Berliner -r Ho kä=irttiiiE. Sozial-Politisches Wochenblatt. Die freien Hilfskajfen in(Gefahr.— A«« England.— Ehristenthum«nd Sozialismus — Die Arbeiter und die Kunst.— Mas die moderne Literatur für«ns bedeutet. Gedicht.— Dovelle.— Ans meinem Kauern fpiegel.— Obdachlos(Berliner Skizze). Die Politik des Dollars. Die freien Kilfskasfen in Gefahr. □ Daß man den freien Hilfskassen kein Wohl wollen aus den Kreisen des Unternehmerthnms und auch nicht aus den Kreisen der Regierung entgegenbringt, i bekannt. Man hat es oft genug ausgesprochen. Als man die freien Hilsskassen in das Krankenversicherung� gesetz überhaupt hineinließ, glaubte man es höchstens mit den schwächlichen kleinen Käßchcn deutschfreisinnigcr SRich tung zu thun zu haben, die schön an dem Gängelbande ihrer Generalanwölte, Generalsekretäre und wie dies „Generale" sonst sich alle nennen, vorwärts watscheln würden. Doch sobald man den ehernen Tritt der doppelsohligen Proletarierstiefel in die Zentralkranken lassen hereinschreiten hörte, da war man nur darauf be dacht, wie man diese rauhen Gesellen wieder los werden konnte. Sie zeigten ein so stolzes Selbstbewußtsein, konnten ihre Sachen ohne Doktoren und Juristen so gut verwalten, waren so trotzig selbständig, daß sogar die hohen Magistratsbeamten, die sich mit ihnen in Streit einließen, zuletzt den Kürzeren zogen und die Hand von dem stachlichen Gewächs abziehen mußten. Nun begann man sie vornehm bei der Unfallversicherung und bei der Alters- und Invalidenversicherung zu übersehen. Sie, die die Intelligenz der Arbeiter zu ihren Mitgliedern zählten, wurden ganz einfach bei den Wahlen zu den Arbeitervertretungen übergangen, sie haben da nicht mit Zusprechen. Dabei wühlten die.Innungen, die Verbände der wüthettdsten Arbeiterfeinde, gegen die Kassen und die Großindustriellen achten es den Innungen gleich zu thun. Ihnen Allen war das Zeichen der Reife und Selbständigkeit, das die Arbeiter in diesen Kassen auf- gerichtet chatten, verhaßt. Es ist ja eine Eigenthümlichkeit der deutschen Bour- «eoisic, gegen jede, auch die kleinste und derechtigste Regung der Selbständigkeit der Arbeiter sich erboßt zu erheben, um sie zu vernichten. Das System Bismarck-Puttkamer war natürlich gegen die freien Kassen ergrimmt als gegen einen Theil der.Hydra der Revolution", und die Nachfolger können sich noch heut zu keiner unbefangenen Anschauung aufschwingen. So bietet der Gesetzentwurf zur Abänderung des Gesetzes betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter Vorschläge, die offenbar das Gegentheil von Wohlwollen gegenüber der Kasse zeigen. Wir wollen diese Vorschläge kurz der Weise nach anführen und würdigen. Der§ 49 des bestehenden Gesetzes betr. d. Krankenvers. d. A. bestimmt: „Die Arbeitgeber haben von ihnen beschäftigte versicherungspflichtige Personen, für welche die Ge- meindeversicherung eintritt oder welche einer Orts- krankenkasse angehören, spätestens u. s. w. anzu- melden." Hiernach hatten die Unternehmer die Mitglieder der freien Hilfskassen, die vom Eintritt zu der Krankenversicherung der Gemeinde und der Ortskranken- kassen befreit waren, nicht anzumelden. Dies war den Unternehmern, welchen aus der An- und Abmeldung eine nicht zu unterschätzende Arbeitslast entsteht, bequem und da noch dazu kam, daß die Unternehmer für die Mitglieder der freien Hilfskassen keinen Beitrag zu jahlen haben, so geschah es, daß die Unternehmer die Mitglieder freier Hilsskassen öfters bei Anstellung in Arbeit vorzogen oder doch mindestens diese Mitglieder nicht behinderten bei ihren Kassen zu bleiben. Jetzt so dieser kleine Vortheil den freien Hilfskaffen entzogen werden, denn nach dem Gesetzentwur�soXb-der§ 49 lauten „Die Arbeitgeber haben jede�on ihnen beschäftigte Person, welche nicht einer Betriebs-(Fabrik-) Krankenkasse, Bau-KraffTenITasse, In nungs-Krankenkasse, Knappschafsskass angehört, spätestens u. s. w. anzuzeigen." Es ist hier wie bei der Unfallversicherung und bei der Alters- und Invalidenversicherung die Mitaufführum; der freien Hilfskassen absichtlich unterlassen. Ihre Mitglieder müssen also angemeldet werden. Damit schwindet die Bequemlichkeit flir den Unternehmer Das ist aber noch nicht genug, es wird noch eine U n bequ.emlichkeit hinzugefügt. Die Mitglieder der freien Hilfskassen sind von der Mitgliedschaft zu den Zwangskassen befreit, nach wie vor. Während es aber jes�t.. genügt, daß das Mitglied der freien Hilfskasse sich' bei dem Unternehmer vder seinem Vertreter durch einfache Vorzeigung seines Buches legitimirt, soll später ein weitläufigeres Verfahren Pla:; greifen, denn nach dem Gesetzentwurf soll ein§ 49 eingeschoben werden, der lautet: „Wird für eine versicherungspflichtige Person die Befreiung von der Verpflichtung, der Gemeinde krankenversicherung oder einer Ortskrankenkasse an zugehören, in Anspruch genommen» so ist gleichzeitig mit der Anmeldung der Befreiungsgrund anzugeben Bis zur Einbringung des Nachweises des Besreiungsgrundes können für die angemeldete Person die fälligen Beiträge u. s. w. erhoben werden." Es.muß also der Anmeldung eines Mitgliedes der freien Hilfskasse beigefügt werden eine förmliche Er- klärung, daß dasselbe die Befreiung von der Zwangskasse in Anspruch nimmt und dieser Er- klärung muß zur Erbringu ng des Nachweises das Kassenbuch beigefügt werden. Dies muß von den Beamten der Zwangskasse geprüft und dem Eigenthümer zurückgegeben werden. Es sind das die Last der An Meldung sehr erheblich erschwerende Scherereien. Aber auch den freien Hilfskassen selbst soll eine Wenigkeit mehr Schreiberei und Schererei aufgehängt werden. Ein§ A9b verlangt: „Hilfskaffen der in§ 1i> bezeichneten Art haben jedes Ausscheiden eines Mitgliedes, welches versicherungspflichtig ist, binnen einer Woche bei der gemeinsamen Meldestelle aber.... unter Angabe seines Aufenthaltsortes und seiner Beschäftigung zu dieser Zeit anzuzeigen." Das giebt um so mehr Schererei, da die freien Hilfskaffen sich um den Aufenthaltsort und die Beschäf- igung ihrer Mitglieder zu kümmern durchaus bis jetzt eine Veranlassung hatten. Welcher Kassirer oder Hilfs- assirer einer freien Hilfskasse in Berlin weiß, wo der versicherte Arbeiter wohnt und wo er arbeitet? Wie oll er das feststellen, wenn das Mitglied die Beiträge chuldig geblieben ist, und deshalb ausgeschlossen wird? Das sind so Nadelstiche und kleine Scherze bureaukra- ischer Art, durch welche Unternehmer, die Mitglieder reier Hilfskassen beschäftigen, diese Mitglieder selbst ind die Verwaltungen der Kassen belästigt werden. Nun kommt aber§ 75 und bringt das Hauptgericht. Es heißt da erstlich: „Mitglieder der auf Grund des Gesetzes über die eingeschriebenen Hilfskassen vom 7. April 1876(Reichs- Gesetzblatt S. 128)_., 1. Juni 1884(Reichs- Gesetzblatt S. 53) 6 ,3 teten Kassen sind von der Verpflichtung der Ge- meinde-Krankenversicherung oder einer nach Maß- gäbe dieses Gesetzes errichteten Krankenkasse anzu- gehören, auf ihren Antrag zu befreien, wenn die Hilfskasse, welcher sie angehören, im Krankheits- falle diejenigen Leistungen gewährt, welche nach Maßgabe des§ 6 von derjenigen Gemeinde, in deren Bezirk der Versicherungspflichtige beschäftigt ist, zu gewähren sind." Das ist auch eine Unbequemlichkeit für die sieien Hilsskassen, wir können ihr aber nicht die Tragweite bei- messen, die ihr in der uns nahestehenden Presse vielfach gegebM-wird. Besonders handelt es sich durchaus nicht daWm, daß mm die Kassen bei gleichem Beitrag ver- schiedene LeiWngen zu gewähren gezwungen sind, wie es wM behauptet ist. Schon heute leisten die meisten freien Hilfskassen in der Regel weit mehr als die Gemeinde-Krankenversiche- rung selbst in den theuersten Orten leistet, in welchen sie Mitglieder hat. Man bedenke doch, daß die min- beste Leistung dieser an Krankengeld nur die Hälfte des ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tage- arbeiter deträgt. Manche Kassen passen sich durch eine ziemlich weitgehende Einrichtung von Klassen schon heute den Bedingungen der verschiedenen Orte an. Es wird höchstens bei manchen Kassen nöthia werden, noch eine höhere Klasse einzurichten, um vielleicht für einen Ort, in dem die gewöhnlichen Tagearbeiter einen besonders hohen Lohn haben, die Mindestleistung zu erreichen. Es werden sich nicht viele Kassen in dieser Lage befinden. Die Fußangel dieser Bestimmung liegt an einem anderen Orte. Es würde durch dasselbe nämlich wieder der Streit zwischen der Kassenverwaltung und den Vorständen der Ortskrankenkassen eröffnet, ob die letzteren das Recht erhalten sollen, trotz der amtlichen Anerkennung der Kasse nun doch jedesmal nachprüfen zu dürfen, ob die Kasse am Orte den Bedingungen des§ 6 entspricht. Andererseits entsteht den freien Hilfskassen aber auch ein Vorcheil aus den obensteheuden Bestimmungen. Bis jetzt muß die niedrigste Lohnklasse der freien Krankenkasse den Bedingungen des Ortes entsprechen. wo die Kasse ihren Sitz hat. Das würde nach dem neuen Vorschlage nicht der Fall zu sein brauchen. Man könnte, wie einige Kassen es ja wünschen, beliebig niedrige Klassen einführen, die auf die kleineren Orte mit niedrigem Tagelohn Rücksicht nehmen. Diese niedri- gen Klassen würden dann vielleicht an größeren Orten viel als..Zuschußversicherung" benutzt werden, was ür die sieien Kassen nur vortheilhaft sein könnte. Die jetzt bestehende Bestimmung hat ja sogar in manchen Fällen den Wunsch gezeitigt, einzelne Kassen nach billigeren Orten zu verlegen, um niedrigere Klassen der Versicherung einrichten zu können. Weit schwerer wiegt allerdings das. was in dem neuen§ 75 nicht steht, was ausgelassen werden soll. Es soll den freien Hilfskassen das Recht genommen werden, statt freiem Arzt und freier Medizin ein Krankengeld von drei Vierteln des ortsüblichen Tagelohnes zu geben. Durch diese Veränderung des Gesetzes meint man vielleicht die freien Hilfskassen zu vernichten. Gleich nach Erlaß des Krankenversicherungsgesetzes hörte man in gegnerischen Kreisen oft den Ausspruch- An der Arztfrage gehen die freien Hilfskassen zu Grunde! Dieser Ausspruch hat sich nicht bewahrheitet, nun versucht man es umgekehrt. Aus den Kreisen der Arbeiter, die zu den freien Hilfskassen gehören, sind Klagen in dieser Beziehung nicht gekommen. Wem es nicht paßte, statt Arzt und Medizin ein erhöhtes Krankengeld zu erhalten, wer sich ladurch für benachtheiligt hielt, der brauchte ja der freien Hilfskasse nicht beizutreten. Im Gegentheil, diese Ein- richtpng ist den Mitgliedern lieb. Die freie Wahl des Arztes ziehen sie dem Kassenärzte mit den„billigen Medikamenten" und der groben Behandlung vor. Nun soll das geändert werden ohne jeden stich- haltigen Grund, was den Mitgliedern lieb und werth Betrachten wir zuerst die Baumwollindustrie. ist. Es sind auch keine Uebelstände hervorgetreten, die Wir finden da im Vereinigten Königreich: das bestehende System der freien Hilfskassen unhaltbar machen. Die Uebelstände müßten doch die Mitglieder zuerst gemerkt haben. Aus England. Die Entwicklung der englischen Textil Industrieen. Arbeiter 1856 2210 1862 2887 1868 28,0 304 Gewöhnl. Dublir Kraftstühle Fabriken Spindeln spindeln ( Millionen)( Millionen)( Tausenden) 298,8 400,0 in 2549 32,0 2,2 379,3 1874 2655 37,5 4,4 463,1 40,1 40,5 4,2 4,0 561,0 615,7 379 213 451 589 401 064 479 515 504 069 528 795 1885 2635 1889 2538 Die Leistungsfähigkeit der Spinnereien wäre demnach seit 1856 um etwa die Hälfte gewachsen, die der Webereien hätte sich mehr als verdoppelt, die Zahl der der beschäftigten Arbeiter hätte sich um etwa 400 000 vermehrt, d. h. um nahezu zwei Drittel der Zahl von 1856. Doch ist dieses Wachsthum wie wir später ein höchst ungleichmäßiges geeinmal zeigen werden wesen, wenn man die Arbeiter nach Alter und Geschlecht gliedert, sehr verschieden in den einzelnen Zeiträumen und sehr verschieden auch in den einzelnen Textilbranchen. hervortritt. d un K de un in w et fp ft fr je öf th It in Irland m Mill. 111 460 61 496 11 11 2558 1959 b 3 075 1375 in Schottland die Zahl der Spindeln von 1874. 1,7 1,2 auf 1890. die Zahl der Kraftstühle von 1874. 29 171 auf 1890. 28 093 die Zahl der Arbeiter von 1874. 36 104 auf 1890. 34 873 Hier gilt es, den ganzen Widerstand zu= sammenzufassen. Gelingt es, die Bestimmung, daß für freien Arzt und freie Medizin weiter ein erhöhtes Krankengeld, meinetwegen ein noch weiter erhöhtes gezahlt wird, aufrecht zu erhalten, dann sind all die anWir haben also seit 1862 eine Abnahme der Zahl deren Nadelstiche der Abänderungsvorschläge ohne größere der Fabriken zu verzeichnen und zwar um 349, d. h. Heute wollen wir nur noch darauf hinweisen, daß Bedeutung, dann werden die freien Hilfskaffe ihre An- um nahezu ein Achtel. Trotzdem wuchs die Zahl der im vereinigten Königreich die Tendenz, bestimmte ziehungskraft auf alle einsichtigen Arbeiter behalten, troß Spindeln um mehr als 10 Millionen, alſo um ein Industrien nach bestimmten Gebieten hin zu konder erschwerten An- und Abmeldung, für die sich bald volles Drittel, die Zahl der mechanischen Webstühle um zentriren, gerade in der Textilindustrie besonders scharf ein bequemes Formular finden würde. über 215 000, d. h. um mehr als die Hälfte. Die Ur- entriren, gerade in der Textilindustrie besonders scharf sachen dieser gegensäglichen Entwickelung liegen auf der So verlieren in der Baumwoll- Industrie trob Hand. In dem Wettlauf der Konkurrenz hat nur die des Gesammtzuwachses Irland und Schottland mehr große, mit allen technischen Neuerungen ausgerüstete und mehr an Boden. Es ging zurück: Fabrik noch Aussicht auf Erfolg und so werden Jahr a. e. Es ist merkwürdig, daß wir in England regel- für Jahr eine Reihe altmodischer und kleinerer Untermäßige jährliche Statistiken besigen über die Entwicklung nehmungen aufgegeben. Eine moderne Baumwollfabrik der Bergwerksproduktion und der Landwirthschaft, daß hat gewöhnlich einen riesigen Umfang und eine Prowir aber über die ungeheure Textilindustrie, die zuerst duktionsfähigkeit, die derjenigen mehrerer alten Fabriken die Vorherrschaft Englands auf dem Weltmarkt begrün- zusammen gleichkommt. Die gesammte verarbeitete Baumwolle schätzte die bekannte Firma Ellison u. Co. für das In England dagegen stieg die Zahl der Spindeln dete und die heute über eine Million Arbeiter beschäftigt, nur in größeren Abständen genaue offizielle Aufzeichnungen Vereinigte Knigreich auf 1530 Millionen Pfund im von 40 auf 43,2 Millionen, der mechanischen Stühle erhalten, zuletzt z. B. in den Jahren 1885 und 1874 Jahre 1889. Für 1862 wird man sie etwa mit 660 431 389 auf 585 662, der Arbeiter von 440 336 auf Millionen anzusehen haben. Demnach verarbeiten 492 547. Der Fabrikant von Lancashire schlägt seine und eben jetzt wieder für 1889/90. heute 2538 Fabriken nahezu 22 Mal soviel Konkurrenten von Schottland und Irland aus dem Dazu lassen diese seltenen Aufnahmen viel zu wün- Rohstoff wie 2887 Fabriken im Jahre 1862. Im Felde, obwohl diese bedeutend mehr weibliche Arbeitsschen übrig. Durchschnitt ist heute jede Fabrit 22 Mal so leistungs- fraft ausbeuten. In den englischen Baumwollfabriken Was nüßt uns zum Beispiel die nackte Angabe, fähig und da in diesen Durchschnitt auch die konstant tommen auf 3 Weiber 2 Männer, in Irland auf etwa daß 1856 und 1889 so und so viel Spindeln in den und weniger entwickelt gebliebenen Etablissements mit 2 Weiber 1 Mann, in Schottland gar erst auf 5 Weiber Fabriken vorhanden gewesen seien. Eine Spindel von einbezogen sind, so werden wir uns den Abstand zwischen 1 Mann. heute und eine vom Jahre 1856 sind zwei ganz ver einem typischen Großunternehmen, wie es heute gegründet In der Wollindustrie ist das Wachsthum eher schiedene Wesen; die heutige tummelt sich ganz anders wird und gegründet werden muß, und einem Etablisse gleichmäßig auf die drei Länder vertheilt, ja Irland und liefert ein ganz anderes Produkt und wenn die ment aus jener Zeit noch viel größer vorstellen müssen. entwickelt sich hier sogar besonders rasch. Man zählte Berichte uns bei der wirren Mischung von alter rück- Und doch sod es für den Arbeiter immer leichter hier: ständiger und neuer vervollkommeter Maschinerie auch werden, sich mit Hilfe seiner Ersparnisse zum Herrn kaum Genaues über diejenige Steigerung der Produktions- einer Unternehmung aufzuschwingen! Wir kommen jezt zur Wollindustrie des Vereinigten fähigkeit sagen können, die über das Verhältniß der bloßen Spindelvermehrung hinaus erzielt wurde, so könnten sie Königreiches. Wir finden hier: uns doch wenigstens manchen Anhalt zur Schäzung bieten, der uns heute vollständig fehlt. Wir erfahren, daß sich die Zahl der spinning spindles( Spindeln) allein seit 1870 um etwa 7 Millionen vermehrt hat. Aber wie mag ihre Leistungsfähigkeit gestiegen sein? Die alte Mule wird mehr und mehr ersetzt durch die ringspinning- Maschine; diese produzirt bei den für sie geeig= neten Nummern pro Spindel sicherlich 20-25 Prozent Diese Zahlen müssen vernünftigerweise mit den mehr Garn wie die Mule. Wie wichtig wäre es daher, Die Juteindustrie wiederum ist fast ganz ein zu erfahren, wieviel Mule- und wieviel Ringspindeln Bahlen für die Kammwoll( worsted) Industrie zuEngland besitzt. Die mehrgezählten Spindeln kann man ſammengehalten werden, da beide Produktionszweige so Monopol Schottlands. In Irland geht sie ganz ein, jezt wohl stets der neuen Technik zuschreiben und darum miteinander verwachsen sind, daß eine Scheidung immer 1890 fanden sich dort nur noch 3 Fabriken; in Engjede gleich 6 oder 5/4 einer älteren Spindel rechnen. schwerer wird und manche Schwankungen in den Zahlen land geyt sie in jeder Beziehung zurück, sie beschäftigte Aber wieviel alte Maschinen mögen nicht auch durch wohl auch aus diesen Schwierigkeiten zu erklären sind. hier 1890 wenig mehr wie 400 Arbeiter, in Schottland neue ersetzt worden sein, sodaß massenhaft auch innerhalb Für die Kammwollindustrie erhalten wir folgende Ziffern: bagegen in 103 Fabriken nahezu 40 000 Arbeiter, nahezu der alten Spindelzahl eine Steigerung der Produktionsfähigkeit eintrat! 1856 1505 1862 1679 Einfache Dublir Kraftstühle Fabriken Spindeln Spindeln in ( Millionen)( inTausenden)( Tausenden) 1,8 14,5 Arbeiter 2,2 21,8 79 091 86 982 1868 1658 4,2 167,2 46,2 118 004 3,2 158,3 57,1 134 605 3,1 3,1 230,9 299,8 58,0 139 316 61,8 148 729 1874 1800 1885 1918 1889 1793 Dublir Kraftstühle in Spindeln Fabriken Spindeln Kraftstühle. Arbeiter . 1874 1890 60 34.576 307 1506 82 75 537 925 3443 um das In England und Irland überwiegen gleich einzufügen- in der Wollindustrie die Weiber die Männer ganz wenig der Zahl nach, in Schottland finden wir etwa ein Drittel mehr Weiber wie Männer. Ebenso gedeiht die Leinenindustrie noch immer in Irland, während sie sonst verfällt. Hier wuchs von 1874 bis 1890 die Zahl der Fabrifen von 149 auf 162, der Kraftstühle von 17 827 auf 25 555, der beschäftigten Personen von 60 316 auf 64 477. Christenthum und Sozialismus. Spindeln Fabriken( Millionen)( in Laufenden)( Tausenden) Arbeiter 13 000 mechanischen Stühle und über 253 000 Spindeln. 1856 525 1,3 39,0 1862 532 1,3 43,0 1868 703 2,2 348,4 71,7 87 749 86 063 131 896 1874 692 22 400,0 81,7 142 097 1885 725 2,2 1890 753 2,4 536,3 669,3 80,0 67,4 138 230 148 324 Von einem Arbeiter. Wie in der Spinnerei, so in der Weberei! Eine konstante Zahl von Webstühlen drückt hier ebenfalls eine wachsende Leistungsmöglichkeit aus, wenn dieselbe bei unseren zerrütteten Wirthschaftsverhältnissen vielleicht auch Während frühere wirthschaftliche Bewegungen meist niemals voll ausgenügt wird. Die mechanischen Stühle werden heute mit ganz anderer Geschwindigkeit bewegt Daß die Wollindustrie thatsächlich in der Entwicke im religiöjen Gewande auftraten, trägt die sozialistische und werfen daher pro Woche und Jahr eine ganz andere lung nicht zurück stand, ergiebt sich auch daraus, daß Bewegung, die gegenwärtig alle Induſtrieſtaaten durchzittert, einen rein politisch- wirthschaftlichen Charakter. zur Verarbeitung im Vereinigten Königreich 1875 Bewußt auf der materialistischen Geschichtsauffassung Waarenmasse auf den Markt. aber 337,3 Millionen fußend, verfolgt die Sozialdemokratie ihr Ziel: Erreichung Gerade für die letzten zehn Jahre werden wir wahr- 193 Millionen Lbs, 1889 der politischen Macht und damit Vergesellschaftung scheinlich diesen stillen Aufschwung der Technik, der äußer- Pfund blieben. Die Leinenindustrie befindet sich im Vereinigten der Produktionsmittel. Die religiöse Frage wird lich, in den offiziellen Zahlen, gar nicht hervortritt, als besonders groß anzusehen haben. Denn anders wüßten Königreich zweifellos im Rückgange, in den 449 Flachsbaunmittelbar wenigstens- nicht berührt. Schließlich wir es uns nicht zu erklären, daß die englische Textil- fabriken von 1874 waren 128 459 Arbeiter, in den freilich wird die große wirthschaftliche Umwälzung, die Industrie sich so glänzend gegen alle feindlichen Schutz- 357 Fabriken von 1889 107 683 Arbeiter beschäftigt. Was das Vereinigte Königreich aber hier an Boden in Mitleidenschaft ziehen. Denn das Christenthum mit Was das Vereinigte Königreich aber hier an Boden das Ende jeder Klassenherrschaft bedeutet, auch die Kirche zolltarife und Absperrungsmaßregeln nicht nur fremder verlor, gewann es reichlich wieder durch die rapide Ent seinem strafenden und belohnenden Gott, mit seinem Länder, sondern auch einzelner englischen Kolonien zu halten wußte. 1875 exportirte man aus dem Ver- wickelung der Juteindustrie. 1856 wußte man in Eng Himmel voller ewiger Freuden, der dem armen ausgeeinigten Königreich( England und Wales, Schottland und land noch nichts von der Verarbeitung der indischen beuteten Volte als Ersaz für sein jammervolles Dasein versprochen wird, zieht seine Kraft zum großen Theil Irland) an Baumwollgarnen 215,6 Millionen englische Faser. Dann aber bietet sich folgendes Bild: Pfund, an Baumwollzeugen 3562,5 Milliarden Yards aus den Gegensägen des Klassenstaates, aus dem trost1889 dagegen 252,4 Millionen Pfund und 5 Milliarden losen Elend des" Diesseits", welches die Menschheit bisher kennen lernte. Yards. Den Gesammterlös für 1875 schätte man hingegen auf 13,2 bez. 58,6 Millionen Pfund Sterling für 1889 auf nur 11,7 bez. 58,8 Millionen, sodaß die Fabriken Spindeln Dublirspindeln Kraftstühle Arbeiter 1862 36 1868 41 1874 110 1885 120 1890 116 32.982 80 777 220 911 253 179 286 165 32.982 80 777 554 3919 220 911 253 179 286 165 9 599 12 083 14 107 596 14 170 37 920 41 674 44 810 Die Sozialdemokratie, die als solche keinen GewissensBaumwollfabrikanten insgesammt troß ihrer Mehrproduktion Der Export dieser Industrie stieg zwischen 1875 3wang ausüben darf, andererseits aber die christlichreligiöse Vorstellung als Ausfluß gewisser wirthschaftvon 37 Millionen L68. Garn und fast 1½ Milliarden und 1890 bei den Garnen von 15,9 Millionen( Ge- licher Verhältnisse betrachtet, die mit diesen steht und Yards Stoffe 1 Million Pfund Sterling weniger auf wichts-) Pfund auf 34,2 Millionen oder von 225 836 verschwindet, kann sich demnach den direkten Kampf mit dem Markt erhalten hätten. Dazu kommt noch, daß sie Pfund Sterling auf 409 651 bei den Stoffen von der Kirche ersparen und braucht dieselbe nur dann, wenn nicht nur mehr, sondern verhältnißmäßig bessere und 102 Millionen Yards auf 265 Millionen oder von sie mit ihrer fulturfeindlichen Tendenz ins öffentliche feinere Waare auf den Markt warfen, weil die gröberen 1,4 Millionen Pfund Sterling auf 2,7 Millionen, er geistige Leben sich hineinzudrängen sucht, energisch in ihr Privatgebiet zurückweisen. Anders die Kirche. Aus denErzeugnisse durch die ausländischen Schutzölle relativ stieg also in 15 Jahren auf mehr als das Doppelte der geistige Leben sich hineinzudrängen sucht, energisch in ihr am stärksten belastet waren und deren Export also am Menge, auf nahezu das Doppelte dem Werthe nach. selben historisch- materialistischen Gesichtspunkten, wenigsten oder gar nicht mehr lohnte. Dieses Sinken Importirt wurden dem entsprechend 1875 170831 Tonnen maßgebend für die Haltung der Sozialdemokratie sind, des Erlöses konnten die Industriellen offenbar nur tragen roher Jute, 1889 383 453 Tonnen. Selbst die Kon- ist sie Todfeindin der Idee, die ihr den Lebensboden durch„ Ersparnisse" an den Produktionskosten und wenn kurrenz der vorzüglich ausgerüsteten indischen Fabriken untergräbt, und sie bekämpft mit allen ihr zu Gebote in dem Zeitraum auch das Rohmaterial, die Baumwolle, hat das Inselreich zu überwinden gewußt. stehenden Machtmitteln, mit wildem Fanatismus, Alles Fassen wir alle Textilindustrie des vereinigten was mit dieser Idee zusammenhängt, vornehmlich was start im Preise herabging, so müssen doch auch große Verbesserungen in dem ganzen Produktionsapparat statt- Königreiches zusammen, so ergiebt sich Folgendes: ihr Dasein bedingt: Die moderne Wissenschaft und die gefunden haben, um eine so starke Preissenkung des Produktes ohne Störungen für die Industrie ertragen zu können. Gewöhnl. Dublir Kraftstühle in in die Arbeiter Industrie. Die Wissenschaft macht das Volk nicht nur Fabriken Spindeln Spindeln Millionen Millionen Tausenden Tausenden dem Atheismus geneigt, sie kommt auch auf allen Gebieten 682,5 der Sozialdemokratie zu Hilfe. Wenn Darwin mit 1856 Die Zahlen für Spindeln und Webstühle drücken 1862 also von Jahr zu Jahr weniger die Leistungsfähigkeit der Industrie aus und doch zeigen sie allein schon ein 1885 ganz erstaunliches Wachsthum. 5117 6378 33,5 36,4 369,2 491,0 1868 6416 41,1 3,0 549,4 1874 7294 45,8 5,3 667,7 7465 47,8 5,3 773,7 1889 7190 48,4 5,2 822,5 775,5 845,1 1005,7 1 034,3 1 084,6 " seiner Theorie Recht hätte", stand unlängst in einer katholischen Brochüre, ja dann haben die Sozialdemofraten auch Recht, wenn sie sagen, die Erde und ihre Güter sind für Alle da. Diese Wissenschaft muß h 3 f C nur, darum heraus aus unsern Schulen." Deutlicher werde? Aber, Reiche und Arme muß es immer geben, geärgert aus der Hand legen und nicht im Stande sein, und aufrichtiger kann man nicht sprechen. damit die Reichen Wohlthaten üben können", sagt da es auszulesen. Und dabei soll der Betreffende, vermöge Wirklich? Man seiner sozialen Lage, im Stande sein, die geschilderten Auch die moderne Industrie ist grausam gegen die eine bekannte fatholische Autorität. Kirche. In der feudalen Gesellschaftsordnung, da war möchte diesen Ausspruch eigentlich gottlos nennen. Die Verhältnisse selbst zu kennen! Es giebt da ganz merkder Kirche am wohlsten, da konnte sie ihre üppigsten Bibel predigt Gütergemeinschaft und die ersten Christen würdige Beispiele. 3. B.: Lafargue, gewiß ein intelliund fühnsten Blüthen treiben. Damals, zum großen waren Kommunisten. Reich und Arm! Dieses Ver- genter Mensch, behauptet, daß die Belletristen von der Theil selbst Arbeitgeberin, hatte sie den Menschen ganz hältniß schafft fast alle Verbrecher, die nach dem Schule der Flaubert und Goncourt" nur die Oberfläche der in ihrer Gewalt und konnte mit ihm machen was sie christlichen Glauben doch ewige Höllenpein Dinge sehen und dabei hat Flaubert die menschliche Natur wollte. Da entfaltete sich der böse Industriealismus, dulden müssen, und es soll Sünde sein, die Ur- in ihren tiefsten Tiefen ergründet, wie Keiner vor ihm ein fapitalfräftiges Bürgerthum bildete sich in den sache der Sünde und damit diese selbst aus der daß er diese Wissenschaft als Gerüst zu einer Arbeit beStädten, die aufteimende fapitalistische Produktionsweise Welt zu schaffen? Oder soll es Sünde, wirklich trachtet, das nicht stehen bleiben und den Bau versperren sprengte die kirchlichen Fesseln; die Kirche modifizirte Sünde sein, den Verbrechern die Gelegenheit zum Ver- darf; der Leser, der den wahren Genuß von dem Buch Nehmen fich. Vorbei wars mit der schönen, alten Zeit. Wo brechen, dem Dieb etwa die Gelegenheit zum Diebstahl hat, wird schon merken, was in ihm steckt. früher der Pfaffe unumschränkt herrschte, da herrschte zu nehmen? Oder soll eine gerechtere Gesellschaftsordnug, wir ein Werk, wie die" Familie Selicke" von Holz und jezt der Fabrikant. Der Arbeiter, der ehedem wohl in der die Ursache, die früher zu allen Lastern und Schlaf. Welche Dummheiten konnte man in den Zeitungen öfters ins Gotteshaus kam, ist jetzt in der Fabrik fremden Verbrechen unter den Menschen Anlaß gab, verschwunden ist lesen, ehe das Stück aufgeführt war; das Werk überragt(?) Einflüssen ausgeseẞt; neue Sorgen, neue Gedanken nehmen und wo die Menschen nun friedlich und in Harmonie neben- jedenfalls Hauptmann's" Vor Sonnenaufgang" ihn ganz gefangen; der Priester, zu dem er schon darum einander leben, Gott ein Gräuel sein? Daß die Menschen Thurmeslänge; aber Vor Sonnenaufgang" hat einnicht kommen kann, weil ihn der industrielle Moloch sich zu dieser Stufe hoher Sittlichkeit durchgerungen geschlagen, die" Familie Selicke" ist ziemlich spurlos mit beutegierigen Armen gefesselt hält, verliert mehr haben, sollte nicht Gott wohlgefällig sein? Oder sollte vorübergegangen. Das Eigenthümliche in„ Vor Sonnenalles Andere ist alt; und mehr die Macht über ihn und das ist schmerzlich. es vielleicht Gott ärgern, daß nicht täglich so und soviel aufgang" ist nur die Sprache Und hat der geschundene Proletarier einen freien Augen- Seelen in die Hölle wandern müssen, verdammt zu und wenn ich mich nicht sehr täusche, so ist es gerade das Alte, was gewirkt hat. Aber wer wird sich in ein blick so geht er in die Kneipe, durch einen Schluck die ewigen Qualen? Auch vom Standpunkt des gläubigen Christen kann Werk vertiefen, oder wer kann es, um alle diese KleinigSorgen zu verscheuchen, die ihn unablässig verfolgen. Die Kirche aber sieht grollend zu der thätigen Fabrik hinüber, man den sozialdemokratischen Lehren zustimmen; die feiten herauszufinden, wie der Natur entsprechend das die ihr die Schäfchen raubt und dieselben einer neuen Kirche darf ihren Anhängern feine eigene politische Denken und Fühlen der Leute ist, wie der Ausdruck, den das Meinung verbieten; wenn sie es thut, müssen ihr die sie gebrauchen, ihren Gewohnheiten entspricht hoffnungsvollen Ideenwelt zuführt. Die feindliche Stellung der Kirche zur modernen egoistischen Gründe vorgehalten werden, die sie zu solchem Gefühl, über das die Meisten nicht hinauskommen werden, Produktionsweise ist demnach erklärlich. Die Kirche muß Gewissenszwang bestimmen. Die Sozialdemokratie mit ist: wie platt, wie trivial! Und dabei ist das Stück noch aber reaktionär sein, das bedingt ihre Erhaltung. Die ihren erhabenen Zielen: Freiheit, Gleichheit kann für nicht einmal ganz fonsequent, es ist immer noch ein zünstlerischen Bestrebungen, dem Großkapital Fesseln anden keine Gefahr bedeuten, der eine ehrliche religiöse Kompromißprodukt! Indessen, das ist alles noch einfach; das Verständzulegen, es in seiner Entwicklung zu hemmen, um dadurch| Ueberzeugung besitzt; gefährlicher mit ihrer kulturfeind" um dem Kleinbetrieb, dem Handwerk längere Existenzdauer lichen Tendenz ist die Kirche. Ein herrschsüchtiges Priester- niß dieses Inhalts im weitesten Sinne ist noch leicht zu verschaffen, finden bei der Kirche willige Unterstüßung. thum, die" frommen" Bourgeois und der ganze Troß gegenüber dem Verständniß der Form im engeren Sinne, Und andererseits muß dieselbe auch in etwas den modernen der gläubigen Armen, die sich willig ins geistliche Joch des Ausdrucks, des Wortes. Bei uns in Deutschland Ideen Rechnung tragen, sie muß, um ihre Gläubigen zu spannen lassen und ihren Hirten in allen Stücken blind pflegt man darauf überhaupt nicht zu achten; es ist be erhalten, sich mit der sozialen Frage beschäftigen, und es lings Heeresfolge leisten, das sind in Wahrheit: Mo- sonders Frankreich, wo man hier eine besondere Art von fünstlerischem Genuß sucht. ist rührend anzusehen, wie Katholiken und Protestanten derne Barbaren! baren! Die Arbeiter und die Kunst. ( Eingesandt.)] So ist z. B. für Flaubert das erste eigentlich Nebensich mühen um die Lösung derselben. Die so vielgepriesene sache; Hauptsache ist dieses zweite, und ihm galt seine christliche Liebe reicht da nicht aus, man verlangt etwas hauptsächlichste Arbeit. Aber hierfür haben nur sehr färglichen Arbeiterschuß vom Staate. Auf den christlichen wenige Auserwählte Empfindung; das Wort, die Phrase Versammlungen und Kongressen aber, die in der legten Zeit stattfanden und sich mit der sozialen Frage beschäf- Bei Begründung der Freien Volksbühne" wurde in ihrem Tonfall, ihrer Klangfarbe, ihrem gewissermaßen die Arbeiter und die Kunst" innern Sinn zu verstehen, in der Bedeutung, welche durch tigten, da war es fast weniger diese selbst, als vielmehr das Schlagwort die Sozialdemokratie, der man die Hauptsächlichste Auf- ausgegeben, wurde darauf hingewiesen, daß der Naturalis- die nothwendigen Afsoziationen hinzukommt, in den feinen merksamkeit widmete. Ihr gelten die ganzen Anstrengungen mus vermöge seiner Kritik der bestehenden Verhältnisse Unterschieden von Synonymen, in der Stellung der Worte auf sozialem Gebiete; sie dadurch zu vernichten, ist der besonders geignet sei, das Interesse des Arbeiters zu erzu einander im Saß das erfordert einen künstlerischen Sinn, der, zunächst angeboren, herausgearbeitet und geHauptzweck; alle Wuth und aller Grimm gegen die wecken, und so fort. Sozialdemokraten offenbarte sich auf dem Lütticher Kon- Mir scheint es nicht ganz richtig zu sein, wenn man bildet sein muß durch eine lange, sorgfältige Arbeit. Alles in Allem: die Kunst, vor allem die moderne greß in der Bezeichnung, die ein Hauptredner, der Ab- Arbeiter und Kunst zusammenbringt, namentlich Arbeiter geordnete Winterer, auf sie anwedete: Moderne Bar- und moderne Kunst. Ich glaube, es geschieht Beiden Kunst, ist nicht für den Arbeiter, dem, alles Andere zuUnrecht durch diese Zusammenstellung, der Kunst und gestanden, doch die Zeit fehlt, sich auf den Genuß vorzubereiten. Das mag brutal flingen, aber es ist so. Ob Längst wird, zum mindesten dort wo der So- den Arbeitern. zialismus Anhänger hat, von der Kirche auch ein be- Was die moderne Litteratur von fast allen vergange- vielleicht die weitere Entwickelung andere Wege einschlagen stimmtes politisches Glaubensbekenntniß ihren Gläu- nen Litteraturen unterscheidet, das ist namentlich Sie wird, ist nicht zu sagen; vielleicht, daß die Kunst wieder bigern auferlegt und speziell die katholische Kirche hat ganz andere Art von Genuß, die sie gewährt; höchstens demokratischer wird; diese Werke aber, gedichtet von da eine famose Institution, die Ohrenbeichte, trefflich gebas klassische Drama in Frankreich und in Spanien weist Geistern, welche einsam inmitten eines verständnißlosen eignet, die politischen Gewissen zu prüfen. Der Jüngling entfernte Aehnlichkeiten auf. Man kann schließlich die Bourgeoispublikums standen, das sich in der Bornirtheit wird gefragt, ob er Sozialdemokrat sei, das Mädchen ob Sache so ausdrücken, daß das Genießen einer Dichtung im Genießen seit fünfzig Jahren reißend ausgebildet hat diese Werke von einer einsamen Aristokratie für eine sie einen Bräutigam habe und ob derselbe Sozialist sei der älteren Schule, sei es, welche es wolle, ein Vergnügen u. j. f. Fällt die Antwort bejahend aus, und will der ist; das Genießen eines modernen Litteraturwerkes ist einsame Aristokratie geschrieben, werden immer auch nur junge Mann seine politische Meinung, das Mädchen den eine Arbeit; und noch dazu eine Arbeit, die durchaus von Wenigen genossen werden können. Geliebten nicht laſſen, dann giebts eben keine Absolution, nicht jeder leisten kann, selbst wenn ihm die Zeit zur die religiöse Frage wird zur politischen erweitert; Verfügung steht; indeß Maupassant hat gewiß sehr Recht, die politische Ueberzeugung ist für die Kirche nicht wenn er in seiner Kritik sagt:" Der Sinn für die Kunst, Privatsache. dieser so zarte, so feine, so eigene, so nicht zu fassende, Die Sozialdemokratie aber erklärt umgekehrt die nicht zu bezeichnende Geruch, ist in der That die Gabe Religion zur Privatsache und thut Recht damit. Sie einer Geistesarristokratie; in Demokratien gehört er würde undemokratisch, unwissenschaftlich handeln, wollte kaum hinein." " Boltsbühne" habe verfolgen können, ist es denn auch nicht das rein Künstlerische, was auf das Publikum anziehend wirkte, sondern der rohe Stoff. Der Genuß am Stoff ist ja überall das Surrogat ( schlechter Ersatz) für den künstlerischen Genuß; aber deshalb ist er doch eben kein künstlerischer Genuß! Und Soweit ich die Versammlungsberichte der Freien sie den Atheismus fordern. Mit dem Gewissenszwang Die Litteratur bis jetzt dichtete stets in Holzschnitt- es ist ein Selbstbetrug, wenn man sich das doch vormacht. Vielen Beifall findet Jbsen; begreiflich, denn bei hat man nebenbei stets schlechte Erfahrungen gemacht. manier; und es war gleich, ob idealisirt" wurde oder Bei der vollsten Religionsfreiheit, die in der sozialistischen ob die Darstellung„ realistisch" war man hatte immer ihm hängt, wie auf alten Gemälden, den Personen jedesGesellschaft herrschen wird, ist trotzdem das Schicksal des den Holzschnitt. Man vergleiche Calderon und Lope de mal ein Bändchen aus dem Mund:„ Dies ist der VolksChristenthums, mit dem wir es hier vorzugsweise zu thun Vega; man kann ja wohl den einen als Idealisten und feind", ein freiheitlich gesinnter Mann und dem geht es haben, besiegelt. Wenn sich alle Wissenschaft froh und den andern als Realisten, nach der üblichen Terminologie, nun so! oder:" Dies ist Nora", ein Tendenzweib, sittlich, frei entfalten darf und ihr aufklärendes Licht in die ent bezeichnen; bei Beiden sind es dieselben groben Züge, sehr gut tanzend, doch Gesinnung tragend in der Hochwen sollte ferntesten Winkel, wo freie Menschen hausen, senden darf, die wir sehen; es wird uns ein„ Charakter" gezeichnet, brust, fein Talent, doch ein Charakter" so ist die Religion als Massenerscheinung gar bald ge das heißt, eine Reihe von Eigenschaften, die dann immer das nicht rühren? Aber Kunstgenuß ist das nicht, Kunst hat man da fährdet und das fühlen die gar wohl, deren materielles wieder hervortreten. Der einzige, Shakespeare, macht in Interesse dabei ins Spiel kommt, die„ Diener des Herrn", einem einzigen Stück halb und halb eine Ausnahme, in nicht. Dieses arme Aschenbrödel, die Kunst, wirklich sie und das macht sie so widerhaarig gegen den kommenden Hamlet; weshalb auch bis heute die Weisen noch nicht wird als Mädchen für Alles benußt, sogar gesinnungsgerechteren Zustand der Dinge. flar darüber sind, was für einen„ Charakter" denn eigent- tüchtig soll sie sein! Man braucht nicht gerade Kunstfanatiker zu sein, Eine andere Frage kommt nun hier ins Spiel. lich Hamlet hat; auch Goethe's Gretchen schlägt Etwas Wüthen die geistlichen Würdenträger gegen die Sozial- hierher; ganz auffällig ist ja, wie diese beiden Figuren um zu bedauern, wenn die Kunst derartig gemißbraucht wird. Die Freie Volksbühne" wird gegenwärtig mit demokratie in ihrem Standesinteresse, so ist das erklärlich. immer so gänzlich mißverstanden werden. Die moderne Litteratur giebt keine Holzschnitte mehr, allerhand kleinlichen Mitteln bekämpft; wenn sie durch diese Für das Volk der„ Laien" aber kann es unmöglich als religiöse Pflicht gelten, eine Partei zu besie sucht, Gemälde zu geben, mit allen Farben, Tönen, Mittel fallen sollte, so wäre das traurig, wie es immer kämpfen oder zn hassen, die nur materiell- po- Lichtern bunte Gemälde mit all' dem Zuckenden und traurig ist, wenn ein ideales Wollen durch Niedertracht titische Interessen verfolgt, die den Armen und Wirren, dem Konfusen und Unlogischen und„ Unkünst vernichtet wird. Aber an sich würde ich das UnterUnterdrückten Erlösung aus Knechtschaft ver- lerischen", was sich in der Natur findet. Noch unbewußt nehmen jedenfalls nicht billigen. spricht, im Uebrigen aber das religiöse Gefühl macht sich dieser Drang geltend bei Balzac, den sein des Einzelnen unangetastet läßt. Auch ein Christ Talent nach vorwärts drängte, während sein Verstand fann zur Sozialdemokratie gehören. Vor der absoluten in der Tradition blieb; daher bei ihm die wunderbarsten Religionsfreiheit in der fünftigen Gesellschaft darf er sich Widersprüche: in jedem Werk sind zwei Theile, der eine, Den oben abgedruckten, uns von nahestehender Seite als ehrlicher Christ nicht fürchten, er müßte sogar dieselbe wo er als moderner Künstler malt, der andere, wo er wünschen; wird diese Freiheit verhängnißvoll für seine als alter die Charaktere logisch auseinander jetzt. Nüch- zugehenden Aufsaß, welcher sich polemisch gegen das Institut Religion, nun dann ist sie eben falsch, denn nach der tern ausgesprochen ist, so viel ich weiß, diese neue Auf der Freien Volksbühne" wendet, wollten wir unseren Tradition müßte dieselbe sogar die Pforten der Hölle faffung zuerst von Strindberg in der Vorrede zu Lesern nicht vorenthalten. Die Freunde dieser Bühne haben praktische Geltung hatte sie schon keinen Grund, die gegen sie erhobenen Einwürfe todtüberwältigen. Daß die gegenwärtige Ordnung der Dinge Fräulein Julie" zuschweigen, sie vermögen auf dieselben scheint mir von Gott gegeben sei und man daher an derselben nicht seit Flauberts„ Sentimentale Erziehung." Nehmen wir ein Buch, wie etwa das zitirte von leicht zu antworten. rütteln dürfe, kann auch kein Hinderniß für das religiöse Der Einsender behauptet, die moderne Dichtung verGewissen sein, dennoch an derselben zu„ rütteln". Die Flaubert; geben wir es irgend einem Menschen in die „ Ordnung der Dinge" ist schon mehrfach zerstört worden Hand, der hochintelligent, gebildet, kurz alles mögliche folge die Tendenz, an Stelle einheitlicher, durch gewisse und Gott ließ es geschehen. Könnte es nicht Gottes sein soller wird finden, daß es eine ganz nieder immer wiederkehrende Züge ausgezeichneter Charaktere Wille sein, daß die heutige Gesellschaftsordnung zerstört trächtige, langweilige Platitüde ist er wird das Buch das Leben selbst in seinem bunten Wirrwarr zu geben. Was die moderne Litteratur für uns bedeutet. spiegeln. Die moderne Literatur sei darum ganz besonders un-| Aber die Verbindung der modernen Kunst mit der schaft innewohnenden Klassengegensatz- und Kampf charak verständlich für die Arbeiter; je mehr sie strebe, die Kom- lärmenden und kämpfenden Außenwelt und damit auch terisiren. Unter diesem Gesichtspunkte arbeitet unsere plizirtheit der wirklichen Menschen auszudrücken, um so ihr Einfluß auf diese Außenwelt muß so lange außer gesammte Presse, sie will durch Vorführung immer neuen mehr Arbeit und feinsinniges Eindringen erfordere sie ordentlich gering bleiben, als sie sich nicht durch andere, Thatsachenmaterials das Bewußtsein jener Gegensäge im naturgemäß, Beides Dinge, die nur eine geistige Aristo- greifbarere, auch dem Blick der Menge fenntliche Eigen- Proletariat nähren und vertiefen. Und was thut der kratie, nicht der durch übermäßige Arbeitslast herab- schaften auszeichnet, durch Eigenschaften, welche un- Arbeiter, der seinen Zola liest? Er empfängt statt gedrückte Proletarier leisten könne. mittelbar den Geist unseres sozialen Lebens wider- nackter Thatsachen, statt abstrakter Ausführungen, ein Wenn also diese Folgerung drängt sich auf lebensvolles, mit genialem Scharfsinn aus tausenderlei Beobder Arbeiter überhaupt für Kunst zu haben ist, so doch Und der Naturalismus hat solche Eigenschaften. achtungen zusammengetragenes Phantasiebild eben der= sicher nicht für die moderne. Die Gegenwart wird beherrscht durch den Klassen- selben großen Gegensäße. Wer fann ermessen, wie tief Man wird bei der literarischen Fortentwickelung gegenjaß zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Die dieser Eindruck geht, welche Gedankenschwärme er herzwei Momente im Allgemeinen zu unterscheiden haben, soziale Frage hat alles Uebrige in den Hintergrund ge- vorruft, wie mächtig er das fördert, was unsere Partei die Einwirkung des fachmännischen Interesses und die drängt und naturgemäß spiegelt sich diese Thatsache in unter dem Namen der„ Aufklärung" erstrebt. Diese Kunst Einwirkung der ganzen sozialen Bewegung. Dasselbe, der Gedankenrichtung unseres Zeitalters wieder. Die kann sich unmittelbar in den Kreis seiner ganzen Lebenswas für die übrigen geistigen Berufsthätigkeiten, das trifft materialistische Geschichtsauffassung, welche den ursprüng- anschauung einfügen, den Mann innerlich beschäftigen auch natürlich für die Poesie zu. Im Lauf der ökono- lich treibenden Faktor der ganzen Gesellschaftsentwicklung und damit weiterbringen. mischen Entwickelung bilden sich gewisse Bedürfnisse in der Dekonomie und dem durch sie bedingten Klassenheraus, für deren Befriedigung eine besondere Gruppe gegensaße findet, dringt auf allen Punkten siegreich vor, bühne", welche den Anfang gemacht hat. Unsere Presse Es ist übrigens durchaus nicht die„ Freie Volfsvon Menschen arbeitet. Diese Gruppen in unserem dokumentirt sich in tausend verschiedenen Aeußerungen. bringt schon lange mit Vorliebe Erzeugnisse der naturaFalle die Dichter haben nun ihre besonderen, durch Auch die Literatur muß durch sie nothwendig revo-| listischen Richtung, und man hat bis jetzt noch ganz und den eigenartigen Beruf entwickelten Fachinteressen. Der lutionirt werden. Der Dichter, der sich nicht von seiner gar keinen Beweis, daß diese Dinge etwa den Arbeitern Sinn für alle Feinheiten der Sprache, für den Rhyth Zeit willkürlich absondert, bekommt eine andere Vor- unverständlich gewesen wären. mus der Verse, für die anschauliche Darstellung von stellnng von dem Interessanten und Bedeutenden. Charakteren und Szenen, für den wirkungsvollen Aufbau Ich resumire: Das wesentliche Merkmal moderner einer Fabel, für Motivirung u. s. w. wird durch die Wenn die Weltgeschichte nicht durch die Handlungen Litteratur finde ich nicht in der Form: dem Raffinement dauernde literarische Beschäftigung selbstverständlich bei hervorragender Wesen, sondern im Grunde durch die der Charakteristik, sondern in dem Stoff: der Behandlung ihnen bedeutend schärfer ausgebildet, als bei der großen ökonomischen Alltagskämpfe der Masse, die nur zuweilen ökonomisch bedingter Massenkonflikte. Und eben diese Masse des konsumirenden Publikums, das immer nur eine dramatische Form annehmen, gemacht wird, dann ist ja Stoffwahl rechtfertigt meiner Meinung nach das Streben gelegentlich ins Theater geht oder zu einem Buche greift. nicht das Außergewöhnliche, sondern gerade das Gewöhn- innerhalb unserer Partei, die Arbeiter durch Lektüre und In den verschiedenen Perioden der Literaturgeschichte liche interessant und bedeutsam. Wer den geschichtlichen Theater mit dem Naturalismus bekannt zu machen. verfolgen die Dichter besondere Ideale des Geschmacks. Inhalt, das wahre Wesen einer Epoche ausschöpfen will, Aha sagt der Herr Einsender:„ Die Stoffwahl! Da haben Bald schiebt sich die, bald jene Forderung vor; man sucht der muß nicht an die Höfe, zu den Königen, den Feld- wir's. Der Stoff ist ja tünstlerisch gleichgiltig. Ihn z. B. die Sprache und die Klarheit der Komposition herren und Prieſtern, nicht in die Salons und Bäder in den Vordergrund stellen, heißt die Kunst mißbrauchen". ( Szenenführung) vor Allem auszubilden und vernach- der feinen, von der ökonomischen Wahlstatt weit entfern- Ich frage warum? lässigt, um nur diesen Zweck recht vollkommen zu erten Gesellschaft, er muß in die Straßen, in die Läden, übrigen Völkern vor der bürgerlichen Epoche reichen, die Charakteristik und natürliche Motivirung in die Fabriken gehen, wo die großen Gegensäte, aus Die Gleichgiltigkeit gegen den poetischen Stoff und ( Begründung der geschilderten Handlungen) darüber. Das denen die neue Gesellschaft einst geboren wird, in wildem die vergötterung der Form ist das Produkt einer vom klassische französische Drama ist dafür ein gutes Beispiel. Kampfe miteinander ringen. Dem Poeten, welcher die Volksleben abgeschnittenen poetischen Fachsimpelei. Bei unserer modernen Literatur sei das Bestreben, die bunt- heiten suchte, ihm ruft die Zeit zu:„ Siehe um Dich, die Kunst als Bewahrerin der religiösen und nationalen Wenn nun der Einsender behauptet, der Hauptzug Schauer der Weltgeschichte in illusionären Vergangen- den Griechen, die doch gewiß Kunst hatten, und bei allen galt Schillernde Mannigfaltigkeit, welche uns das wirkliche was Du siehst, ist Weltgeschichte!" Handeln der Menschen zeigt, auch in die poetische Cha- Und wie kann der Dichter diesen Inhalt faffen? ihr Ansehen. Soll die Kunst aus den Studirstuben der Sagenwelt. Nur als Trägerin dieses Stoffes besaß sie rakteristik aufzunehmen, so wird er bis zu einem Natürlich nur stückweis. Tag für Tag bringen die öko- bürgerlichen Dichter in das Volk hinaus, so werden nicht gewissen Grade wenigstens wohl Recht haben. In nomischen Verhältnisse mit Nothwendigkeit tausend- und irgend welche technische Finessen, sondern ebenfalls wieder dem Kreise der Künstler mag eine gewisse Geschmacksum- aber tausendmal die großen Konflikte, die in der Struktur nur der geistige Inhalt, die Wahl des Stoffes dieses wälzung stattgefunden haben. Statt der Uebersichtlich- unserer Gesellschaft selbst begründet sind, hervor. Der Wunder bewirken. Die Kunst muß sich einreihen in die keit mag es die Vollständigkeit der Charakteristik sein, Dichter, der das Leben der Massen schildern will, iſt allgemeine soziale Bewegung und aus dem Geiste dieser die vor allem dem künstlerischen Fachinteresse als nothwendig darauf angewiesen, diese großen Konflicte in typischen heraus schaffen. Wahrlich, sie erniedrigt sich nicht, wenn und bedeutungsvoll erscheint. Alle Züge, auch die Bildern zusammenzufassen. So stellt Zolas„ Todtschläger" sie mit dem, was heute Leben hat, sich ganz durchtränkt. wunderlichen Gedankenverbindungen, räthselhaften Auf- die Verelendung der Arbeiterfamilie durch den Alkohol, Wo Begabung im Proletariat vorhanden, wird das wallungen und merkwürdigen, aus den Tiefen des Un-" Germinal" den Kampf der Bergarbeiter gegen die Aftien- formale poetisch- technische Interesse sich dann bald an bewußten glößlich aufsteigenden Entschlüsse, das Dunkle, gesellschaft," Zum Glück der Damen" den Sieg der großen das ursprünglich stoffliche modifizirend anreihen. Ich Widerspruchsvolle und die scheinbaren Kleinigkeiten, die Magazine über das Kleingewerbe u. s. w. dar. Selbst denke, die Herren Dichter brauchten in diesem Punkte man früher überging, sollen jetzt in die Charakteristik verständlich richtet sich der Poet nicht nach einem be nicht so prüde zu sein. mit verflochten werden. stimmten Schema, der Rahmen ist außerordentlich weit Einmal zugegeben, die Literatur verfolge wirklich und die Gestalten schaffende Phantasie des Dichters ver- Wie mächtig gerade auf das Volk die dramatische heute diese Bahn, so wird man doch in feinem Falle mag sich ungehindert auszuleben. Das Ziel, welches Darstellung wirkt, hat die erste Aufführung der Freien einräumen dürfen, daß ihr Wesen hierdurch erschöpft eine wirklich moderne Poesie immer im Auge zu behalten Volksbühne" wieder einmal bewiesen. Es war eine sei. Für die kleinen Modifikationen in der Charakter- hätte, wäre aber, nicht einzelne, sondern möglichst alle Freude, diese gespannten, tiefaufhorchenden Gefichter zu zeichnung wird sich der enge Kreis der Künstler und Konflikte, in denen- durch ökonomische Nothwendig- sehen. Hoffen wir, daß die Existenz einer solchen Bühne der raffinirten Kunstliebhaber zweifellos sehr interessiren, feit bedingt unser Leben verläuft, poetisch darzustellen. nun auch auf die dramatische Produktion fördernd einaber im Grunde bleibt das Ganze doch eine fachmän- Freilich welche Bändezahl würde dazu gehören! Balzac's wirke, daß die dramatischen Dichter in der naturalistischen nische Frage. ,, menschliche Komödie" ist ein Vorspiel davon. Gestaltung wahrhaft sozialer Konflikte den Novellisten Es soll nicht geleugnet werden, daß die Richtung, Die Freie Volksbühne" wie überhaupt jeder allmählich nachkommen. Vorläufig sind erst die Ansätze welche vor allem Genauigkeit und Vollständigkeit in der Versuch, die moderne Literatur an das moderne Pro- vorhanden, aber tüchtige, so daß es schon jetzt lohnt, Charakteristik verlangt, durch die naturwissenschaftliche, letariat heranzubringen, kann seine Berechtigung nur aus die Arbeiter damit bekannt zu machen. Briefkasten. auf Detailerkenntniß gerichtete Zeitströmung gefördert diesem sozialen Charakter der heutigen Dichtung, die wird, ebenso wie die Eleganz des französischen Klassi- ein echtes Kind ihrer Zeit ist, herleiten. Was thut der zismus eine Ergänzung zn dem Roccocogeschmack der Arbeiter, der seine Zeitung liest? Er unterrichtet sich H. B. Ihr Gedicht a. m. S." werden wir demnächst gerne damals herrschenden Klassen bildete. über die neuesten Vorkommnisse, welche den der Gesell- bringen. Unterzeichneter, 33 Jahre alt, förperlich gewandt, gesund mit physischen Arbeiten vielfach vertraut, feit längerer Zeit für die Arbeitersache produktiv schriftlich thätig, sucht, da gegenwärtig existenzlos, Stellung, gleichviel welche. Aus unft über mich ertheilt auch die Redaktion des„ Thüringer Boltsfreund" in Sonneberg i. Th. Albin Schwendemann. ichtstrahlen Blätter für volksverständliche Wissenschaft. Zugleich ein literarischer Wegweiser für das Volk. Erscheint halbmonatlich in Heften à 20 Pt. im Verlage von O. Harnisch, Dresden Annenstrasse 47. Probenummern auf Verlangen gratis und franco. Hohen Rabatt für Colporteure überall gesucht. Colporteure überall gesucht! Empjeyle meinen werthen Freunden und Genossen sowie den Lesern dieses Blattes mein Cigarren- Geschäft. Carl Lehmann, 64. Waldemar- Straße 64. Verein der Sattler und Fachgenossen. Am Sonnabend, 1. November, Abends 9 Uhr bei Beier, Alte Jakobstr. 83 Schuh- u. Stiefelwaaren- Lager Versammlung. Don Ernst Grossmann. 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Trost. Es lebt noch eine Flamme, Es grünt noch eine Saat— Verzage nicht, noch bange: Im Ansang war die Thal. Die finster» Wolken lagern Schwer auf dem greisen Land, Die welken Blätter rascheln, Was glänzt, ist Herbstesland. Den Blick zum Stand gewendet, So hasten sie dahin, Verdüstert ihre Slirnen, Dumpf und gemein ihr Sinn. Doch seh ich Fänste zittern Und Schläsen fühl ich glühn, Zornadern seh ich schwellen Und Augen trotzig sprühn... Es lebt noch eine Flamme, Es grünt noch eiuc Saat— Verzage nicht, noch�bange: Im Ansang war die That. Otto Erich. Scenen aus Rrohg's„Albertine" (AuS dem Norwegischen übersetzt von E. Wetter.*) III. Albertine saß und nähte an den Säumen und zog darnach die Heftfäden aus. Ein dunkler Schatten hatte die Halbgardine paffirt— ein starkes Klopfen an der Thür— ..Jossa!".' „Guten Tag— lustig, zieh Dich an, Tina, und komm mit hinaus— es ist so schönes Wetter. Habe ich mein Kleid nicht flott herausgeputzt und sieh nur meinen Lieutenant!"*")— Die kleine dicke Person mit der dicken Wippnase und den großen Nasenlöchern drehte sich rund herum, daß ihr hoher„Cul de Paris" auf und nieder wippte.—„Komm nur und sei lustig— Deine Sachen beim Färber?— Du kannst nicht?— wegen solchen Plunders!— Man nennt das übrigens den Färber— für wieviel steht es?— Neun Kronen? — Soviel habe ich nicht— aber weißt Du was, Du mußt mit dabei sein— die Musik hören— vielleicht bekommen wir auch den König zu sehen— er ist in der Stadt und auch der süße Prinz Karl— o, für einige Redensarten— leihst Du wohl— aber nur hurtig— leihst Du wohl von Oline— habe ich gedacht— ihren Regenmantel— und die Pelzmütze. Dann bist Du fein. — Denke, weißt Du, was in der Stadt über Dich her- umgeht— daß Du eine Vorladung erhalten hättest und auf Fila eingesperrt wärest, und das deshalb, weil Du gar nicht zu sehen bist.— So was von Dir zu denken, die noch ganz unschuldig ist!" .Vorladung? Ich?" .Ja, denke Dir, Du, die noch ganz unschuldig ist." „Du bist verrückt— Du lügst." „Ich lügen— weißt Du, was sie noch mehr reden? — Daß Du eingesperrt wärest!" „Eingesperrt—" „Ja, auf Fila—" Jossa war plötzlich verstummt und sah sich erschreckt um. Albertinen's feines Haupt lag auf die Nähmaschine gelehnt, die starke Hand umklammerte die Scheere und man sah an der Bewegung der breiten Schultern, daß sie weinte. Plötzlich erhob sie sich und schlug auf die Mahagoniplatte des Maschinentisches. «Es ist Valeria, die das gesagt hat, das soll sie wiederbekommen!— Treibe ich mich auf der Straße herum, so ist es schlecht, und gehe ich nicht aus, so ist es auch schlecht— Fila— das soll sie wiederbekommen." »Ja— ja— ich sage nicht, daß Valeria— aber es geht in der Stadt herum— es geht herum— i ch habe nicht gesagt, daß es Valeria ist— aber nun mußt Du Dich beeilen, denke ich.— Ja, aber Stirnhaare mußt Du haben— und einen„Lieutenant" zum Regen- Mantel— das ist das Allerwichtigste— denn den mußt Du haben— was hältst Du von meinem— mit ordentlichen Reifen, verstehst Du, Mädchen— zum zusammenziehen mit einem Bändchen, verstehst Du.— Ich weiß nicht, was Du willst— spute Dich, spute Dich nun,— Guten Tag. Eduard— Guten Tag, Mutter Kristiansen. Wie steht es denn mit Dir, Eduard— willst Du noch mein Bräutigam sein— steht was Neues im Tageblatt." „Fila!"— sie hatte sich wieder in den Stuhl ge- würfen und legte den Kopf hintenüber—„in Fila! Ja ich konnte es mir denken— an all dem ist Oline Schuld" -7 Sie weinte, so daß sich große Vertiefungen am Halse bildeten und die Brust sich hob und senkte.„Da Hab ich's wieder, weil ich drei Wochen drinnen gesessen und genäht habe— da Hab ich's wieder dafür, daß ich nie- mals habe bei etwas dabei sein wollen,— dafür, daß sie nicht sagen sollten, ich würde wie Oline"— und sie ♦) Die Ucbersetzung ist als Buch in Budapest bei Grimm erschienen. **) Volksihümlicher Ausdruck für Tournüre. weinte und weinte—„Sagten sie nicht, ich wäre gleich nach Vika hinabgezogen?" „Nein, aber Tina,— ich denke Du bist so wie ich, Du weinst deswegen— Du solltest nur wissen, was über mich in der Stadt geredet wird.— Denke Dir, man sagt, ich wäre aus der Flora herausgewiesen, weil ich mit Smith und Helgesen Zigarren rauchte— und das ist die reine Lüge, denn wir tranken zwar Champagner zusammen, aber eine Zigarre ist nicht in meinem Mund gekommen, nur eine einzige Zigarrette, von der mir dabei noch übel wurde— aber wir gingen um puncto Zwölf fort.— Aber gerade deswegen sollst Du ausgehen spute Dich nur—" „Nein, danke— Olinen's Regenmantel— nem, niemals werde ich von Oline etwas leihen— nie in meinem Leben!" Nach Hin- und Herreden von einer Stunde stand Albertine auf, um zu Oline zu gehen.— Oline war ja anständig und verheirathet, sagte man, obschon sie nicht begreifen konnte, wie das zugehen sollte— und so konnte sie wohl einen Regenmantel und eine Pelzmütze von ihrer verheiratheten, anständigen, leiblichen Schwester leihen, oder vielleicht war auch das schlecht— aber nun würde sie es thun— Vorgeladen, sie? und eingesperrt?— Ja— das sollte Valeria wiederkriegen, denn es war kein Anderer, der das gesagt hatte, als wie Valeria.„Gieb mir die Scheere!" Sie ging zum Spiegel. „Nein, nein," Mutter Kristiansen hatte sich mit dem Kochlöffel in der Hand umgewendet—„Du schneidest Dir nicht die Stirnhaare ab, Tina— Du thust es nicht— Du weißt, wie Vater Oline durchprügelte, als sie es gethan hatte— willst Du nun auch auf denselben Weg?— Hol Dich der Teufel, Jossa, daß Du her kommst und Tina zu solchen Narrheiten verleitest." Knips, knips— da lag das Haar.„Ach Herrsch! „Tina, Tina— als Oline sich das Stirnhaar gemacht hatte— da war kein Halt mehr," rief Mutter Kristiansen, während zwei große, dicke Thränen bereits ganz bis in die tiefe Kinngrube hinabgelaufen waren. „Ach nein doch Alte! Sieh sie doch nur an, hat sie keine Stirnhaare— und sie ist doch wohl anstän- dig genug?"— und Jossa zeigte auf den Oeldruck über der Kommode. Mutter Kristiansen sah nach der Viktoria hinauf— und schwieg und wandte sich zum Ofen zurück. „Ja, ist da nun ein Licht und ein Federhalter „Tina, Tina— das thust Du nicht— oh— thue es doch nicht— Du hörst, Deine Mutter sagt, Du sollst es nicht thun— das ist Sünde— o thue es doch nicht, meine Tina— ich glaube, die Mädchen hier in der Stadt sind jetzt rein verrückt— Du als einfaches, armes Nähtermädchen— sollst Du so gehen?— Ja. dann kannst gleich ebenso gut in die Stadt ziehen— 0, thue es nicht, meine Tina! Was alaubkt Du. dost ...,,. Was glaubst Du, daß Mutter Olsen und Hansen hier im Hause sagen, wenn sie es sehen?— Sieh die Viktoria— hat sie vielleicht Locken?" „Mutter Olsen und Hansen können mich alle Beide hoch blasen— aber wenn Du so in mich dringst, werde ich die Locken fortlassen— den„Lieutenant" m uß ich aber haben!" Sie hatten lange gesucht, um etwas zu finden, was zur Tournüre brauchbar war, da riß Jossa dem Eduard das Tageblatt aus der Hand und rollte es in einen Ballen zusammen—„das ist der beste Lieutenant, den man sich denken kann!" Mutter Kristiansen trocknete sich die Augen und schüttelte mit dem Kopf. Aber der Rock war schon auf- gehoben und das Tageblatt festgebunden.* „Sieh nur, sieh nur,— ist das etwas, um darüber zu weinen, er ist so klein, das ist ja nur ein Kadet." „Nun nehmen wir jeder ein Packet in die Hand einige Flicker, etwas Papier, ein Bändchen— so, nun eine Schlinge über dem kleinen Finger— das haben wir im Laden gekauft— nun fort zu Oline— Adieu denn— Mutter Kristiansen!" * * Albertine wurde von Tage zu Tage bleicher, und die hohe Bogenlinie über dem Busen wurde flacher und niedriger, und es war gleich, als wenn die kräftigen geraden Schultern sich vornüber beugten und wenn Mutter Kristiansen auf ihren Rücken hinsah, war es ihr. als wenn die graue Kleidertaille sich runder und runder darüber spannte, und sie war nicht so lustig und auch nicht so fleißig wie früher, plauderte fast gar nicht mehr, während sie saß und nähte, und lachte selten. Mutter Kristiansen wurde besorgt. Sollte sie auch die Abzehrung bekonimen— sollte sie sie auch sehen müssen, wie sie elender und elender wurde, sehen müssen, wie sie ins Krankenhaus hinauszog und dazwischen nur zum Besuch kam und zuletzt ganz fortblieb?„Mein Shawl soll für Dich verändert werden wenn Du willst" — ja, sie konnte ihn auch färben lassen, wenn sie nicht 0 mit ihm gehen wollte, wie er war.— Aber Albertine lächelte ihr nur ein Wenig zu. Aber was die Alte am meisten besorgt machte, war. daß sie so fügsam und gut geworden war und daß sie begonnen hatte im neuen Testament zu lesen, was sie früher niemals that. Sie las Alles, was sie über die Maria Magdalena finden konnte— denn vielleicht konnte sie in's Klare kommen über alles das, was sie nicht verstand— darüber, wie Oline dazu kommen konnte, so was zu thun, und wie es nun war, als wenn sie nichts gethan hätte, nur weil ein alter Mann von sechzig Jahren sich mit ihr verheirathete— und dann stand dort, daß man keinen Stein auf solche werfen sollte, aber es schien ihr, daß man unaufhörlich Steine auf solche würfe— und sie meinte, daß man dazu auch ein Recht hätte— und dann hörte man plötzlich damit auf, weil ein alter Kerl sie für sich allein haben wollte. Nein, sie begriff keinen Schimmer von alle dem— und so las sie in dem alten Testament, was dort von solchen Dingen stand, aber sie kam dadurch auch nicht in's Klare— das erschien ihr alles häßlich und abscheulich. Wenn sie es nur unterlassen könnte, ewig und immer über das da zu grübeln und nachzudenken— aber es kam wieder und wieder, und Olinen's Lächeln war be- ständig mit dabei— dieses sonderbare, häßliche Lächeln, von der Glasthüre, welches ihre hübschen wohlgeputzten Zähne sehen ließ, mitten in dem anständigen, ehrbaren Gesicht mit dem geraden Scheitel auf der Stirn ohne tirulocken. Sie wollte daran nicht mehr denken— was ging das sie an? Und es verbanden sich damit so viele Gedanken, die gewiß Sünde waren, und wenn sie so ein Hasenfuß war, wie Oline sagte, daß sie in der Brautnacht davonlaufen würde, warum dachte sie denn so beständig an dieses da? Denn das that sie— beständig und unaufhörlich— ewig und immer verfolgte es sie— und das war sicher auch Sünde. In der Brautnacht davonlaufen— ja das würde sie ganz gewiß thun. Und etwa deshalb, weil sie ein Hasenfuß war? Das mußte so entsetzlich schäm- erregend sein, dachte sie, und Sünde mußte es auch sein, wenn Gott die Ehe auch eingesetzt hatte— und es war ja auch Gesetz und sollte so sein und von der Obrigkeit gestattet— aber nein! Sie begriff nicht, wie man das thun konnte— sie begriff, daß es häßlich und abscheu- lich wäre, und sie sah auf die Alte hin und dachte, es wäre sonderbar, daß sie das hätte thun können— sie, ihre eigene Mutter. War sie selbst denn anders geschaffen, als andere Menschen? Ja, sie mußte es wohl sein— aber sie mußte immer daran denken— das war so widerlich und sicher auch Sünde.— Gut war nur, daß Niemand wußte, daß sie ständig saß und an so etwas dachte. Aber als Mutter Kristiansen sie im Testamente lesen sah, da kam sie auf einen Kniff sie herauszubekommen. Sie fragte, ob sie am Sonntag mit ihr in die Kirche kommen wollte, Nein, sie hatte zuerst keine Lust dazu, aber dann zum Schluß ging sie darauf ein, und am Sonnabend, ging Mutter Kristiansen aus eigene Hand zu Oline und lieh den Regenmantel und die Pelzmütze und auch ein Paar Handschuhe. Es war etwas trübes Wetter gewesen und hatte im Laufe der Woche ein wenig geregnet, aber am Sonntag war es schön und klar mit einigen hellen, sommerartigen Wolken am Himmel, und es war frischer und mehr früh- lingsartig geworden. Sie gingen in die„Erlöserkirche". Wie reich und fein sah es drinnen aus in den hohen, hohen Räumen mit Säulen und Teppichen auf dem Boden und den breiten Treppen und die Stille und alle die geputzten Leute mit feinen Gesangbüchern in den Händen mit den strammen Handschuhen darauf, feine Frauen und feine junge Damen und feine Kinder, und selbst die alten Weiber sahen so ausgeputzt aus, wie wenn alles so gut und schön wäre. Und die Leute waren so milde und liebenswürdig gegeneinander und ließen einander in die Gesangbücher einsehen, selbst die, die sich gegenseitig gar nicht kannten und der Prediger war so nett und sah so fein aus. Sie fühlte sich in dieser ordentlichen und feinen Gesellschaft wohl— sie hörte nur auf den Anfang der Predigt, ob es nicht von der Maria Magdalena handelte— dann aber erschien es ihr so gemüthlich, den Klang der Stimme des Priesters ins Ohr dringen zu lassen— er hatte einen so behaglichen, ruhigen, schönen und angenehmen Tonfall— bald herauf und bald herab— regelmäßig— das war wohl der Friede, von dem sie hatte reden hören, daß man ihn erhielte wenn man in die Kirche ginge.— Früher hatte sie das niemals verstanden, aber nun begriff sie es so gut, und sie war froh darüber. Ja, es war wirklicher Friede, der über sie herabgekommen war. Was ging sie nun all das Häßliche an? Sie hatte ja noch nichts Schlechtes gethan und wollte es auch nicht, nein, niemals in ihrem Leben. Was that es, wenn man erzählte, daß sie eine Vorladung erhalten hätte und eingesperrt wäre,— und die Glasthüre dort oben— was brauchte sie daran lu denken?-- Sie athmete tief auf; man konnte sehr gut hier in diesem hohen, stillen Räume aufathmen— nein, das war gewiß nur dummes Gequatsch, das, wo- mit sie sich immer herumtrieb und woran sie dachte.— Man brauchte auch nicht Alles zu verstehen. Aber der \ Friede, von dem sie redeten, den fühlte sie deutlich in ihrem Innern, besonders wenn die Orgel zu brausen be- gann— das war so schön— es war, gleich als wenn sich in ihr etwas auslöste— das war der Friede. Sie war so froh, zum ersten Mal seit langer Zeit, und sie fing an, an etwas Anderes zu denken. Sie war so froh zum ersten Mal seit langer Zeit, und sie sah sich um und betrachtete die feinen Frauen und Fräuleins und deren Hüte und Mäntel— ob sie hübsch waren oder nicht— sie war so froh, vielleicht auch sie ein Kind Gottes, seidem sie diesen Frieden verstehen konnte— und dann war ja keine Gefahr. „Der Herr segne Dich und behüte Dich! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig' Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden!" Sie erhob sich wie die andern und dachte, daß nun zugleich auch Alles gut wäre. Es verdroß sie nur, daß er zu reden aufhörte, denn die tiefe ruhige, wohlwollende Stimme, die so hübsch und feierlich stieg und sank, die hatte gleichsam den Frieden in sich.— Aber nun kurz darauf brausten die Orgeltöne durch die hohe Wölbung— und auch sie hatten dieses Milde, Gute, Friedliche in sich, und sie ging hinaus froh und versöhnt mit sich selbst und der Welt. Der blaue Mantel war nicht übel.— Sie sah in dem Gedränge nichts weiter als den Hut und den Früh jahrsmantel— hellgrau karrirt, gerade so, wie sie ihn haben wollte. Ja, sie mußte sehen, sich so einen Heft grau karrirten Frühjahrsmantcl anzuschaffen, dann konnte der Wintermantel und Hut ruhig bis zum Herbst im Leihhaus bleiben, sie hatte keine Verwendung mehr dafür. Ja, so einen wollte sie haben, aber es war an der Zeit, nur daran zu denken, da es so schönes Wetter wurde. Sie war so froh und so ging sie wieder heim und nähte Am nächsten Sonntag, als sie aus der Kirche her- auskamen, stand Jossa draußen und wartete auf sie und wollte sie in den Kunstverein mit haben.— Dort wäre es Sonntags sehr amüsant, weil dann alle Vornehmen da wären, nur am Wochentage gingen dieselben in der Karl-Johannstraße spazieren, sagte sie. Das wäre ziemlich interessant, denn es wären dort viele feine Leute mit netten Kleidern, aber die Bilder erschienen ihr häßlich, klobig und grob; nur zwei Por träts gefielen ihr, denn die wären hübsch und fein und glichen dem Kronprinzen und der Viktoria zu Hause, aber sie wären nicht ganz so fein gemalt.— Als sie aus dem Kunswerein herauskamen, hörten sie die Musik im Studentenhain spielen, Gott, wie lange hatte sie keine Musik gehört. Und sie fing beinahe an im Takt zu gehen, obwohl sie wußte, daß das nicht fein war. Sie war vergnügt, sie hatte den hübschen Regen- mantel an und sie freute sich, wenn der Wind ihn ein Bischen aufwehte, so daß der Atlasvorsatzstreifen zu sehen kam. „Gott, sagte Jossa, dort sitzt Helgesen und Smith bei„Grang" am Fenster— das kannst Du glauben, sind artige Herren— und die feinen Kleider— das sind die. mit denen ich zusammen war und Champagner trank und Cigaretten rauchte. An dem Abend hatten sie viel Geld, aber sonst haben sie fast niemals zu einem Glas Bier welches— aher das ist egal, denn sie sind so gemüthlich und amüsant.— Ich liebe Smith." Albertine sah einen Augenblick hinauf. Das eine Gesicht konnte sie nicht sehen, aber das andere war so sehr hübsch und so ernst und hatte den Scheitel an der Seite. Sie lachten und nickten Jossa zu, welche wieder grüßte und nickte, so daß die schmutzig gelben Stirnlocken auf und nieder flogen. „Ich will Dir übrigens etwas sagen, Jossa, du solltest zu den Herren nicht hinein grüßen, die bei Grang sitzen, das ist nicht fein—" Sie gingen ein paar Mal auf und ab und begeg- neten Helgesen und Smith, die aus dem Caf« heraus- gekommen waren. „Der Große, Dunkle ist Helgesen", sagte Jossa,„er ist Kandidat; der Hübsche mit den hellgrauen Gamaschen auf den Füßen ist Bruno Smith, er schreibt für Zeitungen. Das ist der, den ich liebe— weißt Du, ich glaube, ich lieb« ihn wirklich." „Warst Du mit ihnen allein und trankst Cham- pagner,— das solltest Du nicht thun— es könnte mit Dir gehen, wie mit Oline." „Das schadet nichts." sagte Jossa und hob ihre Nasenspitze noch höher in die Luft. „Ach nein, am Sonntag ist es hier nicht amüsant — dann ist es so einfach, kein feiner Mensch da. Komm einen Wochentag hinein und hole mich ab, wenn Musik ist— der König ist am Sonntag sicher nicht draußen." „Nein und Prinz Carl auch nicht." Aus meinem„Kauer« spiegel". Von Willibald Nagl(„Deutsche Worte'). (S. Fortsetzung.) Es' giebt natürliche Gefühle des Wohlgefallens, die von der Bauernmanier eigentlich nicht zensurirt sind denen der Bauer somit freien Ausdruck verleihen darf. So kann er sagen, daß das Gold einen„schönen" Schimmer hat, daß die Tanzmelodien„schön" sind u. s.w. Aber weil gerade die natürlichen Gefühle durch die Manier so oft unterdrückt und zurückgedämmt werden, so entsteht im Bauer schließlich instinktiv auch eine Art manierhaftes Mißtrauen gegen seine erlaubten natür- liehen Gefühle; und er wird daher in der Wiedergabe derfllben weder vielseitig noch energisch sein. Seine ge- brauchten Ausdrücke werden leicht gezählt werden können: 1.„schön",„rar"( angenehm, freundlichen Eindruck machend),„recht"; Wörter wie„prächtig",„herrlich", „ausgezeichnet", oder gar die Extase- Ausdrücke des Städters„süperb",„magnifique",„excellent" wird man aus dem Munde des Bauers nicht vernehmen. Und selbst jene einfachen Ausdrücke, z. B.„schön",„da ist es aber rar", darf man über ein und dasselbe Objekt ja nicht zu oft gebrauchen, sonst erscheint man„kindisch" oder„walperlat"(läppisch). Stelle einmal den„gesetzten" Bauer unserer Ebene auf einen hohen Thurm oder eine hochragende Bergkuppe und frag' ihn, wie's ihm gefällt. Der Tropf wird sein Wohlgefallen, seine Verwunderung über den ungewohnten schönen Anblick kaum verbergen können, aber trotzdem wird er sich in affektirtem Gleich- muth den Anschein geben, als lobe er diese prächtige Fernsicht mehr aus Nachgiebigkeit gegen Dich, denn aus eigener Initiative:„No", wird er gelassen sagen,„es is eh' schön da"(„Nun allerdings, es ist ohnehin schön hier").— Ja, viele Landleute wollen sogar eine Art Heroismus bekunden in der Gleichgiltigkeit gegen die ungewohntesten und anregendsten Eindrücke, als wären sie erhaben über diese; und diesem bäurisch-geckenhaften Heroismus entsprechend ist dann auch der farblose und matte sprachliche Ausdruck. Noch kläglicher steht es selbstverständlich mit der Wiedergabe jener natürlichen Gefühle, welche mit der Manier im Widerspruche stehen. Gerade hier zeigt sich die„brave Verstellung", welche wir als den charakteristi- scheu Grundzug des ganzen Treibens unserer Land- leute bereits früher kennen gelernt haben, in der auffallendsten Weise. Alles rein Innerliche, Subjektive, das Zarte, Feine, Liebe und Herzige darf sich nicht an's Tageslicht wagen. Wir haben schon oben erwähnt, daß dieses Maniergebot übereinstimmt mit dem aszetijchen Grundsatz der alten klösterlichen Disziplin:„Die Regungen der Natur, insofern sie sich auf rein Menschliches beziehen, "ind unedel, sind ungeordneten Werthes, bezeichnen den rohen, ungehobenen Standpunkt des domo naturalis(natürlicher Mensch, Naturmensch) gegenüber dem voll kommenen Zustand des domo spiritualis(geistlicher Mensch, Aszet)." So sind die Beziehungen der beiden Geschlechter zu einander, besonders insoferne diese Beziehungen in den Bereich des Gefühls und Gemüthes fallen, durch wegs aus dem sprachlichen Verkehre verbannt; noch eher ommt das Roh-Sinnliche gelegentlich zum Vortrag trotz des Manierverbotes, weil ja das Roh-Sinnliche keine Pflege braucht und nach zeitweiliger Zurückdämmung ge- egentlich immer wieder die gesetzten Schranken durchbricht, o lange der Mensch überhaupt physisch gesund ist. Aber das Gefühlsleben, die Liebe, Zärtlichkeit Empfindsamkeit u. s. w. wird, wenn den einzelnen Re- gungen nicht durch die Sprache ein Ablauf gegönnt wird, allmählich versumpfen.— abnehmen, ersterben. Nicht nur, daß das altehrwürdige Wort„Liebe" aus dem Munde des Bauers verschwunden ist— es müßte im Dialekt„Liaw" heißen, würde aber, wenn man's ge- brauchen wollte, im Bauer jenen schon erwähnten Ekel am Zarten erregen— auch das Gefühl der Liebe ist nur zu sehr in Abnahme begriffen. Darum hat der heutige Bauer eigentlich nicht viel herziges mehr zu agen. Schon im Kinde wird das Gefühl für alles natürlich Schöne, Bessere, Feinere als sträflich aufgefaßt. und wenn der zarte Knabe irgend ein schwieriger erfüll- bares Begehren damit motivirt, daß es das Begehrte „möchte"(d. i. daß es ihm wohlgefiele), so schilt ihn wohl die lieblose Mutter aus mit den ironischen Worten: freilich:„„möchte!"" Du Tschappel Du! Grad Dir wird man thun, was Du„„möchtest!"" Die edleren Gefühle werden von den Eltern gar nicht ge- weckt und gepflegt, Feines, Herziges wird den Kindern, 'obald sie einmal zu denken anfangen, nicht mehr vor- zesagt; nur mit dem Säuglinge spielt sich auch die Lauermutter, so lange sie selbst Vergnügen daran em- ?find»t— eben nicht lange. Daher sind die Landkinder o stumpf, stupid, wortkarg, oft selbst untereinander. Ein aufgeweckteres muß oft das andere lange bitten und „sekieren", bis es mitspielt und mitlacht. Das Gefühls- eben soll ja die erste Jugendzeit größtentheils ausfüllen, — und wo kein solches oder ein zu geringes ist, dort herrscht Oede und Schweigen. Wenn der junge Bursche zu seinem besten Kameraden agt:„Du, die N. N. ist Dir eine saubere Dirn!"— o hat er dabei schon das Bewußtsein einer begangenen Schelmerei; der andere lacht spitzbübisch und schelmisch dazu. Vor den Eltern würde sich der Bursche dies nicht zu sagen getrauen, weil die Eltern„ordentlich" ein müssen und solche„Dummheiten" nicht angehen lassen. Aber selbst dem besten Kameraden mag kein Bauern- iursch ein tieferes, feineres Gefühl eröffnen; nie wird einer z. B. sagen:„Sie hat mir einen freundlichen, milden Blick zugeworfen, daß ich glaubte einem Engel ins Auge zu schauen." Von den Brautleuten habe ich lereits erwähnt, wie hölzern sie neben einander zum Altar gehen, ohne nur durch das geringste Zeichen ihre gegenseitigen Gefühle zu verrathen. Natürlich— wer wollte auch so etwas wagen in der Kirche! Die Gefühle der Anerkennung oder des Dankes ge- angen ohne Intervention der Manier ebenfalls nur selten zum Ausdruck. Ein Knecht mag noch so fleißig sein, sein Herr wird ihn immer lieber tadeln und„greinen" über die wenigen Fehler, die demselben dennoch aus- gestellt werden können, als daß er ihn lobte wegen der vorherrschenden Vorzüge. Und macht jemand Anderer, etwa die Bäuerin, den lobkargen Bauer ausdrücklich auf die Vorzüge seines Knechtes aufmerksam, so sagt er halb ablehnend:„Nu ja eh'", d. h.„ich weiß das ja ohne- hin; von dem mag ich aber nicht reden." Soll sich also der Knecht sein Lob aus dem ewigen Tadeln heraus- suchen und selbst denken? und würde dieses blos gedachte Lob so aneifernd wirken, wie ein vom Bauer gesprochenes,? In der Erziehung der Kinder, besonders wenn die- selben schon 8— 12 Jahre öder darüber alt sind, fällt mit dem Lobe und der Anerkennung einer der wichtig- sten und anregendsten Faktoren weg. Man sollte die Kinder immer— proportionirt dem Verdienste— beloben, sobald sie etwas Gutes und Richtiges gethan haben. Die bäuerlichen Eltern loben fast nur aus Selbstsucht, Eigennutz, wirthschaftlicher Rackersucht, sonst nicht. Wenn z. B. ein Kind den ganzen Tag hindurch im Garten das abgefallene Obst auflesen wollte— sicher eine langweilige, der kindlichen Entwicklung nicht be- sonders zuträgliche Arbeit— dann wird es allerdings am Abend heitzen:„Na— heut bist brav", ob das Kind gleich seine Aufgaben zu machen versäumt hätte. Wenn es sich aber durch Aufrichtigkeit, durch Klug- heit und richtiges Denken, durch Nettigkeit in der Kleidung hervorthut, so wird dies von den Eltern kaum beachtet werden. Heute ist eine Anerkennung oder gar ein Lob— nicht von der Manier dittirt— schon eine solche Selten- heit und so auffallend, daß jeder Lobende fürchtet, seine Worte werden als Schmeichelei aufgefaßt: nun ist's noch schwerer, Lob zu ertheilen in der verdienten Weise und so oft es ersprießlich und nöthig wäre; denn Ge- legenheit und Form des bloßen Manierlobes sind'so be- schränkt, daß man damit nicht ausreicht. Außerdem noch sind von den Objekten, denen die Manier Lob er- theilt, viele derart, daß sie in Wirklichkeit eher Tadel verdienen. Auch der maniersreie Ausdruck des Dankgefühles kommt kaum vor. Den Vorgesetzten gegenüber ist das Danksagen Maniergebot: dieses wird auch— meist ge- danken- oder eigentlich gefühllos— befolgt. Dasselbe geschieht den Fremden gegenüber, von denen sich der Bauer eine Gefälligkeit erweisen läßt. Den Eltern sagen die Kinder, ebenso die Geschwister einander nie Dank, selbst wenn vielleicht wirklich ein lebhafteres Dankgesühl vorhanden ist. Der Bauer fühlt einen frei ausgesproche- neu Dank, wo die allgemeine Manier ihn nicht gebietet und durch's Gebieten erleichtert und bedeutungsloser macht, als eine zu starke Unterordnung seiner Person unter eine andere, als ein Sichpreisgeben, als das be- denklichste Heraustreten aus der gewohnten Reserve. Schon dem Knaben wird diese Scheu, diese Abneigung gegen freien Dank zu eigen, und wenn er etwa als armer Student oder in einer sonstigen ärmlichen Stellung in die Stadt kommt, braucht es viel, bis er diese Scheu überwindet. Obdachlos. Berliner Skizze. n. Dem trüben, regnerischen Apriltage war eine kalte Nacht gefolgt. Ter scharfe Ostwind, welcher schneidend durch die Straßen wehte, ließ die feinen, vom regen- feuchten Asphalt ausgeathmeten Dunstmaffen zu Eis erstarren und drang bis ins Mark. Fröstelnd und hastig eilten die wenigen Passanten über das glatt- schimmernde Trottoir, ans dem die leicht umflorten Lichter der Laternen und Nachtlokale lange Reflexe zeichneten. Allmählich verschwanden Menschen und Wagen hinter dem weißen Schleier, zu dem sich der Nebel in der Ferne verdichtete. Obschon kaum Mitternacht nahe war, lag die sonst um diese Stunde noch starkbelebte Friedrichstraße öde, wie ausgestorben. Die bunte Schaar heimkehrender Theater-, Kaffee- und Bierhausbesucher, auf und ab fla« nirender„Mädchen",„ansprechender" Bwmen- und Apfel- sinenverkäufer und Verkäuferinnen, welche diesem Stadt- theil für gewöhnlich seine eigenartige Physiognomie auf- drückt, hatte sich heut in die warmen, hellerleuchteten Wirthslokale oder in das eigene behagliche Heim zurück- gezogen. Nur die ununterbrochen dahinrollenden Droschken brachten Bewegung in die seltene weltstädtische Stille. Ein junger Mann eilte hastig wie alle Anderen den „Linden" zu. Vergnügenshalber schien er in seiner dürftigen und abgetragenen Kleidung nicht die eisige Nacht aufgesucht zu haben, nicht einmal ein bestimmtes Ziel scheint er aus seiner nächtlichen Wanderung zu ver- folgen, wie das öftere zwecklose Einbiegen in die Neben- gaffen und sein häusiges unentschlofienes Haltmachen bezeugen. Ist er fremd? Ein Berirrter im Straßen- labyrinth? Oskar ist obdachslos— ohne ein Obdach und Heim in der Millionenstadt, die tausend überflüssige Prunksäle, hunderte komfortabler Hotels und eine statt- liehe Anzahl gastlicher Herbergen und Asyle besitzt, gerade so. wie er hungerig ist, in der üppigen Residenz von abertausend verschwenderischen Festgelagen, einer Legion übersättigter Genußmenschen. „Seine Schuld, wahrscheinlich ein Faulenzer und Nichtsthuer!" Auch der ist er, aber ein Faulenzer, trotz- dem er seit Wochen und Monaten von einem Ende der Weltstadt zum anderen gelausen ist, um eine Beschäftigung zu suchen, ein Nichsthuer, obwohl er Tag um Tag, un- entmuthigt durch die aehselzuckenden Abweisungen und mißtrauffchen Blicke, welche der besitzende Biedermann der Armuth entgegenbringt, um Arbeit und sei es die schwerste und schlechtgelohnteste, gebettelt hat. Kurz, ein Faulenzer und Nichtsthuer aus den Reihen jener gewal- tigen Armee überschüssiger Arbeitskräfte, welche unser herrschendes Wirthschaftssystem fortwährend aus das Pflaster wirft. Oskar hatte seine heutige Lage längst als unab- wendbar vorausgesehen, aber dennoch mit Verzweifelung gekämpft, sie hinauszuschieben. Er hatte gehungert und gehofft bis zum letzten Augenblick, jede sich ihm dar- bietende Arbeitsgelegenheit benutzt, ein Stück Brod, eine Mahlzeit in der Volksküche oder einige Schlafgeldgroschen zu verdienen. Um das Aeußerste abzuwenden, mußte Stück um Stück seiner Kleider und Wäsche in das Leih- amt wandern, bis auf die letzten zerrissenen Lumpen, die er nun auf dem Leibe trug. Keine Demüthigung und Erniedrigung schreckten ihn zurück. Allmählich sah er wohl ein, daß er in seiner jetzigen äußeren Verfassung schwerlich noch auf ein Unterkommen rechnen konnte, allein er hoffte noch immer. Seine Schlafstelle hatte er aufgegeben, da er nicht abwarten wollte, bis die Armuth seiner Wirthsleute ihrem Mitleid ein letztes Halt gebiete. Anfangs wohnte er in einer„christlichen"„Herberge zur Heimath," von der er jedoch an einem winterlichen Märzabend hinausgewiesen wurde, weil er nur das halbe „Schlafgeld" zusammen hatte.„Gehen Sie dorthin, wo Sie Ihr Geld versoffen haben" war die„fromme" Lehre, die er mitbekam. Ein Glück für ihn, daß es noch früh genug war, um für seine 10 Pfennige in einer Privat- penne der äußersten Vorstadt noch ein Strohlager auf- treiben zu können. Diese eine Nacht genügte, seine arm- seligen Lumpen mit Ungeziefer zu füllen und ihn dadurch an die elende Spelunke zu fesseln. Er blieb— vertauschte nach einiger Zeit die unsaubere Streu mit einer harten und für den halben Preis feilen Holzbank des- selben Schlupfwinkels und suchte nur zeitweise in einem öffentlichen Asyle Unterkunft, um sich und seine Kleider zu reinigen. Nun ging es immer schneller bergab. Zuerst erzeugte auch bei ihm das Elend jene stumpfe Gleichgültigkeit, die den verzweifelten Lumpenproletarier so auffallend charakterisirt. In demselben Maße, in dem Noth und Entbehrung den Körper aufreiben, wird die Willens- und Lebenskraft geschwächt und der hoffnungslose Blick, mit welchem jene Unglücklichen das Leben betrachten, trüber und trüber. Dann hatte Oskar auch während des Verkehrs mit seinen Leidensgenossen den Hunger als eine der ersten Vorschulen des Verbrechens kennen gelernt. Die ver- dächtigen Blicke, mit denen„Staat und Gesellschaft" die zur Verzweiflung getriebene Armuth betrachten, wurden ihm verständlich. Und während auf der einen Seite die brutale und erbarmungslose Behandlung, welche das „Gesetz" den armen Parias zu Theil werden läßt, einen tödtlichen Haß gegen die Rechtsordnung des Klassen- staates in seinem Busen aufzog, wurde er auf der andern durch jene tief niedergedrückt und entmutigt bei dem Ge- danken, daß auch er zu diesem„Menschenabschaum" ge- höre. Scheu schlich er dann in seinen zerrissenen Lumpen an den Häusern entlang, damit Niemand das Kainsmal bemerke, welches unsere„Gesellschaft" auf die Stirnen der Besitzlosen drückt und das, in Worte umgesetzt, lautet: Laster und Armuth sind gleichbedeutend. Oskars Stolz war unter den wuchtigen Schlägen des Hungers längst zusammengebrochen. Er war zum Bettler herabgesunken, der von Thür zu Thür schleichend, sich demüthigte und herabwürdigte und dem Arbeitshause oder noch schrecklicherem entgegen ging. Auch mit diesem Schicksal fand er sich allmählig durch jene, aus bitterem Galgenhumor und trotziger Frech- heit gemischte Lebensanschauung ab, welche allen denen gemein wird, die nichts mehr zu verlieren haben. In dieser Situation fehlt zum Verbrechen nur die Gelegenheit. Zuletzt hatte Oskar den ganzen Jammer im Schnaps zu ersäufen versucht. Langsam— ganz langsam gewöhnte er sich daran, seinen ausgehungerten und durchfrorenen Körper durch den Fusel zu„erquicken", sich durch einen Rausch über seine verzweifelte Seelenstimmung hinweg zu täuschen. Wie die lachende Frühlingssonne leuchtete ihm dann in diesem Zustande die trübende qualmende Nachtlaterne auf dem schmutzigen und finsteren Hofe der Vorstadtpenne entgegen, wohlig streckte er sich in der stinkenden Atmosphäre auf seine harte Holzpritsche, bis er mit dem empordämmernden Morgen wieder zur rauhen, nüchternen Wirklichkeit erwachte. Immer tiefer sank er in den Schmutz hinab. Heut besaß er nicht einmal die lumpigen 5 Pfennige, um sein kaltes Banklager bezahlen zu können. Der Ekel vor seinem Dasein hatte sich zu vollkommener Apathie gesteigert— er hatte den Tag über weder gegessen, noch Fusel getrunken, noch gebettelt.—„Auch das Elend muß doch einen Gipfelpunkt haben, mag ich zusammen- brechen, krepiren, diese„Komödie" soll ein Ende nehmen!" so schwirrte es durch sein Gehirn. Aber wie? Oskar hatte die„Linden" erreicht. Unter der fiammenden Laternenreihe des„Cafö Bauer" standen Gruppen sich Verabschiedender, Wagen fuhren zu und ab. Durch die Pflanzengruppe, welche dicht an der Außenseite der großen Spiegelscheibe hingebaut ist, schaute Oskar in die lichtdurchflutheten Räume des Kaffeehauses, welche ein elegantes, plauderndes und lachendes Publikum füllte. Deutlich konnte er den hellen Klang der Gold- und Silbermnnzen vernehmen, tvelche die Gäste und Kellner auf die Marmorplatten der Tische zählten.— In seinen Augen weckten die funkelnden Münzen einen Wiederschein. Viele der Gäste nippten mechanisch, fast widerwillig von den dampfenden Getränken, kosteten übersättigt von den Torten und Bisquits.— Der Hunger brannte in seinem Magen wie Feuer. Es mochte sehr warm da drinnen sein—, die große Scheibe war stark angelaufen, die Damen handhabten emsig ihre Theatersächer, die Gesichter der Herren schienen erhitzt und in der Nähe des kühl sprudelnden kleinen Springbrunnens waren alle Plätze besetzt.— Ihn fror entsetzlich. Am liebsten hätte er die mächtige Fensterscheibe, die ihn von dem Speisenüberflusse und der behaglichen Tem- peratur des„Kaffees" trennte, zertrümmert. Im nächsten Augenblick war er ruhiger. War es auch wirklich nur ein Fensterglas, das zwischen der Welt des Ueberflusses und Hungers stand? Der Portier bemerkte Oskar und wies ihn fort. Langsam ging er hinüber nach dem Promenadenwege, wo er sich auf eine der nebelfeuchten Bänke setzte. Wie eine goldschimmernde Wolke leuchteten die Fenster des Kaffeehauses durch den Nachtnebel. Er war todtmüde, seine Glieder erstarrt, wie gelähmt—, kaum daß er noch den schneekalten Wind spürte, der die Dunstmassen zu zertheilen begann. „Machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst bringe ich Sie zur Wache!" Oskar fährt erschreckt aus seinem kurzen Schlafe empor—, ein Schutzmann steht vor ihm.„Na, aber schleunigst—!" Die erstarrten Hände reibend, geht Oskar weiter. Wohin? Er schlägt den Weg nach dem Brandenburger Thor ein und erreicht den Thiergarten. Fernher verkünden Glockenschläge die erste Morgenstunde. Der Nachtwind weht scharf durch die Bäume, der Nebel ist hier loser und sickert in Tropfen von den kahlen Zweigen. An einer abgelegenen, durch eine dichte Hecke gegen den rauhen Luftzug geschützten Stelle nimmt Oskar abermals auf einer Bank Platz. Auch jetzt ist er bald ermattet in Schlaf gesunken, aber nur, um nach kurzer Zeit aufs neue zu erwachen. War es die Kälte, die ihn munter gerüttelt? Deutlich hört er einen leisen Pfiff, jetzt ein Knistern von dürren Zweigen wie unter Menschen- tritten.„Eine Razzia!" durchzuckt es ihn. Er springt auf und lauscht—, nur das leise Aechzen des Windes, das Zusammenschlagen der Zweige und das einförmige Rascheln zur laubbedeckten Erde fallender Tropfen. Doch jetzt— wieder ein Pfiff. Öskar flieht tiefer in das Gehölz—, er schilt sich zwar einen Thoren, einen Feig- ling, ihm kann doch sein Schicksal gleichgiltig sein—. dennoch ruht er nicht früher, als bis er die offene Charlottenburger Chaussee erreicht hat. Schweißtriefend und athemlos, wie ein gehetztes Wild, langt er unter „den Linden" an. Seine Lumpen haben der Nebel und der Nachtthau durchnäßt. Der Morgenwind braust rauh durch die dunkle schweigende Straße, pfeift und klappert um die letzten flackernden Laternenlichter. Oskar wagt nun nicht niehr Platz zu nehmen, er fürchtet doch noch„aufgegriffen" zu werden.„Nur noch diese Nacht,.der morgige Tag kann ja die Rettung bringen." Wie schwer ist es doch, ein ganzer Pessimist zu werden. — Der Hunger beginnt sich wieder bemerkbarer zu machen. Oskar eilt die Friedrichstraße entlang, jetzt dem Norden zu.„Wenn es nur Tag würde—, erst Tag wäre!" Die Straßen sind menschenleer, nur zuweilen ein Trupp Straßenkehrer bei der Arbeit oder ein anderer, die Besen geschultert schweigend durch die Einsamkeit trollend. Wie beneidet er diese Glücklichen, die ja ein Heim, ein warmes Bett und wenigstens Brot haben. Je weiter er nach dem Stadttheil des Dampfes und Schweißes, dem Norden Berlins, kommt, um so spärlicher werden die Laternen, um so öder und stiller die Straßen. Im Dunkel liegen die gewaltigen Gebäudekvmplexe der Fabriken und Mieths- kasernen, aus denen nur selten ein Licht flammt. Neidisch schaut Oskar an den hohen Gebäuden mit den dichtverhangenen Fenstern empor. Alle Seligkeit des Paradieses erträumt er, zähneklappernd vor Frost, hinter den festgeschlossenen Jalousien des Parterres und der schmutzigen Gardine im letzten Stockwerk. Wie glücklich würde ihn das kleinste Plätzchen in der Kaminer der Armuth, in einem Stalle, unter einer Hausflurtreppe machen.— Ein Kälteschauer reißt ihn aus seinem Sinnen. Wohin will er? Er kehrt zurück, planlos, ziellos die Gassen durchstreifend. Nur ein Gedanke hämmert unab- lässig in seinem Gehirn: ein Bissen Brot,— eine Stunde Schlaf,— ein Atom Wärme!— Der Nebel ist verflogen, der Wind noch heftiger und eisiger geworden. Ueber die Dächer lugt ein schwacher tiefgrauer Schimmer, den Morgen verkündend. Die La- ternen verlöschen— finster und trostlos dehnen sich die langen Straßenzeilen. Das zeitweilige Rasseln und Klap- pern der Marktwagen und Droschken erstirbt dumpf in der Ferne. Mit blassen Tinten färbt der matte Schein des Ostens die im Nachthimmel verschwindenden Firste der hohen Miethshäuser. In den Bäckerläden beginnen die ersten Lichter zu schimmern. Ein Lehrjunge biegt, den Schrippenkorb auf dem Kopf, ein lustiges Lied trällernd, um die Straßenecke. Wie vergnügt der Bengel pfeift, aber er kann es auch — noch einige Stunden und er kriecht in das warme Bett. Selbst im„Wiener Kaffee" sind die Lichter der vor- deren Räume erloschen. Ein Bäcker öffnet die Thür und schaut müde in den graudämmernden Aprilmorgen. Als Oskar vorüber- geht, schlägt ihm der warme Hauch des Ladens und der würzige Geruch des frischen Gebäcks entgegen. Wie ihn hungert! Einige Sekunden schaut er der Frau und dem Manne zu, die Backwaare sortiren— dann tritt er ein und— bettelt. Die unwirsch« und übernächtigte Miene des Meisters wird beim Anblick des Frostzitternden weicher. Er murmelt zwar etwas wie„ewige Bettelei, vom frühesten Morgen", reicht aber Oskar zwei Schrippen und, als der kalte Morgenwind, welcher durch die offene Thür hereinströmt, ein Schauer über seinen Körper jagt, noch 5 Pfennige:„Hier— nehmen Sie, damit Sie was Warmes in den Leib kriegen, aber nun scheeren Sie sich!" Oskar dankt und geht,— in seine Augen stehlen sich Thränen der Scham und Verzweifelung. In der Rosenthalerstraße kennt er eine Kaffeekkappe, die wohl schon geöffnet sein dürfte. Dorthin lenkt er seine Schritte. Trotz der frühen Morgenstunde, es mag Vaö Uhr sein, ist das Lokal bereits überfüllt. Männer, Frauen und Kinder, alle so elend und übernächtigt aus- sehend, wärmen sich in der dicken, modrigen Kellerluft, die mit dem Wassordampf der Kaffeeküche und dem trocke- nen Geruch des gestrigen Tages geschwängert ist. Im Hinteren, durch eine Gardine halbverdeckten Zimmer lärmt eine Gesellschaft betrunkener Freudenmädchen und Zu- hälter. Gierig schlürft Oskar das heiße braune Getränk —; wie das wärmt! Die laue Luft des Zimmers macht seinen durchfrorenen und übermüdeten Körper schlaff. Die Augen fallen ihm zu—. Der fette Budiker rüttelt ihn unsanft:„For Ihren Sechser woll'n Sie wohl ooch noch'ne Schlafstelle bei mich?" schnauzt er Oskar an. Dieser versucht zu lesen,— der Schlaf überwältigt ihn fortwährend. Der Wirth weist Oskar endlich die Thür. — Draußen ist es Heller geworden, die kalte stahlblaue Farbe des Himmels verspricht einen sonnigen Tag. Die Weltstadt ist erwacht—, Männer und Frauen eilen in langen Zügen an die Arbeitsstätten—, der Lärm hin- und herrollender Wagen wird lauter. Was soll er beginnen? Eins steht fest, heute muß er Arbeit finden, um jeden Preis—, nur keine solche Nacht!— Wie schäbig und verlottert seine Lumpen im nüch- ternen Morgenzwielicht aussehen—, wie schmutzig die zerrissenen Stiefel und die blaugefrorenen Hände. So kann er unmöglich nach Arbeit fragen. Instinktiv wandert er nach der Vorstadtpenne. Dort findet er die„Kunden" bei der„Toilette". Am Brunnen wäscht sich Jeder Gesicht und Hände und trocknet beide mit der Innenseite seines schmutzigen Rockes ab. Niemand beachtet Oskar, der ein Gleiches thut. Das eiskalte Wasser hat ihn erfrischt.— Den Vormittag verbringt er, unablässig auf der Arbeitssuche. Der Gedanke an die verflossene Nacht macht ihn unermüdlich. Doch der Mittag kommt— seine Mühe war vergebens. Am klar- blauen Himmel steht strahlend die Sonne. Eine goldene Fluth von Licht überströmt das bunte Menschen- und Wagengewühl der Weltstadt, das hastig und lärmend an ihm vorübertreibt. Sein Hoffnungsrausch ist verflogen, — schon sieht er die drohende Nacht im Anzüge. Der Hunger macht ihn ohnmächtig, er muß sich' an eine Haus-- thür lehnen, um nicht zusammenzubrechen.— Dann rafft er sich auf und bettelt im nächsten Hause um einen Bissen Brot. „Was haben Sie hier drinnen gemacht?" „Nach Arbeit gefragt!" „So— die Falle kennen wir, also„feine" Bettelei, kommen Sie mit'. Oskar schwinden vor Schreck fast die Sinne.„Also doch—" murmelte er,„nun ist alles zu Ende!"— Kaum daß er sich neben dem„Geheimen" fortschleppen kann. Jetzt beginnt er zu bitten, zu betteln, ihn laufen zu lassen— er will es nie wieder thun— er will sich bessern— wieder ein„ordentlicher" Mensch werden.— Ihn ekelt zwar jedes Wort, das er verliert, denn er weiß ja sehr genau, was ihn zum Bettler und„un- ordentlichen" Menschen gemacht hat, aber er lügt, weil er nur in einer läppischen Lüge die Rettung vor dem Polizeigewahrsam sieht. Er hat wirklich Erfolg— der Beamte läßt sich erweichen.— Was hat er nnn ge- Wonnen?— Planlos durchstreift Oskar aufs Neue die Straßen. Der Ausdruck:„feine Bettelei" raubt ihm selbst den Müth, noch weiter nach Arbeit zu fragen.— Soll er denn verhungern?"— Ganz ohne Absicht ist er wieder„Unter den Linden" angelangt.— Es ist 2 Uhr.— Die Berliner„Gesellschaft" hält zu Fuß und zu Wagen, lachend, plaudernd und kokettirend ihren Dinerkorso im wannen, blitzenden Sonnenschein ab. An den Lindenbäumen hat der nahende Frühling seinen ersten grünenden Knospenhauch gezaubert, welcher sich harmonisch mit dem Tvilettengepränge der auf- und niederwogenden Menschenwelle zu einem blenden- den Bilde von Lebensfreude, Glück und Hoffnungsdrang vereinigt. Von derselben Bank aus, auf der er bereits in letzter Nacht gesessen, schaut Oskar hinüber in das glänzende Treiben. Der sonnige Früylingszauber wühlt alle bitteren Empfindungen seines hoffnungsleeren, ver- zweifelten Herzens zu einem Sturme von Haß und Wuth auf. Wer sind die„Müssiggänger und Faullenzer", die „Bummler und arbeitsscheuen Subjekte"? er und die große Masse seiner unglücklichen Leidensgefährten, die gerne arbeiten möchten und doch dank unserer herrlichen Wirthschaftsvrdnung dem langsamen Hungertode entgegen- treiben oder jene schmarotzende„CrLiue der Gesellschaft" da drüben, welche der Arbeit und dem Arbeiter scheu wie der Pest aus dem Wege geht, deren ganzes Dasein י? " nichts als eine Kette von Uebersättigung und Nichtsthun zu unterwerfen. Die bürgerliche Republik wird zur vorgestreckten Wahlgelder den Großindustriellen ist? Der Gedanke an die vergangene und noch mehr Monarchie des Geldsacks. zurück. Sie wünschen sich dabei gleichzeitig diese Geldan die kommende Nacht durchraste von Neuem sein Gehirn Sehr interessant ist von diesem Standpunkt aus macht auch für die Präsidentenwahl von 1892 zu sichern. der Hunger durchwühlte Oskar's Eingeweide-wie eine auf die Mc. Kinleybill bezugnehmende Zuschrift des Aber es ist sehr zweifelhaft, ob die Demokraten noch Wahnsinn packte es ihn er sprang von der Bank, Prof. Schönbach- Graz, welche die Münchener Neuesten einmal durch einfachen Stimmenfauf um den Wahlsieg wollte schreien vor Schmerz und Wuth ein Blutstrom Nachrichten" veröffentlichten. Wir theilen aus derselben gebracht werden können. Denn erstens haben die großwar alles, was aus seinem Munde quoll. Er sank zurück den wichtigsten Abschnitt, der einen historischen Rückblick artigen Skandale bei der Wahl Harrison's 1888 so unauf die Bank und stürzte von da auf den sandbestreuten enthält, unseren Lesern mit: liebsames Aufsehen erregt, daß schon jetzt in einer Reihe Weg. " Von den beiden großen politischen Parteien der von Staaten der Union neue Wahlgefeße, in Nachahmung In wenigen Minuten hatte sich ein Schwarm Neu- Vereinigten Staaten( der republikanischen und der demo- der vortrefflichen australischen, aufgestellt worden sind, gieriger um ihn gesammelt.„ Ein Besoffener", schwirrte kratischen) ist die republikanische, welche den Bürger- welche die Stimmabgabe vor den schlimmsten Beeines hin und her. Es ist wirklich eine Schande, mein frieg von 1860 bis 1864 gegen den Süden geführt hat, flussungen schüßen und sich ganz wohl dazu eignen, den lieber Graf, daß dieser Plebs uns sogar die harmlose bis zur Präsidentschaft des Demokraten Grover Cleveland Republikanern ihr Spiel von 1892 zu verderben. Zweitens Mittagspromenade verleiden darf," meinte weit drüben( 1884 bis 1888) an der Herrschaft gewesen, indem sie haben die jetzigen Prohibitivzölle eine starke, von Tag zu eine üppige Blondine in der neuesten Pariser Frühjahrs- von den Früchten des Sieges, der Unterwerfung des Tag anschwellende Gegnerschaft im Lande selbst. Zunächst toilette zu ihrem„ vornehmen" Begleiter, ich glaube Südens, zehrte. Die zunehmende Korruption innerhalb bei den Farmern des Westens und Südens, denen der wirklich, ich erwärme mich unter solchen Umständen noch dieser Partei, die Verschiebung des Bevölkerungszentrums Absah ihrer Produkte geschmälert wird, während sie die für Ihre langweilige Politik, wenn nicht baldigst die vom republikanischen Osten nach dem demokratischen Westen, so viel höheren Preise für ihre Bedürfnisse an die zu Prügelstrafe für dieses unverschämte Arbeitervolk ein- das Schwinden des Gegensazes zwischen Nord und Süd Monopolen sich entfaltenden Großindustrieen bezahlen geführt wird. Die beiden Edelsten der Nation" ver und vieles andere brachte das Aufsteigen der demo- müssen. Drittens besorgen die einsichtigen Finanzpolitiker schwanden im Gedränge. kratischen Partei hervor, welches noch immer andauert. der Vereinigten Staaten, daß die Staatseinkünfte durch Ostar war schleunigst von zwei Schußleuten in ein Bei der Wahl Clevelands zum Präsidenten waren die die Mc. Kingleybill in schädlicher Weise verringert Haus der Nebenstraße transportirt worden. Es war Republikaner zum ersten Male seit 25 Jahren unterlegen. werden. Denn in Wahrheit verhält es sich nicht so, auch zu schrecklich, daß so etwas mitten Unter den Linden Sie haben daher 1888 die unerhörtesten Anstrengungen daß diese Bill dem Ueberfluß in den Einnahmen der passiren mußte, wer da nicht alles vorbeikommen konnte! gemacht, um wieder in den Besitz der Präsidentschaft Vereinigten Staaten durch Verminderung des Zollgefälls Ein wahres Glück, daß zwei Minuten später die und damit des riesigen Beamtenapparates der Vereinigten abhelfen solle. Dieser Nothwendigkeit haben schon die ganze Geschichte vergessen war, was lag auch schließlich Staaten, dieser Quelle aller Korruption, zu gelangen. Republikaner selbst dadurch vorgebeugt, daß sie in diesem an so einem„ Kerl", der da zusammengestürzt war, wäre Zu diesem Behufe haben sich die republikanischen Jahre eine geradezu wahnwißige Pensionsbill durchgebracht es wenigstens noch ein armer abgehegter und abge- Führer mit den Großindustriellen hauptsächlich haben, vermittelst deren Unsummen an die Invaliden des hungerter Droschtengaul gewesen, dann hätte es sich doch des Ostens in's Einvernehmen gesezt: diese stellten Bürgerkrieges und ihre Hinterbliebenen en richtet werden noch gelohnt, einem Thierschußvereine beizutreten. den republikanischen Berufspolitikern ungeheure Geldmittel müssen. Dieses Pensionsgesetz verschlingt nicht nur die 11 Was aus Oskar weiter geworden ist? Vielleicht zur Verfügung( an der Spize Wanamaker, ein Kaufmann berühmten Ueberschüsse für die nächsten Finanz ahre, es haben ihm Mitleidige einige Nickel in die Hand gedrückt, aus Philadelphia, der zum Lohne jezt Generalpostmeister hat sogar aller Voraussicht nach ein Defizit zur unentmit denen er sich 1-2 Tage durchgeholfen hat, um ist) und erlangten dafür die Zusage, daß die wieder au's rinnbaren Folge. Selbstverständlich haben die Republihierauf von Neuem vor der alten Misere zu stehen, Ruder gelangenden Republikaner eine durchgreifende kaner dieses Gesez nur deshalb zu Wege gebracht, um vielleicht daß er in ein Krankenhaus oder, da er ja Revision des Zolltarifs in der Richtung auf extremste die Stimmen der Veteranen für die nächste Präsiobdachlos war, in das Polizeigefängniß eingeliefert wurde, Schußzölle durchsezen würden. Die Industriellen und dentenwahl zu gewinnen und die großartige Maschium nach seiner Entlassung den Kreislauf des Elends von Kaufleute waren dabei in einer Zwangslage, sie mußten nerie der großen republikanischen Armee", das ist ein vorn zu durchwandern. Vielleicht auch, daß ein Sprung sich mit den Republikanern verbünden, denen sie übrigens über die ganze Union ausgedehnter Kriegerverein, für ins Wasser oder ein Ende im Zuchthause seinem Faul- durch politische Tradition zumeist angehörten, da die ihre politischen Aktionen zu kaufen. Viertens firdet die lenzerleben" ein Ziel gesezt haben. andere Partei, die Demokraten, von jeher zum Frei- durch Mac Kinley's Bill zum Ausdruck gelangte Zollhandel neigten, und ihr begabter Führer, der Präsident politik auch mächtige Widersacher innerhalb der republiCleveland selbst, im letzten Jahre seiner Amtsführung fanischen Partei selbst." durch seine berühmte Botschaft sich ausdrücklich zum Freihandel bekannt hatte, beziehungsweise bloße FinanzDie„ Vereinigten Staaten", deren Geschichte nicht zölle befürwortete. Das Geld hat nun bekanntlich bei hinter die Waarenproduktion zurückreicht, zeigen uns das den Wahlen von 1888 gesiegt, die Summen sind mittels innere Wesen derselben am unverhülltesten. Nirgends der„ Vorschüsse"( so darf man die zur Wahlbestechung Libre Pensée. Jahrbuch des internationalen Socialismus hat sich die Konzentration des Kapitals und der Zu- von den republikanischen Industriellen dargeliehenen für das Jahr 1891( in französischer Sprache) von P. Argyriadès. sammenschluß desselben zu Kapitalistenringen mit solcher Summen wohl nennen) in Massen gekauft worden, und Neue Zeit. Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. Schnelligkeit und unwiderstehlicher Gewalt vollzogen, wie ein Republikaner, Harrison, hat die Mehrheit der Eleftoren( Stuttgart, Berlag von J. H. W. Dieß.) Nr. 4. Inhalt: Wie die eben hier. Der Dollar kann sich nach Herzenslust aus- erlangt, indeß für den Demokraten Cleveland sich eine Bourgeoisie ihrer Revolution gedenkt. Von G. Plechanow. Deutsch Die Sachsenleben, kein Gebiet bleibt ihm verschlossen, und in den Mehrheit von etlichen hunderttausend Urwählern er- von G. Kritschewsky. Briefe aus England. gängerei. Von Max Schippel. Der sozialdemokratische Parteitag. Parlamenten wird niemand so geehrt, so respektvoll gegeben hatte. - Notizen. Literarische Rundschau. Feuilleton: Später. fragt, so prompt in allen seinen Wünschen bedient als ,, Durch die Mc. Kingley bill lösen die republi- Studie von Minna Kautsky.( Schluß.) Se. Exzellenz, der Herr von Dollar. Er hat die innere fanischen Berufspolitiker ihr verpfändetes Wort Lichtstrahlen. Blätter für volksverständliche Wissenschaft. Kraft, Alles zur Waare zu verwandeln und seinen Zwecken ein und zahlen mit folossalen Interessen die Nr. 2.( Dresden, Verlag von O. Harnisch.) Die Politik des Dollars. Albert Auerbach, Berlin S., Rottbuser Damm 7. Schuh- und Stiefel- Lager für Herren, Damen und Kinder. Reelle Bedienung. - Feste Preise. W. Gründel's Restaurant ( früher: R. Wendt.) Dresdener- Strasse 116. Arbeitsnachweis und Verkehr der Buchbinder, Schlosser, Drechsler, Maler, Töpfer, Stellmacher, Sattler und Gärtner. Reichhaltiger Frühstücs-, Mittags- und Abendtisch. Vorzügliches Weiß- und Bairisch- Bier. 2 Billards. Saal zu Versammlungen. Fernsprech- Anschluß. Amt 9a. Nr. 578. Schuhwaaren. Großes Lager aller Sorten Schuh und Stiefel für Damen, Herren und Kinder. Chr. Geyer, Dranienstr. 4. 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