Nr. 228. Dienstag, 30. Dezember 1884. I. Jahrg. Berliner Volksblatt. Organ für die Interessen der Arbeiter. Das ,, Berliner Volksblatt" erscheint täglich Morgens außes nach Sonn- und Fefttagen. Abonnementspreis für Berlin feet in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 3F. Boftabonnement 4 Mart. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Numer mit illuftr. Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1885 untes Nr. 746.) Jnfertionsgebühr beträgt für bie 3 gespaltene Petitzeile oder beren Raum 40 Bf. Arbeitsmarkt 10 f. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 the Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Simmerstraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaug, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion und Expedition Berlin SW., Bimmerstraße 44. Abonnements- Einladung. Mit dem 1. Januar 1. Js. eröffnen wir ein neues Abonnement auf das " Berliner Volksblatt" mit der wöchentlichen Gratis- Beilage " Illustrirtes Sonntagsblatt". Wir bliden nunmehr auf ein Bestehen von dreiviertel Jahren zurück, und der Anklang, den unser Blatt überall gefunden hat, beweist, daß wir uns mit den Ansichten unserer Leser vollständig in Uebereinstimmung befinden. Wir werden vom 1. Januar f. 33. ab vor allen Dingen unsere Aufmerksamkeit den parlamentarischen Vorgängen widmen; wir werden die Berichte aus den geseggebenden Rörperschaften so ausführlich bringen, daß wir mit den größten Berliner Zeitungen erfolgreich zu tonfurtiren im Stande find. Der Abonnementspreis beträgt für Berlin wie bisher 4 Mat pro Quartal, 1,35 pro Monat, 35 Pf. pro Woche. Bestellungen nehmen sämmtliche Spediteure, sowie die Expedition dieser Zeitung an. Für Außerhalb nehmen alle Bostanstalten Abonnements für das nächste Quartal zum Preise von 4 Mart entgegen. heeres wieder zur Berathung steht, dann ist die Zeit für Herrn Windthorst gekommen und man wird mit dem ges schickten Staatsmann des Zentrums rechnen müssen. Ohne die Zustimmung des Zentrums ist eine Verlängerung des Septennats gar nicht denkbar. Herr Windthorst müßte aber nicht Windthorst sein, wenn er nicht die Gelegenheit beim Schopfe nehmen und den Preis für seine Zustimmung möglichst hoch stellen sollte. Er wird dann wahrscheinlich nichts weniger als die Aufhebung der Maigeseze verlangen, die Regierung wird diesen hohen Preis für die Zustimmung des Zentrums aber nicht zahlen wollen. Die Kämpfe, die daraus entstehen, sollen nun nach der Prophezeihung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" derart heftig werden, daß sie ein„ Einfrieren der Reichsmaschine" zur Folge " haben. Unter Reichsmaschine" tann man nur den ganzen Regierungs- und Verwaltungsapparat des Reichs verstehen; ein ,, Einfrieren" würde also bedeuten, daß dieser Apparat Au funktioniren aufhörte und strifte. Und soll das Einfrieren" auf immer oder nur auf furze Zeit vor sich gehen? " Wir fassen diesen Ausdruck mehr als eine Drohung, benn als eine Weissagung auf. Das freiwillige" Organ der Reichsregierung beginnt seine Agitation für die Verlängerung des Septennats frühzeitig genug, schon jetzt." Wenn Die neu hinzutretenden Abonnenten erhalten den bisher hr das Septennat nicht verlängert, so wird die ganze erschienenen Theil des fesselnden Romans ,, Gesucht und gefunden" gegen Vorzeigung resp. Einsendung der Abonnements- Quittung in unserer Expedition Zimmerstraße 44, in einem Separatabzuge gratis und franko nachgeliefert. Brobenummern stehen den Freunden unserer Beltung felbft in größerer Anzahl stets zur Verfügung. Wir bitten hiervon recht ausgiebigen Gebrauch zu machen, damit das Berliner Boltsblatt" in immer weiteren Kreisen Eingang finde. Das Einfrieren der Reichsmaschine. Mit diesem etwas mysteriösen Ausdruck hat das frei willige" Drgan des Reichskanglers, die Norddeutsche Allgemeine Beitung", einen Zustand bezeichnet, der nach der nach der eintreten wird, wenn es sich im Meinung dieses Blattes Reichstage um die Verlängerung des Septennats, d. h. um die Feststellung der Präsenzstärke des Reichsheeres auf weitere fieben Jahre handeln wird. Daß es bei dieser Gelegenheit zu heftigen Rämpfen tommen wird, ist faum zu bezweifeln, wird aber dabei die ganze Reichsmaschine stille stehen und wird es nothwendig sein, daß sie steht? Wenn die Feststellung der Präsenzstärke des ReichsNachdruck verboten.] 49 Feuilleton. Gesucht und gefunden. Roman von Dr. Dur. ( Forsehung.) Indeffen Nena Sahib fürchtete diesen Feind nicht allzufehr und überließ sich mit seinen Verbündeten der Freude feiner entscheidenden Siege, welche in der Hoffnung ge= feiert wurden, daß balb kein Engländer ohne Erlaubniß eines indischen Königs den Fuß an's Land setzen dürfe. So hatte sich Nena Sahib nach jahrelangen Kämpfen ein-. mal das Vergnügen einer Jagd in den indischen Wäldern bereitet. Mit einer großen Anzahl geladener fürstlicher Personen und einem Gefolge von Hunderten von Sklaven, nebst seinem ganzen Harem war er ausgezogen nach einem Punkte der bengalischen Grenze, im Lande Bhuta, wo die Jagd sich durch Großartigkeit und Mannigfaltigkeit befonders auszeichnete. Hier hatte man eine förmliche Stadt von Belten errichtet. In der Mitte stand das königliche Belt Nena Sahib's, ausgestattet mit allem erdenklichen orientalischen Bomp; daneben das Zelt seines Harems, dann die Belte feiner Generale und Beamten, und daran reihten sich die der Gäste und der Dienerschaft; rings um diese Beltstadt war eine ziemlich starke Militärbedeckung aufgestellt. Nena Sahib hatte seinen Gästen alles mögliche Vergnügen bereiten lassen. Jeden Morgen begannen die Amüsements mit der Hinrichtung einiger hundert Gefangenen, die theils an Bäumen aufgeknüpft, theils durch die Geschicklichkeit der indischen Mefferwerfer getödtet wurden, indem man sie an Pfähle band und die Messerwerfer sie als Zielscheiben benutten, so lange bis sie verendeten. Ein anderer Theil ward von den Jagdfreunden erschossen, indem fie in weiter Entfernung aufgestellt wurden und ein förmliches Preisschießen nach ihnen stattfand. Nach diesem für die Unmenfchen sehr amüsanten Anfange folgte bie fleine Jagd auf wilde Enten, Reiher und anderes Geflügel mittelst der Jagdfalken, welche in Indien vortrefflich abgerichtet sind, dann die Jagd auf Hirsche und Rehe, Reichsmaschine einfrieren" so lautet eigentlich die an die Adresse des Reichstages gerichtete Drohung. " Nun, man wird dabei nicht gleich so ängstlich zu wer= den brauchen. Wenn die Reichsmaschine wirklich einfrieren" follte, so werden dies diejenigen zu vertreten haben, die das Einfrieren" bewirken. Aber wir glauben noch gar nicht an dieses ,, Einfrieren", wenn es auch von der Norddeutfchen Allgemeinen" in Aussicht gestellt worden ist. Wenn der Reichstag verlangt, daß die Präsenzstärke des Reichsheeres alljährlich festgesetzt werde, so überschreitet er damit weber seine Kompetenz, noch handelt er sonst irgendwie der Reichsverfassung zuwider. Wir gehören nicht zu den Leuten, die sich durch orakelhaft dunkle Aussprüche der Herren Offiziösen ins Bockshorn jagen lassen, und sind der Ansicht, daß die Redakteure des in Rede stehenden Blattes von dem, was die Zukunft bringen wird, ebenso viel oder ebenso wenig wissen als wir selbst. Ob also die Reichsregierung einfrieren wird, oder nicht, steht dahin und kann man darüber heute ebenso wenig fagen, wie über die Folgen, die ein solches ,, Einfrieren" nach sich ziehen würde. Im Anschluß daran möchten wir den Herren Offiziösen etwas mehr Bescheidenheit anrathen. Wenn sie sich geberben, als hinge die Gestaltung der Zukunft Deutschlands von dem ab, was in ihren Redaktionsbureaux geschieht, so kann ebenfalls mittelst der Jagdfalken, die so abgerichtet sind, daß sie den fliehenden Thieren folgen und ihnen im Fluge die Augen aushacken. Eine andere Variation bildete die Jagd mit den abgerichteten Jagdleoparden, und den Schlnß machte die Umstellung eines Tigers oder Löwen durch die kühnsten Jäger der Gesellschaft. Nachdem der Tag auf diese Weise ver bracht war, begannen die Vergnügungen des Abends, ein Gelage im Zelte Nena Sahib's. Wie alle orientalischen Gelage bildeten die Hauptunterhaltung des Abends die Aufführungen von Gauklern und Tänzerinnen. Die BeAufführungen von Gauklern und Tänzerinnen. dienung bei der Tafel wurde durch Sklaven bewirkt. Nena Sahib machte sich das grausame Vergnügen, die vornehmsten feiner Gefangenen, bevor er sie erschießen ließ, zu den niedrigsten Sklavendiensten zu zwingen, und so hatte man denn die eigenthümliche Erscheinung, daß man am Hofe des indischen Häuptlings lauter Europäer, namentlich Engländer, als dienstthuende Sklaven fungiren sah. Ihn er gößten die Blicke voll Wuth und Erbitterung, welche die Augen dieser Leute auf ihn und seine Umgebung schoffen. Diejenigen, auf deren Antlig man Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Verzagtheit las, langweilten den Tyrannen und diese konnten sicher sein, schon am nächsten Tage zu den Todesopfern zu zählen. Der Sklave, welcher den Auftrag hatte, neben dem Häuptling zu knien, um ihm, so oft er es wünschte, den weichgepolsterten Schemel unter die Füße zu schieben, war ein junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren. Sein lebhaftes, feuriges Auge schoß Blize voll Wuth und Ingrimm auf den Tyrannen, und dieser machte sich das Vergnügen, durch einen Fußiritt von Zeit zu Zeit seine Wuth noch mehr zu reizen. Bei der geringsten Pflichtvernachlässigung aber, die er sich zu Schulden tommen ließ, gab Nena Sahib den hinter ihm stehenden Gepanzerten einen Wink; dann wurde der Unglüdliche hinausgeführt, um einige Geißelhiebe zu empfangen und demnächst gezwungen, seinen entehrenden Dienst weiter zu verrichten. Die günstigsten Momente für ihn waren diejenigen, wo der Häuptling entzüdt von den Aufführungen der Gaukler war und in Anspruch genommen wurde durch die das bei ernften Männern nur ein Lächeln hervorrufen. Wir leben in der Zeit der raschen Veränderungen; der Dampf hat unserem Beitalter seinen haftigen Charakter aufgeprägt. Wer kann heute sagen, welche neuen Erscheinungen sich uns morgen präsentiren werden? An Propheten hat es zwar nie gefehlt, allein die Qualität ließ stets sehr zu wünschen übrig und am meisten die Qualität jener Propheten, die in den Bureaux der offiziösen Blätter steden. Politische Webersicht. St. Sylvester ist da, und wie üblich, mit ihm die Masterabenzeit. Wenn auch die Maskenscherze im Allgemeinen nur einen privaten Charakter haben, so giebt es dennoch auch folche auf politischem Gebiet, und namentlich giebt es Leute, welche sich bemühen, das politische Gebiet zu einem Ererzier feld für Harlequins zu machen. Zu einer derartigen Anschauung muß man tommen, wenn man den Spettafel betrachtet, welcher am Sonnabend auf Tivoli und im Saale der Bockbrauerei in Szene gesezt wurde. Die allbekannten antisemitischen Schreihälse, Der Ehrenmann Libermann Don Sonnenberg, ber Dr. Henrici und Der große Müller, hatten es für gut befunden, ihre allbekannten Phrasen einer sog. Vo Ifs rersammlung wieder einmal aufzutischen. Was die Herren dort zusammengeredet haben, hat nicht den geringsten Werth; ein unabhängiger Arbeiter würde sich schämen, in der Art und Weise zum Volte zu sprechen, wie diese Herren. Freilich darf man nicht vergessen, daß das Volf", welches den Phrasenwust dieser Helden für baare Münze nimmt, mit dem deutschen Volte nichts gemein hat. Das haben die Reichstagswahlen bewiesen. Männer aus dem Bolte gehen zu den Bolls"-Versammlungen des genannten Kleeblaits nur dann, wenn sie das Bedürfniß fühlen einmal den Jofus aus eigener Anschauung fennen zu lernen. Eine Volfsversammlung fennt teine erbliche Klingelprinzen; das Vergnügen, die Klingel stets in der Tasche zu tragen und den Berfit in der Versammlung als Privilegium gleich mitzu bringen, überläßt das Bolt den Leuten, welche angeblich" für seine Befreiung" eintreten. Gegner erhielten selbstver ständlich nicht das Wort; es ist nur zu bewundern, daß es immer noch Männer im Volte giebt, welche sich in solcher Ges ſellschaft zum Worte melden, um den dargebotenen Urbret zu Neu war in dem ganzen Spektakel nur die Forderung, der Reichskanzler möge doch das geheime und gleiche Wahlrecht abschaffen, damit in Zukunft nur noch Diejenigen wählen können, welche ein bestimmtes Quantum Vermögen aufzuweisen haben. Sonderbare Schwärmer diese Männ chen! Erst schimpfen sie auf das Kapital und hinterher wollen Nur so weiter, bie fie für das Kapital Privilegien haben. Sache wird wirklich heiter! Zum Militärftrafprozeß- Verfahren. In der Reichstags fitung vom 9. d. M. erklärte der Kriegsminister in seiner Erwiderung auf die Rede des Abg. v Bollmar, daß ein dringendes Bedürfniß, den Militär strafprozes zu ändern, für die preußische Armee nicht vorliege. Diese Er berühren. Produktionen der Tänzerinnen, in welchem Falle er den Sklaven nur wenig beachtete. Dies war glücklicher Weise diesen Abend häufig der Fall. Man hatte Nena Sahib angekündigt, daß unter den Sklavinnen eine Tibetanerin sich befinde, welche nicht nur ein außerordentlich schönes Mädchen sei, sondern auch vorzüglich zu singen und zu tanzen verstehe. Man führe sie herein!" befahl Nena Sahib. Was war's, das in diesem Augenblicke den Stlaven zu seinen Füßen veranlaßte, aufzuspringen und eine troẞige, fast drohende Haltung seinem Gebieter gegenüber anzunehmen? Nena Sahib maß ben Ungehorsamen Anfangs mit einem vernichtenden Blicke, dann aber zuckte ein boshaftes Lächeln um seine Lippen. Nieder, englischer Hund!" rief er.„ Gieb auf Deinen Dienst Acht!" Ich will meiuen Dienst verrichten," antwortete der junge Mann finstern Auges. Ich weigere mich nicht, da Sie die Macht haben, mich zu zwingen; aber eine Bitte laffen Sie mich aussprechen." Ha, eine Bitte," unterbrach ihn Nena Sahib, das ist originell! Der englische Hund erkühnt sich eine Bitte an mich zu richten. Habt Ihr's gehört?" Er fann einen Augenblick nach, welche exemplarische Strafe er für diese Kühnheit verhängen sollte. Wieder ward das boshafte Lächeln üm seine Lippen sichtbar, dann fagte er: Laß' hören Deine Bitte, Engländer! Ich habe es gern, wenn Engländer mich bitten; es wird bald so weit sein, daß sie Alle zu meinen Füßen liegen, die Näuber unjeres Bandes und unserer Freiheit." „ Ich bin fein Engländer, Neng Sahib," antwortete der junge Mann mit großem Freimuth, ich bin ein Deutscher und hatte nur Dienst genommen auf einem englischen Schiffe. Meine Gefangenschaft ist gegen alles Völkerrecht; ich hoffe aber einst gerächt zu werden. Ha, ha, ha!" lachte Nena Sahib und seine ganze Umgebung stimmte mit ein. Das ist ein vortrefflicher Bursche!" nahm einer der klärung wird sicher auch in Auditeurkreisen überrascht habm. Vor mehreren Jahren hatte ein Auditeur der deutschen Armee in einem Briefe an ein Reichstagsmitglied das preußische Militärstlafverfahrcn näher erörtert und dann sich, wie folgt, ausgelassen:„Das ist im Wesentlichen unser Militaroerfahren, und nun urtheilen Sie selbst, ob es Deutschland zum Ruhme gereickt, daß ein derartiges Rechtsmstitut daselbst noch existirt, daß Tausende, die das Gesetz unter die Waffen ruft, wegen der nämlichen Verbrechen, wegen deren sie in bürgerlichen Ver- Hältnissen in einem mit allen möglichen Garantien der moder- nen Rechtssprechung ausgestatteten Verfahren abgeurtheilt würden, einer Rechtssprechung unterstehen, die von allen zivili- sirten Staaten schon längst als ganz verwerflich verurtheilt ist. Ich brauche nicht weiter auszuführen, welche ungeheure Ver- antwortung bei diesem Verfahren auf einem Auditeur lastet, der, das rein formelle Institut des Gerichtsherrn und des Kriegsgerichts abgerechnet, faklisch Untersuchung einleitet und führt, die Anklage und wohl auch die Verthcivigung vertritt und schließlich auch noch aburtheilt. Es ist rein unmög- lich, daß ein Mensch bei allen diesen Funk- tionen die unbedingt«öthige Objektivität bewahren kan n." Eine Petition von Bauern des Kreises Düren um Einführung eines Getreidezolles von 5 M. p r. Doppelzentner ist vom Reichskanzler dem Bundes- rath unterbreitet worden. Sic zeichnet sich vor anderen agra- rischcn Petitionen keineswegs durch das Gewicht sachlicher Begründung aus, dagegen übertrifft sie dieselben allerdings sämmtlich weit in der Höhe der Zollschutzforderung und in der Berechnung des finanziellen Erträgnisses höherer Getreidezöll«. Für die darin beantragte Verfünffachung der bestehenden Zölle, welche in keiner anderen Petition verlangt wird, werden genau dieselben Gründe geltend gemacht, mit welchen in anderen die Verdreifachung motivirt werden so?. Der Angade. daß Amerika den Doppelzentner Weizen zu 9—10 M. Selbstkosten produ- ziren könne, wird man jedenfalls eine besondere Beweiskraft nicht beilegen können. Noch schwächer ist es fteilich mit der Berechnung des finanziellen Ertrages der höheren Zölle bestellt. In der Petition heißt es darüber:„Ein Zweifel an der Roth- wendigkeit der Zufuhr an Getreide aus dem Ausland ist dabei (beim Zollsatz von 5 M.) ausgeschlossen, wenn man bedenkt, daß die Einfuhr an Getreide nach Deutschland bereits 1878 die Ausfuhr um 31 Millionen Doppelzentner, im Jahre 1881 um 33 Millionen, im Jahre 1882 um 39 Millionen überstiegen hatte und augenblicklich 45 Millionen erreicht hat... Nehmen wir an, es würden bei Einführung eines Zolles von von 5 M. pro Doppelzentner jedes Jahr 40 Millionen Doppelzentner mehr ein- als ausgeführt, eine Zahl, welche mit der steten Abnahme des anbaufädigen Bodens steigen muß, so würde das dem Staate eine Ernnahme für die nächsten Jahre von mindestens 200 Millionen Mark repräsenttren." — Diese Berechnung, deren Resultat selbst das aus dem Tabakmonopol erhoffte Erträgniß noch weit überragt, ist nur dadurch möglich geworden, daß den Dürencr Bauern eine Ver- wechselung von Zentnern mit Doppelzentnern pasfirt ist. Der Ucberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr von Getreide hat in Deutschland niemals 40 Millionen Doppelzentner betragen. Im Jahre 1882, auf welches die Petition hinweist, bezifferte sich dieser Uebcrschuß bei Weizen auf 6 247 390 Doppeizenlner, bei Roggen auf 6425 242, bei Hafer auf 2490891, bei Gerste auf 2 929 050, bei Mais auf 944 383, bei Buchweizen auf 144 913, bei Mal, auf 425 099 Doppelzentner. Diefe Mengen ergeben einen G-sammtüberschuß der Einsuhr von rund 19'/- Millionen Doppelzentner oder 39 Millionen einfache Zentner, während die Dürener Bauern auch bei der letztem Ziffer irrthümlich die Bezeichnung„Doppelzentner" onaeweudet haben. Sollte es ihnen in der That in ihren Berechnungen auf ein Hundert Millionen Mark mehr oder weniger nicht an- kommen V Wenn der Bundesrath aber durch eigenes Studium sich davon überzeugen will, was in einer Petition zusammen- geschrieben und zusammengerechnet werden kann, so wird er dafür keine bessere Unterlage finden können, als die Petition der Bauern des Kreises Düren. Greiz. Amtliches Reichstagswabl-Re- s u l t a t- Von 6898 Stimmen erhielt W i e m e r(Sozialist) 3843, Landgerichtsdirektor Lieb mann(Konservativ) 2953. Elfterer ist somit gewählt. Die Statistik der Zwangsveräußerungen landwirth- schaftlicher Anwesen in Bauern, welche ihrer Genauigkeit wegen mit besonderem Interesse verfolgt wird, ist in der kürz- lich erschienenen Zeitschrrst des königl. bayniichen statistischen Bureaus bis auf 1883 fortgeführt. Sie ergiebt das erfreuliche Faktum, daß die Zahl der zur ZwangSvcräußerung gelangenden ländlichen Grundstücke von Jahr zu Jahr abnimmt. 1880 waren dies 3739, 1881 2739, 1882 2071 und 1883 1803. Die ahl ist also in 3 Jahren um über 100 pCt. zurückgegangen. benlo hat sich auch, und zwar in noch beträchtlicherem Maße, der Flächeninhalt der in Subhastatson gekommenen Grund- stücke verringert! 1880 betrug derselbe 30059 Hektar, 1881 21 252, 1882 15 665 und 1883 12 696 Hektar. Da die durch- schnittliche Größe eines subhastirten AnwesenS von 1880 bis Gäste deS Häuptlings das Wort;„der Fall ist selten, daß ein Sklave droht. Es wäre schade ihn zu erschießen, ein solches Exemplar bekommt man nicht leicht wieder." „Aus dem Grunde nur lebt er auch noch," sagte Nena Sahib;„er macht mir besonderes Vergnügen... Deine Bitte, Bursche, sprich sie aus!" „Ich bitte, daß Sie des Mädchens schonen und es nicht zu Ihrem Dienste zwingen. Sie ist ungerecht gefangen, wie ich. Ihr habt an ihr so wenig Recht, wie an mir. Sie ist eine Tibetanerin, und ihre Nation gehört nicht zu Euren Feinden, so wenig wie die meine." „Ah!" rief einer der Generale Nena Sahib'S,„diese Bitte begreife ich! Der Bursche ist verliebt in das Mab» chen: wir fingen ihn bei dem Versuche, sie aus unseren Händen zu befreien." „Ist es wahr," fragte Nena Sahib,„daß Du das Mädchen liebst?" „Ich sah sie auf unserem Schiffe, daß sie ihrer Hei- math zuführen sollte. Unvorsichtiger Weise verließ sie un- seren Schutz und fiel in die Hände indischer Horden." „Du liebst sie?" wiederholte Nena Sahib. „Ich leugne eS nicht! Ich versprach ihr meinen Schutz so lange ich lebe, und ich halte mein Versprechen. Es ist die erste Bitte, welche ich seit den vielen Monaten meiner Gefangenschaft ausspreche." „ES freut mich das zu hören.... Sehib"— wandte er sich an seinen Hausminister—„nachdem die Sklavin getanzt hat, soll sie nach der Zeltwache gebracht werden, und dort mögen die Leute mit ihr anfangen, wae sie für gut halten. Der Bursche hier wird in Ketten gelegt unß soll Zuschaue? tein." sterbe ich!" etüärie fckl jungt Mann. „Richt eher, aber vielleicht später... Nieder! Hund!" „Ich weigere mich, den Dienst ferner zu verrichten," erklärte der Sklave erregt und sich nicht vom Platze rüh- rend.„Monate lang habe ich dies elende Dasein geführt, geduld'.o, wenn mir auch das Blut kochte, weil ich leben wollte, um einst Nuna zu besitzen. Wenn Ihr sie mir raubt, so will ich auch nicht leben. Ermordet mich auf der Stelle, ich verlichte keinen Dienst mehr; aber wehe Euch, 1883 von 8ro auf 7,o Hektar zurückgegangen ist, partizlpiren augenscheinlich die größeren Grundstücke an der Abnahme mehr als die kleinen. Außer Bewirthschastung standen von den 1883 zur Zwangsversteigerung gelangten Grundstücken 349 (1882 353, 1880 953) mit 1802 Hektar Ftächeninhalt(1882 1731 Hektar, 1880 5394 Hektar); am Schluß des Jahres 1883 blieben außer Bewirthschastung 180 Anwesen mit 1326 Heftar, d. i. 6 Anwesen mit 71 Hektar mehr als Ende 1882. Es scheint hiernach, als wenn Ende 1883 die Besserung der Ver- Hältnisse ihren Höhepunkt bereits überschritten hat. Aus Württemberg, lieber das Geschworenen- Institut macht der„ S t.- A n z.", anknüpfend an einen einzelnen Versuch, sich der Geschworenenpflicht zu entziehen, folgende Anmerkung:„Die von so vielen Geschworenen ge- machten Versuche, womöglich der ihnen obliegenden Verpflich- tung, sei es mit berechtigten, sei es mit unberechtigten Mitteln, sich zu entziehen, bildet einen auffallenden Gegensatz gegen die von gewisser Seite mit großer Sicherheit stets wiederholte Be- hauptung, die Beibehaltung des Geschworenengerichts sei ein dringender Wunsch der Mehrheit des Volkes." Auf„gewisser Seite",— so antwortet der„Beobachter",— könnte man mit demselben Rechte bemerken, daß die Angriffe, welche die Regierungsprcsse gegen alle dem Schutze der Volks- und Freiheitsrcchte dienenden Einrichtungen systematisch richtet, das Rcchtsbewußtsein und die Selbstständigkeit dermaßen bei den Bürgern untergraben, daß sie allmälig das Interesse und die Energie, aus eigener Kraft ihr« Rechte zu wahren, verlieren- Oder was würde der„ S t.- A n z." sagen, wenn auS dem Umstand, daß in Deutschland jährlich Tausende und aber Taufende sich der Militärpflicht entziehen, gefolgert würde, unsere Militäreinrichtungen„seien bei der Mehrheit des Belkes" verhaßt? Straßburg. Wie das unterdrückte„ O d i l i c n b l a t t" durch ein anderes klerikales Blatt„Der E l s ä s s e r" er- setzt werden sollte, ein Versuch, der von der Behörde nicht gc- stattet wurde, so hat in diesen Tagen auch der Verleger der ebenfalls verbotenen„Union" ein neues katholisches Blatt „Der Volksbote" angekündigt. Die obrigkeitliche Ge- nehmigung zur H-rauSgabe desselben wurde jedoch verweigert, da der„Volksbote" als eine offenbare Fortsetzung der„Union" anzusehen wäre. Oesterreich. In der Ruine Rieseuburg bei Ossegg(Böh- men) wurden, nach einer Meldung der„Bohemia", mehrere Anarchisten(?), die stch dort zu einer Sitzung einfanden, über- rascht und verhaftet. Die Verhafteten find zumeist Arbeiter aus der Gegend, sowie aus Eichwald und Seestadt!. Die Verhaf- tung nahm der Teplitzer Bczirkshauptmann unter starker Gen- darmerie-Asfistcnz vor. Die Anarchisten werden dem Präger Strafgerichte eingeliefert werden.— Wahrscheinlich wird sich wieder herausstellen, daß die hohe Polizei statt Anarchisten schlichte, harmlose Arbeiter ergliyen hat. Die schwarzgelben Nachbarn, resv. ihre Behörden, würden gut thun, wenn sie weniger gruselige Nachrichten in die Welt setzten, und ihre Auf- merkiamkeit mehr den durch und dmch verfaulten Zuständen im Lande zriwendeien.— In Wien fand am Sonntag eine von 2000 Arbeitern besuchte Versammlung statt; in derselben wurde zunächst eine Zuschrift drs Pclrzeidirektors verlesen, daß die persönliche Theiinahme des deutschen Abgeordneten Lieb- knecht nicht geduldet ft«, da ihm der Aufenthalt in Wien nicht gestattet werden könne.(Liebknecht war von den Wiener Arbeitern eingeladen) Tbatsächlrck wurde hiervon Liedknecht früher aolfirt und kam nicht. Sämmtliche Redner besprachen die Stellung der Sozialdemok-.atie zu den übrigen polrti chen Pafteien und deren Presse, wobei sie den Antisemitismus ver- uithcilten. Ein Zusammengehen sei weder mit der liberalen noch mit der feudal-klcrikalcn Partei möglich. Frankreich. Der französische Senat nahm in der Eonnabend-Vo mittagssitzung mehrere Artikel des Einnahme- budgets an. Balbie und Büffet bekämpflen Artikel 9, welcher religiösen Ordeasgesellschaften eine Steuer auferlegt, als schäd- lich für die Jnrcressen der Armen. Der erste Paragraph, welcher das Prinzip der Steuer festsetzt, wurde mit 167 gegen 102 Stimmen angenommen. In der NachmittagSfitzung gab der Artikel 9 des Einnahmebudgets zu einer längeren Drbatie Veranlassung; hierauf wurden sämmtliche Artikel des Ein« nahmcbudgets einzeln dumderathen und genehmigt. Bei der Abstimmung über das Einnahmebudget im Ganzen, wurde dasselbe mit 174 gegen 34 Stimmen angenommen. Tie Rechte enthielt fich hierbei der Abstimmung und ließ erklären, daß fie ein Budget nicht votiren könne, welches die dem Senate zu- stehenden Finanzrechte verletze.— In der Kammer legte Tirard einen Gesetzentwurf vor, betr. die Bewilligung von einer Millardc pro erstes Ouartal 1885.— Die Gambettisten feierten vorgestern daS Andenken ihres dahingeschiedenen Meisters mit einem von dem ehemaligen Wahlkomrts Gam- betta veranstalteten großen Bankelt im Elysee-Menilmontant (Belleville). Rußland, lieber Blüthen der russtichen Zensur wird der „Germania" geschrieben: In der im Jahre 1883 von der Zensur durchgesehenen Gebetbüchern, sind verschiedene Gebete und Lieder zugestutzt oder verändert worden. So hat diese mein Blut wird über Euch kommen, denn ich bin ein Deut» scher und gehöre nicht zu Euren Feinden; Ihr habt kein Recht über mein Leben!" „Wie heißt der Bursche?" fragte einer der Generale. „Mir scheint wahrlich, er ist kein Engländer, eine solche Sprache habe ich von einem Engländer nie gehört." „Ich heiße Martin Rodenburg, bin geboren in Ham- bürg und war zweiter Steuermann auf dem englischen Schiffe „König Richard". „Also im Dienste der Engländer gestanden?" fragte Nena Sahib.„DaS genügt, Freund!" Er gab der hinter ihm siehenden Wache einen Wink. Martin Rodenburg ward sofort von ihnen ergriffen; man legte ihm Ketten an und ließ ihn an einem Ende des Saales stehen, während man du'ch die gegenüberliegende Thür die Sklavin einführte, welche vor Nena Sahib tanzen und singen sollte. Es war in der That eine wunderbare Erscheinung. Die Tibetanerinnen stehen in dem Rufe, die schönsten Mäd- chen von der Welt zu sein, und diesen Ruf rechtfertigte das Mädchen vollkommen. Die langen Wimpern ihrer dunklen Augen gesenkt, trat fie in ihrem reich mit Perlen besetzten Gewände ein und blieb an der Thür stehen. „Du sollst tanzen!" befahl ihr der Sehib. Sie rührte sich nicht. „Weißt Du, daß Du des TodeS bist, wenn Du nicht gehorchst?" flüsterte ihr der Hausminister zu. Sie erhob mit einem Blicke voll unendlicher Verach- tung ihr Auge zu dem Sehib und ließ es dann langsam über die übrigen Anwesenden deS Saale» gleiten. Da be» gegnete sie dem Blicke Martins, welcher gefeffelt ihr gegen» über stand, und nun machte ihre Miene der Verachtung der eines wilden Zornes Platz. Ihre Lippen schloffen sich im Trotz, sie regte kein Glied. „Wird die Sklavin tanzen?" schrie Nena Sahib.„Oder weigert sie sich gar?... Ha, wir haben Mittel, den Trotz zu beugen!" „Thue es, Nuna!" rief Martin.„Neize nicht die Wuth des Tyrannen gegen Dich, eS ist sonst um Dein Leben geschehen." Behörde ein Gebet„für die Behörden" eingesetzt, welches fol- gendermaßen lautet:„Gott, durch Deffen Geist die ganze Kirche erhellt und regiert wird! Ich danke Dir für die Wohl- thaten und die Gnade, die Du uns durch unsere Behörden zuführst. Gieb Ihnen dafür die zeitige und ewige Belohnung. Bewirke es, daß Sie Ihre Macht im Einklang mit Deinem h. Willen gebrauchen und daß wir uns Ihnen willig und ohne Murren unterwerfen. Sende Ihnen, Gott, die Weisheit und die Gnade, daß Sie Alle und in Allem das Wohl unsere! Vaterlandes Rußland bezwecken und von Deiner Wahrheu nicht abweichen. Beschirme Sie mit Deiner himmlischen Kraff damit Sie immer unter Deiner Obhut bleiben und das erreichen, um was Sie Dick bitten. Dmch unfern Herrn ic." Großdritavnie«. In Portsmouth lief vorgestern voin Kriegsministcrium der telegraphische Befehl ein, alle entbehr- lichen Mannschaften der Artillerie im südlichen Distrikt, welche bereits 3 Monate gedient baben, in Bereitschaft für die unver- zügliche Einschiffung nach Gibraltar in dringlichem Dienste zu halten. Dieser Befehl wird d-n gegenwärtigen verwickelten Zuständen in Egypten und andc.'wälts zugeschrieben und man glaubt, er deute an, daß eine große Reserve für den au!- wärligen Dienst gebildet und in den Stationen des mittel' ländischen Meeres cinquartirt werden l oll.— In der am 23. d. M. abgehaltenen ordentlichen Generalversammlung der Aktionäre der Submarine Kontinental-Eisenvahn-GeseUschast wurLe der Vorschlag der Direktoren, dem /-rrlament im nächsten Jahre wiederum ein Bill zu Gunsten der Fortsetzung des Baues des unterseeischen Tunnels zr?ischen England und Frankreich zu Unterbetten, geff�bmigl. Nord- Amerika. Die Kohlengrubenbesitzec in �ienm sylvanien richten ihr Augenmerk auf anspruchslose, bescheiden| Arbeiter. Da aber die amerikanischen Arbeiter diese Eigen-, schaften nicht in so hohem Grade besitzen, wie manche Arbeiter aus anderen Ländern, so suchen die Gesellschaften sich die an- spruchslosen Ardciler aus dem Auslande zu beschaffen. Zum Handel mit Menschen fiaden fich immer Agenten bereit, Italiener, Polen und Ungarn werden von ihnen schaarcnweiscn an die Kohlcngrudenbefitzer verhandelt, fie verdrängen die ein- beimischen Arbeiter und erzeugen dadurch unter denselben einen Haß, der nicht selten in Tätlichkeiten ausartet. Die Verachtung gegen diese bescheidenen Arbeiter wird noch durch ihre Schmutzigkeit, und durch die Gefahren, welche sie bei der Un» kenntniß ver Arbeit in den Kohlengruben, auf ihre Mitarbetter heraufbeschwören, bedeutend vergrößert. Unter solchen Um- ständen darf man stch nicht wundern, wenn es ad und zu zu ernstlichen Kämpfen, zwischen den einheimischen und imporlirten Arbeitern kommt. Von einen solchen Kampf melvct eine soeben aus New-Nork eingetroffene Depesche folgendes:„Bei Tie- mcnt, Pennsylvanien, griffen gestem Nacht 75 wohlbewaffncte Kohlengrubenar bester etwa hundert Ungarn, welche von der Philadelphia and Reading Goal and Jron Company einge- führt worden waren, an, indem sie das Gebäude, wo die Ungarn schliefen, stürmten und in dasselbe ein halbes Dutzend Salven abfeuerten. Von den erschreckten Insassen, welche zu fliehen suchten, wurden viele ernstlich verwundet. K o k K t e s. Vei dem diesjährigen Kartoffelbau für arme Fami- lien hat die Armendirektion im Ganzen 107 Hektare(428 Morgen) Ackerland vermiethet, davon fast 57 Hektare auf ver Ostscite Berlins. 38*1« auf der Nordseite und 12'A auf der Südwestseite. Die Gesammtkosten haben 37,528 M. betragen, davon kommen 22,844 M auf die Pacht des Landes, 7820 M- auf die Suaikartoffeln, der Rest auf Verwaltungs-, Vermessungs-, Parzcllirungs- und andere Kosten. Ausgegeben wurden im Ganzen an arme Familien auf der Ostseite Bertins 1415 Parzellen, nach dec Noidsette 956 Parzellen, nach ber Südwest» scite 302 Parzellen, zusammen also 2672 Parzellen, deren jede so viel Kartoffeln brachte, daß eine arme Familie ihren Win- tcrbedarf gewann. Für jede Parzelle mußten 8,45 Mark von den Benutzern aufgebracht werden, wodurch ein TKeil der Kosten gedeckt wurde; den Rest der Kosten mit 15,129 Mark übernahm die Sladtkasse. Dieselbe schoß mithin die nur ge- ringe Summe von etwa 6 Mark auf den Kopf zu.„Auch diesmal erwies stch(wie die„Nut-Zig." schreibt) wieder der städtische Kartoffrlbau für Arme als eine sehr wohlthätige Ein- richtung. r. Der verflossene Sonntag, der letzte im alten Jahre, brachte für viele Restdenzhewohner noch eine unliebsame lieber« raschung, nachdem ihnen freudige Ueberraschungen zum Weih» nachtefeste in mehr oder minder reichem Maße bereits zu Thell geworden waren, nämlich eine Steigerung der Wohnungsmielhe seitens der geldbevürftigen Herren HauSbesttzer. Mit einem Miethsausschlage find namentlich die mittleren und kleinen Wohnungen der Vorstädte bedacht worden, welche nachgerade bereits so hoch im Preise stehen, daß es dem kleinen Manne, resp. den Arbeitern bald nicht mehr möglich sein wttd„ in den sogenannten„Arbeitervierteln" eine Wohnung beziehen zu können. Wo soll Alles herkommen? fragt so mancher Familien- vatcr und sorgenvoll richtet fich sein Blick in die Zukunft. Sie schüttelte langsam den Kopf. Da gerieth Nena Sahib in Zorn; er erhob sich, zog seinen Dolch und stürzte auf das Mädchen zu. Bewegungslos blieb sie st-chen und erwartete den tödtlichen Stoß. Die Ruhe und Todesver- achtung imponirten dem Tyrannen; die bereits zum Todes- stoße erhobene Hand sank wieder, und er überlegte, ob diese Strafe grausam genug sei. Der Tod schien ihm zu wenig. Wahrlich, er hatte andere Qualen für sie ersonnen. „Führt sie fort!" wandte er sich an den Sehib.„Sie wird erst diese Nacht auf der Wache zubringen; sie soll den Soldaten preisgegeben sein, in Gegenwart ihres Geliebten. Thut, wie ich befohlen habe.— Sie wird erst morgen sterben!"———- Man hatte die Tänzerin und den gefesselten Sklaven kaum abgeführt, als der Hauptmann der Wache mit ua- ruhigem Gesicht plötzlich eintrat und einem der Generale etwas zuflüsterte. Dieser erhob sich sofort und näherte sich Nena Sahib. „Was giebt's?" fragte dieser, ihn ahnungsvoll und mit Unruhe anblickend. „Majestät," sagte der General,„die Truppen von Audh sind in der Nähe. Man hat von Bhuta ohne Zweifel ihre Hilfe requirirt." In diesem Augenblicke veränderte sich die gesammte Szenerie. Nena Sahib stand auf, sein Gefolge that daS» selbe. Die Dienerschaft, die Tänzerinnen und Gaukler verschwanden, und im-ächfien Augenblicke hatte das Lager ein kriegerisches Aussehen. Während di. T-uppen fich sammelten, wurden die Zelte mit einer unglaublichen Schnelligkeit abgebrochen; der königliche Harem ward in die für denselben bestimmten Wagen gebracht.; die Ele- phanten mit den Schätzen des Lagers beladen, die Sklaven in Ketten gelegt und unter gehörige Bewachung gestellt. Am Morgen beim ersten Tagesgrauen war Alles zum Abzug bereit. Während der Nacht waren verschiedene Meldungen eingelaufen, welche immer beunruhigender klangen. Neaa Sahib wußic, daß er einer großen Uebermacht gegenüber sühe, und daß es aller seiner Umsicht und Kühnheit be- dürfe, um den beabsichtigten Ueberfall abzuwehren. DaS Kaum ist das Weihnachtsfest mit seinen Konsequenzen vorüber, so klopft schon wieder das„neue Jahr" an seine Thür und mit ihm zualeich eine ganze Reihe von Leuten, die alle das Bedürfnis haben, ihm zum Jahreswechsel Glück zu wünschen. Seufzend greift er in die Tasche und stattet dem Gratulanten in landesüblicher Münze seinen Tank ab, dabei verstohlen die Häupter seiner Lieben überzählend. Doch, ach, von allen ver- blieb ihm kaum die fällige Wohnungsmiethe und vielfach ist auch diese flöten gegangen. Und nun gar noch eine Mieths- steigerung! Wie bilterer Hohn erscheinen die Glückwünsche zum neuen Jahre; dem Armen klingt einzig und allein das Mabnwort in die Ohren: Thu' Geld in Deinen Bcutel! Woher aber dieses nehmen? DaS ist eine Rärhselfrape, deren Lösung von dem kommenden Jahre erhofft wird. Möge es alle berechtigten Erwartungen erfüllen und des Lebens Räthsel zu Aller Zufriedenheit lösen! g. I» eiuer recht leichtfertige» Weise halte der Privatier®. in der Königgratzerstraße am heiligen Abend drei ehrbare Hausdiener einer hrefigen rcnommirten Firma in der Leipzigerstraße in den Verdacht eines Diebstahl gebracht und fie auf einige Zeit ihrer Freiheit deraubt. Die gedachten Hausdiener hatten von ihren Prinzipalen den Auftrog erhalten, einen größeren werthvollen Gegenstand zu dem Privatier G. zu befördern. In der Wohnung des Privatiers G. angekommen, wurde ihnen angewiesen, den Gegenstand in jenem Zimmer aufzustellen, in welchem sich ein großer ausgeschmückter Weih- nachtkbaum befand, unter dessen breiten Zweigen auf einem Tisch zahlreiche und werthvolle Präsente lagen. Noch mit dem Auspacken des Gegenstandes dcschäftigr, vermißte der Hausherr plötzlich eine Rolle mit Gold, welcher auf den Weih» nachtstisch gelegen hatte. Sofort lenkte fich sein Verdacht auf die drei Hausdiener, welche ihre Unschulv betheucrten und an- führten, daß sie bereits 16, 12 und 8 Jahre fich in ihren Stellungen bei der betreffenden Firma befänden und damit den Beweis zu liefern suchten, daß sie durchaus ehrlich seien. Der Hausherr glaubte aber seiner Sache sicher zu sein, ver- schloß die Thürcn des Zinrmers und ließ einen Kriminalbe- amten herbeirufen. Als derselbe noch Verlauf von etwa einer Stunde erschien und fich über die Art der gemochten Cnt- dcckung des Verschwindcns der Goldrolle und die langjährige Thätigkeit der Hausdiener informirt hatte, sprach er sofort seine Zweifel über die Thäterschast der Beschuldigten aus. Er sah der halb auch zunächst von einer Leibesvisitation derselben ab und nahm eine genaue Durchsuchung des Zimmers vor, welche seine Zweifel in ihrem ganzen Umfange bestätigen sollte. Denn es wurde die Goldrollc hinter einem Möbelstück gesun- den, wohin fie, vom Tisch gefallen, nur hingerollt sein kann, eine Annahme, die um so wahrscheinlicher ist, als die Haus- frau sich während der Anwesenheit der Hausdiener in dem Zimmer an dem Weihnachtstisch hatte zu schassen gemocht. t. DeS Lebens ungemischte Frende ward keinem Sterbliche» zu Theil t Die traurige Wahrheit dieses Dichter- wortcs erfuhren an den Wcihnachtsfeicrtagen viele Berlinrr, welche dem lockenden Tanzvergnügen eine» Gang ins Tkeatcr oder in den Zirkus Renz vorgezogen hatten. Schon zu Mittag lautete an fast allen Kassen die Paroler„Ausverkauft!" ob- gleich hier die Bezeichnung„aufgekauft" zutreffender gewesen wäre und zwar aufgekauft durch ein Heer von Billethändlcrn, welche, auf die allgemeine Fcststimmung spekulircnd, zahlreicher als je am Platze waren. Die Unsitte dcS Billcthandcls macht sich bei derartigen außergewöhnlichen Gelegenheiten besonders fühlbar, indem zumeist diejenigen darunter zu leiden haben, welche, um fich auch einmal als Mensch unter Menschen zu fühlen, sich wenigstens an den Feiertagen ein kleines Vcrgnü- gen gönnen wollen und nun zum Theater rcsp. Zirkus pilgern, um sich auf harmlose Weise einige Stunden zu amüstren. Wollen sie nicht gänzlich auf das langersehnte Vergnügen Ver- zichl leisten, so sind sie genöihigt, den Billetmardern womög- lich den doppellen Kassenpreis für ein Bellet zu zahlen,� was füc sie gleichbedeutend Ot mit„zu Hause bleiben" am nächsten Tag», da der erlegte Mehrbetrag zur Deckung der Unkosten des nächsten Tages bestimmt war. Die lUbersülluirg des Theater beweist, daß die Billethändler«in brillantes Geschäft gemacdt haben, freilich auf Kosten der Armen, welche ihre kurze Feier tagsfreud- theuer bezahlen mußten. In einem Spielwaaren-Lager in der Friedlichstraße- soll in voriger Woche, wie einige hiesige Zeitungen vor einigen Taxen unter der Spitzmarke:„Eingebrochen und chlorvkornnrt" berichteten, ein verwegener, aber ertolglos geblubener Einbruch ausgeführt worden sein, wobei die Geschästsinhaberin bewußtlos gemacht worden sei. Nach den amtlichen Feststellungen ist der Sachverhalt ganz und gar unrichtig dargestellt. Der richtige Sachverhalt war folgender: In der Nacht vom 18. zum 19. d. MW- fand der in dem beir. Theil der Friedrichstraße statio- nirte Nachtwächter die Jalousien des Spiclwoaren-Lagers eines Fräulein T- nicht herabgelassen und die Ladenthür nicht ver- schloffen. Er betrat daher mit einem Schutzmann, zu dem fich auch noch der Nachtwachmeister gesellte, den Laden und weckte die Geschäftsinhaberin, die in einem hinter dem Laden liegen- den Zimmer schlief, um die Ladenthür schließen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit haben die Beamten Wachsstreichhölzer beLager befand sich in der Nähe eines Sees. Die Truppen von Audh hatten den See umgangen und ein Rückzug Nena SahibS war also unmöglich. ES galt, sich durch Angreifer hindurchzuschlagen, was um so schwieriger war wegen des ungeheuren Transporte», den er mit sich führte. Vor dem Lager breitete sich ein fast undurchdringlicher Wald auS, der nur an wenigen Stellen die Fortbewegung solcher Truppen- und Transportmassen gestattete. Von wo aus der Angriff erfolgen würde, konnte nicht abgesehen werden. Rena Sahib erwartete denselben nicht, sondern beschloß, die Offensive zu ergreifen. An der Spitze von fünf Jnfantericregimentern und einem Kavallerieregiment suchte er fich und seinem Transporte den Weg zu bahnen. Da, wo der Wald sich ein wenig öffnete, in einem Dcsilee von Bergen und Schluchten, lag der Feind versteckt, und sobald Rena Sahib mit seiner Streitkraft sich diesem Punkte näherte, wurde er von allen Seiten zugleich an- 0C8r Ein heißer, mörderischer Kampf begann. Die Rebellen waren hier offenbar im Nachtheile, denn sie wurden auS hundert Hinterhalten beschossen und nirgends war Nena Sahib zu einem offenen Angriff Gelegenheit gegeben. Die Folge war, daß sich feine Truppen in wildester Flucht auflösten, daß Jeder nur darauf bedacht war, sich zu retten und ein Zusammenhalten nicht mehr zu erreichen war. Es fehlte nicht viel, so wäre hier der gefürchtete Führer der Nebellen selber dem Feinde in die Hände gefallen; allein er entkam in das Dickicht der undurchdringlichen Wälder. Sein ganzes Gefolge aber, feine Schätze, fein Harem, feine Dienerschaft, seine Sklaven fielen in die Hände seiner Feinde, und im Triumphe führte man diese Trophäen zurück nach Lakno, der Hauptstadt von Audh. Zweites Kapitel. Während Nena Sahib und ein großer Theil der unterworfenen indischen Fürsten so mit Wuth und Erbitte- rung um die Wiedergewinnung der verlorenen Freiheit kämpften, hatten andere Fürsten—„Nabobi" hatte fie Max Slrahlenau genannt— es für besser gehalten, sich nutzt und zur Erde geworfen. AIS Fäulein T. auf dm Zuruf der Beamten aus dem Schlaf erwacht war, glaubte fie im ersten Moment, daß Diebe in ihrem Laden eingebrochen wären, und sie schrie um Hilfe, bis es endlich den Beamten gelang, fie über den Vorgang aufzuklären- Es waren, wie bei der so- fortigen Besichtigung des Waarenlagers festgestellt wurde, Schübe und Schränke nicht aufgezogen, und es ist überhaupt ein Diebstahl nicht versucht oder beabsichtigt worden. N. Sturz ans dem Fenster. In selbstmörderischer Ab- ficht stürzte sich heute früh KV- Uhr eine in dem Hause Ritter- straße 14 wohnende Tiscklerfrau Charlotte Kaiser aus dem Fenster ihrer in der 2. Etage belegenen Wohnung auf den geflasterten Hof. Die K. fiel so unglücklich auf den Kopf, daß fie eine Zerschmetterung der Schävcldecke erlitt und sofort, ehe noch ein Arzt hinzugerufen werden konnte, verstarb. Di: Un- glückliche soll nach Aussage von Hausbewohnern schon zweimal den Versuch gemacht haben, sich das Leben zu nehmen, jedes- mal aber daran durch daS Dazwischenkommen von Angehörigen verhindert worden sein- Der Ehemann der K. b-findet fich zur Zeit an einem epileptischen Leiden in der Königlichen Charit« und soll sein Zustand ebenfalls ein sehr bedenklicher sein. Die Leiche der Frau K. rvurde nach Anordnung Ver Polizei- Bc- Hörde nach dem Obdultionshaus geschafft. Einen gefährlichen Lnftsprung matte am Weihnachts- Heiligabend der am Säuserwahnstnn leidende„Arbeiter" Lehmann aus d:m Fenster seiner zwei Trepprn hoch belegenen Wohnung in den Cementhäusern der Thürschmidtstraße zu Rummelsburg. Der Kranke halte das gesammte Mobiliar in der dürftige» Wohnung zusammengcrragcn und, nachdem er fich in der Wohnung eingeschlossen, dasselbe mit einer Axt zu Trümmern zerschlagen. Als er das Vernichtunpswerl vollendet, nß er das Fenster auf und stürzte stch in den.Hof hinab. Hier erhob er fich sofort wieder und lief, laut um Hilfe rufend, er werde von 130 Schutzleuten verfolgt, die beiden Treppen hin- auf. In dem Zimmer sah es gräßlich aus. Der Fußboden war von Blut gefärbt, da der Wahnsinnige mit den bloßen Füßen in Glasscherben umhergesprungen war. Ilm den Leib hatte er stch die gesammten Kleidungsstücke seiner Ehefrau de- festigt. Nur diesem Umstände mag es zu danken gewesen sein, daß er keine Gliedmaßen gebrochen hat. Der Kranke wurde gefesselt und verfiel dann in einen tiefen Schlaf, in welchem er noch am zweiten Feiertag ohne Besinnung lag. N. Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Ein Un- fall, der bereits den Tod eines Menschm zur Folge hatte, trug fich, wie nachträglich erst zur weiteren Kenntniß gelangt, in der Nacht vom ersten zum zweiten Feiertag in dem Haust Posencr straße 6 zu. Ein dort in der zweiten Etage wohnender Arbeiter Friedrich Böttcher war, als er Nachts 11'/- Uhr nach Haust kam, beim Pasfiren der Treppe anscheinend fehl gc- treten und dirselbe so rücklings herabgestürzt. Hinzueilende Hausbewobner fanden B. mit dem Kopf nach unten auf den Treppenstufen liegend aus einer klaffenden Wunde heftig blutend. Ä. wurde sofort, da noch Lebenszeichen in ihm wahr- genommen wurden, nach Anlegung eines NothverbsndeZ von seinem Wirthe, einem Arbeiter Grothe, per Droschke nach dem städiischen allgemeinen Kranlenhausc im Friedrichshain ge- schaff», wo er jedoch bereits als Leiche anlangte. N. Durch den Hufschlag eines Pferde« wurde gestern Abend ein in der Elisabethstraße wohnender Kutscher S. nicht unbedeutend verletzt. Im Begriff, das Thier von seinem Wagen abzusträngen, schlug das Thier plötzlich aus und dem S. so unglücklich vor die Bmst, daß der Getroffene zur Erde taumelte und fich b-.im Fallen eine weitklaffenve Wände am Hinterkopf zuzog. S., der anscheinend auch innerlich nicht un- bedeutende Verletzungen davongetragea, mußte sofort in ein Krankenhaus geschaffc wer dm- Central-Theater- Herr Direktor Ecnst hat soeben einen Engagements- Abschluß vollzogen, welcher von seinem eifrigen Bestreben Z-ugniß giebt, durch ein aus hervorragenden künstlerischen Kräften bcsteheridcs Ensemble das Central- Theater immer mehr und mehr in der Gunst des Publikums zu be- festigen. Frl- Marie Schwarz, die frühere bel-ebte Soubrette des Wallner- Theaters, ist vom 1. August 1835 ab Mitglied des Centcal'Theaters. GmeKts-Rettung« Zwei Amazonen.„Lehmann kontra Möser" meldete der Nuntrus beim Emtrctcn zweier Parteien, welche vor dem Richtertisch Aufstellung nahmen. Vors. zu einem gleichfalls erschienenen Mann: Was wollen Sie?— Frau Lehmann, schnell einfallend: Ick bade ihm man bloß von wejen ehelichen Beistand miljebracht, indem vorher doch keener wissen kann, wie der Hase looft.— Fräulein Möser, eine 32 Jahr alte Dame: Vor zwei von sone Sorte kann ich mich nu schon nich verdeffendiren; ich bitte um'n neien Termin, damit ich mir auch nach ehelichen Beistand um- sehen kann. Mein Berhältniß is in de Provinz un kommt erst bei 14 Tage retour. Nachdem Herrn Lehmann bedeutet, daß er nur nach er- den Engländern freiwillig zu unterwerfen und ihnen gegen ihre Stammesgenoffen Hilfe zu leisten- In diesem Falle übten die Eroberer Großmuth gegen die Nabobs. Sie be- hielten ihre königliche Würde und waren gewissermaßen Vizekönige unter dem Gouverneur, den England über das ganze indische Gebiet gesetzt hatte. Diese Vizekönige behielten ihren fürstlichen Hof, ihre königlichen Titel und auch eine gewisse Gewalt über ihre Unterthanen. Sie hatten dqs Recht, eine Leibgarde zu halten, übten die Polizei im Lande, mußten sich aber in Allem, wo eS der Gouverneur für nöthig hielt, Befehle zu ertheilen, diesem fügen. Ein solcher Hos ist der von Lakno im Königreich Audh. Audh ist eins der reichsten und schönsten Länder in der Nähe der Küste. Die Residenz selber ist eine Haupt- Handelsstadt, uvd durch die wunderbar schönen Wälder führen wohlangelegte Straßen dorthin. Welch' einen Anblick gewähren diese Straßen, die durch indische Wälder führen! Dort, wo die Vegetation einen so großartigen Reichthum und eine so seltene Schön- heit erzeugt. Auf beiden Seiten des Weges wachsen Farrenkräüter in der Höhe unserer Waldbäume und Gräser von der Dicke unserer Baumstämme. Die Bambusstämme sind eben nichts anderes als indische Gräser. Hier gleichen die Waldungen denen des tropischen Amerika« an Ueppig- keit und Mannigfaltigkeit. Sandelholz, Acajou und die herrlichsten Palmenarten sind die am häufigsten vorkommen- den Bäume. Inmitten dieser herrlichen Waldungen liegt die Stadt Lakno. Jeder Fremde, welcher in eine indische Residenz ein- tritt, gewahrt sofort das Fremdartige des dortigen Lebens; die mit Schild, Spieß und Büchse bewaffneten, zum Theil geharnischten Soldaten; die Kaufleute, die ihre Waaren auf dem Rücken der Kameele tranSportiren, oder durch Elephanten ziehen lassen, die zuweilen die ganze Breite der Straße ausfüllen, so daß für den Fußgänger rechts und links kaum Platz bleibt, auszuweichen; diese WaarenbazarS, welche die schönsten, indischen Produkte, herrliche Steine, köstliche Gewebe und süßes Obst feilhalten; diese wunderfolgter Erlaubniß in die Verhanblunq eingreifen dürfe, mußte fich derselbe auf einen der für die Zeugen bestimmten Plätze zurückziehen. Hierauf wurden die Parteien eindringlichst und unter der Betonung zur Versöhnung ermahnt, daß durch der- artige Zwistigkeitcn, ganz abgesehen von den nicht unerheblichen Kosten, in den meisten Fällen der Grund zu dauerndem Un- frieden gelegt werde. Eine direkte Frage, ob di: Parteien zur Zurücknahme der Klage und Widerklage gewillt seien, wurde von Frau Lebmann mit den Worten abgelehnt:„Na, wat denn noch! Ooch nich in de la main!" und Fräulein Möser versetzte:„Lieber sterben!" Vors.: Wenn Sie meinen wohlgemeinten Ermahnungen kein Gehör schenken wollen, so ist es Ihre Sache. Sie dürfen stch aber nicht wundern, wenn der Ausgang der Verhandlung Ihren beiderseitigen Erwartungen nicht entsprechen sollte.— Frl. Moser: In diesem Falle kenne ich kein Erbarmen, und wenn die Person auf ihre sämmtlichen Knieen angerutscht kommt un fußfällia um Jnade bitten duht. Ich verlange Be- strafung nach'i Jesetz.— Frau Lehmann: Wenn Se doch so jerne rutschen, denn rutschen Se mir schon eenije paarmal den Puckel long, Sie dämliche Schaute, Sie.— Frl. Möser mit Würde: Ich bitte in die Akten zu noliren, daß ste mit „Schaute" mir gemeint hat. Das andere wird stch auf's Amts- jericht finden; im werde ihr Lebensart beibringen. Nur durch Androhung energischer Strafen vermochten die stceitbarcn Amazonen insoweit beruhigt zu werden, daß auf das eigentliche Thema der Verhandlung eingegangen werden kannte. Zunächst erhielt die Klägerin, Frau Lehmann, das Wort, welche stch folgendermaßen äußerte: Ick bin jerade bei un schnudvele'ne Kalbökaldaune mit sone sauersieße Briehe un'ne Handvoll Rosinen zurcchte, der stch keen Irak vor son Futter jretelt haben möchte. Wat soll ick Ihnen aber sagen, Herr Jerichtshos, wie ick den Präpel koste, schmeckt det mächtig nüchtern. Ratierlich stmulire ick in meine Jedanken über diesen Kasus knusus nach, un weil ick doch nu ooch etwas helle bin un per Zufall'n Ooge uf de Wafferbanke rislire, det mir da man'ne eleltrische Beleichtung in'ne Stärke von eenije paar hundert Normalkerzen rrfjing. Wo ick int janze Leben nischt verjesse un allens janz rejalar in Kopp habe, halle ick an det Fut.er leenen Honigkuchen an- jemengt, indem ihm der infamichte Junge uf de Wafferbanke hinjelegt hatte, wo ick ihm natierlich nich jewahrcn konnte. Et rs nich zu sagen, wat fich der Mensch über sone Bäljer boßen muß; reenewrg de Platze könnte man luejen. Vors.: Es handelt sich hier nicht um die Sünden Ihres Knaben, sondern um die Beleidigungen, welche Ihnen angeb- lich von der Widerklägerin zugefügt worden sind.— Frau Lehmann: Da haben Se nu schon janz jewiß sehr richtig, Herr Jerichtshos; aber der janze Lenz kam doch von'n Honigkuchen- Wie ick ihm nämlich aus't Papier wickele, denke ick ooch jleich, et schmeißt mir eener den Mond int Jenicke, indem der schcene Honigkuchen rundum jänzlich abgeknabbert war. Sowat kann Loch nu aber den Menschen nrck schnurz sind- Vors.: So kommen Sic doch zur Sache.— Frau Lehmann: Vor'n janzen Jroschen hatte ick holen lassen, sage ick Ihnen, un derweile war't so'n bißken, det de Briehe janich 'mal sämig wurde. Nu wollt' et aber natierlrch keener jewesen find, un weil doch nu unser Junge sowat schon nicht duht, indem er von jebild're Eltern is un dcrentwejen ooch all zu ville Dresche jekriezt hat, wa» sich doch so'n Kind jewiß ad notara nimmt, so sage ick zu die Person, det ick ihr mal in'n Hals'rinriechen möchte, weil ick mir doch von meinen scheenen Honigkuchen überführen wollte. Vors.: Haben Sie denn aber nicht bedacht, daß eine derattrge Zumuthung die Widerkiäzerin sehr verletzen mußte? — Frau Lehmann: Ooch noch verletzt stehlen. Ja, ja, det ig hntzudage so in de Welt, d.t dir Mensch nich Mal 'n Ton reden möchte, wenn ihm sein bißken Armuth vor de Nase wegjefischt wird. Wo't doch die Sonne nich jewesen find kann, indem stch die den den jaizen Dag hinter Wollen verstochea hielt, die Perwn aber seit Mrchelr mit uf meinen Korridor wohnt so frage ick bloS: Wer hat meinen scheenen Honigkuchen ringsum abjeknabbert? Vors.: Ich will Ihnen doch bemerken, daß Ihre Folgerungen eine bedenklich schwache BastS haben. Jedenfalls handelten Sie wenig verständig, daß Sie einen, so unbe- gründeten Verdachte Ausdruck gaben.— Frau Lehmann: Ick lasse mir uf keene Streiterei in, indem ick mir uf'n Rechts' boden befinde. Wenn ick'n jirtet Jewiffen habe, denn kann mir eener immerzu un alle Drge recht derbe in'n Hals'rin- riechen. Vors.: Das sind Liebhabereien, die hier außer Betracht bleiben können. Die Widerklägerin war wenig erbaut von Ihrem Ansinnen, so daß es zu etnem erregten Wortgefecht kam. — Frau Lehmann: Wat meenen Se woll, Herr Jerichtshos, wat die Kreatur vor'ne Lippe riskirte, wie ick mir von den Zauber ieberfiehren wollte. Ick sage Ihnen, det dabt zerade so. als wenn et fich beleidigt fiehlte.— Frl. Möser: Sone Sorte, wie Sie, kann mir jarnicht beleidigen. Da steh'» Sie doch einige Meter zu tief unter meinem Stande.— Frau Lehmann: Wenn ick bar schönen Frauengestalten, die, eine Schulter entblößt, sich so malerisch in den indischen Gewändern zu kleiden wissen— das Alles überrascht den Fremden und zieht ihn zugleich gewaltig an. Man sah indeß nicht nur Eingeborene auf den Straßen von Lakno, sondern zahlreiche, hier ansässige Engländer, denn der G.uverneur von England hielt hier einen Unter- statthalter, welcher einen förmlichen Hof um sich hatte. Auch fremde Reisende sah man dort, und als solcher kenn- zeichnete sich ein junger Mann, welcher mit einem älteren die Straßen durchschritt und offenbar die Sehenswürdig- leiten in Augenschein nahm, welche ihm sein Begleit. r er- klärte. Sie schritten eben die Straße entlang, welche von dem Quai hinaufführt, auf welchem sich das königliche Schloß und der königliche Park befinden. Der junge Mann sah sehr niedergeschlagen aus, und mit besonderer Erwartung schien sein Blick auf die Gegend gerichtet, in welcher oa» königliche Schloß lag. Als sie nahe genug waren, um das- selbe erblicken zu können, seufzte er leise. „Ich wäre verloren," sagte er zu seinem Begleiter, „wenn ich hier nicht den gewünschten Erfolg hätte." „Seien Sie unbesorgt, mein lieber Herr von Wre- dow," redete ihn der Andere an,„Sie werden am Hofe unseres König«, Wadschid Ali Schah, dieselbe freundliche Aufnahme finden, ja, in dasselbe Amt eintreten können, was Sie am Hofe des Königs von Bhuta bekleideten. Wadschid hat ein fühlendes Herz, und wenn er hört, daß Sie mit einer reizenden und liebenswürdigen jungen Ge- mahlin von dort haben fliehen müssen vor den Empörern, so wird er Sie schon aus diesem Grunde annehmen, abge- sehen davon, daß er Europäer vor den Eingeborenen unter allen Umständen bevorzugt. Sehen Sie mtch selbst, lieber Wredow, ich befand mich in einer ebenso hoffnungslosen Lage wie Sie und bin jetzt Sprachlehrer des Königs. Sie müssen wissen, Wadschid setzt seinen Stolz darin, englisch »u sprechen, aus welchem Grunde bei ihm die Konversation fast nur englisch geführt wird." (Fortsetzung folgt.) Dtm'n Herrn Jerichtshof det Wort habe, denn reifen Se man nich'mal auS Versehen Ihre Kauakademie uf. Jlooben Ee schon, et fliegt Ihnen mal ändert wie vor'n Jroschen Honig- kuchen'rin.— Frl. Möser: Nun werde ich Ihnen auch noch wegen Jmpcrtinentigkeit anklagen. Herr Jerichtshof, Sie haben gehört, wem das ordinäre Jeschöpf gemeint hat. Mancher Menich lernt es doch nie, sich mit Bildung zu bewegen. Da es nun auch Herr Lehmann für angezeigt hielt, mit mehr kräftigen als gewählten Worten in die Debatte einzu- greifen, so blieb nichts übrig, als diesen aus dem Saal zu entfernen, die klagenden Schonen in der Besorgnis; thätlicher Ausschreitungen aber möglichst weit von einander und in einer Weise zu vlaziren, daß der Nuntius jeden Augenblick vermit- telnd dazwischen treten konnte. Dank dieser Vorsicht verlief die Beweisaufnahme, durch welche in Ansehung beider Parteien Belastungsmaterral in Hülle und Fülle zu Tage gefördert wurde, ohne nennenswerthe Störung. Die von beiden Seiten gefallenen Ausdrücke, welche sich ihrer Anstößigkeit wegen der Wiedergabt entziehen, waren unbedingt so beleidigender Natur, daß in Bezug auf dieselben Kompensation für angezeigt erachtet wurde, wohingegen der EcricktShof die Trogung der Kosten beiden Parteien zu gleichen Theilen auferlegte.(Ger.-Zkg.) Das Kammeraericht hat eine für die Beurkundung der Vornamen durch die Standesbeamten grundsätzlich wichtige Entscheidung getroffen. Ein Standesbeamter hatte nämlich m einem Falle die Eintragung der Vornamen„Toni" und„Grete" in das Geburtstagsregistcr abgelehnt, weil dies«„keine selbst- ständigen Vornamen, sondern nur Abkürzungen" seien. Die gegen diese Verfügung des Standesbeamten, gemäß§ 11 des Reichsgesetzes vom 6. Febiuar 1875 bei dem zuständigen Landgerichte erhobene Beschwerde wurde mit Rücksicht darauf, daß unter Vornamen im Sinne des§ 22 zu 4 b. c. nur'„selbstständige" Vornamen verstanden werden könnten, dieses Ersor- derniß aber in dem vorliegenden Falle nicht zutreffe, solche Vor- immen vielmehr nur Abkürzungen der selbständigen Vornamen Antonie und Margarete seien, zurückgewiesen. Die weitere gegen diesen Beschluß des Landgerichts bei dem Kammcrgericht eingelegte Beschwerde ist für begründet erachtet und die Ein- tragung der Vornamen Toni und Grete in das Geburtsregister von letzterem angeordnet worden, weil in dem voran geführten Reichsgesetze bezüglich der Wahl der Vornamen keine oeschran- kende Bestimmungen gegeben find und ebensowenig in Preußen nach dieser Richtung besondere landesgesetzliche Bestimmungen bestehen.„Die Wahl der Vornamen sei nach Hinschius nur insoweit beschränkt, daß sie keinen Anstoß erregen dürfen. Da dies hinsichtlich der Vornamen Toni und Grete nicht der Fall ist, so können sie als zur Cintraguna in das Geburtsregister geeignet angesehen werden,„zumal sich in Folge der Sprach- entwickelung und Umbildung diese Vornamen als wirkliche und selbständige Vornamen zur Bezeichnung der Persönlichkeit her- ausgebildet haben und alS solche im Verkehr gebraucht und an- erkannt werden." Künstlers Erdentvallen. AuS München wird geschrieben: Der durch seinen Anzug, einfacher weißer Wollmantel, hier allgemein Aufsehen erregende 31 Jahre alte„Privatgelchite" Karl Wilhelm Tieffenbach von Hadamar-Noffau, stand kürzlich in einer Berusungsverhandlung vor dem Schöffengerichte des Amtgerichtes München L Schon lange vor der Verhandlung festgesetzten Stunde war der Zuhörcrraum gedrängt voll und wäre dies auch mit dem Echwurgerichtssaal der Fall gewesen, wenn dieser zu dieser Sitzung genommen worden wäre. Den Vorsitz führte A.-R- Ziegler, die Anklage vertrat A�A. Polizei- rath Kobell, als Schöffen fungirten die Herren Verleger und Buchdruckereibesitzcr Dr. Hustlcr und Spenglermcister Hirsch- beck. Ter Thatbestand ist folgender: Laut Strasbefehl wurde Dieffenbach zu M. 10 Gclostrafe veruit heilt, weil er am 13. September Nachmittags 5 Uhr dadurch groben Unfug ver- übte, daß er lediglich mit einem kurzen Mantel bekleidet, bar- häuptig und barfuß in Begleitung seines gleich gekleideten KindeS über den Marienvkatz.dcnRindermar kt und die Sendlinger- gaffe ging, und die Anfammlung größerer Menschenmengen ver- urfachte. Einen weiteren Strafbefehl, ebenfalls mit M. 10, erhielt er zugestellt, weil er am 2. November I. I. in den Zentralsälen dadurch eine Sammlung veranstaltete, daß er zwei Blechbüchsen zum Einlegen von freiwilligen Gaben aufstellte, ohne hierzu die polizeiliche Genehmigung erholt zu haben. Gegen diese beiden Strafmandate ergriff Dieffenbach die Berufung zum Schöffengericht. Bei dem Präfidialverhöre gab Dieffenbach auf die Frage des Vorsitzenden nach seiner Religion an, seine Reli- gion fei Menschlichkeit und bekannte sich auf Vorbehalt als konfessionslos. Auf die Frage nach dem Stand antwortete er, er treibe alle Künste. Vorsitzender: Also Künstler. Er de- hauptet, nicht die Absicht gehabt zu haben, einen Volkslauf zu provoziren; er halte seine Kleidung für die allein zweckmäßige und habe ihn nicht eine willkürliche Laune zu dieser getrieben. Die moderne Kleidung sei unpraktisch, ungesund, sittlich uo- anständig und dann unästhetisch. Lange Mäntel tragen Prie- fter, die Beamten in Amtstracht und jeder Mönch. Barfuß lausen die Bauern, die Trzroler haben Körpertheile entblößt, ohne daß man es unsittlich finde. Wie das weibliche Ge- schlecht mit nackten Körpertheilen sich im Theater, auf Bällen u. s. w. zeige, verdiene jedenfalls eher die Bezeichnung groben Unfugs, als sein Anzug. Uebrigens habe die Ansammlung mehr seinem Knaben, den man in seinem Anzug als Wunder- lind angestaunt Hobe,, gegolten. Aus der Verhandlung geht noch hervor, daß Dieffenbach wegen seines extremen Anzuges der Besuch der Königl. Gallericcn nicht gestattet worden ist.— WaS das 2. Reat betrifft, so muß es Dieffenbach zugestehen, doch will er vorher von Polizeibeamten gehört haben, daß die Aufstellung von Sammelbüchsen keinem Anstände unterliege. Der Herr Amtsanwalt hält beide Strafanträge aufrecht und führt aus, daß die Polizei gegen Dieffenbach anfangs lediglich deshalb nicht eingeschritten sei, weil sie geglaubt habe, daß entweder das Publikum sich an die Kleidung gewöhne, oder aber Dieffenbach wieder zu normaler Kleidung zurückkehre. ES sei aber weder das Eine noch das Andere der Fall gewesen. Es könne wohl keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn Jemand entgegen den allgemein geltenden Bestimmungen sich kleide, dieS gegen die guten Sitten verstoße. Dieffenbach remonstrirt, daß ein Verbot, hier sich in seiner Kleidung zu zeigen, bei ihm einem Verbot, die Stadt zu betreten, gleich komme. Nach kurzer Beeathung erkennt der Gerichtshof wegen groben Un- .--..._. �---- dage daß die Kleidung Dieffenbachs zwar den Sitten widerspreche, aber nicht in solcher Weise, daß sie das flttliche Gefühl verletze._ Arbeiterbewegung» Vereine uuck VerSttmmwngen. Eine Petition, welche die Anwendung mchrer Para- graphen des Titel VII der Gewerbeordnung auch auf die kauf- männischen Lehrlinge verlangt, wird dem Reichstage im Monat Januar von der Freien Organisation junger Kaufleute zu Berlin unterbreitet werden. Eine Besprechung dieser Petition findct in einer am 9. Januar, Abends 8% Uhr in NiestS Salon, Kommandantenstraßt 72, stattfindenden Versammlung der Freien Organisation, zu der auch Gäste Zutritt haben, statr. Selbstständige und unselbstständige Kaufleute, welche sich dafür 'ntcressiren, und deren darauf bezügliches Material zu Gebote steht, o"- t"— ®r'|;ie' Antisemiten hasten für vorgestern Abend aus Anlaß *er Abstimmung am 15. Dezember(Ablehnung der Direktor- stelle im Auswärtigen Amte) eine große Volksdemonstration geplant, laut Ankündigung an den Säulen waren alle„natio- nalgefinnten" Bürger Berlins nach den beiden größten Ver- sammlungslokalen der Stadt, dem„Bock" und„Tivoli" ge- laden. Im Saale der Tivoli-Brauerei sollte das Thema „Unser Reichskanzler im Kampfe mit der dreifachen Demagogie" dehandelt werden; als Referenten waren angekündigt die Herren Paul Förster, der über„die Welsen(Windthorst)", Ernst Müller, der über„die Anarchisten(von Vollmar)" und Licbermann von Sonnenberg, der über„Juden und Juden- genossen(Löwe� Richter)" sprechen sollte. Auch Herr Otto Glagau hatte hier sein Erscheinen zugesagt. In den Sälen der Bock- Brauerei sollte Dr. Ernst.Henrici sprechen, sein Thema huß:„Der 18. Dezember 1884— eine Schmach in der Entwickelung des deutschen Reiches". In den beiden Sälen der Bockbrauerei waren etwa 2000 Personen anwesend, der dritte Therl der Säle war unbtsetzt. Man hatte nahe beim Büffet die Tribüne hergerichtet, damit der Redner nach beiden Sälen gewendet, sprechen konnte. Im Präsidium saß ver Stadtv. Pickenbach. Henrici erklärte die Abstimmung der Ma- jorität für eine internationale; der beste Beweis wäre, daß, nachdem das Resultat in Paris bekannt geworden, man dort Hochs auf Richter, Windthorst und Vollmar ausgebracht hätte. Eine Refolution, in der die Entrüstung über die Abstim- mung ausgesprochen wurde, gelangte zur Annahme und es wurde auch, wie man der„Nat. Ztg." meldet, eine Depesche an den Reichskanzler gesendet. Opponenten waren in dieser Versammlung nicht anwesend, wenigstens verhielten sich dieselben vollständig reservirt, so daß auf dem Bock Alles ruhig verlief.— Stürmisch dagegen ging es auf Tivoli zu; hier mochten etwa 3000 Personen anwesend sein, darunter 30—40 Sozialdemokraten, die vor der Tribüne Platz genommen hatten. Bereits bei Eröffnung der Versammlung wurden 4 Sozial- dcmokraten unter Schlägen aus dem Saal gebracht. Dr. Paul Förster, Oberlehrer und Bruder des dekannten Dr. Bernhard Förster, wandte sich in seiner Rede namentlich gegen das Zen- trum, dessen Verhalten es thöricht, unverständlich und un- verständig nannte. Höher als die konfessionellen Gegensätze, die man künstlich aufbausche im Interesse der Welsen und der Polen, stände die Wohlfahrt und die Macht des deutschen Reiches. Scharf namentlich polemifirte der Redner gegen Windthorst als einen Agenten des Herzogs von Cumder- land. Ter nächste Redner Ernst Müller, welcher die Anarchisten(Vollmar) behandeln sollte, ging noch anders als sein Vorredner vor. Er bezeichnete den Beschluß vom 15. Dezember als an LandeSverrath streifend;„Richter und Vollmar haben an demselben Strang damals gezogen, ich wünsche, daß diiselben an demselben Sirang.....(Lärm, lebhafter Beifall),(das von uns nickt genau gehörte Wort soll, wie unS von mehreren Seiten gesagt wurde, gelautet haben: hochgezogen werden.) Tie folgenden Ausführungen werden durch die Sozialdemokraten unterbrochen, die Uniube steigert sich, der Lärm wurde schließlich so groß, daß die Versammlung auf fünf Minuten vertagt werden mußte. Die Sozialdemokraten wurden ergriffen und in beschleunigtem Tempo aus dem Saale „geleitet". Mehrere Schutzleute bringen dieselben zur Wache; auch mehreren angeblich ganz Unschuldigen scheint bei dem be- täubcnden Lärni arg mitgespielt zu sein; denn vor dem Saal befand sich mit einmal ein junger Mann ohne Kopfbedeckung heftig weinend, er wollte nur die Ordner auf die Ruhestörer aufmerksam gemacht haben. Die Ruhe wurde schließlich wieder- hergestellt: der Versammlung, welche um 11 Uhr noch tagte. sollte ebenfalls eine ähnliche Resolution, wie der auf dem Bock, zur Annahme unterbreitet werden. Göppingen._ Wie sich da und dort die Fabrikanten über das in die Ortskasse zu zahlende Dritttheil herum zu drücken wissen, so daß ihr Einkommen nicht geschmälert wird, das zeigt das vor drei Wochen gegebene Beispiel des neugcwählten Vor- standcs der Ortskrankenlasse für die Textilindustrie, Herrn B. Gutmann, welcher zwar nur an einem Artikel pro Meter von 17 auf 15 Pfennig abgeschlagen Hot, immerhin aber soviel pro- sitirt, daß der Schaden hinlänglich ersetzt ist. Von einigen feiner VolkSpartei-Mitglieder deshalb zur Rede gestellt, wußte er die schöne Ausrede, daß schon Jahre lang es ein Unrecht gegenüber der Bezahlung anderer Webeartikel in seiner Fabrik gewesen sei, daß man da zwei Pfennig zuviel bezahlt habe. Durch diesen Abschlag ist daher nun jede bevorzugte Stellung in B. Gutmann's Fabiit ausgeglichen. Schade, daß dieses nicht alle Aibester genannter Fabrik einsehen, denn einige davon find deshalb zu andern Fabrikanten in die Arbeit ge- treten. Zeutral-Kravken-Kasse des Deutschen Cenefelder» Bundes(e. H.-K.) Verwaltungs-Slelle Berlin: Im Restau- rant Weich Aleranderftraße 31. Dienstag, den 30. d. Mts., Abends 8 Uhr: VenvaltungS. Versammlung. Ein großes Instrumental« und Vokal-Konzert findet am Donnerstag, den 1. Januar, in Feuerftcin's Salon, Alte Jakobstr. 75, unter gütiger Mitwirkung des GesanaS-, Tanz- und Damen-Komikers statt. Der Ertrag ist zum Besten der Familie deS verstorbenen Kollegen Schaler statt. Des wohl- thät'gen Zweckes wegen wäre ein recht zahlreicher'Besuch er- wünscht._ Wermisektes. Ein angeschossener Eber. Lieberose, 24. Dezember. Der Arbeiter Schuppe aus Goschzschcn, ein Mann im kräftigsten Mannesalter, war in der Goschzschener Forst damit beschäftigt, trockene Aeste mittelst eines Hakens abzubrechen, als er durch ein Geräusch von seiner Arbeit abgehalten wurde. Ein großes Wildschwein nahm den Sch. hinterrücks an, so daß diesem nur noch Zeit blieb, seine Art zu ergreifen und damit auf das Thier loszuschlagen. In seiner Angst benutzte er leider statt der Schneide die stumpfe Seite der Axt, und trotz dreier wuch- tiger Hiebe schien das Schwein gegen eine derartige Züchtigung unempfindlich zu sein; deren es übermannte ihn, und wäre der- selbe unrettbar verloren gewesen, wenn nickt auf seinen wieder- holten Hilferuf ein in der Nähe beschäftigter Mann das wüthende Thier von seinem Opfer abgelenkt hätte. Ter Sohn des Schwerverletzten, welcher mit einem Wagen nachbestellt war, um das Holz zu holen, fuhr nun seinen bcklagevswerthen Vater nach Hause, und der sofort hinzugerufene Arzt konstatirte, daß eine der erhaltenen Verletzungen sogar lebensgefährlich sei. Bald darauf erhob sich ein fürchterliches Geschrei im Dorfe. Das wüthende Schwein lief die Dorfstraße entlang, verfolgt von Hunden und mit Heugabeln bewaffneten Einwohnem des Dorfes. Die Jagd war erfolglos. Das wilde Schwein war vorher in Weichensdorf angeschossen worden. Ueber ein Opfer der Cchnürbrust wird aus Basel ge- schrieben: Gestern Abend war großer Militairball in der Burg- voiateihalle, Kleinbafel, der erste Ball der Saison. Auf ein- mal, es war gegen 11 Uhr, brach die Musik mitten in einem Walzer ab. AlleS drängte sich um eine kleine Gruppe, in deren Miite man eine ohnmächtige Tänzerin gewahrte. Sofortige ärztliche Hilfe war zur Hand— aber umsonst, das junge Mädchen, dessen elegante, zierliche Gestalt eben noch den Neid einiger Damen erregt hatte, starb, wie sich sofort herausstellte, an den Folgen zu starken Schnürens, an einem Lungenfchlag. Selbstverständlich war der Ball zu Ende und mehrere Tänzerinnen sollen sofort nach Hanse geeilt sein, um — sich ein wenig Luft zu machen noch dieser eindring- lichen Lehre. Gegen die moderne Damenfrisur. In den lonangeben- den Frauenkreisen der Weltstädte trägt man sich jetzt mit der Absicht, die moderne Form des AufkämmenS der Haare vom Halse gegen den Scheitel hin aufjugeben. Als Grund hierfür wird der Ausspruch einiger medizinischer Autorstäten angegeben, nach welchen dieses Hmaufkämmen, resp. die durch voffelbe verursachte Spannung der.Haare in sehr vielen Fällen Genick- schmerzen hervorruft. Gleichzeitig konstatircn besagte ärztliche Autoritäten, daß die nervösen Kopfschmerzen unserer Damen bedeutend abgenommen haben, seitdem Löckchm und hereinge- schnittene Haare die Stirne bedecken. Andererseits wird von einem, vornehmlich für Frauenkreise berechneten Wochenblatte der Vorschlag gemacht, die Damen mögen die Haare nach Männerart kurz gestutzt tragen, wodurch alle mit dem Tragen langer Haare und Zöpfe verbundenen Uebelstände radikal be- seitigt würden. In weiterer Motivirung dieses Vorschlages wird daran erinnert, daß auch die Männer, bei welchen früher lange Haare und Zöpfe eine Zeit lang in der Mode waren, diese Haartracht als gänzlich unpraktisch schon längst abgelegt haben. Die genarrten Breslauer. Unter dieser Ueberschrift schreibt die„Brest. M. Ztg.":„Gehen Sie zu M. Cumber- land?" So lautete in diesen Tagen die Frage, welche hunderte erwartungsvoller Mitbürger und Mitbürgerinnen an ihre Freunde und Bekannten richteten, und eben so oft erhielten dieselben gewiß die bündigste Zustchernng, daß man nicht ver- säumen würde, die phänomenalen Leistungen eines Mannes zu bewundern, dessen Ruhm zur Zeit die Welt erfüllt. Alles war in bester, umsichtigster Weise geordnet, um dem berühm- ten Antispiritistm und Gedankenleser den Beweis zu liefern, daß sich Breslau der Ehre wobl bewußt sei, welche ihm durch das Opfer eines Besuches zu Tbeil ward! Der nur für Elite- aufsührungen disponible Saal im Konzerthause war als Ver- sammlungsort gemietbet worden; Herr Hainauer hatte den Verlauf der Billets übernommen und blickte mit Befriedigung auf den guten Erfolg des Absatzes: die Preffe hatte durch kurze, energische Hinweise auf die einmalige Soiree des Ge- dankenlesers die Erwartung des Publikums bis auf das höchste gesteigert; Inserate endlich hatten das übrige gethan, um jedmänniglich vorzubereiten auf das Ereigniß des Sonnabends Abends.— So lagen die Dinge noch heute, Sonnabend, in den Vormittagsstunden. Herr Goldscbmidt, der Pächter des Konzerthauses, harrte mit erklärlicher Spannung dem Augen- blick entgegen, wo er dem derühmten Manne seine Auf- Wartung machen könne, wurde jedoch von dem Geschäfts- führer Mr. Cumberlands, einem gewissen Herrn Baumbach, in etwas auffallender Weise von der Ausführung seines löb« lichen Vorhabens abgehalten. Herr Baumbach erklärte nämlich, Mr. Cumberland sei so erschöpft von der Reise, daß er absolut keinen Besuch empfangen könne, und es sei nicht unmöglich, daß die Vorstellung in Rücksicht auf die Abspan- nung des Gastes für diesen Abend ganz ausgesetzt werden müßte. Herr Goldschmidt, den diese Erklärungen nichts weni- ger als angenehm überraschten, eilte nunmehr zu Herrn Hainauer, um mit diesem über d!e eventuell zu fassenden Maß- nahmen Rücksprache zu nehmen. Dort erfuhr er denn, daß der Agent des Gedankenlesers bereits 300 Mark Vorschuß auf die zu machende Ernte des Abends genommen habe. Nunmehr stieg in beiden Herren der Verdacht auf, daß sie von einem Erzgauner in den April geschickt worden sein könnten; sie er- kundigten sich im Hotel, wo angeblich Mr. Eumberland sein Absteigequartier genommen haben sollte, und fanden dort unter den Gästen zwar viel hochehrcnwertbe und auch bedeutende Männer, Herrn Eumberland, den Antispiritisten und Gedanken- leser, fandm sie aber nicht unter ihnen, denn diesem war es gar nicht eingefallen, nach Breslau zu kommen, um uns seine Künste vorzumachen. Die ganze Geschichte läuft auf einen Kapital-Gaunerstreich des Pseudo Agenten Herrn Baumbach hinaus, der es verstanden hat, zwei gewiegte Geschäftsleute, wie Herm Goldschmidt und Herrn tzainauer, zu dupiren und durch sie dem Äreslauer Publikum eine ordentliche Nase zu drehen. Augenblicklich sitzt der pfiffige Jndustrieritter, ein ge- borener Danziger Namens Böckmann, hinter Schloß und Riegel, da es ihm nicht gelang, mit seinem Raub rechtzeitig Breslau den Rücken zu wenden. Denselben Schwindel hatte er übrigens vor Kurzem in Magdeburg verübt, dort aber war es ihm ge- lungen, rechtzeitig zu entkommen. Paris, 26. Dezember. Es giebt immer noch Dinge, wie sie ein Romanschreiber unserm aufgeklärten Jahrhundert und besonders der an der Spitze der Zivilisation trabenden Pariser Bevölkerung nie anzudichten-wagen würde. Die Pariser Polizei hat eben eine„kluge Frau" dingfest gemacht, welche sich vor Kurzem ein Landhaus gekauft harte. Natürlich hat sie das Geld dazu mit ihrer Kunst verdient. Sie war im ganzen Stadtviertel als Wunderdottorin berühmt, obwohl sie dir sonderbarsten Arzneien und Verrichtungen verschrieb. So verordnete sie z. B-, um Mitternacht nach dem Bois de Vincennes zu gehen, dort Kräuter zu pflücken und diese dann 36 Stunden lang mit Hundsfett zu lochen. Das hierdurch gewonnene Gebräu wurde innerlich und äußerlich bei den widersprechendsten Krankheiten angewandt. Da Hundsfett bekanntlich weder in Apotheken, noch fönst wo geführt wird, fo lieferte die kluge Frau dasselbe aus ihrem Vorrath zu fünf Franken das Töpfchen. Sie hatte hauptsächlich durch Verkauf derartiger Mittel und freiwillige Geschenke ihr sehr bedeutendes Einkommen. Die kluge Frau war dabei wirklich gescheidt; sie hatte eine treffliche Bildung erhalten und stammt ans guter Familie. Als Wittwe gerieth sie durch verschiedenes Unglück in Nolh und wohnte daher in einem armen Viertel. Einer erkrankten Nachbarin leistete sie durch Pflege und einsäe einfache Hausmittel ihre Dienste. Als die Frau auffallend schnell genas, machte es Aufsehen im Viertel, die Leute kamen um Rath und Arznei zu holen. D« Wittwe benutzte dagegen in ihrer bedrängten Lage diesen Um» stand, um sich einen Broderwerb.zu verschaffen, ward also ohne ihr eigenes Zuthun zu einer Heilkünstlerin. Die sonder« baren Mittel, welche sie verschrieb, fand sie in einem alten Kräuterbuche und wendete sie um so öfter an, als fie bei ihren Kunden das meist« Verstauen erweckten. Expedition nach Afrika. Vor Kurzem wurde gemeldet, daß von der unter Leitung des Grafen Behr stehenden Kolo- nialgesellschaft eine Ervedition, bestehend aus den Herren Dr. Peters, Dr. Jülke und Gras Pfeil, abgesendet sei, um für praktische Kolonialuntenuhmungen Land in Ostafrila zu er- werben.„Sicheren Privatnachnchtcn zufolge," so schreibt nun die„Voff. Z",„ist die Expedition in Zanzibar angekommen, von wo fie nach kaum vierzehntägigem Aufenthalt aufbrechen wollte, um im Innern, in der Landschaft Usagara, Land anzu- kaufen. Die Herren sollen aber nicht nur der dortigen Ver» hältniffe gänzlich unkundig, sondern auch durchaus unzulänglich und ohne Sachkunde ausgerüstet sein. Sie haben nicht einmal gute Karten, so daß der Gewährsmann dieser uns'geworderen Mittheilungen, der in Zanzibar lebt, ihnen ein Blatt der Ravenstein'ichen Karte zum Abzeichnen borgte. Leider stellt derselbe der„unglücklichen Expedition das Prognostikon, vielleicht schon vor Erreichung ihres sonderbaren Zieles ausge- plündert zu werden". Bremen. 27. Dezember. Die Rettungsfiation Bremer- Häven der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchrger meldet: Am 26. Dezember wurden von der englischen Brigg „Glenavon", Kapitän Pritschard, welche, von Geestemünde nach Liverpool bestimmt, auf der Mellumplate gestrandet war. 7 Personen durch das Rettungsboot der Station Bremerhaven gerettet. , Um 19 Uhr. Der Pfarrer der Maria-Magdalenenkir«« in Munster square, London, F. Ponsonby, hat für seine ß"®/ den neuen Stil der Zeitberrchnung eingefühlt und kündigt Z- B. den Abendgottesdienst am Sonntag für 19 Uhr an.__ Newhork- Die Durchsuchung der Trümmer des nieder- gebrannten WarsenhauseS in Brooklyn hatte bis heute N-®' mittag 3 Uhr die Emdcckung der deichen von 20 Kindern und Zwei Erwachsenen zur Folge. Es werden jetzt nur noch-" Kmder vermrßt und es wird gemuthmaßt. daß die meisten de* selben gerettet und von mildthätigen Leuten aufgenommen worden find. I Berantwortticher ftetattcur R. fMtthriw m Berlin. Druck und»«lag am«« jBrtittff w Berlin aw., Beuthstratz, 3, Hierzu eint BeUags ' Beilage zum Berliner Bolksblutt. Nr. 228. Dienstag, den 30. Dezember 1884. t. Jahrgangs Die Stellung der Parteien)nr ülierseeischcn Politik. Die„Allgemeine Zeitung", der man bei Behandlung der politischen Fragen eine gewisse Objektivität und auch sogenannte„höhere Gesichtspunkte" zugestehen muß, bringt unter vorstehender Ueberschrift einen Artikel, dem wir allerdings nur theilweise zustimmen können, der aber doch auch für unsere Leser ein größeres Interesse erwecken dürfte. Der Artikel lautet: In den Zeiten des Norddeutschen Bunde? und den ersten Jahren des Deutschen Reiches waren so ziemlich alle Parteien im Volk und Parlament darüber einig, daß es für Deutschland nicht an der Zeit sei, sich auf koloniale Unternehmungen einzulasien. Die Einen befürchteten davon «ine bei der angefeindeten Stellung des Reiche? gefährliche Zersplitterung der Kräfte, Andere widerstrebten aus Grund- satz jeder staatlichen Einmischung in diese, wie in alle an- deren wirthschaftlichen Angelegenheiten; ja Manche gingen so weit, selbst die auf Herstellung einer mächtigen Kriegs- flotte gerichteten Bestrebungen mit Entschiedenheit abzu- weisen. Auf dieser Seite befanden sich die konsequenten Vertreter des Freihandels, insbesondere einige Vertreter der Hansestädte. Der Ruf nach Kolonien erscholl zuerst ausdrücklicher rn den Jahren der HandelsküsiS und der Schutzzollbewegung. Man sah, daß die Produktionskraft des Landes größer war als sein Absatz im In- und Auslände, und ersehnte neue Absatzquellen, neue Stätten der Bethätigung für Kapital und Arbeit. Der Freihandel, der ja gleich- falls die Tendenz hat, die Absatzgebiete der Völker nach außen zu erweitern, erfüllte die von ihm vielfach gehegten Erwartungen nicht im erwünschten Maße und brachte überdies die unwillkommene Zugabe einer scharfen Konkurrenz der europäischen Industriestaaten unter einander. Der deutsche Zolltarif von 1879 hat inzwischen die letzterwähnte Folge des Freihandels in gewisie Schranken gewiesen und dadurch, wie nicht geläugnet wer- den kann,(?) der deutschen Industrie einen kräftigen Sporn und Gelegenheit zu weiterer Ausdehnung gegeben— eine Gelegenheit, die von derselben rüstig benützt worden ist. Gleichwohl(!) machen sich schon wieder manche An- zeichen geltend, daß die vorhandenen Absatzwege der Leistungsfähigkeit unserer Industrie gegenüber nicht aus- reiche». Die Reichsregierung hat, so weit eine Regierung in dieser Richtung überhaupt etwas thun kann, es an Be- mühungen nicht fehlen lassen, dem deutschen Export zu Hilfe zu kommen; allein die Hauptsache bei dem Aufsuchen neuer Absatzgebiete müssen doch Industrie und Handel selbst thun. Die Regierung wird vorzugsweise darin ihre Aufgabe zu suchen haben, die überseeischen Unternehmen der Privat- leute zu schützen und allenfalls denselben ,n gewissen Rich- tungen vorzuarbeiten. Die bezüglichen Anstrengungen der Reichsregrerung, wie sie namentlich seit dem Jahre 1883 deutlicher hervortraten, haben besonders in industriellen Kreisen lebhaften Anklang gefunden. Sicherlich spielt in der neuerdings vielfach kundgegebenen Begeisterung für eine deutsche Kolonial- Politik die Phantasie eine sehr erhebliche Rolle. Es wird dereinst an Enttäuschungen und Enttäuschten nicht fehlen. Der Widerspruch, den die deutsch-freisinnige Partei und das Zentrum gegen die Dampfersubvention erhoben, hat daher immerhin seine gute Seite. Er ist aber nach unse- Das Duell. Von B. Herwi. St. Petersburger Zeitung. Bedenk zu jeder Frist, Daß Wunden hellen besser, Als Wunden schlagen ist. Frelligrath. „Darf ich eintreten, liebe Frau Sommer?- Sie find wirklich noch bei dcc Arbeit? Sie gönnen Ihren lieben steißigen Händen und Ihren oft müden Augen auch gar keine Ruhe; nun legen Sie nur schnell die Spitzen beiseite, ich bin nur deshalb noch so spät gikommen. um Ihnen mitzutheilen, daß Sie sich meinetwegen gar nicht mehr so ,u bemühen brauchen, denn ick gehe nicht auf den morgenden Ball. „Ist etwas Besonderes vorgefallen, liebes Klarchen, daß aus dem so lang geplanten Vergnügen nichts weiden ,oll, es ist doch niemand bei Ihnen krank geworden, fragte Frau Sommer, eine zarte, bleiche Frau, deren Antlitz von dem Emst des Ledens wohl mehr alS von der Last der Jahre mit tiefen Furchen durchzogen war.„,., „Nein, gottlob! gesund find w,r alle, aber etwas Besonderes ist doch geschehen"- bleicher ward das feine Antlitz des jungen Mädchens-«legen Sie nur die Blumen und die Spitzen folt, die ich Ihnen jüngst so freudestrahlend brachte, wollte ich fie doch zum Stuventenballe tragen mit den Farben ver Verbindung, der Bruder Heinrich angehört; nun ist alles, alles voibei. Wie freute ich mich m,t meinem Bräutigam zum erstenwale auf einen Ball zu gehm; alles follin Sie jetzt erfahren, liebe Frau Sommer. Sie wissen wie überglücklich ich war. als ich meinen Ernst, nachdem er sich hier als Arzt niedergelassen, die Hand zum Verlöbmß reichen durfte, wie stolz ich auf ihn b»n, den jeder hochachtet und liebt, und nun...... o Gott! wer hatte es gedacht, daß er je so in Ilr.muth von m,r scheiden könnte, wie b«ut, und doch einzig nur deshalb, weil en gegengcsitzte Mei- nungen herrschten und ich mich nicht gleich zu der seinigen bekannt habe, o Frau Sommer, w,e unglücklich bin ich ge- worden." Tief aufschluchzend waif stch das erregte Madchen MMMM draußen, so kann ste doch einem armen Menschenherzen Trost ~ aÄÄÄrÄÄ"™ d-. fifn"Wic�saßm heiter �und� froh beim Abendtisch, Papa neckte mich, weil E.nst noch nicht erschienen war und Bruder Hein- rich, der in seiner Eigenschaft als Chapeau d'honneur in sehr aufgeregter Stimmung war. theilte mir ganz unvermittelt 'cm Dasm halten ungerechtfertigt und unhaltbar; denn er sieht nur das Nächste»-.d beschränkt sich auf unmittelbare Gegenwart, anstatt, wie es jede echte Politik thun muß, die Entwicklungen der Zukunft mit ins Auge zu fassen. Es ist eine unerfüllbare Forderung, daß die Dampfersub- vention sich in den Grenzen halten solle, welche der bis- herige Gang des Exports oder die augenblicklichen Aussichten desselben vorzeichnen. Zurüstungen für eine überseeische Polrtik, welche nicht für heute und morgen berechnet ist, sondern zukünftigen Entwicklungen die Bahn ebnen soll, müssen nach einem Maßstabe bemessen werden, für den es keine sicheren Anhaltspunkte giebt, und der nur ganz im allgemeinen die Lebenskraft, die Anlagen und Fähigkeiten der Nation zu berücksichtigen hat. Auch bei dem Urtheile darüber spielt die Phantast? eine bedeutende Rolle. Aber keine Politik kann dieses Elements vollständig entbehren, und das Einzige, was verlangt werden kann, ist, daß die Phantasie durch die Erfahrung und verstandesmäßige Er- wägungen im Zügel gehalten wird. Die Opposition der deutsch-freisinnigen Partei kann in dieser Richtung viel Gutes wirken. Wir unsrerseits hoffen und wünschen, daß diese Opposition nicht durchdringen wird; aber wir meinen, daß derselben ihr Recht nicht verkümmert werden dürfe, und daß die Verdächtigungen, mit denen man sie über- schüttet, oft aus einer sehr unreinen Quelle fließen. Auf anderen Gründen, als der auf die alten Frei- Handelsschwärmereien einerseits und eine falsche Sparsam- keit andrerseits zurückzuführende Widerspruch der deutsch- freisinnigen Partei, beruht derjenige der Sozialdemokraten und vielleicht auch vieler Anhänger des Zentrums. Hier geht man größtentheils von der Erwägung aus, daß ein Land wie Deutschland weit mehr Anlaß habe, sich um seine inneren Verhältnisse zu kümmern, im Innern zu reformiren, als den Blick nach Außen zu lenken.„Willst du immer weiter schweifen, sieh', das Gute liegt so nah'," ruft man von dieser Seite Deutsch- land zu. Daß Deutschland an Kapitalien und lebendigen Kräften Ueberfluß habe, der gewaltsam nach außen dränge, will man nicht Wort haben. Wenn nur der gute Wille vorhanden sei, Hand an soziale Reformen großen Styls zu legen, so sei in Deutschland noch übergenug Raum ebensowohl für nutzbringende Anlagen von Kapital, als auch für Verwendung aller seiner Menschenkräfte, der geistigen und körperlichen. W i r theilen im wesentlichen diese Ansicht, ohne sie doch stichhaltig oder für praktische Politik maßgebend zu finden(?). Soziale Reformen solchen Charakters, wie sie hier vorausgesetzt werden, sind gegenwärtig undurch- fühlbar und weit mehr als die ausschweifendsten über- seeischen Pläne Zukunftsmusik. Ueberseeischen Unter- nehmungen strömen fortdauernd Kapitalien von großem Umfange zu, und wir haben kein Mittel, dicß zu verhin- dern, so wenig wir Mittel und auch Ursache haben, die Leute zurückzuhalten, die aus Thatenlust, Neigung zu Abenteuern oder Drang nach Verbesserung ihrer Lage nach fernen Ländern gehen wollen. Es ist vollkommen zuzugeben, daß bei tiefgreifenden Re- formen, welche d a 8 V er h ä l tn i ß d e r A r- beit zum Besitz ändern, für alle pro- duktiven Kräfte Deutschlands im Vaterlande für lange Zeit ausreichen- der Raum und die anziehendste Stätte für Bethätigung sein würde— aber wie mit, daß ich gut und gern den Ball besuchen möge; doch rächt er mir, keinesfalls die Farben seiner Verbindung zu tragen, da man mir dies als der Braut des Doktor Waldau übel- nehmen könnte. Ich stutzte, auch der Vater horchte auf und im* um Erklärung dieser Worte; da hörten wir denn, daß mein �Ernst ehemals, vor etwa zehn Jahren, ebenfalls dieser Ver- bindunq angehört habe, durch einen Eklat aber, der die Folge eineS Duells gewesen, damals zum Austritt veranlaßt worden war. Seit dieser Zeit bestände auch Ernst's Wiserwillen gegen studentische Verbindungen, seine grenzenlose Verachtung des Duell?, sein energisches Eifern dagegen; aus diesem Grunde, so fuhr Heinrich fort, hätte er auch die Einladung zu diesem Fest? vurchaus nicht annehmen wollen und nur meinen dringen- den Bitten habe er nachgegeben- Ich vergegenwärtigte mir die damalige Unterhallung, und konnte nicht anders als meinem Bruder in Gedanken beipflichten, mir fiel überhaupt Ernst's bei jeder Gelegenheit geäußerte Antipathie gegen studentische Renommisterei ein, ein Widerwille,— der schon zu peinlichen Szenen zwischen ihm und Heinrich geführt hatte—; ich erschrak bis ins Innerste.... in diesem Moment öffnete sich die Thür und Ernst tritt vergnügt herein,.... er steht unsere bestürzten Gesichter, er schaut mich fragend an, ein Wort giebt daS andere, Heinrich fährt erregt dazwischen, der Vater ver- mittelnd, Ernst erklärt die Sache für Wahrheit und erzählt uns, daß ein damals stattgefundenes Duell, in dem er Sieg« geblieben, die Ursache jenes Eklats gewesen, daß er, ergriffen von Reue und Scham, einen Menschen um ein Phantom der Ehre hingeopfert zu haben, feierlich gelobt habe, mit all' seinen Kräften gegen die entsittlichenden Institutionen dies« studentischen Verbindungen mit ihren haltlosen Begriffen van Muth und Ehre anzukämpfen, daß mit Freuden auö der Verbindung getreten fei und jetzt mit Kummer bemerke, wie dieser Todfeind des Familienglücks noch imm« mit kalter Hand morde. Heinrich pries nun in glühenden Worten den Werth dieser Zusammengehörigkeit, die unaussprechli he Poesie des Studentenlebens, er inalte in beredter Weise das herrliche Gefühl aus, in jedem Moment zur Ehre der andern und zur eigenen Ehre gerüstet und vollwichtig, fie zu vertreten, dazustehen, er veriheidtgte den Zweikampf als Räch« der be- drohten Ehre mit dem Feuer eines jugendlichen Helden und — ja, daß ich's Ihnen, theure Frau, nur gestehe, er riß auch mich mit meinen Empfindungen so hin, daß, als er endlich mit den Worten schloß,„nur ein Feigling kann anders denken und sprechen," unwillkürlich das Ideal meines Helden, mein Ernst, in meiner Seele erblaßte. Ich wagte nicht, in sein Antlitz zu sehen, ick hörte nur seine bebende Stimme:„Schweig still, du thö richte r Knabe, von d>r werde ich wahrlich keine Rechenschaft fordern."— Heinrich brauste auf, der Vuter trat beruhigend dazwischen, ich saß wie«starrt an meinem Platze, da schlug die Thür heftiger denn sonst zu, ich blickte auf... Ernst war verschwunden. Heinrich schwelgte im Genüsse seines Triumphes, wie er meinte, und ich, gute, liebe Frau Sommer, heute die Dinge liegen, wird durch Ablenkung physischer und geistiger Arbeitskräfte von gewissen Ortlichkeiten Ge- legenheit zur Verbesserung d« Lage für die Zurückbleiben- den eröffnet; denn im V«hältnisse zu den jetzt in produk- tiven Anlagen Verwendung suchenden Kapitalien ist das Angebot der Arbeitskräfte zu groß, und wir bezweifeln, ob eS nicht selbst dann zu groß bliebe, wenn nach dem Wunsche der sozialdemokratische» Partei ein Normalarbeitstag von acht oder neun Stunden eingerichtet würde. Ueberseeische Unternehmungen müßten daher auch einer Partei, welche vor Allem die Lage der Arbeiter zu heben wünscht, sympa» thisch sein und von ihr unterstützt werden. Während somit die deutsch-freisinnige Partei in ihrer Opposition gegen die überseeische Politik der Reichsregie- rung d'e berechtigte Rolle der Phantasie in der Politik übersieht, macht sich bei Jenen, welche aus sozialen Grün- den, aus Besorgniß, daß über einer weitaussehenden Kolo- nialpolitik die inneren R-formen vernachlässigt werde» könnten, die Phantasie in einer falschen Richtung geltend, indem sie ihnen vorspiegelt, daß solche Reformen unmittel- bar zu verwirklichen wären. Dolitiiseke Rebnsickt. Ueber die Annexion von Neu. Guinea schreibt die ,.Frkf. Ztg.":„Es sollten die Gegner in England und Australien nicht vergessen, daß alle englischen Regierungen seit 20 Jahren die Annexion von Ncu-Guinea abgelehnt haben— auch das letzte kons«vative Ministerium, dessen Energie so oft gerühmt wird. Der Grund liegt einfach darin, weil man bisher allgemein geglaubt hat, daß Neu-Guinea und die benachbarten Inseln nicht viel wcrth seien. Da die- selben unter dem Aequator liegen oder höchstensbiSzum 10. Gr. füdl. Breite reichen, so kann von einer europäischen Kolonisation nich t die R ede se i n; find doch selbst die Europäer in Queensland nicht im Stande, Feldarbeit zu verrichten, und glauben doch die dortigen Besitzer der Zuckerplantagen ruinirt zu wnden, wenn man ihnen verbietet, von den Inseln oder aus In die n Arbeite r herbeizuschaffen. Es ist ja möglich, daß stch im Innern von Reu- vuinea höher gelegene Gebiete befinden, in welchen auch Deutsche leben und arbeiten können, allein was man bisher über die äußerst ungesunden sumpfigen Küsten und den Zustand der Bewohner erfahren hat, war eben nicht darnach, Jemanden nach dem Besitze dieser Landstriche lüstem zu machen. Auch die australischen Kolonien tragen rncht deshalb nach denselben Verlangen, weil sie dort einen ausgedehnten Handel treiben od« neue Niederlassungen gründen zu können hoffen, sondern weil ste die Inseln für die Zukunft zur Sicherheit der Kolonien für nothwendig halten 77'urz. weil fie and«e Nationen verhindern wollen, sich in chrer Nähe festzusetzen. Daß Deutschland in jeder Beziehung berechtigt ist- weniastenS so weit die Engländer in Betracht kommen- auf der Nordküste Neu-Guinea's und den übrigen Inseln Niederlassungen zu gründen, unterliegt keinem Zweifel. Gegenstand des Streites vielleicht desselben gar nicht werih ist, ganz zu schweigen von den Kosten und Reibereien, welche stch« nicht ausbleiben werden" . Zur Kongofrage. Aus K o n f e r e n z k r e i s e n«hält ern Korrespondent der„Franks. Ztg." eine Mittheilung, nach welch« an einflußreichen Stellen das Bestreben besteht, dem demnächst zu konstituirenden Kongo- Staate eine m o n a r- ch> s che Spitze zu aeben. Man glaubt, daß diese Bestrebungen bald offen hervortreten werden.- Aus Köln erfährt dasselbe Blast, daß Herr C. E. Wolf, ein geborener Rheinpfälzer, welcher bisher ,n Hamburg ansässig, demnächst von der„In. ich schämte mich vor mir selb«, auch nur einen Augenblick auf ihn gehört und mich nicht gleich auf die Seite meines Ernst gestellt zu haben. Ich skann mich an keinem Mutter- herzen ausweinen, nun mußte ich zu Ihnen heiflüchten. mein Herz«leichtern,— ab« ich habe Sie ermüdet, habe Sie er- schreckt, Sie�zitlem, um Gotteswillen, Sic weinen"... schnell sprang das junge Mädchen auf,„habe ich Sie mit meinem Ungestüm erschreckt?" „Nein, nein," flüsterten die blassen Lippen der alten Dame, „nur die Erinnerung, o die Erinnerung hat mich wieder über- mannt; die schreckliche Zeit, die entsetzllchste meines Lebens, sie erstand wieder vor mir, in der ich mein einiges, meinen herrschen Wolfgang hingeben mußte, auch eines unglückseligen Duells wegen; hör' ich nun das Wort und vngegen wältige ich mir seine Bedeutung, da bebt jede Fiber in meinem Innern; wehe, wehe! über alle, die in sorglosem U-.bermulhe, nicht an dre schweren Folgen denkend, die Todeswaffe in die Hand nehmen und in einem Moment Hoffnung, Freude und Glück) auf ewig vernichten, dreimal wehe über alle, die solchem Unwesen nicht steuern!"— Die erregte Frau hatte sich vom Stuhl erhoben und streckte ihre zitternden Hände zum Himmel. „O, meine gute Frau Sommer, waS Hab' ich gethan," klagte stch Klärchen an, blaß vor Schreck,„wie konnte ich ahnen, daß meine Erzählung Sic so in Auflegung vecsetzen würde, wie weh thut es mir, wußte ich doch gar nicht, daß Ihr Sohn" — und kaum hörbar drangen die Worte von den Lippen— „im Duell gefallen." „Heute find'S zehn Jahre," flüsterte die Frau vor sich hin; «zehn Jahre, daß man mir mein Glück gemordet. O wie frisch, wie lebensfroh, wie glückverlrauend zog« zur Univer- sität;„warte nur Mütterchen," gelobte er,„deine Opfer sollen dir alle vergolten werden; du sollst noch Freuden an deinem Wolf erleben."„Hüte dich, mein Kind, vor schlechter Gesell- schaft," flehte ich»hn an,„setze nie deine Ehre, deine Gesund- hell, dein Leben unnütz aufs Spiel," so bat ich ihn Hände- ringend,—„denke daran, daß du mein ein, mein alles bist," — und hier, mein Klärchen,— sehen Sie,— das find seine Bnefe von der Universität; tausendmal Hab' ich fie gelesen, diese Kennzeichen seines reinen Sinne», seines edlen Strebens, .... hier sein Wunsch, in eine Verbindung einzutreten,.. mein Abmahnen dagegen, seine Ueberredungskunst,.... und da...., da d« letzte Brief..... eines Tages der entsetz- liche Brief!„Mutter, ich kann nicht anders, es muß der Ehre wird die Waffe in die Hand gedrückt, Mutter verzeihe mir. ich liebe dich bis in den Tod"„Da lesen Sie. Klärchen; doch nem, Sie können nicht, verwischt von Thränen find die Buchstaden, aber hier ,m Herzen sind fie eingebrannt;- als rch dm Brief in Händen hielt,- da war er schon nicht mehr jernationalen Assoziation des Kongo" nach dem Kongo geschickt wird, um sich über die zur Ausjuhr aus und nach Deutschland geeigneten Artikel zu oiientiren. Herr Wolf hat in Köln Do- mizil genommen und trifft seine letzten Vorbereitungen zur Kongoreise, die im Januar 1885 erfolgen wird. Eine Statistik der im Auslande lebenden Deutschen ergiebt folgende interessante Zahlen. Es leben: In der Schweiz 95 262, Oesterreich- Ungarn 98 510, Italien 5221, Schweden 953, Finnland 628, Bosnien 698, Griechenland 314, Chili 4033, Egypten 879 Personen deutscher Nationalität. Von im Reiche Geborenen find ansässig in Frankreich 81 988, in der Niederlande 42 026, in Großbritannien 40 371, in Belgien 34 196, in Dänemark 33 158, in Norwegen 1471, in Spanien 952, in Ruß- land 394 299, in den VereinigtenEtaatcnNordamerikas 1 966 742, in Ouensland 11638, in Südaustralien 8798, in Victoria 3571, in Neusüdwalcs 7521, in Argentinien 4997, in Neuseeland 4819, Algerien 4201, in Uruguay 2125, in Peru 898, in Sasmanim 782, in Chili 645, in Guatemala 221. Im letzten Jahre ist die Auswanderung nicht so stark, wie im Vorjahre gewesen, näm- lich 126 330 gegen 134 000. Die von Privaten gespendeten Gelder für den Direktorposten im Auswärtigen Amte» welche der Reichs- kanzler nicht annehmen zu können erklären ließ, sollen ihm dennoch und zwar in Form eines„nationalen Ehren- g e s ch« n k e s" überreicht werden. Zu diesem Zwecks hat sich ein Konnte in Witten konstituirt, welchem angeblich bereits auS mehr als fünfzig größeren deutschm Städten, darunter Leipzig, Stuttgart, Worms, Ulm, Berlin, Kassel, Hamburg, Lübeck und fast sämmtlichen Städten Rheinlands und West- falens, zustimmende Eikiärungen zugegangen sind. Das Ehren- geschenk soll dem Reichskanzler zur freien Verfügung, eventuell zu kolonialen Angelegenheiten zugestellt werden. Belgien. AuS einem Brüsseler Privat-Telegramm geht hervor, daß innerhalb der liberalen Parteien der Riß weiter aufklafft. Die General-Versammlung der liberalen Assoziation ernannte heute Janson durch Akklamation zum Präsidenten. Nachdem dieser eine Rede gehallen hatte, welche den Abfall der gemäßigten Liberalen geißelte und ihnen sogar die Nieder- läge bei den Kammerwahlen vom 10, Juni zuschrieb, erklärte Janson es als die Aufgabe der Assoziation, unmittelbar in die Propaganda kür eine Revision der Verfassung einzutreten. Gegen 1800 Mitglieder wohnten der Versammlung bei. Frankreich. In Paris hat wieder eine größere Arbeiter- Versammlung stattgefunden, die aber durch Anarchisten gestört wurde. Es kam in Folge dessen zu heftigen Reibereien, welche ch bis auf die Straße fortpflanzten und der Polizei Gelegen- eit zum Einschreiten gaben. In Nußland steht natürlich das Dcnunziantenwesen in Blüihe. Trotzdem die Denunzianten in der plumpsten und durchsichtigsten Weise operiren, finden sie dennoch, selbst bei den höchsten Behörden, Glauben. So wurden im Sommer dieses Jahres im Gouvernement Nischny- Nowgorod, der Guts- defitzer Priklonsky, der Friedensrichter Boitin und der Garde- lieutenant a. D. Priklonsky, von zwei verabschiedeten Sol- dalen, den Brüdern Granow, als politisch verdächtig denunzirt. Als diese Denunziation nicht den gewünschten Erfolg hatte, berichteten sie der Behörde, daß die genannten Personen ein Attentat auf den Czarcn planten. Trotzdem die Denumianten keine Beweise erbringen konnten, nahm der Minister Ka'kow dieselbe als der Wahrheit entsprechend an. Eist eine sorgfäl- tige Untersuchung ergab die vollkundige Haltlosigkeit derselben und führte zur Ätstcafung der Denunzianten.— Wie oft wird aber das Gegentheil der Fall sein'( Bei den in Rußland herrschenden Rechtszuständen haben die Dunkelmänner leichtes Spiel, wenn sie eine mißliebige Person auf ewig in die Eisfelder Sibiriens verschwinden lassen wollen. China. Ueber dm Gesundheitszustand der französischen Truppen in China wird aus Saigon von einem Franzosen geschrieben:„Gegenwärtig Hab in wir auf unserer Rhede 212 Verwundete oder Kranke an Bord des Transportschiffes„Sham- rock" liegen. Diese Unglücklichen, insbesondere die Verwunde- ten, bieten ein wahres Bild des Jammers; manche haben nicht einmal einen Tuchanzug, um mitten im Winter in Frankreich anzukommen. Sie find in den unteren Schiffsräumen, die fast immer unter Wasser stehen, angehäuft, entbehren folglich der Luft und des Lickts» was nicht zu ihrer Genesung beiträgt. Mittelst Privatsubskriptionen haben wir unseren lieben Lands- leuten einige Flanellanzüge und Stärkungen verschafft; aber wir konnten in Ermangelung der nöthigen Hilfsmittel nicht mehr thun und bedauern es um so mehr, als nächstens andere Verwundete und Kranke hier durchkommen werden. Ocffncn Sie doch die Spalten Ihres Blattes einer allgemeinen Kollekte." — DaS klingt herzlich schlecht und steht in keinem Vahältniß zu den hochtrabenden Redensarten der HerrcnFerry und Genossen. da hatten sie mir meinen Wolf schon hingemordet, und eine namenlos unglückliche Mutter war mehr auf der Welt." Ein lautes Schluchzen und ein heftiger Hustenanfall unter- brach die erregte Frau; Klara war mit liebevoller Sorgfalt um die Leidende beschäftigt, sie trocknete die feuchte Stirn, brachte ihr eine Erfrischung und wollte sie bewegen, sich zur Ruhe zu begeben. „Nein, nein, mein theurcs Kind, es geht schon vorüber," bat die Kranke,„lassen Sie meinem armen, gepreßten Herzen diese Erleichterung, und gerade heute, gerade heute..... Daß ich ihn noch einmal sehen wollte," fuhr sie nach einem Weilchen fort,„daß ich sein geliebtes Antlitz noch mit meinen Küssen bedecken wollte, wer konnte mich schelten? Ich wartete keine Nachricht mrhr ab und fuhr in einer Stunde zur� Uni- versitätistadt,— hin zur Wohnung meines Wolf. Da erfuhr ich, daß er bereits nach der Universität gebracht und dort auf- gebahit sei, daß am heutigen Tage noch die Ueberführung zum Bahnbof. nach seiner Heimat stattfinden sollte." ..Mir klang das alles wie dumpfes Geräusch ins Ohr; zur Universität hörte ich nur, und dorthin lenkt« ich meine Schritte. Echaaren von Menschen strömten dem gleichen Ziele zu, einer fragte den andern, was es denn außergewöhnliches gäbe:— der Student, der im Duell erschossen, wird ja de- eidigt, hieß es da,— einziger Sohn, arme Wittwe, hieß es dort,— armer Jung« sagten die einen,— arme Mutter die andern. Und„arme Mutter, arme Mutter", so tönte eS in meinem Innern, und mein Herz pulsirte nach dem Takte: arme Mutter, arme Mutter..... Da stand ich nun endlich vor dem gewaltigen Gebäude, das den Rest meines Glückes bergen sollte, ich drängte mich verzweifelnd durch... zu den Pforten... ich wollte ja mein Kind sehn;— da stand schon der Wagen mit den sechs schwarz verhängten Pferden, und gerade als ich ankam, da trugen sie den Sarg heraus, mit Kränzen und Blumen und Palmen überdcckr. da folgten auch die Studenten mit ihren Bannern, seine Verbindung, diese unglückliche Verbindung dicht hinter dem Sarge....... da, o Himmel, ertönte Musik, der Zug setzte sich in Bewegung, o Gott, diese Musik, diese einförmige Todtenmustk, Tag und Nacht hörte ich scitvcm diese Klänge,... Nachts, wenn ich eingeschlafen war» fuhr ich auf und hörte das monotone Tam, Tam.... und noch jetzt kann ich's nicht zum Schweigen bringen, dieses grauenhafte Todtenlied. Und dreimal zogen sie mit dem geliebten Todten um die Universität, dreimal kam mir der Sarg vorbei, daß ich ihn hätte mit den Händen berühren können, der Sarg, der mein Glück, meinen Liebling barg, da st'-nd's geschricb-n mit goldenen Lettern: Woifgang Sommer, geboren am achten Juli,... ja geboren unter Schmerzen, und«'zogen unter SÄmcrzen, und von ruchloser Hand ge- ™,ibt acmordet, im Uebermuth gemordet.... Und imrner Ä'% -i'- fenra tönte das Tam, Tam; doch im Herzen, da pochte eS An Stelle der ordentliche« Sitzung, welche in dieser Woche des Neujahr stages wegen ausfällt, findet beute, Nach« mittags 5 Uhr, eine außerordentliche Sitzung der Stadtvcrord- neten-Bersammlung mit folaender Tagesordnung statt: Zwei NaturalisaiionSgesuche.— Berichterstattung über die Vorlage, betreffend die Auswahl der im Etatsjahre 1885186 neu-, resp. umzupflasternden Straßen.— Wahl der Mitglieder und Stell- Vertreter zur Einschätzungs-Kommission für die klasfifizirte Ein- kommensteuer 1885/86.— Vorlage— zur Beschlußfassung— betreffend die Erwerbung des von dem Grundstücke der jüdischen Gemeinde zur Fmlegung der Treskowst ratze erforderlichen Terrains.— Vorlage— zur Kenntnisnahme—, betreffend die Erwerbung des von dem Grundstück der jüdischen Gemeinde zur Freilegung drr Treskowsiraße erforderlichen Terrains.— Vorlage— zur Kenntnißnahme—, betreffend die erfolgte Ab- nähme der verbreiterten Königin-Brücke.— Vorlage— zur Kenntnißnahme—, betreffend die der Stadtgemeinde aus der Kaufofferte bezüglich des Grundstücks Gitzchinerstr. 106 und einer Parzelle des Grundstücks Bclleallianceplatz 3 zustehenden Reckte.— Vorlage— zur Beschlußfassung—, betreffend die Zahlung einer Entschävigung für die durch die Straßenauf- höhung an der Jannowitzbrvcke erfolgte Werthsverminderung des angrenzenden fiskalischen Terrains.— Etat für den Ad- minisirationSfonds der Sparkasse pro 1385.— Vorlage— zur Beschlußfassung—, betreffend die Erwerbung des zur Durch- Icgung der Taubenstraße nach dem Hausvoigteiplatze erforder- lichen Terrains.— Rechnung der Spezial-Vcrwaliung Nr. 21 — Luisen städtisches Realgymnasium— pro 1. April 1882/83. — Rechnung der Spezial-Verwaltung Nr. 27— Vikwria- schule— pro 1. AptU_1882i83.— Baurechnung Nr. 1042— l. Stückrechnung, betreffend den Neubau der Sandkrug-Brücke. Baurechnung Nr. 1205— vi. Stückrechnung—, betreffend die Neuvermeffung der Stadt Berlin. Baurechnung Nr. 2065, betreffend den Neubau einer Umwährungsmaucr auf der Ost- fette des Grundstücks des städtischen Krankenhauses Moabit. Der Ausschuß der Stadtverordneten» Versammlung zur Äorberathung der Vorlage des Magistrats betr. die im Etatsiabre 1885/86 neu resp. umzupflasternden Straßen scklägt der Versammlung vor, dem vom Magistrat vorgelegten Plan im Wesentlichen zuzustimmen. Eine Aendecung bei den Neu- Pflasterungen geht nur dahin, daß anstatt der Neupflasterung der Straße 5 von Wiener- bis Reichenbergerstiaße, die der Gncisenaustraße in ihrem Theile von der Bärwaldstraße bis zur Schleiermacherstraße und die Straße 26 a xin l in ihrem Theile von der Elbingerstraße biS zur Straße 30 XII 1 neu gepflastert werden sollen. Betreffs der Umpflasterungcn sollen einige Straßen, welche nach dem Magistratsvarschlage in erster Linie gevflastert werden sollten, in die zwetle Linie versetzt, und wiederum Straßen, welche in zweiter Linie vorgeschlagen waren, als in erster Reihe zur Berücksichtigung vorgeschlagen werden. — Nach Mitthcilung des Statistischen Amts der Stadt Berlin find bei den Standcs-Aemtcrn in der Woche vom 14. Dezember bis inkl. 20. Dezember cr. zur Anmeldung ge- kommen: 185 Eheschließungen, 691 Lehendgeborene, 37 Todt- geborene und 571 Sterbefälle. Der Stadtverordneten-Versammlung ist die Vorlage zur Beschlußfassung betreffend den Erwerb des zur Durch- Icgung der Taubcnstraße nach dem HauSvoigteiplatze erforder- lichen Landes zugegangen. In dem Beschlüsse vom 17. April d. I. hat sich, wie es in der Moiioirung der Vorlage heißt, die Stadtverordnetcn-Versammlung für Herstellung einer offenen, 17 m breiten Fahrstraße zur Verbindung des Harlkvoigteiviatzes mit der Taubenstraße ausgesprochen und sich gleichzeitig mit der Festsetzung der Baufluchtlinien für eine derartige offene Veibindungsstraße im Voraus einverstanden erklärt. Magistrat ist diesem Beschlüsse beigetreten und ist, nachdem die Bauflucht- Knien für die neue Straße in Gewäßhrit der§§ 7 und 8 des Gesetzes vom 2. Juli 1875 zur Festsetzung gebracht worden sind, die allerhöchst« Genehmigung zur Durchführung der Taubenstraße nach dem HauSvoigteiplatze und zur Festietzung der Baufluchtlinien nach dem diesseitigen P-ojekr unterm 13. August 1884 ertbeilt worden. Die nach Eingang dieser Genehmigung wegen des freihändigen E-wnds der zur Her- stellung der Vcrbindungbstc<'ße erforderlichen Flächen von ca. 143 und 540, zusammen also von ca. 683 Dm, mit der Deutschen Baugestllschast angeknüpften Verhandlungen haben zu einem annehmbaren Abkommen nicht gefühlt. Magistrat ersucht daher um folgenden Beschluß: Die Stadtverordneten- Versammlung erklärt sich damit einveistandcn, daß die zur Durcklegung der Taubenstraße nach dem Hausvoigteiplatz er- forderlichen Parzellen von zusammen ca. 683 Qm. im Wege immer lauter: arme Mutter, arme Mutter,.... aber keine Thrär.e konnte ich weinen, ich blieb auch bei Sinnen und keine Ohnmacht crbaimte sich meiner,... wie belaubt folgte ich dem Zuge bis zum Bahnhof, da wartete ich bis zur Nacht, und dann fuhr ich mit meinem Wolf in die Heimat; dort wußte niemand, wo ich geblieben; da begruben wir dann den armen Jungen, und heute find's gerade zehn Jahre, daß icb eine einsame, unselige Frau geworden..... Dann nach Monden kam er, der Unglückselige, d-r mir mein Kind ge- tödtet, und wollte Vergebung erflehen, aber ich konnte ihn nicht sehen, ihn nicht sprechen; ich wollte nicht seinen Namen wissen, ich weiß ihn noch heute nickt,.... ich wollte nicht einer andern Mutter Kind verwünschen. Er meinte, nicht eher Ruhe S haben, bis er mir zu Mßcn gelegen;... ich konnt's nicht, konnt's nicht; meinen armen Wolf bekam ich doch nicht wieder: Tödtet, mordet nur immer weiter, reißt das einzige Kind vom Herzen der Mutter,— die Ehre erfordert's ja, die armselige Eme;— wohl sind schon Stimmen genug erschallt, um die Barbarei des Zweikampfs auszurotten, aber wie viele Mutterherzen werden noch brechen, ehe dies Gaukelspiel von der Welt verschwindet, ehe dem Morden Einhalt geschieht." Erschöpft war die furchtbar aufgeregte Frau zusammen- gesunken, wieder kam ein entsetzlicher Hustenanfall, und ein Blutstrom drang aus ihrem Munde,— erschreckt fuhr Klara auf, rief die alle Dienerin zur Hilfe und eilte dann blitzschnell hinüber in die elterliche Wobnung. „Eilen Sie zu Doktor Waldau," rief sie dem Mädchen zu, „bitten Sie meinen Vetlobtcn, schnellstens herüber zu kommen." Minuten vergingen in qualvollem Warten, dann hört- sie seinen Schritt auf der Treppe; eilig lief sie ihm entgegen: „Komm Geliebter," bat sie innig,„eine schwer Leidende bc- darf deiner," und rasch zog sie den Ueberrascht-n mit sich fort; „du weißt doch, die liebe, alte Dame, die hier im Hinterhaus« wohnt, und mir mit so geschickter Hand bei meinen Toiletten hilft; sie war heut so aufgeregt, und sprach viel, hustete ent-' setzlich, endlich ein Blulsturz, du wirst ja selbst sehen." Schon standen beide im bescheidenen Gemach; die Kranke log still athmend, bleich wie der Tod im Bett, in das die sorgsame Dienerin sie gebracht, schnell übel flog der Arzt die Situ: t on— näher trat er an das Bett der Leidinden, foßie er ihre bleiche Hand prüfend_ und horchte auf den Athem. Dann ließ er sich nieder, um eine mildernde Medizin zu ver- schreiben.> „Also, so aufgeregt war die ärmste," befragte er beim Schreiben sein Kläreden, das leise weinte. „O, ich trag« mit die Schuld daran," jammerte diese,„ich erzählte ihr von der bkftigen Szene, die heut bei uns ge- spielt, von Deinem Eifern gegen die Studentenverbindungen und das Duell; da? verstäikte ihre traurigen Erinnerungen, denn denk nur, heut vor zehn Jahren hat man ihren einzigen, herrlichen Sohn im Duell erschossen,— o wenn Du das Herze- leid mit angeschn hättest!" deS EnteignungSverfabrens erworden werden und stellte die bierzu erforderlichen Mittel aus dem Straßenland-Erwerbungs- fonds pro 1885/86 zur Verfügung. Die Entnahme der erforderlichen Mittel auS dem nächstjährigen Fonds erscheint, abge- sehen von der bereits bei dem diesjährigen Fonds vorhandenen Ueberschreitung, um deshalb geboten, weil vas Enteignungs- verfahren bis zum Ablauf des laufenden RechnunasjahreS nicht mebr durchzuführen ist und also die zu zahlende E.itschädigung in demselben nicht mehr zur Anweisung gelangen kann. D o k» t e s. cr. Revolverschüsse find es, die heute und in den ver- gangcnen Tagen die Bevölkerung Wiens in Schrecken und Aufregung versetzten, der Widerhall derselben hat in der ganzen zivilisirten Weit wieocr einmal die Aufmerksamkeit auf ein In- siitut gelenkl, welches eigentlich nur in ersprießlicher Weise sich entwickeln und gedeihen kann, wenn es von dem Vertrauen aller Derjenigen getragen wird, welche mit demselben überhrupt in irgend einer Beziehung stehen. Der Krach scheint in Per- manmz erklärt zu sein in der leichtlebigen Stadt an der schönen blauen Donau, mit Scham und Enlcüstung muß Jeder, dessen sittliches Gefühl noch nicht ganz und gar erstorben ist, auf jene Männer blicken, die, in feiger Furcht vor Strafe, eine Kette von Betrügerelen und Unterschleifcn mit einer Pistolen- kugel weit zu machen sich erdreisten. Mag sein, daß der bla- firte Börsenjobber mit einer Art von Bewunderung auf jene Diebe blickt, die ihren Nebenmenschen den rechtmäßigen Ertrag ihrer Arbeit stehlen, und die sich dann mit stch selbst und mit der übrigen Menschheit für abgefunden halten, wenn sie den traurigen Muth finden, einen schnellen und sicheren Tod dem Leben im Zuchthause vorzuziehen,— es mag dos sein, hier in Berlin gewinnt es wenigstens den Anschein, als ob man sich in denjenigen Kreisen, die freilich der öffentlichen Spielbank in der Bu gstraße nicht ganz fern stehen, einer gewissen Sym- pathie für diese„Opfer" des Betruges und der Spitzbübereien nicht erwehren könne. Heute bereits kolportirt man in Berlin mit einem unverkennbaren Behagen jene blutigen Witze, die man an der Wiener Börse zu reißen für gut defindet. Man nehme doch heute einmal eines jener Blätter zur Hand, die eiqcnS dazu geschaffen zu sein scheinen, um eine Klique an der Börse zu verherrlichen, der„Speziaikorrespondent" übermittelt ei'feriig die neuesten, bösartigen Kalauer und der Berliner Jobber lächelt stolz, wenn er liest, wie sich sein Wiener Kollege zu amüsiren versteht. Die Wittwen und Waisen, denen viel- leicht von Leuten, die auf Gummi fahren, ihre sauer ersparten Groschen gestohlen worden find, wird das Lacken wohl ver- gehen, die„exklusiven" Kreise an der Börse haben indessen trotz alledem ihren Spaß, und für das Vergnügen ist gerade jenen Leuten bekanntlich nichts zu theuer. Man soll sich hier in Berlin nur nicht allzusehr spreizen, es könnte ja möglich sein» daß die Wiener Beispiele eine ansteckende Wirkung ausüben, ob mau dann auch hier faule Witze reißt— wer kann's wissen? b. Am Tempelhofer Berge, wo jetzt fleißig gebaut wird, verbaut man alle Straßen, welche auf tenstlben zu münden. Selbst die Nostizstraße, welche schon auf den Berg hinauf durch Granitborden marlirt war, wird durch einen quer davorgelcgten Neubau gesperrt. Wenn die Stadt einmal hier weiier hinaus möchte, stnd alle Zugänge gesperrt und man muß wieder durch theure Abrisse Raum schaffen. g. Die Arbeiten an drr Anschlußbahn zur städtische« Zentral'Markthalle in der Neuen Friedrichstraßc werden seit Kurzem auch während der Nacht ausgeführt, um so die Fertigstellung derselben möglichst zu beschleunigen. Das Eintreten einer strengen Kälte würde hier allerdings einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen und die baldige Vollendung der Arbeiten in Frage stellen. Bis sitzt mußten die Arbeiten erst einmal und zwar auf etwa 14 Tage eingestellt werden, weil der Frost den Mörtel zufrieren ließ, ein Zustand, der bc- reits bei über 2' Kälte eintrtit. Die Arbeiten sind jetzt soweit vorgeschritten, daß man mit der Aufführung der letzten Pfeiler in der Nähe der Spandauerbiücke beginnen kann, woselbst sich die Maikthallenanschlußbahn wieder mit den jetzigen Schienen der Stadtbahn verbinden wird. Hier nimmt auch die Breite der Pfeiler ab, wrlche nach der Markthalle zu und vor dieser größer wird. Während die Bogen für die Anschlußbahn vor der Markthalle bereits vollendet find und die Lberlage für den Eisenbahnbetrieb in Angriff genommen ist, werden auf der Strecke von der Kaiser Wilhelmstraße bis zur Rochstraße eist die Bogen gemauert. Nach Neujahr hofft man die Ver- bieiterung der eisernen Brücke über der Rochstraße vornehmen und den Bogcnbau nach dem Endpunkte der Anschlußbahn fortsetzen zu können. Die Unternehmer, denen der ganze Bau „Heut vor zehn Jahren." sagte der junge Doktor, und seine Stimme bebte wie im Fieber— das Rezept war gerade feitig geschrieben, es fehlte nur der Name der Patientin— „wie... wie heißt denn Deine liebe, alte Dame?" fragte er mühsam. „Frau Sommer," antwortete Klärchen. „Allmächtiger Gott!" rang es sich von den Lippen des jungen Arztes,„sie ist's— die unglück.iche Mutter meines armen Wolf." „Ja, ja, Wolf, Wolfgang, so nannte sie den Sohn," rief Klara,—„o, Gott im Himmel, wär's möglich, entsetzlicher Gedanke... jetzt begreif' ich alles... du... Ernst! Du, mein armer, lieber Ernst!" Sein Kopf lehnte an ihrer treuen Brust, in fliegender Hast ging sein Athem und beiße Thränen enlst.ömten seinen Augen-„Zehn lange Jahre," flüsterte er,„o, könnte ich's sühnen, mein Lied'; o wie nagt es seitdem in meinem Herzen, das junge Blut, im Jugendübermuth, unter dem Eindruck eines starken Ehrgefühls vergossen; wie klagt es mich an seit diesen langen Jahien— Menschenrecht, Vöiket recht studirtcn wir ge- meinsam- da trat eine elende Rechtsfrage strettbringend zwychen uns auf— die älteren Genossen entschieden, die Waffen wurden uns in die Hand gedrängt, und er fiel, der arme gute Wolf; weg warf ich die Bücher, weg wollte ich L|&f»4 w Wunden geschlagen, so sollte mein 4* m!" �tauf genchtkt sein, Wunden zu heilen «Js Vf. mein Leben dem bmlichen ä««s "R»d sie dem Leben erhalten bleiben. Ernst?" mmm die 88 or ge nen -g8icht ing Der ind zen In= fich uen upt Ser Der Der, ift, ine en= la ene cag mit Den em in fich ant m= ien clin die Ran Die Der telt ner ege Fiel ten er= соф tent in in, en, n's Erd, en. rch ten us rch ent feit tgten gen ng ten en, be beit Eler Ich en ite ser or ür nuf ße er= en hn au and ade er Des леб clef Be ein der en en, Das us en ge End die Der i nir inr ein len en gen ter Erst nie Die fe, en ut, uf Die en en Der ite ( m au dieser Anschlußbahn übertragen worden ist, find die Herren| Obduktionshause geschafft. Am 27. b. Mts. Nachmittags| Held und France und der Bauinspektor Herr Lindemann. V g. In Bezug auf die bei einzelnen höheren Lehran ftalten bestehende Einrichtung, in sechs aufeinander folgenden Stunden rein wissenschaftlichen Unterricht zu ertheilen, ist soeben von dem Königl. Provinzial- Schul Kollegium eine be merkenswerthe Verfügung getroffen worden. Der Sohn eines Kaufmanns in der Breitenstraße besucht die Quarta des Louisenstädtischen Real- Gymnasiums, woselbst am Mittwoch und Sonnabend von 8 bis 2 Uhr, also 6 Stunden, rein wissenschaftlicher Unterricht ertheilt wird. Die Angehörigen des Schülers glaubten hierin eine starke Ueberbüidung zu er bliden und richteten raher zuuächst eine Eingabe an den Magistrat. Derselbe stellte jedoch dem Fragesteller anheim, bie Angelegenheit dem Provinzial- Schul- Kollegium zu unterbreiten und dieses ertheilte nun unterm 22 d. Mts. auf die Fragestellung wö: tlich folgenden Bescheid: Euer Wohlgeboren er widern wir auf Ihre Buschriften vom 11. November und 10. Dezember d. J., daß die in denselben zur Sprache gebrachte Einrichtung eines in sechs aufeinander folgenden Stunden ertheilten rein wissenschaftlichen Unterrichts am Louisenstädtischen Real Gymnasium Abstellung gefunden hat. Kgl. Provinzial Schul- Kollegium. Herwig."-Bei dieser Gelegenheit sei noch bemerkt, daß auf G.und einer höheren Oris ergangenen Verfügung der Unterricht in den Echulen nicht mehr um 10 Minuten nach 8 Uhr, sondern Punkt 8 Uhr zu beginnen hat. g. Einen Beweis, daß der Aberglaube felbst in dem intelligenten Berlin noch nicht ausgestorben ist, liefert die Thatsache, daß viele hieftge Hausfrauen cs unterlassen, zwischen Weihnachten und Neujahr Wäsche zu waschen, um nicht dieselbe trocknen zu brauchen. Ja es werden sogar die Waschleinen aus der Küche und vom Boden genommen, Alles aus dem Grunde, weil es heißt, das Befestigen bezw. Hängenlaffen der Waschleinen zwischen Weihnachten und Neujahr habe für das kommende Jahr Unglüd in der Familie zur Folge oder einer der Angehörigen werde sich im Laufe des nächsten Jahres aufhängen. Wie lange wird es noch dauern, bis dieser Unfinn der Vernunft weicht?! Die Schlingenstellerei, mittels welcher von bübischer Hand Rebbühner, Hasen und Rehe gefangen werden, scheint in diesem Jahre in flottem Schwunge zu sein. Trotzdem das Schlingenlegen gefeßlich verboten ist, findet sich immer noch eine Anzahl von Leuten, welche hieraus ein schändliches Ge werbe machen. Gestern gerieth in einem Bart bei Behlendorf ein Jagdhund in eine solche Schlinge. Dieselbe hatte fich, als der Befizer des Hundes auf dessen jämmerliches Heulen herbei eilte, schon so fest zusammengezogen, daß der Hund halb ermürgt war. Bi näherer Besichtigung der Hede, in welcher die Schlinge aufgestellt war, ergab sich, daß dort noch mehrere folcher Drahtichlingen vorhanden waren. Die Fälle, in welchen Personen durch Ueberfahren berlegt worden sind, hab n sich in lezter Beit erheblich vermehrt. Wenn dergleichen Unglücksfälle auch in der Regel in der Unvorsichtigkeit des Publikums ihren Grund haben, so trifft doch auch ein großer Theil Schuld die Kutscher, welche durch übermäßig schnelles Fahren, namentlich an lebhaften Straßenübergängen und um die Ecken, das paffirende Publikum gefährden. Mit Rücksicht hierauf hat das Polizeipräsidium Seine Aufsichtsbeamten, insbesondere die Poften an den Straßens freugungen angewielen, diefem übermäßig schnellen Fahren, namentlich der Droschten I. Klaffe und der Schlächterwagen mit der nöthigen Energie entgegenzutreten. Insbesondere ist denselben auch zur Pflicht gemacht, an den lebhaften Kreuzungspunkten den Fubrwerfen rechtzeitig balt zu gebieten, um den Fußgängern das ungefährdete Paffiren des Straßendammes * ermöglichen. Abgefaßter Einbrecher. In der Wohnung des Mühlencofigers in Klein- Schönebed war am 27. b. M. Vormittags, wahrend der bmofenheit doe Boffpera, ein EinbruchsDiebstahl verübt worden. Der Dieb hatte sich einen guten Anzug des Besizers und eine Sammlung alter feltener Münzen angeeignet, auch daselbst eine vorgefundene Flasche Wein ausgetrunken und Zigarren aus der Bigarrenfiste des Bestohlenen geraucht. Als der Diebstahl im Laufe des Tages entdeckt wurde, richtete fich der Verdacht sofort gegen den bei dem Mühlenpächter befchäftigten Müller Sch., welcher seit dem vergangenen Abend von seinem Meister nicht mehr ge= fehen worden war. Der Mühlenpächter machte, in der Annahme, daß Sch. mit seiner Beute nach Berlin gegangen wäre, fofort Anzeige bei dem hiesigen Kriminalkommissariat, und gestern Vormittag wurde Sch., gerade aus der Herberge in Der Drantenstraße tommend, von einem Schußmann an der Ecke der Alten Jakobftraße festgenommen und zur Haft ge bracht. Sch. befand sich bei seiner Festnahme in den dem Mühlenbefizer gestohlenen Kleidern, welche er sofort, nachdem er in die gedachte Herberge gekommen war, gegen seinen eigenen, sehr reduzirten Anzug gewechselt hatte. Hierdurch überführt, räumte Sch. rückhaltslos den von ihm verübten schweren Diebstahl ein. a. Falsches Geld. Der bereits mehrfach bestrafte ,, Arbeiter" Voigt tat gestern in einen Bigarrenladen in der Alerander firage, woselbst er zwei Bigarren faufte und dafür ein Thalerstück auf den Tisch legte. Der Verkäufer erkannte sofort, als er den Thaler in die Hand nahm, daß derselbe falsch war und er veranlaßte die Festnahme des V. V. stellte zwar in Abrede von der Unechtheit des Thalers Kenntniß gehabt zu haben, da aber bei ihm, in seinem Portemonnaie, acht Mark in Ileinen Münzen gefunden wurden, mit welchen er ganz bequem die Bigarren hätte bezahlen können, so daß er also nicht nöthig gehabt hatte, den Thaler in Kleingeld umzuwechseln, so wurde B. nach dem Moltenmarkt gebracht. Das Thalerstück ist ein Vereinsthaler vom Jahre 1867 mit dem Münzzeichen A., das Gepräge ist zwar deutlich, aber im Ganzen genommen plump. Kurz vorher war ein anderer falscher Thaler hannoverschen Gepräges in einem anderen, in der Nähe befindlichen Bigarrengeschäft erfolglos von einem anderen Dianne, wahrscheinlich einem Komplizen des V., als Bahlung für gekaufte Bigarren angeboten worden. V. ist heut zur Untersuchungshaft gebracht worden. x. Von einem Privatfuhrwert überfahren wurde geftern Mittag in der Nähe des Potsdamer Plages ein Herr, als er den Sir Bendamm überschreiten wollte. Er schien feine besonders schweren Verlegungen davongetragen zu haben, er tonnie wenigstens nach einigen Minuten in Begleitung eines Edutmanncs, der später hinzufam, weiter gehen. Bemerkensweith bei dem Vorfall war der Umstand, daß es Niemandem Don den zahlreichen Baffanten einfiel, den Kutscher anzuhalten, um au fonstatiren, ob er isgend welde Schuld an dem Unfall habe. Bei unseren Droschtenfutscern ist man in dieser Be liebung viel aufmerksamer, diese ben werden stets angehalten und, wie verschiedene Vorkommnisse beweiser, sogar vom Publifum zur Verantwortung gezogen. Was aber dem Einen recht ift, muß dem Andern billig sein. Im Bellealliance Theater findet heut die 75. Aufführung des übermüthigen Schwankes„ Der Raub der Sabinerinnen statt. Nach den Lachsalven und dem Beifalls- Jubel, der allabendlich das ausverkaufte Haus durchbraust, zu urtheilen, ist das Jubiläum sein.er 100. Aufführung mit Gewißheit zu ers warten. Polizei Bericht. Am 25. d. Mis. Vormittags verunglüdte der 14 Jahre alte Sohn der in der Mödernstraße toohnhaften unverehel. Schulz dadurch, daß er auf eine Rifte fletterte, von dieser hinabfiel, im Fallen eine auf dem Dfen ftehende Kafferole mit siedendem Wasser herunterrig und sich bamit so erheblich verbiübte, daß er am 26. d. Mts. Abends in Folge der elütenen Brandwunden verstarb. Am 26. b. Wohnung, in der Lottumstraße. Die Leiche wurde nach dem Mts. Nachmittags eihängte sich ein Mann in der elterlichen murde die 73 Jahre alte Wittwe Schmeichel in ihrer Wohnung, Brunnenstr. 132, todt aufgefunden. Da die Todesursache mit Sicherheit nicht festgestellt werden konnte, wurde die Leiche nach dem Obduktionshause geschafft. Am 28. d. Mts. Morgens stürzte sich eine Frau in der Ritterstraße aus dem Fenster ihrer 2 Treppen hoch belegenen Wohnung auf den asphaltirten Hof hinab und erlitt außer einem Arm- und einem Beinbruch derartige schwere Verlegungen, daß sie kurz darauf verstarb. Gerichts- Zeitung. Einen sprechenden Beitrag für den Segen der Berufungsinstanz lieferte heute der Ausgang zweier vor der fünften Straffammer hiesigen Landgerichts I. stattgehabter Verhandlungen. In der ersten Sache handelte es sich um die Be tufung der Tischlergesellen Klose, Bauer, Langberg und Nicolai, welche neben zwei anderen Tischlergesellen wegen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruchs zu Gefängnißstrafen von je 14 Tagen resp. je 1 Monat verurtheilt worden waren. Am 23. April cr. hatfen in Folge des Strifes der Tischler in der Werkstatt des Tischlermeisters Wendt, Grüner Weg 79, of 1 Treppe, zwei Erzeffe mit Intervallen von je einer halben Stunde stattgefunden. Beide Male waren die erschienenen Tischlergesellen, die sich erkundigen wollten, ob Meister Wendt die Lohnforderungen der Gesellen bewilligt habe, zum Verlaffen der Werkstatt aufgefordert und sollen sich Die nach Annahme der Antiage nicht entfernt haben. jezigen Berufungskläger maten nur wegen des ersten Falles unter Anflage gestellt, von dieser Anklage aber für nichtschuldig befunden und wegen des zweiten Vorfalls verurtheilt. Da nun nicht ersichtlich war, wie der erste Richter zu dieser Feststellung gelangt, in der Verhandlung zweiter Instanz auch kein Belastungsmaterial erbracht wurde, erkannte Instanz auch kein Belastungsmaterial erbracht wurde, erkannte der Gerichtshof auf Aufhebung des ersten Urtheils und Fretsprechung der Angeklagten. Die zweite Sache, in welcher Die zweite Sache, in welcher Der Tischlermeister August Maske in Berücksichtigung seiner mehrfachen Vorbestrafungen wegen Beleidigung von Polizei beamten, wegen Beleidigung des Wachtmeisters Kornills za vier Wochen Gefängniß verurtheilt worden ist, hatte einen gleichen Ausgang. Nach der Feststellung des Schöffengerichts hatte der Angeklagte auf der Straße den genannten Wachtmeister, mit dem er niemals irgend etwas zu thun gehabt hatte, mit " Du Schafskopf" titulirt. Als Motiv dieser sonst unerklärlichen Ausschreitung nahm das Sch ffengericht Haß gegen die Ere futivbeamten im Allgemeinen an. In einem früheren Termine vor dem Untersuchungsrichter machten sich Bedenken gegen die Burechnungsfähigkeit des Angeklagten geltend, der Die üble Gewohnheit, stets laut vor sich hinzusprechen, in frankhafter Weise an den Tag gelegt hat, und das Gericht beschloß feine Exploration durch den Professor Geh. Nath Dr. Simon. Deffen Gutachten ging nun dahin, daß der Angeklagte ein sehr schwach finniger Mensch sei, der sehr wohl die zur Anklage gestellte That in unzurechnungsfähigem Bustande begangen haben könne. Dieses Gutachten genügte dem Gerichtshof, um die Verurtheilung des Angeklagten aufzuheben und denselben freizusprechen. auch noch In einem eigenthümlichen Dilemma befand sich am 24. Juli cr. der Eigenthümer des Hauses Posenetstraße 16, Herr Müller. Bekanntlich ist derselbe vor einigen Wochen von der 96. Abtheilung des hiesigen Schöffengerichts zu einer Geldstrafe verurtheilt worden, weil Bolizeilieutenant Megler bei einer Re vifion des Hofes des bezeichneien Hauses die Sentgruben mit Kuhdung angefüllt gefunden hatte, der nicht vollständig geruch frei desinfizirt war. Der Polizeibeamte hatte sich nun nicht mit der bloßen Anzeige dieser Uebertretung der Polizei- Verords nung begnügt, sondern auch noch an Herin Müller unter der Androhung von Zwangsmaßregeln den Befehl gerichtet, den Kuhdung 6tunen 12 Stunden zu beseitigen. Der Lettere requirirte darauf per fetuen Telegraphen Mistbauer zum fofortigen Abfahren des Kuhdungs. Dieser langte und fuhr am Nachmittage bier an den Kuhdung noch vor Eintritt der Dunkelheit aus dem Hause des Müller ab. Jetzt wurde dem Müller wiederum wegen Uebertretung der Polizeiverordnung, nach welcher das Abfahren von Dünger nur in der Nachtzeit zwischen 12 und 5 Uhr geschehen darf, ein Strafmandat in Höhe von 5 Mark eventuell 1- Tag Caft zugeschickt. Auch gegen dieses erhob er Widerspruch und hatte sich daher abermals vor der 96. Abtheilung des hiesigen Schöffengerichts zu verantworten. Der Angeklagte berief sich darauf, daß er durch die Polizeibehörde selbst in eine Kollision der ihm auferlegten Verpflichtungen gebracht worden sei, und meinte, daß er doch nicht für die Befolgung eines polizeilichen Befehls bestraft werden könne. Durch die Vernehmung des Schußmannes wurde festgestellt, daß der Angeflagte den polizeichen Befehl zum Fortschaffen des Kuhdungs um 12 Uhr Nachmittags erhalten hatte. Der Gerichtshof verurtheilte daraufhin den Angellagten zu 2 Mart, weil derselbe in der Beit von 12-12 Nachts Beit genug zur Befolgung des qu. Befehls gehabt hatte. Leichtblütig. Emilie Kleinpeter ist ein junges, hübsches Mädchen. Sie ist guter Leute Kind und nach dem Tode ihres Vaters nahm sie ein Verwandter und Freund des Vaters in fein Haus nach Wien, damit sie sein Hauswesen besorge. Der Verwandte sorgte in Allem für fie. Was aber leichtblütig ist, hält es nicht lange an einem Drte aus. Emilie Kleinpeter wollte das Leben genießen um jeden Preis. Auf den raschen Genuß folgte allerdings das Strafgericht. Sie lernte einen Mediziner kennen, der nichts sein Eigen nannte als wenig Luft zum Studium. Im Mai dieses Jahres verließ sie heimlich das Haus ihres Beschüßers und bezog mit dem Mediziner gemeinfame Wohnung bei einer Rutschersgattin. Sie hielt den Mediziner aus, allerdings auf Kosten der Wohnungsgeberin, die fte auf Grund einer Schrift, daß sie im Depositenamte in der Wipplingerstraße 700 fl. zu beheben habe, nicht nur zur Ge mährung von Koft und Quartier, sondern auch zu fleinen Darlehen bewog, was mit der Hilfe der Schrift ihr auch bei einer Schuhmachersgattin gelang. Den Mediziner wurde Emilie nach etwas mehr als Monatsfrist fatt und fie gewann besondere Vorliebe für Offiziere. Bei ihrer Anmuth war es ihr nicht schwer, rasch Betannischaften zu machen; fte liebte bte Abwechslung und Offiziere gibt es genug. Ein schmucker Kavallerie- Offizier hatte es Emilien besonders angethan und als er zu ben Manövern nach Brünn mußte, verließ Emilie Wien und begab fich auch nach Brünn. Der väterliche Freund bemühte sich, fie in sein Haus zurüdjubringen, er machte den hier angerichteten Schaden gut; aber zu spät, die Strafanzeige war bereits erstattet. Dhne jede Ueberlegung schritt unterdessen das junge Mädchen auf der Bahn des Verbrechens weiter. In Brünn lernte fte ein HotelStubenmädchen aus Dlmüz, Anna Budit, kennen. Diese war nach Brünn gekommen, um ihren Bräutigam, dem Gastwirthe Ferdinand Schulz, ihre Ausstattung, die über 1300 fl. werth war, zu überbringen. Emilie wußte das Vertrauen der Budit zu erwerben, aber noch mehr das ihres Bräutigams. Vorerst bewog fie die Budit, ihr 70 fl. zu leihen, ihr Verlobter, der Offizier, sel in Verlegenheit. Hierauf wußte fie der Budit bei aubringen, fie babe in Dimüs 7000 fl. zu beheben und reifte mit dem Stubenmädchen dorthin, logirte sich in einem Hotel mit dem Stubenmädchen dorthin, logirte fich in einem hotel ein und ließ die Budik für sich sorgen. Der Bräutigam der Letteren hatte immer mehr Gefallen an der hübschen Kleinpeter gefunden und holte fie nach Brünn ab, wo er ihr erklärte, sie solle ihn von seiner Braut befreien. Emilie war rasch dazu bereit, fie schwelgte mit dem Gastwirthe und vergessen waren die Offiziere. Sie machte den Plan, die Braut nach Wien zu bringen. Geld hatte sie keines, um die Reise zur Budit zu machen, und so rieth fie, die Ausstattung der Budik zu versetzen. Sie erhielt 200 fl. auf dieselbe; doch, als fie von Brünn abreisen wollte, hatte der Roman ein Ende, fie wurde am Bahnhofe erkannt und verhaftet. Tags darauf erschoß sich Ferdinand Schulz. Gestern war Emilie Kleinpeter vor dem Erkenntnißgerichte wegen Betruges angeklagt. Den Vorsitz führte L.-G.-R. Nebenführ, die Anklage vertrat St.- A.- Sbst. Heppner, als Vertheidiger fungirte Dr. Endletsberger. Die Angeklagte gestand das Thatsächliche, bestritt aber die Abficht gehabt zu haben, Jemand zu schädigen, und ver wies darauf, daß sie ein väterliches Erbtheil zu erwarten habe. Die Verhandlung erwies, daß Emilie Kleinpeter von feiner ihrer Liebschaften einen Vortheil 30g; ihr handelte es sich nur um den Genuß. St.- A- Sbft. Heppner plaidirte auf strenge Bestrafung. Vertheidiger Dr. Endletsberger machte geltend, daß die Anges flagte nur ein Opfer ihres Leichtfinnes sei und sicherlich keine Verbrecherin aus böser Absicht. In wärmster Weise plaidirte Dr. Endletsberger auf Anwendung des außerordentlichen Milderungerechtes. Entsprechend den Ausführungen des Vertheis digers machte der Gerichtshof von dem außerordentlichen Milderungsrechte Gebrauch und verurtheilte die Angeklagte zu sechs Monaten Kerkers. Arbeiterbewegung, Vereine und Versammlungen. Die Versammlung des Vereins zur Wahrung der materiellen Interessen der Fabritarbeiter, welche zu Sonntag, den 28. d. Mts., einberufen war, mußte, da die Bethelligung eine zu schwache war, vertagt werden. Der ge.inge Befuch war wohl hauptsächlich den Feiertagen zuzuschreiben. Der Vorsigende wies mit furzen Worten darauf hin, wie wichtig es wäre, dem Verein beizutreten, ber doch gewillt ist, die heutigen Verhältnisse mit verbessern zu helfen. Die nächste Versammlung findet am 6. Januar Abends 8 einhalb Uhr statt, und forderte der Vorsitzende die Anwesenden dazu auf, dahin zu sorgen, daß die nächste Versammlung stärker besucht würde. Das Thema: Dr Normalarbeitstag", sei doch gewiß ein solches, welches jeden Arbeiter intereffiren müsse. in h. Zur Lohnbewegung der Buchbinder und verwandten Berufsgenossen. Ein Schreiben, wie das vor Kurzem vom Fabrikanten Mattern an die Lohnfommission gerichtete, fam auch in der jüngsten Versammlung des Buchbinder- Unterstügungsvereins am vorigen Montag Abend zur Verlesung. Der Schreiber und Absender dieses Briefes an die Kommission ist der durch die große Billigkeit seiner Fabrikate auf Grund zufälliger, ausnahmsweise günstigerer Produktionsbedingungen bekannte Mappenfabrikant St., welcher in dem Schreiben die Kommission gleichsfalls seiner unbegrenzten Sympathien und seiner Unterstügungsbereitwilligkeit allen vorkommenden Fällen versichert, indem er sich anbietet, eventuell die durch einen Strife oder durch Maßregelung seitens der Fabrikanten arbeitslos werdenden Arbeiter in seiner Fabrit zu beschäftigen und die Lohnkommission in ihren Bestrebungen auf jede von ihr gewünschte Art zu fördern und zu unterstützen. Hieran reiht der Verfasser des Schreibens eine vergleichende, nur leider in Betreff des eigenen Geschäfts auf einer etwas sonderbaren und unzutreffenden ,, Durchschnitts"-Berechnung beruhende Statistik der von ihm im Laufe des legten Jahres gezahlten guten" Durchschnittslöhne und der von einem feiner bekanntesten Konkurrenten angeblich gezahlten unvers gleichlic schlechteren, wobei sich, wie allgemein fonftatirt wurde, der böje Rechnungsfehler eingeschlichen hatte, daß die Durchschnittslöhne der Konkurrenz Fabrik irrthümlich auf 9 Mr. anstatt auf 15 Mt. wöchentlich, worauf fie fich wirklich de Laufen haben sollen beziffert waren. Aus dieser Lohnstatistik hatte der Briefschreiber schließlich die Folgerung gezogen, daß der relativ treffliche Stand seiner Durchschnittslöbne ihn wohl zu der Erwartung berechtige, die Kommission und die betreffenden Arbeitskreise würden sich frog der in seiner Fabrik streng durchgeführten Theilarbeit", aus der ihm ein Vorwurf gemacht werde im Konkurrenstampfe gegen jenen seinen Hauptrivalen unbedingt auf seine( Derrn St.'s) Seite stellen und hiernach wie er hoffe ben ob= schwebenden Konflikt zur Entscheidung bringen. Selbstvers ständlich nimmt die Kommission, wie sie dies auch in dem vorliegenden Falle gethan hat, solche und ähnliche Aner bieten stets mit dem größten Vergnügen und mit ,, verbindlichstem" Danke an, so lange und in so weit dieselben nicht an Bedingungen und Gegenleistungen geknüpft sind, deren Gewährung mit der Förderung der Arbeiterinteressen nicht identisch oder nicht vereinbar sein würde. Auch hat sich in jener Versammlung auf ebenso unzweideutige, wie erfreu liche Weise gezeigt, daß weder die Lohnkommission noch die Gesammtheit der betreffenden Arbeiter in die Gefahr einer Verwechslung der Arbeiterinteressen mit den Interessen des einen oder andern, im Konkurrenzfampfe fich befehdenden Fas brikanten so leicht gerathen könnte. Um speziell auf die Lohnbewegung der Buchbinder 2c. einzugehen, haben wir hier zunächst zu erwähnen, daß nunmehr auch die MinimaltarifKommission der Mappenarbeiter in Verbindung mit der Lohnkommission der Buchbinder und verwandten Be rufsgenossen( Sonnabend, Vormittags) ihre Berathungen begonnen hat und nach wie vor annimmt, dieselben noch bis Neujahr zum Abschluß bringen zu können, da die Ausarbeitung dieses Tarifs feinerlei Schwierigkeiten bereitet. Derselbe wird gleich nach seiner Vollendung zur unverzüglichen allges meinen Durchführung gebracht werden, wobei man vorausseßen zu dürfen glaubt, feinem eigentlichen Widerstande seitens einzelner Unternehmer( Prinzipale) begegnen zu müssen, nachbem bis jetzt so ziemlich sämmtliche Firmen fich mindestens den Anschein gegeben, als nähmen fte der Bewegung gegenüber eine sympathistrende Stellung ein, und nachdem wie nachweisbar einzelne Chefs sogar Direkt mit ihrem Entschluß, die Bewegung zu fördern und zu unterstügen, an die Lohnfommission herangetreten find. Auch wird, wie man uns versichert, faum von irgend welcher Seite verhehlt oder bestritten, daß hinsichtlich der Affordlöhne wie firen Löhne und anderer Verhältnisse in der Mappen branche, vielfach, nachgerade unhaltbar gewordene Ungleich artigkeiten und Unzuträglichkeiten der verschiedensten Art zum Nachtheil von Unternehmern und Arbeitern sich eingeniftet haben, Mißstände, die endlich durchaus beseitigt werden müssen. An die Tarifbewegung in der Mappenbranche wird sich, nach der schon in furzer Zeit zu erwartenden Vollendung des Mini maltarifs für die Albumfabritation, unmittelbar und sofort die Durchführung desselben in der AlbumBranche anschließen, worauf nach den gegenwärtigen Intentionen der aus Mitgliedern sämmtlicher Branchen zusammengefeßten Lohnkommission alle übrigen Branchen der Buchbinderei und verwandten Berufe der Reihe nach die Bes wegung aufnehmen und durchführen sollen. Die Gesammtheit aller Branchen des Buchbinder- 2c. Gewerbes soll in Berlin ca. 2000 Arbeiter( Gehilfen 2c.) umfaffen, von denen, wie wir uns durch Einblick in das Mitgliederverzeichniß des Unterstüßungsv: reins der Berliner Buchbinder und verwandten Berufsgenoffen" selbst überzeugt haben, nach Ausweis der legten laufenden Nummer des Verzeichnisses fast volle 1500 dem Verein beiges treten sind. In wie weit dieselben jedoch ihm zur Beit als attive Mitglieder noch angehören, läßt sich momentan auch nicht annähernd bestimmen und muß erst die nächste Folgezeit lehren. Gerade deshalb aber steht sich die Lohnkommission veranlaßt, an alle Berufsgenossen und Kollegen die eindringlichste Mahnung zur ausgedehntesten Weiterbetheiligung resp. Wiederbeteiligung an den Vereinsbestrebungen und hnbewegung, sowie an der gewissenhaftesten Erfüllung aller| Mitgliederpflichten ergehen zu laffen, da nur unter dieser Vorausseßung auf eine durchweg erfolgreiche Durchführung der Lohnbewegung in sämmtlichen Branchen zu rechnen ist. Ja, der Erfolg jeder einzelnen Branche hängt in gewiffem Sinne hauptsächlich oder zum großen Theil von dem Erfolge der ihr in der Bewegung voraufgegangenen Branche ab, weshalb das Intereffe der Berufsgenossen aller Branchen jedem einzelnen Stollegen und jeder einzelnen Branche die gebieterische Pflicht auferlegt, die Erringung des Erfolges jeder einzelnen, gleich wie aller Branchen dadurch sicherzustellen, daß fie schon vom Beginn der Bewegung an durch thatkräftige aktive Betheiligung am Verein und an der Bewegung die Kommission und damit zugleich jede vorgehende Branche in die Lage ver setzen, über diejenigen materiellen und moralischen Machtmittel zu verfügen, welche, wie Jedermann weiß, unter allen Umstänben die unentbehrliche Vorbedingung des Erfolges bilden. In der freireligiösen Gemeinde hält am Neujahrstage, Rosenthalerfir. 38, Vorm. 10 Uhr, Herr Schäfer den Festvortrag. Butritt steht Jedem frei. Vermischtes. Aus Stuttgart wird der Neckar- 8tg." geschrieben: Wenn sich die hier zirkulirenden Gerüchte bestätigen, so wäre t gelungen, dem vierten Komplizen bei den anarchistischen Standthaten in Straßburg und Stuttgart auf die Spur zu fommen. Wie unseren Lesern noch erinnerlich sein dürfte, gelang es nicht, die drei Mordgesellen Stellmacher, Kammerer und Kummic hinsichtlich ihres vierten bei der That bethelligten Genossen zu einem Geständneß zu bringen. Rummic gab zwar zu, von einem ihm persönlich unbekannten Fremden hierher bestellt worden zu sein, indeffen war die Beschreibung deffelben so allgemein gehalten, daß die angestellten Recherchen fruchtlos blieben. Nach geschehener That hier flüchteten bie Mordbuben in der Richtung nach Kolmar, während die Polizei ihr Augenmerk nach Mülbausen richtete. Wie fich fpäter herausstellte, hatten die Thäter ein Rendevous in der Stadt Mülhausen und Kolmar verabredet. Db fie fich dort fanden, mag dahingestellt bleiben; Rummic wurde bekanntlich in Pforzheim nach heftiger Gegenwehr verhaftet. Der vierte bis jezt unentdeckt gebliebene Theilnehmer an dem Verbrechen foll ein gewiffer Marovsky und in Mülhausen domizilirt sein. Man darf mit Recht darauf gespannt sein, ob das Gerücht Bestätigung findet." Mortalitätsstatistit. Gemäß den Veröffentlichungen des Raiserlichen Gesundheitsamts find in der 50. Jahreswoche von je 1000 Einwohnern, auf den Jahresdurchschnitt berechnet, als gestorben gemeldet: Altona 27,3. Augsburg 30,9. AmsterBerlin 24,8. Basel 20,9. bam 33,2. Alexandrien 37,3. Breslau 27,8. Braunschweig 26,8. Budapest 21.4. Brüffel 30,7. Bulareft 22,6. Christiania 22,7. Dresden 20,9. Dublin 28,7. Edinburg 22,4. Frankfurt a. M. 22,0. Glasgow 32,7. HamKarlsruhe 26,0. Hannover 25,0. Raffel 21,6. burg 26,4. Hannover 25,0. Theater. Königliches Overnhaus: Dienfiag: Die Hugenotten. Königliches Schauspielhaus: Dienstag: Der Traum ein Leben. Deutsches Theater: Dienstag: Die Journalisten. Bellealliance- Theater: Dienstag: Der Raub der Sabinerinnen, Schwant in 4 Atten von Franz und Paul Schönthan. Renes Friedrich- helmstädtisches Theater: Dienstag: Gasparone. Central- Theater: Alte Jakobftraße 30. Direktor: Ad. Ernst. Dienstag: Der Walzer- König. Dienstag: Kean. Dienstag: Gillette. Nefidenz- Theater: Direktion Anton Anno. Balhalla- Operetten- Theater: Lonisenstädtisches Theater: Direktion Jos. Firmans. Dienstag: Bum 6. Male: Der Millionen Barbier.( Novität.) Gesangspoffe in 4 Aften von Matthias und Voges, Mufil von Schreiber. Oftend- Theater: Bons haben Dienstag: Jm Lande der Freiheit. Sensations- Schauspiel in 3 Aften von H. von Gordons. Giltigkeit. Dienstag: Der Salontiroler. Wellner Theater:" Bittoria- Theater: Dienstag: Sulfurina. Alhambra- Theater. Wallnertheaterstraße 15. Dienstag: Die Zimmerleute von Berlin, oder: Ein Mann aus dem Volke. Volksstück mit Gesang in 6 Bildern von G. Krüsemann. Vor der Vorstellung: Großes Konzert, ausgeführt von der Haustapelle. Anfang des Konzerts 7 Uhr, Der Vorstellung 7% Uhr. Arbeitsmarkt. Goldleisten. Ein z. Walzen u. Einlegen der Verzierungen durchaus Sauberer, tüchtiger und selbstständiger Arbeiter gesucht. Braune u. Co., Grimmstr. 35. 1671 Allen meinen Freunden, sowie einer geehrten Nachbarschaft empfehle mein Weiß- und Bair. Bier- Lokal, fowie frz. Billard. 1550] Achtungsvoll W. Kauna, Adalbertstraße 74. Allen Freunden und Bekannten empfehle mein Cigarren-, Rauch-, Schnupfu. Kautabak- Geschäft sowie Barbier, Frisir- u. Haarschneide- Salon. 1660] Hochachtungsvoll Ferdinand Ewald, Brandenburg a./., Kurstr. 59. Breßiohlen, Marte E. L. 6,50, Jlse 7,00, Marie 7,50 á 1000 St. Desgi 0,65, 0,70, tef. frei ins Haus A. Schent,' Mustauerstr. 28. 0,75, 100 [ 1525 Krakau 20,8. Krakau 20,8.| Madrid 28,0. Nürnberg 36,6. Petersburg 26,2. Köln 20,6. Königsberg 28,4. Kopenhagen 37,0. Köln 20,6. Königsberg 28,4. Kopenhagen 37,0. Leipzig 23,4. London 21,3. Liverpool 21,8. Magdeburg 26,7. Met 17,8. München 27,1. Paris 25,2. Odeffa 27,0. Prag 29,6. Paris 25,2. Rom 22,4. Stettin 24,9. Straßburg 16,9. Stuttgart 17,0. Stockholm 22,9. Turin 29,0. Wien 25,3. Warschau 29,4. In der Zeit vom 16.- 22. November: Bombay 25,7. Calcutta 25,1. Madras 36,3. New York 25,5. Philadelphia 20,3. San Francisco 17,5. Die Sterblichkeitsverhältnisse der meisten größeren europäischen Städte blieben in der Berichtswoche Aünftige, wenn auch in den deutschen Städten nicht günstige, felten eine Steigerung der Sterblichkeit stattfand. Die allgemeine Sterblichkeitsverhältnißzahl für die deutschen Städte stieg auf 24,4 von 24,1 der Vorwoche, pro und Jahr berechnet. Die Theilnahme des Mille Säuglingsalters an der Steiblichkeit war eine gefteigerte, so daß von 10,000 Lebenden 75 Säuglinge starben, gegen 70 der Vorwoche. Auch die Sterblichkeit der Altersklaffe von zwei bis zu fünf Jahren war eine größere, die der höheren Alterstlaffe( über 60 Jahre) die gleiche wie in der Vorwoche.. Der Cholera erlagen in Parts noch fieben Personen, in den Hofpitälein befanden sich nur noch awölf Cholerakrante. Aus Saragossa werden( 24. bis 30. November) zwei Cholera Todesfälle, aus Kalcutta, Bombay, Madras von Anfang und Mitte November nur wenige Todesfälle an der Cholera gemeldet. 4 Seltsames Leichenbegängniß. Aus Krementschug in Südrußland meldet man dem dnsh. Kraj", daß die ganze Stadt fürzlich durch einen tragischen Vorfall in Aufregung versegt worden sei. Am 3. Dezember stand der Kaufmann Gontschatowo ziemlich spät am Morgen auf und wunderte sich, daß seine Kommis noch schliefen. Er ging, fte zu wecken, und während er die Thür des Schlafgemachs öffnete, kam ihm ein betäubender Dunst entgegen. Im Simmer lagen sechs leblose Körper, darunter der Sohn des Hausherrn, ein Gymnaftast, und eine Frauensperson, die ebendaselbst nächtigte. Die unglück lichen Opfer des Kohlendunstes wurden auf den Hof binaus getragen. Ein hinzugerufener Arzt fand bei keinem der Veruns glückten Lebenszeichen vor, alle waren falt anzufühlen. Doch gelang es den Bemühungen des Arztes, drei der Verunglückten zum Leben zurückzurufen. Dieselben erlangten aber erst noch ca. 24 Stunden ihre Befinnung wieder. Bei den übrigen drei, einem Kommis, dem Gymnaftasten und der Bäuerin, blieben alle Belebungsversuche erfolglos. Der Kolendunst war so start, daß sogar die Personen, welche die Verunglückten aus dem Schlafgemach trugen, eine unangenehme Wüfung auf sich selbst verspürten. Als am anderen Tage die drei Leichen beerdigt werden sollten, war fast die ganze Stadt auf den Beinen. Unterwegs wurde der Leichenzug von der Menge aufgehalten, ba jemand aus dem Volke bemerkt zu haben glaubte, daß das Geficht des jungen Gontscharow( bei rufftschen Beerdigungen find die Särge offen) mit Schweiß bedeckt sei, und eine ge wiffe Röthe fich zu zeigen beginne. Ja, es ging das Gerücht, daß der todtgeglaubte junge Mensch gerufen habe: Rettet meine Seele!"" Das erregte Volt verlangte laut die AufschieOrtskrankenkaffe d. Buchbinder etc. ( Buchbinder- Gesellenschaft.) Da jedes Mitglied Anfang Januar im Befiß des Statutenbuchs sein muß, so findet die weitere Ausgabe derselben am 1. Januar n. J. von Vorm. 10 bis Nachm. 5 Uhr wiederum Melchiorstr. 15 im Café Struck statt, und ersuchen um Ab, holung der Statuten. Die legte Quittung ist erforderlich. Für Lehrlinge und jugendliche Arbeiter vom 5. Januar ab beim Rendanten Suter, Wallnertheaterstr. 1, bis Mittags 1 Uhr. 1672 Der Vorstand. 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Der Körper des Gymnaftaften ward also in der Friedhofskirche abgestellt, die beiden anderen Leichen wurden zur Erde bestattet. Am anderen Morgen waren beide Gräber geöffnet, und man fand die beiden Särge in der Vorballe der Kirche aufgestellt. Eist als im Laufe des Tages sich Zeichen des begonnenen Verwesungsprozesses an den drei Leichen zeigten, wurden fie der Erde übergeben. Besonders bedauernsweith ist das Schicksal der verunglückten Bäuerin, die zur Stadt gekommen war, um ihren sterbenden Mann, der in einem Hospital lag, zu besuchen.. Thr jäher Tod machte ihren Plan zunichte. Sie hinterläßt mehrere Kinder vollständig mittellos. Ein heiteres Vermächtniß. Wie die Boz. 8tg." bes richtet, hat der in Roveredo verftorbene Papierfabrikant Philippo Jacob ein Legat pon 100 Gulden der besten Köchin in Rove redo vermacht und die Entscheidung darüber, wer die beste Köchin sei, dem Pater Guardian der Franziskaner in Roveredo anheimgestellt. Neueste Nachrichten. Ein furchtbares elementares Unglück hat das arme Spanien heimgesucht. Ein schreckliches Erdbeben richtete in den Provinzen Granada und Malaga ungemessenes Unheil an. Bis jest fehlen noch eingehende Nachrichten. Man weiß nur, daß nach vorläufiger amtlicher Bählung 266 Menschen dabei Das Leben verloren, darf aber kaum hoffen, daß damit die ganze Ziffer der unglücklichen Opfer erschöpft ist. Ein weiteres Telegramm aus Madrid berichtet: Durch das stattgehabte Erdbeben ist der größere Theil der Stadt Alhama zerstört worden( Alhama, in der Provinz Granada, zählt ungefähr 7000 Einwohner, liegt in gebirgiger Gegend und hat warme Mineralquellen), die Vorderseite der Kathedrale hat sich etwas gesenkt, auch die Kathedralen von Sevilla und Giralda find beschädigt Von den Einwohnern der Ortschaft Albunuelos in ber Provinz Granada hat eine große Anzahl das Leben eingebüßt. Bemerkenswerther Weise hat auch in Kärnthen fast zu gleicher Beit mit dem spanischen Erdbeben eine starke Erderschütterung sich gezeigt. Aus Klagenfurt wird berichtet, daß in Tarvis und Umgegend in der Nacht vom Sonnabend auf Sonntag heftige Erderschütterungen stattgefunden haben. Insbesondere wurden drei Stöße von großer Stärke wahrge nommen. In den Mauern vieler Häuser find Sprünge und Riffe entstanden. Aus Wien wird heute eine neue Ratastrophe gemeldet.. Die beiden Chefs der Getreidefi ma und der Himberger Malz fabrik, die Herren Samuel und Moris Wottis, haben gleich zeitig ihrem Leben ein Ende gemacht. Der fragische Bus sammenbruch dieser Firma härgt in feiner Weise mit den jüngsten sensationellen Vorfällen zusammen, und nach den bisher bekannt gewordenen Daten handelt es sich hier um den verzweifelten Entschluß zweier Kaufleute, welche eine ges schäftliche Katastrophe, von welcher fie fich bedroht glaubten, nicht überleben konnten. 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