Wiks Berliner ü ribiim. Sozial-Politisches Wochenblatt. Spießbürgerliche Zlef-rmideen znr Lösung der sozialen Frage.— Znr„Sozialreform" — Der Kapitalist als Denker.— Offenbarnng — Zigennerfttten.— Konlanger.— Käcker elend.— Alkohol.— Christliche Ausbeutung in Indien.— Produktion und Technik.— Gedicht.— Uonelle.— Ans meinem Kauern fpiegcl.— Kerlinrr Arbeiter- stildnng.— Der Kapitalmerth des landliche« Grnndbestkes. Spießbürgerliche Reformibeen zur Kösung der sozialen Frage. i. §. Die Existenz der sozialen Frage wird heute kaum noch von irgend welcher Seite ernsthaft bestritten. Verheimlichung und Vertuschung des furchtbaren Elends und der dampfen, entnervenden, Geist und Körper todtcn- den Misere, worin breite Gesellschaftsschichten schmachten, sind längst unmöglich geworden. Dazu liegen die'Miß- stünde zu offen da, und die nicht offizielle Anerkennung derselben seitens der Bourgeoisie, sowie die offizielle seitens der Regierung inußte früher oder später erfolgen und ist erfolgt; zwar in einer Weise, die Umfang und Intensität des sozialen Elends möglichst abzuschwächen sucht, aber nichtsdestoweniger ist die Existenz der sozialen Frage keine Frage mehr. Darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Die soziale Frage ist jedoch nicht allein eine Frage der ausgebeuteten und unterdrückten Klasse. Sie ist kein Phänomen, welches derjenige, der das soziale Elend nicht am eigenen Leibe empfindet, als Unbetheiligter aus geniüthlicher Entfernung verfolgen kann, etwa wie man im Theater ein Schauspiel behaglich in seinem Parquet- sitz zurückgelehnt in aller Ruhe durch das Opernglas betrachtet. Das Elend ist nicht nur das Elend, es be- deutet zugleich die schließliche Empörung des Elenos. Die soziale Frage ist daher nicht nur eine Existenzfrage der unterdrückten Klaffe, sondern auch eine Existenz- frage der herrschenden Klasse. Diese unangenehme Kehrseite der Medaille kommt der herrschenden Klasse immer mehr zum Bewußtsein, sie müßte denn ihre Augen verschließen. Gleichviel, ob sie es für Recht hält oder nicht, daß das Proletariat immer dringender und ungeduldiger seine Forderungen stellt, sie muß mit den Thatsachen rechneu. Die�Dinge werden ernsthaft. Die proletarische Bewegung schwillt beständig, besonders bei uns immer drohender, fast springfluthartig. Es muß unbedingt etwas geschehen, das sehen sie ein. Aber was? Darum handelt es sich. Ja, zum Teufel, was in aller Welt? Gewalt- und Unterdrückungs- Maßregeln haben schmählich Fiasko gemacht, damit geht es also nicht. Dieser schöne Ausweg ist leider als aussichtslos ver- wmmelt. Eine andere Antwort auf die proletarischen Forderungen scheint erforderlich. Nunmehr stehen die kleinen und die großen Bourgeois erst recht vor einem unlösbaren Räthel. Eines steht aber fest: Zur Erfüllung der Proletarischen Forderungen werden sie sich nicht ver- stehen; niemals werden sie sich zur Annahme eines Vor- schlages verstehen, der sie ihre soziale Position als Bourgeois opfern müssen. Aber auch Konzessionen, welche die Jntereffenkreise der Bourgeoisie mir im Entferntesten stören könnten, sind von derselben nicht zu erwarten. Sie wiedersetzt sich standhaft selbst denjenigen Forderungen, die durchaus auf dem Boden der heutigen Gesellschaft stehen, die Grund- Ursache der heutigen Misere gar nicht berühren. In dieser Hinsicht unterscheidet sich unser Kleinbürgerthum kaum von unserem Großbürgerthum, trotzdem gewisse starke wirthschaftliche Gegensätze zwischen beiden existiren, und in anderen Ländern bei der vorliegenden Frage auch zum Ausdruck gelangen. Bei uns hingegen nimmt Kleinbürger- thum wie Großbürgerthum in dieser Frage denselben bornirten Standpunkt ein, und wenn irgendwo, so ist hier der deutsche Proletarier dazu berechtigt, seine ge- sammte Gegnerschaft als reaktionäre Masse zu bezeichnen, wiewohl sich seine politische Taktik nicht hiernach, sondern nach den jeweilig vorhandenen Umständen richten mag. Unserm Spießbürger stellt sich die soziale Frage daher als das alte Problem dar, den Pelz zu waschen, aber ihn nicht naß zu machen. Gewiß, man kann seiner Versicherung unbedingten Glauben schenken, daß er die soziale Frage nur zu gern aus der Welt schaffen möchte. Das geschieht in der Erkenntniß, daß seine Ruhe und Sicherheit davon abhängen. Denn nicht etwa nur das Mitgefühl für die Bedrückten, welches wirklich vorhanden sein mag, sondern das eigene Klaffeninteresse gebietet ihm, irgend etwas zu thun. Aber seine bornirte Vorstellungs- welt, die auf einer unglaublichen Unkenntniß der faktischen Verhältnisse beruht, verhindert ihn, die tiefer liegenden Ursachen des Massenelends zu erkennen, und sein Klassen- egoismus macht es ihm zudem unmöglich, auch nur das kleinste Opfer zu bringen. Jeder Vorschlag ist annehm- bar, wenn es nur kein Opfer oste!. Klassenbvruirtheit und Klassenegoismus sind daher jedem Resormplane an die Stirn geschrieben, der von dieser Seite gemacht wird, gleichgültig, ob er in gutem Glauben an seine Wirksam- keit ausgeheckt wurde oder nicht. Da der Spießbürger nicht den inneren Zu- sammenhang in dem wirthschaftli chen Elend sieht, welches auf allen Gebieten des gesellschaft- lichen Lebens zugleich hervorbricht, so faßt er jede Erscheinung als Einzelerscheinung, sucht sie allein aus ihr selbst zu erklären und dem- gemäß auch zu kuriren, ohne sich an die tiefer liegende, immerfort wirkende Ursache derselben zu kehren. Er sieht nicht ein, daß eine Maßregel, soll sie anders den gewünschten Erfolg haben, wieder eine andere umfassendere Maßregel erheischt, diese wiederum eine andere und sofort, bis er zuletzt vor einem gesell- schaftlichen Gebäude steht, welches auf einer gänzlich anderen Grundlage ruht als das jetzige. Diese Konsequenzen zu ziehen ist der Spießbürger vollständig unfähig. Anstatt: Weg mit dem ganzen System! heißt es bei ihm: Hier ein Pflästerche:! da ein Pflästerchen, und von den armseligsten Bagatellen er- wartet er Wunderwirkungen. Wir haben es hier nicht mit den akademischen Weihe- Priestern und Klopffechtern der heutigen Wirthschafts- Ordnung zu thun. Man merkt ihrem hohlen sittlichen Pathos zu sehr das Gemachte, Einstudirte, mit Fleiß und allerhand Rücksichten Zusammengedrechselte an. Die eigentliche und ursprüngliche Denkungsweise des Spieß- bürgerthums kommt bei ihnen nicht zum Ausdruck. Eine kürzlich erschienene Broschüre, welche den Titel führt:„Elend und Zufriedenheit, über die Ursachen und Abhilfe der wirthschaftlichen Roth" von Leopold Heller (Dresden und Leipzig, 1890.) ist dagegen ein vortreff- liches Beispiel jener Litteratur, welche die Ansichten des bornirt naiven Spießbürgerthums über die Lösung der sozialen Frage vertrittt. Der Verfasser verkörpert in sich die Gestalt eines idealen Durchschnittsspießbürgers, einerseits insofern, als er an geistiger Fähigkeit und Be- weglichkeit, an 5lenntmß und Verständniß der wirklichen Welt weder über noch unter dem Niveau des gewöhn- lichen Durchschnittsspießbürgers steht, andererseits in- sofern, als er sich die verschiedensten Rezeptchen und Mixtürchen, die das Hirn seiner Mitspießbürger zur Heilung der vielen Wunden am heutigen Gesellschafts- körper erfand, unterschiedslos zusammengeborgt hat. Daß sein Buch an Unbedeutendheit nichts zu wünschen übrig läßt, ist selbstverständlich, aber als Gedankenausdruck einer gewissen Klasse verdient es immerhin Beachtung. Eine soziale Frage als einheitliches Ganzes kennt Heller, wie schon oben von dem Spießbürgerthum im Allgemeinen ausgeführt wurde, natürlich nicht, da ihm der innere Zusammenhang zwischen den verschiedenen Er- scheinungen, in denen sich das wirthschaftliche Elend do- kumentirt, verschlossen bleibt. Er sieht daher so viele soziale Fragen, als er Uebel in unserer Gesellschaft ent- decken kann. Die Ueberarbeit, die Arbeitslosigkeit, die Wohnungsüberfüllung, die industrielle Ueberproduktion, die miserable Ernährungsweise der unteren Klasse, der Luxus der oberen Klasse, der Alkoholismus u. s. w., sind ihm lauter besondere soziale Fragen, die er auch demgemäß jede besonders löst mit Rezepten, deren Ge- meinsames für seine Anschauung allein darin besteht, daß sie„natürlich",„naturgemäß" sind. Hören wir den Herrn an! Die soziale Frage ist„zuerst eine Magen- frage, da die Befriedigung des Hungers alle andern menschlichen Triebe in den Hintergrund drängt". Un- zweifelhaft. Sie ist die Frage der Fragen. Heller läßt es nicht an kräftigen Worten fehlen, um die herrschende: Roth zu schildern: „Ungezählt ist der Jammer derjenigen, welche im Bestreben, ihrer Familie das tägliche Brot zu schaffen, grau werden vor Sorgen, welche verzweifeln im Kampfe unis Dasein.' Biete Exch.c-izei. dco Mi�elsianftes gehcli alljährlich zu Grunde und vermehren das Proletariat. Viele leiden Hunger; dabei ist das Getreide unverkäuflich" u. f. w. Die Magenfrage handelt es sich nun zu lösen. In diesem kritischen Moment greift jeder Spießbürger, durch die vorangegangenen kräftigen Worte geängstigt, unwill- kürlich nach seinem Beutel. Zur allgemeinen Belehrung uitd Beruhigung bemerkt unser Autor jedoch vorher: „Wir verstehen unter sozialen Reformen nicht, daß man dem einen nehme, um dem anderen zu geben, wie sich, zu ihrem Schrecken, zuweilen die besitzenden Klassen die sozialen Reformen vorstellen." Die Magenfrage hat also mit dem Geldbeutel nichts zu thun. Ihr werdet sagen, die Magenfrage, das ist doch in erster Linie eine Einkommenssrage, eine Frage nach der Höhe des Einkommens, für die Arbeiter also äugen- blicklich eine Lohnfrage:c. Ei, eben dies bestreitet Heller; Nichts einfacher als zu beweisen, daß die Magenfrage nicht eine Einkommensfrage ist.„Der Bericht des Brünner Gewerbe-Jnspektors, Herrn Cerveny, konstatirt, daß die Arbeiter ihren Verdienst vielfach für nutzlose Genußmittel verausgaben und sich daher schlecht nähren. Aber man findet auch im Bürgerstande Familien, welche bei verhältnißmäßig großen Ausgaben ihre verlorenen Körperkräfte ungenügend ersetzen. Der Statistiker Engel erbringt sogar Fälle von Hungertyphus in den höheren p reußischen Beamteufamilien." Ein schlagender Beweis! Es ist nach Heller somit klar, daß die Ernährung keineswegs vom Einkommen be- stimmt wird. Die Magenfrage ist eben eine Magenfragc, das heißt eine Frage des Magens, die nur den Magen angeht, wie schon der Name sagt. Zwar kommt Heller auch flüchtig einmal auf„Hungerlöhne" zu sprechen, wo- durch der hungernde Magen doch in bedenklich nahe Be- ziehung zu den Löhnen gesetzt wird. Aber das macht weiter nichts. Denn die Magenfrage gehört zur Sozial- reform; Sozialreform aber bedeutet doch nicht,„daß man dem einen nimmt, um dem anderen zu geben". Natürlich, sonst würde das Prvudhon'sche: Eigenthum ist Diebstahl gar zum Seitenstück erhalten: Sozialreform ist Diebstahl. Und das würde die Sozialreform kompromittiren. Man sieht, das oben gestellte Problem des zu waschenden Pelzes wird glänzend gelöst. Die Lösung der Magenfrage kostet erstens der besitzenden Klasse nicht einen Pfennig; zweitens aber wird dieselbe, was ja für die Ruhe der besitzenden Klasse äußerst wichtig ist, wirk- lich gelöst. Denn die Magenfrage liegt, wie gezeigt wird, nicht am Portemonnaie, sondern am Speisezettel. Kurz, die Lösung für die erste Theilfrage der sozialen Frage heißt Vegetarianismus, zu deutsch„naturgemäße Lebensweise",„die Philosophie der Bescheiden- heit", wie Heller wörtlich sagt. Wenn ganze Gesellschaftsklassen keine gesunde und ausreichende Nahrung erhalten, so liegt das nach Heller an der höchst unzweckmäßigen Verwendung der Ausgaben. Wozu die theure Fleischnahrung, wenn man sich mit anderer weit besser und billiger nähren kann? Es folgt nun ein begeistertes Loblied auf den Vegetarianismus, eine Ode aus das Grahambrot, auf das Zukunftsbrot aus Holzmehl und Kleie, auf das Obst, Hülsenfrüchte k, Der Verfasser„erinnert an die italienischen Arbeiter, an die norwegischen Bauern, an die herkulischen und männlich schönen Lastträger von Konstantinopel, welche Klaviere und eiserne Kassen auf ihren Schultern tragen, an die griechischen Bootsleute, an die japanesischen und chinesischen Schnellläufer und endlich an das älteste Kulturvolk, die Jndier, welche bei einer mitunter sogar ärmlichen Nahrung ausdauernd, gesund und relativ glücklich sind". Was die Millionen verhungerter Baum- wollweber in Indien anbetrifft, so haben diese wahr- scheiulich den Vegetarianismus so weit getrieben, ihre Nahrung auf die in der Luft herumfliegenden Pilze, Bazillen und andere Mikroorganismen zu beschränken. Das war freilich ein Fehler. Daß der von einer Hand voll Reis lebenden chinesischen Kulis bei der weiteren Aufzählung nicht vergessen wird, ist selbstverständlich. Wir vermissen nur den Riesen Drasal und den Schnell- läufer Käpernick. Das ist aber schließlich überflüssig, da wir erfahren, daß die Kulis„die höchste Stufe der Kultur" repräsentiren! Endlich beruft sich Heller auf die Nationalökonomen(?), welche so wie so die Verdrängung der Fleischnahrung durch die Pflanzennahrung als wirthschaftliches Gesetz anerkennen. Zum Beweise führt er an, daß nach statistischem Ausweise in Wien in den letzten 15 Jahren trotz gestiegener Bevölkerung, der Fleischkonsum abge nommen hat. Daß etwa der Grund des abnehmenden Fleisch- konsums die zunehmende Zahlungsunfähigkeit der Kon- sumenten sein kann, das fällt unserem Autor nicht im Traume ein. Auch läßt er es ununtersucht, wie weit sich überhaupt der Fleischkonsum dort erstreckt, wo die Magenfrage herrscht. Er würde dann finden, wie dort die Magenfrage existirt, obwohl bei denen, die unter ihr leiden, der Vegetarianismus zwangsweise längst eingeführt ist. Dies beweist natürlich nichts gegen den Vegetaria- nismus, sondern es beweist, daß die nothleidenden Klassen trotz der„billigen, nahrhaften" vegetarianischen Nahrung ihren Magen nicht in ausreichendem Maße zu beiriedigen im Stande sind. Man denke nur an die sächsischen und schlesischen Leineweber, die eingefleischtesten Vegetarianer(man ver- zeihe den Widerspruch), die ihr Früh-, Mittag- und Abendmahl in einerlei Gestalt, nämlich in Gestalt der Kartoffel- einnehmen, und Fleisch nur von Hörensagen kennen. Sollte man nicht da fast meinen, Herr Heller, daß der Geldbeutel doch etwas mit der Magenfrage zu thull hat? Ei was, wird er antworten; warum muß es just die Kartoffel sein? Warum nicht Maisbrei?„Man findet unter den Bauermädchen die schönsten Geschöpfe und die von Maisbrei lebenden Rumäninnen in Sieben- bürgen sind, mit wenigen Ausnahmen, mit blühender Schönheit bedacht." Gott sei Dank! Zur„Sozialreform". Braun's„Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik" bringt aus der Feder eines juristischen Universitätslehrers(Löwenfeld, Rechtsauwalt uüd Docent in München) eine eindringende und vernichtende Polemik gegen die reaktionären Bestimmungen der von der Re- gierung eingebrachten Novelle zur Gewerbeordnung. Der Aufsatz ist nun auch als besondere Broschüre erschienen. Die energische und rücksichtslose Wahrung des Arbeiter- interesses macht das Büchlein zu einer bedeutsamen Er- scheinung unter der übrigen Kathederliteratur. Es ist besonders die für den„Kontraktbruch" der Arbeiter ge- plante„Buße" und die drakonische Bestrafung aller bei der Streikagitation vorkommenden Unregelmäßigkeiten, gegen die sich das juristische Gewissen des Verfassers auflehnt. Wir theilen aus seinen Ausführungen im Folgenden einige markante Stellen mit: „Wäre es denn wirklich sittliche Energie, wenn ein Arbeiter, um dem Fabrikanten den Vertrag zu halten, sein Kind verhungern ließe oder zum Betteln auf die Straße schicken würde; wäre es sittliche Energie, wenn eine Arbeiterin, welche nur die Wahl zwischeu Vertrags- bruch oder Prostitution hat, die letztere wählen würde, um die Vertragstreue zu bewahren? Und wenn, wie die Untersuckiung der Lage der Arbeiterinnen in den größeren Industriestädten gezeigt hat. viel tausendmal die Prostitution die Ergänzung des Existenzminimums liefern muß. welches durch die Gegenleistungen der Unternehmer für die ehrliche Arbeit nicht vollständig geboten wird: wäre es dann sittliche Energie, wenn Arbeiterinnen um den Preis der Fortsetzung der Prostitution vertragstreu blieben? Hier wäre nach dem Urtheile jedes sittlich Denkenden die Vertragstreue die größte Unsittlichkeit. Troydem aber empört sich das„öffentliche Rechtsgefühl" der Novelle, das keine Ausnahme kennt, auch über solchen Vertragsbruch und verhängt zur Sühne desselben eine „Buße" über die Aermsten, während eine Buße nicht für nothwendig erachtet wird für die Jeunesse doröe, die ihre Schulden nicht bezahlt, für den Kavalier, der auf Kosten seiner Lieferanten lebt, für den gewissenlosen Rouö, der die Verführung und den Bruch von Ehe- versprechen als Geschäft betreibt..... „Jenes angebliche�,, öffentliche Rechtsgefühl" ist ledig- lich eine Erscheinungsform des wirthschaftlichen Egoismus. Dem wirklichen Rechtsgefühle widerspricht es aber im höchsten Grade, daß die Arbeiter, auch wenn ihr etwa subjektiv und objektiv festgestellter Vertrags- bruch keinerlei Schaden angerichtet hat, dem betreffenden Unternehmer je nach der Länge der Vertragsfrist zu einer Buße auf die Höhe des ortsüblichen während sechs Wochen zu verdienenden Tagelohns verurtheilt werden können.... „Roth, Elend, die Unmöglichkeit, anders das Existenz- Minimum zu beschaffen, werden indeß schwerlich jemals von Fabrikanten zur Entschuldigung von Vertragsbrüchen gegenüber ihren Arbeitern angeführt werden können. Anderseits aber kann der Vertragsbruch des Arbeitgebers dem Arbeiter nicht blos eine diesem geschuldete Geld- summe auf Zeit entziehen, sondern auch die Existenz des Arbeiters vernichten; die Entlassung aus dem Arbeits- verhältniß kann für den Arbeiter bedeutenden Scbaden z. B. dadurch herbeiführen, daß er eine Wohnung in der Nähe der Fabrik, wenn er im Orte keine Arbeit mehr findet, nicht mehr brauchen kann, aber bezahlen soll, daß ihm, wenn er dies nicht kann, seine Habseligkeiten retinirt, und er vor Auffindung einer anderen Arbeitsgelegenheit und Wohnung auf die Straße gesetzt wird; Frau und Kinder können an ihrer Gesundheit leiden; er kann in der dringendsten Zeit des Rechts als Unterstützungskassen-, Krankenkassen-, Jnvalidenkassenmitglied verlustig gehen; die unerwartete Entziehung der Existenzmittel kann, ab- gesehen von schweren Sorgen, die sich daran knüpfen müssen, für den Arbeiter und dessen Familie überhaupt ähnliche Schäden herbeiführen, wie wenn dem Unter- nehmer plötzlich alle und jede Existenzmittel entzogen würden, was durch den Bruch des Arbeitsvertrages seitens der Arbeiter gegenüber dem Unternehmer nicht wvh möglich ist. Diesen Unterschied hebt auch gegenüber dem Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich Dr. Viktor Mcrtaja in einer Kritik dieses Gesetz- buches treffend hervor, indem er ausspricht,„daß mit der formalen Gleichbehandlung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch durchaus nicht die Gleich- berech tigung oder der gleiche Schutz her- gestellt sei-, daß überhaupt die unterschiedlose Auf- fassung von beiden als„vertragsschließenden Theilen" den Bedürfnissen des Lebens nicht zu entsprechen ver- mag.".. Während der Vertragsbruch der Arbeiter .in nicht wieder zu beseitigendes Unrecht sein soll, ist der Vertragsbruch des Unternehmers nichts anderes als eine Verschiebung der einzigen diesem obliegenden Leistung, der Geldzahlung, auf eine spätere Zeit, ein Verzug, der jederzeit wieder gehoben werden kann und dann als nicht geschehen gilt. Mit anderen Worten, der Arbeiter wird als Kapitalist behandelt, für welchen der Verzug des Schuldners höchstens das Anwachsen der Verzugszinsen begründet, für welchen es aber im Grunde ganz gleichgültig ist, ob er heute oder über ein Jahr bezahlt wird. Den ausständigen Arbeitslohn kann man allerdings dem Arbeiter voll ausbezahlen, und diesen bekommt er ja auch wenigstens theilweise durch die„Buße", die der Arbeitgeber ihm zu bezahlen hat, so daß der Arbeiter wenigstens darüber keine Erörterungen pflegen muß, daß er während der Rest-Zeit des vom Unternehmer ge- brvchenen Vertrages keine andere Stelle finden konnte. Aber wer zahlt ihm— im Schadenersatzprozeß kann er dafür nichts bekommen— die Entbehrungen, die Sorgen, die nicht nachweisbaren Störungen und Schädigungen der Gesundheit, den Kummer der Familie und was sonst an schlimmen Erfahrungen in solchen Fällen gemacht werden kann, ganz abgesehen davon, daß der Arbeiter auch und nicht minder als der Unternehmer an seinem Rechtsgefühl sich verletzt fühlen kann—? Darum glaube ich nicht, daß, wenn einmal für Vertragsbruch Buße sein soll, diese Buße für den Arbeiter wie für den Unternehmer in gleicher Höhe bemessen werden könnte. Das hieße ungleiches Unrecht und ungleichen Schaden gleich setzen.... „Noch mehr! Die Novelle zur Gewerbeordnung, der Novelle, welche das Arbeiterschutzrecht vervollkommnen und so eine positive Sozialpolitik verwirklichen will, verrichtet das Werk der Vernichtung der Koalitions- freiheit der Arbeiter auf dem Wege angeblicher Be- schützung dieser Freiheit. „Was den Rechtsschutz der Koalitionsfreiheit angeht, so war dieser bisher ein ungenügender. Dafür zwar, daß diese Freiheit für die T h e i l n e h m e r an Koalitionen nicht zum Zwange werde, und dafür, daß die Freiheit der Koalition nicht zum Zwang zur Koalition werde, hat die Gewerbeordnung ausreichend gesorgt. Dagegen war und ist die zwangsweise Ver- Hinderung der Ausübung der Koalitionsfreiheit vollkommen straflos, sofern nicht die That schon nach dem Strafgesetzbuch als Delikt(strafbares Vergehen) sich darstellte, in welchem Fall natürlich die Richtung des Deliktes gegen die 5loalitionsfreihcit keinen Straf- aufhebungsgrund bildet. Infolge dessen können ver- schiedene Unternehmerverbände zur Zeit einen offenen Krieg gegen die Koalitionsfreiheit der Arbeiter und damit gegen das Gesetz in Szene setzen und zwar mit rechtswidrigen Mitteln, ohne daß das Gesetz eine Handhabe gegen solche Ver- höhnung seiner Normen bietet. In Hamburg hat eine Reihe von Unternehmervereinigungen unternommen, den Arbeitern die Vertragsbedingung des Austritts aus den Fachvereinen aufzuerlegen. Daß solche Vertrags- bestimmungen gegen die guten Sitten verstoßen und als unsittlich nichtig sind, bedarf keines Beweises. Das ver- hindert aber nicht, daß dieses verwerfliche Treiben that- sächlich Erfolg hat. „Wir lesen, daß der Zwang, welcher in Hamburg von den Unternehmern geübt ward, auch außerhalb Ham- burgs vielfache Nachahmung findet, und daß hiebei nicht blos Fabrikanten, sondern auch Handwerksmeister sich betheiligen, so Metzgermeister, Töpfer, Klempner, Dach- deckermeister u. f. w. Man darf wohl sagen, daß ein solcher Fall weitester Verbreitung offen rechtswidrigen Verhaltens und brutaler Vergewaltigung des Rechts in Deutschland bisher ohne Beispiel war. Und dagegen bietet nicht blos das bisherige Recht absolut keinen Schutz— denn die bloße rechtliche Nichtigkeit des Ver- Haltens hebt die thatsächlichen Wirkungen nicht auf— sondern ebensowenig der Entwurf der Novelle zur Ge- Werbeordnung. Um so auffälliger gegenüber dieser voll- kvmmenen G l e i ch g i l t i g k e i t des bisherigen und des mu projektierten Rechts gegenüber der Berge wal- tigung der Koalitionsfreiheit auf deren eigenstem Gebiete sind die wahrhaft drakonischen Maß- nahmen, welche der Entwurf der Novelle für er- forderlich hält gegen das entfernteste Unternehmen des Zwangs zur Koalition. „Der§ 153 der Gewerbeordnung enthält nach Artikel IV, Ziffer 12 des Entwurfs der Novelle folgende Fassung:„Wer es unternimmt, durch Anwendung kör- perlichen Zwanges, durch Drohungen, durch Ehrver letzungen oder durch Berrufserklärung 1. Arbeiter oder Arbeitgeber zur Theilnahme an Verabredungen der in§ 152 bezeichneten Art zu bestimmen oder am Rücktritt von solchen Verabredungen zu hindern, 2. Arbeiter zur Einstellung der Arbeit zu bestimmen oder an der Fort- setzung oder Annahme der Arbeit zu hindern. 3. Arbeit- gebcr zur Entlassung von Arbeitern zu bestimmen oder an der Annahme von Arbeitern zu hindern, wird mit Gesängniß nicht unter einem Monat bestraft. Ist die Handlung gewohnheitsmäßig begangen, so tritt Gefäug- niß nicht unter einem Jahre ein. Die gleichen Straf- Vorschriften finden auf denjenigen Anwendung, welcher Arbeiter zur widerrechtlichen Einstellung der Arbeit oder Arbeitgeber zur widerrechtlichen Entlassung von Arbeitern 1 öffentlich auffordert." „Man wird zunächst bemerken, daß derjenige, welcher „es unternimmt, durch Anwendung körperlichen Zwangs, durch Drohungen, durch Ehrverleyungen oder durch Ver- rufserklärung" Arbeiter an der Theilnahme an Ver- abredungen der in§ 152 bezeichneten Art z u hindern, nach diesem Gesetze nicht gestraft wird, auch wenn er dies„gewohnheitsmäßig" thut! Hier begnügt man sich mit dem gemeinen Strafrecht, das zum Beispiel wegen der Verhinderung der Theilnahme an Koalitionen im Wege der„Drohung" oder der„Verrufserklärung" keine Strafe kennt Dieser Zjwang, welcher sich direkt gegen die Koalitiosfreiheit richtet, bleibt also völlig straflos und ungehindert. „Man vergleiche nun mit diesem Verhalten deS Ge- sctzentwurfes gegenüber der zwangsweisen Verhinderung von Koalitionen die Bestimmungen des Entwurfs über den Zwang zur Koalition!... „Charakteristisch für alle die mit so strenger Strafe verpönten Mittel des Zwanges zur Koalition ist die Unbestimmtheit und Elastizität des Thatbestandes. Welcher weiten Ausdehnung ist z. B. der Begriff der„Drohung" fähig!.. Sehen wir uns einmal die„Ehrverletzung" näher an! Für Beleidigung jeder Art. die einfache Be- schimpfung, die üble Nachrede, die Verleumdung(oder bewußte Behauptung unwahrer Thatsachen) kennt das Strafgesetzbuch entweder überhaupt kein anderes Straf- Minimum als Geldstrafe von 1 Mark oder Freiheitsstrafe, von 1 Tag Gefängniß. oder es läßt dieses Strafminimum (bei verleumderischer Beleidigung) im Wege der mildernden' Umstände zu. Der Entwurf der Novelle kennt! überhaupt keine mildernden Umstände; und er: kennt nur ein Strafminimum von 1 Monat Ge-: fängniß. Wer also einen Andern aus den gemeinsten Motiven, aus �Gewinnsucht, aus einfacher Bosheit, aus j Rache, aus Brodneid verleumderisch beleidigt, d. h. bewußt bezüglich des Anderen Thatsachen behauptet oder ver-! breitet, welche geeignet sind, ihn in der öffentlichen; Meinung herabzusetzen, der kann nach dem Strafgesetz-{ buch immer noch mit Gefängniß zu 1 Tag oder Geldstrafe; zu 1 Mark davonkommen. Wer aber einem Andern einfach ein gewöhnliches Schimpfwort in einem, Augenblick der Erregung an den Kops wirft, der, wird, wenn er hierbei etwa die Absicht hatte, � den anderen am Rücktritt von einer Koalition zu hindern, mit Gefängniß nicht unter 1 Monat' estraft."— Derselbe eingewurzelte Klassencharakter, den Prof.■ Menger in früheren Heften der„Archivs" so glänzend an dem Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuchs nachwies— j er zeigt sich mit überraschender Deutlichkeit auch in diesem Entwurf einer Novelle zur Gewerbeordnung. Er ist typisch. Der Kapitalist als Denker. „Ich bin in diesen Tagen wieder der oft vernom- menen Behauätung begegnet, die Nationalliberalen rühm- ten mit Unrecht dem Fürsten Bismarck nach, daß ihm vor Allen das Werk der deutschen Einigung zuzuschreiben 'ei, während doch ohne Moltke's Genie, ohne die Tapfer- keit des Heeres und ohne die Hingebung des ganzen T Volkes ihm das Werk nicht hätte gelingen können. Ich gestehe, daß ich in diesem Punkte aber doch noch den Nationalliberaleu Recht gebe. Preußen hätte drei Moltke's und dreimal so große Heere haben können: ohne den Kopf Bismarck's wäre die That nie vollbracht worden. Und der erfindende, leitende Kops ist es, welchem die That gehört. Moltke und das Heer waren nur Werk- zeuge, wenn auch noch so tüchtige. Die entgegen- gesetzte Behauptung entspringt aus demselben Jrrthum, aus dem die sozialistische Theorie von der Ungerechtigkeit des Unternehmergewinns ent- springt. Die Lehre von dem sogenannten Recht der Arbeiter auf den ganzen Gewinn beruht auf der Ver- kennuug der Thatsache, daß bei allen schöpferischen Leistungen der Kopf die Hauptarbeit thut. Darum hat der organische Gang der gesellschaftlichen Produktion auch dem Unternehmer den größeren Gewinnantheil zugewiesen als dem unter der Jnspi- ration und Verantwortlichkeit desselben stehenden Arbeiter. Die ganze Marx-Lassalle'sche Sozialistik beruht auf der Verneinung des Kopfes zu Gunsten einer unwahrhastigen Verherrlichung der Hand. Wäre es denkbar, eine Produktion mit Gewinnvertheilung nach abstrakten Gleichheitsvorschriften an die Stelle der jetzigen Vertheilung zu letzen, welche den thatsächlich wir- kenden Kräften der intellektuellen Urheberschaft von selbst gerecht wird, so würde ein Leib ohne Seele daraus ent- stehen, und dieser Leib würde alsbald zerfallen." Also läßt sich der Philosoph des..Deutschfreisinns", Herr Vamberger, in der„Nation" vernehmen. Seine Geschichtstheorie geht uns hier nichts an. Famos ist ist nur die Nutzanwendung derselben aus die soziale Frage. Die Idee ist ja so alt. daß sie bald ihr hundertjähriges Jubiläum seiern kann, aber Herrn Bamberger ist es gelungen, ihr den würdigen, monumentalen Ausdruck zu geben:„Die Lehre von dem sog. Recht der Arbeiter auf den ganzen Gewinn beruht auf der Verkennung der Thatsache, daß bei allen schöpferischen Leistungen der Kopf die Hauptarbeit thut." Der Kops des Unterneh- mers natürlich! Schöpferische Leistungen des Unter- nchmergehirns! Herr Stumm und Herr Krupp zu schaffenden Genies verklärt— Geistesgen offen von Göthe und Shakespeare, Newton und Kopernikus, womöglich von— Bismarck! Diesen Ruhm hätten sich die Wackeren wohl niemals träumen lassen, daß ihnen der ehrende Lorbeer auf die würdigen Häupter gedrückt werden möchte. — Darum, weil bei allen schöpferischen Leistungen der Kopf die Hauptarbeit thut, darum hat auch„die orga- nische Entwicklung den Unternehmern den. größeren(!) Gewinnantheil zugewiesen." und darum erhalten auch die lumpigen Schriftsteller, Erfinder u. s. w., die nichts als Schriftsteller und Erfinder sind, so wenig. Natürlich, die mächtige Gedankenarbeit des Kapitalisten, ihr vor Allem gebührt der Lohn! Ehre jedem Tropfen Schweiß, der seine Denkerstirn je benetzen mag, sei es beim Schnei- den der.Koupons oder bei anderen, noch„schöpferischeren" Operationen... Merkwürdig— zuweilen kann man doch den Gedanken nicht unterdrücken, daß die Thätigkeit des Kapitalisten weniger im„Schöpfen", wie Herr Bamberger meint, als im Abschöpfen bestehe. Denn wenn der glückliche Besitzer dieses Natur- Wunders— Unternehmergehirn genannt— um die kostbare Gabe recht zu schonen, sich zur Ruhe setzt, so ist es doch offenbar mit der„schöpferischen" Thätigkeit— auf ökonomischen Gebiete wenigstens,— wir wollen um Himmelswillen den Herren nicht zu nahe treten— aus. � Hingegen die abschöpferische Thätigkeit bleibt nach wie vor dieselbe. Mit der Regelmäßigkeit, mit welcher ein Quartal dem andern folgt, fließt ein breit- glänzender Goldstrom in das gesegnete Kapitalistenheim. Also— nur keinen falschen Schluß! Ans der angeführten Thatsache folgt durchaus nicht, daß das gehirnlose, platt- brutale Kapital jenen Goldstrom schaffe und so wohl- thätig lenke. Nein, das Kapitalistenhirn hat mystische Kräfte wie jedes wahre Genie. Unter den kahlen Schädeln, hinter den unscheinbaren Stirnen und den durch Goldbrillen geschützten Aeuglein ruht ein wunder- barer Magnet, der die„schöpferische" Geistesmacht besitzt, ohne daß sein Besitzer Hand, Fuß oder Gedanken rührt, Gold zu erzeugen und mit der Gewalt eines Naturgesetzes ihm den Weg in die Tasche des zu jenem Hirn gehörigen Hosenbeines vorzuschreiben. Erst die Mystik kann uns die tiefsten Geheimnisse der Natur, die wunderbaren Fähigkeiten des Kapitalisten- Hirns entschleiern. Die Philosophie des Deutschfreisinns ist die Mystik. Es lebe die Mystik'. Offenbarung. Wir wissen gar nicht, wie glücklich und begeistert wir gewesen sind. Ein großer Dichter aber ist erstanden, um es dem staunenden Volke zu verkünden. Also er- schallet der Ton seiner Rede: „Wenn die deutsche Volksvertretung wieder in die Lage kommt, sich mit der Gewerbeordnungsnovelle zu beschäftigen, werden Regierung und Reichstag sich, einer erheblich veränderten politischen Situation gegenübersehen. Jene begeisterte und idealistische Stimmung. welche mit ihrem Glanz und Schwung die Flitter- Wochen des neuen Regiments verschönte, ist ver- flogen; geblieben aber ist glücklicherweise der entschlossene Wille, ernstlich sozialpolitisch zu wirken.(!) Damals im Frühjayr wölbte sich ein ewig blauer Himmel über Regierung und Parlament, eine Aera des Friedens und der Versöhnung schien angebrochen, all der thörichte Haß, der sich um den gewaltigen Begründer des deutschen Reiches angesammelt hatte, verlor seine politische Be- deutung und konnte sich in widerwärtiger Gehässigkeit austoben, welche den deutschen Patrioten freilich die Frage aufdrängte, ob ein anständiger Mensch sich nach- gerade nicht schämen müsse, ein Deutscher zu sein. Manchen redlichen Mann aber beglückte der selige Traum, daß nunmehr alle Parteien ohne Haß gemeinsam mit der Regierung an dem Wohle des Vaterlandes arbeiten würden und daß die Reformbestrebungen der Regierung von allen Seiten unterstützt werden würden. Es war die Zeit der sozialpolitischen Hochflut, mit tausend Masten strebte das stolze Gesetzgebungsschiff hinaus auf das uferlose Meer einer Sozialpolitik, in dem die verschiedensten Denkrichtungen von den agrarischen Reak- tionären bis zu den republikanischen Börsenspekulanten einen Einigungspunkt gefunden zu haben schienen. So- zusagen mit sozialpolitischen Hurrahrufen stürmte die Reichstagskommission über die Gewerbeorduungsnovelle vorwärts, und im Handumdrehen war die Regierungs- Vorlage, soweit die Kommisfionsarbeit reichte, nach der Seite einer extremen Sozialpolitik hin bis zur Unkenntlich- keit verunstaltet. Die warnenden Rufe der Kölnischen Zeitung klangen fast wie ein störender Mißton in diese rührselige Feiertagsstimmung hinein. Inzwischen ist mit tiefgehender Pflugschar die Gegenagitation durch die deutschen Lande gegangen... Man hat kurzum sehr viel Waffer iu den sozialpolitischen Feuerwein gegossen. Nicht als wenn im deutschen Bürgerthum die hochherzige Opferwilligkeit(!!) ausgestorben wäre, welche seit Jahr- zehnten so manche rühmliche That der praktischen und freiwilligen Arbeiterfürsorge gezeitigt hat; nicht als wenn das Herz der gebildeten und besitzenden Klassen sich selbstsüchtig und kurzsichtig zusammenge- zogen hätte. Nichts könnte der Wirklichkeit weniger entsprechen, als eine solche Vorstellung." . So gedichtet im Jahre des Heils 1890, am-twdten- bette des Sozialistengesetzes, in jenem Prophetenblatte, das man in dem prosaischen Alltagsleben sonst„Köllnische Zeitung" zu nennen pflegt. Zigeunersttte». Sehr interessante Aufschlüsse über die Sitten des wandernden Zigeunervolkes bringt ein von H. von Wlislocki in Hamburg kürzlich erschienenes Buch. Die Zigeuner sind nach der jetzt endgültig feststehenden wissen- sch'aftlichen.Anschauung vorderindischen Ursprungs. Nach Meinung des Verfassers haben die Zigeuner sich längere Zeit, vielleicht mehrere Jahrhunderte, in Griechenland aufgehalten, jedenfalls sind sie über Griechenland nach Mitteleuropa gekommen. Die ersten Zigeuner dürften schon um 1241 in der Walachei aufgetreten sein, die Hauptmasse ist aber in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts dorthin und nach Ungarn gekommen, um dann Mitteleuropa zu durchwandern. 1417 traten die ersten Zigeuner an der Nord- und Ostsee, dem Gebiete der deutschen Hansastädte, auf. Nach Spanien gelangten die Zigeuner etwas später. 1447 erschien die erste Zigeuner- bände in Barcelona. Man nannte sie dort erst„Griechen", weil sie neben ihrer eigenen Sprache noch griechisch redeten. Durch gesetzgeberische Vorgänge ist ein großer Theil von Zigeunern seßhaft gemacht worden, und heut- zutage sind die seßhaften und die wandernden sogenannten „Zelt"zigeuner scharf von einander zu unterscheiden. Sie Haffen sich gegenseitig auf's bitterste und unterhalten keinerlei Gemeinschaft. Eine Heirath zwischen ihnen wäre ganz undenkbar. Die wandernden Zigeuner sind in Stämme eingetheilt und diese zerfallen wieder in Sippen. Jeder Stamm hat einen„Wojwode" ge- nannten Führer, der ein mit gewissen beschränkten Macht« Vollkommenheiten ausgestattetes Ehrenamt bekleidet. Die einzelnen Stämme vermischen sich in der Regel nicht durch Heirath untereinander, sondern man heirathet nur von Sippe zu Sippe innerhalb eines Stammes. Dabei gelten sehr merkwürdige familienrechtliche Gewohnheiten. Der Mann folgt der Frau, d. h. er wird jener Sippe zugezählt, der seine Frau angehört, die als Heirathsgut Wagen, Pferde. Werkzeuge, Hausgeräth ihm zuführt. Stirbt die Frau, so bleiben die Kinder bei der Sippe der Mutter, auch wenn der Vater zum zweiten Mal in eine andere Sippe hineinrathet. Innerhalb einer und derselben Sippe sind wilde Ehen geduldet, gesetzliche Heirathen aber un- zulässig. Diese scheinbare Vorherrschaft der Frau stellt sich praktisch dahin, daß diese die ganze Last der Fürsorge für die Kinder trägt, während der Mann seine freie Bewegung bewahrt. Andererseits besteht zwifchen dem Vater und den Kindern nur ein lockeres Verhältniß, während Mutter und Kinder ein innig zärtliches Band auch dann noch verknüpft, wenn letztere schon erwachsen sind. Die Mädchen bleiben im elterlichen Zelt oder Wagen, bis sie Heirathen, die Knaben werden dagegen schon mit dem achten Jahre auf sich selbst gestellt, haben kein Recht mehr auf das elterliche Zelt und muffen sich selber durchzuschlagen suchen, bis sie Heirathen. Jeder Bursche strebt daher, möglichst bald zu Heirathen, um durch seineFrau ein schützendes Dach zu erhalten. Der Verkehr der Geschlechter ist sehr frei. Man sieht in diesen wandernden Stämmen herrschen noch vollständig die ursprünglichen Gesellschaftsformen(siehe Engels: Ur- sprung des Privateigenthums), welche Morgan bei den Indianern beobachtet hatte. Die gleichen ökonomischen Verhältnisse bringen überall die gleichen Erscheinungen hervar. Anrerika oder Europa, das macht keinen Ün- etrschied. Koulanger. Aus Paris wird der Tod Mermeix' gemeldet, dessen skandalöse Enthüllungen im„Figaro" den moralischen Bankerott des Boulanger'schen Verbrecherthums komplet gemacht haben. Es ist ein Glück, daß er nicht früher gestorben. Seine Mittheilungen, soweit dieselben bis jetzt veröffentlicht sind, genügen schon vollauf, um den yohlköpfigen und genußsüchtigen„patriotischen" General, der seinen Patriotismus durch einen Staatsstreich zu dokumentiren dachte, für immer an den Schandpfahl der Geschichte zu nageln. Bezeichnend ist Boulanger's Wete Herzigkeit in Geldangelegenheiten. Mermeix schrieb dar- über noch in einem seiner letzten Berichte:„Nach der Wahl in Paris stellte sich Boulanger's Budget so: 10000 Franks monatlich für seine persönlichen Aus- gaben, 20 000 für die allgemeinen Ausgaben der Partei, ferner 20 000 für die„auswärtigen Angelegenheiten". Ueberdies wurden alle Ausgaben, für die' Belege beigebracht wurden, bestritten. So wäre der General in der Lage gewesen, für alles Unerläßliche aufzukommen. Es hätten Blätter gegründet, rührige Komitees gebildet wer- den müssen, Bonlanger wußte es genugsam und die Mit- glieder des Nationalkomitees wurden nicht müde, es ihm ins Gedächtniß zu rufen. Allein er that, als hörte er von Allem nichts. Hinterher hieß es, man hätte ihn mit Betteleien bestürmt; das ist aber nicht wahr, denn seine Anhänger verlangten von ihm nur die Mittel, um den Kampf gegen die administrativen Mächte führen zu können. Dieser Verrath an seiner eigenen Hache werden ihm Diejenigen niemals verzeihen,' die seinem Worte vertrauten, die Beamten, die ihre Stellung und das Brod der Ihrigen seinetwillen aufs Spiel setzten, wie alle Uebrigen, die, sei es eine glänzende Laufbahn, sei es ihr Vermögen preisgaben, um seiner Sache zu dienen. Der Boden war schon überall vorbereitet, man brauchte nur die Saat auszustreuen und die Ernte wäre glänzend ausgefallen, allein der General that nichts, wollte nichts thuu und führte durch seiue Verschwendungssucht das jämmerliche Ende her- bei. Wenn der Spitzbube Napoleon III., eine elende Karrikatur des alten Bonaparte, so ist Boulanger nur noch eine Karrikatur dieser Karrikatur. Die Raffe der staatsstreichelnden Abenteurer wird immer erbärmlicher. Käcker-Glend. Aus der kürzlich erMcnenen Broschüre Bebel's„Zur Lage der Arbeiter in den Bäckereien", die ein furchtbares Bild von dem Leiden dieser Proleiarier'lasse entrollt, theilcn wir im Folgenden einige Stellen des Schlußwortes mit. Dieselben geben kurz die Resultate und Forderungen an, zu denen Bebel auf Grund einer ausgedehnten Privalenquete(5000 Fragebogen wurden ausgesandt, 663 kamen genügend beantwortet an ihn zurück) gelangt ist: Es ergiebt sich, daß die tägliche regelmäßige Arbeitszeit von 963 Betrieben nur in 154,»der 23,2 Prozent, 12 und weniger Stunden währt, sie ist in nur 7 Betrieben, und das sind meist kleine Betriebe, die in der Hauptsache in kleinen Orten sich be- finden, 9 Stunden lang; in nur 20 Betrieben währt sie 10 Stunden, in 38 währt sie 11 und in 89 12 Stunden. In 322, oder 48,5 Prozent sämmtlicher aufgeführter Betriebe, dauert die Arbeits- zeit dagegen 13—15 Stunden und in 187, oder 28,7 Prozent, sogar 16—20 und inehr Stunden. Im Ganzen währt sie in 419, oder 63,2 Prozent sämmtlicher Betriebe 14 Stunden und länger täglich. Das ist aber nur die regelmäßige Arbeitszeit, die Ueber- stunden sind darin nicht inbegriffen, und diese sind, wie aus einer größeren Anzahl der Mittheilungen hervorgeht, zum Theil sehr erheblich..... Es haben ferner von 658 Betrieben, über die Angaben be- züglich der Sonntagsarbeit vorliegen, 18 oder 2,8 Prazent Sonntags keine Arbeit, 101 oder 15,3 Prozent arbeiten zwischen 4 und 10 Stunden. 227 oder 34,3 Prozent arbeiten 11—13 Stunden, 171 oder 27,9 Prozent 14 und 15 Stunden und 137 oder 20,6 Prozent 16—20 Stunden und mehr. Im Ganzen arbeiten 310 oder 48,5 Prozent der angeführten Betriebe Sonntags 14—20 und mehr Stunden, lind dabei sind die Arbeitsräume und Schlaf- stätten so ungesund wie möglich.... Nur ein kleiner Theil der Arbeiter hat jährlich 3 vierund- zwanzig Stunden dauernde Ruhetage, die große Mehrzahl entbehrt auch diese kleine Erholung. Und nun stelle man sich diese Aermsten vor, die Jahr aus, Jahr ein. Sonn- und Werktags bei langer, zum größten Theil übermäßig langer Arbeitszeit ihr schweres Werk verrichten müssen, ohne einen Ruhetag, ohne einen Tag der Er- holung. Wie ein Hohn auf alle Menschlichkeit klingt' eS, wenn von einem Theil der Berichterstatter aus Frankfurt a. M. gemeldet wird, daß es zwar einen vollen Ruhetag nicht gebe, daß ihnen aber jährlich 3 freie Nächte eingeräumt werden. Die Männer, die 362 Nächte im Jahre schwer arbeiten müssen, erhalten drei Frei- nächte. Wozu? Zum Schlafen oder zum Vergnügen? Man muß das letztere annehmen, so hohnvoll es erscheinen mag. Wir fragen, ob es in der ganzen Welt einen Zustand der Sklaverei giebt, in dem in ähnlich maßloser Weise die Arbeitskraft, und mir haben es hier mit„freien Arbeitern" zu thun, ausgenutzt wird. Und das Unternehmerthum, das diese Ausbeutung betreibt, schlägt sich an die Brust und spielt sich als Musterunternchmerthum aus. Man höre nur, wie die Herren Bäckermeister auf ihren Verbandstagen sich geberden..... Die Hauptmasse der Rekruten für dieses Hungergewerbe stellt die bedürsnißlose Landbevölkerung, die sich Alles gefallen läßt. Ein sehr gewichtiger Grund für die Elendigkeit der Zustände im Bäckereigewerbe ist serner in der durchgängigen Kleinheit der Be- triebe zu suchen. Die Bäckerei ist heute noch überwiegend Zwerg- betrieb, Kleinbetrieb. Allerdings hat sich auch bereits die Arbeits- theilung im Großen und der Maschinenbetrieb der Bäckerei be- mächtigt und jedes Jahr weist weitere Fortschritte auf. Jnsbeson- dere sind es die großen, hauptsächlich Brot produzirenden Betriebe der Mühlen, die ihre Konkurrenz fühlbar machen, aber im Ganzen ist die Großproduktion, die allein rationelle Arbeits- und Lebensbedingungen für die Arbeiter zu schaffen vermag, weil sie eine rationelle Produktion ermöglicht, noch in den Anfängen. Um so grimmiger be- fehdet sich, trotz aller Jnnungsmeierei, die große Zahl der kleinen Konkurrenten unter sich und macht sich gegenseitig daS Leben schwer. Da erscheint dann jeder Pfennig, der für verbesserte und Wohnräume ein. Arbeits- und Wohnräume ausgegeben werden soll, als eine unnüze Last. Jede Stunde verkürzter Arbeit wird als eine unberechtigte Beschränkung des Unternehmergewinns betrachtet. Jeder Versuch, die Lage der Arbeiter zu verbessern, ist ein Angriff auf die Existenz des Unternehmers, den er hartnädig zurüdweist. Bebel tritt, um diese grauenhaften Zustände wenigstens in etwas zu mildern, für die Beseitigung der Sonntagsarbeit wie der eigent lichen Nachtarbeit und für gewerberäthliche Inspektion der ArbeitsEnschlösse man sich, in diesen verschiedenen Richtungen mit Nachdruck vorzugehen, so würden binnen wenigen Jahren im Bädereigewerbe Zustände herrschen, die sehr weit von den heutigen verschieden sind, aber den Interessen der Arbeiter wie des Publikums in hohem Maße gerecht würden und sicher nicht zum Schaden der Bis jezt haben noch alle Reformen in den sozialen Verhältnissen eines Gewerbes dasselbe nur gehoben und nie geschädigt, wenn auch Anfangs der Unternehmerschaft scheinen wollte, als seien fie ihr Schaden. Geht aber wirklich der eine oder andere leistungs- ,, Kapital". unfähige Betrieb zu Grunde, und nur solche können in Frage kommen, so haben andere Betriebe und das Ganze den Vortheil. Einrichtungen, die einen nothwendigen Fortschritt nicht vertragen, haben kein Recht auf Existenz. Ueberdies handelt es sich im vorliegenden Falle nicht allein um das Wohl und die Interessen der mehr als 100 000 Arbeiter, sondern auch um das Wohl und die Interessen der Allgemeinheit. Es muß endlich mit Zuständen gebrochen und aufgeräumt werden, die nur zu lange schon Unheil verbreiteten, eine schwere Bürde für die Betroffenen sind und sie zu Sklaven ihrer Anwender machen. Unternehmer ausschlügen. Alkohol. Und doch, diese Regierung ist ein Jdeal gegen die brutale Manier, mit welcher die Engländer früher ihre Ausbeutung dort betrieben. Man vergleiche nur die betreffenden Stellen im Marrschen Produktion und Technik. M fort genießen darf, während der blutarme eingeborene Ackerbauer| Europa und Südamerika. Auch die Westküste von Mittelmit altüberlieferter Kunst ausgesogen wird. Nach asiatischem Maß- und Südamerika, sowie die Küste Afrikas sind dem allstab und im Vergleich zu der Zeit der Monopole aber sind die gemeinen Telegraphennege einverleibt. So fehlt nur heutigen Zustände ein Meisterwerk orientalischer Verwaltungskunst, noch die eine Leitung durch den Stillen Ozean und der da sämmtliche Abgaben verringert worden sind und zum Entgelt um die Erde gelegte elektrische Gürtel ist geschlossen. für die Abgaben jest wenigstens Ordnung, Friede und Sicherheit herrscht.... Wichtige Einnahmequellen sind die Salz- und Das Maschinenwesen einst und jetzt. Ueber dieses die Opiumſtener, während man die Einkommenstener ganz abge- tapitel bringt die Zentralzig. für Optik und Mechanik" eine Reihe schafft hat, weil sie eben vorwiegend den Europäer belastete. Salz- interessanter Mittheilungen: Nur wenige dürften eine richtige Vor bereitung und Salzverkauf sind Regierungsmonopole, die zu Gunsten stellung davon haben, mit welchen Schwierigkeiten es noch vor des Fiskus in einer Weise gehandhabt werden, daß man in Indien sechzig Jahren verbunden war, ein brauchbares Werkzeug die Bezeichnung„ blutsaugerisch" dafür gebraucht. Die sehr stellen. Der 1874 im Alter von 85 Jahren gestorbene englische aus Metall oder gar eine brauchbare Maschine herzuhohe Opiumsteuer wird dagegen, wie alle indischen Regierungs- Ingenieur Fairbirn, der Verbesserer der Spinnmaschine und Erberichte ausdrücklich hervorheben, nicht vom indischen Produzenten, finder der eisernen Schiffe, bezeugt, daß noch im Jahre 1814 in sondern vom chinesischen Konsumenten gezahlt. allen englischen Maschinenfabriken sämmtliche Borrichtungen in Handarbeit bestanden. Man kannte damals weder Hobel-, der Drillbohrer waren in der Hauptsache Alles, was noch Fraise, noch Bohrmaschinen, die Drechselbank und dem damaligen Mechaniker zu Gebote stand. Dabei mußten diese Apparate mit der Hand geführt werden; sie standen also in der Genauigkeit der Arbeit selbst bei den ge schicktesten Meistern gegen die heutigen, durch Dampf bewegten Arbeitsmaschinen weit zurück. Nähmaschinen, die ja auch bei der Herstellung von Schuhwerk jezt eine große Rolle spielen, hätte man damals, selbst wenn Plan und Zeichnungen vollständig vorgelegen, gar nicht herstellen können. Alle Erfinder jener Zeit waren genöthigt, die Maschinen, die sie erdacht, eigenhändig ohne die erforderlichen Werkzeuge zu erfinden und anzufermaschinelle Beihilfe anzufertigen, wobei sie vorher meist erst tigen hatten. Als der berühmte englische Mechaniker Clement im Jahre 1814 als Meister in eine Londoner Werkstätte eintrat, fand er das Handwerkzeug in einem so ungünstigen Zustande vor, daß er oft Tage lang an der Schmiedeesse zubringen, hämmern, feilen, bohren mußte, um das Gezähe zweckmäßig einzurichten. James Watt, der eigentliche Erfinder der Dampfmaschine, konnte seine erste Maschine nicht recht in Gang bringen, da es an genauen Vorrichtungen fehlte. Auch war er genöthigt, sich brauchbares und über 15 000 zweckentsprechendes Werkzeug erst selbst herzustellen. Und mit welchen Unkosten waren damals alle Arbeiten verbunden! Withe worth, einer der ältesten Fabrikanten von Arbeitsmaschinen in England, hebt hervor, daß das Poliren von Gußeisenflächen vor 40 Jahren, da diese Arbeit noch mit der Hand ausgeführt werden Metall- Hobelmaschine eine weit bessere Leistung für 10 Pf. schafft. mußte, Mt. 12 per Quadratfuß gekostet hat, während die heutige Die Zahl der im Betrieb gewesenen Brauereien betrug im Deutschen Reiche" 1878/79 11 869, 1883/84 10 703, 1888/89 nur noch 9556. Die Menge des gewonnenen Bieres stieg von 20 360 000 hl in 1878/79 auf 23 391 000 hl im Jahre 1883,84, um sich in 1888/89 auf 28 655 000 hl zu erheben. Daß die kleinen Brauereien es sind, die in dem Konkurrenzkampf zu Grunde gehen, weil sie den großindustriell mit allen Mitteln der Technik mit sehr bedeutenden Kapitalien betriebenen Brauereien nicht zu, widerstehen vermögen, geht klipp und klar aus der Brausteuerstatistik hervor. Von den im Betrieb geweſenen Brauereien haben an Brausteuer entrichtet: 1878/79 1883/84 1888/89 Es ist durch statistisches Material jetzt festgestellt, daß während der letzten zwanzig Jahre die Zahl der in Behandlung genom menen Jrrsinnigen sich in England von 55 000 auf 110000 vermehrt hat. Der Trunk wird als Hauptursache bezeichnet, namentlich aber darüber geklagt, daß Frauen der mittleren Stände sich der Trunksucht ergeben. Manche verfallen dem Delirium tremens und oft hatte der Gatte keine Ahnung von der Leidenschaft seiner 1878/79 Frau. Ihm wird die Rechnung präsentirt, aber der Lieferant, der 1883/84 zugleich Theehändler ist, stellt die Pöstchen, welche für gelieferten Schnaps erwachsen, unter die Rubrik Thee oder Kaffee! So wird das traurige Geheimniß gewahrt. Dieser Tage legte Lord Roseberry den Grundstein zu einer großen Jrrenanstalt für London. Eg wurde erwähnt, daß die Zahl der Frren in London jährlich um mindestens 400 sich steigert. Da jenes Asyl 2000 beherbergen werde, würde London alle fünf Jahre eines neuen Irrenhauses bedürfen. In Dänemark stieg der Alkoholverbrauch in geradezu ver= blüffender Weise. Die Anzahl der Verkaufsstellen von Branntwein ( Destillationen u. 1. w.) betrug im Jahre 1860 3491, stieg dann im Jahre 1870 auf 7709, um bis zum Jahre 1880 auf 10 105 zu wachsen. Also in 20 Jahren um 300 Prozent! Daß diese ungeheure Vermehrung des Alkoholgenusses nicht ohne Einfluß auf den sitt lichen Zustand eines Volkes bleiben tann, ist flar ersichtlich. Und so sehen wir denn auch, daß die Trinker einen ziemlich großen Prozentsaz der Selbstmörder stellen. Bon 1856/60 waren unter 1000 Selbstmörder 265 Gewohnheitstrinker 1861/65 1866/70 1871/80 " " " 7 " " P 1000 1000 11 317 324 " 17 " 1 11 " 1 1000 362 17 " 1888/89 bis 15 Mr. 2226 über 15 bis 60 Mr. 1224 über 60 bis 300 Mr. 2805 1948 1004 2352 1329 799 1974 über 600 über 1500 über 6000 bis 1500 mr bis 6090 Mt. bis 15 000 r. 1908 1587 354 1769 403 478 1699 1609 1687 über 300 bis 600 Mt. 1582 1398 1284 WT. 181 219 306 Bände sprechen, offenbart den Aufsaugungsprozeß. wie er sich vor Ein Vergleich dieser Zahlenreihen, die beredter als ganze unseren Augen vollzieht, mit wünschenswerther Deutlichkeit. Die großen und die Riesenetablissements verschlingen die kleinen Antapitalistisch arbeiten, haben sich des Brauereigewerbes bemächtigt. lagen eine nach der anderen, die Aktiengesellschaften, die großDer neue amerikanische Tarif ist in Folge seiner Zollerhöhungen, welche thatsächlich vielfach einem Einfuhrverbot gleichtommen, ein harter Schlag auch für die deutsche Exportindustrie, namentlich in Sachsen und Thüringen. Die deutsche Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika hatte im Jahre 1888 einen Umfang von 325 968 Tonnen. Darunter befanden sich 107 415 Tonnen an Fabrikaten und 218 553 Tonnen an Rohstoffen und einfach bearbeiteten Gegenständen. Die wirkliche Ausfuhr aber dürfte noch erheblich größer sein, als die vorstehenden Ziffern ergeben, da diese nur die ausdrücklich, als Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten deklarirte Ausfuhr umfassen, und viele deutsche Waaren nach den Vereinigten Staaten über Großbritannien, Belgien oder die deutschen Zollausschlüsse ausgeführt werden. Die deutsche nach den Vereinigten Staaten von Amerifa deklarirte Ausfuhr hatte einen Werth von 236 Millionen Mart. Davon entSoeben erschien: Die Urgesellschaft. Untersuchungen über den Fortschritt der Menschheit aus der Wildheit durch die Barbarei Mitglied der National- Akademie der Wissenschaften. Aus dem zur Zivilisation. Von Lewis H. Morgan, Doktor beider Rechte, Englischen übertragen von W. Eichhoff unter Mitwirkung von Karl Kautsky. Erscheint in ca. 11 Heften à 3 Bogen LexikonFormat. Preis pro Heft Mt.-.50. Wir erhalten soeben Heft 9-12 von Dr. W. Zimmermann's Großer deutscher Bauernkrieg, illustrirte Volksausgabe, herausgegeben von Wilh. Blos.( Stuttgart, J. H. W. Diet' Verlag.) Das Werk erscheint in ca. 26-28 Lieferungen à 20 Pfg. Jedes Heft enthält an Text zwei Bogen Großoktav. Aufruf an alle in der Tertilbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen der Provinz Brandenburg. Arbeiter und Arbeiterinnen! Um die auf dem zu Ostern in Apolda stattgefundenen Wirkerkongreß und TextilarbeiterbelegirtenIn den Krankenhäusern wurden im Jahre 1871-72 von fielen 138 Millionen auf Erzeugnisse der Textilindustrie( darunter tag gefaßten Beschlüsse zur Ausführung zu bringen, ist es nöthig, 100 Patienten 3-4 als an den Folgen des Al oholgenusses für 91 Millionen Mart Zeugwaaren und 21 Millionen Mark einen Delegirtentag der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen der erkrankt bezeichnet. Von 1873-74 stieg die Zahl auf 4-5, von Strumpfwaaren), 21 Millionen Mark auf chemische Fabrikate, Provinz Brandenburg abzuhalten. 1875-79 auf 5-6 und im Jahre 1880 auf 6-7. An Alkohol- 17 Millionen Mart auf Eisenwaaren, 16 Millionen Mark auf Als vorläufige Tagesordnung schlagen wir vor: vergiftung sind gestorben 1871 61% pet.; 8% pet. im Jahre 1875 Lederwaaren u. s. w. und 10 pCt. im Jahre 1880. Taß der Altohol bei sehr vielen Familienzerwürfnissen eine große Rolle spielt, ergiebt sich aus der Thatsache, daß die Anzahl der lediglich auf Grund von Alkoholgenuß geschiedenen Ehen von 1871-75 20 pCt., von 1876-80 bereits 24,6 pCt. betrug. Christliche Ausbeutung in Indien. 1. Die wirthschaftliche Lage der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen. 2. Die zukünftige Organisation. 3. Agitation. 4. Die Fachpresse. 5. Stellungnahme zum Textilarbeiter- Kongreß. 6. Spezielle Anträge der Delegirten. Derselbe findet Sonntag, den 9. November im Konzerthause Wobusa hier, von Vormittag 11 Uhr an statt Die Ausbreitung der Telegraphie hat in den letzten Jahrzehnten so rasche Fortschritte gemacht, daß gegenwärtig alle Telegraphenlinien der Erde einschließlich der Rabel( über 1253000 Kilometer) den 30 fachen Umfang des Erd- Aequators erreichen und mit den Drähten( 3200000 Kilometer) die Erde am Aequator 77 Mal umspannt werden könnte. Die größte Linie in EuropaAsien läuft von der äußersten Westgrenze bis Wladiwostok und Nikolajewsk am stillen Ozean, andererseits nach Kalkutta und Mulmein in Indien. In Australien durchzieht der Telegraph über Die Delegirten find in öffentlichen Versammlungen zu In den Reisebriefen aus Brittisch- Indien, welche die Land den ganzen Kontinent von Norden nach Süden. In Nord- wählen! Wo dies nicht möglich ist, genügt die Zahl von 10 Unter„ Kölnische Zeitung" veröffentlicht, finden sich auch einige charafte- amerika verknüpft der elektrische Strom den Osten mit dem Westen schriften. Aus den Fachvereinen heraus darf keine Wahl erfolgen, ristische Aeußerungen über den zivilisatorischen Segen, welchen die der Union und in Südamerika verbindet er Buenos- Aires mit da sonst die betreffenden Vereinigungen polizeiliche Maßnahmen zu englische Herrschaft den Eingeborenen gebracht hat. Man gesteht zu, Valparaiso. Auch die Kabeltelegraphie ist hinter diesen großartigen gewärtigen haben. so heißt es freimüthig, daß sich unter englischer Herrschaft der Leistungen der Landtelegraphie nicht zurückgeblieben. Eine ihrer Die gedrückte Lage der Textilarbeiter und Arbeiterinnen er Volfscharakter andauernd verschlechtert habe. Während man in Weltlinien zicht über Suez und Aden nach Bombay und von Ma- fordert eine rege Theilnahme an diesen wichtigen Verhandlungen; der englischen Literatur dem Hinduthum schmeichelt, sprechen die dras nach Singapore; von hier zweigen sich wieder Stränge und ergreift die Gelegenheit zur gemeinsamen Verbesserung Eurer Engländer im persönlichen Umgang von den knechtischen und ver- zwar über Hongkong, Shanghai und Nangajati nach Wladivostock Lebenslage. Wir rufen Euch ein herzliches Willkommen zu! logenen Bengalis, die unter allen indischen Stämmen am längsten zum Anschluß an die sibirische Ueberlandlinie, dann über Banjoeder englischen Herrschaft unterstehen, nur in den verächtlichsten wangie( Java) nach Port Darwin in Australien. Zwischen Ausdrücken. Die indische Finanzverwaltung ist nach Europa und Amerita bestehen 3. 3. nicht weniger als europäischen Begriffen geradezu jämmerlich, da der reiche Euro- 12 unterseeische Verbindungen; 10 derselben seßen Europa päer, aller Steuern und Zölle ledig, sein Leben umringt von Com- und Nordamerika in elektrischen Kontakt und zwei verknüpfen Rum, Punsch, Glühwein Flasche 1,50 Mr. Ingwer, Pommeranzen, Luft Liter 1, Mt. Mediz. Ungarwein Fl. 1,50 u. 2 Mf. Roth- und Portwein Fl. 1,50 Mt. empfiehlt Franz Beyer Brinzessinen Straße 15. Filiale: Arbeiter- Buchhandlung Cottbus, den 5. Oftober 1890. Das Komitee i. A.: Rudolph Schiemenz, Sandow 187. Vertrauensmann der Textilarbetter in Cottbus. Das Agitationskomitee der Arbeiterinnen, J. A.: Frau Pauline Nelson. Don R. Baginski, Dresdener Straße 5253( City- Passage). Soeben angekommen: Sozialdemokratisches Liederbuch à 50 Pf. Bebel, Die Frau à 2, Mr. Engels, Umwälzung der Wissenschaft à 2,- mt. Ferner sämmtlich verboten gewesenen Schriften des Verlags von J. Schabelih in Zürich. Elifabeth- Ufer 47, Ede der Waldemarstraße. Der Verein zur Regelung der gewerbl. Verhältnisse der Töpfer Roh- Tabak empfiehlt in allen Sorten in billigster Preislage H. Herholz. 145. Brunneuftraße 145. Unterzeichneter empfiehlt sich zur geneigten Abgabe von Zahnstocher verschiedener Sorten zum billigsten Preise. Versandt nach allen Ländern gegen Postnachnahme. Indor Haas, Zahnstocher- Fabrikant in Hallein bei Salzburg, Oberösterreich. Berlins und Umgegend feiert am 11. Oktober 1890 sein 2. Stiftungsfest W. Gründel's Restaurant ( früher: R. Wendt.) Dresdener- Strasse 116. Arbeitsnachweis und Verkehr der Buchbinder. Schlosser, Drechsler, Maler, Töpfer, Stellmacher, Sattler und Gärtner. Reichhaltiger Frühstücs-, Mittags- und Abendtisch. Vorzügliches Weiß- und Bairisch- Bier. 2 Billards. Saal zu Versammlungen. Fernsprech- Anschluß. Amt 9a. Nr. 578. Halberstadt. Ich ersuche meine Abonnenten, namentlich die, welthe mit der Bezahlung mehr denn ein Quartal im Rückstande sind, bis zum 31. Oktober d. J. begleichen zu wollen, da ich sonst gezwungen bin die Tribüne nicht mehr verabfolgen zu fönnen und den Rückstand auf gerichtlichem Wege einzu treiben. Ich appellire an alle Betreffenden im Interesse der Allgemeinheit, damit unliebsame Andr. Brümmer, Burchardistr. 13 d. im großen Saafe der Brauerei Friedrichshain vorm. Lips Schritte verhütet werden. am Königsthor unter Mitwirkung des Gesang- Vereins„ Nord". Die Musik wird von der Kapelle des Herrn Schonert ausgeführt. Prolog. Feftrede. Ball. Der Ueberschuß ist zu einem wohlthätigen Zweck bestimmt. Anfang 8% Uhr. Entree für Herren 50 Pf., Damen 30 Pf. Billets sind bei folgenden Komitee- Mitgliedern zu haben: Paul Hoffmann, Memelerstr. 23, Paul Waldau, Adlershof, Genossenschaftsstr. 21, Emil Larson, Friedensstr. 71, Janecke, Oderbergerstraße 3, Klische, Weberstr. 15a, Engel, Belforterstr. 5, sowie bei sämmtlichen Vorstandsmitgliedern. Kollegen und Freunde von Nah und Fern sind freundlichst hierzu eingeladen. Das Komitee. Schuhwaaren. Großes Lager aller Sorten Schuh und Stiefel für Damen, Herren und Kinder. Chr. Geyer, Oranienstr. 4. Freunden und Genossen empfehle mich z Anfertigung von Herren- Garderoben nach Maaß. Auf Wunsch komme ich mit Mustern ins Haus. E. Weiland. Kirchbachstraße 13 part. Berantwortlicher Redakteur: Conrad Schmidt, Berlin. Verleger und Druder: Maurer, Werner, Dimmick, sämmtlich in Berlin SO., Elisabeth- Ufer 55. 91 f if b m R h 10 e d 1 tr m D Te b g 31 $ 1 2 li S 6 je 10 ic et B ge g 10 111 Meiblatt zur Merkiner Vok�g-Cribüne. Nr. 41. Sonnabend, den 11. Oktober 1890. IV. Jahrgang> Die Mutter. Ein armes Weib.— In durstig Linnen Hält sie den Knaben eingehüllt. Der Armnth ist's ein Bild, des Elend's. Und doch— was gliche diesem Bild? Er ist nicht schön, der Knabe, schwächlich, Recht wie ein Proletariersohn So bleich und siech. Doch plagt die Mutter Sich Tag um Tag für ihn in Frohn. Hat denn der Junge keinen Vater, Der sorgen muß für seinen Sohn? Man sagt, er habe keinen Bater; Das sei der Sünde arger Lohn. Ihr stolzen Richter, sprecht: wie ist es Mit Eurer Tugend denn bestellt, Daß ihr so unerbittlich richtet? Ja! Eure Laster sühnt das Geld! Nun! sei es Sünd' bei Euresgleichen; Mir ist ein Bild es rein und schön, Wenn ihre treuen Mutleraugen Auf dieses Kind so innig seh'n. Wenn Euer eine fehlt was thut es? Wenn nur die Welt davon nichts weiß! Sie hat den Muth, es zu bekennen, Giebt für ihr Kind dem Hohn sich preis.- Du armes Weib, warum Dein Plagen? Wächst er heran und wird ein Mann, Was anders- ist sein Lebensschicksal, Als Roth und harte Arbeit dann? Und doch hängst Du mit solcher Treue An ihm und sorgst Dich Tag und Nacht? Wär's nicht solch kargem Leben besser, Wenn ftllh der Tod ein Ende macht? Und wenn dies jetzt schon sieche Leben, Statt langsam schnell zuni Tode rinnt, Was willst Du jammern, willst Du klagen?— Es ist ja nur ein Sündenkind! Weh' über Euch, Ihr stolzen Richter, Die Ihr von Schmach und Sünde schreit! Bei Euch ist Heuchelei und Laster, In diesem Bild ist Heiligkeit.-- — Du armes Kind, Dir ist's verloren, Daß Deine Mutter treu Dich pflegt! Dein einziges Glück bleibt wohl sür's Leben Die Liebe, die sie �u Dir hegt. Du armes Weib, nicht heitere Zukunft Ist's, was die Mühen Dir vergilt. Endlose Roth!— Doch eben darum Ist Deine Lieb' ein heilig Bild. P M. Junges Eheglück. Von Paul Ernst. (Schluß.) Jetzt machte sie ihm Vorwürfe. Weshalb war er am Biorgen nicht gekommen? Weshalb war er nicht gleich so zu ihr gewesen? Als er in die Stube trat, hatte sie ihm schon vergeben, die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugethan— und wenn sie nicht heute Vormittag ein bischen geschlafen hätte— „Heute Vormittag?" rief er; und er dachte, in welcher" Geistesverfassung er während der Zeit auf der Redaktion gewesen war— und sie hatte geschlafen! Er hatte ein Gefühl der Bitterkeit und des Hasses; blitz- schnell durchzuckte es ihn, daß seine Frau ein gemeines egoistisches Wesen war und daß sie mit ihm spielte wie die Katze mit der Maus. Er mußte den Kopf weg- wenden. „Ich vergebe Dir", flüsterte sie,„sei nicht mehr traurig". Am liebsten hätte er sie schlagen mögen, aber er mußte heucheln, durfte seine wirklichen Gefühle nicht verrathen, sonst fing die Szene von Neuem an. So zuweilen, wenn er sich die Sache recht über- legte, fand er, daß er sich als Junggeselle eigentlich doch besser amüsiert hatte. Natürlich die Ehe, das ist ja ein großes Glück, so dieses harmonische Beisammenleben zweier Menschen und das ist man ja doch auch der Moral schuldig— aber zuweilen erinnerte er sich, wie ruhig und zufrieden er früher doch gewesen war, nie in Angst und so behaglich, und das war immer so gemüth- (ich in der Kneipe, wo er zu Mittag aß, und nach dem Essen machte man seine Billardparthie und rauchte seine Eigarre und dann die Marie— die Erinnerung an sein Glück und seine Freude stand vor ihm, plötzlich; und jetzt wußte er erst, wie glücklich er damals gewesen ivar— natürlich, ein moralisches Verhältniß war das ja nicht und die Ehe steht natürlich viel höher, und so ein Mädchen überhaupt, das ist eben ein ganz anderer Bildungsstandpunkt. Aber das wollte ihm nicht wieder aus dem Kopf gehen. Sie war so ein hübsches Mädchen gewesen, etwas groß und vorgebeugt und von bleicher Gesichtsfarbe, aber so ein gutes, liebes Gesicht, große, runde Augenbrauen, und so sanfte, graue Augen... Es fiel ihm ein, daß einmal ein Kollege ihm gesagt hatte:„Nehmen Sie sich in Acht, die Kleine spekulirt, daß Sie sie Heirathen sollen". Jetzt wurde es ihm klar, das war es eigentlich zw erst gewesen, was ihn von ihr entfernte, nun ja, und dann war die Badereise gekommen. Und nun wußte er, daß er mit ihr glücklich gewesen war. Er dachte nicht, daß das hätte Liebe sein können, Liebe, natürlich... Es fiel ihm ein, war denn das eigentlich Liebe, was er für seine Frau fühlte? Da kam ihm ein ganz anderer Gedanke. Vielleicht hatte er die Marie geliebt, und er hatte es blos nicht gewußt? Oder ob das überhaupt nur so eine Redensart ist, die„Liebe". Es wurde ihm nicht recht klar, was er eigentlich meinte, und er hatte auch nicht recht den Muth, sich das klar zu machen; denn das war etwas ganz Neues, was noch Niemand gesagt hatte, und da schien ihm das eigentlich eine Dummheit zu sein, was er sich dachte. Wenn man liebt, das muß man doch merken und wenn er seine Frau nicht geliebt hätte, so hätte er sie doch nicht geheirathet! Auf das Geld hatte er doch nicht gesehen! Dann machte er sich auch Gewissensbisse. Er hätte doch die Marie nicht so laufen lassen dürfen. Was war aus der nur geworden? Damals, als er das Verhältniß mit ihr angefangen hatte, hatke er ja ganz kaltblütig kalkulirt, so bleiben thut sie ja doch nicht— einer muß doch den Anfang machen— ob ich's bin oder ein Anderer! Aber jetzt schien ihm das doch nicht mehr so ganz richtig zu sein. Und er dachte daran, daß er heute Morgen erst noch einen Leitartikel geschrieben hatte, der handelte von der sozialen Gefahr und von der Stel- lung der höheren Gesellschaftsschichten zu der Begehrlich keit der unteren Klassen— und da hatte er auch davon gesprochen, wie die reichen Wüstlinge ohne Gewissens bisse Mädchen aus der Arbeiterklasse verführen, und du durch viel zu der sozialdemokratischen Verrohung der Massen beitragen; dabei hatte er sich eigentlich gar nichts weiter gedacht, als er das schrieb, aber jetzt fiel ihm ein, daß das doch eigenilich ganz sein Fall war! So hatte er die Sache noch gar nicht angesehen, von der Seite. Wenn er sie nur einmal wieder sehen könnte!- Aber sie selbst aufzusuchen, das ging doch wohl nicht! Da traf er ganz zufällig mit ihr zusammen; er stieg mit Selma in die Pferdebahn und als sie sich niedersetzten, sah er schräg gegenüber in der Ecke Marie; sie hatte ein großes Bündel vor sich auf dem Schooß; sie lieferte ab ins Geschüft. Er war verlegen; er kvnnte sie doch nicht grüßen, denn dann hätte Selma ihn gefragt. Aber Marie half ihm. Sie that, als ob sie ihn nicht kannte. Uebrigens, sie sah ganz gut aus, hatte sogar etwas rothe Gesichtsfarbe. Als der Wagen vor dem Geschäft vorbeifuhr, stieg sie aus. Sie arbeitete also noch für die! Da konnte er sie ja leicht finden. Das befriedigte ihn so, daß er die Eigarrentasche herausnahm und eben eine Eigarre in den Mund stecken wollte, als ihm einfiel, daß das ja in der Pferdebahn verboten ist. Es glückte ihm noch, an demselben Tag mit Marie zusammenzukommen. Selma ging zur Schneiderin und er ging zurück zum Geschäft und traf sie noch an. Sie gaben sich die Hand. Marie war ruhig und nicht verlegen. Er fragte: „Bist Du nicht böse auf mich?" „mshalb?" „Nu, da im Pferdebahnwagen!" „Ach, wie kann ich darüber böse sein, das war doch Ihre Frau, die bei Ihnen saß, nu, da war's doch am besten, wir thun, als wenn wir uns nicht kennen." Er schämte sich vor ihr; sie war so gut und ein- fach— und wie hatte er gegen sie gehandelt! Um etwas zu sagen, fragte er: „Wie geht's denn jetzt, Marie?" Das kam in ungeschicktem Ton heraus, und er wußte auch nicht recht, sollte er„Dir" oder„Du" sagen; deshalb ließ er das weg. „Nu, ich denke, man muß eben zufrieden sein." Mit einem Male faßte es ihn tief. Er ergriff ihre Hand, initten auf der Straße, hielt sie fest und fragte: „Marie, kannst Du mir vergeben?" Auch sie wurde wohl erregt. Er merkte, wie ihre Augen feucht wurden. Sie machte ihre Hand los und nach einer Weile antwortete sie: „Es ist mir ja schwer geworden, zuerst; so bald hatt' ich's nicht gedacht; daß Du mich heirathetest, das hatt' ich ja nicht geglaubt, aber ich hatte geglaubt, ein bischen länger sollt's dauern." Sie schwiegen und gingen neben einander her. Endlich raffte sie sich zusammen.: „Nu, jetzt is vorbei." Sie schwiegen wieder. Endlich sing er an: „Und was meinst Du, willst Du so bleiben oder willst Du Heirathen?" „Ja, eine Parthie hätte ich ja, ein Schlosser, aber mit dem Heirathen, das geht nicht so; wenn der Eine nichts hat und der Andere nichts hat, das giebt'ne bettlige Heirath." Ganz schüchtern sagte er zu ihr: „Nicht wahr, Du weißt, wie ich's meine, und Du nimmst mir das nicht übel— das könnte ich Dir doch geben." Sie bedachte sich. „Ja, mir wär's nicht angenehm, was zu nehmen — ich Hab' Dich lieb gehabt und hab's aus Liebe ge- than— aber da müßt' ich mal den Karl fragen, was der meint—" „Weiß denn der das?" „Natürlich! Dem werd' ich doch nichts vorlügen, wenn er mich Heirathen will!" Er schämte sich wieder; als er sich verheirathet, hatte er seiner Frau nichts gesagt.— Nach einigen Tagen bekam er einen Brief. Sie schrieb ihm, daß das doch ein unvernünftiger Stolz wäre, wenn sie das Geld nicht nehmen wollte, und er könnte es ja auch ganz gut entbehren; zweihundert Mark wären genug, und wenn sie reich wäre und er arm, so würde sie ihm ja auch geben. Er schickte das Geld ab und dabei sagte er sich, daß er eigentlich doch sehr anständig handelte bei der Sache. In den.ersten Zeiten zwar hatte er das Bewußtsein, daß das eine Lüge war, wenn er sagte„sehr anständig handeln"; aber im Laufe der Zeit gewöhnte er sich daran, das so zu betrachten, ebenso wie er sich an seine Frau gewöhnte, so daß er sich schließlich einbildete, er lebe glücklich mit ihr. Und auf diese Weise lebte er denn. Ans meinem„Dauern spiegel t Von Willibald Nagl(„Deutsche Worte'). (6. Fortsetzung.) Da sind die älteren Bauersleute viel besser daran. Ob verheirathet oder nicht, in jedem Falle sind sie schon so„gesetzt" geworden, daß sie das andere Geschlecht als solches nicht mehr belästigen. Sie leben in dem erheben- den Bewußtsein, daß sie jetzt„gescheid" geworden sind. Die helle Biederkeit trieft wie Honigseim über ihre Lippen: sie wünschen einem jeden den„G'sund", gönnen ihm alles Gute, beleidigen Niemand durch ein scharfes Wort, und Jemanden'was davonzutragen, was nicht ihnen gehört, könnte ihnen gar nicht einfallen. Und so thun sie denn nach allen Richtungen ihre Schuldigkeit. Untereinander, so im engsten Familienkreise— nicht, als ob man den Angehörigen alles entdecken müßte, sondern weil man da von sonst Niemanden gehört wird— kann man sich schon wieder„ausreden", wenn einen'was am Herzen liegt; was für ein Mensch der N. N. eigentlich ist, verdient hat er sich die Achtung und den Besitz nicht, womit er lebt, wie Gott in Frankreich,— hat ohnehin den und den betrogen u. s. w. Bei der Arbeit kann man trotz aller Rechtschaffenheit auch bestens„aus sein eigenes Sachen" schauen, indem man den Rain schmälert; ei, was schadt's, eine Furche mehr! Den Zaun rückt man auch etwas hinaus, damit der Nachbar allein den unliebsamen Feldweg leisten muß. Und wenn die eigenen Kinder auf einen fremden Obstbaum steigen und in der Diebeseile noch die zarten Zweige heruntertreten und ab- reißen.— wer wird sich aus solchen Kleinigkeiten'was machen, hat vor vier Wochen auch des Nachbars Kuh über den Rain hinübergelangt und ein paar saubere „Maulvoll" herausgefressen. Da geht's ja gegenseitig, und jeder muß sehen, wie er zu„seinem" Sachen kommt. Durch das lernen ja die„Gesindel" wirthschaften, wenn sie selber etwas herbeischaffen oder für sich um'was schauen können;„was auf unserem Grund wächst, das gehört eh' schon uns," hat sich wohl eine unserer„braven" Nachbarinnen gedacht, als ihre zwei Jungen vor ihren Augen unsere Aepfel vom Baume schüttelten:„ungeschickt, daß sie sich erwischen lassen, die Jungen". Etliche Zimmerleut vom Ort—„brave" Männer - grüßen mich freundlichst, wenn ich des Weges komme, ziehen sogar den Hut herab; ich glaube, eine freundliche Anrede an sie richten zu müssen, frage z. B., was sie da machen? u. dgl. Sie geben höflichen Bescheid, — und wenn ich mich entferne, höre ich noch aus eini- ger Entfernung, wie sie über das spötteln, was ich zu ihnen gesagt. Sie glauben, alle Leute haben so stumpfe Ohren, wie sie selber. Natürlich, wär' ich ein Geist- licher, so wäre das eine Sünde, wegen der heiligen Weih'; aber, so einen weltlichen Menschen....„Vor unserem Herrgott ist er auch nicht mehr wie wir, und weh' thut ihm ja eine solche Kleinigkeit nicht." Das Wehthun kennen sie nämlich nur am Körper und an Hab' und Gut. Oder ich treffe z. B. mit einem„braven" Bauersmann zusammen, der mir verwandt ist. Er interessirt sich recht für mich, wundert sich, was doch dieses Studiren für einen feinen Kopf brauche und fragt um dies und jenes. Er zeigt bei meiner Auseinandersetzung die größte Aufmerksamkeit, sagt nach jedem meiner Sätze,„ja",„ja so", oder„ja, ja"— und denkt dabei im Stillen nach, ob seine graue Kuh mit Juni oder noch im Mai zum„Kälbern" komme- wird. Gewiß nichts anders.— Etwas Komisches kann man öfter bei den Dreschern oder Schnittern beobachten. Diese fühlen sich maniermäßig verpflichtet, von der Mahl- zeit einen Rest übrig zu lassen, damit es nicht erscheine, als chätte die Hauswirthin zu sparsam gekocht. Wir wollen diesen Rest des„Manier-Neigel" oder den „Manier-Brocken" nennen. Obgleich die Bäuerinnen diesen Brauch kennen müssen, so läßt sich doch manche von ihnen in ihrer Selbstsucht durch das Manier-Reigel bestimmen, nächstens weniger zu kochen, manche kocht schon von vorneherein sparsamer,— aber immer lassen die Drescher einen Rest übrig, und wenn sie noch hungrig wären, brummen sie dafür unter einander über den Geiz der Bäuerin, aber ihr sagen sie nichts. Den Rest wegzuessen gilt eben als Grobheit gegen die Haus- frau, und es ist ein Zeichen von der Macht der Manier, daß diese Regel wohl auch in Familien ohne Dienst- boten, wo also blos die Eltern und Kinder beisammen sind, beobachtet wird, wobei Eins dem Andern das „Reigel" vorschiebt, mit der Aufforderung:„No, so iß aus!"— obwohl jeder selbst gerne Zugriffe. In dieser„braven Verstellung" bleiben sich Männer und Weiber ganz gleich. Nur in einem Punkte dürften diese den ersteren noch voraus sein; nicht in der Andacht, denn andächtig sind unsere Männer ebenso— sondern im„ungläubigen" Verhalten gegen das, was über Andere Schlechtes kolportirt wird.„Du, Spanhoblerin, geh' her, ich muß Dir was stecken: Hörst, ich glaub' doch nicht, daß das sein kann, was mir heut' die Ertlin ge- sagt hat: die Teix Liesl wär' in der Hoffnung; ich thät's ihnen wirklich nicht wünschen, den Teixischen, sind ja doch sonst brave Leut' so weit."„Scherzin wart' ein wenig, laß' mich mit Dir geh'n, Du gelt, das kann doch nicht sein, daß die Schwendenweinleut' gestern gar so gestritten und gerauft hätten,— haben ja erst ge- heirathet, und„„lediger Heit""(im ledigen Stand) haben sie einander fortan so schön gethan!"„Ja", sagt nase- rümpfend die Scherzin,„ist nix d'rauf zu halten, was die jungen Leut' treiben vor'm Eh'stand". Und so wird von allen Menschen„ungläubig" das Schlechteste ver- breitet, aber„beleidig'n thoan s' ueamdn, o mein Gott beilei'-!" Die alten Leute haben in der Regel nicht mehr die Kraft, um diesen Widerspruch zwischen Manier und Natur in sich fortzunähren. Entweder muß die Manier weichen, und es tritt dann die Natürlichkeit in ihrer Verkommenheit auf und zeigt sich als jene Bestie, die sie unter dem ungerechten Druck der Manier geworden ist. Ich kannte eine alte achtzigjährige Frau, deren graue Haare hätten Ehrfurcht einflößen sollen, die aber wegen ihrer fast unwillkürlichen Ausgelassenheit gefürchtet war. Während mau ihr noch gegenüberstand, vergaß sie wieder, mit wem sie eigentlich zu thun habe; ihre Augen waren sehr schwach, ihre Füße konnten sie zur Roth noch tragen,— und doch stöberte sie alle Winkel des Hauses aus, ob man vor ihr nicht vielleicht einen guten Bissen versteckt habe, stieg unbemerkt sogar aus den Boden hinauf, von wo man sie dann, damit sie sich nicht zu todt falle, heruntertragen mußte, sie lästerte und schimpfte ihre Umgebung, wenn sie sich verkürzt glaubte, ja, in ihrem Zorn schritt sie zu den unanständigsten Entblößungen und Geberden! Der zweitmögliche Fall ist so ziemlich der gewöhn- liehe: Es wird die Natur, auch die verdorbene, in den alten Leuten so schwach, daß dieselbe kaum mehr ein heimliches, von der Manier unabhängiges Leben fristen kann. Diese Leutchen thun nach alter Gewohnheit fort, was sie durch so lange Jahre äußerlich getrieben und gemacht haben, sie werden von der Manier fast wie Ma- schinen bewegt und belebt. Sie sind gegen alle, mit denen sie reden, des Lobes voll; wenn man ihnen etwas giebt, können sie zwar nicht jenen energischen, raffinirten Wider- stand entgegensetzen, der doch noch ein gutes Stückchen Naturkraft erfordert, aber desto fleißiger und über- schwänglicher bedanken sie sich für das Empfangene. Sie stimmen jedem zu, noch bevor er ganz ausgeredet hat, sie möchten überall angreifen und mithelfen, wo gear- beitet wird,— obwohl sie nicht das Geringste im Stande sind. Von der„Schlechtigkeit"(der geschlechtlichen) der jungen Leute scheinen sie gar nichts mehr zu wissen, sie leben ganz in der Gedanken- und Moralwelt des Zwangs- systems, das für sie allerdings keinen Zwang mehr ent- hält. Freilich steht ihnen dadurch die Außenwelt mit ihrem Treiben erst recht unverstanden und fremd gegen- über, sie werden bald enttäuscht und betrübt, bald wieder über die Maßen überrascht durch allerlei unwichtige Dinge. Sie leben in dem Zustand, welchen man in meiner Heimath den„Wunder" nennt. Ich habe zwar auch in den Städten„wunderliche" alte Leute getroffen, aber so regelmäßig wie auf dem Lande tritt der„Wun- der" dort bei weitem nicht auf. Man findet auch alte Landlente, welche, trotz an- scheinender Gebrechlichkeit, noch kräftig genug sind, den Toppelmenschen in Manier und Natur mehr oder min- der beizubehalten. Ich kenne eine solche Alte, deren er- wachsene Kinder manchmal zu mir kommen und mir ihre Nöthe klagen, die sie mit ihr haben. Dieselbe ist schon seit Jahren bettlägerig, obgleich ihr sonst nichts fehlt. als— das Alter. Sie„geht mit der Jahreszahl". Nur wenn sie allein zu Hause ist, steht sie öfters auf und macht im Zimmer, selbst auf dem Boden, sich zu schaffen, eilt aber ins Bett, sobald Jemand kommt.— nur damit sie von Niemandem außerhalb des Bettes gesehen wird. Es ist nämlich ein Zug der bäurischen Manier, vor Anderen gerne kränker, ärmer, überhaupt schwächer und „minder" scheinen zu wollen, als man es ist, damit man nicht den Neid rege mache, damit man nicht„verschrieen" werde. Sobald nämlich eine Sache laut anerkannt und bewundert wird, ist sie dadurch leicht„verschrieen" und es geht abwärts mit derselben. Darum hört mau selbst unsere reichsten Bauern in der Ebene, wenn sie„ordent- lich" sind, niemals groß thun, sondern meist lamentiren und klagen über die schlechten Zeiten, ja, sie zählen mit Vorliebe alle die kleinen Unfälle aus, von denen sie be- troffen worden, und verschweigen dagegen die großen Vortheile, die sie gleichzeitig errungen. Obwohl nun unsere Alte gewiß ein geheimes Wohlgefallen daran hat, wenn man sagt, sie sei noch verhältnißmäßig stark und gesund, so will sie's doch nicht gelten lassen.„Uh, mein Mensch, Du glau'st mir's halt nicht, wie's mir schlecht geht, Du glau'st mir's halt nicht!"„Wie steht's denn mit dem Appetit?" fragt unwillkürlich der Besucher. „Mit dem Appetit wär's so weit noch recht"— sie kann bei ihrem kerngesunden Magen sogar noch die ordinären „Würstel" vertragen, einem 12jährigen Jungen zum Trotz„aber halt das Augenlicht, das ist ganz schwach, das Gedächtniß laßt nach, und Athem krieg' ich fast gar keinen", letzteres wahrscheinlich von vielem Liegen. Denn gleichwie die jungen Leute das Beste zu leisten wähnen durch unausgesetzte peinliche Arbeit, ohne Freude und Wohlgefallen, so glauben die alten Leute dem entsprechend, daß man sich desto mehr verschone, je mehr ma» liege. Um aber ungetadelt liegen zu können, muß man möglichst elend zu erscheinen im Stande sein. Blos zum Ver- gütigen liegen steht auch den Alten nicht gut an. Auf ein Gläschen Schnaps hält diese alte Person „mitunter" ein gutes Stück. Ihre Tochter bringt eine Flasche voll nach Hause, giebt davon in ein Gläschen und wässert diese Portion ein wenig, damit dieselbe der Mutter nicht zu stark wird,— und stellt die fast noch volle Flasche in den Kasten, den sie versperrt.„Nehmt Ihr, Mutter, da Hab' ich Euch was gebracht!" Die Alte will nicht und läßt sich ungemein„ehren"(siehe oben). End- lich kostet sie doch ein wenig und wieder ein wenig, die Tochter rückt ihr den Tisch, auf dem das Gläschen steht, näher an's Bett und geht fort, weil sie in der Nachbar- schaft im Tagewerk ist. Sie denkt sich: wenn die Mutter allein zu Hause ist, wird sie das Gläschen schon leeren. Am Abend kommt die Tochter noch vor den anderen Hausgenossen heim und trifft die Mutter ganz verstört und fast ohnmächtig im Bett.„Einen Geistlichen," ächzt die Alte,„einen Geistlichen!"„Aber Ihr habt ja, Mutter, Guer Gläschen gar nicht geleert, trinkt doch ein bischen, vielleicht wird Euch besser." Uh, mein Mensch, ich kann nicht, ich mag nicht,— einen Geistlichen!" ächzt die Alte wieder. So müssen deil.n die nöthigen Vorkehrungen getroffen werden, der Priester konmt rich- tig mit den Sterbesakramenten,— schon das zweite Mal diesen Monat. Nach vollzogener heiliger Handlung ent- fernt sich der Priester, die Kranke wird jetzt eiwas ruhiger und schlummert ein. Die Tochter benützt diesen Moment, räumt das Hauswesen wiever zurecht und, indem sie den versperrten Kasten öffnet, bemerkt sie erst jetzt, daß die ganze Schnapsflasche geleert ist. Die Alte hatte nämlich nach gelöschtem Durst noch die Geistesgegenwart gehabt, den Kasten wieder zu sperren und den Schlüssel in sein Versteck zu geben! Die Manier unterdrückt aber eine gegenseitige, un- angenehme Ausklärung; zu dieser fühlen sich die willens- trägen Landleute zu schwach, und so kann eine solche Heimlichkeit und Verstellerei trotz derartiger Blamage noch immer fortwuchern. So oft aber jetzt die Tochter für ihre Mutter Schnaps zu Hause hat, so nimmt sie seither den Kastenschlüssel mit sich. Als sie dies das erste Mal that, horchte sie vor dem Fenster. Die Alte stand auf, suchte den Schlüssel, und als sie ihn nicht fand, schlug sie so heftig mit der Faust an die Kasten- thür, daß Schalen und Gläser, die oben auf dem Kasten standen, laut zu klirren anfingen. So mächtig ist in dieser alten, bettlägerigen Person noch die heimliche Natürlichkeit neben der offen geübten Manier. 6. Wenn uns diese Alte schon annähernd das Bei- spiel einer wirklichen, beabsichtigte Verstellung zeigt, so haben wir ein solches Beispiel in der That an gewissen Simulanten vor uns, die sich taub stellen, wo sie etwas nicht hören mögen. In meiner Heimath habe ich in der kurzen Zeit, seit ich auf diese Art der Ver- stellung aufmerksam geworden bin, nur zwei alte Männer kennen gelernt, welche gelegentlich Schwer- Hörigkeit simuliren. Ein vierschrötiger, gichtleidender Weißkopf kam etliche Stunden Weges daher und bat eine ältere Person unseres Hauses, die„sympathische" Kur an ihm vorzunehmen. Sie wies ihn anständig ab. redete mancherlei mit ihm und er verstand alles. Weil er aber zudringlich war, so fuhr ich mit derber Rede drein:„Die Sympathiestuck helfen ja nichts! Es ist besser, wenn's ohne Sympathiestuck gut wird!" Da sah er mich verblüfft an und wollte mich nicht verstanden haben. Bald ging er mühselig aus dem Hause und lehnte sich draußen an einen Zaun, um zu rasten. Ich holte ihn zurück und bot ihm in meinem Zimmer einen Stuhl, damit er sich bequem ausruhe. Er folgte mir, weil er nun hoffte, seinen Zweck doch zu erreichen. Im längeren Gespräch bemerkte ich jetzt deutlich, wie er, was er wollte, verstand, selbst als jene Frau vom Hofe etwas hereinrief,— während er, was ihm nicht che- hagte, überhörte, wobei ein verhohlener Groll aus seinen pfiffiger Augen zu leuchten schien.— Ein bejahrter Bauer, den ich ivohl kenne, hört oft diejenigen nicht reden, welche er nicht recht leiden mag, oder gegen welche er einen momentanen Groll hat; hingegen hört er zu- fälliges Klirren der Löffel und Teller bis in den Hof hinaus, wenn sich die Bäuerin insgeheim Kaffee kochen will,— und hat sofort unter irgend einem Vorwand in der Wche zu thun. Und als einmal die Magd bei sich selber in die Worte ausbrach:„Gott— jetzt kommt er schon mit dem Vieh nach Hause und ich habe noch nicht eingestreut!" so antwortete er drauf schon beim Thore herein:„Ja, warum schaut Ihr denn nicht dazu!" — Eine ausgesprochene Simulantin hatte ich zu Schön- kirchen im Marchfelde, wo ich durch vier Wochen in einem Bauernhause einquartirt war, zu beobachten Ge- legenheit. Täglich zu Mittag drang die entstellte, dumme, männliche Stimme eirer alten Bettlerin von dem Hausflur zu mir in's Zimmer. Die Bäuerin gab ihr nämlich gewöhnlich ein Mittagessen. Schon die ganze halbe Stunde vorher hörte ich sie regelmäßig die Gaffe herauf von Haus zu Haus brummen und schnurren. Die Stimme war so störend und widerlich, ihre Bitte so— fast blasphemisch bigott, daß ich einmal erboßt meine Thüre aufriß und die Alte ein- für allemal abschaffen wollte. Da stand mir ein gebeugtes, anscheinend schon ganz kraftloses Mütterchen mit ziemlich freundlichen Mienen gegenüber, das mein Mitleid erregte. Jetzt interessirte mich diese Person. Bald waren auch die Mägde, die Bäuerin und etliche Soldaten nm sie her; sie erzählte in Einem fort, und weinte und lachte hiezn je nachdem sie von ihren eigenen Reden und Erzählungen ergriffen wurde,— verzehrte aber dabei ohne Verzögerung nacheinander die vorgestellten Speisereste, immer dabei redend und brummend; aber was wir fragten, verstand sie nicht, und der am meisten schrie, den ver- stand sie am wenigsten. Zum Schluß wollte sie mit zwei Kreuzer, die ich ihr gegeben, die Zeche bezahlen, sie habe ja kein Täschchen, das Almosen aufzubewahren. Da natürlich Niemand im Kreise das Geld annahm, so schob sie cynisch ihre Schürze bei Seite, öffnete eine Falte ihres Unterrockes und hinter schmutzigen Fetzen ward ein linnenes Beutelchen sichtbar, in welches sie mit Muße die zwei Kreuzer barg. Ein Gelächter entstand. die Mägde wandten sich mit einem Schrei ab und die Alte grinste vergnüglich dazu. Die Bäuerin sagte im Weggehen nur wenig laut zu mir:„Man darf ihr nichts glauben, ich weiß, sie ist ein Gepäck!" Nun hätte Jemand den entrüsteten verständnißzeigenden Blick sehen sollen, den die Bettlerin der Bäuerin auf diese Worte hin nachschleuderte. Ein so arger Simulant hätte mir in meiner Hei- matsgegend schon längst müssen auffallen,— ich habe aber keinen getroffen. Nur in der oben gegebenen schwächeren Schattirung tritt hier die Simulation aick. und obwohl ich mich nur an die gedachten zwei Männer erinnere, so habe ich doch den Eindruck, als ob sie In dieser Schattirung ziemlich verbreitet wäre. Leute, denen ich gegenwärtigen Passus vorlese, anerkennen den Gegen- stand als einen bekannten. Gut stehen kann ich aber dafür, daß viele Leute auf dem Lande, obwohl sie eine Rede gehört und verstanden haben, nochmal„was?" zu fragen gewohnt sind, und sich die Rede wicderholeu lassen. Ich selber hatte den Unfug an mir. Der Grund dieser Unart liegt in einer unten zu behandelnden Reservirtheit, es thut einem wohl, wenn der andere zweimal reden muß, ehe er recht an Einen herankommr, und oft fragt man auch deswegen, um sich mittlerweile über die Entgegnung klar zu werden, welche auf des Andern Rede etwa nothwendig ist. Ein sofortiges, gerades, offenes Antworten wäre zu lebhaft, zu wenig maniergemäß, zu wenig gedämpft und regulirt. Aus dieser geringfügigen Simulation kann sich nun leicht in einzelnen Personen im Laufe der Jahre die stärkere entwickelt haben, indem dem„scheinthalben Ueberhören" der Zweck beigelegt wurde, in einer dem Redenden ärgerlichen Weise sich der Schwierigkeit zu entheben, die in einer passenden Antwort oder in thätiger Befolgung der Rede bestanden hätte. öerliuer Arbeiter-Dildung. Folgenden, einer kundigen Feder entstammende» Aufsatz finden wir in der Berliner„Freien Bühne für modernes Leben", einem Literatur-Blatt, das sich aus- schließlich an bürgerliche Kreise wendet. Wir bringen die höchst interessanten Ausführungen des Verfassers hier un- verkürzt zum Ausdruck; Das helle Jahrhundert... wie schön das kling:!. Und wie düster dieses Jahrhundert in Wahrheit noch ifl.\ Man sagt wohl, wir schritten auf eine Nachtwolke zu,: eine große schwarze Gewitterwolke, deren Blitze in den Beginn der Aera nach Neunzehnhundert fallen würöe».; Und dabei wandeln wir doch selbst unausgesetzt im sauft- dicken Nebel. Das klingt, als wollte ich eine Philippika gegen d e moderne Bildung vorbringen. Nichts liegt mir ferner. Ich möchte von unserer Bildung ein hohes Lied fingen, Z nur mit etwas erweiterter Melodie, gespielt auf einer'. tieferen Saite. Blindheit, Finsterniß nicht in der Bil- dung meine ich. sondern über die Bildung, über die Verbreitung, den Umsatz in Kleingeld innerhalb unserer großen und erfreulichen Menschheitsbildung.„Wir" sind blind. Nicht die Gesammtheit„Mensch", sondern jene Wir, die David Strauß zuerst zuin typischen Begriff erhoben hat. Wir, die das Geld haben, Beethoven zll hören und Göthe wenigstens in einem sehr guten Ein- bände zu besitzen. Wir, die den Naturforscher feiern müssen, weil wir ihn in unserm praktischen Erwerbsleben gar nicht mehr entbehren können. Wir, die wir Zeit haben, jede ästhetische, ethische, philosophische Mode mit- zumachen. Zola'schen Realismus und Julius Wolff, Schopenhauer, Nietzsche, Tolstoi und den Spiritismus, eins nach und neben dem andern. Wir. von denen der- selbe große Historiker und Stilist in seiner unbewußt ironischsten Stunde gesagt hat, daß dazu gehörten„nicht bloß Gelehrte und Künstler, sondern Beamte und Militärs, Gewerbetreibende und Gutsbesitzer." Wir sind blind, behaupte ich, weil wir uns nicht darüber unterrichten, wie eigentlich die Bildung sich ausbreitet, wo sie Wurzel schlügt, wo sie als siegreicher oder geschlagener Eroberer auftritt. Wir popularisiren— uud meinen uns. Wir schelten auf das Popularisiren, das Halbbildung erzeuge — und schelten aus uns. Wir vertheidigen die moderne freie Weltanschauung gegen Gespenster, gegen wider- sinnige Anachronismen— und fechten bei uns. Wir erklären diesen Bertheidigungskampf im Strauß'schen Sinne für erledigt— und rechnen nach uns, ja in diesem Falle noch nicht einmal nach uns allen. Ein markantes Beispiel soll zeigen, wie wahr das ist. Ich will etwas erzählen aus dem geistigen Leben der Berliner Arbeiterwelt Ganz und gar nichts irgend- wie politisch gefärbtes, sondern blos etwas, was Bil- dungsprobleme betrifft. Aus den sogenannten Fach- vereinen und Arbeiter-Bildungsvereinen, Vereinen, wo Arbeiter sich zusammenfinden zum Anhören von Vor- trügen, zu Debatten über diese Vorträge, zu einer rein geistigen Thätigkeit währeud langer Stunden bis tief in die Nacht hinein. Nicht ein Paar Arbeiter, sondern tausende. Und entsprechend ist die Zahl dieser Vereine eine unerhört große. Der Beweis kann mit Leichtigkeit erbracht werden, daß der größte Theil der„Wir" von der Existenz dieser Vereine kaum eine geringe, von ihrer Thätigkeit absolut gar keine Kenntniß hat. Mau treibt dort Politik, Arbeiterpolitik, so viel weiß man. Es sind die berüchtigten Orte, wo der„Arbeiter die kurzen Stunden, die ihm zur eigenen Fortbildung gelassen sind, mit Biertrinken und Schimpfen vergeudet, wo er sich an das nächtliche Wirthshausleben gewöhnt, der Frau und den Kindern das Geld verbraucht." So habe ich nicht nur aus böswilligem, sondern auch aus höchst wohl- meinendem Munde gehört, es sprach nicht die Absicht, sondern die einfache, nackte Unwissenheit. In unfern Zeitungen(die Arbeiterparteiblätter natürlich ausge- nvmmen, die indessen aus allerlei Gründen größeren Schilderungen wenig Raum geben) sucht man vergebens treue Bilder. Wir schicken zu jeder Hundeausstellung einen Reporter und zum Schützenfest mehrere, wir haben Raum für eine Portraitgallerie beispielsweise aller Ber- liner Kanzelredner bis zur freireligiösen Gemeinde herab aus der Feder eines seinen Zeichners: aber wir gehen au diesem Rieseugebiet achtlos vorbei, das, wohlvcrstan- den, durchaus nicht bloß politisch zu beleuchten ist, son- deru überreichen Stoff bietet auch von den denkbar all- gemeinsten Gesichtspunkten der Verbreitungsgeschichte moderner Bildung aus. Nichts eigenartiger, als der Gesammttypus einer solchen Versammlung, seien es nun die Schuhmacher, oder die Bildhauer, die Gärtner oder die Tischler, oder auch das aus den verschiedensten Gewerben gemischte Publikum eines der großen allgemeineren Bildungsver- eine. Die Sitzung beginnt spät, angesagt ist sie meist aus halb neun, aber es wird halb zehn, bis die Leute vollzählig sind. Erfreulich ist dieses Aufbleiben in die tiefe Nacht hinein nicht, es ist aber der letzte Ausweg unter den heutigen Arbeitsverhältnissen. Langsam füllt sich der Saal. Die Besucher kommen im Arbeitsrock, mit allen Spuren der harten Arbeit. Der gewöhnliche Reporter würde jetzt fortfahren, von den„herkulischen Gestalten, den trotzig flammenden Augen, der in der Tasche geballten Faust" und wie die Phrasen alle lauten. Von alledem ist in Wahrheit nicht die Rede. Die Natur der Mehrzahl der Gewerbe und die ganze aufgezwungene ungesunde Lebensweise des Großstadtarbeiters ist nur zu wenig dazu angethan, herkulische Gestalten zu schaffen. Flammende Augen und geballte Fäuste gehören nicht hierher, denn ein wissenschaftlicher Vortrag ist angesagt, vielleicht ein ganz abgelegenes Thema, aber jedenfalls etwas, dem man Interesse entgegenbringt, weil es„Bil- dung" schafft. Fehlen aber die Theaterflammen, so herrscht dafür etwas anderes: ein stäter Ernst, eine An- tbeilnahme an dem Geboteneu, wie sie mir aus anderen Kreisen in der That nicht bekannt ist. Lautlose Stille, so lange der Vortrag dauert. Nach dem Vortrage eine oft stundenlange, gut geregelte Debatte, in der einzelne Mitglieder der Vereine vortrefflich reden: in der Debatte aber herrscht ganz und nur der Arbeiter, mit improvi- sirter Rede: natürlich fehlen die wohlmeinenden Schwätzer nicht, die kein Ende finden können; aber sie sind überall, und das Bezeichnende ist unbedingt das Gegentheil: die verhältnißmäßig große Anzahl der wirklich guten natur- wüchsigen Redner. Die Geschäftsordnung wickelt sich meist glatt ab, hier zeigt sich dte politische Schule, der organisatorische Geist, dem diese Vereine ursprünglich entwachsen sind. Getrunken wird in der Regel unglaub- lich wenig, es ist nicht der Rede Werth. Daß dieses all- gemeine Bild Ausnahmen erleidet, ist klar. Aber ich habe zu viele Versammlungen mitgemacht, um nicht die Regel davon trennen zu lernen. Vor allem darf man ans die gewöhnliche stille Vereinsthätigkeit niemals be- ziehen, was öffentliche Versammlungen, die das Politische beherrscht, vorführen. Nur offenbare Böswilligkeit wirft das alles in einen Topf.— Nun von der geistigen Nahrung selbst, die in den Vorträgen geboten, in den Debatten verarbeitet wird. Ich persönlich habe Vorträge gehört, über geschichtliche, uativnalökonomische, ästhetische, naturwissenschaftliche und schließlich ethische und freireligiöse Gegenstände— ein sehr weiter Kreis. Ein paar Punkte, die mir so oft aufgefallen sind, daß ich sie für entscheidend halte, will ich erwähnen Ein sehr großes Interesse wird natur- wissenschaftlichen Stoffen entgegengebracht. Vor allem ist es hier die Forschung Darwin's, die man nicht müde wird, sich vortragen zu lassen, so wenig erschöpfend auch die Bshandlung der Spezialfragen naturgemäß sein kann. Die EntWickelung des menschlichen Embryo, die Gestaltung des organischen Lebens auf der Erde im Lichte der modernen palüontologischen Forschung, die all- gemeinen Umrisse der Physiologischen Enträthselung des Gehirns, und Verwandtes habe ich nicht nur als Vor- tragsstoff behandelt gesehen, sondern ich habe auch im- provisirten Diskussionen darüber beigewohnt, die unzwei- deutig bewiesen, daß die Zuhörer jedem Satze gefolgt waren. Auf ästhetischem Gebiete ist der moderne Realismus entscheidend. Jene Schreier, welche sich gegen den rea- listischen Zug der projektirten Berliner Volksbühne wandten und sehr eindringlich betonten, daß der Arbeiter von dieser nur für literarische Feinschmecker erfundenen Richtung keine Ahnung habe, fehlte selbst jede Ahnung davon, daß seit geraumer Zeit Vorträge über Ibsen, Tolstoi, Zola zum beständigen Repertoir unserer Fach- und Bildungsvereine gehören, und daß die Werke dieser Männer bereits eine Macht unter den Arbeitern geworden sind, die mit unfern Klassikern ringt. Bekreuzige man sich je nach Geschmack vor dieser Thatsache, aber belüge man sich nicht, indem man sie leugnet! Eine uner- schütterliche Stelle im Herzen unserer Arbeiter und ent- sprechende Bedeutung für die Vereinsreferate besitzt Hein- rich Heine, dessen Judenthum hier belanglos wird neben dem Gefühl der Anhänglichkeit an den Mitkämpfer für Geisteefreiheit; denn man liest die Werke des Mannes, nicht die Schmähartikel der Zeitungen und Geschichts- bücher über ihn. Sehr eigenartig ist die Stellungnahme der Berliner Arbeiterschaft zur freireligiösen Bewegung. Währeud theoretisch vielfach Front gemacht wird gegen jede Be- theiligung am religiösen Kampfe der Gegenwart, lebt und webt man praktisch in diesen jFragen. Arbeiter bilden die Masse in den speziell dieser Bewegung ge- widmeten„Gemeinden" uud Gesellschaften. Unaufhörlich, bei den verschiedensten Gelegenheiten drängt die Debatte in den Vereinen der Religiousfrage zu. Hier ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Tüchtige Kräfte bemühen sich inzwischen, das Negative nicht einseitig ausarten zu lassen und suchen Gehör für eine neue, na- türliche Begründung der Ethik. Die Redner sind von sehr verschiedener Güte. So groß Berlin auch ist, so reiche Kräfte es in sich schließt: die Zahl derer, die in diesen Arbeitervereinen nicht politische, sondern rein wissenschaftliche Vorträge halten wollen, ist im Verhältniß merkwürdig gering. Mißtrauen herrscht auf beiden Seiten. Der Arbeiter hat Angst vor verkrachten Literaten, vor jungem Streber- thuny das nichts zu verlieren, aber auch nichts zu bringen hat. Und es ist nur zu wahr, daß es sich hier um die verantwortlichste Sache handelt. An diesen Posten gehört alles andere eher, als grünes Dilettanten- thum, Auf der anderen Seite fehlt wohl weniger die gute Absicht, als die Fühlung überhaupt mit der Arbeiter- schaff. Wie viele möchten ihre Wissenschaft in populärer Fassung dem Volke vortragen. Aber wo ist das Volk? Sie kennen es nicht. Wo sind in einer Stadt mit so viel Aerzten die Männer, die in ernster, gewissenhafter Weise populäre Medizin zum Thema von Arbeitervor- trägen machen? Ganz vereinzelt kommt es einmal vor, aber ganz anderes thäte noth. Wie viel Berliner Aerzte überhaupt wohl einmal in einem Fachverein einer Sitzung beigewohnt haben? Man geht überall hin, bis zu der Heilsarmee und den Spiritisten, nur hierher nicht. Vielleicht nirgendwo im öffentlichen Leben der Ge- genwart erscheint die Bildung so sehr als selbstthätig weiterwühlende Naturmacht, wie in diesen Bildungsver- suchen der Berliner Arbeiterschaft. Ihre Geschichte, schwer zu schreiben, aber Werth, daß sie geschrieben wird, wäre eins der interessantesten kulturgeschichtlichen Doku- mente. Leute, die uns die Weltgeschichte aus Parackelen verdeutlichen, haben aus Aehnlichkeiten hingewiesen, die zwischen den Vereinigungen moderner Arbeiter und den ersten Anfängen christlicher Gemeinden vor Constantin mrrbar seien. Es läuft immer viel hohle Analogiephrase bei solchen Parallelen mit unter. Aber gewiß' ist ei» fundamentaler Unterschied vorhanden in der Stellung zur Bildung, zur Kunst, zur Wissenschaft. Das Ur- christenthum stand feindlich zn den Anfängen natur- forschenden Geistes, der sich in der Zeit regte, wie zu dem hellenischen Schönheitskultus. Der moderne Arbeiter hat Sinn für unsere moderne Kunst, Sinn für unsere aufklärende Wissenschaft, und wo seine Ethik eine neue und freie ist. da steht sie in erster Linie im Bunde mit der Bildung. Der Kapitalmerth des ländlichen Grnndbesches. g. Die Arbeit, auf die Bebauung des Grund und Bodens(zur Erzeugung pflanzlicher und thierischer Roh- stoffe) angewendet, giebt einen Ertrag von bestimmter Höhe. Vom Standpunkt des privaten Grundeigenthums aus ist jedoch dieser Ertrag nicht Ertrag der Arbeit, sondern vielmehr Ertrag des Bodens und kommt darum „von Rechts wegen", d. h. eben in Folge dieses privaten Eigenthumsrechtes, dem Grundeigenthüiner zu. Wenn nebst anderen Kosten auch die Arbeitslöhne von diesem Ertrage abgezogen sind, so bleibt der„Reinertrag" oder die Grundrente im weiteren Sinn des Wortes übrig. Der Grundeigenthümer bewirthschaftet seinen Besitz entweder in eigener Wirthschaft, oder er giebt ihn gegen einen jährlichen Pachtzins, welcher ungefähr dem Rein- ertrag entspricht und darum vielfach selbst Grunvreme genannt wird, in Pacht. Bei der Verpachtung stellt es sich ganz deutlich heraus, daß der Grundeigenthümer die Rente aus dem bloße» Rechtsgrunde des Eigenthums be- zieht und man kann daher die Grundrente am besten als denjenigen Theil des jährlichen Produktionsertrages be- zeichnen, welcher dem Grundeigenthümer kraft eben dieses Eigenthumsrechtes am Grund und Boden zukommt. Der Boden wird also als ertraggebend angesehen. und giebt seinem Eigenthümer ein(arbeitsloses) Ein- kommen vvn bestimmter Höhe. Vom Standpunkt des Privateigenthümers aus ist der Grund und Boden wirklich Kapital:„die dauernde Grundlage einer Nutzung, welche Geldwerth hat", wie Herrmann, der angebliche deutsche Ricardo das Kapital roh-empirisch definirt. Wenn z, B. der Reinertrag oder die Grundrente eines Hektar guten Ackerlandes— 100 Mk. und der landesübliche Zinsfuß �/o beträgt, so hat dieser Hektar einen Kapitalwerth von 2500 Mk. und wird in dieser Beziehung wie ein Börsenpapier angesehen, das 4% bringt. Nach diesem Kapitalwerth wird der Grund und Boden, seitdem er mobil, Gegenstand von Kauf und Ver- kauf geworden ist, auch verhandelt und ist, namentlich wenn die Grundrente„anzieht", auch Gegenstand der Spekulation. Ein Steigen der Grundrente von nur 20 Mk. wirft den Kapitalwerth um ganze 500 Mk. hinauf. Je niedriger der Arbeitslohn ist, desto höher stellt sich natürlich die Grundrente und dem- zufolge auch der Kapitalwerth des Grundbesitzes. Man erinnert sich, wie im letzten Sommer eine Notiz durch die Zeitungen ging, daß ein schlesischer Groß- gruudbesitzer sein Gut durch Inserat zum Verkauf aus- geboten und unter den vortheilhaften Oualitäten desselben auch den Umstand angeführt hatte, daß daselbst Tage- löhner zu 35, 40 und 45 Pfennig genug zu haben seien. Er bot also mit dem Gute selbst auch die wohlfeilen Tagelöhner zum Verkaufe aus. Wenn in Folge dieser elenden Löhne der Reinertrag des Gutes 20 000 Mark erreicht, so betrug der Kapitalwerth desselben(zu 4% kapitalisirt)_ 500000 Mk. Wären die Arbeitslöhne 2— 3mal höher, so würde der Reinertrag vielleicht nur 12 000 Mk. und demzufolge der Kapital- oder Rein- ertragswerth des Gntes nur 300 000 Mk. betragen. Der Gutsbesitzer verkauft also die Tagelöhner jener Gegend um 200 000 Mk. oder mit anderen Worten: im Rein- ertrag von 20 000 Mk. sind die elenden Löhne voraus- gesetzt und im Kapitalwerth von 500 000 Mk. ist ein nicht bezahlter Arbeitslohn von jährlich 8000 Mk. kapitalisirt enthalten. Der Gutsbesitzer hätte ebenfalls neben den niedrigen Arbeitslöhnen auch noch die Schutzzölle für Getreide uud Vieh, Viehsperre und demzufolge die hohen Getreide- und Viehpreife anführen können. Denn diese beeinflußen die Höhe des Reinertrags namentlich beim großen Grund- besitz sehr wesentlich und ihre Wirkung geht ebenfalls kapitalisirt in den Kaufpreis oder Reincrtragswerth des Gutes über. Wenn der Reinertrag in Folge dieser „sozialpolitischen Maßregel zur Abhilfe der landwirth schaftlichen Nothlage" um 2000 Mk. höher steht, so realisirt der Verkäufer diesen Vortheil mit 50 000 Mk. Alsdann profitirt der Käufer nichts von diesen Schutz- zöllen, denn er hat ihre Wirkung schon kapitalisirt im Kaufpreis bezahlen müssen. Er wird darum, um auch Antheil an dieser„Rettung des Grundbesitzerstandes" zu haben, eine Erhöhung der Schutzzölle verlangen und sich natürlich aus allen Kräften gegen eine Ermäßigung des selben sträuben müssen. Wenn die Schutzzölle auf die Hälfte herabgesetzt werden sollten, so würde der neue Besitzer des Gutes nicht blos jährlich 1000 Mk., sondern er würde am Kapitalwerth desselben 25 000 Mk. einbüßen. Es ist ganz gut möglich, daß die Herren Grund- besitzer vom Staat eine Entschädigung verlangen, wenn es einmal dazu kommen sollte, daß die landwirthschaftlichen Schutzzölle ermäßigt oder gar abgeschafft werden. Es ist auch keineswegs ausgeschlossen, daß diese Leute ihre Forderung durchsetzen würden; uud alsdann hätte das ganze nicht Grundbesitzende Volk das Vergnügen, die Zinsen für eine erhöhte Staatsschuld durch Steuern auf zubringen, nachdem es vorher die Schutzzölle durch höhere Lebensmittelpreise bezahlt hatte. Jedenfalls ein trefflicher Abschluß der 1879 inaugurirten Sozialpolitik von Bismarck!... Beim bäuerliche» Grundbesitz tritt noch ein anderes den Kapitalswerth des Grund und Bodens mitbestimmendes Moment hinzu. Der Bauer ist zwar Besitzer und Ar- beiter zugleich, aber er handelt in jeder Beziehung als Besitzer, als Grundeigenthümer. Deshalb muß es ihm darauf ankommen, den Reinertrag und demzufoljje den Kapitalwerth seines Gutes recht hoch erscheinen zu lassen. Das geschieht dadurch. daß er für sich und die Arbeit seinsr Familienangehörigen keinen(Geld-) Lohn ausrechnet. Es geschieht ferner dadurch, daß er sich mit einer elenden Lebenshaltung be gnügt, mit Kartoffeln und Cichorienbrühe vorlieb nimmt, um die besseren Lebensmittel( Milch, Fleisch, Eier 2c.) er muß ihn zur Verzinsung der im nämlichen Maß- dem Bauern und seinen arbeitenden Familiengliedern zu verkaufen. Der Bauer sieht alles als Reinertrag stabe angewachsenen Grundschuld hingeben. Der Bauer ebenfalls einen entsprechenden Arbeitslohn aussette und seines Gutes an, was er über die bloße Fristung seines hat früher mit Absicht gespart", jedenfalls um den Rein- ebenfalls auch eine Verzinsung des Betriebskapitals in Lebens hinaus aufbringt. Er schafft auch keine Ma- ertrag seines Heimwesens recht hoch erscheinen zu lassen, Anschlag brachte. schinen und selbst keine besseren Feldgeräthe an, so lange jezt spart er nothgedrungen, aber am Ende des Jahres Im Kapitalwerth des bäuerlichen Grundbesizes ist, er durch verlängerte Arbeitszeit und durch die schonungs- hat er nichts Erspartes vor sich, er hat alles zur Ver- wie schon gesagt, auch der Ertrag des Betriebsinventars lose Ausbeutung jugendlicher und weiblicher Arbeitskräfte zinsung der Hypothekenschuld hingeben müssen. fapitalisirt enthalten. Diesen durchaus falsch berechneten den nämlichen Zweck erreichen kann.„ Arbeitsamkeit und Wenn daher der Bauer flagt, es gehe ihm noch Bodenwerth, der eine ganze Anzahl fremdartiger Elemente in Sparsamkeit" sind ja bekanntlich die angeborenen Tu- schlechter als dem Arbeiter, er schlage nicht einmal den sich enthält, nimmt der Grundstückhandel zum Maßstab. genden" des Bauernstandes. Arbeitslohn eines Knechtes heraus, wenn er ebenfalls Man fragt sich, wie es möglich sei, daß der bäuerliche Noch einmal: Der Bauer sieht als Ertrag des darüber schimpft, daß der Staat für die Gefangenen Grundbesiz zu diesem so außerordentlich überschätzten KapitalBodens an, was Ertrag der Arbeit ist. Wenn in Folge Fleischkost einführt, während er selber mit Kartoffeln werth Käufer findet. Es ist der„ Landhunger", der eines auf diese Weise falsch berechneten Reinertrages der vorlieb nehmen müsse, so weiß man, was das zu be- Drang, um jeden Preis Besigthum zu erwerben, der das Kapitalwerth eines Bauerngutes 50 000 Mt. beträgt, so deuten hat. Das sind freilich traurige Zustände und ermöglicht. Wer Land kaufen will, muß sich zu diesem ist in diesem Kapitalwerth die nicht bezahlte Arbeit und namentlich die Familie des Bauern, seine Frau und geltenden Verkehrswerth herbeilassen, oder er kriegt nichts die elende Lebensweise des Bebauers und seiner Familie Kinder sind zu bedauern, aber die Bauern sind selbst zu kaufen. Er muß von einem, Arbeitslohn für sich und mitenthalten. Wenn der Bauer für sich selbst einen daran Schuld. Als die Lebensmittelpreise in den 60er seine Familienglieder und ebenfalls auch von einer Verentsprechenden Geldlohn und auch die Arbeit seiner und 70er Jahren in Folge der Entwicklung der Industrie zinsung seines Betriebskapitals absehen und die bekannte Familienangehörigen in Anschlag bringen wollte, wenn des Anwachsens großer Städte und verbesserter Verkehrs- Sparsamkeit" zur Voraussetzung machen. Er muß sich er ferner die Lebenshaltung erhöhen und sich nicht mehr mittel so stark in die Höhe gingen, da wäre es den mit einem andern Worte in den Dienst der Hypothekenmit Kartoffeln und Cichorien begnügen wollte, so würde Bauern ein leichtes gewesen, ihre Lebenshaltung ent- gläubiger stellen, denn wenn sich nicht bei jedem Verkauf der Reinertrag seines Gutes vielleicht nur 1200 Mt. und sprechend zu erhöhen, sie haben dies jedoch nicht gethan. 3. B. bei Anlaß der Subhastation ein so kauflustiges demzufolge der Kapitalwerth blos 30 000 Mt., also Als Grundeigenthümer kam es ihnen nur darauf an, die Publikum herandrängen würde, so würde vielleicht 1/3 20 000 Mt. weniger betragen. Grundwerthe recht in die Höhe zu treiben und jetzt haftet und selbst 1/2 aller Hypotheken ausfallen, verloren sein in Folge von Kauf und Verkauf, Erbgang, bisweilen für die Besizer derselben, aber gewonnen für die Arbeit, auch in Folge von Leichtsinn und Unwirthschaftlichkeit den Fleiß und die Betriebsamkeit des Bebauers und diese Erhöhung des Grundwerths als Grundschuld seiner Familie. auf dem heutigen Grundbesig. Dieser durchaus falsch berechnete KapitalWer mit den thatsächlichen Verhältnissen nicht befannt ist, wird sagen, es könne für den Bauern gleich giltig sein, ob er sich einen Arbeitslohn anrechne oder nicht, denn im letzteren Falle müsse dieser nicht berechnete ( Geld-) Lohn im Reinertrag erscheinen und dem Bauern Im Kapitalwerth des bäuerlichen Grundbesizes ist werth ländlichen Grundbesizes ist die Ursache auf diesem Wege zu gute kommen. Das ist jedoch durch also ein Betrag für die nicht berechnete Arbeit des der sogenannten landwirthschaftlichen Nothlage. aus nicht der Fall. Denn je höher der falsch berechnete Bauern und seiner Familie kapitalisirt enthalten, nicht Aber die Grundbesizer suchen die Ursache nicht in diesem Kapitalwerth des Bodens steht, desto größer ist auch die nur für die bereits gethane Arbeit, sondern auch für die Umstande.„ Die Landwirthschaft rentirt sich nur zu hypothefarische Verschuldung. Aus zwei Gründen. Erstens erst noch zu leistende Arbeit. So lange der Grund- 2 pCt." sagen sie. Es giebt keine größere Verdrehung ist der Grund und Boden in Folge des freien Eigen- werth und demzufolge die hypothekarische Belastung des der Thatsachen. Der Reinertrag ist( unter der Vorausthumsrechtes mobil, Gegenstand von Kauf und Verkauf. bäuerlichen Grundbefizzes so hoch steht, wird der Bauer sezung des Grundeigenthums) das gegebene, der KapitalFast jeder Grundbesitz hat die Hand gewechselt, mitunter nie einen Arbeitslohn heransschlagen. Im nämlichen werth ist ein Konstruirtes, Abgeleitetes. Der Kapitalwerth ist er sogar durch eine ganze Reihe von Händen gegangen, Augenblick aber, wo dies der Fall sein sollte, würde der richtet sich nach dem Reinertrag und nicht umgekehrt der namentlich in der sogenannten„ guten Zeit", wo Grund- Bauer wiederum von einem höheren„ Reinertrag" und Reinertrag nach dem Kapitalwerth. Wer also sagt, die werthe wie Börsenpapiere mit steigender Tendenz ver- demzufolge von einem höheren Kapitalwerth seiner Liegen- Landwirthschaft rentire nur 2 pCt. und meint, sie solle handelt wurden. Ein sehr großer Theil der Bauern hat schaft sprechen. Er kommt eben nicht aus der Haut des sich zu 4 pбt. rentiren, braucht nur den Kapitalwerth also sein jeziges Heimwesen gekauft, zu diesem hohen und Grundeigenthümers heraus: alles was er mit seiner Ar- des betreffenden Gutes um die Hälfte herabzusehen, dann falsch berechneten Kapitalwerth an sich gebracht. Der beit dem Boden abringt, ist nach seiner Anschauung Er- rentirt es sich zu 4 pCt. Aber als Grundeigenthümer Kauf von Grundbesig findet fast ohne Ausnahme auf dem trag des Bodens. Was er für sich selber braucht und verschließen sich die Leute dieser unliebsamen Wahrheit. Wege statt, daß nur ein kleiner Theil der Kaufsumme ebenfalls die Arbeitslöhne, die er seinen bezahlten Ar- Sie rufen den Staat um Hilfe, daß er die Vorausbaar bezahlt, der übrige Theil aber als Hypothek ein- beitern zu geben gezwungen ist, gehört zu den Kosten segungen des falsch berechneten Grundwerthes künstlich, getragen wird. Ein Beispiel. Wenn das vorhin er dieses Ertrags und diese müssen daher so niedrig wie d. h. auf dem Wege der Gesetzgebung, stüße und die wähnte Bauerngut wirklich um 50.000 Mf. gekauft möglich gehalten werden, damit ein recht hoher Rein- Getreide- und Fleischpreise durch Schutzölle und Viehworden ist, so sind vielleicht 5000 Mt. baar bezahlt ertrag" übrig bleibt. sperren hochhalte. Die Einführung von Chinesen wäre worden, mit 30 000 Mt. war das Gut schon von früher Der Bauer besitzt neben seinem Grundeigenthum eine andere wirksame Maßregel gewesen, um eine weitere her hypothefarisch belastet und die übrigen 15 000 Wt. auch noch ein Betriebskapital von bestimmter Höhe: Voraussetzung eines hohen Kapitalwerth des Grundbesizes, wurden nun bei Anlaß des letzten Kaufs als Hypothek Viehstand, Feldgeräthe 2c. Je nach der Größe der nämlich die niedrigen Arbeitslöhne, beizubehalten. Die eingetragen, so daß das bäuerliche Gut jezt mit 45 000 Mt. Wirthschaft und Intensivität des Betriebes wird die Beschränkung der Sachsengängerei in den östlichen Prohypothekarisch belastet ist. Größe des Betriebskapitals( in Geld ausgedrückt) auf vinzen wäre aus denselben Gründen eine sehr wirksame Aber auch da, wo der Bauer sein Heimwesen nicht 1/ 8-5 des Grundwerths angegeben. Bei dem vorhin sozialpolitische Maßregel" zur Abhilfe der„ landwirthdurch Kauf an sich gebracht, sondern ererbt hat, haben erwähnten. Bauerngut mit einem Kapitalwerth von schaftlichen Nothlage". doch Miterben ausgerichtet werden müssen. Angenommen, 50 000 Mt. würde ein Betriebskapital von 6-10 000 Mk. Die Thatsache eines durchaus falsch berech der Bauer habe 3 Geschwister austaufen müssen. Die nothwendig sein. Bei einer richtigen und kaufmännischen neten Kapitalwerthes des ländlichen Grundhypothekarische Belastung habe damals ebenfalls erst Berechnung des Reinertrags würde vom Gesammtertrag besizes, der außerdem noch durch gesetzliche Maß30 000 Mt. und der Schäßungswerth des Gutes 50 000 M. der Liegenschaft ein Posten für die Verzinsung des Be regeln künstlich gestützt wird, zeigt jedenfalls, getragen, so mußte jedes der 3 Geschwister mit 5000 Mt. triebskapitals in Abrechnung gebracht werden müssen. was für ein großer Fehler die Verstaatlichung abgefunden werden. Diese Abfindung oder Ausrichtung Da namentlich mit dem Viehstand ein hohes Risiko ver- des Grund und Bodens durch Ankauf zu dem von Miterben findet ebenfalls auf dem Wege der hy- bunden ist, so müßte der Prozentsaz mit dem sich dieses bisherigen Verkehrswerth sein würde, ein Fehler, pothekarischen Belastung des Gutes statt, so das auf verzinst, mindestens 6 pCt. betragen. der in England bekanntlich bereits begangen demselben nun eine Grundschuld von 30 000+ 3 mal 5000 = 45 000 lastet. Wenn man jedoch nachsieht, so findet man, daß der worden ist, wo man zu diesem Zwecke große Bauer diesen Faktor nicht berechnet. Er sieht auch den Credite angesezt hat. Erst müssen die natürlichen Zur Verzinsung dieser Grundschuld hat der Bauer Ertrag seines Betriebskapitals als Ertrag seines Bodens und fünstlichen Voraussetzungen dieser kolossalen Uebernun alljährlich 1800 M. aufzubringen. 200 Mt. mag an, schäßt also den Reinertrag und demzufolge den schätzung wegfallen, die Schutzölle 2c, müssen aufgehoben er als Zins für sein eigenes Vermögen von 5000 Mt. Kapitalwerth desselben viel zu hoch. Man hat neuerdings sein, die Arbeitslöhne und die Lebenshaltung des landoder als Unternehmergewinn( wegen des Betriebskapitals) genaue Berechnungen aus den Wirthsschaftsbüchern bäuer- wirthschaftlichen Arbeiterstandes müssen erhöht werden, ehe ansehen, aber wenn die Ernte schlecht ausfällt oder wenn licher Grundbesizer angestellt, um den wirklichen Rein- der unter normalen Umständen zu erzielende Reiner Unglück mit seinem Viehstand hat 2c., so bleibt ihm ertrag und in weiterer Linie den Kapitalwerth ihrer ertrag festgestellt werden kann. Nach diesem hätte sich nicht nur nichts übrig, sondern er kann sich noch glücklich Liegenschaften zu berechnen und mit dem gegenwärtigen der natürliche Preis" des Bodens zu richten. Das schäßen, wenn er nicht neue Schulden machen muß und Schäßungswerth derselben in Vergleichung zu bringen. würde selbstverständlich einen großen Preissturz aller zuletzt den Wucherern in die Hände fällt. Die Resultate waren frappant genug. Ueberschäzungen Grundstücke und den Ausfall riesiger Hypothekensummen Der Bauer, der früher für sich keinen Arbeitslohn von 25, 30, 40 und selbst 45 pet. wurden nach ge- bedeuten. anrechnete, um den Reinertrag und demzufolge den wiesen, auch wenn man die niedrigen Löhne der landKapitalwerth seines Gutes recht hoch erscheinen zu lassen, wirthschaftlichen Arbeiter bestehen ließ und sich, wie gesagt, muß jezt, gezwungen, auf diesen Arbeitslohn verzichten ganz genau an die Wirthschaftsbücher hielt, dafür aber Empfehle meinen werthen Freunden und Genossen sowie den Lesern dieses Blattes mein Cigarren- Geschäft. Carl Lehmann, Brunnenstr. 83, dicht am Humboldthain. Unterstutzung f.die 10PF Gemassre regelten Kiel Verb deutsch Zimmerleute 25 Unterstützungstone Quittungsmarken& Kautschukstempelfabrik von Conrad Müller Schkendih- Leipzig empfiehlt sich allen Arbeitervereinen, Krankenkassen u. s. w. Ausführung sauber und schnell. Preislisten gratis und franko. 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