Berliner � ♦ i ♦♦ Social-Polittschcs Wochenblatt. Juni Gediichtiiiß fti>i»mii ixssxlir s. Die Aufhebung des Sozialistengesetzes. II, — Der Dockarbeiterstreik in London.— Die Cntwickelung der deutschen Agrarverhältnisse. I, — Preußen und die Volksschule. II, Das belgische Wahlsystem. Beilage: Zum Gedächtniß Lassalle' s. An alle Arbeiter und Parteigenossen richten wir wiederholt die Aufforderung, unermüdlich neue Abonnenten für unser Blatt zu werben. Die nächsten Monate werden wesentlich eine Vorbereitungszeit für die nächsten Reichstagswahleu bilden, deren ungeheure Wichtigkeit jedem Parteiangehörigen sofort klar sein muß, nachdem die Legislaturperioden im Reiche auf fünf Jahre verlängert wurden. Da gilt es mit doppeltem Eifer zu wirken, und wir rechnen darum auch auf die regste Mitarbeit und Unterstützung der weitesten Kreise der Partei. Um unseren Genossen die Gewinnung neuer,- Abonnenten zu CTituiimi, werden wir«Exemplare gratis zur'Jy�ion versenden. Alle Freunde unsere« Blattes, die eine bestimmte Anzahl solcher GratiS-Exemplare wünschen, bitten wir um umgehende Benach- richtigung durch Postkarte. Die Vertheilung empfiehlt sich besonders in Vereinen und Versammlungen Der Verlag der„Berliner Bolks-Tribüne". Berlin M. O., Oranienstr. Ä3. Die Aufhebung des Sozialistengesetzes und die Aendernng des Strafgesetzbuches. Ii. gk. Nachdem Herr Dr. Ludwig Fuld dem§ 130 der kleinen aber genialen Aenderung hat angedeihen lassen, die jede Besprechung sozialer Zustände vom Standpunkte des Tadels derselben aus unmöglich macht, da auch der leidenschaftsloseste Tadel bestehender Zustände eine„Feind- seligkeit" des geschädigten Theiles gegen den schädigenden erwecken muß— nachdem also dadurch das erreicht ist, daß man die dritten Personen, die die Arbeiter zu Koa- litionen auffordern, bestrasen kann, wird demselben Para- graphen noch eine Verlängerung zu theil: „Mit gleicher Strafe(600 Mark Geldstrafe oder Ge- fängniß bis zu zpei Jahren) wird belegt, wer öffentlich in Aergerniß erregender Weife die Einrichtungen der Ehe, des Privateigen thumS und der Familie be- schimpft. Wird die Beschimpfung in einer öffentlichen Versammlung begangen, so tritt Gefängnißstrafe nicht unter drei Monaten ein." In„ärgernißerregender Weise!" Was erregt Aergerniß? So viel wir aus Erfahrung wissen, immer das, was ein Gegner sagt oder thut. Die Römer errichteten Giordano Bruno ein Denkmal, das erregt„Aergerniß" bei den gut päbstlichen Katholiken. Herr Lieber nennt Giordano Bruno ein„Schwein" und einen„Esel", das erregt„Aergerniß" bei den freigeistigen Männern, während es die päbstlichen loben. In Remscheid erregt das Auftreten des katholischen Bischofs„Aergerniß" bei den Evangelischen, das Austreten deS Pastors Thümmel„Aergerniß" bei den Katholiken. Wir können also wohl annehmen: alles was ein leidlich freisinniger Mann über Ehe, Eigenthum und Familie sagen wird, wird Aergerniß bei allen rückschritt- lichen Mumien erregen. Herr Fuld sagt freilich: „Gefährlich sind nur solche Schriften, welche eine höhnische, verletzende, agitatorische Sprache führen, und die werden durch die Strafvorschrist mit obigem Inhalt durchweg erfaßt und ge- Vossen." Run ist die Sprache, die Jemand führt, sein Styl, «ie Lessing sagt, eine- persönliche Eigenthümlichkeit, wie etwa die Form seiner Nase. Der eine schreibt witzig und anregend, der andere ledern und trocken. Was der erstere sagt, wird dem Gegner, und darauf kommt es ja an, leicht wie Hohn klingen und ihn verletzen, während es dem Freunde der Sache gerade um so angenehmer und er- hebender erscheint. Die Gegner jedoch sitzen über uns zu Gericht und da ist uns also mit dieser Auslegung des Begriffes„Aergernißerregen" wieder wenig geholfen. Es wird jeder bestraft oder nicht bestrast, je nachdem der er- kennende Richter mit ihm mehr oder minder in der poli- tischen und sozialen Anschauung übereinstimmt. Mit der Einführung solcher dehnbaren Begriffe in die Recht- sprechung verstärkt man die jetzt schon vorhandene Klassen- und Parteijustiz noch mehr und macht die Rechtsprechung noch mehr von der Privatanschauung des Richters ab- hängig. Herr Fuld giebt sogar selbst zu, daß durch diesen von ihm empfohlenen Zusatz zum§ 130 auch„wissenschaftliche Leistungen als strasymrdig" betrachtet werden ioiuien, daß also die wisse:.", gastliche Forschung eingeschränkt wird. Er meint aber, im Großen und Ganzen (sehr gut!) werde die Rechtsprechung hierbei ebenso das Richtige treffen wie bei§ 166 St.-G.-B(der über Gottes- lästerung handelt). Wir können diese schöne Ansicht schon darum nicht theilen, weil in sozialen Fragen die Gegen- sätze heute viel schärfer zugespitzt sind, als in religiösen. Wenn Herr Dr. Fuld weiter sagt, daß der Richter, um seinen§ 130 richtig anwenden zu können, sich mit der politischen Oekonomie eingehender werde ver- traut machen müssen, als es bisher der Fall war, wenn er also zugiebt, daß der heutige Richter von der Ehe, dem Eigenthum und der Familie keine richtigen Begriffe haben, so bat er wohl selbst die Ungeheuerlichkeit seines Gesetzesvorschlages am schärfsten gekennzeichnet. Die Grund- lagen der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung, als welche Herr Fuld Ehe, Familie und Anerkennung des Privateigenthums anzusehen beliebt, vermittelst dehnbarer, nur durch subjektive Auffassung auslegbarer Gesetzesbegriffe in den Schutz von Richter gestellt, die diese Grundlagen, diese„Rechtsgüter" nur sehr unvollkommen kennen, das ist mehr wie bedenklich. Wir glauben auch nicht, daß die Herren Richter sich gerade dew von Herrn Fuld„ver- befferten"§ 130 zu liebe mehr mit politischer Oekonomie beschäftigen werden als heule. Es geht also auch diese„Verbesierung" des ge- meinen Rechtes weil, sehr weit über das Sozialisten- gesetz hinaus, das die Kritik der bestehenden Zustände nicht zu hindern erklärt, sondern nur den Versuch der ge- waltsamen Beseitigung derselben dem Wortlaut nach verbiete In Wirklichkeit wird es freilich auch anders gehandhabt. Der Dockarbeiterstreik i» London. pfr. London, 27. August. Was ist der Werth der Arbeitskrast? Das Werthquantum, welches sich darstellt in der Summe von Gebrauchsgegenständen, die zur Erzeugung und Erhaltung der Arbeitskrast oder— da dieselbe mit ihrem Träger verwachsen— des Arbeiters nöthig ist. Daß aber der abstrakte Werth und der auf dem „Arbeitsmarkt" wirklich gezahlte Preis durchaus nicht zu- sammenzufallen brauchen, das haben soeben die Londoner Docksklaven und zwar ohne irgend welche gelehrte Vor- lesung über politische Oekonomie begriffen, und diese Er- kenntniß hat sie zur Auflehnung gegen ihre Ausnutzer geführt. 70 000 der in den Docks beschäftigten Arbeiter haben die Arbeit niedergelegt, und gedenken dieselbe nicht eher wieder auszunehmen, als bis ihre Forderungen be- willigt sind. So unerwartet wie der Streik ausbrach, so uner- wartet und grauenhaft waren die Thatsachen, die mit einem Male in das Licht der Oeffentlichkeit traten. Die ganzen Dockarbeiter Londons, und deren Zahl beläuft sich auf über 100 000, bilden ein stehendes Re- serveheer. In früher Morgenstunde finden sie sich an den Thoren der Docks ein; soviel als man gerade gebraucht, werden eingelassen und die Uebrigen, die„Ueberzähligen", bleiben mit hungrigem Magen außen und beneiden ihre glücklicheren Gefährten. Deren„Glück" besteht nun darin, 1—3, im besten Falle 4 Stunden beim Aus- und Einladen der Schiffe beschäftigt zu werden. Pro Stunde erhalten sie 4—5 Pente, für besonders schwierige und lebensgefährliche Thätigkeit 6 Pente*). Ist das Werk gethan, so können sie sich mit ihren Paar Pente in der Tasche trollen, es werden eben keine„bands" mehr gebraucht. Nachmittags wiederholt sich dasselbe Spiel von neuem. Das Geschäft des Dingens der Arbeiter überlassen die Dock-Gesellschaften, um nichts mit dem liability act(dem Haftpflichtsgesetz) zu thun zu haben, sogenannten con- tractors, bluts augerischen Zwischenausbeutern, von denen die Docksklaven notorisch die gemeinste BeHand- lung erfahren. Diese Zustände herrschen schon seit dem letzten Dock- streik im Jahre 1872, wo diese„Vergünstigungen" erlangt wurden. Jetzt nun verlangen die Streikenden unterschiedlos 6 Pente(50 Pfennig) pro Stünde und die Garantie einer mindestens vierstündigen Arbeit hintereinander,(!) resp. Lohn für vier Stunden; für jede Stunde Ueberzeit 8 Pente(65 Pfennige) und für Nachtarbeit pro Stunde 1 Shilling(1 Mach. Die Erfüllung dieser bescheidenen Forderungen ist ihnen von den Dock-Kompagnien verweigert worden, und so haben sie sich denn zum Streik entschlossen. Ihre Zahl wuchs in riesigen Sprüngen. Erst waren zirka 2500, dann 6000, dann 20 000, dann 50 000 und gegenwärtig sind es bereits über 70 000. Tausende von Werftarbeitern, beim Wagentransport it. Beschäftigten haben sich ihnen solidarisch angeschlossen. Verschiedene Deputationen unter Fühmng von Ben- jamin Tillet, dem Sekretär der Dockarbeiter-Union(Ge- werkschast) und John Burns sind regelmäßig resultatlos von den Dock-Geesllschaflen zurückgekehrt; nichts destoweniger sind die Streiker in siegessroher Stimmung und haben sich entschlossen, dem äußersten Mangel Trotz zu bieten. An jedem Tage werden von ihnen in den Morgen- stunden vor den Thoren der West-Jndia Docks Massen- Meetings abgehalten, nach deren Ende sie sich zu einer Pro- zession durch die City vereinigen. Mit Fahnen und Musik marschiren sie durch die menschengefüllten Straßen des Ostends, der City, um über London Bridge zu den Docks zurückzukehren. Ueberall werden sie mit Sympathie em- pfangen, in allen Straßen, durch die sie ziehen, füllen sich ihre Sammelbüchsen mit Geld. Diese Straßensamm- lungen haben mehrfach 80 Pfund(1600 Ml.) und mehr ergeben. Viele Unions haben beträchtliche Unter- stützungen geschickt. Private Zuwendungen laufen zahl- reich ein; so hat der Alderman(Stadtrath) Philps fast 6000 Ml. gesammelt. Viele Reverends(Prediger) haben Subskriptionslisten aufliegen, andere haben sich verpflichtet, jeden Tag hunderte von Dockarbeiterkindern mit Nahrung zu versehen. Auch die Bourgeoispreffe benimmt sich ver- hältnißmäßig anständig. Bis jetzt haben die standhaften Streikenden ihrem guten Muth, ja ihren Humor nicht verloren, trotz des knurrenden Magens und des mehrfach schlechten Wetters. Bis auf die Haut durchnäßt, haben sie den Meetings bei- gewohnt und Umzüge gehalten. Hin und wieder konnte man sie Stangen«ragen sehen, an denen eine magere Wurst und eine Brotkruste hingen mit der Aufschrift r *) 50 Pfennige. 1 Pennt) etwa 8 Pfennige. „ A docker's dinner"( das Mittagessen eines arbeiters). Dock-| stehen. Ferner war die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit hatten! Aber der„ antikollektivistische Schädel" des heutigen noch so unbedeutend, daß die Bauern auf gegenseitige Bauern, von dem der Erminister Schäffle so viel AufDie Polizei verhält sich ruhig, ja sympathisch.„ Was Unterstüßung angewiesen waren. Der Kommunismus der hebens macht, ist biegsam und schmiegsam, er kann in denkst du wohl von uns?" fragte bei einer Prozession ein Vergangenheit war durchaus nicht das Produkt großartiger, alle Formen gebracht werden. Noch zur Jugendzeit des gutmüthig aussehender Arbeiter einen an der Seite stehen- schwärmerischer Gefühle des Menschen für alles das, was patriotischen Dichters Arndt wurden mehrere Dörfer auf den Konstabler.„ Ich hoffe, Ihr werdet bald euren Benny Menschenantlig trägt", nein er war eine nüchterne, haus- der Insel Rügen fortgefegt, und die Einwohner derselben bekommen," antwortete der Gefragte. Allgemeiner Beifall backene wirthschaftliche Nothwendigkeit. mußten als arme heimathlose Leute" von dannen ziehen. lohnte ihn. Bei einem anderen Umzuge fanden sich unversehens zwei berittene Polizisten an der Spiße ein. Darüber erstaunt, schickten die Marschirenden eine Deputation zu ihnen mit dem guten Nath, sich wieder davon zu machen. In einer Seitengasse von Leadenhall Street waren sie denn auch mit einem Male spurlos verschwunden! " Die Lebensverhältnisse der Bauern hingen von einer" Ja es gab Edelleute, welche große Dörfer auf Spetusgewissen Gemeinsamkeit und Gleichmäßigkeit der Wirthschaft lation kauften, Wohnungen und Gärten schleiften, große und der wirthschaftlichen Arbeit ab. Ueberall trat dieser und prächtige Höfe bauten, und diese dann mit dem GeZug der Gemeinsamkeit, der Gleichmäßigkeit hervor. winne von 20-30 000 Thalern verkauften. Infolge Anfänglich theilten die Bauern möglichst gleichmäßig deffen brachen an mehreren Orten Bauernaufstände aus, den Boden auf, den sie aus dem Gemeineigenthum aus einige Mal fand man die Bächter wie Tiberius durch Freilich muß man in Betracht ziehen, daß Polizei geschieden hatten. Jeder vollberechtigte Bauer erhielt auf nächtliche Ueberfälle unter Kissen erstickt."*) und Militär diesen ungeheuren Menschenmassen gegen- dem guten, mittleren und schlechten Boden ein gleich In Pommern räumte der Adel gründlich mit den über machtlos sind. In dieser Erkenntniß hat sich denn großes Stück angewiesen. Daher hat sich noch bis auf Bauern auf. Nicht minder der dreißigjährige Krieg mit auch der jeßige Polizeipräsident Munro, der in Manchester unsere Zeit jene ungeheuerliche Zerstückelung des be- seinen Verwüstungen. So gingen denn seit 1628 zirka seinen Befähigungsnachweis im Znsammenknüppeln geliefert, wirthschafteten Bodens erhalten. Der Besitz der Bauern 12 000 Bauernhöfe ein.**) bis jetzt jeder feindseligen Maßregel enthalten, troß des lag an zahlreichen Orten verstreut. In der Altmark, dem Havelland, dem Barnim, der Mißmuthes der Dock- Aktionäre, welche sich darüber be- Erst unsere Zeit hat eine ganz neue Vertheilung des Zauche waren die Bauern im erblichen Besitz ihrer Güter. schweren, daß die aus Liverpool und Southampton kom- Grund und Bodens hervorgerufen, sie hat dem Bauer ein Es mangelte hier gänzlich an Nachrichten von Leibeigenen, menden Dockarbeiter nicht zur Arbeit gelassen werden. möglichst abgeschlossenes, einheitlich zu bewirthschaftendes wie uns Riedel in seiner Geschichte der Mark BrandenDiese sind nämlich von den Streikenden, mit Reisegeld Gebiet durch Zusammenlegen der zerstreuten Grundstücke burg um 1250" mittheilt. Im 16. Jahrhundert hatte versehen, wieder nach Hause zurückgeschickt worden. zu schaffen gesucht. Doch noch heute giebt es viele zer- fich hier der Adel, wie viele Landtagsabschiede beweisen, stückelte, buntscheckige Fluren. das Recht erworben, seine Bauern austaufen zu können. Wir können hier leider nicht das düstere Gemälde dem Leser vorführen, welches Professor Knapp in seiner Bauernbefreiung" an der Hand einer zeitgenössischen Schilderung entwirft. Um in Werften und Docks noch weiter fortarbeitende Kameraden zum Einstellen ihrer Thätigkeit zu bewegen, Die alte bäuerliche Wirthschaft produzirte faft alles, Mitte des 17. Jahrhunderts griff das Bauernlegen in der marschiren sie in großen Mengen vor das Thor der Hafen- was der Besizer derselben gebrauchte. In selbstgewebten Mark um sich:" Nun wurde nach der Mitte des 17. pläße, das natürlich von innen fofort geschlossen wird. und selbst zugeschnittenen und genähten Röcken ging die Jahrhunderts behauptet, daß Leibeigene aus den ihnen einAlsdann müssen die Musikbanden durch Blasen zum Streit Bauernfamilie meist einher. Die Bauern führten daher gethanen Höfen nach Willkür herausgeworfen auch nach auffordern. Hilft das nicht, so klettert ein Redner auf wenige Produkte ein und aus. dessen Belieben mit höheren anderen Diensten belastet desgl. das Thor, läßt nach außen die Beine herabhängen um Waren sie dienst- und abgabenpflichtig, so leisten sie dessen Straf- und Züchtigungsrecht unterworfen werden sich nicht des Hausfriedensbruches schuldig zu machen dem adligen Herrn die vorgeschriebenen Dienste und traten dürften."***) und hält von dieser eigenartigen Tribüne herab an die an ihn bestimmte Erzeugnisse ihrer Wirthschaft in natura In Schlesien namentlich Oberschlesien hatten sich Arbeitenden eine Ansprache. Ist auch dieses erfolglos, so ab. Dieser war zufrieden, wenn er mit seiner Umgebung wahrhaft grauenvolle Zustände durch die brutalen Einwenden sie ihr leẞtes Mittel an: die Musik muß den reichlich zu essen und zu trinken hatte. Seine Magen- griffe des Adels in das bäuerliche Besißthum entwickelt. Todtenmarsch spielen. Dem können gewöhnlich selbst die wände bildeten gewissermaßen die Grenzen der Ausbeutung Halb nackt lief der oberschlesische Leibeigene herum, halb Hartnäckigsten nicht widerstehen. Die Thore öffnen sich seiner hörigen und leibeigenen Arbeitskräfte. Dieser Magen thierisch waren alle seine Lebensgewohnheiten. Sie arbeiteund Tausende vereinigen sich mit den Kollegen, von diesen konnte sehr groß sein, jedoch er war nicht grenzenlos wie ten, wie sie selbst sagten, lieber zehn Jahre im mit hellem Jubel empfangen. der Magen des heutigen Weltmarktes. Er war schließlich Zuchthause als zwei Jahre unter der Herrschaft. Die stundenweit sich ausdehnenden Docks gleichen zu stopfen. Feudale Eßlust setzten der Produktion ganz jeßt einer Todtenstadt. Die Schiffskolosse liegen unbe- andere Schranken als kapitalistische Gewinnsucht. Die weglich da, halb oder gar nicht von ihrer Last befreit; Produktion ins Unermeßliche charakterisirt erst unsere andere wieder können nicht abfahren, weil sie ihre Ladung Wirthschaft. noch nicht haben. Ein seltenes Bild boten eine Anzahl Weßhalb sollte auch der Feudalherr über seine Be- In Ostpreußen, sank der Bauer nach den unglücklichen von Buchhaltern und Schreibern einer Gesellschaft, welche dürfnisse hinaus produziren lassen? Bei dem noch un- Kriegen des Drdens mit Polen immer tiefer und tiefer in in Gehröcken und Cylinderhüten eine nothwendige Pack entwickelten Waarenhandel konnte er die Erzeugnisse seiner die Bande der Knechtschaft. Vom 16. bis ins 18. Jahrarbeit verrichteten. Der ganze Handelsverkehr ist gelähmt, Hörigen gar nicht oder wenigstens sehr schwer in Geld hundert hinein konnte der Herr seine Leibeigene gleichwie die Eisenbahnen fahren mit leeren Wagen, die Thee- und verwandeln; er mußte sie aufzehren oder verderben lassen. Sklaven an andere Herrn veräußern ohne gleichzeitige UeberGetreidehändler fürchten bereits, daß ihnen ihre Vorräthe Erst die Produktion für den Markt gestaltete diese für den laffung von Grund und Boden."+) Der so rechtlos ausgehen werden. Bauer so günstigen Verhältnisse um. In den Städten gemachte leibeigene Bauer konnte natürlich willkürlich von Freilich leiden die Streiker auch empfindlichen Mangel entfalteten sich Handwerk, Waarenhandel und Verkehr. Haus und Hof verjagt werden. Hunderte von ihnen, welche jede Nacht für einige Pence Wohlleben und Lurus inüpften sich an diese Fortschritte In dem später von Preußen ,, moralisch eroberten" in den Lodging- houses*) im Eastend zubringen, sind bereits der Leistungsfähigkeit menschlicher Arbeit. Wollte der Adel Schleswig- Hestein wurde das Bauernlegen, das' Bauern auf's Pflaster gesezt und ziehen ziel- und obdachlos in an dieser Steigerung der Lebenshaltung theilnehmen, so austaufen so allgemein vom Adel geübt, daß es kaum der Dunkelheit umher. Die zusammenkommenden Mittel mußte er fleißig produziren lassen und die Produkte auf noch, wie Professor Hanssen unumwunden erklärt, der reichen trotz ihres Umfanges eben nicht aus, um alle zu den Markt bringen, um mit denselben die Erzeugnisse der speziellen Belege für den allgemeinen Entwickelungsa versorgen. städtischen Bevölkerung einzutauschen; denn fortnehmen prozeß bedarf, durch welchen die adeligen Güter entDennoch sind alle muthig bis zum Aeußersten ent- fonnte er sie dieser nicht mehr. Die Ergiebigkeit seiner standen und vergrößert worden sind."+ t) schlossen. Der bekannte Sozialist John Burns**) hat Wirthschaft konnte er aber nur durch Vermehrung der Durch einen gewaltsamen Expropriations= sich von vornherein an die Spiße der Bewegung gestellt Lasten und Dienste seiner Hörigen erhöhen. Je mehr prozeß sind also zum großen Theil die Ritterund reibt in ihrem Dienste fast alle seine Kräfte auf. An sich daher die Produktion für den Markt, die güter der jeßigen preußischen Monarchie gebildet einem Tage hat er bei 14 Meetings Ansprachen gehalten, neue Geldwirthschaft entwickelt, je mehr nehmen worden. mit den Direktoren Unterhandlungen geführt und Beiträge die Dienste, Abgaben und Leistungen des Bauern- Und zwar erschienen diesen modernen Rittern" ,, bie gesammelt. Wo er sich blicken läßt, wird er von den standes zu. irdischen Besitthümer" noch in einem so ,, begehrenswerthen Streifenden mit lautem Beifall begrüßt. Man möchte Das Wirthschaftsgebiet des Feudalherren war nun Lichte", daß die preußischen Könige mehrfach gegen dies fast sagen, er ist der populärste Mann in London. Un- häufig über größere Landstriche hin verstreut. Er mußte moderne wieder auflebende Raubritterthum einschreiten eigennüßig und unermüdlich ist er bis in die Nacht daher, um seine Wirthschaft nachhaltiger betreiben zu mußte. Friedrich II. erließ im Jahre 1749 ein strenges hinein thätig, und in den ersten Morgenstunden wieder können, abzurunden suchen. Aber da waren ihm die Verbot gegen das Bauernlegen. Doch diese Ritter gingen auf den Beinen. vielen kleinen Bauerwirthschaften, die sich auf diesem durchaus nicht so in die Wünsche des Thrones auf wie Am Sonntag fand eine Prozession von 80 000 Gebiet befanden, im Wege. Sie schränkten die unter ein- die heutigen Ritter des Militär- Wochenblattes. Schon Menschen durch die Stadt mit Fahnen und Musik nach heitlicher Leitung stehenden Großwirthschaften gewaltig ein. 1764 muffte Friedrich II. das Verbot des Bauernlegens dem Hyde- Park statt, wo ein Meeting von Arbeitern aller Sie mußten verschwinden. Daher suchte der Adel den verschärfen. Art abgehalten wurde. Eine Resolution wurde gefaßt, Bauer auszukaufen oder zu legen. bis zum Aeußersten zu kämpfen. Aber mit der Wirthschaft verschwand häufig zugleich In verschiedenen andern Arbeitszweigen sind ebenfalls der Bauer, d. h. die auszubeutende Arbeitskraft. Der umfangreiche Streits ausgebrochen, so daß heute bereits Ritter war daher gezwungen, ihn geseßlich an die Scholle die Gesammtzahl der Streifenden sich auf 100 000 beläuft. zn fesseln. Diesem Zwecke entsprach die Einführung der Das Gerücht geht um, alle Eisenbahnarbeiter wollten den Leibeigenschaft. Dienst einstellen, und hier und da munkelt man von Man sieht: ein Schritt zog den anderen nach sich. einem Generalstreik. Ueberall stehen die Sozialisten, namentlich Burns, Tom Mann, Champion u. a. im Vordergrunde der Bewegung. Die stehenden Reservearmeen der Industrie und Handelsverkehrs werden mehr und mehr zugleich die Reservearmeen des modernen Sozialismus. * * * Jezt sehen wir uns einmal die Geschichte jener gewaltigen Befizumwälzungen in Preußen selbst an. lebte der Bauer ruhig, sicher und froh seine Tage dahin. So lange die alte Naturalwirthschaft noch bestand, Eine ausgelassene Lebenslust, die so kräftig aus den alten Volksliedern herausschallt, ging damals noch durch das Die Entwickelung der Agrarverhältnisse in Bolt der Bauern. Nichts von jener erbärmlichen KnechtsDeutschland. Eine sozialpolitische Studie. I. Leider läßt sich nicht annähernd bestimmen, wie viele Bauernhöfe durch den Adel vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts gelegt worden sind. Ein anderes Schicksal als diesen Bauern, welche einer adlichen Herrschaft unterstellt waren, wurde den Bauern der königlichen Domänen zu theil. Ihre Besitzrechte waren durch die Bemühungen der Krone schon im 18. Jahrhundert bedeutend befestigt worden. Am Anfang unseres Jahrhunderts befanden sie sich im Besitz eines Paul Kampffmeyer. festen Erbrechts. Preußen und die Volksschule. II. Wir wiesen bereits auf den Mangel einer einheitlichen seligkeit, nichts von jenem greisenhaften Stumpffinn, nichts von jener schläfrigen Gleichgiltigkeit unserer heutigen Schulgefeßgebung in Preußen hin und knüpften daran die Bemerkung, daß dieser Mangel jedem Mißstand im preufleinen Bauern und Landarbeiter! Erft jene brutalen Eingriffe des Adels in die Bischen Volksschulwesen nicht nur Thür und Thor öffne, Freiheit und das Eigenthum des Bauern beugten dem- sondern diese direkt hervorrufe, die Ausbildung einer auch Die Grundlage der alten bäuerlichen Wirthschaft war selben den starren Nacken und raubten ihm den unab- nur geringen Anforderungen entsprechenden Volksschule das Gemeineigenthum. geradezu unmöglich mache. hängigen Sinn. Selbst nach Entstehung der Hörigkeit und Leibeigen- Auf der Insel Rügen hob noch im 16. Jahrhundert schaft blieb es die Stüße derselben. Bei der vorwiegenden der Bauernstand stolz sein Haupt empor. Er wollte, wie Viehzucht und dem noch unentwickelten Ackerbau der da- der damals lebende Historiker Kanzow schrieb, dem gemaligen Zeit konnten die bäuerlichen Einzelwirthschaften meinen Abel nichts nachgeben." Im Anfang des 19. Jahrnicht ohne gemeinsame Weiden, Wiesen, Wälder 2c. be- hunderts dagegen war er gänzlich zu Boden getreten, da Leben." war er halb versflavt. Es hatte den Junkern wahrhaft *) Wörtlich: Logirhäuser: Herbergen, Bennen. **) Er war auch als Delegirter auf dem Pariser Kongreß. viel Mühe gemacht, den kollektivistischen Bauernschädel" Er wurde von seiner Union zu den Possibilisten geschickt, weil deren mürbe zu machen, denn diese Bauern hatten wenigstens Einladung früher eingelaufen war. Er hätte sich persönlich lieber noch einen harten Schädel, bevor die schweren Sorgen den Marristen angeschlossen, wie er öffentlich, auch auf dem Marristentongreß selber, erklärt hat. Er ist jetzt auch für Battersea um die Eristenz und die ständige Furcht vor Gerichtsals Kandidat für die nächsten Parlamentswahlen aufgestellt. vollziehern und Steuerbeamten denselben halb zermalmt Wen kann es Wunder nehmen, wenn der Herr Gutsbefißer und Schulpatron die Kinder seiner Tagelöhner der Schule nach Belieben entzieht und sie auf seinen Feldern *) Siehe E. M. Arndt:„ Erinnerungen aus dem äußeren **) Archiv der politischen Oekonomie von Nau. IV. Hanffen. ***) Lette und Rönne Landeskulturgesetzgebung des preuß. Staates I. XVII. Leibeigenschaft in Ostpreußen. +) Zeitschrift der Savigny- Stiftung IX. W. v. Brünneck. tt) 3. Hanssen: Aufhebung der Leibeigenschaft 2c. in SchleswigHolstein 1861. " arbeiten läßt? Er thut ja damit nichts Ungefeßliches, im| Volksschule sehr erschweren, der erstrebten einheitlichen Bil-| Staates, die Pflicht des Militärdienstes ausschließlich Gegentheil, er nimmt nur die„ gebotene Rücksicht auf die dung und Erziehung des preußischen Volkes Abbruch thun. zugewälzt. besonderen örtlichen Verhältnisse", wie es in der Ver- Aber um so dringender wäre der Erlaß eines neuen Volks Die altliberale Partei Belgiens fuchte wenigstens bis ordnung des Unterrichtsministers ausdrücklich ausgesprochen schulgesetes. zu einem gewissen Grade diesem schmachvollen Zustande ist. Gewiß, der Gefahr, daß die Kinder zu viel lernen Da haben wir nicht nur wirthschaftlich sehr zurück ein Ende zu machen. Sie hat das Wahlrecht zu erweitern und dadurch um so sicherer der„ vaterlandsfeindlichen" gebliebene Gegenden, wie z. B. in Schlesien und Posen, gesucht, indem sie durch das Gesetz von 1883 wenigstens Sozialdemokratie in die Arme fallen, muß schon hier vor- beren blutarme Bevölkerung nicht die Mittel für irgend für die Provinzial- und Gemeindewahlen das Kapagebeugt werden. Das ist patriotische Pflicht, sittliches Ge- welchen Unterricht aufzubringen vermag und wo die Kinder zitäts- Wahlrecht einführte. Es wurden nämlich außer bot, wie schwer es dem Schulpatron immer werden mag gezwungen sind, ihren Unterhalt durch Arbeiten in der denen, die den vorgeschriebenen Zensus bezahlen, noch dieden bei der Erfüllung solcher Pflichten" herausschauenden Hausindustrie zu beschaffen, also keine Zeit für den un- jenigen wahlberechtigt, die im Befiße eines bestimmten Profit in die Tasche zu stecken. produktiven, überflüssigen" Schulunterricht haben, sondern Bildungsgrades fich befinden, den sie entweder durch ihre Es wäre hier der Ort, von dem halben Scherz in den wir haben auch Gegenden, in denen die schulpflichtigen Beamteneigenschaft, durch Befiß eines Diploms, durch ganzen, bitteren Ernst überzugehen, wenn man bedenkt, Kinder nicht einmal deutsch verstehen. In Ost- und stattgehabten Schulbesuch oder durch Prüfung im Lesen welch' ungeheuerer Schaden der deutschen Arbeiterbevölke- Westpreußen, Posen und Oberschlesien finden wir polnisch und Schreiben nachzuweisen haben. Eine Ausdehnung der rung durch die Abhängigkeit der Volksschule von den In- redende Kinder, in der Lausitz eine wendisch redende, in Reform auf das Kammerwahlrecht wurde verhindert. teressen der Junker zugefügt wird. Von der Größe und Ostpreußen eine lithauisch redende Schuljugend. Böh- Die gegenwärtige klerikale Regierung, die seit 1884 Furchtbarkeit dieses Schadens macht man sich gewöhnlich misch und mährisch redende Zungen haben wir in Schlesien, am Ruder ist, bringt nun ihrerseits eine Erweiterung des feinen Begriff, ebensowenig wie von der„ Wurstigkeit", mit der dänisch und friesisch sprechende im Schleswig- Holstein'schen, Wahlrechts zur Deputirtenkammer keineswegs in Vorschlag. die Herren Gutsbesißer sich über die Schranken hinwegseßen, wallonisch und holländisch redende in den rheinischen Ihr Geseßentwurf bezieht sich nur auf die Provinzialdie jenen Volksfreunden wenigstens ein Rest von An- Schulen. und Gemeindewahlen. Er erniedrigt den Zensus für standsgefühl seßen sollte. Und die Anzahl dieser, eine andere als die deutsche die Provinzialwahlen von 20 auf 12 und für die GeSprache redenden Kinder stelle man sich nicht als verschwin meindewahlen von 10 auf 8 Franken, aber diese Erniedridend klein vor; fie beträgt nicht weniger als ca. 410000, gung soll verbunden sein mit einer erheblichen Beschränkung das ist ungefähr 10 Prozent der gesammten schulpflichtigen des seit 1883 geltenden Kapazitätswahlrechts. Jugend in Preußen! Die Herabseßung des Zensus wird in den Motiven wie folgt begründet: ,, Die Regierung ist der Ansicht, daß es weise ist, in ge= rechtem Maßstabe der Vergrößerung des Wohlstandes und des Fortschritts der Bildung in den arbeitenden Klassen, aus denen die neuen Wähler sich hauptsächlich rekrutiren werden, Rechnung zu tragen." Noch vor kurzer Zeit brachte die„ Preußische Schulzeitung" einen Bericht aus der Provinz Sachsen, aus dem hervorgeht, in welch entseßlicher Weise die armen Schulkinder durch die patriotische Profitwuth der Gutsbesizer ausgenußt und physisch verdorben werden, gar nicht zu Wie angesichts solcher Verhältnisse die preußische Rereden von dem Schaden, der ihnen durch den Mangel und gierung mit der bestehenden zerfahrenen Schulgesetzgebung die Unterbrechung des Unterrichts in geistiger wie fittlicher feine große nationale Mission", allen seinen Unterthanen Beziehung zugefügt wird. ,, die reichen Bildungsquellen der deutschen Kultur zu erIn dem Bericht wird mitgetheilt, daß im Reg.- Bez. schließen" erfüllen will, bleibt für den gemeinen UnterMerseburg das Ausziehen der dort massenhaft angebauten thanenverstand eben unerfindlich. Zuckerrüben lediglich von Kindern besorgt wird, und daß Bei dieser Gelegenheit hat nun aber der gemeine Un- schränkung, indem von den Kategorieen des Gesetzes von die königliche Regierung in Merseburg zu diesem Zwecke terthanenverstand die seltene Genugthuung erlebt, daß ein 1883 nur zwei bestehen bleiben: das Diplom und die sogenannte Rübenferien" giebt. Schimmer seines kleinen Lichtes an eine„ maßgebende Stelle" Prüfung. Es soll aber künftig nicht blos das Lehrdiplom " Das Kapazitätswahlrecht erleidet daneben eine BeDiese Rübenferien nun, sagt der Bericht, sind für die gedrungen ist. Da lesen wir in der Druckschrift*) über der Staatsschule, sondern auch das Lehrdiplom der freien, Schule eine wahre Plage. Wenn die Kinder tage und den Zustand der preußischen Volksschule im Jahre 1882, b. h. der flerifalen Schulen wahlberechtigt machen. Hierwochenlang, je nach der Größe der Ortsrübenfelder, in faſt welche im Auftrage des Unterrichtsministeriums abgefaßt durch würde eine direkte Erweiterung des Einflusses fansculottenhafter Kleidung wobei Zucht und Schamhaftigkeit in dem massenhaften Zusammensein wurde:„ Daß eine solche Mannigfaltigkeit der Gesetzgebung der Geistlichkeit erreicht, während die Einschränkungen beider Geschlechter in die Brüche gehen mit dem die einheitliche Regelung des Volksschulwesens hindern muß, des Kapazitätswahlrechtes indirekt denselben Erfolg haben Gesichte der Erde nahe auf dem Acker herumgekrochen sind ergiebt schon die Erwägung des Umstandes, daß die in dürften. und dann wieder in die Schule kommen, so find sie so ab= Betracht kommenden Gesetze zu sehr verschiedenen Zeiten gemattet, so dumpf und stumpfsinnig und geistesausnimmt. " Diese ganze Wahlreform ist danach ein großer ich wach, daß alle geistige Anregung und Aufrüttelung durch entstanden, also sehr verschiedene Lebensverhältnisse zur Humbug, der als solcher sich auch ganz offen verräth in den Unterricht anfangs vergeblich ist. Das Gesicht ist auf Voraussetzung haben, die heute gar nicht mehr bestehen." der geradezu lächerlichen Vergünstigung", wonach auch gedunsen, der Blick stier, die Haut von der Sonnenhise auf- Im weiteren sieht sich dann die Denkschrift zu dem sonder diejenigen Arbeiter wahlberechtigt sein sollen, welche auf geplaßt, die Hände sind von dem langen Krabbeln in der Erde aufgeborsten und der Schmuz hat sich in Wunden und baren Geſtändniß veranlaßt die Schulen find da am besten Grund des neuen sozialpolitischen Gesezes Eigenthümer Boren so fest eingefressen, daß ein wiederholtes Waschen mit versorgt, wo deren Unterhaltung den bürgerlichen Gemein eines Hauses werden" eine Bestimmung, welche den der schärfsten Seife die Hände noch nicht gleich weiß macht. den obliegt", gewiß ein Geständniß, daß sich zu der oft Zweck verfolgt, den Arbeiter zum Erwerb einer solchen Infolge des fortwährenden thierischen Kriechens auf allen gerühmten schöpferischen Thätigkeit der preußischen Re- Eigenthümerschaft anzuspornen."(!) Bieren ist die Rückenwirbelsäule zu einer geraden und straffen Haltung beim Sigen und Stehen schwer zu bewegen." gierung auf dem Gebiete des Volksunterrichts" eigentümlich Das nennt sich heute noch Reform, nachdem in Reichen die Kinder im Drt nicht aus, so stellen die anderen Staaten und Reichen das allgemeine Wahlrecht Doch sehen wir uns jetzt einmal den Stand der preu: schon jahrelang besteht. Gutsbesizer Agenten an, welche auf den Kinderfang in die benachbarten Orte gehen und denen sie außer dem Bischen Volksschule an der Hand der statistischen Angaben Tagelohn 5-10 Pf. für jedes eingefangene Kind zahlen. an, die sich in unserem amtlichen Quellenwerte vorfinden. Dieser Fang wird mit allen Mitteln der Lockung und des Schon auf unsere erste Frage: wie viel Volksschulen Politisches und Sozialpolitisches. Betruges betrieben. Den Kindern wird Limonade, Kuchen giebt es im preußischen Staate?" erhalten wir eine überaus betrübende Antwort. und Bier versprochen; dann werden sie auf Wagen ge Zwei große anarchistische Versammlungen sollen laden, mit einer Musikbande voran in das betreffende Dorf hatten, besaßen die 53 497 ländlichen Kommunen nur finden. Um die„ Souverenität des Individuums" nicht Während die 1287 Stadtgemeinden 3339 Volksschulen an den beiden ersten Septemberſonntagen in Paris stattentführt. Der tägliche Verdienst eines Kindes beträgt 50-80 Pfennig; dafür haben die Kinder eine unmensch- 29 701 Schulen. Daraus folgt, daß nicht weniger als zu beschränken, wird nach dem etwas anarchistisch gefärbten 50-80 Pfennig; dafür haben die Kinder eine unmensch 23 796 Ortschaften in Preußen keine Schule haben und Londoner Commonweal" keine Tagesordnung feſtgeſetzt lich lange Arbeitszeit; das Tagewerf dauert von 5 Uhr werden, jeder Redner berührt die Fragen, die ihm belieben. früh bis Abends gegen 9 Uhr. Sogar an Feiertagen das ist fast die Hälfte sämmtlicher Ortschaften! wird gearbeitet! Daß bei einem solchen, fast unglaublichen Mangel an Auch der„ Diebstahl im Interesse der Propaganda" soll Wenn die Kinder aus fremden Ortschaften berbei- Schulen, auch der obligatorische Schulbesuch zur Farce erörtert werden. gezogen und angelockt sind, so wird es 11 Uhr Nachts, den Schein zu wahren als sei dieser vorhanden, so verwerden muß, bedarf keines Nachweises. Um aber doch ehe sie wieder nach Hause fommen stande tann man sich leicht ausmalen. einigt man mehrere Kommunen zu einem Schulbezirk. In Und die geschilderten Zustände stehen durchaus nicht einer der vereinigten Ortschaften befindet sich die Schule, zu vereinzelt da, fie sind vielmehr Regel, und wenn es auch der die Kinder oft viele Kilometer weit pilgern müssen. Nur 7011 Ortschaften bilden je einen Schulbezirk, überall keine Rübenferien" giebt, so giebt es doch überall Jäteferien", die den ersteren in feiner Weise nachstehen. haben also eine eigene Schule. Von 8150 Kommunen sind je 2, von 6705 je 3 zu " Ferien!", welch ein Hohn auf diese Zeit der gewissenlofesten Ausbeutung und Abrackerung unserer jugendlichen einem Schulbezirk vereinigt, und das geht so fort bis zu Landbevölkerung, auf diese Zeit der schrecklichsten Verwahr- den 5580 Drischaften, von denen je 10 zu einem SchulLosung an Leib und Seele. Anstatt, daß der Schüler wirk bezirk verschmolzen find! lich von der Schularbeit ausruht und neue Kräfte ſammelt, muß er in gebückter Stellung den ganzen Tag in der Sonnenglut arbeiten und jeden Versuch sich aufzurichten, vereitelt der Weidebaas", eine Art Vogt, durch einen oft nicht sehr sanften Rippenstoß. in welchem ZuHans Müller. Aenderung des Wahlsystems in Belgien. Wähler ist heute in Belgien nur, wer ein gewisses Provinz 20, für die Gemeinde 10 Franken. Quantum Steuern bezahlt: für die Kammern 42, für die Eine Landesversammlung der bayerischen Sozialdemokraten soll am 8. September in Nürnberg, Café Merk, Prechtlsgasse, stattfinden. Die Tagesordnung lautet: 1. Die Thätigkeit des gegenwärtigen Reichstags. Referent: Carl Grillenberger. 2. Die Aufgaben der Arbeitervertreter im fünftigen Reichstag. Referent: G. von Vollmar. 3. Aufstellung der Reichstags- Kandidaturen für die nächste Reichstagswahl. 4. Die Stellung der bayerischen Sozialdemokraten zu den bayrischen Landtagswahlen. 5. Anträge aus der Versammlung. Den Bemühungen der Illinois Women's Alliance" ( des Frauenbundes von Illinois") ist es gelungen, den Chicago cr Stadtrath zu veranlassen, durch städtische Verordnung den Sanitäts- Kommissar zur Ernennung fünf weiblicher Fabrik- und Tenementhaus-( Mieths- Kafernen) Inspektoren zu ermächtigen. Es ist nun klar, daß eine wirkliche und einheitliche Schulgesetzgebung diesen skandalösen Zuständen ein für alle Mal ein Ziel seßen würde, aber dafür war die preußische wahlberechtigt. Das ergiebt 2,2 pCt. der Bevölkerung. Für die Kammer sind etwa 130 000 Bürger aktiv Regierung bis heute noch nicht zu haben. Ja, sogar wenn Schulbildung in Belgien. Das fürzlich ansgegebene amtIn Defterreich mit vier Kategorien Wählern: Großliche Jahrbuch Belgiens für das Jahr 1888 giebt recht unerfreu im preußischen Landtag Anträge auf Abschaffung von fol- grundbesitz, Handelskammern, Städte und Land, sind im liche Aufschlüsse über die Bildung des belgischen Volkes. Danach chen und ähnlichen Uebelſtänden auf dem Gebiete des Volks: Ganzen 7,3 pGt. wahlberechtigt; Italien hat seinem Zensus fönnen mur 60,23 pt. der männlichen und 55,28 pt. der weibschulwesens gestellt wurden, glaubte die preußische Regie: von 20 Lire noch das Kapazitätswahlrecht beigefügt und lichen Bevölkerung leſen und schreiben. Bedenkt man, daß in rung ihrer staatsfürsorglichen Pflicht vollauf zu genügen, hat 9,7 pct. Wahlberechtigte; England hat nach der jedem Familienvater überlassen bleibt, ob er seine Kinder etwas Belgien der obligatorische Schulunterricht nicht eingeführt ist und es wenn sie erklärte, fie fönne sich nicht dazu entschließen, legten Wahlreform immer noch einen Vermögenszenfus, lernen lassen will, so wird es begreiflich, warum die geiftige Bildie Lösung der ſpeziellen Frage durch ein besonderes Gefeß aber er ist gering, so daß die Zahl der Wahlberechtigten dung in dem klerikal regierten Lande auf einer so niedrigen Stufe steht. schon 17,8 pCt. beträgt. Wir wissen nun zwar sehr gut, daß die Regierung ihre„ guten Gründe" hat, wenn sie eine ablehnende al die Zahl noch höher; in Deutschland sind 21, in der In den Ländern des allgemeinen Stimmrechts steigt tung gegenüber den Bestrebungen einnimmt, welche auf die Schweiz 23,4, in Frankreich, wo das Stimmrecht mit find, und daß der Mann, der am Steuerruder dieser Ge- wahlberechtigt; die letztere Zahl dürfte der höchste ProzentSchaffung einer einheitlichen Volksschulgesetzgebung gerichtet dem 21. Jahre beginnt, sogar 27 pCt. der Bevölkerung setzgebung sißt, den Kurs dahin richtet, wohin das Interesse faß sein, der überhaupt erreicht wird. des herrschenden Systems es für wünschenswerth erachtet. zu versuchen". Db aber die eingeschlagene Richtung auch den Intereſſen " Der Kreuzzeitung" wird also nicht wegen Majestätsbeleidigung der Prozeß gemacht, die Beschlagnahme der Nr. 32 iſt bereits wieder aufgehoben. Die Arbeiterinnenbewegung kommt in Deutschland immer mehr in Fluß. Am Montag sprach in einer großen Arbeiterinnenschäftsräumen der„ Fränk. Tagespoſt" in Nürnberg. versammlung in Hannover Frl. Jagert- Berlin. Gehaussucht wurde am Sonnabend Abend in den GeEin neues Arbeiterblatt erscheint für Thüringen vom Um die staatliche Bevorzugung der besigenden und wird zweimal wöchentlich ausgegeben.-" Glück auf! 1. September an. Daffelbe führt den Titel„ Thüringer Tribüne" des Volkes entspricht, ist eine andere Frage. Klasse noch recht handgreiflich zu machen, wird in Belgien Der Prozeß Baumgart u. Gen. findet am 21. Sept. durch das System der militärischen Stellvertretung und Vormittags 11/2 Uhr vor der zweiten Berliner Strafkammer, Daß eine gewiffe gleichmäßige Volksbildung im Inter- des Loskaufs gerade derjenigen Klasse, welche von Landgericht II statt. effe des Volkes selbst liegt, wird wohl ohne weiteres zu der aktiven Theilnahme an Ausübung politischer aialiſtengelebes iſt die in Dortmund erscheinende Westfälische Sozialistengefeßliches. Auf Grund des§ 12 des Sogegeben werden. Rechte ausgeschlossen ist, die schwerste Last des Arbeiterzeitung" auf Grund des§ 1 deffelben Gesetzes der in Es soll nicht geläugnet werden, daß die innerhalb der Dresden bestehende Verein: Arbeiter- Wahlverein für Dresdenpreußischen Monarchie bestehenden wirthschaftlichen und*) Die öffentlichen Volksschulen im preußischen Staate. Ber- Altstadt verboten worden. Der Fachverein der Töpfer in nationalen Verschiedenheiten das Gedeihen einer guten lin 1883. Verlag des königlich statist. Bureaus. Leipzig ist polizeilich aufgelöst worden. " Hamburg. 27. Aug. Die hiesige Polizei will wissen, getheilt und in jedem Bezirk eine Zahlstelle errichtet. Die Bezirks-| verwaltung Berlin 3. Montag, den 2. September, bei Gnadt, daß am Sonntag den 25. August in der Umgegend nach Borstel- lokale find folgende: Birkenstr 24 bei Fink Invaliden- und Brunnenstr. 38. Versammlung. Fahlsbüttel zu Sozialdemokraten versammelt gewesen sein sollen. Ackerstraßen- Ecke bei Schayer- Kolbergerstraße bei Runge, Bormittags 10 Uhr, Rosenthalerstr. 38. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 1. September, Es fanden infolge dessen bei meheren Arbeitern Haussuchungen Vortrag des Herrn statt. Bei dem Vorfizenden des Eimsbütteler Fortbildungsvereines Schuhmacherkeller Neustädtische Kirchstraße 11 bei Becker Dr. Völkel über:" Sünde und Sühne." Gäste sehr willkommen. sowie in dem Lokal des Vereins wurde auch gehaussucht, aber, so- Neue Schönhauserstr. 2, Destillation Anklamerstraße 49 bei viel bis heute bekannt, überall resultatlos. Nürnberg Stralauerstr. 22 Kaiserstr. 4, Hofmann Weinstraße 22 bei Haugt Grüner Weg 81, Hof part. bei Grünberg Bülowstr. 42 bei Maier Wichmannstr. 15 bei Krieg ZimmerWilhelmstr. 94-96 bei Wammick- Alte Leipzigerstr. 1 straße 22 bei Krüger Kottbuserdamm 6 bei Wille, Schuhmacher Oranienstr. 197 bei Papke Dresdenerstr. 116 bei Wendt Seydelstr. 16 bei Seidel- jeden Dienstag von 9 Uhr ab. In Chemnitz ist nun auch Liebnecht, dem Landtagstandidaten, das Reden verboten. Wegen Veranstaltung einer nicht genehmigten öffentlichen Kollekte standen am Montag die Metallarbeiter Fahrenwald, Reinike, Wendler, sowie der Redakteur Schippel vor dem Moabiter Schöffengericht. Die Verhandlung endete mit vollständiger Freisprechung aller Angeklagten. Für den Wahlkreis Burg- Genthin( Jerichow I und II) ist am Sonntag Herr Tischler Glocke Berlin als Kandidat für die nächsten Reichstagswahlen proklamiert worden. Berliner Reichstagskandidaturen. Herr Mar Schippel hat die Kandidatur für den 2. Berliner Reichstagswahlkreis niedergelegt.suom +881 Gewerkschaftliches, Veriammlungen. Zimmerlente Berlins und der Umgegend. Wir geben bekannt, daß Marken, sowie Karten von heute ab, auf folgenden Stellen entgegengenommen werden können: C. Stehr, Wilsnackerstr. 26, H. r. S. 4 Tr. M. Leonhardt, Antonstr. 34, H. 4 Tr. Chr. Hilgenfeld, Bergstr. 60. H. Knüpfer, Greifswalderstr. 29, b. 3 Tr. H. Jäckel, Blumenstr. 19. G. Elsholz, Breslauerstr. 5a, H. 2 Tr. J. Schmidt, Lausigerstr. 3. Fr. Schreiber, Gneisenaustr. 82. Wilh. Zipke, Eisenbahnstr. 37, v. 4 Tr. Otto Loß, Schillstr. 14. Jul. Raumann, Steinmeßstr. 28. Friz Schäfer, Liebenwalderstr. 48. Eine zahlreiche Betheiligung an der freiwilligen Sammlung erwarten die Beauftragten. Der Berliner Kistenmacherstreik dauert fort. Etwaige Sendungen an H. Friese, Sorauerstr. 7 oder Dresdener: straße 116( Restaurant Gründel). Der Braunschweiger Tischlerstreik dauert fort. Zuzug ist fernzuhalten. an Sendungen Weihkopf, Weberstr. 10, Tischlerherberge. Der Arbeiterbildungsverein ,, Berlin Nord" veranstaltet am Sonntag, den 1. September einen gemeinsamen Frühschoppen, an welchen sich nachher eine gemüthliche Herrenparthie anschließen wird. Um das Erscheinen sämmtlicher Mitglieder wird ersucht. Freunde und Bekannte willkommen. Treffpunkt: Morgens 7 Uhr in Gottschall's Salon, Badstraße 22. Große Schneiderversammlung der Freien Vereinigung der Schneider Berlins. Dienstag, den 3. September cr., Abends Uhr in Jordan's Salon, Neue Grünstraße 28. Große öffentliche Schuhmacherversammlung am Montag, den 2. September in Scheffers's Salon, Inselstraße 19. Oeffentliche Versammlung der Schloffer und Maschinenbauer am Dienstag, den 3. September, Abends 82 Uhr bei Renz, Naunynstraße 27. -Sozialdemokratischer Leseflub Lessing". Jeden Montag Abend 9 Uhr im Restaurant Leonhardt, Wallstraße 20, Vorlesung und Diskussion. Morgen, Sonntag, 7 Uhr früh, Landparthie, Treffpunkt Schlesischer Bahnhof. An die Schuhmacher Berlins! Kollegen! Die von euch gewählte Lohnkommission hat Quittungskarten und Marken anfertigen lassen, die von euch gekauft werden sollen, um den er- 8 forderlichen Fonds anzusammeln. Auch hat sie Berlin in Bezirke GENERAL FONDS 50 NER MAURER Quittungsmarken für Krankenkassen, Vereine etc. $ 1.0 1 M. BERLINS 4dfertigt an die Buchdruckerei von Maurer, Werner& Co. Berlin S., Sebastianstr. 72. Töpferstein zu haben bei Jacob& Wiese. 137. Müllerstr. 137. Ehrenerklärung. Sting09 250 Freie Vereinigung der Zuschneider, Stepper und Vorrichter Berlins. Sonnabend, den 31. August, Abends Uhr, Alte Jakobstr. 83: Fach- Vortrag. -Vereinigung der Drechsler Deutschlands. OrtsBeilagen dieser Nummer ( Zum Andenken Lassalle's) Briefkasten. Da und die Beilage diesmal für Mittheilungen nicht offen stand, mußten eine Anzahl Berichte und Artikel gefürzt und zurückgestellt werden. England. Broadhurst erhält als Sekretär des parlamenta= rischen Komites der englischen Gewerkschaften 4000 Mark( 200 Pfund Sterling) Gehalt. Gerichtskosten. Mehr als einmal hat der Reichstag sich für Herabfeßung der Gerichtskosten ausgesprochen, und in der Session bon 1887/88 beschloß er mit großer Mehrheit die Vorlegung eines Gesetzes über eine durchgreifende Ermäßigung und Revision der Gebührenordnung für Rechtsanwälte. Anderthalb Jahre hat dann der Bundesrath zur Beschlußfassung über diese Resolution gebraucht, und er hat sie einfach abgelehnt. Versammlungsberichte. Wir können auch die kürzesten Berichte nur dann bringen, wenn etwas für die Arbeitersache Be= deutsames und Neues passirt ist: wie Streiferklärung, Gründung einer neuen Organisation u. s. w. Ueber die gewöhnliche Geschäftsabwicklung bringen die Tageblätter jeden Tag mehreren Spalten, also gerade genug. Wollten wir das auch so handhaben, so hätten wir 12-18 Spalten Vereinsberichte allein aus Berlin und im ganzen stehen uns nur 20 Spalten zur Verfügung. Wir nüßen durch Artikel über wichtige gewerkschaftliche und politische Fragen auch den Vereinen viel mehr wie durch lange Berichte. Arbeiterverein. Warum tein Inserat? Warum fein Inserat? Der Antrag zu inseriren ist doch in Ihrem Verein gestellt und auch angenommen worden. Postabonnent Stettin. Wenn Sie nicht ausdrücklich auf der Post Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern verlangen, so liefert die Post nur die laufenden Nummer, troßdem Sie das ganze Quartal bezahlen müssen. Also immer ausdrücklich Nachlieferung bestellen, wenn das Quartal schon längere Beit begonnen hat. " Wirksame Agitation! Gelesene Nummern der Arbeiterblätter" wirft man nicht weg, sondern sendet dieselben unter Kreuzband, mit einer 3 Pfennig- Marte versehen, abwechselnd au verschiedene unserer Bewegung angehörige Personen. sind einzeln zum Preise von 5 Pfennigen durch unsere Expedition zu beziehen. Expeditionszeit Sonnabends von 1/ 212-7 Uhr. Sonntag früh 8-9 Uhr. ***** Zahlreichen Bestellungen entgegensehend Die Expedition der Berliner Volks- Tribüne Berlin, SO., Oranienstraße 23. 10 EUER 19090819 Quittungsmarken& Kautschukstempel- Fabrik ids von ind [ 46 Conrad Müller Schkeuditz- Leipzig empfiehlt sich allen Arbeitervereinen, Strankenkassen u. f. t. Ausführung sauber und schnell. Breislisten gratis und franto. Fachverein der Tischler.Verband deutscher Dresdenerstr. 96. Ich erkläre die gegen die Maurer C. Wagner Montag, den 2. September, Abends 81% Uhr, in den Bürgersälen, und H. Röhling in der Uebereilung ausgesprochene Beschuldigung für unwahr, nehme fie daher hiermit zurück und erkläre dieselben als Ehrenmänner. Gustav Mulack, Belforterstr. 10. Durch die vielen Neuempfehlungen und Geschäftsverlegung gezwungen, empfehle meine seit 14 Jahren in demselben Hauſe Ritterstraße 108, das zweite Haus von der Prinzenstraße befindliche Außerordentliche Versammlung. 100 Tagesordnung: 1. Wie stellt sich der Fachverein zu einem eventuell ausbrechenden Tischlerstreik in Berlin? Referent: Herr E. Wiedemann. 2. Distuffion. 3. Fragetasten. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Große Versammlung Der Vorstand. Cigarren- und Tabakshandlung des Vereins der Klempner Berlins und Umgegend ધર્મ હો eigener Fabrit. Wilh. Boerner. Cigarren u.Tabake 10:02 reichhaltiges Lager Don O. Klein. 15. Ritterstraße 15. [ 40 Dafelbft Zahlstelle der Gürtler u.Bronceure( E.H.60.) Wendt's Restaurant Dresdenerstraße 116. Inh. W. Gründel, Arbeitsnachweis für Maler, Tischler, Schlosser, Buchbinder, Drechsler, Töpfer, Möbelpolirer und Sattler. Reichhaltiger Frühstücks, Mittags: und Abendtisch. Speisen à la carte zu jeder Tageszeit, fol. Preise. Borzügliches Weiß- und Bairisch Bier. 2 franz. Billards und 2 Kegelbahnen stehen zur 201) Verfügung. 1.10 Empfehle allen Freunden und Genossen meine Glaserei, Spiegel- und Bildereinrahmung. Bilderverkauf von Lassalle, Hasenclever als Mittwoch, den 4. September, Abends 8 Uhr, in Süd- Ost, Waldemarstr. 75. Tagesordnung: 1. Wie verhalten sich die Klempner betreffs der Lohnbewegungen? Ref. Gustav Schulz. 2. Diskussion. 3. Aufnahme neuer Mitglieder und Ausgabe der Statuten. 4. Verschiedenes. Sämmtliche Kollegen werden hiermit eingeladen. Der Vorstand. *** Zimmerleute ( Lokalverband Berlin Nord u. Umg.) Montag, 2. September, Abends 8 Uhr, in Krüger's Salon, Hochstraße 32 a. Versammlung Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Vogtherr. 2. Verschiedenes. 3. Fragekasten. Gäste willkommen. Um zahlreiches Erscheinen erfucht Der Vorstand. Arbeitsnachweis für für Tischler. Der vom Fachverein der Tischler begründete Arbeitsnachweis befindet sich vom 1. Februar ab Dresdenerstraße 116, im Restaurant Wendt. Die Arbeitsvermitte lung geschieht für Meister und Gesellen( auch Nichtmitglieder des Vereins) unentgeltlich. Die Adressenausgabe erfolgt an Wochentagen Möbel- Spiegel- u. Volfterwaaren- Magazin von 8 bis 9% Uhr Abends, Sonntags TIC S bon Julius Apelt, Sebastianstraße 27-28. Reelle Waare. Prompte Bedienung. Schuh- und Klinger hudidné i Bräfident des Allgem. deutſchen Arbeiter- Bereins. Sämmtl. Bebel und Liebknecht, Laffalle und Marg, Kräcker, Hasenclever in Cabinet und Visites. Bestellungen nach Auswärts werden prompt besorgt. Carl Scholz, Berlin, £ 35 Wrangelstraße 32. bon 9 bis 11 Uhr Vormittags. Da fich die vier Kassirer der Ortsfrankenkasse der Tischler und Pianofortearbeiter Berlins" verpflichtet haben, fich ihrerseits jeder Adressenausgabe zu enthalten, [ 47 ersuchen wir, nur den obengenannten Ar beitsnachweis zu benutzen. Der Vorstand. Stiefelwaarenlager bon und Grossmann, Waldemarstraße 65 a( früher Trainkaserne). Große öffentliche Versammlung = 1 in der Holzbranche beschäftigten Arbeiter. Montag, den 2. September, Abends 8 Uhr, in Feuerstein's Salon, Alte Jakobstr. 75. Tagesordnung: Sind unsere Forderungen gerechte und wie sind dieselben durchzuführen? Die Kommission der Berliner Kistenmacher. Geschäfts- Eröffnung! Verein der Safffer Deutscher Sozialdemokratischer Allen Freunden und Bekannten empfehle mein des Weiß- und BayerischBier- Lokal fowie Zimmer für Vereine. J. Klinger, vorm. W. Papke, und Fachgenossen. Sonnabend, den 7. September, in Deigmüller's Salon, Alte Jakobstr. 48 a. Familienkränzchen. Spatter Anfang 9 Uhr. Leseklub Paris, Ecke der rue Montmartre 33 und rue Etienne Mareel 36. Jeden Sonnabend Abend um 9 Uhr: Versammlung. Sozialdemokratischer Leseklub Lessing." ind Der Arbeitsnachweis der Klavierarbeiter befindet sich nach wie vor Waldemarstr. 61 tm Restaurant Zilm, vorm. Pfister. Die Adressen= ausgabe findet jeden Abend von 8-9 Uhr und Sonntags Vormittags von 10-11% Uhr unentgeltlid statt. Sattler! தி Der unentgeltliche Arbeitsnachweis bes Vereins der Sattler und Fachgenoffen bes findet sich Dresdenerstr. 116, Wendt's Restaurant. Verein zur Regelung der gewerb= lichen Verhältnisse der Töpfer Berlins. Der Arbeitsnachweis befindet sich Dresdenerstraße 116 bei Wendt. Die Arbeitszuweisung ist unentgeltlich, auch an Nichtvereinsmitglieder und geschieht an Wochentagen von 8-9 Uhr Abends, Sonntags Don 11 bis 12 Uhr Vormittags. Arbeitsnachweis der Maler früher Nitterstr. 123 bei Sodtke, jetzt Dresdenerstr. 116( Reftaurant Wendt). Jeden Abend von 8-9 Uhr( außer Sonnabend) und Sonntags Vormittag von 10-12 Uhr un entgeltliche Arbeitsvermittelung. Jeden Montag, Abends 9 Uhr, Wallstr. 20. ( Restaurant Leonhardt.) Vorlesung und Diskussion. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, haben Zutritt. Druck und Berlag: F. Posekel, Berlin 8. O., Dranienstraße 23. into 6 st nilius YOU ESC) 45?) Billets 50 Pf. find bei der Arbeitsvermittlung während der Bureaustunden im Restaurant Dresdenerstr. 116 zu haben. Der Vorstand. Berantwortlicher Redakteur: Max Schippel, Berlin. velin bilissie is! Oranienstr. 197, am Heinrichsplay. 162 Die Bevollmächtigten der Filiale I, odnosed in Beiblatt zur Berliner Volks- Tribüne. № 35. Zum Andenken Lassalle's! Lassalle's Bedeutung. Aus Lassalle's Leben. Dichter. Sonnabend, den 31. August 1889. entfaltet, sie hat den Sektencharakter vollständig abgestreift, und nennt sich nach keinem Führer, nach keinem Lehrer Zum 31. August. sie ist längst nicht mehr„ lassalleanisch". Lassalle als Aber sie ehrt ihre Lehrer und ihre Vorkämpfer, und Wie Laffalle in die Arbeiter- am 31. Auguft werden die deutschen Arbeiter von neuem agitation eintrat. Aus Lassalle's letzten zeigen, wie tief in ihre Herzen das Andenken an Ferdinand Tagen. Lassalle's Testament. Die Be Laffalle eingegraben, den Denker und Kämpfer, der erdigung Laffalle's. ,, Schwerter uns gab." Gedicht. Mag mir die Sonne sinken nicht vergebens Hat sie auf Erden mir geglänzt; Reich ward der große Wunderkelch des Lebens Zum Nande schäumend mir fredenzt. Klangvoll zog hin durch meiner Seele Saiten, Was nur mit Werderuf Glorreich- Unsterbliches zu allen Zeiten Des Menschen Genius erschuf. Der Liebe vollstes Glück hab' ich genossen An Herz und Sinnen, Leib und Geist, Mit Freunden einen Seelenbund geschlossen, Den keine Ewigkeit zerreißt. Ich weiß, daß über mir und mir zu Füßen Und um mich Welt an Welt sich reiht; Fernher ertönt zu meinem Ohr ein Grüßen Aus dämmernder Unendlichkeit. Und muß es sein, muß nun im Grenzenlosen Der Lebensathem mir verwehn, Ich klage richt; das Haupt bekränzt mit Rosen Will ich von hinnen gehn. Graf v. Schack. Zum Gedächtniß Ferdinand Lassalle's. Heute, am 31. August sind es fünfundzwanzig Jahre, daß Ferdinand Lassalle aus dem Leben schied. Zum 31. August III. Jahrgang. daß Lassalle bei Beginn seiner Agitation schon auf demselben Boden stand, auf dem die Sozialdemokratie heute steht; daß er selbst der erste gewesen wäre, sein Programm den veränderten Verhältnissen entsprechend zu erweitern und zu präzisiren. Aber die Herren Staatssozialisten haben nicht nur nicht Ursache, zu wünschen, daß Lassalle noch lebte, sie haben nicht einmal Ursache, an den todten Lassalle gegen die lebende Sozialdemokratie, troß der Unterschiede zwischen den Aeußerungen beider, zu appelliren. Troßdem die Lassalle'schen Agitationsschriften den Verhältnissen eines politisch wie ökonomisch gleich zurückschreibt unser Genosse Karl Kautsky in der Wiener gebliebenen Landes, ganz speziellen, heute längst über,, Arbeiterzeitung": wundenen Verhältnissen angepaßt waren, trotz alledem Sollen wir ein Lebensbild Lassalle's geben, seine sind sie heute noch die besten Agitationsschriften der Verdienste für die Arbeiterklasse hervorheben? deutschen Sozialdemokratie; darin zeigt sich wohl am Das hieße wohl, Eulen nach Athen tragen. Es deutlichsten die Größe des Mannes. Troßdem sie vielgiebt wenige Männer, die so populär geworden und in fach nur noch mit einem Kommentar völlig verständlich ihren äußern Lebensumständen den Massen so bekannt sind, packen und ergreifen sie heute noch jeden, der sie lieft, geworden sind, wie Ferdinand Lassalle. Es giebt vielleicht den einfachen Arbeiter, wie den Gelehrten, nicht blos den feinen Sozialisten außer ihm, dessen Größe so einmüthig Jüngling voll Illusionen, sondern auch den gewiegten von allen Seiten anerkannt würde, von Freunden nicht Politiker. Die Klarheit und Tiefe des Gedankenganges, nur, sondern auch von Feinden. die Schärfe und Wucht des Ausdrucks, die stolze Ueberlegenheit und glühende Leidenschaft wirken heute noch erhebend und überwältigend. Allerdings ist es nicht ohne Nebenabsicht, daß die Feinde ihn preisen. Sie thun dies, um ihm Tendenzen unterzuschieben, die er nicht hatte, um ihn zum ,, nationalen" ,, tönigstreuen" Staatssozialisten zu stempeln; fie thun es, um den braven Lassalle gegen den bösen Marr aus zuspielen. Als Politiker wie als Theoretiker gehört Lassalle bereits der Geschichte an, unterliegt er ihrer Kritik. Als Agitator lebt er noch mitten unter uns in voller Jugendfrische, entflammt er heute noch die Herzen zum Wirken Das ist natürlich nur möglich durch eine Fälschung für die Rechte des Proletariats, stählt er heute noch die der Thatsachen. Lassalle hat sich nie als ein Gegner der Charaktere zur Ausdauer gegenüber Verfolgungen und Internationalität gezeigt und auch seine republikanische Unterdrückungen. Gesinnung nie verleugnet. Der Geist, von dem seine Wenn wir Lassalle's gedenken, gedenken wir nicht Agitation getragen wurde, das war derselbe, der das blos des gefallenen Helden, der für unsere Sache gewirkt kommunistische Manifest durchwehte, derselbe, der in der hat, der uns ein leuchtendes Vorbild gewesen ist, wir Internationale" waltete. denken auch dessen, was nicht sterblich war von Ferdinand " 1 Heine. Aus Lasalle's Leben. 11. April 1825. Geburt zu Breslau. 1845. Reise nach Paris und Verkehr mit Heinrich Haßfeldt. Die Forderungen des allgemeinen Wahlrechtes und Lassalle, dem Denker und Kämpfer", was in uns und In der Blüthe seiner Jahre, mitten in voller Schaffens- der staatlichen Förderung von Produktiv Genossenschaften mit uns fortlebt: des Geistes, der aus seinen Schriften kraft, erlag der große Agitator der Kugel eines unbedeu- der Arbeiter, der Kampf gegen die Fortschrittspartei und zu uns spricht. Und nicht besser können wir seiner getenden Widersachers in einem Konflikt, der mit der großen das Manchesterthum, das sind Aeußerungen, dem Wesen denken, als durch die That, indem wir seinen Geist voll Bewegung, die er angefacht, in keinem Zusammenhang des modernen Sozialismus entsprungen; sie beruhen auf und ganz in uns aufnehmen und weiter verbreiten im stand. Daß das vielbewegte Leben des Mannes, der so dem Grundsaße, daß die Emanzipation der Arbeiter- Proletariat, dem Fels, auf dem die Kirche der Zukunft kühne, hochstrebende Pläne in seinem Kopfe trug, der das klasse nur durch diese selbst erfolgen kann, durch den gebaut wird". deutsche Proletariat im Sturmesmarsch hatte zum Siege Klassenkampf, der naturnothwendig ein politischer Kampf führen wollen, unter solchen Umständen endete, muß als ist und die Eroberung der Staatsmacht als Ziel ein wahrhaft tragisches Geschick betrachtet werden. Nicht haben muß, um diese den eigenen Klasseninteressen, der als Sieger nach hartem Kampf, nicht als Kämpfer in sozialen Umgestaltung dienstbar zu machen. heißer Schlacht abseits vom Kampfplaß sollte er sterben, Der brave" Lassalle stand also auf demselben Boden nicht als Held einer weltgeschichtlichen Bewegung, sondern wie der„ böse" Marr. als Opfer einer nichtigen Liebesepisode. Aber waren die Forderungen und die Agitation Januar 1846 erstes Zusammentreffen mit der Gräfin An sich freilich betrachten wir es eher als ein Glück, Lassalle's auch von dem Gedankengange des kommunistischen daß Lassalle, nachdem er der Bewegung Leben eingehaucht, Manifestes erfüllt, so waren sie andererseits auch ganz den 26. März 1847. Lassalle's Verhaftung auf Grund nun durch den Tod fortgerissen wurde. Er war nicht der augenblicklichen Verhältnissen angepaßt, in denen er der Aussagen des bestochenen Hoppe: Lassalle habe Auftrag Mann der langsamen, oft kleinlich erscheinenden und doch zu wirken hatte; sie entsprachen Deutschland in den An- gegeben, den bekannten„ Kassettendiebstahl" auszuführen. so nothwendigen Detailarbeit, er war der Mann der fängen der sechsziger Jahre, ja man kann sagen, sie waren 11. August 1848. Lassalle's berühmte Vertheidigungsfühnen Initiative, der Mann des Eroberns im Sturm. speziell für das Preußen der Konfliktszeit zugeschnitten. rede vor den Geschwornen in Köln in dem daran sich anZum letteren fehlten aber die Vorbedingungen, wie er Neben dem Genie und Feuereifer Lassalle's war es nicht schließenden Prozeß, der mit Freisprechung endete. sich selbst hatte überzeugen müssen; damit, daß er die zum mindesten diese Anpassung, die jenen überraschenden, 22. November 1848. Verhaftung Lassalle's unter Initiative gegeben, daß er der deutschen Arbeiterwelt gewaltigen Erfolg seiner Agitation herbeiführte, der fast der Anklage, die Bürger( durch eine Rede in Neuß) zur mächtige Waffen zu ihrem Befreiungskampf in die Hand märchenhaft erscheint, und in der That zu einem förmlichen Bewaffnung gegen die königliche Gewalt aufgereizt zu haben." gedrückt, war seine Mission erfüllt. Sagenkreis, zu einer Legende Anlaß gab, die zum Theile 3. Mai 1849. Lassalle's berühmte Affisenrede vor Das Leben spielt oft seltsam mit uns. Es versagt heute noch den Namen des großen Agitators umwebt." den Geschwornen in Düsseldorf. Freisprechung Lassalle's, uns erstrebte Ziele, aber gestaltet nachträglich als bedeu- Diese Anpassung an ein zeitlich wie räumlich so be- der aber in Haft behalten wird, um in derselben Sache tendenden Erfolg, auf was wir zur Zeit nur nebensächliche schränktes Gebiet war aber nur eine provisorische.... später vom Korrektionstribunal wegen Widerseßlichkeit Bedeutung legten. Wer weiß, ob irgend ein äußerlicher Lassalle war bereits todt, als die gewaltigen Revolutionen gegen die Beamten" zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt Erfolg, der momentan Aufsehen erregte, den Namen in Deutschland begannen, die ihn zweifellos zu einer Er- zu werden, die er im Winter 1850 verbüßt. Lassalle's so berühmt gemacht, ihm die geschichtliche Be- weiterung und Läuterung seines Programms getrieben 1854. Einigung im Haßfeldtprozeß. deutung gesichert hätte, die jetzt mit ihm verbunden ist. hätten. Das moderne Deutschland ist erst nach Lassalle's 1857. Veröffentlichung des philosophischen Werkes Bis die Zeit kommt, da unser Ideal sich verwirklicht, sind Tod erstanden durch die politischen Revolutionen von über Heraklit". nicht ihre Siege, sondern ihre Kämpfe das bedeutsame 1866 und 1870 und die große industrielle Revolution, Moment der sozialistischen Bewegung, Lassalle hat die die seitdem eingetreten ist und die heute noch fortdauert. Reihe dieser Kämpfe eröffnet, und hat es mit einem Feuer Die Hauptforderung Lassalle's, das allgemeine Wahl- 1859. Marr besucht Lassalle in Berlin. der Leidenschaft gethan, er hat dabei einen Gifer, eine recht, ist in Deutschland längst erreicht. Das Manchester- 1861. Erscheinen des rechtsphilosophischen zweibändigen Thatkraft entwickelt, die unwillkürlich zur Bewunderung thum ist todt, die Fortschrittspartei zur Unbedeutendheit Systems der erworbenen Rechte" sowie der Nede herausfordern, und durch ihr Beispiel noch Jahre nach zusammengeschrumpft, und die Produktiv- Genossen- über Fichte's politisches Vermächtniß." seinem Tode die herrlichsten Früchte gezeitigt haben, die schaften einzelner Arbeitergruppen, auf die Lassalle übrigens Anfang 1862 erscheint die vernichtende Kritik gegen noch heute durch ihre anfeuernde Wirkung der Sache zum von vornherein keinen allzugroßen Werth legte, bilden Julian Schmidt", den Literarhistoriker. Reden über Heile gereichen. heute, im Zeitalter der internationalen Kartelle, nicht Verfassungswesen" und" Was nun?" Er hat den deutschen Arbeitern Waffen gegeben und mehr die Uebergangsform zu einer höheren Pro- 12. April 1862. Vortrag über den besonderen hat sie diese Waffen zu führen gelehrt, das ist sein großer duktionsweise, sondern höchstens Mittel, Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit Ruhm, sein bleibendes Verdienst. untergehende Produktionsformen für eine Weile der Idee des Arbeiterstandes."( ,, Arbeiterprogramm.") Daß heute, nach fünfundzwanzig Jahren, viele dieser noch über Wasser zu halten. Diejenigen ökonomischen Als Broschüre 1863 veröffentlicht und konfiszirt. Waffen nicht mehr zeitgemäß sind, beeinträchtigt dieses Arbeiterorganisationen aber, die heute in der Arbeiter1863. Verdienst durchaus nicht. Die Verhältnisse ändern sich bewegung die erste Rolle spielen, die waren zu Lassalle's 16. Januar wegen des„ Arbeiterprogramms" zu vier und die Erkenntniß schreitet unablässig vorwärts Zeit in Deutschland, auf dem Kontinent überhaupt, faum Monaten Gefängniß verurtheilt. Seine Vertheidigungsrede auch die größten Geister werden eines Tages überholt. dem Namen nach bekannt, troßdem Mary in seinem Elend in diesem Prozeß erschien unter dem Titel„ Die WissenDie Geschichte der Menschheit kennt kein:" Bis hierher der Philosophie" schon 1847 auf ihre Bedeutung für den schaft und die Arbeiter". Lassalle appellirt gegen die Verund nicht weiter", und zu allen Zeiten bedeutet geistiger Klassenkampf hingewiesen: die Gewerkschaften. urtheilung, schreibt zu seiner Vertheidigung Die indirekte Stillstand geistigen Tod. Unter diesen Verhältnissen und wegen dieser großen Steuer." Das Urtheil wurde von der Appellinstanz in Die moderne Arbeiterbewegung hat zum Theil andere Umwandlungen hat sich die gewaltig angeschwollene Sozial- Verhängung einer Geldstrafe umgewandelt. Bahnen eingeschlagen, als sie Lassalle's Auge vorgeschwebt. demokratie auch weitere, höhere Ziele stecken müssen. Sie 11. Februar. Schreiben des Leipziger Komitees an Aber im Wesen der Sache ist sie doch das geblieben, als schritt über den Lassalleanismus hinaus. Lassalle. Lassalle erwiedert kurz darauf in dem„ Offenen was er, im Einklang mit den Lehren von Karl Marx, Kein Wunder, daß die Gegner der Sozialdemokratie, Antwortschreiben." fie auffaßte: ein Klassenkampf des Proletariats, denen vor ihren Fortschritten bange wird, sich nach den das im Kampf für seine Emanzipation die Sache der schönen Zeiten der Lassalle'schen Agitation zurück sehnen. Menschheit auf seine Fahne geschrieben hat. Die Thoren vergessen, nicht blos, daß die Macht der Mächtig hat sie sich in diesen fünfundzwanzig Jahren Thatsachen stärker ist, als das größte Genie, sondern auch, " 1858. Das historische Drama Franz v. Sickingen vollendet. 11 17. April. Versammlung in Leipzig. 17. u. 19. Mai. Versammlungen in Frankfurt a. M. 23. Mai. Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Leipzig. September. Agitationsreise am Rhein. 20. September tn Barmen Rede über„Die Feste, die Presse und der Franksurter Abgeordnetentag." 27. Sept. stürmische Szenen in Solingen, Auflösung der Versammlung, Lasialle's Telegramm an Bismarck. 2. November. Die Fortschrittler sprengen in Berlin die Lassalle'sche Versammlung. 22. November. Neue Versammlung, abermals durch die Fortschrittlcr gestört, Lassalle verhaftet, aber gegen Kaution bald wieder freigelassen. Winter 1863—64.„Bastiat Schulze, der ökonomi- sche Julian" verfaßt. Besprechungen mit Bismarck. 18G4. Im Mai. Reise über Leipzig nach dem Rhein. Versammlungen in Solingen, Barmen, Köln, Wermels- kirchen. Am 22. Mai die Ronsdorfer Rede„Die Agita- tion des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und das Versprechen des Königs von Preußen." 26. Mai. Reise»ack Ems, von da nach Düsseldorf zur Appcllalionsvcrhandlung wegen der ersten rheinischen Rede, Besuch der Generalversammlung in Frankfurt a. M., nach Rigi-Kaltbad. 23. Juli. Zusammentreffen mit Helene v. Dönniges. 28. August. Duell mit Herrn v. Rakowitz. 31. August. Lassalle's Tod. Ueber Lassalle als Dichter äußert sich Dr. Max Vogler in dem Wittich-Wurm'schen „Volksfreund": Ein Jahr nach dem Erscheinen des„Hcraklit", 1858, vollendete Lassalle sein historisches Drama„Franz von Sickingen", ein Werk, welches scheinbar weit ab von seinem sonstigen geistigen Schaffensgebiele lag. In- dessen hatte er schon in seiner frühen Jugend davon ge- träumt, ein bedeutenden Dichter zu werden und zwar ein demokratischer Dichter, wie der von ihm so sehr verehrte Heinrich Heine. Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß die geistige Wesenheit Heine's und Lassalle's viel Gemeinsames hatte.„In der Familie der großen Geister sind sie die einander nächststehendcn Brüder," bemerkt ein Beurtheiler Lassalle's.„Das Gefühl dieser Verwandtschaft war es, das den berühmten Dichter mit warmer, ja bewundernder Zuneigung für den noch unbekannten 20jährigen Jüngling erfüllte. Der Dichter wie der Politiker standen im Kampfe gegen die Gcistesrichtung, die dock ihr geistiger Nährboden war. Heine, der Sänger der süßesten Lieder deutscher Zunge, fühlt sick ebenso sehr als politischer Kämpfer wie als Dichter, durch sein ganzes Leben geht ein politischer Zug. Seine politischen Schriften blenden durch den hin- reißenden Zauber der Form, während ihnen staatsmännischc Zielbewußtheit mangelt. Lassalle, der Agitator und Re- volutionär, hat stets etwas vom Dichter i» sich gefühlt, durch sein ganzes Leben geht ein poetischer Hauch." Wie für Heine, hatte sich Lassalle auch frühzeitig für einen anderen demokratischen Dichter, für Ferdinand Frei- ligrath begeistert. Der letztere war neben dem„rothen Becker"(dem nachherigen nationalliberalen Oberbürger- meister von Köln a. Rh.) und anderen Führern der revolutionären Bewegung in den Rhcinlanden in Düsseldorf ein häufiger Gast im Hause von Lassalle und der Gräfin Hatzfeld gewesen— nun genoß Freiligrath schon seit Jahren in London das harte Brod der Verbannung. Wie Lassalle in seiner ersten Jugend vor allem seinen Geist an den politischen und sozialen Emanzipationsidcen des„jungen Deutschland" genährt und insbesondere die Schriften Hein- rich Heine's eifrig in sich ausgenommen halte, so fühlte er sich dann auch durch die revolutionären Poesien Frciligrath's (der die erste Sammlung seiner Zeitgcdichte unter dem Titel„Ein Glaubensbekenntniß" im Jahre 1844 heraus- gab und ihr 1846 die Sammlung„Qa ira", sowie 1849 die„Politischen und socialen Gedichte" folgen ließ) mächtig und nachhaltig angeregt, und er halte sich bekanntlich der von dem Dichter und seinen demokratischen Gesinnungs- genossen am Rhein ins Leben gerufenen Agitation für die dem Volke gewährleisteten Grundrechte der Verfassung mit überzeugungsvollem Eifer angeschlossen. Ein scharf politisches Gepräge hat denn auch Lassalle's Tragödie„Franz von Sickingen", das einzige dichterische Werk größeren Umfangs, das Lassalle geschaffen hat, ob- gleich er es an kleineren poetischen Versuchen nicht fehlen ließ.-— Auf dieses Drama bezog sich der Inhalt eines Billets, in welchem er während einer mehrwöchigen Krankheit einen Freund um seinen Besuch bat.„Ich will Ihnen etwas zeigen," schrieb er,„wobei ich Ihres Rathes und Ihrer Hilfe bedarf und worüber Sie mich wahrscheinlich auslachen werden, aber kommen Sie nur!" Lassalle zeigte darauf dem Freunde den bereits fertigen ersten Akt des„Franz von Sickingen" und bemerkte dem leicht erkennbaren Er- staunen des Anderen über dieses dichterische Unternehmen gegenüber:„Ich weiß, was Sie einwenden werden, ich weiß so gut wie Sie, daß ich kein Poet bin. Aber Lessing hat auch Dramen geschrieben in dem Bewußtsein, daß er kein Dichter sei. Ohne mich mit Lessing vergleichen zu wollen, sehe ich nicht ein, warum ich nicht u. s. w." Ueber die wahren Absichten, die Lassalle bei dieser poetischen Arbeit leiteten, erhält man Ausklärung, wenn man die folgenden Aeußerungen darüber aus seiner Feder liest:„... Was ich wollte, war, jenen gewaltigen kulturhistorischen Prozeß(der Zeit Franz' von Sickingen und Ulrich's von Hutten), auf dessen Resultaten unsere ganze Wirklichkeit lebt, der aber nur den Gelehrten be- kannt, vom Volke dagegen bis auf einige Stichworte, die noch immer eine traditionelle Wirkung auf dasselbe aus- üben und die Flammen seines Bewußtseins zum Aufflackern bringen, vergessen ist, zum inneren bewußten Gemeingut des Volkes machen. Ich wollte, wenn möglich, diesen kulturhistorischen Prozeß noch einmal in bewußter Erkennt- niß und leidenschaftlicher Ergreifung durch die Adern alles Volkes jagen. Die Macht, einen solchen Zweck zu erreichen, ist nur der Poesie gegeben, und darum entschloß ich mich zu diesem Drama..." Den Rath des Freundes wünsche er in Betreff des theatralischen Aufbaues des Stückes, über den er sich nicht im Klaren war und hinsichtlich der Verie, die von Lassalle allerdings zum Theil in so schwerfälliger und ungelenker Weise behandelt waren, daß ihm der Freund zu allererst den Rath gab, das Stück in Prosa zu schreiben. Dieser Rath wurde von Lassalle nicht befolgt. Später hat er die Fehler des Stückes selbst erkannt und er schrieb darüber an Freiligrath: ,,... Die Phantasie des Dichters geht mir eben ab. Dies da habe ich weit mehr mit revolu- lionärer Aklionskraft, als mit dichterischer Begabung fertig gebracht und jedes Drama, das ich schreiben könnte, würde immer wieder dieses Eine unter anderen Formen und anderem Namen sein." Trotz aller Mängel, die dem Stücke hinsichtlich der Form und des dramatischen Aufbaues anhaften, können wir doch durchaus nicht die oft ausgesprochene Meinung theilen, daß Lassalle jede poetische Begabung abgegangen wäre. Im Gegentheil: gerade dieses Stück ist reich an echt dichterischer Kraft, die an mehr als einer Stelle des- selben auf den Lehrer und Hörer ihre packende Wirkung übt. Und mit vollem Recht sagt Brandes von dem Drama als Ganzem, daß es„bis an den Rand ge- füllt sei mit Lassalle's glühender Energie.... „Das tiefe politische Verständniß eines ganzen, gewaltig be- wegten Zeitalters und das blitzschwangere Pathos, welches von demselben ausgeht, haben gewiß ihre Poesie. Wie es vorliegt, ist dies Drama auf jeden Fall die merkwürdigste Goldprobe für den, welcher die Psychologie seines Ver- fassers studiert. Was man auch von seinen Schriften lesen mag, es schwebt Einem beständig in der Erinnerung, es enthält alles: die höchste Selbstcharakteristik Ferdinanv Lassalle's als Natur- und Privatperson und die allseitigsten und zahlreichsten Winke für das psychologische Verständniß seiner Weltanschauung, seiner Betrachtungsart der Ge- schichte, seiner ganzen inneren und äußeren Politik. Ein Ganzes ist es nicht und kann daher bei der Schilderung Lassalle's auch nicht als solches genommen werden; aber überall läßt es sich als Illustration benutzen." Vor allem in dieser Beziehung bedeutsam erscheint dem Biographen Lassalle's die folgende Stelle des Stückes, weil sie wie keine andere Lassalle's innerstes Willensleben cha- rakterisirt, wie sich dasselbe erhob, wenn er, zum äußersten getrieben, in innerer Anspannung oder äußeren Gefahren Willenskrast aus unergründlichen inneren Quellen schöpfte. In dieser Replik ist er wirklich Dichter; denn hier hat er so tief empfunden, daß die Worte wie Lyrik aus dieser Tiefe emporsteigen. Der Unterschied zwischen dem Rhetor und dem Dichter ist ja der, daß der Redner die anderen vor Augen hat, während der Dichter allein mit sich selbst ist. Und allein mit sich selbst ist Lassalle in diesem Er- gusse: „Blick' nicht zur Erde, Balthasar, blick' auf! Im Acußersten erst offenbart sich Des Mannes ganze Kraft.— Verblassend weichen Zurücke von ihm die Bedenken all', Die, erdgeboren, ihn zur Erde ziehn, Und aus dem Schiffbruch viclverschlungener Pläne Und aus den Trümmern seiner eitlen List Hebt sich der Geist in seine reine Größe... In die Unendlichkeit, die in ihm schlummert, Die Willensallmacht, kehrt er wachsend ein, Saugt zurückgedrückten Auges neue Kraft, Neue Erfüllung aus sich selber, setzt Auf eine Karte seines Lebens Summe, Und sich entladend flammt er auf zur That, Die gleich dem Blitz in einem Augenblick Der festgeword'nen Dinge Antlitz ändert." „Mich dünkt," fügt Brandes hinzu,„in diesen Worten hat man den wahren, den idealen Lassalle, Lassalle, wie er in seinen besten Stunden war. Und ist das nicht der Mann? Welches Resultat würden selbst die größten Geister liefern, wenn man alle die Stunden, in denen sie nicht sie selbst waren, zusammenzählen und sie darnach beurtheilen wollte! Wie viel Zeit haben sie nachgedrungen den An- sprächen des Leibes und den Bedürfnissen und Zerstreu- ungen des Alltagslebens gewidmet! Wie viel haben sie durch Schlaf, Krankheit, durch die Pflege des Körpers ver- loren, durch die Ansprüche anderer an ihre Aufmerksamkeit und Theilnahme. Und was von all' diesen für das Gei- stesleben direkt verlorenen Stunden gilt, gilt es nicht in fast eben so vollem Umfange von demjenigen Theil ihres Gemüthslebens, den unbeherrschte Leidenschaft, unruhige Selbstsucht, Genußsucht oder Schwäche usurpirt haben? Darf und muß man nicht so viel wie möglich hiervon ab- sehen, wenn man wissen will, was der einzelne im innersten Kerne war, und ist es billig oder vernünftig, sich ewig an die Schwächen und Fehler eines gewaltigen Geistes zu klammern?... Das Ideal seines Lebens hat Lassalle in jenen Zeilen gemalt..." Von den zahlreichen Stellen des Dramas, aus denen der hohe Ernst seiner Lebensauffassung, seine begeisterte Wahrheitsliebe, sein scharfer historischer Blick, seine tiefe politische Einsicht hervorleuchten, hier nur die folgenden. Wie er Hutten einmal sagen läßt: „O, ewig bleibt die alte Fabel wahr! Als sich im alten Rom ein Abgrund öffnete und der Stadt Pest und Verderben drohte, da sagten die Orakel: nur das Kostbarste, in den Schlund geworfen, könne die Geister versöhnen. Und siehe! Hoch zu Roß, in fest- lichem Waffenschmuck, sprang Curtius hinab, den finsteren Gespen- stern der Unterwelt sich weihend. Die Besten müssen in den Riß der Zeit springen, nur über ihren Leibern schließt er sich," so legt er, seinem eigenen Denken und Empfinden gemäß, auch Sickingen die Worte in den Mund: „Wir schulden unser Leben jenen großen Zwecken, in deren Werkstatt die Geschlechter nur die treuen Arbeiter sind. Ich Hab' gethan, was ich gekonnt, und fühle mich frei und leicht wie einer, welcher redlich seine Schuld abgetragen hat." Und wenn sich Lassalle— um es scharf hervorzu- beben,„wie die innere Bewegung der Gemüther, die in Wirklichkeit den Emwickelungsgang der Geschichte beherrscht, sich nicht durch Maßregeln unterdrücken lassen, die bloß ihre äußeren Symptome treffen"— an einer anderen Stelle einmal so ausgesprochen:„Lange bevor Barrikaden in der äußeren Welt sich erheben können, muß im Innern der Bürger der Abgrund gegraben sein, welcher die Re- gierungsform verschlingt"— so spricht, damit überein- stimmend, im Drama Franz von Sickingen zu Kaiser Karl V. das gewichtige Wort, er möge seine Macht nicht überschätzen, denn er könne„nur beschleunigen— nicht hindern, nur gestalten— nicht unterdrücken". Hier hat man in der That, wie Brandes richtig be- merkt, die Grundlage von Lassalle's historischem Glauben in ein politisches Bekenntniß übersetzt, jede theoretische Ueberzeugung nahm bei ihm ja stets eine praktische Form an. Auf dieser seiner Ueberzeugung vor einem un- widerstehlich fortstrebenden geschichtlichen Strome beruht sein Absckeu vor allen kleinen diplomatischen Ränken, allen halben Maßregeln und aller Verstellung. Als Karl mit der Reformation unterhandeln will, antwortet Franz: „Mit der Wahrheit ist kein Unterhandeln! Ihr könntet ebensowohl mit der Feuersäule unterhandeln wollen, die vor dem Volke Israel einHerzog..." Es ist uns leider nicht vergönnt, der literarischen Thätigkeit Ferdinand Lassalle's hier im Einzelnen weiter nachzugehen. Der Deginn der Kassalle' schen Arbeiter- agitatio«.*) Zwei große Parteien beherrschten im Ansang der sechziger Jahre das Feld des politischen Kampfes: die feudale und die Fortschrittspartei. Lassalle war beiden gleich fremd. Die erstere Partei sah in ihm einen gefährlichen Feind, weil sie ihn von 1848 als Revolutionär kannte und weil er in seinem Vortrag„Ueber Versassungswesen" gerathen hatte, man solle der Macht des Königthums die Macht des organisirten Bürgerthums entgegensetzen. Die Fortschrittspartei betrachtete ihn mit Miß- trauen, weil die von ihm entwickelten Theorien über den politischen Kampf der damaligen Taktik der Fortschrittler widersprachen. Sie beschuldigten ihn, er wolle die Ent- wicklung des Rechtsstaats stören und die Macht an Stelle des Rechtes setzen. Sie griffen ihn in ihrer Presse an und verschlossen die spalten derselben vor seinen Entgegnungen. Lassalle antwortete auf diese Anfeindungen in seinem Schristchen„Macht und Recht", indem er sagt, die Fort- schrittspartei sei gar nicht berechtigt, vom Rechte zu reden, da sie die offenbarste Vergewaltigung des Rechts ruhig hinnehme. Sie sei oberflächlich und unfähig, das Recht zu schützen; sie habe es aufgegeben, und statt Macht dafür einzutauschen, nur die Fußtritte erhalten, die ihr gebührten. Das Recht sei ganz allein bei der Demokratie, der alten und wahren Demokratie. Hierdurch hatte Lassalle vollständig mit der Fort- schrittspartei gebrochen. Und die„alte und wahre Demo- kralie", auf welche er sich ihr gegenüber berief, eristirte nur noch in der Theorie, sie hatte keine greifbare Ver- körperung in Deutschland. Er mußte sich also neue Waffen schmieden, eine neue Partei aus der Erde stampfen, um sie als ein Kriegsheer gegen die alten in den Kampf zu führen. Es war dies keine leichte Aufgabe, indeß gerade das schwer zu Erringende reizte Lassalle's unermüdliche Thatkraft. Er wandte sich, auf die alten sozialistischen Grundsätze, die er schon 1848 vertreten, zurückgreifend, an die Arbeiter- klaffe, in welcher sich angesichts der Parteikämpfe zwischen Feudalismus und Fortschritt eine gewisse gleichsam instink- tive Regsamkeit bemerklich machte, ohne daß die bestimmte Parteinahme für einen der kämpfenden Theile zu be- obachten gewesen wäre. Lassalle veröffentlichte jetzt sein„Arbeiter- Pro- gramm", das Manuskript seines Vortrags vom 12. April 1862„über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeit er stand es". Er führte darin aus, im Mittel- alter habe der Ausgangs- und Schwerpunkt aller Ein- richtungen im Grundbesitz gelegen; nach und nach habe durch eine Kette von Ereignissen der bewegliche Besitz über den unbeweglichen das Uebergewicht erlangt und dadurch sei die Herrschaft der Bourgeoisie begründet worden. Durch die erste französische Revolution sei diese Herrschast offiziell proklamirt. An die Stelle des Adelsstolzes und der Adelsvorrechte fei der Geldstolz und die Bevorzugung der Besitzenden getreten. Der Verfasser schildert sodann in lebhaften Farben die soziale Ungleichheit, welche unter der Herrschaft der Bourgeoisie zu Tage getteten sei, ferner die Schwankungen der wirthschaftlichen Verhältnisse, und führt aus, die Besitzlosen seien durch indirekte Steuern, Wahlzensus u. f. w. noch ungerecht belastet. Dies seien die Konsequenzen der durch das Uebergewicht der Bourgeoisie geschaffenen Zustände, welche außerdem den Staat von *) Nach der Schrift v. Max Kegel, Ferdinand Lassalle. Dietz, Stuttgart 1889. Preis 50 Pfg. jetner hohen Kulturaufgabe auf ein Sicherheitsinstitut herabdrückten. Die Staatsidee der Bourgeoisie sei eine .„Nachtwächteridee", während in Wahrheit die Aufgabe des Staates sein müsse, die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig ist, zum wirklichen Dasein zu gestalten, dadurch, daß er das Volk zur Bildung, Macht und Freiheit erziehe. Aber das derzeitige System sei auch bereits abgelaufen, seit 1848 die Forderung des allgemeinen Wahlrechts pro- klamirt und als Staatszweck die Verbesserung des Looses der arbeitenden Klassen ausgesprochen worden sei. Damit sei die Zeit angebrochen, in welcher die Arbeiter die herrschende Klasse bilden sollten. Arbeiter sei Jeder, der sich seinen Btitnienschett nützlich zu machen bestrebt ist, die Idee der neuen Herrschaft begründe also die„eigentliche Demokratie", die„staatliche Allgerechtigkeit". Lassalle macht am Schlüsse der Schrift die Arbeiter mit pathetischen Worten auf die Bedeutung ihrer geschichtlichen Aufgabe aufmerksam und erklärte, es ziemten ihnen nicht mehr die „Laster der Unierdi tickten", die„müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen", der„harmlose Leichtsinn der Unbeveuten- den". Sie seien der„Fels", auf welchem„die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll". Diese Broschüre, welche im Anfang des Jahres 1863 zuerst bei Nöhring in Berlin in 8000 Exemplaren erschien, wurde sofort konfiszirt und der Verfasser wurde unter Anklage gestellt, die besitzlosen Klassen zum Hasse und zur Verachtung gegen die Besitzenden öffentlich angereizt und dadurch den Frieden gestört zu haben. In Arbeiterkreisen verfehlte jedoch die Broschüre, welche sofort in Zürich neu gedruckt und von dort aus in Deutschland verbreitet wurde, ihre Wirkung nicht. Sie �ab den Anstoß zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Dies ging so zu. In Leipzig, in der Gastwirth- schaft zur„Kleinen Quelle" tagte zu jener Zeit jeden Dienstag ein Arbeiterkomitee, welches darüber berieth, wie man die Arbeitervereine von der Bevormundung des Nationalvereins emanzipiren und ein selbständiges Vor- gehen der Arbeiter erzielen könnte. Das Komitee hatte zu diesem Zwecke die Abhaltung eines Arbeiterkongresses geplant und. hierzu verschiedene Aufforderungen erlassen, ohne besonderes reges Entgegenkommen zu finden. Das Unternehmen schien schon sehlgeschlagen, da gab Lassalle's Appell an die Arbeiter im„Arbeiterprogramm" dem Streben des Komitees, an dessen Spitze Dr. 35 am in er und Julius Vahlteich, der nachmalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, standen, Anregung zu neuer Thätig- keil. Am 10. Februar 1863 beschloß das Komitee, an Lassalle ein Schreiben zu richten, dessen wesentlicher Inhalt lautete: „Sehr geehrter Herr! Ihre Broschüre:„Heber den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiodc mit der Idee des Ar- bciterstandes" ist hier überall von den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden, und das Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung ausgesprochen. Anderseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze- Delitzsch empfohlenen Assoziationen der grotzen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt, genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der Ar- beiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es nothwendig erscheinen muß. Das Zentralkomitee ist der Ueberzeugung, daß das Assoziationswesen unter unseren jetzigen Verhältnissen nicht genug leisten könne. Da nun aber aller Orten die Ideen von Schulze- Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze vorgeschlagenen denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung: Verbesserung der Lage der Ar- beiter in politischer, materieller und geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee einstimmig beschlossen: Sie zu ersuchen, in irgend einer Ihnen passend erscheinenden Form Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Werth der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklassc, auszusprechen....." Das Schreiben war von Leipzig, 11. Februar 1863 datirt und trug die Unterschrift:„Für das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterkon- gresses Otto Dammer". Lassalle erklärte sofort seine Bereitwilligkeit, dem An- suchen des Komitee's zu willfahren, und schon nach 14 Tagen sandte er ihm sein„Offenes Antwortschreibens, in welchem er von hohem, nationalökonomischem Gesichts- punkte aus mit wissenschaftlicher Objektivität die Stellung des einzelnen Arbeiters zur Gesammtproduktion klarlegt, und ausführt, daß die Selbsthilfe des Einzelnen durch Be- theiligung an Spar-, Hilfs- und Jnoalidenkassen einen sehr untergeordneten Nutzen habe und durchaus nicht geeignet sei, die normale Lage des gesummten Arbeiter- standes zu heben. Er beruft sich hierbei auf das eherne ökonomische Lohngesetz, welches nach den Feststellungen von Adam Smith, Jean Baptist Say und Rieardo bei der modernen Produktionsweise unter der Herrschaft von An- gebot und Nachfrage den Arbeitslohn derart bestitnmt, daß derselbe durchschnittlich immer auf den nothwendigen Lebensunterhalt reduzirt bleibt, der in einem Volke gewohn- heitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist. Dies sei der Punkt, um welchen der wirk- liche Tagelohn in Pendelschwingungen jederzeit herum- gravitirt, ohne sich jemals lange weder über denselben zu erheben, noch unter denselben hinunterfallen zu können. Dieser Satz, sagte Lassalle den Arbeitern, sei von allen großen Nationalökonomen anerkannt. Die sogenannten Arbeiterfreunde, welche das Volk zu gewinnen suchten, würden es nicht wagen, seine Richtigkeit zu leugnen. Man solle nur jeden darnach fragen, und ihm, wenn er die Richtigkeit zugebe, die weitere Frage vorlegen, aus welche Weise er dem Arbeiterstand helfen wolle. Wer nun nicht anzugeben wisse, wie das grausame Lohngesetz zu beseitigen sei, dem sollten die Arbeiter sofort den Rücken kehren, denn er sei ein Schwätzer, der die Arbeiter oder auch sich selbst täusche und erstere mit hohlen Phrasen blenden wolle. Um die Arbeiter aus dem Banne des ehernen Lohn- gesetzes zu erlösen, schlug Lassalle zur Hebung der Lage des Arbeiterstandes die Produktivassoziationen vor, zu deren Einrichtung die Arbeiter aber, da sie von ihrem kärglichen Lohn die nöthigen Kapitalien nicht aufbringen könnten, die Hilfe des Staates in Anspruch nehmen müßten. Der Staat solle zu gunsten der Arbeiter, die den weitaus größten Theil der Staatsangehörigen bilden und somit vollberecktigten Anspruch auf die staatlichen Hilss- mittel hätten, eine Kredit-Operation vornehmen, wie dies zu gunsten von Eisenbahnen, Banken te. schon oft geschehen sei, und so die Arbeiterassoziationen mit Staatsmitteln fundiren. Lassalle verwahrt sich übr'gens dagegen, daß diese Assoziationen sozialistisch oder kommunistisch genannt würden und betont die„individuelle Freiheit" der daran betheiligten Arbeiter.*) Weil aber, deduzirt et weiter, Gesetze nach dieser Richtung hin von keiner gesetzgebenden Körperschaft zu er- warten seien, die unter dem Zensus und mit sonstigen die höheren Klassen bevorzugenden Wahlbeschränkungen ge- wählt worden, und die somit nur die besitzenden Klassen vertreten, so müsse aus allen Kräften dafür agitirt werden, daß an die Stelle der bestehenden Wahlgesetze das bereits 1848 in den meisten deutschen Ländern eingeführte all- gemeine, gleiche und direkte Wahlrecht trete. Zur Förderung der Agitation für das allgemeine Wahlrecht sollten die Arbeitet, welche doch nur auf dem Wege politischer Freiheit zum Ziele gelangen könnten, einen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründen, und damit eine eigene politische Partei bilden. Dies waren die Grundzüge der Lassalle'schen Lehre und sie wurden in seinem„Antwortschreiben" klar und leichtfaßlich dargelegt. Die Schreibweise war trotz des wissenschaftlichen Stoffes ganz auf das Verständniß der großen Massen berechnet. Das Komitee in Leipzig empfing das Antwortschreiben, nahm es mit großer Freude auf, erklärte sich damit einverstanden und bewirkte auch, nach hitzigem Gefecht mit einigen Fortschrittlern, den Beitritt zu den Grundsätzen der Schrift seitens einer Arbeiterversammlung. Auf dringende Einladung kam Lassalle dann selbst nach Leipzig, sprach am 17. April in einer von 1300 Mann besuchten Versammlung und dieselbe entschied sich mit allen gegen 7 Stimmen für ihn. Kaum war Lassalle öffentlich aufgetreten, so begann die Fortschrittspartei unter Führung von Schulze- Delitzsch einen heftigen Kampf gegen seine Lehre. Dieser Kampf wurde namentlich durch die fortschrittliche Presse geführt. Es hieß, Lassalle diene der Reaktion, indem er unter den Versassungskämpsern und Fortschritts- männern Zwiespalt erregen wolle. Auch entwürdige er die Arbeiter, indem er sie an die Unterstützung des Staates verweise. In den Arbeitervereinen suchte man, um der Einwirkung Lassalle's einen Riegel vorzuschieben, Resolu- tionen zur Annahme zu bringen, welche ein Votum gegen Lassalle und seine Lehre enthielten. In der That nahmen verschiedene Vereine, z. B. der Magdeburger Arbeiter- bildungsverein solche Resolutionen an, ohne daß die Mit- glieder sich erst durch das Studium der Lassalle'schen Schriften unterrichtet hätten. Es genügte ihnen meist die Information, welche sie aus den Zeitungen der Feinde Lassalle's empfingen, und diese waren nichts weniger als unparteisch. Endlich, auf einem Verbandstage der Arbeitervereine des Maingaues zu Rödelheim, wurde eine derartige Reso- lution abgelehnt und beschlossen, man wolle eine Ber- sammlung in Frankfurt a. M. veranstalten, in welcher Schulze-Delitzsch und Lassalle öffentlich disputiren sollten, damit man sich ein unparteiisches Urtheil über ihre Lehren bilden könne. Diese Versammlung fand am 17. Mai 1863 im Saalbau zu Frankfurt statt. Schulze hatte es jedoch vor- gezogen, dem kühnen, schlagfertigen Redner nicht persönlich entgegenzutreten, er schützte Arbeiten vor und lehnte die Einladung ab. Lassalle erschien allein. Man hatte übrigens alles gethan, um ihm den Sieg schwer zu machen. Als Vorsitzender sungirte Dr. Ludwig Büchner, ein Gegner Lassalle's. Im Zentrum des Saales hatten nur Arbeiter- Vereinsmitglieder Zutritt. Unter diesen befanden sich zahlreiche eifrige Gegner der Lassalle'schen Lehre. Die Arbeiter, welche nicht dem Vereine angehörten mußten 6 rheinische Kreuzer Entree zahlen und wurden auf die Tribünen verwiesen, wo sie an keiner Abstimmung Theil nehmen konnten. Die Logenplätze kosteten je einen Gulden. Zu allem Ueberfluß wurden in einem Lokale nebenan eine große Anzahl Leute aus Offenbach mit Bier traktirt und veranlaßt, von Zeit zu Zeit im Saale zu erscheinen und Tumult zu erregen. Lassalle hielt hier, vielfach von Lärm, einmal auch vom Vorsitzenden unterbrochen, eine mehr- stündige glänzende Rede, in welcher er seine Lehre erläuterte und namentlich seinen Vorschlag, den Staatskredit be- treffend, begründete. Die Versammlung mußte in Folge des Tumults schließlich abgebrochen werden, wurde aber zwei Tage später in der„Harmonie" zu Ende gebracht und ergab einen glänzenden Sieg Lassalle's, denn nachdem sich ca. 50 Anhänger Schulze's demonstrativ ent- *) In den Briefen an Rodbertus erklärt Lassalle, daß er den Vorschlag der Produktivassoziation nur als eine praktische Maß- regel zur Verbesserung der Lage der Arbeiter aufgefaßt wissen wollte,— eine Lösung der sozialen Frage sei keineswegs damit verbunden, zu dieser sei die Arbeit von Generationen erforderlich. sernt hatten, wurde mit 400 gegen 1 Stimme der Antrag angenommen: 1. die Versammlung tritt dem Leipziger Beschluß, Gründung eines Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins betreffend, bei; 2. sie beschließt, mit allen Kräften für das Zustandekommen und die Ausbreitung desselben wirken zu wollen. Einen ähnlichen Beschluß faßte am 20. Mai eine von ca. 700 Mann besuchte Arbeiterversammlung zu Mainz, in welcher Lassalle gesprochen hatte. Der Erfolg in Frankfurt hob die letzten Bedenken, welche Lassalle noch gegen die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gehabt hatte. Die Gründung erfolgte am 23. Mai 1863 in Leipzig. Aus Lassalle's letzten Tagen Die Brandung faßt mich! Ist mir's zum Heil? Reißt's mich nach oben wie den Schiller'schen Taucher? Taut voir! Ferdinand Lassalle. Man hat Lassalle oft Vorwürfe gemacht, daß er, der soeben eine große sozialpolitische Agitation entfesselt hatte, plötzlich ganz und gar in einem„Liebeshandel" aufging. Aber wenn man gerecht bleiben will, so muß man Lassalle's ganzen damaligen Gemüthszustand in Rechnung ziehen. Als Lassalle im Juli 1864 auf dem Rigi mit Helene von Dönniges zusammentraf, hatte er zwei aufreibende Jahre voll Sturm und Drang hinter sich. Zwischen März 1862 und Juni 1864 hatte er nicht weniger als zwanzig Schriften verfaßt, von denen drei oder vier durch ihren Umfang sowohl, wie durch ihren Inhalt ganze Bücher sind und von denen die meisten, trotz ihrer Kürze und Gemeinfaßlichkeit einen Gedankenreichthum enthalten und mit einer wissenschaftlichen Schärfe geschrieben sind, die sich sehr wenigen großen Büchern nachrühmen läßt. Außer- dem hatte er zu derselben Zeit Rede auf Rede gehalten, mit einer Arbeiterdeputation nach der anderen konferiert, sich aus einem Dutzend von politischen Prozessen herausge- wickelt, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegründet, eine höchst ausgebt eitete Korrespondenz geführt und die Verwaltungsangelegenheiten des Vereins geordnet. Er scheint gleichsam in der Ahnung seines bevorstehenden Todes seine Kraft bis über das menschliche Maß gesteigert zu haben. Das alles hatte sich natürlich gerächt.„Ich bin todtmüde— schreibt er am Schlüsse der großartigen Kampagne— und so stark meine Organisation ist, so wankt sie bis in ihr Mark hinein. Meine Aufregung ist so groß, daß ich keine Nacht mehr schlafen kann! Ich wälze mich bis 5 Uhr auf dem Lager und stehe mit Kopf- schmerz und tief erschöpft auf. Ich bin überarbeitet, über- müdet in furchtbarstem Grade. Die wahnsinnige Anstren- gung, den Bastiat-Schulze außer und neben allem anderen in vier Monaten auszuarbeiten, die tiefe und schmerzliche Enttäuschung, der fressende innere Aerger, den mir die Gleichgültigkeit und Apathie des Arbeiterstandes, in seiner Masse genommen, einflößt, beides war selbst für mich zu viel; ich treibe ein rnetier de dupe**) und ärgere mich innerlich zu Tode, um so mehr, als ich diesem Aerger nicht Luft machen kann und ihn nach innen würgen, oft das Gegentheil behaupten muß." Lassalle war in der That aus jedem innerlichen Gleich- gewicht geworfen, als er 1864 Rigikaltbad zur Kur auf- suchte, und aus diesem Zustand erklärt sich zweifellos zu einem guten Theil sein mitunter befremdendes Verhalten, als plötzlich Helene von Dönniges wieder in seiner Nähe auftauchte und eine verzehrende Leidenschaft weckte, nach- dem der erste gesellschaftliche Verkehr, der bereits vor mehr als zwei Jahren in Berlin stattfand, bei beiden keine tie- feren Spuren zurückgelassen hatte. Die Ereignisse, welche sich an dieses Zusammentreffen anknüpfen, sind genügend bekannt. Helene geht zu ihren Eltern nach Genf, wohin Lassalle sofort nachfolgt, um die Abneigung der in dünkelhasten aristokratischen Vorurtheilen beschränkten Eltern zu brechen; Helene flieht aus dem El- ternhause, Lassalle aber besteht darauf, daß sie zurückkehre. Sie thut es, wird aber bald merkwürdig kühl gegen alle Annäherungsversuche Lassalle's. Dieser wiederum, von seinem beleidigten Stolz zu den wahnwitzigsten Anstren- gungen angefeuert, glaubt Helenen in der furchtbarsten Zwangs- und Nolhlage und setzt Himmel und Hölle— sogar den bayerischen Minister— in Bewegung, um den Vater Helenett's, der bayerischer Gesandter ist, zur Nach- giebigkeit zu zwingen. Als alle Minen gelegt sind, bricht das ganze Gebäude der Entwürfe Lassalle's zusammen, da Helene erklärt, sie habe freiwillig auf Lassalle verzichtet und gedenke ihrem ehemaligen Verlobten, dem dunkellockigen Janko von Rackowitz, treu zu bleiben. Vor aller Welt bloßgestellt und beschämt zu sein, das kann die tödtlich ge- troffene Eitelkeit Lassalle's nicht ertragen; er fordert den Nebenbuhler und fällt von dessen Kugel. Das sind die genügend bekannten Thatsachen, und nun einige Mittheilungen aus den Briefen Lassalle's, welche in diesen Zeitraum fallen. Aus Genf, 5. August 1864, gleich nach Helenen's Rückkehr in's Elternhaus, schreibt er unter anderem an seinen Freund Hollhoff: „Meine Stimmung Ihnen zu schreiben, ist unmöglich. Ich habe fast während zwei Tagen jeden fteien Augenblick benutzt, um— ich schäme mich nicht, es zu sagen, aber es ist entsetzlich— um zu weinen. Was meinen Schmerz gerade bis zum Wahnsinn steigert, ist der Stachel des Vor- Wurfs, den ich mir jeden Moment— ich kann es nicht *) Nach„Lassalle's Leiden. Dargestellt auf Grund einer ver- loren geglaubten Handschriftensammlung mit dem Porträt Helene von Rackowitzas. Berlin, Paul Henmg 1887." Einen ähnlichen Auszug brachten wir bereits früher. **) Das„Handwerk eines Thoren". laffen mit einer fanatischen Grausamkeit in die Flanken drücke! Ich bin mir an allem selbst Schuld! Ich hätte sie nach Italien entführen können und sie wäre heute bereits mein angetrautes Weib. Ich weiß es nicht. Nur das Eine weiß ich: Ich muß Helene haben. Arbeiterverein, Politit, Wissenschaft, Gefängniß, alles ist mir absolut verblaßt in meinem Innern bei dem Gedanken, Helenen wieder zu erobern. mal durchgekämpft, nichts als die schwärzesten Ahnungen in| Am 21. Auguft erhält Lassalle thatsächlich den Absagebrief meiner Brust fühlte. O, ich bin nicht mehr Lassalle, nicht Helenen's, von dem er telegraphisch schon benachrichtigt ein Schatten von mir, ich bin verdammt unterzugehen bei heißt es da diesem Anlaß. Ich heule nach Helenen, wie eine Löwin, war. Ich erkläre Ihnen freiwillig der man ihr Junges geraubt! Ich wüthe gegen mich selbst. und aus voller Ueberzeugung, daß von einer Verbindung Ich fühle mich vernichtet, zu Grunde gerichtet, wie dreimal zwischen uns nie die Rede sein kann, daß ich mich von gerädert! Ich bin gebrochen, gebrochen!! Wer mir jemals Ihnen in jeder Beziehung lossage und fest entschlossen bin, gesagt hätte, daß ich in meinem Alter eine so merkwürdige, meinem verlobten Bräutigam ewige Liebe und Treue zu eine so alle Poetenbeschreibungen, die ich jemals gelesen, weit, weit hinter sich lassende Leidenschaft fassen fönnte widmen." wie würde ich den verlacht haben!" Am 24. August war Lassalle, rachedürftend, schon Das Testament Ferdinand Lasalle's Dies ist mein Testament. Durch Zeitmangel gedrängt, testire ich in Eile durch folgendes olographische Testament, welches in jeder Form, in welcher es am besten Bestand haben kann, aufrecht erhalten werden soll. Zur Erbin meiner Hinterlassenschaft, soweit über dieselbe nicht durch nachstehende Legate und Bestimmungen verfügt ist, sebe ich meine Mutter ein. Zu Testaments= Erefutoren die Herren Rechtsanwalt Holth off und Lothar Bucher in Berlin. Ich vermache hierdurch der Gräfin Sophie von Hazfeldt eine lebenslängliche Leibrente von 1200 Thalern jähr= lich, die ihr unter allen Umständen und primo loco aus meinem Vermögen ausgezahlt werden soll. Ich vermache ferner dem Oberst Rüstow in Zürich eine jährliche Rente von 800 Thalern. Diese soll ihm bis zum Jahre 1870 inclusive ausgezahlt werden, wenn in diesem Jahre mein Antheil an der Dividende der Breslauer GasAktiengesellschaft ei löschen sollte. Sollte aber, wie ich nicht zweifle, im prozessuarischem Wege die Fortdauer meines Anspruchs entschieden werden oder im Wege des Vergleiches ein Aequivalent gezahlt werden, so soll diese Rente lebenslänglich gezahlt werden. Mit den gleichen Bestimmungen vermache ich eine Rente von 566 Thalern Herrn Lothar Bucher in Berlin und eine Rente von 200 Thalern Herrn Kandidat Aleri, Lehrer in Neuruppin. Aus meiner Bibliothek soll sich Herr Lothar Bucher 200 Bände, dann Dr. von Schweizer und Kandidat Aleri jeder 100 Bände auswählen dürfen. Der Rest der Bücher soll meistbietend zu gunsten der Masse versteigert werden. Ich bestimme ferner, daß während der Dauer von fünf Jahren jährlich 500 Thaler dem Sekretär des Allge= meinen deutschen Arbeitervereins in Berlin, Herrn Eduard Willms, ausgezahlt werden, damit dieser sie nach seinem Belieben zur Agitation für den Verein bestens und gewissenhaft verwende. An Willms selbst soll zum Lohne für seine Bravheit eine jährliche Rente von hundertundfünfzig Thalern außerdem aus meinem Vermögen gezahlt werden. Dem Allgemeinen deutschen Arbeiterverein empfehle ich zu meinem Nachfolger den Frankfurter Bevollmächtigten Bernhard Becker zu wählen. Er soll an der Organi sation festhalten! Sie wird den Arbeiterstand zum Sieg führen. Gestern Abend schickte ihr, Vater zwei Verwandte zu mir und ließ mir sagen: Helene sei fort. Das fann eben so gut sein, um mich zu täuschen. Verschiedene Nachrichten, die ich eingezogen, bestätigen es aber. Verschiedene andere aber widersprechen bestimmt. Obgleich ich das ganze Haus mit Spähern umstellt habe, habe ich noch keine Gewißheit und weiß nicht, was glauben! Nicht ein Brief von mir fonnte hineindringen, nicht ein Brief von ihr hinaus seit Wenige Tage darauf reiste Lassalle nach München. wieder in Genf; am 27. August war er davon überzeugt, dem letzten, im ersten Augenblick meiner Ankunft von ihr erhaltenen. Der Vater scheint seine Leute mit eiserner Zucht- Der bayerische Minister des Aeußeren, Richard Wagner, daß die„ kompletteste, unglaublichste Indignität( Unwürdig ruthe zu beherrschen. Er wendet gegen mich die ganze Straft Dr. Hänle, Böckh in Berlin, sie alle sollen ihm beistehen, keit) der Person bewiesen" sei; am 28. August fand das vollster Rücksichtslosigkeit an, während ich der Dummkopf den Widerstand des Vaters zu brechen denn daß Helene Duell statt, am 31. August war die Welt um einen großen war, eine Großmuths- und bürgerliche Anstandskomödie mit ihn aufgeben könne, diese Vermuthung läßt der Stolz Mann ärmer. ihm zu spielen! Daher sein entschiedener Sieg und mein Lassalle's nicht zu. Da trifft ihn die telegraphische Nachverdientes Unglück! In dieser Lage bin ich. Es kann vielleicht noch Tage richt, Helene habe ihm entsagt. Helenen's darauf bezügdauern, bis ich mit Gewißheit erfahre, ob sie hier, ob sie licher Brief trifft sehr verspätet ein und so vergehen Tage lautet nach einer neuerlichen Veröffentlichung folgenderfort ist. Wohin sie in legterem Falle gebracht ist, kann ich der qualvollsten Unsicherheit für Lassalle. Ich habe maßen: hier gar nicht, sondern nur durch Sie erfahren! - schreibt er am 19. August an seine GeSo stehen die Dinge vorläufig! Was ich zu allem Riesenkräfte Anderen noch fürchte, ist, daß es mit der Zeit gelingt, ihren liebte und ich werde sie vertausendfachen, um Dich zu Willen zu beugen. Sie ist schwach, energisch im Moment, erkämpfen. Kein Mensch kann Dich mir entreißen, wenn aber nicht ausdauernd. Ihr legter Brief an mich nach Du fest und treu bleibst. Seit ich daran zweifle, bin ich dem großen éclat mit ihrem Vater ist zwar noch felsen= fest und das Rührendste, was es geben kann( Sie sollen ihn der elendste aller Menschen. Ich leide stündlich tausendin Berlin lesen), aber ich fürchte, das haftet nicht lange, fachen Tod. Und doch, es ist unmöglich! Du kannst wenn sie gar nichts von mir hört. mich nicht verrathen, einen Mann, wie mich, einen Mann, Was nun? der Dich so rasend liebt. Ich bin mit Demantketten an Dich geschmiedet. Ich leide tausendmal mehr, als Prometheus am Felsen. Aber, wenn Du meineidig wirst, nach so vielen Leiden und solcher Liebe gegenüber, so wäre Wiffen Sie ein Mittel? Können Sie gut machen, was die Menschennatur entehrt, man müßte verzweifeln an ein Dummkopf verdorben hat? Wenn Sie irgend etwas für mich thun können, Holthoff, so werde ich Ihnen auf jeder Wahrheit, jeder Treue; Lüge wäre Alles, was eristiert. meinen Knieen danken! Und bedenken Sie, Sie stehen von Dies sagen Alle, die diese blutige Geschichte kennen. Gott und Rechtswegen jest nothwendig ganz und ungetheilt Schreibe mir nur ein einziges Wort, ob Du fest und treu auf meiner Seite. Ich fechte für ein Weib, das mich rasend bleibst, und ich bin gestählt vom Wirbel bis zur Zehe." liebt und das ich jetzt noch rasender liebe, als ich sogar von ihr geliebt werde. Ich muß sie haben, gleichviel was und Und seinen Genfer Freunden schrieb er:„ Wenn dieses wieviel, welche Opfer und welche Beit ich daran sezen sollte! Weib von mir läßt, für das ich so namenlos märtyrere, Ich würde sie durch Verbrechen erkaufen! Alles tritt mir so ist Alles geschändet, was Mensch heißt! Ein Felsenverblassend vor ihr zurück. Ich bin namenlos unglücklich, lieber Holthoff! Wenn herz, das so liebt, so treu aushält, wie das meinige, so zu ein so starkes Herz, wie das meinige, die Selbstbeherrschung zerreißen!... Kurz, gehe ich jetzt zu Grunde, so ist es verliert, dann ist es dreifach namenlos elend! Ich weine nicht mehr an der brutalen Gewalt, die ich gebrochen habe, die ganze Zeit, in der ich dies schreibe. Ich habe unter den sondern wenn sie mir eben vor dem Notar ,, Nein" erentseßlichsten Vorwürfen über meine Loyalitätspinselei auch allen Glauben an mich selbst, allen Stolz verloren und ich flärt statt Ja" und mit mir zu gehen an dem grenzenbreche zusammen, wie ein morsches Brett!" losen Verrath, an dem unerhörtesten Wankelmuth und In dem nächsten Brief, der vielleicht noch an dem- Leichtsinn eines Weibes, das ich weit über alles Maß des felben Tage aus Genf an Holthoff abging, heißt es von Erlaubten hinaus liebe! Es wäre wirklich das Grenzenneuem: Wer mir noch vor drei Tagen gesagt hätte, daß lofeste von Allem, wenn ich deshalb den Minister des ich Helenen so liebe, wie ich es thue, wie ich es jeßt fühle, Aeußeren vermocht habe, ein Kommissariat zu ertheilen dem würde ich in's Gesicht gelacht haben! Sie ist mein und sie mir vor dem Notar sistiren zu lassen, damit sie einziger, einziger Gedanke! Üm sie zu weinen, die einzige mir auch noch das furchtbare Ridikule giebt, mich mit Wollust und Erleichterung, die ich habe! Obgleich fremd einem Mein" abzuweisen. Inzwischen, wenn sie mir den hier, habe ich ihr Haus mit fünffacher Wache, Tag und Dolch in die Brust stoßen will je n'ai rien à dire!*) Nacht, umgeben. Die heutigen Berichte lauten einstimmig, Wenigstens falle ich nicht durch den Uebermuth eines brufie sei noch da, noch nicht verreist, ein Hoffnungsfunken! talen Mannes. Ich kann sie übrigens unter keinen UmAber bloß ein Funken!" ständen für so vollendet schlecht, so furchtbar schlecht, so Am 9. Auguft weiß Lassalle noch nicht, ob Helene grenzenlos schlecht halten." noch bei den Eltern oder fortgebracht ist. Das Bewußt- Der 20. Auguft brachte nichts Neues. Lassalle versein seiner Hilflosigkeit ist es, was den Sieggewohnten am wandte ihn, um seinen Freunden und Helene gegenüber meisten martert: auf's Neue sein Herz auszuschütten. Den ersteren ruft er " Ich, der ich in allen Zuchthäusern und Gefängnissen zu: nach links und rechts hin sofort zu forrespondieren wußte, 3:" Ift solcher Verrath je dagewesen? Habe gerade ich habe noch kein Mittel gefunden, in acht Tagen ihr eine das verdient, das treueste Herz dieser Erde! Ich Uneinzige Beilen zukommen zu laffen. Sogar vor den Bekannten glücklicher! Ich hätte nicht verdient, auf eine so undes Hauses wird sie verleugnet. Man erhält das Gerücht, würdige zu treffen." Der an Helene gerichtete Abschiedsdaß fie fort sei. Donnerstag erklärte mir Sperr N. auf sein brief ist vollends um Steine zu erweichen.„ Ich schreibe Ehrenwort, daß sie schon Vormittag fort sei- und Sonnabend Abend ist es mir gelungen, fie mit eigenen glücklichen Dir, den Tod im Herzen. Du, Du verräthst mich! Es Augen zu sehen, sie zu grüßen und von ihr gegrüßt zu ist unmöglich! Noch, noch kann ich an so viele Felonie, werden. Man hält zwar beharrlich allen Menschen gegen- fo furchtbaren Verrath nicht glauben. Man hat Deinen über das Gerücht aufrecht, sie sei fort( in Seebädern des Willen vielleicht momentan gebeugt, gebrochen, Dich Dir Nordens, früher hieß es bei einem Verwandten in Kulm), und möglich freilich wäre es, daß sie seit Sonnabend Abend selbst entfremdet; aber es ist nicht denkbar, daß dies Dein fort ist. Aber alle Anzeichen deuten doch darauf hin, daß wahrer, Dein bleibender Wille sei. Du kannst nicht jede sie noch hier ist. Scham, jede Liebe, jede Treue, jede Wahrheit von Dir Sie sehen, theuerer Freund, es bleibt mir nichts übrig, geworfen haben bis zu diesem äußersten Grade! Du als mit dem Kopf gegen die Wand zu gehen, und diesmal würdest in Berruf gebracht und entehrt haben Alles, was ganz gewiß wird entweder Wand oder Kopf zerschellen. Lüge wäre jedes bessere Gefühl, Eine eiserne Ruhe und Schmerzlosigkeit ist seit gestern Menschenantlig trägt Abend über mich gekommen. Gestern hatte ich noch den und wenn Du gelogen hast, wenn Du fähig bist, diesen furchtbarsten Ausbruch von Thränen, so daß ich wie ein letzten Grad der Verworfenheit zu erreichen, so heilige Seit heute bin ich zu Eisen geworden, fühllos gegen mich Eide zu brechen, und das treueste Herz zu zerstören selbst, nur noch ein eiskalter Körper, gewordener Wille. unter der Sonne gäbe es nichts mehr, woran irgend ein Mit der Ruhe eines Schauspielers werde ich diese Partie Mensch noch glauben dürfte! Du hast mich mit dem zu Ende spielen. Ich habe mir mein Ehrenwort gegeben, Willen erfüllt, nach Deinem Besiz zu ringen; Du hast_ge= an dem Tage, wo ich Helene für verloren geben muß, mir eine Stugel durch den Stopf zu jagen. Ich habe laut meinen fordert, zuerst alle konvenablen Mitteln zu erschöpfen, statt Freunden dies auf mein Ehrenwort erklärt, und Sie werden Dich von Wabern zu entführen; Du hast mir die heiligsten so gut wissen, wie meine anderen Freunde, daß dies von Eide mündlich und schriftlich geschworen, auszuharren für Stunde an eine unwiderruflich beschlossene Thatsache ist. immer und felsenfest zu bleiben; Du hast mir noch in Grade aus diesem Gedanken habe ich die große und furchtbare Ruhe gesogen, die sich jetzt meiner bemächtigt hat. Ich Deinem letzten Schreiben erklärt, daß Du nichts, nichts Die Gräfin Haßfeld führte Lassalle's Leiche auf einem habe die Inventur meines Lebens gemacht. Es bist, als mein liebendes Weib und keine Gewalt der Erde Rheindampfer nach Köln, um sie von dort nach Berlin war groß, brav, wacker, tapfer und glänzend Dich abhalten soll, diesen Entschluß auszuführen. genug. Eine fünftige Zeit wird mir gerecht zu und nachdem Du dies treue Herz, das, wenn es sich ein- zu bringen und daselbst nach iſraelitischem Ritus begraben werden wissen. Und ich werde also Helene haben oder zu lassen. überhaupt nicht mehr sein und also auch nicht leiden. Ich mal ergiebt, fich für immer ergeben hat, gewaltsam an habe also in feinem Fall etwas zu verlieren. Das ist der Dich gezogen schleuderſt Du mich, nachdem der Kampf langer Zeit gestorben) erhob Einspruch dagegen, und so faum begonnen, nach winzigen vierzehn Tagen hohnlachend Noch an demselben Tage wird Lassalle fälschlich be- in den Abgrund, verräthst und zerstörst mich? Ja, es nahmen in Köln bei der Landung zwei Polizeioffiziere den richtet, Helene sei abgereist. Mit aller scheinbaren Ruhe ist wäre Dir gelungen, was nie einem Schicksal gelang, Du Sarg in Beschlag und dirigirten ihn nach Breslau. Dort, auf dem israelitischen Friedhofe liegt Lassalle es jetzt wieder vorbei. Er schreibt sofort an den Freund: hättest den härtesten Mann, der allen äußeren Stürmen " Staum habe ich heute Mittag meinen langen Brief an stand, ohne zu zucken, zertrümmert, zerbrochen! Diesen begraben. Ein schlichter Stein ziert seine Ruhestätte. Der Stein trägt die Inschrift: Strömen und Strömen von Thränen Ihnen zu schreiben! Verrath könnte ich nicht überwinden! Ich wäre von innen „ Hier ruhet, was sterblich war von Meine fünftliche Ruhe von heute früh ist einer furchtbaren heraus getödtet! Du würdest meinen furchtbaren Haß und Ferdinand Lassalle Nachricht erlegen. Meine Leiden find unbeschreiblich. Ich die Verachtung einer Welt verdienen! Helene! Mein Schickwante, ob ich nicht lieber gleich in den See laufen und mir sal steht in Deiner Hand! Aber wenn Du mich zerbrichst dadurch die Höllenqualen vieler Wochen, die zuletzt doch unDas Grab wird alljährlich von sozialdemokratischen nüz bleiben, ersparen soll. Sie kennen mich sonst, lieber durch diesen bübischen Verrath, den ich nicht überwinde, Holthoff. Sie wissen, daß etwas Mannheit in mir ist so möge mein. Loos auf Dich zurückfallen und mein Fluch Arbeitern mit Blumen und Kränzen geschmückt. In Arwo ist sie hin bei diesem Anlaß? Was ich leide, ist so Dich bis zum Grabe verfolgen. Es ist der Fluch des beitervereinen singt man das Lied: schrecklich, daß man einen Mord lange damit abgebüßt haben treuesten, von Dir tückisch gebrochenen Herzens, mit dem würde! Ich verzweifele! Merkwürdig, daß ich, der ich sonst Du das schändlichste Spiel getrieben. Er trifft sicher." von den thörichtesten Siegeshoffnungen in den schwierigsten und verzweifelsten Fällen meine Brust stets geschwellt fühlte, diesmal vom ersten Augenblick der Katastrophe an, in einem Fall, verhältnißmäßig weit leichter, als ich ihn sonst hundertKind unter der Gewalt meines Schluchzens zusammenbrach. tiefe Trost, der mich stärkt und beruhigt." Sie abgeschickt, so size ich jetzt Nachts schon wieder ba unter Die weiteren Geschehnisse sind zur Genüge bekannt. *) Wörtlich: Ich habe nichts zu sagen. Herrn von Hofstetten vermache ich meine sämmtliche Waffen, sowohl die auf den drei Waffenschilden als die anderen. Dem Rechtsanwalt Holthoff vermache ich meine marmorne Minerva sowie Piedestal und eine Summe von 2000 Thalern. Herrn Hans von Bülow vermache ich meinen Apollo nebst Untersaz, Lothar Bucher den Satyr, alle meine Alas basterſtatüen der Gräfin. Meine sämmtlichen Briefschaften und Papiere der Gräfin. Die gelehrten und schriftstellerischen Aufsäße und Notizen soll sie an Bucher ausliefern. Das Eigenthum an meinen sämmtlichen schriftstellerischen und gelehrten Werken vermache ich Herrn Lothar Bucher. Mein sämmtliches Silbergeschirr soll zwischen meiner Mutter und der Gräfin gleichgetheilt werden. Alles Mobiliar, worüber vorstehend nicht besonders verfügt ist, wird zu Gunsten der Masse versteigert. Die Kosten seiner Reise nach Genf und zurück nach Berlin sollen Herr von Hofstetten aus der Masse ersetzt werden. Dr. Gustav Schoenberg in Stettin soll sich noch, nach den obengenannten, 100 Bände aus meiner Bibliothek wäh= len können. An Georg Herwegh soll ein Legat von 100 Napoléons gezahlt werden. In sehr großer Eile und durch den Zeitmangel an sorgfältigerer Ausarbeitung gehindert, habe ich dies Testament hier in Genf, wo der Kode Napoléon gilt, als olographisches Testament aufgesezt, wiederhole aber, daß es in jeder Form gelten soll, in der es am besten bestehen kann. Eigenhändig geschrieben und unterschrieben. Genf, 27. Augast 1864. ( Signé) Ferdinand Lassalle. Enregistré à Genève le trois Sept. 1864 v. 95 Nr. 643 recu deux francs cinquante centimes. ( Signe) Mercier. Lasalle's letzte Ruhestätte. Allein Lassalle's Mutter( sein Vater war vor nicht dem Denker und Kämpfer." In Breslau ein Kirchhof, Ein Todter im Grab, Dort schlummert der Eine, Der Schwerter uns gab." Berantwortlicher Redakteur: Max Schippel, Berlin.- Druck und Berlag: F. Posekel, Berlin 2. O., Dranienstraße 23.