-i-T O/ Berliner il 'S (i% t Sozial-Politisches S A ochenblatt. Wochenschau.— Was das Uolk bei einer sozialistischen Organisation materiell gewinnt. — Die Korrn�tion der Dresse.— Der Kreis lauf des Geldes.— Freie Volksbühne. Produktion und Technik.— Gewerk s chaftliches Gedicht.— Povelle.— Ans meinem Daner« spiegel.— Die Kartelle.— Auf der Stellen suche. Aus der Mache. se.—„Der König von Holland geruhen an Säufer- «ahnsinn zu leiden." Diese Nachricht geruhte die „Rottenburger Zeitung" ihren Lesern mitzutheilen. Was diese daraus geantwortet haben, wir wissen es nicht Vermuthlich nichts. Das deutsche Bürgerthuin besitzt ja den größten Prozentsatz von tapferen Mannesseelen, und seine Nackensteife, und sein Stolz selbst vor Königs- thronen sind weltbekannt. Seine Majestät das deutsche Volk geruht freilich, an dieser Thatsache zu zweifeln und meint: es wäre bald an der Zeit, daß es selbst ein Wörtchen mitspräche, um dem Bauchrutschen ein Ende zu machen, indeß— man wird ja sehen. — Ein österreichischer Erzherzog ist verschollen stimmt seinem Schisie, ans welchem er nach Chile segeln wollte. Er war früher österreichischer Feldmarschall-Lieutenant und ein Mann von großem Talent. Das hätte man ihm noch verziehe». Aber einen Mann, der vor seinen versammelten Offizieren nach der Besitznahme von Bos- nien den Ausspruch gethan:„Es ist unser Glück, daß die Bosniaken keine Geschichte schreiben können," konnte man nicht an der Spitze eines Armeekorps dulden. So drängte man ihn denn aus seinem Baterlande, und das Haus Habsburg ist um eine Familien-Tragödie reicher. — Der zweite Luther und Sozialistentödter, Hof Prediger Stöcker ist zu den Bismarcks, Puttkamer und Krüger versammelt worden, er hat seine Entlassung er- halten. Die liberalen Blätter freuen sich darüber wie Schneekönige. Sie müssen den„Gottesmann" doch sehr gefürchtet haben. Uns kann es gleich bleiben, ob Stöcker geht oder kommt, seine Theilnahme am politischen Leben ist uns nicht einmal unangenehm, wenigstens ist dieses dann um eine humoristische Figur reicher. Stöckcr scheint übrigens der Heilsarmee noch nicht in allen Stücken leichzukommen. Ein politischer Bortrag mit Posaunen- egleitung— wie er unlängst zum Besten gegeben wurde — ist entschieden was Neues. Hoffentlich breitet sich die neue Ersindung auch bald gebührend aus. — Die englischen Afrikareisenden sind an der Ar- beit, einander ihre Geschäftsgeheimnisse vorzureiben. Man erfährt da wenigstens, auf welche Weise die Kultur, Ge- sittung u. s. w. in den dunklen Erdtheil getragen wird. Major Bartellot soll verrückt gewesen sein, als er einen jungen„Wilden" zu Tode trat und andere Eingeborene peitschen ließ, bis sie umfielen. Warum verrückt? Hat ja einer seiner Mitkumpane, der Kulturträger und Natur- forscher Jameson ein Negermädchen, tas er um 12 baumwollene Taschentücher gekauft, abschlachten lassen, weil er sehen wollte, wie man in Afrika einen Menschen frißt. Und er hat von dem ganzen Vorgang sechs Zeichnungen angefertigt und den Kannibalen vor Beginn der„Arbeit" zugerufen:„Nun laßt sehen, was ihr leisten könnt". Bei dieser Gelegenheit ersahren wir auch, daß Herr Stanley schon so ein berühmter Mann ist,„daß er seine Namensunterschrift nicht einmal seiner Mutter unter zehn Pfund Sterling gäbe." — Auch Nordamerika hat seinen 20. Februar erlebt. Die Patrone und Geburtshelfer der Mac-Kinley Bill, die sogenannten„Republikaner" sind aus der Wahl- schlackst vollständig besiegt hervorgegangen. Die sieg- reichen Demokraten sind die besten Brüder auch nicht, für einen Sozialisten ist es aber immerhin ein ergötzliches Schauspiel, wenn sich die beiden Löwen gegenseitig auf- fressen. — Der preußische Landtag ist unter allgemeiner Theilnahmlosigkeit, seinem langjährigen und wohlver- dienten Schicksal, wieder einmal eröffnet worden. Ueber- raschungen hat die Thronrede nicht gebracht, interessant ist indeß folgender Passus:„Der nach dem Abschluß der ersten Veranlagung der direkten Steuern auf der neuen Grundlage auskommende Mehrertrag soll indeß schon jetzt durch eine ausdrückliche Gesetzesvorschrift aus- schließlich zu weiteren Entlastungen insbesondere der Kommunalverbände mittelst Ueberweisung von Grund und Gebäudesteuer bestimmt werden, soweit darüber der Staatshaushalts-Etat nicht anderweitig Verfügung trifft." Es ist also in erster Reihe wieder der nothleidende Großgrundbesitz, der durch„Ueberweisungen" entlastet werden soll. Das„Nothleiden" gehört entschieden zu den berechtigten Eigenthümlichkeiten desselben. — Vom Schauplatz des Schweinekrieges— nichts Neues. Wenn der Landwirthschafts- Minister nicht bald ein Einsehen und die bekannte Ministerkrankheit bekommt ersticken unsere„bedrängten" Rittergutsbesitzer noch im eigenen Fett. So lustig gedeihen Schutzzoll und Schweine sperre. Wenn ich Theaterdircstor wäre, würde ich jetzt alle Tage den„Zigennerbaron" aufführen lassen, in welchem der gewiß hochpoetische Refrain wiederkehrt: Mein allerhöchster Lebenszweck Ist Borstenvieh, Ist Schweinespeck. Mas das Volk bei einer sozialistischen Organisation materiell gewinnt. Herr Richter verkündet in der„Freis. Zeitung triumphirend, daß von seinen„Irrlehren der Sozial- demokratie" 15 000 Exemplare bereits gegen baar verkauft seien. Es sieht aber, fügt er bescheidentlich hinzu, so aus, als ob„die Verbreitung noch eine weit größere Ausdehnung nehmen wird, da die freisinnigen Vereine in größerer Zahl erst jetzt beginnen, die Verbreitung in die Hand zu nehmen, und gerade aus solchen Orten, in welchen schon größere Partien verbreitet waren, fortgesetzt Nachbestellungen erfolgen." Die Herren Liberalen scheinen also mit Richter's „Irrlehren über Sozialdemokratie", so sollte das Pam- chlet sich eigentlich benennen, einen Feldzug im großen Styl unternehmen zu wollen: ein heiteres Abenteuer, dem man ruhigen Gemüthes zusehen darf. Alle Kanonen, welche die Recken gegen uns auffahren lassen, haben ein überaus ehrwürdiges Alter und verrichteten bereits zu Zeiten Schulze- Dclitzsch's ihre harmlos- geräuschvollen Knalleffekte. Im Einzelnen die Einwände Richter's durchzugehen, wäre eine recht langweilige Bemühung, mau müßte, eben o wie er es gethan, eine ganze Broschüre schreiben. Und was hätte man schließlich damit erreicht? Die Polemik hat denn auch— alle sonstigen Allotria außer Acht lassend— sich auf einen einzigen Punkt der Richter'schen Ausführungen geworfen, den Punkt, auf welchen der Verfasser selbst offenbar das meiste Gewicht egt, von dem er sich die meiste agitatorische Wirkung versprach. Es ist das die Frage nach dem mate- riellen Vortheil, welchen eine sozialistische Neu- organisation dem Proletariat zu bieten vermag. Herr Richter ist ein bewunderter Finanzkünstler und weiß mit den Millionen großartige Jongleurkunststücke vorzunehmen. Er rechnet aus den Steuerlisten das Gesammteinkommen der preußischen Bevölkerung zusam- men, dividirt dasselbe durch die„Zahl der Personen, welche als Haushaltungsvorstände oder als Einzelne ein 'elbständiges Einkommen in Preußen beziehen" und ver- ündet dann mit vergnügtem Schmunzeln, daß jede der- 'elben bei gleicher Vertheilung des Nationaleinkommens nur 842 M. erhielte. Was würden also, ruft er nach dieser Anstrengung triumphirend aus, die Arbeiter bei der Einführung einer sozialistischen Organisation ge- Winnen? Nichts, einen Pappenstiel von ein paar Mark, denn der Durchschnittslohn der gewerblichen Arbeiter betrage schon gegenwärtig 642 M. Es handle sich für den Durchschnitt also um eine Ausbesserung von 60 Pf. täglich, genau besehen aber noch um bedeutend weniger, weil von den 842 M. Durchschnittseinkommen auch in einer sozialistischen Gesellschaft noch ein bedeutender Betrag für Vermehrung der vorhandenen Produktions- mittel jährlich in Abzug zu bringen sei. Die Rechenmethode Richter's einmal als richtig angenommen, lassen sich hier bereits verschiedene Ein- Wendungen machen. Fürs erste wird schon dadurch ein schiefer Eindruck hervorgerufen, daß Richter das Gesammt- einkommen durch„die Zahl der Haushaltungsvorstände und der sonst ein selbständiges Einkommen Beziehenden" dividirt. Das sind ja zwei ganz ungleichartige Größen; während der Einzelne mit 842 M. gemächlich leben kann, muß sich ein„Haushaltungsvorstand" mit zahlreicher Familie bei solchem Einkommen höchst kümmerlich durch- schlagen. In einer sozialistischen Gesellschaft, die das Gesammtprvdukt nach den„vernunftgemäßen Bedürf- nissftx" der Individuen vertheilt, würde auf solche Unterschiede(soweit dieselben dann überhaupt noch be- stehen) natürlich Rücksicht genommen werden. Zu wissen, wie viel auf jeden ökonomisch Selbständigen vom Nationaleinkommen entfällt, nützt garnichts, wenn man wissen will, welche Bequemlichkeiten eine sozialistische Vertheilung des heutigen Gesammteinkommens dem Ein- zelnen verschaffen kann. Man weiß ja nicht, wie viel ökonomisch Unselbständige jeder Selbständige zu unterhalten hat. Die Frage muß lauten: Wie viel entfällt auf den Kopf der preußische Bevölkerung? Herr Richter giebt dieselbe auf 28,7 Millionen an; da bei seiner Schätzung das National- einkommen sich auf 8424 Millionen Mark beläuft, so würde also, bei gleicher Vertheilung, auf den Kopf(gleich, ob Kind, Frau, Mann, Greis) ein jährliches Einkommen von 294 Mark, auf die aus 5 Köpfen bestehende Familie 1470 Mark entfallen, was mit den Richter'schen 842 Mark verglichen schon ein bedeutendes Stück Geld ist, selbst wenn man noch einen gehörigen Abstrich davon macht, um den Unverheiratheten aber ökonomisch Selbständigen mehr als ihre 294 Mark zuzuwenden. Sodann steht die Richter'sche Rechnung in Wider- spruch mit dem Resultat, zu welchem ein weitberühmter Statistiker wie Sötbeer gekommen ist. Die„Magdeburger Volksstimme" hat darauf aufmerksam gemacht und an Herrn Richter ist es jetzt, seine Schätzungsmethode, die um eine ganze Milliarde hinter der Sötbeer's zurück- bleibt, zu vertheidigen. In seiner Erwiderung findet sich nichts dergleichen. Nach Sötbeer, der im Vergleich zu Richter von vornherein als maßgebend erscheint, beträgt )as private Gesammteinkommen Preußens jetzt 9382 Millionen, es kommen auf den Kopf also 325, auf die 5köpfige Familie 1625 Mark jährlich. Nach Abzug Zessen, was für Beschaffung neuer Produktionsmittel und ür Aufbesserung der Unverheiratheten unter den ökonomisch Selbständigen nothwendig erscheint, noch immer ein ganz nettes Sümmchen. Selbst angenommen, diese Abzüge betrügen im Ganzen 225 Mark, so bliebe der Familie immerhin ein festes Jahreseinkommen von 1400 Mark. Wie viel proletarische Familien können heute über eine 'olche Summe verfügen? Sie sehen, Ihre AbschreckungS- theorie verfängt nichts, Herr Richter. Sie wollen dem 'ozialdcmokratischen Industriearbeiter es weiß machen, daß er bei einer sozialistischen Organisation nichts ge- Winnen würde, aber selbst bei der durchaus widersiunigen liechnungsmethode, die Sie anzuwenden belieben, würde ür diese Klasse ein sehr bedeutender Vortheil heraus- 'pringen. Bedenken Sie: 1400 Mark festes Einkommen; )ie Krisen, welche den Arbeiter heute brodlos aufs Pflaster werfen, ein für allemal beseitigt; beseitigt auch alle Decküthigungen, die das Privatkapital dem Arbeiter heute auflegt! Halten Sie eine solche Aussicht ür gar so reizlos, daß man daraufhin den Proletarier der Sozialdemokratie abspänstig machen kann?— Glänzend freilich sind ja 14U0 Mark gerade auch nicht. Sollte sich wirklich bei der kolossalen Entwicklung der Technik die Produktivität der Arbeit nur so weit gehoben haben, daß bei vernünftiger Organisation auf die Familie nicht mehr tägliche Bedarfsgüter ent- fallen, als man heute für 1400 Mark zu kaufen vermag? Das scheint von vornherein undenkbar, und dieser Schein, Herr Richter, beruht, wie sich mit Leichtigkeit nachweisen läßt, auf Wahrheit, Ihre Berechnungsmethode dagegen— doch sehen wir zu! Das Güterquantum, welches in einer sozialistisch organisicten Gesellschaft prvdnzirt wird und damit natür- lich auch das Quantum, welches auf dm Einzelnen resp. die Familie(einmal angenommen, dieselbe bleibe als ökonomische Einheii wie heute bestehen; NB. eine höchst unsinnige Annahme) entfällt, hängt offenbar von zwei Faktoren ab: von der Ertr agsfähigkeit und von der Masse der aufgewandten Arbeit. Die Ertragsfähigkeit oder Produktivität der Arbeit wird durch den Entwicklungsgrad der Technik in den Gewerben, die für den Masfenkonsum sorgen, bestimmt. Eine Arbeitsstunde des Webers, des Bergmanns, des Ac'aschinenbauers, des Landmanns, des Müllers u. s. w. produzirt, je nach der Ausbildung der Technik(die natürlichen Bedingungen als gleich gesetzt), in ver- schiedenen Zeiten ganz verschiedene Mengen von Gewebe, Kohlen, Maschinen, Getreide u. s. w.. gegenwärtig z. B. ein vielfaches mehr als vor 50 Jahren. Es fragt fich: bleibt dieser Faktor, die Produktivität der Arbeitsstunde, in einer sozialistischen Gesell- schaft derselbe, wie in der jetzigen privatwirth- schaftliche u? Offenbar ganz und gar nicht. Und dabei sehen wir von den neuen Ersindungen, die uns die Zukunft bringen kann, noch völlig ab. Es ist wahr, schon die heutige Wirthschaft macht sich die bisher ge- wonneuen Errungenschaften der Technik, welche die Produktivität der Arbeit so mächtig erhöhen, zu Nutze; aber in welch geringem Maße! Indem Herr Richter auf die gewaltige Ausdehnung pocht, die das Kleingewerbe noch heute besitzt, glaubt er etwas gegen uns zu be- «eisen. Er beweist in Wahrheit aber nur etwas gegen das heutige Gesellschaftssystem.— Wir können das gesammte Produkt, das eine Branche heute liefert, als eine Produkteinheit betrachten, welche die gesammte in der Branche aufgewandte Arbeit(d. h. die in den verschlissenen Produktionsmitteln enthaltene und die neu hinzugesetzte) repräseutirt. Je größer die Zahl der Betriebe ist, die in dieser Branche ohne die bisher entdeckten Hilfsmittel der Technik arbeitet, je größer im Durchschnitt also die Zahl der Kleingewerbe in einer der Maschinentechnik zugänglichen Branche ist, um so geringer stellt sich bei gleichem Arbeits- aufwand das Güterprodukt der ganzen Branche dar. Die moderne Gesellschaft mit ihrem Privateigen- thum bietet, von allen Krisen noch abgesehen, schon in dieser Hinsicht das Bild einer enormen Arbeitsver- schwendung. Der Grund ist einfach genug. Das aus früheren Zeiten übernommene Kleingewerbe kann sich die Hilfsmittel moderner Technik nicht aneignen, be- hauptet sich aber, so lange es irgend angeht. Der Klein- meister muß erst Bankerott machen, die„freie Konkurrenz" muß ihn erst Jahre lang schwächen, ehe sie ihn endgiltig zu expropriiren vermag. Griu entsetzlicher und unendlich langwieriger Prozeß! Die sozialistische Gesellschafts- organisation kennt dagegen absolut nichts derartiges. Die Produktionsmittel sind Gesammteigenthum und nur ein Interesse aller Gesellschaftsglieder existirt: mit möglichst wenig gesellschaftlicher Arbeit. möglichst viel Produkte in jeder Branche zu er- zielen. Der Anwendung aller technischen Hilfsmittel überall steht kein Hinderniß entgegen, sie wird vielmehr zur Nothwendigkeit. Also Herr Richter: Ihre Ansicht, daß Privat- und Sozialwirthschaft gleichmäßig von dem Entwicklungsgrade der Technik prositiren können, ist grundfalsch. Nur die sozialistische Gesellschaft vermag diesen Faktor voll auszunutzen und da- durch das eine Element des Nationalreichthums, die Produktivität der Arbeit, iu ungeahnter Weise steigern! Neben der Ertragsfähigkeit entscheidet die Masse der aufgewandten Arbeit überdie Menge des zum Konsum ge- langenden Produkts. Es fragt sich: kann die sozia- listische Gesellschaft auch diesen zweiten Faktor des Reichthums über das Maß der heutigen Privatwirthschaft hinaus erhöhen? Auch das ist sicherlich der Fall. Denn erstlich kann bei anderer Or- ganisation der Familie der weitaus größte Theil der Frauenwelt in die Gütererzeugnng hineingezogen werden; sodann hören bei Beseitigung der Privatwirth- schaft die Krisen und damit die Arbeitslosigkeit der Proletarier auf. Die ganze industrielle Reservearmee und in ihrem Gefolge das Lumpenproletariat und Verbrecherthum läßt sich produktiv verwenden. Ein großer Theil des jetzigen Verkaufpersonals(Kommis, Reisende, Detailgeschäft, Schankgewerbe), das kapitalistische Protzen- thum und das ganze Heer der ihm Dienste leistenden Kräfte kann in die gesellschaftlich nutzbringende Vüterproduktion eingestellt werden und muß die Masse der produktiven Arbeit mächtig an- schwellen. Wir haben ausgeführt, was das Volk bei sozialer Gesellschaftsform durch die erhöhte Produktivität und Masse der gesellschaftlich-nutzbringenden Arbeit gewinnt. Es gewinnt aber nicht nur bei der Produktion, sondern auch bei der Vertheilung des Produzirten. Alle oben angeführten Menscheuklafsen, die, ohne heute die Gütermenge zu vermehren, sie bei einer sozialistischen Organisation der Arbeit vermehren müßten, sind— vom Standpunkte des Sozialismus aus— heute nicht allein unproduktiv, sie nehmen auch den produktiven Arbeitern die von diesen erzeugten Güter weg, sie nähren sich vom Mehrwerth. Bei sozialer Organisation würde der von dieser Klasse verzehrte Produkttheil an seine Erzeuger, die frühere Proletarierklasse, zurückfallen. Der Antheil am Nationalprodukt bemißt sich heutzutage nach dem Geldeinkommen eines jeden. Das Geldeinkommen— gleich vertheilen, wie Richter es thut, heißt annehmen, daß die vorhandene Produktenmenge sich gleichmäßig vertheile. Diese Vertheilung allein würde der Prole- tarierfamilie, wie wir oben sahen, schon eine Gütermenge sichern, die heutzutage durch ein Jahreseinkommen von 1400 Mark repräsentirt wird. Die Rechnungsmethode Richter's— in ihrer klassischen Einfachheit— berücksichtigt nur, was das Volk bei einer gleichmäßigen Ver- theilung des jetzigen Nationalprvduktes, nicht was es durch sozialistische Organisation der produktiven Thätigkeit gewinnen würde. Aber gerade darauf kvmmt es an. Es wäre vielleicht nicht unmöglich, gestützt auf das vorhandene statistische Material, zu berechnen, um wieviel Prozent in den hauptsächlichsten Gewerben schon bei heutigem Entwicklungsgrade die Produktivität der Arbeit gesteigert werden kann und andererseits, um wieviel Prozent die produktive Arbeitsmasse sich erhöhen ließe. Zieht man hierzu den Prozentsatz, um welchen die gleich- mäßige Vertheilung des heutigen Produktes den Arbeiter besser stellen würde, so hätte man eine Basis, um den Gewinn einer sozialistischen Organisation für den Pro- letarier im gegenwärtigen Augenblick zu schätzen. Was meinen Sie, Herr Richter, welche erklecklichen Sümmchen da herauskommen würden! Ich denke, Sie lassen lieber die Hand von der Statistik. So riesig einfach sind die Dinge doch nicht und man kann nicht wissen, ob nicht, wenn man weiter rechnet, gerade das Gegentheil von dem herauskommt, was nach freisinnigem Rezept bewiesen werden sollte. Die Korruption der Dresse. (Ein Märchen.) Kr. Es waren einmal fünf Männer und die zogen aus, das große Ungethüm zu erlegen. Da sie sich aber wegen des Oberbefehls nicht einigen konnten, so beschritt jeder einzeln den Kriegspfad. Als Erster auf der Wahlstatt erschien der Adelige; seine Sporen klirrten, sein Helmbusch flatterte lustig im Winde. Er wunderte sich, daß die Pforten des Gebäudes in welchem das Unthier hauste, unbewacht waren. Kopf- schüttelnd trat er ein. In einem großen, mit Zeitungs- papier ausgeschlagcnen Gemache trat ihm der Preß- d räche entgegen, bot ihm freundlich einen Stuhl und fragte theilnehmeud nach seinen Wünschen. Der Adelige, welcher einen ganz anderen Empfang erwartet hatte, brauste auf:„Rechenschaft verlange ich von Dir. Du Ungeheuer, Rechenschaft für all die Unbill, die Du mir durch die Jahre her angethän hast. Als einen Bedrücker des Volkes hast Du mich erklärt, einen Feind der Gesellschaft; ein Verschwender sei ich und nicht mehr werth als eine Drohne ini Bienenstocke. Viele meiner Güter hast Du zertrümmert und als Waare auf den Markt geworfen. Meine Vorrechte hast Du ge- brochen, mich lächerlich zu machen gesucht vor der ganzen Welt. Aber der Tag der Rache ist endlich gekommen. Gieb Rechenschaft!" Und der Adelige schlug mit der Hand an die Seite, an welcher seine Ahnen das Schwert getragen. Das Thier sah ihn mit seinen listigen Aeuglein von der Seite an, kratzte sich das glatte Kinn und sprach: „Euer Hochwohl- und Edelgeboren! Bevor ich mich recht- fertige, möchte ich denn doch noch einige Worte voraus- schicken. Nicht Sie habe ich angegriffen, sondern Ihre geehrten Herren Mitbrüder die— wie soll ich mich nur ausdrücken— die weiter nichts sind als treue Verehrer des seligen Nichtsthuns. Ihre Güter habe ich unter den Hammer gebracht, nicht um ihnen zu schaden, sondern um ihnen die Mittel zu einem standesgemäßen Leben zu verschaffen. Ist das Unrecht? Ich habe nie gegen ihre Vorrechte gestritten, nur den Wunsch sprach ich aus, daß sie sich mehr an unseren Bestrebungen betheiligen sollten, damit einmal voll und ganz zur Wahrheit werde der Spruch: Ein einig Volk von Brüdern.... Männer Ihres Ansehens. Männer Ihrer Einsicht sollten sich nicht damit begnügen, die Zinsen ihres Kapitals zu verzehren, sie sollten mitthätig sein bei Schaffung neuer Werthe. Es wird dieses Ihnen doch so leicht gemacht und so ein- träglich. Warum also wollen Sie die Hand des Freundes zurückstoßen? Ich habe hier die Prospekte und Antheil- scheine einiger neuer Unternehmungen. Hier die Aktien der Gesellschaft, welche sich gebildet hat, um dem Meer- Wasser den Silbergehalt zu entziehen; das hier ist ein Lotterieanlehen zur Vertilgung der Rebläuse und Mai- käfer; in den nächsten Tagen bildet sich eine Gesellschaft, welche weite Strecken in der Uckermark erwerben wird, um Paradiesäpfel und Annanas zu pflanzen. Ja, mein Herr, das nenne ich eine Förderung der Kultur, das Vermehrung des Volkswohlstandes. Betheiligen Sie sich. greifen Sie zu. Die Dividende beträgt in jedem Fall 25 Prozent..." Dem Adeligen, der nicht gewohnt war zu rechnen, tanzten die Zahlen vor den Augen. Sein Gesicht heiterte sich auf. er erhob sich und reichte dem„Drachen" die Hand.„Das wäre nicht übel, ich werde mir die Ge- schichte überlegen. Entschuldigen Sie, ich war schlecht unterrichtet." Er storchte hinaus und war geschlagen.— Es dauerte einige Zeit, da erschien der Beamte. Er hatte sein Gesicht in ernste Falten gelegt und sprach mit mächtiger Stimme:„Es läßt sich nicht lüugnen, daß die Presse einen unerhörten Einfluß errungen hat. Eine gute Presse wird nun diesen Einfluß weift verwerthen. Was geschieht aber heute? Selbst uns, den Richtern und Berathern des Volkes, tritt man schon entgegen. Man kontrolirt unsere Amtsthätigkeit, höhnt uns wohl auch zeitweise, fährt gegen uns los, wenn wir nicht thun, was gewisse Herren wollen. Wohin soll das noch führen? Man schreibt in den Zeitungen, wir zahlten weniger Steuern als die andern Stände. Heißt das nicht unser Ansehen untergraben und vernichten? Jeden unserer Schritte bewacht und belauert man. und jede Kleinigkeit hängt man an die große Glocke. Sieht man denn nicht ein, daß man dadurch jede Autorität zerstört?... Mein Herr, ich verlange Rechenschaft!..." Der Drache lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte die Arme über der Brust. Dann sprach er: „Wohl! Eine rechte Presse soll die Hüterin des öffent- lichen Wohles sein. Die Presse hat die Pflicht, all das zu veröffentlichen, was der Allgemeinheit schadet. Auch wir sind Richter. Wenn wir gegen einen Beamten vor- gehen, so ist das immer ein fauler, ein träger, ein un- fähiger, der Schaden statt Nutzen stiftet. Gegen Männer, wie Sie mein Herr, haben wir ganz und gar nichts. Wir wissen recht gut, daß mancher fähige Beamte auf einem unrechten Posten steht, daß er sich dadurch gedrückt fühlt und versauert. Uns macht es Freude, solche Männer aus Licht zu ziehen, sie zu fördern und zu unterstützen. Ihre Fähigkeiten, mein Herr, kennen wir. Wir werden nicht ermangeln, bei Gelegenheit auf Sie hinzuweisen. Und nun Gott befohlen, mein Herr!.. Der Ankläger entfernte sich freudigen Herzens. Nach einer halben Stunde erschien ein Bürger mit glattrasirtem, feuerrotheni Gesicht, angethan mit einem schönen, glänzenden Bratenrock. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und schwang ein Zeitungsblatt in seiner Rechten.„Ich komme, mich zu beschweren". sagte er.„Ich bin erboßt. Meine Tochter, die Sän- gerin, ist ein Engel. Und hier, in diesem Schandwisch ist sie als ein Ausbund hingestellt. Ich will den Schuft sehen, der das geschrieben hat! Her mit ihm! Ich breche ihm alle Knochen. Wo ist er?! In acht Tagen hei- rathet meine Tochter... Es ist eine Schande.. eine Schmach. Da!.. da... Mein Recht will ich haben". Der Drache griff gleichmüthig nach dem Blatte. „Beruhigen Sie sich, mein Lieber. Ja, das ist unser Btatt. Aber der Artikel ist nicht von unserem ständigen Berichterstatter. Ich kann Ihnen die Mittheilung machen. daß wir den Schreiber schon entlassen haben. Beruhigen Sie sich nur. Wir sind nicht allwissend. Die ungeheure Arbeit, die auf uns lastet! Wir sind hintergangen worden. Entschuldigen Sie nur. Wir wollen ja Alles thun, um Sie zufrieden zu stellen. Ihre Tochter heirathet, sagten Sie? Eine tüchtige Sängerin. Ihre Tochter, das muß man sagen. Wir werden bei dieser Gelegenheit Alles widerrufen. Wen heirathet sie denn?... Einen Baron?... Ah! Ich gratulire! Sehr schön! Da werden wir die Namen aller Hochzeitsgäste bringen, die Roben der Damen beschreiben. Lasse» Sie uns nur machen. Wir werden Ihnen Revanche geben. Verlassen Sie sich auf uns. Ich bitte nochmals um Entschuldigung. Es ist uns selbst unangenehm, sehr, sehr unangenehm.... Kann ich sonst noch mit etwas dienen, Herr Flaucher? Apropos, Ihre Butterkuchen sind allerliebst, ausgezeichnet. Meine Frau läßt nur bei Ihnen Butterkuchen holen. Aber, da fällt mir ein, warum machen Sie denn nicht mehr Reklame? Die Butterkuchen verdienen es. Sie würden ein Riesengeschäft machest mit den Butterkucheu. Heutzutage ist die Reklame alles. Alles, sage ich Ihnen Herr Flaucher. Unser Blatt steht Ihren Butterkuchen zur Verfügung. Wir sind Ihnen ja jetzt so verpflichtet. Ja? Versuchen Sie es einmal. Eine halbe Seite, eine Viertelseite?.." „Wenn es nicht zu viel kostet?" „Was heißt kosten? Das kommt ja alles wieder herein... Also abgemacht. „Ich werde Ihnen morgen unseren Administrator hinsenden. Die Nummer, in welcher die Verheirathung Ihres Fräulein Tochter angezeigt wird, geht Ihnen na- türlich in soviel Exemplaren zu, als Sie wünschen. Bitte nur, in der Administration vorzusprechen.... Habe die Ehre! War mir ein Vergnügen. Meine Em- pfehlung dem Herrn Baron.".. Um 11 Uhr klopfte es dreimal hintereinander, die Thür that sich auf, und es erschien der Bauer. Er drehte seinen Hut in seinen Händen hin und her und fragte:„Komm' ich hier recht zu dem Preßdrachen?" „Sie wünschen?" Der Mann ging an das Ungeheuer heran und be- trachtete es von oben bis unten.„Aha! Dös ist also der Drach, der Schuld ist. daß ma net genug Steuern zahlen können?! Na wart', Du Höllsacra, ich werd' Dich mit mein' Stecken ins Gebet nehme." „Halt!" schrie der Drache.„Ist das die Manier eines gebildeten Mannes? Weiß er nicht, was sich gehört, wenn man in ein fremdes Zimmer tritt? Ja, sperr er nur sein Maul auf. Haben wir ihm nicht die Schule verschafft? Eiu intelligenter Landwirth weiß sich immer zu helfen und— zu benehmen. Marsch hinaus mit ihm!.." Der vierte Streiter verzog sich und ward nicht mehr gesehen. Der fünfte fam. " Sie: Ja- gieb.( Er zieht den zerknitterten Brief] aus dem Papierkorb. Sie reißt ihn aus seinen Händen Gott sei Dant", rief der Drache, daß man endlich und liest:" Werther Herr Ephraim! Ich brauche absolut einmal wieder einen ordentlichen Menschen erblickt. Vier 10000 Fr. Ich weiß, wie viel ich Ihnen bereits schulde. Rülpse waren heute schon bei mir. Und denk' Dir nur, Aber wenn Sie mir nicht diesmal helfen, bin ich ein verwas die Kerle wollten! Rechenschaft forderten sie. Es lorener, ein gesellschaftlich ruinirter Mann.") ist zum Lachen. Die Menschheit wird immer brutaler." Er erhob sich und drückte seinen Bekannten, den Zeitungsschreiber, in seinen Polsterstuhl. Dann öffnete er einen Schrank und brachte eine Weinflasche mit Gläsern.„ Laß Dir's munden Bruderherz. Auf die Zukunft!" Der Zeitungsschreiber schnalzte mit der Zunge und sprach:„ Ihr scheint ja hier recht in der Wolle zu ſizen?" " Es thut sich, Freundchen." „ Ja, das ist alles recht schön und gut", begann der Zeitungsschreiber wieder, nachdem er nochmals getrunken. Aber ein bischen mehr Ehrlichkeit könnte Euch nichts schaden. Ihr nehmt ja von allen und Jedem." ,, Es riecht nicht, mein Junge." Schon gut. Dann seid Ihr aber doch die größten Heuchler, die es auf Erden giebt! So fann es nicht weiter gehen. Die ganze Welt steht noch auf gegen Euch. Ein Joch habt Ihr den Menschen aufgelegt, das härter ist denn Stahl, drückender als Schande. Du lachst? Gut! Ich muß Dir sagen, daß ich es nicht länger mit ansehe. Wenn keiner gegen Euch los geht, ich thue es!.." 11 Wenn Du kannst? Aber, Bester, warum er eiferst Du Dich? Ich weiß, Du schreibst einen schneidigen Stil, Deine Bilder sind prächtig. Willst Du mir nicht einen Gefallen thun? Wir zahlen unsere Leitartikler nicht schlecht, das weißt Du. Die blauen Scheine dort unter dem gläsernen Briefbeschwerer sind für Dich. Was meinst Du? Ich werde mich für kurze Zeit entfernen, dort in der Ecke stehen die Cigarren Adje! " Der fünfte Streiter fuhr mit der Feder ins Tintenfaß. Nach zwei Stunden hatte er einen ellenlangen Artikel vor sich liegen, der mit den Worten schloß " Die Korruption der Presse ist ein Märchen". Der Kreislauf des Geldes. Eine ökonomische Studie aus der Börsenwelt. Anläßlich der Aufführung des neuesten Dramas von Sudermann schreibt die„ Kreuzzeitung": Sie( ihn umarmend): Wie glücklich ich bin! Er( bitter): Worüber? Darum, daß ich 10000 Fr. brauche? Sie: Nein Schäfchen. Darüber, daß Du mich nicht hintergehst( den Brief nochmals betrachtend). Ist das Dein Freund, dieser Herr Ephraim? Er: Nein ein Wucherer. Sie: Wozu brauchst Du 10000 Fr.? Du hattest mir doch versprochen, keine Karte mehr anzurühren. Er: Auf der Börse auf der Börse habe ich verloren. Die Hausse in den Kupferwerthen Sie( nach einer Pause): Wird Dir Ephraim die 10 000 Fr. leihen? die Er: Ich glaube nein. -Sie: Warum hast Du denn an ihn geschrieben? Er: Weil er schließlich doch die einzige Person ist, mir diese Summe leihen kann. schön Sie( traurig): Armand, das ist nicht wie häßlich bin ich nicht da? Ich brauche meinem Gatten ja bloß ein Wort zu sagen Sie( mit den Zähnen knirschend und ihm das Geld gebend): Ich wünsch' Dir den Tod! Er( erhebt sich, nachdem er das Geld eingesteckt): Adieu, ich gehe los! Sie( empört): Schon! Ha! Oh! Das ist ja unmöglich. Du hast doch wohl noch 5 Minuten Zeit! Er( fehrt um): Wenn Du willst aber nicht eine Sekunde länger. ( Sie gehen ins Nebenzimmer.) Am Abend des nämlichen Tages. ( Bei Zabulons. Herr Zabulon allein.) Er( an seinem Schreibtisch abrechnend): Passiva: 10 000 Frcs., welche ich meiner Frau gegeben. Aktiva: 10 000 Frcs., welche eben ein verrückter Friseur bei mir hinterlegt hat und die ich in mein neuestes Aftienunternehmen: " Den Tunnel quer durch den Atlantischen Ocean" versenten werde. Gewinn und Verlust balanziren. Tagesgewinn Null. Es geht! ( Er geht in's Schlafzimmer.) Freie Volksbühne.*) Zweite Aufführung. Am vorigen Sonntag fand im Ostend- Theater die zweite Aufführung für die erste Abtheilung des Vereins Er( den Kopf senkend): Dein Geld! Das Geld" Freie Voltsbühne" statt. Gegeben wurde das soziale einer Frau, oh!( nach einer Pause) Ich bin sehr elend. Drama" Vor Sonnenaufgang" von Gerhart Hauptmann. Sie: Weine nicht, Liebchen. Das ist im Hand- Die Vorstellung erzielte einen vollen, ungetheilten Erfolg, umdrehen gemacht. Seit einiger Zeit schlägt mir mein zumal nach dem zweiten und vierten Akt kam derselbe Mann nichts mehr ab. Sein Bankhaus gewinnt Gel- aus vollem Herzen. häuserhoch. der Hiernach sollte man meinen, die Frage, ob sich wird mir in der Hand brennen. Er( sehr traurig): Das Geld des Herrn Zabulon unser junger konsequenter" Bühnennaturalismus, also Hauptmann, Strindberg, Holz und Schlaf, für das Publikum der freien Volksbühne" eigne, sei durch die That, durch diesen großen, lauten Erfolg in bejahendem Sie: Mein Armand! Sinne beantwortet. Er( niedergeschlagen): was Geld Deines Gatten. Sie( im Triumphgefühl, soeben ein durchschlagendes Argument entdeckt zu haben): Es ist nicht sein Geld, Ich will vorweg gestehen, daß ich zu denen gehört Armand. Er hat nur als Baissier gewonnen, was Du habe, welche, zumal nach dem erfreulichen Resultate der als Haussier bei diesen verwünschten Kupfersachen ver- ersten Aufführung der„ Stüßen der Gesellschaft" von lorst. Nur was Du verloren, wird er jetzt durch meine Ibsen, gehofft haben, es würde jene bejahende Antwort Hände Dir zurückerstatten. Ja, es ist ein Aft der gegeben werden. In dieser Hoffnung fühle ich mich jetzt Wiedererstattung. getäuscht, zu mindesten scheint mir die erwähnte Frage Sie: Ja -Er( erhebt sich und füßt sie): Du bist ein Engel! auch jetzt noch eine offene zu sein. Sie( strahlend): Ah, endlich ein leises Lächeln eine Folge seiner Vorzüge, sondern Der Erfolg des Hauptmannschen Dramas war nicht seiner Mängel „ Den Nagel auf den Kopf trifft das„ Berliner unter diesem niedlichen blonden Schnurrbart. Volksblatt", wenn es den Applaus, welchen„ Sodoms Er: Ein Engel, sage ich!( Nachdem er sie lange und seiner schlechten Darstellung. Ende" im Lessing- Theater seitens der Berliner Bourgeküßt hat): Du hast doch die Entreethür gut zugemacht? Das ist die grobe Wahrheit. Nicht die entzückende geoisie fand, mit dem Beifall vergleicht, den 1784 der jawohl jawohl( auf seine Kniee französische Adel Beaumarchais" Figaro" spendete. springend). Und weißt Du, Schatz, heute bin ich bis Von dieser Gesellschaft gilt wahrlich das Wort: 7 Uhr frei. " Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie." Sie fühlen sich in ihrer ganzen Hohlheit und Nichtswürdigkeit, in ihrer geistigen und sittlichen Misère treffend cha rakterisirt und karrifirt, und dazu jubeln sie noch." Einen Tag später, bei Frl. Paquita, Rue de Prony. Armand und Paquita sigen nach dem Diner auf dem Sopha des Salons. Armand hat Paquita umfaßt und ist beschäftigt, ihr allerhand Kosenamen zu geben.) Sie sich losmachend): Nein, Du weißt Kleiner, so etwas giebt es nicht. Und in der That, Niemand schreibt giftigere Satiren auf die Bourgeoisie und ergößt sich lieber daran als sie jelber. Die Pariser Boulevardpresse mit ihren grotesken Frivolitäten bietet vielleicht das klassischste Beispiel für vieie frankhafte Sucht der goldenen Schmuggesellschaft, daß sich zu bespiegeln und ihre farrifirten Spiegelbilder mit wig, behaglichstem Vergnügen zu bewundern. für Er( versuchend, sie zurückzuhalten): Aber sieh doch Sie: Hier giebt es nichts zu sehn. Du weist doch, ich nicht so zu haben bin. Du kannst Octave, LudLeopold und alle Deine Freunde darnach fragen. Er: Donnerwetter, bist Du aber praktisch. Sie: Glaubst Du etwa, daß man die Schneiderinnen Modistinnen mit schönen Worten bezahlt! Er: Wohlan, ich verspreche Dir Sie: Versprechungen! Was ich mir dafür kaufe, Versprechungen! Er( beiseit): Mein Gott! Ach Feinheit der dichterischen Detailmalerei, die erschütternde Wahrhaftigkeit der Konzeption, nicht die" Fruchtbarkeit des psychologischen Chaos" wirkten und wurden genossen, die sozialistischen, revolutionären Tiraden des Herrn Hagemann als Alfred Loth, die Häufung des Drastischen im Stück- das waren die Zugmittel, das machte den Erfolg. Das übrige that dann die Liebe zur Sache", „ das Parteiinteresse", die Disziplin, welche unsere Arbeiter auch im Theater nicht verläßt. Der gezollte Applaus war ein naturalistisches Kunstwerk an sich. " 1 Es wäre natürlich mehr als thöricht, wollte man dem Publikum daraus, daß es um es furz zu sagen dieses Stück nicht verstanden hat, irgend einen Vorwurf machen. Ich glaube, es giebt für das naturalistische Kunstwerk dieser Arbeit überhaupt noch kein Publikum, Die folgenden Szenen, die wir freilich in schulwenigstens hat sich das Bourgeoispublifum bisher weder digem Respekt vor der deutschen Polizei ein wenig ge- und in der Freien Bühne" noch im„ Belle- Alliance- Theater" mildert unseren Lesern vorseßen wollen, sind dem Diesem Stücke gegenüber verständiger gezeigt. Im Gegen„ Vie Parisienne", einer ausschließlich auf„ Welt und Halbtheil, wenn der Dichter zu wählen hätte, würde er das welt" berechneten Pariser Boulevardzeitung, entnommen. naive Publikum der Freien Volksbühne gewiß jener Horde Sie sind in doppelter Beziehung interessant, denn sie charak wie sie einen bornirter Besserwisser. welche über ihn mit einem ideaterisiren ganz vortrefflich den skeptischen Cynismus des nimmt! Ich kann nicht, ich kapitulire.( Laut:) Also listischen" Schlagwort aburtheilen zu können glaubten, Publikums, für welches solche Blätter arbeiten, und 500 Louisdor brauchst Du? stellen gleichzeitig die blutigste Satire dar, die auf die noch vorziehen. Das erstere war wenigstens mit Ernst Sie: Das hab' ich Dir doch schon einmal gesagt. bei der Sache und trat ohne dumme Vorurtheile an Börsenwelt geschrieben werden kann. Ausbeutung und Meinst Du, ich bin ein Weib, mit dem Du handeln dieselbe heran. tein Ende! Aber am Schlusse triumphirt der große fannst. Börsenjobber über all die kleinen Polypen; Die gnädige Er( nachdem er die 10 000 Frcs. aus der Tasche Ansicht des Herrn zuneige, welcher in Nr. 44 dieses Aber ich muß sagen, daß ich mich doch sehr der Frau, der Liebhaber, die Kokotte, der Friseur, all die gezogen und sie Paquita gegeben, welche sich die Finger Blattes den Artikel„ Die Arbeiter und die Kunst" einGelegenheitsdiebe verlieren ihr erjagtes Geld im Augenblick. naßmacht und die Scheine einzeln nachzählt, bei Seite): gesandt hat und der da sagt: Er allein, der große Mann, versteht sich wahrhaft aufs Daß ich, ich einem Weib 10 000 Frcs. rausrücken muß gesandt hat und der da sagt: ,, Soweit ich die Versammlungsberichte der Freien Stehlen und weiß seine Louisdors mit unfehlbarer Kunst Paquita( nachdem sie zu Ende gezählt): Du bist Volksbühne" habe verfolgen können, ist es denn auch wieder zurückzuerobern. Doch geben wir dem Dichter doch eigentlich sehr schneidig, Du. Man hatte mir gesagt, nicht das rein Künstlerische, was auf das Publikum anDu hättest keinen Pfennig mehr. Darum wollt ich auch die Probe anstellen;( nachdem sie das Geld in einer ziehend wirkte, sondern der rohe Stoff. Schublade verwahrt) Du weißt, mein Kleiner, daß ich heute nur eine halbe Stunde für Dich übrig habe. ( Sie gehen ins Nebenzimmer.) der Börje das Wort: ( In den Champs- Elysees in Paris. Barterrewohnung eines jungen Mannes. 4 Uhr Nachmittag.) („ Sie" ist mit ihrem Schlüssel eingetreten und beunruhigt bis in den Salon gegangen. Warum hat er nicht wie sonst das Geräusch der Schlüssels gehört und fie gleich hinter der Thüre erwartet? Athemlos öffnet sie die Thür des Arbeitszimmers. Er sigt tief in Gedanken über einem Briefe, erhebt bei dem Geräusche seinen Kopf, scheint verwirrt, ergreift den Brief, ballt ihn wüthend zusammen, als wäre er ( Bei Noch einen Tag später. *) Wir bringen diese Ausführungen, obgleich wir persönlich einen durchaus anderen Eindruck von der Vorstellung gewonnen haben. Uns schien die Haltung des Publikums im ganzen vortrefflich. Daß hier und da Heiterkeit durchbrach, wo der Dichter lieber gespannten Ernst gesehen hätte, ist nur natürlich. Wir sind Bühne zu sehen. Mischt der Dichter solche kleine Natürlichkeiten seiner Darstellung bei, so entsteht ein prickelndes Gefühl der Ueber mit welcher man die Liebesscene aufnahm, ist mir z. B. kein Beraschung, das sich gerne im Lachen Luft macht. Die Heiterkeit, Kundschaft! Alle Kutscher aus der Umgegend! gut Stück Komit in ihr und was die Tendenz betrifft, so weiß Sie: Ich habe Dir schon in diesem Halbjahr Gelegenheit reservirter verhalten konnte. Ist etwa Loth's Rede ich taum, wie ein sozialdemokratisches Publikum sich bei solcher 7000 Fres. gegeben, weil Du Papiere gekauft und durch Beifallflatschen unterbrochen, tiß man ihn aus dem Kreise immer verloren hast. demselben Frl. Paquita im Boudoir. Sie ist mit dem Friseur, eben gewohnt, gewisse Dinge nur im Leben und nicht auf der der ihr das Haar zu machen hat, allein.) Sie: 10 000 Frcs.! Bist Du verrückt? Er: Ja, ich brauche das, um einen fleinen Friseur auf einer Wechselfälschung ertappt, und wirft ihn in den laden in der Rue des Sausfoies zu kaufen. Famose weis, daß man diefelbe falsch verstanden. Es liegt thatsächlich ein Papierforb.) Sie: Was thust Du da? Er: Nichts nichts. Sie: An wen schreibst Du? Er: Anan Niemand. Sie: Armand pfui Armand!( Sie nimmt den Schleier ab und macht ein furchtbares Scheidungsgesicht. Dann tritt sie auf den Papierkorb zu. Armand hält sie sanft am Arme zurück.) Er: Laß das, ich bitte Dich. Sie: Du schriebst an eine Frau! Er: Nein ich schwöre es Dir. Sie: Nun, so laß mich doch den Brief nehmen. Er( traurig): Du willst es- Du bestehst darauf. Du als Er( schmollend): Das Leben ist so theuer in Paris. Sie: Und Du machst Dich noch lustig! Wart'! sollst sie nicht kriegen diese 10 000 Frcs.( Sie thut, ob sie fort will.) Er( mit den Achseln zuckend): Vorwärts, na hol sie mal, und ein bischen plößlicher.( Sie giebt nach, zieht die Schublade auf und nimmt daraus die 10 000 Franks, die ihr Armand gegeben.) Siehst Du, meine Kleine, wenn man mal in einen Mann verschossen ist, so hilft es nichts, mit ihm lange zu fackeln. des übrigen Stückes heraus, um ihm zuzujubeln? Ich habe davon nichts bemerkt. Was meiner Meinung nach gefehlt hat, war das Bewußtsein des langsam heraufschwebenden tragischen Konfliktes, die ahnungsvolle Spannnng. Aber dieser Konflikt, Loth's Entschluß, Helene wegen alkoholischer Bedenken nicht zu heirathen, ist auch der schwächste Theil in diesem guten Stücke, und liegt vor und die Aufführung sehr wenig gethan, um für diesen Konflikt im allem dem Arbeiter ganz fern. Auch hat der Dichter nicht zu viel voraus die rechte Stimmung zu machen. Natürlich ist alles dies meine individuelle Meinung, es würde mich aber freuen, wenn obige Stritit und diese polemischen Zeilen für einen Arbeiter, einen über den eigenen Eindruck zu äußern und zu sagen, wie seiner rechten Vertreter unseres Publikums Anlaß geben würden, sich Meinung nach das Hauptmann'sche Stück auf unsere Leute gewirkt hat. Der Genuß am Stoff ist ja überall das Surrogat für den fünstlerischen Genuß. Und es ist ein Selbstbetrug, wenn man sich da etwas vormacht." Aus der alten guten Zeit. Gewerkschaftliches. Ein geschickter Arbeiter tann täglich durchschnittlich 500 Cigarren rollen, die Maschine aber fabrizirt 2000 derselben( füllen und Besonders wirksam, so schreibt die Frankf.- 8tg." in ihrer Kritik rollen) in 10 Stunden. Welchen Einfluß die Anwendung dieser des neuesten von Reinach, dem Herausgeber der Republique fran- mechanischen Kräfte auf die Produktion hat, liegt auf der Hand. Und wenn es wenigstens noch der Stoff gewesen caise, veröffentlichten Studienbuches ist die Schilderung des Ab- Tausende von Arbeitern werden überflüssig, werden brodlos, und wäre, aber ich fürchte, es ist noch weniger: es ist die solutismus, den die deutschen Fürsten dem Sonnentönig nach das wird so lange dauern, bis die Arbeiter sich ermannen und fich Tendenz und lediglich diese, welche die großen Theater- machten. Der Verfasser wählt als Beispiel den Hof des bayerischen selbst auf irgend eine Weise zu Herren der Maschine machen. wirkungen hervorrief. Und das ist doch traurig zu land verkaufte, um die Mittel zur Fortseßung seines verschwenderischen Churfürsten, der seine Soldaten zu 28 fl. per Mann an das Ausdenken, daß gerade die paar sozialistischen Tiraden, Treibens zu bekommen. Die Bauern waren der Willkür der welche so wie sie dem Alfred Loth in den Mund gelegt Steuererheber preisgegeben, und da sie auf keine Gerechtigkeit Verein zur Wahrung der Interessen der Schuhmacher. sind, zweifellos zu den Schwächen, den Mängeln des hoffen konnten, so ließen sie ihre Felder brach liegen. Das Blut General- Versammlung am Montag, den 17. November bei FeuerHauptmannschen Dramas gehören, daß gerade dieſe, die floß in Strömen; in München wurde das Schaffot nicht mehr ab- ſtein. Alte Jakobstraße 75. Tages- Ordnung; 1." Abrechnung. noch dazu in grundverkehrter Weise vom Schauspieler Hausen 1100 Personen hingerichtet. Die Landstraßen waren mit gleichsam zum Fenster hinaus" geredet wurden, die Galgen garnirt, und ein Reisender rief aus:„ Man sieht in Bayern der Metallarbeiter( E. H. 29 u. 89, Hamburg). Filiale Ber Allgemeine, sowie Zentralkranken- und Sterbekasse eigentlich zündende Wirkung thaten. Daß ferner die nur noch Gehängte und Jesuiten!" Die Lezteren stellten Cassini, lin 3. Versammlung am Montag, den 17. November, Abends drastischen Stellen des Stückes, deren Häufung sicherlich Baris und Wien messen sollte, als Abgesandten des Teufels hin; bericht. 2. Vortrag des Herrn Dr. Strauß. 3. Stellungnah ne dər im Auftrag der französischen Regierung den Meridian zwischen 8½ Uhr, im Lokale Manteuffelstr. 90. Tages- Ordnung: 1. Kassenauch als unkünstlerisch bezeichnet werden muß, in einer sie stellten Kant's Werke an den Pranger und vertrieben die MitWeise wirkten, wie sie der Dichter sich auch kaum uner- glieder der wissenschaftlichen Aademie aus München. Während 5. Verschieden 3. Wegen der hochwichtigen Tages- Ordnung ist es zur Krankenkassengesez- Novelle. 4. Bericht vom letzten Vergnügen. wünschter denken fann nämlich erheiternd. das Volk vor Hunger dahinstarb, schwelgte der Churfürst in den Ueber den Morgens besoffen aus der Schenke tau- scheußlichsten Orgien. Bei einer einzigen Mahlzeit wurden vier- Pflicht eines jeden Mitgliedes, in dieser Versammlung pünktlich hundert Gerichte aufgetragen. Ein Better des Churfürsten, der mit zu erscheinen. melnden Bauer Krause amüsirte sich das Publikum, feinem Koch unzufrieden war, ließ diesen in sein Kabinet tommen nicht viel anders, als wenn irgend ein urkomischer Bendix und sich entkleiden, dann goß er Branntwein über ihn hund zünden Besoffenen tragirt. Der alte Krause hätte eben nur dete ihn an noch ein Couplet zu singen brauchen. Produktion und Technik. Da waren freilich die„ Stüßen der Gesellschaft" ein weit passenderes Stück! Da war vor Allem, und das Im preußischen Bergwerksbetriebe famen im Jahre ist nicht zu unterschäßen, Spannung, dramatische 1889 bei einer Gesammtzahl von 317 082 beschäftigten Arbeitern Spannung im guten, alten Sinne. Die schlug die Hörer 712 Berunglüdungen mit tödtlichem Ausgange vor. Der Durch in ihren Bann, riß sie mit sich fort und ließ ihnen schnitt der Anglücksfälle mit tödtlichem Ausgange betrug: feine Zeit, ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse an in dem Jahrzehnt 1841 bis 1850: 1680 per Tausend. mehr oder weniger raffinirte Einzelheiten zu verzetteln. Das immanente, alle Glieder der Handlung durchdringende und erfüllende Pathos wirkte wenigstens nicht als nackte, unorganisch heraustretende Tendenz, sondern fügte sich unmittelbar in den Genuß des Ganzen, ging unbewußt in das Gefühlsleben der Genießenden über. " " " 1 " " 1851 1861 1867 " " 1860: 1910 1866: 2167 1889: 2473 " 1 " " " 1 11 " 17 den Jahren Man sieht," die Quote der Unfälle ist im Steigen begriffen, schafft und je tiefer die Schächte werden. Tödtliche Explosionen weil eben die Gefährlichkeit des Betriebs wächst, je intensiver getamen 1887: 18, 1888: 19, 1889 dagegen 26 vor. Auch jene Gewerbe, die bis jetzt noch keinen eigentlichen Darum fomme ich auf das zurück, was ich in einem großindustriellen Charakter nngenommen haben und bei denen zwar vorigen Artikel aussprach: Ibsen, der Ibsen bis zur eine weitgehende Arbeitstheilung, aber noch feine oder doch nur Wildente" ist der geborene Dichter für dieses Publifum eine schwache Anwendung von Maschinen vorhanden ist, nähern aber nicht der„ konsequente" Naturalist, welcher sich sich nach und nach mehr der Höhe der ökonomischen Entwickelung. Diese Gewerbe sind noch nicht beim Großbetriebe angelangt und an eine ganz kleine, ganz auserlesene Minorität von repräsentiren noch die Manufakturperiode der Industrie. So macht Fachgenossen wendet, für diese und mit diesen Zukunfts- neuerlich in den Vereinigten Staaten" die Seßmaschine der Handmusik betreibend. Die Kunst als Selbstzweckbleibt arbeit der Typographen Konkurrenz und in der Tabalindustrie ist Kaviar. Otto Erich Hartleben. fürzlich eine Maschine erfunden worden, die zum Füllen und Rollen von Cigarren angewandt werden kann. Der Erfinder dieser Maschine behauptet, daß bei Anwendung derselben 14 000 Arbeiter die Arbeit von 58 000 gelernten Cigarrenmachern verrichten können. Achtung Metallarbeiter! Sonnabend, den 15. November, in der Brauerei Friedrichshain( früher Lips): 1. großes Stiftungsfest des Allgem. Metallarbeiter- Vereins Berlins und Umgegend, unter Mitwirkung mehrerer Gesangvereine. Die Ballmusik wird von der 20 Mann starten Kapelle des Musik- Direktors Herrn Schonert ausgeführt. Prolog. Feftrede, gehalten vom Vertrauensmann der Metallarbeiter Deutschlands Herrn Martin Segitz aus Fürth in Bayern. Um 12 Uhr: Große humoristische Polonaise, verbunden mit Bonbonregen. Eröffnung 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. Entree für Herren 50 Pf., Damen 30 Pf. Hierzu find sämmtliche Metallarbeiter, welche als Delegirte zur Gewerkschafts- Konferenz geschickt werden, eingeladen. Zur gefälligen Beachtung: Der Saal ist gut gebohnt! Das Vergnügungs- Komitee. J. A.: P. Hetz, Dieffenbachstr. 37, Settenflügel 2 Tr. Achtung! Metallarbeiter! Den Mitgliedern des Allgemeinen Metallarbeiter- Vereins Berlins und Umgegend zur Nachricht, daß vom Montag, den 17. November ab die Bibliothek von Schmidt, Ritterstraße 112 nach Adalberthstraße 16 pt. bei Werschke verlegt wird. Die Bibliothek- Kommission. Der Arbeits- Nachweis der J. A.: R. Wegner, Dranien Straße 23 a. Klavier- Arbeiter befindet sich jezt Naunynstr. 78, im Restaurant Winker. Die Adressen- Ausgabe findet jeden Abend von 8-9% Uhr u. Sonntags Vormittags von 10-11, Uhr an Mitglieder wie an Nichtmitglieder unentgeltlich statt. Die Arbeitsvermittlungs- Kommission. Parteigenossen! Unterzeichneter hat sich an den lezten Wahlen agitatorisch start betheiligt und ist in Folge dessen seitens der Gegner ge= maßregelt worden, so daß er derartig in Noth gerieth, daß er kaum mehr das liebe Brod hatte. Um nicht das Feld räumen zu müssen, habe ich den Verkauf von Prämienloose übernommen und bitte die Parteigenossen allerorts bei Bedarf solche Loose von mir entnehmen zu wollen. Fr. Schmidt, Sagard a. Rügen. Prospekte versende gegen 10 Pf.- Marke. Kranzbinderei un. Blumenhandlg. von J. Meyer Nr. 1, Wiener Straße Nr. 1, ( in der Ecke bei der Manteuffelstraße). Kranken- und Begräbnißkasse der Berliner Gürtler und Bronzeure( E. H. Nr. 60). Außerordentliche General- Versammlung am Sonntag, den 9. November, Vorm. 10 Uhr, in den Zentral- Festsälen, Oranienstraße 181. Tages- Ordnung: 1. Rechnungslegung. 2. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimirt. An die Drechsler Deutschlands und Oesterreichs! Kollegen! Arbeiter! Nachdem schon seit langer Zeit Versuche zur Besserung unserer Lage fruchtlos geblieben waren, sehen wir uns nicht nur für lange Zeit unmöglich machen würde, eine Besser nun durch eine unverschämte Forderung der Unternehmer, die es stellung zu erringen, sondern die uns sogar unter das Niveau unserer jezigen Lebenshaltung herabzudrücken sucht, gezwungen, den Streit als legte Waffe gegen die Profitwuth unserer Lohn Herren anzuwenden. Euch die Sachlage dar: Zur Beurtheilung der Richtigkeit unseres Vorgehens legen wir Durchschnittslohn von 15,92 Mark in der Woche. Die Unternehmer Wir hatten bis jetzt bei einem neunstündigen Arbeitstag einen sind nun mit einem Lohnabzug von 20 pCt. an uns herangetreten. Der Durchschnittslohn würde also auf 12,54 Mark fallen. Arbeiter, Kollegen, Ihr werdet uns nach Kenntniß dieser Sachlage nicht den Vorwurf eines frivolen" Streifs machen tönnen. Ihr werdet uns nicht vorwerfen tönnen, daß wir Eure Hilfe ohne die dringendste Nothwendigkeit in Anspruch nehmen. Unterstüßt uns und vor Allem haltet den Zuzug neuer Arbeiter fern! Im Vertrauen auf Euer Solidaritätsgefühl Die Knopfdrechsler Braunschweigs. Sendungen sind zu richten an Ernst Heder, Braunschweig, Königsstieg 2, Anfragen an Hermann Reibetanz, Braunschweig, Scharrnstraße 12. Alle Arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Soeben erschien im Verlage von Ernst Kunze, Berlin N., Rheinsbergerstraße 20: Ursprung und Lage der ländlichen Arbeiter. Bon Julius Türk. Broschirt. 58 Seiten. Preis 30 Pfg. Wiederverkäufer und Vereine erhalten Rabatt. Die seit 1877 bestehende, weltbekannte Uhrenfabrik von MAX BUSSE 157. Invaliden- Strasse 157, neben der Markthalle, verkauft jetzt sämmtliche Uhren zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Für jede Uhr wird reelle Garantie geleistet. Grosse Abschlüsse mit Pforzheimer und Hanauer Fabrikanten ermöglichen derselben Firma den Verkauf von Gold-, Silber-, Granaten- und Korallenwaaren zu fabelhaft billigen Preisen. Spezialität: Ringe. Reparaturen an Uhren und Goldsachen werden auf das Gewissenhafteste ausgeführt. Berliner Arbeiter- Bibliothek. 2. Serie. Sammlung Sozialpolitischer Flugschriften. Soeben erschien Heft 7: Preußische Volksschulzustände. Ein Wort an das Volk und seine Lehrer. Von Hans Müller- Zürich. 48 Seiten. Preis 20 Pfg. Die Schrift bietet auf Grund reichhaltiger geschichtlicher und statistischer Mittheilungen eine vernichtende Schilderung der Verwahrlofung des Volksunterrichts und der Behandlung der Volksschullehrer in Preußen. Die Schrift eignet sich besonders für Vereine zur Massenverbreitung. Jedes Heft der Berliner Arbeiter- Bibliothek" ist einzeln zu beziehen. Die Preise sind niedriger gestellt wie bei allen anderen Unternehmungen. Bestellungen richte man an die befannten Kolporteure oder an die Expedition der„ Berliner Arbeiter- Bibliothek." Berlin SO., Elisabeth- Ufer 55. Kolporteure gesucht und gebeten, sich an die Expedition zu wenden. Hoher Rabatt. Empfehle den Genossen mein neu eröffnetes Guirlanden 15 Pfg. pro Meter. Weiß- u. Bayrisch- Bier- Lokal. Doppelbügelige Lorbeerfränze von 50 Pf. an. Topfpflanzen, Bouquets 2c. gut u. billig. Fernsprecher, Amt IX, 9482. Frühstück-, Mittag- u. Abendtisch. Emil Berndt, Elisabeth- Ufer 51. Allen Männern der Arbeit empfehle eine gute Weiße sowie einen fräftigen Frühstückstisch. W. Haugk, Boechstr. 12. Brillenreiniger! Einfach, praktisch und elegant, versendet franko gegen Einsendung von Mt. 1,-; 1,50 oder 2, in Briefmarken Alois J. Zürcher. St. Gallen( Schweiz). Am 1. Oktober begann der 4. Jahrgang der Wiener Mode Jährlich: 24 Hefte, 48 kolorirte Modebilder, 12 Schnittmusterbogen. fl. 1,50 Schnitte nach Maß gratis. 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Kein Zagen tritt an sie heran, Was ihnen träumt, scheint ihnen wahr: Bergessen dieser Schatten Bann, Fern die Gefahr. Doch die vom Fels im Sternenstrahl Gen Lsten wenden ihr Gesicht, Sie fühlen dieses Dunkels Qual, Sie träumen nicht. Die großen Augen, hoffnungskühn, Erfleh'n die Stunde, da es tagt— Die großen Augen bangend glüh'n Durch tiefe Nacht. Und ihre Schwerter, blank und klar, Funkeln im Sternenlicht— Sie kennen dieser Nacht Gefahr, Sie träumen nicht! Erwacht vom Traume bin auch ich Und schäme mich der langen Ruh: Ob manches schöne Bild entwich— Noch leuchtest du: Du Hoffnung einer lichtren Welt, Du Sternbild, das im Osten flammt Und jedes Menschen Herz erhellt, Das gottentstammt! Otto Erich. // I Scemn aus Arohg's„Albertine sAus dem Norwegischen überseht von E. Wetter.)�) Es war acht Tage später. Die Uhr schlug einen heiseren Schlag hinter der blaugemalten Wand. Der Frühjahrsmantel war fertig. Aber es war ein kurzes Sommerjacket daraus geworden. Ganz, ganz kleine schwarze Carreaux auf dem hellgrauen Grunde— eine kleine Brusttasche auf der linken Seite und ein kleiner dunkelgrüner Seidenlappen darauf, gleich einem Taschentuch. Er war bereits seit mehreren Tagen fertig und sie war mit ihm jeden Tag auf Karl-Johann zur Musik spazieren gegangen und hatte ihm begegnet, der seine buntgestreiften Hosen an hatte und sehr elegant war, und er hatte sie tief gegrüßt, selbst eines Tages, als er mit dem hübschen Fräulein Möller zusammenging, aber da hatte er sie nicht so tief wie sonst gegrüßt. Albertine hatte drei Briefe von ihm bekommen— an Fräulein Albertine Kristiansen, Nordstadtgasse Nr. 7 — und sie konnte sie auswendig; das erste Mal hatte er geschrieben„liebes Fräulein Albertine" und sie ge- beten ihn des Abends unten an der Festung zu treffen, und da hatte er sie wieder geküßt— zwei Mal— ein Mal auf der Festung und ein Mal unten im Börsen- garten, als er sie nach Hause begleitete, und am Tage darauf hatte er geschrieben„liebe Albertine, willst Du mich treffen?" und da hatte er sie wohl fünf Mal ge küßt— und hübsch und vernünftig mit ihr gesprochen und sie gebeten vorsichtig zu sein— recht vorsichtig. Er ermahnte sie beständig. Es schien ihr, daß er der liebenswürdigste Herr in der ganzen Stadt sein müßte, wie er der hübscheste und feinste war. Aber ein Umstand war da, über den sie sich wunderte und was ihr nicht richtig vorkam. Wenn er sonst so furchtbar fein war und so einen Geschmack hatte, warum hatte er geflickte Stiefeln an mit schiefen Absätzen? Sie hatte es gesehen, wenn er die Beine über Kreuz schlug, wenn sie drunten am Festungswall auf der Bank saßen. Sie hatte immer geglaubt, daß es das ordinärste von Allem wäre, keine hübschen Schuhe anzuhaben— denn das war gleich als wenn man glaubte, es wäre für die Leute schwieriger zu sehen, und sie hatte sehr viel darüber nachgedacht, denn sie dachte fortwährend an den 17. Mai und an jedes Wort, das er gesagt hatte.„Sie" und„Ihnen" hatte sie noch ein paar Mal verwechselt— aber sie hatte es bemerkt— übrigens nicht zu ihm, natürlicherweise— sondern zu Olsa, als sie beim Geburtstagskaffee drinnen gewesen war. Nein, wenn sie mit ihm zusammen war, konnte ihr das nicht Passiren; es war gleich, als wenn sie auch feiner wurde, nur davon, daß sie mit ihm zu- sammen war und sie lernte immer etwas Neues. Eines Abends waren sie im Viktoriatheater gewesen und da hatte er zu ihr gesagt, daß sie nicht mit dem Messer essen müßte, sondern mit der Gabel— ja natürlich! und sie konnte auch nicht verstehen, daß sie früher so was hatte thun können— denn nun begriff sie, daß es sehr einfach war nnd es kam ihr sehr häßlich vor, wenn sie Mittags die Alte das Messer nehmen sah und damit bis zum Schaft in den Mund hineinfahren, und ♦) Als Buch erschienen bei Grimm in Budapest. Oline that es auch— sie war eines Tages in der Nordstadtgasse— das war übrigens sonderbar, da sie doch ihrer Zeit so viel mit seinen Herren zusammen ge wesen war. Ja, sie wollte gern eine Menge solcher Dinge lernen, und jedes Mal lernte sie etwas Neues, und er sagte, sie wäre sehr gelehrig und könnte in einiger Zeit ebenso gut werden wie irgend eine feine Dame der Stadt — denn es gäbe sehr viele, die nicht so fein wären, wie sie aussehen. Aber heute wollte sie ihm sagen, daß sie es recht sonderbar fände, daß er mit geflickten Sohlen und schiefen Absätzen ginge, denn das wäre nun gerade auch nicht fein, und wenn er sonst in Allem so fein war— das letzte Mal war sie schon im Begriff gewesen, ihn zu fragen, ob es vielleicht modern wäre, aber sie hatte es nicht gewagt: aber nun kannte sie ihn ja besser. Die Uhr schlug hinter der Wand. Eins, zwei, drei, vier, fünf— Na!— noch zwei und eine halbe Stunde. Sie dachte übrigens jetzt in letzter Zeit viel weniger an seine Stiefeln als im Anfang— es war gleichsam, als wenn das nun nichts mehr machte;— es war, als wenn es weit weniger ordinär war, nur weil er es that Heute Abend wollte sie ihm auch sagen, daß sie ihn be logen hatte und daß sie wirklich die Schwester der Oline Kristiansen war— denn sie wollte ihn nicht belügen jedenfalls nicht so sehr— sie wollte ihn gar nicht be lügen; nach und nach wollte sie ihm Alles erzählen Alles— vielleicht kam es noch einmal dahin, daß sie ihn genau genug kannte, um ihn über das mit Oline befragen zu können und wie es sich mit alle dem da verhielt—' denn er war so klug und kannte alles in der Welt und sie genirte sich weniger vor ihm, als selbst vor Jossa.— Mit Jossa wollte sie niemals mehr zusammen sein, wenn es ihr auch unangenehm war, denn sie hatte die Jossa gern. Jossa war nur leichtsinnig— die Arme — aber sie hatte ihr geradezu gesagt, warum sie mit ihr nicht mehr zusammen sein konnte, und Jossa hatte begriffen, daß das richtig war, und nur gebeten, zu ihr nach Hause kommen zu dürfen, wenn Albertine nicht mit ihr auf der Straße gehen wollte. Uebrigens dachte sie jetzt auch nicht mehr so viel an alles das mit Oline, wie sie es früher gethan hatte. Sie dachte nur an das, was er gesagt hatte und wie er aussah und was er sie gelehrt hatte, und übte sich darin. während sie saß und nähte. Er wollte, daß sie schneidern lernen sollte, hatte er gesagt, und wollte sehen, ob er nicht e?ue Gelegenheit für sie dazu ermitteln könnte— oder etwas Anderes, wobei sie viel Geld verdienen könnte, so daß sie unab Hüngig würde. Er war so merkwürdig gut, denn je mehr sie verstand, desto besser konnte sie allen Gefahren Widerstand leisten und desto leichter war es für sie, sich gut zu verheirathen. Sie hatte niemals geglaubt, daß es feine Heeren gab, die so freundlich und anständig waren. Nein, nun mußte sie recht mit aller Kraft nähen, daß sie mit diesem Lumpenkleide fertig würde und nicht zu spät käme.— Uebrigens war das nicht das Schwie- rigste, sondern sie mußte sich immer große Mühe geben nicht zu früh zu kommen, denn das war, wie sie wußte nicht fein; es war immer der He*, der der Erste am Fleck sein mußte. Ja— er war ein guter Freund und sie wünschte, daß es ihm recht gut in der Welt gehen möchte. Aber Fräulein Möller konnte sie gar nicht leiden— ja sie war ja fein und reich genug— nicht deshalb— aber sie glaubte nicht, daß dieselbe gut genug für ihn w?r. Und so furchtbar hübsch war sie doch gerade auch nicht — nur weil die Schwester so häßlich war, nannte man sie das hübsche Fräulein Möller, und dann kam es ihr vor, daß sie auch keinen guten Geschmack hatte— ja, so kam es ihr vor, sie mußte schon entschuldigen, aber sie konnte es durchaus nicht in ihren Kopf bekommen, daß der große Hut hinten im Nacken hübsch war— sie sah ziemlich dammlich damit aus, und sie war auch nicht gut genug für ihn— er, der der feinste und hübscheste Herr in der Stadt war. Und so gut dazu— dachte er doch so viel daran. daß sie eine gute Partie machen müßte! O wäre sie doch eine feine und reiche Dame von besserer Herkunst als Fräulein Möller gewesen— vielleicht hätte er sich dann in sie verliebt und mit ihr verheirathet— dann würde sie in der Brautnacht Wohl nicht davonlaufen— nein, vor ihm hatte sie keine Furcht. Die Uhr schlug einen Schlag. Nun war es Halbsechs. „Gott— wie langsam die Zeit vergeht, wenn man wartet!" Sie war doch wieder etwas zu zeitig fortgegangen, wie sie an der Uhr der Erlöserkirche sah— sie konnte zur Brücke herabgehen und ein wenig die Dampfschiffe besehen. Endlich kamen dje Zeiger auf der Zolluhr gegen 7— wenn sie nun langsam ging, so kam sie fiinf Minuten zu spät und das war gerade richtig. Wenn er nur schon gekommen wäre. Sie schritt über den Graf Wedel-Platz und ging am Arsenal vorbei unter den alten Bäumen, welche dort standen mit ihren schrägen Stämmen, mit frischem grünen Laub. Heute wollte sie Du zu ihm sagen— wenigstens versuchen, ob sie es könnte. Sie hatte Herzklopfen.— Sie sah seine bunt- gestreiften Hofen und den Zylinderhut zwischen den Baumstämmen. Sie setzten sich auf die Bank. Rothe Ankerbojen wogten langsam auf und nieder in den kleinen Wellen hinter einem Dampfschiffe, das nach dem Ormsunde fuhr.— Ein Spazierboot mit schlaffem Segel wurde mit schwerem, platfchenden Ruder an's Gestade getrieben. Er sah nach seiner Uhr.—„Du Albertine— heute kann ich nicht lange hier bleiben, aber ich habe etwaS sehr ernsthaftes mit Dir zu sprechen. Ach— da kommt jemand." Es näherten sich in der Allee feste, kleine Schritte. Sie saßen still. Illbertine sah auf in demselben Augen- blick, daß er vorbeiging— sie erschrak— das war der Polizei- Inspektor. Er grüßte Helgesen. Er ging ihr also nach— vielleicht durfte sie hier nicht sitzen, aber nein— sie that schnell, als wenn nichts wäre; Helgesc« konnte vielleicht glauben, daß sie etwas mit der Polizei zu thun gehabt hatte. „Wer war das?" fragte sie. „Der Polizei-Jnspektor Winther"— „Ach so!" „Ich muß mit Dir von etwas sehr Ernstem reden" — er sah nach seiner Uhr—„und ich habe wenig Zeit. Ich will dir etwas sagen, Albertine, ich habe lange daran gedacht, aber ich bin nicht dazu gekommen, es zu sagen, aber nun sollst Du hören, denn nun geht es nicht mehr länger. Es geht nicht mehr, daß ich Dich treffe;— es ist nicht gut— ich wollte sagen— ich glaube, daß wir abbrechen müssen— denn später wäre es noch schwieriger— während es jetzt noch allenfalls arrangirt werden kann. Die Sache ist nämlich— ich merke, daß ich nicht mehr so ganz meiner selbst Herr bin, wie ich glaubte, daß es Dir gegenüber der Fall wäre— und mir kommt so vor, ich merke, daß auch Du Dich mir gegenüber nicht mehr kalt verhältst— und dann, siehst du— reden auch die Leute darüber— ja die Leute haben angefangen zu reden und ich bekomme allerlei zu hören— und Du hast auch keinen Nutzen von dem, was von Dir gesagt wird.— Glaubst Du da nicht selbst, daß es richtig ist, was ich sage?" Sie sah auf eine ganz rothe Ankerboje herab mit vielen schweren Tauen und Ketten darin— mitten auf dem Wasser. „Glaubst Du es nicht", fragte er und zog sie an sieh—„daß es am besten ist—?" „Ja— vielleicht", antwortete sie leise. „Aber wir— wollen auch ferner gute Freunde sein— nicht wahr— ich wußte wohl, daß Du ein vernünftiges Mädchen bist, die ein.e solche Sache ver- nünftig nehmen würde.— Nein, nein— es ist am Besten, daß wir ein Ende machen, so lauge das Spiel noch gut steht— und ich will nicht so einer sein, der hingeht und Dich verführt— ein ehrenhafter Mann hört nämlich bei Zeiten auf, und Du begreifst wohl, daß wenn wir so weiter fortfahren würden, so könnte es dann ebenso gut damit enden, daß wir ganz verliebt i« einander würden, und das würde ja nämlich ein Unglück sein, siehst Du, sowohl für Dich, als für mich, und daS würde ja auch sehr schlecht von mir sein, der doch gerade auf Dich aufpassen sollte, denn das wollte ich doch und nichts Anderes. Meinst Du nicht— bist Du nicht mit mir darin einig, Tina?" Ja,— sie verstand sich ja nicht so gut auf s» etwas, aber sie glaubte, daß es richtig wäre, weil er eS sagte. Er war sehr gut und furchtbar anständig und wollte ihr Bestes und das würde sie immer fagen, wenn ;emand Böses von ihm erzählte. Eine nach der andern kamen die Thränen langsam hervor— eine nach der andern tropften sie auf ihre große unbeschuhte Hand hernieder. Sie wandte den Kopf halb fort. „Nein, weinst Du etwa, Albertine?" Er lachte und klopfte ihr auf die Wange.„Sei nun vernünftig"— ein Schritt ertönte, er zog den Arm von ihrer Taille weg. Aber dann entfernten sie sich wieder und er zog sie wieder dicht zu sich heran. „So sage ich denn zum letzten Male zu Dir„Du". heute Abend, Albertine, aber denke an Alles, was ich Dir gesagt habe, und wenn Du jemals irgend eine Hilfe oder einen Rath brauchen solltest, dann mußt Du also zu mir kommen. Willst Du mir das versprechen— Albertine—?" Ja sie versprach es— sie fühlte wieder eine Thräne auf ihrer Hand und trocknete sie mit dem Aermel ab. „Nein aber Du weinst ja, Albertine— Du, die so vernünftig ist?" „O ja, es ist die reine Kinderei von mir", antwor- tete sie und nahm ihr Taschentuch vor. Er schlug die Beine übereinander. Er hatte neue spitze Stiefel an— ach wie fein und spitz.— „Eins möchte ich gern wissen. Helgesen, ist es. weil — Sie— nein das Du konnte sie nicht herausbringen — sich mit dem hübschen Fräulein Möller verloben sollen, daß wir—" Er sah sie an und lächelte ein wenig. „Wie kommst Du darauf?— Ja— wer weiß— es ist nicht unmöglich— aber davon mußt Du zu niemand reden." Nein, das würde sie nicht. „Ja, nun ist es wohl das Beste, wir gehen—" er sah nach seiner Uhr.—„Ich muß heute Abend irgend wohin.— Und ich sollte Dich ja heim begleiten—" „Nein, das ist durchaus nicht nöthig", sagte sie— „es ist so hell und ich möchte gern noch ein wenig sitzen, denn wenn Sie Eile haben—" „Ja, ja— Adieu denn Albertine— so treffen wir uns also nicht mehr— willst Du mir einen Kuß geben?" ..Ja!" Sie merkte wieder den Duft des Eau de Lubin um sich. So hatte er sie niemals geküßt— und sie klammerte sich an ihn an und küßte ihn viele Male mit langen Küssen wieder. „Ja, Adieu denn, Albertine." Er sah nach seiner Uhr. „Adieu" konnte sie kaum herausbringen— sie setzte sich wieder hin— so hatte er sie niemals geküßt. Sie sah die geraden eleganten Beine mit den braunen und weißen Streifen herunter, welche der Form folgten, die Allee entlang gehen, wieder hervorkommen und ver- schwinden und dann den geraden schlanken Rücken und den Zylinderhut. Nein, nie vorher hatte er sie so geküßt. Sie war ja rein schwindlich geworden— und mit eins kamen die Thränen wieder hervor, nicht eine nach der andern, sondern viele auf einmal, und der ganze Hafen tanzte vor ihren Augen, und die Lichter der Laternen flogen in langen, langen flimmernden Strahlen hinaus— dann könnte es auch damit enden, daß wir ganz verliebt in einander würden, hatte er gesagt— ja, das war gewiß wahr— er war so gut und vernünftig. Ob es des Fräulein Möller wegen war, daß er sich die neuen Stiefel gekauft hatte?— Sie kam doch nie- mals dazu, zu ihm„Du" zu sagen.— Plötzlich kamen die Thränen wieder und sie schluchzte tief auf und flüsterte: Gott helfe mir, Gott helfe mir!" Aus meinem„Kauern spiegelt. Von Willibald Nagl(„Deutsche Worte'). (11. Fortsetzung.) Bezieht sich das natürliche Mißsallen auf Personen, dann wagt man dasselbe der betreffenden Person nicht ins Gesicht zu sagen; die bäuerliche Willensschwäche und lieservirtheit verhindert es. Wenn ein ärmerer Bauer zur Sommerszeit auf einen oder zwei oder mehrere Tage Leute dingt, mit denen er sonst mehr kollegial, als Gleicher, verkehrt, so getraut er sich nicht, sie zu mahnen und ihnen sein Mißfallen auszudrücken, sobald dieselben ihre Pflicht nicht recht erfüllen. Solche Arbeits- leute, Drescher, Schnitter, halten manches Bäuerlein mitunter recht zum Besten— letzteres mag sich dann bei seiner Ehehälfte bitterlich beklagen, mit ihr eifern und wettern gegen die gewissenlosen Arbeitsleute— sagen wird er diesen kaum etwas davon. Noch weniger wagt es natürlich der Knecht, dem Herrn seinen Aerger und sein Unbehagen trocken zu erklären; wenn ihn der Bauer auch ungerecht gescholten hat, er schweigt und schlägt dabei die armen Ochsen, die nichts dafür können. Und wenn der Bauer schon lange davon ist, so predigt der Knecht seinen Groll noch immer den Ochsen vor.„Gar keine Frischn haben diese faulen Ludern heut, erschlagen möcht' ich sie,"— dabei denkt er an seinen Herrn, aber zu sagen, wagt er ihm kein böses Wort. Die Ueber- tragung des Mißfallens und des Tadels von der Person, die man nicht zu tadeln sich getraut, auf andere Gegenstände, wie hier vom Bauer auf die Ochsen, ist ein gar nicht seltener Vorgang.„Ihr Rabenviecher wollt nur immer fressen und nichts arbeiten" sagt die Bäuerin wohl zu den bettelnden Hennen im Hof, wenn sie sich ärgert über ihre Schwiegermutter, welche heute nicht mit auf's Feld gehen will. Nur in zwei Fällen sagt man der mißfälligen Person sein Unbehagen direkt in's Gesicht: Wenn man dieser Person so nah steht, daß man ihr gegenüber die Manier gar nicht beobachten kann; und zweitens, wenn die Manier selber ein solches Auftreten zuläßt und gebietet. Ersteres ist bei Eheleuten untereinander der Fall. Sie, die von einander schon so viele absolut monier- widrige Eindrücke empfangen haben und Geheimnisse theilen, denen die natürlichste Natürlichkeit zu Grunde liegt, werden, wenn sie sich gegenübertreten, wohl am ehesten� der Manier sich entschlagen. Freilich sind ein- zelne Individuen von letzterer so sehr beherrscht, daß sie dieselbe vielleicht sogar— in's Ehebett mitnehmen. Von verheiratheten Betschwestern ist dies mit ziemlicher Sicher- heit anzunehmen. Aber im Allgemeinen getrauen sich die Eheleute ihr gegenseitiges gelegentliches Mißfallen, frei von jeder Manierhaftigkeit, mit der ganzen Energie und Derbheit ins's Gesicht zu sagen, deren eine ver- wahrloste Natur fähig ist. Ich möchte das nicht alles einstecken, was mancher Bauer von seinem„Gegentheil" öfter zu hören bekommt. Auch sind diese Weiber durch Androhung von Gewalt schwer einzuschüchtern, weil sie bei ihrer schweren Arbeit, die sie neben dem Mann zu verrichten haben, physisch fast ebenso grobknochig sind, wie dieser.— Uebrigens müßte man eine Schlägerei beichten und hütet sich davor. Es giebt aber Fälle, in denen die Manier das gerade Aeußern des Mißfallens einer Person gegenüber gebietet. Es mag dem Hausherrn, dem Vater, das erste Mal aus Willensschwäche vielleicht schwer ankommen, zu rügen und zu strafen. Aber„das muß sein" steht es geschrieben im Manier-Katechismus,— und bald hat er sich hineingewöhnt und fortan kommt ihm das Tadeln und„Greinen" seinen Untergebenen gegenüber leichter an, als das Loben. Schon oben wurde gesagt, wie ungern der heutige Bauer einen Knecht lobt,— daß er selbst an dem verwendbarsten Knecht die Mängel zuerst sieht und rügt. Was Abraham a Sta. Clara in seinem „Judas der Erzschelm" I. Theil, 1687, S. 117— 122, predigt von der birkenen„Wünschelrute", wird von unfern Bauern heute im größten Maßstabe befolgt, obwohl Abraham's Voraussetzung nicht mehr richtig ist:„Ihr Eltern, Ihr thut zu viel lieben Eure Kinder." Eines von beiden: entweder werden die Kinder sich selbst überlassen, oder derb angefahren und ge- züchtigt; das„Greinen", Rügen, Schlagen ist dem Bauer gleichbedeutend mit Erziehung. Selbstverständlich kommt da jedes Mißfallen, an den Kindern diesen gegenüber zum ungesäumten Ausdruck.— Auch der Bettler wird iv halb und halb zu den Untergebenen gerechnet und muß mitunter von der Hausfrau seine Strafpredigt anhören: „Oes mögts nurgleich nichts arbeiten",„stiehlts unserm Herrgott den Tag ab" u. s. w. Es wäre noch ein dritter Fall zu erwähnen, in welchem der Bauer sein Mißfallen an einer Person dieser in's Gesicht sagt; doch ist dieser Fall ein abnormer und reiht sich daher den beiden ausgezählten nicht eben- bürtig an. Im Zorne nämlich setzt sich auch der Bauer über alle Rücksichten der Manier hinweg und Hann weiß er sämmtliche seit Jahren vorgekommeiien Verschul- düngen gegen sein wirkliches oder vermeintliches Recht, alle Kränkungen seiner heimlichen Selbstsucht mit bewun- derungswürdiger Vollständigkeit dem Widerpart in den grellsten Farben vorzurücken. Doch bricht der heimliche Groll, so vielfach er auch in den Bauerngemüthern lebt und ge- nährt wird, nur selten in offenen Zorn aus, und ein öffentlicher Streit zwischen Bauern und Bauerfamilien gehört schon zu den wichtigsten Epochen der Dorschronik. Wie verhält sich's nun mit dem Ausdruck natür- liehen Mißfallens an abwesenden Personen?— Die Manier kennt zwar das Verbot:„Man soll niemand 'was nachsagen." Dieser Satz wird denn auch gewissen- Haft immer vorausgeschickt, bevor man einen Abwesenden tadelt und bemängelt, dann folgt als Uebergang irgend ein„Aber",— und nun ist man auch schon bei der Sache.„Es soll doch nicht sein, daß man so die Raine schindet, wie der Stix oder der Teix." Mit den christ- lichen Dorfgenossen hat man noch die meiste Rücksicht; schlechter ergeht es dem Müller draußen in der Ein- schicht, dem Bezirkshauptmann, dem Jäger; am ärgsten drückt man sich aus über die Kaufleute, Juden und Ad- vokaten. Hingegen ist speziell in meiner Heimath(um Neunkirchen) der Geistliche über jeden Tadel erhaben. Wir haben bisher nicht von den Anlässen des Mißfallens gesprochen und somit stillschweigend voraus- gesetzt, daß"dieselben bei den Bauern dieselben seien, wie bei normalen Menschen. Bevor wir aber das Kapitel von dem Ausdruck des natürlichen Mißfallens schließen, müssen wir noch in Erinnerung bringen, daß wir es bei den Bauern mit einer entarteten Natur und auch mit abnormen Anlässen des Wohlgefallens und Miß- fallens zu thun haben. Dies müssen wir vorausschicken, um gewisse Aeußerungen zu verstehen, die aus der ge- kränkten Bauernbrust kommen. Ein Grundzug der entarteten Bauernnatur ist der Neid auf größere Erfolge Gleichgestellter. Dort, wo das Gefühl oder das Bewußtsein gleicher Kraft, also der Fähigkeit dasselbe oder ähnliches zu leisten, vor- Händen ist, stellt sich von selbst und unvermeidlich der Neid ein, sobald diese Kraft und das aus ihr hervor- gehende Streben durch irgend welche Motive zurück- gehalten wird. Solche Motive sind in der Regel Manier- geböte, z. B.„dies und jenes, was der Bauernsohn N. durchgesetzt hat, ist für Bauersleute eigentlich zu hoch und zu nobel, schickt sich nicht für sie". Oft ist es auch ein innerliches Motiv, z. B. Mangel an Entschluß, Trägheit, Willensschwäche. Was der Mensch leisten kann, das soll er auch, — ja, es ist ein moralisches Bedürfniß für ihn, hinter seinen Fähigkeiten nicht zurückzubleiben. Ohne Befriedi- gung dieses Bedürfnisses ist der Mensch in seiner gedeihlichen Entwicklung gehindert. Der Neid meldet sich darum in der Bauernieele mit der Heftigkeit eines verweigerten natürlichen Bedürfnisses. Er hat daher ein ungemein kräftiges Streben, sich nach außen in Worten und Stichreden zu bethätigen; er hilft sogar dem schwachen Bauernwillen, die Schranken der Reservirtheit zu durchbrechen und sucht seine böswilligen Aeußerungen, die Ausdrücke thörichten und krankhaften Mißfallens, der beneideten Person direkt in's Gesicht zu schleudern, um auf diese Art desto sicherer zu sein. daß diese Person durch den dadurch verursachten Aerger und Gram in ihrer Genugthuung über die errungenen Erfolge ge- stört und beeinträchtigt wird. Umsonst verbieten die Religion und auch die Manier den Neid. Denn da der Neid in der von der Bauern-Religion noch nicht aufgesaugten heimlichen Selbstsucht wurzelt, so erreicht jenes Manierverbot nur soviel, daß sich der Neid aus Umwegen äußert, indem er sich auf Gründe der Manier- sittlichkeit stützt, die oft bei den Haaren herbeigezogen werden. Ich bringe hierzu nur Beispiele aus meiner eigen- sten Erfahrung. Vier Jahre trug ich als Noviz und Kleriker des Schottenstiftes in Wien den Ordenshabit des hl. Benedikt. Es ist kein Zweifel, daß sich in den verwahrlosten und verdorbenen Herzen gar vieler Landsleute damals schon der Neid regte. Aber die Regungen ihrer Natur mußten sie damals niederhalten aus Respekt für meinen heiligen Stand. Der Geistliche steht ihnen im Zentrum des Manier- Systems, und wie bei der Attacke gegen den Feind der Rittmeister von seinen sämmtlichen Dragonern geschützt und gedeckt wird,— so wird der Geistliche, sobald sich die Natur gegen ihn auflehnen will, sofort durch eine große Zahl von Manierdogmen entschuldigt, vertheidigt und geschützt. Gegen den Geistlichen komml eine Einwendung nie zur durchschlagenden Wirkung,— selbst die Betschwestern, die auch den Geistlichen kritisiren, halten ein ungün- stiges Urtheil wenigstens vor der profanen Welt geheim. Da sich also der Neid nicht in feindseligen Reden Luft machen durfte, so rückte er in Gestalt sympathischster Theilnahme heran,— zwar nicht an mich, wohl aber an meine Eltern, welche den Worten ihrer Standes- genossen zugänglicher sein mußten, als ich.„Die Fuchsin in@** hat au� einen Sohn studiren lassen." sagte z. B. eine hinkende alte Bäuxrin zu meiner Mutter,„und was das gekostet hat! Das halbe Haus ist drauf'gangen, — und wie er bald schon seine Ehmess' hält' lesen sollen, da hat's ihn gereut wegen einem Weibsbild, und er hat umg'schmissen. Ja, das Leidwesen jetzt bei seinen Leuten zu Haus! Seine Mutter hat sich die Haare ausgerauft, und gernft und geruft, unser Herrgott möcht sie erlösen. Und ist auch vor der Zeit drauf'gangen.— Wann's nur dem Euren nicht auch so geht; die Weibsbilder sind so viel zum fürchten!" Die Betschwestern allerdings stehen höher wie die andern Leute; sie fanden wunderbar schnell heraus, daß ich einem etwas liberaleren Orden angehörte; und da sie selbst meist„Tertiarier" irgend eines Ordens sind und der Frömmigkeit obliegen, so anerkennen sie zwar formell jeden Geistlichen, sympathisiren aber nur mit dem „strengen" und„auferbaulichen".„Die Schotten- geistlichen sind ja nicht brav, wie man hört," wimmerte einmal eine Betschwester meiner Mutter vor: „warum ist er denn nicht zu unsere da'gangen (Minoriten),- die braucyeten� so nothwendig ein'n Nachwuchs!" Die hat also sogar etwas TadelnswertheS herausgefunden und an Mann gebracht. Als ich dem Kloster den Rücken kehrte, da war der seit vier Jahren angehäufte heimliche Neid mit einem Male entfesselt. Es ist unbeschreiblich, was meine armen 66jährigen Eltern— selbst dem bäuerischen Jdeenkreise huldigend— nun zu leiden hatten. Vergebens wehrten sie sich gegen die von allen Seiten über mich gefällten Aburtheile, indem sie darauf hinwiesen, daß ich ja sonst ein sittlicher Mensch sei, daß ich jetzt in Wien weiter studire u. s. w.„Wo ist denn einmal'waS ge- wo rd en aus einem, der aus dem Kloster her- aus'gangen ist?" hat es geheißen; und dagegen war allerdings nichts einzuwenden, weil es keinen Präzedenz- fall gab, einen ausgenommen, wo ein Kleriker Skandal halber austreten mußte. Mit diesem wurde ich gleich zensurirt. Jeder meiner weiteren Erfolge war den Bauersleuten ein Dorn im Auge und wurde mit hämischen Glossen begleitet, die sie an meine Eltern richteten. Ich über- gehe sie, weil mir die Erinnerung zu widerlich und zu bitter ist. Nur ein Beispiel führ ich noch an, weil es die Art und Weise, wie sich der Bauernneid auf einem Umweg um ein Maniergebot äußert, recht charakterisirt. Mein Bruder und ich hatten unsere Studien glücklich vollendet und waren etliche Wochen auf Ferien zu Hause. Das legten sich die Leute zu ihrer Selbstberuhigung so- fort so aus. als wären wir„vazirend", obwohl sie doch wissen sollten, daß jeder Student Vakanzen hat. Während dieser Zeit ließ sich meine Mutter mit einem Bauer in einen Diskurs ein, die Mutter ermähnte, daß ein unbe- kannter„Reisender"(Bettler) unlängst gedroht habe, er wolle das ganze Dorf anzünden, weil er zu wenig be- kommen. Der Bauer, der über das Vorleben des Bett- lers so wenig unterrichtet war, wie meine Mutter, ant- wortete:„Ja. halt ja, so sind's diese Leut'; zuerst meinen s', sie sind weißgott was,— und wenn's ihnen hernach nicht ausgeht, dann—" Er schob also mein Vorleben, wie er es auffaßte, dem Bettler unter, so daß seine ganze Antwort eine versteckte, recht christlich wohl- wollende Prophezeiung über meine Zukunft enthielt. Sollte ich diesen Bauer zur" Rede stellen? Er hat ja nur zu meiner Mutter vom Bettler gesprochen, hat nur die Hof- fart verdammt, die vor dem Falle kommt,— das ist ja nicht Schlechtes.__ Die Kartelle. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, wie der Grundsatz der freien Konkurrenz in der privat-kapitalisti- schen Produktionsweise schließlich mit Naturnothwendiakeit in sein Gegentheil umschlägt. Bei fortschreitender Ent- Wicklung der Großindustrie nimmt dieser Wettbewerb um die Absatzgebiete für die erzeugten Waaren mehr und mehr eine anarchische Form am es wird ein Kampf auf Leben und Tod, der nothwendig mit dein Ruin des weniger kapitalkräftigen Unternehmers endet, nachdem das Mittel, sich durch Reduktion der Löhne konkurrenzfähig zu erhalten, erschöpft ist. In diesem Kampfe giebt es kein anderes Heil für den Letzteren, als Verständigung mit seinem mächtigeren Nebenbuhler. Die erbitterten Gegner werden Verbündete, die sich durch ihr„Kartell" vor dem Ruin bewahren, mit dem sie die zügellose freie Konkurrenz bedroht. Der Entwicklung dieses Zentralisationsprozesfes, der sich gegenwärtig mit erstaunlicher Schnelligkeit in dem privat-kapitalistischen Produktionssystem vollzieht und seiner Bedeutung für die Arbeiterschaft widmet Schönlank in dem neuesten Heft von Braums Archiv*) eine vortreffliche Untersuchung. In Folgendem theilen wir unseren Lesern ihren Inhalt im Auszuge mit. Die Kartelle, sagt Schönlank, sind eine nothwendige Erscheinungsform in dem herrschenden Produktionssystem; es ist damit von vornherein die Möglichkeit gegeben, sie von anderen Erscheinungen zu unterscheiden, die wohl eine entfernte Aehnlichkeit mit ihnen besitzen: nämlich jenen, seit den Zeiten der Römer bekannten, und jetzt unter demNamen Corners in Blüthe stehenden Vereinigungen von Kaufleuten und Spekulanten, die den Preis der Waaren auf dem Markte durch große Aufkäufe oder Verkäufe auf Lieferung oder auch einfache Vereinbarung in ihnen günstiger Weise zu bestimmen. Derartige Mani- pulationen können natürlich vondeneigentlichenKartellen, d. i. den Verbänden von Produzenten gleichfalls in ihren Wirkungskreis gezogen werden— wie es gegenwärtig thatsächlich zuweilen der Fall ist— ohne daß dieses jedoch mit dem Wesen derselben in einem inneren Zusammenhang stände. Die Geschichte der eigentlichen Kartelle(oder Trusts) ist noch außerordenttich jung. Sie reicht, ab- gesehen von einigen unbedeutenden Ausnahmen, kaum über das Jahr 1873 zurück. Die empsindlichen Lehren einer so gewaltigen Geschäftskrisis waren nothwendig, um den Kapitalisten die Augen über die wahre Natur ihres Produktionsprozesses zu öffnen und sie der Einsicht zugänglich zu machen, daß ihr persönliches Interesse sich lediglich als Klasseninteresse durchsetzen könne. Als nach dieser Zeit die Bildung von Kartellen allmählich Fortschritte machte, haben eine Anzahl, dar- über entrüsteter, freisinniger Politiker die Schutzzölle dafür verantwortlich machen wollen, die in derselben Zeit in den Kulturstaaten in Aufnahme kamen. Wenn aber in der Union, in Kanada, in Deutsch- land und anderswo das Einreißen der Schutzzollmauern als radikales Heilmittel gegen die Koalitionen empfohlen wird, so zeigt dieses nur die Enge der kleinbürgerlichen Weltanschauung. Die Jnternationalität des Kapitals ' setzt sich über die Trümmer der Tarife hinweg und schließt die Großproduzenten aller in Frage kommenden Länder zu einer Genoffenschaft zusammen, welche vielleicht furcht- barer sein wird, als irgend ein nationaler Fabrikanten- bund. So weuig die Levellers, als sie die Zäune der Einhegungen niederrissen, den Großgrundbesitz beseitigen und die mittelalterlichen Feldgemeinschaften wiederher- stellen konnten, so wenig wird es den Nichts-als-Frei- Händlern gelingen, durch die Beseitigung der Schutzzölle die Kartelle aus der Welt zu schaffen und die„gute alte Zeit" des Manchesterthums wieder zurückzurufen. Die Ursache liegt vielmehr tiefer. Die Kartelle mußten mit Nothwendigkeit auftreten, sobald der Pro- duktionsprozeß dasjenige Maß von Konzentration erfahren hatte, das seit einiger Zeit in einer Reihe von Betrieben zu finden ist. Der vielgegliederte imposante Mechanismus des modernen Großbetriebes ermöglicht ohne erhebliche Schwierig- keiten seine Verbindung mit anderen gleichartigen Schöpfungen. Hier findet sich ein geschultes Beamten- personal, hier stehen wohlgeübtc Arbeitermassen zur Ver- fügung, deren vielseitige Verwendung der wechselnde Bedarf des Etablissements nothwendig macht. Mit pein- licher Sorgsalt werden die Schwankungen des Weltmarkts verfolgt, Agenten und Reisende vermitteln den lebhaftesten Verkehr mit der ganzen Kulturwelt, die Kenntniß der Zustände in der eigenen Branche ist eine vortreffliche. Die Uebersichtlichkeit des Betriebes und seiner rechnerischen Grundlagen läßt nichts zu wünschen übrig. Von lockeren, schwächlichen, lebensunfähigen Ver- einbarungen, welche, für den Augenblick geschaffen, im Nu vergehen wie Fußtapfen im Flugsande, geht es Schritt vor Schritt weiter zu festeren Konventionen, welche auf einen längeren Zeitraum geschlossen werden und nicht blos augenblicklichen Gewinn, sondern dauernden Nutzen als erstrebenswerthes Ziel im Auge haben. Nach und nach entfaltet sich die junge Organisation; zur Regulirung der Preise tritt die Frage der Produktion. Man straft die Uebererzeugung, man zahlt für Minderproduktivn Prämien. Die Welt wird vertheilt, den verschiedenen Produzenten- gruppen werden die Absatzgebiete bestimmt, wo ihnen allein freie Hand gelassen wird. Je länger die Einrichtung besteht, desto dringender wird das Bedürfniß nach einer einheitlichen Leitung, nach einer Zentralisation, welche durch Kontrollbureaux, durch Ueberwachung des Marktes und des Kartells die Interessen der Verbündeten wahren soll. Die Sicherheit der Aufsicht über die Erfüllung •) Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Herausgegeben von Dr. Heinrich Braun. III Bd. 3. u. 4. Heft. der Vertragspflichten und das Vortheilhafte des Vorgehens von einem den ganzen Industriezweig übersehenden Punkte aus zwingen zu immer festerem Zusammenschluß, zur Erweiterung der Vollmachten des leitenden Komitees. Die Errichtung von allgemeinen Verkaufsstellen, welche an Stelle des einzelnen Fabrikanten den Verkauf der kartellirten Waaren in die Hand nehinen, erweist sich als ersprießlich, die Kompetenzen der Leitung dehnen sich in dem Maße aus, in welchem der Wirkungskreis der Vereinigung wächst. Die Einzelunternehmung, mag sie einem Kapitalisten oder einer Aktiengesellschaft eignen, tritt zurück vor der Gesammtheit der assoziirten Betriebe, sie ist nur ein Rädchen in dem exakten Uhrwerke des Kartells, jede an ihrem Platze, jede aber auch nur an diesem Platze im Stande, richtig zu wirken, jede streng angewiesen, in dem vorgeschriebenen Tempo zu funktioniren. Der einzelne Fabrikant wird ersetzt durch das Kartell, das„nicht bloß die Kapitale, sondern auch die Intelligenzen konzentrirt." Da werden gemeinschaftliche Versuchsstationen angelegt, auf denen neue Erfindungen geprüft und gemacht, bessere Arbeitsmethoden erforscht, die Rohstoffe auf ihre Eigen- schaften untersucht werden. Zentralsammlungen von Modellen und Fachwerken werden eingerichtet, um die Mitglieder in allem, was ihre Branche berührt, auf dem Laufenden zu erhalten u. s. f. Die provinziellen, die nationalen Schranken fallen. Die aufeinander angewiesenen Gewerbe suchen engeren Zusammenschluß, die Erzeugung der Rohstoffe und der aus ihnen hergestellten Fabrikate wird vereinigt, kon- kurrirende Jndustrieen verschiedener Länder errichten zwischenstaatliche Konventionen, welche die wichtigsten Jntereffenfragen regeln, Schutz- und Trutzverträge zwischen den Kartellen verschiedener Wirthschaftsgebiete werden geschlossen, das koalirte Großkapital strickt allmühlig ein Netz, das vielmaschig die Weltwirthschaft zu umspannen beginnt. Unablässig wirkt der gebieterische Zwang, die korpo- rative Thätigkeit zu Potenz iren(erhöhen). Der dem Einzelunternehmer gebliebene Rest von Selbständigkeit muß beseitigt werden, um das Kartell gegen verderbliche Eingriffe widerspenstiger Unternehmer vollends zu sichern. „Die völlige Abhängigkeit des Einzelbetriebes von der Koalition wird proklamirt, er wird umgewandelt in eine Adtheilung der Zentralstelle, er erhält seinen ordre du jour(Tagesbefehl) von dieser allein. Die Aktien sämmt- licher Gesellschaften— denn die Form der Aktiengesell- schaft wird zur Eintrittsbedingung in das Kartell— werden zusammengefaßt, die Profite aller Etablissements in einen Fonds vereinigt, die Konzentration vollendet ihr Werk und führt die Verschmelzung aller Einzel- Unternehmungen zu einem Riesenunternehmen herbei. Die höchste Stufe in dieser Entwickelung nehmen vor- läufig die amerikanischen„Trusts" ein; allen voran der „Standard Qil Trust", der den Petroleummarkt der ganzen Welt monopolffirt hat. Ein Heer von Beamten unter dem Kommando eines Direktoriums leitet den Produktionsprozeß, führt die Verwaltung des Geschäftsvermögens, in welches das des ehemaligen einzelnen Fabrikanten nach Auslöschung jedes individuellen Merkmals aufgegangen ist. Ein Schlag schlägt die tausend Verbindungen der assozirten Wirth- schaft, Eine Kraft treibt das gesammte Räderwerk, Ein Befehl bewegt die ungeheuren Massen der durch rastlose Arbeit erzeugten Werthc. Und der Einzelunternehmer ist der Beamte oder der Pensionär des Kartells. Mit den bisherigen Resultaten können die betheiligten Kapitalisten zufrieden sein. Ueberall wo das Kartell den Markt wirklich beherrschte, sind ihre Dividenden in er- freulicher Weise gestiegen. Man hat sich viel über die preissteigernde Wirkung der Kartelle ereifert. Es würde aber übereilt sein, dieselbe als eine den Arbeitern un- mittelbar feindliche zu betrachten. Für sie sind hohe oder niedrige Preise nur bedeutsam in Rücksicht auf die Bewegung ihres Arbeitseinkommens, und dieses wird wieder durch die wichtigen Faktoren Arbeiterschutz und Koalitionsfreiheit bestimmt. Wird der Aufstieg der Preise begleitet durch einen entsprechenden Aufstieg der Löhne, und ob dies geschieht, dafür ist von entscheidendem Einfluß das Vorhandensein der eben ge- nannten Faktoren, so ist das Auf und Ab der Preise für den Arbeiter gleichgiltig. Für die freihändlerischen Kapitalistengruppen aber ist der Ruf nach Senkung der Preise nur ein anderer Ausdruck für das Verlangen nach Verwohlfeilerung des proletarischen Standard of life (Lebenshaltung), nach Senkung der Löhne. Was schon heute sich vorbereitet, die Entstehung kosmopolitischer(den Weltmarkt beherrschender) Industrie- monoPole, wird nach dem Fall der Schutzzollmauern noch viel rascher und umfassender ins Leben treten. Daß unsere Entwickelung diese Bahnen geht, ist mit Händen zu greifen. Wer einen rascheren Fortschritt derselben wünscht, kann die neue Entfesselung des Freihandels nur willkommen heißen. Wer aber glaubt, daß ein veränderter Zolltarif eine soziale Einrichtung beseitigen werde, die historisch geworden, historisch nothwendig ist, der ver- schließt sein Ohr der eindringlichen Beredtsamkeit der Thatsachen. Durch die Kooperation wird aber die Macht des Kapitals ins Ungemessene vermehrt, und daß es diese Macht gegen die Arbeiter zu gebrauchen versteht, hat die Erfahrung hinlänglich bewiesen. Die Vorgänge bei dem vorjährigen großen Bergarbeiterstreik in den Ruhrkohlen- revieren haben gezeigt, wie man sich unliebsame Elemente der Arbeiterschaft vom Halse schaffen kann; die Cottbuser Großtuchmacher haben eine halbe Million bei der Reichs- bank deponirt als Garantie für einmüthiges Handeln in Ausstands-Angelegenheiten, der„Hauptverband der Töpfermeister und Ofenfabrikanten Deutschlands", der „Verein deutscher Eisengießereien" und zahlreiche andere haben arbeiterfeindliche Beschlüsse gefaßt. So könnte jemand angesichts dieses Sachverhalts sich etwa so auslassen: „Die Kartellirung der Industrie macht die Lohn- arbeiter zu einem Spielball des assozirten Großkapitals. Diese Organisation, welche eine ganze Industrie um- spannt, verbürgt die unbeschränkte Herrschaft des Kapitals. Der Arbeiter wird zum Leibeigenen herabgedrückt, der blöde gehorchen und alles erdulden muß, der letzte Trumps auf den Hohn des„freien Arbeitsvertrages" wird ausgespielt." Aber handelt es sich denn wirklich nur um den einen Arbeiter? Ist er nicht der Repräsentant einer großen sozialen Gruppe, deren Klassenbewußtsein bereits erwacht ist? Nicht mit Peter und Paul hat das Kartell zu thun, sondern mit den Angehörigen einer Klasse, Seren Bewegung immer mächtiger anwächst. Jeder öko- nomische Fortschritt steigert die Solidarität der Arbeiter- schaft. Der koalirte Besitz kann sein Haupt nicht stolz und stolzer erheben, ohne daß die Energie, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, die Einsicht in ihre gesellschaft- liehe Lage bei den proletarischen Schichten sich potenzirt. Die Kooperation des Kapitals erzeugt die Kooperation der Arbeiter. Es ist ein verhängnißvvller Jrrthum, da nur das Individuum zu sehen, wo ein täglich fester sich ver- schmelzendes Gefüge sich aufgethan hat, Heute, wo doch die Vielheit der gewerblichen Anlagen, die mannigfachen Unter- schiede der Lohn- und Arbeitsverhältnisse die Interessen zer- splittern und das Zusammenwirken erschweren, setzen imposante Streiks die ganze Welt in Staunen. Wenn die Unternehmerverbände gegen die Arbeiter sich wenden, so finden sie bereits jetzt entschiedenen Widerstand. Um wie viel leichter ist ein Streik durchzuführen, wenn die Koalition der Unternehmungen, die Leitung von einer Zentralstelle, die Gleichmäßigkeit der Zustände mit der- selben Sicherheit die Vereinigung der Arbeiter erzwingt, wie die Ordre des Direktoriums die Produktion von so und so viel tausend Tonnen Roheisen oder die Förderung von so und so viel tausend Tonnen Kohlen. Aus der Jsolirtheit zur Verbindung, aus der Zerrissen- heit zur Einheit, das ist die Losung für die Kapitale wie für die durch die Kapitale angewendeten Arbeiter. Daraus ergiebt sich aber eine Grundforderung für jeden Kulturfortschritt: Die Koalitionsfreiheit auf breitester Grundlage muß den Arbeitern verbürgt werden, damit ihr Schicksal in der Wagschale des wirthschaftlichen Systems nicht federleicht durch die erzene Wucht der Kartelle emporgeschnellt werde. Als legale Macht soll das Proletariat sich mit den organisirten Unternehmern über seine Forderungen auseinandersetzen, sei es durch gütliche Uebereinknnft, sei es durch die Waffe des Streiks. Doch diese eine Voraussetzung reicht nicht hin, um bei der Uebermacht des Kapitals die Arbeiter auch nur vor den allergröbsten Vergewaltigungen zu schützen. Das Mindeste, was hinzutreten muß, ist die Erfüllung der zweiten oben namhaft gemachten Bedingung: soll die peinlichste Bedrückung von vornherein verhütet werden, so muß ein Mindestmaß von Arbeiterschutzmaßregeln, wie die soziale Hygiene sie schon längst präzisirt hat, als die Grundlage zum Weiterbauen gesetzlich festgelegt werden. Nur eine körperlich und geistig gesunde Arbeiter- schaft wird den Kampf gegen die Allgewalt des Kapitals erfolgreich aufnehmen können. Also durchgreifende Fabrik- gesetze gegen Kartelle. Das nothwendige Complement(Ergänzung) der fortschreitenden Kartellirung des Jndustrialismus ist also die soziale Gesetzgebung. Sie hat die Fürsorge dafür zu übernehmen, daß die breiten Meissen des Volkes nicht widerstandslos den Gewalten überliefert werden, welche ihren Triumphzug durch die Kulturwelt angetreten haben._ Auf der Stellensuche. Berliner Skizze. n. Klara erwachte. Der mattgraue Schimmer, welcher nüchtern durch die schmutzige Fenstergardine drang und bereits die Umrisse der ärmlichen Zimmerausstattung aus dem nächtlichen Dunkel hervortreten ließ, verkündete den anbrechenden Tag. Dieses kalte, trostlose Morgen- licht ermunterte sie ganz. Mit einem Schlage starrte ihr das Verzweifelte und Hoffnungslose ihrer gegen- wältigen Lage entgegen. Durch die halbgeöffnete Thüre der Nebenstuben tönten die schweren Athemzüge Schla- fender. Wie schwül und dick die Luft der Kammer war, oder war es der Ekel vor dem aufs Neue erwachten Elend, der ihr die Brust beklemmte? Klara stand auf und öffnete das Fenster. Der schmale, lange Vorstadthof lag dunkel, wie ein Riesengrab, nur hoch droben im letzten Stockwerk erhellte der fahle Dümmerschein die finster» Mauern der Miethskaserne. Eine feuchte, übelriechende Luft schlug ihr entgegen. Einige Lichter flimmerten be- reits trübe durch den Dunst. Klara schloß das Fenster, setzte sich auf den Rand des Bettes und verfiel in Nachdenken. Schon acht Wochen waren seit ihrer Entlassung aus der Luxus- Papierfabrik, in der sie fast ein Jahr beschäftigt gewesen war, verflossen, ohne daß sie inzwischen eine neue Ar- beitsgelegenheit gefunden hatte. Wie sollte das enden, nachdem jetzt ihre letzten mühselig abgedarbten Spar- - haben 11 pfennige aufgezehrt waren und sie schon seit 2 Wochen| Menschenwelle rastlos auf und nieder, aber zwischen die| Privatkomptoir, ging. Dort saß Herr Schulze, der Chef die Miethe für ihre Schlafstelle schuldete. Wie eine Ver- eilig dahinstürmenden hatte sich eine beträchtliche Anzahl der Firma, ein sehr fett und ehrbar aussehender ältlicher brecherin kam sie sich vor, wenn sie der mißtrauischen gemächlich und lässig flanirender Spaziergänger gemischt. Herr in seinem Arbeitssessel. Seine etwas ungnädige alten Wirthin täglich die Erfolglosigkeit ihrer Bemühun- Wohin sie blickte, Licht, Lebensfreude und Ueber- Miene hellte sich auf, als Klara, deren hübsches Gesicht gen gestehen mußte und die verlegende Art gewahrte, fluß. Reiche Waarenhäuser, verschwenderisch ausgestattete die Aufregung und die frische Winterluft mit blühender mit der man ihr eine Tasse Kaffee oder eine Schrippe und diamantenbesezte Schaufenster blizten im Sonnen- Lebensfarbe gezeichnet hatte, schüchtern ihr Begehren hinschob, obschon sie doch bisher stets pünktlich gezahlt licht; luxuriöse Restaurants, Anschlagsäulen, die zu Ge- vortrug. hatte und sich auch sonst so viel als möglich in dem muß und Vergnügen lockten, lachende, heitere Gesichter ,, Wo waren Sie bisher in Stellung und fleinen Haushalt nüßlich zu machen suchte. Wie schnell ringsum. Mit Bitterkeit und doch auch wieder mit Sie Zeugnisse?" uns doch die Noth das Vertrauen und die Freundschaft Neid gedachte Klara der Millionen verelendeter Arbeits-" Bisher war ich Fabrikarbeiterin, allein-" der Menschen raubt! Gerade sie, die einsam im Leben menschen, die zur selben Stunde in den Staub- und DunstSoo" unterbrach sie Herr Schulze„ da thut stehende Waise, welche auf eine glück- und freudeleere räumen der Fabriken sich um einen jämmerlichen Tage- es mir sehr leid". Jugend zurückblickte, fühlte die lieblose Behandlung lohn halb zu Tode quälten, die all' den Luxus und Trotzdem schien es ihm mit seiner Abweisung nicht doppelt schmerzlich. Waarenreichthum, welchen sie um sich sah, erzeugt hatten. ganz ernst zu sein, denn er erkundigte sich sehr eingehend Heute wollte sie sich keiner Demüthigung aussetzen, Und doch wenn sie nur Arbeit hätte nichts nach ihren Verhältnissen. Nachdem er hierbei erfahren sondern ohne Frühstück auf die Arbeitssuche ausziehen. weiter, nur Arbeit hatte, daß Klara vollständig alleinstehe, sich mit dem Von der Treppe her ertönten die Schritte herabsteigen- Sie zermatterte sich das Gehirn, um einen Aus- nothdürftigsten Gehalt zufrieden geben wolle, auch jederder Proletarier, die zur Arbeit gingen. Die Dämmerung weg, eine Rettung aus ihrer Lage zu finden. Am Ende zeit ihre Stellung antreten könne, vor allem aber, daß lichtete sich mehr und mehr. Klara kleidete sich an konnte sie es auch einmal mit etwas Neuem versuchen, sie sich in der äußersten materiellen Bedrängniß befinde, und ging. mußte es denn durchaus ihre Branche sein? Besser war wurde er plötzlich sehr gnädig, ja sogar freundlich. Als sie die Straße erreicht hatte, welche Arbeiter es zwar in anderen Gewerben auch nicht, auch dort Obwohl er fein Freund von Versuchen sei, wolle und Arbeiterinnen jeden Alters in dichten Schaaren be- dieselbe Ueberfüllung, dasselbe Massenangebot der Arbeits- er es doch einmal mit ihr wagen, meinte er, Gehalt völkerten, und wo hellerleuchtete Fabriken hoffnungsvoll fräfte, dennoch machte sie sich mit frischen Hoffnungen solle sie monatlich 25 Mark erhalten, was übrigens für durch den Novembermorgen schauten, athmete sie auf. abermals auf den Weg, nachdem sie auf's Neue die eine Anfängerin sehr viel sei, und er hoffe nur, daß er Wo so Viele Arbeit fanden, fonnte sie doch unmöglich Zeitungen durchgesehen hatte. mit ihr zufrieden sein werde. Er betonte das zufrieden. leer ausgehen. Die enge Kellerwohnung und die gefühl- Das„ Besezt"" Besetzt" schallte ihr jedoch auch Klara erröthete unwillkürlich unter dem eigenthümlichen lose Umgebung waren sicher nur an ihrer muthlosen und nun ununterbrochen entgegen. Dann sollte sie als Neu- Blick, den er ihr dabei zuwarf. In ihrem Kopf niedergedrückten Stimmung schuld. Sie fror in ihrem ling zuerst„ Lehrling" spielen, um weniger als ein arbeiteten jetzt andere Gedanken. Die Freude, endlich dünnen Sommerjäckchen, doch auch das sollte anders Butterbrod arbeiten. Man rühmte ihr den glänzenden ein Unterkommen gefunden zu haben, drängte sogar die werden, sobald sie wieder Beschäftigung gefunden hatte. Verdienst, wenn die Lehrzeit zu Ende sei, auch sollte Sorge, wie sie bis Ende des Monats sich durchschlagen Einige Minuten später saß Klara in einem Kaffee- die letztere ja möglichst abgekürzt werden. Aber wovon würde, wovon sie die ungeduldige Wirthin befriedigen feller und durchflog das„ Intelligenzblatt". Schock- und in aller Welt sollte sie indessen leben? Etwa vom solle, zurück. Jezt wird sich schon alles ändern. Sie wollte gehen. Mandelweise, ja zu Hunderten wurde hier die Waare Nebenerwerb", wie es versteckt aus den meisten AnArbeitskraft an- und ausgeboten. Sie kannte zwar deutungen und Redensarten herausklang. Zu oft hatte" Noch einen Augenblick, Fräulein". Herr Schulze diesen modernen Sklavenmarkt sehr genau, auch ein ge- sie schon solche Rohheiten und Gemeinheiten, denen die trat sehr nahe an ste heran„ Sie werden gewiß einen wisses Mißtrauen erfüllte sie nach ihren Erfahrungen hungernde und arbeitsuchende Fabriksklavin in unserem Vorschuß brauchen, er steht Ihnen heut Abend in meiner Sie gegen diese verlockenden Offerten, allein wer weiß, herrlichen Wirthschaftssysteme ausgesezt ist, anhören Wohnung, oder in der Ihrigen zur Verfügung einmal fann, muß sich doch etwas finden. Nachdem sie müssen, um hierüber noch empört zu werden. verstehen mich ja! Nicht wahr?" sich ein Dußend der Stellen notirt hatte, machte sie sich Welche Löhne man ihr bot, wie man auf ihre auf den Weg. Armuth und Verzweiflung spekulirte, welche Vertraulichkeiten" man sich erlaubte! Wie der Sklaven händler in Afrika taxirt man die Kraft der Arme, und des Körpers, die Hüften und die Brüste. " Ob sie ihn verstand, er sagte ihr ja ganz deutlich, was ihr andere schon hundertmal versteckt angedeutet Das Menschengewühl, das sich jetzt in den großen hatten. Am liebsten hätte sie ihm in sein feistes, erVerkehrsstraßen nach allen Richtungen hin vertheilte, in regtes Gesicht gespuckt, aber sie blieb ruhig. Ohne ein alle Gassen und Hausthüren verlief und doch nie ein Wort verließ sie das Komptoir. Das unsäglich bittere Ende nahm, machte den Eindruck eines dunklen AmeisenDer Mittag war längst vorüber, sie hungerte, aber Gefühl, das sie erfüllte, löste sich in dumpfe Verzweiflung, schwarmes, den die Frühlingssonne oder der Fuß des die letzten fünf Pfennig mußten für das„ Intelligenz- in hoffnungslosen Ekel auf. Wen sollte, wen konnte sie Wanderers an die Oberfläche des Baues gelockt hat. blatt" aufgespart werden. auch anklagen, gegen wen toben und wüthen? Dem Wie hastig, athemlos alle an ihr vorbeijagten!- Klara Um 4 Uhr stand Klara unter der wartenden Schaar Hauptschuldigen, dem herrschenden Wirthschaftssysteme kannte die Hungerstärke des Kapitals, welche diese der Arbeitslosen, welche in der Zimmerstraße um diese konnte sie doch nicht zu Leibe. Massen zu fieberhafter Heze antrieb, nur zu gut, so gut Beit tagaus tagein anzutreffen ist. Beim ersten Blick, Lange durchirrte sie die Weltstadtstraßen, unschlüssig wie die elenden Brotmahlzeiten von Lohn, welche diese aber- den sie hastig unter einer Straßenlaterne in das Blatt was sie beginnen, wohin sie sich wenden solle. Erst der tausende von Schlachtopfern zum wahnsinnigen Wettrennen warf, fiel ihr eine Annonce in die Augen, worin das Gedanke an die Kellerwohnung in der Vorstadt draußen verlockten. Heute beneidete sie alle, rannten sie doch große Kaufhaus von Müller u. Schulze sofort mehrere riß sie aus ihrem Hinbrüten. Blieb ihr denn etwas nicht wie sie ins Ungewisse. Verkäuferinnen" verlangte.„ Meldungen von 5-6" anderes übrig, als zu ihr zurückzukehren? hieß es am Schlusse. Als„ Verkäuferin"? daran hatte sie noch gar nicht gedacht. " 1 Obschon es kaum 7 Uhr war, fand sie die ersten Stellen besett. An einigen wurde ihr bedeutet wieder zu kommen, weil dieser und jener, welcher zu befehlen Klopfenden Herzens stand Klara nach einer halben hatte, noch nicht da oder gerade beschäftigt sei. An anderen Stellen vertröstete man sie auf später, auf eine oder mehrere Wochen. Der Kapitalist hatte es eben gar nicht so eilig, als man nach dem„ Sofort" der Annon zen annehmen mußte, er wollte erst ruhig das Angebot abwarten, unter Umständen kann das sehr profitabel werden, und zu leben hat er ja. Was inzwischen aus den Arbeitsuchenden wird, scheert ihn wenig, sie hungern eben noch einige Wochen länger. Klara begann muthlos zu werden, als nach einigen Stinden ihre Vakanzenliste erschöpft war und das„ Besett"," Besezt" fein Ende nahm. Die weiten, in Hast und Eile zurückgelegten Wegstrecken hatten sie ermüdet, sie war hungrig geworden, die Erfolglosigkeit hatte sie zaghaft gemacht. 11 Der Hunger und die schneeige Kälte des Winterabends, die Ermattung nach der langen Tageswanderung und dann die jüngste Erregung hatten ihre Kräfte aufs Aeußerste abgespannt. Zu vollkommener Willenlosigkeit hatte sich ihre Nervenerschlaffung gesteigert. Stunde vor dem großen, glänzend erhellten und dekorirten Schaufenster des Müller u. Schulze'schen Bazars. Klara schlug den Weg nach ihrer Wohnung ein. Mehrere Equipagen und Droschken hielten neben dem Trottoir am Eingange. Ein Schwarm von„ Verkäufern" Immer ruhiger wurde sie, je weiter die flammenden und Verkäuferinnen" bediente die zahlreichen Kunden Lichterreihen der Innenstadt hinter ihr lagen, je mehr in den verschwenderisch ausgestatteten Räumen. Alles der laute Lärm der weltstädtischen Vergnügungszügler athmete Reichthum und Ueberfluß. Wie fein und elegant in der Ferne erstarb. selbst die„ Ladenmädchen" aussahen, die wurden sicher Erst als sie wieder den großen, dunklen Vorstadtauch anständig gelohnt! Klara wurde ganz zaghaft. hof vor sich liegen sah und nach den hellerleuchteten Schließlich trat sie ein. Hunderten von Fenstern emporschaute, die ringsum durch Ein Kommis empfing sie sehr zuvorkommend, drehte hie Finsterniß leuchteten, tauchte auch das Hoffnungslose ihr jedoch sehr flegelhaft und geringschäßend den Rücken, und Verzweifelte ihrer Lage, wie am Morgen, von als er den Grund ihres Kommens erfahren hatte. Einige neuem vor ihr auf. " Minuten blieb sie den Seitenblicken des bedienenden Wie alle Tage berichtete Klara auch heute der Damenflors" ausgeseßt, dann wurde sie zum Eintritt mürrischen Wirthin über ihre vergeblichen Bemühungen, Langsam durchschritt sie jetzt, den Kopf voller Pläne in ein Nebenzimmer aufgefordert. Ein Dugend Schreiber aß und trank sie gierig das Wenige, das sie hingeschoben und Entschlüsse, die Straßen, welche die Wintersonne unterbrachen ihre Thätigkeit und schauten ihr spöttisch erhielt, legte sie sich mit Schaudern, des kommenden mit heiterem Glanz übergoß. Auch jetzt wogte eine lächelnd nach, als sie nach dem letzten Zimmer, dem Morgens gedenkend, auf ihr ärmliches Lager. Albert Auerbach, Berlin S., Rottbuser Damm 7. Schuh- und Stiefel- Lager für Herren, Damen und Kinder. Reelle Bedienung. Feste Preise. W. Gründel's Restaurant ( früher: R. Wendt.) Dresdener- Strasse 116. Arbeitsnachweis und Verkehr der Buchbinder, Schlosser, Drechsler, Maler, Töpfer, Stellmacher, Sattler und Gärtner. Reichhaltiger Frühstücks-, Mittags- und Abendtisch. Borzügliches Weiß- und Bairisch- Bier. 2 Billards. Saal zu Versammlungen. Fernsprech- Anschluß. Amt 9a. Nr. 578. Rum, Punsch, Glühwein Flasche 1,50 Mt. Ingwer, Pommeranzen, Luft Liter 1, Mt. Mediz. Ungarwein Fl. 1,50 u. 2 Mt. 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