof. Anbietern des gleichen Wirtschaftszweiges zum 3wed der Erzielung Dr. Wilhelm Bolz steht. Mit zahlreichen Beröffentlichungen wirtschaftlicher Vorteile für Anbieter von Waren durch Ausschaltung und eingehenden Arbeiten hat die Stiftung bereits Zeugnis abgelegt des freien Wettbewerbs, der freien Marktpreisbildung. Davon ver von der Vielheit der Arbeiten, die zu erledigen sind. Als jüngste schieden ist der Kartellverband, d. i. der Zusammenschluß zu einer Publikation sind die Deutschen Hefte für Volks und freiwillig anerkannten Organisation behufs Verwirklichung der Kulturbodenforschung" von Wilhelm Bolz und Hans Kartellzmede. Die Erstreckung der Bezeichnung ,, Kartell" auf ge= Schmalm herausgegeben.( Verlag Jul. Beltz, Langensalza, jähr- merkschaftliche und Arbeitgeberverbände ist schon durch diese Auf lich 6 Hefte; verbunden mit Bibliographie des Schrifttums zur Erfassung ausgeschlossen. Der Verfasser betont dann auch, unter Beforschung des grenz- und auslandsdeutschen Bolts- und Kulturbodens; rufung auf Liefmann und Bershofen, daß der übliche zahlreiche Kartenbeigaben. Bezugspreis Jahrgang 12 M., Einzel- Sprachgebrauch unter Kartellen lediglich Organisationen von Anheft 3. M.). bietern( Verkäufern) versteht. Er hält am Monopolcharakter der Kartelle fest, aber das Wesen der Kartelle wird nicht, wie die herr schende Lehre annimmt, durch ihr Monopolstreben bestimmt. Der Verfasser versucht vielmehr an der Hand einer( durch zahlreiche graphische Tabellen veranschaulichten) Uebersicht der verschiedenen Arten der Ringbildung den Beweis zu erbringen, daß die Theorie der Kartelle auf eine Theorie des Wettbewerbs hinausläuft, also auf ein System von Maßnahmen, die dort einsehen, wo die Macht der Verhältnisse sich der freien, schrankenlosen Konkurrenz in der Gestalt der Absaznot in den Weg stellt". Den Arten des Wettbewerbs freier, fartellierter oder syndizierter entsprechen die drei Stufen der freien, gebundenen und syndizierten" Kartelle, Die Abhandlung von Bergmann Borsti hat wieder eine die vom Verfasser eingehend, unter besonderer Berücksichtigung des andere wirtschaftliche Funktion der Kartellierung zum Gegenstand: Außenseiterproblems, dargestellt werden. Das Verdienst der Abhandlung besteht in der originellen Bestellung eines Käufers( Besteller). Berdingung" bedeutet Vergabe die Abwehr und den Selbstschutz gegen die überragende Monopol leuchtung des inneren Zusammenhangs zwischen Kartellbildung und Wettbewerb. Daß er sein Buch„ Die Theorie der Kartelle" betitelt Grund schriftlicher Angebote, die infolge öffentlicher Ausschreibung von Arbeitsleistungen oder Sachlieferungen durch Zuschlag auf hat, scheint durch dessen Inhalt nicht ausreichend gerechtfertigt. oder einer anderen Aufforderung zum Wettbewerb gemacht worden find. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Berdingung ist sehr groß. Im Jahre 1929 hat das Reich allein für 3 Milliarden Mark Aufträge vergeben, Länder, Städte, Körperschaften und Privatwirtschaft für weitere 7 bis 8 Milliarden. Der Ausschreibende milf durch Ausnutzung des Wettbewerbs möglichst günftige Bedingungen erzielen. Schon sehr früh versuchten die Unternehmer durch Ber einbarung( Zusammenschluß) die fog. Berdingungsschäden", d. h. die Herabdrückung der Preise unter eine wirtschaftlich tragbare Grenze, abzuwenden. Strafrechtliche Berfolgung hatte nur geringen Erfolg, und das Reichsgericht hat nach einigen Schwankungen aner fannt, daß solche Vereinbarungen nicht ohne weiteres sittenwidrig find, wohl aber im Einzelfall unfittliche Zwecke haben können, insbesondere eine Täuschung des Ausschreibenden, der glaubt, einent freien Wettbewerb gegenüberzustehen. Der Verfasser gibt einen erschöpfenden Ueberblick der Stellung von Gesetzgebung und Brexis des In- und Auslandes zu diesen Fragen und ein sehr umfangreiches wirtschaftliches Tatsachenmaterial. Der Kartellbegriff tritt monopolistischen Beherrschaung des Marktes, sondern zum Schutz gegen die Gefahren des Verdingungswesens, die Schäden einer durch Uebersteigerung des freien Wettbewerbs hera vorgerufenen Schmuskonkurrenz. Der Berfasser schließt mit dene Hinweis, daß auch hier wie bei jeder anderen Kartellierung ein ausreichender Schutz gegen Mißbrauch der Kartellform notwen dig ift. Nachdem jetzt etwa ein Jahrgang vorliegt, fann gesagt werden, daß die Deutschen Hefte" den gestellten Anforderungen und Erwartungen vollauf gerecht werden. Durch den wissenschaftlichen Ernst der Arbeiten ist gewährleistet, daß die Behandlung des Stoffes nicht ins Nationalistische abgleitet. So schließen die Hefte in der deutschen Literatur eine große Lüde und bringen besonders durch die politische Bedeutung der behandelten Aufgaben und Fragen Darftellungen, die weit über die Kreise der Wissenschaft hinaus das Interesse jedes politischen Deutschen wachrufen. Das heutige Frankreich. Es gehört seit Jahren zu den unbestrittenen Grundsägen der internationalen Friedensbewegung und vor allem des Sozialismus, daß die Bölker einander tennen müssen. Daß heute, wo es für die Technik keinen Raum mehr gibt, noch immer zwischen Völkern ein Schauer des Unbekannten liegt, der so leicht in Furcht und Mißtrauen umschlägt, gehört zu den Erscheinungen, die unserer Zeit längst nicht mehr würdig sind. Daß nun aber gar zwei Bölfer, wie Deutsche und Franzosen, durch zahllose Bande des Schaffens und des Schick sals miteinander verbunden, einander noch immer nicht geistig zu durchdringen vermögen, ist eine Tatsache, die faum noch erträg lich ist. Heute, wo alle Welt erkannt hat, daß die wirtschaftliche und " 2. Im Gegensatz zum wirtschaftstheoretischen Charakter des besprochenen Werkes behandelt die Untersuchung von über ein wirtschaftssoziologisches Problem. Unter Kartell versteht er eine Verbindung von Berbindung von selbständig bleibenden Unternehmern einer Branche auf Grund freien Bertrages zweds monopolistischer Be herrschung des Marktes für ein bestimmtes Produkt". Das wesentlichste Merkmal des Kartellbegriffs ist das monopolistische 3iel. Die Ausschaltung der Nachteile des Wettbewerbs ist zwar ein Motiv des Strebens nach dem Monopol, aber nicht das entscheidende Merkmal des Kartellbegriffs. Monopolistische Ziele können ebensowohl zu Zusammenschlüssen von Warenanbietern führen, wie zu solchen, die sich zum Zwed monopolistischer Rachfragebeherrschung für ein bestimmtes Produkt. bilden". Diese Ziel fegung nämlich das Streben nach ökonomischer Macht und Einfluß auf dem Arbeitsmarkt dur Konzentration und möglichste AbSchwächung aller inneren Reibungen und Streitigkeiten ist auch as charakteristische Merkmal der Gewerkschaften sowie( obschon in geringerem Maße) der Arbeitgeberverbände. Beide haben in ihrer gegenwärtigen Geſtalt fartellarischen Charakter. Der Wandel der Gewerkschaften aus revolutionären und polipolitische Gemeinschaft von Deutschland und Frankreich die Voraus- tischen Verbänden in Kartelle der Arbeit“ im obigen Sinne hat segung für Weltfriebe und Weltwirtschaft sind, hat jedes Buch, das sich auf dem Boden des Kapitalismus vollzogen und durch ,, Bersachdiese Bölker einander näher bringt, eine besondere aktuelle Bedeu- lichung und Formung der Arbeitsbedingungen" ungewollt den soziatung. Wenn nun gar ein Mann wie André Siegfried, berühmt durch seine Bücher über Amerika und England, in einem neuen Buch„ Das heutige Frankreich" darstellt, so dürfen wir mit Recht Aufschlüsse über den Charakter und die Struktur des Landes erwarten, die den unbekannten Teil der französischen Welt gründlich erhellen. André Siegfried hat sich in diesem Buch, das soeben in der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart, erschienen ist, vor allem vorgenommen, das politische Frankreich darzustellen. Aber die Politik geht aus der Wirtschaft des Landes hervor, und die wurzelt nicht nur in realen Begebenheiten, sondern auch in geistigen Beständen, die sich aus noch schwer durchschaubaren Herfünften immer wieder fortpflanzen. André Siegfried legt großen Wert auf die Feststellung, daß der Franzose vor allem ein Einzelindividuum ist. Die Geselligkeit des Franzosen besteht mehr in seiner Konversation und im Geistigen, als in bezug auf seine persönlichen Interessen. Daher hat auch der Franzose eine besondere Auffassung von der Produktion. Er bevorzugt stets diejenige, die ihm gestattet, individuell zu schaffen. Daher die ungeheure Bedeutung einer hochstehenden Landwirtschaft, eines außer ordentlichen Handwerks, daher der in den Massen des Volkes noch vorhandene Widerwille gegen eine Massenproduktion, gegen die Unterordnung des Menschen unter die Maschine, gegen die Herrschaft follettiver Mächte. Merkwürdig ist aber immer, wie sehr diese Abgrenzung im Geistigen aufhört. Hier erfaßt der Franzose die 08 modernsten und zukünftigsten Kräfte durch seine starte intellektuelle Kultur, die aber freilich nie eine reine Gehirnkultur ist, sondern stets durch natürlichen und psychologischen Instinkt mit dem Wesenhaften verbunden bleibt. Ueberaus interessant ist die Darstellung der politischen Barteien und des Balancesystems der französischen Politit. Benn auch die Parteien abwechselnd zur Macht kommen, so tendiert doch das Volk als Ganzes immer nach links. Freilich wird es auch leicht nach rechts zurückgeschreckt, wenn es die Sicherheit seiner geistigen und politischen Existenz auch nur entfernt bedroht fühlt. Die Gegenbewegung sorgt für eine Ausbalancierung und für eine Bewahrung jener grundsäglichen Dinge, die nach außen hin als Tradition und Ronvention erscheinen. Die Veränderung innerhalb der französischen Welt erfolgt selten durch Aufgabe von Werten. Stets sollen die neu geschaffenen Werte fich an einen unveräußerlichen Bestand dessen, was die Nation in zwei Jahrtausenden gefunden hat, anschließen. Daraus ergibt sich eben eine überaus komplizierte Mischung von individualistischen und regionalen Tendenzen, die aber doch wieder im Franzosentum als solchem zu einer Synthese gekommen sind. Siegfrieds Darstellung ist wissenschaftlich und geistig wundervoll verflochten. Wiederum hat dieser bedeutende Autor ein Buch geschaffen, das die Séziologie in einer Form ausdrückt, die die Hand eines Künstlers geschaffen hat. MUA Felix Stössinger. Die Zeituns hier in einer neuen Abwandlung entgegen: nicht als Mittel zur Freiherr von Stein. Dr. L. Thal. Das Buch„ Freiherr vom Stein"( Verlag Teubner Leipzig, 5 M. geb.), das Franz Schnabel zum 100. Todestag des bedeutenden Staatsmannes der Deffentlichkeit vorlegt, ist keine Gelegenheitsschrift. Fundiert auf sorgfältige Quellenstudien, um reißt Schnabel Leben und Werk des Freiherrn vom Stein, des nommé Stein, wie ihn sein großer Feind Napoleon nannte. Es ist zu wünschen, daß Schnabels Buch ein wirkliches Volksbuch werde. Denn hier ist Geschichte nicht zünftig antiquarisch aufgefaßt, sondern der Verfasser schreibt aus einer tiefen Verantwortung für das deutsche Schicksal der Gegenwart heraus. So sollte z. B. das Kapitel„ Erfüllungspolitit" in unsere Schullesebücher Eingang finden, damit die Heranwachsenden früh genug erkennen mögen, daß schon der Reichss freiherr vom Stein bei seinen Gegnern ähnlich verfemt gewesen ist, wie in unseren Tagen Walter Rathenau, Stresemann und Hermann Müller, nur mit dem Unterschied, daß Ludwig von der Marnitz( auf den bezeichnenderweise die Nazis heute. zurückgreifen) ein ganz anderes Format hatte als Adolf Hitler oder Hugenberg. Die Aufgaben, vor denen Deutschland he ute steht, sind gemis andere als damals. Aber lebendig erlebte und gestaltete Geschichts tann gleichwohl zum Vorbild werden. TEVJEV J. P. Mayer. verlangt Preisabbau.Diesem Umstand haben wir Rechnung getragen und bringen eine neue Zigarette Enver Bey MAGNET 4S10Pfg. 139301 DICK UND RUND 07MST. Was ist Sowjetrußland? Vier Europäer sagen aus. Theodor Seibert, der fange Jahre als Korespondent mittelparteilicher bürgerlicher Blätter in der Sowjetunion gelebt hat, legt einen Rechenschaftsbericht über seine Beobachtungen und Studien vor. Das rote Rußland, Staat, Geist und Alltag der Bolschewiki"( Verlag Knorr u. Hirth G. m. b. H., München). Wir haben es bei dem Verfasser mit einem gebildeten, fundierten, bürgerlichen Journalisten zu tun, der sich bemüht, die Dinge objek tip zu sehen, soweit es Objektivität bei einem festbezogenen Stand punft überhaupt gibt. Seibert denkt und schreibt bürgerlich. Er mißt seinen Gegenstand mit den Maßstäben idealistischen, individua listischen Geistes und nicht vom Kollektiv der produzierenden Gesellschaft her. Bei allem Abscheu vor der geistinebelnden politischen Dittatur, bei allem Unglauben an den Enderfolg der fommunistischen Chirurgie, erkennt er manche russische Leistungen an, empfindet er manches in Theorie und Praxis der Bolschewiki als der Achtung wert. Es wäre ,, töricht und ungerecht, zu leugnen, daß die Mehrzahl der Bolschewifi eine Hingabe an ihren Staat beweist, wie man fie im parteipolitischen Leben der demokratischen Länder nur selten findet". Seibert stellt sich eben bei seiner Betrachtung des heutigen Rußlands auf dem Gesichtswinkel der Zukunft ein.„ Der stärkste aller Impulse: die Durchtränkung des ganzen Volkslebens mit bolschewistischer Propaganda hat den heutigen Russen politisch attivistert und hellhörig gemacht; nach menschlichem Ermessen werden auf die Dauer weder Polizeiterror noch hermetischer Abschluß von der Außenwelt verhindern können, daß die Volksmassen zu einem eigenen politischen Urteil gelangen." Dabei glaubt auch Seibert nicht an die Wiederkehr des Privatkapitalismus in den alten Formen; die staatsmonopolistische Wirtschaft der großen Industrien scheint ihm für alle Zeiten gesichert. Allerdings ist er weitherzig genug, einzusehen, daß auch die Grundlagen unserer Ordnung, vor allem die wirtschaftlichen, sehr fragwürdig geworden sind". Ein durchaus lesenswertes und instruktives Buch, das eine respektable Menge glaubwürdiger Tatsachen vermittelt. Herbert und Elsbeth Weichmann Alltag im Sowjetstaat Macht und Mensch, Wollen und Wirklichkeit in Sowjetrußland"( Brückenverlag, Berlin) und Hans Siemien „ Rußland Ja und Nein"( Ernst- Rowohlt- Verlag, Berlin) dagegen sind typische Reisebücher, und daher, was die Autoren auch selbst offen zugeben weniger legitimiert, Material zur russischen Geschichte zu liefern. Sie beschränken sich auf die Wiedergabe frischer, unmittelbarer, persönlicher Eindrücke, die wie stets Reiseeindrücke mehr von den Reisenden als von dem bereisten Land aussagen. In den Schilderungen son Herbert und Elsbeth Weich mann schwingt das europäische humanistische Miterleiden von Schmerzen, Entbehrungen, Mühsal des Einzelwesens. Gütige Menschen, voll Jedalen und Nächstenliebe stehen ernüchtert vor einer harten Wirklichkeit, die mit staatspolitischen Mitteln von jedem einzelnen Opfer an Persönlichkeit und Lebenskraft verlangt. Die Enttäuschung der Weichmanns in Rußland erinnert ein wenig an die Bitternis, die wohl jeder empfindet, wenn er sich auf eine mit guten Gesprächen erfüllte, gemütliche Teestunde bei lieben Freunden gefreut hat, und mitten in einen Umzug hineinkommt. Da der sowjetistische Umzug Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauert und noch dauern wird, kann man es den Reisenden nicht verübeln, daß sie jede Art Zukunftsmusik, die bei der russischen lebersiedlung ja wahrhaftig reichlich zu Gehör gebracht wird, schroff ablehnen und nur das heutige Chaos werten und beurteilen. Sie sehen schlangenstehende Hungrige vor den Lebensmitelläden, ungepuzte Fenster, die Zerstörung des Privatlebens, elend zusammengeflickte Kleider, militarisierte Arbeit, das Kind als politische Spekulation, und da das Ehepaar seinen europäischen, spezifisch deutschen Standpunkt teinen Augenblick verläßt, so wird ihnen die Reise zu einer Reise durch ein Inferno, so daß ,, als an der polnischen Grenze der kurze Bendelzug den kleinen Grenzfluß bei Wolotschyst glücklich überfuhr und das eurasische Riesenreich der unbegrenzten Möglichkeiten verließ", es ihnen war, als spränge plötzlich eine schwere eiserne Kette um Leib und Glieder entzwei". 11 Dort, wo Herbert und Elsbeth Weichmann von ihrer Empfindsamkeit zum Pessimismus und zur Sentimentalität veranlaßt werden, reist Hans Siemsen als robuster Optimist. Die verschiedenen Temperamente stellen Tatsachen" fest, die, wenn sie einander auch diametral entgegengesetzt sind, sich doch durch gründlichere Erkenntnis auf ein und dieselbe Ebene hätten bringen lassen müssen. Jedenfalls läßt auch Hans Siemsen die große Frage nach dem, was eigentlich Rußland ist, offen. Und wenn er erklärt: Die ruffische Revolution ist zu fünfzig Prozent Revolution und zu fünfzig Prozent Rußland. Und der russische Kommunismus ift vielleicht zu zehn oder zwanzig oder dreißig Prozent Kommunismus, der Rest ist wieder Rußland", so bewährt er sich auch in dieser Formulierung wie in seinem ganzen übrigen Buch als geschickter und amüsanter Journalist, und wahrscheinlich beabsichtigt er ja auch nicht mehr. Georg Schwarz. Wahrheit Ден | Von Von fremden Ländern. Bücher von Reifen und Fahrten. Kleine Reise zu schwarzen Menschen. Lotte Errells Kleine Reise zu schwarzen Menschen" ( Brehm- Verlag Berlin) ist das reizende Bilderbuch einer modernen Frau. Ganz vorzüglich sind die Photos, die den wesentlichen Teil des leider durch seinen Preis( 6,50 M.) für Arbeiterleser faum erschwinglichen Büchleins ausmachen. Aber auch der Text ist mit viel Liebe und Verständnis gegenüber der schwarzen Rasse geschrieben. Es ist gut, daß dieses Reisebuch von der Goldküste Westafrikas nicht mit wirklichen oder eingebildeten Sensationen und Abenteuern ausgefüllt ist, sondern mit fraulicher Lebendigkeit des Blickes und des Ausdrucks neben blendenden Porträt- und Marktbildern fulturhistorisch wichtige Aufnahmen von den Kultgebräuchen der Neger bringt. Man schaut in das wahre Gesicht des schwarzen Menschenbruders und erkennt, wie grotesk die modernen Errungenschaften der Zivilisation, die man den armen Eingeborenen für ihre wert rollen Güter gebracht hat, in der Primitivität ihres Lebens wirken. Funkelnder, Ferner Osten. Asien im Gewitter. Der Safari- Berlag, Berlin, gibt unter dem Titel ,, Asien im Gewitter" einen Abenteurerroman von Georg Elert heraus, der zu Ausbruch des Krieges in Rußland unter dem Verdacht der Spionage festgenommen wurde und nun seine Erinnerung von Land und Leuten aus dieser Zeit in freier, erzählender Form wiedergibt. Der Roman, der sich in den Steppen und Bergen Baschkurdistans abspielt und dessen Helden die wilden Bergstämme sind, die sich jeder Seßhaftmachung nach Möglichkeit widerseßen, gehört zu jener Erzählerliteratur, die nicht nur Spannung erweckt, sondern auch das Geschehen der jüngsten Vergangenheit lebendig macht. Der Verfasser versteht es vor allem, die jeder westlichen Zivilisation entgegengesetzte Mentalität der asiatischen Nomadenvölker zu schildern. Wenn dann noch der religiöse Unterschied hinzukommt, wie bei diesen Mohammedanern, die in jedem Andersgläubigen einen von Allah zu verfluchenden Hund sehen, dann muß sich die Gespanntheit bis zur Explosion entladen, sobald die Herrscher nicht mehr über die Macht verfügen, mit Gewalt alle Freiheitsregungen zu unterdrücken. Der Titel des neuen Reisebuches von Richard Kay ,, Funkelnder, In einem solchen Moment segt der Roman ein: gegen Ende des Ferner Osten"( Ullstein- Verlag) zeigt, von welcher Seite aus der Autor Krieges, als Kerenski am Ruder ist und man auch diesen Baschkiren, seine Erlebnisse im Fernen Osten schildert. Nach seinem Bummel Tataren und Mongolen die Freiheit verspricht, ohne daß sich prafum die Welt" und den heiteren Tagen mit braunen Menschen" tisch etwas verändert. Die russischen Händler und wilden Kosakentommt Katz auf seiner Weltreise nach China, Korea und Japan und reiter betrügen und plündern weiter. Eine Revolte gegen die Verschreibt von dem einjährigen Aufenthalt in diesen Ländern ein Leben haftung zweier unschuldiger Männer führt infolge innerer Unsicherund Aktualität sprühendes Skizzenbuch. Es sind flüchtige Aufzeich- heit der Machthaber zum Erfolg. Gerüchte über die Ereignisse in den nungen im Tempo der Reportage, doch gerade darin liegt der Vor- großen Städten des Westens lockern den Boden weiter auf. Der zug. Daß dabei etwas sehr viel von Hotels, Weltreisenden und Mullah, der geistliche Führer, hat die absolute Macht über den Bezirk deren Verpflegungs- und Trinksorgen die Rede ist, mag verziehen zwischen Ural und Donau. Auch er haßt alle Fremden, mögen es sein, wenn wir auch andere Sorgen haben. Dafür zeigt Kazz den Barenanhänger oder Bolschewiken sein; er will die Freiheit seines Bürgerkrieg der verschiedenen Generäle, eine Revolte der Rikschah- Landes und setzt auf beide Karten. Von den Kosaken läßt er tulis, das aufreizende Mißverhältnis zwischen Weiß und Gelb in fich Waffen geben und von den Russen eine rote Fahne, beiden versozialer Beziehung und die heutige Stellung der chinesischen Frau spricht er seine Hilfe. Als sich trotz der Waffenausrüstung die tapferen auf, ohne ihnen eine falsche Auslegung auf Grund irgendwelcher Bergstämme gegen die Kanonen und Maschinengewehre der anpolitischen Interessen zu geben. Das Land ist arm und viele Menschen stürmenden Roten Armee nicht mehr halten können, zeigt er die rote hungern aber bis zur wirtschaftlichen und politischen Revolution Fahne und schließt Frieden, einen Verrat, den die Kosaken rächen: ist es noch weit in China, meint Kaz. Ganz anders sieht er Japan: als die roten Truppen abgezogen sind, fallen sie über das Dorf her. Dort ist alles im Wandel. Amerikanisch- westliche Einflüsse herrschen Die Einwohner beginnen aber das Nomadenleben von neuem. vor, und die Regierung ist bemüht, fich in die Reihe der Groß- In diesem Rahmen zeigt Elert die christlicher Moral abholde mächte einzuordnen. Auch hier versteht der Verfasser Eigenheiten, Lebenswildheit der Baschkiren, ihre Familienverhältnisse, ihre Hörigalte, erhaltene Kultur und moderne Jugend in lebendiger Weise feit von Priestern und Teufelsbeschwörern und die wirtschaftlichen, nebeneinander zu stellen. Einige amüsante Kapitel über Korea politischen und sittlichen Eigenarten dieser jetzt selbständigen Repufügen fich ein. bliken des riesigen Russenreiches. Eine Staatsphilosophie des Faschismus? Es wäre verfehlt, zu leugnen, daß wir uns in großer, nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch politischer Krise befinden. Das System ist nicht in Ordnung, der Parlamentarismus funktioniert nicht die meisten Kritiker beginnen mit dieser Feststellung, um oft mit der einfältigen Forderung nach dem starken Mann" zu enden. Mit Hilfe verproletarisierender Schichten, die ihrem Schidsal in ver zweifelter Auflehnung zu entgehen suchen, macht sich ein phrasenhafter Radikalismus im Dienste eben des Systems, das diese Massen verproletarisierte, breit. Billige Phrasen vor- oder frühkapitaliſtiſcher Prägung, in welcher Geisteshaltung diese Schichten sich befinden und worin sich ihre Flucht vor der Wirklichkeit ausdrückt, suchen eine Neuorientierung ihres Bewußtseins, die zwangsläufig zu den wahren Ursachen ihrer Not und den Wegen zu ihrer Ueberwindung führen müßte, zu verhindern. Man würde dem Philosophen Leopold 3iegler unrecht tun, stellte man ihn auf eine Stufe mit gewiffent Kritifern des jetzigen Staates, obgleich er in seinem Fünfundzwanzig Säße vom deutschen Staat"( Otto Reichel Verlag, Darmstadt) eine Theorie entwickelt, die in ihrer politischen Zielsezung: dem Körperschaftsstaat", verzweifelte Aehnlichkeit mit dem faschistischen Korporativstaat aufweist und sich in der Darstellung nur durch eine geistigere Note sympathisch differenziert. Doch gleichwohl, die Verbindungen bestehen; ausgehend von einer Kritik unseres Systems der Repräsentation und der Demokratie, die als„ Partei-, Klassen- und Massenstaat die klassische Staatsform gegen das Voll" sei, gelangt er zur Forderung des Körperschaftsstaates, der in demokratisch- hierarchischem Aufbau die uns selbst angemessene Staatsform" darstelle. Staatsform" darstelle. Der mittelalterliche Ständestaat: dieser Sphäre entstammt auch die Terminologie- modernisiert, ohne im übrigen am heutigen wirtschaftlichen System grundlegend etwas zu ändern, mithin auch auf eine wirkliche Veränderung des heutigen Zustandes verzichtend gleich unseren Nationalsozialisten, denen hier auf einer Ebene, die ihnen bisher fremd war, geistiger Beistand entsteht. Sie werden, bei dem offenbaren Bedürfnis danach, gewiß Karl Moeller. nicht verfehlen, den Autor wahrscheinlich gegen seinen Willen für sich zu reklamieren. Richard Junge. Robert Neumann: Karriere". Larve, auf der sozialen Stufenleiter ein kräftiges Stück voran kommt, Die Geschichte vom Luderweibchen, das, vermöge seiner hübschen Robert Neumann muß nachgerühmt werden, daß er in seinem. ist an sich nicht neu. Auf das Wie der Gestaltung tommt es an. neuesten„ Karriere"( J. Engelhorns Nachf.) auf eine besonders amüsante und vergnügliche Weise sein Thema bewältigt. Erna, die Tingeltangeltänzerin, erzählt einen Abschnitt aus ihrem Leben, oder amüsante und vergnügliche Weise sein Thema bewältigt. Erna, die nein, sie erzählt ihn nicht: sie klatscht darüber in einem unheimlich lebensechten, hinreißend wirklichen Tonfall. Die Anatoluthe türmen sich, die Geschwägigkeit trieft. Es ist schlechthin meisterhaft, wie Robert Neumann dem wahrhaftigen Leben die Stilistik und Grammatik abgelauscht hat, wie er allen Nebengeräuschen der Rethorit auf die Spur gekommen ist, wie er ein leichtfertiges und leichtlebiges Ding aus den Sagkonstruktionen seiner Maschinengewehrschnauze heraus zu einem herrlich saftvollen Stück Malheur von einem nichtsnußigen Weibsbild formt. Zunächst stellt sich uns Erna als Animierdame vor. Dann geht es bergauf. Ihre nächste Station ist die Bekanntschaft mit einem Geschäftsreisenden. Ihre übernächste die mit einem Baron. Aber der Baron ist gar kein Baron, sondern entpuppt sich als Kokainschieber und Mädchenhändler. Erna ficht das nicht an. Mit fabelhafter Behendigkeit arbeitet sie sich in den Kokain- und Mädchenhandel ein, und ehe der„ ,, Baron" noch recht weiß, daß Erna weiß, wer er ist, entriert sie schon für seine Rechnung die geschichtesten und gewinnbringendsten Geschäfte. Später landet Erna gar bei einem Lord, um schließlich in ihr Tingeltangel zurückzukehren, wo sie, um in ihrer Sprache zu reden, fromme schmeißt", fromme Blide nämlich, und die Liedpointen schmettert mit der größten Sinnlichkeit mitten in den Geficht von dem Publikum". Hans Bauer. TEPPICHE GARDINEN DEKORATIONS STOFFE L'AUFER Nur einige Beispiele herausgegriftenl In unserm Saison- Ausverkauf TEPPICHE GARDINEN LAUFERSTOFFE Der heutigen Wirtschaftslage BOUCLE- TEPPICH entsprechend sind unsere Angebote Sauber Preise Mengenabgabe vorbehalten vaines Haargarn, mod. Must ipries. Ausw.ca. 200 300 stat 42- jetz 24VELVET- TEPPICH Jahrzehnte erprobt, fehlerfrei, ca. 300 skott 68- jetzt 200 35MARKEN- TEPPICH bisher. 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