Nr. 2. Sonnabend, 3. Januar 1885. II. Jahrg. Berliner Volksblatt. Organ für die Interessen der Arbeiter. Das ,, Berliner Volksblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonne und Festtages. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 f. Boftabonnement 4 Mart. Einzelne Rr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illuftr. Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in ber Postzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.) Jusertionsgebühr beträgt für die 8 gespaltene Petitzeile oder beren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Nebereinfunft. Juferate werben bis 4 the Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Simmerstraße 44, sowie von allen Annonces Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion und Gxpedition Berfin SW., Bimmerstraße 44. Finanzielle Bukunftsmusik. Man Wie schnell sich alles ändern kann! Als die Franzosen ihre fünf Milliarden Kriegskosten anscheinend leicht abtrugen und als darauf auch noch eine Periode industrieller Prosperität folgte, da war Alles erstaunt über die großartige finanzielle Leistungsfähigkeit Frankreichs. glaubte damals und nicht nur in Frankreich selbst es sei das goldene wirthschaftliche Zeitalter für die Fran3ofen angebrochen und als die Abgeordnetenkammer noch einige Anläufe zu Steuerermäßigungen nahm, da war des Jubels kein Ende mehr zu finden. Und nun? Der Jubel ist verstummt, denn Diejenigen, die jetzt einen Grund hätten, sich über die finanziellen Verhältnisse Frankreichs zu freuen, die Vampyre der Börse und ihre Genossen, streichen ihren Gewinn wohlweislich mit Stillschweigen ein, denn sie haben allen Grund dazu. Allein außer diesen hat auch Niemand Grund zu frohlocken, denn wie ein bräuender und drückender Alp lagern fich die finanziellen Lasten auf der Brust des französischen Staates und Volfes. Die Ausgaben des französischen Die Ausgaben des französischen Staates find so sehr gewachsen, daß nunmehr die Bebrängniß, wie dieselben zu decken sind, beinahe so groß geworden ist, wie die Betlemmung des französischen Finanze wesens vor etwa hundert Jahren. Nur und das darf man nicht vergessen sind heute die Hilfsquellen zahl reicher und ergiebiger. Vor hundert Jahren waren die großen Güter des Adels und der Geistlichkeit, die vielleicht zwei Drittel des ganzen Grund und Bodens ausmachten, so ziemlich steuerfrei und das ist denn doch heute anders geworden. Das französische Ausgabebudget wird, wie eine kundige Feder in der Frankfurter Zeitung" dargethan hat, in dieser Zeit so ziemlich die Höhe von 4000 Millionen Frcs. erreichen. Ein großer Theil dieser Ausgaben ist durch die Verzinsung der Staatsschulden nothwendig geworden, die in Frankreich bei den vielen Staatsumwälzungen und den stets wechselnden Systemen eine formidable Höhe erreicht haben. Allein damit waren den Spekulationen der Franzosen feine Grenzen gezogen; sie warfen das Geld mit vollen Händen hinaus. Da tamen die kostspieligen und vielfach unrentabeln Bauten von Häfen, Eisenbahnen und Straßen durch Herrn von Freycinet, da kamen die Kriege mit Tunis, mit Madagaskar, mit Anam, Tonking und China, und vorläufig ist noch Nichts erreicht, als daß die Ausgaben des französischen Staates in rafchem Steigen begriffen sind. Wer trägt nun diese ungeheueren Lasten? Doch nur das französische Bolt ihrem wesentlichen Theile nach, denn die oberen Zehntausend" haben sich auch in Frankreich Nachdruck verboten.] 52 32 Feuilleton. Gesucht und gefunden. Roman von Dr. Dur. ( Forseyung.) ,, Der Ansicht bin ich auch, und aus diesem Grunde schon allein bin ich bereit, mich in die Launen des Königs zu fügen." " Was Threrseits ein Opfer ist, Herr von Wredow", nahm Barr wieder das Wort, denn wie ich weiß, hätten Sie in Ihrer Heimath eine bessere Stellung bekleiden fönnen, wenn Sie es gewollt hätten; und wenn Sie es nicht gewollt hätten, so gewährte Ihnen Ihr Vermögen die Mittel, das Leben eines kleinen preußischen Nabobs zu führen." Ich habe mein Loos selbst gewählt, Mr. Parr, ich darf mich nicht beklagen, wenn ich es auch wollte; aber ich habe keine Ursache, mich zu beklagen. Ich habe das Glück eines ziemlich bedeutenden Reichthums eingetauscht gegen das Glück der Liebe," Ich hätte über die Veranlassung Ihrer Entfernung aus Deutschland gern etwas Näheres gewußt. Der König fragte mich diesen Morgen darnach, und ich versprach, ihm nächstens barüber Genaues mitzutheilen." Die Veranlassung meiner Flucht darf Jeder wissen, lieber Herr Parr, ich mache kein Geheimniß daraus!" antwortete Wrebow. Wenn Sie mich in meine Wohnung begleiten wollen, so will ich Ihnen in Gegenwart meines lieben Weibes die Geschichte erzählen." " Parr nahm die Einladung gern an und folgte seinem Freunde in das Logirhaus, wo dessen junge Gattin, trog der vorgerückten Tageszeit, ihn noch mit einigen Erfrischungen erwartete. Mein theurer Bruno!" rief sie, als er eintrat ,,, ich habe mich fast um Dich geängstigt, ba Du so spät fortbliebst." " Ei, wußtest Du denn nicht, daß ich an der Königlichen Tafel war?" allein in der fremden " Das wohl!" erwiderte sie; bequem zu betten gewußt und überlassen es der großen Masse, den Haupttheil der Staatslasten zu tragen. Jadirekte Steuern auf nothwendige Lebensbedürfnisse sind das Hauptmittel, um die Summen für die unergründlich scheinende Staatstasse aufzubringen. Und daher ist nun auch noch eine wirthschaftliche Krisis eingetreten; aus allen Ecken und Enden erschallt der Ruf, daß Hunderte, Tausende von Arbeitern brobles sind und sich in diesem strengen Winter in der äußersten Noth befinden. Daß Frankreich nicht so dicht bevölkert ist wie etwa Deutschland, daß sein Grund und Boden ertragsreicher sei, galt bisher bei den Franzosen und auswärts als die Grundlage besserer wirthschaftlicher Zustände in Frankreich. Allein die Einfuhr von Getreide, von Fleisch und Vieh hat in Frankreich zugenommen; mithin ist die französische Landwirthschaft immer weniger fähig geworden, die Bevölkerung zu versorgen, und doch beweist auch das Darniederliegen der Geschäfte, daß die Konsumtionskraft der Maffen keineswegs gestiegen ist. Und alledem gegenüber die waghalsigen und kostspie= Ligen Unternehmungen der Regierung! Was die Kriege in Asien und Afrika verschlungen haben und noch verschlingen werden, davon läßt sich augenblicklich noch gar keine Be rechnung machen; man betrachte aber nur einmal die Sum men, die das regelmäßige Militärbudget verschlingt. Das Landheer kostet in Frankreich jährlich 496 Millionen, die Flotte über 200 Millionen Franks und dabei sind die Penfionen noch nicht eingerechnet. Nun sagt man, diese beklemmenden Zustände seien eine Folge der leichtsinnigen Wirthschaft in Frankreich. Die Minister, die Politiker, die Deputirtea hätten nicht den nöthigen Ueberblick über die Finanzzustände, man müsse für alle Sünden büßen u. dgl. Das ist zweifellos alles richtig, allein es ist nicht die Hauptsache. Daß Frankreich so sehr abwärts geht, liegt im staatswirthschaftlichen System und dieses ist im Ganzen und Großen bei allen europäischen Großstaaten dasselbe. Bei Frankreich schreitet die Berrüttung der finanziellen Kräfte nur deshalb so schnell fort, weil Frankreich so sehr an alten Schäden leidet und vielfach mehr als andere Staaten für alle Sünden zu büßen hat. Im Allgemeinen aber ist's überall dasselbe; die Ausgaben der Staaten für un produttive Swede wachsen und in demselben Maße wird die Konsumtions- und auch die Steuerkraft der Massen schwächer, denen doch der Haupttheil der Staatslaften aufgebürdet wird. Vermehrte Ausgaben auf der einen, vermehrte Armuth auf der andern Seite, das ist die Eignatur der finanziellen Lage Europas. Die Wenigen, in deren Händen die Reichthümer zusammenfließen, sind aber verhältnißmäßig gering belastet. Stabt, wo man auf den Straßen nichts als wilde Tumulte, Waffengeklirr und Toben aller Art vernimmt, da wird einem bange, wenn man das theuerste Besigthum mitten in diesem Tumult weiß." ,, Du darfst ohne Sorge um mich sein. Sieh', ich habe unfern Freund mitgebracht, dem ich meine Anstellung bei Hofe verdanke." Die junge, schöne Frau reichte dem Gaste die Hand. ,, Es ist sehr freundlich von Ihnen", sagte sie ,,, meinen Mann begleitet zu haben. Sie häufen eine Verpflichtung auf die andere; doch feien Sie überzeugt, daß Sie für Alles, was Sie uns Gutes gethan, bei mir ein dankbares Herz finden." " 1 Sie haben keine Ursache zu danken," antwortete Mr. Barr galant; geschieht doch den Europäern hier der größte Gefallen damit, unsere Gesellschaft vermehrt zu sehen durch einen lieben Freund und seine bezaubernde Gattin." " Ich danke Ihnen", antwortete sie ein wenig er= röthend, für die gute Meinung, fürchte aber, in Indien wenig Ehre zu erwerben, schon deshalb, weil ich hier dem Hofleben keinen Geschmack abzugewinnen vermag." Du sehnst Dich zurück nach der Heimath!" sagte Wredow fast vorwurfsvoll. Bist Du nicht glücklich bei mir?" ,, Bruno, wie darfst Du daran zweifeln! antwortete fie, feine Hand ergreifend und ihm zärtlich in's Auge blickend. Aber leugnen will ich es nicht, daß ich glaube wir wären glücklicher in der Heimath, in der Nähe unserer Eltern, unserer Verwandten und aller Derer, welche wir lieben." „ Geduld, Geduld, theures Weib, vielleicht kommt auch noch die Zeit, da uns die Rückkehr in die Heimath gestattet ist.... Für jeßt weißt Du, sind uns die feindlichen Väter noch ein Hinderniß.... Du hebst übrigens gerade das richtige Thema an, denn unser Freund Parr hat mich lediglich zu dem Zwecke begleitet, die Geschichte unserer Flucht und Heirath zu hören.... Ich sehe, Mr. Parr daß meine sorgsame Frau ein Abendessen servirt hat, obSo haben sich die finanzpolitischen Zustände überall entwickelt, unabhängig von der äußerlichen Form des Staates. Das sollte Beweis genug sein, daß die alten Rezepte der Staatskunst verbraucht sind und daß man gut thut, auf neue zu finnen. Politische Uebersicht. Die Schutzöllner bemühen sich, nachzuweisen, daß seit Einführung der Schutzölle eine Besserung in wirthschaftlicher Beziehung eingetreten sei, und folgern aus der angeblich vorhandenen Befferung, daß nach Einführung noch höherer Zölle, eine noch gesteigerte gewerbliche Thätigkeit eintreten werde. Die Nords. Allge. 3tg." bemüht sich ganz besonders, eine derartige Schlußfolgerung als logisch und berechtigt hinzustellen. Es sei ferne von uns, zu bestreiten, daß verschiedene Großindustrielle thatsächlich durch den Schußsoll mehr Aufträge und auch größeren Gewinn erzielt haben; ob aber die Arbeiter an diesem Gewinn partizipirten, das ist sehr zweifelhaft. Wir haben im Gegentheil sogar Beweise, daß die Arbeitslöhne nach den Schußzöllen noch gesunken sind. So z. B. zeigt der Jahresbericht des unter Leitung des Geheimen Raths Baare stehenden Bochumer Gußstab Iwertes, daß in diesem Werke, deffen Direktor ja einer der tapfersten Vorfämpfer der modernen Wirthschaftspolitik ist, im lezten Jahre der Arbeitslohnum airta orei Prozent gefallen ist, ein Rückgang, der bei der Vertheuerung so vieler Konsumartikel durch die Schußzölle und im Hinblick auf die bevorstehende Erhöhung der Getreidezölle sicherlich kein Beichen dafür ist, daß sich die Lage der Arbeiter unter der Herrschaft der Schutzölle gebessert hat. Zur Hebung der Seefischerei wurden in den legten Wochen aus verschiedenen Kreisen Vorschläge gemacht. Es wird behauptet, daß Dentschland in diesem wichtigen Erwerbszweig, troz günstiger Wasserverhältnisse, weit hinter anderen Ländern zurücksteht und daß für importirte Seefische jährlich viele Millionen außer Landes gehen, die sehr wohl von deutschen Fischern, Schiffsbauern, Böttchern, Segelmachern, Kapitalisten u. s. w. verdient werden könnten. Da das deutsche Privattapital teine Neigung bat, in dieser Sache selbstständig vorzugehen, so glaubt man, wie die Köln. Stg." hört, daß das Reich und seine Glieder anregend und unterstüßend eintreten müssen. Von den verschiedenen Vorschlägen, welche in Bezug hierauf gemacht wurden, find zu erwähnen: 1) staatliche Gewähr eines mäßigen Binfes einer Fischerei- Aktiengesellfchaft auf eine Reihe von Jahren, 2) Prämien für die Fischeret ( ähnlich wie in Holland), 3) Trennung der gefeßlichen Vorschriften für Rauffahrtel- und Fischerei Fahrzeuge, 4) Herabsegung der Musterungsgebühren und Lootsengelder für die Fischerei Fabrzeuge, 5) Ermäßigung der Eisenbahntarife für Fische. Also, weil die Kapitalisten feine Neigung haben, ihr Geld zu riskiren, soll der Staat, d. h. die Gesammtheit der Steuerzahler, das Resiko übernehmen!- Merkwürdig ist, daß diese Vorschläge von Leuten kommen, die dem Staat das Recht bestreiten, das Versicherungswesen und ähnliche Insti. gleich sie weiß, daß wir soeben von der Tafel gekommen. Mein Wein ist vielleicht nicht so gut, als der Wadschid Ali's, aber er wird mindestens aus eben so gutem Herzen geboten und von so schöner Hand kredenzt, als dort. Lassen Sie uns also noch ein Glas mit einander trinken." Sie fetten fich, und Ludmilla nahm in der Nähe des Tisches Platz. Webrow begann: Ich war Offizier in einem preußischen Husarenregiment; mein Vater ist ein reicher Grundbesizer. Gut und Schloß Stolzenburg mit den dazu gehörigen Vorwerken gehören unstreitig zu den schönsten und solidesten Besizungen." D, der Name ist mir wohlbekannt, obwohl ich nicht Deutscher bin," antwortete Parr. In der Nähe meines väterlichen Hauses," fuhr Wredow fort, und an der Grenze meiner väterlichen Befißungen liegen die Güter des Barons von Steinberg, des sonst eng befreundet, besuchten einander häufig, und schon Beide Familien waren als wir Beide noch sehr jung waren, lernten wir uns kennen und lieben. Die rosigste Zukunft stand uns bevor, ich der Majoratserbe eines herrlichen Guts, Ludmilla die Tochter eines ehrenwerthen, ebenbürtigen Mannes, ebenfalls reiche Erbin. Was hatten wir für die Zukunft zu fürchten? ,, Da aber nahte uns das feindliche Geschick in Gestalt eines Berwürfnisses, das unsere Väter von einander trennte. Verschiedene politische Ansichten traten schroffer und schroffer hervor, und entzweiten die ehemaligen Freunde zur völligen Unversöhnlichkeit, ja zum tödtlichen Hafje." Wie bei uns die Yorks und Tudors!" bemerkte Mr. Parr. Oder wie die Welfen und die Ghibellinen," fügte Ludmilla lächelnd hinzu. 11 ,, Oder wie die Capuletti und Montecchi," sagte Wredow ,,, und mit dem Zwiespalt dieser legten Familien hatte der der unfrigen auch noch das Aehnliche, daß wir Kinder tutionen zu nttaallttt. Freilich giebt es bei solchen Jnstiiu- tionen kein so großes Risiko, sondern im Gegentheil feite Di- videnden, und darum, Bauer, ist das etwas anderes. Der Heller, resp. der halbe Pfennig, wird wahrschein- bald seine Auferstehung resp. Einführung erleben. Dle,.Nordd. Allg. Ztg." machte in einer der letzten Nummern für Einfüh- rung einer kleinerm Münze Propaganda. Zur Begründung des Vorschlages führt sie folgendes an:„Wie wir hören, macht sich in B a i e r n unter den Arbeitern mehr und mehr das Be« dürfniß darnach geltend, ein kleineres Geldstück als den Pfennig zu besitzen. Unserer heutigen Geldwährung fehlt es an einer Geldsorte. durch welche die Wcrthe derjenigen Unterabtheilun- gen der Maße, nach denen die nothwendigsten Lebensmittel von den ärmeren Klasien gekauft zu werden pflegen, zu einem genauen lAusdruck gebracht werden könnten, und die Folge davon ist. daß diese Unterabtheilungen, wie z. B. das Quart oder der fünfte Theil eines Pfundes von ven Konsumenten über ihren Werth bezahlt werden müssen."— ES folgt dann «ine Berechnung, wonach der Verlust, den die ärmeren Klassen auf diese Weise beim Einkauf der einzelnen Lebensmittel zu- sammen erleiden, sich auf mindestens 20 M- im Jahr per Kopf belaufe; schätze man dm Bestand dieser Klassen in ganz Deutsch- land auf 30 Millionen, so ergebe sich ein Verlust von 600 Millionen Mark jährlich, welche in die Tasche des Zwischen- Händlers fließen. Die Einberufung des preußischen Landtages beschäf- tigt auch die„N- L. C." Sie schreibt:„In etwa vierzehn Tagen wird der preußische Landtag einberufen werden. Ueber das Arbeitspensum, welches ihm zugedacht ist, herrscht noch außerordentliche Unkenntniß. Außer dem Etat ist kaum eine andere größere Vorlage bekannt, welche dem Landtag mtt Sicherheit zugehen wird, und was darüber da und dort in den Blättern verlautet, dürfte lediglich auf Kombinationen beruhen. Insbesondere dürste dies mit den Angaben über Steuervorlagen der Fall sein. Die Vermuthung, daß in der bevorstehenden Landtagssesston ein neuer Anlauf zur Steuerreform genommen werden wird, ist allerdings naheliegend genug; in wie fern aber auf die Projekte der vorigen Session zurückgegriffen wird, entzieht sich noch der Kenntniß weiterer Kreise. Auch über die Wiedereinbringung des Nothkommunalsteuergesetzes und der Kanalvorlage, sowie über die Ausdehnung der Verwaltungs- reform(auf Hessen-Nassau) ist Sicheres nicht bekannt. Die Regierung soll die Abficht haben, die Landtagssesston auf das knappste Maß m beschränken; man wird aber bezweifeln dürfen, od ihr dies bei so vielen dringenden Aufgaben gelingen wird. Auch über die weitere Zeiieintheilung zwischen Reichs- tag und Landtag scheinen noch keine Beschlüffe gefaßt zu sein. Zu der Frage der monarchischen Spitze des Congo- staatcs bemerkt die„Nat.-Ztg.", daß sie bereits vor längerer Zeit in der Lage gewesen sei, ein Verfassungsprojekt für dm Kongostaat mitzutheilen. Nach diesem Projekte war in der Thai der König der Belgier als Suzerän dieses Staates in Ausficht genommen, an dessm Stelle, falls die belgische Ver- fassung Schwierigkeiten bereitete, der Graf von Flandern treten sollte. Im Kongostaate selbst solle ein Statthalter fungiren, wählend die Vertretung des neuen Staatswesens in Brüssel durch eine besondere Delegation erfolgen würde. Die Konsti- tuirung deS Kongostaates wird jedensfallS nach allseitig er- folgter Anerkennung unabhängig von den an der Konferenz beteiligten Mächten erfolgen. Gemeinsame Maßregeln der Mächte gegen Anarchi- sten? Aus Berlin erhält die„Allgemeine Korrespondmz" von angeblich zuverlässiger Seite die nachstehende Mitteilung: „Ich bin in den Besitz der folgenden glaubwürdigen Jnfor- mation gelangt: Eine Vereinbarung zur Unterdrückung der Anarchisten(die wahrscheinlich das Resultat der Zusammen« kunft in Skiemiewice ist) ist zwischen Oesterreich, Deutschland und Rußland abgeschlossen worden. Wie hinzugefügt wird, wurde auch Frankreich über den Gegenstand konsultirt und hat der Vereinbarung zugestimmt. Der Hauptzweck ist die Unter- drückung der wachsenden nihilistischen Tendenzen in der Armee und Flotte. Es wird empfohlen:„i. Art. 1. Die strengste Ucberwachung der Quartiere und Speise-Anstalten der Lfsizicre und Soldaten in- und außerhalb der Kasernen- Art. 2. Genaue Prüfung der ankommenden und abgehenden Korre- spondenz. Art. 3 giebt detaillirte Pläne von geheimen Mitteln, die zur Erlangung der gewünschten Auskunft an- gewandt werden können, und lmlt die besondere Aufmerk- samkeit auf den Werth der Ueberwachung weiblicher Per- tonen, deren Gesellschaft von Verdächtigen frequmtirt wird. Art. 4 handelt von der Räthlichkeit, Belohnungen und einen freien Pardon denjenigen anzubieten, die als Kran- zeugen austreten wollen. Ii. Anwendung ver obigen Prinzipim, so weit dies angänglich ist, auf die Marine, m. Erläutert aussührlich das von den Nihilisten behufs Förderung ihrer ab- schmlichm Pläne gewöhnlich beobachtete Verfahren" Dcr Ge- währsmann der„Allg. Corr." behauptet weiter, daß diese Ver- esirbarungm in den letzten beiden Monaten bereits verschiedcnt- lich zu praktischer Geltung gelangt wären und weist in dieser Beziehung auf die vielbesprochenen Durchsuchungen der Kasernen und sonstigen Eoldatenquartiere in Deutschland hin. Auch in von einander getrennt wurden, daß man jede Annäherung unter uns für einen Frevel ansah. „Unsere Herze» aber blieben von dem Zwiespalt der Eltern unberührt. Ludmilla benachrichtigte mich, daß eine Gelegenheit, uns wieder, zu sehen, sich biete, da sie im Be- griff sei, in«ine Pension nach Wildenhain zu gehen. Ich nahm unter dem Vorwande, eine Vergnügungsreise nach Berlin und der Sächsischen Schweiz zu unternehmen, von meinem Regiment Urlaub. Einige Freunde begleiteten mich. In Berlin traf ich mit Ludmilla zusammen. Da wir uns mit dem Willen unserer Eltern nicht'angehören dursten, so beschlossen wir zu fliehen; nur die Freunde, welche mich begleiteten, waren sür mein Vorhaben ein Hindcrniß, doch hoffte ich, mich von diesem Hindernis auf der Reise nach der Sächsischen Schweiz besteien zu können. Einen einzigen meiner Freunde, den Lieutenant Rodenburg, zog ich in's Vertrauen. Ich entdeckte ihm eines Tages, als wir eine Tour nach dem Königstein machten, mein Vor« haben und bat ihn um seine Unterstützung. Ich hatte ge- glaubt, daß er, den ich sonst für meinen besten Freund ge- halten hatte, mir bereitwillig seine Hand bieten würde; doch unerwarteter Weise stieß ich bei ihm auf den heftigsten Widersiand." „Du darfst ihm deshalb aber nicht zürnen," sagte Ludmilla mit sanfter Stimme;„Herr Rodenburg war ein ehrenwerther Charakter, und seiner redlichen Gesinnung widerstrebte die Zumuthung, seine Hand zu einer That zu bieten, die er nicht für ehrenwerth hielt." »Ich zürne rhm auch jetzt nicht mehr; damals aber ge« riethen wir darüber in einen heftigen Wortwechsel. Ich wies seine Vorwürfe mit Entrüstung zurück und warf ihm vor, keine freundschaftlichen Gesinnungen gegen mich zu hege«. „Er blieb dabei, daß ei unehrenhaft sei, ein junges Mädchen einem ungewissen Schicksal Preis zu geben, sie ihren Eltern zu entführen und auch mich durch die Flucht meinem Elternhause zu entfremden. „Gereizt durch seinen Widerspruch, ward auch ich un« gerecht gegen ihn und ließ mich zu der spöttischen Be- merkung hinreißen, daß er sich wahrscheinlich aus dem Rußland seien in jüngster Zeit noch schärfere Nachforschungen als gewöhnlich vorgenommen, während Oesterreich mtt ent- sprechenden Maßregeln bis jetzt anscheinend noch zurückgehalten habe. Dagegen seien auch in Frankreich und der Schweiz in den letzten drei Wochen häufige Recherchen veranstaltet, in- dessen, aus naheliegenden Gründen, möglichst geheim gehalten. Die bisherigen Ergebnisse der Nachforschungen bezeichnet der Korrespondent der englischen Korrespondenz als sehr unbedeu- tcnd, jedoch dies„sei nur daS dünne Ende des einzutreibenden Keils" gewesen und binnen Kurzem würde mit ausgedehnteren und durchgreifenderen Maßregeln vorgegangen werden.— Wir müssen dahingestellt sein lassen, in wie weit die obigen Angaben begründet find— vielleicht stellen dieselben ein Gemisch von Wahrem und Falschem dar. Ueber die Reorganisation deS preußischen LandrathS- amtes brachten die G r e n z b o t e n einen augenscheinlich aus offiziöser Feder stammenden Artikel, der den Beweis erbringen sollte, daß die Landräthe überbürdet seien. Zur Erleichterung werden in demselben zwei Abhilfemittel vorgeschlagen: Erstens die Verkleinerung der Kreise, zweitens die Beigabt besonderer Hilfsbeamten(Rcgicrungsaffessoren). Soweit eS sich um besonders ausgedehnte oder volksreiche Kreise handelt, kann man — so meint die„Franks. Zeit."— ja die Frage der Thellung von Fall zu Fall erörtern. Eine generelle Reduktion der Kreise aber auf 40 000 Einwohner oder noch weniger, wäre finanziell oder politisch sehr bedenklich. Von 463 landräthlichen Kreisen (oder dem ähnlichen Gebilden) find etwa 100 von weniger als 40000 Einwohnern bewohnt: es würden also mehr als 300 Kreise zu»heilen sein, d. h. für den Fall, daß man aus zwei Kreisen drei macht, würden etwa 150 neue Landrathsstellen mit allem Zubehör erforderlich sein. Ob gerade bei der Reform der Selbstverwaltung dieses Resultat erwartet wurde, erscheint doch sehr zweifelhaft. Die Bestellung besonderer HilfS- beamten erscheint politisch betrachtet noch viel bedenklicher. Es klingt ja ganz schön, daß die jungen Beamten auf diese Weise praktisch in die Verwaltung eingeführt würden. Aber wenn der Landrath überbürdet ist, dann ist er jedenfalls nicht die geeignete Person, einen jungen unerfahrenen Beamten zu unter- richten; diese ganze Arbeit würde doch schließlich dem Krcissekre- tär obliegen, der dem jungen Assessor wohlbureaukratische Routine und Formen, aber keine praktische Verwaltungsarbeit lehren könnte. Wenn der Landrath überbürdet ist, dann sollte man ihm in erster Linie die p o l i t i s ch e A g i t a t i o n, die Aus- stellung und Vertheidigung der gouverne mentalen Kandidaturen, kurz die ganze Wahlagitation abneh- men. Wenn man dem Landrathe einen ständigen Stellvertreter giebt, dann leidet einmal die Selbstverwaltung der Kreise. Schon jetzt bestellt ja die Regierung bei längerer Behinderung des Landraths einen kommissarischen Amstverweser, statt dem Kreis- deputirten, dem ehrenamtlichen Vertreter des LandratheS, die Arbeit zu übertragen. Der junge Assessor würde bei der ge- meinsamcn Arbeit mit den Laien nicht immer dasselbe Vertrauen finden, wie der Landrath, der doch meist im Kreise angesessen ist. Hat der Landrath aber einen ständigen Hilfsarbeiter, dann wird er erst recht sich der politischen Agitation widmen und für das Parlament kandiviren, namentlich wenn der Staat ihm dann auch noch Equipagengelder zahlt— wie der Artikel in den„Grenzboten" verlangt— damit er seine Agitationsreisen auf Staatskosten machen kann. Es genügt ja nur ein leiser Wink der Regierung, um den Landräthen jede politische Agi- tarion, jedes Kandiviren zu verleiden. Wenn der Landrath darauf aber verzichtet und sich mit dem Laienelement in seinem KreiSauSschuß zu verständigen weiß, dann kann er von allen Beamten das angenehmste Leben führen. Die Stellung, welche die„Grenzbotcn" dem Landrath geben wollen, würde noch machtvollkommener und noch mehr politisch zugespitzt sein, als die der französischen Präfekten. Es ist wohl durch die Publi- kation in den„Grenzdoten" beabsichtigt, erne öffentliche Dis- kusfion der Frage hervorzurufen. Wir warnen schon jetzt vor den drohenden Mehrausgaben und neuen Steuern." Holland. Bei d.r heute in der ersteir Kammer verhandelten In irr- pellation wegen Verhaftung von Holländern durch französische Unterthanen handelt eS stcy um den schon erwähnten Konflikt in Loango. Nach den holländischen Darstellungen hatten sich die Agenten eines holländischen und eines deutschen Handels- Hauses, welebe von den Eingeborenen am Mpilafluß bedroht wurden, an den Chef der Association Africaine in den Distrikten deS Kwilu und Niari um Schutz gewendet. Diese Hilfe wurde ihnen auch gewährt und die Gefahr abgewendet. Danach aber bemächtigte sich der franzöfische Kommandant in Laongo des holländischen Agenten, NamenS Hamel, und ließ ihn unter dem Vorgeben, daß er auf französischem Gebiete Feindseligkeiten begangen haben sollte, verhaften. Die hol- ländischen Blätter waren über diesen Vorgang um so ent- rüsteter, als die Franzosen sich nur an dem Holländer ver- �rissen, dagegen aber den deutschen Agenten, der in genau derselben Lagt gewesen sein soll, unbelästigt ließen; dagegen hatten sie auch die Auslieferung des Agenten der Association, Henn Hodister, wenngleich vergeblich, ver- langt. Grunde meinem Plane widersetze, damit seiner Tante, Fräu- lein Cordelia Rodenburg in Wildenhain, nicht eine Elevin ihres Instituts und die ansehnliche Jahres-Pension ent- zogen würde. Wir standen an dem AbHange eines ziemlich steil herab- fallenden FelsenS, an dessen Fuß uns aus unheimlicher Tiefe eine mit Gestrüpp bewachsene Schlucht entgegengähnte. Ein Wort gab da» andere; unser Wortwechsel wurde nach und nach beleidigend, und ich erklärte zuletzt, daß ich ohne ihn thun werde, was mir beliebte. Ich würde jetzt seine Hilfe zurückweisen.„„Laß mich, Felix," sagte ich,„gehe Du Du« ne» WegeS, ich werde den meinen gehen."" »»Ich lasse Dich nicht hinweg,"" sagte er,„„bevor Du mir auf Dein Ehrenwort versprichst, daß Du die Dame nicht entführst."" „Er stellte sich mir in den Weg auf dem schmalen Pfade, der an dem Abhänge dahin führte. Wüthend packte ich ihn an der Brust, um ihn bei Seite zu schieben; er stieß mich zurück. Ich taumelte und— stürzte den jähen Ab- hang hinunter." „Den Abhang hinunter!" wiederholte Mr. Parr,„und sie sind noch am Leben?" „Geduld!" sagte Wredow.„Ei war nicht so schlimm. Wenige Fuß unter dem Abhang, auf einem Vorsprung des Felsens, befand sich dichtes Strauchwerk, in daS ich hineinfiel." „Mit Ausnahme einer ganz geringen Abschürfung der Haut an meiner rechten Hand trug ich keine Verletzung da« von. Ich hörte über mir Rodenburg'S Stimme, er glaubte, er habe mich ermordet. Ich ließ ihn bei diesem Glauben und eilte in aller Stille nach dem Gasthause zurück, wo ich Ludmilla gelassen hatte, und floh mit ihr, erst nach Eng- land, und von dort hierher nach Indien. DaS Uebrige wissen Sie, Herr Parr. In meiner Heimath hält man mich für todt, vielleicht ahnt man auch die Wahrheit, daß ich lebe, aber man behandelt mich wenigstens wie einen Tobten. Das ist die Geschichte meiner Flucht aus Deutschland, die Sie Wadschid Ali berichten mögen, wenn sie für denselben Interesse hat." „Eine äußerst romantische Geschichte, Herr von Wredow. Belgien. Das belgische Ministerium hat beschlossen, bei der Kammer einen Nachtragskredit von 175,000 Frcs. zur Feier des fünszig- jähigen Bestehens der Eisenbahnen zu beantragen. Von dieser Summe sollen dem Komitee, daS sich zur Herstellung eines historischen Festzuges gebildet hat, 125,000 Frcs. zur Verfügung gestellt werden. Die Stadt Brüssel hat 25,000 FrcS. hierzu bewilligt. Ein internationaler Eisenbahnkongreß soll zu gleicher Zeit einberufen werden. Der belgische„Moniteur" vom 30. Dezember veröffentlicht zum ersten Male zwei könig- liche Erlaffe, welche Gemeinden, die eine klerikale Schule ad« optirt hatten, davon entbindet, ihre einzige Kommunalschule weiter zu erhalten. Die Ermächtigung wird erthettt, weil„die Kommunalschulen wenig besucht, die Mittel unzureichend stnd und der von Amtswegen ernannte Lehrer fich des Vertrauens der Familienväter nicht erfreut." Es ist das für die Schul- frage ein sehr wichtiger Vorgang, dem viele Gemeinden nach- zuerfrrn fich beeilen werden. Frankreich. In der ftanzösischen Hauptstadt traten am Montag sin Folge des Beschlusses der Arbeiterversammlung vom Sonntag 75 Ardeiterausschüsse zusammen und ernannlen fünf Beooll- mächtigte mit dem Auftrage, ins Stadthaus zu gehen und den Pariser Gcmeinderath aufzufordern, Maßregeln zur sofortigen Lösung der Arbeiterkrifis zu treffen. Diese Bevollmächtigten wurden gestern Nachmittag 2 Uhr vom Präfidenten des Ge- meinderarhs empfangen, der ihnen den Sonnabend als den Tag bezeichnete, wo sie vom Ausschusse des GemeinderatheS empfangen werden sollten, um ihm ihre schriftlichen Vorschläge vorzulegen.— Die„Nordd. Allg. Ztg" hat konstatirt, daß die Beziehungen zwischen Berlin und Paris fteundlicher ge- worden find. Die„Liberia" stimmt ihr bei und sagt, daß man in Frankreich aufgehört habe, einen deutschen Angriff zu fürchten, während man in Deutschland die sogenannte„Re- vanchelust" der Franzosen nachsichtiger beurthcilt und der bleibenden Erinnerung an den letzten K leg gebührende Rech- nung tragt. Ist es auch noch zu keiner völligen Versöhnung zwischen den beiden Völkern gekommen, so habe man doch gesucht, in Zukunft neue Reibungen zu vermeiden und der stillen Feindschaft und dem fortdauernden Mißtrauen ein Ende zu machen. Die Kongofrage und die egyptische Frage boten eine passende Gelegenheit, um den Versuch eines deutsch-fran- zöstschen modus vivendi zu machen und die„Liberia" wünscht. daß die neu eingeleitete Politik erfolgreich und daß Dank diesem modus vivendi die Rechte Frankreichs am Kongo und Egypten gewahrt werden. Großbritannien. Tie städtische Bevölkerung Englands nimmt ungefähr doppelt so rasch zu als die ländliche, entsprechend dem Verhältnisse der industriellen zu der ländlichen Arbeiterklaffe. Wiederum geht die Zunahme der städtischen Bevölkerung desto rascher von Statten, je näher die Städte an der Seeküste be- legen find. Am meisten wachsen die eigentlichen Seeplätze. Die allgemeine Tendenz der Bewegung der englischen Bevöl- kerung geht vom Binnenlande küstenwärtS. England umgiebt fich mit einem Saum von Seehäfen und maritimen Industrie- zentren, welche im Kriegsfall dem Angreifer leicht zugängliche und zelstörbare Objekte von immensester wirthschaftlicher Be- deutung gewähren, von diesem Gesichtspunkt aus blicken die ängstlicyen Großkrämcr mit großer Besorgniß auf den Fort- gang der wirthschaftlichen Entwickelung des Landes. Süd-Afrika. Ein in Potchcsstroom zusammengetretener großer und wich- tiger Kongreß hat Resolutionen zu Gunsten eines Z o llve r- eins und eines Schutz- und Trutzbündnisses zwischen dem Oranje Freistaat und der Republik Transvaal angenommen, um die politische Vereinigung der beiden Staaten zu fördern.— Der„Transvaal Advertiser" meldet, daß Boeren- Meetings in der ganzen Republik abgehalten werden. Die Vorgänge werden geheim gehalten, aber es verlautet, man habe beschlossen fich nicht einzumischen, so lange die englischen Ope- rationen außerhalb der Grenzen des Landes gehalten werden. Irgend einem Versuch, sür ernen Bruch der Konvention Strafen aufzuerlegen, wird mit allen Kräften Widerstand geleistet wer- den. Zwischen den Engländern und Hollandern in den östlichen Provinzen der Kap-Kolonie herrscht eine äußerst gereizte Stimmung. China. In China werden jetzt, Nachrichten der„Times" auS Hongkong zufolge, zahlrerche Truppenabtheilungcn durch Euro- päer einexerzirt. Die Kommandanten der chinesischen Truppen haben, wie man dem Citublatt weiter meldet, im nördlichen und westlichm Delta die Taktik General Gordon's angenom- men, den Feind durch häufige Angriffe zu ermüden und sich zurückzuziehen, wenn fie gedrängt werden. ES werde für die Fianzosen nothwendia fern, den ganzen Gürtel des Hügek- landes mit schweren Opfern von Menschen und Geld zu be- setzen und eS sei unmöglich, wegen der todtdrinaenden Natur des Klimas, in dem nur chinesische Bergbewohner bestehen können, Garnisonen dort zu halten. In Formosa erwarte die Ich gestehe, daß ich Sie bewundere," antwortete Mr. Parr; „und nach dem Opfer zu urtheilen, das Sie Beide gebracht, beneide ich Sie um das Glück Ihrer Liebe. Wahrlich, eine Liebe, für welche solche Opfer nicht zu hoch gehalten wer- den, kann keine gewöhnliche sein."-- „Er nannte den Namen Rodenburg," murmelte Parr, als er sich spät Abends auf dem Nachhausewege befand, „derselbe Name, den ich in Deutschland nennen hörte, als ich die Mutter eines gewisse» Kindes suchte... Merk- würdig!"_ Sechstes Kapitel. Der nächste Morgen war vom Könige bestimmt, Vor« träge seiner Hofbeamten entgegen zu nehmen. Er that die« vor dem Frühstück, um der leidigen Geschäfte loS zu sein, wenn seine Freunde kamen, um ihn zu unterhalten und mit ihm daS Frühstück einzunehmen. Der erste der Beamten, welcher sich melden ließ, war der Kapitän der Eunuchen. Er berichtete, daß die junge Tibetanerin heute noch nicht in den Harem eintreten könnet da sie nach ihrem RituS längere Zeit der religiösen Vorbereitung bedürfe! „Fatal! Sehr fatal!" antwortete Wadschid Ali. „Ich wünsche, daß die Vorbereitungen nicht all' zu lange dauern.— Man hat Zimmer und Dienerschaft für sie be» reit?" „Es ist alles bereit. Doch fürchte ich, daß die junge Dame nicht ganz Ihren Voraussetzungen entspricht." „Wiefern?" „Sie ist die Verlobte eines jungen Mannes, an dem ihr Herz hängt, und dessen Liebe sie beglückt." „Dummes Zeug: Giebt es ein höheres Glück für ein Mädcyen, als w nn ich sie würdige, ein Mitglied meine? Harems zu sein?" „Der Bräutigam ist heute bereits im Palast gewesen, um ihre Freilassung zu erbitten." „Man soll ihn in Ketten lege» und ihn inS Gefängniß werfen, wenn er es noch einmal wagt." „Er ist ein Fremder!" „Ein Engländer?" „Nein, ein Deutscher!" Franzosen eilte ähnliche RüseN'Aufgabe. China werde nie in seine Abtretung oder Besetzung auf eine Reihe von Jahren einwilligen, und so wie europäische Verwicklungen eintreten, seine„Revanche" nehmen. D o k A l e Si. Der Mangel einer Spreedrücke auf der ziemlich langen Wegestrecke von Berlin bis Köpenick, der sich von Jahr zu Jahr fühlbarer gemacht, und unter dem namentlich die in den Ortschaften an der Oberspree wohnende Arbeiterbevölkerung, die in den Fabriken an dem andern Spreeufer Arbeit suchr, zu leiden hat, da diese gewungen ist, entweder zu Kahn oder über Köpenick die Arbeitsstelle zu erreichen, hat den Landrath des Kreises Teltow, Prinzen Handjery, veranlaßt, bei der König« lichen Regierung die Anlage einer„Fähre an der Oberspree zu beantragen; die Anlage dieser Fahre ist sowohl von der Re- gierung in Potsdam als von dem Herm Minister des Innern genehmigt worden. Die Ausführung dieses Projekts wird so- fort in Angriff genommen, so daß bereits in bevorstehendem Sommer die Fähre in Betrieb genommen werden soll. Die Fähre wird in der Nähe von Johannisthal bei Nieder-Schön- weide angelegt, und ist der Tarif für die Ueberfahrt von dem Minister jo niedrig festgesetzt, daß derselbe nur die Besoldung des Fährmeisters deckt. Alle übrigen Kosten übernimmt die Regierung. Der Besitzer der Kuhnheim'schen Fabrik in Canne hat unentgeltlich einen Zugangsweg zur Fähre abgetreten. Die Kaiserliche Postbehörde hat der„Köln. Vollsztg." zufolge die Einführung einer„Soldaten-Briefmarke" geneh- migt. Er wird dadurch einem doppelten Ucbelstande abge- Holsen. Da der nothwendige Vermerk„Solvatenbrief"„Eigene Angelegenheit des Empfängers" oft den größten Theil der Vorderscite des Kouverts einnimmt, so kommt es oft vor, daß die Adresse und namentlich der Bestimmungsort, für welchen zu wenig Platz übrig bleibt, kaum zu lesen find. Außerdem wird auch noch zuweilen von Seiten der Anverwandten der Frankaturvermerk vergessen, so daß, falls nicht ein gefälliger Postbeamter den Vermerk nachholt, der Soldat Strafporto zu zahlen hat. Es ist deshalb eine Marke eingeführt von der Größe der gewöhnlichen Briefmarke, welche den für Soldaten« bliese nöthigen Vermerk enthält. Eine recht verständige Anregung bringt der in Dresden erscheinende„Thier- und Menschenfreund", das Organ der ViviseklionSgegner. Derselbe bittet nämlich alle Diejenigen, welche auch den vielgeplagten Postbeamten ein wenig Sonn- tagsruhe gönnen, am Sonnabend und Sonntag nur solche Briefe u. f. w. zur Post zu geben, welche in der That keinen Aufschub gestatten. Die Sache mag im ersten Augenblick un- bedeutend, ja kleinlich erscheinen. Bei näherer Betrachtung läßt sich indessen ein ganz gesunder Kern darin nicht verkennen. Ohne Zweifel bilden die wirklich dringenden Postsachen die Minderheit aller überhaupt znr Versendung gelangenden, na- mentlich können Privalkorrespondenzen zum weitaus größten Theil an jedem andern Wochentage ebensogut erledigt werden, wie am Sonnabend oder Sonntag. Geschieht das aber, so wird selbstverständlich die Sonntagsarbeit der Postbeamten ganz erheblich vermindert. Fiele diese Anregung auf guten Boden, so wäre das ein Stück wirklicher Lösung der Frage der Sonntagsruhe, und.zwar.'ohne daß die Gesetzgebung erst einschreiten müßte. N. Interessante Pfahlbaufande aus dem Bodensee. spt»iell aus dem Ueberlinger See, haben in der nordischen Ab- ttzeilung der Königlichen Museen seit Ende der vorigen Woche Aufstellung gefunden. Unter ihnen sind besonders sieben Ge- räthe aus Nevyrit zu erwähnen, jenem schon seit Alters her hochgeschätzten grünen Anphibolgestein, das in Europa bisher nur erst am Zobten in Schlesien anstehend gefunden wurde. Andere Standorte des Nephrits sind in Turkestan, nach Schlag- intweits Angaben und in Alaska nach Jacobsen's Ermittelun- gen, sowie auf Neu-Sedand vorhanden. Wie gerieben die Berliner Kolporteure find, mag fol- fltnder amüsante Vorfall zeigen. Kommt da neulich ein junger Mensch mit seinem Bücher packen untum Arm in einen Slächter- ladcn in der LandSbergustraße und fordert ein Ende Wurst für 5 Pfg. Der Meister schneidet das gewünschte Quantum ab. und der junge Mann geht. Fast schon in der Thür dreht er sich noch einmal um und fragt:„Meister, können Sie keinen Kalender für 85 gebrauchen?" Der Meister verneint. Der Andere aber ist zähe und weiß die Vorzüge seines Buches nicht genug zu rühmen.„Schauen's, sagt er, da haben's nicht nur die schönsten Illustrationen und Geschichten drin, da finden's auch die christliche, mosaische und mubamedanische Zeitrechnung. Da haben's die Sonnenzirkel und Mondfinster- niste, sämmtliche 12 fcimmelszeichen von der Junpfrau bis zu den Zwillingen, die Sonne und die Planeten. Die feinsten Namen stehen drin für die Kinderchen, die Ihnen Ihre Frau Anno 85 beschceren wird, Trink- und Wetterregeln, faule Witze und die ganze Regentengenealogie. Ich mache Sie besonders auf- merksam auf den immerwährenden Trächtigkeitskalender". Der also Bekomplimentirte schmunzelt und sagt:„Stehen auch die deutschen Viehmärkte drin?"— Gewiß, mehr als für dre „So bleibt eS bei meinem Befehle! Ich liebe die Europäer; aber sie dürfen mir nicht ungehorsam sein. Ich gebe Nuna noch drei Tage Zeit und befehle Ihnen, daß sie am dritten Abend ihre Zimmer im Harem be« zieht." Der Kapitän verneigte sich und ging. Gleich darauf trat der Hof-Friseur ein. Er hatte eine Rolle Papier ,n der Hand. In Indien sind alle größeren Dokumente nicht wie bei un« in Bücher und Hefte eingetragen, sondern auf lange Rollen geschrieben, wobei Streifen an Streifen an- gesetzt und da« Ganze gleich einer Landkarte zusammenge- rollt wird. „Nun, Khan!" rief der König,„die Monatsrechnung, nicht wahr?" „Ja,"»ar die lächelnde Antwort. „Her damit, lassen Sie die Rechnung sehen; rollen Sie sie auf, Khan." Der König war bei guter Laune, und der Friseur, wie immer, in derselben Stimmung, wie der König. Er behielt da« eine Ende der Rolle in der Hand und ließ sie auf den Boden fallen, um sie selbst auszubreiten. Sie reichte bis an da« andere Ende des Zimmers und enthielt eine lange Reihe eng geschriebener Zeilen und Ziffern. „Einen Maaßstab!" wandte der König sich an den Sehib, welcher hinter seinem Stuhle stand. Der Sehib überreichte dem König dm Maaßstab. „Messen Sie die Rechnung!" Der Sehib gehorchte und berichtete:„Dreizehn tinhalb englische Fuß!" „Fast zwei Fuß länger al« die vorige MonatSrech- nung," bemerkte der König. Der Friseur zuckte die Achseln. „Da« macht da« Silberzeug und die neuen Ele« phanten." „O, o, ich weiß! Es ist Alle» richtig," unter« brach ihn der König.— Wie viel beträgt die Total« summe?" armen Thier« gut ist!"—„Na. denn geben Sie einen her; hier find Ihre 50 Pfennig."— Der Kolporteur packt zusammen und geht. Andere Kunden kommen.„Frau!" ruft der Schlächter,„komm mal her, ich muß in den Keller runter!" Die Gerufene trist an seine Stelle. Aber, stehe da,— gleich- zeitig mit ihr erscheint auch unser Kolporteur im Laden, grüßt verbindlichst und sagt:„Sie haben gewiß noch keinen Kalender für 85?"—„Nein," bestätigt die Angeredete,„der fehlt uns noch. Geben Sie einen her"— und zahlt ihm 50 Pfennig aus. Artiger denn je„Guten Morgen" wünschend, entfernt sich der junge Mann, von lilicnarmigen Dienstmädchen mit freundlichen Blicken begleitet. Die Frau aber empfängt ihre dickere Hälfte, die soeben mit einer Molle Gehacktes aus dem Keller zurückkehrt, mit den geflügelten Worten-„Mann i; habe einen Kalender für 35 gekauft. Dort liegt er", und dabei deutet ste auf das linke Ende des Ladentisches.„Donnerwetter!" schreit der Alte,„doch nicht von dem jungen Menschen? Ich habe ja diesen Augrnblick auch einen gekauft!" Verblüfft sehen sich die Gatten an, die Kunden aber schlagen die Hände über den Kopf zusammen.„So ein verdammter Hanake!" braust jetzt der Ehemann auf,„dem will ich's eintränken! Anton," schreit er in die Wurstfabrik,„lauf rasch dem Kolporteur nach, der eben hier war und sag' ihm, ich hätte ihm noch was Dringendes mitzutheilen.— Aber, Schockschwerenoth, wo ist der Kerl zu finden?" Eine dienstfertige Köchin weiß Auskunst zu geben. Er ist links ins Nachbarhaus gegangen, sagt sie. Dort faßt Anton Posta und meldet dem herunterkommenden Kolporteur, wie ihm aufgetragen ist. Der Schlauberger aber sagt:„Ah, ich weiß schon, Ihr Meister will einen Kalender, nehmen Sie ihm nur gleich einen mit." Der nichts ahnende Geselle legt richtig die 50 Pfennig aus, steigt in den Laden zurück und— wüthender ist wohl nie gelacht worden, als an diesem Morgen in der Landsbergersttaße bei dem Schlächtermeister mit den drei Kalendern für 85! Die Familie S. bezog vor wenigen Wochen in der Brunnenstraße eine neue Wohnung. Kaum halte fich die Eamilie häuslich eingerichtet, da encanrte auch schon eines rer Kinder an der Diphtherie und fiel der Krankheit zum Opfer. Die schwer betroffenen Eltern schöpften sofort Verdacht, daß die bezogenr Wohnung von dieser ansteckenden Krankheit insizirt gewesen sein könnte. Die sogleich angestellten Recherchen bestätigten diese Vermuthung, indem festgestellt wurde, daß ein Kind der Familie, welche die Wohnung bis dahin innegehabt, an der ansteckenden Krankheit gestorben, eine Desinfektion der Räume seitens des Wirthes aber nicht vorgenommen war. In der Befürchtung, daß der Ansteckunqsstojs sich auch auf die übrigen Familienglieder übertragen könne, beantragte S. bei der Polizeibehörde die Aufhebung des betreffenden MiethS- Kontraktes dergestalt, daß der Wirih keinerlei Ansprüche aus etwaige Entschädigung zu stellen habe. Die angerufene Be- Hörde entschied denn auch diesem Antrage gemäß, obgleich der geschädigte Eigenthümer nachzuweisen vermochte, daß die Woh- nung vor dem letzten Bezüge mehrere Monate leer gestanden habe, und eine tägliche Lüftung nicht unterlassen worden sei. Der Eigenthümer, der somit für die ihm zur Last gelegte Unter- laffung der Reinigung der besagten Wohnung keine Schuld bezw. Pflicht anerlennen will, hat nun die Entscheiouna auf dem Rechtswege beantragt, die ganz besonders für die tzaus- befitzer von einem allgemeinen Interesse sein dürfte. Die Schuhe der Frau Gesandti«. Den Paffanten der Roßsiraße wird vielleicht schon im Schaufenster des Schuh- waarenfabrikanten W. eine ganz eigenartig geformte Fußde- kleidung aufgefallen sein, die als solche eigentlich nur dadurch kenntlich wird, daß sie an dieser Stelle zur Ansicht steht. An Größe etwa dem Schuhwerk eines fünfjährigen Kindes ent- sprechend, zeigt diese Fußbekleidung eine allen europäischen Modebegriffen durchaus widersprechende Form, giebt dafür aber ein deutliches Bild der in Wirklichkeit nur aus anderen Stoffen hergestellten Schuhe einer vornehmen chinesischen Dame, und zwar kdner Geringeren, als der Gemahlin des früheren chinesischen Gesandten Li-Fong-Pao. Das im Schaufenster ausgestellte Modell ist aus seinem Leder hergestellt; in Wirk- lichkeit aber hat Herr W., der Lieferant der Gesandtschaft, die für die Frau Gemahlin bestimmten Schuhe aus rothem Atlas anzufertigen und mit gelben Perlen zu besetzen. Wie eine er. wachsene Dame auf Füßchen zu stehen vermag, die in solche Schuhe passen, wird Jedem, der sie steht, räthselhaft erscheinen. Diese Schuhe beweisen indeß, wie weit die menschliche Thor- heit es bringen kann, wenn die Herrin Mode das Szepter schwingt. Unsere europäischen Damen leisten zwar auch schon recht Ächtbares nach dieser Richtung hin; die Damen des Reiches der Mitte sind ihnen aber, wie man ficht, doch noch ein gutes Theil„über". Wie manche Haussraue.t ihre Gänse auf große Lebern, so erziehen ste ihre Töchter„auf kleine Füße'. Zu diesem Bebufe werden die Füße der armen Kinder schon im zartesten Aller in einer Weise behandelt, die das Wachsen gewaltsam verhindern und allmälig solche Wunder an Kleinheit erzeugt, wie eine wahrhaft vornehme chinesische Dame ste für unerläßlich hält. r. Noch einmal erglänzte am NeujahrStage der Weihnachtsbaum im vollen Kerzenglanze, durchwob das „90,000 Rupien."*) „Gut! Geben Sie dem Nawab die Rechnung und sagen Sie ihm, er soll sie bezahlen." Der Namenszug wurde darunter gesetzt, und der Fri- seur entfernte sich, zufrieden lächelnd. „Der Khan betrügt," sagte der Sehib, als sich der Friseur entfernt hatte,„seine Rechnungen übersteigen alle Grenzen der Möglichkeit." Der König sah den Sprecher verdrießlich an. „Wenn es mir beliebt, den Khan zu einem reichen Manne zu macheu, geht daS Sie etwas an? Ich weiß, das feine Rechnungen übertrieben sind; aber dennoch mag eS so sein. ES geschieht mit meinem Willen; er soll reich werden." Mr. Parr hatte indessen seinen Freund, den neuen Hofbeamten von Wredow, aus seiner Wohnung abgeholt, um ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Sie fuhren in einem Brougham durch die schönsten Straßen Lakno'S. Die Stille und Leerheit auf den Straßen befremdete sie; selbst in beträchtlicher Entfernung war kein Mensch zu sehen, und ward einer fichtbar, so beeilte er sich gewiß, au» dem Bereich der Straße zu kommen. Mr. Parr, obwohl an auffällige Erscheinungen hier gewöhnt, erstaunte doch und schaute sich ring» um, eine Erklärung für diese auf« fallende Erscheinung zu finden. Da stießen sie auf eine zerstampfte, blutige Masse, welche noch einige Aehnlichkett mit einer menschlichen Figur besaß. Sie hielten den Brougham an, sie näher zu betrach- ten. Es war der schrecklich verstümmelte Körper eine» WeibeS. Der Leib zertreten und zerrissen, die dünne indische Kleidung vom Körper gezerrt, wie von Zähnen formlos Sie hielten fich bei dem schrecklichen Anblick nicht auf, da Mr. Parr sie für eine königliche Exekution hielt und *) Etwa 70,000 Thaler. Zimmer mit seinem geheimnißvollen Zauber und einte tm häuslichen Kreise Jung und Alt um fich zu einer pietätvollen Feier, während ernst und feierlich die Kirchmglocken ihren Mahnruf erschallen ließen. Verschwunden war bereits der Ausnahmezustand der Weihnachtszeit, verschwunden der Weih- nachtstisch mit seinen FesteSgaben, die einen anderweitigen Platz angewiesen eihidten, aufgezehrt waren Aepfel, Nüsse und Pfefferkuchen und die alte Hausordnung wieder eingekehrt. Nur der Tannenbaum behauptete noch seinen Platz, prangte noch im reichen Festesschmucke, unberührt von der rauhen Hand der Alltäglichkeit, die Poefie der Weihnachtszeit ver- körpernd und bewahrend. Doch auch seine Zeit ist nun gekommen, die Tage der Freude, der Ruhe find nun vorüber, das neue Jahr erfordert neue Thaten ein neues Leben beginnt, daS alte sinkt und mit ihm auch der Weihnachtsbaum! Noch einmal zeigte er fich in seiner ganzen Herrlichkeit, strahlte er in die Herzen seiner Verehrer und zau- berte dem Kinde, wie dem Greise noch einmal die süße, frohe Stunde des ersten Entflammens vor die Seele, dann verlosch ein Lichtlein nach dem anderen, bis auch das letzte ausgebrannt. Alles hat ein Ende! Herabgehoben von seinem Piedestale, wird der Bringer höchster Freude seines Schmuckes beraubt, die„Plünderung" beginnt. Nackt und kahl wird er bei Seite geworfen, ein Spielzeug für die Kinder, wenn nicht die ersah- rene Hausfrau Quirl aus ihm schneidet und ihn zu Feuerholz verwendet. Und mit dem Weihnachtsbaum verschwindet auch das letzte Wahrzeichen der heiligen Weihnachtszeit, der tolle Karneval mit seinem Mummenschanz verdrängt die Poesie, die raschlebige Welt wendet sich anderen Eindrücken zu und Nichts bleibt schließlich übrig von Weihnachten und vom Wethnachts- bäum, als die Erinnerung. Diese aber verläßt uns nicht, ste schlummert tief in unseren Herzen und wenn fle einstens wieder mit aller Macht erwacht, dann erstehet der Tannenbaum auch wieder in seiner alten Pracht! Die NeujahrSnacht ist in Berlin im Ganzen ruhig ver- laufen, wenigstens stnd, soweit wir kontoliren konnten, größere und gröbere Exzesse nicht vorgekommen. Das Wetter war im Allgemeinen nicht ungünstig; der Regen hatte aufgehört, so daß ein längeres Verweilen im Freien nicht unangenehm war. Um 10 Uhr sah es in der Friedrichstraße und Unter den Lin- den nicht anders aus, als an jedem andern Abend, um 11 Uhr war es bereits etwas lebendiger geworden; ein Rudel halb« erwachsener Jungen, die überall da zu finden stnd, wo ein Skandal zu erwarten ist, fingen an die Passanten zu belästigen. wurden aber durch Echutzmannspatrouillen bald vertrieben. Nach 11 Uhr wurde der Lärm lauter und allgemein; immer dichtere Schaaren kamen heran und bereits um 11'/, Uhr be- gannen einzelne Trupps..Profit Neujahr" zu rufen, fanden aber um diese Stunde mit diesem Ruf noch wenig Anklang. Als aber die zwölfte Stunde geschlagen, hallte namentlich die obere Friedrichstraße von dem betäubenden Lärm der Rufe „Prosit Neujahr" wieder. Hier und dort ballte fich auch die Menge zu einem dichten Knäuel zusammen und einige Rempeleien schienen eine größere Aktion vorzubereiten: aber die Polizei hatte die umfassendsten Vorbereitungen getroffen, Schutzmannspatrouillen eilten die Straße auf und nieder,'"und in kürzester Zeit hatte die Polizei die streitenden Gruppen wieder auseinandergebracht und den stch ballenden Knäuel wieder entwirrt. Das Cafe Bauer wurde um 11'/- Uhr geschlossen, weiße Plakate an den Spiegelscheiben sitzten die Passanten von dem Schluß des Cafes um die genannte Stunde in Kenntniß. Cafö Bauer selbst sowie die anderen Cafes waren von einer sachlichen Menschenmenge überfüllt, die stch durch allerlei Scherze und Scherzchens die Zeit vertrieb, ohne daß jedoch eine richtige Sylvesterstimmung Platz griff. Im Wintergarten des Zentralhotels konzertirte, wie im vorigen Jahr von 9 Uhr Abends bis 2 Uhr Nachts die Sinphonie-Kapelle; die Wimer Konzertsängerinnen sangen dazu und die zahlreichen Besucher der schönen Räume des Wintergartens schienen stch dabei köstlich zu amüsiren. Das sonst in der Neujahrsnacht übliche Schießen und das Abbrennen von Feuerwerkskörpern war diesmal fast ganz in Fortfall gekommen; platzte einmal ein Schwärmer auf, so tauchte auch gleich eine Helmspitze auf und der junge Pyro- rechniker ergriff eilends die Flucht Am lautesten ging es in den Restaurationen und in den Kellerlokalcn zu. Bei den Tönen einer Ziehharmonika und bei einem steifen Glase Grog, das heute der„Herr Wirth" gratis den Stammgästen vorsetzte, und bei dem Genuß von frisch gebackmen Pfannkuchen sang man Volkslieder und ließ das neue und alte Jahr leben. Um 1 Uhr ließ der Lärm auf den Straßen nach, die Hauptschreier hatten sich heiser geschrieen und die andern Passanten hatten genug oder auch nicht genug gesehen und suchten die Stamm- restaurationen auf. Manche werden wohl gleich dort das Frühstück entgegengenommen haben. g lieber eine turbulante Szene aus der Sylvester- nackt wird uns Folgendes berichtet: Der Führer der Droschke zwerter Klasse Nr. 5058, Namens Fr. Primke, Frankfurter Allee 23 wohnhast, wurde in der Sylvesternacht gegen 2 Uhr in der Wallstraße von einer Gesellschaft, bestehend aus zwei Damen und drei Herren, zu einer Fahrt nach der Kleinbeerenstraße engagirt und ihm daS vereinbarte Fuhrgeld sofort bezahlt. eS nicht für gerathen erachtete, bei königlichen Exekutionen Hilfe zu leisten, oder Mitleiden blicken zu lassen. Nirgends erblickten sie Einwohner, die Häuser alle ver- schlössen, Schreckensstille auf allen Straßen. Nicht lange nachher stießen sie auf einen Leichnam eines jungen Manne», der eben so zerstampft und zerrissen auf dem Pflaster lag. Nun wurden sie eines königlichen Reiters gewahr, welcher aufmerksam die Straße entlang schaute, als die Beiden da- her kamen. „Was ist geschehen?" fragte Parr. „Der Menschenfresser hat sich los gemachtl" war die Antwort.„Allah! er ist wieder umgekehrt. Seid auf Eure Sicherheit bedacht, Ihr Herren, er ist wild heute." „Der Menschenfresser?" wandte sich Wredow an seinen Begleiter.—„Was ist das?" „ES ist eins der wilden Pferde des Königs, welches cr in seiner Menagerie hält, eines der wildesten Thiers, das man je gesehen. Schon mehrere Menschenleben sind von ihm veraichtet worden." „Er kommt, meine Herren!" schrie der Reiter, indem er sich schleunigst hinter einem Gitterthore verbarg.— Retten Sie sich! Retten Sie sich!" Parr und sein Begleiter sahen von ferne die wilde Bestie auf fich zukommen. Ein großes, braunes Pferd— es schüttelte wild ein Kind, welches e» im Maule trug. Bald hatte es das Fuhrwerk entdeckt, warf daS gewiß schon tobte Kind auf die Straße und jagte mit Ungestüm vor- wärt?, ihnen entgegen. ES war kein Augenblick zu verlieren, denn sie hörten bereits hinter sich das Dröhnen der Hufe ganz nahe.— Schnell wendeten sie um. Ihr Pferd schien selbst in Angst vor dem Ungethüm zu gerathen und pflog in rasendem Galopp dahin. Noch rechtzeitig erreichten sie eine Ein- friedigung mit eisernem Thore, durch welches sie vor kurzem gekommen waren; sie schössen hinein. Parr sprang vom Wagen und schloß das Thor. Alles die« war das Werk eines Augenblicks. (Fortsetzunz folgt.) Soum holte der fiuiftta sein fsuhlwnk in Bewegung gesetzt, olS die äußerst animirte Gesellschaft die tollste Allotria begann: die Fahrgäste sangen, skardalirten, verlangten den Futtereimer deS Pferdes in die Droschke gereicht zu haben und einer der Herren„verstieg" sich sogar soweit, daß er seine Reitkunst auf dem Droschkenpferde bekunden wollte- Unter diesen und noch anderen übermüthigen Streichen war man schließlich in der Meinbeerenstraße angelangt, wo der Kutscher Primke sein Fuhrwerk anhielt. Kaum war das geschehen, als die mann- lichen Fahrgäste auf den Kutscher einstürmten und das Fahr- geld zurückverlangten. Rattirlich weigerte fich P. ganz ent« schieden und so entstand ein Handgemenge, bei welchem P. zwei Kopfwunden erhielt. Durch den Skandal angelockt, kamen zwei Passanten in Sicht und nun suchten die Fahrgäste Reiß- aus zu nehmen. Primke hatte einen derselben mit aller Gewillt festgehalten, mußte aber auch diesen loslassen, weil er von ihm nicht unerheblich in den rechten Daumen gebissen wurde. Die beiden Passanten, ein Schlächter- und ein Böttchermeister, hatten die Verfolgung der Flüchtigen aufgenommen und es gelang ihnen auch, zwei derselben zu ergreifen, worauf deren Eistirung durch einen Nachtwächter nach der Polizeircvierwache erfolgte. Der verletzte Droschkenkutscher begab sich nach der Sanitäts- wache in der Markgrafenstraße 82, woselbst ihm die nöthige Hilfe zu Theil wurde. Die Exzcdenten werden fich wegen groben Unfugs, Erpressung und Kö:perverletzung vor dem Strafrichter zu verantworten haben. A« welchem Puukte der Erde ist die Jahreswende zuerst einaetreten? Mit dieser gewiß„aktuellen" Frage wollen wir uns heute beschäftigen und dabei voraufschicken, daß mit dem Schlage 12 Uhr der voroeiflossenen Nacht, also in: dem Augenblick, in welchem hier vieltausendfach das„Profit Neujahr 1" ertönte, das neue Jahr in Wirklichkeit schon ein Alter von 11 Stunden gehabt hat. Denn um diesen Zeitpunkt war in Neuseeland bereits 11 Uhr Morgens am Neujahrstage, in Sidncy 9 Uhr, in Kalkutta 5 Uhr u. s. w. Andererseits haben unsere westlich gelegenen Mitbewohner der Erde noch um so länger auf das neue Jahr zu warten, je weiter westlich fie von uns wohnen. So find wir den Parisern uin netto drei- viertel Stunden voraus, in Philadelphia ist in dem Moment, wo wir da« neue Jahr begrüßen, erst der 31. Dezember, Abends 6 Uhr, in San Francisco gar erst 3 Uhr Nachmittags. Doch die Disscrenz zwischen altem und neuem Jahr ist auf einigen Inseln des großen Ozeans noch bedeutend größer. Wenn auf Manila(Philippinen), welches unter 138° östlich von Ferro liegt, der 31. Dezember Abends 10 Uhr 15 Min. ist, dann hat daS Ostkap auf Neu-Seeland(198° östlich von Ferro), bereits den 2. Januar 2 Uhr Morgens. Unser Neu- jähr seiern somit zuerst die Neu-Seeländer, die Bewohner der Insel Chatham und dann die Australier. Fragen wir nun danach, wie die willkürliche Scheidung des Datums entstand, so finden wir, daß die Entdeckungsreisen, je nachdem fie nach Westen oder nach Osten unternommen wurden, von entscheiden- dem Einfluß waren. Als Sebastian del Cano, der erste Steuermann Magellans, nach dreijähriger Abwesenheit und nachdem er die erste Weltumseglung ausgeführt hatte, in den heimischen Hafen zurückkehrte, bemächtigte fich seiner und seines Schlsssvolkes abergläubisches Erstaunen, als fie erfuhren, daß fie mit dem Schiffsjournal um einen Tag gegen das wirkliche in Spanien herrschende Datum zurückgeblreben waren und da- durch die katholischen Feiertage zu falschen Zeiten begangen hatten. Wir lachen heute darüber und wissen, daß er, wenn die Weltumsegelung nach Osten unternommen worden sein würde, einen Tag, oder richtiger einen Datumstag voraus sein mußte. Das Datum ist eben verschiedenen Orten der Erde, die gar nicht weit von einander entfernt liegen, von Euro- päern von Westen und von Osten gebracht, und dadurch erst entstand eine Datumsscheidegrenze, die vorher nicht vorhanden war! Als diese Scheidegrenze wird jetzt der 180. Meridian betrachtet; passtrt ihn heule der Seefahrer, so rechnet er ein Datum doppelt oder er überschlägt eins, je nachdem er von Osten oder von Westen kommt. Für die Inseln des großen Ozeans und für das Festland kommt die Datumsgrcnze vom Südpol, geht östlich der Insel Chatham, Neuseeland, Austra- lien, biegt sich dann nach Westen zwischen Neu-Guinea und Carolina hindurch, bleibt westlich der Philippinen und La- dronen, geht dann südöstlich der japanefischen Inseln und Kurven nach der Behringstraße. Westlich dieser Linie wird ein Datum, Wochentag mehr gezählt, als östlich derselben, auf dieser Linre fängt der neue Tag, das neue Jahr unserer Zeit- rechnung an. Hieraus nun ergiebt fich eine den Deutschen ge- wiß erfreuende Thatsache: Im deutschen Reiche geht die Sonne nicht mehr unter. Auf Neu-Guineo, welches wir zu rechter Zeit noch annektlrt haben, wird das neue Jahr schon längst gefeiert, während auf den Samoa-Jnseln noch stark der 31. Dezember ist. N. DaS Schloß Weißensee und der dazu gehörige Park, welche seit ca. 2 Jahren käuflich in den Besitz des bekannten Restaurateurs.Herrn Sterne cker übergegangen find, werden augenblicklich zu einem großartigen Vergnügungsetablissiment umgestaltet. Obwohl der Winter namentlich in der Umgegend ziemlich energisch seine AntrittSadreffen abgegeben, so find doch draußen ununterbrochen hunderte von Arbeitern damit beschäf- tigt, dieses 75 Morgen große Terrain nicht nur zu einem der schönsten Erholungsplätze, sondern auch zu einer SehenSwür- digkeit der Refidenz umzuschaffen. Der Generalentwurf ist von dem Architekien Herrn G. Rodenwoldt angefertigt, wäh- rend die Ausführung der Arbeiten dem von der Hygiene- Ausstellung her in weitesten Kreisen bekannten Baumeister Höver aus Halle übertragen ist. Der wundervolle Park wird nach den Angaben und unter Leitung deS städtischen Garten- bauinspektors Herrn Hoppe fast vollständig neu angelegt. Um fich einen Begriff von den aufgeführten Neubauten zu machen, sei erwähnt, daß bereits vierzigtausend Quadratfuß Terrain mit Baunchkeiten bedeckt find. g. Die ledernen Hampelmätze, welche zur Weihnacht!- zeit verkauft werden, bieten eine nicht geringe Gefahr für die Kinder, denen fie zum Spielzeug übergeben werden. Die Flitter» dieser Hampelmätze werden einfach mit Stecknadeln defestigt und die Folge davon ist, daß die kleinen Kinder bei ihrem bekannten Zerstörungsfinn fich diese Stecknadeln in den Körper bohren. So war am 2. Weihnachtsfeiertage das 1'/, Jahre alte Söhnchen einer Familie in der Schützenstraße mit der gewaltsamen Zergliederung eines Hampelmannes beschäf- tigt, als eS plötzlich laut aufschrie. Die Mutter entdeckte nun, in der Brust des Kindes steckend, eine kleine Stecknadel, deren ste noch 9 Stück aus dem Hampelmatz zog. Das Kind hatte fich nach Art der Frauen die herausgezogene Stecknadel in das Jäckchen auf der Brust stecken wollen und war mit derselben zu tief ins Fleisch gerathen. g. Schlächter können nicht nur Personen überfahren, sondern fie können auch selbst überfahren werden. Am Mitt- woch Mittag gegen 1 Uhr wollte ein Schlächtergesrlle die Charlottenstraße an der Leipzigerstraße mit einer Fleisch und Wurst enthaltenden Molle entlang geben, als an dem Kreu- zungspunktc das Fuhrwerk eines Fischermcisters dahergefahren kam, dessen Pferd den Schlächter zur Erde stieß, so daß dieser unter dag Pferd zu liegen kam. Obgleich er keine bedeutenden Verletzungen davontrug, wurde doch der Führer des Fischer- wagenö von einem reitenden Schutzmann nach der Wache fistirt. Bei dem Fall war dem Schlächter die Molle mit Fleisch und Wurst auf das Straßenpflaster geschleudert wor- den, so daß diese Gegenstände auf demselben zerstreut herum- lagen. Auf Veranlassung der Polizei- Direktion in Wien fahnden die diesseitigen Behörden wieder auf eine« Durch- ganger, den Handlungsagenten Daniel Hosbach, welcher am 16. v. M- nach Veruntreuung von 4000 Gulden von Budapest, wo er die Vertretung einer Farbewaarcn- Fabrik hatte, flüchtig geworden ist. Hosbach ist 42 Jahre alt, in Geldern in Rhetnpreußcn geboren, groß und korpulent und spricht Deutsch und Franzöfisch. Er hat Briefe hinterlassen, in welchen er die Abficht ausspricht, einen Selbstmord zu be- gehen. Diese Briefe verdienen indessen keinen Glauben. Mr die Wiedererlagung des Geldes find von der geschädigten Firma 10 Prozent der vorgefundenen Beträge als Belohnung ie Chambre-garnie-Wohnung eine« Handlung«- Kommt« B- in dem Hause Kl. Poststraße Nr. 1 war im November cr. gewaltsam erbrochen und es waren daraus Kleidungsstücke im Werthe von 250 Mark, sowie ein LosungS- schein jjestohlen worden. Dieser Losungsschein wurde am 5. v. Mis. einem vielfach bestraften Einbrecher, Schlosser Schulze, der erst Ende Oktober nach Verbüßung einer drei- jährigen Zuchthausstrafe entlassen worden war, bei einer Vifitation abgenommen, und erst vorgestern stellte es fich her« aus, daß derselbe, welcher durch Anhängung eine Silbe an den Namen des B. gefälscht worden war, mit dem gestohlenen Losungsschein identisch ist. Schulze wurde daher unter dem Verdachte, den Einbruch verübt zu haben, verhastet. N. Ein Balkenbrand fand heute Vormittag gegen 10 Uhr in dem Hause Neue Roßstraße 9 und zwar in der Küche eines dort wohnenden Stempelfabrikanten Mentel statt. Beim Ein- treffen der Feuerwehr war der Brand bereits gelöscht, doch Halle Herr Mentel bei den Löschversuchen anscheinend nicht un- erhebliche Brandwunden davon getragen. Die Feuerwehr selbst kam nicht in Aktion. GmcktB' Zettung. (Da« Rendezvous der„Kstberlfelberer".) Seit ahren befindet fich im Hause Nr. 18»der Schulerstraße das Kafee Petritschek, ein kleines, dunkles Lokal, so recht geschaffen zur Zusammenkunft für Leute, die das Licht zu scheuen Ursache haben. Die Preise sind, angemessen dem Publikum, das diese Kaffeeschänke besucht, außerordentlich niedrig, und ist für den Besitzer des Kaffeeschankes wohl kaum die Möglichkeit vor- handen gewesen, durch das Geschäft allein zu Vermögen zu gelangen. Der Befitzer der Kaffeeschänke, Friedrich Petritschek. ist dennoch wohlhabend geworden, allerdings duich eigenthüm- liche Geschäfte mit seinen Gästen. Seit Jahren ist dieser Kaffeeschank das RendeSvous der „Kfiberlfelbercr". Diese Bettelbriefschreiber von Profesfion hotten dort ihr Hauptquartier aufgeschlagen und hatten förmliche Ver- zeichnisse aller jener Persönlichkeiten angelegt, bei deren das Betteln mit Erfolg betrieben werden kann. Kundschaften gab eS für die„Kfiberlfelberer" immer und daS Erträgniß dieses Geschäftes brachte gewiß auch Petritschek einen Vortheil. Was aber die Aufmerksamkeii der Polizei seit Jahren be- sonders auf das Cafe Petritschek lenkte, war der Umstand, daß zu den Stammgästen eine Reihe von Professionsdieben gehörte. Petritschek kannte seine Gäste nur zu genau und wußte jeden- falls um' ihr Treiben. Im Jahre 1882 war er bereits in einer Untersuchung gegen einen seiner Stammgäste ver- nommen worden und 1863 stand er selbst wegen Diebstahls- theilnehmung in Untersuchung. Ucbrigens erprobte ein Stamm- gast seine Kunst auch bereits an Petritschek selbst; denn er ließ sich im Lokale einsperren und stahl aus dem ihm wohlbe- kannten Aufbewahrungsorte eine größere Anzahl Uhren und Pretiosen, wie sie in einer solchen Menge in einer Kaffeeschenke gar nicht zu vermuthen gewesen wären. Heute fitzt Friedrich Petritschek vor dem Ausnahmsgerichte auf der Anklagebank mit drei von seinen Stammgästen. An- geklagt sind- der oft bestrafte Dieb Hubert Pravda und der Kellner Franz Wolny wegen Diebstahls,'der abgestrafte Johann Solar, mit dem Spitznamen der„Photoaraph" genannt, und Friedrich Petritschek wegen Diebstahlstherlnehmung. Den Vorsitz führt L.-G.R. v. Hartenfeld, die Anklage vertritt St.-A.-Sbst. Hawlath, als Vertheidiger fungirm Dr. Buttulo und Dr. Freih. v. Plappart, filr Petritschek Dr. Neuda. Pravda hatte am 10. August in Hernals bei Josef Haxek einen Einbiuchsdiebstahl verübt und dabei nebst Baar- geld Pretiosen im Werthe von über 1800 fl. entwendet. Er verpfändete dieselben im Versatzamte und ließ die Pfandscheine in Partien durch Johann Solar dem Petritschek verkaufen. Für alle gab Petritschek nur etwa 30 fl. Mit Wolny zusammen verübte Pravda noch eine Reihe EinbruchSdiebstählc. Verschiedene Anzeigen lentten dm Ver- dacht der Behörde auf die Stammgäste des Cafe Pettitschek und Pravda gestand sofort bei seiner Verhaftung. Bei einer in der Wohnung und im Geschäftslokale des Petritschek vor- genommenen Revision fand man nicht nur Pretiosm, die aus dem Hayek'schen Diebstable herrührten, sondern auch eine Menge von Gold- und Silbersachcn und Pfandscheine über Pretiosen. Die Diebe find auch heute vor Gericht geständig; Solar und Petritschek leugnen, die Provenienz der Pfandscheine und Pretiosen gekannt zu haben. Ursprünglich hatte Lctztei er sogar jede Kenntniß von den Pfandscheinen geleugnet. Bezeichnend ist jedenfalls auch die Angabe Pravda's, daß Petritschek einmal Skrupeln über die Provenienz hatte, worauf er ihn auf das Abendblatt vom 12. August verwies. In demselben war näm- lich die Meldung über den Cinbruchsdiebstahl bei Hayek ent- halten. Petritschek verschaffte sich in der Thnt jmes Blatt, angeblich, wie er heute behauptet, zur Vervollständigung seiner Sammlung. Die Verhandlung endete mit der Verurtheiluna sämmt- licher Angeklagten. Pravda wurde zu sechs Jahren, Wolny zu einem Jahre schweren Kerkers, Solar zu sechs, Petritschek zu vier Monaten Kerkers verurtheilt. Bei den drei Ersten wurde auch die Zulassung der Stellung unter Polizciausflcht ausge- sprochen; überdies wurden die Veruttheilten zu den Ersatz- leistungen verhalten. DaS Auditorium, welches zumeist aus Stammgästen der Petritschel'schen Kaffceschenke bestand, schien tiefbetrübt, daß ihr Herbergvater auch einmal„eingegangen". Arbetterbemgung, Pevetoe unü GerAttMtuwugen. Alle Fabrik- und Bauarbeiter Berlins werden darauf aufmerksam gemacht, daß die nächste Versammlung des Vereins zur Wahrung der materiellen Interessen der Fabrikarbeiter am Tienstaa, den 6. Januar, Abends 8Vj Uhr, bei Keller, oberer Saal, Andreaöstr. Nr. 21, statrfindet, mit einem interessanten Vortrag über den Normalarbeitstag. Wir machen hiermit hauptsächlich noch die Kollegen im Norden darauf aufmerksam, da sich dieselben bis jetzt wenig oder noch gar nicht an dem Verein bctheiligt haben, sich in dieser Versammlung recht zahl- reich einzufinden. Milglieder werven jederzeit aufgenommen und als Gast ist uns ein Jeder willkommen. Ordentliche Generalversammlung der„Freien Ver- einigung der Graveure, Ciseleure und verw. Berufsgenossen" Montag, den 5. Januar, Abends 8'/- Uhr, im Restaurant Sahm, Annenstt. 16. Tagesordnung: 1. Geschäftliches und Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Bericht über das verflossene halbe Jahr. 3. Erledigung der eingegangenen Anträge. 4. Wahl des Vorstandes. 5. Verschiedenes. Bericht des Nach- wetsebureaus. Unentgeltliche Stellenvermittelung jeden Abend von 8V,— 9'/: Ubr im Vercinslokal. Ten Mitgliedern des Verein« der Metallarbeiter Berlins diene zur Nachricht, daß die statutarisch festgesetzte Mitglieder-Versammlung am Montag den 5. Januar ausfällt' und eine außerordentliche Versammlung deS Vereins einbe- 1 rufen wird, welche im Jnseratentheil dieses Blattes bekannt! gemacht wird. Den Mitgliedern der Zentral-Krankeu- und Sterbe« lasse der Tischler ie, hiermit zur Nachricht, daß die Zahlstelle, der ärztlichen Verwaltungsstelle Berlin B.(Innere Louisen- stM), Neue Jakobstr. 12, nach der Köpnickerstr. 103(Ecke der Neanderstraße) bei Scherff verlegt ist, woselbst vom Sonnabend, den 3. d. Mts. ab die Beiträge in Enipfang genommen werden. Generalversammlung des Vereins der Bauanschläger Berlins, Sonntag den 4. Januar 1885, Vorm. 10 Uhr, bei Herrn Preuß, Oranienstr. 51. Tagesordnung: 1. Bericht der Kommisfion über Unterstützung bei längeren Krankheitsfällen. 2. Bericht der Revisoren über Kaffenbcstand. 3. Wahl des Vorstandes.— Unser Stiftungsfest findet den 3. Januar, Abends 8 Uhr, im festlich geschmückten Saal des Herrn Keller, Andiersstt. 21 statt. Die Zentral Kranken- und Begräbnistkasse des Unter- stützungsvereins der Bildhauer Deutschlands(E. H. K., Ver- waltungsstelle Berlin) hält am Dienstag, den 6. d. M., in der Anncnstr. 16, Abends 9 Uhr eine Generalversammlung ab und werden die Mitglieder ersucht, recht zahlreich zu erscheinen Ferner machen wir noch darauf aufmerksam, daß in 4 Stadt, theilen Berlins Zahlstellen errichtet find zur Aufnahme neuer Mitglieder, sowie zur Ettheilung der Krankenscheine; dieselben find: Für Norden Berlins beim Bildhauer Hoffmann, Java- lidenstr. 153, Sprechst. von 12—1, Sonntags Vormittag bis 11, für Osten Bildhauer Prahm, Lichtenbergerstr. 14, Sprechst. täglich von 12—1, für Westen Verwalter Flickschuh, Maaßen« straße 35, Sprechst. täglich von 4— 6 und Sonntags Vormittag, für Süden Berlins Verwalter Tiefe, Marianenstt. 8, Sprechst. von 12—1 und Sonntags Vormittag. Den Mitglieder« der freien Kranken- und Begräbniß» Kasse der Schuhmacher und Berufsgenossen Berlin« (E. H. Nr. 27) zur Kenntniß, daß die ordentliche Generalv-r« sammlung den 5. Januar 1885, Abends 8 Uhr, Reue Grün- straße 32 bei Herrn Teichert stattfindet, mit der Tagesordnung: 1. Jährlicher Kaffenbericht. 2. Innere Angelegenheiten. 3. Wahl des Vorstandes und Ausschusses. 4. Verschiedenes. Obige Kasse besteht schon 13 Jahre und kommt das neue Statut am selbigen Tage zur Vcrthetlung. Die Beiträge und Aufnahmen werden jeden Montag Abend außer den Festtagen von 8 bis 10 Uhr im selbigen Lokale entgegengenommen. Der Arbeiter- Bezirksverein für den Osten Berlin« hält am Dienstag, den 6. Januar, Abends 8 Uhr, in Keller'« Gesellschaftssälen, Andreasstr. 21, eine Mitglieder- Versammlung ab. Tagesordnung: 1) Statuten- Verathung, 2) Ver- schiedenes, 3) Fragekasten.— Neue Mitglieder werden aufge« nommen. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung wird um zahlreiches Erscheinen gebeten.— Gleichzeitig werden die Mit- glieder, welche im Laufe des verflossenen Jahres ihre Wohnung gewechselt haben, ersucht, hiervon dem Kasfirer Bcrger, Strauß- bergerstt. 27, u. Mitthcilung zu machen. Der Bezirksverein des werkthätigen Volkes de Schönhauser Vorstadt hielt am Dienstag, den 30. Dezember eine Versammlung in Meister's Salon, Schönhauser Allee 161, ab. Tielelbe war trotz der dringenden Aufforderung um zahl» reiches Erscheinen der Mitglieder sehr schwach besucht. Auf der Tagesordnung standen: Wahl des gesammten Vorstandes. ES wurden folgende Herren gewählt: Als 1. Vor fitzender Herr Flügge, 2. Vorfitzender Herr Nagel; als 1. Schriftführer Herr Jahn, 2. Schriftführer Herr Schiadler; als 1. Kasfirer Herr Josef, 2. Kasfirer Herr Gaek; als Beifitzer Herr Bensch; als Revisor Herr Schmidt, letzterer durch Akklamation. ES werden die Mitglieder ersucht bei der nächsten Versammlung alle zu erscheinen, da eine Besprechung zum Stiftungsfest stattfinden soll. Die nächst« Versammlung wird im„Beriiner Volksblatt" bekannt gemacht. WermlKcktes. Ein chinesisches Menn. Ein Bremer Kaufmann, der sich zur Zeit behufs Abschlusses von Handelsverbindungen in Shanghai aufhätt, war vor Ausbruch der franzöfich-chinesischen Feindseligkeiten bei einem der Honoratioren des himmlischen reiches in Peking zu einem Gastmahl eingeladen worden, das er in e'nem in der„Schweizer Grenzpost" veröffentlichten Briefe folgendermaßen beschreibt:„Die Tafel war schon im Voraus mit 22 Schüsseln mit Dessert beladen und durch zehn große Laternen, deren Gläser mit bunten Malereim in den lebhaftesten Farben prangten und mit Girandolen, Guirlanden, von geschliffenen Gläsern und seidenen Quasten umgeben waren, auf das.Hellste erleuchtet. Das Mahl war nicht in eine gewisse An- zahl von Gängen getheilt, sondern die aufwartenden Diener brach- ten jedeS Gericht in tiefen Terrinen herein und reichten e« zuerst den vornehmsten unter den eingeladenen Personen oder den bejahrtesten derselben. Das Menu war nachstehendes: l. Schüssel: Tauben mit Champignons und zerschnittenen Bam- bussprosscn gekocht— deliziös. 2. Schüffel: Schweinefett in einem Mehlteigc gerollt und dann nach Art der Pfannkuchen gebackm— ausgezeichnet. 3. Schüffel: Taubeneier n Fleischbrühe, wobei das Weiß« der Eier fest, aber durchsichtig war— sehr gut. 4. Schüssel: Chinefische Schwalbennester mit Schinkenscheiben und Bambussprossen(einer schleimigen Sub- stanz)— vorzüglich. 5. Schüssel: Verschiedenes Geflügel mit Champignons und Bambusscheiben gekocht— sehr wohlschmeckend. 6. Schüssel: Ente mit Bambus und Kenn- pharftüchten; diese Früchte glichen in Geschmack und An« blick einer Eichel ohne Kapsel— ziemlich gut. 7. Schüssel: Schweinsleber in Rizinusöl gebraten— schlecht. 8. Schüssel: Ein japanisches Gericht: Muscheln mit Stockfisch und Speck- schwarten— abscheulich. 9. Schüssel; Seekrabbenschwänze mit Äambusschnitten und Schinken, in Rizinusöl zubereitet— würde ohne das schreckliche Oel delikat geschmeckt haben. 10. Schüssel: Ein bunter Stern von Geflügel» ücken, Schinken und Tauben, mit durchfichtigem geronnenen Eiweiß übergössen— sehr saftig. 11. Schüssel: Stücke von Seefischen und Haifisch- flössen mit BambuS und ChanipignonS— man wußte nicht recht, was man aß; aber es schmeckte eher schlecht als gut. 12. Schüffel: Eingeweide von Geflügel mit Morcheln — die Morcheln ließen daS Eingeweide mit verschlucken. 13. Schüssel: Schinken mit Koblrippen— nicht besonders. 14. Schüssel: Schinken von Spanferkeln, im eigenen Safte gekocht— sehr delikat. Hier trat eine Pause«in, in welcher Wasserpfeifen herumgereicht und Fingersplele betrieben wurden. Der Köpf der Wasselpfeifen ist weit kleiner als ein Fingerhut; die unwirkliche Prise Tabak, welche er faßt, ist in kaum 20 Sekunden verbrannt. Es folgten nun die werteren Gerichte. 15. Schüssel: Landschildkröte mit ihren Erern in Rizinusöl— schmeckt abscheulich. 16. Schüssel: Schmkenspitze- gut. 17. Schüffel: Brustfleisch von Geflügel m,t sauerm Kohl- nichts Delikates. Die frische LitchiS ist die herrlichste F-ucht Chinas; ihre run-elige Schale glercht der Wassermelone; der Geschmack des weißen Fleisches ermnert an die Gutedeltrauben - vorzüglich. Große Orangen, deren Schalen wie Spitzen ausgeschnitten waren— gut.. Kleine Mandarin-Orangen— ebenfalls gut. Man trank wahrend des ganzen Mahles nur Thee, sehr schwach und ohne Zucker, und Samson, Wein aus Reis, der, wie der Thee, herß gestunken wird und ein abscheu- lichcs Getiänl ist." Ein Surrogat. Em New-Norker Blatt erzählt:„Al« wir neulich an eiirem dunklen Abend ein« obskure Seitenstraße entlang gingen, hörten wir auf einer Veranda zwei Mädchen, die uns natürlich nicht sahen, im eifrigen Gespräch.„Hast du je schon einen Mann mit einem Schnurrbart geküßt?" sagte die Eine.—„Nein, fioch nie— wie das wohl sein mag?" die Andere.—„Komm'", wir holen PapaS kleidetbürste, an der können wir's probiren!" Verantwortlicher Redakteur R. Cronheim in Berlin. Druck und Verlag von Max Badtng in Berlin sw., Beuthstraße 2. Hierzu eine Beilage Beilage zum Berliner Bolksblatt. Nr< 2. oimabeud. den 3. Januar 1885. H. Jahrgang. Die MWarlast in sammtlichen Ztaaten Europas. (Aus der„Volks-Zeitung".) Die Klagen über die Höbe der Steuerlast haben sich, seit- dem ein Theil der Äirellen Steuern abgeschafft und dafür ein Vielfaches von indirekten Steuern eingeführt worden ist, an- scheinend vermindert; thatsächlich seufzt aber das Volk unter der großen Summe, welche es von feinem Verdienst an den Staat abgeben muß. und die abnehmende Konsumtionsfähig- keit de? gefammten Volkes, welche fich wesentlich in den ver- ringelten Einnahmen aus den Zöllen und Verbrauchssteuem zeigt, ist ein deutliches Zeichen für den Druck, welchen die hohe Steuerlast auf weite Kreise des Volkes ausübt. ES sollte dies eine dringende Mahnung sein, den Versuch zu machen, durch eine sehr weitgehende Eparfamkeit die Mög- lichkeit einer Herabsetzung derSteuerlast zu schaffen; sehen wir uns aber den Staatshaushalt an, so finden wir nur einen einzigen Theil deffclben, welcher solche Ersparnisse gestattet, daß der Erlaß bedeutender Steuerlasten erfolgen könnte. Es ist dies der Militäretat, welcher wenn wir von dem Marineetat ganz absehen, im Ordinarium und Ertraordinarium zusammen jetzt rund 370 Millionen erfordert/ also pro Kopf der Bevölkerung ungefähr die Summe von 8 M., d. h. pro Familie 40 Mark. Diese Summe muß ganz bedeutend erscheinen, es ist aber damit noch lange nicht der Ausfall in unserem wirthschaftltchen Leben, welchen der Militäretat zur Kolge hat, erschöpft, denn um diesen Ausfall in seinem vollen Umfange kennen zu lernen, muß man den Werth der Arbeit, welche die bei den Fahnen befindlichen Soldaten leisten könn- ten, wenn fie nicht eingezogen worden wären, in Rechnung stellen. Diesen Werth findet man aus dem Arbestslohn, welchen durchschnittlich die Arbeiter bei uns erhalten, und man wird wohl nickt zu hoch greifen, wenn man den Durchschnittssatz, welchen bei uns gesunde, k r ä f- tige Arbeiter in den Jahren der besten Kraft und Arbeitsfähigkeit erhalten, auf 2,50 Mm! pro Tag ansetzt. Dies macht pro Jahr bei 300 Aibeitstagen 750 Mark pro Mann. Multi- plizirt man diese Summe mit der Zahl der Soldaten, welche bei uns in Friedenszeiten bei den Fahnen stehen, nämlich mst 440236, so erhält man die Summe von 337 470 750 Mark, welche Summe man zu dem MUitär-Etat zuzählen muß, um die Gesammtsumme dessen zu erfahren, was dem wirthschaftlichen Leben durch die Armee entzogen wird. ES giebt dies für Deutschland die Summe von 707 908 000 Mark, wa- eine Be- lastung von 15,5 Mark pro Kopf. d. h- an 77,5 Mark pro Familie entspricht. Das ist gewiß eine ganz respektable Summe; man würde aber sehr irren, wenn man glauben wollte, daß Deutschland allein unter einer solchen Last seufzt; die übrigen Staa- ten Europas theilen das Geschick unseres Vaterlandes, und es ist vielleicht recht belehrend, einmal u sehen, was den Bewohnern Europas— wir lassen dabei )ie Schweiz, welche so glücklich ist, kein stehendes Heer zu be- fitzen, und die Türkei, für welche keine absolut fichere Angaben vorhanden find, ganz außer Betracht— der bewaffnete Friede kostet. Sehen wir zuerst, wie groß die Armeen find, welche die einzelnen Staaten trotz des tiefen Friedens und trotz der fried- lichen und freundschaftlichen Beziehungen, in welchem alle diese Staaten unter»inander leben, unterhalten zu müssen glauben. Dabei steht unter den Gcoßstaaten obenan Rußland mit tiner Friedens-Armee von 521 158 Mann, dann folgen: Frankreich mit 409 061 Mann Deutschland„ 440 236„ Oesterreich„ 200 336„ England„ 190 273„ Italien„ 173 612„ Spanien„ 131 674„ Unter den Staaten zweiten Ranges steht obenan: Holland...... mit 65 010 Mann, es folgen: „Mit Vergnügen.� Eine wunderliche Geschichte. „.... Ja, liebe Freundin Marie, auch in das Leben eines neunzehnjährigen Mädchen« können wunderbare Be- gebenheiten entscheidend eingegriffen haben.... Du richtest viele Fragen an mich, die ich sehr natürlich finde. Bei welcher Gelegenheit ich meinen Bräutigam kennen ge- lernt habe? Ob der Verlobung ein kleiner Roman vor- angegangen sei, wie dies jedes Mädchen wünschen möchte? Wie ich mich in diesem Falle als Romanheldin benommen hätte? Nun, ich will Dir eine aufrichtige Beichte ablegen und Du wirst daraus urtheilen können, wie seltsam und merkwürdig verschlungen oft die Wege sind, die Gott einem Ziele zu gelangen. Nur Eines i chicken; ich glaube, unter seltsameren nie ein Weib den künftigen Gatten % Amor wählt, um zu will ich gleich voraus Umständen hat noch kennen gelernt, als ich.... Du weißt, daß wir Heuer eine kleine Badereise ge- macht haben. Papa wollte ursprünglich allein reisen, denn er meinte, er brauche weder Frau noch Töchter dazu, wenn er um einige Kilo abnehmen wolle. Mama aber wußte es ihm sehr plausibel zu machen, daß man an einem Kurort leicht prächtige Bekanntschaften machen und die er« wünschten Männer für die Töchter finden könne, so daß er sich schließlich entschloß, uns alle mitzunehmen. Mariechen, Du kannst Dir vorstellen, in welche Aufregung ich und Olga durch diese erste Badereise versetzt wurden! Die Aufregung beherrschte uns während der ganzen Reffe, und kaum in Marienbad angelangt, hätten wir unS am liebsten gleich umgekleidet, um unter Leute zu kommen. Es war aber Abend und Papa fühlte sich von der langen Reise zu sehr ermüdet, um noch einen Spazier- gang zu machen. Ach, die Väter find so bequem! Wir wußten also früh schlafen gehen. Nachdem ich und Olga im Hotel ein kleines separates Zimmer neben dem der Eltern hatten und ganz ungestört waren, phantasirten wer mitsammen die halbe Nacht von unserem Badeaufevthalt. Als ich schließlich einschlief, war auch mein Schlaf voll Aufregung und ich hatte die seltsamsten Träume. Erst ver- folgte mich ein großer Wolf, ein junger Kurgast nahm mich in die Arme, der Aermste konnte mich aber nicht Schweden und Norwegen„ 44 146„ Belg eil......» 44 060„ Portugal......„ 29962„ Griechenland....„ 29 369„ Rumänien.....„ 19812„ Serbien......„ 16 500„ Dänemark...... 15 000„ Luxemburg...... 413„ Es find dies zusammen 2529 522 Mann, welche in Europa Jahr aus, Jahr ein unter Waffen stellen. Wie hoch die Unterhaltungskosten für diese große Anzahl von Menschen find, läßt fich, bei der Unficherheit des Budgets in einer großen Anzahl von Staaten nicht mit absoluter Ge- nauigkeit angeben; es wird uns aber, bei der sparsamen Ver- waltung, durch welche ssch unsere deutsche Armeeleitung aus» zeichnet, Niemand der Uebertreibung beschuldigen, wenn wir den Satz, welcher in Preußen im Durchschnitt auf jeden ein- zelnen Soldaten entfällt, auf die ganze europäische Armee an- wenden. Es find dies 825 M. pro Jahr, und es betiagcn demnach die Ausgaben für die Armeen in Europa— mit Ausnahme der Schweiz und der Türkei— zusammen die kolossale Summe von 2 033 855 650 M, und dieseSumme muß durch die Leistung aller Steuerzahler aufgebracht werden- Damit find aber die wirthschaftlichen Kosten der stehenden Heere in dem Umfange, wie fie jetzt die europäischen Staaten zu ihrer Sicherheit für nothwendig erachten, noch nicht erschöpft, es kommen dazu die Verluste, welche dem National-Vermögen jedes einzelnen Staates dadurch erwachsen, daß eine so große Anzahl gesunder und kräftiger Männer der produktiven Arbeit entzogen ist. Diesen Verlust haben wir oben auf rund 750 M. jährlich pro Kopf für Deutschland angeschlagen und diese Summe wird auch für die Gesammtheit zutreffend fern, denn wenn auch in einigen der kleinen wenig fortgeschrittenen Staaten und auch wohl in Rußland der Durchschnitts-Arbeitslohn niedriger ist, so ist er doch in England kund Frankreich bedeutend höher und wird es sich dadurch ausgleichen. Multiplizirt man nun die Zahl der Soldaten mit 750, so ergiebt sich ein jährlicher Ver- lust an produktiver Arbeit im Werthe von 1 897 191 500 Mk., welche Summe der oben gefundenen hinzugezählt werden muß, um den Gesammt- Verlust d?S National-Vermögens durch die stehenden Heere zu finden. Danach würde sich dieser Gesammt- Verlust auf 3 931 047 150 Mk. oder rund 4 Milliarden Mark stellen, ficherlich eine Summe, welche zum Nachdenken auffordert, um so mehr, als fich bei Gegenüberstellung der Be- vötlerungsziner der angeführten Staaten ergiebt, daß zu dieser Summe tever Einzelne 13 Mk., die Familie also durchschnitt- lich 60 Ml. jährlich beitragen muß. Es wird nun, um die Steuerzahler mit dieser kolossalen Last, welche die Ausdehnung der stehenden Heere verursacht, auszusöhnen, gewöhnlich bebauptet, daß die Ausgaben für die Armee das Land eigentlich nur wenig belasten, da das Geld ja im Lande bleibe, und man ist sogar so weit gegangen, das Mtlitär-Budget mit einem fruchtbaren Regen zu vergleichen, welcher sich über das Land ergießt und Hunderttausenden Beschäftigung giebt. Das klingt sehr hübsch, es ist aber, wenn man genauer zusieht, nicht recht zu- treffend. Nehmen wir an, daß ein Handwerksmeister, welcher, um die auf ihn und seine Familie entfallende Summe des Militär- budgets, also 60 M. aufzubringen, einen Monat gearbeitet Hai, nun durch die Militärverwaltung so viel Arbeit erhält, daß er wieder 60 M. daran verdient, so ist dies doch gewiß der günstigste Fall und entspricht ganz dem befruchtenden Segen, von welchem die Schwärmer für ein hohes Militär- Budget sprechen. Dabci darf man aber nickt vergessen, daß er, um diese ihm wieder zufließenden 60 Mark zu verdienen, wieder einen Monat arbeiten muß, daß er also immer den ersten Monat hindurch seine ganze Arbeitskraft nur dem Fiskus gewidmet hat, und daß, wenn ihm im zweiten Monat durch Arbeiten für das Militär wieder 60 M. zufließen, er in diesem zweiten Monat durch Arbeit für Privatleute auch eben so viel verdient haben würde, und daß er, wenn er den Verdienst jenes ersten Monats nicht an den Fiskus— sei es in Form von direkten retten, denn er war zu beleibt dazu; in Maricnbad sind alle Kurgäste beleibt. Dann schien eS mir im Traum, als fiele ich in's Wasser, und dann— nun jetzt komme ich zu der großen Begebenheit! Es mochte gegen zwei Uhr Morgen« sein, da vernahm ich im Traume den Ruf: „Feuer! Feuer!" Ich hörte den Ruf so deutlich, daß ich sofort erwachte und keinen Augenblick bezweifelte, das Haus brenne wirklich. Ich sprang empor, und ohne an Olga zu denken, wollte ich nur mich rette». Ich stürzte ganz verschlafen auf den Korridor hinaus, draußen aber war es pechfinster, tiefste Stille herrschte, kein Laut war hörbar.... Da nahm ich in der Nähe einen schwachen Lichtschein wahr und eilte dorthin.... Ich stand bei der Treppe, auf die durch ein Fenster, das in einen kleinen Hof ging, ein schwacher Schimmer de« Mondlichtes fiel.... Hier blieb ich stehen und horchte.... Ich hörte nur das angstvolle Pochen meines Herzens, ringsherum war alles still, das Haus brannte nicht lichterloh und kein Mensch rief Feuer. Ich sah ein, daß mich ein boshafter Traum geneckt hatte, ich begann mich auf dem verlassenen Korridor zu fürchten und suchte nun wied-r in mein Zimmerchen zu kommen. Ich tappte mich im ftnstern Korridor fort, öffnete rasch die Thüre des Zimmers, zitternd vor Kälte, denn ich »ar nur leicht bekleidet.„Olga!" rief ich im Dunkeln,„ich bin erkältet. Sei so gut und wirf mir meinen Shawl zu! „Mit Vergnügen!" sagte eine tiefe Baßstimme, die nie die Stimme Olgas gewesen war. Ich stieß einen jämmerlichen Schrei aus, denn ich begriff, daß ich mich verirrt hatte und in das Zimmer eines Fremden gerathen war. Zum Glücke hatte ich noch die Thürklinke in der Hand, im nächsten Augenblick war ich wieder auf dem Korridor, wo ich einige Minuten halbtodt vor Furcht und Schrecken herumirrte, bis mir einfiel, daß unser Zimmer das zweite von der Treppe war und ich wieder wagte eine Thür zu öffnen. Diesmal war cS die richtige. Du kannst Dir vorstellen, daß ich in dieser Nacht kein Auge mehr schloß und auch Olga nicht schlafen ließ, da ich mich entsetzlich fürchtete. DaS abscheuliche Mädchen lachte mich überdies auZ, lachte immerwährend, als ich ihr meine nächtlichen Abenteuer er- zählte, ihre Heiterkeit kannte keine Grenzen und währte bis zum Morgen. Doch versprach sie mir, keiner Menschenseele etwas von dm Ereignissen dieser Nacht zu erzählen. oder indirekten Steuern— gezah't hätte, jetzt statt 60 M. 120 M. haben würoe. Es wird auch durch die Bekleidung und Ernährung der Truppen keine wesentliche Mehrarbeit geschaffen: alle diese Personen würden als Zivilpersonen auch Kleiber und Stiefel ge- brauchen und würden essen müssen, die Einen mehr, die Anderen weniger. Als Aibeit, welche ausschließlich durch die stehenden Heere geschaffen wird, kann man nur die gesteigerte Fabrikation von Waffen und Munition bezeichnen. Diese Gegenstände würden allerdings ohne die st-henden Heere und deren auS- gedehnte Waffenübungen bei Weitem nicht in dem Umfange konsumirt werden, als dies jetzt geschieht; wenn wir aber selbst den Verdienst, welcher der Privat-Jndustrie aus diesen Fabri- kationSzweigen erwächst, in ganz Europa im Jahre auf 100 bis 150 Millionen Mark anschlagen, so ftagt es sich doch sehr, ob dies ein Aequivalent für eine Steuerlast von vier Milliar- den ist. Wir meinen, daß gegenüber einer solchen Belastung fich die Bevölkerung der europäischen Staaten doch endlich einmal ernsthaft die Frage vorlegen müßte, ob es nicht an der Zeit wäre, dem ein Ende zu machen und durch eine gleich« mäßige Abrü st ungdie Steuerlast zu erleich- t e r n. Es mag dies so Manchem schwierig, ja vielleicht unmög« lich erscheinen; wir verkennen auch nicht die Schwierigkeiten, welche vorhandm find, meinen aber, daß gerade der äugen- blickliche Zeitpunkt sehr wohl geeignet ist, einen solchen Versuch zu wagen. In der Kongo-Konferenz haben fich die Mächte zusammengefunden, um ein Gebiet im fernen Afrika zu neutralisiren; sollte da der Gedanke nicht nahe liegen, daß man dieselbe Wohlthat, welche man unseren schwarzen Brüdern zu Theil werden läßt, auch den europäischen Staaten zuwen- den könnte? Die Bevölkerung der euroväischen Staaten würde dafür, deß dürfen die Herren Diplomaten sicher sein, viel dankbarer sein, als die Herren Neger im Gebiete des Kongo. Dolitiscke Uebersickt. In Wttrzburg haben fich Volkspartler und„Deutsch- Freisinnige" auf ein Programm geeinigt, daß fich von den sonstigen Programmen der sog. Freistnnigen wesentlich unterscheidet. Dasselbe enthält u. Ä. folgende Forderungen: Für die Arbeiter ein Arbeiterschutzgesetz, Marimal- a r b e i t s t a g für die industriellen Arbeiter, Alters- und I nv a lid en v er sorg ung; femer Regelung der Frauen- arbeit und Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken. Anbahnung eines internationalen Fa- brikgesetzes.- Für die Handwerker: Förderung der freien Innungen und Erwerbsgenossenschaft, ausgiebige Besteuerung der Auklions-, Wanderlager- und Haufirgeschäfte, Regelung der Konkurrenz der Zuchshausarbeit, Einführung von Musterlagern, Errichtung von Lehrweikstälten, Gewerbe« danken und Gewerbehallen.— Für die B a u e r n: Staats- hopothekenbanken mit zahlreichen Filialen behufs Verbilligung des Gmndkcedits, Darlehenskassen für den Peisonalkredit, Förderung des bäuerlichen Genossenschaftswesens, öffentliche Lagerhäuser behufs Einlagerung und Belehnung von Getreide und Landesprodukten, Steuerfreiheit für die landwirthschaft- lichen Brennereien bei Verwertbung selbsterzeugter Produkte, Uebernahme der für ein geregeltes Feuerlöschwesen nothwen- digen Kostm durch die staatlichen und privaten Feuerverstche« rungSanstalten, Aenderung der drückenden Bestimmungen der Subhastationsordnung, Herabsetzung der ÄefitzveränderungS- taxen, Ermäßigung der Staatstaxen bei Hypothekenaufnahmen und Erleichterung und Uebertragbarkeft derselben, strenge Maßregeln gegen Lebensmittel-, besonders Weinver- fälschung.— Für die I n d u st r i e und den Handel: Vermehrung der Bemfskonsulate, Musterlager im Aus- lande, Erschließung neuer Absatzgebiete, Förderung einer maß- vollen Kolonialpolitik, Anlage von Handelsstationen.— Man steht, daß die Herren dem Grundsätze huldigen:„Wer Vieles bringt, wird Jedem etwas bringen." Doch was uns am mehrsten derührt, ja, was sich wunderbar ausnimmt in dem Programm, das find die Arbeiter betreffenden Forderungen. Acht Tage habe ich mich nicht au« dem Zimmer herausgewagt, in der Furcht, einem Nachbarn zu begegnen, der mich erkennen könnte. Die ganze Badereise schien mir nun ein Unglück, alle Freude war mir zerstört. Ich schützte einen leidenden Zustand vor, um auf dem Zimmer bleiben zu können, waS die Eltern sehr beängstigte; wenn ich mich aber auch dagegen sträubte, ärztlichen Rath einzuholen, so glaube mir, ich war wirklich leidend! Die Aufregungen der ersten Rocht im Hotel hatten meine Nerven krank ge- macht, ich zuckte beim geringsten Geräusch zusammen und hatte Herzkrämpfe, wenn eine Thüre geräuschvoll in» Schloß fiel. Endlich, am achten Tage, zwang mich Olga, die ich gar zu sehr mit meinen Launen quälte, das Zimmer zu verlassen. Sie drohte nämlich, den Eltern Alles zu sagen, wenn ich nicht ausgehen wollte. So ent« schloß ich mich denn schweren Herzens zu dem ersten Spaziergang in Marienbad. Anfangs ging Alles gut. D'e frische Luft, der goldige Sonnenschein wirkten wirklich er« frischend und erheiternd auf mich, und ich begann meine Grillen zu vergessen. Nach einem Stündchen im Freien kehrten wir zum Mittagsmahle ins Hotel zurück. Wir dinirten an der Table d'hote mit anderen Gästen. ES waren lauter fremde Gesichter. Neben mir saß eine wahre Hühnengestalt, ein preußischer Offizier von vielleicht zwei- bis dreiunddreißig Jahren, mit kurzgeschnittenem schwarzen Barte, der das gebräunte Gesicht sehr gut kleidete. Er be- nahm sich sehr zuvorkommend gegen mich. Ich hatte wie« der Muth gefaßt, aber daS Mahl wollte mir trotzdem, ich wußte nicht weshalb, nicht munde». Endlich kam ich beim Braten auf den Grund. Ich fand heraus, daß die Speisen ganz ungesalzen waren. Ich suche mit den Augen nach dem Salzfäßchen und bemerke eS weiter unten auf dem Tische. Ich ersuche darauf meinen Nachbar, mir das Salz zu reichen.„Wollen Sie so gütig sein, mein Herr?" —„Mit Vergnügen!" sagt eine tiefe Baßstimme, die ich Aermste ach! nur zu gut kannte. Ich fiel in Ohnmacht bei dem Klange dieser schrecklichen Stimme, welche die bedeu- tungSvollen Worte sprach. Man brachte mich bewußtlos auf mein Zimmer, mein Tischnachbar ließ es sich nicht nehmen, dabei hilfreiche Dienste zu leisten. Papa erklärte den Vorfall mit meinem leidenden Zustande, der mich schon acht Tage anS Zimmer gefesselt gehalten hatte, er Noch vor den Reichstagswahlen erklärte Herr Richter, und mit ihm sämmtliche Koryphäen aus seinem Parteilager, daß derartige Forderungen utopisch seien und daher nicht von der Gesetzgebung gewährt werden könnten; und jetzt müssen diese Größen sehen, daß ihre eigenen Mannen nicht mehr an solche Worte glauben, sondern die„utopischen" Forderungen zu dm ihren machen. Freilich ist der Zweifel an dem Ernste der Sache nur zu gerechtfertigt, denn erstens ist anzunehmen, daß es sich zunächst nur um den Gimpelfang handelt und zweitens kommt es auf das Wie an, daraus, wie viel Schutz, resp. wie lang der MaximabArbeitstag sein soll. Kurz: Zwischen den Forderungen der Arbeiter, und denen der sog.„Freisinnigen", besteht selbst dann noch ein großer Unterschied, wmn dieselben, wie hier im angezogenen Programme, wörtlich gleichlautende sind.— Trotzdem erkennen wir in dieser Thatsache einen er- fteulichen Fortschritt, sie zeigt deutlich, daß auf die Dauer sich leine Partei mehr den Ideen der Neuzeit verschließen kann. Wenn der Herr Richter jetzt noch, wie dies von ihm im vorigen Jahre geschah— vom Redner-Podium, einer Ver- sammlung die Worte zurufen würde:„Der Maxlmal-Arbeitstag ist eine Utopie, alle Petitionen danach find Humdug"— dann würde er sich dem Fluche der Lächerlichkeit, selbst bei seinen eigmen Anhängern aussetzen. Zur Frage der Dampfersubvention liegen heute einige neue nicht unintcreffante Mittheilungen vor. Ein Leipziger Handelshaus veröffen'licht ein Schreiben, in welchem der Widerstand der Hansestädte gegen das Anlaufen der Dampfer in holländisch- belgischen Häfen als unberechtigt bezeichnet wird, da es jetzt nicht möglich sei, aus der oberen Rheingegend einzelne Massenartikel über Hamburg nach Australien zu ex- portiren, weil dieselben die hohe Ersenbahnfracht nicht zu er- tragen vermöchten. Der Verfasser ertheilt den Hamburgern und Bremern den Rath, mit allen Kräften auf die Erbauung eines Kanals hinzuwirken, welcher den Rhein mit der Weser und Eibe verbindet. Nur auf diesem Wege lasse sich der größte Thcil des Ein- und Ausfuhr-Handcls für Hamburg und Bremen gewinnen. Bemerkenswerth ist auch die Aeußerung der Hamburger Handelskammer. Die Korporation steht auf folgendem Standpunkte. Sie befürwortet die Subvention, verlangt jedoch Dampfer ersten Ranges, welche beispielsweise den Weg von italienischen Häfen nach Hongkong in 30 Tagen zurücklegen. Für den Fall der Nichtberücksichtigung dieser Borschläge stellt die zunächst betheiligte Handelskammer einen Mißerfolg des Unternehmens und zugleich eine ernstliche Schädigung der bestehenden Dampferlinien in Ausficht. Hin- fichtlich der Frage Trieft oder Genua wird dem„Pester Lloyd" aus Trieft geschrieben, daß der dortige deutsche Konsul, Herr Lutteroth, sich in einer Denkschrift gegen das Projekt, die Mittelmeer-Zweiglinie von Trieft ausgehen zu lassen, geäußert hat. Erst nach Eingang dieser Denkschrift soll der Reichs- kanzler, wie wir bereits mittheilten, sich entschlossen haben, die Angelegenheit nochmals an Ort und Stelle durch einen be- sonderen Delegirten prüfen zu lassen. In der Triester Handels- weit selbst scheinen die Ansichten über die Frage auch geiheilt zu sein. Manche befürchten von den deutschen Dampfern eine scharfe Konkurrenz gegen den Lloyd. Andere, die italienische Sympathien haben, besorgen eine weitere Germanistrung Triests. Gleichzeitig werden von Rom aus, wie der Telegroph meldet, sehr energische Anstrengungen gemacht, für Genua den Ausgangshafen für die Mittelmeer-Linie zu erhalten. Sogar der Ministerrath soll fick mit der Frage beschäftigt haben. Die „Frankf. Ztg." ist der Meinung, daß, abgesehen von allen poli- tischen Sympathien oder Antipathien, die Gotthardlinie und der Hafen von Genua am besten den gesammten wirthschaft- lichen Interessen des Deutschen Reiches entsprechen. Die afrikanische Konferenz wird im Laufe der nächsten Woche ihre Arbeiten wieder aufnehmen. Die erste Kommisfions- sttzung zur Berathung der in der letzten Plenarsitzung am 22. Dezember an die Kommission überwiesenen Fragen ist auf Montag, den 5. Januar, Nachmittags 2 Uhr, anberaumt.— Der„N. Ztg." zufolge ist davon dre Rede, daß der zweite Sohn des Grafen von Flandern, Prinz Albert(geb. 8. April 1875), als Fürst des Kongo-Landes bezeichnet und bis zu dessen Regierungsfähigkeit die Vormundschaft von seinem Vater geführt werden soll. Der Sitz der obersten Ver- waltung soll in Brüssel sein und ein aus Angehörigen der ver- schiedenen Nationalitäten zusammengesetzter Rath die Geschäfte führen.(?) Ueber die Erwerbung der Lucia- Bai durch Herrn Lüderitz wird nachfolgendes geschrieben: Darüber, daß vre Lucia- Bai nebst Umgebung(ca. 100 000 Acres Land) in den Besitz des Herrn Lüderitz übergegangen ist, ist kein Zweifel mehr, und es findet diele Nachricht in den Londoner Blättern ihre Be- stätigung. Dieselben protcstiren, wie ein Londoner Privat- relegramm heute mittheilt, nur dagegen, daß die St. Lucia-Bai als Theil eines Gebietes, auf dem die britische Flagge weht, durch die Erwerbung seitens des Herrn Lüderitz deutsches Land geworden sei. Die Regelung der hierbei auftauchenden staats- rechtlichen Fragen ist augendlickiich Gegenstand der Erwägung und Prüfung der deutschen Reicksregicrung. Herr Adolf Schiel, ein Frankfurter Kind, der eine Art Ministerstellung im Zuluwar sehr besorgt und wurde auf Olga, die immer nur lachte und lachte, kaum daß ich mich erholte, beinahe sehr böse. Am nächsten Tage kam der Offizier, sich um mein Befinden zu erkundigen. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß mir das Herz stille stand, als er ins Zimmer trat. Ich fand kaum die Kraft zu den ein- silbigen Antworten, die ich gab. Zum Glücke entwickelte sich zwischen dem Fremden und meinem Vater bald ein Gespräch über militärische Dinge. Ahnte der schreckliche Mensch, daß er die Ursache meiner Ohnmacht gewesen war, ahnte er überhaupt den Zusammenhaug der Dinge? Jedenfalls ließ er nichts davon merken, wenn er in dieser Beziehung auch vielleicht eine Vermuthung hatte. Olga richtete meinen gesunkenen Muth indessen auf, indem sie mir vorstellte, daß ei ja ganz dunkel war, als ich mich in das Zimmer des Fremden verirrt hatte, und daß er deshalb weder meine mangelhafte Toilette, noch meine Gesichtszüge wahrnehmen konnte. Sic stellte mir vor, daß ich möglichst unbefangen erscheinen müßte, um den„Feind" nicht selbst auf eine„Spur" zu leiten— Du siehst, liebe Marie, wir kommen selbst in unseren Ausdrücken schon in« „Militärische"... Recht bald entwickelte sich nämlich ein sehr lebhafter Verkehr mit unserem Zimmernachbar, dem preußischen Offizier, der sich durchaus nicht als der„schreckliche Mensch" erwie«, al« der er mir anfangs erschien, sondern ganz im Gegentheile ein charmanter, liebenswürdiger Kavalier war, der für Deine kleine Freundin immer mehr Interesse an den Tag legte und den auch Deine Freundin— warum soll ich eS nicht gestehen?— bald gerne, sehr gerne sah... Zwei Wochen waren noch nicht um, da hielt er schon um meine Hand an. Erräthst Du die Antwort, die ich auf seine Werbung gab? Sie lautete:„Mit Vergnügen!" Ja.„dunkel" in der Thät sind manchmal die Wege des Schicksals— bei Ereignissen von so wundersamer Fügung ist das Philosophiren wohl am Platze. Ist die Geschichte der Liebe und Verlobung Deiner Freundin kein komischer Roman?... Diesen Winter findet die Hoch- , eit statt, ich hoffe, Du wirst bei ihr nicht fehlen., 8_ H. K. land sich erworben hat, befindet sich im Auftrage des Zulu- königs in Deutschland und gedenkt sich in dieser Woche von Frankfurt a. M- nach Berlin zu begeben, um an amtlicher Stelle über die Verhältnisse im Zululande und die dortigen Besitzerwerbungen Seitens deutscher Staatsangehöriger Bericht zu erstatten. Nähere Details jetzt schon in die Oeffentlichkeit zu bringen, würde verfrüht sein: erwähnt mag nur werden, daß die Meldung der„Magd. Ztg." über die Besitzergreifung der Lucia-Bai in manchen Punkten, wie der„Franks. Beob." berichtet, der Berichtigung bedarf. Danach ist keineswegs Herr Einwald aus Heidelberg der ursprüngliche Erwerber der Lucia- Bai, und noch weniger hätte sich der Zulukönig Dinizulu durch ein paar werthlose Geschenke, bestehend in Toilette-Gegenständen und dergleichen, zur Hergabe einer vielversprechenden Bucht nebst Küstenstrich bestimmen lassen. Herr Einwald wäre, Dank der Fürsprache des Herrn Adolf Schiel, von dem Zulukönig empfangen worden: dieser aber sei erstaunt über die Art und Weise gewesen, wie der Heidelberger Reisende sich mit jenen „Geschenken" einführte(!) und würde sie zurückgewiesen haben, wenn ihn nicht Schiel aus Gründen des guten Einvernehmens mit den Deutschen davon abgehalten hätte. Die Geschenke wären an das Gefolge des Königs veriheilt worden. Daß der König zur Abtretung der St. Lucia-Bai sich entschloß, sei ganz andern Gründen als den in der„Magd. Ztg." mitge- theilten zuzuschreiben. Der weitere Gang der Ereignisse werde über die Beweggründe des Königs Aufklärung geben.— Ob das Alles so der Wahrheit entspricht? Zur Braunschweiger Erbfolgefrage. Die„Post" bringt aus G munden folgende Nachricht:„Das Palais, welches der Herzog von Cumberland hier aufführen läßt, schreitet seiner Vollendung entgegen; der Architekt, welcher den Bau leitete, wurde nunmehr auch mit der Aufgabe betraut, nicht blos die Entwürfe für die innere Ausschmückung, sondern auch für die kostbare Einrichtung herzustellen. Bemerkenswelth ist hierbei der Umstand, daß die letztere fix und fertig aus Hannover nach Gmunden gebracht werden wird, da alle Be- stellungen auch daselbst eifolgten."— Hierzu veröffentlicht die „ N o r d d. A l l g. Z t g." dm nachstehenden offiziösen Kom- mentar, welcher beweist, daß man in den hiesigen maßgebenden Kreisen auf den Herzog sehr schlecht zu sprechen ist:„Daß der Herzog von Cumberland die Handwerker in Hannover in Nahrung setzt, ist an und für sich erfreulich. Es scheint uns indcß der Zweifel berechtigt, ob er dazu lediglich durch das allgemein menschliche Gefühl der Anhärmlichkeit an die che- malige Heimath bestimmt worden ist. Gmunden liegt nicht weit entfernt von verschiedenen Städten, die sich durch ihre kunstgewerblichen Leistungen auszeichnen und Hannover viel- leicht darin übertreffen. Wenn der Herzog von Cumberland sich trotzdem seine Schloßeinrichtung einige hundert Meilen weit verschreibt, so scheint uns die Annahme gerechtfertigt, daß er dieses schwere Geldopfcr nicht ohne einen Hinter- g(danken gebracht hat. Jedenfalls hat der Herzog nicht dem Handwerkerstande in der preußischen Provinz Hannover einen Verdienst zuwenden wollen, sondern er hat beabsichtigt, der Partei, von welcher er die Wiederherstellung des König- reichs Hannover erwartet, eine Aufmunterung durch klingende Münze zu geben- Nach dem Grundsatz Facta loquuntur scheinen uns die Bestellungen in Hannover für die Beurtheilung der Zukunstspläne des Herzogs bedeutungsvoller als die papiernen Verzichtleistungen auf den hannoverschen Thron. Es wird uns nicht Wunder nehmen, wenn der Herzog seine Bestellungen nächstens auf Braunschweig ausdehnt. Warum sollte er nicht auch dort den Weg politischer Propaganda betreten, von dem er sich für Hannover Erfolge verspricht?"— Nach dieser offiziösen Sprache zu urtheilen, haben sich die Auefichten des Herzogs auf den Braunschweiger Thron nicht gebessert. Frans seich. Die Dampfer„France",„Provence",„Bearn" und„Cachar" sind von der französischen Regierung laut telegraphischer Mit- theilung aus Marseille, zum Transport von Truppen nach Tongking gemicthet worden. Zugleich hat der Marineminister die telcgraphische Meldung erhalten, daß der„Bien-Hoa" am 23. Dezember in Saigun eingetroffen ist, während in Toulon noch vor wenigen Tagen das Gerücht verbreitet war, daß dieser große Transportdampfer durch einen chinesischen Kreuzer ge- kapert worden märe. Anderseits werden in den französischen Blättern Besorgnisse darüber geäußert, daß das Eintreffen der im November von Algerien aus abgesandten Verstärkungs- Mannschaften für die Tongking- Expedition in den chinestfchen Gewässern noch nicht gemeldet worden ist, zumal da diese Ti Uppenverstärkungen bereits in Singapore angelangt sein müßten. Der offiziöse„Temps" hebt jedoch hervor, daß die Transportdampfer von Kriegsschiffen begleitet seien, so daß auch hier die Annahme ausgeschlossen erscheint, daß die Chi- nesen fich derselben bemächtigt haben könnten. Dagegen geht aus Mittheilungen der„Times" aus Hongkong hervor, daß die chinesische Flotte, welche nach Korea zu segeln bestimmt ist, von französtschen Kriegsschiffen gekapert werden soll.— Der tariser Stadtratb beschloß mit 40 gegen 36 Stimme» die erwerfung des PolizetdudgetS.— Spuller feiert den Jahres- tag von Gambettas Tode in der„Republique franc." in einem strnf Spalten langen Ärlikel. Gletchzeitrg meldet das Blatt in gesperrter Schrift, Gambettas Haus in Ville d'Avray bleibe der Nation als Wallfahrtsort erhalten. Die Wahrheit ist, daß es über anderthalb Jahre zum Verkaufe stand, aber keinen Käufer fand.— Unter Fräulein Barberousse's Vorfitz bildete sich ein Frauenbund, der für gewaltsame Geltendmachung der verkannten Frauenrechte eintritt- Er will demnächst ein großes Frauenmeettng einberufen. Spanien. Die zpanischen Kortes find am Sonnabend eröffnet wor- den. Im Senat kam die Angelegenheit der Madrider Stu- deuten zur Sprache; der Marschall NovalichoS, Mitglied der alten gemäßigten Partei, bekämpfte die allgemeine Politik des Ministeriums.— Auch die spanische Regierung ist eifrig be- strebt, von dem schwarzen Erdtheil ein gut Stück zu erhaschen. Wie der„Imperial" meldet, berichten die im Juli von einer spanischen Gesellschaft nach Afrika gesendeten Delegirten, daß, nachdem die Deutschen den Küstenstrich von Fernando-Po be- setzt haben, die Spanier ihrerseits im Innern eine 15 000 Quadratkilometer große Zone okkupiren werden, welche das sogenannte Krystallgebir.re enthält und fiebcnmal so groß ist als die Insel Fernando Po. Die Delegirten schloffen Verträge mit 80 Häuptlingen und 10 Stämmen. Egypten« Wie aus Kairo teleqraphirt wird, erhielt General Wolseley einen Zettel mit den Worten:„Khartum aliright. C Gordon, 14. Dezember" Das Papier trägt das Siegel Gordon's, die Echtheit ist nicht zu bezweifeln.— Es ist hiernach anzunehmen, daß der General fich in Khartum halten werde, bis General Wolseley ihn entsetzt. Nord-Amerika. Die nordamerikanischen Zeitungen veröffentlichen ein Schreiben des Gouverneurs Cleveland an die nationale Liga zur Reform des Staatsdienstes, worin der zukünftige Prästdent erklärt, er betrachte sich als verpflichtet, eine Reform des Staatsdienstes durchzuführen, da er dem Volke versrrochen, die betreffende Kongreßakte in Kraft zu setzen.„Tüchtigkeit, Taug- lichkeit und hingebender Diensteifer sind", fährt das Schreiben fort,„die Bedingungen für den Verbleib im Staatsdienst". Obwohl die kommendr Verwaltung demokratisch sein würde, werde gehörige Rücksicht auf das Interesse des Volkes nicht erlauben, daß treue Parteivienste stets durch Aemterverleihungen belohnt werden. Wahrend Demokraten jede gehölige Rückficht erwarten dürfen, würven Ernennungen für Aemier eher auf hinreichende Erkundigung betreffs der Tauglichkeit der Kandl- daten, als auf beharrliche Zudringlichkeit oder beigebrachte Em- pfehlungen bafirt werden.- Der zukünftige Prästdent der Vereinigten Staaten wird also in dieser Hinficht den Erwar. tungen, die von vornherein auf ihn gesetzt wurden, bestens ent- sprechen.(?) K o k« l e s. n. Die Eröffnung der neuen Stadtbahn, Station „Thrergarten", an der Charlottenburger Chaussee, zwischen den Stationen„Bellevue" und„Zoologischer Garten" findet am 5. d. Mts. zugleich mit der diesjährigen& Öffnung der technischen Hochschule statt. Die Züge werden vom Lehrter Bahnhof aus 2 Minuten später auf der Station„Thier- garten", als auf„Bellevue" und von„Westend" 2 Minuten später, als auf der Station„Zoologischer Garten", eintreffen. n. Das neue Fernsprech-Amt in Rirdorf ist, wie uns geschrieben wird, am gestrigen Tage eröffnet und dem Verkehr übergeben worden. Das Amt zählt bis jetzt 2 Theilnehmer, die Linoleumfabrik und die Firma Kieseling. Man ist äugen- blicklich damit beschäftigt, die an Berlin- Hasenhaide an- grenzenden Theilnehmer nach dem Rixdorfer Amte zu ver- legen. Der Beginn der Schulen. Die„B. B.-Z." notifizirt die ihr als positiv zugehende Mittheilung, daß man an maß- gebender Stelle beschloß, den Beginn der Schulen auch im Sommer um 8 Uhr und nicht, wie bisher, schon um 7 Uhr stattfinden zu lassen. ES liegt in der Natur der Entwicklung einer Großstadt, daß das Bedürfniß, die Geschäftshäuser, Waaren- und Musterlager in der inneren Stadt konzentrirt zu sehen, zur Etablirung von Verkaufsräumen nach oben führt. In dieser Weise werven die Miethcr, weil sie nicht im Stande find, so hohe Miethspreise zu bezahlen wie die Geschäftsinhaber, immer mehr dazu gedrängt, nach der Peripherie der Stadt zu ziehen. Damit ist meist für die Kinder der Nachtheil verbunden, daß sie weiter entfernt von den Schulen wohnen, als angenehm für sie ist, da sie gezwungen find, früher als bisher von Hause fortzugehen. Man kann sich's ausmalen, wie.mißmuthig und verschlafen die Kinder zur Schule kamen, wenn sie zwischen 5 und 5lA Uhr des Morgens aufstehen mußten, um den Frühzug zu benutzen. d. Der Engpaß an der Ecke der Oranburger- und Aitilleriestraße wird jetzt veibreitert. Das ehemalige Gebäude der Luisenschule, der ältesten städtischen höheren Töchterschule, wird dazu niedergelegt. Bei diesem Abbruch zeigt sich wieder, wie sorgsam unsere Altvorderen ihre Bauwerke fundamentirtm. Die prächtigen Kalksteine der Fundamente werden abgefahren und anderwärts bei Neubauten verwandt. Die Menge von Fremde«, die fich vorübergehend in der Metropole des deutschen Reiches aufhält, wird nicht un- erheblich gesteigert durch die Zahl derjenigen, welche wissen- schaftliche, künstlerische oder gewerbliche Ausbildung in den verschiedenen öffentlichen und privaten Lebranstalten suchen. Ein buntes internationales Bild zeigt die Berliner Schneider- Akademie(Stechbahn 1 und 2) in der statistischen Ueber- ficht der Länder und Orte, aus denen sich ihre Zöglinge zusammensetzen. Im verflossenen Jahre wurde die Anstalt von 743 Schülern und Schülerinnen besucht. Von diesen entfallen aus Preußen 393. Sachsen 47, Baiern 36, die sächsischen Fürstenthümer 28, Rußland 27, Württemberg 23, Oesterreich-Ungarn 22, Baven 19, Mecklenburg 17, Hessen und Hamburg je 13, Braunschweig, Oldenburg, Elsaß- Lothringen und die Vereinigten Staaten von Amerika je 9, Schweiz 7, Schweden und Bremen je 6, Norwegen, Lippe, Lübeck, Däncmar. und Belgien je 5, England, die Nieverlande, Frankreich und Italien je 4, Spanien und Brasilien je 3, Niederländisch- Indien 2 und Japan 1. Auf die drei Haupt» abtheilungcn für Herren-, Damen- und Wäscheschneiderei kom- men 224, beziehungsweise 412 und 107 Schüler und Schülerinnen. Seit ihrem nunmehr achtjährigen Bestehen haben bereits 4158 Herren und Damen ihre fachwiffenschaftliche. theoretische und praktische Ausbildung auf dieser bewährten 'Lehranstalt erkalten. d. Für die deutsche Turnwelt ist das Jahr 1885 ein Jubiläumsjahr. Jung, wie ihr Aufschwung nach langer Un» terdrückung ist, handelt es sich allerdings meist um 25 jährige Jubiläen Vorauf geht jedoch der hundertjährige Geburtstag Friedrich Friesen's. 1785 war es ferner, daß Gutsmuths, der Ahnherr aller Turner, nach Schncpfenthal kam. Auf dem deutschen Turnfest in Dresden werden die Turner- Veteranen Dr. Goetz und George ihr Turnfest-Jubiläum begehen. 1860 erschienen die einschneidenden Neu- Verordnungen über daS Turnwesen in Preußen und wurde das Turnen in den Volks- schulen obligatorisch. In demselben Jahre wurde an der Königl. Zentral-Turnanstult der erste Zivillehrer(Prof. Dr. Eulco) definitiv angestellt. Seit 1860 ist Prof. Dr. Voigt Vorsitzen- der der Berliner Turngemeinde. Und 1860 wurden die beiden ersten akademiscten Turn- Bereine, davon der eine in Berlin. gcgiündet. Das Jahr 1860 war eben ein Fest des turneri- scheu Aufschwunges. g. Aus der Sylvesternacht. Der in der Blumenstraße Nr. 59 wohnhafte Schneider tzartmann gerieth in einem Schanklokale der Krautsstraße wider seine Absicht mit mehreren Güsten in Streit, bei welchem er einen Messerstich in die Schulter erhielt. Nach der in derselben Straße befindlichen Sanitätswache gebracht, vermißte er, nachdem ihm die crforder- liehe Hilfe geleistet worden war, erst jetzt seinen Winterüber- zieher. Eine sofortige Nachforschung in dem betreffenden Lokale ergab, daß die Thäler sich entfernt und den vermißten Ueber- zieher mitgenommen hatten. Hartmann hatte somit nicht nur einen Messerstich davongetragen, sondern ihm war auch noch der Ueberzieher gestohlen worden.— Aehnlich erging es dem in der Mcmelerstraße 80 wohnenden Arbeiter Albert Ohlfeldt. Derselbe wurde in einer Schankwirtbschaft an der Memeler- und Rüversdorferstr.-Ecke von mehrerenGästen aufgefordert, leinen humoristischen Vorttag zu halten. O. fand sich bierzu auch bereit, erntete aber nach Schluß desselben für denselben großen Un- dank i denn kaum hatte er den„humoristischen" Vortrag de- endet, als die Zuhörer über den O. herfielen und ihn so übel zurichteten, daß O., aus mehreren Wunden blutend, gleichfalls nach der Sanitätswache in der Blumenstraße geschafft werden mußte.— Der Schlossergeselle Friedrich Götze, Grüner Weg Nr. 65 wohnhaft, wurde am Ostbahnhof ohne jede Veran- laffung von mehreren Mannern überfallen und übel zugerichtet. Es ist gelungen, einen der Thäter zu ergreifen und nach der Polizeiwache zu fistirm. .v Sylvesterfeier mit den Zulus. Tie Zulu-Kaffern im Kastan'schen Panoptikum, die wegen ihrer theilweisen Aehn- lichkeit mit unseren jüngsten Landsleuten an der Südwestküste Afrikas ein ganz besonderes Jntercye verdienen, haben die diesjährige Sylvesterfeier bei einer Privatfestlichkeit, die die Heiren Gebiüder Kastan für den engeren Familienkreis veran- statteten in originellster Weise mttbegangen. Wenn die Freu- dentänze und Gesänge dieser schwarzen Menschenbrüder infolge ihrer Ausdauer und Virtuosität auch allen Respekt erregten, so muß man doch sagen, daß sie bei weitem nicht- eine solche Ab- scheu erregten, wie die dort kürzlich gehörten Gesänge der Kan- nibalen von N