Keilikatt zur Merliner Vol�s�Tribüne %r. 50. Sonnabend, den 12. Dezember 1891. y. Jahrgang. Freiheit. Von Shelley. Die feurigen Berge donnern sich zry Es hallt ihr Krachen von Zone zn Zone; Die Meere stürm»! sich aus aus der Ruh', Und es bebt des Nordpols eisige Krone, Wenn erschallt des Typhons Trombone. Einer einzigen Wolke der Blitz entwettert, Der tausend Inseln in Gluth entfacht; Die Erde bebt— eine Stadt ist zerschmetten, Und hundert beben und wanken; es kracht Der Erde tiefunterster Schacht. Doch Heller Dein Blick als des Blitzes Schein, Und wie Du, so dröhnet' die Erde nimmer; Des Meeres Echo, der Vulkane Spei'n Uebertönst, überstrahlst Du; der Sonne Schimmer Ist vor Dir wie Jrrltchtsgeflimmer. Von Berg und Woge und jagender Wolke Glänzt die Sonne durch Nebel und dunstigen Flor; Von Seele zu Seele, von Volke zu Volke, Von Stadt zu Dorf schwingt Dein Tag sich empor— Wie Schatten der Nacht flieh'n Sklav' und Tyrann, Wenn Dein L cht zu leuchten begann. (Nachdruck verboten.) Am Krankenbette. Von E. Ahlgren. Nach dem Schwedischen von Georg Gärtner. Pfarrer H. stand im Korridor und zog seinen Ueber- rock an. Es lag ein unnaturlich kalter Ausdruck auf diesem jungen Gesicht mit diesen ältlichen Zügen um den Mundwinkeln; seine schmalgeschulterte Figur war so ge- beugt und seine Brust so eingesunken, daß er unwill- kürlich Theilnahme erweckt haben würde, wenn nicht ein Ausdruck der Strenge und der Selbstbefriedigung ein solches Gefühl unterdrückt bätte. „Ich brauche wohl nicht daran zu erinnern, daß wir hier mehr als irgendwo anders die Strenge des Gesetzes über der Sanftmuth des Evangeliums gelten lassen müssen." sagte der alte Domprediger, der niit einer Hand die Thürklinke festhielt und mit der anderen die Pfeife zum Munde führte, um einen Zug zu thun, während er die Antwort des Pfarrers erwartete. „Ich werde thun, was mein Gewissen mir vor- schreibt," antwortete dieser in spitzigem Tone. „Ja, ja. ja. gewiß," sagte der alte Herr gutmüthig, die Worte wie kauend;„ich wollte Sie nur daran erinnern, daß wir es hier zu thun haben mit einer jener freien Verbindungen, die wir— die Diener der Kirche — so energisch auszurotten streben." „Es ist ein wenig spät, mit diesem Ausrotten am Sterbebette zu beginnen." antwortete Pfarrer H. in sarkastischem Tone, der gerade nicht von besonderer Ehr- furcht gegen seinen Vorgesetzten zeugte. ,,Ja, ja, ja, gewiß." antwortete dieser etwas ver- legen,„aber ich habe nie lernen können, diese Menschen zu beugen." „Ich hasse solch ein leichtsinniges Leben!" rief der junge Mann;„und ich werde es verfolgen, unerbittlich, bis in seine verborgensten Schlupfwinkel." „Ja, ja, aber doch mit Sanftmuth," sagte der Alte halb fragend;„man kann durch Güte viel ausrichten." „Wir haben gesehen, wieweit man mit Güte kommt; das Unkraut schießt an allen Orten üppig empor; was nun erforderlich wird, ist energisches Handeln." „Ja. ja.... und Jedermann beurtheilen nach den Gaben, die er besitzt. Per Krabb ist doch in jedem Falle ein guter Kerl gewesen." „Ein guter Kerl?'.. und er lebt mit einer Frau zusammen, die ihr Kind ermordet hat!?" „Ja, das ist ein Elend, das ist ein Elend," murmelte der Alte, an dem Mundstück seiner Pfeife kauend, indem er hineinhumpelte. Der Pfarrer hing die lederne Tasche um, in der sich Alles befand, was für die Verabreichung des heiligen Abendmahles erforderlich war, und begab sich auf den Weg. Er hatte ungefähr eine Viertelmeile zu gehen. An- fangs folgte er einem ziemlich ungebahnten Weg durch die Haide, später einem kleinen Pfade, der zwischen den Feldern dahinführte. Der Himmel wölbte sich weißlichblau über den ab- gemähten Roggenfeldern und den Aeckern mit wogendem Weizen; kein Wölkchen war zu sehen, nur am fernen Horizont zeigten sich wollartige Wolkenmassen mit schwefel- gelben Rändern. Es war warm und schwül, kein Zephyr seufzte. Der Pfarrer ging schnell, vornüber gebeugt, kleinen.. hastigen Schritten, eine Gewohnheit, die er durch vieles Gehen auf den Straßen der Städte geeignet hatte. Nachdem er ein Wäldchen von schrumpften Birken durchschritten hatte, war er, wo er sein mußte. Es war ein niedriges Haus mit rothem Giebel und einem mit Moos bewachsenen Schilsdach; an jeder Seite von der Thüre befand sich ein kleines Fenster; das Ganze mit sich an- ver- als Kohl wuchs, war vom Wege durch ein hölzernes Stocket getrennt. Der Pfarrer öffnete die obere und untere Thüre und trat ein. Der Hausflur war erst gefegt und der frisch gestreute Sand knirschte unter seinen Füßen. Er fühlte sich ein wenig beklemmt, nun er zum ersten Male in Ausübung seines Amtes mit der ländlichen Bevölkerung in direkte Berührung kommen sollte, die er nicht weiter kannte, als durch das, was er auf dem Markte oder in der Nebenkirche, wo er zweimal wöchentlich predigte, von ihr gesehen hatte. Er hob die Klinke einer zweiten Thüre auf und sah in das Zimmer. Bevor er sich auf den Weg begab, wußte er, daß er ein Haus der Sünde betreten würde, und er hatte sich vorgestellt, wie Alles aussehen, welche Art von Menschen er sinden und was er zu ihnen sagen würde. Er hatte sich im Voraus mit Energie ausgerüstet, um vor nichts zurückzuschrecken, nicht vor der schmutzigen Umgebung, nicht vor der Frau in Lumpen, noch vor diesem abgelebten, rauhen Gesicht,— auf das der Tod sicherlich bereits seinen Stempel gedrückt haben würde. Er blieb erstaunt auf der Schwelle stehen. Ein wunderliches Gefühl bemächtigte sich seiner, in- dem er seinen Blick durch das Zimmer schweifen ließ, das, obwohl ärmlich ausgestattet, doch von Ordnung und Reinlichkeit Zeugniß gab; der Lehmboden war mit Baum- reisern bestreut, die hölzernen Möbel waren ungefärbt, aber weiß gescheuert, und die Sonne ließ ihre Strahlen im goldenen Abendglanz durch die hellen, grünlichen Scheiben dringen und auf den geweißten Mauern spielen. Er nahm den Hut ab. War das die Frau, die er suchte? Sie saß, ein grobes Tuch um ihre Schultern ge- schlagen, vor einem Tischchen, das neben das Bett ge- schoben war, und hatte— wie es schien— aus der aufgeschlagenen Bibel vorgelesen. Als der Pfarrer ein- trat, stand sie auf und legte ihre Brille mit einerge- wissen Umständlichkeit auf das geöffnete Buch, wie um Zeit zu gewinnen. Ihr Gesicht zeigte den gewöhnlichen Bauerntypus und aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sie die Fünfzig schon passirt. Sie war eher klein als groß, hatte breite Hüften und Schultern und eine gebückte Haltung, sodaß ihr Rücken fast den Eindruck machte, als sei er mißgestaltet. Ihr Gesicht war braun und verwittert und erinnerte an die Schale einer reifen Wallnuß, aber in diesem Gesichte glänzte ein Paar heller Augen, deren Blick der Pfarrer später nimmermehr vergessen sollte Sie waren dunkel braun und so durchdringend-fragend, so forschend-auf- merksam, wie die eines mißtrauischen Hundes, der Unrath wittert. Sie streckte ihre Hand nicht aus, wie die Armen zu thun pflegen, sondern blieb still, in Erwartung stehen. Erst als der Pfarrer ihr Gutentag sagte, erwiderte sie dessen Gruß mit einem Nicken, ohne einen Moment ihre Augen von seinem Gesicht abzuwenden. „Schläft er?" sagte der Pfarrer nach dem Bette sehend. „Nein." „Sie ging um den Tisch herum zu dem Kranken. „Hier ist der Pfarrer", sagte sie, sich über das Bett neigend. Man hörte eine heisere Stimme etwas sagen; die Frau half nun dem Kranken sich im Bette emporsetzen, worauf sie sorgfältig die Kissen zur Stütze um seinen Rücken aufstapelte. Der junge Geistliche wurde nun eine andere Figur gewahr, die er bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Es war ein langer, aufgeschossener Junge, der, verkrüppelt und ausgeniergelt, halb saß, halb lag in einem roh- hölzernen Rollstuhl. Das unnatürliche graublaue Gesicht sah alt und abgelebt aus; es war unmöglich, sein Alter zu bestimmen; er konnte ebenso gut zwanzig als fünfzehn Jahre alt sein. Er war blind. Der alte Mann im Bett streckte die Hand aus. „Das war gut von dem Herrn Pfarrer, daß er sich zu diesem Gang herbeiließ", brachte er mit Anstrengung hervor, indem sein Bestes that, das Husten zu unter- drücken. Der Pfarrer nahm die Hand des Kranken in die seine. „Natürlich kam ich gerne", sagte er;„wie geht es?" „O... o... tödtlich krank!" antwortete der Sieche, in ein rasselndes Husten ausbrechend. „Er hat das seine gehabt", murmelte die Frau an der anderen Seite des Tisches, wohin sie sich zurück- gezogen hatte. „Mutter, ich bin so müde", klang eine klagende Stimme aus dem Rollstuhl. Die Frau anwortete nicht. Sie schüttelte die Kissen auf der schmalen Bank, die zwischen Thüre und Ofen stand, etwas auf, ging dann zn dem Jüngling, legte einen Arm unter seine Kniee, den andern um seinen Rücken, hob ihn empor und trug ihn mit schwerem, festen Tritt durch das Zimmer, sodaß der Sand unter ihren Holzschuhen krachte, obschon sie dieselben so vor- sichtig als möglich niedersetzte, um kein Geräusch zu machin. Nachdem sie den blinden Knaben auf die Bank von einem kleinen Garten umgeben, in welchem nichtsniedergelegt hatte, kehrte sie an ihren vorigen Platz zurück, von dem aus sie Beide, den Kranken und den Seelen- Hirten, beobachten konnte. „Ist das Euer Sohn?" fragte Letzterer. „Nein, aber er will mich nicht anders als„Mutter" nennen." Sie� hatte eine rauhe, eintönige Stimme, die man zurückstoßend hätte nennen können. Sie schien sagen zu wollen:„Bekümmere dich nicht um mich!" Es trat eine Pause ein; man erwartete, daß der Pfarrer zu sprechen anfangen würde. „Hat Krabb schon einmal darüber nachgedacht, was es heißt, von Allem zu scheiden und sich vor dem Richter- stuhl Gottes, des Allwissenden, zu stellen?" fragte er. „Man denkt nicht immer, was man denken soll", war die zögernde Antwort. „Um nur einmal etwas zu nennen," fuhr der Geist- liehe fort,„über das Verhältniß, in dem Ihr Beide ge- lebt habt?" Er blickte von dem alten Mann auf die Frau. Keines von Beiden anwortete. Sie wußten nicht recht, was er meinte.„Verhältniß" war kein Wort, das sie kannten. „Warum seid Ihr nicht verheirathet?" versetzte er. Keine Antwort. Warum sollten sie sich die Mühe gemacht haben, Veränderung zu bringen in etwas, das in ihrem Stande so oft vorkommt? Das begriffen sie nicht. „Mein Vorgänger hat Euch mehr als einmal gesagt, daß Ihr Euch trauen lassen solltet", fuhr der Geistliche in strengem Tone fort. Der Kranke fing an unruhig auszusehen „Sie wollte nicht." Der Kranke machte eine Be- wegung mit dem Kopfe nach der Richtung hin, wo die Frau stand. „Warum wollte sie nicht?" Des Pfarrers Blick begegnete ihren dunkelbraunen Augen. „Weiß der Pfarrer denn nicht von diesem-- mit mir?" „Das Ihr Euer Kind ermordet habt?" Er glaubte eine Verbrecherin wohl so anreden zu dürfen. „Ja." Keine Spur von Zaudern, kein Schimmer von Bos- heit, nur dieselbe Unfreundlichkeit. „Es wäre doch besser gewesen zu Heirathen als— so, wie jetzt Verbrechen auf Verbrechen zu häufen." Niemand antwortete, aber der Angstschweiß perlte dem Kranken auf der Stirne. Es schnitt dem jungen Manne durch die Seele, aber er glaubte, es sei seine Pflicht, streng zu sein. „Kann mir nun das Abendmahl nicht gereicht werden?" fragte der alte Mann, nachdem er den vor- wurfsvollen Blick des Predigers auf sich hatte ruhen fühlen; und über das bleiche Gesicht flog ein Ausdruck der Angst. Für diesen alten Mann beruhte die Seligkeit seiner Scele auf dem„Ja"— oder—„Nein" des Geistlichen. Es kam nur darauf an, ob er ihm das heilige Abend- mahl reichen wollte oder nicht. Soll man das Aberglauben oder Glauben nennen? Der Prediger begann zu sprechen, wie sein Amt es erheischte. Er sprach über die Gnade, über die Be- kehrung, das Krankenbett, über Gottes Barmherzigkeit und den seligmachenden Glauben. Der Kranke hatte sich wieder gelegt und faltete die Hände, aber es war deutlich, daß er den Worten des Seelsorgers nicht folgte. Nach seiner einfachen Ansicht blieb die Frage stets ebenso einfach: entweder der Pfarrer würde ihm das Abendmahl reichen und alles würde gut werden, oder der Pfarrer würde so lang- zögern, bis es zu spät sei, und dann würde er für ewig verdammt sein. Alles hing von dem Geistlichen ab. Der junge Mann begriff, was in dem Gemüthe des Kranken vorging und es machte auf ihn einen sehr peinlichen Eindruck. Er hatte es hier mit einer so weitgehenden lln- kenntniß zu thun, mit einem Gedankengang, so fremd dem seinen, daß seine Gelehrsamkeit ihm hiergegen kein Mittel bot. Mit welchen Worten sollte er sich diesen Menschen begreiflich machen? Es war ihm, als ob er ihre Sprache nicht kannte und sie die seinige nicht. Der Sterbende lag fortwährend still mit gefalteten Händen. Obwohl er schon sehr mühsam Athem holte und der Pfarrer schwieg, so ließ er doch auch kein Zeichen der Ungeduld blicken, that nichts, um die Entscheidung zu beschleunigen. In die Hand des Priester's hatte Gott die Macht gelegt, ihn zu erlösen, und auch die Macht, ihn für alle Ewigkeit verloren gehen zu lassen. Er beugte sich dieser Macht mit derselben stummen Ergeben- heit, mit der viele von seinem Stande alle Sorgen und Verdrießlichkeiten, die ihnen die Welt auferlegt, tragen.. Dem jungen Mann war die Kehle wie zugeschnürt. Zeugte diese wortlose Ergebenheit nicht von einem ganzen Leben schwerer Entbehrung, aufgegebener Wünsche, frucht- losen Strebens? Und er empfand es als einen Vorwurf, als die Frau ihre braunen Augen mißtrauisch auf ihn richtete; sie machte auf ihn keineswegs den Eindruck tiefer Ver, borbenfjeit, sondern eher einer unbekannten Naturkraft, die ihm imponirte� Hier war kein anderer Ausweg, als das zu thun, was man von ihm verlangte. Er bückte sich, nahm die heiligen Dinge aus der Tasche und hing sich das Prieslergewand um die Schultern. „Wünscht Per Krabb mir noch etwas zu sagen?" fragte er leise, fast freundlich. „Nein." Der alte Mann sah ihn an mit unsicherem Blicke, der verrieth, daß noch etwas in ihm vorging, womit er sich nicht recht herauszurücken getraute. „Sprecht rund heraus, ich bin verpflichtet zu schweigen." „So etwas war es nicht", anwortete der alte Mann. „In jedem Falle, sagt es mir!" „Ich dachte, aber...." „Fahrt fort." „Daß sie vielleicht, diese...." „BSas?" „Sie hat lange Jahre nicht den Muth gehabt, zum heiligen Abendmahle zu gehen. Ich dachte.... aber das geht nicht." „Daß es ihr jetzt gereicht werden könnte? Der Geistliche sah die alte Frau forschend an. „Ich will nicht", sagte sie hastig, noch ehe der Pfarrer etwas zu ihr hatte sagen können." „Warum nicht?" Die alten, wallnußbraunen Gesichtszüge verzogen sich auf sonderbare Weise, aber sie unterdrückte ihre Bewegung und wiederholte trocken: „Ich will nicht!" Der alte Mann sah enttäuscht aus. Es schien dem Seelsorger, als drängen- dem Kranken die Thränen in die Augen. „Für mich kommt es nicht darauf an", fügte sie. hastig und mürrisch hinzu; ihre Augen nahmen einen Ausdruck an wie die eines Hundes, der sich knurrend zurückzieht. Der Geistliche nahm nun die heilige Handlung vor. ohne sich ferner um die Frau zu bekümmern. Sie faltete die Hände, verneigte sich bei dem Namen Jesus und schien aufmerksam den Gebeten zu folgen. Der Pfarrer beobachtete das sehr gut. Als Alles beendet war, sank der alte Mann er- müdet in die Kissen zurück. Die peinliche Unruhe war gewichen, er war offenbar beruhigt. Im Bette liegend konnte er durch das eine Fenster hinaus auf die Felder sehen. „Mann!" rief plötzlich der Atte in heftigem Tone; er schien die Anwesenheit des Predigers ganz vergessen zu haben.„Wie, in Jesu Namen, wird der Bauer das Korn herein kriegen, wenn solches Wetter wird?!" „Krabb sollte nun nicht mehr an solche weltliche Dinge denken", sagte der Geistliche vorwurfsvoll. Der Alte machte eine Bewegung und sah ihn an. Andere, immer denken an Andere! Und doch Be- merkungen hören bis zum letzten! War das nicht das Leben der Armen?— Das Gesicht des jungen Mannes verzog sich schmerzlich. Welch treffende Lehre lag auch in der konventionellen Ehrerbietung, die man ihm erwies! „Er hat fünfunddreißig Jahre auf dem Platz ge- dient", sagte die Frau unfreundlich mit einem Vorwurfs- vollen Zug um den Mund—„er hängt an Allem, und wenn es dem Bauer gilt, vergißt er alles Andere." Der Pfarrer wendete sich um; er schämte sich, als er diese Entschuldigung vernahm. „Schlaft jetzt nur ein wenig", sagte er in fast zärt- lichem Tone, indem er den alten Mann auf die Seite legte und ihn sorgfältig zudeckte. Der Geistliche blieb stehen und sah die Frau wieder an. „Wie lange habt Ihr— bei ihm gewohnt? „Von der Zeit an, da— ich frei kam." „Ist das schon lange her?" „Einundzwanzig Jahre." „Wie alt war't Ihr— als das Andere geschah?" „Achtzehn." Sie hatte ihm, während sie auf seine Fragen ant- wortete, den Rücken zugekehrt und zog wie in Gedanken weiter und weiter das Bettlaken über das Bett. „Wie kam't Ihr dann so auf einmal zu Per Krabb?" Sie wendete sich um— erzürnt. „Sie lagen alle an den Pocken und es war Nie- mand da, sie zu pflegen." „Warum mußtet gerade Ihr....?" „Ha— an mir war doch nichts gelegen, sollte ich meinen." „War er damals nicht verheirathet?" „Die Frau war den Tag vorher, als ich kam, ge- starben; ihre Leiche stand oben." „Waren viele Kinder da?" „Fünf. Er war der Jüngste,"— sie zeigte nach der Bank am Ofen. „Wie sind die Kinder gegen Euch?" „Hm!" Sie lachte, welch' dumme Frage; es waren ja Stief- kinder!" „Aber er!" Der Pfarrer meinte den Blinden. „Er war am Körper verstümmelt und ihm fehlte das Gesicht; er hat nie Jemand anders als mich gehabt, der ihm helfen konnte." „Und Krabb selbst?" Sie stand da und kämpfte gegen die Thränen, die auf einmal ihre braunen Augen verschleierten. „Er? O, er ist immer..." Sie konnte den Satz nicht beenden; sie wendete sich um „Habt Ihr denn wirklich einander— geliebt?" wollte er sagen; die ersten Worte waren ihm unwill- kürlich entschlüpft und nun hielt er plötzlich inne. Sie antwortete nicht. Er wußte selbst nicht, ob sie verstanden hatte, was er mit seiner Frage meinte. Er kannte ihre Sprache, sie die seine nicht. Aber er schämte sich seiner Zudringlichkeit. Er that das Priestergewand und die bei der heiligen Handlung gebrauchten Attribute wieder in die Tasche und hing diese über seiue Schulter, sehr vorsichtig, um nicht irgend wo anzustoßen. Dann schlich er auf den Zehen hinaus; auf der Schwelle warf er noch einen letzten Blick in das Zimmer. Da stand die Frau noch neben dem Bette und er konnte an ihrer Haltung sehen, daß sie weinte. Ihre plumpe Figur zeichnete sich in scharfen Umrissen ab gegen die grünlichen Fensterscheiben und die weiße Mauer. Der Geistliche ließ leise die Thürklinke fallen und entfernte sich. Zur Kandagitatiou. n. f.f. Seit der Krise von 1877 hat der Aufschwung der deutschen Industrie, selbst in den günstigsten Perioden, nie mehr seine frühere Vollsaftigkeit erreicht. Das Warum liegt auch hier offen zu Tage. Nach der Ueberfüllung der heimischen Märkte begann eben die Exportproduktion, der Wettkampf auf dem Weltmarkte. Die unumschränkte Herrschaft des konzentrirten Kapitals begann, das allein im Stande war, alle Errungenschaften der Kultur, Technik, Maschinerie:c., kurz all jener gesellschaftlichen Faktoren, welche für die Weltmarktspreise der Waaren bestimmend sind, in seinen Dienst zu stellen. Der Absatz war jetzt, so gut das unter dem System der„freien Konkurrenz" möglich ist, in eine gewisse Grenze gewiesen,— die Grenze der Leistungsfähigkeit. Der Hunger des Kapitals nach Arbeitskräften gesättigt, ja, infolge der unausgesetzten Verbesserung in der Betriebs- technik, mit ihrem Korrelat der Reservearmee, bald über- sättigt. Der kleine Kapitalist innerhalb der heimischen Märkte längst zu Boden gedrückt, spielte auf dem Welt- markte gar keine Rolle mehr.— seine Proletarisirnng vollzog sich jetzt rascher. Auf das platte Land angewendet, nahm diese Ent- Wickelung ungefähr folgenden Verlauf. Die zunehmende Bevölkerung, das Aufblühen der Industrie, mit der damit Hand in Hand gehenden Steige- rung der Lebensbedürfnisse vrmerer Volksmaffen, forderten gebieterisch auch eine Zunahme und Steigerung der heimischen Lebensmittelproduktion. Das geschah aber im Kampfe mit einer rübrigen Konkurrenz des Auslandes, welche durch das nach billigen Löhnen schreiende Industrie- kapital herbeizitirt worden war. Der Fleisch- und Getreide- import, besonders von Amerika her, wo die Fruchtbarkeit des jungfräulichen Bodens durch eine für unsere Begriffe fabelhaft entwickelte Betriebstechnik unterstützt wurde, wuchs gewaltig. Die deutsche Landwirthschaft stand vor der Alternative, entweder gleichwerthige Riesenfarmen den amerikanischen gegenüberzustellen, oder die Segel zu streichen. Durch fortgesetzte Erhöhung der Schutzzölle haben sich unsere Agrarier bisher auf Kosten des gesummten Volkes um dieses Ultimatum herumgedrückt, die Krise verschärft. Trotzdem hat die landwirthschastliche Großproduktion einen riesenhaften Aufschwung genommen und die soziale Entwickelung auf dem platten Lande insofern vereinfacht. als das Großkapital innerhalb der Schutzzollmauern die Kleinbetriebe um so leichter erdrosseln, die Kleinbauern um so schneller proletarisiren konnte. Denn gerade die Hilfsmittel der Agrikultur-Wissenschaft, Technik und Maschinerie, welche die Ertragsfähigkeit, Fruchtbarkeit und gewinnbringende Ausbeutung der Bodenstrecken in bisher ungeahnter Weise steigerten, und die eigentlich als Waffe gegen die ausländische Konkurrenz dienen sollten, richteten, als Monopole des Großgrundbesitzes, die kleinen Ackerbauproduzenten zu Grunde. Dazu kam. daß unsere Agrarier, anstatt sich mit dem weniger lohnenden Getreidebau zu befassen, einfach in Schnaps, Zucker und Bier„machten". Nicht mehr das Nahrungsbedürfniß der Bevölkerung war maßgebend, sondern der Markt, die günstige Konjunktur, der hohe Profit. Die Produktion auf Spekulation be- g a n n. Man konnte das jetzt, dank der Unterstützung der Agrikulturwiffenschaft. Bodenmeliorationen, Ent- und Be- Wässerungsanlagen, die Anwendung künstlicher Düngung erhöhten die natürliche Bodenfruchtbarkeit, erweiterten die natürlichen Schranken des Bodenertrages und machten den Ackerbaubetrieb mehr und mehr vom Zwange der Natur unabhängiger. Vervollkommnete Arbeitsinstrumente, Maschinen und andere technische Hilfsmittel setzten den kapitalkräftigen Grundbesitzer in den Stand, ökonomisch und rationell zu prvduziren, seine Produkte rasch und berechnend auf den Markt zu bringen. Aber während so auf der einen Seite die Wissenschaft in landwirth- schaftlichen Akademien und Versuchsstationen für eine unausgesetzte Verbesserung der Ackerbauwirthschaft, für eine kolossale Steigerung der Bodenproduktivität arbeitete, sorgte auf der anderen der kapitalistische Charakter des Produktionsprozesses dafür, daß der Raubbau, die Boden- Verwüstung und Aushungerung zum Ideal der Agriknllur .erhoben wurde. Was blieb unter solchen Umständen dem Kleinbauern, der ohne Geld, ohne genügenden Kredit und ohne die nöthigen Kenntnisse in dcr althergebrachten Weise weiter wirthschaften mußte, für ein Ausweg? Er kam in die Lage des kleinen Handwerkers den großen Etablissements gegenüber; unter aufreibender Ueberarbeit und verzweifelter Ueberanstrengung brach er zusammen. Dieses moderne „humane"„Bauernlegen", von dem die statistischen Sub- hastations- und Hypothekartabellen ein erschreckendes Bild liefern, übertrifft alle früheren an Umfang, Grausamkeit und Schnelligkeit. Der Markt ist das Schlachtfeld, die freie Konkurrenz die Waffe.— Auf das gesummte wirthschaftliche und geistige Leben des ländlichen Proletariats aber hat jene Revolution im Ackerbaubetriebe noch nachhaltiger und heftiger gewirkt. Jener verzweifelte Kampf um die Existenz, jene ruhelose tolle Jagd nach Brod und Erwerb, welche ein so charakteristisches Merkmal unseres alles zersetzenden Jndustrialismus sind, haben mit der Mobilisation von Grund und Boden auch ihren Einzug auf das platte Land gehalten. Dayin ist die alte patriachalische Behag- lichkeit und Existenzsicherheit, seit Krisen und Katastrophen auch die ländliche Wirthschaftswelt durchzittern, die Massen in Bewegung bringen. Es. würde zu weit führen, dieses Thema fortzusetzen. Von Tagelöhnern, die im Sommer auf den Feldern der Bauern, den Latifundien unserer Großgrundbesitzer und im Winter in Zuckerfabriken, Brennereien und Kohlen- gruben arbeiten; von jenen gewaltigen Schaaren, die über's Meer, nach den Städten und Industriezentren strömen, oder als„Sachsengänger" innerhalb der Land- wirthschaft von Provinz zu Provinz pendeln, hat Jeder schon gehört. Nebenher ein steigendes Zurückfluthen der industrieellen„Reservearmee" als landwirthschastliche Sai- sonarbeiter aus den Reihen des Landstraßenproletariats. Ueberall Auflösung, Zersetzung und ein tolles Durch- einander,— Symptome des gewaltigen Unwetters, das sich unaufhaltsam über dem ganzen kapitalistischen Bau zusammenzieht.— Jetzt ist auch der Hallesche Beschluß hinsichtlich einer energischen Landagitation, sowie die Aufnahme des Passus: „Gleichstellung der landwirthschaftlichen Arbeiter und Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern. Beseitigung der Gesindeordnungen" in das neue Parteiprogramm zeitgemäß geworden. Die Jndustriebevölkerung ist gewonnen, und die Wahl vom vorjährigen Februar hat den Beweis erbracht, daß auch der„antikollektivistische Bauernschädel" schon bedenklich von den Lehren des„Kommunismus" an- gefault ist. Der Versuchung, bei dieser Gelegenheit der in jüngster Zeit geübten„Knüppeltaktik" unserer Ordnungs- männer einige Worte zu widmen, widerstehen wir um so leichter, als der Beweis für den geistigen Bankerott unserer Bourgeoisie durch dieselbe unumstößlich erbracht ist. Wir kehren vielmehr zu der Kardinalfrage zurück, wie und wodurch führen wir unsere Agitation auf dem flachen Lande am erfolgreichsten durch? Unsere Weltanschauung ist nicht in der Apotheke zu zu haben, sie wird nicht gewonnen durch das Verschlucken einer sozialistischen Pille, aber ebensowenig darf man sich einbilden, durch bloßes Vertheilcn von sozialistischen Flug- blättern und Broschüren, oder durch sozialdemokratische Versammlungsreden als solche nennenswerthe Erfolge auf dem Lande zu erzielen. Die Hauptsache bleibt, in welcher Form wir den Leuten das gesprochene oder geschriebene Wort darbieten. Unsere Kritik der herrschenden ländlichen Wirth- schaftsweise und des sozialen Lebens muß_ anschaulich sein und durch zeitgemäße Forderungen verständlich ge- macht werden, natürlich, ohne unsere letzten Ziele dabei aus den Augen zu verlieren. Wir müssen zu den Massen, nicht über ihre Köpfe hinweg sprechen. Um das aber zu können, müssen wir vor allen Dingen erst selbst die gesammten wirth- schaftlichen und sozialen Verhältnisse des platten Landes gründlich studiren und zwar theoretisch und praktisch. Vergessen wir doch vor allen Dingen nicht, daß wir, ganz geringe Ausnahmen abgerechnet, ein uns noch gänz- lich fremdes und unbekanntes Gebiet betreten, dessen Eigenartigkeit für die Meisten von uns eine neue, fremde Welt bedeutest Eine bloße Uebertragung der Merkmale des Jndustria- lismus auf das flache Land wäre, schon wegen des weit auseinander liegenden Entwickclungsgrades beider, ein verhängnißvoller Fehler. Ein noch größerer aber, die Agitation unter den ländlichen Gesellschaftsklassen nach der unter der städtischen Jndustriebevölkerung zu schabloni- siren. Damit soll nun nicht etwa gesagt sein, daß wir so etwas wie einen„Sozialismus für das platte Land" fabriziren müssen, aber unsere Agitation muß sich taktisch den kulturellen Verschiedenheiten anpassen, wenn sie nicht von Anfang an aussichtslos sein soll. Ganz abgesehen davon, daß wir uns die Elementar- regeln der ländlichen Produktionsweise zu eigen gemacht haben müssen, heißt es in erster Reihe die augenblick- liehe Situation der deutschen Landwirthschaft, ihre Stellung auf dem Weltmarkte, dem Jndustrialismus und Sozia- lismus gegenüber klarzulegen. Wir müssen jederzeit unser Agitationsfeld im Großen und Kleinen überschauen und dann prinzipiell, schlagfertig und anschaulich die Verhält- niste kritisiren und zugleich unsere Forderungen stellen können. Fragen wir uns doch nur einen Augenblick, wem verdanken wir(die wirthschaftliche EntWickelung als selbst- verständlich vorausgesetzt) vor Allem unsere großartigen agitatorischen Erfolge in den Jndustriegegenden? Doch einzig jener klaren Einsicht in die Organisation und den Bc'echanismus der herrschenden Produktionsweise, der überlegenen Beherrschung des theoretischen Materials, die uns in jedem Augenblicke das treffende Wort und die ausklärende That finden ließen. Sollte dieses Mittel auf dem Lande nicht gleiche Resultate erzielen? Wir behaupten, es giebt gar kein anderes. Wir müssen jetzt noch kurz einiger Einwendungen gedenken, welche besonders skeptisch veranlagte Genossen immer und immer wieder der Landagitation gegenüber vorbringen. Zuerst die tiefe geistige Finsterniß, welche noch auf den zu gewinnenden ländlichen Proletariermassen und den es mehr und mehr werdenden Bauern lagern soll. Hand auf's Herz, sollte diese„Geistesnacht" wirklich so ungeheuer größer sein, als jene, in der noch heute ein großer Theil des Jndustrieproletariats vegetirt, mindestens aber früher vegetirt hat? Wir geben aber gern zu, daß die geistige Ver- kümmerung, in welcher Millionen von Proletariern durch den Druck der ökonomischen Verhältnisse gehalten werden, und die hieraus erwachsende Gleichgiltigkeit für eine Be- theiligung am Klassenkampf, wie ein Bleigewicht an unserer Bewegung hängen, die Organisation lähmen, aber das muß uns doch einzig nur zu um so energischerer Aufklärungs- und Agitationsarbeit anspannen. Dann der Einwand, daß die Verschiedenheit der einzelnen ländlichen Distrikte Deutschlands in wirthschaft- liehet und auch sozialer Beziehung, die Agitation un- geheuer erschwere. Wir meinen, daß die Verschiedenheit der industriellen Bezirke hiergegen nicht zurücksteht. Allein durch fleißiges Studium, theoretisch und praktisch, soll dem ja eben Rechnung getragen werden. Neben dem lieber- blick über das Ganze darf die Berücksichtigung der Eigen- art nicht vernachlässigt werden. Je größer die Kampf- fläche, um so reichere Angriffspunkte bietet sie. Und es ist wirklich ein bloßes Fragespiel, ob der Erfolg unserer Agitation in industriell durchsetzten Gegenden des platten Landes, oder in solchen mit noch patriachalisch-fendalem Gepräge größer sein wird. Zum Schluß noch eins. Was den Siegeszug des Sozialismus durch die moderne Kulturwelt so unendlich mitbefördern half, war nicht zum wenigsten der gewaltige Idealismus, der ihn durchweht. Der unerschütterliche Glaube an die Wahrheit unserer Weltanschauung, das freudige Bewußtsein, für das Glück der gesammten Mensch- heit zu kämpfen, hat Taufende der Genossen trotz Hunger und Elend, trotz Klassenwillkür und Kerkermauern zu unermüdlichem Kampfe begeistert. Keine Erdenmacht hat geschreckt, keine Schwierigkeit sie beirrt, keine Verfolgung zaghaft gemacht in jenen Tagen, wo mehr als Muth dazu gehörte. Sozialdemokrat zu sein, sich als solcher zu bekennen. Und jetzt, wo unsere Bewegung wie ein Sturmwind die Welt durchbraust, zu einem Faktor ge- worden ist. ohne den Niemand mehr rechnen kann. Millionen hinter uns stehen: jetzt sollten wir an den Grenzen des platten Landes Halt machen?— Nein und abermals nein. Hinaus auf's Land, zuerst um zu lernen und dann um zu siegen!— Eine sozialpolitische Entdeckungsreise. (Paul Göhre. Drei Monate Fabrikarbeiter.) n. Das dritte Kapital eröffnet Göhre mit einer Schilde- rung des Fabrikgebäudes. Jeder kennt sie. diese langen schmucklosen, eintönigen Gebäude mit ihren hohen Schloten. ihren weiten Höfen, und öden Lagerplätzen, ihrem Lärm. Dampf, Rauch und Kohlenschmutz. Sie bilden weite Vororte rings um die Stadt der Bürger; qualmige, rußige Arbeiterviertel, wo jeder Windhauch mit den Ge- röchen einer anderen Industrie beladen ist, wo die Abfall- Wässer der Fabriken als träge, schwarze Jauche durch un- gepflasterte Straßen fließen, wo hinter rußgeschwärzten Bretterzäunen blaffe, unbewachte Kinder spielen— schwarze, ungepflegte Außenviertel, die der Bourgeois mit dumpfen Unbehagen durcheilt und mit einem leisen Grauen vor der Zukunft, die in allen diesen Kesseln brodelt. Die Fabrik, in welche Göhre als Handlanger ein- trat, bestand aus zwei vollkommen getrennten Theilen, eigentlich zwei Fabriken einer Firma. In der einen Fabrik wurden Strickmaschinen, in der anderen Werkzeug- Maschinen erzeugt. Nur diese letztere, in der Göhre ar- beitete und seine Beobachtungen abstellte, ist der Gegen- stand seiner Schilderung. Hier waren 120— 150 Personen beschäftigt, deren Arbeiten uns Göhre ungemein anschaulich schildert. Die Arbeiter sind fast durchwegs erwachsene Männer; Frauen- und Kinderarbeit ist in dieser Industrie unbekannt. Es giebt höchstens ein Dutzend Lehrlinge, bei deren Erwähnung Göhre bemerkt, er wollte die Frage nieht entscheiden, ob Fabrik oder Kleinmeister besser zur Heranbildung des Nachwuchses geeignet seien. Er neigt jedoch der Meinung zu, der Fabrik sei der Vorzug zu geben, und zwar wegen der hier vorhandenen Möglichkeit besserer technischen Ausbildung. Von diesem Standpunkte betrachtet, dürfte in viel n Fällen eher die Ausbildung im selbstständigem Kleinbetriebe vorzuziehen sein. Dagegen schützt die Lehrzeit in den großen Fabriken den Lehrling vor der Ausbeutung zu häuslichen Arbeiten und durch die Größe der Arbeitsgemeinschaft, die gewisser- maßen eine kontrolirende Oeffentlichkeit bildet, vor un- menschlichen Mißhandlungen. Der Lehrling ist vor Allem hier einem Meister unterstellt, der nicht wie der selbst- ständige Handwerker im eigenen Interesse diese Macht über den Hilflosen ausübt, um von ihm ein Maximum von Leistung zu erpressen. Wo immer solche Macht, die dem eigenen Interesse der Herrschenden dient, von Menschen über Menschen ausgeübt wird, da entstehen die scheußlichsten Aussehreitungen der Tyrannei; wo solche Obrigkeit ist, da ist sie vom Teufel. Die erwachsene Arbeiterschaft der Fabrik gliedert sich in fünf Rangstufen. Den untersten Rang nehmen die Handlanger ein, zu denen auch Göhre mangels einer speziellen technischen Ausbildung sich gesellen mußte. Eine Stufe höher stehen die qualifizirten, gelernten Arbeiter, über diesen die Vorarbeiter„Monteure", Anführer je einer Gruppe, die gemeinsam an einer Maschine arbeiten, über diesen stehen wieder die Meister, die je einen ganzen technisch verschiedenen Zweig der Arbeit überwachen und an der Spitze des Ganzen der Werkfuhrer, J)er direkt dem technischen Direktor unterstellt ist. Wie übereinander in mehrere Rangstufen, so ist die Arbeiterschaft nebeneinander in Fachgruppen getheilt nach ihren verschiedenen Beschäftigungen. Die zahlreichste Gruppe ist die der Schlosser. Daneben giebt es Modell- tischler, Dreher, Bohrer,„Stoßer"?c., etwa 15 ver- schiedene Zweige, deren technische Benennung zum Theil erst erklärt werden muß und deren Arbeit uns Göhre bis ins Detail mit vollkommener Anschaulichkeit darstellt. Hier, beim Eingehen auf das Detail der Arbeit, zeigt sich wieder, daß wir eben bei einer Elitearbeiterschaft, bei Maschinenbauern sind, und deshalb ist die Schilderung weit entfernt uns ein Bild vom Lose des Durchschnitts- Arbeiters in der Fabrik zu geben. „Der Arbeitsprozeß war schwer, komplizirt, langsam", sagt Göhre„aber war keiner von denen, die den Menschen durch seine Einförmigkeit, geistig, moralisch und physisch vernichten. Auch hier giebt es eintönige Arbeit genug, die Bedienung der Bohr- und Hobelmaschinen und dergleichen mehr? im Ganzen aber verlangt die Arbeit beständige Aufmerksamkeit und gewährt Ein- und Ueberblick in den Zusammenhang der verschiedenen Thätig- keitcn und ihr Zusammenwirken zur Gestaltung des schließlichen Endproduktes." Gewiß ist es wahr, was Göhre sagt, daß die hier mögliche Abwechslung die Arbeit erleichtert, daß die Ueber- ficht über das Ganze, das Wiedcrc. kennen der eigenen Arbeil an diesem oder jenem Stück der fertigen Maschine dem Arbeiter eine werthvolle Befriedigung giebt, daß der Augenblick der Erprobung der fertigen Maschine, wo er das Werk seiner Hände, endlich vollendet, sich in kunst- voller Bewegung regen sieht, wie ein von ihm erschaffenes lebendes Wesen, ihn mit einein berechtigtem Selbstgefühl erfüllt, das dem Handwerksstolze der alten Zunftmeister nicht nachsteht. Aber wie wenigen Arbeitern wird der- gleichen� zu Theil! Zum Vergleiche führt Göhre selbst an, daß einige Arbeiter im anderen Theile derselben Fabrik, bei der Strickmaschinen- Produktion, während ihres ganzen langen Arbeitstages„gedankenlos, kraftlos nur immer dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle, durch immer dieselbe Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen haben, oder nichts als Maschen, immer Maschen zu zählen." Die Arbeitszeit in der Fabrik muß besonders im Hinblick auf die schwere Anstrengung, die diese Industrie erheischt, als eine viel zu lange bezeichnet werden. Es wurde von 6 bis 12 und von 1 bis 6 Uhr gearbeitet. Da noch eine Frühstückspause von 20 Minuten in Abzug zu bringen ist, so betrug die effektive Arbeitszeit 10 Stunden 40 Minuten. Solche Arbeitszeit ist aller- dings gegenüber den maßlosen Mißbräuchen, wie sie in der Textilbranche und anderen Industrien vorkommen, immerhin eine relativ kurze zu nennen, an sich aber eine viel zu lange und nicht nur wegen der zu leistenden schweren Arbeit, sondern auch wegen der Umstände, unter denen sie verrichtet werden muß und die für alle In- dustrien ziemlich gleichartig sind, zu lange. Göhre schildert die Wirkung dieser Nebenumstände folgendermaßen: „Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von Kohlen- und Etsenstaube geschwängertem heißen Räume aus- zuhalten. Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen, sondern dieses Zusammenleben, Zusammen- athmen, Zusammenschwitzen vieler Menschen, diese, dadurch ent- stehende, ermüdende Drucklust, das nie verstummende, nerven- abstumpfende, gewaltige, quietschende, dröhnende, ratschende Geräusch und das unausgesetzte, elfstüudige Stehen in ewigem Einerlei, oft an ein und derselben Stelle— das alles zusammen macht unsere Fabriksarbctt zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden Thätigkctt." Auch konstatirt hier Göhre wieder einmal an seineu Arbeitsgenossen die so oft beobachtete Thatsache, daß bei so langer Arbeitszeit die erzielte Leistung in den-letzten Stunden hinter der Durchschnittsleistung der Arbeiter er- heblich zurückbleibt. Es ist bekanntlich eine überall, in England wie in Sachsen, in Böhmen wie in Australien gleickunäßig ge- machte Beobachtung, daß Verkürzung der Arbeitszeit bis auf ein ganz erstaunliches Maß herab möglich ist, ohne eine Verminderung der Arbeitsleistung eines Arbeiters an einem Tage herbeizuführen. Bei der Verkürzung der Arbeitszeit gewimmt beide Theile. Der Arbeiter empfängt für eine geringere Zeitdauer intensiverer Arbeit denselben Lohn wie früher und verlängert damit die Stunden seiner Freiheit. Der Unternehmer erhält die gleiche Arbeits- leistung wie früher und spart an den Nebenkosten. Diese Erkeuntniß hat in vorgeschritteuen Ländern den Arbeits- tag auf 10 Stunden herabgesetzt; in England und Amerika gewinnt der Achtstundentag Boden und in Australien ist er schon überwiegend eingeführt. Daß aber solche Erkenntniß so langsam sich allgemein Bahn bricht und daß diese Beispiele so langsam zu all- gemeiner Nachfolge führen, ist ein lehrreiches Beispiel für die Macht, welche die Kraft der Trägheit auch in wirth- schaftlichen Dingen ausübt. Eine Kündigungsfrist war in der Fabrik nicht ein- geführt; die Auflösung des Arbeitsverhältnisses konnte in der Regel beiderseits in jedem Augenblick erfolgen. Göhre hat von dieser Einrichtung während der Zeit seines Auf- entHalts in der Fabrik keinen Nachtheil gesehen. Es war überhaupt nicht allzuviel Wechsel in der Fabrik, und Austritte erfolgten meist auf Wunsch der betreffenden Arbeiter, die auf anderwürtiges Unterkommen Aussicht hatten. Immer stehen wir hier vor exzeptionellen Ver- Hältnissen, und so ist es begreiflich, daß Göhre dieser Einrichtung mit Eifer das Wort redet. Sie hat aller- dings das Verdienst, die Frage von der Strafbarkeit des Kontraktbruches mit einem Schlage aus der Welt zu schaffen und so viele Reibungen zwischen Unternehmer- und Arbeiterklasse zu vermeiden. Aber es läßt sich nicht verkennen, daß die Einrichtung zweischneidig ist und einem rücksichtslosen Unternehmer gegen eine an der Grenze des Existenzminimums stehende Arbeiterschaft eine scharfe Waffe in die Hand giebt. Wie oben gesagt, war die Arbeiterschaft in mehrere einander übergeordnete Schichten getheilt. Göhre vergleicht diese Ueber- und Unterordnung mit ihren genau abge- grenzten Kompetenzen wiederholt mit der militärischen Hierarchie, die Monteure, Meister und Werkführer mit Unteroffizieren verschiedenen Grades. Seine eigene Schilderung der Verhältnisse aber läßt den Vergleich als ganz unzutreffend erkennen. Er selbst sagt einmal, daß„unteroffiziermäßiges Anschnauzen nicht geduldet und selten versucht wurde". Die drei unteren Scufen wenigstens— Handarbeiter, qualifizirte Arbeiter und Monteure— fühlen sich solidarisch. Zwischen Be- fehlenden und Gehorchenden besteht da ein fast ideales Verhältniß. Die Subordination ist mit Kordialität ver- setzt; der Arbeiter befolgt die Anordnungen seines Vor- gesetzten, welche der Betrieb verlangt, mit Einsicht in diese Nothwendigkeit. Die gemüthliche Form, in der die Befehle an die Handlanger ergehen:„Da wollen wir 'mal das machen; es dauert gar nicht lange" u. dgl., fordert geradezu zum Lächeln heraus. Vergessen wir nicht, daß wir im gemüthlichen und höflichen Sachsen sind, wo so manche Härte durch weiche Sitten gemildert wird. Aber anerkennen wir vor Allem, daß in allen diesen Männern ein gemeinsames Standesbewußtsein lebt. daß der Arbeiter in seinem unmittelbaren Vorgesetzten seinesgleichen sieht, einen wirthschaftlich Unselbstständigen, wie er selbst ist, einen Leiter, der nicht im eigenen Jnter- esse befiehlt und drängt, sondern selbst einer Nothwendig- kett gehorchend. Dieses Gefühl thut der Disziplin keinen Abbruch; bei der Arbeit wird jedem Befehle sofort Folge geleistet. Außerhalb der Fabrik aber verschwindet jeder Unterschied,„da fühlen sich alle nur als Gleiche, und kein anderer Umstand entscheidet für ihren persönlichen Verkehr als Neigung, Gesinnungsgleichheit und Nachbar- scha't". Nicht so gut wie unter den drei Schichten der eigentlichen Arbeiter, aber doch leidlich fft das Verhältniß zu den Meistern. Einer von ihnen wird als warmer Freund seiner Arbeiter geschildert, der sie bei Gelegenheit selbst gegen die Direktion in Schutz nimmt. Macht dieser Verkehr zwischen Ueber- und Unter- geordneten einen durchaus erfreulichen Eindruck, so ist die herzliche Kameradschaft, die unter Arbeitern gleicher Stufe herrscht und ihre stete Bereitschaft für einander einzutreten, vollends geeignet unsere Sympathie zu gewinnen. Auch hier finden wir in der äußeren Lage der Ar« beiter ein Element, das den inneren Mensch"« ergreift und umbildet, das in ihm und gerade tn ihm alle Fähig- keit des Menschen, ein geselliges Wesen zu sein, steigert und vervollkommt. So wie außerhalb der Fabrik die oben geschilderten Wohnungsverhältnisse die Einzelnen nahe aneinander rücken und auf ein gegenseitiges Sich- vertragen und Einanderhelfen anweisen, so ist es inner- halb der Fabrik die Natur der Nrbeit selbst, welche einen Einfluß gleicher Art auf die moralische Anlage eines Jeden ausübt, der an dieser Arbeit Theil nimmt. Auch Göhre entging es nicht, wie die Arbeit die Leute schnell aneinanderbringt und dann zwischen ihnen einen regen Verkehr stiftet und erhält, der bald auch in vielen anderen Beziehungen sie enge mit einander verknüpft. Der Unter- nehmer geht allein seinen Geschäften nach, oder in den Verbindungen zu Zweien und Dreien, welche der Regel nach die offene Gesellschaft ausmachen, oder er kommt als Aktionär, als Mitglied einer Genossenschaft, eincs Vereins oder dergleichen flüchtig zu bestimmten Zwecken mit seinesgleichen zusammen. Der Arbeiter aber steht Tag für Tag, Jahr aus Jahr ein neben seinen Genossen an der Drehbank und vor dem Werktisch und seine Arbeit selbst lehrt ihn sich als ein dienendes Glied in eine Ge- sammtheit einzufügen, auf die seine Existenz angewiesen ist, so wie der Bestand des Ganzen wieder von der Tüchtigkeit jedes Einzelnen abhängt. Es mag sein, daß er dabei niemals die Vorstellung des„Organismus" " 1 empfängt, daß er in seiner„ Seichtheit" und seinem geben ihr reges Leben. Schon die Zahl der angegebenen Utilitarismus" alle menschliche Verbindung als gewillfürt Handwerker vorstehender Tabelle und die ungewöhnlich und gemacht auffaßt zweifellos ist es, daß ein Leben hohe Zahl der Buchbinder giebt uns Zeugniß, wie noch in gemeinsamer Arbeit eine gute und wirksame Schule vor wenigen Jahren das Handwerk„ dominirte". des Gemeinsinns, der Brüderlichkeit und selbst der Opferwilligkeit ist, furz aller für das Band der Gesellschaft werthvoller Eigenschaften. Die Harmonieapostel" à la Schulze- Delißsch wählten auch als Operationsfeld zuerst Halle mit, das natürlich auch wieder als eine der ersten Städte obenan glänzt, wo die Harmoniespielerei" Schiffbruch leiden mußte! 11 135. Sihung. Einschränkung der Immunität der Abgeordneten. Abg. Baumbach( dfr.) spricht dagegen und verwirft die langen Bertagungen. Abg. Singer( Soz.) meint, der Reichstag habe allen Anlaß, jedem Versuch entgegenzutreten, an der Immunität der Mitglieder dieses Hauses zu rütteln. Die ganze Vorlage sei ja entstanden aus Anlässen, welche einige Mitglieder der sozialdemokratischen Partei gegeben hätten. Die Staatsanwälte hätten Und die Früchte dieser Schule lehrt uns jede Seite die Betreffenden ohne Rücksicht auf den vorjährigen Beschluß des von Göhre's Darstellung kennen. Hier, wo er vom Ver- Es ist nicht zu verwundern, wenn die kleinmeister Sauses verfolgt, so den Abg. Schmidt- Sachsen. Die Herren tehre der Arbeitsgenossen innerhalb der Fabrik spricht, lichen Elemente mit unglaublicher Zähigkeit an ihrer viel- Sachsen besonders seien die Piqueure bei dieser Jagd. Der überrascht nicht nur die Liebenswürdigkeit und Freund- gepriesenen„ Selbstständigkeit" festhalten, wenn wir be- Reichstag könne sich angesichts dieser Vorlage unmöglich zu dem Spruche bekennen: Suprema lex regis voluntas. Er könne unlichkeit, mit der diese Glieder des„ vierten Standes" denken, daß solche Männer sich ein kleines Vermögen zum möglich an der Immunität der Abgeordneten rütteln lassen. untereinander verkehren, sondern vor Allem die Rücksicht ersten Anfang vielfach durch Entsagung jedweder Lebens- Seine Partei verlange durchaus keine ausnahmerechtliche, völlige und Schonung, mit der sie den schwächern Genossen be- freude ersparen, resp. erhungern mußten; nur in den Straffreiheit der Abgeordneten, aber man könne ja, dagegen habe handeln. Göhre war vor Allem in der Lage, diesen wenigsten Fällen ererbten oder erheiratheten sie den er nichts, die Verjährungsfrist für die Strafverfolgung entsprechend verlängern. Daß während der Vertagung Immunitǎt schönen Zug bei seinen Arbeitsgenossen kennen zu lernen. Grundſtock ihrer Existenz. Trotz der großen Ent- der Abgeordneten durchaus erforderlich sei, erhelle doch schon „ Gegen mich, den Neuling", erzählt Göhre, waren alle täuschungen, welche die Kleinmeister erfuhren, glaubt jeder daraus, daß die Regierung auch während der Vertagung Aften fünf unserer Kolonne freundlich und entgegenkommend. Als ich Meister, der unter den größten Entbehrungen und an die Mitglieder des Reichstages versende. Doch nur zum in die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in Mühsalen aller Art, oft verbunden mit dem Opfer seines Studium, das aber bei Aufhebung der Immunität unmöglich werde. Ferner könne der Reichstag auch während der Versolcher Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man ganzen Baarvermögens, zum Meisterrecht kam, nun auch tagung jederzeit von dem Kaiser wieder zusammen berufen Rücksicht auf mich; und anstatt den neuen, noch schüchternen ein Anrecht auf Schuß seines Gewerbes" zu haben! werden. Wie stehe es dann mit den von der Strafverfolgung Kameraden auszubeuten und ihn an ihrer Statt arbeiten zu Doch es nügt nichts, allmälig fällt es eben auch der betroffenen Mitgliedern? Die Regierung hätte also vielmehr ein lassen, stellte man ihn immer an den leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz bei Seite, um selbst schneller und besser die Arbeit Konkurrenz zum Opfer. Keiner lernt am Untergang des Und denselben kameradschaftlichen Sinn, dieselbe Anderen, jeder freut sich über den Untergang des über den Untergang des freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und Maschinen- Konkurrenten, wenn er nur noch oben schwimmt. Auch arbeiter gegen mich." Rohstoff, Konsum- und gewerbliche Kreditvereine können nicht mehr helfen. zu thun. Gesetz beantragen sollen, daß die Immunität während jeder solchen Antrag vor. Bertagung fortdauere. Seine eigene Partei behalte sich einen solchen Antrag vor. Gegen diesen ersten Versuch eines Einbruches in die Privilegien des Hauses, wie ihn die Regierung hier anstelle, müsse der Reichstug entschieden Widerspruch erheben. Gewerkschaftliches. Mit dieser freundlichen Gesinnung unter einander, mit dieser Harmonie, die überall zwischen Arbeitsgenossen In Halle wurde auch eine sogenannte Kolonie mit gleicher sowohl als verschiedener Stufe herrscht, verbindet Arbeiter Wohnhäusern nach dem berühmten Cottagesich ein fröhlicher, heiterer Sinn. Selbst laute Heiterkeit System angelegt; diese Häusermasse, einförmige, gleichund übermüthige Scherze begleiten tagsüber die schwere mäßig hohe Einstockwerke mit schrägem Dach, sieht von Beitung" folgenden Aufruf für die Metallschläger Dresdens: Arbeit der Männer. Nur gegen das Ende zu, wenn weitem aus, wie eine große Champignonzucht; aber das Wir entnehmen der Nr. 48 der„ Deutschen MetallarbeiterAn die deutschen Metallarbeiter und Arbeiterinnen! schaftlichen Krise auf die Schultern des Proletariats abzuwälzen das Uebermaß der Leistung die Kräfte abgespannt hat, berühmte„ Vorgärtchen" vor dem Haus findet man Genossen und Genossinnen! Noch nie tobte der Kampf erlischt nach und nach Lachen und Plaudern und eine gleichmäßig in allen sechs Straßen. Auch in diesem Ar- zwischen Kapital und Arbeit schroffer, noch nie zeigte sich aber dumpfe Müdigkeit beginnt sich über den Bau zu ver- beiterviertel findet man eine große Anzahl Kleingewerbe- auch die Solidarität der Arbeiter deutlicher und noch nie war breiten, in fem 120 abgeplagte Menschen den Feierabend treibende, besonders Schuhmacher und Schneider. Diese fie nöthiger als im gegenwärtigen Moment. herbeisehnen. Wir sehen tagtäglich das Unternehmerthum die ArbeiterKleinmeister sind natürlich von dem Wahn kurirt, daß klasse mit neuen, entehrenden und unterdrückenden Bedingungen Göhre hat gewiß Recht, wenn er diesen Frohsinn das Handwerk noch goldenen Boden habe! Auch die bedrängen, wir hören tagtäglich bei einer stetigen Steigerung zum großen Theile auf die joviale, heitere Anlage dieses Idylle", das„ Arbeiterheim", ist vor der eisernen Noth der Lebenshaltung von Lohnverkürzungen, und wir nehmen Volksstammes schiebt und ihm, dem die schwere, ernste wendigkeit:„ Du mußt arbeiten, damit du nur dein täglich wahr, wie das Unternehmerthum die Folgen der wirthArt des Niederdeutschen als Maßstab dient, mag Manches täglich Brot verdienst!" zu nichts zusammenschrumpft. bestrebt ist. Kann es uns da Wunder nehmen, wenn unsere als ausgelaffene Heiterfeit erscheinen, was dem aus leich- In den„ Vorgärtchen" sieht es oft recht wüst aus, man Genossen, wie es die Dresdener Metallschläger gethan, um ihre terem Stoff gebildeten Oberdeutschen nur Ausdruck der findet feine Spur von der" Idylle", wie solche age nicht noch mehr drücken zu lassen, des Druckes müde, das Durchschnittsstimmung iſt. Joch abwälzen und den ihnen hingeworfenen Fehdehandschnh aufnehmen? Müssen wir da nicht mit allen Mitteln den GeVor Allem aber haben wir es hier, dies müssen wir phantastische Lohnschreiber oft schildern. Es wird wohl noch einer langen sehr langen noffen in ihrem unverschuldeten Kampfe beistehen und die kulturimmer wiederholen, mit einer unter ausnahmsweise gün- Beit bedürfen, ehe diese kleinmeisterlichen Elemente zur feindlichen Bestrebungen des Unternehmerthums zunichte zu ſtigen Bedingungen lebenden Arbeiterschaft zu thun. Das Erkenntniß fommen, aber nur Geduld, sie wandern jetzt machen suchen? Erwächst ums hier eine selbstverständliche Pflicht " physiologische Existenzminimum" ist bei den Meisten schon massenhaft ins Proletarierheer über, nur können sie unterliegt es keinem Zweifel, daß wir wegen der hochgehenden unseren engeren Berufs- und Verbandsgenossen gegenüber, so reichlich gedeckt; die Kraft, die durch ausgiebige Ernäh- es noch nicht fassen, daß sie schon Proletarier sind. Noch Bewegung der deutschen Buchdrucker unsere ganze Kraft zu konrung wieder ersetzt wird, kann in fröhlichem Eifer wieder großer Ausdauer wird es bedürfen, um hier freie„ Bahn" zentriren haben, um auch ihnen zum Siege zu verhelfen. ausgegeben werden. Vergessen wir bei der Schilderung dieser Fröhlichkeit nicht, daß ein großer Theil der europäischen Arbeiterschaft das Gleichgewicht zwischen Kraftausgabe und Nahrungsaufnahme nicht erhalten fann, daß aus der Summirung der physiologischen Defizite ein langsames Siechthum entsteht, das den Weber, den Bergmann, den Taglöhner vor seiner Zeit dahinrafft. Der Kleingewerbebetrieb und sein Niedergang. Dieses Thema behandelt ein Mitarbeiter der Buchbinder Zeitung" in einem längeren Artikel, der jetzt, Angesichts der Debatten im Reichstage gelegentlich der Interpellation Hite, von aktuellem Interesse ist. Es heißt in dem Artikel: zu brechen. Deutscher Reichstag. 131. Sikung. Erste Lesung des Gesetzentwurfs betreffend Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete. Gegen die Kolonialpolitik spricht Bamberger( dfr.), Graf Arnim( fons.) und v. Strombeck( C.) dafür. 132. Sihung. Der von Dr. Hirsch u. G. eingebrachte Gesetzentwurf betr. die eingetragenen Berufsvercine; dieselben sollen die Rechts= fähigkeit erhalten, die jetzt nur von den Behörden besonders verliehen wird. Abg. Hirsch( dfr.) allgemeine Quaffelei, nebst Verwahrung, daß die Berufsvereine dem Kapital an den Kragen wollen; damit soll die Rechtsfähigkeit erbettelt werden. Genossen, es handelt sich hier nicht nur um den Kampf eines Gewerbes zur Erlangung einer kürzeren Arbeitszeit, nicht nur um Erreichung eines prozentualen Lohnzuschlages, sondern, wie uns das Gebahren des geschlossenen Unternehmerthums zeigt, um die Existenzberechtigung der Organisation. Es handelt sich hier um einen Kampf der Arbeiterklasse gegen das vereinigte Sapital, und Pflicht eines jeden Arbeiters ist es, der ersteren zum Siege zu verhelfen. Da bei dem furzen Bestande unseres Verbandes die Mittel hierzu nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind, haben wir uns im Einverständniß mit dem Ausschuß entschlossen, Extramarfen zu 10 und 20 Pfg. auszugeben und sehen wir der sofortigen Bestellung entgegen. Stuttgart, 20. November 1891. Der Vorstand des deutschen Metallarbeiter- Verbandes. Wir fügen Obigem noch folgendes hinzu: Die Metallschläger Dresdens befanden sich schon vor zwet Jahren in einer äußerst gedrückten Lage, erlangten aber damals durch einen äußerst hartnädigen Lohnfampf einen zehnstündigen Abg. v. Kendell( Rp.) hat ein steinernes Herz, die Demuth Arbeitstag und eine Lohnerhöhung von ca. 16 pCt. Bei diesen des Dr. Hirsch hat ihn nicht gerührt:" Der große Bergarbeiter- Errungenschaften war es immerhin noch nicht möglich, den Zu den abgedroschensten Phrasen gehört unzweifel- ausstand 1889 wurde von dem Verbande der Gewerkvereine Durchschnittsverdienst über 16 Mr. pro Woche zu bringen. Und haft der Sinnspruch vom" goldenen Boden des Hand- wesentlich durch Geld unterstützt. Nach solchen Vorgängen und jetzt soll nun, bei den ins Unendliche steigenden Lebensmittelwerks". Die Wahrheit ist, daß dieser„ Boden" nach nach der Beschaffenheit der Verbandsstatuten können die Gewerk- preisen, eine Lohnreduktion von 16 pét. eintreten. Das Unter vereine Korporationsrechte nicht erhalten; denn die Forderung nehmerthum will sich durch diese Zumuthung nicht nur auf gerade in der Luft schwebt und das Handwerk nur noch der Gemeinnützigkeit trifft für sie nicht zu, da der Kampf gegen Unkosten der Arbeiter bereichern und eine längere Arbeitszeit einen Verzweiflungskampf ums Dasein fämpft, wenn man die Arbeitgeber sie des Prädikats der Gemeinnüßigkeit verlustig wieder einführen, nein, auch die Organisation der Arbeiter soll die kümmerlichen Reste seiner Existenz überhaupt ein macht. Erhalten sie eine größere Macht, so bietet gerade das gänzlich zerstört werden. Dieser Streit ist nicht nur kein An Dasein nennen tann, gegen die moderne großindustrielle Gefühl derselben einen Reiz zu solchen Stämpfen. Keine Re- griffsstreit, ja taum als ein Abwehrstreit zu bezeichnen, sondern Entwickelung. Wir finden da in verschiedenen Blättern gierung kann die Berantwortung übernehmen, durch Verleihung es ist dies ein Kampf einer Anzahl unserer Arbeitsbrüder, um Der Korporationsrechte den Reiz zu Arbeitseinstellungen zu ver- nicht zu verhungern. Wie anspruchslos diese Metallschläger Zahlenangaben über den Bruchtheil, den das Handwerk größern. Darüber sind alle Regierungen der Wel: sich einig, find, um den Sieg durch möglichst lange Ausdauer zu erringen, in der Stadt Halle a. S. im Jahre 1840 und welchen daß Arbeitseinstellungen nicht als eine dem Gemeinwohl förder sei hier noch erwähnt, daß dieselben nur 6 resp. 8 Mt. pro Mann Armer Hirsch! und Woche Unterstützung erhalten. Hier thut schnelle Hilfe es im Jahre 1885, also nach fünfundvierzig Jahren aus- liche Erscheinung betrachtet werden können." Für den verunglückten Gimpelfang von 89 wirst Du so bestraft! wirklich noth, möge ein Jeder sein Scherflein dazu beitragen. machte. Und Herr v. Keudell hat recht! Ein Streit kann das Gemein- Wir wünschen den Metallschlägern den besten Erfolg und sind Auf je 10 000 Einwohnern entfielen an selbst- wohl nie fördern; denn was ist das Gemeinwohl? Hat es nicht bereit, Unterstützungen entgegenzunehmen, wenn es nicht vorständigen Handwerkern: gezogen werden sollte, dieselben direkt nach Dresden, an Paul Schmidt, kleine Brüdergaffe 17. I. zu senden. Schuhmacher. Glaser. B 1840 1885 Bäcker. Fleischer Schneider 28 13 9 19 11 . • 92 39 151 40 • 10 5 Tischler 63 20 Drechsler 11 ? • Klempner 5 7 Böttcher 26 8 Schlosser 31 8 10 6 10 5 . 8 4 20 5 5 5 489 186 Grobschmiede Sattler Seiler. Buchbinder Uhrmacher die deutsche Politik seit 20 Jahren bewiesen, was Gemeinwohl ist? Wer ist bis jetzt gegen diese Beweise aufgekommen? Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Nachdruck ersucht. Literarisches. Eine Schrift für die Abzahlungsgeschäfte. 23 Seiten. Abg. Molkenbuhr( Soz.) zeigt, daß die Unternehmerverbände gegenüber den Arbeiterverbänden alle Unterstützung des Staates genießen. Kritisirt dann den Antrag:„ Wunderbar ist es, daß gerade die Deutschfreifinnigen einen§ 27 beantragen konnten, in dem es heißt, daß ein Verein aufgelöst werden kann, L. Löwenstein, Die Abzahlungsgeschäfte. Altona, Selbstverlag. wenn er sich gesetzwidriger Handlungen schuldig macht, durch welche das Gemeinwohl gefährdet wird, Diese Bestimmung ist A. Markus, Giebt es einen persönlichen Gott? Zürich, Bersehr fautschuckartig. Was ist unter gesetzwidrig" zu verstehen? Ueberdies können die Vereine schwerlich gesetzwidrig handeln, nur einzelne Personen handeln gesetzwidrig und find gerichtlich haftbar. Danach würden in den meisten Fällen Leute bestraft werden, die gar nicht angeklagt waren. Unter feinen Umständen dürfen wir uns auf das Wohlwollen der Behörden verlassen, auf das uns dieser Paragraph verweist. Die Behörden haben ein Vorurtheil gegen die Arbeiter und ebenso der Richterstand." Abg. Hartmann( fons.) findet, daß in dem Gesetzentwurf die Gleichheit Aller nicht gewahrt ist. Abg Hitze( C.) findet in der Sache einen echtdeutschen Gedanken." Abg. Möller( ntl.) will erſt abwarten, bis die gegen wärtigen Stürme"- d. h. die Sozialdemokratie fich beruhigt haben. lagsmagazin. Preis 40 Pf. 30 S. Eine ziemlich überflüssige Arbeit, da der Verfasser bloß tausendmal gefäute Sachen wiederkäut. " W. Wilms, Vernunft und Glaube. Zürich, Verlagsmagazin. 60 Pf. 78 S. Will einer Zukunftsreligion" die Wege ebnen. Karl Knork, Der amerikanische Sonntag. Zürich, Berlagsmagazin. 50 Pf. 36 S. Eine interessante kulturhistorische Skizze. Briefkasten der Expedition. H. Winner, Iserlohn. Wir ersuchen Sie, gefälligst die von Ihnen eingezogenen Abonnementsgelder an uns abzusenden, ebenso das Geld für die Berliner Arbeiter- Bibliothek oder die Burüdsendung der Hefte. Also auf 10 000 Einwohner existirten statt 489 nur P. Liebig, Hagen i. W. Wir ersuchen Sie, gefälligst noch 186„ ehrsame" Handwerksmeister, während Halle in 131. Sikung.( Krankenversicherungsnovelle). die von Ihnen eingezogenen Abonnementsgelder an uns abzu diesen fünfundvierzig Jahren die enormsten Fortschritte Es handelt sich um den Antrag Hirsch, den Mitgliedern statt liefern. machte und seine Bevölkerungsziffer von gegen 45 000 freier ärztlicher Behandlung ein baares Entgelt zu gewähren; Volksbildungsverein ,, Stahlhammer". Betrag 1,75 in 1840 bis 1885 sich mehr als verdoppelte! der Antrag deckt sich in den Hauptpunkten mit dem Antrag erhalten und nicht bis ultimo Februar. Quartal 1,80 Mr. Fachverein Textilarbeiter, Reichenberg i. Böhmen. Man bedenke weiter, daß Halle nie Industriestadt. Auer. Von den Sozialisten sprechen Wolkenbuhr und Singer. Nr. 48 tam mit der Bemerkung zurück: Annahme verweigert. auch keine Handelsstadt war; seine Salzwerke vor allem 134. Sihung.( Fortsetzung.) H. P., Rostock. Kongreßprotokoll von Brüssel ist noch gaben der Stadt Bedeutung, sowie die Universität Bedeutungslose Reden. nicht erschienen. Mit Gruß die Expedition. Verantwortlicher Redakteur: J. B.: J. Timm, Berlin. Verleger und Drucker: Maurer& Dimmick, beide in Berlin SO., Elisabeth- Ufer 55.