224. Dienstag, 23. Dezember 1884. I Jahrg. ji H ((InudMIoll Krgsn für die Interessen der Arbeiter. 4 Da»„Berliner Bolttblatt' Postabonnement Ginzedee >Pf. W* (Einzetrage« in der PsstzeitungSpreitliste für 1885 unter Nr. 746.) t illustr. Beilage 10 Pf. JnferttonSgedühr beträgt für die S gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. ArbeitSmarlt 10 Pf. Bei größeren Aufträge» hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate»erde« bi» 4 Uhr Nachmittag« in der Expevition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von alle» Annoncen» Bureaux, ohne Erhöhung de« Preise«, angenommen. NeöakLion unö AXpeöiLion Merlin 8W., Zimmerstraße 44. AlibMemtllts-Eiuladllllg. Mit dem 1. Januar l. Js. eröffnen wir ein neue« Abonne- // »ent auf das „Berliner Volksblatt »it der wöchentlichen Gratis-Beilage „Jllustrirtes Sonntagsblatt�. Wir blicken nunmehr auf ein Bestehen von dreiviertel «ehren zurück, und der Anklang, den unser Blatt überall ge- ienden Hut, beweist, daß wir un« mit den Anfichten unserer «ser vollständig in Uebereinstimmung definden. Wir werden vom 1. Januar k. Js. ab vor allen Dingen Unsere Aufmerksamkeit den parlamentarischen Vorgängen jfidmen; wir werden die Berichte aus den gesetzgebenden «rperschasten so ausführlich bringen, daß wir mit den größten "erliner Zestungen erfolgreich zu konkurriren im Stande find. Der Abonnementsprcis beträgt für Berlin wie bisher t Mark pro Quartal, 1,35 pro Monat, 35 Pf. pro Woche. Bestellungen nehmen sämmtliche Spediteure, sowie die Expedition dieser Zettung an. Für Außerhalb nehmen alle Pöstai.stalten Abonnements für das nächste Quartal zum Preise »on 4 Mark entgegen. Die neu hinzutretenden Abonnenten erhalten den bisher erschienenen Thett des feffelnden RomanS „Gesucht und gefunden" Segen Vorzeigung resp. Einsendung der Abonnements-Quittung M unserer Expedition Zimmerstraße 44, >n einem Sepcratabzuge gratis und franko nachgeliefert. Probenummern stchm den Freunden unserer Zeitung selbst >n größerer Anzahl stets zur Verfügung. Wir bitten hiervon recht ausgiebigen Gebrauch zu machen, damit daS„Berliner „Was die Straße verschlingt.� Unter dieser Ueberschrift geht ein sonderbarer Re- l l a m e a r t i k e l durch die liberale Presse, der sich an einen neuen Roman Wachenhusens anlehnt und von dem esselnden Bilde spricht, welches der bekannte Romanschrift- ieller von unseren heutigen GesellschaftSzu- tänden entwerfe. Der Artikel enthält nun zunächst fol» Sende Schilderung Wachenhusens: „Ein neuer Athem weht wohl seit 10 Jahren durch Deutschland, aber leider auch desto mehr Moschus in der Gesellschaft. Die Scheiusucht, bei all der Theuerung der Lebenibebürfaisse und all den Nachdruck verboten.� 45 IeuMeton. Gesucht uud gefunden. Roman von Dr. Dux. (Forsetzung.) „Lassen Sie doch dergleichen Firlefanz. Ich wünsche, Waldow, daß dieser Rasen hier entfernt wird und hier Gemüsebeete angelegt werden. Damit Basta!" Sie warf da« Köpfchen hintenüber und ging weiter, da« Kopfschütteln deS alten Gärtners gar nicht beachtend. Eben wollte sie den Park verlassen, um die Molkerei zu inspiziren, da traf sie den Inspektor Brand. Derselbe grüßte leicht und wollte vorübergehen. Sie laber blieb stehen und nöthigte ihn dadurch, ebenfalls stehen zu bleiben. „Gut, daß ich Sie treffe, Herr Brand," sagte sie. ..Wollen Sie die Güte haben, mir heute, bevor Sie die Löhne auszahlen, die Lohnbücher vorzulegen?" „Ihnen, Fräulein?" fragte Brand defremdet. „Ja, mir! Ich finde namlrch, daß die Arberter hrer Alle aussehen, als wenn sie wohlhabende Leute wären. Man sieht fast Keinen in Lumpen hier, wie daS auf anderen Gütern der Fall ist. Ich schließe daraus, daß Sie viel zu hohen Lohn zahlen." „Da irren Sie. Fräulein Amberg! Ich zahl« guten Lohn, aber nicht zu hohen." „Wenn das Geld, was man zahlt, nicht eigenes, son- dern fremdes ist, so giebt man'S mit leichterer Hand fort." Brand schoß die Zornesröthe in die Wangen: „Das heißt an meiner Ehrlichkeit zweifeln, Fräulein Amberg!" zweifle nicht an Ihrer Ehrlichkeit.— Aber vozu sollen Arbeiter mehr Lohn erhalten, als unbedingt '�Wollen Sie damit sagen, Fräulein," erwiderte Brand mit einem ironischen Lächeln,„da» man die Arbeiter, velche ihre Pflicht thun, hungern nnd darben lassen soll? „DaS gerade nicht! Ich wünsche nicht, daß man hnen mehr giebt, al« sie zu ihrem Unterhalt bedürfen.' „Sie wünschen da« nicht, Fräulein?" Ernährungssorgen, die Nothwendigkeit des unnöthig- stcn LuxuS, die Genußsucht, in die Eines das Andere mit fortreißt, machen den Erhaltungskampf zu einem Handgemenge, in welchem viel von Natur Gutes und EdleS zu Grunde geht, und die Sitten unserer Tage werden auf dem große» geschäftlichen und ge« sellschaftlichen Schlachtfeld vom Leichengeruch der Ge- fallenen infizirt. „Die Zeiten sind auch bei uns andere geworden, besser kaum, denn geschäftlich drückt uns die Steuer- Garotte und gesellschaftlich sind wir bis an die Knie in da» Grundwasser der Korruption gewatet, denn Entsittlichung schafft Entnervuog. „Wir haben hohe Adelsgeschlechter, in denen die Korruption erblich ist. Wir haben eine Geldaristo- kratie, die um deL eigenen Gewinnes willen durch ihre Börsenmacht unzählige wohlhabende Familien« väter ruinirt, weil diese durch die Sorge, durch das LuxuSbedürfniß der Ihrigen gezwungen werden, »ach verheißenden, spekulativen Werthen zu greifen. Und der Bettelstab ist schwer! Der Vater nimmt ihn vielleicht seufzend und entsagend in die Hand, aber die Söhne, die Töchter, denen die Welt noch so schön erscheint! „Wir haben einen niederen Beamten- st a n d, dcr mit großem Kindersegen unter karger, unzureichender Besoldung seine Töchter ohne Auesicht auf Versorgung heranwachsen sieht. Der Vater stirbt, die Mutter leidet Roth, die Töchter nimmt die Welt auf... Wo bleiben sie?... Wer fragt nach der Spreu, die der Wind ver- weht! „Wir haben einen Handwerkerstand, der ver- geblich ringt gegen die Uebermacht des Kapitals, der Fabriken, dem der Staat selb st mit seinensozialistischenStrebungenden viel gepriesene« goldenen Boden unter den Füßen wegzieht! und seine Kinder wachsen heran, die Welt ist ihnen so schön und die Versuchung so groß. „Wir haben endlich einen Arbeiterstand, der seine Töchter als Mägde verdingt oder sie als Kinder schon in die Fabriken schickt. Es ist Ii urig, zu bekennen, daß neun Zehntel von ihnen ver.oren gehen, ohne von dem Werth der Tugend eine Verstellung gehabt zu haben. Die Straße»erschlingt sie, auf der schon Kronen und ganze Reiche verloren ge- gangen." An diese wohl im Allgemeinen zutreffende Schilderung „Sie hören ja, daß ich eS nicht wünsche!" „Das höre ich allerdings; allein die Normir"ng der Löhne liegt mir ob." „Leider hat Ihnen Herr Nodenburg diese Vollmacht ertheilt. Ich wünsche aber von jetzt ab, selber die Löhne zu normiren; eine Aenderung hierin muß getroffen werden." „Wenn eine Aenderung hierin erforderlich ist, wird Herr Rodenburg voraussichtlich mir seine Weisungen geben." „Herr Rodenburg kümmert sich darum nicht und wünscht auch, namentlich heute nicht, von Ihnen mit den Lohnbüchern belästigt zu werden. Ich wiederhole daher meinen Befehl, die Lohnbücher mir vorzulegen." „Ich habe in her That nicht gewußt, daß Sie gegen« wärtig in Felda» befehlen." „Sie hören, daß ich hier befehle, und ich fordere Ge- horsam von Ihnen!" „Den ich leisten werde, Fräulein Amberg, sobald ich weiß, daß Sie ein Recht haben, hier zu befehlen. Bis dahin aber werde ich nur nach der Vorschrift dessen ver- fahren, dem ich zum Gehorsam verpflichtet bin. Adieu!" Er ging an ihr vorüber. Sie zog die Brauen zusammen; ZorneSröthe bedeckte ihr Gesicht; ihre Hand zerdrückte fastden dünnen Stiel des Sonnen- schirm«. Dann stampfte sie mit den Füßen und sagte: „Ich werde den Widerspenstigen schon zwingen! Welche Unverschämtheit, mir den Gehorsam zu ver- weigern!... Aber ich weiß, woher eS kommt. Er ist Einer von denen, welche beklagen, daß die stille, sanfte Lucie hier nicht«ehr waltet.... Aber warte. Du sollst schon Gehorsam lernen!" Sie ging weiter. Ueberall, wo sie Arbeiter beschäftigt traf, ordnete sie on, genau so, als ob Alles ihr Eigen- thum sei, und sie nach Belieben darüber schalten und walten könne. Die respektvollen Grüße der Leute, welche ihr be- gegnetcn, erwiderte sie entweder gar nicht, oder nur durch ein leichte«, hochmüthige« Nicken. Ihr Weg führte sie an einem Schuppen vorüber. Ja demselben befand sich die Werkstätte Barthel'S, deS wird nun von den liberalen Blättern folgende Privat- Versicherungs-Reklame gehängt: „Manchem wird dieses Bild ein wenig zu düster er- scheinen; aber wer wollte leugnen, daß unsägliches Elend die Welt erfüllt und daß die Klasse der Enterbten aus eigener Schuld und durch die Mitschuld der Gesellschaft täglich im Wachsen begriffen ist. Und doch giebt e» naheliegende Mittel und Wege, bessere Zustände herbeizuführen. Arbeit und Sparsamkeit sind der wirksamste Feind dieser Zustände und die Sparsamkeit besonder« in ihrer entwickelsten Form, der Versicherung. E« ist eine alltägliche Erfahrung, die Jeder an sich selbst macht, daß daS Kapital die Welt beherrscht, daß Kapitalbesitz Selbstständigkeit, Sicherheit und Freiheit bedeutet. Diese« Alles schafft, wenn richtig benutzt, die Kapitaloersicherung, welche wir mit einem allgemeineren Namen auch Lebensversicherung nennen; sie ist eine« der bedeutendsten sozialen Heilmittel der Zeit und ihre Ausbreitung sollte von allen verständigen Menschen- freunden gefördert werden." Soviel Worte, soviel Zugeständnisse macht hier der Liberalismus an den sonst so sehr gehaßten Sozialismus; in welcher Form der letztere auch auftreten möge, al« Staatssozialismus, oder als demokratischer Sozialismus, der Haß des Liberalismus bleibt immer derselbe. Bislang hat derselbe auch die Grundursache» des Sozialismus, die soziale Noth, das soziale Elend immer geleugnet, um auch nicht das geringste Zugeständniß zu machen. Hier aber, da e» sich um eine Reklame der Privat- VersicherungS-Gesellschaften handelt, malen die liberalen Blätter grau in grau, zitiren Stellen au« einem Sensation«- roman, reden von„unsäglichem Elend", von„der Klasse der Enterbten", von„der Mitschuld der Gesellschaft", von „der Weltherrschaft des Kapitals", bloS um die Menschen in einer Lebensversicherung unterzubringen. Sie empfehlen hierzu die S g a r s a m k e i t und diese Sparsamkeit empfehlen sie nicht nur Leuten an, die etwas zurücklegen könne«, sondern auch den niederen Be- amten, welche„kurze, unzureichendeBesoldung" erhalte». Und von dieser„unzureichenden" Besoldung sollen die Beamten noch im Interesse der Dividenden der Leben«- VersicherungS-Aktionäre sparen! Uebrigens erhalten die Beamten ja so wie so schon eine Alterspension. Der angezogene Artikel empfiehlt das Sparen ferner dem Handwerker, dem der„goldene Boden" entzogen ist, dem Arbeiter, der seine Kinder in die Fabriken schickt. Und das Sparen nicht nur an sich, indem der Ar- Stellmachers, welcher hier die Ausbesserung der Wagen und Geräthschaften besorgte. Gerade als sie an demselben vor» überging, trat Barthel zur Thür deS Schuppen hinaus. Er zog seine Mütze. „Guten Morgen, gnädiges Fräulein!" sagte er be- scheidenen und demüthigen Tones. Emmy, ohne zu antworten, wollte schnell vorüber- gehen, doch besann sie sich bald eines andern. Sie blieb stehen. „Barthel," sagte sie,„ich habe Ihnen einen Dienst ge- leistet." „Ich weiß es, gnädiges Fräulein, und vergesse eS Ihnen nicht! Sie haben mir dazu verHolsen, daß ich die Arbeit wieder bekommen habe auf diesem Gute." Barthel war jetzt nicht mehr der verkommene, schmutzige Mensch von ehemals; sein Haar war nicht wüst und un- ordentlich; sein Anzug nicht zerrissen und unsauber, und er verbreitete auch keinen Branntweingeruch um sich. Er hatte sein Versprechen, sich zu bessern, redlich gehalten. „Sie waren damals auf Veranlassung des Verwalter» aus dem Dienst entlassen," fuhr Emmy fort. „Allerding«!" antwortete Barthel.„Und Herr Brand hatte Recht, ich war damals ein unzuverlässiger Arbeiter. Sie wissen, meine häusliche Roth verursachte den häuslichen Unfrieden und vom Unfrieden bis zum Trünke, da» ist nur ein Schritt." „Ich weiß, ich weiß!" unterbrach ihn Emmy.„Sie waren ein Trunkenbold und mögen meinetwegen heute noch einer sein." „Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein...." „Lassen Sie's gut fein. Ich will davon nicht« wissen.— Sie erinnern sich, daß Brand Sie fortjagte und ich setze vorau», daß Sie sich nicht ungern an ihm rächen möchten." „O nein, gnädiges Fräulein! Herr Brand ist gut und freundlich gegen mich, wie gegen alle Arbeiter." „So!" sagte sie verdrießlich und ihre glatte Stirn kräuselte sich wieder ein wenig.„Vielleicht aber hätte« Sie nicht« dawider, wenn Sie fortan nicht unter Brand'S Bot» Mäßigkeit zu stehen brauchten?" Leiter seinen Lohn rationell vertheilt und nach und nach verausgiebt— nein, er soll für die Versicherungsgefell- sch asten sparen, sein Leben versichern. Und dies geschieht in demselben Augenblicke,«o wir vor dem Problem der Alterversorgung der Arbeiter stehen! Wenn der vom Liberalismus zitirte Herr Wachenhusen sagt, daß„der Staat durch seine sozialistischen Bestrebungen dem Handwerkerstands den so viel gegriesenen goldenen Boden entzieht", so ist das einfach ein Nonsens, da der geehrte Herr zwei Zeilen vorher von der Uebermacht des Kapitals spricht, mit dem der Handwerker vergeblich ringt. Die kapitalistische Produktionsweise ist es, welche dem Handwerkerstand den goldenen Boden entzieht und ihn »ach und nach in das Proletariat schleudert. Das letztere aber kann nur durch eine vernünftige Sozial- Reform aus seinen Banden erlöst werden und ein entscheidender Schritt zu dieser Sozial-Reform wird durch eine wohldurchgeführle staatliche Altersversorgung der Arbeiter gemacht.— Obige Reklame für die Privatversicherung aber sollte das Reich veranlasien, recht rasch und entschieden mit der Alters- und Invalidenversicherung vorzugehen. ES scheint in dieser Frage leider ein Stillstand einge- treten zu sein; dem Reichstag wird in dieser Session keine Vorlage mehr gemacht werden. Unmöglich kann aber die Sozialgesetzgebung mit den gerade nicht glücklich ausgeführ- ten Kranken- und Unsallversicherungen sich zufrieden geben— die Hauptentscheidung, ob die Sozial-Reform des deutschen Reiches dem Arbeiterstande förderlich ist, wird bei dem Alterversorgungsgesetz liegen. Und diese Entscheidung muß sobald als möglich her- beigeführt werden. ffolitlScke UebersirÜt. Ueber die in letzter Zeit massenhaft stattfindenden Nersammlungsvervote, resp. Velsammlungsauflösungen in Berlin schreibt die„Not.-Ztg.";„Die höchst widerspruchsvolle Proxis der Polizei in der Behandlung der hiesigen sozial- demokratischen Versammlungen— die ohne Zweifel auf Höberen Anordnungen dcmht— hat wiederholt in der Presse die Frage veranlaßt, noch welchen Grundsätzen eigentlich dabei verfahren wird. Die„Neue Preuß. Ztg." bringt heute darüber folgende, anscheinend inspirirte Mittherlung� Ar beiterversammlungen, in welchen die Redner gegen die Fortschrittspartei zu Felde ziehen oder eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen auf dem Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung erstreben, find weder von vornherein verboten, noch ist die Diskussion in den- selben irgendwie behindert worden. Fortschrittliche Versamm- lungm sind entweder nur dann aufgelöst worden, wenn in denselben tumultuarische Austritte stattgefunden, oder wenn die Anmeldung nicht vorschriftsmäßig erfolgt oder sonst irgend- wie Verstößt gegen das Vereinsgesetz vorgekommen. Da, wo, obgleich die Vorschriften des Vereinsgesetzes befolgt, die Ver- sammlungen aufgelöst worden, find die betreffenden Pvluei- beamten reklifizirt, bez. disziplinarisch bestraft worden. Da, wo sozialdemokratische Versammlungen verboten oder aufgelöst worden, geschah dies, weil die Polizeibehörde Grund zu der Annahme hatte, daß solche Versammlungen den eigentlichen Zwecken der Sozialdemokratie Vorschub leisten würden, inso- fern die für dieselben angekündigten Referenten über die fach- liche Erörterung bestehender sozialer Mißstände hinausgcben und die Leidenschaften der Massen zum Haffe gegen die Re- gierung und die Staatsgewalt zu entflammen suchen würden, oder aber die Versammlungen wurden aufgelöst, weil die an- wesenden Sozialdemokraten auf den sozialdemokratischen Zu- kunftsstaat hinwiesen und die konservative Partei im Gegen- setze zu der Fortschrittspartei überaus heftig angriffen, welche letztere sie als Bundesgenossen auf dem rein polit schen Gebiete dezeichneten. Nach diesen Grundsätzen dürfte auch in Zukunft im Großen und Ganzen verfahren werden. Im klebrigen wird sich Niemand wundern dürfen, wenn nach den groben Exzessen, deren sich die Sozialdemokraien in mehreren Ver- sammlungen der letzten Zeit schuldig gemacht, in denen sie die Polizeibeamtcn thätlich gemißhandelt, die Polizeibehörde die Zügel straffer anziehen wird bezüglich der Handhalmng des Sozialistengesetzes. Insbesondere dürfte es den soziaidemokra- tischen Abgeordneten schwer werden, hier in Berlin außerhalb des Reichstages ihr oratorisches, dezw. agitatorisches Talent zu verwcrthen. Es wäre leicht,— so bemerkt die„Nat.-Ztg." dazu,— nachzuweisen, daß diese Darstellung die hervorgetretenen Wider- sprüche keineswegs genügend erklärt— und ein Widerspruchs- volles, daher scheinbar willkürliches Verhalten der«sozial- demokratie gegenüber kann leicht erbittern und aufreizend wirken. Höchst überraschend ist es aber, daß man unter Be- rusung auf das Sozialistengesetz durch Auflösungen den Kon- „Ja, wie soll ich das, gnädiges Fräulein? Der Ver- walter hat doch über alle Arbeiter zu befehlen." „Hatte! Das ist aber jetzt anders; jetzt befehle ich hier... Für die Gefälligkeit, welche ich Ihnen erwies, verlange ich, daß Sie mir wieder eine Gefälligkeit erweisen." „Doch nicht wieder eine Unwahrheit, wie ich damals in Bezug auf Fräulein Rodenburg aussprechen mußte? Ich weiß zwar nicht, zu was es gut war, aber ich that es, weil Sie sagten, ich erwiese dadurch dem lieben Fräulein einen Gefallen." „Sie thäten gut, sich über dergleichen Dinge nicht den Kopf zu zerbrechen. Zu welchem Zwecke ich wünschte, daß Sie damals eine Unwahrheit sagten, kann Ihnen gleich- giltig sein. Ich verlange jetzt, daß Sie in Ihr heutiges Lohnbuch mehr Arbeiten eintragen, als Sie gefertigt haben." „Aber, gnädiges Fräulein, das wäre ja Unrecht." „Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich die Herrin bin, daß ich hier zu befehlen habe?.... Sie würden einen Betrug ausüben, wm» Sie ohne Jemandes Wissen eine solche Fälschung Ihres Lohnbuches vornehmen würden. Da ich es Ihnen aber erlaube, ja, da ich es von Ihnen ver- lange, so begehen Sie damit kein Unrecht." „Es gebt doch nicht, gnädiges Fräulein, Herr Brand würde es sofort entdecken." „Bevor Herr Brand Ihr Lohnbuch sieht, werde ich es sehen; und sollte Jemand die Fälschung entdecken, wie ja immerhin möglich ist, so mögen Sie sagen, daß Herr Brand Sie angewiesen habe, eine höhere Liquidation zu machen, und daß den Mehrbetrag Herr Brand für sich zu behalten wünsche." „Aber das ist doch nicht wahr, gnädiges Fräulein! Ich würde sofort mit Schimpf und Schande hinausgejagt werden, und zwar mit Recht." „Ich werde sorgen, daß das nicht geschieht, und wenn Ihnen Ihr Brod lieb ist, so rathe ich Ihnen, daß Sie meinem Befehle pünktlich Folge leisten und vor allen Dingen darüber schweigen." Betrosien blieb Barthel stehen und ließ muthlos die servativen gegen die Fortschrittspartei glaubt zu Hilfe kommen zu dürfen. Herr v. Puttkamer wird vermuthlich Gelegenheit erhalten, sich im Reichstage hierüber zu äußern. Die allerneusten Reichsgebiete liegen zwischen dem Aequator und dem fünften Grad südlicher Breite, nördlich von Australien. Neu-Britannien, die Hauptinsel des Neu-Bri- tannia-Arckipels und Neu-Jrland sind ziemlich große Inseln. Von dort kommen jetzt hauptsächlich die Arbeiter für die Samoa- und die anderen, von deutschen Unternehmern be- fiedelten Inseln; in den jüngst im Reichstag vertheilten Kon- sularberichten wurde mehrfach hervorgehoben, daß die Siche- rung(!) des Bezuges(!) solcher Arbeiter für die Plantagen- Wirlhschaft eine Lebensbedingung sei. Die Hamburger Hau- dels- und Plantagen-Gcsellschaft hat auf Äioko, einer der Inseln des Britannia-Archipels, ihr 5)aptdepot von Arbeitern, übrigens auch auf Reubritannia bereits Niederlassungen. Ebenso hat die deutsche Firma Hcrnsheim eine Niederlassung auf Matupe im Neu Äritannia-Archipel.— Neu-Guinea ist eine der größten Inseln der Erde; das Innere ist noch fast unbekannt, die Angaben über den Flächenraum differiren zwischen 8500 und 13 000 Quadratmeilen. Der äußerste Westen der Insel ist von den Holländern in Besitz genommen; an der Eüdküste befindet fich eine englische Niederlassung und ist die englische Flagge aufgezogen worden.— Von den d-utschen Niederlassungen auf den Samoa-Jnseln, resp. von Avia, wo fich das deutsche Konsulat b- findet, find diese Gebiete durch eine Entfernung von 40 Längengraden oder 600 geographischen Meilen getrennt. Zur Krankenversicherungsfrage meldet das offizielle Oman des Leipziger Stadtraths, das„Leipziger Tageblatt": „Sicherem Vernehmen nach hat daS Leipziger Krankenverfiche- rungSamt in den letzten Tagen fich entschlossen, die Mitglied- schaft bei den an anderen Orten(Hamburg, Berlin rc.) domi- zilirtcn und auf Grund des§ 75 des Krankenvcrstcherungs- gesetzes zugelassenen eingeschriebenen Hilfe lassen als befreiend vom Beitritt zur Ortrkasse oder Gcmeindeoersichcruna anzu- erkennen. Dieser Beschluß wird stcherlich nicht verfehlen, in den verschiedensten Kreisen lebhafteste Befriedigung hervorzu- rufen."— Gewiß! Nur wäre es eben weit richtiger gewesen, gleich von Anfang an fich auf diesen allein dem Gesetz entsprechenden Standpunkt zu stellen, dann wäre zahlreichen Ar- heitern eine Menge von lästigen Scherereien erspart geblieben und die„Befriedigung" wäre eine viel größere gewesen. Es ist übrigens sehr fraglich, ob die Anerkennung der Kassen so schnell erfolgt wäre, wenn im Reichstage nicht so nachdrücklich darauf gedrungen worden wäre. Bei der Anwendung deS KrankenversicherungSgesetzes wird häufig ein Punkt übersehen, ver gerade von höchster Wichtigkeit insbesondere für den Beitritt zu den freien Kassen auch nach dem I. Dezember d. I. ist. Es ist die dem ganzen Gesetz zu Grunde liegende Bestimmung, daß jeder Verfiche- rungsza-ang nur durch die thatsä ch liche momentane Be- schäftigung gegen Lohn oder Gehalt begründet wird, demnach: a) am 1. Dezember oder seitdem tbatsächlich beschäfti- g u n g s l o s c Arbeiter rc. nicht verstcheruvgSpfllchtig waren dezw. sind, sondern es erst werden, sobald sie wieder in Bc- schäftigung treten.(Wichtig besonders für die Bauhandwerker und Arbeiter!) b) mit jedem Austritt aus der gcgenwär- tigen Beschäftigung der Kassenzwang erlischt und jede vor oder b e i Antritt einer neuen Beschäftigung— wenn auch in demselben Ort und Beruf, ja bei demselben Arbeitgeber— erfokgte Aufnahme in eine dem§ 75 genügende tzilfskaffe, das betr. Mitglied von Beiträgen zur Zwang-kaffe defreit. Es ist dringend wünschenswerth, hierauf in der Pieffe, wie in Versammlungen eindringlich aufmerksam zu wachen! Gegen den ReichStagsabgeordneten Autoine ist.der „Stcaßb. Post" zufolge das Verfahren beim Reichsgericht ein- gestellt worden. Nord-SchltSWig. Von dem Sonderburger Landraths- amt ist in diesen Tagen eine Bekanntmachung erlassen, in welcher den Gemeindevorstehern nachdrücklich eingeschärft wird, daß es zu ihren Amtspflichten gehört, darauf Acht zu geben, od fich in ihren Gemeinden, wie dies namentlich in der Weih- nacktszeit geschieht, unerlaubter Weise junge Leute aufhalten, welchen behufs Auswanderung Entlassungsmkunden erthcilt worden find. Wenn solche ermittelt werden, so müssen die Gemeindevorsteher der zuständigen Behörde sofort Anzeige machen, damit je nach Lage der Sache entweder die Kassation der Urkunde erwirkt werden, oder aber die Ausweisung der Be- treffenden stattfinden kann. Bei Nichtbeachtung dieser Amts- pflickt wird das Landrathsamt fich zu den schärfsten diszipli- narischen Maßregeln genörbigt sehen. Wie aus der Ueber- schrift einer die obige Angelegenheit betreffenden Notiz in „Dybbölp." hervorgeht, hat dies Blatt die sehr richtige Eni- d-ckung gemacht, daß die Bekanntmachung den nach Dänemark Ausgewanderten gilt, die namentlich während des Weih- nachtsfcstes in größerer Anzahl über die Grenze zu kommen pflegen, um in Nord-Schleswig allerlei Agitationen(?) zu treiben. Gera. Tie von der„Elberfelder Zeitung" gebrachte Nach- richt von der Verhaftung dreier Anarchisten in Gera, welche Hände sinken. Als Emmy fortgegangen war, sagte er zu sich selbst: „Ich habe in Bezug auf Fräulein Rodenburg eine Lüge sagen müssen... ich weiß nicht, ob ich Recht daran that. Ich habe darin gewilligt, um wieder mein Brod zu erhalten, und sitzt soll ich eine Lüge sagen, um es zu be- halten. Ich fürchte, das gnädige Fräulein verleitet mich zu schwerem Unrecht." Mit einem tiefen Seufzer und einem traurigen Kopf- schütteln langte er aus einem Kasten sein Lohnbuch hervor, um darin seine Eintragungen zu machen.--— Brand war inzwischen in den Park gegangen und traf den Gärtner Waldow, welcher noch immer auf seinem Spaten gestützt neben dem Rasen- platz stand, um mit trauriger Miene diese von ihm so sorg- fältig gepflegten Lieblingsanlagen zu betrachten. „WaS stehen Sie denn so traurig, Vater Waldow?" rief Brand.„Sie machen ja ein Gesicht, al» hätte Ihnen der Hagel die schönsten Blumen zerschlagen!" „Es wäre mir vielleicht in diesem Augenblick lieber, der Hagel hätte das Werk der Zerstörung vollbracht," ant- woltetejener.„Denn es schmerzt nicht so sehr, wenn man seine Lieblinge durch Fremde vernichtet sieht, als wenn man sie mit eigener Hand vernichten soll." „WaS faseln Sie, Waldow? Wer sagt Ihnen denn, daß Sie Ihre Lieblinge mit eigener Hand vernichten sollen?" „Fräulein Amberg war soeben hier und ordnete an, daß ich diesen Rasen entfernen und Gemüsebeete hier an- legen soll." „Was?" rief Brand entrüstet.„Das that sie? Das wäre, ja ein wahrer VandalismuS!" „Ja, darf man wagen, sich gegen das Fräulein auf- zulehnen?... Unser gnädiger Herr gicbt ihr ja alle Ge- walt in die Hände, um zu schalten und zu walten, wie sie Lust hat." „O, nichts da, Vater Waldow, ich werde Sorge tragen, daß dieser Platz erhalten bleibt. Noch heute werde ich Herrn Rodenburg Vorstellungen über diesen Dynamit bei fich geführt haben sollen, ist vollständig auS der Lust gegriffen. Es find hier weder Anarchisten mit, noch ohne Dynamit verhaftet worden. Oesterreich. Von der„Kultur" sind unstreitig Ruß- l a n d und Oesterreich am wenigsten beleckt, dennoch kommen gerade aus diesen beiden Ländern die sensationellsten Nachrichten. Noch ist der Millionenschwinde! in der Eskompte- Bank nicht aufgeklärt, und schon wieder tritt eine neue, Auf- sehen erregende Mittheilung an die O-ffentlichkeit. In WarnS- dorf in Böhmen erscheint eine kleine Zeitung, die„Abwehr". in deutscher Sprache; der Redakteur dieses BlatteS, S tr a che, und der astkatholische Pfarrer Nittel find gestern wegen Hochverraths, angeblich begangen durch Kommersreden, ver- haftet worden. Rußland. Einer der sensationellsten Prozesse spiest fich gegenwärtig in Moskau ab. Der Prozeß richtet fich gegen die Verwallungsrathsmstglieder der Skopiner Bank. Der Haupt- angeklagte und„Macher" in der ganzen Angelegenheit ist der Bankoirestor Rykow, ein ganz unbedeutender und unwissender Mensch, der aber dennoch in den höchsten Kreisen in Rußland Zutriit hatte. Er hatte es verstanden, die„kleinen" Trinkgelver an die richtigen Stollen zu dirigiren und für fich dabei Mit- lionen in die Tasche zu stecken. Und das Vcrständniß genügt in Rußland, um die Wege zu hohen Stellungen zu öffnen.— Den russischen Zeitungen ist verboten worden, Näheres über den Prozeß in die Oeffentlichkeit zu bringen, weil man fürchtet. daß Rykow sehr hochstehende Personen komvromittiren wirb.— Die Geschworenen haben jetzt ihr Verdikt abgegeben. Sie er- kannten bei 21 Angeklagten, darunter Bankdirektor Rykow» auf schuldig, bei fünf Angeklagten auf Freisprechung. Der Staatsanwalt hatte für Rykow Verbannung„in eine weniger entfernte Gegend Sibiriens" und für die Uebrigm tbeils Verbannung theils Zuchthaus beantragt. Die Verkän- digung des Urtheils ist bis zum 24. d. M. vertagt. Großbritannien und Irland. Die Fortschritte,— so meldet die„Zür. Post"— welche der Sozialismus iväh- rcnd der letzten zwölf Monate in England und namentlich in London gemacht hat, fangen an, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Lord Wemyß hat bereits im Oberbause angekün- digt, daß-r beim Wiederzusammentritte des Parlaments die Ausmerkwmkest der Regierung auf das Umfichgreifm des So- zialismus hinlenken werde, um Maßnahmen zur„Eindämmung der gefährlichen Bewegung" zu teeffen. Die sozialistischen Vereine Englands, welche schon eine beträchtliche Ziffer erreicht haben, beschlossen nunmehr, den edlen Lord mit einem Ausweise aller ihrer Mitglieder und einer Denkschrift über ihre Tendenzen zu versorgen, damit er vollauf Gelegenheit habe, seine Anklage zu formuliren.— In der am 16. d. in Dublin stattgesun« denen Sitzung der Nationalliga hielt der Abgeordnete O'Brien eine Rede, in welcher er sagte, die irische Partei würde nächstes Jahr einen etwaigen Antrag auf E> Neuerung der Zwangsgcsetze mit dem Verlangen, Lord Spencer, den Vizekönig von Irland, der seit den Phönix-Park-Morden eine Rachepolitil verfolge, in den Anklagezustanv zu versetzen. beantworien.— Eine in Kildare abgehaltene National-Konven- tion beschloß, den Fuchsjagden in genannter Grafschaft em Ende zu setzen. Nord-Amerika. Daß die wirthschaftliche Lage der Ar- heiter Nord-Amerikas im fortwährenden Niedergang begrrffen ist, zeigt die immer mehr und mehr Platz greifende Frauen- arbeit in diesem Lande. Dieselben werben namentlich beschäl- tigt bei der Herstellung von Sonnendächern und Zelten, Knöpfen, Wollenzeugen, Fancy-Artikeln, Flachs- und Linmn- waaren, Haararbesten, Sevläuchen, Gummiwaaren, gemischten Geweben, Papier, Epottartckeln, Strohwaaren und Kamm- garnstoyen. Vor dem Jahre 1840 gab es nur steben verschre- t-ene Berufe, in welchen Frauen in den Neu-Er.gland-Staatc« Beschäftigung fanden; jetzt aber finden sie in 317 verschiedenen Geschäften, Gewerben, Fabriken und Arten der Haustndustne Beschäftigung. K o K» t e s. Bei der Gewerbe-Deputation des Magistrats von Berlin erschienen seit I. Dezember 1834 häufig Personen, vre zur Zeit ohne Arbeit find und beantragen, in die Gemeinde- Kcankenverstchenlng aufgenommen zu werden. Diese Antrage müssen zurückgewiesen werden, da arbeitslose Personen bei der Gemeinse-Krankenverstcherung weder verstchcrungSpflichtig, nocki auch nur versicherungsber echtigt sind. Die Betreffenden be- schweren fich dann regelmäßig darüber, daß sie ohne Vor- zeigung eines„QuittungsbucheS" überhaupt keine Arbeit be- kommen, da die Arbeitgeber nur solche Personen in Arbeit nehmen, welche sich im Befitze eines solchen Buches befinden- Aehniiches wird auch von den Vorständen einiger OrtSkcanren- lassen gemeldet. Diese Maßregel der Arbeitgeber beruht auf einem Jrrthum. Nack der Bestimmung des Gesetzes vom 15. Juni 1883 ist jeder Arbeiter— soweit er überhaupt verfiche- rungSpflichtig ist— mit dem Tage des Eintritts in die Arbeit ohne weiteres Mitglied derjenigen Ortskrankenlasse, welche für den Gewerbszwcig, in dem er beschäftigt ist, gegründet ist- Punkt machen, wie über einen anderen, der mir eben« falls aufstößt." „Sie werden nichts ausrichten, Herr Brand. Dem Fräulein Amberg gegenüber dringt Unsereins beim alten Herrn nicht durch.— Ach, das waren früher doch andere Zeiten, als Fräulein Rodenburg hier noch im Hause wal- tcte. Sie hatte selbst Freude an dem blühenden Garten, und da machte eS mir ei» doppelte« Vergnügen, denselben zu pflegen; aber jetzt.... o, eS sieht traurig aus aus Feldau. Man hat wahrlich keine Freude mehr an der Arbeit." „Die Zeiten werden wiederkehren, alter Freund," antt «ortete Brand.„Gerade über diesen Punkt wünsche»ch heute Herrn Rodenburg zu sprechen. Ich habe die ganze Jntrigue durchschaut, denn ich habe Fräulein Rodenburg in Berlin angetroffen, und aus ihrem Munde habe ich ge- hört, mit welchen Lügen sie hier vom Hause fern gehalten wird. Ich werde dem alten Herrn Alles berichten, und Sie werden sehen, in wenigen Tagen ist Fräulein Rodenburg wieder hier, und dann ist Alles wieder wie früher." „Gott gebe, daß es eintrifft," sagte Waldow;„aber ich fürchte, Sie sind diesem Amberg'S gegenüber nicht schlau genug." „Es bedarf hier keiner Schlauheit! Sie mögen ihte Fallstricke noch so verborgen legen, die Wahrheit muß doch siegen." Brand grüßte den alten Gärtner freundlich und nahm den Weg nach dem Schlosse zu. In der Nähe desselben an- gekommen, sah er auf der Rampe einen Wagen halten und aus diesem den Prediger Amberg aussteigen, welcher von seiner Nichte und Charlotte mit offenen Armen empfangen wurde. VierunddreißigfieS Kapitel. Die drei Verbündeten versammelten sich sofort zu einer Berathung in Emmy's Zimmer. r,L „Kinder," hob Amberg an,„meine Ankunft überrascht Euch; aber ich habe gute Gründe, hier wieder einmal ein- zugreifen. Wir glaubten mit Lude jeden Gegner geschlagen. Ausgenommen hiervon find nur die Mitglieder der eingeschrie- binen Hilsskaffen, der Jnnungskrankenkaffen und Knappschafts- kaffen. Die Anmeldung seitens des Arbeitgebers, die binnen drei Tagen zu eifolgen hat, ist lediglich deklaratorischer Natur und dient zur Kontrolc. Wenn also die Arbeitgeber glauben, daß fie beim Engagement der Arbeiter, die das Ouittungsbuch der Gemeinde- Kranlenverficherung vorzeigen, von der Anmel- dung derselben zu ihrer Ortskrankenkaffe und von der Zahlung der höheren Beiträge, die zu dieser Kasse zu leisten find, ent- bundcn sind, so irren fie sich. Mit dem Tage, mit welchem solche Brrsonen bei ihnen in Arbeit treten, scheiden fie trotz ihres Quittungsbuches ganz von selbst aus der Gemeinde- Krankenverficherung aus und treten bei den betreffenden Orts- krankenkaffen ein. Die Unterlassung der Anmeldung zieht für den Arbeitgeber Strafen bis zu 20 M- nach sich- Es ist also den Arbeitgedern, welche die Vorzeigung eines Quittungebuches vor dem Engagement forderten, zu empfehlen, in Zukunft von dieser Forderung Abstand zu nehmen. Die Hundesteuermarken für das Jahr 1884 verlieren ihre Giltigkeit mit dem 31. Januar kommenden Jahres. Von diesem Tage ab find die mit solchen Marken versehenen Hunde gegen das Aufgreifen durch die Abdeckereigehilsen nicht mehr geichützt. Diejenigen Besitzer steuerpflichtiger Hunde, welchen bis dahin die Steuerquittungen und Marken für das Jahr 1885 noch nicht zur Zahlung vorgelegt sein sollten, müssen stch rechtzeitig an die Buchhalierei für die Erhebung der Hunde- steuer im Berlinischen Ratdhause(Zimmer 23) zur Entgegen- nähme der Marlen gegen Zahlung der Steuer wenden. Auch die Zugbunde, für welche Fleischerne gewährt find, müssen mit den für fie bestimmten Marken versehen sein; doch schützen diese Marken die Zughunde vor dem Angreifen nicht, wenn diese frei umherlaufend getroffen werden. Nach der Strafbestimmung des§ 23 des Hundesteuer Regulativs vom 27. Juni 1667 soll Derjenige, welcher fich du.ch Verheimlichung eines Hundes der Steuer zu entziehen sucht, mit dem dreifachen Beirage der dcfraudirten Steuer bestrast und soll außerdem die defraudirte Steuer von ihm eingezogen werden. r. Von dem Umfange deS Postpacket-Verkehrs, wie er fich zu den Weihnachtsferertagen in unserer Stadt gestaltet, kann man sich ein ungefähres Bild m'chen, wenn man in der Fcuchlstraße an den dortigen unter der Ueberführuna des Bahnkörpers gelegenen Postbureaus des Schlcfischen Bahn- Hofes vorübergeht. Der ganze Raum unter dem Bahnkörper ist hier mit Fuhrwerken dicht bescvt, von denen äußerlich nur wenige durch ihre bekannte gelbe Farbe als amtliche Postsuhr- werke kenntlich find; die übrigen, meist Kremser und kleine Möbelwagen, find für die Packetbcförderung erst besonders her- gerichtet. Ein ganzes Heer von Beamten ist mit dem Ein- und Ausladen der ankommenden und abgehenden Packete be- schäftigt und im Nu füllen und leeren fick die Wagen. Jeder Zug, der oben heranrollt, bringt neue Packete und führt andere hinweg. Wer diesen kolossalen Verkehr einmal mit angesehen hat, der wird milder gestimmt gegen kleine Versäumnisse der Post und vor allen Dingen wird er die Ncthwendigkei: einer ganz soliden Verpackung bei allen zur Versendung gelangenden Packcten begreifen; denn bei solchem Verkehr ist es unmöglich, daß leicht zerbrechliche Kisten und andere mangelhafte Umhül- lungen ganz unbeschädigt befördert werden können. g Der Himmel hatte ein Einsehen mit denWeinachts- marktlcuten und den Geschäftsbefitzern gehabt und den gestrigen Tag, den sog. goldenen Sonntag, mit der schönsten Winter- witlerung bedacht. Die Folge hiervon blieb denn auch nicht aus: Herrschte schon am Tage ein lebhaftes Treiben in den Geschäftsgegenden und auf dem Weihnachtsmarkt, so nahm das bewegte Leben gegen Abend bisher nicht gekannte Dimensionen an; besonders in den nach dem Weihnachtsmarkt führenden Straßen war es gar nicht mehr möglich, auf den Trotloirs schnell zu gehen, Alles, was Eile hatte, mußte den Straßen- dämm passtrcn. Und nun erst auf dem Weihnachtsmarkt selbst! Wer nicht dies Leben und Treiben hier mit eigenen Augen ge- sehen hat, kann fich davon gar keinen Begriff machen. Zwischen den Budenreihen war an ein Gehen gar nicht zu denken; alle Augenblicke stauten fich die Menschenmassen uud wem das schncckenhafte Tempo, in welchem die Besucher des Weihnachts- waikies von der Stelle kamen, nicht gefiel, mußte fich gewalt- sam durchdrängen. Gekauft wurde sehr viel, ob aber in dem Verhältniß zu der gestrigen Frequenz auf dem Weihnachtsmarkte, muß doch bezweifelt werden, da Hunderte und Taufende von M.nschen ebenso„ur.kpodft" vom Weihnachtsmarkt zurückkehrten, wie fie auf denselben gegangen. Dagegen scheinen die Ladenbefitzer in den Geschäftsgegenden«inen guten Umsatz er- zielt zu haben, wenigstens waren die Läden bis zum Abend gedrückt voll. Auch die Zeitungshändler durften gestern un- genirt während des ganzen Tages ihr Gewerbe ausüben, eine Freiheit, die fie nun am Sonntag nur einmal im Jahre ge- Nießen.— r. Ueber das neue Krankenkassen-Gesetz wurden in den verschiedenen Arbeiter- Versammlungen, die in den letzten Tagen stattfanden, die lebhaftesten Klagen laut. Dieselben richten sich gegen das Vorgehen der Arbeitgeber und gegen die Art, wie diese fich von der Zahlung des von ihnen zu und nichts mehr zu fürchten haben,— das ist indeß durch- aus nicht der Fall." „Wen sollten wir noch zu sürchterr haben?" fragte Emmy. Ich wüßte nicht, daß irgend Einer im Stande wäre, unS wieder von hier zu verdrängen." „Das glaubst Du; ich aber sage Dir, wir haben hier am Orte einen sehr schlimmen Gegner, das ist der Guts- Verwalter Brand." „Wir wissen recht gut," nahm Charlotte das Wort, „daß Brand immer die Partei von Lucie Rodenburg ge- Nammen hat, ich glaube auch, daß er ein stiller Anbeter der jungen Dame war; aber ich wüßte nicht, wie der Ihnen schaden könnte." „Aber ich weiß es, meine liebe Charlotte!" versetzte Amberg.„Ich war nämlich vor etwa vierzehn Tagen in Berlin und dort habe ich Lucie gesehen." „Ei, wie geht es ihr denn? fragte Emmy neugierig. „Sie sehnt sich wohl gar sehr zurück nach den Fleisch- topfen Egyptens?" „Ohne Zweifel thut sie das, obwohl sie es nicht sagte!" „Es geht ihr natürlich sehr schlecht?" „Das gerade nicht! Sie arbeitet, und man sagt, daß sie so viel verdiene, um die Kosten ihres Unter- Haltes zu bestreiten. Uebrigens hat sie in Berlin theil- »ehmende Herzen gefunden, die ihr alle mögliche Stütze Und Freundschaft bieten. Dies sind nämlich unsere theuren Berwandten.— Weißt Du, Emmy, wen ich meine?— Meinen Bruder uud die ElSler's!" „Ah die! Nun die werden Dich hinter Deinem Aücken gehörig angeschwärzt haben." „Ich sage Dir, eS ist ein förmliches Komplott gegen Uns. Ob unsere Verwandten mit darunter sind, weiß ich Nicht, zweifle aber nicht daran, denn mir ist ja nicht unbe- kgnnt, daß sie mir Alle nicht wohl wollen. Wäre mir übrigens gleichgültig, ob meine Schwägerin und ElSler's (legen mich eingenommen sind oder nicht.— Das Komplott, von dem ich rede, besteht aus anderen Personen, nämlich uus Lucie, Cordelia und Brand." leistenden DrittelbeitrageS für ihre Arbester zu drücken suchen. — Nach den Schilderungen, die man in diesen Versammlungen hören konnte, ist das Verfahren in den meisten Fällen folgen- des: Der Kasfirer der betr. Ortskaffe erscheint und fordert von dem Arbeiter den Beitrag einschließlich des Drittels, das eigent- lich der Arbeitgeber zahlen soll. Der Ardeiter weigert sich, dies Drittel zu zahlen. Bald darauf erscheint der Schreiber oder ein sonstiger Adlatus des Prinzipals, um dem betr. Arbeiter bemerklich zu machen, daß der Prinzipal in keinem Falle den Drittelbcitrag zahlen werde, entweder müsse ihn der Arbeiter, natürlich ganz steiwillig, selber zahlen, oder es müsse eine neue Vereinbarung wegen des Lohnes stattfinden, oder der betr. Arbeiter könne seine Entladung nehmen.— Nun verbietet ja allcrdings das Gesetz jede derartige Abwälzung der Beitrags- pflicht, aber wie soll diesem Verfahren entgegengetreten wer- den? Mag man die Sache drehen und wenden wie man will, in letzter Linie fällt die ganze Beitragslast für die Kranken- lassen auf den Arbeiter: die Herren Arbeitgeber werden auf diese Weise die besten Agitatoren für die freien Kassen und die Debatte über den Antrag Grillenberger am letzten Sitzungs- tage des deutschen Reichstages und besonders die Auseinander- setzungen zwischen den Abag. Bebel und Hartwig erhalten durch dieses Vorgehen der Prinzipale die beste Illustration.— Die Stimmung in den Arbeiterkreisen ist wegen dieses Vor- kommnisses eine sehr ernste und es wäre nicht unmöglich, daß partielle Strikes in einzelnen Werkstätten ausbrechen. Bei günstigerer Jahreszest würde der Widerstand der Arbeiter gegen dies Verfahren der Prinzipale ein sehr viel entschiedenerer sein. N. Eine jugendliche Diebesbaude, die sseit Eröffnung des Weihnachtsmarktes sowohl auf dem Schloßplatz wie im Lustgarten in unverschämtester Weise ihr Unwesen trieb, ist am gestrigen Tage durch einen glücklichen Zufall von dem Gen- darmen Schmidt in Rixdorf ermittelt und zum Theil dingfest gemacht worden. Bei einer gelegentlichen Recherche nach einem andem Diebstahl, der auch von einem Knaben ausgeführt war, traf der Beamte den gesuchten Knaben in Gesellschaft von noch sechs anderen auf einem Hofe, die sämmtlich bei seiner Annähe- rung die Flucht ergriffen. Den ununterbrochenen Nachforschun- gen des Beamten gelang es, nach und nach alle 7 Knaben dingfest zu machen. Dieselben gestanden ein, in ver- schiedenen Weihnachtsbuden Trompeten, Harmonikas, Puppen, Blechsachen, Apfelstnen rc. gestohlen und zu gleichen Theilen unter fich verlheilt zu haben. An anderen Stellen find fie so frech gewesen, die mit Nüssen gefüllten Säcke aufzuschneiden und deren Inhalt zu entwenden. Der Hauptmatador der voll- ständig organifirt arbeitenden Bande scheint der 14jährige, be- reits koiifirmirte Knabe Fritz K. zu sein. Ihm zur Seite stehen der 14jährige Franz Sch., der 10jährige Richard A.. der 12jährtge Paul G, der 8 Jahre alte Max B. und die beiden Brüder Georg und Fritz R. Mehrere Knaben besuchen schon seit längerer Zeit nicht mehr die Schule und wußten der ge- waltsamen Hinführung fich stets zu entziehen. Seitens der Äe- Hörde werden 3 der Knaben Voraussicht in einer Korrektions- anstatt untergebracht werden. a. Eine gewerbsmäßige Ladendiebin von Außerhalb, die nur zu besonderen Gelegenheiten, beispielsweise vor Weih- nachten, zu Jahrmärkten rc. nach Berlin kommt, um ihr Hand- werk niit besserem Erfolg auszuüben, ist gestern von der Kri- minalpolizei verhaftet worden. Am Sonnabend kam in ein Weißwaarengeschäft in der Markgrafenstraße eine Frau, welch: verschiedene Sachen im Werthe von 18 Mark kaufte, die fie auch bezahlte. Während deS Aussuchens der Sachen bemerkte die sie bedienende Verkäuferin, daß sie einen Kinderkragen aus einem auf dem Ladentisch stehenden Karton entwendete, und sie theilte dies ihrem Prinzipal mit. Diesem räumte auch die Käuferin den Diebstahl ein, fie erklärte zugleich aber, daß sie den gestohlenen Kragen sofort wieder auf den Ladentisch gelegt habe. Der Kaufmann und seine Verkäuferin vifitirten hierauf oberflächlich die Kleider der Diebin, in denen fie nichts fanden, abgesehen von auffällig großen Taschen, wie Ladendiebtnnen fie zu haben pflegen. Außer- dem führte fie noch 3 Packete bei sich, in denen verschie- Sene wollene Sachen enthalten waren, die sie wahrscheinlich in anderen Geschäften gestohlen hatte. Der Kaufmann ließ nun die Frau zur nächsten Polizeiwache fistiren, wo fie sich als die Frau eines Schneidermeisters M. aus Neustrelitz ausgab. Bei der Kriminalpolizei wurde nun festgestellt, daß fie gewcrbs- mäßige Ladendiebin ist, welche aus ihrem Wobnort Neustrelitz alljährlich mehrere Mate nach Berlin kommt. Obgleich fie an- gab, erst am 19. Dezember er. nach Berlin gekommen zu sein und hierselbst kein Absteigequartier zu haben, so veldient ihre Angabe keinen Glauben, da fie am 18. Dezember von einem Kriminalbeamten in der Leipzigerstraße gesehen worden ist. Von besonderem Interesse würde es sein, ihr Absteigequartier zu ermitteln, woselbst st: möglicherweise noch mehrere gestohlene Sachen aufbewahrt hat. g. Rohlieit. Eine FrauenSprrson erhielt gestern Abend gegen 10 Uhr vor dem Haufe Prenzlauerstraße 40 ohne jede Veranlassung von einem Manne einen so wuchtigen Schlag ins Gesicht, daß sie zur Seite taumelte. Auf die Hilferufe der Angefatlznen nahmen Passanten den rohen Patron in die „Ah, wiefern?" riefen beide Mädchen zugleich.„Wie kommen diese zusammen?" „Ich vermuthe, daß die närrische Cordelia die Veran- lassung ist. Sie rechnet ja mit aller Bestimmtheit darauf, Alleinerbin ihres Vetters zu sein und ist auf die Rivalin Lucie nicht eifersüchtig. Ob ihr mildes Herz oder sonst etwas Anderes sie veranlaßt hat, weiß ich nicht; genug, sie hat Lucie in ihr Haus genommen, und dort wird natürlich gegen nnS konspirirt. Brand ist mit im Komplott, denn er befand sich mit Cordelia in Berlin, um Lucie ab- zuholen." „Was Du sagst, Onkel!" rief Emmy.„Also dazu er- bat sich dieser Heuchler vom Onkel Rodenburg einige Tage Urlaub? Gut, daß ich das weiß! Ich habe ihm schon eine Falle gelegt, in welche er hoffentlich»och heute hinein- geht, und dann ist'S mit ihm zu Ende." „Hast Du?"'fragte Amberg eifrig.„Da» wäre ganz vortrefflich, denn offen gesagt, ich komme nur hierher, um Dich auf die Nothwendigkeit aufmerksam zu machen, Brand aus dem Wege zu räumen." „Sei ohne Sorge, Oakelchen? Es bedarf für uns weiter nichts, als unfern Feind zu kennen, um ihn zu be- siegen. Sollte Brand denn unsere Absicht kennen?" „Ohne Zweifel ahnt er sie und wird auch schon Lucie darüber klaren Wein eingeschenkt haben!" „Sprachst Du Lucie?" „Natürlich! Ich spielte sogar die Rolle eines theil- nehmenden Freundes." „Ha, ha, ha! Das ist köstlich! Und wie benahm sie sich? Hatte sie immer noch Hoffnung, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden?" „Das schien nicht! Uebrigens macht sie auf die Erb- schaff durchaus keine Rechnung; dem albernen Gänschen liegt nur daran, zu bewirken, daß Rodenburg sie nicht für eine Diebin hält. Nur ihre Ehre will sie hergestellt wiffen, sonst hat sie kein Verlangen." „Wie feige, sich so leicht aus dem Felde schlagen zu lassen\" sagte Emmy spöttisch. „Sie ist gänzlich au? dem Felde geschlagen," bestätigte Amberg,„und wir brauchen uns wirklich nicht um sie zu Mitte und ststirtm ihn, da kein Schutzmann zugegen war, nach der Polizeiwache. a. Verhaftet. Der seit einer Reihe von Jahren in einem hiesigen literarischen Bureau beschäftigte Buchhalter Kr. ist heut wegen zahlreicher Unterschlagungen und Buchfälschungen zur Haft gebracht worden. Kr. hatte die von ihm für seinen Prinzipal vereinnahmten Beträge größtentheils unterschlagen und ihre Buchung unterlassen. n. Ein beklagenswerther Unglücksfall trug stch gestern Abend beim Turnen der ersten Jugcndabtheilung in der stävti- scheu Tumhalle zu. Einer der Schüler, mit Namen Julius C., hatte beim Bockspringen das Unglück, zur Erve zu stürzen und fich dabei einen doppelten Bruch des rechten Unterschen- kcls zuzuziehen. Nachdem dem Verunglückten durch den hinzu- gerufenen Arzt Dr. H-rzberg ein Nothverband angelegt, wurde der Knabe in die in der Oranienstr. 175 belegene elterliche Wohnung geschafft, wo dem Verunglückten sofort ein GypS- verband angelegt werden mußte. g. Ueber einen Unglücksfall, welcher fich in der Ma- schinenbau-Anstalt„Cyclop", Pankstraße zugetragen hat, wird uns Folgendes mitgetheilt: Mehrere Arbeiter waren vorgestern dabei beschäftigt, eine ca. 70 Zentner schwere eiserne Platte emporzuwinden, als die Kette plötzlich riß und die Platte zu Boden stürzte. Die b:i dem Aufwinden beschäftigten Arbeiter sprangen sofort zur Seite und kamen mit Ausnahme des Ar- beiters Teubert mit dem bloßen Schreck davon. T. wurde nämlich von der herunterstürzenden Platte erfaßt, wobei ihm der rechte Fuß gebrochen und ausgerenkt wurde. Außerdem erlitt er mehrere Hautabschürfungen und Verletzungen im Ge- ficht und am Körper. Ein sofott herbeigerufener Arzt und der Gewerksheilgehilfe renkten zunächst den Fuß wieder ein und legten dem Verletzten die erforderlichen Verbände an. Polizei-Bericht. In der Nacht vom 19. zum 20. d M. machte ein Dienstmävchen in der Barnimstraße seinem Leben dadurch ein Ende, daß es stch die linke große Schlagader des Halses und die Luftröhre durchschnitt. Die Leiche wurde nach dem Obduktronsdause geschafft.— Am 20. d. M. fiel der Bäcker-Lehrling Petzoldt muthmaßlich in Folge eigener Unvor- fichtigkeit aus einer in der zweiten Etage des Seitenflügels deS Hauses Stromstraße befindlichen, zum M-hlboden führenden thürartigen Oeffnung auf den gepflastetten Hof hinab und blieb auf der Sie todr.— An demselben Tage Abends fiel der Schlosser Kicsncr in dem Hause Neanderstraße 3 von der Treppe und verstarb kurze Zeit nachher an den erlittenen Verletzungen.— Am 20. d. Mts. Vormittags verunglückte der Arbeitet Herbst in der Kunst- Wollstaub-Fabcik von Fischer u. Schmidt. T-mpelhoferufer 15 dadurch, daß er beim Auflegen eines Treibriemens auf die Maschinenwclle von derselben erfaßt wurde. Hierbei erlitt Herbst einen Bruch des rechten Armes, sowie ein: bedeutende Verletzung des rechten Fußes und mußte nach der Charitee gebracht werden. Am 21. d. M früh war auf dem Grundstück Melchior- straße 22 das Gewächshaus des Gärtners Schaale auf noch nicht ermittelte Weise in Brand gerathen. Die Feuerwehr, welche das Feuer von ihrem Depot Köpmcke straße 125 aus bemerkt hatte, eilte sofott zur Stelle und löschte dasselbe in kurzer Zeit.— An demselben Tage Nachmittags wurde eine unbekannte Frau in der Kastanien-Allee plötzlich vom Schlage getroffen und mußte, da dieselbe stch nicht erholte und weder Namen noch Wohnung anzugeben vermochte, mittelst Droschke nach dem städtischen Krankenhause im Friednchshain gebracht werden.— Um dieselbe Zeit fiel der Oppelnerstcaße Nr. 19 wohnhafte Arbeiter Niewczyk, von einem Ausgange heimkehrend, die zu seiner Wohnung führende Kellertreppe hinab und erlitt dabei anscheinend einen Bruch eines Genick- Wirbels. Er wurde nach Bethanien gebracht.— Am Abend desselben Tages wurde ein unbekannter, etwa 30 bis 40 Jahre alter Mann, betrunken und völlig verwahrlost, zur Wache des 63. Polizei-Reviers gebracht, woselbst er zwei Stunden später verstarb. Die Leiche wurde nach dem Obduktionshause gebracht. Gerickts- Zeitung. Durchstechereien seitens eines GefangenauffeherS im hiesigen Uniersnchuugs-Gefängnitz lagen einer Anklage wegen aktiver und pafstvcr Bestechung zu Grunde, welche heute gegen den früheren Gefangenaufseher August Friedrich Wie- land und die verehelichte Kurzwaarenhändler Therese Pauline Kosmeller vor der dritten Strafkammer hiesigen Landgerichts i verhandelt wurde. Der Ehemann der zweiten Angeklagten be- fand stch von Mitte Januar bis Mitte August er. wegen ge- werbsmäßizer Hehlerei in der Untersuchungshaft und wurde auch nachher wegen dieses Verbrechens zu drei Jahren Zucht- haus verutthcilt. Sein Aufseher war der durch Unglück in seiner Familie in die größte Noth geraihene Hauptangeklagte. Es gelang nun den Uebnredungen des Häftlings, seinen Aufseher zur Ueberdringung eines Briefes an seine Ehefrau zu bewegen, in welchem Letzterer als Vermittler zur Ueberbringung von G.mußmitteln bezeichnet ward. Am Schluß hieß es aber:„Umsonst thut er es aber kümmern, noch weniger sie zu fürchten, wenn sie nicht diesen Rückhalt hätte an Eordelia, welche mich haßt, und an Brand, welcher uns, glaube ich, durchschaut... Aber Kind, wir können hier nicht länger plaudern. Die Schick- lichkeit erfordert, daß ich Papa Rodenburg meine Auf- Wartung mache." „Thue das, Onkel! Du findest ihn in seinem Sorgen- stuhl und kannst froh sein, wenn er Dir nicht ein Gesicht zeigt, das den Wunsch ausdrückt. Du möchtest Dich bald wieder entfernen. Er schließt sich förmlich ab, und jede Störung seiner Grübeleien ist ihm zuwider und lästig. Kaum duldet er, daß ich komme, um ihn zu zerstreuen; ja er läßt sich nicht einmal mehr die Zeitung vorlesen. In sich zusammengesunken sitzt er brütend den ganzen Tag da, unv ich glaube, auch einen Theil der Nacht, denn wenn ich spät Abends in sein Schlafzimmer gehe, um ihm eine gute Nacht zu wünschen, habe ich ihn häufig aufrecht im Bette sitzen nnd vor sich hinstarren gesehen." „Ein gutes Zeichen, ein sehr gutes,"«widerte Am- berg mit blinzelnden Augen....„Was meinen Sie, Charlotte?" „Ganz meine Ansicht!" erwiderte Charlotte. Der Alte fällt jeden Tag mehr zusammen, nnd wenn Leib und Seele zugleich kränkeln, dann pflegt es nicht mehr lange zu dauern." „So denke ich auch. Charlottchen! Die alte Maschine wird wohl bald ihren Dienst gänzlich versagen, und dann ist nur noch der letzte Schritt erforderlich— das Testament, zu zdem wir natürlich nicht mehr weit haben, wenn wir alle schädlichen Einflüsse von dem Alten fern zu halten wissen."——— ? Während Amberg sich zu Herrn Rodenburg begab, rich- teten Emmy und Charlotte daS Mittagessen her, zu dem Rodenburg noch immer, alter Gewohnheit gemäß, zu er- scheinen pflegte, wenn man es ihm auch ansah, daß er sich auch von diesem Zusammensein mit der Umgebung gern ab- geschlossen hätte. Er erschien zum Mittagessen mit gräm- sicherem Geficht als sonst. (FortsetzunZ folgt.) nicht. Die Angeklagte KoSmeller machte dem Beamten zunächst ein Geldgeschenk von 10 Mark und benutzte ihn bezüglich der Ueberbringung von allerhand Delikatessen und guten Zigarren an ihren Mann in ausgiebigster Weise. Der Regiere forderte von dem Beamten unter der Androhung, ihn sonst wegen der ihm gewährten Vortheile zu denunziren, die Besorgung von Kasfibern, welche die Verdunkelung der ganzen Sache herbei- zuführen bestimmt waren. Wieland ist geständig, während Frau Kosmeller fich der Strafbarkeit ihrer Handlung nicht de- wüßt gewesen sein will. Staatsanwalt Stephan ließ mildemde Umstände gelten und beantragte 9 resp. 3 Monate Gefängniß. Der Gerichtshof ging beim Hauptangeklagten über das bean- tragte Strafmaß hinaus und verurtheilte denselben zu 15 Monaten Gefängniß und zweijährigem Ehrverlust, gegen Frau Kosmeller erkannte er dem staatsanwaltlichen Antrage ent- sprechend. Kassel. 20. Dezember. Der Strafsenat des hiesigen Ober- landesgerichts verhandelte heute, worauf gestern bereits hinge- wiesen, als letzte Instanz die Anklagesache wider den Redak- teur der„Hesstscken Blätter", Pfarrer Hopf zu Melsungen, wegen groben Unfugs, angeblich begangen durch eine kritische Besprechung der Regierungsmethodc des Großen Kurfürsten, sowie durch einen Artikel über nach Hessen'versetzte alt« preußische Beamten. Das Amtsgericht Melsungen hatte auf 50 Marl Geldstrafe, die hiesige Strafkammer aber auf Frei- sprechung erkannt, und zwar unter der Motivirung, daß durch verartige Zeitungsartikel überhaupt nicht der Thatbestand deS„groben Unfugs" erfüllt werden könne. Das Oberlandesgericht hat auf die von der Staatsanwaltschaft beantragte Rcvrfion die Frei- sprechung bestäligt. DaS Reichsgericht hat kürzlich ein Urtheil bestätigt, welches auch weitere Kreise ineeresfiren dürste. In einem Städtchen des Voigtlandes hatte ein Hauseigenthümer es unterlassen, bei Glatteis vor seinem Hause Asche zu streuen; ein Einwohner des Städtchens fiel vor dem Hause in Folge der Glätte nieder und erlitt einen Schenkelbruch. Der Verun- glückte leitete gegen den säumigen Hausbesitzer Klage ein und der letztere wurde nun zur Tragung der Kosten der Krankheit und Zahlung einer lebenslänglichen Person an den Beschädig- ten verurthellt. Darum— aufgepaßt und vorkommenden Falls Asche gestreut._ Arbeiterbewegung, Vereine uuck VerKRMmlungen. r. Die Schmiede Berlins waren am Sonnabend Abend im„Deutschen Kaiser," Lothringerstr. 37, unter Vorfitz deS Herrn Tobler sehr zahlreich versammelt zur Besprechung ge- werlschastlicher Angelegenheiten, für welche die Schmiede stets ein sehr reges J-tereffe bekunden. Der erste Punkt der Ver- Handlungen, die Organisation betreffend, wurde eingeleitet durch einen rntsprcchenden Vortrag des Drechsler Julius Müller, welcher in überzeugender und, wie aus dem reichen, dem Vor- tragenden gezollten Beifalle zu ersehen war, aus den Herzen der Anwesenden sprechenden Weise die Notbwendigkeit einer Organisation der Arbeiter darlegte und den Versammelten die Vereinigung aller Berliner Schmiede in dem Fachverein der Schmiede dringend an's Herz legte. Das angeregte Tbema gab sodann Herrn Tobler Gelegenheit, fich in vortrefflicher Weise über den Maximal-Arbeitstag zu verbreiten und zwar unter Bezugnahme auf einen Artikel des„Berliner Tageblatt", aus dem ersichtlich, daß genanntes Blatt theoretisch diese Forderung für vollständig gerecht anerkennt und auch eine praktische Durchführung derselben auf internationalem Wege für möglich hält. Da sich an diese Aus- führungen keine weitere Diskussion knüpfte, so er- folgte als zweiter Punkt dir Berichterstattung der seiner Zeit in einer öffentlichen Versammlung erwählten Kommission behufs statistischer Erhebungen über Lohn- und Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit rc., welche ebenfalls Herr Tobler übernahm. Derselbe theilte mit, daß auf Grund eingehender Untersuchungen die Kommission zu dem Resultat gelangt sei, daß 4V- Prozent der Schmiedegesellen in Berlin arbeitslos seien, und daß eine Unterstützung Arbeitsloser durchaus notwendig ist. Seine persönliche Anficht sei diese, daß in Zukunft diese Frage gleich- falls gesetzlich geregelt werden müsse und würde und habe die Kommisston die Absicht, da man vorerst noch auf sich selbst an- gewiesen sei, der nächsten Generalversammlung deS FackoereinS der Schmiede den Antrag zu unterbreiten, die Unterstützung Arbeitsloser mit 6 Mark wöchentlich zu bewirken, zu welchem Zwecke ein Beitrag von 25 Pf. erhoben werden solle. Durch ein derartiges Unterstützunpssystem würde ein wohlthätiger Druck auf die Lohnverhäitnisse ausgeübt werden, indem den arbeitslosen Gesellen durch die genannte Unterstützung wenigstens sür kurze Zett das trockene Brot gewährleistet würve und die- selben nicht gezwungen wären, über HalS und Kopf unter jeder Bedingung wieder Arbeit anzunehmen. Diese Unterstützung Arbeitsloser hätte zunächst am Orte stattzufinden und später in Verbindung mit auswärtigen Fachvereinen fich über ganz Deutschland auszudehnen. Herr Hildebrandt erhob hiergegen Bedenken- Wenn sämmtliche Schmiedegesellen Berlins 25 Pf. zahlen würden, so würde der erzielte Betrag gerade ausreichen, um die 4V- pCt. Arbeitsloser mit wöchentlich 6 M. unterstützen zu können. Thatsächlich stelle sich aber der Prozentsatz der Ar- beitslosen höber und nicht alle Schmiedegesellen wären im Fachverein. Der Beittag würde fich also noch höher gestalten müssen, was den durch Krankenkaffenbeiträge schon in Anspruch genommenen Mitgliedern zu leisten unmöglich sein würde. Das Hauptaugenmerk wäre also vorerst auf eine angemessene Entwickelung des Fachveieins zu richten und dann erst an die Gründung einer Unterstützungskaffe für Arbeitslose zu gehen. Da fich auch hieran keine weitere wesentliche Diskussion knüpfte, schloß die Versammlung mit der Beantwortung mehrerer ein- gelaufenen Fragen und der Mitthelluna, daß die nächste Fach- vereinsversammlung am 5. Januar 1885 in Gratweil's Bierhallen stattfindet, und der Einladung zu recht regem Besuche derselben, gegen 12 Uhr Nachts. Vermischtes. Der Diebstahl bei der Cskomptcbank in Wien, denn um einen solchm handelt es sich eigentlich, füllt den größten Theil der gestern Abend eingetroffenen Wiener Journale. So- weit es sich um die Wirkungen deS Falles auf die Geschäfts- welt handelt, war derselbe an anderer Stelle besprochen; betreffs der thatsächltchen Umstände entnehmen wir dem Wiener „Fremdenblatt" folgende Detafls: Die Behauptung der Dnektion der ESlompttgesellschaft, daß sich gestern Morgen noch eine Million in Tausendern in der Kasse JaunerS befun- den habe, wird heute bereits von der Polizei lebhaft bestritten; man behauptet, daß diese Million wohl eine Fiktion gewesen sein dürfte. Man erinnert fich bei diesem Anlasse, daß vor un- gefähr 15 Jahren bei der Kreditanstalt(Defraudation Marli) ein merkwürdiger Fall vorgekommen sei. Damals wurde eine Kaffenrevifion vorgenommen und Alles in Ordnung befunden, hinterdrein aber ergab sich, daß ein Packet, in dem sich 1000 Tausender, das ist eine Million befinden sollte, derart präparitt war, daß oben und unten je ein Tausender war, in der Mitte befandfich entsprechend zugeschnittenes leereS Papier.— Es ist wohl heute kaum mehr zweirethaft, daß die Deftaudation JaunerS nicht, wie die Gesellschaft annimmt, vom 18. November datirt, sondern daß es sich hier um Defraudationen handelt, die Jahre weit z.'ickreichen. Auf Grund deS Kommuniques des Ver- waltungsrathes der Eskompte-Gesellschaft, welches gestern spät Abends versendet wurde, mußte man annehmen, daß Jauner �st Werthpapieren auch Baargeld in der Höhe von 1 1 509 960 fl. mit fich führe. Da durch die eventuelle Ergreifung des Defraudanten mehr als die Hälfte der unterschlagenen Summe hereingebracht worden wäre, wurde über Aufttag des RegierungSrathes Breitenfeld die Verfolgung deS Verschwun- denen mit forzirtem Eifer betrieben. An 20 Detektives, die Polizeirath Stehimg zur Verfügung gestellt, haben im Laufe des gestrigen Nachmittags mit den Eisenbahnzügen Wien ver- lassm, um auswärts nach Lukas Jauner zu forschen. Dem ersten kurzen Steckbriefe, welchen die Polizei gestern Nach- mittags um 4 Uhr den in- und ausländischen Behörden de- kannt gab, folgte im Laufe der Nacht ein ausführliches Sig- nalement. Vormittags um 10 Uhr wurde aber das Polizei- Präfidium verständigt, daß in Kicrling Lukas Jauner erschossen aufgefunden wurde. Derselbe war Tags zuvor um halb 12 Uhr mit der Franz Josefbahn von Wien aus nach Klosterneu- bürg gefahren und von dort zu Fuß nach Kierling gegangen. In Kierling ging er längere Zeit planlos durch die Gassen, wendete sich dann über den Hashof gegen Weidling. Um 5 Uhr Nachmittags fand er sich wieder in Kierling ein, suchte den Ortsfricdbof, welcher fich hinter dem Gasthause„Zum grünen Baum" befindet, auf und setzte fich, da das Gitterthor des Friedhofes versperrt war, auf eine Bank nächst der Mauer- Schulkinder, die die Stelle pas- firten, hielten den bartlosen Mann für einen Priester und wollten ihm die Hand küssen. Als Torfbewohner fich der Bank näherten, auf der er saß, stand er schnell auf, bog um die Ecke und verschwand hinter dem Friedhofe in einem Graben. Er kehrte aber bald wieder an die Stelle zurück, stellte fich auf die Bank und warf über die Mauer einen Blick auf den Fried- Hof. Gegen halb 6 Uhr Abends hörten zwei Fleischhauerlehrlinge und ein Taglöhner plötzlich einen Schuß; sie eilten zur Stelle und fanden dort den glattrafirten Herrn— Lukas Jauner— mit durchschossener rechter Schläfe vor dem Gitter- thor deS Friedhofes als Leiche. Ein secksläufiger neuer Re- volver befand fich auf dem Boden neben der Leiche. Man verständigte sofort das Bürgermeisteramt, welches den That- bestand aufnahm. Die Leiche Jauners wurde in die Todten- kammer des Friedhofes gebracht. In seinem Befitze fand man zwei Zehngulden- und vier Eingulden- Noten, 21 Kreuzer und mehrere Photographien seiner Familienangehörigen. Ein merkwürdiges Städtchen. Der Gouverneur von Jrkutsk machte, wie die„Now. Wr." meldet, auf einer Revi- fionsreise folgende interessante Entdeckung: In der Stadt Jlim, die 160 Häuser und 4 hölzerne Kirchen hat, leben 500 Einwohner, von denen kein einziger zu lesen und zu schreiben ver- steht. Obwohl die Städte-Ordnung bereits im Jahre 1874, also seit 10 Jahren, in Jlim eingeführt ist, so existirt doch chatsächlich weder eine Stadtvermdneten-Versammlung(Duma) noch ein Stadtamt(Uprawa), und die Stadt wird durch einen aus der Bürgerschaft gewählten Volksrath(Witsche) verwaltet. Als Stadtselretär oder Chef der städtischen Kanzlei figurirt ein halb und halb des Schreibens kundiger Mensch, der übrigens von der Städte-Ordnung auch keine Ahnung hat. Versamm- lungcn der Stadtverordnelen kommen in Jlim natürlich nicht vor, denn Stattverordnete werden überhaupt nicht gewählt. Das städtische Budget balanzirt in Einnahmen und Ausgaben mit ca. 500 Rubel. Die Kirchen des Ortes find in archäolo- gischer Beziehung höchst ibeachtenswerth. In einer derselben befindet fich ein alterthümlicher Kronleuchter, der noch von den erst n Eroberern des Landes, von den Kosaken, ins Land ge- bracht wurde. Desgleichen befindet fich in der Kirche eine Erstrade, der erhöhte Ehrenplatz für die einstigen Wojewoden von Jlim. Ein schauerliches Verbrechen wurde in dem Dorfe Sa- ponara bei Mesfina entdeckt. Die Behörde wurde benachrich- ligt, daß die Schwester des Ortsgeistlichen, Pater Sebastian, sett lanaer Zeit bereits verschwunden sei und daß man Grund zu der Annahme habe, fle werde von ihren beiden Brüdern gefangen gehalten. Ein Beamter auS Mesfina kam in Folg» dessen nach Saponara und begab fich mit der nöthigen Be- gleitung in das Pfarrhaus. Dort fand er unten hinter dem Keller die Unglückliche, welche, mit einer starken am rechten Fuß befesttgten Kette an die Mauer geschloffen, nur einen Meter Spielraum hatte und auf der kalten, feuchten Erde liegen mußte. Sie war nur mit einem zerrissenen Hemd be- kleidet, das ihre Blöße kaum zu decken vermochte, ste war außer- dem zum Skelett abgemagert und ihr stierer Blick verrieth den Wahnsinn. Als die Männer in das Gelaß eintraten, in welchem die Lebendigbegrabene fich befand, schien fie zu er- rathen, daß ihre Befreier nahten und sie rief:„Die Kette, nehmt mir die Kette ab!" Dies geschah natürlich sofort. Ein Arzt wurde geholt und er veranlaßte die Ueberführung der Unglücklichen nach einem Jrrenhause. DaS Verbrechen erhielt seine Aufklärung dahin, daß die Schwester des Pfarrers einiges Vermögen befaß, welches der Geistliche und sein Bruder be- reits als daö ihre detrachteten. Als nun Maria die Abstcht kundgab, fich zu verheil athen, verlettete die Habsucht die Un- menschen zu der grauenvollen That. Der Bruver des Pfarrers wurde sofort verhaftet, während es dem Letzteren gelang, zu mtkommm. Es wird natürlich auf ihn gefahndet. DaS Vaterherz. Aus der Mainebene schreibt man dem „Rh. K.": Welch tiefes Gefühlsleben noch in unserem Volke vorhanden ist, davon giebt wohl der folgende Vorfall, der fich in jüngster Zeit bei unS ereignete, einen schönen Beweis. Vor zwanzig Jahren zog ein junger Spenglergeselle auS Zlbhm. nach Amerika, Nach manchen Irrfahrten, fehlgeschlagenen Ver- suchen und Unternehmungen dort drüben gelang es ihm endlich, fich auf Long-Jsland eine ehrenvolle, sichere Existenz zu grün- den und bereits vor zwölf Jahren ließ er dann seinen jüngeren Bruder dorthin nachkommen. Der zurückgebliebene Vater baute während dessen mit der Mutter und einer Tochter das kleine Gütchen und nährte fich mit denselben darauf in Einfachheit und Genügsamkeit; die Söhne unterstützten die Eltern wieder- Holl namhaft. Bereits seit Jahren aber war im Herzen des jetzt 74jährigen Greises die Sehnsucht nach seinen fernen Krndern rege geworden, und mehrfallS schon hatte er gegen die Seinen den Wunsch zu erkennen gegeben, den Söhnen in Amerika einen Besuch zu machen, wovon jedoch seine Frau und seine Töchter nichts wissen wollten. Als er nun in diesem Sommer seine kleine Ernte einbrachte und seine Kräfte dazu kaum mehr ausreichen wollten, sagte er zu seiner Tochter:„Ich kann nicht mehr, eS ist die letzte Ernte, welche ich einbringen helfe, eines aber will ich noch thun." Seit der Zeit erfaßte den Alten zuweilen eine gewisse Unruhe, und oft, wenn er sich un- beachtet glaubte, waren seine Augen voll Trauer nach Westen Serichtet. Am 22. Oktober, Abends, wurden in dem kleinen iamilienrathe noch die Arbeiten für den folgenden Tag be- sprochen und vertheilt; als jedoch die Tochter Morgens in die Echlafkammer des VaterS trat, fand sie das Bett unberührt und oben in einem Wandkörbchen einen Zettel mit den Worten;„Ich bin nach Amerika". Von Antwerpen aus gab der Greis den Zurückgebliebenen zuerst wieder Nachricht und entschuldigte und erklärte seine geheime Abreise mit der unwiderstehlichen Sehnsucht nach den Söhnen und dem Wider- spruche, den die Abreise an Frau und Tochter gefunden haben würde. Berells gegen Ende November meldeten dann die beiden Söhne die glückliche Ankunft des VaterS und schilderten die große herzerhebende Freude, welche ihnen das Wiedersehen bereuet habe. Deutsche Intelligenz im Auslände. Der„Rheinisch. Westfälischen Zeitung" wird geschrieben: In der Argentinischen Republik ist jüngst der großartige Eisenbahnbau von Villa Argenlina über die 18000 Fuß hohe Sierra Fatina nach den Gold- urtt» Silbergruben gebaut und nach glücklicher Aus- fübrung dieser schwierigen Arbeiten der Bau der mehr als 200 Meilen langen, über die Anden führenden Bahn von Tucuman in Argentinien über Salta Jnjua nach Bolivia und Peru in Angriff genommen werden. Der erste Letter dieser Arbeiten ist ein geborener Preuße, Ingenieur Schneidewind, und die Jngenieurarbeiten, welche nicht bloß von großem Um- fange, sondern auch ungewöhnlich schwierig find, werden unter Führung des Ingenieurs Ernst Richter ausgeführt, eines ge- borenen Sachsen, welcher auf dem Politechnikum in Hannover seine Ausbildung erhalten hat, nach bestandener Prüfung an den Jngenieur-Ärbeiten beim Bau der Bahn über Lüneburg, zuletzt an den Hafenarbeiten in Wilhelmshaven theilnahm. Die Ueberfüllung in seinem Fache ließ ihn daran zweifeln, in der Heimath bald einen von ihm ersehnten Wirkungskreis zu finden, und so versuchte er sein Glück in Südamerika. New-Uork, den 20. Dezember. Vorgestern Abend brach in dem Waiseninstitut für Knaben in Brooklyn eine Feuers- brunst aus, die, wie erst jetzt bekannt wird, zahlreichen Verlust an Menschenleben verursachte. Bis jetzt find 13 Todte konsta- tirt, außerdem werden noch 110 Knaben vermißt. Man hofft, die meisten derselben, wenn nicht alle, hätten Unterkunft in der Stadt gefunden; eS ist über ihren Verbleib jedoch noch keine Mittheilung erstattet. Havre.(Dampfer-Zusammenstoß.) Der englische Dampfer „Edendale", von Newcastle nach tzonfleur, und der Dampfer „Linda", von Catacola nach Rouen gehend, find miteinander in Kollision gewesen. Der„Edendale" ist etwa 10 Minuten nachher aesunken. Von dem Dampfer konnte nichts, selbst nicht die Schiffspapiere gerettet werden. Die Besatzung wurde von einem Lootsenboot aufgenommen. Ein Duell zwischen Tertianern würde überaus komisch wirken, wenn nicht, wie im vorliegenden Falle, der Ausgang ein so tragischer wäre. In Mitau haben zwei Gymnasiasten, noch Schüler der Tertia, eS für nothwendig erachtet, wegen einer unglücklichen Liebe fich zu duelliren, und zwar mit Pistolen. Die Sekundanten haben ein Gymnastast und ein Realschüler gespielt. Von den„Duellanten" wurde der eine so schwer verwundet, daß derselbe verstarb, der andere ist flüchtig geworden. Die„Dame", um derentwillen das Duell stattgefunden, besucht in Mttau die Schule. Ein ächte» Reporterftückche« wäre eS sicherlich, wenn einmal in Erfüllung gehen sollte, was jüngst ein amerikanischer Geistlicher einem Reporter gegenüber äußerte:„Ihr Zeitungs- menschen habt eigenthümliche Ansichten über alle Dinge, Ihr schaut nur immer zu, nehmt aber nie Antheil an dem, wa» vorgeht. Es sollte mich gar nicht Wunder nehmen, wenn Ihr nicht am Tage jüngsten Gerichts einen aparten Tisch zu« Schreiben erwartet, an welchem Ihr einen Bericht über die Begebenheit niederschreiben könnt, um denselben am andern Morgen in die Zeitungen zu bringen! Auch ein Trost. Freundinnen besuchten eine Frau, deren Gatte soeben gestorben war, um zu kondoliren, und mtt thränen- erstickter Stimme sprach die schmerzgebeugte Wittwe:„Em Trost ist mir wenigstens geblieben, rch werß jetzt,— wo wern Mann die Nächte zudringt!" Literarisches. Von dem illustrirten Unterhaltungsblatt„Die Neue Welt", Stuttgart, Verlag von I. H. W. Dietz, ist soeben Heft 8 des zehnten Jahrgangs erschienen. Inhalt: Auf hoher See. Sozialer Roman von Sebastian Prutz.(Fortsetzung-) — Das einzige wirkliche Perpetuum mobile. Von Ingenieur Paul Köhler.— Fleisch und Fisch. Von Dr. HermannKrätzrr in Leipzig.—„Tanz-Anka." Von A. Weber.— Der Stamm der Welsen. Historische Skizze von Wilhelm Bios.— Poetische Aehcenlese: Der heilige Tag. Von Ernst Heinrich Pstri' schmidt.— Spielen. Eine Studie von Bruno Geiser. IV-" Achill u. s. w. Von Gustav Floerke.— Unsere Illustrationen: Schlechte Witze. Das Rathhau» zu Bremen. Auf der Eis- bahn. Amerikanische Skizzen: Eine Hochzett bei der Heilsarmee. — Vermischtes: Dampfkessel und Dampfmaschinen m Preußen. Wachsthum der Westküste Eckleswig-Holsteins.— Für unsere Hausfrauen: Oeleinreibungen bei Kinderkrankheiten- Ueber die Gefahren verzinnter Konjervebüchsen- Erde für Blumentöpfe.— Räthsel. Rösselsprung.— Aerztllcher Rathgeber.— Redaktionskorrespondenz.— Gemeinnütziges.— Mannigfaltiges. Kriefkasten cker jWa&öoa. A- D. 100 Die Frau ist verpflichtet, die Wohnung zum 1. Januar zu räumen._, P. W. Der Vormund hat das Recht, seine Genehmigung im fr. Falle zu verweigern, wenn die Erziehung des Kmves, welches ihm obliegt, gefährdet erscheint. Max Krause. Bceskow. Wir müssen, um Ihre Frage beantworten zu können, Kenntniß von dem Inhalte der genmr* liehen Urkunden haben. Derartig komplizirte Sachen eignen fich auch nicht für den Briefkasten.,_ I. H. 28. Die beiden ersten Fragen find zu verneinen- Derartige Rechte find dem Lehrherrn nicht gegeben. Da» Eindehalten des monatlichen GehaltS ist ungerechtfertigt. R. H 8. Das Eachverhältniß ist nicht klar und voll- kommen dargelegt. Jedoch scheint die ExmisfionSllage unve« gründet zu sein.. D. D. Nord. Wenden Sie fich an Hern Frankel, Flen» burgerstr. 27.,, Nr. 101. Einer Genehmigung deS Vormunds bedarf es nicht, da die Vormundschaft nach vollendetem 21. Lebensiahre nicht mehr vorbanden ist._... M. ö. 6. 1) Der Lohnabzug ist nicht gerechtfertigt. 2) Es liegt in der Natur der Sache, daß das fr. Recht den Gefinde gewährt werden muß. Geratsch. 1) Sie müssen einen Antrag auf Festsetzu� der Ihnen ewachsenen gerichtlichen und außergerichtlichen Kostev stellen. 2) Stellen Sie dm Antrag bei dem Schöffengen� auf Erlaß eines Uttels dahin, daß der Beleidiger zur Vornahme der Abbitteleistung durch Geldstrafe oder Hast an»u halten sei. H. F. DinSlag. Ehen, in denen keine Kinder vorhanden und nicht mehr zu erwarten find, können auf Grund gegen- seittger Einwilligung geschieden werden, sofern der Antrag am Ehetrennung weder durch Leichtfinn, Uederellung oder Zwang veranlaßt ist. Zur Klagestellung und Durchführung deS äGfs ist vre BesteSung eines Rechtsanwalts nothwendig- gerichtlichen und außergerichtlichen Kofien bettagen ca. Röhl. Der Verlobte kann die dem anderen Theile ge- machren Geschmke mittels Klage zurückfordern, wenn durck»» Schuld des anderm Theiles gerechter Grund zum Rücktü» vom Veclöbnißvertrage gegeben ist. Die Geschenke können nm innerhalb eines JahreS nach Aufhebung des Verlöbnisses zur»» gefordert werden.,„ Gregor Dem Vormund liegt die Sorge für die PttM? des Mündels ob und da in Ihrem Falle auch die Vlutter des Kindes verstorben ist, hat er das volle Erziehungsrecht, w-lche, « selbst oder durch Andere ausführen kann. Finden Sri f1* Anordnung des Vormundes betreffend die Unterbringung W® Kmdes für dieses als nicht zweckentsprechend oder schädlich, müffm Sie unter Darlegung de» Sachverhältnisses sick b«« Vormundschaftsaericbt beschweren. aww nachzuweisen wie viel Sie fertig'gestellt haben und welcher P«» dafür angemessm ist. , A. R Die Forderung verjährt in 30 Jahren. Der An trag°uf Able stung des OffenbarungSeideS ist zurückzuziehen- Sit Gesellen unterliegen dem Krankenveistcherung zwange; Ver Arbeitgeber hat fie anzumelden. «erantwortltcher Redaktcur«.»?»»het» in«erltn. Druck und Beleg von«« BeWmg t» Softa sw., Leuth stta,« 1 Htm eint veilnss md. I Xw nter ge- ovtt an urg, hm. , in zu eilage zum Berliner Volksblatt. Nr. 224. Dienstag, den 23. Dezember 1884. 1. Jahrgang. Federig o Eampanclla's. AuS Rom wird der„Voss. Ztg." geschrieben: Zur Sei« Giuseppe Mozzim's auf dem Friedhofe von Genua, seinem «eliebten Meiner auch nach dem Tode treu, ist am 14. b. M. Federigo Campanella beigesetzt wo:d.n. Am 10. Juli 1804 in der„Prächtigen" geboren, hat er am 9. Dezember in der Blumenstadt am Arno, nach vielmonatlichem Ringen zwischen Leben und Tod, die Augen zum ewigen Schlafe geschlossen. Florenz wollte ihm in Sancta Croce, seinem Pantheon, die letzte Ruhestätte anweisen, aber der strenge Republikaner hatte den milden Leib der Vaterstadt vermacht. Campanella wurde noch als Student in Genua, wo er juridischen Studien oblag und Mazzini kennen lernte, von diesem in die„Carboneria" einacsührt, in jene mysteriöse Veiburtung, von der man sagen kann, daß sie die am voll- kommensten organistrte aller derjenigen war. die uns aus der Geschichte der Revolutionen bekannt find. Mit Mazzini theilte er seinen ersten CnlbuüaSirus, seine ersten Gedanken für oie Gröse und Unabhängigkeit des Vaterlandes, jenes Ideal, welchem er das beharrliche und unverdrossene Wirken seines ganzen Lebens gewidmet hat. Als 1831 Mazzini. nachdem er aus der in Savona be- standenen Gefangenschast entlassen worden war, in der Ver- bannung zu Marseille die Gesellschaft des„Jungen Italien", „La Giovine Italia" ins Leben rief, bildete Campanella mit Jacopo und Giovanni Rusfini das Komitee in Genua. Die Ausbreitung, welch: der GeheimaBund namentlich im Genne stschen in Toskanu und im Kirchenstaate fand, b-woz Mazzini zu dem Aufstandsversuche von 1833; die Verschwörung wurde aber im letzten Augenblicke entdeckt und Campanclla, ver erst, «!S jegliche Hoffnung auf Erfolg geschwunden war, an stch selber dachte, entging mit genauer Roth dem wider ihn er- laffenen Haftbefehle, ind m er fich am 23. Juni auf einem Segelschiffe nach Marseille flüchtete, von wo er fich dann nach Genf begab und hier mit Mazzini vereinigte. Als die deut- schen und polnischen Flüchtlinge in Bern das„Junge Europa", „La GioTine Europa" gründeten, da unterzeichneten den Pakr im Namen der Italiener Mazzini, Campanella, Giovanni Rusfini, Luigi Amadeo Melegari, der nachherige, jetzt auch aus diesem Leben geschiedene Minister der auswärtigen Angelegen- besten Italiens im ersten Kabinete Depretis, Giacano Cioni, Gaspare Roiales und Ghiglione am 15. April 1834 Bald darauf ging Maz.ini nach London und Campanella nach Paris, wo er seinen Lebensunterhalt durch Stundengeden im Lateini- schen und Italienischen verdiente. 1847 auf die erste Kunde von der revolutionären Bcwe- gung wieder nach Italien zurückgekehrt, nahm Campanella thätigsten Antheil an den politischen Ereignissen von 1848 und 1849. Bei der Lrganistrung der Nationalgarde in Genua wurde er zum Hauptmann der 4. Komvagnie ernannt. Die Nachricht von der Mailänder Erhebung im März 1843 traf ihn, als er eben mit seinen Mannschaften am Erezieiplatz manöorirte.„Auf nach Mailand!" rust er seinen Leuten zu, die enthufiastrsch, in den Ruf einstimmen; die von Giovanni Battistu Cambiaso befehligte Kompagnie schließt stch an und die beiden Kompagnien treffen als die erste Hilfe aus dem Übrigen Italien in der lombardischen Hauptstadt ein, wo in- zwischen die Insurrektion stegreich gewesen ist. Als der Aufstand niedergeworfen und die Campagne be- endet ist, kehrt Cawpanella nach Genua zurück, das fich dem Waffenirmstanv von Novuia ntcdl fügen will. Zusammen mit Avezzana, Cambiaso, Lazzochi und Morchio wird er in die pro- visorische Regierung und das Vertheidigungskomitee gewählt, zieht e» aber vor, als Oberst der Nationalgarde Dienst zu thun. An dem denkwürdigen Tage des I.April, als die ganze Stadt in den Banikadenkampf verwickelt ist, befehligt Campanclla den Sturm auf das Arsenal von Santo Spirito und nimmt es nach einem erbitterten und blutigen Ringen. Die Revolution hat auch in Genua triumphrrt, aber wenige Tage später bringt La Marmora die„Prächtige" wieder unter die piemontefische Botmäßigkeit. Es wird eine allge» meine Amnestie erdeten und bewilligt, ausgenommen für die Unsere Lettler. Eine Studie aus dem Wiener Leben. Eigentlich soll ihier von Bettler-Originalen die Rede fein. Das landläufige Bettelwescn ist ja überaus konser» vativ und vielleicht das einzige Gewerbe, das keiner Mode unterliegt. Schon in der Bibel lesen wir von Krüppeln und Bresthasten, die auf Straßen und Wegen die öffent- liche Mildthätigkeit anriefen, und auch heute sind es in erster Linie Krüppel und Sieche, die unser Herz und unsere Taschen zu erreichen suchen. Abgesehen von einigen, den Zeitverhältnissen angepaßten Modifikationen, dürfte die Art und Weise der Bettelei sich ziemlich gleich geblieben fein und selbst der Unterschied zwischen wahrer Roth und ip-tzbübischer Spekulation keine Aenoerung erfahren haben. Wenn wir im Jahrhundert des Talmiaoldes und Kunst- weinei eine Talmi-Armuth und Kunst-Bettler besitzen, so bürste Aehnlichcs auch schon in grauer Vorzeit der Fall bswesen sein; ja, jene Gichtbrüchigen, die auf Geheiß irgend eines egyptischen Zauberers die Krücken wegwarfen und tztheilt hinwegmarschirten, dürsten wohl noch überboten werden von vielen unserer heutigen Lahmen, die gar keines Zaubers bedürfen, um ihre Gehkraft wieder zu erlangen, wssdern wunderbar schnellfüßig davon laufen, wenn ein— Bochmann erscheint. Menschen, die einen Armstummel �vrwelsen, der durch künstliches Zusammenschnüren des Ober« und Unterarmes hervorgebracht wurde, Gaukler, die °es Morgens die furchtbarsten Verstümmelungen wie ein gutsitzendes Kleidungsstück an- und des Abend» wieder ublkgkn; Freibeuter die mit g'heucheltem Unglück, ge« Mischten Empfehlungsbriefen, gewerbsmäßig erzeugten �etlelgesuchen der wahren Armuth den Bissen ?iot vom Munde wegstehlen, hat es zu allen Z'Xen gegeben. Auch der Mann, der soeben aus dem �pnale" entlass.n wurde, wud seit der Errichtung d-S jssflo» Krankenhauses stereatyp fein, sowie die Erzählung ?°W„kranken Weib und den sechs hungernden Klndera— halbe Dutzend ist gar so eine schöne runde Zahl vllen Anspruch aus die Ehrfurcht haben, die dem hohen �gebührt. r Also nicht von den„Gemeinen" im Heere der Bettler, «ndern von einzelnen„Chargen" desselben möchte ich er- WjUn. von Mustern, die das Handwerkslnäßlge des Ge- tbes durch Originalität zu wahrer Kunst zu„veredeln 12 Häupter des Aufstandes, denen man vierundzwanzig Stunden Zeit läßt, stch aus dem Staube zu machen Nach dem Emzuge der königlichen Tcuppen werden die Führer, worunter Aveziana und Campanella, im Contumazwege zum Tode ver- urtbeilt. B-fiegt aber nicht entmuthigt, schiffen fie fich im Ver» eine mit Wanrelli, Bixio, Cambiaso und anderen auf einem Fahrzeuge der amerikanischen Kriegsmarine nach Rom cin, wo fie mit Mazzini zusammentreffen. Campanella recht sich als einfacher Soldat in die erste italienische Leaion Gartbaldi's ein und kämpft am 30. April tapfer bei Porta San San- crazio, wo die Franzosen nach fie'en Stunden weichen müssen. Später wird Campanclla als Generalstabs-Hauptmann dem Kliegsministerium zugetheilt. Nachdem die römische Republik gefallen und die französischen Truppen am 11. Juli Rom besetzt haben, schifft stch Campanella zuerst nach Malta, dann nach Athen ein, und im Jahre 1850 finden wir ihn wieder in Paris in dem ilaliemschen Jnjurreklions- komitee, welches unmittelvar von dem„europäischen" Zentral- komitee abhängt, an dessen Spitze in London Giuseppe Mazzini steht. Nach dan Staatsstreiche von. 2. Dezember, an welchem er, der fich unter die Freiheitskämpfer gemischt hat., nur durch ein halbes Wunder dem Tode entgeht, will fich Campanella, knimuthigt und an der Zukunft verzweifelnd, zum Prozesse in Italien stellen; Mazzini jedoch beredet ihn. nach London zu kommen, wo er abermals Jahre lang sein Leben durch Sinn- dengeden fristet, ab und zu im Interesse der Revolution Reisen nach dem Kontinent unternebmend. Er wird in der Zwischen- zeit in Frankreich in einen Prozeß wegen Attentats auf das Leben Louis Napoleons verwickelt und zusammen mit Mazzini und Ledru Rollin zur Deportation verurtheilt. Wenig feblt, daß die englisch- Regierung die Angeklagten ausliefert; aber eine großartige Nolksdemonstration bewahrt ihn und Atozzini vor diesem Schicksale- Am Beginne des Feldzuges 1859 k-hlte Campanella in die Heimath zurück und betheiliqte fich an den Bewegungen, welche die Expedilion von Marsrla einleiteten. Während der 3. Legislatur des italienischen Parlaments zum Devutirten ge- wählt, verzichtete er am 21. Dezember 1863 auf dieses Ab- geordnetenmandat. Diesen Tag kann man als den Abschluß der ersten Periode des Lebens Campanella's bezeichnen, der Periode der Aktion. Seither hat sich Campanella rastlos der Verbreitung der sozialen und politischen Ideen seines Lehrers und Meisters Mazzini gewidmet. 1869 gelang es ihm, die in hundert Schulen gespaltenen, von inneren Kämpfen und Eisersüchteleicn absor- birten italienisckcn Freimaurer einiaermaßen zu rekonstituiren. Nach Mazzinis Tode wurde er in daS Triumvirat gewählt, welches die Republikaner zu Genua ernannten, aber in Folge religiöser Meinungsverschiedenheiten schied Campanella bald aus. Im Jahre 1872 piäfidirte er der in Rom zusammengetretenen Ver- sammlung aller italienischen Arbeiter- und politischen Vereine zur Petitionirung um das allgemeine Stimmrecht. Er wurde Prä- sident und Ehrenmitglied von mehr als tausend Vereinen, und so unter Anderem auch Oberhaupt des„Jrredenta"-Komites für Toskana in Florenz, Honorar-Prästdent des„Oberdank"- Vereins in Mcikato Sarazcno, Ehrenmitglied des„Oberdank"- Vereins in Palermo zc. Nach Campanella's Ableben ist alS einziger giltiger De- pofltariuS der mazziniftischen Tradition Aurelio Sasfi ver« blieben'mit diesem wird ste, die längst überholt ist, endgiltig in den Rahmen der Geschichte treten. Zur Geschichte der Strumpfwirkerei. Wie wenige von uns Sterblichen denken daran, wenn ihr Fuß früh Morgens in den Strumpf schlüpft, daß dieses unent- behrliche Kleidungsstück auch seine Geschichte hat. Im Alter- thum gehörte der Strumpf zu den Luxusartikeln, und auch im Mittelalter wurde der Strumpf erst allgemein seit Erfindung der Slrumpfwirkerei, durch welche billigere Maaren als durch die bisherige Strumpfstrickerei auf den Markt gebracht werden konnten. Hatte man noch zur Zeit der Königin Eiisabelh in England Strümpfe aus seidenem Sioff zugeschnitten und ge- verstanden, und die kennen zu lernen ich im Laufe der Jahre die zweifelhafte Ehre und das unzweifelhafte Vergnügen hatte. Da erscheint zuerst ein recht wohlbeleibter, rothwan- giger, gesundheitöstrotzender Herr, der eine Spieluhr behag- lich auf das gründete Bäuchlein stemmt, sich von einem kleinen Knaben von Tisch zu Tssch bugsiren läßt und mit fettiger Stimme sein„Em blinder Mann thät schön bitten" hören läßt. Merkwürdiger Weise trägt der„Blinde Mann" — blaue Brillen. Er wird manchmal interpellirt, wozu er dieselben benöthige, da er ja vorgiebt, nichts zu sehen.„Die Brillen trag' i," lautet die klassische Antwort,„damit i mir die Augen net ganz verdirb'!"„Also sehen Sie doch etwas?" wird er weiter gefragt, und unwillig brummt er darauf, die leere Handfläche fixirend; ,.Ja, aber selten". Und als ob er schrecklich beleidigt worden wäre, schreitet er weiter, um in Zukunft, trotz seiner Blindheit, dem betreffen- den„Stammtisch" sorgsam auszuweichen. Drollig war jener Kautz, der die verschiedene« Bureaux der inneren Stadt zum OpmlionSfeld erkoren. Er trat überaus eilig cin und verlangte den Chef zu sprechen, bequemte sich schließ- lich aber auch, dem Personale zu sagen, was ihn hier her- führe.„Meine Herren!" begann er dann mit vibrirender Stimme,„meine Herren, Sie sehen in mir einen Menschen, den Sie mit vierzig Kreuzern für ewig glücklich machen können." Allgemeines Erstaunen.„Ich habe nämlich einen Erbschastsprozeß in Stockerau; ich kann nicht hinfahren, denn mir fehlen noch vierzig Kreuzer, um mir eine Karte zu kaufen. Meine ganze Existenz ist vernichtet, wenn Sie mir nicht helfen. In einer halben Stunde geht der Zug!" Hier war die rettende Summe bereits zusammengesteuert und der Erbschafts-Prütendent entfernte sich überglücklich. Er scheint sich nur nie gemerkt zu haben, welche Rasen- flächen er bereits abgegrast hatte, denn ich selbst habe ihn im Verlaufe von kaum zwei Jahren fünfmal in derselben auftreten gesehen. Eine humoristisch angelegte Bettlergeschichte ist fol- gende, die aber durch einen Zufall beinahe ins Tragische übergeschlagen wäre. Schauplatz: die Schreibstuben der Großhändler und Bankiers der inneren Stadt. Daselbst erscheint von Zeit zu Zeit eine wohl ärmlich gekleidete, ab r geradezu vornehm aussehende blinde Frau, geführt von einem jungen, sehr bescheidenen Mädchen, das kaum in die Höhe zu blicken wagt. Die B.ind: ist die Wittwe näbt, so wurde dies« Mode doch bald verdrängt, als im Jahre 1589 der Prediger William Lee in Calverton den ersten©trumpf- nmlstuhl erfand. Die Königin Elisabeth nahm steh der Er- findung an und unterstützte den Erfinder in seinen Be- strebungen, wäbrcnd der Thronfolaer König Jakob nichts von ihm wissen wollte und ihn schließlich zwang, nach Rouen aus- zuwandern, um doet ein umfangreiches, blühendes Geschäft zu begründen. Er wurde von Heinrich IV. thatkrästig unterstützt, nach dessen Tode aber wieder ein Gegenstand heftiger Verfolgungen, so daß wir wieder ein Beispiel davon haben, daß ein Wohlthäter der Menschheit in bitterster Armuth und HungerSnolh verstarb. Seine Erfindung wurde schnell ausgebeutet und 100 Jahre nach seinem Tode finden wir Wirkiiühle in England. Frankreich, Spanien, Niederland und Deutschland mit wesentlieyen Verbesserungen stehen, und heute bildet die Strumpfwirkerei, deren Erzeugnisse weit elastischer als die gestrickren Maaren stno, und aus Baumwolle, Schaf- wolle, Leinen und Seide hergestellt werden können, einen un- serer hervorragendsten Industriezweige, bei welchem Männer und Frauen, ja leider selbst Kinder an den Garnwinden Be- schäftigung finden. Verhältnißmäßiz gering ist die Produktion solcher Maaren in Amerika, wo von einer eigentlichen der- anigen Industrie Überhaupt nur in Germantown gesprochen werden kann, einer deutschen Vorstadt Philadelphias. In Europa stehen England und Sachsen an der Spitze der Produltion, deren Erzeugnisse die französischen Waaren sowohl an Qualität wie an Billigkeit enorm übertreffen. Schon vor vierzig Jahren hatte England 43 482 Wirkstühle mit ungefähr 100 0u0 Arbeitern stehen, und nachdem Bruncl daselbst an den Srühlen eine praktische Verbesserung angebracht, lieferte ein Stuhl pro Woche 150 Dutzend Frauenstrümpfe. Gegenwärtig rechnet man auf 120000 Arbeiter in dieser Branche. Die sächsische Wirkerei, die weit zurück datirt, hat auch erst in letzter Zeil einen so mächtigen Aufschwung genommen und noch vor 50 Jahren waren es etwa 12 große Häuser in Chemnitz, Hohenstein, Glauchau rr., welche die Pcöduknon auf eiwa 8—10 000 Stühlen vertraten, während jetzt die ge- sammte Fabrikation einen Werth von über 30 Millionen Mark in Sachsen erreichen soll und unaefähr 50 000 Arbeiter im Minimum beschäfrigt werden. Neben der sächsischen Industrie steht die Apolvacr, und das thüringische Siädt- chm wird daS„Arbeitsmekla" der thüringer Frauenwelt Senannt. Die Strumpfwirkerei begründete hier Christian immermann, und ste gerieth zu solchem Umfang, daß heute der Export nach Italien, Spanien, Rußland, Griechenland und der Türkei, ja in hervorragendem Maße nach Amerika stattfindet. Man kann annehmen, daß jährlich mindestens 25,000 Ctr. wollene Garne, die einen Durchschnittspreis von 11,230,000 M. repräsentiren, in Apolda verarbeitet werden. Auch Württemberg hat zu Ulm, Reutlingen rc. bemerkens- werthe Etablissements für Strumpfwirkeret, und in Oesterreich zählte man schon 1862 an 22,000 Slühle für 300 Geschäfte und 35,000 beschäftigte Personen, mit denen 60,000 Menschen Erwerb und Brod fanden. Der Prager Verein zur Beröederung der Erwerbsthätigkeit der böhmischen und Riesengcbirgvbewohner hat nach Daut's Angaben die Wirkerei in den Ortschaften Weipper» ttlostergrab und Katharinenberg so erfolgreich eingeführt, daß fie wen über 1500 Personen daselbst Nahrung verschafft. In Frankreich begann die Fabrikation mit Mützen, die jetzt etwaS aus ver Mode gekommen find. Man berechnet die Produktion hier auf 30— 40 000 Dutzend Strümpfe oder Mützen pro Jahr, die ihrer enormen Billigkeit wegen rasch Absatz finden. Die Arbeit an den Wirkstühlen ist nicht schwer, aber mühsam, und natürlich auch bei feinerer Arbeit auch mit größeren Schwierig- leiten verbunden. Man berechnet als Lehrzeit-rm Durchschnitt 3—5 Wochen, in einzelnen Fällen, wo kornplizirte Arbeit vor- liegt, auch bis zu 3 Monaten. Im Frühjahr, Sommer und Herbst ist am meisten Arbeit vorhanden. DoUUBcke Uebersickt. Die afrikanische Konferenz, welche gestern ihre letzte Sitzung vor dem Weihnachtsfeste hielr, wird fich dem Ver- eines auf dem Felde der Ehre gefallenen Majors, die durch Unglücksfälle und Schurkereien naher Anverwandter sogar um die kleine Pension kam, aus Gram das Augen- licht verlor und nun in aller Stille und Verschämtheit an die Herzensgüte ihrer besser situirten Mitmenschen appellirt. Der Jammer ist so handgreiflich, daß sich Jeder- mann beeilt, die Dame, die so distinguirt spricht und ihr namenloses Unglück so standhaft trägt, ausgiebig zu unter- stützen und geradezu ehrfürchtig bis an die Thüre zu geleiten. Eines Abends lernt em junger Mann in einem der feineren Gasthäuser in Mariahilf cin Ehepaar und dessen Tochter kennen. Sie treffen sich öfter, die jungen Leute interessicen sich für einander, der junge Mann wird endlich ins Hau» geladen, findet ein überaus b haglicheK Heim, eine exquisire Küche, eine Atmosphäre anmuthendster Vornehmheit; seine Liebe zur Tocht-r des Hauses wachst von Tag zu Tag und seine Bewerbung scheint von Seite der Eltern kein Hinderniß zu finden. Innerhalb der ersten Tage seiner Bekanntschaft hatte er eine einträgliche An- stellung in einem großen Bankhause gefunden, die er aber nicht eher erwähnen wollte, bis nicht seine Probezeit ab« gelaufen war und er auf«in Definitivum hinweisen konnte. Zu seinen geschäftlichen Agenden gehörte auch die Besorgung der sogenannten„tleinen Kassa", aus welcher auch alle Almosen flössen. Eines Tages hört er das Rauschen von Frauenklcrdern, das Kalo in dem Zimmer des Chefs verhallt. Wenige Minuten darauf wird ihm von zarter Hand eine Anweisung auf die kleine Kasse präsentirt, er blickt auf und vor ihm steht— die blinde Majorswittwe und ihre Führerin— seine Schwiegermutter in spo und seine Angebetete. Der junge Mann ist einer Ohnmacht nahe, die Frauen schreien erschrocken auf und eilen— die„Blinde" voran— aus dem Komptoir. Die„blinde Majorin" war nicht blind und nicht Wittwe eines braven Offiziers, sondern lebte mit ihrem Gemahl, der die schönsten Bettetbriefe zu konzipiren wußte, überaus behaglich von ihrem einträglichen„Unglück". Zur Hochzeit, kam es natürlich nicht. Trotz allerlei merkwür- diger Erfahrungen möchte ich doch Niemanden abhalten, zu geben und immer wieder zu geben, denn lieber neun- undneunzig Schwindlern zum Opfer fallen, als in Folge seines Mißtrauens auch nur einen einzigen wahrhaft Be- dürftigen— und deren giebt es ja lerder genug—> Noth und Elend verschmachten lassen. ! ««hmm nach auf unbestimmte Zeit vertagen. In der Zwischen- zeit wild nach einer weiteren Meldung die Anerkennung der Association internationale du Congo durch die überwiegende Mehrzahl der Mächte erfolgt sein. Tie Anerkennung von Seiten Oesterreichs wird für heute oder morgen erwartet, wäh- rend diejenige durch Holland möglicherweise Weise bereits in Brüssel erfolgt ist. Die Anerkennung durch Spanien steht nur dethalb nock aus, weil die Hin- und Hersendung der Papiere zu viel Zeit beansprucht. Hin Gewerbekammer- Gesetzentwurf soll noch einer Mitthcilung der„Weser Zeitung" vem preußischem Landtage vorlegt werven. Oesterreich. Der kroatische Landtag ist zum 29. d. Mts. zusammenberufen worden- In Holland, speziell inAmsterdam, haben die Sozial- demokraten größere Versammlungen abgehalten. In einer dieser Versammlungen, welche von 1500 Personen besucht war, referirte der frühere Prediger Domela Nieuwenhuis. Er kon- statirte, daß die sozialen Verhältnisse nur durch die Einwirkung auf die Gesetzgebung umgeändert werden könnten. Die Ar- beitslostgkeit ist in Amsterdam groß, die Gemeindebehörden haben bereits öffentliche Arbeiten in Angriff nehmen lassen, um den Nothstand zu beseitigen. Auch von privater Seite werden Sammlungen vorgenommen, um der Roth ab- zuhelfen. Frankreich. Die französische Deputirtenkammer genehmigte am Sonnabend das gesammte Budget, mit alleiniger Ausnahme des Extraordinariums. Die Rechte ent- hielt sich der Abstimmung, Mockau erklärte, die Rechte lehne jede Verantwortlichkeit für das Budget ab, sie votice dasselbe nicht, denn das Budget sei nichts weiter, wie das organisirte Defizit. Die Kammer vertagte sich hierauf auf nächsten Frei- tag.— Der Kammerausschuß für die Wiedereinführung des Listenfkrutiniums hat zum Berichterstatter den Abg. Constanz ernannt, dessen Antrag die Wiederholung des Entwurfs ist, den er im Jahre 1881 als Minister des Innern vertheidigt hatte und der von der Kammer angenommen, aber von dem Senate verworfen worden war. Zwei Fragen bleiben für's Erste noch reservirt: 1. ob die Zahl der Abgeordneten auch ferner nach der Zahl der Einwohner oder"aber nach derjenigen der Wähler zu bestimmen wäre und 2. od ist dem Falle, daß der letztere Modus bevorzugt würde, das neue Gesetz sogleich zur Anwendung gelangen sollte, oder ob es nicht gerathen wäre, denjenigen De- partements, deren Deputirtenzahl es verringern würde, für dieses eine Mal noch das alte Berhältniß zu lassen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die letztere Lösung durchdringen wird, da das Gegentheil dem Listenikrutinium unfehlbar einige um ihre Sitze besorgte Gegner schaffen würde. Im Uebrigen nimmt man an, daß die Bemessung der Abgeordneten nach der Wähler- zahl gewonnenes Spiel hat, well die„Einwohner" überall mit Fremden vermischt sind und diese somit mehr oder weniger in die Wage fallen. Fnsbesondere wird hervorgehoben, daß das Norddepartement 300000 Belgier beherbergt und 40000 Italiener sich in Marseille aufhalten.— Ucbtr die Resultate der gestrigen Wahlen von Delegirten für die Senats- wählen liegen bereits einige Nachrichten vor. In Paris bat die von den Ultraradikalen des Gemeinderathes aufgestellte Liste beinahe vollständig gesiegt, darunter befinden sich Victor Hugo, Rockcfort und Aves Guyot. Aus Grenoble wird telegrapbirt, daß die Majorität der ernannten Delegirten ministerielle Republtkaner bilden. In Lyon hat die radikale Liste gesiegt, in Dijon dagegen die ministerielle. Letzteres wird aus zahlreichen Orten gemeldet.— Bei der gestern in Paris stattgehabten Veitheilung der von den Gewerbe kammem für die Arbeiter ausgesetzten Preise hielt der Minister Waldeck- Rouffeau, der den Vorsitz führte, eine Rede, in welcher er ver- sicherte, daß alle seine Bemühungen darauf gerichtet seien, die Harmonie zwischen dem Kapital und der Arbeit wiederherzu- stellen; er hoffe, die Arbeiter-Affoziationcn würden von segens- reichen Folgen sein, der Staat wolle nicht Sozialismus treiben, aber den Schutz der Arbeit begünstigen. Italien hat eine Eipedition zur Erforschung des Kongo- gebieres ausgerüstet. Der Befehlshaber derselben, Kapitän Cecchi, hat in Rom einem Vertreter der Presse gegenüber ge- äußert, daß die Expedition nach dem Kongo Ende dieses Mts. von Genua aus abgehen werde. Dieselbe werde von dem „Garibaldi" und dem„Vespucci", welche mit 300 Matrosen und 40 Offizieren bemannt find und 8 Geschütze mitführen, ge- leitet werden. Die Expidition sollte an der Lagosmündung landen. Kapitän Cecchi werde mit kleinen Dampfern ström- aufwärts bis zu den Katarakten fahren und von dort aus in das Innere vordringen. Die Dauer der Expedition sei auf \\'i Jabr veranschlagt, der Zweck derselben sei ein wissen- s ch a f t l i ch e r und ein politischer. Gegen 100 junge Leute haben verlangt, an der Expedilion Theil nehmen zu dür- fen, haben aber abgewiesen werden müssen. England. Von den Verbrechern, welche vor acht Tagen die große Tbemsebrücke in London in die Luft sprengen woll- ten, ist noch keine Spur entdeckt, und bereits kommt Die Nach- recht von einem neuen Dynamit-Attentat in der Nähe des Königlichen Wtndsor-Schlosscs. Durch ein am Sonnabend früh in dem Gepäckraum des Bahnhofes von Windsor ausgebrochenes Feuer wurde sowohl das Gepäck- Die Pariser Geheimpolizei. In seinem jüngsten Werke:„L'ecume de Paris" vermittelt Albert Wolfi. der vorzügliche französische Causeur, auch die Bekanntschaft seiner Leser mit dem Haupt der Pariser Ge- htimpolizei, cbet de la Police de la Lürete) einem Beamten, der mit nicht mehr als 230 Untergebenen die Tausende von Ver- blechern der Hauptstadt in Schach zu halten ersteht. Es ist unmöglich, zusagen, wann der Tag dieses Beamten beginnt, wann er endet, denn er ist allzeit auf dem Posten; er schläft sozusagen nur mit einem Auge und ist im Augenblick wieder auf den Beinen, wenn der Telegraph der Polizeistatiton ein wichtiges Ereigniß meldet. Auf letzterer versuchen es 30—40 Mann, so gut. wie sie können, auf ihren Feldbetten auszuruhen, bereit auls erste Singnal unmittelbar aufzuspringen. Diese Männer haben keine andere erlaubte Waffe, als eine eiserne Fessel, das sogenannte„cabriolet". Freilich ist dies ein wirk- sames Werkzeug— denn wenn die Faust des Verbrechers ein- mal in diese eiserne Kneifzange gesperrt ist, kann der Polizei- agent ihm bei dem geringsten Widerstand die Knocken zer- drücken— eine eigentliche Waffe kann man diese Fessel aber wohl nicht nennen. Das„cabriolet" dient nur dazu, den Ver- brecher, wenn man ihn verhaftet, festzuhalten. Entsteht für den Agenten wirkliche Gefahr für sein Leben, so nützt dres Werkzeug sehr wenig, und darum hat jeder Agent stets einen Revolver bei sich. Es ist ikm allerdings verboten, eine solche Waffe zu tragen, und er wird von derselben, ebenso wie jeder andere Bürger, nur in Fällen der Nothwehr Gebrauch machen. Dock ist das Tragen des Revolvers Nichts weiter als eine Vorsichtsmaßregel, wie so viele gewöhnliche Bürger sie auch anwenden, welche in abgelegenen Gegenden der Stadt wohnen - gleichwohl mit dem Unterschiede, daß der Bürger, wenn er angefallen wird, augenblicklich auf den Angreifer josbrennen wird, ohne sich weiter um die Be-ahlung der 60 Francs Geldbuße zu kümmern, welche auf dos Tragen v'.r- botencr Waffen ge>eyt ist, während der Agent erst aus Pflicht- gefühl von seinen Fäusten Gebrauch mackt und fich lieber eimoen Dolchsticken auesetzt, anstatt den Revolver zu gebrauchen. Darum fl-eßt auck in dein Kampfe, welcher der Verhaftung eines gefährlichln Verbtechers gewöhnlich voraufgeht, sehr ost 1 Blut des Agenten, während der Gauner mit ein paar Mägen davon kommt. - r-Kü wie Pari?, in der das Verbrechen etgenl- bureau, wie eine große Anzahl von Gepäckstücken in Asche aclegt. Die vorgenommene Untersuchung hat ergeben, daß daS §euer durch eine, sorgfältig in einen Kasten verpackt gewesene öllenmaschine herbeigeführt worden ist, in dem Brandschutt wurden noch einige eiserne Zahnräder, sowie eine Flasche mit Sprengstoff gefunden. Nach weiteren Ermittelungen über die Entstehung des FeuerS auf dem Bahnhofe in Windsor scheint es, daß der Zünver der Höllenmaschine die Kiste in Brand steckte und so anstatt der beabsichtigten Explosion die Feuers- brunst verursachte. Süd- Afrika. Die Buren des Transvaal scheinen fich der Entsendung der britischen Expedition ins Bctschuanaland mit Waffengewalt entgegenstellen zu wollen, denn dem„Reuter'schcn Bureau" wird aus Kapstadt vom Sonnabend gemeldet, daß eine Anzahl bewaffneter Buren von der Grenze des Transvaallandcs her vordringe und daß der Präsident vergeblich versuche, sie aufzuhalten. Wenn fich diese Nachricht bestätigt, so wäre der befürchiete offene Konflikt zwischen den Buren und den Engländern zum Ausbruch ge- kommen._____ DMKtueutsnsekes. Danzig. Amtliches Ergebniß der Reickstagssiichwahl. Bei der am 17. d. Mts. Hierselbst stattgehabten Nachwahl find 14 108 Stimmen abgegeben worden. Davon erhielt Schröder, dfteis., 8129, v. Ernsthausen, kons., 5979 Stimmen. Elfterer ist mithin gewählt. Sprottau, 21. Dezember. Bei der gestrigen Reichstags- Nachwahl find bis jetzt für von Forckenbeck(vfreis.) 6153 und für Graf Könitz skovs.) 5497 St. gezählt worden.— Nach einer neueren Nachricht ist Herr v. Forck nbeck mit 700 Stimmen Majorität gewählt. Bekanntlich hat die s o z i a l d e m o k r a- tische Fraktion des Reichstages eine Kommission von 7 Mitgliedern ernannt, um den Entwurf eines Arbeiter- schutzgesetzes auszuarbeiten. Die Kommisston hat, so schreibt man der„Nct.-Ztg.", bereits eine Anzahl Sitzungen abgehalten. Der Entwurf wird sehr umfänglich werden; die einschlägigen Bestimmungen aus der Schweiz, Oester- reich, England und Nordamerika werden herangezogen werden. Der Entwurf wird die Gestalt einer Novelle zur Gewerbeordnung haben und insofern ähnlich werden, wie der sozialdemokratische Antrag von 1877. In dem Entwurf find nach der negativen Seite folgende Forderungen aufgestellt: Verbot der Ausnutzung der Zucht- haus- und Gefängnißarbeit seitens privater Unternehmer, Verbot jedweder industrieller Sonntagsarbeit, Abschaffung der Kinderai beit, Verbot der Nachtarbeit für Frauen und jugend- liche Arbeiter. Eine vollständige Beseitigung der Frauenarbeit ist nicht vorgesehen, sondern es handelt fich nur darum, jene Frauenarbeit zu beseitigen, durch welche die Gesundheit und die Sittlichkeit geschädigt werden könnte. Nach der positiven Seite verlangt der Entwurf u. A.: Festsetzung einer gesetzlichen Maximalarbeitszeit von 58 Stunden pro Woche, zehnstündige Aibeitsdauer an den 5 eisten Tagen der Wolde, am Sonnabend achtstündige Arbcitsdauer; Kontrole aller Ar- beitsräume, nicht nur für die Fabriken, sondern auch für Hand- werk und Industrie. Erweiterte Thätigkeit der Fabrik- Inspektoren, die zu der Stellung von Arbeitsinspektoren erhoben werden sollen- denselben sollen zur Seite stehen Ar- b e i t e r k a m m e r n, die aus dem allgemeinen Wahlrecht der Beiheiligten hervorgegangen sind und welche die Kontrole über richtige Ausführung aller in dem ArdcUcrschutzgesetz enthaltenen Bestimmungen, die Feststellung der Unfälle und ihrer Ursachen, die Wahrung der Interessen der Arbeiter gegenüber dem Ar- beitgeder übernehmen sollen. Die Frage, ob auch eine Maximal- arbeitszeit für die ländlichen Arbeiter festgesetzt werden soll, sowie diejenige einer Reform deS Verhäitniffes des Gesindes find noch zurückgesetzt; man wird fich hierbei begnügen, Re- solutionen einzubringen, in denen die Aufmerkjamkett der Regierung auf die Verhältniffe dieser Arbeiterklassen gerichtet werden soll. — Zur Erledigung der ihr überwiesenen Theilc des Mi- litär-Cta's hat die B u d g e t k o m m i s s i o n des Reichstages im Ganzen 12 Sitzungen gebraucht. — Eine Petition des Vorstandes des Vereins Berliner Restaurateure auf Erlaß gesetzlicher Be- stimmungen, welche den Brauereien den Verkauf ihrer Bier- fobrikatc nur in geaichten, mit dem Eollinhaite bezeichneten Gebinden gestatten, ist von der Petitionskommission als zur Erörterung im Reichstage nicht geeignet er- klärt worden. Die Veranlassung zu diesem Beschlüsse wird vermuthlich in dem Umstände zu suchen sein, daß die Petition nur mit den Worten„der Vorstand:c." unterzeichnet ist; nach einem früheren Beschlüsse der Kdmmiifion sollen aber die Pe- titionen vnn Vereinen, welche keine Korporationsrechte baben, nur dann Berücksichtigung finden, wenn sie unter dem Namen eines Mitgliedes eingereicht werden. Wenn der Vorstand des Vereins der Restaurateure seine Petition noch zur Beralbung dringen will, so thut er gut, sie sofort als Petition der Vor- standsmitgliever zu wiederholen. Im Ttxie kann selbstverständlich auf etwaige Beschlüsse des Vereins Bezux genommen werden, auch ist ein Zusatz zu den Unterschriflen in diesem Sinne statthaft. lich keinen Tag Ruhe hält, muß auch das Haupt des Sicherheitsdienstes stets bereit sein- Von einem geregelten Leben, wie andere Sterbliche es führen, kann bei ihm keine Rede sein. Der Chef schläft, wenn er kann, ißt, wenn er Zeit hat, erholt fich, wenn gerade Nichts zu thun ist; jed-n Tag ist er Morgens 8 Uhr auf der Präfektur, um die Rapporte der all- gemeinen Jnsveklorcn entgegenzunehmen. Dann wohnt er, so viel ihm möglich, dem Hauptverhöc derjenigen Gefangenen bei, welche während der Nacht arretirt worden sind; später geht er dann in sein Bureau, um diejcurgen Personen zu empfangen, die ihn zu sprechen wünschen oder die er zu fich entbolen. Dos Bureau des Chefs ist im ersten Stockwerk in einem dunklen liefen Gang. Was könnten die Wände dieses kleinen Zimmers Alles erzählen! Aber fl: find stumm, ebenso wie die Agenten selbst, für welche Geheimhaltung die erste Pflicht ist. Auch wenn er entlassen ist, darf der Agent keffn Sterbenswörtchen von dem erzählen, was er währrnv seiner Dienstzeit sah und hörte. Darum wurde Canler, der f. Z. einen Band Memoiren herausgab, von den Dienern der Polizei allgemein als Verräihrr betrachtet. DaS Bureau des Chefs ist ein llcines Zimmer, versehen mit einem vergitterten Fenster nach der Straße, durch welches man auf den Pont Neuf blickt. Das Meudlement besteht aus einigen gewöhnlichen Stühlen und einem niedrigen Lebnstuhl. Leyerer wird mit Vorliebe den Verbrechern als Sitzplatz angewiesen, damit die Agenten, die hinter ihnen stehen bleiben, sie besser in der Gewalt haben. Der Chef selbst hat weder an sich, noch in seinem Bureau Waffen,— hat dies aber auch rächt nöthig, denn er steht unter dem Schutze derjenigen seiner Agenten, welche ihm zugleich als Sekretäre und Beamten dienen. Es ist ein sehe verschitdencs und eigenartiges Publtkum, w.lckes tagtäglich dem Chef der Geheimpolizei seine Aufwartung macht: Schlaistellenvermiether, welche er ausfragen oder warnen will; Menschen aus allen Ecken von Paris, die einer verschwundenen Person nachspüren; Eitern, die ein verintes Sckaf auf den richtigen Weg zruiick- dringen wollen und— um alle Gerückte in ihrer Nachvarschaft zu vermeiden— lieber auf die Ptäftk'ur gehen, als zum Po- llzei.Kommtssar ihres Viertels. D-r Chef horcht mit größter Aufmerkjamleit auf.dasjenige, was ihm hier vorgebracht wud. Dem Einen giebt er einen guten Rath,— den jungen Mann spornt er an, nach Hause zmückzulehrcn, ein Anderer wieder, frei ins' Bureau gelommcn, verläßt dasselbe in Mitte zweier Kommunales. AuS der Sitzung der städtischen Baudeputatio« vom Sonnabend: Die städtische Grundcigenthumsveputalion hatte bekanntlich vor längerer Zeit beim Magistrat die Aufstellung emes Bebauungsplanes für das zwischen dem Nordufer, der Iungfernhaide und der Torsstraße belegene Terrain beantragt. In Folge dessen hat die städtische Baudeputation ein hierauf bezügliches Projekt aufstellen lassen, welches dem Magistrat zur Annahme empfohlen werden soll. Ehenso hat dieselbe ei« Projekt zur Weiterführung der Charlottenstraße bis zur Spree aufgestellt, welches ebenfalls in nächster Zeit dem Magistrat vorgelegt werden wird.— Die Baudeputation hat ferner die Anlage einer südlichen Parallelstraße längs der Stadtbahn zwischen der kleinen Piäfidentenstraße und der Spandauer- Brücke und an der Ostselte der Herkules- Brücke beschlossen. Es wird hierbei die Festsetzung einer neuen Baufluchtlinie für die Westseite der Kleinen Präsiden tenstraße erforderlich, welche je- doch erst bei Gelegenheit eines Neu- relp. Ilmbaues des daselbst befindlichen Speichers zur Ausführung kommen soll. Die Straße würde, falls das jetzt entworfene Projekt zur Ausführung kommt, eine Breite von 22 Metern erhalten. Die Frequenz in den Gemeindeschulen am 1. November 1884 stellt sich wie folgt: Es bestehen z. Z. 148 Schulen mit 2447 Klassenzimmern, von denen 17 unbesetzt find. Dieselben schließen 2 Privat-Gcmeindescbulen mit 24 Klaffen ein, so daß 146 Gemeindeschulen mit 2323 Klassenzimmern bestehen. Die Zahl der überzähligen(fliegenden) Klassen beträgt 114; es find also in Summa 2444 Klassen vorhanden, in denen unterrichtet wird. Eingeschult find 65 946 Knaben und 68 778 Mädchen, zusammen 134 724 Kinder; unbenutzt find 4274 Plätze, denen die Plätze in dm 17 unbenutzten Klassenzimmern zuzurechnen sind. Die Durchschnittsdesetzung einer Klaffe be- trug am 1. November er. 55,12 Köpfe. Die Zahl der am 1- November er. eingeschulten Kinder überstieg die der am 1- Mai er. eingeschulien um 4322. Die fliegenden Klassen find um 22, nämlich auf 114 gestiegen. Die zur Zeit unbenutzte« Klassenräume werden vorausfichtlick zum 1. April I. I. in Benutzung genommen werden. Kukates. er. Auch der„goldene Sonntag", die letzte Hoffnung der Geschäftsleute ist vorbei, wie er ausgefallen ist, wer kann? wissen? Im prächtigsten Gas- und Lampenlicht erscheinen die reich dekorirten Schaufenster und durch die Straßen zieht der Strom der schaulustigen Menge. Weihnachten— das Ideal aller Kinderherzen, die Hoffnung zahlreicher Dienstboten, der letzte Anker des vor dem Srranden bangenden Geschäftsmann» naht. Leider entspricht die gegenwärtige Situation— selost die keineswegs winterliche Witterung nicht auegenommen— den vielfachen Wünschen unv Hoffnungen nicht im Geringsten. Von Gutsiiuirtm abgesehen, bei denen Wunsch und Wursck- befriedigung fich decken, herrscht eine nahezu gedrückte und peinliche Stimmung in den Kreisen des kleineren Bürgert bums, wie auch des Arbeiltlstandes. Es ist als ob gan icht Weihnachten wäre. Uebcrall wartet man in den Geschäften auf die Kaufkraf: der großen Masse, auf den Konsum durch den Ar« beiteriland. Welcher Widerspruch! Ter Ardeiter soll sparen, das Geld zusammenbalten,„Noihpfenmge" zurücklegen, und hier wartet eine ganze Kategorie Menjchkn— bei Strafe deS eignen Untergar.gs— mit Srhnsuckt darauf, daß der Arbeiter von seinem Lohn möglichst viel anwende, am besten sich ganz ausgebe. Aber das ist die widerspruchsvolle, bürgerliche Gesell- scherst. Was verdient der Kaufmann durch das Kaufen der reichen Leute? Villeicht die Micthe, das Gas, die Annonzen. Und was soll der Arbeitersiand durch sein Kaufen dem Geschäfts« mannn zu bezahlen ermöglichen? Die Fristung der eigenen leibltchen Existenz, sowie die ver KommiS, Verkäuferinnen und sonstiger Bediente testen. Endlich lauern auch im Hintergrund« die Wechsel, deren B.zahlung wesentlich vom Konsum der Masse, dem Ardeiterstanve abhängt. Das ist das„Hangen und Bangen in schwebender Pein" des Kc�chäftsmannes. Born im Schaufenster p.ächrige Waaren rmn Lichtcrglan>,«der h'.r.ttn die drohende Pleite. Wehe, wenn die erhoffte Weihnachtswoche schleckt auefällt! Und alle Anzeichen sprechen dafür. Aculjerst gedrückte Löhne, Arbeitslose in Menge, beeinträchtigen Jingc heuer die Kaufkraft. Dazu tommt die nimmer rastende Sorge, die selbst den kümmerlich geschmückten Weihnachtsdaum um- kreist, die Sorge für die Miethe zu Neujabr. Wo käme da die Ruhe, die Beschaulichkcrt her, die dem liebsten Feste unserer Kindheit, dem Werhnachlsfeste eigen sein soll? In wie vrelen Familien zieht mit dem Winter und der ArbeitSiofigkeit nuhl der Kummer ein und tritt nicht an Stelle des Wunsches naw Kuchen der bescheidenste Wunsch nach trockenem Brot? verkennbar nimmt die Kaufkraft der Arbeiter auch für Wer»' nachtssachen von Jahr zu Jahr ab; es steigen die Mi-tae«. die Steuern, Vre Preise der unentbehrlichsten Lebensmittel, dagegen fallen die Preise der Industriep-odukte, l"' folge der Großindustrie und Massenproduktion. Ka«" zu nutze fich der Arbeiter diese billigen Preis- a~ machen, wenn die LebenSmittrl alljährlich eine immer Ouole seines stetig bierbendcn oder selbst sinkenden Jah� Agenten und wird auf Grund der sonderbaren Bekenntnisse- we.che ihm entlockt wurden, in Haft abgeführt. Somit kommt ganz Paris dem Chef vor Augen.. Ehre mancher angesehenen Familie ruht in seinen Händen, uird mancher Streit rri'd durch ihn beigelegt, der ohne fem Einmischung vor dem Richter hätte geschlichtet werden Er führt nicht nuc die Befehle der Rschrec auS, fein Arbeste feld liegt auch außerhalb der Justiz. Die Gauner haben» lieber, wenn sie von ihm vc,hö:t werden, als von dem struktionsrichter. Tie'elben kennen das Strafgesetzbuch vur« und du.ch und wissen sehr gut, daß das Verhör des Cbefs nicht so bindend ist, wte dasjenige, welches sie der d"" Jnstruklionsiichter zu bestehen haben. Auch ist es ihnen daß der chef de la Süretc zur Belohnung für ihm gkrna« venrauliche Miltheilungcn ihr Laos angenehm verbessern CS: kann den Gefangenen Tabak verabceichcn lassen, Papi�. j. Zigorretten und ihnen noch andere Vergünstigungen ziweffM'' wofür sie nrckts weniger als undankbar sind. Ein Pack-t« Tabak hat oft mehr Einfluß auf das veestockte Gemüth eine Miilders, als alle Etmabnungen des Umersuchcngsr�ch'e-' Nebenbei finden die in Haft Genommenen, wenn ste vor de Polrzeiches erscheinen, einen gastfreien Tisch, denn stets wu ein Frühstück für sie angerichtet, wenn fie längere Zeit aufg halten werden; sicherlich ein gan, besonderes Trak'ement i.» Menschen, welche an die Kost von MazaS(Zuchthaus von gewöhnt find. Die Dejeneurs werden von einem in der wohnenden Weinhändler berbeigeschafft. es wird aber ff'1 Sorge getragen, daß die Gäste nur stumpfe Messer obne Ep'� m die Hand bekommen. Es ist ein sonderbarer Anblick,% Anzahl von Morogesellen. alle in dieselbe Sache verw sich an Kotelettes und Wein gemächlich delektircn zu Abwartung des Augenblicks, wo das Haupt der Poltz« ff verhören kann. Im Allgemeinen hat der Verbrecher keinen direkten W'?h willen gegen der Tuner der Geheimpolizei. Im AugenU� wo sie ihn packen, mag er vielleicht wölbend aus fi« i'Hyat bald ist daö aber verg-ffen,-dank den Erleichlerungcn. rvel«e.' w das strenge Regime von Mazas zu bringen � der Kammer des Untersuchung:richters. der ihn kühl und gewogen. Dort unterhält man fich gewissermaßen mit w tn einkommens verschlingen? Alle jene Herrlichkeiten technischer Lervollkommnung und angestrengteren Fleißes bleiben von ihm ,um großen Tbeil ungckaust, weil selbst diese ihm noch zu lheuer find. Und so restirt der ungckaufte Waarenvorrath in den Geschäften als Ueberfluß, als Stoff zur Ucbeiprodukiion und Krise, zur Vernichtung von Waare und Mensch. So stirbt ollmählich das kleine Handwerk, der kleine Handwerksmann. Das find die Perspektiven für den kommenden Christmarkt und daS Weihnachtefrst überhaupt. Indessen, steht auch der Arme verschiedene seiner Himmel einstürzen, kann er auch seines Weibes, seiner Kinder liebstes Wünschen nur in unvollkommener Weise erfüllen, tritt ihm auch die nagende Sorge um des Tages Unterhalt in das bleiche Antlitz, so erhebt ihn wiederum die Idee:„daß sein Kämpfen und Ringen um die Verbesserung und Gleichstellung seiner Lage in der Gesellschaft nicht erfolglos bleiben wird, daß auch ihm eines Tages die Weihnachtsbäume freundlicher grünen und ein lichterer Glanz in seine jetzt dunklen, dumpfm Stuben ein- zieht." g. In Mehlhändlerkreise« wird gegenwärtig viel über neuerdings staltgehabte Zablungseinstellungen hiefiger Bäcker- meister gesprochen. Es find dies, wie man mittheilt, zumeist Bäckermeister, welche bei den Mehlhändlern das größte Ver- trauen genoffen und stets einen Kredit von mehreren Tausend Mark hatten. In den seltensten Fällen kommt cs jedoch zu der gerichtlichen Anmeldung deS Konkurses, weil die Bäcker rälhselhafter Weise kaum soviel besitzen, als die Gerichts kosten ausmachen. In Folge dessen wird eine außergerichtliche Eini- gung durch Zahlung einiger Prozente herbeigeführt, und das G.schäst wird dann unter dem Namen der Frau oder einer andern Person fortgesetzt, damit man dem Schuldner nichts mehr anhaben kann. Daß das Umschreiben des Geschäfts auf den Namen einer anderen Person nun aber nicht immer gegen das Einschreiten der Gläubiger ichützt, das deweist ein vor Kurzem zu Ende geführter Prozeß, in welchem ein hiesiger Bäckermeister verwickelt war. Derselbe besaß in einer Stadt an der Oder ein Hotel, kam dann nach Berlin und eröffnete unter dem Namen einer mit ihm zusammenlebenden FrauenS- verlon eine Bäckerei, verschaffte sich durch ein respektables Auftreten bei hiesigen Meblfirmen einen ausgedehnten Kredit und stellte schon nach IV-jähr. Thätigkeit seine Zahlungen ein. Die Erekutionen fielen sämmtlich fruchtlos auS, Ca, wie gesagt, der Bäckermeister nickt der Eigenthümer des Geschäfts war. Nichtsdestoweniger ließ der Anwalt des einen Klägers und Gläubigers sämmtliche vorhandene Sachen unter Siegel bringen und lieferte in dem von der angeblichen Inhaberin des Geschäfts eingeleiteten Jnterventionsprozeß den Beweis, daß von Seiten des insolven- ten Bäckers eine sog. Schiebung vorlag und sämmtliche Sachen sein Eigentbum seien. Da die angebliche Geschäftsinhaberin keine Gegenbeweise zu erbringen vermochte, so gewann der An- walt bezw. der Gläubiger den Prozeß. Kurze Zeit darauf wurde der Bäckermeister wegen Betruges und Meineides in Untersuchungshaft genommen.— Gegen einen zweiten Bäcker in einem ganz nahe tei Berlin belegenen Orte schwebt eben- falls zur Zeit die Untersuchung wegen Betrugs. Derselbe stellte vor etwa 18 Monaten seine Zahlungen mit einer Schuld von ea. 12000 M. ein und machte denselben Prozeß vor ungefähr 8 Wochen mit einer Schuld von ca. 5000 M- Bei demselben ist auch noch nicht einmal ein Mehlvorrath gefunden worden, : geschweige denn ein Baarbi stand-— Bei den gegenwärtigen außerordentlich niedrigen Mehlpreisen müssen die Zahlungsem- stellungen der Bäcker geradezu unerklärlich erscheinen. «Ii Den unausgesetzten Beurühmigen der Staats» i anwaltswaft ist es nunmehr gelungen, des Droschkenkuischcrs Und des Pmamentiers Rahn, welche in Gemeinschaft mit dem „Arbeiter" Kühlborn im Februar d. F. einen Uebeifall gegen Iben Werksührcr Bucheisen in der Brüderstraße ausübten, Hab- i Haft zu werden. Kühlhorn wurde, wie wir seiner Zeit in dem Bericht über die Gerichtsverbairdlung mittheilten, wegen dieses rohen Altes zu sechs Monaten Gefängniß verurtheitt, I trotzdem er angab, daß„Rahn" ihn airfgefordert halte, mit I Nach der Brüderstraßc zu kommen. Es dürfte somit den Rahn eine harte Strafe treffen, da er nickt nur Velbeidigter, sondern auch Anstifter war. Der Termin findet am Sonnabend Vor mittag 11 Uhr statt. Ein singender Kater ist die neueste Entdeckung eines findigen R porters. Der einjährige stattlich ausgewachsene Kater ist Etgenthum eines in der Alexandrinmfttaßc 126 I wohnenden Ristaurateurs H. Mit Hilfe seines Herrn hat es ! das gelehrige Thier nicht nur zum Singen(0, sondern auch »u allrn jenen anderen Dreffurkunststücken gebracht, die man lonst nur Pudeln beizubringen vflegt. Vorläufig produzirt sich der gelehrte Kater allabendlich zum Gaudium der Gäste seines Herrn. In nächster Zeit werden wir ihn wohl„zur Bühne" eines Spezialitäten Theaters gehen sehen. 1 6. Die Weihnachts-Phramide ist in rapidem Aussterben begriffen. Nur in einigen sehr alten, konscrvatrven Bürger* ! mmilien und in Bauernhäusern um Berlin schmückt sie noch den Weihnachtstisch. Noch seltener findet stch die Krone, welche sich nie reckt eingebürgert bat. Während die Stadt jetzt einem duftigen Nadelholzwaide gleicht, muß man nach Pyramiden wchcn.?ibr lctz'er Zufluchtsort war hauptsächlich der Lustgarten. |Bie alte Pyramide aus buntem Papier ist ganz ausgestorben, b'J eiiief ab' ihw. der Etcf spricht in vertraulichem Tone, und der Bube, der lerne Sache gut versteht, weiß, daß dies Verhör von wenig Gewicht für die Justiz ist. Vor dem Richter find die Meisten Iwiurisch und still, aber beim Polizeichef sitzen, ste und plaudern IJchfc lhurr ihr Bestes, um sich on.genebm zu machen, denn er >U der Mann, welcher ihnen ihr Loos leichter, erträglich wachen kann. Die merstbcaehrte Gunst, zu deren Erlangung fie alles Mögliche Ihun, ist das Vorrecht, mit anderen Bc« '«rildigten in die sogenannten Doppelzellen eingesperrt zu "»erden. L EincS TageS— so erzählt Wolff— wohnte ich dem jserhör cmeS berüchtigten Gauners und eines Arbeiters, dieser aus Rochsucht a!s seinen Mitschuldigen angc» BS ß( «erst «r Aus Konstantinopel, 13. dS-, wird Zeitschnit„Ueber Land und Meer" darf Türkische Zensr »: Die ier eingefüh! heilige Pro,. Deinen u. dergl. darg, stellt war, haben im Jildiskiosl vorerst nicht mehr hier eingeführt werden. Einige Bilder, in -'"— iligePror'''-■■ denen Muhamed, der ßrophet des JslamS, mit mageren _.— Mstoß erregt und das Verbot hervorgerufen- Ei« höchst origineller Zcitungsleser. ein wahres Uni- kum, schreibt der„Herold", lebt bei uns in Petersburg. Es ist dies ein früherer Staatsrath Cr— w, ein Mann, welcher vor ca. 25 Jahren eine wichtige Stellung in unserer Avmini- stration bekleidete- Der alte Herr liest nämlich alltäglich die Zeitungen vom Jahre 1820 Gerade vor 25 Jahren, beim Verlassen der Stellung, kaufte Herr De— w einen großen Pack ellter Zeitungen und seit dieser Zeit liest er dieselben, ohne sich um die Neuigkeiten zn lümmern. Der alte Diener des origi- nellen Staatsraths, dem Befehl feines Herrn folgend, legt ihm alltäglich die Nummern der alten Zeitung vom Jahre 1820 in strenger Reihenfolge vor, der alte Herr liest die Zeitung fleißig, wie man sagt von A bis Z durch und sucht sich selbst zu über- zeugen, daß AlleS daS, was in der Zeitung steht, gegenwärtig geschieht. Selbstverständlich läßt fich der originelle Etaatsrath nie in ein Gespräch mit fremden Personen ein, welche mög- licherweise gegenwärtige Verhältniffe berühren würden, und die Gesellschaft, in welcher der alte Herr seit 20 Jahren lebt, besteht aus einem Diener, einem penfioniiten Soldaten, einem Hunde und drei Papageien- Herr Dr— w wohnt auf dem Peiki, woselbst, wie man behauptet, mehrere ähnliche Originale zu finden wären. Gemeinnütziges. Vertreibung der Schweißstellen. Es kommt, abweichend von der normalen Erscheinung des SchweißKervortrittS im Sommer, bei gar Vielen vor, daß ste selbst im Winter Schweißabsonderungen haben, und zwar in der Achselhöhle, auf dem Rücken und an den Füßen- Obschon ja das bekannte Ealicylstreupulver, bestehend aus Talcum, Salicylsäure und Weizenmehl, gute Erfolge aufweist, so ist es einfacher und faß ebenso wirksam, wenn man die betreffenden Stellen mit Seifen« spirituS fortgesetzt bebandelt. Gut ist eS, wenn man de« SeifenspirituS etwas Franzbranntwein hinzusetzt. ES ist dieß Verfahren einfach und gut. Illusorischer Werth deS Arrow» Root. Das Arrow- !ttoot oder Pfeilwurzelmehl ist ein weißgraues, sehr mattei feines Puloer, das vielfach so sehr gepriesen und anderen Mehl« sorten vorgezogen wird, weit es seine besonderen Vorzüge habe» soll. Dem ist aber nicht so; denn es ist nachgewiesen worden, daß das Arrow-Root durchaus keinen Vorzug verdient, da es weder leichter verdaulich noch mehr Nährwerto befitzt, als Kar« toffel- und Weizenmehl beziehentlich Kartoffel- und Weizen« stärke. Das Arrow- Root verdient also nicht seinen Ruf als bevorzugtes Nahrungsmittel. Es verhält fich der gewöhnlichen Stärke analog, fängt aber erst bei 70 Grad zu quellen an und bildet dann einen mehr schleimigen, rein weißen Kleister. Theater» Königliches Overnhaus: Dienstag: Die Hugenotten. EchanspirlhanS: Dienstag: Die zärtlichen Verwandten._ Deutsches Theater: Dienstag: Pitt und Fox. Dienstag: Dedorah. Belleallranee« Theater: Nene« Friedrich-Wtlhelmftädtische« Theater: Dienstag: Gaiparone. Dienstag L-ntral-Theater: Alte Jakobstraße 30. Direktor: Ad. Ernst. : Zum 60. M.: Der Walzer-König._ Dienstag: Othello. Dienstag «efideu,«Theater: Direklion Anton Anno. Dienstag Dienstag Dienstag Walhalla-Operetten-Theater: : Gillette._ Louisenstädtisches Theater: Direktion Jos. FirmannS. und Mittwoch geschlossen._ Ostend-Theater: und Mittwoch geschlossen. W�tner-Theater: Halbe Dichter._ Dienstag: Sulfurina. Viktoria-Theater: Alhamka-Theater. Wallnertheaterstraße 15 Dienstag und Mittwoch geschlossen. Donnerstag: Zum 1. Male; Die Galoschen des Glücks. Am 2. Feiertag Vormittags von 11—1 Uhr: Große Matinee zum Besten der Unterstützungskasse hilfsbedülftiger Bühnen- ungehöriger.— Am 3. Feiertag: Die Zimmerleute von Berlin, oder Ein Mann aus dem Volke, Volksstück mit Gesang in 6 Bildern von G Krüscmann. vor der Vorstellung: Großes Konzert, ausgeführt von der HauSkapelle. Anfang deS Konzerts 7 Uhr, de: Vorstellung 7'/« Uhr. MWWMsjjlMMMlWsZjsWWsUlsSjW Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß meine liebe Frau heute Morgen von einem gesunden, kräftigen Jungen glücklich entbunden wurde. Berlin, den 22. Dezember 1884. 1637] F. Mitan. m i i MWW DWWWsMWfWWMWMfWWsZM Da ich durch schiedsgerichtl- Spruch vemrtbeilt bin. so nehme ich die Beleidig, v. 13 /11. 84 geg. d Mstr. Lang(Bolle u- Jordan) hiermit zurück u. erkläre, daß ders. was v. Gesellen« Arbeit versteht._ 1638_ I. A.: Das Comit?. ArbMsmmkt. Ein tüchtiger Setzer sucht sofort Kondition. Offerten unter B. C. 80 an die Expedition d. Ztg._____ m? Dienstag, d. 23. Dezbr., Abends 8'/. Uhr, im Saale deS Hrn. Heise, Lichtenbergerstr. 21, General Versammlung d7 Orts-Krankenkasse d. Böttcher Berlins. Tages-Ordnung: 1640 1. Zweimonatliche Abrechnung. 2.] Wahl des Vorstands zur Ortskrankenlasse. 3. Verschiedenes._ Der Vorstand. Der Fachverein d. Nähmaschinen-Arbeiter veranstaltet Donnerstag, 25. Dezember(1. Weihnachtsfeiertag) im Schützenhause, Linienstraße 3—5 «ine große Festlichkeit. Konzert und Ball, verbunden mit komischen Vorträgen und Gesangsaufführungen. Anfang, Abends 6 Uhr. BilletS ä 80 Pf. find in den mit Plakaten belegten Handlungen und bei den Herren Warnst, Wieienstr. 33; Beyer, Naunynstr. 71, Hof 2. Eingang 2 Tr.; Wieland, Pückler- ftraße 4, 1 Tr., zu haben. � � Die Vercinsversammlung am 2t. d. M. fallt aus. ILIO_ Der Vorstand. Präsent-Cigarren in hochfeinen Qualitäten, nur eigenes Fabrikat, in Kiste« a 25 Glück von 1,10-2,50. Kisten ä 50 Stück von 2 50 dls S SRI., sowie alle Sorten Rauch-, Kau- u- Schnupstaback«, mmit A. Kunze, _ Folfter-Stiaße Nr. 2. 1630 Gelegenheitskäufe! Beste, wenig getragene Herren- und Damen-Garderoben, von Herrschasten, oder in der Pfand!, verf., für den 3. Tbcil 3)es Werthes, sowie neue Herren- und Knaben-Garderoben jcd. Art, Wäsche u. s. w., ferner Pfandsachen jed. Art, wie Schirme, Hüte, Schuhe, Etief.l, Ubren w., Alles böchst billig. Masken- Garderoben und Ballkostüme werden jederzeit vermiethet. M. Schulz Wwe., "562 Gneisenaustr. 7a. Große Weihnachts- Ausstellung! Meinen Freunden und Bekannten beehre ich mich mitzutheilen, daß meine sämmtlichen Weihnachtssachen, Präsent- Kistchen zu II» und 50 Stück in reizender Verpackung eingetroffen find. Die große Veliebthett, welche fich meine Cigarren in kurzer Zeit erworben haben, spricht wohl am Besten für die Vorzügiichkeit meiner Waare. Alle Sorten Rauch-, Kau- und Schupftabake, Cigaretten in reichster Auswahl. Fritz Goercki, Tabak- Tl. Cigarren-Handlung. __-A-d rn 1 reil-Strasse ÜSTo. 4LO(frühere Linde). mache auf mein Alle sparsamen Hausfrauen Iotonialwaaren- und Aelikatessm-Heschäft Adtviralstr. 40, Ecke Skalitzcrstr. (frühere Linde) hierdurch aufmerlsam. Ein Jeder wird fich sofott überzeugen, daß selbst der kleinste Artikel bei mir billiger ist, als in jedem anderen Ge- schüft. Weiknackts-Preisverseicliiiiss. Zum Backen: Neue Rostnen......... Pfund 25 u. 30 Pf. Neue Sultanienen.......„ 35 u. 40 Pf. Neue Cortuten.........„ 35 Pf tSroße Mandeln.......... 90 Pf. Gemahlener Zucker...... 2 Pfund 55 Pf. Gute Backbutler........„ 90—100 Pf. Weizenmehl 00, von 5 Pfund an..„14 Pf. Kaiserauszug. Mehl, von 5 Pfd. an.„20 Pf. Zum Weihnachtstisch und-Baum: Pfefferkuchen von Otto Rugcr... Pfund 60 Pf. Wallnüsse..........» 25 u. 30 Pf. Lambertsnüsse.........„ 40 Pf. Pfefferkuchen aus Thoru in großer Auswahl zu verschiedenen Preisen. Divers. Roth«. Ungar« u. Moselweine, echte« Rum, Arrac, Cognac, in Vi, V-, V«, Ve Fl. Rügenwalder Gänsebrüste und Keulen, kleine westph. Schinken, von 5—8 Pfd. a Pfv. 1 Mark. Viele Arten Wmstwaaren; ferner Thee, sowie viele andere geeignete Sachen. Martin Jackier, Admiralstraße 40, Ecke Skalitzerstraße. 13. Zionskirchplatz 13 Geschäft für Küchencinricdtungen. Feine und grobe Hclzwaaren(Böltcherw.), Eisen-, Blech- und Cmaille-Waaren. Bürstenwaaren aus dem badiscken Schwarzwalde find in großer Auswahl wegen ihrer Güte de- fonders zu empfehlen. Da ick mit S p i e l w a a r e n räumen möchte, daS zweite Geschäft, 28 Ai'klamerstraße 28, bis zum 1. April l. I. aufgebe wegen Ausmiethung nach 5jädrigem Bestehen und wiederholter Miethssteigerung, so empfehle ich mich den Lesern dieser Zeitung. 1503]_ F. G r a g e r t. Neu eröffnet Neu erJSnet! VOLKS BAZ AR!! (Kein Abzahlungsgeschäft.) Um es auch dem weniger bemittelten Manne zu ermöglichen, seine Einkäufe mit geringen Mitteln bestreiten zu könnm, ohne in die Abrahlungs-Geschäfte gehen zu müssen, hat fich Prinzenstrassa Ho. 22 der unterzeichnete VolkS-Bazar gcbilvet, und ist derselbe durch Ersparung der tbeneren Ladenrniethe und durch Abschluß mit größeren Fabrikanten im Stande, sämmtliche unten angeführten Wo arm bedeutend billiger wie jedes andere Geschäft abzugeben. Einen geehrten Mittel- und Arbeiterstand aus unser wirklich reelles Unternehmen aufmerksam machend, steht es einem Jeden frei, ohne kaufen zu müssen, fick von der Wahrheit des oben Gesagten zu überzeugen.[1579] Herren- u. Knaben-Garderobe, Uhren u- Goldwaaren, Mannfaktnrwaaren. Betten. Singer- Nähmaschinen, Wollwaaren, Hute, Schuhe, Stiefel, Damen- und Kädchen-Mäntel. Z Berliner Volks Bazar, gf E-rto.men.str. 22 part., nahe der Wassetthorstr. � Bilt« genau auf Finna und Öausnum ner;u q etilen! Geschäfts-Empfehlung. Allen Freunden und Bekannten meines Mannes erlaube ich mir zum bevorstehenden Weihnachisfeste in vorzüglicher Güte zu reellen Preisen in jedem beliebige« Quantum bestens zu empfehlen. 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