Aerkiner Soeiltl- Politis ches bOMM . „Vermerke" traten, d. l>. also besondere schriftliche Aeuße- rungen, deren die Unternehmer gar nicht unter ein- ander bedürfen, um sich zu verständigen. Es bedarf deren so wenig, daß sich die Unternehmer bisher schon ohne diese Dinge zn ihrer vollständigen Zu- friedenheit durchgeboisen haben. Und wenn man etwa in den besonderen„Eintragungen und Vermerkungen" erst den Charakter eines Arbeitsbuches erkennen will, so stellt inan sich, als ob man mit einem Male die Geschichte dieses verrufenen Knechtungs- und Vcrfehmnngsmittels ver- gessen häste. Das Arbeitsbuch, wie es 1883 die zur Berathung der Gewerbenovclle eingesetzte reaktionäre Reichstagskom- misston forderte, wie es alsdann einen Srurm des Unwillens in Arbeiterkreiscn erregte, und dann schließlich auch am 14. April 1883 im Plenum des Reichstages abgelehnt wurde, sollte sich ebenfalls nur auf Angabe über die Dauer der Arbeitsverhältnisse und die Per- soue» der Arbeitgeber beschränken. Das Alles bietet aber das Quittungsbuch ebenfalls. Die Reihe der in gleicher Weise abgestempelten Marken des Quittungsbuches zeigt das jedem mit aller wünschenswerthen Bestimmtheit ES ist daher nur als Heuchelei aufzufassen, wenn die OWöscn plötzlich gar keine Ächnlichkcit zwischen Quittungs- buch und Arbeitsbuch sehen wollen. Beide sind in der Thai, wenn auch nicht in der Einrichtung, so doch in ihrer Wirkung auf die Arbeiter, ganz gleich, und es wird sich sehr bald zeigen müssen, ob eine Rciebstagsmehrheit, welche das Arbeitsbuch zn empfehlen feit 1883 nicht den Mnth haue, die Einführung dieses vollständig ebenbürtigen Quit- tungsbucheS wagen wird, bloß der„bequemeren Abrechnung" und„Rechaungskontrolle" wegen— als ob die Arbeits- ersparung von einigen Biireanbeamten und Kalkulatoren hoch über den fnndamciitalsten Interessen der gesammlen Arbeiterklasse stände! Gewiß, das Solidaritätsgcfühl unter den Arbeitern ist heule schon stark genug, um viele, früher unbesiegbare Hindernisse zu überwinden, und dieses Solidaritätsgefühl wird weiter an Stärke zunehmen. Aber auch die lieber- macht des Unternchmerthnms ist vorläufig noch im Steigen, und die Scheu vieler Arbeiter, Stellung und Brod zu wer- Heren, bat schon oft die mühsam geschlossenen Reihen der um ihren Lohn Kämpfenden zersprengt. Diese Scheu wird wachsei:, wenn erst das obligatorische Arbeitsbuch in seiner neuen, wahrlich nicht verbesserten Ausgabe den Unter- nehmern zur Berfügung steht und nach beendetem Kampfe noch eine lange Folge von Maßregelungen nach sich ziehen wird, Das Koalitionsrecht liegt heute schon in Deutschland in den letzten Zügen, aas Qniltungsduch wird ihm den Stoß' in's Herz versetzen. Bor dem politisch selbständia, denkenden und handelnden Manne verschließen sich heule schon die Thore der Fabriken und die Thüren der Werk statten; das Quittungsbuch wird ihm auch den letzten Zn- gang zn lohnender Thätigkeit versperren.< Es ist also nicht das Werk einzelner Unzufriedener. I wenn sich der Arbeiterstand wie ein Mann gegen diesen! Vorschlag des Bundesrathes erklärt, wenn er unzweideutig seinen Willen knndgiebt, lieber auf die ganze Alters- und Invaliden- Versicherung verzichten, wie das Quitmngsbnch dafür in Tausch nehmen zn wollen. Hoch über den Interessen au einer lächerlich geringen Unterstützung im Alter und bei der Invalidität steht für jeden denkenden Arbeiter das Interesse, in den Jahren der Rüstigkeit und Thätigkeit zu euieni menschenwürdigen Ta- scin, zu möglichster geistiger und politischer Unabhängigkeit zu gelangen, sich hier als Mensch zn fühlen und geachtet zu sehen. Zu den vielen sich heute schon aufthürmendeu Schwierigkeiten fügt das Oglittungsbuch eine neue, und darum iit es von Allen zn bekämpfen, welche iu der Hebung des Arbeilerstandcs die wichtigste Aufgabe unserer Zeit erblicken. Darum lieber gar keine Alters- und Invaliden- Versicherung— mich die beste nicht— wie die Versicherung unter Einführung des Quiltungs-ArbeitSbuches. Das eherne Lohngejrtz. Z Das eherne Lvhngcsetz, so grausam es auch erscheint, indem eS dem Arbeiter die Möglichkeit mmmt, seinen Lohn dauernd über ein gewisses Niveau zu erheben— läßt doch noch die traurige Hoffnung, daß der Lohn aus die Daner auch nicht unter dieses Niveau sinken könne. Die industriellen Verhältnisse streben jedoch dahin, diese Ansicht immer mehr zu einem Trost zu machen, der nur einer geringen Zahl durch den Zufall begünstigter Proletarier leuchtet. Je mehr der Maschinismus, die an- gewandte Wissenschaft die Menschen kraft zur Nebeiisache, die Nalurkraft zur Hauptsache im Produktionsprozesse niacht, um so mehr muß die Zahl der Proletarier sinken, für welche der Satz von einem die Eristeuzbedürfnisse sickernden Durchschnittslohn in Kraft bleibt. In dem Maße, in welchem die angewandten Nalurkräfte die Menschenkrast entbehrlich machen, ersetzen, verdrängen, ist das Existenzminimum an Lohn nur denjenigen Arbeitern gesichert, welche der Kapitalist gebraucht, um die Pro- duktion nach Wunsch in Gang zu hallen. Je mehr Maschinen- und je weniger Menschenkrast in den Produkten enthalten ist, um so mehr sinkt der Preis der Waare Arbeitskraft. Damit steigt das Elend des Proletariats in dem Maße und im geraden Verhältnisse zu der Intelligenz, zn den Entdeckungen der Wissenschaft, zu der Vermehrung des Reichthums. Das zeigt sich immer deutlicher in allen iitdusiriellen Ländern. Die bürgerliche Presse mußte z. B. 1880 für Frankreich zugeben, daß die zahlreichste, nützlichste und verdienst- vollste Klasse der Gesellschaft so beschränkte Existenzmittel hat, daß sie kaum die nothdürftigsten Bedürfnisse befriedigen kann. Die Arbeiter haben weder die Möglichkeit sich auszuruhen, nock zu unterrichten und bilden, sie können ihre Kinder nicht erziehen, sie dürfen nicht krank sein, es ist ihnen unmöglich, ihr Alter vor Betteln zu schützen oder eine momentane Einstellung der Arbeit ohne„Eni- behrungen" zn erlragen. Sogar ein so zünftiger Man- chesterökonom wie I. B. Sap wurde zu dem Eingeständniß gezwungen:„es ist betrübend zn denken, aber muß gesagt werden, daß selbst bei den blühendsten Nationen jähr- (ich ein Theil der Bevölkerung aus Mangel an dem Nöthigsten zn Grunde gehl." Der Satz müßte dahin verschärft werden, daß nicht„sogar", sondern„gerade" bei den blühendsten, d. h. bei den industriell entwickeltsten Nationen jährlich ein Theil der Bevölkerung aus Mangel an, dem Npihigsten zu Grunde geht. Tie Sozialwissenschäst hat die Wurzel des Hebels blosgelegt, sie in dem Privatbesitz der Produktions- mittel und Kapitalien gezeigt, welcher einzelnen Per- sonen erlaubt,, alles Mehrerträgniß der durch Maschinen gesteigerten Produktion in die Tasche zn stecken. Tie bürgerliche Oekonomie sucht die Thatsache zu leugnen, allein von Zeit zn Zeit entschlüpfen ihr Eingeständnisse, im Sinne der obigen Aussprüche, und die Thatsache» find nicht aus der Welt zu schaffen und strafen sie Lügen. Den Lobliedern der bürgerlichen Ockonomie ans die herrliche Einrichtung der kapitalistischen Produktionsweise und auf das Anschwellen des Nationalreichthums steht das ebenso riesige Wachsthum des Massenelends, aller Mißstände und Gebrechen(besser Verbrechen) der Gesellschafts- ordnung gegenüber. Die Thatsache» zeigen, daß unter der kapitalistischen Privatmonopolwirthschaft nicht nur die Zahl Derer immer geringer wird, denen der Lohn die Existenz sichert, sondern anch, daß der Durchschnittslohn des Einzelnen immer tiefer unter den„Nonnallohn" sinken muß. In Frankreich z. B., wo sich die bürgerliche Wirth- schaft und Herrschaft seit hundert Jahren frei entfalten und befestigen konnte, ist der Preis für Lebensmittel und Wohnungen bedeutend gestiegen. Die Wohnnngsmiethe ist in Paris seil den letzten 20 Jahren um reichlich, 100 pCt. in die Höhe gegangen, und es sind gerade die kleinsten, aus Zimmer und Küche bestehenden„Logements", welche relativ am höchsten im Preise stehen. Ein nicht heizbares, sinstercs oder durch ein Tachfensterchen erleuchtetes Kämmerchcn kostet z. B. vro Jahr 100—150 Fr., Zimmer und Miniaturtnche sind nicht unter 250 Fr. zn haben, für eine gesunde Wohnung für eine größere Familie ist mindestens 500— 600 Fr. (400—480 Mark) Miethzins zu zahlen. Z Für einzelne Lebensmittel ist seil 1879 ein Sinken 'n bemerken, in ihrer Gcsammtheit sind sie sedoch seil den letzten 60 Jahren um 20 pEl. gestiegen- Gerade für die .inentbehrlichsten Lebensmittel ist eine Preissteigerung zn verzeichnen. Der Preis des Meterscheffcls betrug z. B.: für Weizen für Mehl 1926 W.- Fr. 30- Fr. 1855 89,50.. 5S,—„ 1865 2-2,50„ 83—„ 1873 33,50„ 50,— 1890 30,—„ 42,50 1882 28,75„ 40,50„ 1883 34,92„ 34,20„ 18-4-22,44„ 32,00„ Ter Preis eines Schtachrochsen ist von 1826— 1885 von 200 auf 435 Fr. gestiegen, der einer Kuh von 110 aus 295 Fr., eines Hammels von 17 auf 43 Fr., eines Schweins von 30 auf 108 Fr. Das Kilogramm Pökel- fleisch kostete 1826 0,70 Fr., 1885 1,13 Fr. Tie hoch- sten Fleischpreise fallen in das Jahr 1873. In der näm- licken Periode ist das Kilogramm Käse von 0,70 Fr. aus 1,65 Fr. in die Höhe gegangen, das Kilogramm Butter von 1,40 Fr. aus 2,65 Fr., Kaffee von 0,85 aus 1,29 Fr. und nur der Zucker ist von 1,20 Fr. ans 0,52 Fr. gefallen. Der Pariser Arbeiter muß im Minimum für seine Nahrung täglich 2 Fr. 50 Cts. ausgeben, für Wohnungs- miclhe 35 Cts., für Beleuchtung, Heizung, Kleidung zu- sammen 40 Cts., was ein tägliches Budget von 3 Fr. 25 Cts. ergiebt. Ausgaben für Krankheit, Erholung, Lergitügnngcn sind nicht in Anrechnung gebracht. Ist der Arbeiter verhcirathct, so steigen die täglichen Ausgaben für Erhaltung der Frau um die Hälfte(auf 4 Fr. 90 Cts.) für jedes Kind um ein Drittel. Tie läglichen Ausgaben einer dreiköpfigen Familie belaufen sich auf 5 Franks 95 Cents. Diesen eher zu niedrig als zu hoch gegriffenen Aus- gaben steht beim Gros der Arbeiter von Paris ein Tage- lohn von 3 Franks gegenüber, welcher also das nackte Elend bedeutet. Der Durchschnittslohn eines erwachsenen Arbeiters der Großindustrie beträgt fstx Paris pro Tag *) Wir wollen hier nicht näher auf die ungeheuerlichen Preise der„Herbergen",„Schlafstättcn", Gar�onwohimugen eingehen, welche ihrer Beschaffenheit nach nur den Namen von Höhlen verdienen. 5 Fr. 33 Cts., vorausgesetzt, daß das Jahr 311 Arbeits- tage giebt, keine„Sauregnrkenzeit", keine Arbeitseinstellung oder ähnliches kennt, daß der Arbeiter nicht erkrankt. Für die Departements steht der Tagelohn in den gleichen Verhältnissen ans 3 Fr. 55 Cts. Man vergleiche diese mittleren Lohnsätze mit dem an- gegebenen Mindestbetrag der Ausgaben für die Lebens- bedürfnisse und man wird ffitden, daß erstere hinreichend wären, im besten Falle die Existenz eines einzelnen Ar- beiters zu sichern, während sie in den meisten Fällen die Ausgaben einer ganzen, oft vielköpfigen Familie decken sollen! Der Thatsache gegenüber braucht man sich nicht zu wundern, daß die industrielle Ausnutzung der Frauen und Kinder fast als eine Wohlthat betrachtet wird, und daß die Statistik eine charakteristische Parallele zwischen dem Preise der Lebensbedürfnisse, der Zahl der Todes- fälle, Verbrechen und ein ungerades Verhäliniß zur Zahl der Verheirathungen und Geburten zeigt. Der Durchschnittslohn eines Arbeiters, der so glück- lich ist, jährlich gegen 320 Tage ä 12—14 Stunden geschunden zn werden, reicht höchstens hin, ihm den Genuß von Margarinbutter, ranzigem Fett, dem zähen Fleisch alter, kranker Kühe oder gestürzter Droschkcngäulc, von Heringen und halb verschimmeltem Stockfisch, von allen Arten Hülsenfrüchten und Brot schlechtester Qualität zu sichern. Das Ganze kann er mit einem fuchsinirten oder mit Arsenik versetztem Nachenkrätzer begießen und in einer Wohnung genießen, welche von allerhand Ausdünstungen verpestet, Zug und Wetter zugänglich, eine wahre Brut- stalte für Typhus, Cholera, Diphtheritis ist. In den Löhnen der Arbeiter liegt das Geheimniß, wie man Gold machen kann, ein Geheimniß, welches die Alchymisten des Mittelalters so lange und vergeblich suchten. Der Kapitalist, welcher in den Prodnktionsmittctn den Stein der Weisen besitzt, verfährt einfach nach folgen- der Formel: Er nimmt Arbeiter, sperrt sie in eine Fabrik oder Werkstatt ein und läßt sie möglichst lange, bei mög- iebst niedrigem Lohn arbeiten. Je verhungerter die Ar- bciter, um so reicher die Ausbeute an Gold. Die Er- folge, welche der Kapitalist in diesem Prozeß sozialer Alchymie erreicht hat, genügen ihm noch nicht. Er brütet über der Frage, für seine werthe Person einen noch höheren „Entbehrungslohn" aus der Produktion zu schlagen. Die Preisdrücknng ans die Rohstoffe stößt auf gewisse Hinder- tisse, die Entwickelung des Maschinismus aber ist die chraube ohne Ende, durch welche er den Preis der Hand- arbeit herabsetzt. Abr selbst diese Entwickelung arbeitet dem Kapitalisten nicht schnell genug, er sinnt auf andere Hilfsmittel. 1880 berieth die Gesellschaft für Nationalökonomie zu Paris darüber,„durch welche Mittel und Wege man den franzö- fischen Arbeiter zwingen könne, seine Ausgaben zu be- schränken." Die Natioiialökonomeii, an ihrer Spitze Leroy-Beaulieu, schlagen vor, zn diesem Zwecke den französischen Arbeiter durch(shineZcn zu er- setzen, weil diese sehr arbeitsam sind, fast von Nichts leben und sich folglich mit einem„mäßigen" Lohn begnügen können."„Der Chinese," sagte ein anderer Manchester- mann,„ist der Wohlthäter, die Vorsehung der zivilisirten Nationen... Er ist der Musterarbeiter. Er hat ersah- rniigsgemäß bewiesen, daß der Handarbeiter mit Wenigem leben und sparen kailn, wenn er sich mit einem„mäßigen" ohn begnügt." Weiterhin:„die Chinesen sind furchtbare Konkurrenten für die trägen Arbeiter, welche gern gur leben,.... Wenn die Chinesen so sind, wie man sie schildert, mäßig, arbeitsam, sparsam, unterwürfig, so muß man sie rufen... Die französischen Arbeiter mögen ein Beispiel an ihnen nehmen, weise und mäßig werden, damit sie sich des Namens Arbeiter würdig erweisen, den sie nicht immer verdienen." Das Jveal der Bourgeoisie wäre, den Arbeiter mit 10 bis 20 Pfennigen pro Tag zu ernähren,— in Erwartung, daß die berühmten Lnftpilleil erfunden werden, welche den Unterhalt des Maschinenfuttcrs noch billiger stellen. Tie französische Bourgeoisie denkt daran, sich dem Ideal, den Mehrwerth durch Herabsetzung des Standard of life(der Lebenshaltung) des Proletariats zu steigern, durch Herbeirufung der Kulis zu nähern. Die deutsche Bourgeoisie ist dem Ideal schon einen guten Schritt näher gerückt, sie kann sich der Hungerlöhne der voigtländischen und erzgebirgischcn Arbeiter rühmen, sie hat Schlesien, Posen, den Taunus, zu ihrer Verfügung, sie hat es in diesen Gegenden und anderen fertig gebracht, den Standard of life des Proletariats unter denjenigen des chinesischen Arbeiters heruntergedrückt zu haben. Die Strebeziele der Bourgeoisie sind in allen„zivili- sirleit" Ländern die nämlichen, wie die Leiden des Prole- tarials die nämlichen sind, Das Uebel Hai dieselbe Quelle, wie das gleiche Heilmittel: Privatbesitz und Bergesell- schastung aller Produktionsmittel. Die Diskusslon über die Alters- und Invalidenversicherung in der Kapitalisien-Dreffe. □ Tie„Nationalliberale Korrespondenz� hat in den Beschlüssen der verschiedenen Arbetterversamin- lungen und in den Auslassungen der verschiedenen Arbeiter- blätter über den Gesetzentwurf betreffend die Alters- und Invalidenversicherung der Arbeiter wieder einmal mit der diesen Kreisen, ans welchen das Blatt stammt, eigenen Scharfsichtigkeit eine— Spaltung in der sozial- demokratis chen Partei herausgefmiden. Warum? Weil nicht alle Proteste gegen das Quittungsbuch ganz dem Wortlaute nach gleich sind. Die Berliner Maurer z. B. werden zu den bösen Radikalen geworfen, weil sie rund und bestimmt erklärt haben: dieser Gesetzentwurf genügt nicht den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter, er ist in der ganzen Anlage un- genügend und unverbesserlich, das Quittungsbuch aber ist eine so große Schädigung der Arbeiter, daß selbst ein den Ansprüchen der Arbeiter sonst mehr genügender Gesetzes- Vorschlag mir diesem Quittungsbuch unannehmbar wäre, also fort mit dem Ganzen. Wir müssen offen sagen, im Sinuc dieses angeblich dem radikalen Flügel der Sozialdemokratie angehörenden Beschlusses haben wir alle Arbeiterversammlungen, die bis heut abgehalten sind, und alle Arbeiterblätter, die bis heut darüber geschrieben haben, ganz vollkommen einig gefunden. Ja wir glauben, die Einigkeit der Arbeiter diesem Gesetz- entwurs gegenüber geht sogar über die sozialdemokratischen Arbeiterkreise hinaus und umfaßt auch die sonst oft gegnerischen sogenannten„gewerk verein crischen" Kreise. Wenigstens haben die Führer dieser wenig verbreucien Richtung unter den Arbeitern bisher nichts über den Gesetzentwurf verlainbart, mit dem wir im Ganzen nickt vollkommen einverstanden wären, und wir werden von der „R. L. C." doch sicher zum radikalen Flügel gerechnet. Das scheint uns doch gerade kein Anzeichen einer Spaltung bei uns zu sein. Wie kommt die„R. L. C." also zu ihrer Behauptung von der Spaltung? Ruit, es haben einzelne Redner in manchen Versammlungen hie und da sich nicht überall ganz verwerfend gegen das ganze Gesetz ausgesprochen, wenigstens nicht nach den oft sehr wenig dem Sinne der Reden entsprechenden Berichte in dieser und jener Zeitung. Da soll gleich eine mehr auf dem Boden der heutigen Verhältnisse zum Verhandeln oder„Mitwirken" geneigte Parteirichtung hervorgetreten sein. Wir meinen, es ist wohl hinreichend bekannt, daß das sozialdemokratische Programm eine Verhandlung auf dem Boden der heutigen Gesellschafts- und Staatsordnung durchaus nicht ausschließt, sondern die Punkte, über welche ein Verhandeln denkbar ist, geradezu bezeichnet. Sie sind ja in dem bekannten Arbeiterschutz-Gcsctzentwurf klar genug formulirt. Darüber aber eine Spaltung in der sozialdemo- kratischen Partei zu finden, wenn jeniand irgendwo ganz beiläufig sagt: Es wäre noch darüber zu reden, wenn die Altersrente schon mit 60 Jahren gezahlt würde, dazu gehört denn doch eine sehr natoualli berale Geistes- Veranlagung. Eine Warnung kann diese Auslassung der„N. L. C." aber doch sein. Es leuchtet daraus die Absicht hervor, die Arheiterkundgebungeu gegen das Quittungsbnch ab- zuschwächen, indem man auf eine angebliche Spaltung hin- weist. Wir können deshalb unfern Ralh nur eindringlichst wiederholen, man laffe in den Beschlüssen gegen den Gesetz- entwurs alle unnützeu Nebensachen und ganz aus- sichtslose Verbcsserungsversuche weg und beschränke sich möglichst auf den ganz klaren und trockenen Protest: Das im Gesetzentwurf Gebotene entspricht unseren berechtigten Ansprüchen nach keiner Richtung hin; das Quittungsbuch, gegen dessen Mißbrauch zum Kennzeichnen der Arbeiter der Gesetzentwurf gar keine Sicherheit bietet, ist eine große Schädigung der Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Arbeiterin wirthschastlicher und politischer Beziehung, des- halb ist uns dieser Gesetzcutwurf ganz uuannehm- bar und wir würden ihn mit diesem Quittungsbuch auch dann ablehnen, wenn er erheblich mehr uns bieten würde. Jeder Zusatz wird die Wirkung der Arbciterkundgebung nur abschwächen. Die kapitalistischen Blätter von den„Deutschfreisinnigen" des„Berliner Tageblattes" bis zu den Züustlern und Kreuzzeilungsmännern finden es natürlich als besondere hohe Weisheit, daß der Gesetzentwurf den Arbeitern so wenig bietet, wenn sie auch sonst denselben meistens recht abfällig kritisiren. Mit den wortreichen„Professoren" dieser Kapitalisten ist es ungefähr dasselbe. Die amtlichen Blätter halten sich ziemlich still, sie greisen es nur mit Eifer auf, wenn hier oder da ein nicht ganz abfälliges Urtheil verlautbart. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" leistet in ihrer Nr. 875 vom 10. August d. I. folgenden Satz am Ende eines ziemlich unwesentlichen Artikels über den Begriff„Betriebsunfälle": „Alle Fälle, welche den Menschen als Ausflüsse der all- gemein en Ilnfallgcfahr treffen, und die deshalb nicht nach dem Ilnfallversjcherungsgesetz zu entschädigen sind, werden in der allgemeinen Invalidenversicherung ihren Ausgleich sindcn. Die anscheinende Härte, die in der genauen Unterscheidung zwischen Unfall im All- gemeinen und Betriebsunfall liegt, wird also später. wenn das Gesetz über die Alters- und Invalidenversicherung in Kraft sein wird, nicht mehr empfunden werden." Das ist eine etwas starke Behauptung. Wir nehmen erstlich aber davon Notiz, daß die Unterscheidung zwischen Unfall im Allgemeinen und Betriebsunfall als eine Härte anerkannt wird. Die Nordd. Allg. ist hierbei mit der von uns in Nr. 11 vom 17. März d. I. vertretenen Ansicht: „Die Unfallversicherung ist wie die Krankenverslchcrung auf alle Unfälle aus- zudehnen", durchaus übereinstimmend. Wir bestreiten aber, daß der vorliegende Gesetzentwurf betreffend die Alters- und Invalidenversicherung der Arbeiter, wenn er Gesetz werden sollte, diesen Ausgleich, den die„Nordd. Allg." mit uns für nothwendig hält, wirklich liefert. Sehen wir uns die Sache doch einmal an. Wir nehmen als Beispiel einen Arbeiter mit 900 Mark Jahrcsverdienst. Er verunglückt durch einen Betriebs- unfall und verliert, sagen wir einen Arm. Er erhält von der Berufsgenossenschaft eine Reute. Er wird auf -/, arbeitsunfähig geschätzt und erhält also �/z von 600 Mk., sind 400 Mark jährlich. Es ist nicht viel, aber es geht doch einigermaßen. Wie steht er nach dem Gesetzentwurf, wenn er Gesetz würde? Er erhält unter allen Umständen nichts! denn ihm ist noch eine dauernde Erwerbsfähigkeit von 300 Mark jährlich geblieben, nach der üblichen Abschätzung. Nach§ 7, 4 gilt er erst als berechtigt eine Invalidenrente zu erhalten, wenn seine Arbeitsunfähigkeit in diesem Falle um 87 Prozent gesunken ist, weil er erst dann uu- fähig geschätzt werden kann, nicht im Stande zu sein 120 Mark jährlich zu verdienen, früher giebt es aber nichts. Wo ist da die Ausgleichung der Härte? Es bleibt Alles beim Alten, es ist nicht das geringste geändert. Verlor der Arbeiter einen Arm und auch einen Fuß, dann würde er freilich eine Invalidenrente erhalten. Wenn er schon 15 Jahre lang Beiträge, alle Jahre für 47 Wochen bezahlt hat, also mindestens volle 29 Jahre alt ist, dann erhielte er 140 Mark jährlich. Der aber, für den der Unfall zufällig ein Betriebsunfall war, würde nach unserm Beispiel etwa 522 Mark erhalten. Kann man in diesem Unterschied einen Ausgleich der Härten finden? wir glauben auch kaum. Die„Norddeutsche Allgemeine" hat da eine Flunkerei gemacht, um etwas von der bedingten Popularität, der sich die Unfallversicherung freilich erfreut, deren gute Seiten wir stets anerkannt haben, auf dieses ganz ungenügende und unzulängliche Alters- und Jnvalidenversichcrungsgesetz zu übertragen. Die Prüfung an einem Beispiel ha: aber die Nichtigkeit des hier Gebotenen noch klarer erwiesen. Tie Rente ist lächerlich gering und ihr Bezug an Bedingungen geknüpft, die sie vollständig unerreichbar für die meisten Verunglückten machen würde. Das durchaus ablehnende Verhalten der Ar- beiter gegen diesen Gesetzentwurf ist durch den von der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung angeregten Vergleich mit der auch nur bedingungsweise genügenden Un- fallversicherung auf das schlagendste gerechtfertigt. Die Forderung der Arbeiter muß aus die Mindest- leistung gerichtet sein: Ausdehnung der Unfallversicherung auf alle Unfälle, ob Betriebsunfälle oder nicht und eine Invalidenrente bei Invalidität, die ohne Unfall ein- tritt, die mindestens dem Krankengelde der Kranken- Versicherung gleichkommt. Das ist die berechtigte Minimalforderung der Arbeiter, erst ein Gesetzentwurf, der mindestens hieran reicht, ist wcrth, von den Arbeitern in Betracht genommen zu werden. S ch u i h e L Die schlimmste Art von Sklaverei ist die Knechtschaft des Geistes. Ter Mann, � welcher nicht zu denken wagt, ist der verächtlichste Sklave der Natur; und Jener, welcher es nicht wagt, seine Gefühle in Bezug auf Wohlstand und Freiheit kundzugeben, ist der niedrigste Sklave der Gesell- schaft. Lord Byron. ** * Ist ihr Geist recht, so wird er sich vor uns nicht fürchten und wohl bleiben. Ist unserer recht, so wird er sich vor ihnen auch nicht, noch vor Jemandem fürchten. Man lasse die Geister aufeinanderplatzen! Luther über die Wiedertäufer. ** * England ist voller Reichthum aller Art, und doch stirbt England vor Hunger. Mit ewig gleicher Fülle grünt und blüht der Boden Englands, wogend mit goldenen EriUcn, dicht besetzt mit Fabriken und Maschinen aller Art, mit Mllionen von Arbeitern, welche die stärksten, klügsten und willigsten sein sollen, die unsere Erde je besaß. Hier sind diese Männer; hier ist die Arbeit, die sie gethan, hier sind die Früchte, die sie geschaffen haben, alles im Ueberfluß, alles in üppigster Fülle— und siehe, welch unselig Gebot ist wie von einem Zauberer ausgegangen und sagt:„Rührt nichts an, ihr Arbeiter, ihr Unternehmer, ihr müßigen Herren; keiner soll sie anrühren, keiner sie genießen— dies ist die verzauberte Frucht!"— Diese erfolgreiche Industrie mit ihrem strotzenden Rcichthum hat bis jetzt noch Niemand glücklich gemacht, es ist behexter Reichthum. Carlyle. ** * Unser Streben sei, Das eigne Wohl auf eigne Thätigkeit Zu gründen, eigner Kraft nur zu vertraun, Niemand etwas zu schulden, als uns selbst. Für harte Freiheit wollen wir verschmähn Bequeme Knechtschaft. Milton. ** * Als ich zuerst das Parlament betrat, betrachtete ich diese Versammlung als eine sehr ehrwürdige, und fühlre bei mir eine gewisse Scheu, die aber bei näherer Bekanntschaft bald verschwand, da ich entdeckte, daß unter 560 nicht dreißig Vernunft verstehen konnten, die übrigen alle aber Pöbel waren; sie hatten wohl Ohren zu hören, nicht aber Verstand genug, zu urtheilen. Lord Chestcrfield. ** * Die Zivilisation hat große Dinge vollbracht. Aber sie hat sie vollbracht, indem sie die schmutzigsten Triebe und Leidenschaften des Menschen in Bewegung setzte und aus Kosten seiner ganzen übrigen Anlage» entwickelte. Die glatte.Habgier war die treibende Seele der Zivilisation von ihrem ersten Tage bis heute, Reichthum und abermals Reichthum und zum dritten Mal Reichthum, nicht der Gesellschaft, sondern des einzelnen lumpigen Individuums, ihr einziges Ziel. Friedrich Engels. Zu dem von englischer Seite geplanten intcrnatio- nalen Gewerkschaftskongreß schreibt man der Wiener „Gleichheit": Es ist absolut falsch, daß von demscher Seite die Bedingung gestellt wurde,„daß unbedingt Bebel und Liebknecht zuzulassen seien". Eine solche Forderung wäre einfach albern gewesen und ist es weder den im Auf- trage der sozialdemokratischen Fraktion mit den Herren Broadhurst und Genossen verhandelnden Reichstags- abgeordneten, noch sonst Jemandem, der ein Recht dazu hätte, im Namen der deutschen sozialdemokratischen Ar- beiter zu verhandeln, eingefallen, eine solche Forderung zu stellen. Was deutscherseits verlaugt wurde, war nur, von der Bedingung dispensirt zu werden, daß die De- legirteu von org auisirten Gewerkschaften gewählt sein müssen und von den Gewerkschaften die Unkosten der Delegation zu tragen seien. Diese Forderungen sind einfach von uns Deutschen nicht zu erfüllen, denn jede gewcrkliche Verbindung, die auf sie einginge, würde unrett- bar der Auflösung verfallen, und dasselbe Schicksal würde jeder gewerklichen Versammlung zu Theil, in der Anträge im Sinne der vom englischen Parliamentary-Komite gestellten Forderungen besprochen oder angenommen würden. lieber diese Zwangslage, in der sich die deutsche Arbeiter- schafc befindet, ist auch den Führern der englischen Ge- werkschaften vollständig klarer Wein eingeschenkt worden, und wenn die Herren trotzdem einseitig auf ihrem Schein bestanden, so werden sie wissen, warum sie dieses gethan haben. Zur Liebe kann man Niemanden zwingen und wenn die Herren Broadhurst und Genossen Angst davor haben, in einer und derselben Versammlung vor englischen Arbeitern in Gesellschaft von deutschen Arbeitervertretern über norhweudige Arbeiterschutz-Maßregeln zu verhandeln, so ist es Sache der englischen Arbeiter daraus die noth- wendigen Konsequenzen zu ziehen. Die deutschen sozial- demokratischen Arbeiter sind bereit, den Arbeitern aller Länder zum gemeinsamen Wirken die Hand zu bieten, aber— nachgelaufen wird Niemandem. Wenn die eng- lischen Arbeiter sich mir uns verständigen wollen, dann sind wir dazu jederzeit zu haben, man muß uns aber nicht Bestimmungen vorschreiben, deren Erfüllung uns unmöglich ist, sondern muß sich mit unS über eine ge- gemeinsame Grundlage verständigen. Wir verlangen Gleichberechtigung, denn nur auf dieser kann die wahre Jntcrnationalität gedeihen. Der Londoner Kongreß wird also von Deutschland auS nicht beschickt, und zwar darum nicht, iveil die Einberufer uns die Beschickung unmöglich gemacht haben. Bedauern die englischen Arbeiter die Ab- Wesenheit der Deutschen, so mögen sie sich mit ihrem Parliameiuary-Komite auseinander setzen. Wir sind zu haben, wenn man uns sucht, aber— wir wiederholen es — nachgelaufen wird Niemandem. Das englische Parlament hat sich am 13. d. M. bis zum 6. November vertagt, statt, wie eS sonst um diese Jahreszeit zu thun pflegt, die Session zu schließen. Die Sitzungen werden im November wieder mit Irland be- ginnen, wie sie am Sonnabend mit Irland geschlossen haben. „Irland versperrt den Weg", dieser Satz Gladstonc's gilt heute noch gerade so, wie vor einem Jahre, und es ist wenig Aussicht vorhanden, daß es in dieser Beziehung bald anders, besser wird. Obgleich die Regierung keine irische Vorlage von Belang eingebracht hat, ist dem Unter- Hause doch eine langdauernde und eingehende Beschäftigung mit irischen Angelegenheiten nicht erspart geblieben. Selbst die Herbstsession ist eine Folge dieser, alle Kräfte in An- sprach nehmenden Behandlung Irlands. Eine wenig er- frculiche Erscheinung der Session war die stets wachsende Erbitterung, mit welcher die Parteien im Unterhause sich entgegentraten— wiederum eine Folge des Streites um die Selbstverwaltung Irlands. Nicht wenig hierzu beigetragen haben die Nervosität des Sprechers Peel, das schwächliche Benehmen des Leiters des Unterhauses, des ersten Lord des Schatzes Mr. Smith und die brutale mit herausfordernder Sprache verbundene Politik des Obersekretärs für Irland, Balfour, des Neffen Lord Salisbury's. Unter solchen Umständen kann man sich kaum wundern, daß nicht bloß die irischen Abgeordneten, welche jsst nur durch rücksichtsloses Benehmen sich Gehör verschaffen können, die Grenzen parlamentarischen An- standes überschritten— wie es die Acngstlichen nennen— sondern, daß auch alte Volksvertreter, die bisher strenge auf parlamentarische Ordnung und Sitte hielten, über die Schnur hauen mußten. Das alles wird nicht besser werden, bis die irische Frage mit den von ihr erzeugten Gegensätzen aus der Welt geschafft ist. Daß man auch in Amerika die Praxis, mit der einen Hand dem Volk zu schmeicheln und mit der anderen ihm eine Ohrfeige zu versetzen, gut versteht, mag folgendes Excmpcl beweisen. Vor Kurzem beschloß, wie unsere Leser wissen, die brasilianische Regierung die Aufhebung der Sklaverei und gab dadurch einer Zahl von 600 000 Menschen die Freiheit. DaS ist sehr schön, und fast wäre man versucht gewesen, den humanen brasilianischen Staats- männern um den Hals zu fallen und vor Rührung Freuden- thränen zu weinen; doch auch überseeischen Gentlemen gegenüber ist Vorsicht sehr am Platze. Dem Sklaven- befreiungsgesetze folgte eine Vorlage auf dem Fuße, welche neun Zehntel der Gesammtbcvölkerung Brasiliens, nämlich 10 Millionen Menschen, unter ein neues Joch zu beugen bestimmt ist. Es ist dies nämlich das eben in Bcrathuug gezogene Gesetz gegen Müßiggang und Arbeitslosigkeit. Danach werden alle jene Personen, welche keine Beschäfti- gung nachweisen können und kein Vermögen besitzen, in Zwangsarbeitsanstalten(aus Plantagen, in Berg- werken zc.) gesteckt und wie Sträflinge behandelt. Nach der Vorlage genügt eine bloße Denunziation, um die mittellosen Klassen der größten Willkür zu überliefern. Das Gesetz hat große Aussicht, zur Durchführung gebracht zu werden, da es durch die Freilassung der Sklaven überall an„Händen" fehlt und die Plantagenbesitzer und Hazienderos vor einer Krise stehen, die nur durch Pressung möglichst vieler Personen zur Zwangsarbeit überwunden werden kann. Und darum das„Müßiggaugs-Gcsctz". Ob nicht auch die reichen Hazienderos und Gnibenbesitzer, kurz das übrige besitzende Zehntel der Einwohnerschaft Brasiliens unter dieses Gesetz gestellt werden könnte? Aus Amsterdam, 14. August, wird der„Köln. Ztg." geschrieben: Seitdem der sozialdemokratische Abgeordnete Domela Nieuwenhuis in der Zweiten Kammer auf den Ladenzwang(den Truckunfug) aufmerksam gemacht, den die Arbeitgeber in manchen nördlichen Bezirken der Niederlande auf ihre Arbeiter ausüben, ist man dieser Frage auch in anderen Landestheilen näher getreten, und man hat gefunden, daß die Ausbeutung der arbeitenden Be- völkerung durch Wucherverkauf häufig nach einem förmlichen System betrieben wird. In Tilburg(Nordbrabanl) besteht in manchen Fabriken ebenso der Ladenzwang wie in jenen nördlichen Bezirken, nur mit dem Unterschied, daß man in diesem bigotten Platze die Sacke etwas raffinirler an- legt, um sie dem Lichte der Oeffeutlichkeit einigermaßen zu entziehen: will der nicht im Besitze von baarcm Gelde befindliche Arbeiter aus Kredit oder allmähliche Abzahlung irgend etwas kaufen, so erhält er eine Anweisung seines Arbeitgebers aus diesen oder jenen Ladenbesitzer, aber der Arbeiter weiß nicht, daß sein Brodherr bei diesem Geschäft 10—15 pCt. verdient, welche natürlich vom Schweiß des armen Teufels bezahlt werden. Letzthin konnten ver- schiedene Blätter ein ähnliches Raubsystem, das gegen Fischer angewendet wird, feststellen. Dieselben müssen nämlich an manchen Plätzen den Eigenlhümern des Fischereirechtes die gefangenen Fische gegen allerlei Waaren, die sie von letzteren dafür empfangen, oder zu einem unter dem Marktwerth bleibenden Preis abgeben, und bei der Verpachtung eines Fischwassers wird diese Bedingung, ohne welche ein Vertrag gar nicht zu Stande kommen würde, ausdrücklich iii denselben anfgenommen. Vor einigen Tagen las man, daß die Spitzenklöpplerinnen einiger Dörfer unter nahezu denselben Verhältnissen arbeiten müssen, indem ihnen der Dorskrämer ihre fertig gebrachte Waare abkauft, nicht mit Geld, sondern mit Waaren aus seinem Laden, die sie als Bezahlung anzunehmen haben. Mau muß es Domela Nieuwenhuis entschieden Tank wissen, daß er die Frage überhaupt angeregt hat.— Soweit die „Köln. Ztg.". Man beachte die gemeingefährlichen Aus- drücke: Ausbeutung nach einem förmlichen System, vom Schweiße der armen Teufel bezahlt, Raubsystcm—, die man natürlich nur aus holländische Verhältnisse anwenden darf. Denn als wir sie neulich für deutsche Verhältnisse ähnlich gebrauchten, machte uns die Polizei einen großen Strich durch den Artikel. Was entweder beweist, daß Holland lief unter Deutschland steht, oder daß die Polizei mit zweierlei Maß mißt. Gegen das Unwesen der Frauen- und Kinderarbeit, natürlich in Amerika, ereifert sich die vom Direktor des Königlich Sächsischen statistischen Bitreaus, Herrn Viktor Böhmert, herausgegebene„Sozial-Korrespondcnz" in folgen- den Worten:„Schreitet die Gesetzgebung nicht bald ein, so steht zu befürchten, daß gewissenlose Konkurrenten die Besseren mehr und mehr zu dem schnöden Mißbrauch drängen und die ohnehin schon wenig kräftige weiße Bevölkerung weiter herabdrücken." Das„Vereinsblatt für Bauhandwcrker" bemerkt dazu: Sich, diese zarte Besorgniß für die„schon wenig kräftige weiße Bevölkerung in Amerika". Im schönen Lande Sachsen Hütte Herr Böhmert ganz nahe bei seiner Heimath durchaus ähnliche Zustände finden können. Nun, vielleicht hat er nur durch die Blume sprechen, den deutschen Gesetzgebern nur einen Wink geben wollen, wie nothwendig ein Arbeiterschutzgcsetz in Deutsch- laud ist, damit nicht„gewissenlose Konkurrenten ihren schnöden Mißbrauch" im Niederdrücken der Volkskraft weiter treiben. Die Aufstellung des Herrn Knörckc als dcuy'chfrasin- nigeil Kandidaten bei der Nachwahl im 6. Berliner Reichstagswahl- kreise wird von der„Frkf. Ztg." folgendermaszen kommcntirt:„Die Kandidatur dieses Herrn ist wohl als ein Beweis dafür aiiul- sehen, daß die Freisinnigen einen ernsten Wahlkampf nicht be- absichtizen und nur anstandshalber einen Zählkandidaten nomi- niren."_ Verbot der Lassallcfeier für Berlin— Grünau. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht folgende Bekanntmachung:„Jede Art von sozialdemokratischer Gedächtnistfeier für Ferdinand Lassalle, wie solche in den letzten Jahren versucht worden ist, wird hierdurch auf Gnind des§ 9 des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 und mit Rücksicht auf das Erkenntnist des königlichen Schöffengerichts zu Köpenick vom 19. Juli 1888 für den Amtsbezirk Alt-Glienicke verboten. Jede Bethciligung an einer derartigen verbotenen Fest- lichkeit wird nach§§ 17 und 18 des vorgedachten Reichsgesetzes mit Geldstrafe bis zu 500 Mark oder mit Gefängnist bis zu 3 Monaten bezw. bis zu einein Jahre bestraft. Adlershof, den 13. August 1888. Der Amtsvorsteher, von Oppen. 13 000 Wahlflugblättcr sind vorigen Sonntag in Berlin beschlagnahmt worden. Da das Flugblatt in mästigstem Tone geschrieben ist, ein Verbot auch nicht erfolgte, so ist seine fernere Zurückhaltung ganz unerklärlich— da für Wahlzeiten die Be- schränkungen betr. Genehmigung und Erlaubniß zum Vercheilen nicht gellen. lieber Verhaftungen von Sozialisten in Verlin be- richten die Zeitungen. Tarnach wurden am Montag Abend sieben Personen beim Austritt aus einem Lokal in der Mariannenstraste von Geheimpolizisten verhaftet und nach der Polizeiwache in der Reichenbergerstrastc sistirt. Sechs von ihnen wurden bald darauf entlassen, während ein Buchbinder, bei dem ein Buch mit Notizen geftlndcn wurde, zurückbehalten wurde. Am Mittwoch Morgen wurden die Entlassenen wiederum verhastet, nach dem Molkenmarkt gebracht und Abends wieder freigelassen. Zugleich wurde in ihren Wohnungen gchaussucht, ohne dast etwas gefunden werden konnte. Wostu? würde Herr v. Hanimerstein fragen. Briefkasten. Spediteure auswärts. Wir müssen dringend er- suchen, die Beträge für Juli abzuliefern, da wir von nächster Nummer ab sonst nicht mehr senden. yft— Liften zum Sammeln von Abonnenten sind jederzeit auf unserer Expedition zu erhalte» und werden auch gratis übersandt. Paris. Brief und Geld für 3. Quartal erhalten. Sagau. Name uns leider nicht bekannt. Die Sache ging durch alle Blätter, ist also wahr. Chemnitz. Nächste Nummer. Tank. Maler.'Das Organ der Maler ist der„Eorrespondcnt", den 1. und 15. jedes Monats erscheinend. Durch Post oder Buchhandel 1 Mark vierteljährlich. Tie Liebe. Es hapert noch etwas, aber die Uebung macht auch beim Dichten den Meister. Miillcrstraftc. Liebknccht's Fremdwörterbuch. Durch jede Buchhandlung und jeden Arbeiter-Kolportcnr zu beziehen. C. P. 6. Ist doch bereits beglichen, am 3. Juni d. I. Warum annonzircn Sie nicht weiter? Innungen. Am 1. Januar 1886 bestanden im Deutschen Reich(in Preuhe» nach den Erhebungen bis zum 1. Dezember 1885) 9185 Innungen. Von diesen hatten die Begünstigung nach § 100e der Reichsgcwerbc- Ordnung(für den Bezirk einer Innung, deren Thättgkeit aus dem Gebiete des Lehrlings- Wesens sich bewährt hat, kann bestimmt werden, daß Streitigkeiten aus den Lehrvcrhältnissim, auch wenn der Arbeitgeber nicht der Innung angehört, auf Mrufen eines der streitenden Thcile von der Jnnungsbchörde zu entscheiden sind u. s. w.) bis I. Dezember 1886 323 erhalten. Verschiedene Vereins berichte mußten wegen Raummangels zurückbleiben. Dem alten Herrn Krause ein donnerndes Hoch!!! zu seinem heutigen Geburtstage, dass der ganze Molkenmarkt zittert. _ Die Kollegen von der Tribüne. E. K u n t z e, Tkalitzerstr. 18.(Zum lustigen Stiefel) cmpftehlt feinen reichhaltigen und kräftigen Frühstück- u. Mittagstisch mit Vier 30 Pf. Abendtisch nachAuswahl zu s olid enP reisen. Oigra,rreii n. Tabake reichhaltiges Lager von C. Klein. 15. Ritterstraße 15. DaselbstZahlstellcdcrGürtleru.Bronccure(E„H.60.) Weiss- u. Bairisch-Bier-Lokal. 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Verschiedenes in Kaffciiangclcgenhcitcn. Es wird ein jedes Mitglied gebeten, püntt- lich zu erscheinen. __ I. A.: Emil Pankow, Sttalauerstr. 43. Grosse öffentliche Versammlung der Cigarren und Tabakarbeiter Berlins. Dienstag, den 21. August, Abends 8 Uhr, in Scheffer's Salon, Jnselsttaste 10, II Tr. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Max Schippel:„Tie Vernichttmg der ftcien Konkurrenz durch die großen Kapitalsmonopolc." 2. Tie Verordnung des Bundesraths, das Eigarren- und Tabakgcwerbe betr. Ref. Herr Budry. 3. Diskussion. Recht zahlreichen! Besuch wird entgegen gesehen. Die Herren Fabrikanten sind eingeladen. Ter Eiubernfer. Witzkc, Cigarrcnmacher. Mejtsnalljlveis für Tischler. Ter voni Fachverein de. Tischler begründete Arbeitsnachweis befindet sich Alte Jakobstr. 38 im Restaurant Schumann. Die Arbeitsvermittc- lung geschieht für Meister und Gesellen(auch Nichttnitglieder des Vereins) unentgeltlich. Die Adresscnausgabe erfolgt an Wochentagen von 8'/% bis 10 Uhr Abends. Sonntags von ü bis 11 Nhr Vormittags. Da sich die vier Kassirer der„Ortskrankenkasse der Tischler und Pianofortcarbeitcr Berlins" verpflichtet haben. sich ihrerseits jeder Adressenausgabe zu enthalten, ersuchen wir, nur den obengenannten Ar- beitsnachwcis zu benutzen. Der Vorstand. Ter ÄrbtitsmllMlg für Schlosser und Kerufsgenossen befindet fich im Lokal des Herrn Todtke, Aitterstraste 123. Kontrolle Abends 8—10 Uhr, Sonntags von 9—11 Uhr Vormittags. Aeiblaii zur„Werliner Molks-Hrisüne". M 33. Sonnabend, den 18. August 1888. iL Jahrgang. �Nachdruck Derbotcn.l Gefärbtes Jianr.*) V_y 1 vv y Berliner Sittenbild. Von Max Krctter. (Fortsetzung.) So wurde also Kuchen geholt, ein vorzüglicher Kaffee gebraut, der Wirthin ein kleines Angebinde gemacht, eine Freundin oder Nachbarin herbeigeholt und das Versöhuuugs- fest gefeiert. Viktoriue sah dieses im Verblühen begriffene Geschöpf sehr oft in der Dämmerung die Treppe hinunterschleichen, wenn es sich anschickte, die übliche Promenade durch die Straßen zu machen. Wie oft hatte sie bei diesem An- blick, bei den Gedanken, die sich an ihn knüpften, ein leises Grauen gepackt. Das„Rühck mtd) nicht an" überwog das Bedauern und Mitleid, das sie im Innersten ihres Herzens der Ausgestoßencn entgegenbrachte. Sie hatte auch jedesmal Betrachtungen darüber an- gestellt, wie viel Ueberwindung für die„Frau da oben" dazu gehört haben mußte, diese Gefallene in die eigene Behausung auszunehme». Das war das Gift, das in die Familien getragen wurde und den Zersetzungsprozeß derselben herbeiführte. Man hätte nur die Dächer ganzer Häuser auszudecken brauchen, um immer daffelbc Bild vor Augen zu haben: Wand an Wand, Thür an Thür schlief die Tugend neben dem Laster. Das Schlimmste war, daß die Kinder sehr bald er- fuhren, was so ein„Fräulein" eigentlich zu bedeuten habe. Die Mädchen namentlich litten in dieser Beziehung an einer bedenklichen Aufklärung. Die Schulmappe konnte eines Tages die Frühreife nicht mehr verdecken. Tie Kinder! Das erschien Viktorinen immer als das Entsetzlichste. Sie würde ihre Aelteste todtgeschlagen haben, hätte dieselbe auch nur ein Wort der Andeutung über ein derartiges Geschöpf in ihrer Gegenwart fallen lasten. Alle diese Reflexionen tauchte» in ihr aus, als die Dame mit dem goldblonden Haar die letzten Worte ge- sprochen hatte. Sie zogen wie ein einziger großer Schreckens- gedanke im Fluge an ihr vorüber. Viktorine war im Grunde ihrer Seele nicht schlecht. Ihr Erbfehler war eine stark ausgeprägte Phantasie, die sie immer in eine andere Lage des Lebens hineingaukelte, als in der sie sich befand. Und diese Phantasie spielte ihr auch jetzt einen argen Possen. Sie bekam plötzlich chic» doppelten Blick und sah wie das blanke Zehnmarkstück auf der Tischkante sich merkwürdig rasch vermehrte. In einer lvngen Reihe lagen die Goldmünzen uedeneinander. Wie das leuchtete, blitzte, verheißungsvoll winkte! Das war die sorgenlose Zukunft, die die Repräsentation des„seidenen" auf de» früheren Standpunkt zu bdingeu vermochte. Man brauchte dabei immer noch nicht zu werden, wie diese dort, die sie jetzt so impertinent anblickte, als wollte sie sagen:„Nun mach'— und thue nicht so, als wärest du bester wie die Anderen." „Täglich wäre mir lieber", brachte sie dann kurz hervor, in einem Gcschäftstone, den sie später noch oft bewundern mußte.„Zahlen Sie mir dastelbe, was Sic bisher gezahlt haben." Man wurde einig.„Fräulein" erhob sich, öffnete das Portemonnaie abermals und entnahm demselben eine zierliche Visitenkarte. „So, bitte, hier ist mein Name... Es bleibt also dabei: acht Mark täglich mit der Micthe." � � Viktorine vermochte vor Glück nur zu nicken.„Fräulein fuhr fort:„Was das Esten betrifft, so mache ich keine großen Ansprüche, aber es muß kräftig sein. Gute Bouillon mit Ei,— Braten liebe ich sehr... Den Morgenkaffee trinke ich immer spät— nun Sic wissen ja!... Natur- lich muß er stark sein und stets frisch gekocht. Statt der Milch ein Ei... Nachmittag ebenso. Frisches Gebäck setze ich voraus. Dampfmilchbrode este ich gern. Auf Abendbrod verzichte ich. Sie wissen ja—„man" ißt größtentheils spät zu Tisch... Ausnahmen können ja eintreten, aber dann bin ich immer diejenige, welche..- Wünscht ein Besuch Kaffee zu trinken, so zahle ich natürlich extra... Die Hauptsache ist und bleibt das Zimmer — immer reinlich und anständig. Nun, Sie sehen ja, wen Sic vor sich haben... Wollen Sie es mir einmal zeigen V" Viktorine hatte immer nur genickt, verschiedene Mal „ja" und„gewiß" gesagt. Sie schwamm in Wonne. Dann ergriff sie die Lampe. Bertha war erwacht, setzte sich gerade auf das Sopha hin, rieb sich die Augen und blickte die Fremde dann groß an. „Na, ausgeschlafen, Kleine? Ja man wird müde bei der Hitze... hier, kaufe Dir ein Haus, aber eins von Zucker." „Ach lasten Sic doch— sie nascht so wie so schon genug." „Fräulein" hatte aber bereits eine Nickelmünze(ein Funfpfenuigstück, wie sich nachher herausstellte) hervorgelangt und dieselbe dem Kinde in die Hand gedrückt. Dieses Frauenzimmer scheint heute unsere gute Fee zu sein, dachte Viktorine, als sie dem Besuch voran nach dem Flur schritt und die Doppelthür öffnete. Die Besichtigung dauerte nicht lange. Hier in diesem Zimmer war der Rest der„Mitgift" von„Frau Doktor" aufgehäuft. Die Kinder betraten diesen Raum mit einer Art heiligen Scheu. Das ungemein breite, geschnitzte Bett- gestell, der große Spiegel über der Kommode, der Wasch- tisch mit Marmorplatie, das Oelbild des seligen Erfinders, kolorirte unter Glas gebrachte Zeichnungen von Luftballons in allen Gestalten waren für sie Rcichthümer seltener Art, die sie mit der Miene von Muscumsbesuchern betrachteten. Das kleine Lieschen gab selbst seine' Syrupstulle hin, um von der Aeltesten einmal hier hereingeführt zu werden. „Es gefällt mir sehr," sagte Fräulein zur großen Befriedigung ihrer neuen Wirthin. Sie wollte sich verab- schieden, als sie noch einmal stehen blieb. „Natürlich bin ich ganz ungenirt..." Viktorine hätte im Augenblick die ärgsten Zugeständ- niste gemacht. So erwiderte sie denn:„Sie könneu thuu und lasten was Sie wollen, Fräulein. Ich denke, wir werden schon miteinander auskommen." „Wir wollen es wünschen". Damit rauschte die neue Mietherin von dannen. Die„Frau Doktor" ließ es sich nicht nehmen, sie mit hoch erhobener Lampe eine halbe Treppe hinab zu begleiten, um das„theure Leben" vor einem Unfall im Dunkeln zu bewahren. In das Musik- zimmer zurückgekehrt, fand sie die Aelteste und die Zweite bei der blakenden Küchenlampe mit lauter Bewunderung des Goldstückes beschäftigt. Aus dem Dunkel des Schlaf- zimmers her tönte die quakende Stimme der aufgewachten Jüngsten, die fortwährend nach Licht schrie und auch etwas von dem blanken Golde sehen wollte. „Mama, wird Fräulein Alma Lorenz zu uns ziehen?" fragte Klara sofort, um zu beweisen, daß sie die Visitenkarte bereits studirt habe. Vikrorine gab ihrer Aelteste» einen Klaps.„Mußt Du Katze denn Deine Nase überall hinstecken? Mach', hole meine Schuhe aus der Küche, ich will zum Schlächter und zum Kaufmann gehen... Leg' die Petroleum- flasche in den Korb. Geh', spute Dich, es ist bald Zehn." Der Ansatz zu einem Triller, der in seiner Energie an die kühnsten Kunstlräume der Vergangenheit gemahnte, stieg trotz der späten Abendstunde zur Decke empor. „Mama, ich möchte morgen Brühe mit Nudeln essen," sagte die Zweite, durch die gute Laune der Mutter muthig gemacht. Und als Echo klang von der Hintcrstube der Jüngsten Stimme herein:„Mama, ich will eine Syrup- stulle. Ja, Mama?" Ais Antwort rief Viktorine zur Küche hinaus:„Klara, lege auch die Syruptasse in den Korb... Ja, ja, Ihr sollt alles haben, meine Kinder. Von jetzt ab werden wir wieder tüchtig Fleisch essen... Klara, ich möchte uns heute noch eine Tasse Vanillenchokolade machen. Mein Magen ist so leer..." „Ach ja. Mutter", gab die Aelteste zurück.„Hurrah, es gicbt Chokolade!" rief die Zweite wieder und tanzte auf den Strümpfe» im Zimmer umher. Alle hatten plötzlich besondere Wünsche bekommen. Klara wollte ihr schwarzseidenes Eiusegnungskleid„ausgelöst" haben; Bertha machte sehr eindringlich auf die Stiefeletten drüben im Schaufenster„mir den zwei Reihen Knöpfen" aufmerksam, und Viktorine selbst sagte, sie möchte zu gern wissen, wie ihr Schlangeuring„aussähe". In acht Tagen wäre er „fällig". Hinter ihnen erschallte schwaches Trippeln. Es war das kleine Lieschen, das im Hemdchen herbeigeeilt kam, uni ssch an der allgemeinen Freude zu betheiligeu. „Mama, ich will eine Quietschpuppe haben", fiel sie mit ihrer feinen Stimme ein. Sie sah dünn und weiß wie eine geschälte Bohnen- stange aus. Ueber dem Ausschnitt des gerissenen Hemdchens zeigten sich die spitzen Schulterknochen wie zwei Merkmale frühen Elends. Nur die dunklen Augen leuchteten und gaben dem blassen, wunderschönen Gcsichtchen übcrnaiür- lichcs Leben. Die braunen Locken aber ringelten sich wie ein Bündel kleiner übermüthiger Schlangen den Nacken herab. Viktoriue war außer sich.„I, auf den bloßen Füßen! Kind, willst Du Dir denn den Tod holen! Rasch in's Bett, Du Krabbe!" Aber in dem Uebergestthl der seligen Stimmung nahm sie das Kind plötzlich auf den Arm, drückte es voll Inbrunst an sich, küßte und herzte es. „Ja, Tu mein Nesthäkchen, die Puppe soll auch eine Wiege haben... O, wartet nur, es soll eins nach dem andern kommen." Mit einem abermaligen Triller, der diesmal wie ein Hosiannah der Zukunftsträume klang, trug sie die Kleine nach hinten, empfahl den andern Beiden die größte Artig- kcit, griff zum Korbe und verschwand. Als sie im Dunklen tastend die Treppen hinunter gegangen war und sich im Flur befand, hörte sie vor sich flüstern. Im Lichtschein des Thorweges erkannte sie die „Verlorene" von oben, die sich gerade anschickte, in Be- gleitung eines Mannes die ersten Stufen zu betreten. Wie eine Diebin, die nicht gesehen sein will, versuchte dieses Geschöpf mit einem leisen„Guten Abend" bei ihr vorbei zu schleichen. Die„Frau Doktor" zuckte angesichts dieses Menetekels plötzlich zusammen. Es war nicht allein die Schwüle des Abends, die ihr die Hitze in's Gesicht trieb. Sie schämte sich. Bevor sie auf die S.raße trat, blieb sie zögernd wie in Gedanken stehen. So wie dieser würde sie auck der anderen, ihrer neuen Mietherin mehr als einmal begegnen. Nicht nur hier unten, sondern oben, angesichts der geöffneten Thür, die zu ihrer eigenen Wohnung führte. Was war sie im Begriff zu thun? Sie wollte mit ihren Kindern das leicht verdiente Brod der Sünde essen. Würde nicht der Tag kommen, wo sich ihre Habsucht bitter rächte? Sie zitterte am ganzen Körper und starrte, im Rahmen des Thorweges stehend, so unbeweglich vor sich auf das Trotloir, daß sie von einem im Laufschritt hereinstürmen- den Jungen beinahe umgerannt wurde. Die Stimme des Gewissens rief sie zur Umkehr, raunte ihr das traurige Lied der Armuth zu, das selbst im größten Elend die Ehre nicht geopfert sehen will. Aber die Macht des Teufels, die in ihrem Portemonnaie steckte, war stärker. Der letzte Trost aller derjenigen, die im Begriff sind, in den Ab- grund des Lebens hinab zu steigen: daß einmal keinmal sei— verdrängte die moralischen Bedenken so schnell wie sie gekommen waren. So setzte sie ihre Füße wieder in Bewegung und schritt den Läden zu. Die„fetten Tage" bekamen Mutter und Kindern vorzüglich. Die Miethe wurde pünktlicher denn je bezahlt, man aß Fleisch in Hülle und Fülle. An Bulter, Zucker und Sprup fehlte es nie. Nur die Zigcuncrwirthschaft war zurückgeblieben, oder halte sich vielmehr noch gesteigert. Sie war so wenig zu vertilgen, wie die Fettflecke im seidenen Morgenrock der Gebieterin. Die Skrupel der„Frau Doktor" legten sich bald. Das Vermicthcn an Damen machte sich leichter als sie gedacht halte. Bei der polizeilichen Anmeldung„Fräuleins" als Stickerin hatte der Wachtmeister auf dem Bureau sie allerdings ganz sonderbar augeblickt und gesagt:„Ach, die wohnt jetzt bei Ihnen." Aber sie war von ihrer Mietherin auf alles vorbereitet worden. Zu was giebl's denn die Ausrede, man habe einen Schatz, der alles bezahle. „Fräulein" hatte allerdings einen„Schatz", den ver- heirathcten Inhaber eines großen Modemagazins aus dem Zentrum der Stadt, dem sie manches zu verdanken hatte. Dieser Herr besaß ein sehr würdiges, korpulentes Aussehen und zeigte eine mächtige Glatze. Er hatte eine Xantippe zur Frau, die ihm das Leben vergällte. Jeden Mittwoch Nachmittag von zwei bis fünf Uhr„dinirte" er mit Alma zusammen, um sich einmal„gehörig in Ruhe satt zu essen", wie diese sich zu Viktorinen in einer auf- richtigen Stunde geäußert hatte. Die Letztere hatte dann eine außerordentliche Sorgfalt auf dieses„Miltagsessen für Zwei" zu verwendeu und wurde sehr anständig dafür bezahlt. Wein durfte niemals fehlen.„Außer dem Hause knausert der Alre nie", hatte„Fräulein" sehr bezeichnend gesagt. Außer diesem„Schatz", der seines Geldbeutels wegen die Ehrenstelle bei ihr einnahm, hatte Alma Lorenz noch mehrere Verehrer, die ihr besonders nahe standen; einer von ihnen sogar ihrem Herzen. Es war das ein junger, sehr elegant gekleideter Mann mit cdelgcformten Zügen und einem stattlichen, wohlgcpflegten Vollbart— ein früherer Jurist, der im ersten Examen durchgefallen war und bei irgend einer Privatgesellschaft einen kleinen Posten bekleidete. Er speiste jeden Sonntag mit„Fräulein" zu- sammen und benahm sich dabei sehr laut und ungenirt im Zimmer. Er schien sich überhaupt viel herausnehmen zu dürfen. Viktoriue hatte ihn sogar in Verdacht, daß er von ihrer Mietherin Unterstützungen beziehe. Sie hatte sich auch nicht getäuscht, denn eines Tages kam Alma auf ihn zu sprechen und sagte: „Wissen Sie— er hat mich verführt. Ich war kaum siebcnzehn Jahre alt und er studirle hier noch. Er hatte damals viel Geld, aber er brachte alles durch. Ich habe mit ihm viel Vergnügungen genossen. Sehen Sie, das kann ich ihm nicht vergessen. Aus alter Anhänglichkeit habe ich ihn gern. Es geht ihm jetzt nicht besonders. Seine paar Groschen sind am Zehnten bereits verpufft, denn er ist an das gute Leben gewöhnt. Deshalb helfe ich ihm öfters... Eigentlich hat er viel Schuld, daß ich so geworden bin, aber den ersten Mann vergißt man selten. Es ist eigentlich dumm, aber es ist so... Was denken Sie, er will mich sogar Heirathen.— Er kommt jedesmal darauf zu sprechen. Aber damals wollte er nicht und heute will ich nicht. Das wäre auch eine Ver- rücktheit! Eines Tages liegt er auf der Bärenhaut und ich hätte ihn zu ernähren. Ich kenne das von Anderen... Es ist ganz falsch, daß man immer sagt, wir Mädchen wären die Schlechtesten. Es giebr Männer, die weit unter uns stehen... Deshalb gebe ich ihm lieber und kann ihm die Thür vor der Nase zuschlagen. Was würde auch mein„Alterchen" dazu sagen. Er hat schon mit seiner eigenen Frau genug Aerger. Wenn er nun noch eine zweite bekäme--" Sie hatte lustig aufgelacht, als freute sie sich über ihren eigenen Witz. Mit der Zeit hatte sich Viklorine an derartige Ge- spräche so gewöhnt, daß sie selbst eine kleine Zote mit in den Kauf nahm, ohne dabei zu erröthen. Sie hätte nie geglaubt, daß man auf dem Lebensschiff so schnell in ein schmutziges Fahrwasser gelangen könne. Schließlich tröstete sie sich mit dem Sprüchwort:„Mit den Wölfen muß man heulen". (Fortsetzung folgt.) Zur Feier des 3. September! Ter 3. September wird auch dieses Jahr wiederum feierlich von den amerikanischen Arbeitern begangen werden. Es ist nämlich der„Tag der Arbeit"(Labor Tay), an welchem die Proletarier ihr Werkzeug ruhen lassen, während sie sonst an ausreibende Thätigkeit fest- gekettet waren. Tie Geschichte des„Labor Tay" ist eine kurze. Erst vor wenigen Jahren proklamirte die mächtige Central Union, ein Gewerkschastsverband in New-Iork den ersten Montag im September zum Festtage der Arbeiter. Seither hat ihr Beispiel vielfach Nachahmung gefunden. Tie„American Fcde- ration os Labor" und der Orden der Arbeitsritter haben den Tag zum allgemeinen Festtag der amerikanischen Arbeiter er- hoben, dessen vollständige Einbürgerung nur noch eine Frage kurzer Zeit ist, nachdem selbst einige Staats- regierungen den ersten Montag im September mit der ausdrücklichen Anerkennung des ihm' von den organisirten Arbeitern gegebenen Charakters zum gesetzlichen Feiertag erklärt haben. „Tie moderne Bourgeoisie— schrieben wir bereits vor einem Jahre an dieser Stelle— hat die Feiertage der Kirche so ziemlich ausgenierzl. Nicht etwa, um ihre Frei- geistigkeir zu bezeugen, sondern weil sie ihrem Ausbeutungs- trieb im Wege standen. Tie Feiertage hat sie, ihrem Charakter entsprechend, für sich monopolisirt Wenn die Arbeiter mm ihrerseits sich einen Feiertag schufen, so war dies ein erfreulicher Beweis dafür, zu welcher Macht sie bereits emporgewachsen sind. Aber es ist nicht Alles. Wenn die aufgeklärten Arbeitermassen zusammenkommen, so diskutircn sie selbstverständlich ihre gemeinsame Sacke als eine zurückgesetzte Klasse. Sie geben ihrem Solidari- tätsbcwußlsein Ausdruck, lassen die Vergangenheit an ihrem Auge vorüberziehen und schöpfen neue Kräfte zu dem großen Kampfe, der ihnen noch bevorsteht." In einem Auftuf der„Central Labor Union" hieß es daher bereits im Vorjahre mir Recht:„Dieses Fest ist ein vielversprechendes und wird herrliche Früchte tragen, denn es ist ein Arbeiter-Verbrüderungssest. Die Früchte, die uns entgegenreifen, können nur von uns geerntct werden, wenn alle Arbeiter ihre Pflichten als würdige Glieder der Gesellschaft erfüllen und sich zum Zwecke der Erfüllung ihrer Pflichten organisiren, sich in Gewerkschaften vereinigen, tim die ökonomische Freiheit zu erstreben. Haben wir dereinst dieses Ziel erreicht, dann wird der Arbeiter- Feierlag, so oft er wiederkehrt, ein Tag des Jubels, ein Sicgesfest sein, das alle in der Vergangenheit gefeierten Siegesfeste an Glanz und Pracht überstrahlt. In diesem Jahre heißt es in einem Ausruf speziell an die New-Dorker Arbeiter: „Wiederum sendet Euch die Central Labor Union ihren Grus;! „Zum siebenten Male proklamiren wir einen Tag der Ruhe und Erholung für die Taufende abmühende Arbeiter dieser gc- schäftigen Handelsstadt. Wir fordern Euch auf, am 3. September Eure Arbeitswerkzeuge bei Seite zu legen und mit uns den größten Festtag im Jahre zu feiern. „Dieses Mal reden wir zu Euch mit höheren! Muthe und größerem Stolze denn je zuvor, weil wir während deS laufenden Arbcitsjahres die gereifte Frucht unserer eigenen Saat eingeheimst haben, nämlich: daß unser weiser Vorschlag, einen Tag im Jahre den Arbeitern als Festtag zu widmen, als solcher anerkannt ist, daß die Herrschenden unseres Staates unser Recht anerkannt haben, daß die Majestät der Gesetze für unser Ziel gewonnen ist. Unsere große Genugthuung über dieses glorreiche Resultat jahrelanger Mühe und Arbeit gegen den Zweifel und die Enttnuthigung, die uns müßige Zuschauer einflößten, brauchen wir kaum zu betonen. „Es ist unsere einfache Pflicht, darauf zu dringen, daß eine ge- eignete Verherrlichung dieses speziellen Beweises des Fortschritts der organisirten Arbeiter vorgenommen wird. „Der neue gesetzliche Feiettag wird überall eingehalten werden, aber wir in der Stadt New-Pork müssen darauf achten, daß die bevorstehende Demonstration alles in der Art Dagewesene übertrifft. „Daher fordern wir alle Arbeitcr-Organisattoncn in dieser Stadt und Umgegend auf, Thcil zu nehmen an dieser Schau- stellung der Stärke und Einigkeit der Arbeitermasscn in diesem Theile des Staates. Möge das Gefühl, das täglich in dem Gewerbsleben unserer Stadt weiter wächst und sich verstärkt, in einem Aufzuge am Arbeitsfeiertage gipfeln, welcher ein sehr bczcich- nendes Gegenstück zu der Kraft, die wir am Wahltage entfalten werden, bilden soll. Möge jeder Lohnarbeiter an jenem Tage die Arbeit niederlegen und sich den Reihen der Arbeiter seines Gewerkcs in der Parade anschließen..... „Kein anderer Tag im Jahre ist so wichtig und dem arbeiten- dem Volke so theucr, wie der Arbciterfcierlag. Andere Feiertage, welche uns nur an Religionshaß, blutige Kriege und Menschenopfer erinnern, versinken in den Staub, wenn wir sie mit diesen! Boten des Friedens und Wohlwollens vergleichen. „Laßt uns diesen Tag in passender Weise mit Enthusiasmus und erhabenem Ernst begehen und möge er dem Arbeitcrhecrc gleich- bedeutend sein mit der praktischen Einführung eines Zeitalters der Versöhnung, der gegenseitigen Anerkennung und der Belohnung. „Das Zusammenwirken aller Arbeiterorganisationen jeder Schattirung wird dringend gewünscht. Ritter der Arbeit, Gewerkschafter, alle Organisationen zum Schutz und zur gegenseitigen Unter- stützniig der arbeitenden Männer und Frauen, Schulter an Schulter gedrängt, wollen wir zusammentreten, eine Riesenlegion mit er- habencm Ehrgeiz, mit klaren und vernünftigen Zielen, mit einsichts- vollem Verstände und unbesiegbarer Entschlossenheit. Hand in Hand wollen wir das Brudcrfest feiern und wenn der Tag zu Ende geht, wird er uns in allen Fragen von allgemeinem Interesse brüderlich vereint finden. Die Ccmral Labor Union. Der Ausstand der Erdarbeiter bei Daris.") X Es war vorauszuseheil, als der Pariser Ge- meinderalh den einschlieidenden Schritt lhat, ohne wcl- *) Der Ausstand ist bekanntlich umerdcß zu Ende gegangen, der obige Artikel hat dadurch aber nichts in seinem Wcrthc eingebüßt. D. Red. chen jede sogenannte Sozialresorm hohle Redensart und werthlos ist, als er den Arbeitstag, einen Ruhetag in der Woche für den Arbeiter und einen auskömmlichen Lohn für denselben bei seinen städtischen Bauten kontrakt- [ich festsetzte, daß damit auch das Streben der anderen Arbeiter nach diesem Ersten und Nothwendigsten zur Ver- besscrung ihrer Lage neu belebt werden würde. Darauf ist hingewiesen als auf eine weitere segensreiche Folge dieser weisen Maßregel, sobald von dem Entschluß des Pariser Gemeinderalhs etwas öffentlich bekannt wurde. Diese Einsicht war es gerade, die auch die wilde Wnth der manchesterlichen Kreise gegen die Maßregel des Pariser Gemeinderathes so sehr erregte. Es kann übrigens angenommen werden, daß sich die Preislisten des Gemeinderathes so den ortsüblichen Lohn- Verhältnissen anpassen, daß an den bestehenden Zuständen dadurch wenig geändert wird, daß durch die Maßnahmen nur ein Herabdrücken der Löhne im Winter oder bei stärkerem Zuzug verhindert wird, was auch Segen genug für die Arbeiter wäre. Würde z. B. der Magistrat in Berlin einen Lohn für Maurer und Zimmerer von 50 Pfennigen für die Stunde für seine Bauten kontraktlich feststellen, so würde dies, da es den thatsächlich bestehenden Verhältnissen ziemlich entspricht, eine besondere Bewegung unter den Maurern und Zimmerern nicht veranlassen. Es würde die Maßregel nur insofern segensreich wirken, als es diesen Bauhandwerkern nun viel leichter werden möchte, auch auf den Privatbanplätzen diesen für Berlin durchaus nothwen- digen Lohn zu behaupten. Es würde dazu keiner erheb- lichen Anstrengungen bedürfen, die Nothwcndigkeit zu den jetzt ab und an imnier noch erforderlichen größeren oder kleineren Arbeitseinstellungen würde verschwinden, es würde ein so friedliches Vcrhältniß eintreten) wie es etwa bestand zur Blüthezeit der Zünfte, als auch Lohn und Arbeitszeit behördlich geregelt war im beiderseitigen Interesse. Der Frieden zwischen Meister und Gesellen, nach welchem sich manche unserer Zünftler sehnen, wobei sie aber meistens nur Wehrlosmachung der Gesellen meinen, wäre dann hergestellt. Was hier für diese beiden Gewerbe gesagt ist, würde natürlich für alle anderen gelten, würde sich für sie alle in dem Maße mehr oder weniger schnell beruhigend fühl- bar machen, als nach der Art der Gewerbe die städtischen Arbeiter einen größeren oder geringeren Einfluß auf den Gcsammtumfang des betreffenden Gewerbes ausüben. Würde der Staat sich solchen weisen, wirklich reforma- torischen Maßregeln anschließen für seine Arbeiter, so wäre vielleicht ohne viele Mühe eine der wichtigsten und uner- läßlichsten Arbeiterforderungen, die ja auch den Kern der Forderungen des bekannten Arbeiterschutzgesetzes der deutschen Sozialdemokraten bilden, durchzuführen. Da die Wirkung der Maßregel des Pariser Gemeinderathes an der Grenze der Gemeinde Paris aufhört, hier sich aber die Pariser Arbeiter mir anderen Arbeitern berühren, so ist eS leicht erklärlich, daß nicht im Wirkungskreise der Maßregel selbst, sondern an der Grenze sich Arbeiterbewegungen entwickelten. Die Arbeiter neben Paris wollten selbstredend ebenso gestellt werden wie die Pariser Arbeiter. Es kann also nicht überraschen, wenn sich hier Lohnstreitigkeiten zwischen Ar- beitcr und Unternehmer entwickelten. Ueber den Ausstand, der wirklich entstanden ist, wird von der kapitalistischen Presse so haarsträubend, so Hand- greislich, so absichtlich gelogen, daß es ganz unmöglich ist auS diesem Chaos von Lügen und Entstellungen sich ein auch nur einigermaßen richtiges Bild vom Beginn und Fortgang dieses Ausstandes zu machen. Schon der Umstand, daß gerade Erdarbeiter es waren, die die Arbeit einstellten, erschwert die Uebersicht der Sache ungemein. Wie jeder Sachverständige weiß, finden sich bei größeren Erdarbeiten, die ja immer plötzlich beginnen und von sehr vorübergehender Daner sind, ganz durch den Zufall zusammengewürfelt Arbeiter aus den allerverschie- denstcn Gegenden, mit den allerverschiedensten Gewohn- heilen und Lebcnsanschauungen zusammen. Man be- gegnet da bei uns dem Lederschurz des SchlesierS neben der Sammthose des Italieners, dem rolhcn oder blauen eng anliegenden Wollenanzug des holländischen Friesen neben dem Schafpelz des Pollacken. Der in der Nähe heimische Arbeiter ist meistens nur sehr spärlich vertreten, aber außer den eigentlichen Erdarbeitern, die diese Beschäftigung als Beruf treiben, findet sich von der walzenden Reservearmee der Arbeiter eine große Zahl ein, die da ein kümmerliches Brod sucht. So wie es bei uns ist, ist es in allen Ländern bei größeren Erdarbeiten. Diese so zusammengewürfelten Massen besitzen weder einen moralischen noch einen wirthschaftlichen größeren Zusammenhalt. Höchstens gruppirt man sich nach den Lands- Mannschaften, um dann aber sofort in Reibereien mir anderen Landsmannschaften zu gerathen. Streit ist aus solchen großen Erdarbcitsplätzcn eigentlich fortwährend. Tie Arbeiter streiten sich unter sich und mit den Unternehmern, von welchen sie freilich oft genug ganz gehörig übervor- theilt werden. Ein Vorgehen zu einer Lohnbewegung nach einheitlichem Plane ist bei größeren Erdarbeiten fast undenkbar. Einzelne Abtheilungen streiken zwar öfter und je nach dem Charakter der Landsmannschaft, zu der die Ausjtändigen gehören, kommt es dabei zu größerem oder geringerem Tumult. Bei dem Mangel an jedem Zu- sammenhalt endet ein solcher Ausstand von Erdarbeitern aber in der Regel sehr bald ohne jedenErfolg. Die streikenden Kolonnen zerstreuen sich in der Regel und wer- den durch andere ersetzt. Was nun die Pariser Erdarbeiter zum Ausstande gebracht hat, ist aus allen bisher hier verlauteten Be- richten auch nicht annähernd zu ersehen gewesen. Die Zeitungen haben mit handgreiflich erlogenen Schauderge- schichten so viel zu berichten gehabt, das keine einzige sagen konnte, was die Arbeiter eigentlich verlangen. Die Behörden scheinen von Anfang an den Ausstand richtig beurrheilt zu haben und ihm mit Ausnahme der unange- nehmen Störung der Arbeiten an der Weltausstellung keine große Bedeutung beizulegen. Wir können über die eigentlichen Ursachen des Ausstandes und sogar über seinen Umfang durchaus keine auch nur einigermaßen beglaubigte Angaben finden. Man begegnet nur Widersprüchen und Uebertreibungen. Jedenfalls wird der Ausstand der Erd- arbeiter bald und ohne erhebliches Resultat beendet sein. Daß es dabei manche Schlägerei unter den Arbeitern giebt, ist nach dem Geschilderten ganz natürlich. Während der gewöhnlichen Zeil schlagen sie sich bei solchen Erd- arbeiten auch fast allsonntaglich. Bald hauen die Pollacken die Holländer, bald diese die Italiener, bald wieder die Italiener die Pollackcn und so mit Abwechselung. Da kümmert sich niemand viel darum. Während des Aus- standes des einen Theiles haut sich dieser natürlich mit dem arbeitenden Theile, und dann erhebt die verlogene Bourgeoisicpresse ein ungeheures Geheule über„Aus- schreitungen" der Ausständigen. Nun treffen in Paris ganz unabhängig von diesem Ausstande der Erdarbeiter noch einige kleinere Ausstände zufällig zusammen. Es heißt doch die Sache bei den Haaren zusaminenzcrren, wenn man den Streik der Friseure und der Kellner mit dem Streik der Erd- arbeiter zusammenwirft. In einer Stadl wie Paris können mehrere Ausstände gleichzeitig und von einander ganz unabhängig geführt werden, und das ist dort sicher der Fall. Durch das absichtliche Zusammenwerfen dieser Ausstände wird die Sache aber verwirrt, um den Spieß- bürgern gruslig zu machen. Ebenso zieht man Hunger- revolten, die weitab von Paris unter Sammtwebern ausgebrochen sind, um die Leser zu verwirren, in diese Streikbewegung hinein und hat so ein schwer unlösbares Lügenknäul gebildet. Zu alledem kam noch das Begrübniß eines Mit- streiters aus dem Kampfe der Kommune für Aufrechter- Haltung der bedrohten Republik. Hierbei kam es durch das Eingreifen der Polizei zu einigen Unordnungen. Natürlich wird auch dieses so- fort mit dem Streik der Erdarbeiter vermengt. Wir können dieses Versahren nur mit dein vergleichen, wenn man alle in Deutschland innerhalb einer gewissen Zeit begangenen Verbrechen so erzählen wollte, als wären sie alle an einem Tage in Berlin Unter den Linden verübt, um zu beweisen, wie toll es da zugeht. Daß diese Berichte selbst in den großen Blättern nicht vom Orte selbst kommen, sondern in den Redaktionen ihre grauscnmachcnde Gestalt erhalten, geht ans der Bla- mage hervor, die sich dabei die„Kölnische Zeitung", das Riesenreptil, geholt hat. Dieses Blatt hatte nämlich bei dem schon erwähnten Begräbniß einen neuen Helden der Pariser entdeckt, der große Anwartschast hatte, den Boulangcr, den unsere Rcp- tilien sehr vermissen, zu ersetzen. Ter Herr„Corbillard" ging nach der Kölnischen Zeitung dem Leichenzuge voran und wurde überall von der Bevölkerung mit Auszeichnung und Zurufen empfangen. Er schien so der Macher des Ganzen zu sein, derjenige, der wahrscheinlich auch den ganzen Streik angestiftet hat, vielleicht sogar der Zukunfts- Präsident der großen Europäischen Internationalen. Nnn heißt leider auf deutsch„Corbillard" nichts mehr und nichts weniger als„Leichenwagen." Der große Held der neuen Europäischen Zukunftsrevolution war der Leichen- wagen, der freilich den Zug anführte und dem gehuldigt wurde. Aus diesem einen Falle niag man sehen, wie dumm und unverschämt über den Ausstand in Paris gelogen wird, da ist es denn kein Wunder, wenn wir zugestehen müssen, wir können uns aus der Sache kein Bild niachen, der Ausstand scheint aber von erheblicher Bedeutung nicht zu sein und hat, während wir dies bringen, vielleicht schoir sein Ende erreicht. Bei dem Kampf mit der Polizei beim Leichenbcgäng- niß um eii e rothe Fahne im Zuge, soll ein Polizist eine gehcimnißvolle Blechbüchse gefunden haben, aus der er mit vielem Muth und unendlicher Geistesgegenwart, wie versichert wird, die Zündschnur herausgezogen hat. Natürlich eine Anarchistenbombe, muß aber ein sehr unschuldig Ding gewesen sein. Chemiker untersuchen an- geblich den Inhalt, hallen das Ergebniß aber geheim. Wahrscheinlich Sardinen in Oel, wenn die ganze Geschichte wahr ist. Ob der Streik der Erdarbeiter aus eine Aufreizung von Seiten einer politischen Partei zurückzuführen ist? Wir bezweifeln es. Wenn es der Fall sein sollte, so kaim die Anfreizung nur von wlrthschaftlich reaktionären Elementen ausgegangen sein, die dem Gemeinderarh von Paris Nnbeguemlichkeiten machen wollten. Wenn etwas dafür spricht, so ist es der verbissene Aerger der Bour- gcoisiepresse darüber, daß keine ordentlichen„Ausschrei- tungcn" bis jetzt vorgekommen sind, daß mit Ausnahme der Störung des Leichenzuges durch die Polizei die Flinte nirgends zum Schießen und der Säbel nirgends zum Hauen gekommen ist. Einige Dutzend Verhaftungen, das ist die Lanze Ausbeute der ziemlich unbedeutenden Sache. Andere Polizeipräsidentelt und Polizeikommissare hätten vielleicht mehr daraus zu machen verstanden, das wollen wir uichi bestreiten, dann wären die Anstifter, wenn solche wirklich vorhanden sein sollten, besser aus ihre Rechnung ge- kommen. Das Sinken des Zinsfußes und seine Folgen für den Arbeiter und den Kleinbeftber. Man hört so oft in bürgerlichen Kreisen die Klage laut werden, daß in allen Betriebszweigen der Industrie, sowie in einem jeden Handelsgeschäft die Profite immer kleiner werden. Zum Beweis dafür wird auf die Thalsache vcr- wiesen, daß auch der Zinsfuß immer mehr sinke, was ja nur eine Folge des allgemeinen Sinkens der Profile sein könne— und ganz selbstverständlich wird dann daraus die Nutzanwendung gemacht, daß auch die Arbeiter von „Rechtswegen" mir geringeren Löhnen vorlicb nehmen müßten und zufrieden sein sollten. Um so mehr, als ja in Folge der geringeren Prositc, des niederen Zinsfußes und der niedrigeren Löhne auch alle Gebrauchsgegenstände und vornehmlich die Lebensmittel um ein Bedeutendes billiger werden und die Arbeiter um so und so viel billiger leben könnten. Eine wunderbare Argnmcntalion das, fürwahr! cic mag bei den Einfältigen und Unwissenden, welche nicht gelernt haben, die wirthschasllichen Vorgänge v.i ihrem innern Wesen zu verstehen und ihrer ganzen Tragweite nach zu beurtheilcn, wohl einschlagen und die erwünschte Wirkung ausüben; indeß die Gebildelen und Aufgeklärren, wclcke das klare Vcrständniß der wirlhschastlichen Vor- gänge befähigt, etwas tiefer in die Natur der Sache zu blicken, werden für diese Art der Beweisführung nur ein mitleidiges Lächeln haben. Denn, weit davon entfernt, ein Kennzeichen der Besserung der allgemeinen wirthschasllichen Lage, der allmählichen Gesundung des Gesellschastsorganismus im Sinne der Ausgleichung der vorhandenen Gegensätze zu sein, bedeutel die Erscheinung nur ein sicheres Symprom in dem beschleunigten Zcrsetzuugsprozeß der gegenwärtigen G esells chafts-llnord nung. Das Sinken der Profite und die Abnahme des Zinsfußes sind die nolhwendigc Wirkung der sorlwährend gc- steigerten Ansammlung von Riesenkapitalien in den Händen Weniger. Wenn A. 100 00Ü Mark zu nur 8 Prozent anlegt, nimmt er bedeutend mehr Zinsen ein, als B., der 50 000 Mark zu 4 Prozent anlegt und wenn Jemand sein Beiriebskapital von 200 000 Mark jährlich mir um 2 Prozent vermehrt, crübrigi er noch immer weil mehr, als der, welcher das Seinige von nur 20 000 Mark um 3 Prozent jährlich vermehrt. Wohl verursacht das Sinken des Profits ein eiu- sprechendes Sinken des Einkommens der Einzelperson aus einem bestimmten Kapital; das beweist aber keineswegs, daß das Kapital im Allgemeinen weniger„produktiv" geworden, auch nicht, daß das Einkommen der Kapitalisten- k lasse sich verringert hat. Im Gegentheil ist das Sinken der Profite für die Untcrnehmerklassc nur ein Sporn zur Anhäufung weil größerer Kapitalien, um das, was im Prozcntsab verloren gehl, durch die Summe zu ersetzen. Für die Klasse der Arbeiter aber ist das Sinken der Profite ein recht schlimmes Zeichen, denn es bekundet gar nichts Anderes, als die stetige Verschlechterung ihrer Lage in Folge des stetigen Wachsthums ihrer Zahl. Ter kleine Prosit ist die Signatur der Epoche der zer- rüttcten Existenzen, wo der Prozeß der gegenseitigen Ver- schlingung und Vcrzehrung in den Rethen der Besitzenden mit besonderer Heftigkeit vor sich geht, wo lausende von mittleren und kleineren Unternehmern und Ge- schäftsleute zu Grunde gerichtet und mit gewaltiger Wucht in den Abgrund des Proletariats hinabgeschleudert werden. Ter Grund davon ist sehr leicht einzusehen: der kleine Profit macht die Anwendung von R'.e seil kapitalien zur gebieterischen Nolhwcndigkeit und schließt den Mit- bewcrb aller Derer aus, die nur mittelmäßig begütert oder gar nur ein winziges Sümmchen ihr eigen nennen.?ie unausbleibliche Folge ist die größere Konzentration(Ansammlung, Anhäufung) der Produktionsmittel und mit diesen die der politischen Macht in den Händen Weniger. Das Kleinerwcrden der Prosite hindert also das riesige Anwachsen des Kapitals in keiner Weise. Bei dieser riesigen Vermehrung des Kapitals und der cnlsprcchenden Konzentration deffelben in den Händen Weniger, wird ganz natürlich der Ertrag einer jeden einzelnen Mark kleiner, das Gesammterträgniß des Kapitals als solchen aber unvergleichlich größer. Mithin ist das Sinken der Profite weil davon cnt- fernt, ein Zeichen dafür zu sein, daß die Lage der Arbeiter sich verbessert, im Gegentheil ein sicheres und sehr bedenk- liches Merkmal der Verschlechterung derselben. Ferner hat das Sinken der Profite, wie bereits an- gedeutet wurde, die Steigerung und Verschärfung des Konkurrenz-Krieges innerhalb der Kapiralistenklasse zur Folge und die Kosten der Kriegführung müsien wiederum die Arbeiter bezahlen, neben ihnen aber auch die kleinen Besitzer, die kleinen Kapitalisten, die sich jetzt nicht mehr durchschlagen können und die darauf angewiesen werden, ebenfalls von ihrer Hände Arbeit und nicht mehr von ihrem Besitze zu leben. So erhält das Proletariat durch das Sinken des Zinsfußes gewaltigen Zuwachs aus Bevölkernngsschichtcn, die früher allen wirklichen Reformtdecn ganz unzugänglich waren._ Aus Dänemark. Der sozialdemokratische Kongreß ist in den Tagen vom 12. bis 14. Juli in Kopenhagen abgc- halten worden. Es war dies der dritte dänische sozialdemokratische Kongreß, denn derjenige, welcher vor einigen Jahren in Kopenhagen stattfand, war seinem ganzen Wesen nach ein deutscher. Der erste dänische Parteikongreß tagte im Juni 1876 unter der Leitung der Zcntralverwaltung der freien Fach- vereine. Das Resultat der damaligen Verhandlungen war eine veränderte Organisation der Partei, die sich von da ab„Sozialdemokratische Arbeiterpartei" nannte und deren Verwaltung zum Theil in die Provinzen verlegt wurde. Ter zweite Parteikongreß trat hier im Juli 1877 zusammen und hatte eine Äendernng der Organisation zur Folge, denn es wurde eine ans zwölf Mitgliedern be- stehende Zcntralverwaltung mit dem Sitz in Kopenhagen errichtet. Die Partei bestand damals fast ausschließlich aus Fachvereinen, und der einzige Berein von rein poli- lisch er Färbung war die„Demokratische Genossenschaft", die keinen überwiegenden Einfluß hatte. Schon im nächsten Jahre wurde daher, und zwar ohne Kongreß, die Aende- rung getroffen, daß sich dieser Verein von den Fachver- einen lossagte, und am 12. Februar 1878 der noch bestehende„Sozialdemokratische Bund" gestiftet wurde. Voil diesem zweigten sich allmälig Abtheilungen über das ganze Land ab, und diese eben hielten jetzt mir dem Kopen- Hagener Zcntralvcrein und den Wahlvereinen den dritten sozialdemokratischen Kongreß ab, während die Fachvcrcine, zu deren gemeinschaftlichen Zusammenkünften die Haupt- Verwaltung des„Sozialdemokratischen Bundes" Zutritt bat, zu einem speziellen skandinavischen Kongreß im August in Kopenhagen zusammentreten werden. Der dritte sozialdemokratische Kongreß zählte 65 Theil- nehmer, nämlich: die 12 Mitglieder der Hauptverwaltung des„Sozialdemokratischen Bundes": Bäcker Andersen (Leiter der großen gemeinschaftlichen Bäckerei), Tischler Berg, Schneider Holm(Reichstagsabgeordneter), Piano- forlearbeirer Holst, Verwalter Hurop, Geschäftsführer Hör- dum, Maler Jensen, Geschäftsführer Knndsen, Journalist Meyer, Zigarienarbeitcr Möller, Zigarrenarbeiter Olsen, Redakteur Wiinblad, lauter bekannte Agitatoren; ferner 26 Mitglieder verschiedener sozialdemokratischer Vereine in und bei Kopenhagen, und endlich 27 Delegierte sozial- demokratischer Vereine aus allen Theilcn des Landes, namentlich von Helsingör, Röeskilde, Slagelse, Sorö, Rakskow(Lolland), Odense, Svendborg, Kolding, Frede- nkia, Holsens, Aarhns, Randers und Aalborg, also aus allen größeren Städten mit Ausnahme der westjütischen. Der Kongreß beschäftigte sich hauptsächlich mit der Feststellung dcS sozialdemokratischen Programms und Regelung der sozialdemokratischen Agitation. Tie bestehende Organisation wurde nur in einigen ganz unwesentlichen Punkten geändert. Beschlossen wurde, daß ein sozialdemo- kratischer Kongreß jedes zweite Jahr abgehalten werden soll.(Hamb. Corr.) GemüthÜches. Man schreibt uns: Nicht nur im gemüthlichcn Oesterreich kommen Fälle vor, wie Sie einen in Nr. 32 brachten, sondern auch im weniger gemüthlichen Deutschland. In Torgau meldet ein Zimmerer eine Versammlung an mit der Tagesordnung: Gründung eines Unterstützungsfonds tind Verschiedenes. Das letztere mußte von vornherein gestrichen werden, weil die Polizei verlangte, es solle genau angegeben werden, worüber verhandelt werden soll. Der überwachende Polizei- kommissar griff dann fortwährend in die Debatten ein, rief die Redner zur Sacke. Als einer der Redner ihn darauf aufmerksam machte, daß er dazu durchaus kein Recht habe und sich ferner solches Eingreisen verbat, drohte der Beamte mit Auflösung der' Versammlung und mit Denunziation, wurde dann aber still, als der Redner sich nicht einschüchtern ließ. Die Versammlung konnte ruhig zu Ende geführt werden. Die Sattier Kerlius und die Arbeiter- bewegung. Auf allen Gebieten zeigt die wirthschastliche Er.twickelnng der Neuzeit, wie mit dem Entstehen größerer Fabriken sich auch größere A rbcitcrmasscn anhäufen. Wenn sich alsdann nmer denselben aufgeklärte Arbeiter finden, die in ihren Mitarbeitern das Klassenbewußtsein wachrufen, so wird es niemals lange dauern, daß man zur Errichtung ei ncs V e r b a n d e s rcsp. einer V e r c i n i g u n g der BemDgenoflen schreitet. Die Ursache der Anhäufung von Arbeitskräften in unserer Branche und am hiesigen Plage ist hauptsächlich die immer wieder- kehrende Anfertigung der Militärarbeit. Im Jahre 1850, als die Mobilmachung gegen Oesterreich begann, waren in Berlin zirka 300—350 Gehilfen. Durch die an verschiedene Meister ausgegebene Arbeit vermehrte sich die Zahl der Beschäftigten um 200, welche, nachdem die damalige nur vorübergehende Arbeit zu Ende war, den alten Berliner Gesellen starke Konkurrenz machten, und so theilwcise die Grundlage zu der später entstehenden Haus- industrie bildeten. Auch brgann, was bisher noch nicht der Fall war, die Stück- oder Akkord-Arbcit auszukommen. Maschinenarbeit in unserm Gewerbe gab es nicht, die Zunftmeister sperrten sich dagegen, natürlich vergebens. Später führten sie die Fabrikanten in das Gewerbe ein und augenblicklich finden wir sie fast überall(d. h. die Nähmaschine zc.). In den sechziger Jahren versuchte der bei Totti(Militäreffekten- Fabrik) arbeitende Sattler Dank eine Verbesserung der Lage der Sattler zu bewerkstelligen. Sei es nun, daß die Sattler Berlins eineStheils noch nicht genug reif zum.Klassenbewußtsein waren, oder aber sei es— da Taut Gewerkvercinler Hirsch-Dunker'scher Nichtung war—, daß die Sattler ihm nicht recht trauten: die Sache verlief rcsul tatlos. Jedenfalls muß aber anerkannt werden, daß endlich einmal ein Anfang gemacht war. Taut verließ Berlin und i>t von der Bildfläche verschwunden. Es entstanden nun im Laufe der Kriegsjahre 1804 und 1866 noch verschiedene Fabriken, die Privatarbeit hob sich ebenfalls, aber nach den Jahren 1866—70 trat innerhalb unserer Branche eine Krisis ein. Die Zahl der hier beschäftigten Gesellen hatte sich nntcrdeß bedeutend vermehrt, und zwar jedesmal nach eintretender Militär- arbeit. Die Wogen der Arbeiterbewegung der 60 er Jahre hatten auch die Sattler zum Nachdenken gebracht. Der Krieg anfangs der 70er Jahre und die kolossalen Lieferungen von Militärarbcit veranlaßten die Kollegen Berg, Jonas, Böhm, einen Streik- verein in's Leben zu rufen, dem die meisten Berliner Kollegen sich anschlössen. Die Organisation desselben war eine außerordentlich feste; ebenso die Opserwilligkcit. Eine Versammlung der Meister, einberufen vom Streikkomitee, und eine aus verschiedenen Branchen bestehende Kommission der Gesellen, führte zu keinem Resultat. Die Bedingungen waren: 10 stündige Arbeitszeit, 25 Prozent Zuschlag ans Lohn- und Stückarbeit. Bemerkt sei hier zur Begründung, daß in fast allen Werkstcllcn eine 12— 15stüiidige Arbeitszeit und ein Durchschnittslohn von 9 Mark herrschte; ein Achtel der Sattler hatte abstufend 12, 15 und 18 Mark. Tic 18 Mark bezogen, waren Wcrkführer. Es ist nicht erinnerlich, ob seitens der Gesellen noch weitere Bedingungen gestellt wurden. Bemerkt sei aber, daß die von den Gesellen gewählte Kommisston die Lehre von den Meisten: mitnahm— infolge der wirklich rohen nnparlamcntarischen Abfertigung— daß mit diesen Herren energisch verfahren werden müßte. Die Herren Zopfmeister triumphirten freilich augenblicklich und glaubten, sie hätten einen Sieg durch ihre Rohhett erfochten. Schon im Februar 1872 nahmen die Sattler Berlins jedoch Stellung, und nun folgte Scklag auf Schlag. Vom Komitee wurde noch einmal an sämmtliche Meister ein Zirkular versandt: wenn bis zu einem bestimmten Tage die Forderungen nicht bewilligt wären, würde in sämmtlichen Wcrkstcllen die Arbeit nieder- gelegt. Dies hatten die Herren nicht erwartet, und sie glaubten es auch vielleicht nicht. Der Tag kam, und da konnte man an der Festigkeit der Gesellen erkennen, was Einigkeit macht. In vielen Wcrkstellen wurde sogleich bewilligt, ja einer der größten Schreier der Jnnnngsmeister bewilligte auf einzelne Preise 50 Prozent, nur sollte ihn das Streikkomitee„in Ruhe lassen". Am heftigsten war der Kampf der Militärlieferanten, dieselben hatten durch Submission die Arbeit übernommen und wollten zwar die lOstiiiidige Arbeitszeit, aber nur 10—16 Prozent Lohnzulage bewilligen. Auch traten als Gegner der Gesellen die Werkzeuge der Fabrikanten, die sogenannten Werkführcr, vielfach hemmend dazwischen durch Einberufung von Extra-Versammlungen, die natürlich wenig ans- richteten, durch übertriebene Versprechungen in den Zeitungen, um Arbeiter heranzulocken. Eharakteristisch ist, daß zur damaligen Zeit nicht nur unverheirathete Kollegen abreisten, sondern auch eine große Anzahl Veiheiraihelcr. Ter Streik endete durchschnittlich zu Gllnstjen der Gesellen, am wenigsten erzielten die Militärarbeiter. Nach Beendigung des Streiks, der zirka 5 Wochen dauerte, ging der Streikverein allmählich zurück. Zugleich zog man aus den gemachten Erfahrungen die Lehre, daß eine Zentralisation der«attler Deutschlands angebahnt werden müsse. Es wurde be- schlössen, einen Kongreß in Berlin einzubernfen. Ein Aufruf an alle Sattler Tcutschlanos wurde erlassen, ebenso nach der Schweiz und Wien. Der Aufruf fand allgemeine Zustimmung, und so tagte denn der erste deutsche Sartter-Kongrcß im Juli 1872 in Berlin. Die Betheilignng kann großartig genannt werden. Auf demselben waren 32 Städte durch über 60 Delegirte vertreten, worunter politisch aufgeklärte Männer, wie An er-Augsburg und Gerikc-Wicn. Auer war Sattler, Gerike Täschner, letzterer Mit- arbeiter der„Volksstimme". Auf dem Kongreß wurde beschlossen, den allgemeinen deutschen Sattler-Verein zu gründen. Zugleich wurden die Statuten fertiggestellt und beschlossen, daß die Zentralleitung in Berlin bleiben solle. Der Strcikvercin in Berlin löste sich auf. Kollege Auer wurde Vorsitzender des Zentral-Vercins; es traten unter anderen die Städte Berlin, Stuttgart, Offenbach, Dresden, Köln, München, Koblenz, Brannschweig, Roisdorf a. B., Hannover, Karlsruhe, Hamburg, Altona, Posen dem Verband bei. Die Thätigkeit des Kollegen Auer in Berlin war vom besten Erfolge begleitet und in nicht langer Zeit waren von 800 hier arbeitenden Sattlergcsellcn 550 dem Allgemeinen deutschen Sattler- Verein gewonnen. Auch die andern Mitgliedschaften blieben nicht zurück, Die Beseitigung der gedrückten Lohnverhältnisse und die Abschaffung der überlange» Arbeitszeit, das war jetzt die Parole. Die Wohlrhätigkeit der Rcise-Untcrsiützung that auch ihr Gutes. Was in 10 Jahren nicht möglich gewesen wäre, wurde in ganz kurzer Zeit ausgeführt. In allen oben angeführten Städten wurden, gestützt auf die Zentralisation, unsere statutarischen Forderungen durchgesetzt, Der moralische und wirthschastliche Werth, den eine Zentralisation in sich birgt,.zeigte sich also in bestem Lichte. Nach der Generalversammlung, die 1873 in Offenbach abgehalten wurde und in welcher wichtige statutarische Bestimmungen getroffen wurden(z. B. eintretende Todesfälle betreffend) verließ Kollege Auer Berlin und Kollege S traßer, später Henk c und zuletzt Wirths wurden Vorsitzende Der Zeittralvercin wurde von Jahr zu Jahr größer, abermals tagte eine Gencralversanimlnug im Jahre 1875 in Dresden, in der beschlossen wurde, Unterstützungskassen im größeren Maßstab- zu errichten. Leider konnte diese Maßnahme nicht vollzogen werden, denn kurz vor Weihnachten erhielten die Kollegen A. Coenen, Vertrauens- mann der Mitgliedschaft Berlin, W. Henke, früherer Vorsitzender der Zentralisation und W. Wirths als letzter Vorsitzender des Zentral- Vereins eine Anklage wegen Ilcbertretniig des Vereinsgcsctzcs Der Prozeß zog sich ungemein in die Länge. Das erste Urtheil wurde Anfang 1876 gefällt und lautete auf Bestrafung der 3 An- geklagten und Schließung der Mitgliedschaft Berlin. Hiergegen legte die Staatsanwaltschaft Revision ei», ebenso wurde von den Angeklagten dagegen appcllirt. Das Kammcrgcricht sprach die Angeklagten frei und hob ebenso die Schließimg der Mitglied- schaft Berlin aus. Gegen dieses Erkenntniß legte die Staatsan- waltschaft die Nichtigkeitsbeschwerde ein, dieselbe wurde vom Ober- tribunal an das Ober-Appellationsgericht in Frankfurt a. O. ver- wiesen und von demselben wurde endlich das Urtheil bestätigt, daß die drei Angeklagten zu bestrafen und ans Schließung des Vereins im Geltungsbereiche des preußischen Lercinsgesetzes zu erkennen sei. Das geschah Ende April 1878. Der so blühende Verein wa- fast vernichtet, der Zentralsitz wurde nach Dresden verlegt. Es verblieben noch Dresden, Zwickau, Leipzig, Krimitschai,, Stuttgart. Karlsruhe, München. Allmählich jedoch löste sich der Gesammt- verein auf, das Jahr 1878 und die folgenden Jahre unter dem Ausnahmegesetze trugen ihr möglichstes dazu bei. Jedoch bereits zu Anfang der 80 er Jahre ging die Saat von neuem auf, die der deutsche Sattlervercin gesäct hatte. Es ent- stand wiederum in Berlin ein Lokalverein, der seine Thätigkeit all- mählich entfaltete. Der jetzt noch bestehende Verein, vorzüglich ge- lestet, hat bis jetzt alles mögliche geleistet zum Wohle seiner Mit- glieder. Auch er, resp. sein Vorstand war seiner Zeit in den großen Prozeß der gcsammten Vorstände der Berliner Gewcrk- schaftcn mit hineingezogen, er wurde aber freigesprochen. Die spätere, abseits vom Verein stehende Lohnkommission konnte nur in sehr beschränktem Maßstabe ihre Thätigkeit entfalten. Wenn auch die größten Mißstände am gewerblichem Gebiete vor- Händen waren, die, wenn nicht im Verein, so doch in den öffcni- lichen Versammlungen der Lohnkommission hätten ausgemerzt werden müssen, so waren alle Bemühungen doch sruchtlos: denn die Verbote der Versammlungen und die Strafandrohungen behufs Ein- rcichung von Mitgliederlisten und endlich die Erklärung der Lohn- kommission zu einer Versicherungsanstalt: alles dieses machte es derselben unmöglich, wirksam durchzugreifen, so daß dieselbe sich selber auflöste, da eine polizeiliche Anmeldung behufs Abhaltung einer Versammlung durchaus nicht genehmigt wurde. Es wurde im letzten Winter in den Militärwcrkstättcn, worin ja auch viele Jnnungsmcistcr mit einbegriffen waren, seitens der Gesellen noch einmal ein höherer Loh» verlangt, und wohl selten hatte ein Gewerbe günstigere Chancen, seine Forderungen durch- zuführen. Aber hier waren es besonders dieHausindnstricllen, welche den Streik unmöglich machten. Doch genug der Worte: so lange es Gesetze gicbt, welche dem Arbeiter nicht volle freie Bewegung— sei es durch Vereins-, Ver- sammlungs- und Redefreiheit— gestatten, um mit voller Kraft für das Wohl seiner Angehörigen in die Säiraiikcn zu treten, so lange hingegen dem Arbeitgeber Alles gestattet ist, so lange es der Polizci-Bchördc gestattet ist, Alles zu verbieten—, so lauge können auch die gewerblichen Fachvcreinc nicht so gedeihen, wie es die fortgeschrittenen und zielbewußten Arbeiter wünschen müssen. ** * Wir schließen hieran gleich noch folgenden Aufruf der „Deutschen Sattlerzeitung": Nach amtlichen Erhebungen sind in Teuffchland in der Satt- lerci und Riemerci über 54 000 Personen beschäftigt. Dieser großen uiiorganisirtcn Masse gegenüber bilden unsere wenigen Fach- vereine nur schwache Stützpunkte, kleinen Inseln gleich im großen wogenden Ozean! Wir also müssen streben nncntivegt und muchig, so schwer es uns auch unter den heutigen Verhältnissen gemacht wird, nach einer besseren, nach einer umfassenderen Organisation? Dies zur Erkenntniß der Kollegen zu bringen— welche wohl dumpf fühlen, daß es ihnen irgendwo fehlt, aber nicht wissen, wie diesem abzuhelfen ist— muß eine unserer Hailptthätigkeiten sein. Und je mehr Erfolg wir damit haben, um so leichter wird es uns gemacht, geistige Aufklärung zu verbreiten. Tie Organisation muß der Panzer sein, welchen wir uns an- legen, nicht nur umlegen, nicht nur um die Hiebe des Feindes ans- zufangc», sondern um unter seiner Deckung längsam und sicher vor- zubringen. Vereinigung ist die Signatur der Zeit. Bei den Geg- ncrn ist eS die Vereinigung, um aus dem Ertrage der allgemeinen Arbeit kleine Kreise zu bevorthcilen; bei den Arbeitern diejenige des Widerstandes, welche schließlich zur Solidarität führen wird. Wenn wir nur mit Ernst wollen, werden wir in unseren Reihen dieselben Kräfte, dieselbe Intelligenz finden, welche alle unsere Arbeitsbrüder bereits aufzuzeigen haben. Fort daher mit jeder Kleinigkeit, mit jeder Muthlosigkett! Sammelt Euch! Arbeittrvtrjichtrnüg, Gmerkjchttftlilhtg. Einer soeben veröffentlichten statistischen Zusammen- stellnng der Ergebnisse der Krankenversicherung im Königreich Sachseil mährend des Jahres tLi!7 eilt- nehmen wir, daß die Zahl der Versicherten von 457 794 am Schlüsse des Jahres 1W8G auf 59(j 158(-(- 5 pEl.) angewachsen ist, während sich die Zahl der Kassen um 55 verringert hat, eine Thalsache die ihre Erklärung nickt allein in der andauernden Bekämpfung der freien Hilfskassen, sondern auch in der Verschmelzung zahlreicher Bcruss-Ortskranken- lassen zu einer einzigen Kasse findet. Tic Zahl der Versicherlen beträgt übrigens nahezu 19 pCl. der Gesammtbevölkcrung, und zwar waren von den versicherten Personen 155 980 oder reichlich ein Viertheil weiblichen Geschlechts. Gemcindekrankcnkasscn wurden am Schlüsse des Jahres 1887 682(- 10 gegen 1886) mit 70 813 (+ 6351) Mitgliedern gezählt. Ortskrankenkassen gab es 250(— 6) mit 224 534 (+ 37 011) Mitgliedern. Betrieb s krankenkassen 765(4- 3) mit 155213 (4- 8095) Mitgliedern, Jnnun gs krankenkassen 45(4- 1) mit 6191(+ 567) Mitgliedern und freie Hilfskassen endlich 395(— 24) mit 139 402 (— 23 638) Mitgliedern. Während am Schlüsse des Jahres 1885 noch 52 pEt. aller Versicherten auf die freien Hilfskassen entfielen, ist diese Ziffer 1886 auf 47 pCl. und nunmehr sogar auf 37 pEt. herabgesunken, während die OttSkranken- lassen einen großen Aufschwung zu verzeichnen hatten. An Versicherungs- Beiträgen sind insgcsammt 6 277 440 M.(— 768 796 M. gegen 1886) und zwar durchschnittlich pro Kopf bei den Gemeindekrankenkassen „„ Ortskrankenkassen.. „„ Betriebskrankenkassen. „„ Jnnungskrankenkassen. „„ freien HilsSkassen.. im Durchschnitt aber 11,82 M. erhoben worden. Erkrankungsfälle kamen 206 949 vor, und zwar wurden für 2 934 269 Krankentage Unterstützungen ausgezahlt, so daß durchschnittlich auf je einen Versicherten 5 Krankcntage und ein Erkrankungssall auf nicht ganz 3 Versicherte entfällt. Nicht weniger als 285 Kassen, nämlich 115 Gemeinde-, 44 Orts-, 60 Betriebs-, 3 Jnnungskrankenkassen und 63 freie Hilfskassen schlössen allerdings ihre Jahrcsrechnung mit einem Defizit ab. 6,24 M. 13,72„ 11,97„ lieber das Geschäftsjahr 1887 der Glas-Berufs- genossenfchast schreibt der„Diamant":„Die Berufs- genossenschast zählte im Vorjahre 705 Betriebe mit 47671 Arbeitern gegen 688 Betriebe mit 41 685 Arbeitern im Jahre 1886. Die Einnahmen betragen 69 936,58 M., die Verwaltungskosten für die Sektionen und die Genossenschaft zusammen 20 978,41 M. An Vermal- tungskosten entfielen aus den Kopf der versicherten Person 38 Pf., auf je 1000 M. anrcchnungsfähige Löhne 60 Pf. Entschädigu»gen und Renten wurden im Betrage von 30 900,31 M. bezahlt. Man beachte die Höhe der Verwaltungskosten, die rund 66'/- pEt. der ausgezahlten Renten und Entschädigungen ausmachen! Ist das nickt ein eklatanter Beweis für die Kostspieligkeit und das Un- praktische der Berufsgcnossenschafts-Organisationen? Wie billig wirthschaften dagegen die von gewisser Seite bestge- haßten freien HilsSkassen, die Schöpfungen der Arbeiter, die von Arbeitern verwaltet werden! Thut nichts, der Jude wird verbrannt, d. h. es wird weiter heidenmäßig viel Geld für die Verwaltung ausgegeben." Da die Unternehmer über die Belastung durch die Unfallversicherung weiter jammern, so wollen wir einmal aus einem der allergesähr lichsten Berufe uns die Zahlen über die wirklichen Leistungen vorführen. Die Nordöstliche Baugcwerks- Berussgenossenschaft (beide Alt-Prcnßen, Pommern und Brandenburg, um- fassend) veröffentlichte kürzlich eine wenigstens oberflächliche Ucbcrsicht dieser Leistungen. Danach betrugen die Beiträge der Unternehmer im ersten Beiriebsjahre, das 15 Monate, nämlich drei aus dem Jahre 1885 und dann die 12 aus dem Jahre 1886 umfaßte, ein halbes Prozent der gezahlten Löhne. Dieser Beitrag war aber im Jahre 1887 ans ein und ein Zehntel Prozent gestiegen. Im Jahre 1885/86 wurden an Unfallcntschädigung und in den Reservefonds 209 672 M., im Jahre 1887 640 230 M. gezahlt. Dies erklärt sich leicht aus den dauernden Renten, die bis zu einem gewissen Zeilpimh die jährlich zu zahlende Entschädigung immer erhöhen müssen. Man meint, daß darin ein„Beharrnngszustand" m etwa 10 Jahren eintreten wird, weil dann ungefähr eben so viel dauernde Renten aufhören werden, als neue dazu kommen und schätzt den dann erforderlichen Beitrag der Unternehmer auf zwei Prozent des Arbeitslohnes. Die Schätzungen sind nicht weiter begründet, wir wollen sie aber ohne weitere Prüfung, zu welcher uns ja auch jedes Material fehlt, als richtig annehmen. Nun macht der Arbeitslohn etwa ein Viertel der Baukosten eines gewöhnlichen Gebäudes aus, die Bangeschäflsinhaber werden durch den Beitrag zur Unfallversichening also um etwa ein halbes Prozent ihrer Gesammtkosten belastet. Daß es ihnen ungemein leicht werden muß, diese sehr geringe Belastung ans das bauende Publikum und auf die Arbeiter abzu- wälzen, braucht keines Beweises. Das ist überall schon lange und mit bedeutendem Zinsaufschlag geschehen. Schon eine Verlängerung der Arbeitszeit von zwölf Minuten täglich durch verspätetes Abrufen durch den Polier reicht hin, um den Beitrag des Unternehmers den Arbeitern aufzuerlegen. Und deshalb das Geschrei gegen die Gerechtigkeit des Reichsvcrsicherungsqmtes! Deshalb dieses Geheule über die Belastung der Uiueruchmer durch die falschen„theoretischen und arbeiterfrcniidlichen" Entscheidungen des Reichsversicherungsamtes! DasUnternehmer- thum zeigt sich hier in seiner ganzen nackten Selbstsucht und Volksfeindlichkeit. Luckenwalde, 12. August. Seit einem Jahre hatten wir hier keine Versammlung mehr zn Stande gebracht, nachdem die letzte durch eine ganz ungerechtfertigte Auflösung tumulMarisch ge- endet hatte. Auch diesmal hatten wir große Schwicrigkciren, da verschiedene Säle, die bereits versprochen waren, uns wieder ent- zogen wurden durch den Einfluß der Polizei auf die Wirtbc. Trotzdem kam die Versammlung gestern zn stände und sie verlief, bei zahlreichem Besuch, äußerst würdig. Nach einem Referat des Redalicurs dieses Blattes über die Alters- und Invaliden- Versicherung gelangte folgende Resolution zur Annahme: In Erwägung. 1. daß selbst die beste Arbeitervcrsichernng die Nachthcilc nicht aufzuheben vermag, welche den Arbeiten! durch die Ver- nichtung des KoalitionsrechteS zugefügt wird, 2. daß die vorgeschlagene Alters- und Invalidenversicherung nach der Höhe der Renten und nach den Vorbedingungen ihrcS Bezugs selbst den bescheiden:en Wünschen nicht ent- spricht, 3. daß das QuittungSbuch nur eine neue Fonn des Arbcitö- buches darstellen würde, erklären die Versammelten, lieber aus die ganze Alters- und Invalidenversicherung verzichten, als sie mit dem QuittungSbuch annehmen zu wollen. Tie Versammlung war von nicht weniger als 16 Polizei- bcamtcn bewacht, darunter die gesammtc Nachlwächterschast Lücken- walde'S. Selbst nach dem Vahichof zogen die Bcamtcn mit. Vereine und Vemnuulnngen. Eine öffentliche Versammlung der Maler und ver- ivandien Bcrufsgcnossen Berlins tagte am 7. August im Restaurant „KönigShof", Bülowstr. 37. Auf der Tagesordnung stand:„Zweck und Ziele der Vereinigung der Maler ec. Teutschlands und Bc- rathung der Sraniten derselben." Herr Schweitzer schilderte zunächst die Eniwickclung der Gewerkschastsorganisation und deren Kämpfe und Stürme, wobei er auch die englischen Organisationen kurz erwähnte. Auch die Maler und Bcrufsgeuossen TeutichlaudS hätte» sich zu Schutz und Trutz vereinigt. Zweck der Organisation müsse es sein, in erster Linie die Konkurrenz der Arbeiter unter sich aufzuheben; daher erstrebe die Vereinigung die Regelung der Lohnvcrhältnisse und der Arbeitszeit.— Redner kommt dann ans- führlichcr aus den Streik, die Verbesserung des Lohnes. Verkürzung der Arbeitszeit und Beseitigung der Akkord-, llcbcrstuiidcl'- und Sonntagsarbeit zu sprechen. Ferner weist derselbe daraus hin. daß durch Erhöhung der Bedürfnisse und der Konsumtion des Volkes auch zu gleicher Zeit dessen»tulturzustand gehoben würde, und das beides zu erreichen die Fachvereinc eifrigst bestrebt wären durch Erziclung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen. Deshalb sei auch die Gründung eines Arbeitervereins für die Kultur von großer Wichtigkeit. Es hieße ein Volk mit Wissen und Willen in die Barbarei zurücktteiben, wollte man dem Arbeiter rächen, seine Bc- dürfnissc, seine Konsumnon cinzuschränkcii. Tie gesammle Wissen- Veraniwonlicher Redalteur: Max Schippel, Berlin.— Druck und Verlag: F. Posekel, Berlin gründen, ein Komitee zu wählen, welches die nöthigen Schritte zur Konmttiirung der Filiale thut und mit aller Kraft für das Gedechcn derselben eintritt." An der hieraus folgenden Diskussion bcthciligten sich die Herren Siedel, Barti, Reddin und Link. Zum ersten Vorsitzenden wurde Herr Zeiske, zum zweiten Herr Scheer und zum Schriftführer Herr Kosankc gewählt. Eine öffentliche Tchneiderversammlung, die zahlreich besucht war, tagte am 14. August unter dem Vorsitz des Herrn E. Zitzmann im Lonisenstädtischen Konzerthaus. Herr Täterow er- stattete ausführlich Bericht über die Thättgkeit und Beschlüsse des stattgeftindenen deutschen Schncidcrkongrcsses. Die Versammlung zollte dem Referenten nach seinem Vortrage allgemeinen Beifall und wählte eine Kommission von 7 Personen mit dem Auftrage, nach Anhörung des Referats des Rcisc-Unterstützungs-Verbandes der Schneider Deutschlands(von der Generalversammlung zu Weimar) eine spätere Versammlung zu veranstalte», um in derselben dann die Organisationssrage zu erledigen. Zum Schluß der Versamm- lung crwäliute der Vorsitzende, daß am Mittwoch, den 22. August, Abends 8 Uhr im Lonisenstädtischen Konzerthans, Alte Jakobnr. 37, eine öffentliche Schnciderversammlung stattfinden wird, in welcher Herr Max Schippel einen Vortrag über„Die Alters- und In- validenversorgung" halten würde und ersuchte alle Schneider Ber- lins, in derselben zn erscheinen. — Fachvcrein der Schlosser und Berufsgcnossen. Sonnabend, den 18. d. M., Abends 8'/- Uhr, Versammlung im Lokale des Herrn Heidrich, Beuthstr. 20 I. Tagesordnung: 1. Vortrag über Innungen und Fachvercine, Rcscrcnt Herr O. Thierbach. 2. Diskussion. 3. Ausnahme unter Mitglieder. 4. Berichterstattung der Kommission für den Arbeitsnachweis. 5. Verschiedenes — Freie Bc rcinigung dcr Lcrgoldcr nnd Fa chgcnossen Versammlung am Montag, den 20. Augusi, Abends 8'/: Uhr, im Saale des Herrn Schcffcr, Jnselstr. 10. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. Wille über„Der Prüfstein dcS Guten." 2. Bericht über den partiellen Streik. 3. Verschiedenes. Aufnahme neuer Mitglieder. Gäste willkommen. — Maler und verwandte Bcrufsgenosscn Deutsch- lands(Filiale Berlin West nnd Südwest.) Erste Versammlung, Dienstag, de» 21. d. M. Tagcsordnnng: 1. Vorstandswahl. 2. Rechte und Pflichten der Mitglieder. Referent Herr Schweitzer. 3. Verschiedenes. — Verband der Möbelpolirer Berlins nnd Um- gegcnd. Versammlung am Montag, den 20. d. M., Abends'/i9 Uhr, im Andreasgartcn, Andreasftr. 26. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Genehmigung einer Uitterstützung für die Familie eines schwer kranken Mitgliedes. 3, Abrechnung vom Sommernachtsball nnd Dampferpartie nnd Wahl von Revisoren zur Prüfung derselben. 4. Verschiedenes. Gäste sind willkommen. Ausgabe und Umtausch der Bibliothekbüchcr vor nnd»ach der Versammlung. — Fachvcrein der Buchbinder und verwandten Berufs gc n o ssen. Sonnabend, den 18. Augilst er., Abends 8'/- Uhr, im Louisenstädtischen Klubhaus, Annenstr. 16: Versammlung. Tagesordnung: 1 Vortrag des Herrn Th. Hickc, Lehrer der Nalur- hcilkundc, über.Magenkrankheiten. 2. Verschiedenes und Frage- kästen. Ausnahme neuerMitglicdcr. Gäste willkommen. — Fachvcrein der Metallarbeiter in Gas-, Wasser- und Damps-Armaturen. Sonnabend, den 18. d. M, Abends 8'/- Uhr, Mitgliederversammlung bei Heidrich, Beuthstr.. 22, I. Tagesordnung' 1. Vortrag des Herrn Dr. Wille über:„Prüfstein des Guten". 2. Jahresabrechnung. 3. Verschiedenes und Frage- kancn. Gäste durch Viikglieoer eingeführt haben Zutritt.'Reue Mitglieder werden aufgenommen. — Vereinigung der Drechsler Tcntschlands. Orts- Verwaltung Berlin 1.(Stockbranche.) Mitgliederversammlung am Ticiisrag, den 21. d. M., Abends 8 Uhr, in de»„Arminha ev", Kommaudantenjir. 20. Tagesordnung: 1. Geschäftliches. 2, Vortrag des Herrn Dr. Bernstein über Lungciikrankhciken. 3. Ver- schicdenes. Tie Ausgabe der Fackizeitung findet daselbst statt. Das Sommerfest findet am 13. d. M. in„Sanssouci" Kottbuscr- ftraßc 4a statt. — Verein zur Wahrung der Interessen der Kla- vierarbeitcr. Versammlung am Sonnabend, 18. August, Abends 8'/- Uhr, Koinmandailtcnstr. u— 79(Gratwcils Bierhallen). Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Schmclzpfennig über das Hand- ivcrk. 2. Aufnahme neuer Mitglieder. 3. Wcrkstattangclegcnhcitcn 4. Vcreinsangclegcnhciten, Verschiedenes und Fragckastcn. XII. Tie- jenigen Mitglieder, welche noch Billcls vom Soinmcrvcrgnügcn in Händen haben, werden ersucht, dieselben an den Kollegen Köppen zurückziigeben, andernfalls sie als verkauft betrachtet werden. Auch sind BilletS zu dem am 15. September stattfindenden Stiftungsfest in der Lereinsversammlung abzuheben. — Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter(E.H. 29, Hamburg). Filiale Berlin l. Sonn- abcnd, den 18. d. M.. Abends 8'/- Uhr, Lichterfclderstx. 8(Nestau- rant Winter.) Außerordentliche Mitgliederversammlung. Tages- Ordnung: 1. Kassenbericht. 2. Bericht des Herrn I. Schindler, Bevollmächtigter der Filiale„Berlin III", über die im Mai in Nürnberg ilattgcfuiidcne Gencralversammluiig. Innere Kaffenan- gelegenheit. Zu dieser höchst wichtigen und interessanten Versammlung ist es die heiligste Pflicht jedes Mitgliedes pünttlich zu er- scheinen. Tic Zahlstellen bleiben für diesen Abcnd geschlossen.— Beiträge werden in der Versammlung kassirt. — Allgem eine Kranken-und Sterbekasse der Metallarbeiter(E. H. 29, Hamburg). Filiale Berlin 5. Sonnabend. den is. d. M., Abends 9 Uhr. Versammlung, Lolhringernr. 81 bei Ackermann. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Verschiedenes. Tic neuen Statuten gelangen zur Ausgabe. — Allgemeine Kranken- und Stcrbckasse derMetall- arbeitcr(E. H. 29, Hamburg). Filiale Berlin 8. Sonn- abeiid, den 18. Auguss. Abends 8 Uhr, Badslr. 16 bei Hagen. Strsammlung der Mitglieder. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. Warn eines Revisors. 3. Innere Kassciiangelcgciihcitcn. — Verein der Modelltischler. Hcrrenpartte»ach Waid- mannslust, Sonntag, den 19. d. M. Tresftmnkt um 7 Uhr Morgens mir dem Stettiner Bahnhofe. Tie nächste Versammlung findet am Montag, den 27. d. M.. Abends Uhr, im„Vorstädtischeu Kaimo". Ackerstraße 144, statt. — Verband deutscher Zimmcrlente. Lokalverband Berlin Nord und Umgegend. Zommcn>achtsball am Sonnabend, den 18. August, imWeddingpark. Müllerstr. 178. Billcls, für Herren 50 Pf., für Damen 30 Pf., sind bei sämmilichcn Vorstandsmlt- gliedern und bei den Komitccniitglicdcrn A. Hinze, Demiilincrstr. 8, B- Meißner, Wicscnstr. 9, R. Wilcke, Hochstr. 32, A. H. Thamm. Echrbellinerstr. 34 H. p., zu haben. .— Fachvcrein der Former und v erw. Beruf sgc not icu. toerrcmPartic, Sonntag, den 19. August, nach Erkner. Tre�nnb nr.b Herren als Gäste willkommen. 8. 0., Oranienstrahc 23 t