Berlinkr u libüiif. Sozial-Politisches Wochenblatt. Die„Berliner Volks° Tribüne" erscheint jeden Sonnabend früh. �bonnementspreis für Berlin monatlich 50 Pf. pränumerando(frei in's kjaus). Einzelne Nummer 15 Pf. Durch jede Post-Anstalt Deutschlands zu beziehen,(preis viertelj. 1 Mk. 50 Pf.) Redaktion und Erpedition: SO.(26), Elisabeth-Ufer 55. Ausgabe für Spediteure: „VoHSblatt", Beuthstr. 3. Inserate werden die 4 spaltige Petitzeile oder deren Raum mit 20 Pf. berechnet. Vereins-Anzeigen: 15 Pf.— Arbeitsmarkt: 10 Pf. Znseraten-Annahme in der Expedition: Elisabeth-Ufer 55. Die„Berl. Volks-Tribüne" ist unter Nr. 893 der Jeitungs-Preisliste eingetragen 49. Sonnabend, den 5. Dezember 1891. Y. Jahrgang. politische Notizen.— Die Ethik de» Zozialism«». — Zur Landagitation.— Die christliche Kirche und die Lehre Aes«.— Verschiedene». Gedicht.- Feuilleton.— Die soziale Lage der Fabrikarbeiter.— Eine sozialpolitische Entdeckungsreise.— Deutscher Reichstag. Politische Notizen. — Ueber die auswärtige Lage machen sich die Bierbankpolitiker seit der Revue von Kronstadt allerhand Gedanken. Wir haben es natürlich für überflüssig ge- halten, allen den Unsinn hier zu reproduziren, der darüber geschrieben ist; derartige Champagnerfeste haben ebenso wenig Bedeutung, wie die Reisen des Herrn Giers. Die wirklichen Dinge werden durch Gesetze bestimmt, die man studiren muß, und nicht durch Zufälligkeiten. Und so bleibt denn vor und nach der Reise des Herrn Giers, den Friedenserklärungen sämmtlicher Premierminister und dergleichen, die Sachlage genau so, wie wir sie'früher, geschildert haben. Das wird auch durch die Auslassungen> Caprivis im Reichstag wieder bestätigt. Zu ähnlichen Schlüssen, wie wir Sozialdemokraten, kommt in dieser Angelegenheit eine soeben erschienene Broschüre:„Un petit rnot avant le troisierne acte" par Dernophilos. Nach einer Schilderung des bisherigen Borgehens Rußlands, wo es als Hort der Reaktion gegen die Revolution beständig seine Macht gestärkt hat. schildert sie die Konseqnenzen eines Krieges zwischen Zweibund und Dreibund: Im Fall, daß der Letztere siegte, die Vernichtung Frankreichs und eine Schmälerung Rußlands durch Schaffung eines neuen Polen; im um gekehrten Fall die Suveränität Rußlands über Deutsche land, mit dem Erfolg, daß Frankreich zu Boden gedrückt würde, Eroberung Konstantinopels, und Beherrschung ganz Europas durch Rußland. Der Verfasser giebt des- halb seinen Landsleuten den_ Rath, sich von der russischen Allianz zurückzuziehen, Elsaß-Lothringen zu verschmerzen und seine Friedensliebe durch Beginn einer Abrüstung zu dokumentiren, der dann die übrigen zivilisirten Staaten Europas folgen werden. Das Letztere sind zwar schöne Pläne, aber sie werden ja wohl nicht in Erfüllung gehen. Derartige Stimmen zeigen aber doch, wie man auch in den bürgerlichen Kreisen Frankreichs unbefangen denkt. — Ob aus der Mitte des Reichstags ein Antrag über die Aenderung des Verfahrens bei Majestäts- beleidigungen, wie er jüngst in der Presse angekündigt wurde, hervorgehen werde, erscheint noch ungewiß; daß eine Reform in diesem Punkte nöthig sei, unterliegt keinem Zweifel, denn die Majestätsprozesse beginnen sich zu mehren, wie in der Zeit nach den Mordanschlägen auf den ersten Kaiser. Damals, im Jahre 1878, kam auf je zweitausend erwachsene, selbständige, männliche Preußen je eine Person, welche wegen Majestätsbeleidigung in Untersuchung stand. Heute hat die Presse wieder nur zu oft Gelegenheit,' über solche Verhandlungen zu be- richten. Dio Cassius erzählt in seiner„Römischen Geschichte�' vom Kaiser Titus:„Klagen über beleidigte Majestät ließ er weder bei sich selbst noch bei andern Richtern anhängig werden. Was mich betrifft, sagte er, so kann Be- schimpfung und Hohn mich gar nicht treffen. Wüßte ich doch nicht, womit ich mir gerechten Tadel verdient hätte, und lügenhafte Beschuldigungen können mich nicht kümmern.... Die Denunzianten aber jagte Kaiser Titus aus der Stadt fort." Das, war freilich die„verkam- mene" Kaiserzeit, wir stehen natürlich sittlich viel höher.— Es ist auch müßig, an jenes Gesetz zu erinnern, welches die römischen Kaiser Arcadius und Honorius im Jahre 3U3 erließen, indem sie erklärten, wenn jemand unwürdige und vermessene Schmähreden gegen den Kaiser führe, so solle er nicht bestraft, sondern, wenn er aus Unbe- sonnenheit handelte, verachtet, wenn er sich aus Unver- stand verging, bemitleidet, und wenn er vorsätzlich zu kränken suchte, durch die Verzeihung bestraft werden. Naturgemäß leiden unter unfern Zuständen in Bezug bares" liefern können, dann zieht er sein Geld von Heiden, sind; und da es den Arbeitern nicht möglich ist, bei jeder Waare, mit der er handelt, er muß sich nur jedem Bedarf an- Aeußerung immer genau zu unterscheiden, inwieweit sie passen können. statthaft ist, oder nicht, so:allen diese ihnen am meisten, Das verschleiern zu wollen, wäre nutzlos. Die Genanntesten -um B*».«° mm'ch" hu..m.Unb,wch.!°m!-i, Dummheit, bei der er sich eigentlich gar Nichts weiter Wir wollen Alle leben und Jeder muß sich einzurichten suchen, gedacht hat, schon mit langem Gefängniß und Vernichtung so gut er kann. Si es MaKsa«ftP« oft schon Unglück ,n dieser Hinsicht gehabt. seiner Existenz hat er nicht einmal sich genützt. Die kapitalistische Welchen Zweck hat nun eigentlich die Verfolgung Preßmache hat uns vollständig widerstandslos gefunden.„Friß diejenigen armen Teufel bestraft, die ihren republika- gentheil. Ist er auf der schicfenen Ebene endlich herunterkommen, Nischen Ansichten ungeschickten Ausdruck geben, rottet man gestrandet, dann registriren wir ihn noch als den— sogenannten diese Ansichten doch nicht aus. Sie können nur den Redakteur!!" Zweck haben, den die Verfolgung jeder gewöhnlichen Be 4)'cr'J| coaf ehrliche Gestandniß � und auch das Jus- leidigung hat: die Persönliche Ehre vor ungerechtfertigten Zeigen der Ursache, weshalb es so ist. Der Schriftsteller Angriffen zu schützen. Das ist aber die Sache des an- mu!?.'"1". 5.� verkaufen, um zu leben, und wenn gegriffenen Individuums, weßhalb bei gewöhnlichen Be-" st"" Arbeitskraft an eine Ueberzeugung knüpft, so ist leidigungen Strafantrag der Beleidigten nothwendig ist. f""""""("stsltche er 1 verhungern. Deshalb sollte auch eine Verfolgung der Majestätsbelei-"8nß, Vogel, oder stirb, heißt es digungen nur auf Antrag des Kaisers stattfinden. 6ttten unsere �eser, diese Au»stihrungni des In einem aufgeklärten Staat versteht sich das von �chr>ftstellerorgans mit dem Artikel von Belfort Bax zu stldst. Da wird sich die Regierung sagen: weshalb fall ben mw gleichjaBin M« Nummer bnngen. man unnütze Erbitterung erregen und Leute wegen einer nu�( st Öussluiitichen aüer Jbealismus, aller bloßen Dummheit, die sie einmal begehen, so hart strafen?. � Charakterstarke nichts kann ,hn vor der Bei uns aber besteht die Kunst gerade darin, daß man �rlumpung bewahren, als höchstens ern Radikalmittel: Die Leute mit aller Gewalt erbittert, und sie, auch da, Mit vollem Recht spricht man von wo es gar nichts nutz' ist, gegen die bestehende Ordnung körperlich und der geistig aufreizt. Daher die Stärke der Sozialdemokratie in �rvitituirte leben von dem verkauf ihrer Ehre. Deutschland.-- k. Wir sind weit entfern von pharisäischen Vorwurstn. - Wir erwähnten kürzlich die Zustände der d'- man so oft hört. Diese unglücklichen Opfer der Ge- deutschen Schriststellerwelt. Wir finden nunmehr in stllschaf. sind zu bedauern, mehr zu bedauern, wie der einem neuen Fachorgan,„das Recht der Feder", einen ärmste Prolettirier; denn der kann doch wenigstens noch „Ueberzeugung und Ucberzeugungstreue sind nun einmal ganisation. Selbst gesetzt den Fall, daß trotz der bis- Dinge, deren Slärke oder Schwäche meist abhängt vom Be- herigen schlechten Erfahrungen eine solche möglich wäre; finden des Magen. Da wird man es in unserer Zeit der rück- die aehoffte Wirkung kann sie doch nicht haben. Die - zzrer* t gemeinen Korruption ebenso angefressen ist, wie alle übrigen Er- sich die unwürdige äußere Stellung des Standes heben, werbe. Am Ende will auch der Journalist leben und für jeden der schamlosen Ausbeutung eine gewisse Beschränkung Sogleich kippt man ja nicht um. Man thut zunächst nichts wo alle Ketten fallen. Erst wenn einem Jeden die gegen seine Ueberzeugung, man arbeitet lediglich für ein Interesse, Existenz durch ehrliche Arbeit garantirt ist, kann ein ZWLWIiSrs?» Gretchen, mit einem heimlich an und schließlich kennt man Be- Hältnissen Nicht allem da; was von ihm gilt, gilt gleich- denken überhaupt nicht mehr. mäßig von dem größten Theil der Gebildeten, welche im d da kannst du nur Geschäfte machen, Arbeit finden, wenn du Flugblatt„Die Reform" eines orthodoxen Geistlichen� hplll ittiS Sövm* v*a Cifi rv c---"''" � � mM» in dem und dem Sinne thätig bist. Jeder macht das generali ter welches das„Hamb. Echo" abdruckt: st""st?b und glücklich der, dem die Eierschalen der„Auf der Universität lernen die jungen Theologen, daß alten Journalvienmoral nicht mehr ankleben, der als ganzes Theologie und Saufen und H.... lieber singen sich vortreff- Kind seiner Zeit nch der Preßindustrie in die Arme ge- uch mit einander vereinigen lassen. Was gehört nun dazu,. (norfni hat wenn der junge Mann als Pastor seiner Gemeinde Buße vredi- itet stch, eine Ge,ninuna überhaupt zu verrathen. So soll und einen Glauben, der die Welt überwindet? Dies -vt-ir. icnd geht, drückt er sich im Feuilleton, oder im lokalen lheologische Studium ist die allerniederträchtigsle Theil herum, wenn das Blatt eine politische Tendenz vertritt. Heuchelei, die es giebt. Es ist dazu da, um als ab- Was die Andern m den anderen T-heilen des betreffenden Blattes schreckendes Beispiel zu dienen, wie die Theologen nicht sein thun, das verpflichtet ihn zu Nichts. Tritt dann die Frage an sollen. Es ist aber auch dazu da, in der Gemeinde den Eindruck ihn beran, eine verantwortliche Stellung einzunehmen und eine schaffen, daß die Pastoren nicht aus Ueberzeugung, GZcnbcnA mit icincm 9�Qmpn hpw-rofnv»«v<* c �.. � j-—.................— i•,| ujiuet.ii u in I ui u n u 1 1 et) e n e IU 1 11 11 4 s 141 111411 4111s ui-van- ob ein wenig zuwarlen nicht vielleicht noch eine bessere Stelle gelium predigen. Das jetzige Studium der Theologie ist bringt, ob es schon rathsam ist, sich" die weitere Laufbahn zu Cii,e Beleidigung des Ehristenrhums und eine Zerstörung unserer erschweren.--—-'' 2 r',........—"""14 �,1414111111 4111411114 iiiiicu iinu ciiii: 11, trfiattcn um �anMichen Gewlijnes willen W 'Ol Gemeinden. Wenn man sich Jo auf den Beruf der Pastoren laviuemum. Wenn man I'w au, ven-oeruf oer-paiwren Das ist heutzutage klug, wenn man nicht will, daß das vorbereitet und der schwarze Rock schließlich alles wieder aui bekannte Wort, das den Journalisten als einen„Hungerkandi- macht, dann sagt der Laie stch:„Kann man sich fo mis den baten" charakleristren zu können glaubte, aui eiaene Person nickt-----,.............. � charakterisiren zu zutresse. Hungerkandidat!— sein-'' 8W6te, auf eigenePeffon nicht H�cll'�be�enP uckT b�@='eib"TeA''�a'nb:; -............&'itc6er�ngn%'1%%T hdfnT�t,-"'Ä'mau deutsche Kultur in Afrika per- »W:»rag%&K zählte er dem dortigen Kolonialverein u. A., wie er, um zu seinem Ziele zu gelangen, verschiedene friedlich neben einander wohnende Stämme gegen ein- ander„aufgehetzt" habe, indem er dem einen Stamm über die Absichten des anderen etwas „vorlog". Weiter soll nach dem„Rhein. Kurier." Morgen wörtlich gesagt haben:„Ich habe mich nun drei Tage in das Land gesetzt, sämmtliche Dörfer niedergebrannt. Im Allgemeinen geben meine Jungens keinen Pardon mehr." Nach dem„Hann. Kurier" nennen die Eingeborenen von Kamerun Herrn Premierlieutenant Morgen den„weißen Teufel". Und das erscheint nicht nur dem Herrn Premier- lieutenant selbst, sondern auch einer großen Klasse von Menschen als ruhmwürdig, damit prahlt man! — Kein Nothstand! Der„Freisinnigen Zeitung" entnehmen wir folgende Notiz: „Auf das Champagnertrinken in Offizierkasmos wirft das nachstehende Inserat, welches wir in der Nr. 270 der„Strand. Neuesten Nachrichten" vom 18. November entnehmen, ein interessantes Schlaglicht. Die Annonze lautet wörtlich: „8000 Champagncrflaschen werden im Ganzen oder Theilen billig abgegeben. Kellerei Offizier-Kasino am Broglie." Außer dem hier genannten Offizierkastno befinden sich noch einit: andere Offizierkasinos in den Kasernen in Straßburg." Dafür wurde auf einer Zusammenkunft der Berliner Roßschlächter festgestellt, daß vor wenigen Jahren bloß ein halbes Dutzend, jetzt aber 40 Roßschlächtereien in Berlin existiren. — Kein Absatz für schlechte Lektüre? Das „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" enthält in Nr. 242 folgendes Inserat: „Wir beabsichtigen, Bismarck' s gesammelte Werke, 9 Bände in 2 Prachtbänden, Borrath ca. 3000 Exemplare, inkl. Verlagsrecht und Matrizen, sehr billig zu verkaufen. Alfted H. Fried u. Co." Daß die Werke des„Nationalheros" bei Fried u. Co. erschienen, war schon eine gewisse Ironie des Schicksals. Ueber den Verlag brachte vor etwa einem halben Jahre der„Reichsbote" eine entrüstete Philippika, weil er so frivol und unsittlich sei— er giebt eine „Kollektion Figaro" heraus, in welcher Paul de Kock brüderlich neben Leo Tolstoi erscheint. Die Bismarck'- schen„Werke" waren auf dem allerniederträchtigsten Zeitungspapier gedruckt, und billiger, wie sie der Trödler liesern kann. Es muß wohl kein Geschäft damit zu niachen gewesen sein. — In einem großen Streit stehen die Bergarbeiter im nördlichen Frankreich. Sie verlangen den Acht- siundentag und einen durchschnittlichen Tagelohn von 5,5 Frcs., und außerdem Befreiung von der halben Hörigkeit, in der sie sich befinden. Wer nur im geringsten den kapitalistischen Interessen zuwiderhandelt, ist in dem ganzen Distrikt bei allen Gesellschaften geächtet und findet nirgends Arbeit, so daß die Führer der Bergleute sämmtlich Nicht-Bergleute sind. Die Gesellschaften haben den Lebensmittelverkauf durch eine Art Konsumverein in der Hand und erklären jetzt, daß die Strakenden keine Lebensmittel bekommen u. s. f. Basly hat die Sache in der Kammer zur Sprache gebracht: „Er beschuldigte die Gesellschaften, die Arbeiter zu Einzel- streiks zu treiben, um die Fachkassen zu ruinireu. Die bestehen- den Knappschafts-, Alters- und Krankenkassen seien schlecht ver- waltet; man ziehe den Arbeitern zwanzig Jahre lang drei Pro- zent von ihrem Lohne ab und könne sie dann entlassen, ohne' ihnen etwas von dem eingezahlten Gelde zurückzugeben. Die den Fachvereinen angehörenden Arbeiter würden shstematisch verfolgt. Die Verwaltungen verausgabten dl: Krankenkassen- gelber der Arbeiter für Messen, Kerzen, Läuten u. dcrgl., wenn sie es nicht, wie ein kürzlich verhandelter Prozeß beweist, für sich selbst behielten. Eine Gesellschaft habe einer Wittwe, deren Mann im Bergwerk umkam, die Pension verweigert; wenn die Frau klage, so laufe sie Gefahr, daß ihre beiden in der Grube beschäftigten Söhne entlassen würden. Der Redner erwähnte Fälle, wo Bergleute durch die Schuld der Gesellschaften verletzt wurden und die Staatsanwaltschaft trotzdem die Strafverfolgung ablehnte. Die Gesellschaften handelten bestandig gegen die be- stehenden Berggesetze, und darum solle die Regierung von den Aniftln 49 und 50 des Gesetzes von 18)0 Gebrauch machen und die Bergwerksbewiebe in eigene Verwaltung nehnien. Baolp stellte cin-n Antrag in diesem Sinne, außerdem hielt er die Forderungen der Bergarbeiter bezüglich des Achtstundentags und Lohufeststellung aufrecht und drohte mit„gewaltsamen Entschlüssen", falls die Wünsche der Bergarbeiter nicht erfüllt würden." — Ueber die Vorgänge in Brasilien haben wir .wch nichts berichtet, weil die Dinge bis jetzt noch zu unklar waren. Nach der Vertreibung des Kaisers ent- wickelte sich ein großartiger„Aufschwung", ick est Schwindel, woraus wohl zu schlkeßen ist, daß die Revolution von den„aufschwungs" lüsternen Jobbern ge- macht ist. Nachdem die Republik eine Zeit lang bestanden hm, wirft der damalige Macher die Sache wieder über den Haufen und erklärt sich zum Diktator. Wir finden nun in amerikanischen Blättern folgende Erklärung: Als die ersten Nachrichten von Fonsecas Staatsstreich aus Brasilien kamen, war es klar, daß demselben ohne Zweifel wirth- schaftliche Ursachen zu Grunde liegen. Die Kaptlalisten hatten mit gcöorgtem Geld und selbstfabrizirtem Papiergeld einen großen„volkswirlhschaftlichen Aufschwung" in Sccne gesetzt, daß es zu dem Krach nicht mehr weit hin sein konnte. Es erhellt nun, daß der Kongreß diese Krists verhüten wollte, indem er sich den Spekulanten widersetzte. Dafür wurde er von Fonseca gesprengt. Der Mann ist also nichts anderes als der politische und militärische Geschäftsführer der Fiuanzschwindler. Einer Depesche zufolge kam diese Speiulantcnbande in Geld- Verlegenheiten, was auch ganz natürlich ist. Denn einmal auf der schiefen Ebene der Währungsverschlechtcrung angelangt, giebt es kcln Halten mehr. Fonseca ließ sich voil seinen Freunden, deren Führer Ray Varloso ist, bestimmen, der Mayrinck'schen Bank ein Privilegium zur Ausgabe von 24 Millionen Ccntos (etwas über eine Million Dollars) uneinlösbaren Papiergeldes zu bewilligen. Dieses Papiergeld wurde unter Fonseca's Freunde zur Gründung abenteuerlicher Handelsgeschäfte und zur Unter- nehmuug gewagter Spekulationen ertheilt. Die Mayrtnck'sche Bank hätte nach dem Gesetze für ein Drittel des auszugebenden Notenbetrages Gold als Deckung in ihren Gewölben haben müssen: aber Barlosa benützte diese Deckungsmittel ebenfalls zu Spekulationen. Der Finanzminister Jucena hat dies eitlem Komitee der Deputtrtenkammer offen be- kannt und dabei zugleich gestanden, daß die Regierung nicht ein Drittel Golddeckung für ihre Papierausgaben besitzt, sondern nur ein Zwanzigstel. Die Mayrinck'sche Gesellschaft verlangte indeß immer mehr Papierausgabe und zwar darum, weil der„Ring" der Mayrinck- schen„Bamca da ßepublica" viel Geld schuldet und die frisch auszugebenden Noten an die Mitglieder des„Rings" als Dar- lehen vertheilt werden sollten. Der Kongreß lehnte dies Ansinnen mit 112 gegen 35 Stimmen ab. Nun verschwor sich die Gesellschaft der Mayrinck'schen Bank zum Sturze des Kongresses; der Regierung die Fortsetznng des Papierschwindels nicht zu gestatten, war seine erste mannhafte That gewesen; denn bis dahin hatte er sich nichts weniger als rühmlich ausgeführt, in allen wichtigen Fragen sich dem Gebote Fonseca's und dessen militärischer Stützen unterworfen. Nach dieser Darstellung hätte Fonseca also die Diktatur nur zu deni Zwecke ergriffen, um seinen durch Finanzspekulationen in die Klenime gerathenen Freunden mittelst Fortsetzung des Papicrgeld-Schwindels aufzuhelfen. Wie er dabei mit der Armee fahren wird, deren Sold und Gehalt durch die Münzverschlechte- rung zusammengeschrumpft ist, wäre eine andere Frage. Er würbe sie durch Extralöhnungen an sich zu fesseln baben. Der Bericht, wenn er wahr ist— daß bereits eine Anzahl Garni- sonen von ihm abgefallen sind, läßt jedoch vermuthen, daß der Diktator diesen Schachzug verabsäumt hat. Der Aufstand in Chili ist von den besitzenden Klassen an- gezettelt und von den englischcit Kapitalisten ünterstiitzt worden. Dagegen nehmen die Engländer jetzt Partei gegen Fonseca; wahrscheinlich, weil der Sieg der dortigen Jobber mit dem schließlichen Krach wieder einen großen Haufen englischen Kapitals wegfegen würde und weil dem englischen Handel Schaden aus dem von Fonseca mit den Bereinigten Staaten abgeschlossenen Gcgenseitigkeits-Bertrag droht. In Europa ist die Bourgeoisie höchst konservativ; ans diesem Kontinent aber kommt es ihr nicht darauf an, zur Wahrung und Förderung ihres Profits einen Umsturz zu insceniren. Der- gleichen kann sie sich gestatten bei einem so rückständigen Pro- letariat, wie das in den südamerikanischen Ländern. Einige Provinzen haben sich bereits von der Re- publik losgerissen; vermulhlich fällt das Ganze bald ans- einander, und dann sind die europäischen Kapitalisten, welche der Schwindelbank ihr Geld geliehen haben, noch mehr geprellt, als in Argentinien. Südamerika ist jetzt für Europa das Land, wohin sich die ungesunden Säfte, welche durch die Ueberproduktion erzeugt werden, hinziehen. Ohne diese gutmüthigen Süd- amerikaner, welche vermittelst des grandiosesten Schwindels den europäischen Kapitalisten das Portemonnaie erleichtern, würden wir völlig ersticken in unserem Reichthum. Nun, es ist nur noch eine Frage der Zeit, dann wird das Sicherheitsventil geschlossen; die Vereinigten Staaten werden allmählig ganz Südamerika sich einverleiben. Was die europäische Gesellschaft dann in ihrem ernbaras de richesse anfangen wird, ist räthselhaft. Vielleicht hat sie Glück in Asien. Trotz der kritischen Zeit scheint sich für Persien eine Schwindelära vorzubereiten; so wurde vor einigen Tagen in Wien eine„Aktiengesell- schaft für Beleuchtung und Heizung in Persien" ge- gründet. Unglaublich, aber wahr. So lange, wie es geht, geht es, und deshalb geht es so lange, wie es geht. „Die Ethik des Sozialismus". Von B elf ort Box(in Hyndmans„Justice"). Jrrthümer sterben langsam. Die Unumschränktheit des ethischen Individuums scheint noch da Vertheidiger zu finden, wo die Unumschränktheit des ökonomischen Individuums bereits aufgegeben ist. Der Sozialismus proklamirt die Wiedergeburt des Individuums in und durch eine wiedergeborene Gesellschaft. Für den So- zialismus giebt es keine wirksame Moralisirung oder Er Hebung des Individuums, welche nicht das Resultat veränderter ökoliomischer und gesellschaftlicher Be- dingungen ist. Das Jndividnum, als Ausdruck des sozialen Lebens. in welches es eintritt, kann weder moralisch noch intellektuell von ihm getrennt werden. Es ist eins mit ihm. In- dividuum und Masse sind die untrennbaren Elemente des Einen Ganzen. Wo man von einem einzelnen Menschen sagt, daß er„seiner Zeit voraus" ist, das kann richtig durch den Ausdruck bezeichnet werden, daß er in seiner Person Gedanken kvnzentrirt und in einem Brennpunkt vereinigt, welche in dem Geist der Masse latent sind, aber keinen deutlichen Ausdruck empfangen haben. Er denkt mit mehr oder weniger Genauigkeit, was sie blos verschwommen sül,len. Die Fähigkeit dazu ist eben so gut ein Produkt der Gesellschaft. Sie ist entstanden, nicht gemacht. In ähnlicher Weise setzt der Besitz eines festen moralischen Rückgrats entweder voraus, daß der Mann als ganz eigenartiges Wesen unter aus- nahmsweise günstigen Bedingungen aufgewachsen ist; oder, wo das nicht der Fall ist, ist es das Resultat eines Atavismus, eine Rückkehr zu einem früheren Typus, dem Produkt anderer Umgebungen, als der gegenwärtigen. Sittlichkeit im praktischen Leben bedeutet im Grunde die Gewohnheit, die persönlichen Interessen mit den ge- sellschafilichen in Uebereinstimmung zu setzen; die Selbstgenügsamkeit außerhalb oder sogar im Gegensatz zum unmittelbaren Selbstinteresse. Dieser Charakter kann kann nur zerstreut vorkommen in einer Gesellschaft, wo die unmittelbaren thierischen Interessen, bei der Unfähig- keit, sie zu befriedigen, eine u.-.gedührliche Wichtigkeit er- langen und wo die einzige Möglichkeit, diese unmittel- baren Eigeninteressen zu befriedigen, in der erfvlgrelichen Verletzung der gesellschaftlichen Interessen liegt, kurz, wo man einen nolhwendigen und beständigen Antagonismus zwischen beiden hat. Die Geschichte zeigt den immer erneuten Versuch und das immer erneute Fehlschlagen der Menschheit, eine höhere Staffel zu erreichen durch das Bestreben des Individuums, von innen heraus wiedergeboren zu werden, sein eigenes Heil herauszu- arbeiten ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Be- dingungen. Wie sehr eng die Grenzen sind, innerhalb deren es in der Macht eines Menschen liegt, zu thun oder zu unterlassen, und wie sehr eng die Grenzen sind, inner- halb deren das Individuum seinen Charakter durch eigene Willensanstrengung ändern kann, muß, sollten wir meinen. jedem nur mittelmäßig intelligenten Menschen- beobachter offenbar sein; aber dem Geschichtsforscher ist es sonnenklar, daß Veränderungen des sittlichen Tones Veränderungen in den gesellschaftlichen Verhältnissen folgen, und nicht durch Entschlüsse von Individuen her- vorgerufen werden, welche ihren Charakter reinigen wollen. Das Jnsichversenken mit seiner asketischen Ver- sührung und seinem tödtlichen Verlangen nach Selbst- abtödtung hat einen Ueberfluß interessanter pathalogischer Typen hervorgebracht, aber keine richtige Gesellschaft. Wenn ich das sage, wird man mir wahrscheinlich die gebräuchlichen Argumente betreffs der ersten Christen entgegenhalten, unter denen wir, wie man sagen wird, eine komntunistische Gesellschaft in Verbindung mit einer individuellen und innerlichen Moral haben. Hierauf antworte ich, wie ich schon öfter präzisirt habe, daß der Kommunismus der ersten Christen Mittel zum Zweck war, da das Abgeben der weltlichen Güter eine freiwillige Handlung seitens der Individuen war, und kein Prinzip. Das wirkliche historische Gesicht einer neuen Bewegung ist erst zu erkennen, nachdem sie über die ersten Stadien hinaus ist. Zuerst erscheint sie befangen in den Formen des Ausgangspunktes, von dem sie sich entwickelt hat, und wogegen sie ein Protest ist. Das Christenthum, die nachdrückliche Behauptung des Individuums an sich, der Gegensatz zu den absterbenden Ueberbleibseln des Geistes des alten Stammes- und Stadt-Kommunismus, trat selbst auf die geschichtliche Bühne als kommunistische Religions- gemeinschaft. Aber die Entwicklung des Christenthums zeigte seitdem, daß das bloß zu seiner unreifen Er- scheinungsform gehörte, nicht zu seinem Wesen. Und niemals bildete es einen Theil seiner Grundsätze. Ich weiß, daß viele Leute behaupten, diese Be- trachtungen haben nur theoretischen Werth, aber in Wirk- lichkeit sind sie von der äußersten praktischen Wichtigkeit. So lange die Leute glauben, daß die Hauptentscheidung über alles im Bereich ihres eigenen Charakters als eines losgelösten, freien, liegt, und nicht in den gesellschaftlichen Bedingungen, so lange werden sie lau in ihrem Interesse für die Sache der sozialistischen Umwandlung sein. Nie- mand wird den Werth des persönlichen Charakters unter- schätzen, aber was wir behaupten, ist, daß man seinen Charakter nur indirekt gründlich ändern kann, nicht direkt. Suchet zuerst eine richtige Gesellschaft und ihre Gerechtigkeit, so werden euch alle anderen Sachen zu- fallen._ Zur Kandagitatiou. L S. S. Der Beschluß des Halleschcn Parteitages. unsere Agitation auf das flache Land auszudehnen, hat wie kein anderer die allgemeinste Ausincrksamkeit erregt. Und mit Recht; darüber kann eben niemand in Zweifel sein, daß ohne die Gewinnung der ländlichen Bevölkerung, ivelche noch immer die größere Hälfte der Nation bildet, an eine entscheidende politische Machtstellung unsererseits nicht zu denken ist. Bereits auf allen früheren Parteikongressen wurde dies auch mehr oder weniger entschieden betont; und die Frage, wie und wodurch wir dieses Ziel am schnellsten und gründlichsten erreichen, ist seit länger als zwei Jahr- zehnten lebhaft diskutirt worden. Man lese heute z. B. nur die Verhandlungen des Leipziger Hochverrathsprozesses nach und man glaubt sieb mitten in die heißpulsirendste Gegenwart versetzt, wenn man in jedem Abschnitte des Berichts der starken Be- tonung des„Hinaus auf's Land!" seitens unserer Ge- nossen begegnet, wenn u an beobachtet, welche Bedeutung Staatsanwalt, Richter und Geschworener gerade diesem Punkte der Anklage beilegten, zu welchen Wnthausbrüchen gerade jener Schlachtruf die bürgerliche Presse gereizt hat. Aber unwillkürlich legt man sich auch die Frage vor, wie kommt es, daß alle dahin zielenden Kongreß- beschlüsse, alle Bemühungen unserer Genossen lange Zeit so ziemlich platonische, beziehungsweise mit verhältniß- mäßig geringem Erfolg gekrönte geblieben sind? Die Antwort ist nicht so schwer, wenn man von der reinen Temperamentsfrage absieht, die ja bei jeder Agitation eine große Rolle spielt. Die überschäumende Begeisterung der Jugend, die für ihr als recht und wahr erkanntes Ideal nicht nur mit allem Feuereifer kämpfen will, sondern auch dessen nahe Erreichbarkeit so gern mit dem Ungestüm ihres raschen Wollens verwechselt und die kühlen Erwägungen des erfahrenen Mannes, der über Menschenbekehrung und Weltenverbesserung gelassener denkt: wo haben die Beiden nicht neben einander be- standen? Hier bleiben wir, wie gesagt, im Dunklen, die Ant- wort wäre höchstens wieder eine— des Temperaments. Dagegen zeigt uns das Problem der Landagitation ein anderes Gesicht, sobald wir dasselbe— im Gegensatz zu jener rein praktisch-agitatorischcn Außenseite— seinem wissenschaftlichen Kerne nach untersuchen. Da heißt es vor Allem eine andere Frage beant- tüotten, die, waren die ökonomischen Vorbedingungen für eine wirksame Aufklärung der Massen auf dem platten Lande vorhanden oder nicht? Mit anderen Worten, hatte die wirthschaftliche Revolution dort den Boden für eine Revolution der Köpfe geebnet oder nicht? Wir sagen, nein, und ein ganz flüchtiger Blick auf die neugeschichtliche Entwicklung des Landes soll dies bekräftigen. Behalten wir eins im Auge: die moderne Arbeiterbewegung. die Sozialdemokratie, ist untrennbar von der kapitalistischen Produktionsweise, grundverschieden von den Klassenkämpfen des Alterthums und der Feudalzeit. Das charakteristische Unterscheidungsmerkmal bildet(die Trew nung des Arbeiters von den Produktionsmitteln als selbstverständlich vorausgesetzt) die Kontraktfreiheit des Arbeiters. Nur dadurch, daß sich die Besitzer der Prodnktions- mittel und j.-ne der bloßen Arbeitskraft als freie. nominell gleichberechtigte Waarenverkäufer gegenübertreten, erhält die ganze kapitalistische Weltordnung ihr Gepräge. Damit soll selbstverständlich nicht, wie aus anderen Motiven von reaktionärer Seite, die Einführung feudaler Zwangs- oder antiker Sklavengesetze befürwortet werden. Aber Thatsache ist es, daß Sklave und Leibeigener(weil sie als rechtlich Unfreie, als sachliches Eigenthum, nur ein Produktionsmittel, wie jedes Zugthier darstellten), einen Werth besaßen, den ein Arbeiterleben heute nicht besitzt. Mit Hilfe der Kontraktfreiheit kann der nicht arbeitende Produktionsmittelbesitzer die fremde Arbeitskraft gegebenen Falles unter ihrem Werth kaufen, d. h. also die Lebenshaltung des Art eiters unter das nothwendigste Existenzminimum drücken, ohne gesetzlich für das hieraus folgende Siechthum oft ganzer Generationen verantwortlich gemacht werden zu können.„Wer zwingt die Leute, um solche Löhne zu arbeiten? Ich nicht, kein Mensch, kein Gesetz!" wäre seine Antwort auf einen solchen Vorwurf. Und er hat recht; nicht er ist der Schuldige, sondern die Gesellschaft, das herrschende Wirthschaftssystem. Um also den Anfängen einer modernen Arbeiteo bewegung auch auf dem platten Lande nachzuspüren, müssen wir in erster Linie das Aufkeimen der kapitalisti- sehen Wirthschast daselbst verfolgen, d. h. der Scheidung der ländlichen Bevölkerung in kapitalistische Waaren- Produzenten und freie Lohnarbeiter, seit Verfall des Feudalismus und Patriarchalismus. Obschon die allgemeine Ausbreitung der kapitalisti- schen Waarenproduktion Jahrhunderte lang das alte Bollwerk der ländlichen Feudalwirtschaft unterwusch und naturgemäß eine langsame Neuorganisation des Ackerbau- betriebes erzwang, datirt sein Zusammensturz doch erst von dem Augenblicke, als die zur Herrschaft gelangte Bourgeoisie die Durchführung der modernen Kultur- erfordernisse in die Hand nahm. Das junkerliche„Bauernlegen" hatte zwar die äußeren Besitzverhältnisfe enorm verschoben, aber den überlebten, mittelalterlichen Charakter der Agrikultur- wirrhschaft nur wenig angetastet. Besonders aber vor einer Lockerung der alten patriarchalischen Rechtsverhält- nisse zwischen Bauer und Knecht, zwischen Bauer und Großgrundher schreckte Jeder zurück. Inwieweit außerdem die Enge der Kleinstaaterei, der unausgesetzte Wirrwarr von Glaubens- und Dynastie- kämpfen jenen ökonomischen Entwicklungsprozeß durch- kreuzten, ihn förderten oder schädigten, sei übergangen. Festgestellt ist, daß eine fortwährende Besitzzersplitterung daraus resultirte, wodurch die feudale Kultur immer wieder über Wasser gehalten wurde. Die ersten schwächlichen Versuche, welche im Anfange dieses Jahrhunderts(das erste diesbezügliche königliche Edikr erschien 1807) gemacht wurden, um den verrotteten wirthschaftliche» und rechtlichen Verhältnissen des platten Landes zu Leibe zu gehen, scheiterten an dem Widerstande der junkerlichen Kamarilla. Diese sorgte dafür, daß die Ausführung jenes und der in kurzen Zwischenräumen bis 1821 folgenden Edikte nichts weiter, als eine grandiose Neuauflage des vorherigen„Bauernlegens" bedeuteten. Dann folgt ein fast 30jäyriger Stillstand in der Agrar- gesetzgebung; die Bekämpfung der aufstrebenden bürger- liehen Demokratie, der Bourgeoisie überhaupt, nahm alle Kräfte des Absolutismus und Feudalismus in Anspruch. Der schließliche Sieg der ersleren gab auch der Agrargesetzgebung einen neuen Anstoß. Die Bourgeoisie nahm'die Leitung der Ablösungsgeietzgebung energisch in die Hand und führte sie in ihrem Interesse durch. Die sogenannte„Separation" bedeutete den Anfang der kapi- talistischen Aera auf dem Lande, denn ihre klar und scharf hervortretende Tendenz war„freie", d. h. von Grund und Boden losgelöste„Hände", und„freie", d. h. durch keine rechtlichen Schranken an die Scholle gefesselte Lohnarbeiter zu schaffen. Allerdings lag der Bourgeoisie anfangs weniger die Einführung der kapitalistischen Wirthschaftsweise auf dem Lande am Herzen, als vielmehr die Ausdehnung derselben in Industrie und Gewerbe. Sie prvletarisirte die Massen und hob die Freizügigkeitsbeschränkungen auf, um neue „Hände" für die aufblühende Industrie zu schaffen. Und wahrlich, ohne jenes Massenangebot von Lohnarbeitern, wie es während und nach Durchfüyrung der Separation stattfand, hätte die deutsche Industrie nie jene enorme Entwicklung nehmen können, die sie seit Anfang der sechziger Jahre genommen hat.— Aber auch die Rückwirkung auf das flache Land, seine wirthschaftliche und soziale Neugestaltung war un- geheuer. Auch dort zeigte sich nach ganz kurzer Zeit das, was die Bourgeoisie„Aufschwung" nennt: die rapide Proletarisirung des Kleinbetriebes, die Herrschaft des großen Kapitals. Die fortschreitende Verallgemeinerung der Lohnarbeit im Ackerbaubetriebe wurde jetzt der Gradmesser für die Ausdehnung des Kapitalismus in der Landwirthschaft. Noch andere Umstände traten hinzu, um alle her- gebrachten ländlichen Wirthschafts- und damit Gesellschafts Verhältnisse vollends zu revolutioniren. Die glänzenden Resultate der im Dienste des Profit- hungerigen Kapitals arbeitenden Naturwissenschaft kamen schnell auch der Agrikultur zu gute. Die bisherigen primitiven landwirthschaftlichen Anbaumethoden und Be- triebssysteme, die ganze Bodenkultur erlitten eine voll- ständige Umgestaltung. Eine Verbesserung jagte die andere, das große Kapital, durch die Aussicht auf reichen Gewinn angelockt, warf sich mit Wucht auf den Ackerbau- betrieb. Der Mensch fing erst beim Rittergutsbesitzer an, die Güter- und Bodenpreise erreichten eine schwindelhafte Höhe, Zuckerfabriken. Brennereien und andere industriell- landwirthschaftliche Nebengewerbe schössen wie Pilze aus der Erde und gaben der Anlage großartiger Molkereien, Käsefabriken und Fleischviehzüchtereien einen festen Rück- halt. Das Land floß buchstäblich über von Milch und — Syrup. Ebenso fühlte sich die große Masse der lebensfähig gebliebenen Bauern eine Zeit lang ganz wohl. Das Steigen ihrer Güterwerthe gestattete ihnen, größeres Hypothekenkapital �aufzunehmen und zur intensiveren Be- wirthschastung ihrer Aecker zu verwenden, deren größere Erträge wieder, mit Hilfe der verbesserten Verkehrswege und Transportmittel, leicht und auch gewinnbringend ab- zusetzen waren. Der Abzug des eigentlichen Proletariats nach den Städten, den wesentlichen Industriezentren, über's Meer, kurz nach überall, wo hohe Löhne lockten, verhinderte eine größere Ansammlung unzufriedener Elemente. Ja, einen großen Theil des zurückgebliebenen Proletariats versetzte das langsame Steigen der landwirthschaftlichen Löhne in einen vollständigen Zufriedenheitstaumel. Auf allen Seiten also eitel„Aufschwung" und Seligkeit,— bis die Krise, in der Mitte des siebenten Jahrzehnts, Allem ein Ende machte.— Wir fragen nun, was hätte zu jener Zeit, als man zwar schon stark an der Wunderwirkung des alleinselig- machenden Kapitalismus in der Industrie zu zweifeln begonnen hatte, aber in der Agrikultur noch mit blindem Fanatismus daran glaubte, eine ländliche Agitation der Sozialdemokratie für einen Zweck gehabt? Den jammervollen feudalen Zwangszuständen gegen- über war das Bischen Freiheit des Kapitalismus eben eine gewaltige Sache. Das sah auch unsere Partei ein und wartete ruhig ab, bis der Rausch verflogen sein würde. Aber noch mehr, das platte Land war damals noch Nebensache; erst galt es das Jndustriepro letariat für uns zu gewinnen, die Städte zu erobern. Die christliche Kirche und die Kehre Jesu. (Aus dem eben erschienenen Buch: Dr. H. Wesendonck „Der moderne religiöse Wahnsinn.") Für uns freilich stehen diese Lehren nur auf dem Papier, wir befolgen sie weder ganz noch halb, sondern garnicht, wir verschenken die irdischen Güter nicht, wie Christus es will, sondern suchen deren möglichst viele zu erlangen, denn die Kirche hat einen guten Magen, kann alles vertragen, wir achten den schnöden Mammon nicht gering, sondern uns sind selbst viele Millionen Thaler in Gestalt von Peterspsennigen und sonstigen Gaben. Kirchen- steuern, Vermächtnissen, auf die wir besonders erpicht sind, u. s. w. durchaus nicht zu viel, oft noch zu wenig; wir verlassen nicht Häuser, Hab und Gut, wir verachten auch nicht die Sorge für den morgigen Tag, indem wir uns etwa auf einen gütigen Gottvater im Himmel ver- lassen, der selbst die Lilien umsonst kleidet und nährt, sondern wir sorgen dafür, daß jeder Pfarrherr und dem entsprechend auch jeder niedrigste Kirchendiener, sein hübsches Pfarrhaus habe nebst Garten, womöglich auch mit Wiesen. Weinbergen. Wald und Feldern, und dazu ein reichliches Einkommen, damit er und seine Nachfolger (oft auch die Nachkommen!) für eine möglichst lange Zukunft aller Sorge enthoben sind und ganz bequem und mit Genuß des Lebens sich freuen können. Wir hassen auch nicht, wie es Gott Christus verlangt, Eltern und Geschwister, Weib und Kinder, selbst wenn sie nicht viel taugen, sondern suchen ihnen, wie uns selbst, möglichst viel Ehre, Ansehen, Macht, einträgliche Aemter und irdisches Gut zu erwerben und das alles in majorem dei gloriam(zur größern Ehre Gottes); ebenso wenig wie die Armuth im Fleische lieben wir die Armuth im Geiste, so sehr sie Christus auch anpreist; wir lernen soviel von dw Wissenschaft, daß wir die Dummen beherrschen können. sonst aber kümmern wir unS um dieselbe keinen Pfiffer- ,ing, sondern hassen sie meistens, da sie uns von Tag zu Tag das Leben und die Beherrschung der Geister schwerer macht. Christus sagt zwar:„Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen," aber damit erreicht man nichts in der Welt, wir predigen dies Goltcswort zwar noch hin und wieder, aber wir selbst hassen unsere Feinde wie den Teufel, wir verfluchen alle Ketzer und Religionshasser, wir verbrennen ihr ketzerlich ruchloses Menschengebein zur Ehre Gottes, wo wir Macht dazu haben, sonst aber suchen wir ihnen Gutes dadurch zu thun, daß wir mit aller Macht streben, sie zu vernichten; das geschieht durch den staatlichen Polizeiknüttel, durch Gefängniß, durch Verrufserklärung(Exkommunikation), oder durch den Unter- oder Oberrock, durch Vernichtung ihrer gesell- schaftlichen Existenz rc. jc. Wenn uns jemand den Rock nehmen will, dem lassen wir nicht noch den Mantel, sondern wir erheben ein Zeter- und Mordgeschrei, als ob die Welt unterginge, wenn jemand uns auch nur einen Hosenknopf oder ein Schürzenband nehmen will. Dann setzen wir Himmel und Hölle in Bewegung, hetzen, bilden Vereine, Parteien, gründen Zeitungen:c.; denn wenn wir uns das Geringste ruhig gefallen ließen, würde es bald aus sein mit unserer Herrlichkeit. Darum wider- streben wir auch dem Bösen nach Kräften, obschon Christus(Matth. 5, 39) sagt, daß man es nicht thun solle. Wir kennen die jetzige Welt besser; wenn man dem Bösen, dem Uebel nicht scharf entgegentreten würde, so hätten die schlimmsten Hallunken auf der Welt von selbst in drei Tagen die unumschränkteste Herrschaft. Wir reichen deshalb auch nicht die linke Backe dar, wenn uns jemand auf die rechte geschlagen hat, sondern wir webren uns wie die Löwen und rächen uns blutig wie die Tiger, wenn jemand sich an der Kirche und an der geheiligten Person von uns Kirchenleitern vergreifen sollte. Christi Wort bleibe in allen Ehren, aber wir haben doch viel schlauer und besser dafür gesorgt, daß uns niemand zu nahe trete, indem wir in den meisten Staaten es durch- gesetzt haben, daß Angriffe auf geistliches Gut und geistlichen Leib doppelt und dreifach gestraft werden. Wir beten auch nicht, wie Christus will, im stillen Kämmer- lein, sondern wir veranstalten Gebete mit großem Pomp, mit feierlichem Glanz und Gepränge und festlichem Ornat in der Kirche, auf Prozessionen, auf Wallfahrten u. f. w., denn das wirkt mehr auf die Massen des Volkes als Christus dies auch nur geahnt hat. Wir wissen zwar, daß nach Christi Lehre beim Almosengeben die linke Hand nicht wissen soll, was die Rechte thut, aber je mehr mir mit Posaunentönen durch Predigten, Zeitungen, Bücher und im Religionsunterrichte der Welt das bischen Gute, was wir ihr mit ihren eigenen, uns zuvor geschenkten Gütern erwiesen haben, lobpreisen, erheben und ver- Himmeln, desto größer und mächtiger wird unser und der Kirche Macht und Ansehen, desto lieblicher strahlt und leuchtet die Gottseligkeit aus unserm Antlitz. Christus sagt zwar: Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebet es, aber wir thun meistens nnd grundsätzlich nichts umsonst. Je theurer das Volk seine religiösen Bedürfnisse bezahlen muß, desto werthvoller sind ihm dieselben. Des- halb nehmen wir auch zu dem Gehalte, das wir beziehen, und zu den Revenuen aus Vermächtnissen, aus Lanö und Feldern noch für jede Taufe, Einsegnung und Vor- bereitung dazu, für jede Trauung, jedes Begräbniß, für jede Leichenrede, für jede Seelenmesse u. s. w. noch extra eine hohe Bezahlung in Anspruch. Nur dort, wo absolut nichts zu haben ist, leisten wir unentgeltlich das Aller- nothwendigste, aber ohne viel Federlesens zu machen. Da wird im Bausch und Bogen Taufe, Begräbnis, Trauung u. f. w. vollzogen und so schnell wie möglich abgemacht. Verschiedenes. — Das Ackerbauministerium in London hat soeben folgenden Ausweis über das angebaute Areal und de« Uiehstand im Vereinigten Königreiche während der letzten zwei Jahre ver- öffentlicht. Angebautes Areal. 1890 1891 Mir Weizen... „ Gerste... „ Hafer... „ Roggen... „ Bohnen... „ Erbse»... , Erdäpfeln.. „ weißen Rüben „ Mangold- wnrzeln.. „ Kohl u. s w.. „ Wicken... „ anderen Grün- gewächscn.. „ Klee und Gras bei Wechsel- wirthschast.. „ beständiger Weide... „ Flachs... „ Hopfen... .. Obstbäumen. Brach gelassen.. A eres 2 483 595 2 392 243 2 300 994 4 137 790 69 458 362 242 220 170 1321 272 2 251 220 378 313 213 165 229 310 130 865 2 298 978 4 128 127 60148 359 039 204 972 1 296 763 2 227 050 406 930 207 260 234 210 Zuwachs Abgang in 1891 Acres 91 350 — 2 016 — 9 663 9 310 — 3 203 15 198 — 24 509 — 24 170 28 617— — 5 905 5 100 138 440 7 575— ö 097 210 6 013 683 27 115 425 99 326 54 555 46 733 524 112 27 587 663 76 475 56 145 60 138 451 203 Stand des Nutzviehes. 1890 1891 83 525 452 238— 22 849 1590— 13 405— 72 809 Zuwachs Abgang in 1891 Stück 61 259 553 828 1 886 793 — 89 276 zeigen die gemeine S t ü ck Pferde..... 1946 911 2 026 170 Rindvieh.... 10789858 11343686 Schafe..... 31 667] 95 33 633 088 Schweine.... 4362040 4272764 Diese Zahlen sind hochinteressant, sie„ gefährlichen Folgen unseres Wirthschafrsshstcms aufs Krassest- Das mit Lebensmitteln angebaute Areal hat überall abgendmmen und dafür nehmen die für Weide bestimmten Flächen zu, auf dem die Landiords ihre Schafe weiden lassen. Die Rente vom Weideland ist eben größer, als die Rente von Ackerland, und der Boden ist ja nicht dazu da, daß sich auf ihm die Menschen ernähren— bewahre I Er ist dazu da, daß er den Landlords Renten abwirst! Also fort mit den Menschen, die diesen Boden bebaut haben, fort mit ihnen übers Meer oder in die Fabriken, als Futter für den Kapitalsmoloch, und Schafe an ihre Stelle! Das ist der Prozeß, der bis jetzt überall stattgefunden hat, wo eine Kultur zu Grunde ging. Die Weiden Spaniens und Italiens, die Einöden Mesopotamiens ernährten früher auch arbeitsame Menschen, und keine Kriege, keine Krankheiten sind es gewesen, welche die Länder zu Wüsten gemacht haben, sondern die alles vernichtende und verschlingende Habgier. — Der schottische Eisenbahnstreik hat E Sauvage zu einer Untersuchung über die Dienstzeit der Cisendahndeamten ia England veranlaßt, deren Resultate wir nach dem„Handels- museum" hiSr wiedergeben: Die Hauptforderung betraf die Verkürzung der Arbeitszeit, und nach einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten englischen Statiüik scheinen thatsächlich die Bediensteten der nordbritischen Gesellschaft bedeutend ungünstiger gestellt zu sein als diejenigen der Nachbarbahnem Anzahl Eisenbahn der Loko- motiv- führer und Heizer 1426 1593 Anzahl der Fälle, in denen diese Beamten im Laufe eines Monates innerhalb 24Stdn. im Dienste waren während Caledonische Nordbritische London u.Nord- West 5652 Nordost 2893 Der Ausstand endigte, ohne daß die Verwaltungen zu irgend welchen Zugeständnissen gezwungen wurden: aber infolge des Ausstandes wurde eine große parlamentarische Untersuchung beschlossen, nni festzustellen, ob eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit der Eisenbahnbediensteten angezeigt erscheint, und be- jahendcnfalls, welche Grenze angemessen ist. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen und soll während der nächsten Tagung fortgesetzt werden. Aus den dem Ausschuß vorliegenden Mit- theilungen stnd u. A. diejenigen des Generaldirektors(general manager) der großen Ostbahn, Herrn Birt, bemerkenswerth! danach beträgt auf diesem Netze die Dienstzeit der Lokomotiv- führer und Heizer der Personenzüge wenigstens 4 Stunden 35 Minuten, längstens 11 Stunden 24 Minuten durchschnittlich 8 Stunden 20 Minuten, derjenigen der Güterzüge wenigstens 6 Stunden 35 Minuten, höchstens 11 Stunden 46 Minuten, durchschnittlich 9 Stunden 11 Minuten, ferner der Zugführer und Schaffner(guards) der Personenzüge wenigstens 2 Stunden 65 Minuten, höchstens 13 Stunden 23 Minuten, durchschnittlich 9 Stunden 36 Minuten, endlich derjenigen der Güterzüge wenigstens 4 Stunden, höchstens 12 Stunden 2 Minuten und durchschnittlich 9 Stunden 19 Minuten. Herr Birt bemerkt, daß sich die Dienstzeit der Angestellten vielmehr aus einer langen Wartezeit als aus wirklicher Muskelanstrcngung zusammensetzt, und schlägt vor, die Dienstzeit, wenn sie durch ihre ununter- brochene Dauer erschlaffend auf den Beamten wirkt, zu verkürzen. _ Die Entlohnung beträgt für Weichensteller ans den schwierigen Posten in und bei London 28—36 sh., für Weichensteller auf leichteren Posten 17—24 sh., für Zugführer und Schaffner 21 bis 30 sh. für die sechstägige Arbeitswoche, ferner für Lokomotiv- führer 5'/,— 7'/, sh., endlich für Heizer 3—41'? sh. für den zehnstündigen Arbeitstag. Reklamation gegen Veranlagung zur Kirchen- ei Monaten vom ersten Tage der |t., grrltn. steuer ist zulässig binnen drei Offenlegung der Heberolle. Reklamation ist beim Gemeinde- kirchenrath anzubringen, gegen dessen abweisenden Bescheid binnen sechs Wochen an das Konsistorium rekurrirt werden kann. Wir rathen Ihnen, nochmals den Gemeindekirchenrarh um Beant- Wartung Ihrer Reklamation zu ersuchen und sich, falls diese nicht bald erfolgt, bei dem Konsistorium über Nichtertheilung des Bescheides zu beschweren. " Berliner Bock-Brauerei™ Telephon-Amt VI. 4419. Tempeliiofer Berg Telephon-Amt VI. 4419. Der Ausstoß unseres neuen, besonders kräftig aus bestem Malz uno Hopfen eingebrauten Doppel-Bser hat seit ca. 14 Tagen begonnen. Wir liefern dasselbe in Gebinden per Tonne.... 24,— Mk. in Flaschen, 20 Flaschen ohne Pfand, gegen Quittung...... 3,—, Probefätzchen für Gesellschaften, '1« Tonne Inhalt...... 3,50„ In Flaschen nur acht, wenn mit nebenstehender Ettquette. Das Doppel-Bier der Berliner Bock-Brauerei ist das beste, kräftigste und malzreichste Bier der Gegenwart. Das Doppel-Bier der Berliner Bock-Brauerei tst nur aus allerbestem Malz und allerfetnstem Hopfen gebraut und mit Reinzuchthefe angestellt. 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Das Ginkleben der Marke beim Kanfen ist Betrug, die Marke muff schon vorher im Hute kleben. — Wir bitten, genau auf den Tert der Marke zu achten— Berlin. 1890.-�ür die Arbeiter der Hutindnstrie: Die Kontrol-Komvlisswn. Der ArtieltS-Nachweis des Fachvereins der Musik- Instrumenten-Arbeiter befindet sich Uaunqnstraße 78 im Restaurant Rohr. Die Adressen-Ausgabe findet jeden Abend von 8— 9% Uhr und Sonntags Bor- mittags von 10—11% Uhr, sowohl an Mit- glieder, wie auch an Nichtmitglicder uiicntgcltlich statt.— Die Bibliothek ist geöffnet jeden Mitt- woch Abend von 8—9% Uhr und Sonntags Bormittags von 9—11'/� Uhr. lhr V V| zu repariren und reinigen kostet vel mir unter Garantie des Gutaehens nur 1 Mk. 50 Pfg.. außer Bruch, kleine Reparaturen billiger. Neue Feder einsetzen 1 Alk. Empfehle stlb Zylinder- Uhren von 6,7 u. 8Mk., silb. Remontoir-Uhren von 13, 14 u. 15 Mk., gold. Damen-Uhren von 18 Mk. an, Regulatoren von 10 Mk. an. Gr. Lag. v. Nickel-,' Talmi- u. Golb-Double-Ketten. R. 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Bennigsen u. s. w. u. s. w. Das Buch, welches in keiner Arbeiter- bibliothek fehlen sollte, ist 620 Seiten stark und kostet elegant gebunden 2,60 My broschürt 2,20 M., in 11 Heften ä 20 Pf. Zu bezieheu durch alle Buchhandlungen, sowie auch durch die Expedition ds. Bl. Für Wiedervcrkäufer lohnenden Rabatt. Nürnberg. Wörlein u. Co. Empfehle Freunden und Genossen mein reich- halttges Lager von Zigarren u. Tabake. Daselbst Zahlstelle des Mctallarbeiter-Vereins und der Gürtler-Hilfskasse. Haupt-Agentur der Berliner Feucr-Versicherung. Otto Klein Kottbuscr Damm 14, krüher Ritterstr. 15. Krambwderei«. Klumeuhandlg. von j. Meyer Berlin SO., Wienerstratze 1, (in der Ecke bei der Manteuffelstraße). Keka«ntei'Vr-ise. Auch versandt. Pünktlich und gut. Fernsprecher, Amt IX, 9482. Hut-Fabrik 1. Geschäft: Kliicherstraße 11, 2. Geschäft: Drrsbrnerstraße 133(zwischen 'Oranienplatz und Kottbuser Thor).. Wilhelm Böhm. Sämmtliche Hüte mit Kontrolmarken.- Gr. Lager in Schirmen und Filzschuhen. 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Allen Parteigenosten empfehle mein neu eingerichtete« Weiß- und Bairischbier-Lokal. Ferd, Hoff mann Maldemarstr. 61. 59 66 Wochenschrift, hcrausgegeb. von KarlKautsky Soeben erschien Heft 8. Preis pro Heft 20 Pfennig. Zu beziehen durch die Verlags-Buchhandlung von I. H. W. Dictz, Stuttgart, sowie durch die Expedition des„Vorwärts" und alle Kolporteure. „Lichtstrahlen�, Unterhaltungsblatt und literarischer Wegweiser für das Volk. Soeben erschien Heft 4, Preis 25 Pf Zu beziehen durch die Uerlags-Kuchhand- iung 0. Harnisch, Kerlin SW., Neuen- burgerstratze 30. Süd- DmtM«� Millou A»»»rist.-fatyr. Mtzblatt Dieser flotte, überall gern gesehene Junge ist bereit» 9 Jahre alt und svrühi van lebensfroher Heiterleit. Der„Zubdeutschc Postillon" bringt scharfpolnttrte in» Sebwarzc treffende Leitgedicktc und schmingi dte Geiß-l der Satire über die politischen und sozialen Schilden. Der„Süddeutsche Postillon" pflegt sorgfältig de» kernigen, herzerfrischenden Humor, mit der gleichen schneid' lenkt er setn Gefährt durch die Rebeng lande der Dichtung und die blühenden Niederungen der Prosa. Sin Stab ausgezeichneter Mitarbeiter steht dem„Süd- deutschen Postillon" zur Seite und die besten Zeichner, die trefflichsten Künstler schmücken ihn mit prächtigen Bildern, die au» dem öffentlichen und privaten Le en heraus. geholt find. Der„Süddeutsche Postillon" versäumt nie den An- schluh. kommt stet« an» rechte Ziel und ist der Liebling aller Paffagiere. Der„Süddeutsche Postillon" erscheint monatlich 1 mal und kostet frei in» Hau» vierteljährlich 40 pf. Jede einzelne Nummer 10 Pf. Singeiragen im deutschen Postzeitungskatalog unter Rr. 6872 im bat) er. unter Nr. 661. Redaktion und Expedition: Münche«, Settefelderstraße 4. Oerren- u. Knaben Garderobe, Arbeitssache», Bestellungen nach Maah, empfiehlt wie bekannt in reellster Ausführung und allerbilligsten greifen J. BUER, Berlin Ks, Gesundbrunnen, Badstr. I8f Ecke der Stettinerstrasse. IfSr Ich habe keine Filiale««nd stehe mit ahnlich lautenden Firmen in keinerlei Keiiehung. Kitte daher genau anf Firma z« achte«. «etaimuoniitbet Redakteur: I. V.: I. Timm» Verlin.— Verleger und Drucker: Maurer& Dimmick, beide in Berlin 8U., Elisabeth-Ufer 55. .ßciblatt zur Nr. 49. Das Hohe«« d Tiefe. Bon Campanella(um 1600) Ihr Weltbewohner, habet eure Blicke Zum ersten, höchsten Sinn, Dann wird euch klar, Wie tief, o tief am Boden Tyrannei (Obwohl bekleidet mit dem schönen Namen Des Adels und der Tapferkeit) euch festhält, Und niederdrückt, Dann schaut die Heuchelei; (Einst war sie Gottesdienst!) Erschrocken schaut Die Heiligkeit, jetzt bübische Verfolgung, Die Weisheit, jetzt sophistischer Betrug, Sophisten trat einst Sokratcs entgegen; Tyranen Cato; Christus selbst beschämte Mit seinem Himmelslicht der Heuchler Vunft; Und alle opferten ihr Leben hin, edoch, was Hilsts, enthüllen den Betrug, gttlosigkeit und Unrecht, auch dabei Sein Leben wagen? Wenn nicht Ihr, ihr Menschen, Ihr Nationen, euren Sinn aufschwingt, Zum höchsten Sinn, zum Sinne für Recht und Wahrheit, �Nachdruck»«Bote».] Der Regenschirm. M�Nacki?demI�ranzöstschens,besIG u v d eZM aüpassanr,g Frau Oreille war sparsam. Sie kannte den Werth eines Sou und einen ganzen Schatz der strengsten Grund- sätze über die Vermehrung des Vermögens. Ihre starke Seite war es, einem den Brotkorb hoch zu hängen, und es hielt immer schrecklich schwer, ehe Herr Oreille sein Taschengeld bekam. Sie standen sich ganz gut und hatten auch keine Kinder, und trotzdem war es für Frau Oreille immer ein schweres Angehen, wenn sie die schönen harten Geldstücke ausgeben mußte. Es zerriß ihr Herz, und jedes Mal, wenn sie irgend eine größere Ausgabe gemacht hatte, schlief sie die nächste Nacht schlecht, und wenn es noch so nothwendig gewesen war, Oreille hielt seiner Frau immer vor: „Du mußt nicht so knickerig sein; wir können unsere Zinsen ja in unserm ganzen Leben nicht aufzehren!" Sie antwortete: „Man weiß nie, was kommen kann. Lieber zu viel als zu wenig." Es war ein kleines Frauchen, vierzig Jahre alt, lebhaft, eigen wie ein Kätzchen. Ihr Mann beklagte sich immer, was sie ihn Alles entbehren ließe. Manchmal war es für ihn sehr un- angenehm. Er war Direktor beim Kriegsministerium und blieb in seiner Stellung nur, weil es seine Frau so wollte, damit das Kapital größer wurde. Nun kam er seit zwei Jahren immer mit demselben geflickten Regenschirm in's Bureau, der bei seinen Kollegen schon seit lange die unglaublichsten Scherze hervorrief. Schließlich aber wurden ihm die Witze doch zu viel und er stellte an Frau Oreille die kategorische Forderung, ihm einen neuen Regenschirm zu kaufen. Sie kaufte einen für acht Franken und fünfzig Centimes, einen Schund aus einem billigen Bazar. Als die Beamten das Ding sahen, fingen sie wieder mit ihren Witzen an, und der arme Oreille mußte schrecklich dulden. Der Schirm war auch nichts Werth. Nach drei Monaten war er nicht mehr zu gebrauchen und die Heiterkeit wurde allgemein im Ministerium. Man machte sogar ein Gedicht darauf, das nun von früh bis spät geträllert wurde in dem ganzen ungeheuren Gebäude, vom Boden bis zum Keller. Jetzt wurde es Herrn Oreille zu arg; er befahl seiner Frau, ihm einen neuen Schirm anzuschaffen von feiner Seide, für zwanzig Franken; und er wollte auch die Rechnung haben. Sie kaufte einen für achtzehn Franken und erklärte ganz erbost: „Da, der hält mindestens fünfzig Jahre." Der Eindruck im Bureau war gewaltig. Als er des Abends nach Hause kam, untersuchte seine Frau mißtrauisch den neuen Schirm: „Du darfst ihn nicht mit dem Gummiband zuknöpfen, davon wird die Seide brüchig. Achte nur ordentlich auf, Du kriegst nicht alle Tage einen neuen." Sie knöpfte den Ring auf und schüttelte die Falten, Aber was war das? Mitten im Schirm ein rundes Loch, so groß wie ein Centime! Das war von einer Zigarre gebrannt. Sie stammelte: „Was hast Du denn da gemacht?" Ihr Mann anwortete ganz ruhig ohne sich um- zusehen: „Was denn, was hast Du denn?" Der Zorn erstickte sie; sie konnte kaum noch sprechen: „Du.... Du.... hast den Schirm verbrannt. Herrjeh, Herrjeh, was hast Du da gemacht!" Er fühlte, wie blaß er wurde; er drehte sich hastig um:„Was meinst Du?" „Den Regenschirm verbrannt hast Du!" Und ganz wüthend hielt sie ihm das kleine kreis- runde Brandloch vor das Gesicht. Merliner II Sonnabend, den 5. Dezember 1891. Er war fassungslos. „Ja, ja, was ist denn das? Ich weiß nicht, ich habe nichts gemacht, wahrhaftig nicht! Ist es denn auch wirk- lich mein Regenschirm?" Sie schrie: „Ja, Du wirst wohl Dummheiten im Bureau damit gemacht haben; Du hast ihn aufgemacht und herum- gezeigt." Er antwortete: „Ich Hab' ihn nur ein einziges Mal aufgemacht, um zu zeigen, wie gut er war; weiter nichts, wahrhaftig weiter nichts." Aber sie zitterte vor Wuth und machte ihm eine jener ehelichen Szenen, welche einem friedfertigen Mann den Herd seines Hauses fürchterlich machen, wie ein Schlachtfeld, wo die Kugeln nur so herumfliegen. Sie schnitt aus dem alten Schirm ein Stück Seide aus und flickte damit das Loch, aber die Farbe Paßte nicht; und am andern Tag schob Oreille los, ganz niedergeschlagen, seinen geflickten Schirm unterm Arm. Er stellte ihn in den Ständer und dachte nur noch mit einem gewissen Gruseln an die Geschichte, Aber kaum war er wieder zu Hause, da riß ihm seine Frau den Regenschirm aus den Händen und machte ihn auf; und richtig wieder etwas und diesmal nicht auszubessern; er war mit kleinen Löchern besäet, welche offenbar hineingebrannt waren, wie wenn Jemand glühende Tabaksasche darüber geschüttet hätte. Sprachlos starrte sie den Schirm an; sie brachte kein Wort über die Lippen. Auch er sah ihn an bestürzt, verblüfft, entsetzt. Dann schauten sie sich ins Gesicht; dann sah er zur Erde; dann warf sie ihm den Schirm an den Kopf; dann schrie sie: „Du Kanaille! Das hast Du gethan! Aber Du sollst ihn bezahlen! Du sollst nie wieder einen kriegen." Und die ehelichen Freuden begannen von Neuem. Nach einer stürmischen Stunde konnte er endlich sich aus- sprechen; er betheuerte, daß er von nichts was wußte; daß das nur ein Racheakt sein konnte. Es klingelte. Es war ein Freund, der bei ihnen speisen sollte, Frau Oreille legte ihm die Sache auseinander. Einen neuen Regenschirm kaufen— nein, das stand fest, ihr Mann kriegte nie einen wieder. Der Freund warf besonnen ein: „Aber, gnädige Frau, dann verdirbt er seine Kleider!" Die kleine Frau antwortete in ihrer Wuth: „Dann nimmt er einen Küchenschirm, ich kaufe keinen neuen seidenen." Aber das war Herrn Oreille doch zu viel: „Dann nehme ich meinen Abschied. Mit einem Küchenschirm gehe ich nicht ins Ministerium." Der Freund antwortete: „Lassen Sie diesen doch neu überziehen, das kostet ja nicht zu viel." Frau Oreille stammelte ganz empört: „Es kostet mindestens acht Franken, wenn man ihn überziehen läßt. Acht und achtzehn macht sechsund- zwanzig! Sechsundzwanzig Franken für einen Regen- schirm, das ist ja Verschwendung, das ist ja Verrücktheit!" Der Freund hatte einen Einfall: „Lassen Sie ihn doch von der Feuerversicherung bezahlen— die Versicherungen müssen ja verbraunte Gegenstände bezahlen, wenn der Schaden zu Hause passirt ist." Auf diesen Rath beruhigte sich die kleine Frau; sie dachte nach und sagte dann zu ihrem Mann: „Morgen, bevor Du in Dein Ministerium gehst, sprichst Du im Bureau der Versicherung vor, läßt den Zustand Deines Regenschirmes feststellen und forderst das Geld." Herr Oreille war entrüstet: „Niemals! Die achtzehn Franken sind verloren, das ist Alles. Davon sterben wir nicht." Und er ging am andern Tage mit einem Spazier- stock. Es war zum Glück gutes Wetter. Aber Frau Oreille konnte sich nicht zufrieden geben über ihre achtzehn Franken. Sie hatte den Regenschirm auf dem Tisch vor sich liegen und wendete ihn um und um, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Der Gedanke an die Versicherung kam ihr jeden Augenblick wieder, aber sie wagte es nicht, sich den spöttischen Blicken der Herren auszusetzen, welche sie empfingen, denn sie war schüchtern vor den Leuten; sie wurde bei jeder Kleinigkeit roth, war verlegen, wenn sie mit Unbekannten sprechen sollte. Aber die achtzehn Franken, die achtzehn Franken! Sie wollte nicht mehr daran denken, aber es schmerzte, es schmerzte; was thun? Die Zeit verging und sie kam zu keinem Entschluß. Aber mit einem Mal war sie entschieden. „Ich gehe, wir wollen doch einmal sehen!" Sie mußte erst den Regenschirm zurichten, damit der Schaden vollständig war und zu ihren Gründen paßte. Sie brannte zwischen den Fischbeinen ein handgroßes «Tribüne. V. Jahrgang. Loch hinein, rollte ihn zusammen, schnürte ihn mit dem Gummiband zu, nahm Hut und Umhängetuch und ging eilends nach der Eue de Eivoli, wo das Versicherungs- Bureau war. Aber je näher sie kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Was sollte sie sagen? Und was würde man ihr antworten? Sie sah zu den Hausnummern auf. Es waren nur noch achtundzwanzig, sie konnte sich noch überlegen; sie ging immer langsamer und langsamer. Mit einem Male stand sie vor der Thür, über der die Firma in Gold- buchstaben stand. Schon! Sie blieb eine Sekunde stehen; sie war ängstlich; sie genirte sich, sie ging vorüber und kam noch einmal zurück. Endlich sagte sie sich: „Nur zu, nur zu! Lieber zu früh als zu spät." Während sie in das Haus trat, fühlte sie, wie ihr das Herz klopfte. Es ging ein Herr vorbei, der Papiere unterm Arm trug. Sie blieb stehen und fragte leise und furchtsam: „O, entschuldigen Sie, könnten Sie mir wohl nicht sagen, wo man sich hier die verbrannten Sachen bc- zahlen läßt?" Er antwortete mit einer tiefen Baßstimme: „Rechts vorne." Zuerst hatte sie wieder Angst und sie hatte Lust umzukehren, nichts zu sagen und ihre achtzehn Franken laufen zu lassen. Aber achtzehn Franken! Sie wurde wieder muthig und ging hin. Vorn bemerkte sie eine Thür; sie klopfte. Eine helle Stimme rief: „Herein!" Sie trat ein und fand sich in einem großen Zimmer, wo drei Herren standen und mit einander sprachen. Einer fragte sie: „Was wünschen Sie, gnädige Frau?" Sie fand die Worte nicht recht und fing an zu stottern: „Ich komme.... ich komme wegen einem Unfall." Der Herr zeigte auf einen Stuhl: „Bitte, setzen Sie sich einstweilen; ich stehe sofort zu Ihrer Verfügung." Dann wendete er sich wieder den beiden Anderen zu und sprach weiter. „Die Gesellschaft will Ihnen nur vierhunderttausend Franken auszahlen. Die hunderttausend Franken, die Sie mehr verlangen, können wir Ihnen nicht zugestehen. Auch die Schätzung..." Der Eine der Beiden unterbrach ihn: „Genug, das Gericht wird entscheiden. Es bleibt uns nichts übrig, als uns zu empfehlen." Sie grüßten steif und gingen. Ach, wenn sie doch hätte mit ihnen gehen können; sie hätte es gethan. sie wäre fortgelaufen und hätte alles gelassen. Aber konnte sie denn? Der Herr kam auf sie zu und fragte: „Was steht zu Befehl, gnädige Frau?" Sie brachte die Worte kaum über die Lippen: „Ich komme deswegen." Der Direktor sah ganz erstaunt auf das Ding nieder, das sie ihm entgegenhielt. Sie versuchte mit zitternden Fingern das Gummi- band aufzulösen; es gelang ihr erst nach einigen An- strengungen; zuletzt öffnete sie das Gestell mit einem Schlag. Der Mann bemerkte mitleidig: „Er scheint übel zugerichtet." Sie erklärte zögernd: „Er hat zwanzig Franken gekostet." Er erstaunte. „Donnerwetter, ja! „Ja. aber er war auch ganz ausgezeichnet. Ich möchte, daß Sie seinen Zustand feststellten." „Gewiß; ich sehe; natürlich; aber ich weiß nicht, was ich damit soll." Sie wurde unruhig. Vielleicht bezahlte diese Ge- sellschaft gar keine kleinen Gegenstände; sie sagte: „Ja... er ist ja verbrannt." Das sah der Herr auch ein: „Gewiß, natürlich." Sie wußte nicht mehr, was sie sagen sollte; aber plötzlich erinnerte sie sich und erzählte hastig: „Ich bin Frau Oreille, Wir sind hier versichert; und ich möchte mir den Schaden hier ersetzen lassen." Sie fügte noch gleich hinzu, damit sie nicht endgültig abgewiesen würde: „Ich verlange nur die Reparatur." Der Direktor war ganz verblüfft. „Aber, gnädige Frau, wir handeln doch nicht mit Regenschirmen, mit solchen Reparaturen können wir uns nicht befassen." Die kleine Frau fühlte, wie ihr der Much wieder kam. Sie mußte kämpfen: nun gut, sie würde schon kämpfen! Sie hatte keine Furcht mehr, sie sagte: „Ich verlange nur das Geld für die Reparatur. Ich will die Sache schon selbst besorgen." Der Herr wurde noch verwirrter. „Ja, ja, gnädige Frau, das ist ja richtig; aber sehen Sie, für solche Kleinigkeiten verlangt man meistens von uns keinen Ersatz; wir können doch nicht alle Taschentücher, Handschuhe, Bürsten, Hausschuhe ersetzen — alle die Kleinigkeiten, die jeden Tag verbrennen können." Der Zorn übermannte sie und und sie wurde roth. „Ja, was meinen Sie, wir haben im Dezember ein Feuer gehabt, das uns allermindestens fünfhundert Franken Kosten verursacht hat. Mein Mann hat nichts verlangt von der Gesellschaft, also können Sie mir auch jetzt meinen Regenschirm bezahlen." Der Direktor merkte die Lüge und sagte lächelnd „Sie werden doch zugeben, gnädige Frau, daß es sehr sonderbar ist, wenn Herr Oreille für einen Schaden von fünfhundert Franken nichts verlangt, und jetzt fünf oder sechs Franken Reparaturkosten für einen Regen schirm haben will." Aber sie ließ sich nicht irre machen. „Ja, die fünfhundert Franken mußte auch mein Mann bezahlen, aber diese achtzehn Franken, das ist meine Sache, und das ist denn doch ein kleiner Unter- schied." i, Er sah, daß sie sich nicht aus dem Konzept bringen ließ und daß er den ganzen Tag mit ihr hinbringen könnte. Er ergab sich. „Bitte, thcilen Sie mir mit, wie sich der Unfall ereignet hat." Sie merkte, daß sie gesiegt hatte und begann zu erzählen: „Ja, das ist so gekommen. Ich habe im Korridor einen Ständer aus Bronze für die Stöcke und Schirme. Also vorgestern, wie ich nach Hause komme, stelle ich den hier außerhalb hin, und gerade darüber befindet sich ein Brettchen, auf dem Licht und Streichhölzer stehen. Ich streiche eins an; es versagt; ich streiche noch eins an, es brennt an und geht gleich wieder aus; jetzt streiche ich wieder eins an, wieder dieselbe Geschichte." Der Direktor machte einen Witz: „Aha, es waren Monopolstreichhölzer!" Sie verstand ihn nicht und fuhr fort: „Ja, kann wohl sein. Das ist immer so, erst das Vierte brennt. Nun, ich stecke mein Licht an und gehe auf meine Stube und lege mich zu Bett; aber nach einer Biertelstunde, da ist es mir doch so, als ob es brenzlich riecht; ich habe immer eine Heidenangst vor dem Feuer. Ja, wenn wir einmal ein Malheur haben sollten, an mir liegt's nicht. Seit dem Feuer, von dem ich Ihnen erzählt habe, bin ich halbtodt vor Angst. Ich stehe also auf. ich gehe hinaus, ich suche, ich schnüffle überall wie ein Jagdhund, und schließlich merke ich, daß mein Regenschirm brennt. Wahrscheinlich war ein Streichholz hineingefallen. Sie sehen, wie er jetzt aussieht." Der Direktor hatte sich entschlossen; er fragte: „Wie hoch schätzen Sie denn Ihren Verlust?" Sie antwortete nicht gleich: sie mochte keine feste Summe angeben. Schließlich sagte sie großmüthig: „Lassen Sie ihn selber machen, ich verlasse mich auf Sie." Er lehnte ab. „Nein, gnädige Frau, das geht nicht. Sagen Sie, wie viel Sie verlangen." „Aber.... ich glaube.... sehen Sie, ich möchte nicht verdienen bei Ihnen. Ich will Ihnen etwas sagen. ich trage meinen Regenschirm zu einem Schirmmacher und lasse ihn wieder überziehen, mit guter Seide und dauerhafter Seide und bringe Ihnen die Rechnung; geht das?" „Gewiß, gnädige Frau, natürlich. Hier haben Sie die Anweisung auf die Kaffe." Und er gab Frau Oreille«ine Karte. Sie nahm sie, dankte, stand auf und ging hinaus; sie war froh, wie sie draußen war, er hätte sich ja noch anders be- sinnen können. Sie ging jetzt ganz vergnügt die Straße hinunter und suchte einen Schirmladen, der ihr elegant genug er- schien.. Als sie einen gefunden hatte, trat sie ein und sagte mit fester Stimme: „Hier haben Sie einen Regenschirm mit Seide zu überziehen; aber gute Seide; nehmen Sie von der besten. die Sie haben; auf den Preis kommt's mir nicht an." Di- sozial- Lage d-r Fabrikarbeiter. (Schluß.) D. Z. Bei den Lohnerhebungen wurden die Zigarrenarbeiter ausgeschloffen, wodurch sich die Zahl der in dieselben einbezogenen Arbeiter auf 9231 reduzirt, wobei Werfführer und Werkmeister nicht inbegriffen sind. Die Lohnstatistik wurde angefertigt auf Gmnd der von den Fabrikanten geführten Lohnbücher, der für die Berufs- genoffenschaften erstellten Lohnlisten und der von den Arbeitern erhaltenen Auskünfte. Das Mittel der Arbeits- löhne liegt für männliche und weibliche Arbeiter zusammen- genommen zwischen 18 und 19 Mark in der Woche, was einem Jahresverdienst von 936— 988 Mark entspricht. In dieser Gesammtgruppirung sind jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen inbegriffen. Der Durchschnittsverdienst der über 16 Jahre alten männlichen Arbeiter allein würde sich erheblich höher stellen. Was nun bei sämmt- lichen Arbeitern die Besetzung der einzelnen Lohnklassen betrifft, so enthalten diejenigen unter 6 Mark, welchen fast nur jugendliche Arbeiter und einzelne Arbeiterinnen angehören, nur 3,6 pCt. der Gesammtzahl. Auch die Klaffen bis zu 12 Mark sind nur schwach besetzt. Unter 12 Mark verdienen überhaupt nur rund 19 pCt. sämmt licher Arbeiter. Dann kommt eine ziemlich gut besetzte Lohnklasse von 12— 15 Mark mit 10,7 pCt. der Gesammtzahl. Das Gros der Arbeiter, nämlich 49,8 pCt. gehört aber den drei Klaffen von 15— 24 Mark Wochen verdienst an. Von da ab folgt in der Stärke der Be- setzung wieder eine Abnahme. Es verdienen aber doch zusammen 20,4 pCt. sämmtlicher Arbeiter mehr als 24 Mk in der Woche, nämlich 13,6 pCt. in zwei Gruppen 24 bis 30 Mk. und 6,7 pCt. über 30 Mk., davon 1,32 pCt über 35 Mk. wöchentlich. Da 30 Mk. etwa einem Jahresverdienst von 1550 Mk. und 35 Mk. einem solchen von 1820 Mk. entspricht, so giebt es eine ziemlich große Zahl, nämlich 618 Arbeiter, welche mehr als die erst- genannte und 122, welche mehr als die letztgenannte Jahreseinnahme haben. Wenn man einen Wochenverdienst von weniger als 15 Mk. als nieder, einen solchen von 15— 24 Mk. als einen mittleren und einen solchen über 24 Mk. als einen hohen bezeichnet, so gehören diesen dre; Gruppen an 29,8 pCt., 49,8 pCt. und 20,4 pCt. sämmt licher Arbeiter, oder in absoluten Zahlen für den Um- fang der erhobenen Jndividuallöhne 2750, 5602 und 1879 Arbeiter. Die Lohngruppirung der Arbeiter nach dem Geschlecht zeigt, daß von den männlichen Arbeitern 20,9 pCt. in der niederen, 56,2 pCt. in der mittleren und 22,9 pCt. jn der hohen Lohnklasse rangiren, wäh- rend bei den Arbeiterinnen die entsprechenden Zahlen 99,2, 0,7 und 0,1 pCt. sind, oder genauer 5,38 pCt. der Arbeiterinnen verdienen 12— 15 Mk., 12,38 pCt 10—12 Mk.. 27,45 pCt. 8—10 Mk. und 43,96 pCt. 8 Mark pro Woche. Von den obigen 99,2 pCt., wenigstens relativ nieder bezahlten Arbeiterinnen sind demnach über 70 pCt. in geradezu kümmerlichem Lohne. Strafen und Abzüge spielen in unserem Er- Hebungsgebiet nur eine untergeordnete Rolle. Fast die Hälfte der Fabriken spricht überhaupt keine Geldstrafe aus und macht keine Abzüge, wenigstens haben sie dies in dem der Erhebung zu Grunde gelegten Jahre(1890) nicht gethan. Etwas mehr als die Hälfte der Fabriken macht von der ihnen nach der Arbeitsordnung zustehenden Strafbefugniß Gebrauch, sie thut dies aber nur in sehr mäßigen Grenzen. Von den in die Lohnstatistik ein lezogenen 47 Fabriken macht nur in zweien die Summe )er verhängten Strafen und der Abzüge auf die Arbeits- schicht Vio Pfennig aus Freilich erreichen dieselben in einer dieser Fabriken bei über 1200 Arbeitern doch die Gesammtsumme von 3107 Mark. Zur Untersuchung der allgemeinen wirthschaft- lichen Verhältnisse der Arbeiterfamilien und der Unverheiratheten wurden 50 Familien ausgewählt, von denen 25 in der Stadt und die andere Hälfte aus dem Lande wohnen. Zur Vervollständigung des Bildes wurden außerdem noch die Verhältnisse von 30 Personen erhoben, welche nicht Familienhäupter sind und welche entweder einzeln oder in der Familie ihrer Eltern leben. Jn beiden Fällen können die Verhältniss ein gewisses Interesse beanspruchen, da sie sowohl Auf- schlösse über Verdienst, Verbrauch und Lebensweise solcher einzelner meist jüngerer Leute als anderseits ein Bild davon geben, welche Stütze viele Familien an ihren in Fabriken arbeitenden Kindern haben. Die Haushaltungstabellen der 50 Familien bieten im Allgemeinen kein lichtvolles Bild, trotzdem wir in den lohnstatistischen Angaben nicht die schlechtestsituirte Arbeiter- schaft kennen lernten. Die meist mit vielen Kindern ge- segneten Arbeiterfamilien haben schwer zu kämpfen, um sich redlich durchzuschlagen, und eine Erleichterung tritt erst dann ein, wenn die Kinder in erwerbsfähiges Akter treten und mit ihrem Verdienst das elterliche Lohn- einkommen einigermaßen erhöhen können. Dabei zecht sich durch die Thatsachen und im Gegensatz zu den ver- leumderischen Phrasen der herrschenden Klassen über die „Zuchtlosigkeit der jugendlichen Arbeiter", daß selbe dem Elternhause treu bleiben und die Familie durch Abgabe ihres Lohnes unterstützen. Dies zeigt sich gleich bei der ersten Familie auf den Tabellen. Der in einer Zement- fabrik als Müller thätige Arbeiter hat Frau und 6 Kinder, letztere im Alter von 21/a—>21 Jahren. Des Vaters Wochenverdienst beträgt 21 Mk., der Sohn liefert 9 Mk. und die beiden 14 und 16 Jahre alten Töchter 20 Mk. ab, so daß die gesammte Wocheneinnahme 50 Mk. beträgt(pro erwerbende Person 12,50 Mk.). Die Wohnung besteht aus 3 Zimmern und Küche und Zubehör. Sonn- tags wird zusammen 3/i Pfund Fleisch gegessen. Jn der Woche zweimal Vg Pfund Fleisch oder Wurst. Im Uebrigen besteht die Nahrung aus Brod. Kartoffeln und Mehlspeisen. Die Zwischenmahlzeiten sind fast ausnahms- los Kaffee. Kommt gerade aus. Die Schulden bestehen nur in dem, was von einem Zahltag zum andern auf Kredit entnommen wurde. Hält seine Lage jetzt für erträg- licher. Ehe die Kinder mitverdienten, ging es sehr knapp zu und es mußte oft sehr an der Nahrung abgebrochen werden. Ein Maschinenschlosser, der Frau und 3 Kinder hat, verdient 34— 50 Mark und sein 15jähriger Sohn, der aus dem technischen Bureau der Fabrik beschäftigt, 5 Mark wöchentlich. Die Familie bewohnt 2 Zimmer, Kammer und etwas Zubehör für 23 Mark im Monat. Es wird täglich 3/i Pfund Fleisch gekocht. Die Ernäh- rung ist genügend. Erübrigt angeblich wenig. Giebt an, für persönliche Ausgaben, Bier u. s. w. sehr wenig zu gebrauchen. Ein geordnetes Hauswesen, auch wenn noch so sparsam geführt, zehre wegen der hohen Miethe und Lebensmittelpreise auch einen gmen Verdienst auf. Hat 590 Mark auf der Sparkasse Mannheim. Aehnlich, zum Theil viel ungünstiger, liegen die Verhältnisse bei den übrigen Arbeiterfamilien. Trotz der regelmäßigen Beschäftigung der erwerbenden Familien- glieder ist es kaum möglich, etwas zu erübrigen; es haben denn auch die 25 städtischen Familien zusammen nur 'etwa 2400 Mark auf den Sparkassen. Von den ländlichen Arbeiterfamilien sei hier die eines Tagelöhners in einer Asbestfabrik erwähnt. Er hat Frau und 3 Kinder und verdient pro Woche 16 Mark. Die Frau geht auf Arbeit und verdient wöchentlich 6,60 Mk., so daß die Gesammtwocheneinnahme 22,60 Mk. beträgt. Die Familie wohnt in Seckenheim, wohin Mann und Frau für je 70 Pf. in der Woche Abends zurückkehren. Bewohnt 1 Zimmer ohne Küche für 80 Mk. im Jahr. Der Mann erzielt seinen Verdienst nur da- durch, daß er täglich 2— 3 Stunden über die regelmäßige Arbeitszeit arbeitet. Nur Sonntags wirö Va Pfund Fleisch gekocht. Im Uebrigen wird nur von Kaffee, Kar- toffeln und Brot gelebt. Als Mittagessen wird Essen vom Abend vorher mitgenommen. Die Frau ist diesen Sommer zum ersten Male auf Arbeit gegangen, weil die Einnahmen nicht reichten. Im Winter bleibt sie wieder zu Hause, weil der seitherige Zustand wegen der Kinder nicht geht. Es wird dann auf das Knappste gelebt werden müssen. Ein Taglöhner in einer Asbestfabrik, der Frau und 4 Kinder hat, verdient wöchentlich 20 Mark, die er aber nur dadurch erwirbt, daß er eine tägliche Ueberarbeit von 5 Stunden zur Besorgung der Beleuchtung in der Fabrik verrichtet und der Erste und Letzte am Platze ist. Die Familie wohnt in Raubach bei Erbach im Odenwald, wohin der Mann jeden zweiten Samstag zurückkehrt. Preis des Retourbillets 2,30 Mark. Hat von der Bahn- station noch 3 Stunden zu gehen. Der Mann hat in Mannheim Kost und Wohnung für 7Va Mark in der Woche ohne Zwischenmahlzeiten. Für die Familie bleibt 7— 8 Mark in der Woche übrig. Die Familie schlägt sich hiermit und mit dem kleinen Ertrag des Feldes gerade durch. Der kleine landwirthschaftliche Betrieb spielt bei den auf dem Lande lebenden Arbeiterfamilien des Untersuchungsgebietes keine große Rolle. Die Neigung bei den Arbeitern hierzu wäre wohl vorhanden, allein sie müssen als„Fremde" unter den ungünstigsten Ver- Hältnissen existiren und verfallen dem rücksichtslosen Egois- mus der einheimischen Bevölkerung. Außerdem fehlen )en zur Miethe wohnenden Arbeitern alle für den Land- wirthschaftsbetrieb erforderlichen Nebenräume und das Gefühl der Existenzsicherheit. Nun die ledigen Arbeiter. Ein 27jähriger Ofen atbeiter in einer Thonwaarenfabrik hat einen wöchent lichen Verdienst von 21,40 Mark. Er verbraucht 9 bis' 11 Mark pro Woche in der Kantine. Benutzt den Schlaf- saal der Fabrik und nimmt seine sämmtlichen Mahlzeiten in der Kantine. Verbraucht den ganzen Verdienst für ich, hat keine Ersparnisse. Eine 40j äh ri ge Maschinen- a rbeiterin in einer Federnfabrik verdient 8 Mark wöchentlich. Hat ein Zimmer für 8 Mark monatlich ge- miethet. Bereitet sich ihr Essen selbst, lebt meist von Suppe, Kartoffeln und Kaffee und Brot. Giebt an, bei der größten Sparsamkeit gerade auszukommen. Die meisten Arbeiterinnen verdienen weniger, gerade nur das Kostgeld, so daß anzunehmen sei. daß sie für ihre übrigen Bedürfnisse durch Prostitution aufkommen. Eine 29jährige Arbeiterin in einer Asbestfabrik verdient 6,40 Mark wöchentlich und giebt davon 1,50 Mk. iro Woche für Wohnung und stellt sich die Kost selbst. Kann hierfür nur 3—3,50 Mark aufwenden. Ißt Mittags nur einen Teller Suppe für 10 Pfg. in einem Kosthanse. ebt im Uebrigen von Kaffee und Brod. Erzielt ihren Verdienst nur durch 14stülldige Arbeitszeit. Die Bezahlung ist 10 Pf. für die Stunde. Hierher, auf die Quelle der Prostitution, sollten die vernünftigen Vorkämpfer für Hebung der öffentlichen Sittlichkeit ihre Aufmerksamkeit und ihre Thätigkeit wenden. Gegen die schamlose und vampyrartige Aus- >eutung der armen Arbeiterinnen durch das Kapital sollte ich die so geräuschvoll inszenirte moralische Entrüstung zer oberen Zentausend wenden, hier sollte der Hebel zur Besserung unser sozialen und sittlichen Verhältniffe ein- gesetzt werden. Freilich ginge es da dem System auf )en Leib— und das könnten nur die Sozialdemokraten wollen. Im Großen und Ganzen findet Herr Wörishoffer üe Ernährung der in Betracht kommenden Arbeiter be- riedigend, dagegen sind die Wohnungsverhältniffe schlimm und bedürfen dringend einer Aenderung. Betteffs der Gesundheitszustände ergiebt die Untersuchung, daß auch n Mannheim die Lungenleiden als Krankheits- und Todesursachen überwiegen. Die Uebersicht über die Gewerkvereine und Fachvereine der Arbeiter ergiebt ein ür uns recht unbefriedigendes Resultat. Nur ein leiner Bruchtheil der Arbeiter ist gewerkschaftlich or- ganisirt. Das Wörishoffer'sche Buch, das sich durch Objekti vität und Gründlichkeit auszeichnet, fördert nicht blas die Kenntniß der Arbeiterverhältnisse, sondern auch das Ver- tändniß für die soziale Frage. Den offiziellen Machern der deutschen„Sozialresorm" ist das Studium dieses werthvollen Buches besonders dringend zu empfehlen, da es sehr geeignet, sie über die völlige Unzulänglichkeit Zer so sehr gepriesenen sozialpolitischen Gesetzgebung zu belehren. Eine sozialpolitische Entdeckungsreise.�) (Paul Göhre: Drei Monate Fabrikarbeiter) 1. Kühne Forschungsreisende,. ie es unternehmen, das Innere von Arabien oder Marokko unter Gefahren, Mühen und Entbehrungen zu durchstreifen, um unsere Kenntniß dieser Länder und ihrer Kultur zu mehren, hier die Lage eines Berges auf der Karte festzustellen, dort eine alte Inschrift abzuklatschen, oder bis ins Innerste mohamedanischer Heiligthümer einzudringen und die Zeremonien vor dem schwarzen Stein der Kaaba zu be- lauschen— solche Männer thun gut daran, vor dem Eintritt in die fremde Welt den europäischen Menschen abzulegen, Trachten, Sitten und Lebensweise des Mosel- «unnes anzunehmen und erst dann, wenn sie gelernt haben sich in einen Burnus zu drapiren und die Regeln kennen, die das Leben in Zelt und Moschee beherrschen, mit der Ausführung ihres kühnen Unternehmens zu be- ginnen. Eine eben so verdienstvolle, wenn auch nicht so ge- fährliche Entdeckungsfahrt als eine Reise ins Innere der Orientalischen Welt ist, hat im Sommer des vergangenen Jahres ein deutscher Kandidat der Theologie unternommen und eine ähnliche Travestie, wie sie für jene Forscher zur Nothwendigkeit wird, hat auch unser Entdeckungsreisender mit sich vorgenommen. „Anfang Juni des vorigen Jahres", erzählt Göhre,„hängte ich meinen Kandidatenrock an den Nagel und wurde Fabriks- arbeitet. Ein abgelegter Rock, ein ebensolches Beinkleid, Kommiß- stiefeln aus der Militärzeit, ein alter Hut und ein derber Stock bildeten meinen abenteuerlichen Anzug. Eine vielgereiste Um- Hängetasche fand sich dazu, die nöthigste Wäsche aufzunehmen und gab, ein Paar Schuhe und die vorschriftsmäßige Bürste oben aufgeschnallt, einen prächtigen„Berliner" ab. So zog ich eines frühen Morgens in struppigem Haar und Bart als richtiger Handwerksbursche mir klopfendem Herzen von daheim aus und bald darauf zu Fuß in das mir unbekannte Chemnitz ein. Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate unerkannt als einfacher Fabriksarbeiter und betnahe ohne jeden Verkehr mit Meines- gleichen gelebt, habe in einer großen Maschinenfabrik mit den Leuten täglich elf Stunden gearbeitet, mit ihnen gegessen und getrunken, als einer der Ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit ihnen verbracht, mich die Sonntage mit ihnen ver- gnügt und so ein reiches Material zur Beurtheilung der Arbeiter- Verhältnisse gesammelt." Göhre zieht auf seine Entdeckungsfahrt aus als ein warmer Freund der Arbeiter, durchdrungen von der Ueberzeugung, den Unterdrückten der heutigen Gesellschaft müssen Staat und Kirche zu Hilfe kommen; aber gleich- zeitig erfüllt von dem Borurtheile, da unten in den Be- völkerungsschichten. die das Reich der„heidnischen" Sozialdemokratie bilden, gäbe es nichts zu beobachten, als wüste Rohheit, gemeine Unsittlichkeit, grobe, sinnliche „materialistische" Begehrlichkeit und wüsten Haß gegen alle Kultur. Er kehrt von seiner Entdeckungsreise mit einem merkwürdigen Resultate zurück. Er hat von Allem, waS er erwartet hatte, so ziemlich das Gegentheil gesehen und muß der Arbeiterschaft, unter der er gelebt hat, am Schlüsse seines Buches das Zeugniß ausstellen, daß sie „relativ nicht unter dem sittlichen Niveau der Bourgeoisie" steht. Wie weit die Einschränkung dieses„relativ" und das ganze„nicht unter der Bourgeoisie" berechtigt ist, werden wir später aus den Details von Göhre's Bericht entnehmen. Hier koustatiren wir nur jenes Ergebniß mit Göhre's eigenen Worten und koustatiren serner, daß das Zeugniß. welches Göhre für den Arbeiterstand ablegt. ein völlig unverdächtiges und unanfechtbares ist. da es ihm wieder sein Erwarten und wieder den ganzen Zu- sammenhang seiner Ueberzeugungen in religiösen und weltlichen Dingen von den Thatsachen abgerungen worden ist. Jeder Leser, auch der noch so sehr im alten Märchen von den„neuen Barbaren" befangene; wer noch so sehr von Set Furcht einer zerstörenden Ueberfluthung beherrscht ist. mit der die stets höher schwellenden Wogen der Sozialdemokratie unsere Kultur bedrohen sollen, muß diesem' Djpnne glauben. Denn Göhre sieht in den Arbeiter- massen, unter denen er sich bewegt, die Armee der Sozialdemokratie, die willenlosen Werkzeuge in der Hand sozialdemokratischer Agitatoren, von den verruchten Schlingen jener Führer hilflos umstrickt. Die Sozial- demokratie selbst aber ist für ihn. trotz all seiner Arbeiter- freundlichkeit, der Inbegriff alles Bösen. Sie ist ihm vor Allem, wie er wörtlich selbst sagt,„eine heidnische Macht" und deshalb in seinen, des Gottesstreiters. Augen ein Gräuel. So lange er unter Arbeitern lebte. fühlte er sich in partibus infidelium. Er wandelt unter den Söhnen der Finsterniß und er allein schreitet im Lichte, daß er freundlich aber vergeblich auch ihnen spenden will. Deshalb überraschen ihn alle Züge von Menschlichkeit, von Kameradschaft, von Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, ja von Edelmuth und Großherzigkeit, die ihm auf Schritt und Tritt im Lande der Heiden begegnen. Wie die Kirchenväter vor den Tugendlehren des Alterthums steht er rathlos vor den ihm unbegreiflichen Akten der Selbstverleugnung und widerwillig, aber um so überzeugender legt er Zeugniß ab von den Wundern, die das natürliche Licht allein bewirkt. Wir werden später sehen, wie wunderlich Göhre sich abmüht, die Thatsachen. die er zur hohen Ehre der Arbeiterschaft an- führen muß, ihres Werthes zu«-erauben; wie er aus- einanderzusetzen trachtet: Dieser Idealismus, diese Redlich- kcit und diese Solidarität seien eben nicht die rechten weil ihnen jede höhere Weihe fehle; statt sich mit dem *) Mit einigen Kürzungen aus Pernerstorfer's„Deutschen Worten". Paulinischen Worte zu begnügen:„Die Heiden, die das Gesetz nicht haben, thun doch nach dem Gesetz". Es war Göhre natürlich nicht möglich in eine andere Stellung als die eines Handlangers, also in die unterste Klasse der Arbeiter einzutreten, da ihm die technische Vorbildung zu anderen Stellungen mangelte. Auch war dies für seinen Zweck gleichgiltig, da ihn seine Arbeit mit allen Mitarbeitern in der Fabrik in Berührung brachte. Dagegen wäre es vielleicht besser und wohl auch ausführbar gewesen, in eine andere als gerade in eine Maschinenfabrik einzutreten. Göhre warnt in seiner Vorrede gewissenhaft davor, die von ihm gefundenen Er- gebnisse zu sehr zu verallgemeinern. Er spreche nur von sächsischen Industriearbeitern. Bekanntlich gehört das Königreich Sachsen zu den in jeder Beziehung fort- geschrittensten und zivilisirtesten Ländern Europas. Will man also, was Göhre von seinen Erfahrungen mittheilt, auf andere Länder übertragen, so wird man immerhin erst einen Bruchtheil zu Gunsten des ursprünglichen Beobachtungsorts abziehen müssen. Ein zweiter Abzug wird nun aber allerdings noch zu Gunsten der Maschinen- bauer zu machen sein, welche bekanntlich überall zu den bestgezahlten und best disziplinirten Arbeitern, dabei zu ben tüchtigsten und erfolgreichsten Organisatoren gehören. Göhre theilt das Buch, in welchem er uns die um den Preis so schwerer Mühen errungenen Ergebnisse seines Unternehmens, die lange Reihe seiner hochinteres- santen, von so ungewöhnlich günstigem Standpunkte an- gestellten Beobachtungen mittheilt, in acht Abschnitte ein, die er:„Mein Weg",„Die materielle Lage meiner Arbeits- genossen",„Die Arbeit in der Fabrik",„Die Agitation der Sozialdemokratie",„Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenoffen",„Bildung und Christenthum", „Sittliche Zustände",„Ergebnisse und Forderungen", überschreibt. Nachdem er im ersten Kapitel das Per- sönliche seines Unternehmens anziehend und ohne jedes selbstgefällige weitere Ausmalen seiner Beschwerden ge- schildert hat, geht er im zweiten zur Darstellung des Gesehenen über. Das zweite Kapitel enthält die Wahr- nehmungen, welche Göhre über die Lohnverhältnisse und die Ausgabenwirthschaft seiner Arbeitsgenossen ge- macht hat. Hier muß man sich vor Augen halten, daß die Arbeit des Maschinenbauers an die Muskelkraft sehr hohe Anforderungen stellt und deshalb gebieterisch eine reichliche Ernährung fordert, vor Allem aber, daß der Maschinenbauer(mit wenigen anderen Kategorien von Arbeitern) eben eine ganz exzeptionelle Stellung einnimmt. Man vergleiche z. B. Göhre's Angaben über Arbeitslohn mit denen des königlich sächsischen statistischen Bureaus über Arbeitslöhne in der sächsischen Textilindustrie (s. Conrad tc. Handwörterbuch der Staatswissenschaften I, 709, ff.), um sich eine richtige Anschauung von der durchschnittlichen Lebenshaltung der dentschen Arbeiter zu bilden. Göhre giebt den Satz des Wochenlohnes in der Fabrik, in der er arbeitete, für einen gewöhnlichen(un- gelernten) Handarbeiter— als welcher er selbst eintreten mußte— mit 12— 15 Mark an(sein eigener Lohn als eines Anfängers war noch geringer, 11 Mark). Ein gelernter Maschinenschlosser verdiente 15—21 Mk. wöchent- lieh; dagegen erzielten die Akkordarbeiter bedeutend höhere Löhne: Hobler im Durchschnitt bis zu 25, Dreher von 20—30,„Stoßer" und Bohrer 20, 30 und 35, einzelne bis 40 Mark in der Woche. Zum Vergleiche diene, daß nach den Ermittelungen der Berliner städtischen Gewerbs-Deputation im Mai 1887 der Maximallohn für im Akkord arbeitende Berliner Maschinenbauer 34,20 Mark betrug gegen 20,10 Mark im Zeit- lohn. Zur Kontrolle von Göhre's Angaben mag ferner herangezogen werden, daß nach der I. Schmitz'schen Zu- sammenstellung über den Taglohn ungelernter Arbeiter in allen Theilen Deutschlands, dieser in letzterer Zeit in Chemnitz durchschnittlich 200 Pfennige pro Tag beträgt. Es muß auch erwähnt werden, daß die obigen Löhne bei sinkender Konjunktur wegen gefürchteter Wirkung der Mac�Lkinley-Bill gezahlt wurden. Göhre zieht aus den obigen Zahlen einen Durchschnitt, giebt, da eben die niedriger gelohnten Arbeiter an Zahl weit überwiegen. als mittleren Verdienst eines Maschinenbauers 80 Mark im Monat an und sagt:„Aus alledem geht hervor, daß von Noth unter dieser Arbeiterklasse nicht die Rede sein kann."„Jedenfalls", fügt er jedoch selbst hinzu,„ist sie eine der verhältnismäßig bestgestellten und konsumtions- kräftigsten unter der gesummten sächsischen Arbeiter- schaft." Dieser Durchschnitt hat aber für die Beurtheilung der Sachlage nur einen sehr problematischen Werth. Die vielen Einzelnen, die tief unter diesem Durchschnitt stehen, sinken, namentlich wenn sie zahlreiche Familie zu ernähren haben, bis unter das Minimum einer menschenwürdigen Existenz herab. Einzelne suchen ihr unzureichendes Einkommen zu verbessern, indem sie nach 11 stündiger Tagesarbeit am Feierabend noch mit Nebenarbeiten etwas zu ver- dienen trachten. Einer ist Abends Schneider, einer Kellner, einer Barbier. Uebersiunden in der Fabrik selbst gelten als besondere Gunst des Werkführers. In solchen Familien müssen natürlich auch Frauen und größere Kinder durch Erwerbsthätigkeit das Budget ver- bessern und namentlich wird das Halten von Schlaf- stellenmiethern und Mittagskostgäugern als Cinnahms- quelle benützt. Gö re geht sodann zur Schilderung der Ausgaben- wirthschaft über. Je nach der Höhe des in so weiten Grenzen verschiedenen Arbeitslohnes und fast noch mehr je nach der Zahl der Personen, die von einem solchen Lohne leben müssen, treten uns hier die verschiedensten Bilder entgegen, von kleinbürgerlicher Behaglichkeit bis zu schweren Entbehrungen und nacktem Elend. Wenn wir uns immer vor Augen halten, daß wir es hier mit einer ganz exzeptionell günstig gestellten Arbeiterschaft zu thun haben, so wirken die letzteren Schilderungen um so er- schüttelnder. Auf allen Stufen aber ist die Wohnungsnoth groß, da auch der besser gestellte Arbeiter bekanntlich das Meiste zur Beschaffung der Nahrung verwenden muß. Die Wohnungspreise sind verhältnißmäßig hoch und so ist der Wohnungsluxus, der einer günstig situirten Chemnitzer Arbeiterfamilie erreichbar ist, eine Wohnung, die aus 2 Zimmern, von denen eines zugleich als Küche dient, und einem Dachbodenraume besteht.„Das mag für ein junges Ehepaar, ohne oder mit wenigen Kindern, halbwegs genügen", bemerkt Göhre,„führt aber zu schweren Uebelständen, wenn die Familie weiterwächst und fremde Kost- und Wohnleute aufgenommen werden. Das war aber die Regel, weitaus die Meisten hatten eine Schaar Kinder, halten Schlafleute und Kostgänger." Daraus entstehen nun wahrhaft haarsträubende Wohnungs- zustände, wie sie sich freilich in allen Industriestädten „zivilisirter" Länder wiederfindend Der Luftraum eines Zimmers wird in einer gesundheitzerstörenden Weise aus- genützt und durch die erzwungene Nähe der Einzelnen wird jede Spur von behaglicher Selbstständigkeit un- möglich gemacht. Alleinbewohnen eines Zimmers ist natür- lich hier unerhört, aber selbst Alleinbenützen eines Bettes ist Ausnahme, und wie die Eheleute hier immer, so schlafen auch herangewachsene Geschwister selbst verschiedenen Geschlechts miteinander, fremde Schlafstellenmiether regel- mäßig zu zweien und dreien m einem Bett. Weniger traurige Schilderungen entwirft Göhre von der Art, wie sich der Chemnitzer Maschinenbauer ernährt. Ein größerer Theil wenigstens scheint in der Lage zu sein, sich die vom Beruf geforderte quantitativ reichliche Kost zu verschaffen, und in der Arbeiterkneipe, in der Göhre selbst mit jungen unverheiratheten Schlossern, die zu den stärkeren Verdienern gehörten, seine Mittags- mahlzeit einnahm, war das Essen„reichlich und leidlich schmackhaft". Aber für die schlechter gezahlten Kategorien von Arbeitern und namentlich die kinderreichen Familien steht auch hier die Sache schlimm. Ueber die Er- nährungsweise der Arbeiter, die ihre Mittagsmahlzeit in ihrem Heim einnehmen, giebt uns Göhre nur einige An- deutungen nach Mittheilungen seiner Arbeitsgenossen, aus denen nur hervorgeht, daß Fleisch nur ganz ausnahms- weise auf ihrem Tische erscheint. Was Göhre selbst ge- sehen hat, das ist die Hauptmahlzeit jenes Theiles der Arbeiter, welche diese in der Fabrik selbst einnimmt, weil die oft stundenweite Entfernung von der Wohnung es ihnen unmöglich macht, zum Essen nach Hause zu gehen, und ihr Einkommen es ihnen nicht gestattet, ein warmes Mittagsbrot bei Fremden zu bezahlen.„Diese begnügen sich meist mit einem gleichen kalten Imbiß, wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder sie wärmen sich Tag für Tag das Gemüse, das die Mutter oder Frau am Abend vorher bereitet hat und das sie am Morgen in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten." Göhre er- klärt mit Recht eiste solche Mahlzeit als ganz ungei.ügend für schwer arbeitende Männer und fügt hinzu:„Wenn ich in die Fabrik zurückkam und ihnen„gesegnete Mahl- zeit" wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter ab- wehrte. Das sei keine Mahlzeit, am wenigsten eine ge- segnete." Auch in der KleidNng der Leute macht sich begreif- licherweise der Unterschied der besser und schlechter Situirten geltend. Die Ersteren sind die Ledigen und Jüngeren, die für Niemand zu sorgen haben. Diese haben auch größere Eitelkeitsbedürfnisse; aber von dieser ganzen Arbeiterschaft behauptet Göhre, daß sie sich über ihre Verhältnisse gut kleidet.„Was sie dieser spezifisch sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen ab."— Der Niederdeutsche, von dem Göhre wohl hier als Norm ausgeht, ist bekanntlich in Bezug auf gefällige Erscheinung außerordentlich anspruchslos. In Folge der Enge des Zusammenlebens, in Folge der regelmäßigen Theilnahme von Nichtverwandten an Wohnung und Tisch des Arbeiters sei in„weiten Kreisen der großstädtischen Jndustriebevölkerung die überlieferte Form der Familie nicht mehr vorhanden." Diese Um- gestaltung und Erweiterung der Hausgenossenschaft be- klagt Göhre als Vertheidiger überlieferter Formen auf's Tiefste und es mögen hierin wirkliche, oft schwer empfundene Uebel liegen. Aber Göhre geht weiter, er beklagte auch „die Enge der Nachbarschaft, die Gemeinsamkeit der Korridore, auf denen die Kinder solcher Familten dauernd, fast wie Ge- schwtster unter einander leben, das gegenseitige Sichausleihen von Hausgeräth, womit die kleinen Wirihschafte» spärlich ver- sehen sind und das einen kommunistischen Zug in diese Gemein- schaft bringt. Dazu tritt die Enge der Wohnungen, die die Menschen zur Thür hinaus, auf die Straße und in den Hof, in die besseren Zimmer der Nachbarn, in Kneipen und Versamm- langen drängt." So ist es allerdings überall, wo Arbeiterfamilien in größeren Häusern gemeinsam wohnen, so aber auch überall in den kleinbürgerlichen Schichten großstädtischer Bevölkerung und es hat auch seine guten Seiten, daß es so ist. Diese Enge der Nachbarschast. dieses gemeinsame Aufwachsen und Spielen der Kinder, diese wechselseitige Hilfe von Nachbarin zu Nachbarin und dieses gemeinsame Plaudern auf den Stufen der Hoftreppe im Dämmer der Abendstunde ist eine gute Schule der Solidarität, die ein mächtiges Band um die Genossen eines gleichen Schicksals schlingt. Wird damit auch oft Anlaß zu Zank und Streit gegeben, so zwingt die Nähe auch wieder, sich mit dem Nachbarn, der gleich mühselig und beladen ist, zu vertragen, und die Fähigkeit des Menschen, in Gesellschaft zu leben, ein„politisches Wesen" zu sein, sich in ein Ganzes einzufügen, Einer für den Andern einzustehen, wird von Jugend auf durch mächtige Gewohnheit in jedem Einzelnen gestärkt. Hier hat die überraschende Solidarität der einzelnen Glieder, mit der die Sozial- demokratie auftritt, eine ihrer starken Wurzeln. Nie wird der Bourgeois, der hinter verschlossenen Thören, durch Vor- und Wartezimmer und meldende Diener gegen die Außenwelt verschanzt, seiner Familie den Feldzug seiner Firma A gegen die Firma B erzählt, mit Seinesgleichen sich zu dauerndem Zusammenstehen so willig verbinden, wie der Arbeiter, der in der engen Gemeinschaft der modernen Arbeiterkaserne auch die gute Kameradschaft der Kaserne gelernt hat. Deutscher Reichstag. tLS.f Kitzung.(Fortsetzung der Berathung der Krankenkassennovelle.) Zu den Paragraphen 21—62 liegen Anträge vor, dieselben werden jedoch fast unverändert angenommen. 127. Sitzung.(Fortsetzung.) Die Berathung von§ 56 griff zugleich auch auf§ 26a zurück, wonach durch Kassenstatut verfügt werden kann, daß die ärztliche Behandlung nur von bestimmten Aerzten geleistet wird. Ein Autrag Auer will diese Bestimmung ganz streichen. Abg. Wurm(Soz.-Dem.) meint, dieser§ 56a sei überhaupt nur ein Berlegenheits-Paragraph; dieMajorität des Hauses habe schon Gewissensbisse bekommen darüber, daß sie die Benennung bestimmter Aerzte beschlossen habe. Deshalb wolle sie hier der höheren Behörde Bcfugniß geben, die Zulassung noch weiterer Aerzte anzuordnen. Seine Partei wolle keine Oktroytrung von Aerzten, denn oktroyirte Aerzte genössen nicht das Vertrauen der Kranken. Auch schaffe man aus diese Weise eine neue Klasse von Proletariern, proletariflrte Aerzte. Bei solchem Zwangs- arztsystem müsse der Arzt billigere Dienste leisten, als der Dienst- mann. Mindestens ebenso schlimm sei der Apothekenzwang. Das einzig Richtige sei nur, daß Jeder sich seinen Arzt und seine Apotheke selber aussuche. Auch bei der freien Aerztewahl spiele freilich der Pfennig eine große Rolle, deshalb gebe es nur einen Weg: Verstaatlichung der Aerzte. Das jetzige System erwerbe sich keine Sympathien, wie der Staatssekretär meine, sondern nur Antipathien, denn auch mit den vorliegenden Paragraphen sage man wieder den Arbeitern: das Schlechteste ist für Euch gerade noch gut genug! Abg. Hirsch(freis.) bittet, man möge jedenfalls die Illusion schwinden lassen, als ob der Arbeiter mit der ärztlichen Bchand- lung, wie sie jetzt in den Zwangskassen bestehe, zufrieden seien. Gerade die Arbeiter klagten über dies System weit mehr noch, als die Arzte. Und das sei kein Wunder, denn die Aerzte selber gäben zu: wie können wir bei dem Massenbesuch in unseren Sprechstunden anders als oberflächlich, maschinenmäßig, verfahren? Die einzige Hilfe bestehe in der freien Aerztewahl. Könne diese nicht erretcht.werden,' so solle man sich ihr doch möglichst nähern. s.lS8. Sitzung. l Erste Lesung des Etats pro 1892/93 in Verbindung mit der ersten Lesung des Nachtrags-Etats pro 1891,92 für Helgoland und für Mehrkosten an Natura lvcrpflegung der Truppen. Staatssekretär v. Zilaltzahn wirft zunächst einen Rückblick auf das Etatsjahr 1890/91, für welches die amtliche Uebersicht bereits vorlt-gt: Uebcrschuß etwas über 15 Millionen Mark, während er seiner Zeit nur 10 Millionen in Aussicht gestellt habe(vor Jahresfrist), und an Ueberweisungen an die Einzel- stallten etwas über 80 Millionen; abzüglich etwas erhöhter Matrikularttmlageit stellte sich das Ergcbniß für die Einzelstaaten etwa um 33 Millionen besser, als er vor Jahresfrist an- genommen habe. Für das laufende Jahr sei dagegen ein Defizit von 8Mill. an eigenen Einnahnien des Reiches zu erwarten, nämlich eine Mehreinnahme von etwa 7l/9 Mill. und eine Mehrausgabe von gut 15 Mill. Jenem Defizit von 8 Mill. stehe allerdings ein Mehr an Ueberweisungen an die Einzelstaaten voraussichtlich gegenüber. An de» Mehrausgaben sei das Auswärtige Amt be- thciligt mit etwa 1'/, Million, zum Theil wegen der bekannten Vorgänge in Ostafrika. Der Hauptanth eil der Mehr ausgaben, 13 Millionen, entfalle aber auf das Heer. Brod-- und Fourage-Verpflegung werde für Preußen allein um etwa 6 Millionen steigen. Die Marine-Vcrwaltung sei an der Aus- gaben-Zisser mit etwa'/- Millioil bctheiligt. Was die lieber- Weisungen anlange, so würden sie aus Zöllen und Tabaksteuer um etwa 68'/, Mill. steigen, aus Branntwein-Verbrauchsabgabe dagegen und aus der Stempclabgabe um 7'/: Millionen bezw. 1 790000 Mark fallen: also ein Gesammt-Mchr an lieber- Weisungen um nahezu 60 Millionen. Was nun den vorliegenden Etat 1892 93 au lau ge, so werde an außerordentlichen Ausgaben eine erhebliche Summe mehr gefordert, an ordentlichen dagegen sei die Mehrforderung nur eine geringe, nur dreißig Millionen, sie beschränke sich auf das durchaus Notywendiac. Die Forderungen, speziell für das Heer, ließen sich nicht zurückstellen. Es war in Folge dessen auch leider nicht möglich, die Aufbesserung der Gehälter weiter zu führen. Bei dem Reichsamt des Innern sei eine Mehr- ausgäbe von 8 Vi Millionen angesetzt, hauptsächlich wegen der Jnvaliditäts-Versichemng. Sehr hoch seien, das gebe er zu, die Auforderuiigen an einmaligen Ausgaben. Abg. Kiltzrrt(dsr.): Der Stimmung iin Lande auch bei sehr weit rechts stehenden Leuten giebt ein deni Fürsten Bismarck nahestehendes Münchener Blatt Ausdruck, das die Lage als eine verzweifelte schildert. In den letzten 24 Stunden erschien in einem freikonservativen Blatt ein Artikel eines prcußsschen Ab- geordneten, der mich zum Erschrecken brachte— danach ist Herr v. Caprivi amtömüde, es steht eine scharfe Wendung in der ganzen— ich hoffe. nur inneren— Politik bevor. Ich hoffe, der Reichskanzler wird uns darüber Auökluift geben, was daran Wahres ist. Mich erschreckt besonders die Bemerkung, daß die heutigen Verhältnisse zu einem Vergleich mit den unmittelbar vor Ausbruch der französischen Revolution bestandenen heraus- fordern; ich bin froh, daß dies in keinem fteisinnigen Blatt stand, denn wie würde sonst in der Presse und auch wohl am Re- glerungStisch mit Bezeichnung wie„Vaterlandsverrälher" vorgegangen sein! Zu gleicher Zeit soll auch Herrn Herrfurth's Ge- sundheit ungünstig sein,— merkwürdiger Weise gerade zu der Zeit, wo die Laudgemeindeorduung durchgeführt werden soll! Die Lage ist ja eine sehr ernste, aber zu einem solchen Pessimis- nius sehe ich keinen Anlaß. Einen sehr unangenehmen Eindruck haben auf uns friedliche Männer in den letzten Tagen die ge- hässtgcn Aeußerungen der deutschen Presse gegen Rußland gemacht. Die konservativen Blätter thaten gerade so, als ob der Reichskanzler dem russischen Minister gegenüber das Ansehen unseres Landes nicht genug wahre. Wir haben das vollste Ver- trauen zum Reichskanzler, daß er der Würde und dem Ansehen des Reichs Keinem gegenüber etwas vergeben werde. Wir würden es mit Freuden begrüßen, wenn Rußland seine wirthschastlichen Schranken gegen uns beseittgt. Möge unsere Regierung es in dieser Beziehung im rechten Augenblick an Aufmerksamkeit nicht schien lassen. Redner verlangt dann noch„Sparsamkeit" im Heer und Marine und spricht gegen die Kornzölle. Reichskanzler v. Caprivi:„Ich kann den Herren, die gewillt sind, zu glauben, daß ich amtsmüde bin, sagen, daß ich bei sorg- fälliger Beobachtung meiner selbst bisher keine Spur davon be- merkt habe... Ich stehe hier auf die Weisung meines aller- gnädigsten Herrn und werde so lange stehen bleiben, wie es Seiner Maiestät gefallen möge." Er verwahrt sich dann gegen die Ausführungen des Artikels im„D. W.", wo der Regierung Schwanken vorgeworfen wird, jedoch in einer Tonart, die nicht so recht natürli.« klingt, wie sie klingen soll. Jedenfalls ist mehr an der Sache, wie der Reichskanzler zugeben will.„Für die Beunruhigung ist nun das geeignetste Gebiet das der aus- wärtigen Politik. Man kann sich da so schön graulen, oder doch graulich stellen. Da heißt es dann: wir wissen nicht, was die Regierung macht, aber es wird schon nicht gut sein, es kann das Schlimmste dahinter stecken. Die auswärtige Politik der Regierung ist eine sehr einfache. Ein Hauptersorderniß auch in der aus- wärtigen Politik ist Wahrheit und Offenheit. Es ist ja nicht nöthig, daß man seine letzten Gedanken ganz und gar und alle Tage auf dem Präscntirtcller herumträgt, aber es ist auch nicht nöthig, daß man alle Tage das Bestreben hat, andere zu täuschen. Eine günstige politische Konstellation in Europa macht es uns auch leicht, wahr und offen zu sein. Die Dinge sind sehr einfach verlaufen." Spottet dann über die Konjekturalpolitiker, welche der Revue von Kronstadt eine so große Bedeutung beigelegt haben.„Daß durch die K onstädter Eillrevue dieser Krieg gegen zwei Fronten auch nur um eine Spur näher gerückt ist, glaube ich nicht. Es ist ja möglich, daß der Krieg gegen zwei Fronten einmal kommt; daß aber die Entrevue einen Grund abgeben könnte, sich mehr zu beunruhigen als bisher, das bestteite ich entschieden!" Betont die friedlichen persönlichen Intentionen des russischen Kaisers— die allerdings nicht ausschlaggebend sind.„Ich bin ebenso überzeugt, daß keine Regierung heutzutage wünschen kann, einen Krieg zu provo- ziren. Keine Macht hat ein so prononzirtes Gewicht in der Weltlage, daß man mit leichtem Herzen sagen sollte, wir könnten jetzt einen Krieg beginnen. Das Bewußtsein, daß der kommende Krieg ein sehr ernst- haften Charakter annehmen würde, hat sich in der ganzen Welt verbreitet." Zum Schlug bespricht er die militärische Frage:„Wir haben auch in diesem Jahre Mehr- forderuugen aufgestellt, und ich halte es nicht für unwahrschein- lich, wenn ich sage, daß ich den Ausbau der Armee nicht für abgeschlossen erachte. Man hat sich gewöhnt, Anuecn nach der Zahl zu schätzen, und auch das ist wieder für Zeitungsschreiber und-Leser ein bequemes Mittel. Für die Leistungen der Armee wird im Anfang immer die Qualität der Truppen entscheidend sein, und erst später komnit nach und nach die Quantität der Truppen zur Geltung. Ich glaube nicht, daß unter den lebenden Heerführern einer ist, der im Stande ist, diese Massen, mit denen zu rechnen man sich jetzt gewöhnt hat, zu bewegen und mit ihnen gemeinsam zu schlagen; namentlich aber, wenn man die Ouali- lät dieler Massen sich ansteht." &(129. Kiizung(Fortsetzung.) s5i Abg. Kntzl(nt.): Der7Etat liegt nicht erfreulich,' wir haben sehr viele Schulde», trotzdem w rd er aber mit einigem jungfcr- liehen Sträuben doch alles bewilligen. P Abg. Krbrl(Soz.):? Nach dem Reichskanzler' ist der Kaiser von Rußland von den allerfriedlichsten Absichten beseelt, und der Zweibund Rußlands und Frankreichs bezwecke im Grunde nur eine Feststellung des europäischen Gleichgewichts. Demnach scheint cs, als wenn der Dreibund weit eher eine Kriegs- Provokation als ein Bündniß zum Frieden ist. Wenn wirklich die Regierungen den Frieden aufrecht erhalten wollen, warum treten sie nicht mit einander in Verbindung und spüren den Ursachen des gegenwärtigen Nebels nach, um dann das richtige Heilmittel anzuwenden? Es geht so nicht weiter, sagte gestern auch Rickcrt; der Reichskanzler sagte: es geht weiter. Daß eS zwischen Rußland und Frankreich zu einem Bündniß kommen würde, hat auch Bismarck gefürchtet und diese Gefahr zu be- fettigen gesucht. Er war nach Gortschakow russischer als die russische Regierung. Erst als auch er erkannte, daß eine Ver- ständigung zivischen Rußland und Deutschland nicht möglich sei, wurde der Dreibund begründet. An eine Aenderung des status quo vor 1870 denkt kein Mensch.„Lieber sollen 40 Millionen auf der Strecke bleiben, als daß ein einziger Stein aus den estungen abgegeben wird." So bleibt nichts übrig, als den ustano mit.llen den Kräften zu unterstützen, deren überhaupt das Volk»och fähig ist, bis wir endlich zum Zusammenbruch, zur Katasttophe kommen. Der Reichskanzler hat sich noch in anderer Beziehung wi- ersprochen. Er hat spöttisch darauf hin- gewiesen, daß die Militärschriftstellcr am Ende ihrer Ausführungen immer iagteu: si vis pacem, para bellum. Mit diesem Spruch sind seit 20 Jahren alle neuen Rüstungen begründet worden, und im Gninde hatte gestern auch der Reichskanzler gar keinen anderen zur Verfügung. Die Reichsschuld beträgt bereits 1611 Millionen. Wo das hinaus soll, darüber brauchen wir, die wir stets gegen diese Ford, rungen protestirt haben, uns nicht Ihre Köpfe zu zerbrechen. Wir gehen an diesem kolossalen riegsapparat zu Grunde, bevor er noch vollständig in Aktion getreten ist. Wie sollen wir künftig den Krieg nach zwei Fronten führen und die ungeheuren Massen mit unseren Verkehrsmitteln fortschaffen? Wie wirds mit unserem Kredit stehe»? Die vierzig Millionen im Juliusthurm reichen doch nur für ein paar Tage. Ob uuscre Bourgeoisie, die Börse, auch bei noch so hohen Pro- zenten dann die Kriegsanleihen aufnehmen wird, scheint mir nach ocn Erfahrungen von 1870 sehr fraglich. Italien und Oesterreich haben bereits ihren Kredit auf die Spitze getrieben und könnten bei der nächsten Kriegserklärung den Bankerott ansagen. Die Berproviantirung war schon in Frankreich schwierig, wird aber im nächsten Kriege kaum möglich sein, da uns ohne Zweifel die Zufuhr seewärts erschwert und die von russtscheni Roggen ab- geschnitten s in wird. Die Lebensmittel werden so thcucr werden, daß das Volk den Preis wird nicht erschwingen können. Bei der kolossalen Vervollkommnung der Schußwaffen werden die Verwundeten in u»seren Lazarethcn nicht untergebracht werden können und die Aerzte werden nicht ausreichen, wie Professor Billroth anerkannt hat. Die kleinen Bauern, Handwerker u. s. w. können, wenn sie mobil gemacht werden, alle ihren Bankerott ansagen. Alle zurückbleibenden Arbeiter in den Exportindustrien werden natürlich brotlos, wenn der gesammte Eport stockt. Alle diese Schlüsse ziehen Sie auch, aber Sie scheu n sich, diese Fragen öffentlich zu beantworten, weil Sie die Wirkung einer offenen Darlegung fürchten. Sie vertuschen die Tinge und sagen nicht, was Sie denken. Wir sagen ja auch nicht alles, was wir denken (Heiterkeit), aber hier, wo die Lebensintcressen des Volkes in stärkste Riitleidenschast gezogen werden, müssen wir sprechen. Durch die Zeitung n gehen Aeußerungen, daß man eine starke Armee vielleicht gegen den inneren Feind gebrauchen könne. Bon hoher autoritärer Stelle ist bei der letzten Truppeuvcreidr- gung hier in Berlin den Truppen gesagt worden:„Ihr iverdet hoffentlich nur im Frieden Gelegenheit haben, Eure Tapferkite und Ruhm zu bezeugen, vielleicht aber stehen auch ernste innere Kämpfe bevor." Bei der Forderung der Unteroffiziersprämien äußerte sich der Reichskanzler ähnlich. Zufällig geben gerade jetzt die„Hamb. Nachr." eine gleiche Ansicht des Fürst Bismarck wieder, der das Sozialistengesetz nicht ent- behren wollte, weil die sozialdemokratische Frage keine juristische, sondern eine Kriegsfrage sei und die Zeit kommen könne, wo man der Sozialdemokratie mit bewaffneter Macht entgegentreten müsse. Die Sozialdemokratie sei schon unablässig bemüht, die Unteroffiziere für sich zu gewinnen, damit unter der Leitung sozialdemokratischer Unterofpziere die Soldaten in einem Bürger- kriege zu hoch schießen. Wo haben wir versucht, in die Armee zu dringen? Das thun wir schon aus Klugheit nicht. Wir rathen vielmehr allen Parteigenossen, die eingezogen werden: So lange Du in Königs Rock steckst, hatte den Mund und ver- rathe nicht, daß Du Sozialdemokrat bist.(Heiterkeit.) Die Dinge entwickeln sich zu unseren Gunsten ganz von selbst, und wenn Sie die Millionen aufbieten müssen bis zum Landsturm zweiten Aufgebots, sind selbstverständlich Hundertlausende von Sozialdemokraten darunter. Unsere Partei ist die stärkste in Deutschland und so wächst auch die Zahl ihrer Anhänger in der Armee. Da sollten die herrschenden Klassen nicht mit solchen Reden um sich werfen. Besonders die Zölle und indirekten Steuern müssen diese Ausgaben decken. Neben den Unnlhen und den: Mißbehagen über die militärischen Zustände tragen auch unsere allgemeinen wirthschastlichen und sozialen Verhält- nisse eine immer größere Mißstimmung und Beunruhigung in weitere Kreise. Das Schutzzollsystem sollte in erster Linie den Zweck haben, chronische geschäftliche Depressionen zu verhindern. Es ist schon damals von uns und von anderer Seite dem ent- gegen gehalten worden, daß weder Schutzzoll noch Freihandel in dieser Beziehung wirksam gemacht werden können, daß solche Depressionen in der heutigen Produtttousweise unvermeidlich sind, daß sie s. Z. gleichzeitig in dem fteihändlerischen England und in dem schutzzöllnerischen Deutschland sich fühlbar gemacht haben. Jetzt haben wir 12 Jahre lang dieses System; die Zölle haben eine Höhe erreicht, die zu weilerer Steigerung Niemand crmuthigt; das System ist nicht im Stande gewesen, geschäft- liche Depressionen hintantzuhalten. Die Depression ist da, sie war seit Jahren im Anzüge, sie hat eine furchtbare Höhe er- reicht und wird weiter wachsen, weil für de» Augenblick und auf unabsehbare Zeit absolut keine Möglichkeit ist, für die ungeheuren Waarenmassen, die in Folge der riesig gesteigerten, durch das Schutzzollsystem unheilvoll weiter gesteigerten Produktion vor- handen sind, den nüthigcn Absatz zu finden. Weder im Aus- lande noch auf dem Inlandsmarkt sind noch Absatzgebiete für diese ungeheuren Vorräthe zu ermitteln. Die Zahl der Be- völkerung hat mit dieser Produktionssteigerung nicht entfernt Schritt gehalten; die Kaufkraft der Bevölkerung nimmt stetig ab. Nothwendig muß also die Krise sich verschärfen, je länger sie wirkt, und so muß denn änch das Unbehagen, die Roth, das Elend und die Gedrücktheit des Volkes stetig wachsen. Die Baukerottstatistik der ersten zehn Monate des Jahres zeigt so hohe Ziffern, wie nie vorher. Voriges Jahr ergab derselbe Zeitraum 4800, dieses Jahr 6800 Bankerotte, volle 1000 mehr; in demselben Zeitraum bettägt die entsprechende Zahl Im hoch- schutzzöllnerischen Anierika 8866. Die Lage unserer industriellen Bevölkerung, sowie eines großen Theils der Unternehmer, als besonders der Arbeiter, der Klcinhandwcrkcr und Kleinbauern, ist eine äußerst gedrückte, ohne jede Aussicht aus Besserung. Das Angebot von Händen ist übergroß, der Berdienst geringer alS je, und das in einer Zeit, wo gleichzeitig ungemein hohe Lebensmittelpreise herrschen! Die ökonomische Depression macht sich aber in viel weiter greifendem Umfange geltend und bringt auch in der bürgerlichen Gesellschaft außerhalb der Arbeiterklasse die größte Beunruhigung hervor. Ich weise hin auf die Skandalbankerotte der letzten Zeit, namentlich in Berlin, hinter den eisernen Gardinen in Moabit sitzen augenblicklich acht Bankiers. Ich erinnere an die Skandalprozesse, an die darin enthüllte Korruption der Beamten bis in die höchsten Kreise hinauf. Alles das beweist, daß die gegenwärtige Gesellschaft sich in der Abwirthschaftung befindet(Unruhe rechts), daß ein Zu- stand der Fäulniß eintritt, der sehr an die Zeit vor dem Verfall des römischen Reichs und auch an die Verhältnisse vor Ausbruch der ftanzösifchen Revolution erinnert, wie ganz richtig da? „Deutsche Wochenblatt" hervorgehoben hat. Diese Erscheinungen zeigen weiter, daß es um die Moralität innerhalb der herrschen- den Klassen äußerst traurig fteht, daß sich in der höheren Ge- scllschaft sehr eigenthümlichc Begriffe in Bezug aus Mein und Dein Geltung verschafft haben. Sle selbst sangen ja schon ängstlich an, zu frage», wie dem liebet gesteuert werden soll. Gewiß ist der frühere Ausspruch des Kanzlers richtig, daß die Regierung auf die ökonomische Gestaltung der Dinge keinen maßgebenden Einfluß auszuüben in der Lage sei, denn die bürgerliche Gesellschaft hat ja die Regierung nicht deswegen e:n- gesetzt, daß sie sich in die geschäftlichen und privaten Angelegen- heilen des Einzelnen mische» soll. Im Großen und Ganzen ist zugegeben, daß die Regierung Machtmittel auf diesem Gebtete nicht Hut, aber bis zu einem gewissen Grade kann sie mit Ihre» Mitteln doch mildernd eintreten, z. B. in der Frage der all- gemeinen Lebenshaltung, der Ernährung des Arbeiters, der Lebensmittelpreise. Es wäre Pflicht der Regierung gewesen, hier ihre Passivität aufzugeben und dafür zu sorgen, daß dem ar- beitsloscn, hungernden Volke wenigstens einigermaßen billiges Brot geschafft wurde. Dazu war die Regierung verpflichtet, und cs ist mir geradezu unbegreiflich, wie in einer PeriAw wtrth- schaftlicher Depression, wo die Berdienstlosigkeit großer Schichten des Volkes eine Thatsache ist, die Regierung hartnäckig darauf bestehen kann, nicht das geringste zu thun, um diese unerhörte Preissteigerung irgendwie zu mildern. Unsere Gesellschaft macht den Eindruck eines Hauses, das am Sumpf gebaut ist. Sie wird in demselben versinken. Aber das Gute ist, daß diese ver- sunkene Gesellschaft den Boden abgtebt für einen Neubau, eine andere, neue Gesellschaft. Fahren Sie nur so fort! Wer erntet,— das ist doch nur die Sozialdemokratie.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) 130. Sitzung.(Fortsetzung.) v. Huene iZcntr.) will Alles bewillige», keine Zölle aufgeben und gegen die Sozialdemokratie mit„Ideellen" Waffen kämpfen. Der Wadclsttumpf auf der Höhe der Situation. � Reichskanzler u. Caprivi erzählt, waS Posen alles der preußischen Herrschaft verdankt, vergißt aber dabei die skandc»- lösen Landdiebstähle, die Verschleuderung des Egenlhunis der Polen an preußische Schwindler und Abenteurer, an die Dragonaden u. s. w. Wir werden nächstens einmal ein Bild dieser preußischen Kulturleiswugen entrollen. Abg. Richter(dft.) quengelt wegen der nicht gegengezeich- neten Erlasse. Bringt dann die bekannte Polemik gegen die Kornzölle u. s. f, ohne wesentlich Neues. Interessant ist der Ausspruch, man könne wohl als Pole Erzbischof werden, aber ein Freisinniger könne nicht Minister, nicht Oberprästdeut, ja nicht einmal Reichsgerichlsrath werden! Das lä t tief blicken! Besteigt dann das Roß der hohen Politik, von dem aus er als modermr Skt. Georg den Drachen der Sozialdemokratie be- kämpft. Meint, die Unmoralität ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Handelt ein wenig an den Militärforderungen herum, und erklärt zum Schluß emphatisch:„Der Kornzoll muß falle», obwohl dies kein Friede zwischen uns und dem Kanzler", was dem Kanzler gewiß sehr schmerzlich ist. Verantwortlicher Redakteur: I. V.: I. Timm, Berlin.— Verleger und Drucker: Maurer& Dimmick, beide in Berlin 80., Elisabeth-Ufer 55.