Nr. 8. Sonnabend, 10. Januar 1885. n. Jahrg. ScrliimMM» Brgan für dir Interessen der Arbeiter. 4 Da«„Berliner VoMblaL" erschemt täglch Morgen« außer«ach Sonn- und Festtage«. B�onnementivrer» »erl« frei m'« Haue vierteljährlich 4 Marl, monatlich 1,85 Mari, wöchentlich 35 Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nr. 5 Pf. SvnnLagK-Nummer mit illustr. Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der PostzeiwngZpreitliste für 1885 unter Rr. 746.) ZnsertionKgebühr beträgt für die 8 gespaltene Peiitzeile oder deren Raum 40 Pf. Lrbeit»marit 10 Pf. Bei größere« Aufträge« hoher Rabatt nach Uebereinkunst. Inserat«»erde« bi« 4 Uhr Nachmittag« in der Expedition. Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen« Bureaux, ohne Erhöhung de« Preise«, angenomme». MeöaKtton und Knpeöition Aerlin SW� Mmmerstrage 44. Die neu hinzutretenden Abonnenten erhalten den bisher erschienenen Theil des fesselnden Romans„Ge- sucht und gefunden" gegen Vorzeignng resp. Einsendung der Abonnements» Quittung in unserer Expedition. Zimmerstraße 44. in einem Separatabzuge gratis und sranto nachgeliefert. In gleicher Weise werden die bisher erschienenen Nummern des„JllnftrirteS Sonntags- blatt" verabfolgt. Nochmals der Marimalarbeitstag. Die Gegner� de« Maximalarbeitstages, der selbstver- ständlich eine möglichst geringe Stundenzahl für den Ar- beitStag normiren soll, zeigen gern darauf hin, daß gegen- wärtig schon in Deutschland im Durchschnitt nicht über 10 bis 11 Stunden gearbeitet werde und daß in der Schweiz und neuerdings in Oesterreich die Maximalarbeitszeit auf 11 Stunden festgesetzt worden sei. Für die Schweiz halten wir diese Arbeit Szeit aller- dings für zu hoch bei dem ziemlich entwickelten Maschinen- Wesen, welches dort herrscht. Ob aber für O e st e r- reich die Maximalzeit eine richtige ist, das kann man wohl heute wohl noch nicht bestimmen; man möge erst einige Probejahre abwarten. Für Deutschland aber wäre eine neunstündige Arbeitszeit sicherlich übergenügend, da die Industrie sich in den letzte« 15 Jahren hier ungemein entwickelt hat. Zehn bis elf Stunden täglicher Arbeitszeit finden wir also für Deutschland zu hoch. Aber die Gegner de« Maximalarbeiiitages wisie» sich auch hierbei herauszureden, indem sie triumphirend den An- hängern defielben zurufen:„Seht, gegenwärtig wird ja in zahlreichen Fabriken Deutschlands nur 6—8 Stunden gear- beitet, das ist eine»eit geringere Arbeitszeit, als die An- Hänger des NormalarbeitStaas sie erzielen wollen." Die Herren, die also sprechen, wissen augenscheinlich gar nicht, worum es sich bei Feststellung eine« Maximal- arbeitStdgeS eigentlich handelt. Ganz bestimmt haben sie recht, wenn sie sagen, daß in Deutschland eine 10— ll stün- dige DurchschnittsarbeitSzeit jetzt schon herrsche. Aber diese DurchschnittSarbeitszeit vertheilt sich in einer gewissen Frist einige Zeit lang auf täglich vielleicht 13—14 Stunden und einige Zeit lang nur auf 6—8 Stunden. Darin liegt der Haken. Massenproduktion, dann wieder Geschäftsstille; etwas höherer Lohn.Z dann wreder bedeMende Lohnver- kürzung. Gerade in diesem ewigen Schwanken liegt das Ungesunde unserer Produktionsverhältnisse und zugleich auch der Lage der Arbeiter. Hier soll der Maximalarbeitstag regelnd eingreifen; er soll nicht dulden, daß mehr als 9 Stunden täglich gear- ««»druck verbotcn.Z 58 Gesucht uud gefunden. Roman von Dr. Dux. (Forsetzung.) Die Fenster waren Schiebfenster und wenn man die- selben in die Höhe schob, um sie zu öffnen, so zeigten sich hinter denselben die Sprossen de« zweiten Fensters, welche die Vergitterung bildeten; aber dieser so vorsichtig ange- brachten Vergitterung hatte man den Schein des Gesang- nisses noch dadurch genommen, daß man Ranken von Schlinggewächsen an ihnen in die Höhe gezogen hatte, die dem Ganzen nicht nur das Abschreckende nahmen, sondern fdgar dem Zimmer zur Zierde gereichten. Mistreß Forster kannte diese Zimmer und war mit der Emrtchtung so vertraut, daß sie nicht erst der Anleitung der zu ihrer persönlichen Aufwartung ihr beigepebenen Auswar- terin bedurfte, um von den einzelnen Möbels Besitz zu nehmen. Mit Hilfe der Frau Smith, ihrer Wärterin, vertauschte sie die Reisekleidung mit einer einfachen Hauskleidung in dunkler Farbe. Dann neß sie ihr Haar ein wenig ordnen, das dicht und lang nach hinten zusammengehalten wurde durch einen goldenen Pfeil. Sie befahl darauf, daß dw Effekten, welche sie mitge- bracht, auf ihr ZimmerUgeschafft und in die verschiedenen Schränke und Schubkasten untergebracht würden, und er- suchte dann ihre Begleiterin, mit ihr in dem Park zu promeniren. Es war in der That, als ob die Dame sich, nachdem sie sich einmal in BetheSda heimisch gemacht, ruhiger fühlte. Ihre Thränen flössen nicht mehr, und die tiefe grauer in ihrem Antlitz ward ein wenig verklärt durch einen leisen, ganz leisen Schimmer der Hoffnung.... oer. Hoffnung auf Genesung, während sie die Treppe de« Seitenportals hinabstieg und die schönen kiesbestreuten, ebenen Pfade des ParkeS betrat. Der Park bestand aus Sroßen Rasenplätzen, welche von mächtigen Bäumen be- hattet waren. Hier und da waren reizende Blumen- Partien und Lauben angebracht, welche allerdings von beitet werde, damit nicht durch längere Arbeitszeit lieber- produktiv» eintrete, und dann plötzlich wieder Arbeitszeit- Verminderung bi» zu 6 Stunden täglich und Arbeiterent- lassungen stattsinden.. Daß bei der gesetzlichen Einführung der Maximal- arbeitSzeit AnSnahmen stattfinden müßten z. B. bei der Landwirthschaft, daS noch die MaximalarbeitSzeit bei ver- schiedenen Gewerken verschieden festgestellt werden müßte, versteht sich von selbst. Wir haben nur deshalb für Deutsch- lavd eine neunstündige Arbeitszeit hier angegeben, um für unsere Betrachtungen eine allgemeine DurchschnittSziffer zu haben. Ferner erklären die Gegner des Maximalarbeitstags denselben für solange, als er nicht m allen Kul- turstaatcn eingeführt werde, unmöglich für ein einzelnes Land, weil eS dann den andern Ländern gegenüber konkur- renzunfähig würde. Wir haben un« schon über diese An- ficht, die auch in Bezug auf die Beschränkung der Frauen- arbeit und das Verbot der Kinderarbeit geäußert wurde, kürzlich ausgesprochen; wir sagten, daß die Qualität der Waaren dann die verminderte Quantität ersetzen und so die Konkurrenzfähigkeit wieder herstellen würde. Und dasselbe ist bei der Einführung eines Maximalarbeitstags der Fall. Andererseits müßte ja auch ein Land, welches höhere Löhne zahlt, nicht mit einem Lande konkurriren können, welches niedrigere Löhne den Arbeitern zukom- men läßt!? Hören wir darüber einmal ein Fachblatt: „Daraus, daß in Deutschland die Arbeitslöhne durchweg höher sind als in Oesterreich- Ungarn, in Frankreich höher als in Deutschland, in England höher al« in Frankreich und in Nordamerika endlich höher als in England, daraus folgt noch nicht, daß in Ländern mit höheren Arbeitslöhnen infolge derselben die ProduktionS- Bedingungen für die Industrie ungünstigere sein müssen. Vor allem ist dabei die Menge und die Güte der Arbeits- leistung in Betracht zu ziehen. Ferner spielen die zur Ar« beit benutzten Werkzeuge und Maschinen, die Güte der Rohstoffe, die Organisation des Betriebes und das Jnein« andergreifen der verschiedenen Beschäftigungen eine wichtige Rolle. Obschon der englische Spinner wöchentlich bei fünfundfünf zig stündiger Arbeitszeit dop- pelt so viel verdient, als der deutsche bei 70— 80 Stunden Arbeit, so erfreuen sich die englischen Spinnereien dennoch wohlfeilerer ProduktionS-Bedingungen, als die kontinentalen, da in England hauptsächlich infolge der größeren und besseren Maschinen zum Betriebe von 1000 Spindeln nur 3—4, in Deutschland dagegen 7—10, in Oesterreich und Italien bis zu 13 Arbeitern erforderlich oben hinlänglich Schatten hatten, von der Seite aber nicht so dicht waren, daß man nicht hätte die Personen sehen können, welche darin saßen. Diese Vorsicht hatte man gebraucht, um die Auf- seherinnen die Beaufsichtigung der promenirenden Kranken zu erleichtern. Aus demselben Grunde hatte man auch die Anlagen von Strauchwerk und BoSquets im Park ver- mieden, desto mehr Gewicht aber auf anmuthige, schattige Spielplätze und recht idyllisch angebrachte Ruhebänke von Rasen over Baumzweigen Rücksicht genommen. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, daß die hier an- wesenden Damen, welche sich mit Spielen aller Art unter- hielten,. oder welche, in eiftiger Konversation begriffen, auf den Bänken saßen, oder in den Lauben lasen, oder Arm in Arm promenirten, nichts anderes seien, als was die Damen der haute-vol�e waren, welche sich im Rottenrow oder Hydepark ergingen. Allein eine genauere Betrachtung der Gruppen belehrte den Besucher bald, daß er es nicht mit harmlosen Spaziergängerinnen zu thun habe. ES waren hie und da Szenen, welche tief ergreifend, das Gemüth mit Mitleid und Trauer erfüllen mußten. Wie rührend war jene Frau, welche dort unter dem Schatten eines Baumes saß und ein Bündel KleidungS- stücke, das sie in einer Rolle zusammmengedreht, wie ein Kind im Arme wiegte! Wie sie diesem ihrem vermeintm Kinde ein Schlummerlied sang und es mit emsiger Sorg- falt schützte, daß die Sonnenstrahlen es nicht belästigten. Wie herzzerreißend klang das Lied, daS dort ein junges Mädchen in einer Laube vor einigen ZuHörerinnen sang! Ein Lied dessen Inhalt Entsagung von allem irdischen Glück, hoffnungslose Liebe, hoffnungsloses Leben war! In der Nebenlaube las mit erhobener Stimme eine ältere Dame aus ihrem Tagebuche vor. Es waren allerdings Produkte einer Wahnsinnigen, allein durch all' die Toll- Herten, welche sie niedergeschrieben, blickte doch der Schmerz eine» gramgefolterten Herzens hindurch. Nicht alle Kranken liebten die Gesellschaft. Auch solche waren vorhanden, welche die Einsamkeit vorzogen. Zu diesen gehörte auch die Dame mit der stolzen Haltung, der imposanten Figur, die auf einem entlegenen Wege einsam sind. Nach den Berechnungen eines englischen Fachmannes kommen durchschnittlich auf den einzelnen Arbeiter in den Baumwollspinnereien Deutschlands 12—1500, Englands 2914, Nordamerikas sogar 4350 Pfund verarbeiteter Baum- wolle jährlich. Bei Wolle stellen sich die Zahlen auf 1000, 1375 und 1640, bei Seide auf 59, 71 und 87 Pfund jährlicher Verarbeitung, so daß darnach der nord- amerikanische Arbeiter der leistungsfähigste wäre und ob- wohl er der bestbezahlteste ist, doch infolge seiner weitaus überlegenen Leistungsfähigkeit wohlfeiler produziren könne, als die europäischen Arbeiter." Auch aus diesen Auseinandersetzungen geht hervor, daß die englischen Arbeiter bei einer weit gerin- geren Arbeitszeit mehr leisten in Folge der besse» ren Einrichtungen im Fabrikbetriebe; auch wird angedeutet, daß sie bessere Arbeit leisten als die deutschen— und d a» b e i spielt untrüglich die geringere Arbeitszeit eine Rolle. Bei gleichmäßiger neunstündiger oder gleichmäßiger noch geringerer Arbeitszeit wird der Arbeiter viel besser arbeiten könne«, als wenn er eine Zeit lang 14 Stunden, dann wieder eine Zeit lang 6 Stunden täglich arbeiten muß; im ersteren Falle wird der Arbeiter immer abgespannt sein und die Arbeit nicht mehr genau beachten können, im anderen Falle aber kann es leicht vor- kommen, daß der Arbeiter träge und gleichgiltig wird. Darunter aber leidet die Qualität der Produkte. Die möglichste Gleichmäßigkeit im Lohne und in der Arbeitszeit wird die besten Ar- b e i t s k r ä f t e erzeugen. Sie wird daneben einen frohen, schaffensfreudigen Ärbeiterstand hervorbringe». Und hierzu soll in der Hauptsache dte gesetzliche Ein- sührung eines Maximalarbeitstages beitrage». DolitiBcke UebersieKt. _ Ei« ganz neues Etnschüchterungs-Manöver. Die Konservativen, welche die ihnen in der Wahl- Prüfungskommission des Reichstags zustehenden Stellen mit lauter preußischen Landräthen besetzten, find, wie man der„Bresl. Ztg." schreibt, auf eine neue Art von Ein« scküchterung verfallen. Sie nehmen Abschrift der gegen ihre Mitglieder eingereichten Wahlproteste und veranlassen dann die ungesetzlicher Wahlmanöver deschuldigten Konservativen, die Protesterheber beim Staatsanwalt wegen Ver- leumdung zu denunziren. DaS Vorgehen der Staatsan- walte in solchen Fällen wird im Reichstage einer ernsthaften Kritik untcrzoaen werden müssen. Ein eklatanter Fall liegt 'm Kreise Delipsch vor. Der Protest beschäftigt stch vorzugs- weise mit Wahloeeinflussungen des konservativen Parteiführers Landrath von Rauchhaupt und anderer Beamten, sowie einzelner Wahlvorsteher. Herr von Rauchhaupt vernimmt nun wegen der Wahlprotestbehauptungen polizeiliche Zeugen und befördert auf- und abschritt, den Macaulay in der Hand, und eifrig die Geschichte der Katharina von MediciS studirend. Und dort auf der Rasenbank neben der Laube von Astrolochium saß, daS Haupt in die Hand gestützt, ganz allein«in junges, schöne« Mädchen. Die blonden, vollen Locken fielen über den schönen Arm herab, und ihr sanftes, blaues Auge war feucht. Sie weinte nicht... Es war der namenlose Schmerz, die Resignation, welche sich in diesen Augen ab- spiegelten. Sie achtete nicht auf alle ihre Leidensgefähr- tinnen, sondern war nur mit sich und ihrem Schmerz be- schäftigt. Viele saßen in ihrer Nähe, Viele gingen an ihr vorüber, sie blickte nicht auf. Da drang eine Stimme an ihr Ohr, eine sanfte, weiche wohltönende Stimme. „Miß Elly, liebe Elly!" Wie elektrisirt sprang sie auf und lag Mrß. Forster im Arm. „O, wie habe ich mich gesehnt, Sie wieder zu sehen!" rief das junge Mädchen voll innigster Freude. „Sie sind dieses Jahr später gekommen als sonst?" „Ach, ich wollte mein liebes Kin», daß ich es nicht nöthig hätte, wieder in dieses HauS zu kommen." »Ja, ja, ich glaube Ihnen und wünsche es Ihnen von Herzen.... Wohl Demjenigen, der nicht in diesem schrecklichen Hause zu verweilen braucht.... Eine Bett- lerin. welche in Ruhe in ihrem Hause lebt, ist glücklicher als Sie, die hier, wenn auch mit allem Wohlstand umgeben, doch nur eine Gefangene ist.— Ach, Mrß. Forster, Sie wissen, was es heißt, die einzig fühlende Brust zu sein unter lauter Genossinnen, deren Seele umnachtet ist." Madame Smith schüttelte den Kopf und flüsterte ihrer Herrin zu: „Das glaubt jede Irre! Sie halten Alle sich allein für vernünftig, und darin liegt eben der Wahnsinn dieser jungen Dame."_, „Möglich, daß Sie Recht haben I" antwortete Elly, welche diese Worte gehört hatte;„ich weiß eS gar nicht, ob ich wirklich wahnsinnig bin oder nicht. Meine Ver- wandten sagen es, Mr. Gefferson sagt es. Ich fürchte, daß BeleidigungS« oder VerleumdungSdenunziationen. Der EtaalS« anmalt aber geht darauf ein und läßt oie Protesterheber zur gerichtlichen verantwortlichen Vernehmung vorladen.— Hoffentlich wird der Reichstag ein derartiges Verfahren als ungesetzlich bezeichnen. tur Dampfersubventtonsvorlage ist dem Reichstag Petition der deutschen Schiffbauer zugegangen, welche vcr- langt, daß bei Einrichtung subventionirter Linien den Jntereflm des deutschen Schiffbaues Rechnung getragen werde. Ins« besondere wird auf die Nothwmüigkeit hingewiesen, für die auf den Hauptrouten einzustellenden Schiffe Neubauten zu ver- anlassen und vorbandenes Schiffsmaterial in drese Linien nur auf höchstens 12 Monate einzustellen. Die Petenten legen das Hauptgewicht darauf, daß die neuen Schiffe aus deutschem Material und auf deutschen Wersten hergestellt werden.— Wie man derichtet, hat die Reichsregicruna eine Enquete an- geordnet, um festzustellen, welcher der drei Hafenorte, B r i n- Lisi, Genua oder T r i e st, für die vom Reich zu sub- ventionirende Damvf«Hme die überwiegenden Vortheile dar- bietet. Dabei wird selbstverständlich auch nicht außer Betracht bleiben, daß das deutsche Reick mit einem Betrage von 20 Millionen Mark als subventionirender Staat an der Gott- hardbahn und ihren Erträgnissen betheiligt ist. Auf Grund des Sozialtstengesttzes verbietet das Ber- liner Polizeipräfidium die in der Schweizerischen GenoffenichaftS- Buch»ru ckerei H o t t i n g e n- Z ü r i ch gedruckte nichtperiodische Druckichrist„Der N o r m a l- A r b e i t s t a g" von August Geib. — Die Zahl der im vorigen Jahre aus Berlin ausge- gewiesenen russischen Staatsangehörigen beträgt 242. Ueber die Bierbrauerei und Bierbesteuerung im deutschen Zollgebiet während des Etats- iah res 1883—84 veröffentlicht das soeben erschienene Novem- berheft zur Statistik des Deutschen Reichs eine Reihe von Nach- Weisungen und Tabellen, aus denen kurz das Nachstehende zu entnehmen ist. Die Zahl der im Laufe des J-Hres inner- halb deS Reichs st euergebiets im Betriebe gewesenen Brauereien, die 1872 14 157 betrug, ist seit jener Zeit von Jahr zu Jahr zurückgegangen und betrug 1883—84 nur noch 10703, von denen 0625 gewerbliche Brauereien waren. Im Ganzen wurden von den Bierbrauereien des Rcichssteuergebiets im Jahre 1883—84 4 725 731 Doppelzentner Malz(darunter 4578 015 D.-Z. Gerstenmalz) und 24 659 D.-Z. Malzsurrogate verarbeitet und hieraus 23 L91 919 hl Bier gewonnen, wovon 35 pCt. obergähriges Gebräu war. In Bayern wurden im entsprechenden Zeiträume vroduzirt 12265 412 hl, in Württemberg 3083 823 hl, in Baden 1220728 hl und in Elsaß- Lothringen 823 326 hl Bier. Im Durchschnitt der Jahre 1872 bis 1883—84 berechnet sich das produzirte Bierquantum auf den Kopf der Bevölkerung im Reickssteuergebiet zu 62, in Bayern 250, Württemberg 187, Baden 73, Elsaß-Lothringen 54 und im ganzen Zollgebiet zu 89 Liter. Der Bruttoertrag der Brausteucr stellte sich 1883—84 im Reichesteuergebiel zu 19,2, Bayern 31.9, Württemberg 7,3, Baden 3,9 und Elsaß-Lothringen 1,8 Millionen Mark; und im 12jährigen Durchschnitt berechnet sich die Steuer auf 1 hl Bier im Reick« stcuergcbict zu 0,84, Bayern 2,0, Württemberg 1,69, Baden 2,46 und Elsaß-Lothringen 2,21 Mark, dagegen auf den Kopf der Bevölkerung zu beziehungsweise 0,52, 4,99, 3.15, 1,78 und 1,20 Mark. Der Bierverbrauck im ganzen deutschen Zollgebiet ist unter Zurechnung der Einfuhr und Abzug der Ausfuhr für 1883—84 berechnet zu 39 9 Millionen hl oder 87,8 Lster auf den Kopf der Bevölrerung gegen 85,0 Liter im Vorjahre und 87,5 LiUr im 12jährigen Durchschnitt. Der„Patriotische Verein Bornssta" zu Kaffel erläßt einen Aufruf an das„deutsche Voll" zur Bitdung eines Nalionalfonds für die von Reichswegen in Aussicht genommene ArbeiteralterSversorgungslasse, welche dem Reichskanzler als Ehrengabe zu seinem 50jährigen Dienst- Sibiläum zur weiteren Verwendung gewidmet werden soll.— nserer Anficht nach wird eine von Reichswegen ins Leben tretende AlierSversorgung der Hilse des„patriotischen" Vereins durchaus nicht bedürfen. Eine gemeinsame Krankenkasse für die ländliche« Arbeiter auf der Insel Rügen hat man— wie man dem „Re>chsireund" von dort schreibt— durch KreiStagsdeschluß eingeführt. Aber wie?„Der Beitrag ist nach einem Tage- lohn von 1 Mark 50 Pf. berechnet und beträgt wöchentlich für den Arbeilnedmer 18 Pfennige und für den Arbeitgeber 9 Pfennige. Nun ist aber der Lohn in Wirklichkeit jetzt nur 50 bis 75 Pfennige bei Löffelkost; das heißt. Brot, Butter, fleisch find bei dieser Kost ausgeschlossen, es werden Kartoffeln mit Salz in Waffer oder auch Mehl oder Grütze in etwaS Milch und Waffer gekocht den Arbeirem verabreicht. Da der Arbeiter hier im Winter keine andere Beschäftigung hat, als auf dem Gute, so muß er mit dem, was man ihm dort giebt, zufrieden sein. Die Mehrzahl freilich muß im Winter Schulden machen, die im Sommer abzutragen find. Die gemeinsame Kranken- kaffe ist seit 1. Dezember in Kraft, aber in der Anwendung herrscht die größte Verwirrung. Einzelne Güter nehmen ihren fremden verheiratheten Arbeitern den Beitrag ab, andere hin- ich eS bin, und wenn ich e« nicht bin, daß ich es hier werde... Ach, wie viel Jahre schmachte ich, eine Ge- fangene, in dieser entetzlichen Anstalt." „ArmeS, armes Kind!" sagte Mrß. Forster. Sie nahm Elly's Arm und ging mit ihr in dem breiten Kiesweg unter schattigen Linden auf und ab, während Madame Smith ihnen in einiger Entfernung folgte. Das Wiedersehen der beiden Patientinnen war be- obachtet von einem Manne, der an Beiden gleich großes Interesse nahm. Fritz Rodenburg promenirte ebenfalls in dem Park, denn nach seiner Ansicht konnte der Irrenarzt den Charakter seiner Kranken am besten beurtheile», wenn er sie beobachtete, wo sie sich ganz gaben, wie sie sind, zwangsloS, ohne Verstellung, und ohne Rücksicht auf ihre Umgebung, denn er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß die'Wahnsinnigen, wern der Arzt sich persönlich mit ihnen unterhält, sich entweder sehr zusammennehmen, um ihm ihre sixe Idee nicht bemerken zu lassen, oder ihn auf eine schlaue Weise über ihren Zustand zu täuschen suchen. Er hatte bereits Miß Elly beobachtet, während sie auf der Rasenbank, mit ihren Gedanken beschäftigt, saß. Schon längst hatte er Gelegenheit genommen, die Art ihres Wahnsinns zu erforschen, und er hatte sich zu seiner Be- schämung sagen müssen, daß er keine Spur von Wahnsinn an ihr entdeckt, als den festen Glauben, daß sie ganz Sesund sei, und eine namenlose Sehnsucht nach Freiheit. Lährend er sie so bekümmert auf der Rasenbank sitzen sah, wandte er sich an eine der älteren Wärterinnen mit der Frage: „Wie lavge ist diese junge Dame in der Anstalt?" „Seit zehn oder elf Jahren l" war die Antwort. „Wer brachte sie hierher?" „Das weiß man nicht!... Sie ward von einem fremden Manne begleitet. Offenbar ist sie ein Kind vor- nehmer Eltern, denn es wurde eine sehr hohe Summe für sie.ingezahlt an Alimenten für ihre Lebenszeit, mit der Weisung, sie hier zu behalten, bis sie von ihren Angehö- rigen zurückgefordert würde." gegen nicht und ihren eigenen Kathenleuten überhaupt nicht. Darüber ist der Unwille unier den Arbeitern sehr groß...." Köln. Seit einigen Tagen weiden sämmtlichc der Zivil- bevölkerung angehörige Besucher der diesigen Artillerie-Kaserne an den Dominikanern von dem am Eingang stehenden Posten auf die W-chstube geführt, wo Name und Stand des Be- suchers, sowie die Zeit seines Kommens von dem wachhabenden Unteroffizier in ein Buch eingetragen werden. Beim Weggehen hat der Besucher sich abermals auf der Wachstube zu melden, damit auch der Zeitpunkt des Verlassens der Kaserne notirt werde. Ohne Zweifel hat man eS hier mit einer Maßregel zu thun, welche mit den neulichen Durchsuchungen der Kasernen nach sozialdemokratischen Schriften zusammenhängt.— Ueber die unheimliche Sendung eines mit Sprengstoffen ic. gefüllten KoffcrS an eine Familie in Nippes bei Köln theilt die„Köln. Zeitung" noch folgendes mit: Der in Nippes verhastete Arbeiter, an welchen der Koffer mit Dynamit, Pulver und Zündschnuren geschickt wurde— in dem Behälter befanden sich noch Bekleidungsstücke— ist seines Zeichens Anstreicher und heißt Jakob Merzenich. Derselbe hat sich fest 1879 in Holland und Belgien aufgehalten. Der Koffer kam auf der Eisenbahn von Lüttrch. Merzenich ist bereits dem hiefigen Amtsgericht übergeben wordm. ÄuS Bayern wird der„Germania" die Nachricht der „RcichSztg.", daß in einem jüngst abgehaltenen Ministerrathe der Finanzminister sein Portefeuille zur Disposition gestellt habe, bestätigt. Daß die Verhältnisse der Kabinetskasse — es mußte zu ihrer Btlanzirung ein bedeutendes Anlehen aufgenommen werden— die Ursache dieser drohenden Kabinets- krisis sind, soll richtig sein, doch hat an der Unlust deS Herrn von Riedel, das Portefeuille weiter zu führen, auch das Reichs- Budget seinen Antheil. Wie schon früher ziffermäßig fest- gestellt, wirft die Erhöhung der Matrikulaiberträge die ganze Buvgetberechnung des bayrischen Finanzministers um. Zum ersten Male seit seiner Amtsführung hatte Herr von Riedel dem Landtage im Herbste 1883 ein Budget vorlegen können, zu deffen Bilanzirung keine außerordentlichen Mittel noth- wendig waren. Der Minister war nicht wenig stolz darauf, und seine Etatsrede klang sehr selbstbewußt. Er forderte darum auch V/z Millionen für die Aufbesserung der pragmatischen Beamten mit der ausdrücklichen Begründung, daß BayemS Finanzverhältniffe sich dauernd gebcssert. Herr von Riedel ist durch die Thatsachen widerlegt, und das mag ihn sehr miß- muthig machen. Daß er aber thatsächlich seinen Abschied nehmen werde, ist nicht anzunehmen. Belgien. Von dm Offizieren in Belgien war bis jetzt kaum einer Mitglied eines klerikalen Vereins, dagegen gehörten mehiere liberalen Vereinen an. Der Kriegsmintster, der kein strenger Ultramontaner ist, gerade deshalb aber der klerikalrn Partei um so eifriger entgegenkommt, um ja im Amte zu bleiben, hat nun verfügt, daß kein Offizier Mitglied eines politischen Ver- eins bleiben darf. Durch diesen Schlag gegen die liberalen Vereine ist es ihm jedoch noch nicht gelungen die Klerikalen zu befriedigen. Ihre Blätter machen den Kriegsminister darauf aufmerksam, daß die meisten Offiziere, besonders die höhern Offiziere den Freimaurerlogen angehören und fordern, daß ihnen auch die Mitgliedschaft an diesen Vereinen ver- boten wird. Rußland. AuS einem Vergleiche der aus dem Jahre 1883 offiziell veröffentlichten Daten über den bisherigen EtaatshauShali mit den Ergebnissen des JahreS 1881 find folgende für den Stand der russischen Finanzen charakteristische Details zu entnehmen: Die Gesammtsumme der Staatseinnahmen stieg von 652 Millionen Rubel im Jahre 1881 aus 699 Millionen im Jahre 1883. während in demselbm Zeiträume die Staatsauslagen von 732 auf 721 Millionen sich herabminderten. Die größte Steigerung in den Einnahmen weist die Steuer von geistigen Getränken(von 201 Millionen im Jahre 1874 gegen 253 Mill. im Vorjahre 1883) auf. Die Brannlweinkonsumtion wächst in bedeutenderem Verhältnisse als die Bevölkerungsziffer. Die Zolleinnahmen nahmen seit 1878 bedeutend zu. Im Jahre 1877 betrug deren Gesammtsumme 52 Millionen, im Jahre 1878 in Folge Einführung der Zahlungen in Gold schon 81 und im Jahre 1883 96 Millionen. Die Steuer von Eisen- bahn-Fahrkarten stieg von 7 Millionen im Jahre 1879 auf 8 Millionen im Jahre 1883. DaS Plus der Einnahmen auS dem Postgefälle ist nur unbedeutend. Die Auslagen für die Armee fielen von 225 Millionen im Jahre 1881 auf 200 Mill. im Jahre 1883 herab, während das Marinebudget beinahe unverändert blieb.— Zur fibirischen Eisenbahnfrage berichtet die „Now. Mr.", daß das Ministerkomitee in seiner Sitzung am 13. er. folgende Resolution gefaßt hat: Die Richtung von Ssamara nach Ufa und Slatoust ist zu bestätigen und die Vor« arbeiten für«ine projektirte Linie Slatoust-Jekaterindurg find in Angriff zu nehmen. WaS die Fortführung der Bahn durch Sibirien selbst betrifft, so ist hiervon, in Anbetracht der nian- gelhaften ökonomischen Entwickelung des Landes Abstand zu nehmen. Dem Ministerium der Kommunikationen wird anHeim ihre „Und für welche Art Wahnsinn halten Sie Krankheit?" „Sie war Anfangs sehr ungeduldig und heftig; ob« wohl noch ein Kind, mußten wir sie mit Strenge behan« dein, weil sie unaufhörlich schrie und fort wollte.. Jetzt ist sie still und man merkt keines Ausbruch von Tobsucht. Sie selbst hat natürlich die Ueberzeugung aller Wahn- sinnigen, ganz gesund zu sein." „Mein Gott, das Alles, was Sie da sagen, ist ja noch kein Beweis für ihre Krankheit," sagte Fritz.„Wenn ein Kind gewaltsam in dies« Anstalt geschleppt wird— nehmen wir an, eS sei durch ein Verbrechen geschehen— wer kann es dem Kinde verdenken, daß eS schreit, sich sträubt und sich zurücksehnt nach der Mutter, oder nach Denjenigen, bei denen eS eine liebevolle Pflege hatte?.. Warum soll sie sich nicht für gesund halten, wenn sie ge- sund ist?" „Nein, Sir, sie ist nicht gesund!" erklärte Madame Smith entschieden.„Sie hat die fixe Idee, ihrer Mutter geraubt zu sein; ja zuweilen fpricht sie auch die Ver- muthung aus. daß man sie habe umbringen wollen, erzählt sogar schreckliche Geschichten von einem Manne, der sie hat umbringen sollen auf Befehl ihres Vaters; alle» Dinge, welche an unsere schlimmsten Kranken erinnern." Fritz schüttelte den Kopf.— Dergleichen Anschauungen sahen allerdings nach Wahnsinn aus. „Spricht sie noch von dergleichen?" „Zuweilen, wenn man da» Gelpräch darauf bringt! Zu uns spricht sie sich allerdings nicht auS; wenn sie aber zu Jemandem Vertrauen faßt, so sagt sie ihm Alles, und ich bin überzeugt, daß, wenn sie mit Mrß. Forster zu« sammentrifft, sie dieser wieder die alten Geschichten vor- tragen wird." So weit waren die Beiden gerade in ihrer Unter« Haltung gekommen, als die Begegnung zwischen Elly und Mrß. Forster stattfand. Fritz sah die ungeheuchelte Freude Beider, er sah die Freudenthränen in den Augen de» jungen Mädchens und die Zärtlichkeit in den Augen der ältere» Dame. Das war nicht daS Wiedersehe» zweier Wahnsinnigen. gesteM, ein Projekt über Anschluß Kasans an das Eisendes netz in der Richtung nach Moskau vorzustellen. G r o ß b r i t a« u i e Die irische Partei im Unterhause, deren Flitz Partiell ist, beabsichtigt, den„Daily Ne-vS" zufolge. nächster Parlamentsseifion einen Entwmf für lokal« Sek regierung, d. h. für die Herstellung von Kreisverwalmiil ämtern und ähnlichen Institutionen einzubnngm. Die Fn« betreffs einer nationalen Selb st regierung villi nicht eher angeregt werden, bis das neue Parlament aeat ist.— Bei der Neuwahl hofft die Partei bis 80 Sitzt' Unterhause zu erhallen. Afrika. Die Boern, welche im Betschuanaland die neue I publik Goschen gegründet, haben beschlossen, dem gegen sie I einer englischen Heeresmacht heranziehenden Sir Chotl Marren bewaffneten Widerstand zu leisten. An Zuzug« der Tcansvaatrepublik dürfte eS ihnen nicht fehlen. Affe«. AuS einer Pariser Depesche muß man schließm, daß Gen« Negrier in Tonkin die Absicht hat, den Vormarsch gegen! Chinesen und bis zur chinesisch- tonkinefischen Grenze f« zusetzen, ohne die Verstärkungen aus Frankreich abzuwack Der General spielt indeß ein gewagtes Spiel, wenn sich! stätigen sollte, was das radikale Journal„Justice" me» Dasselbe will einem unS aus Paris zuzeganaenen Pri« Telegramm zu Folge wissen, daß, nachdem Negrier seil Vormarsch begonnen, die Annamilcn stch in dem fast i Truppen entblößten Hanoi empört, die Magazine geplünl und deren Wachmannschaft, sowie den Marinekommiffar Chal getödtet haben.— Die vor einigen Tagen in Tonkin a« kommenen 2000 Mann werden kaum genügen, um die LÜt deS Erpeditionskorps auszufüllen, und der General wird' 7—8 Wochen keine neuen Verstärkungen erhalten. Die letz Transportschiffe, welche Truppen und Kriegsgeräth nach To« bringen, werden von Malakka aus von den Kreuzern I Flotte des Admirals Courbet begleitet. Bis jetzt zeil fich aber noch nirgends die vor einiger Zeit angckündis chinestschen Kreuzer. Das Gerücht, daß man einen Z gegen Tientstn und Peking vorbereite, erbält fich. Ders« soll aber erst gemacht werden, wenn Tonkin vollständig' obert ist. Amerika. Angaben des P.B. Smith, Betriebsdirektors der„Norttz Pacific Elevator Co." in Fargo(Dal.) zufolge wird im sten Jahre in Dakota ein um 20 pCt. kleineres Areal alt' Vorjahre mit Frühjahrsweizcn bestellt werden, da die Wetz vreisr zu nicvrig find. Von dem längs der Linie der Nrntr Pacific Eisenbahn geernteten Quantum Weizen find 85 I bereits verkauft worden. In vielen Gegenden von Minw weigern fick die Farmer, ihren Weizen zu den gegenwäct niedrigen Preisen zu verkaufen.— Da in Nebraska ver% billiger ist als Kohlen— von elfterem kostet der B« 12 Cents und von letzteren 22 Cents— so benutzen viele' tige Faimer den Mais als Feuerungsmaterial. A« st r a l i e«. Berichte aus Honolulu besagen, unter den weißen wohnern der Sandw'chinseln seien in letzter Zeit Fälle' Aussatz vorgekommen und die Krankheit breite sich immers aus. In den Straßen Honolulus begegne man häufig milk Aussatze behaftete Personen. Die Weißen in Honolulu' über daS Umfichgreifen der Krankheit sehr aufgeregt und' langen, daß irgend etwas zu ihrem Schutze seitens der den gethan werde. Dommuvsles AuS der witzung der Stadtverordneten. Vvn � Stadtrath Meubnnk ist ein Dankschreiben für seine wähl zum besoldeten Stadtrath eingegangen.— Ebenso! vom Bauralh Hobrecht ein auf seine Wahl zum Stadtba»� bezügliches Schreiben eingegangen. Dasselbe theilt mit, d» an den Magistrat das Ersuchen gerichtet habe, das vert« mäßige Verhällniß, welches er als Chefingenieur der Kanalisation eingegangen, aufzuheben bczw. dahin abzuLnds daß er als Inhaber der Slelle als Sladtbaurath gleichzeitig' Geschäfte des Chefingenieurs der Kanalisation zu führen# Zugleich hat Herr Hobrecht den Magistrat ersucht, ihid' Kompetenzen, die seit Jahren mit seinem bisherigen Amte' bunven waren, auch ferner zu belassen.— Die Versamm>z wird also abzuwarten haben, wie sich Magistrat in dieser k ziehung äußern wird. Der Vorsteher macht sodann Mittheilung von dem- leben des Buchhändlers Georg Reimer. Derselbe sei eines' edelsten Bürger der Stadt gewesen, habe u. A. 26 volle 3' von 1846 bis 1872, der Versammlung angehört und w'ff holt daS Amt eines stellvertretenden Vorstehers bekleidet. Mitglieder der Versammlung erheben sich von ihre, Andenken des Verstorbenen zu ehren. Aber noch eins fiel ihm auf und machte ihn ei» Augenblick förmlich stutzig. Au» der Entfernung erkas man die Spuren des Alters in dem Gesicht der Forster weniger, und, abgesehen von dem dunklen derselben und den etwas abgemagerten Wangen, fa sich dieselben Züge wiedergespiegelt in dem blühs Antlitz deS jungen Mädchens. „Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig!" dachte bei sich. Daß Mrß. Förster nur ein angenommener Na» hatte er bereits gehört und wußte auch die Anstalt. Mysteriös war für ihn der Umstand, daß � wand den Namen der jungen Dame kannte, daß sie i« Anstalt nur schlechtweg Miß Elly hieß und auch in Bücherjticht anders eingetragen war. Während Elly Mrß. Forster Arm in Arm promenirten, ve, folgte fie i mit den Augen. unb_ je länger er sie betrachtete,* höher stieg fem Interesse für diese beiden Patienten., Man konnte sich für einen Irrenarzt in der That' interessanteres Objekt denken! Dort die vornehme N welche, offenbar ganz geistesgesund, sich durchaus fürOP sinnig hielt, von freien Stücken hierher kam und um' Aufnahme in die Anstalt förmlich bat... an ihrer � das vornehme junge Mädchen, das mit Jener eine kennbare Äehnlichkeit hatte, das Spure» eines sehr schliß Wahnsinns zeigte, sich aber für durchaus nicht wahnßk hielt, und da« heiße Verlangen hatte, die Anstalt zu\ lassen. Beide indessen befreundet und beide so sehr' allen Leidensgenossinnen, welche Fritz in ihrer 9W blickte, verschieden. Die Wärterio, welche er befragte, hatte ganz rech' muthet. Die Unterhaltung der beiden Damen betraf die j denS- und LebenSgrschichte deS schönen Mädchen». J erzählte, daß sie sich nicht erinnere, eine Mutter g«h?1 haben. Ihre frühesten Erinnerungen reichten zurUo auf einen Aufenthalt in einem Landhause, daß mWy Walde lag. Sie sei dort erzogen von einem Manur von einer Frau, welche sie geliebt haben wie ein K< Sie sei aber nicht deren Kind gewesen, den«* Auf der TogtSordnuna steht zunächst die Wahl des Vor- fiehers und des Vorsteher-Stellverlreters. Vorsteber Dr. Straßmann legt den Vorsitz nieder und der Vorsteher- Stellvertreter Bllchtemann übernimmt den Vorfitz und leitet die Wahl. ES werden III giltige Stimmzettel abgegeben, davon ent- fallen 98 auf Dr. Slraßmann, 13 auf den Stadtv. Bllchtemann. Stadtv. Dr. Straßmann ist sonach zum Vorsteher gewählt. Derselbe nimmt die Wahl mit etwa folgenden Worten an: „Ich danke Ihnen herzlich und aufrichtig für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben, und nehme die Wahl an, weil ich aus Ihrer wiederholten Kundgebung schließen darf, daß ich auch ferner auf Ihre Nachficht und Unterstllvung rechnen darf. Ich verspreche Ihnen dagegen, die Geschäfte der Versammlung auch ferner ordentlich und pünktlich zur Erledigung zu bringen und die Verhandlungen jederzeit mit strengster Unparteilichkeit zu leiten. Vorsteher Dr. Straßmann übernimmt wieder den Vorfitz. Bei der Wahl des Vorsteher- Stellvertreters weiden 115 giltige Stimmzetiel abgegeben, davon entfallen 73 auf den Stadtv. Bllchtemann, 40 auf Dr. Stryck und 2 auf Stadtv. Dopp. Stadtv. Büchtemann ist somit gewählt und nimmt die Wahl dankend an. Für die drei Beisitzer und drei Stellvertreter derselben beantragt Stadtv. Reichnow Wiederwahl der Stadtverordneten, welche bisher das Bureau gebildet haben, nämlich der Stadt- verordneten Zippel, Siebmann, Seibert, bezw- Salge, Schmidt und Solon. Da Stadtv. Ziethen gegen die Wiederwahl des Stadtv. Zippel protestirt, erfolgt die Wahl der Beisitzer durch Stimmzettel. Es werden die Stadtverordneten Siebmann, Seibert und Zippel mit 103 beziehungsweise 86 und 85 Stimmen wiedergewählt. Ebenso durch Akklamation die bisherigen Stellvertreter. Damit ist die Versammlung konstituirt. Es erfolgt die Verloosuna der Mitglieder in die Abtheilungen. Auf Vorschlag des Vorstehers beschließt die Versamm« lung, dieselben ständigen Ausschüsse wie im vorigen Jahre einzusetzen und bestätigt die Ausschüsse, welche zur Vor- berathung einzelner Gegenstände im Jahre 1884 ernannt worden find. Die Versammlung beschließt alsdann, den Donnerstag jeder Woche auch ferner als den Tag beizubehalten, an welchem die ordentlichen Sitzungen der Versammlung stattfinden sollen und behält als Beginn der Sitzungen die Stunde um 5 Uhr bei. An daS Ende der Tagesordnung sollen im laufenden Ge« schäflsiahr nach einem ferneren Beschluß der Versammlung Gehalts- und Unterstützungssacken, Wahlangelegenheiten und Angelegenheiten betreffend die Ausleihung von Kapstalirn ge- setzt werden. In den Vorstand der städtischen Blindenschule werden von der Versammlung die Stadtverordn. Kürten und Nicolai deputirt. Wie bereits mitgetheilt, hat Magistrat sich mit dem Be- schluß der Versammlung vom 11. Dezember v. I., wodurch der F e u e r- S o z i e t ä t s- B e i t r a g für das Geschäftsjahr vom 1. Oktober 1883 bis ultimo September 1884 auf 4 Pf. von jedem 100 Mark festgesetzt wird, nicht einverstanden er- klärt und deshalb beantragt, den Beitrag auf 5 Pf. pro 100 M. Stadtv. Karsten beantragt, der Bewilligung das Ersuchen an den Magistral hinzuzufügen, das Reglement für die Feuer- Sozietät durch eine Bestimmung zu ergänzen, welche die Her- stellung eines ausreichenden Betriebsfonds ermöglicht. Vom Stadtv. Eßmann ist dagegen der Antrag gestellt, eine gemische Deputation mit der Prüfung der Verhältnisse der Feuer-Sozietät behufs Reform derselben zu beauftragen. Nach längerer Debatte entscheidet stch die Versammlung für den Antrag des Magistrats und lehnt die beiden Gegen- antiäge ab. Mit der vom Magistrat vorgeschlagenen Festsetzung neuer Baufluchtlinien für die Grundstücke Münzstraße 14—18 und Alexanderstraße 55 und 56 erklärt die Versammlung sich ein- verstanden. Damit ist die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung um 8'/« Uhr erledigt. Am Magistratstische waren Kämmerer Runge, Syndikus Eberty, Stadtrath Borchardt anwesend. K o K 8 l e s. �. er. Trotz der im Allgemeinen milden Witterung dieses Winters, und obgleich vor einigen Tagen eine Mit- theilung durch die Presse ging, wonach ficb die Konjunkturen für Bauten und Bauhandwerker in diesem Jahre ganz be- sonders günstig gestalteten, ist die Lage der Bauhandwerker augenblicklich durchaus keine so glänzende, w'e man nach der erwähnten Mittheilung wohl annehmen mußte. Viel- leicht liegt eS im Interesse gewisser Kreise derartige irrige Vor- stellungen im großen Publikum zu erwecken, um dadurch einen größeren Zuzug von außerhalb nach Berlin zu locken und so von Zeit zu Zeit ein Mann gekommen, der nicht freund- lich gewesen, wie ihr Pflegevater, sondern finster und wild, der sie stets voll Zorn und Ingrimm angeblickt, ja durch ihren Anblick zuweilen in grenzenlose Wuth gerathen sei. Sie habe gehört, wie er ihren Pflegevater einmal aufge- gefordert, den Balg umzubringen. Ihr Pflegeva' er habe ihn vergebens zu beruhigen ge- sucht, dann eines Nachts habe der Mann, der ihr Pflege- vater gewesen, sie aus dem Bette gerissen, in einen ver- schlossenen Wagen gesteckt, sich an ihre Seite gesetzt, ihr mit seiner großen und harten Hand den Mund verschlossen, um sie am Schreien zu verhindern, und so seien sie viele Stunden die ganze Nacht hindurch gefahren und am Morgen habe sie flch in diesen Mauern befunden. Das war Elly's Leidensgeschichte, und Mrß. Forster beklagte sie mehr als einmal, und von Neuem rannen die Thränen über ihre Wangen. „Ach, Elly," sagie sie,„wie sehr erinnert mich Ihre Geschichte an meine eigene« Leiden... Sie sind ein un- glückliches, verwaistes Kind, ich eine unglückliche verwaiste Mutter... Zwei Kmder hätte ich an mein Herz schließen können,... man ließ mir mns!... Man raubte mir den Sohn, man raubte mrr die Tochter... Wohl erfaßte mich manchmal Ingrimm und Wuth über die Unmenschen, welche mir daS anthaten, aber ach, ich konnte es nicht hindern... Nun bin ich verwaist, allein!... Meine Kinder sehe ich nie wieder, darf sie nicht wieder sehen. Vielleicht find sie nicht mehr am Leben, vielleicht hat man sie getödtet, vielleicht hat sie dai entsetzliche Schicksal ver- nichtet, dem man sie preisgegeben... Elly, liebe Elly, wir Beide sind sehr, sehr unglücklich I Ach, und ich fürchte, ** giebt für uns Beide keine Hoffnung!" «Keine Hoffnung I" wiederholte Elly schmerzlich und lehnte ihr Haupt an die Brust der Freundin, und Thränen entströmten ihren sanften Augen....„Keine Hoff- n u v g!" War die Wahnsinnige eine Prophetin?— Gab«8 für sie keme Hoffnung? einen nachhaltigen Druck auf die schon an und für fich sehr niedrigen Winterlöhne ausüben zu können. Es ist durchaus nicht richtig, daß in diesem Winter die Baukonjunktur eine so ausgezeichnet günstige wäre, und der beste Beweis hierfür ist wohl das maffendafte Angebot von Arbeitskräften aus jedem Bauplatze. Man kann an jedem Montag beobachten, daß auf den meisten Bauten 100 bis 200 Geiellen um Arbeit an- fragen, und es giebt thatsächlich augenblicklich in Berlin viele Hunderte von Maurern, welche 3 bis 4, ja bis zu 6 Wochen besckäftigungslos find. Es läßt sich nun allerdings nicht ver- kennen, daß einzelne einstchisvolle Meister ihre Gesellen täglich 7 und 71/i Smnde beschästigen, das ge- schieht aber doch nur, um das Geschäft emigermaßen im Gange zu hallen. Ueberhaupt ist es mit der ganzen Winterarbeit der Bauhandwerker eine sehr heikle Sache. Die winterliche Arbeit mag ja einzelnen Handweikern Beschäftigung und Verdienst gewäd>cn, allein dieser augenblickliche Vortheil kann die erfahrenen Bauarbeiter darüber nicht täuschen, daß, wie man so zu sagen pflegt, das dicke Ende nachkommt. Die Löhne bei den winterlichen Bauarbriten find wesentlich nie- driger, als die während des Sommers gezahlten und die wäh- rend des Winters ausgesühiten Bauten gehen naturgemäß der nächsten Sommerperiode verloren. Es find auch keineswegs immer die arbeits- und verdienstbedürftigsten Familienväter, die bei den winterlichen Neubauten den sogenannten Nothlohn ver- dienen, denn dieser wird oftmals in so geringer Höhe ange- boten, daß ein Familtenernährcr die Arbeit für diesen Lohn nicht annehmen kann. Der Löwenantheil des Betrages, um den ein Bau im Winter billiger hergestellt wird als im Som- mer, fließt also gewöhnlich zu gleichen Tbeilen in die Taschen des Unternehmers und des Bauherrn. Die Ardeitsvermtnde- rung für den Sommer aber, die in allen diesen Winterarbeiten liegt, drückt dann auf die Höhe der Löhne zum Nach- theile aller Bauhandwerker, und dämm sehen diese der gegen- wältigen regen Bauthätigkeit nur mit sehr gemischten Gefühlen zu. g. Eine wichtige Entscheidung bezüglich derSchulpflicht soll nach einer kürzlich auch in Provinzialblättern enthaltenen Mitlheilung vom Berliner Landgericht gefällt worden sein. Der Goldschmied A. I. Graf soll seinen am 3. Mai 1884 vierzehn Jahre alt gewordenen Sohn nach dieser Zeit nicht mehr zur Schule geschickt hoben, obgleich derselbe nach dem Gesetze vom 1. November 1870 noch bis zum 31. März 1885 die Schule besuchen mußte. Graf sei wegen Schulversäumniß in 18 Mark Strafe genommen, worauf er richterliche Entscheidung beanttagt hätte. DaS Schöffengericht soll diese Straf« bestätigt haben, worauf nun Graf Berufung beim Landgericht eingelegt hält«. Dieses habe, wie eS in der betreffenden Mittheilung hieß, das Erkenntniß des Schöffengerichts aufgehoben und den Graf kostenlos freigesprochen, da angeblich jeder Vater sein Kind, sobald dasselbe sein 14. Lebensjahr vollendet, aus der Schule fortnehmen könne.— So weit die Mittheilung. Wie wir in Bezug auf dieselbe erfahren, haben seitens der höheren Schuldehöide Erhebungen bei den hiefigen Gerichten über die Richtigkeit obiger Angaben stattgefunden, welche zu dem Re- sultat geführt haben, daß weder bei den Königlichen Land- gerichten Berlin I und Ii, noch bei den dortigen Schöffen- gerichten der qu. Fall zur Verhandlung und Entscheidung ge- langt ist. b. Die älteste Berliner PacketbefSrdervng existirt, so lange die genwärtige Generation denken kann, im Gasthof zur Traube in der Krausen straße. Sie übernimmt die Beförderung von Päcke eien nach Potsdam und Brandenburg Früher wurde fie bescheiden mit Botenftauen betrieben, fest längerer Zeit hat sie schon Wagen im Gange. Ungeschwächt hat fie alle Verkehrs- Veränderungen überdauert. a. Für Stadtretsendc. Die Bestimmung des§ 49 des Deutschen Handelsgesetzbuchs, wonach Handlungsreisende für ermächtigt gelten, den Kaufpreis aus den von ihnen abge- schlossrnen Verkäufen einzuziehen, findet nach der konstanten Rechtssprechung deS Reichsgerichts und des früheren Reichs- Obelhandelsgerichts auf sogen. Etadtreisende(d. b. Agenten eines Geschäfts in einer großen Stadt, welche am Geschäftsort selbst Käufer aufsuchen und diese zu Kaufabschlüssen veran- lassen) keine Anwendung. Es dürfen demnach die Käufer den Stadtreisenden den Kaufpreis nur dann entrichten, wenn diese von ihren Prinzipalen mit einer Inkasso- Vollmacht versehen worden find. Zur Warnung von Käufern, welche diese Vor- ficht nicht beobachten, theilen wir folgenden Vorfall mit: Der von einer hiefigen Uhrenfirma beschäftigt« Etadtreisende D. offerirte einem Feuerwehrmann eine Regulator-Uhr zum Preise von 75 M. gegen Raicnzahlungen, wobei er fick als Ver- treter der betrrffenden Firma bezeichnete und die Versicherung abgab, von seinem Prinzipal ermächtigt zu sein, die Raten- zahlungen«inzuziehen. Der Feuerwehrmann kaufte die Uhr, leistete an D. die erste Rate von 10 Mark und nach einem Monat leistete er an den D., der stch pünktlich bei ihm einfand, die zweite Rate von 10 Mark. Einige Tage später wurde der Feuerwehrmann von der Uhrenfirma wegen Zahlung der zwei- ten Rate gemahnt, und es stellte fich nunmehr heraus, daß D-, der von seinem Prinzipal zur Einziehung gar nicht ermächtigt gewesen, mst dem Geld« verschwunden war. Die erste Rate Elftes Kapitel. Je mehr sich der Frühling seinem Ende näherte, desto vielseitiger wurden die ländlichen Arbeiten in Felda». Auf den Feldern, den Wiesen und in den WirthschaftSgebäuden herrschte das regste Treiben, ganz im Gegensatz zu dem Herrenhause, in welchem immer noch die alte, trübselige Einförmigkeit herrschte. Da draußen ging eS aber nicht mehr mit der gewohw ten Ruh« und Präzision zu, sondern es hatte sich in letz terer Zeit manche Störung indem Betriebe dieser mächtigen ArbeiiSmaschine eingestellt. AIS Brand daS Gut verlassen hatte, wurde die Ver» waltung einem der Sekretäre übergeben, welcher sich der besonderen Gunst Charlotte's zu erfreuen hatte, und von welchem der Leumund sagte, daß er ein stiller Anbeter der' selben sei; wenn dies der Fall war, so war Herr Härder selbstverständlich ein Mann von der Partei der Amberg'S. Der Prediger Amberg hatte bei diesem Wechsel in der Verwaltung deS Gutes es für eine Pflicht der Verwandt- schaft und Freundschaft gehalten, Herrn Rodenburg unter- stützend zur Seite zu stehen, und er hatte aus diesem Grunde von seiner vorgesetzten Behörde einen längeren Urlaub erbeten und erhalten. Vielleicht rührte diese Be- reitwilligkeit auch daher, daß er es für nöthig hielt, sich zu überzeugen, daß sein künftige» Besitzthum sich jetzt in eben so guter Verwaltung befinde, wie unter Brand. Die Unterstützung Ambergs war in der That nothwendig, denn der alte Herr, welcher bis dahin nur mit Wider- willen sich um die Angelegenheiten seiner Wirthschaft ge- kümmert hatte, ward jetzt alle Augenblicke in Anspruch genommen. Der neue Verwalter war bei seinen Leuten keineswegs beliebt. Alle Augenblicke liefen Klagen ein über Unge- rechtigkeiten, dann wieder Beschwerden über ungerecht« Lohnschmälerungen und dergleichen. Ein Ersparungssystem war eingeführt, welches drohte, die sonst unter leidlichen Verhältnissen lebenden Arbeiter an den Bettelstab zu brin- gen; und alle diese Klagen, Beschwerde» und Bitten sollte Rodenburg anhören und abstellen. hatte D. an seinen Prinzipal abgeliefert. Der in'dieser Wesse geschädigte Feuerivehrmann, welcher demzufolge die 10 Mark verloren hatte, begegnete am Dienstag auf der Schillingsbrücke dem V.. welchen er sofort festnehmen ließ. D- ist vorgestern wegen Betruges, da er dem Käufer fälschlich vorgespiegelt hatte, daß er zur Empfangnahme der Ratenzahlungen von seinem Prinzipal autorifirt gewesen wäre, zur Untersuchungshaft ge» bracht worden. g. Einem Produktenhändler in der Aleranderstraße wurde gegen Ende November vor. Jahres ein Sack mit Trikotabfall' 17 Kilo schwer, im Werthe von 30 M von einem„Arbeiter" Zimmermann zum Kauf angeboten. Da dieser über den Er- werb der Waare unrichtige Angaben machte, wurde Vre Waare polizeilich beschlagnahmt und fie befindet fich noch bei der Behörve in Verwahrung, ohne daß es bis jetzt gelungen ist, den Eigen- thümer derselben zu ermitteln. N. Schlafstellenmarder. Auf eine überraschend plumpe Weise ist am gestrigen Tage bei einer in der Langenstt. 29 wohnenden Frau Griedier ein Schlasstellendiebttabl verübt worden. Bei der Genannten erschienen gestern Mittag zwei anscheinend dem Aibeiterstande angehörige Männer, um eine bisher von einem Herrn T. innegehabte Schlafstelle zu miethen. Während der Verhandlung entfernte fich Frau G. auf einen Augenblick, um in ihrer Küche etwaS nachzusehen und benutzten die Fremden nun diese Gelegenbeit, um einen dem T. gehört- gen Anzug und eine filberne Uhrkette zu eskamotiren. Der Frau Ä-, die von dem Diebstahl erst nach Rückkunft des Be- stohlenen Kunde bekommen, hatten die Unbekannten erklärt, wegen des ZimmerS wiederkommen zu wollen. Die seitens der Behörden eingeleiteten Recherchen hatten bisher noch kein Resultat. N. Von der Feuerwehr überfahren. Ein erheblicher Unglücksfall trug stch heute Nachmittag 4 Uhr vor dem Haufe Neue Jakobstc. 28 zu. In dem Augenblick, als ein dem Ar« beiterstanve angehöriger, zirka 40 jähriges Mann den Fahr- dämm überschreiten wollte, wurde er, da ein Ausweichen un- möglich geworden, von dem Mannschaftswagen der 7. Kam- pagnie umgerissen uud über beide Beine gefahren. Der Ver« unglückte wurde von einem Schutzmann per Droschke nach dem nächsten Polizeirevier geschafft, wo ihm die erste Hilfe zu Thess wurde. g. Den Polizeibehörden ist das Verzeichniß über eine große Anzahl von Dokumenten, Werthsachen ic. zugegangen, welche kürzlich bei einem Einbruch in Stettin gestohlen worden find und deren Ermittelung auch zur Festnahme der Thäter führen dürste. Als gestohlen bei dem Einbruch find gemeldet: 1 Sparkassenbuch der Stettiner Sparkasse über 900 Mark (Nr. 246 255), 1 Ledensvcrficherungspolize der„Teutonia" über 1500 M-, eine zweite der„Germania" über 300 M, 1 Hypothekendokument über 1500 M. auf das Haus Pladrinstraße 7, 2 Einhundert-Marlscheine, 2 Zchnmarkstücke und 25 Ä. Silber- gelv; ferner ein goldenes Medaillon mit Ametyst, 1 Paar goldene Ohrringe mit blauen Steinen, 1 goldener Trauring, gez. W. St. 1881, 1 Herren-Siegelring mit weißem Stein und 1 Damen-Siegelring mit blauem Stein(Ametyst), 1 Ring mit rothen Steinen, 1 goldene Uhrkette mit Schlüffel, 1 goldene Halskette mit runden Schaken, 3 Portemannaies, 1 grüne Börse, 1 Militärpaß und 1 Führungsattest auf Franz Bibel, von der Versuchskompagnie Berlin(75—78), 1 schwarzlederne Briestasche und 1 Quittung über ein wechselseitiges Dokument. Der Gestohlene hat für die Ergreifung des ThälerS und Wiederherbeischaffung des gestohlenen Guts eine Belohnung von 50 M. ausgesetzt._ Gerichts Leitung. Ein Drama a«S dem Dorflebe«. Vor dem Echwm- gericht hiefigen Landgericht II fand gestem eine Verhandlung statt, welche eine große Vö'kerwanderung aus der Umgegend Berlins nach dem Gertchtsgebäude veranlaßt« und den Schwur- gerichtssaal mit überwiegend bäuerlichen Physiognomien füllte. Es handelte stch um die sensationelle Todtschlaasaffaire, welche fich im vergangenen Sommer in dem benachbarten Schönow abgespielt und die Gedrüver Ebel zu einer traurigen Berühmt- Heu gebracht hat. Den Vorfitz führte LandgerichtSrath Hum- bert, als Vertreter der öffentlichen Anklagebehörde fungirte Staatsanwalt Dr. Menge, die Vertheidigung führte Rechtsan- anwalt Max Wronkcr. Die Anklage lautete auf vorsätzliche Tödtung und wiffentliche Beihilfe zur That. Auf der Anklage- bank nahmen drei Hünengestalten Platz: 1) der 33jährige Milchhändler Gustav Friedrich Ebel; 2) der 24 jährige Milchfahrer Karl Ftiedrich Wilhelm Ebel und der 22jährige Wirth- schaftsverwalter Bernh. Ad. Ernst Ebel, von denen nur die beiden Ersten wegen Beleidigung vorbestraft find.— In dem Tanzsaale des Gastwirths Albert Henschel zu Schönow fand am Sonntag, den 17. August vor. Js, Abends, Tanzvergnügen statt, an welchem auch die in der Umgegend ziemlich gefürchteten Gebrüder Ebel und deren Schwager, der Ulan Mickley aus Potsdam, sowie auch der 20jährige Sohn des Gemeindevorstehers und Bauerngutsde- sttzerS Haupt, Albert Haupt, Th-il nahmen. Henschel hatte DaS verbitterte ihm daS Leben noch mehr. Er war deshalb Herrn Amberg sehr dankbar, al» dieser sich erbot, seine Stelle einzunehmen; und so war allen GutSinsassen bekannt gemacht, daß der Arbeiter sich in Fällen persönlicher Angelegen- heften, in denen Emmy's Autorität nicht genügte, nicht an ihren Herrn, sondern an Herrn Prediger Amberg zu wenden habe. Der„aufopfernde Freund" hatte denn auch in dieser Beziehung alle Hände voll zu thun. Es war wahrhaft rührend anzusehen, wie er, welcher sonst an ein so bequeme» Leben gewöhnt war, sich jetzt für seinen Freund Roden- bürg bemühte, mehr wie ein Lohnarbeiter. In einem Zimmer deS zweiten Stocks, sehr nahe an dem Charlotte's, hatte er für sich ein Arbeitszimmer einrichten lassen, mit allen Einrichtungen eines Bureau, und hier saß er den ganzen Tag über de» Büchern des Gut»; hier rechnete und buchte er, hier wog er Einnahmen und Ausgaben ab, bis er endlich ganz genau wußte, wie viel jedes einzelne Stück Land in guten oder schlechten Zeiten einbringt, oder die WirthschaftSkosten betrugen, wie viel sich hier an Arbeitslohn, dort an Vieh oder Geräthschasten ersparen ließe, und so weiter; und je mehr er sich in diese Studien vertiefte, besto vergnügter rieb er sich die Hände. Im Geiste sah er sich und die Seinigen schon al» die reiche Gutsherrschaft von Feldau, denn darüber war er längst mit sich einig, daß er, sobald er die Erbschaft an« getreten habe, sein Amt an den Nagel hängen werde. Mit jedem Tage nahm seine gute Laune zu und die Ver- änderung seiner GemüthSstimmung hätte selbst dem alten Rodenburg auffallen müssen, wenn nicht Charlotte oder Emmy hin und wieder durch eine HiodSpost seine Freude etwas gedämpft hätten. Da« geschah auch heute, als gerade zu einer unge- «öhnlichen Zeit die Letztere hastig zu ihm eintrat. Die Störung war ihm diesmal außerordentlich unangenehm, denn er befand sich gerade bei einer Beschäftigung, bei welcher er nicht gern übenascht worden wäre. (Forssetzunz folgt.) Txn Gebrüdern Ebel wegen ibrer Rauflust schon vor zwei Jahren das Betreten seines Lokals untersagt, sie hatten fich indeft seit einem halben Jahre wieder eingefunden und da fie sich bis dahin ruhig verhalten hatten, wurden fie stillschwelgend geduldet. AuS irgend welchen Gründen hegten die drei An- geklagten eine Gehässigkeit gegen die Familie des Gemeinde« Vorstehers Haupt und als fie an jenem Abend den jungen Haupt gewahtten, fingen fie sofort mit ihm Händel an. Zweifel- loS geschah dies auf Verabredung, denn fie hatten schon früher gedroht, demselben„die Knochen entzwei zu schlagen", und als der junge Haupt mit seiner Braut an jenem Abend beim Be« treten des Tanzsaalcs den Tisch, an welchem die drei Brüder saßen, pasfitte, sollen dieselben Blicke des Einverständniffes ge- wechselt und Ernst Ebel zu dem Wilhelm Ebel gesagt haben: „Wilhelm, paß auf, wenn es heute Abend losgeht; Einer von den Haupt'S muß'ran heute Abend." Die Attacke begann damit, daß Haupt und einer seiner Begleiter wieder« holt die vom Tanz- Saal nach dem Hofe hinab- führende Treppe hinabgestoßen wurden; daran reihte fich Handgemenge zwischen den Parteien, wobei die Angeschuldigten Bierseidel als Waffen benutzten. Sie wurden schließlich aus dem Saale entfernt und sowohl WUhelm Edel als auch der junge Haupt hatten Verletzungen davongetragen. Nach 15 Minuten erschienen plötzlich Ernst und Wilhelm Ebel wieder in dem Saal, fie hatten fich inzwischen nach ibrer Wohnung be- geben, andere Kleider angezogen, das Gestcht mit Blut be- schmiert, und schienen mit der Hand in der Hosentasche etwas zu verbergen. Der Wirth Henschel wollte fich den Brüdern entgegenstellen; da erschien aber der dritte Bruder Gustav auch wieder und während er an dem am Eingang postirten Kasfircr Krüqer vorbeistürzte, stieß er die Worte aus:„Den Hund, der meinen Bruder geschlagen hat, den schlage ich tobt!" Albert Haupt stand in der Saalecke, als plötzlich der Ruf:„Die Ebels haben ja Meffer!" von verschiedenen Seiten erscholl. In dem« selben Moment hatten Ernst und Wilhelm Ebel den jungen Haupt auch schon vollständig in die Ecke gedrückt und während der Eine die Arme des Haupt fest an seinen Körper drückte, der Andere seinen Arm um Haupt's Kopf legte, kam Gustav Ebel mit hoch erhobenem rechten Arm herangestürzt und stieß mit einem Messer gegen den Hinterkopf des Haupt, so daß dieser mit einem lauten Ausschrei zusammenbrach. Ernst und Wilhelm stießen dann, nach der Behauptung von Augenzeugen, ebenfalls mit Messem auf den Äermsten ein. Der Gastwirth.henschel, welcher Gustav Ebel von seinem Opfer zurückreißen wollte, wurde von dem Ulanen Mickley derart mit einem abgeschnallten Sporen mißhandelt, daß er ohnmächtig zu Boden stürzte. Der Schlächtergeselle Wublert kam seinem Freunde Haupt zu Hilfe, ein Arbeiter warf aus dem Billardzimmer mit Bierseideln unter die Kämpfenden, die Mädchen und Frauen waren entsetzt durch die Fenster auf die Straße geflüchtet. Schließlich wur- den die Anaejchuldigten wieder aus dem Saale gedrängt. Gustav Ebel bestieg mit seinem Bruder JuliuS und den beiden Ehestauen seinen draußen stehenden Wagen, um nach Z-hlendorf zurückzufahren; bei der Abfahrt führte er noch einen Hieb mit der Peitschenach der am Fenster stehenden Gastwirihin Henschel und traf sie ins Gestcht. Albert Haupt wurde ohnmächtig in die Woh- nung seines Vaters gebracht, wo er nach 6 Tagen verstarb. Auf dem Krankenbett erzählte er noch seinem Vater und seiner Braut, daß Gustav Ebrl den verhängnißvollen Streich gethan und daß er dabei vermeint habe, daß man ihm den Kops entzwei- schlage. Nach den Ergebnissen der Obduktion ist das von Gustav Ebel geführte Messer 5 Zoll tief in den Kopf eingedrungen, die Hi.nmasse war durch das Loch auS dem Schädel zu Tage gesteten und Haupt ist in Folge dieser Verletzungen gestorben. Zu der Hauptverhandlung find im Ganzen 34 Zeugen geladen, von denen 17 Entlastungszeugen find; als Sachverständige find ferner zur Stelle- Sanitätsrath Dr. Andresse aus Teltow, BezirksphystkuS Dr. Matthias Schulz und Kreisphystkus Dr. Fuhrmann. Die Angeklagten bestritten ihre Schuld, speziell will Gustav Ebel nicht mit einem Messer gestochen, sondern nur mit einem metallenen Zigarrenlöscher einen Schlag nach Haupt gefühlt haben. Dieser Behauptung steht aber entgegen, daß— abgesehen von den Zeugenaussagen— der fragliche Zigarrenlöscher neu ist und keinerlei Spuren von Benutzung aufweist. Dagegen sind bei der Haussuchung in der Wohnung des Gustav Ebel in einem Frauenrock zwei Taschenmesser ge- funden worden, welche nach Aussage der Wittwe Ebel ihren Söhnen Ernst und Gustav gehören. Die beiden Brüder Ernst und Wilhelm Ebel bestreiten, den Kopf des Haupt wäbrend des tödtlichen Streiches gehalten zu haben, und über die Rolle der Einzelnen bei der traurigen Äffaire gingen die Etnzeiauf- fassungen, wie dies bei so allgemeinem Tohuwabohu nicht anders möglich ist, weit auseinander. Die Entlastungszeugen, welche die Angeklagten mit zur Stelle gebracht, bezogen fich zumeist auf den Leumund der- selben, konnten aber nach dieser Richtung hin auch nicht allzu viel günstige Momente beidringen. Der Hauptangeklagte Gustav Ebel konnte fich im Laufe der Verhandlung dem Ein- drucke nicht entziehen, daß die Geschichte von dem Zigarren- löscher doch recht unwahrscheinlich klang und er trat deshalb mit einer ganz neuen Verfion auf, wonach er angeblich einen Schraubenschlüssel zum Schlagen benutzt habe, aber auch diese Behauptung stand mit dem ärztlichen Befunde in Widerspruch, denn das Gutachten derselben ging eben dahin, daß die Wunde aller Wahrscheinlichkeit nach durch ein Taschenmesser verursacht worden ist. Verschiedene Zeugen haben zudem mit aller Be- stimmtheit ein Taschenmesser in der Hand des Angeklagten Ebel wahrgenommen und gesehen, wie derselbe damit auf den in die Ecke gedrängten Haupt losgeschlagen hat. Dem Letzteren wurde übrigens allseitig das Zeugniß eines ruhigen, soliden Mannes gegeben, während die Gebrüder Ebel als Schläger und Krakehlcr auf Tanzböden gefürchtet waren; im Uebrigen fiel die Beweisaufnahme durchweg zu Ungunsten der Ange- klagten aus und bestätigte fast in allen Stücken die Angaben der Anklage. Nach geschlossener Beweisaufnahme wurden die Schuld- fragen für die Geschworenen formulirt, worauf der Staats- anwalt in längerer packender Rede, auf die an den Tag gelegt« Rohheit der Angeklagten hinweisend, die Geschworenen bat, die erste der Schuldfragen zu bejahen und den Angeklagten Gustav Ebel der vorsätzlichen Tödtung, sowie die Mitange- Nagten der Beihilfe dazu schuldig zu erklären, auch mildernde Umstände auszuschließen.— Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Wronker, nahm fich seiner Klienten mit großer Wärme an und keines der Momente, welche für dieselben mildernd in Betracht kamen, außer Acht lassend, führte er aus, daß in Betreff des Hauptangeklagten nur vorsätzliche Körperverletzung mit tödt« lichem Ausgange vorliege, während die Mitangeklagten fich nur der Theilnahme an einem gewöhnlichen Raufhandel schul- dig gemacht hätten. Er schloß mit e.nem warmen Appell an die Geschworenen, ihr Verdikt in diesem Sinne abzugeben, vor Allem aber die Frage, ob mildernde Umstände vorhanden, zu bejahen. Die Enlschcidung der Geschworenen fiel indessen zu Ungunsten der Angeklagten aus, fie lautete auf schuldig der vorsätzlichen Tödtung, resp. der Beihilfe dazu, indessen wurden den Angeklagten mildernde Umstände zugebillrgt. Der Staats- anwalt beantragte gegen Gustav Ebel eine Gesängnihstrafe von fünf Jahren, gegen Wilhelm und Ernst Ebel eine solche von je vier Jahren. D r Gerichtshof ermäßigte das Strafmaß aber insoweit, als er den Erstercn zu vier Jahren, die beiden Letz« teren zu je 18 Monaten Gefängntß verurtheilte. Arbeiterbewegung» Gereine unÜ Gersnmmlungen. dr. In der Generalversammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen der Dachdecker, welche am Donnerstag Alexanderstraße 31 stattfand, theilte der Vor- fitzende mrr, daß das Statut der zevtrahfirten freien HilfSkaffe der Dachdecker Deutschlands die erforderliche Genehmigung er- halten, und daß die erste Generalversammlung der Berliner Mitglieder dieser Kasse am nächsten Sonntag, Vormittags 10V» Uhr, stattfinden werde. Der Kassenbericht für daS 4. Quartal 1884 wies 120 Mark Einnahme und einen Kassen- bestand von 87 Mark auf. Der Vorfitzende legte das vom Vorstände revidirte Statut zur Berothung und zur Beschluß- faffung vor. Dasselbe führt die zwei wesentlichen neuen Be- stimmungen ein, daß künftig nicht mehr jeder als Dachdecker Arbeitende, sondern nur„ein jeder Dachdecker, der eine recht- mäßige Lehrzeit hinter sich hat", Mitglied des Vereins weiden kann, und daß jedes Mitglied, welches dem Vereine länger als drei Monate angehört unv nicht mit mehr als drei Beiträgen im Rückstände ist, bei einttetender Albeilsunfähigkeit, auf eine Unterstützung, wie dieselbe von der Generalversammlung be- stimmt wird, Anspruch haben soll. Das neue Statut wurde nach kurzen Debatten unverändert angenommen. Die dann folgende, die Errichtung eines Arbeitsnachweises für Vereins- Mitglieder betreffende Diskusfion führte zu dem Beschluß, daß fürs Erste der Arbeitsnachweis beim Kollegen Wilhelm Schulz, Wiener str. 46. Abends 7 bis 9 Uhr, stattfinden soll. Der Vorsitzende theilte ein die Errichtung dieses Arbeitsnachweises betreffendes Zirkular mit, welches gedruckt und den Arbeit- gcbern zugestellt werden soll. Schließlich wurden noch die Kassenrevisoren für das 1. Quartal 1885 gewählt. Die Wabl fiel auf die Herren Robert Schulz, Klopstock und Richter. k. Die„Freie Vereinigung der Graveure. Ziseleure und Berufsgrnossen" hielt am 5. d. M. in der Annenstraße 16 lRestaurant Sahm) ihre halbjährige Generalversammlung ad, die sehr zahlreich besucht war. Nach Vollzug der Aufnahme mehrerer neuen Mitglieder erstatteten der Vo> sitzende und der Kasfirer des Vereins ihre Berichte über die Vereinsthätigkeit und die Kassenverhältniffe im verflossenen Halbjahre ab. Dem- gemäß hat der Verein in Verfolgung seiner Aufgabe, die gewerblichen Schäden des Berufes aufzudickcn und beseitigen zu Helsen, sowie die allgemeinen geistigen Interessen seiner Mit- glieder zu fördern, wesentliche Fortschritte gemacht, da es ihm gelungen, die während deS ersten Vereinsjahres angestellten allgemeinen Erörterungen und Untersuchungen der jetzigen gewerblichen Berufsverhältnisse in praktische Maßnahmen um- zusetzen, welche von den Mitgliedern mit anerkenncnswerlher Opfer freridigknt unterstützt wurden. Hierzu gehört, als funda- mentale Grundlage alles Weiteren, die Erhebung der Berufs« statistik, ferner die Errichtung einer aus Kunstwerken bestehen- den Bibliothek und die Einsetzung einer permanenten gewerbe- technischen Kommisfion, welche über alle wichtigen Erscheinungen deS Kunst- und Kunstgewerbemarktes sich zu informiren und dem Verein zu berichten hat. Dem Ziele der Beseitigung der „Lehrlingszüchtung" und der Einführung gesunder Lehrvcrhält- nisse würde man fich, wie der berichte: stattende Vorsitzende unter anderem ausführte, desto schneller nähern, je besser der Verein organistrt resp. je umfassender die Berufsorganisation sei und je cmfiger das statistische Material planmäßig zusammengetragen werde. Aus der Neuwahl des Vorstandes gingen als gewählt hervor die Herren Kroebel zum eisten, Guttmann zum zweiten Vorsitzenden; Pietsch zum Kasfirer; Reitmayr zum ersten und Milberg zum zweiten Schriftführer, Richter zum Sekretär, Rößler, Haelbig und Stumpe zu Beisttzern. Zu Revisoren wurden gewählt die Herren Schmitt, Hochbaum und Ellert; zu Vergnügungsräthen: Hochbaum und C Schneider. Darauf erstattere noch Herr Wobbe den Halbjahrsbericdt über das allabendlich geöffnete Stellennachwe sbureau der Vereins für die Gehllfen und Lehrlinge. Die nächste Vereinsfitzung, welche, wie der Vorsttzende schließlich mittheilte, am 19. d. M. stattfindet, wird fich nach einem Vortrage des Herrn Kanitz über Naturheilmethode mit der Lage der auswärtigen Kollegen Deutschlands, besonders Dresdens beschäftigen. k. Der Verein zur Wahrung der Interessen der Ber- liner Tapezierer(nicht, wie er tn Versammlungsanzeigen, Vereinsnotizm«. der letzten Zeit irrthümlich genannt war: „Fachverein der Tapezierer") hielt am 5. d. M. unter Leitung des Vorsitzenden Herrn Wiidberger eine leider nur ziemlich schwach besuchte Versammlung ab, in welcher nach einem kurzen einleitenden Referate des Herrn Nikolas über„Lohn- und Stückarbeit" dieses Thema lebhaft diskutirt wurde. Sowohl der Referent, als sämmtliche Red, er vertraten die Anschauung, daß die Stückarbeit vom Standpunkte der Arbeiterintereffen prinziviell verwerflich und nachtheiltg sei, also das Bestteden der Arbeiter dahin gerichtet sein müsse, die Stückarbeit allmäh- lich mit der fixen„Lohnarbeit" resp. dem System der fixen Zeitlohnes, natürlich unter gleichzeitiger Einhallung einer ge- setzlich normirten Max'malarbeitSzeit zu vertauschen; daß aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen in der Praxis des wirthschaftlichen Erwerbes thatsächlich auch unter den Arbeitern in Hinficht auf die Vor« und Nachtheile des Stücklohn- und fixen Zeitlohnart eitSsystemS die Meinungen noch gelheilt feien und so zu sagen zwei Jnteressen-Gruppen einander gegenüber« stehen: die der Stück- oder Akkordlohn- und die der fixen Zeitlohnarbeiter, weshalb es, besonders mit Rückficht auf die für die bevorstehende Tapeziere rlohnbewegung unentbehrliche Einigkeit der gesammtcn Gehilfenschaft, durchaus nothwendig fei, von der Aufnahme einer auf das fixe Zeitlohnsystem be- züglichen Forderung in das Programm der Bewegung für dies- mal noch völlig Abstand zu nehmen. Hierauf erledigte die Versammlung verschiedene innere Vereinsangelegenheiten, unter denen die beschlossene Erwerbung mehrerer werthvoller fachge- werblichen Werke für die bereits 586 Nummern aufweisende Verein sbibliothek Erwähnung verdient und von öffentlichem Interesse ist. Wie schließlich mitgetheilt wurde, wird am 14. d- M. in einem großen, noch bekannt zu machenden Lokale eine große allgemeine öffentliche Tapeziererversammlung von außer- ordentlicher Bedeutung für die Lohnbewegung stattfinden, die aus verschiedenen Gründen von ungewöhnlichem Interesse werden soll._ Aufruf an die Arbeiter Berlins. Arbeiter, Genoffen! Die Firma Lcnschow u. Marknt hat, nachdem der größte Theil der dort bescdäftigten Arbeiter seit 14 Tagen vor Weihnachten hatte die Arbeit aussetz>n müssen, denselben bei Wiederbeginn der Arbeit einen Lohnabzug von 6—45 pCt. angekündigt; da bei einem Verdienst von 15-18 Mark die Arbeiter diesen Ab- zug für nicht gerechtfertigt und unannehmbar erklärten, so waren sie gezwungen, dem Fabrikanten den Strik zu erklärm. Arbeiter, falls die Sttikenden ihre Forderungen durchzusetzen nickt im Stande find, so ist die Existenz der ganzen Steinnußknopf- branche in Frage gestellt. Unterzeichnete Kommisfion fordert Euch hiermit auf, in der am Sonntag, den 11. d. M., im aroßcn Keller'schen Saale, Andreasstraße 21, stattfindenden Volksversammlung, Tagesordnung' der Strik in der Lenschow und Markert'scken Knopffabrik, recht zablrcich zu erscheinen, um zu zeigen, daß sämmtliche Berliner Arbeiter gewillt find, gegen derartig ungerechtfertigtes Vorgehen von Seilen des Fabrikanten ganz energisch Fronr zu machen. I. A. der Kommisfion der Drechsler- und Knopfarbeitergewerkschaft. I. Müller. Der Louisenstädtische Bezirks- Verein„Vorwärts" hielt am Mittwoch, den 7. Januar, eine Vereins-Versammlung ab, tn welcher Herr Rechtsanwalt Ladewig einen Vortrag über das Unfallvcisicherungs- Gesetz hatten sollte. Derselbe hatte aber, mit der Motivirung, daß ihm die politische Tendenz der Arbeiter� Bczirks-Vereine eist kürzlich bekannt geworden und er daher mit Rllckstcht auf das Gesetz vom 28. Oktober 1878 Unannehmlichkeiten für seine Person befürchte, seine Zusage zmückgezogen-(Es geht nichts über einen gewissen Mannes- muth. Es hätte doch jedenfalls an dem Referenten gelegen, seinem Vortrage eine Tendenz zu geben, wie sie ihm beliebte; das einfache Sprechen in einem Arbetter-Bezirks-Verein würde den Herrn Rechtsanwalt wohl schwerlich hinter Schloß unJ Riegel gebracht haben. Aber Vorstcht ist die Mutter d« Weishett! D- Red.) Herr Göicki hatte es infolge dessen üdn- nommen, ein kurzes Referat über das Unfallverstcherungs Gesitz zu erstatten. In der Diskusfion wies namentlich H« Kreuz darauf hin, daß man jetzt wieder die Aibeiterfrmndliö keit der Manchesterpartei zu betrachten Gelegenheil hast Vor den Wahlen floß man vor Arbeiterfreundlichlä über, jetzt, nachdem dieselben vorüber, hält tw» es unter seiner Würde, Aibeiter« Versammlung« zu besuchen. Sodann unterwarf derselbe die drei verschieden« Vorlagen des Gesetzes einer kurzen Betrachtung und hob Q Schluß hervor, daß, da die Unfallverfichirung erst nach k 13. Woche deS Unfalls eintritt und bis dahin die Kranke» lassen zur Zahlung verpflichtet find, die Arbeiter wieder W »röß'en Theil derselben selbst tragen müssen, nämlich nee statistiichen Berechnungen 91 pCt. aller Unfälle, und die Ä tragspflicht der Albeita«ber zur Krankenverficherung steht, n» Beispiele ja sckon gelehrt, auch nur auf dem Papier. Hienni sprach Herr Kreuz noch sein Mißfallen über die antisemitist konservative Volksversammlung auf Tivoli aus; wenn in& beiterversammlungen derartige Aeußerungen fallen, würde die Betreffenden mit den strengsten Strafen belegt wertX Auf Anfrage auS der Versammlung das Verbot des Stittungl fest betreffend, erklärte der Vorfitzende, daß ihm auf sc« persönliche Beschwerde die Antwort geworden, daß es Gnü* satz sei, politischen Vereinen dieser Richtung kein Vergnügt zu gestatten, um zu verhindern, daß die Ideen derselben n« auf Frauen und Kinder übertragen würden. Mit dem weis, daß die nächste am 21. Januar stattfindende Versaö lung eine Generalversammlung ist, in welcher die Neun des Vorstandes u. f. w. stattfindet, und der Auffoide ung, recht zahlreich an derselben zu betheilizen, schloß der Vorsitz« die Versammlung. k. Zu einer für alle hiesige« Klavierarbeiter w» tigen Versammlung gestattete fich die am 3. d. B. bei Gn- weil abgehaltene Generalv:: s ammlung des„Vereins zur W< rung der Interessen der Klavierarbeiter Berlins" unter dl Vorsitze des Herrn Zubeil hauptsächlich dadurch, daß in» selben u. A. auch die seit Neujahr in der(ca. 50 Klavit arbeiter beschäftigenden) Pianofortefabrik von Grand eiilj führte, äußerst rigorose und— wie es hieß— als unwück zu bezeichnende„Fabrikordnung" besprochen und allgemein urtheilt wurde. Man beschloß, die Angelegenheit gleichf auf die Tagesordnung einer in 14 Tagen abzuhaltenden gro Mitgliederversammlung mit Gästen zu setzen und dazu fpez alle bei Grand arbeitenden Kollegen einzuladen. Mit gr Grnugthuung konnte bei dieser Gelegenheit zugleick konst� werden, daß die neue Fabrikordnung der genannten Fast wenigstens ein GuteS gebracht hat, nämlich die endliche ÖJ führung und Einhaltung der Oeinhalbstündigen Normalard» zeit, freilich nur, weil es jetzt dem Fabrikat gerade so passe, nachdem die alten Bestellungen alle effek» und neue noch nicht in größerer Menge nngegangen 0 wogegen früher und noch bis vor Weihnachten, als die Ar« drängte, täglich mehrere Stunden über Feterabend hin» gearbeitet worden sei und der Fabrikant(Hr. G-) das Anfin« die NormalardeitSzeit zu respekttren, schroff mit der Bemerk« zurückgewiesen habe,„seine Arbeiter wollten keinen Ron» arbeitstag." Im Uebrigm war der Verlauf der Versammle folgender: Zunächst wurde der Jahres, und vierte Quart« dericht erstattet. Wir heben daraus nur hervor, daß von« hiefigen ca. 2000 Klavierarbeitern jetzt etwas über 400% Verein angehören und daß daS Arbeitsnachweisburean? Vereins im Laufe deS verflossenen Jahres 88 Arbeit zu vermttteln in der Lage war, während die Zahl\ bei ihm angemeldeten Vakanzen(leere Arbeitsstellen) r, 141 fich belief. Hierauf htett Herr Pastor einer. ftcnW*: über das von ihm schon in vielen Vereinen behandelte «die Moral und Sittlichkeit gegenüber der ganzen Menss Ätör einen beifällig aufgenommenen Vortrag, an den fich ernr� haste Diskussion anschloß, in welcher alle Redner mit«k Vortragenden in Uebereinstimmung fich aussprachen, indcvV die Nothwendigkeit der Vereinigung aller Arbeiter zur Veu«? lichung der Postulate wahrer Gerechtigkeit, Sittlichkeit& Menschenwürde als daS wahre Ziel der nichts weniger's einsettig materialistischen Arbeiterbewegung anerkannten � empfahlen.— Hierauf wurden einige innere VereinLangcleS° Helten und der Fragekasten erledigt. Schließlich theilte? Vorfitzende noch mit, daß BilletS zu dem am 14. d. Mts> KonzerthauS„Sanssouci"(Kottbuserstraße) stattfindenden einSvergnügen(Ball:c.) ä 50 Pf. in den Vereinsverfa� lungen und bei den Vorstandsmitgliedern zu haben find. Z Reinertrag der Festlichkeit fließt dem Kranken-Unterstützu» fonds des Vereins zu. Fachverein der Metallarbeiter in Gas-, Wasser- � Dampf-Armaturen. Sonnabend, 10. Januar, Ab«' 8 Uhr, Kommandantenstr. 77—79, Mitglieder- Versammle? Tages- Ordnung: 1. Der stattgehabte Kongreß, dessen! schlüsse, und wie verhalten wir uns dem gegenüber? 2.« rechnung vom letzten Vergnügen. 3. Verschiedenes und Flss kästen. Um zahlreiches Erscheinen der Mitglieder wird ersp Zentral-Kranken« und Begräbnißkasse der Buchbi»* und verwandten Geschäftszweige(E. H.),(Verwaltunasl« Berlin). Sonntag, den 11. Januar, Vormittags 10V,% GratweilS Bier hallen, Kommandantenstraße, Hauptvers«� lung. Tagesordnung: 1. Wahl des gesammten Vorstai� 2. Antrag des Vorstandes. 3. Verschiedenes. Quittung�« legitimirt.. Eine außerordentliche Generalversammlung der? liner Hutarbeiter und VerufSgeuossen findet SonZ den 11. Januar, Vormittags 10V- Uhr, im Palmcnsaal," Schönhauserstraße, statt. Tagesordnung: Wahl deS g«* Vorstandes. Quittungsbuch legitimirt. Zentral-Kranken- und Sterbekasse der deutschen? genbauer(Filiale Berlin). Sonntag, den 11. Januar, mittags präzise 3 Uhr, General-Versammlung in den oert» ten Sälen der Gratweil'schen Bierhallen. Fachverein der Gürtler und Berufsgenossen. Son> den 11. Januar, Vormittags 10'/- Uhr. Mariannenstraß bis 32 bei Herrn Gollhard Mitglieder-Versammlung. D Ordnung: 1. Vortrag; 2. Regelung des Arbeitsnachw» 3. Verschiedenes; 4. Fragekasten. Reue Mitglieder n* aufgenommen. Mitgliedsbuch legitimirt. Gäste, durch glieder eingeführt, find willkommen. Fachverein der Nähmaschinenarbeiter und Ber« Nossen. Sonnabend, den 10. d. M., Abends 8 einhald. in Feuerstein's Restaurant, Alte Jakobstraße 75, Versamr«' Tagesordnung: 1. Bericht über den Metallarbeiter- Kona« Gera. 2. Verschiedenes. Wegen der Wichtigkeit der ortmung wird um zahlreichen Besuch ersucht. General-Versammlung des Fachvereins für und Berufsgenossea. Sonnabend, den 10. Januar.' 8'/, Uhr. in Gratweii's Bierballen, Kommandantenstr.� TageS- Ordnung: 1. Jahresberickt und KassenrevifionK» 2. Vorstandswahl und Kaffenrevisormwahl. 3. Aui«° rer Mitglieder. 4. Bericht deS Delcgirten vom SW Verlesung der Antwort des Kriegsministers auf die 6'™ neuer 5 vom November v. I. 6. Verschiedenes und Fragekasten- zahlreichen Besuch wird gebeten. Die Versammlung des Fachvereins der Tischler" Montag, den 12. d. Mts., nicht statt, sondern Mon# 26. Januar.__„ J Eine große Volksversammlung findet am& den 11. Januar, Vorm Linienstraße 30, statt. 10 Uhr, im Restaurant E Verantwortlicher Redakteur R. Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing tn Berlin SW., Beuthflraße 2. Hier»« eine Beilage mm Berliner Volksblatt. 8. Sonnabend, den 10, Januar 1885. II. Jahrgang. 0(4 Kolitiscke MebersirKt. Der Reichstag findet sein Arbeitspensum durch einige größere Vorlagen, wie die A u s d e h n u n g der U n f a l l- Versicherung auf die Arbeiter der Land- und Forstwirth- schaft, das PostsparkassengeieV, den Handelsver- tr ag mit Griechenland, bereichert; demnächst wird auch die Borlage über den Z ollans ch lufi Bremen s hinzukom- wen. Die ersten Lesungen dieser Vorlagen, abwechselnd mit der Fortsetzung der Etatsberathung, werden wohl, meint die „N.-L- 6-'% die nächsten 14 Tage bis drei Wochen in Anspruch nehmen, während deren täglich Plenarsitzungen beabsichtigt sind. Alsdann, alio von Januar an, wird fich, wie man annimmt, die Thätigkeit des Reichstages längere Zeit auf die Kommissto- nen beschränken, wodurch das Abgeordnetenhaus Zeit gewinnt, seinerseits die Etatsberathung zu fördern. Die Halbpfennigfrage giebt einem Freunde der„Ger- mania" Veranlaffung, auf das Fehlen des halben Fünf- p f e n n i g st ü ck e s aufmerksam zu wachen. Ders-Ibe sagt, es sei zu verwundern, daß nicht auch längst schon bei uns das Berlangen nach halben Pfennigstücken gestellt worden ist, Äiny beispielsweise bei jedem Milchbrot oder jederLchrippe, für die man paarweise fünf Pfennig zahlt, gebe man einzeln V- Pfennig mehr, alio drei Pfennig. Die Prägung von 2V-'Pfennig- stücken dürfte dem Uebelstande insofern schon abhelfen, als man sich mit Pfennig- und Zweipfennigstücken leicht Ausgleich ver- schaffen könnte. Auf Grund des Sozialistengesetzes hat die Kreishaupt- Mannschaft zu Leipzig die nicht periodische Druckschrift:„Die wahrhaftige Leb en s g es ch i chte des Josua Davidson. Aus dem Englischen übersetzt von Natalie Liebknecht. Mit einem Vorwort versehen von Wilhelm Lieb- lnccht", verboten. Elberfeld. Die„Wupperthaler Blätter" berichten, daß bei einer vorgestern erfolgten Auflösung einer Arbeiterversawm- lung ihr Berichterstatter, der gänzlich unbctheiiigt, von einem Polrzeibeamten schwer mißhandelt worden sei. Derselbe Beamte wird am 9. wegen Körperverletzung(schwere Mißhandlung eines Arbeiters) vor Gericht stehen. Königsberg. Vor beinahe 2 Jahren wurde der bei der letzten ReichStagswahl von den Sozialdemokraten als Reichs- tagSmndidat aufgestellte Schlossermeister Herr A.Godau wegen Majestätsdeleidigung veruriheilt. Derselbe mußte jedoch wegen Krankheit aus der Strafhaft entlassen werden, noch ehe er die gegen ihn erkannte Gefängnißstrafe verbüßt hatte. Die mehr- fachen bei der Staatsanwalischaft jüngst«ingelaufenen An- zeigen, daß G. noch den Rest der Strafe von 5 Wochen zu verbüßen babe, gaben(wie die„Hart. Ztg." mit! heilt) zu Recherchen Veranlassung, welche die Richtigkeit jener Anzeigen bestätigen- G. wurde von der Staatsanwaltschaft zur Ver- büßung der Reststrafe aufgefordert und hat fich gestern der Gesängnißinspeklion zur Verfügung gestellt. R u h l a n d. Der Ausschuß des Reichsraths hat die Debatten über das »ächstjährige Budget zu Ende geführt- Dasselbe weist ein De- fizit von 10 Millionen Rubel auf.— Die Wiederherstellung der bekannten„dritten Abtheilung" scheint beschlossen zu sein.— Die für dieses Jahr in Aussicht genommene all- gemeine Volkszählung ist dem Vernehmen nach bis auf unbestimmte Zeit verschoben worden, da es dem Finanz- Ministerium nicht gelungen sein soll, den ibm obliegenden Tbeil d-r Vorarbeiten im Laufe der siebzehn Monate, welche ihm eingeräumt wurden, feitig zu stellen.— Das russische Kaiser- paar wird, wie aus sicherer Quelle verlautet, am Sonnabend oder Sonntag seine Residenz von Gatschina nach Petersburg verlegen.— In dieser Veranlaffung hat eine Neuorganisation der Ochrana stattgefunden. Dieses Geheimpolizei- Korps besteht aus 345 Mitgliedern, von denen 800 der hauptstävtischen Präfektur unterstehen, während der Rest auf die verschiedenen Quartiere der Hauptstadt verlheilt ist. Grotzbritanuien. Aus der jüngstm Rede Mr. Chamber lain's wird von ver- Wedenen Blättern, namentlich auch die Bemerkung, daß die Regierung nicht die Unabhängigkeit Egyptens zerstören wolle, bespöttelt. Die„Times" meinen, es sei etwas stark, zwölf Mo- nale nack der Entlassung von Scherls Paschas Ministerium von der Unabhängigkeit Egyptens,„die zu respcktiren wir uns verpflichtet haben", zu sprechen und fragt:„Wenn Egypten im wahren Sinne des Wortes unabhängig ist, was Ihut Lord Wolseley am Nil?" Die„Pall Mall Gazette" ruft aus:„Die Unabhängigkeit Egyptens— die Unabhängigkeit einer Ma- rionette!"— Die Admiralität hat die hervorragendsten Schiffs- baustrmen am Clyde aufgefordert, ihre Bedingungen für die Herstellung von 6 Kreuzern nach dem Muster des jetzt im Bau begriffenen Kreuzers„Scout" bis spätestens zum 24. Fe- bruar einzusenden. Wie verlautet, wird auch in Kurzem die Herstellung von großen gepanzerten Kreuzern und anderen Panzerschiffen in ähnlicher Weise ausgeschrieben «erden. Afrika. Die Bauern im Zululande machen den Engländern arge Kopfschmerzen. Dieselben haben dort bekanntlich im vorigen Jahre eine neue Republik gegründet, welche von der englischen Regierung nicht anerkannt wird. Ein Trupp englischer Sold- ner ist deshalb bereits im Anzüge, um die Bauern zur Raison zu blinaen. Doch diese erwarten die Engländer mit den Waffen in der Hand, und da die Bauern mit den Waffen gut Bescheid wissen, so ist der Ausgang des Kampfes noch keines- wegs gewiß Daher suchte man englischerseits die Zulus für fich zu gewinnen, um mit ihrer Hilfe die Bauern zu verjagen. Die englische„Morning Post blast bereits die Lockpfeife, ste empfiehlt folgendes Programm:«Proklamirt die Autorität der Königin über Zululand. Die kühnen Krieger erkennen das Gesetz des Stärkeren im ehrirchen Kamme als ihr höchstes Gesetz an. Laßt die Zulu-Nation in ihren Feldern und Kraals unter der Flagge Englands in Frieden leben. Statlonirt eine hinreichende Gamilon in dem annektirten Gebiet, und vervoll- ständigt daS Werk der Zivilisation und StaatLkunst. indem Ihr thut, was wir im Pevdschab thaten. Bildet ein halbes Dutzend Bataillone von Zulu-Sepoys für den Dienst der Königin und zur Vertheidigung der südafrikanischen Grenzen. Die wildesten und unruhigsten Geister weiden sich beeilen, opfere Mafien zu tragen und unseren Sold in die Taschen zu stecken. Unser Resident in Zululand hat bereits eine Eskorte von einigen Dutzenden dieser stämmigen Zulus, die sich durch« aus als wirksam und im höcbsten Grade als loyal erwiesen baden. Die maraudirenden Buren würden sehr bald nach Transvaal zurückgaloppiren, ohne sich einmal umzusehen." Wie schnell haben doch, nach der letzteren Aeußciung zu schließen, die Englander vergiffen, welche Hiebe sie vor wenigen Jahren vo« diesen verachteten Bauern erhielten! Mrlnmentcherjrkte. Deutscher Reichstag. 20. Sitzung, Freitag, 9. Januar, 1 Uhr Am Tische des Bandescathes Fürst v. Bismarck, v. Boet- ticher, v. Schilling u. A. Nachdem der Antrag des Abg. Wremer wegen Ein- stellung des gegen den Abg. Roediger bei dem Amtegericht in Gera schwebenden Strafverfahrens genehmigt und an Stelle des Abg. Meyer(Jena) auf Antrag v. FranckensternS durch Akklamation Abg. Holtzmann zum Schriftführer gewählt worden ist, wird die Äerathung dcS Etats des Reichs- amtes ves Innern fortgesetzt. Bei Kap. 9: Behörden für die Untersuchung von See- Unfällen, bemerkt Abg. Gebhard(Stavtdirektor in Brenierhafen)- Auf die Sympathie, mit der die Scbifferbcvöl- kerung das Gesetz vom 27. Juli 1877 betreffend die Untersuchung der Seeunfälle aufnahm, das die Seeämter ermächtigt, zur Führung eims Schiffes untauglichen Schiffern die Be- fugniß dazu zu entziehen, folgte allmälig eine außerordentliche nur mühsam zu zügelndc Mißstimmung in Folge der Hand- habung des Gesetzes und der Ausdehnung der Unter- suchungen, von denen behauptet wird, daß sie sehr häufig. vn Fällen erhoben werden, in denen es von vcrr- hetein feststeht, daß eine Schuld oder gar eine zu Mnende Schuld des Betreffenden gar nicht in Frage kommt. Zn seemännischen Kreisen wünscht man daher den Kreis der Fülle, auf die fich das Gesetz beziehen soll, möglichst zu be- jchränken. Gesetzgeberisch wird das außerordentlich schwierig, wenn überhaupt möglich sein, während der Thcil der Schiffer- beoölkeiung, der das Gesetz aufrecht zu erhalten wünscht, nur eine starke Beschränkung der Anträge auf Entziehung der Befugniß zur Ausführung des Sch'ffergcwerbes ver- langt. Die Vorschläge in den Petitionen des nautischen und anderer Vereine gehen dahin, daß der Retchskommiffar nickt in die Lage versetzt wird, um dem Seeamt die Befugniß zu erhalten, das Patent zu entziehen, daß er deshalb nicht verpflichtet wird selbst in Fällen, wo er selbst überzeugt ist, daß eine Schuld nicht vorliegt, Patententzichung zu bean- tragen. Gegenwärttg, wo die Seeämrer ohne derartigen Antrag des Reichskommiffars die Befugniß zur Ausübung des Ge- werbes nicht entziehen können, hielt sich der Kommiffar sehr häufig in solchen Fällen veranlaßt, einen Antrag zu stellen, damit dann das Seeamt frei in seinen Entscklteßangcn ist. Ferner wünscht man bei ausgesprochenen Patententziehungen die Möglichkeit einer Remedur, wenn der Betreffende sich nach und nach die Fähigkeit zur Führung eines Schiffes erworben hat. Schon bei Erlaß des Gesetzes von 18'' 7 wurde erwogen, ob sich das englische Institut der Eniziehung ves Patents auf Zeit empfehlen möchte. Aber fast ausnahmslos will die deutsche seemännische Bevölkerung davon nichts wissen und hält an der dauernden Entziehung fest, jedoch mit der Modifikation, daß irgend eine Instanz geschaffen werde, welche die Befugniß zur Führung des Schiffergewerbes unter den erwähnten Umständen zurück- giebt. Vor Allem aber wird bei Untersuchung der Seeunfälle verlangt, daß neben dem juristisch gebildeten Vorsitzenden ein seemännisch gebildeter Beifitzenver beschäftigt wird. Die interesstrten Kreise wünschen sehr lebhast zu erfahren, wie weit die Abänderungsarb-tten in Bezug auf dieses Gesetz gediehen sind, denen die Reichsregicrung durchaus nicht unsympathisch gegenüberstehen soll. Staarsminister v. Boetticher: Meine Herren, nicht dlos die Petitionen, die auf Abä, derung des Seeunfallgesetzes an die Rctchsregierueg gelangt find, sondern auch die Wahr- nehmungen, welche die Aufsichtsbehörden rückfichtlich der Wirk- samkeit und der Anwendung des Seeunfallgesetzes gemacht haben, haben uns zu der Ueberzeugung geführt, daß es noth- wendig sei, das Sceunfallgesetz in mehreren Punkten abzu- ändern. Die Arbeiten für eine Novelle zum Seeunfallgesetze sind bereis ziemlich weit vorpeschrirten. Es ist mit den Regie- rungen der Seeuferstaaten über die Materie verhandelt worden und ich darf annehmen, daß die Fertigstellung des betr. Entwurfes keinen allzugroßen Schwierigkeiten begegnen wird. Die Reform- bedürftigkert des Eeeunfall- Gesetzes wird von Seiten der Reichs- regierung anerkannt, und ich gebe mich de: Hoffnung hin, daß der Reichstag irr nicht allzu ferner Zeit mit einem Entwurf befaßt werden wird, der den bcrcchliglen Klagen, die über das Gesetz und seine Anwendung laut geworden sind, Abhilfe zu zu verschaffen geeignet ist. Bei Kap. 12(Reichsgesundheitsamt) fragt Abg. L i n a e n s, ob von Rerchswegen auf Grund der neuesten Forschungen allgemeine Vorschriften zur Abwehr der astatischen Cholera erlassen seien; ferner, ob nicht eine rcicksgesttzliche Re- gclung der Frage wegen der Anlegung von öffentlichen Bc- giäbnißplätzm in AuSfichtMehe; und endlich, od eS sich nicht empfehlen würde, zur Verhütung von Fälschungen die B e- griffe von Wein und Bier reichsgcsetzlich zu deklariren, nachdem das Reichsgericht den Begriff„Bier" bereits präjudiziell bestimmt babe. Bundeslommissar Geh. Rath Köhler: Die erste Frage kann ich bejahen. Nur weil Deutschland im vorigen Jahre von der Cholera verschont geblieben ist, find die Maßregeln, die wir zu deren Abwehr getroffen haben, nicht zur praktischen Anwendung gelangt. Nachdem ferner als wahrscheinlicher Träger der Krankheit ein Bazillus festgestellt war, haben die Reichsbehördcn sogleich dafür gesorgt, daß eine ausreichende Zahl von Aerzten und Medizinalbcamten aus allen Theilen des Reiches, im Ganzen 150, vertraut gemacht wurde, mit der Methode zur Erkennung dieses Bazillus. Es haben hierzu im Gesundheitsamt seit mehr als drei Monaten Kurse stattgefun- den; und sowie sich nunmehr in einem Orte Deutschlands die Cholera zeigt, ist die sofortige Erkennung und damit die Jsolirung des ersten Falles wahrscheinlich. Es waren ferner Kontrolmaßregeln für Provenienzen und Reisende aus cholera« verdächtigen Gegenden an den Grenzen und in den Häfen an- geordnet. Ob eine reichsgesetzliche Regelung der Materie mög- lich sein wird, läßt fich noch nicht übersehen; es müßte nament- lich auch auf die lokalen und Bodenverhältviffe der verschiedenen Gegenden der Natur der Sache nach Rücksicht genommen wer- den, und das wird sehr schwierig sein. Die dritte Frage dcS Vorredners hatte einen mehr wirthschafllichen Charakter; es fällt hier betreffs des Bieres z.B. die verschiedene Eteuergesetz- gedung in Nord- und Süvdeutschland erheblich ins Gewicht; es läßt fich zur Zeit noch nicht übersehen, ob die Regelung der wirthschaftlichen Seite der Sache in naher Frist zu er- warten ist. Abg. Buhl: Ich bedaure, daß nach der Aeußerung des Herrn Regierungskommissars eine Regelung dieser Angelegen- heit, soweit dieselbe den Wein betrifft, nicht in Aussicht steht. Schon bei Erlaß des Nahrungsmittelgesetzes bestand die Voraus- sehung, daß durch Spezialgesetze Unklarheiten, welche im Rah- men des allgemeinen Gesetzes nicht beseitigt werden konnten, be- seitigt werden müßten, und diese Voraussetzung hat fich vollauf bestätigt. Es ist ein dringendes Bedürfniß für alle Bethel- ligten geworden, zu wissen, welche Manipulationen bei der Weinbereitung zuläsflg finv, so daß dieser Artikel noch als Wein verkauft werden kann, und durch welche Manipula- tionen der Name Wein dem Artikel abgelprochen wird. In dieser Beziehung hat stch in den verschiedenen G gentzen Deutschlands ein verschiedenes Rechtsbewutztsein heraus gebil- det, das auch durch eine verschiedene Rechtsprechung getragen wird. Daß dadurch auch die Veikehrsintereffen in wesentlicher Weise beeinflußt werden, liegt auf der Hand. In einzelnen Gegenden Deutschlands ist beispielsweise das Zuckern des Bieres erlaubt, während dasselbe in anderen Gegenden durch die öffentliche Meinung und Rechtsprechung beanstandet wird. Die Folge ist, daß in einem kleinen Jahrgang bei ganz ge- ringer Qualität die Gegend, welche zuckert, leichter verkauft als die, welche das Bier ohne Zusatz läßt. Auch beim Biere tritt uns die gleiche Erscheinung entgegen. Es ist bekannt, daß gegenwärtig in einem deutschen Lande eine große Anzahl von Prozessen sch vebt, die Manipulationen unter Strafe stellen wollen, welche anderwärts unbeanstandet vorgenommen weiden können. Wenn nun behauptet wird, daß dieselben auf Grund des Nahrungsmittelgesetzes deshalb bestraft werden, weil in dem betreffenden Lande ein Malzaufschlaoges-tz besteht, so kann ich dem nicht zustimmen Denn dieses Malzaufschlaz- gesetz würde seine Konsequenzen haben, wenn nach dem be- t essenden Landesrecht gegen dasselbe gehandelt wird, aber ein Reichsgesetz maß nach meiner Anficht die Vorkommnisse in den verfckiedenkn Ländern vollständig gleichartig behandeln. Für große wirthickaftliche Gewerbszrieige ist nichts gefährlicher, alS die Unsicherheit in Betreff dessen, was erlaubt ist und waS nicht erlaubt ist. Schon die bloß- Untersuchung geht für ein großes Geschäft nicht ohne Schaden ab, selbst wenn der Ge- schäflsinhaber nacht äglich freigesprochen wird. Ich glaube deshalb, daß es sehr dankenswerch wäre, wenn ein Spezial« aesetz für die Bereitung von Wein und Bier dem Reichstage baldigst vorgelegt würde.(Beifall) Bundeskommissar Geh. Raih Köhler: Ich kann nur bestätigen, daß allerdings in den eben erwähnten und in den schwebenden Prozessen das bairische Malzaufschlaggesetz mir dem Reichs-Nahrungsmittelgesctz in Zusammenhang gebracht wird, insofern, als elfteres eine bestimmte Zusammensetzung des Bieres voraussetzt und jede Abweichung davon mit den Strafen des Nahrungsmittelgesetzes bedroht wird. Bezüglich der Weinfrage stnd die verschiedenartigsten Wünsche verlaut- bart worden. Die Einen erklären das Nahrungsmittelgesctz bezüglich der Weine für viel zu streng, resp. auf Weine über- Haupt nicht für anwendbar, den Andern geht es lange nicht weit genug, ste wollen die Kunstweinfabrikation vollständig verbieten und den Verlrieb vcrbcsser er Weine erschweren. Die verbündeten Regierungen sind ihrerseits nicht müßig gewesen, um die Möglichkeit einer Regelung auf diesem Gebiete zu erforschen. Da die verschiedenartige Behandlung des Weins in den verschiedenen Ländern auf die verschiedenartigen analy- tischen Metdoden der Chemiker hauptsächlich zurückzuführen ist, so hat die Reichsregicrung im vorigen Jahre eine Anzahl der hervorragendsten Chemiker auf dem Gebtete der Weinforschung hier versammelt; diese haben sich über die geeignetsten Me- tboden geeignet, diese letzteren stnd veröffentlicht und den Einzelregierungen mitgetbeilt worden. Unterm 21. April 1883 bat der Reichskanzler sodann durch Rundschreiben an die Regierungen auf eine zweckentsprechende Auswahl der Each- verstänvlgen, auf die Prüfung der Qualifikation der Che- miker u. f. w. hingewiesen- Außerdem ist ein reichhaltiges Material von Urthcilen der Gerichte, besonders der höchsten Landesgerichtshöfe, ferner die Gesetzgebung der aus- wattigen Staaten, gesammelt worden, wobei fich herausgestellt hat, daß bisher kein größerer Kultur- staat die wirthschaftliche Seite der Weinverkehrs- frage einer gesetzlichen Regelung unterzogen hat. Schutzlos ist ja das Publikum auch jetzt keineswegs; der 8 10 des Nahrungs- mittelgesetzes drobt ja bereits Strafen an, und wir haben schon Reichsgerichts Elkenntniffe, welche auch Denjenigen der Strafe des§ 10 für verfallen erklären, der stch bewußt war, daß sein als Kunstwern verkauftes Fabrikat in dritter oder vierter Hand als wirklicher Wein werter verkauft werden würde. Gewisse Garantien sind also doch auch heute schon vorhanden. Abg. Dr. Möller hält dafür, daß die„neuesten For- schungen" aus dem Gebiete der Cholera noch keineswegs zu allgemein feststehenden wissenschaftlichen Ueberzeugungcn geführt haben und warnt dringend vor einer Ueberstürzung auf diesem Gebiete; nirgends sei das tesrina lente so angezeigt wie hier. Ebenso verhalte es fich mit der Frage der Begräbnißplätze. Abg. Bingens beklagt, daß in Preußen noch immer die Sanitätskommissionen auf Grund des veralteten Regulativs von 1835 fungirtcn, von den Arbeiten des Reichs-GesunvheitS- Amtes aber gar keine Notiz zu nehmen schienen. Was die Begräbnißplätze betreffe, so sei die Probe auf die neriercn Er- fahrungen bereits in mehreren Ländern gemacht worden; Sie Pariser Kommission habe die alten Auffaffungen in das Gebiet der Ammenmärchen verwiesen, deren Schreckbilder gar keinen Hintergrund hätten.— In der Wein frage babe das Reich vor Allem„deutsche Ehrlichkeit" zu vertreten. Welchem Wein« Produzenten wäre eS früher emgefvllcn, seinen Wein zu fälschen, welcher OrtspolizeibehörJc, das zu dulden? Heute berufe das Reichsgesundheitsamt Chemiker und Weinhändler als Autori- täten! Wer mit Kunstprodukten Geschälte mache, müfle sie auch als solche bezeichnen. Und vollends die Judikatur sei für Handel und Verkehr bis heute wenigstens noch eine sehr unsichere Basis. Bundeskommissarius Geh. Rath K o e b l e r weist gegenüber diesen Ausführungen darauf hin, daß die Aufgaben des Reiches stch auf die Aufstellung der Grundsätze zu beschränken habe» nach welchen die Einzelstaaten dann ihre Anordnungen Keffer». Es sei im Besonderen nicht Aufgabe des Reiches, zwischen den Befugnissen der Landes- und der Kommunalbehörven ab- zugrenzen. Abg. S t a u f f e n b e r g; Ich möchte die Anregung dcS Abg. Buhl auch hinstchtlich ves Bieres dringlich unterstützen. Eine gesetzliche Ordnung der ganzen Materie ist arsolut nöthig' die gegenwärtige Anwendung des Nahrungsmittelgesetzes hat einen Zustand der Unsicherheit in dem ganzen Gewerbebetriede bcraufdeschworen und einer großen Anzahl von Leuten schwere Strafen zugefügt, die beim Erlaß des Gesetzes unzweifelhaft nicht beabsichtigt worden sind. Namentlich in Layern, wo der gesetzliche Zustand ein ganz anderer ist als im übrigen Deutsch« Zand, hat sich dieser Ucbclstand fühlbar gemacht. Das bayrische Malzaufschlaggesctz verbietet im 8 7 ausdrücklich, zur Bereitung des Bieres irgend welche Stoffe außer Hopfen und Malz zu verwenden. Hiernach wird nun das NahmngZmittelgesetz so interpretirt, als ob für Bayern der Begriff des Bieres absolut festgestellt sei, und jeoe Abweichung, gleichviel od nützlich oder schädlich, wird als Kontravention gegen§ 10 des letzteren Gesetzes erachtet, und die Kontravenienten in schwere Strafen verurthelt. Ich will nun keineswegs eine laxere Praxis befürworten; aber zur Haltbarmachung wie zur Klä- rutifl des Bieres mdffen die Brauer unbedingt gewisse Stoffe verwenden, deren Verwendung nach dcm Gesetz wie diejenige von Surrogaten bestraft wird. Obwohl die Motive zum Nah- nrngsmittelgesetz s. Z. die Klärung des Bieres mittelst bauten- blase oder Tannin für durchaus legal erklärten, find zahlreiche Bierbrauer wegen der Anwendung dieser Mittel bestraft war- den: obgleich steh die Verwendung der Salicylsäure technisch als durchaus unuwgängl'ch für die Haltbarmachung d s Bieres, namentlich des überseeisch zu expo, tuenden, längst erwiesen hat, so daß das Bier ohne diesen Zusay absolut unverschickbar ist (Ruf: Oho!)— ich möchte den Herrn, der eben O?o! ruft bitten, seine schätzenswerthen Erfahrungen uns doch nachher vorzutragen(Heiterkeit)—, find eine ganze Reibe von Brauern verurthe'lt woeden. Eine Reibe deswegen schwebender Piozesse find freilich neuerdings eingestellt worden, weil diebetreffenden exportirenden Brauereien erklärten, sonst ihren Geschäftsbetrieb zu beschränken oder ganz aufgehen zu müssen. Aver andere Staatsanwälte können andere Auffassungen haben, und so dauert die Ungewißheit fort. Der Brauer, der zur Verhütung des Schimmels und zur Reinigung der Hefe Salicylsäure be- nutzt, wird bestralt, darf aber ungestraft mit Saiicyl äure behan- delres Malz oder damit gereinigte Hefe beziehen. Das sind unhait- bare Zustände. In Bayern wird jetzt die höchste Beerst. uer gezahlt, welche namentlich die Landbrauer nicht auf die Konsumenten abwälzen können; sie machen deshrlb mehr oder minder ge- lingende Versuche, ein weniger haltbares Bier herzustellen. Der Brauer muß endlich einmal ganz sicher wissen, was er in der Brauerei anwenden kann und was nicht. Ist es doch nothwendig gewesen, die Frage, ob Buckhol, spähne zur Klärung verwendet werden dürfen, bis ans Reichsgericht zu treiben! Wir müssen einem solchen Zustande der Unficherhrit, wie er früber nickt entfert bestanden hat, endlich und baldigst auf ge- setzliebem Wege ein Ziel setzen!(Beifall linls.) Abg. Stolle(Sozialdemokrat): Das Nahrungsmittel- gesetz ist nicht zu streng, es sollte noch strenger sein Gerade beim Biere wird man oft durch gewissenlose Menschen gcschä- digt, Milde würde da nur dem Betrüge Thür und Thor öffnen. Vrel wichtiger wäre es aber noch, wenn das ReichsgesvnbheilSamt darauf sähe, daß gehörige Ventilation in den Fab iken geschaffen würde, damit nicht gewrffenlose Unternebmer die Gesundheit ihrer Arbeiter a»fs Spiel setzen. Damit würde man viele Menschen glücklich machen. Ferner: Durch die Abfuhr der Fäkalste-ffe werden die besten Gewässer verdorben. Auch hierüber wäre eine Untersuchung nothwendig. Die Sozialdemo- traten würden bereit sein, für solche Zwecke größere Summen zu bewilligen, wenn von dem Gesundheitsamt wirksamer eingegriffen würde. Das würde zum Nutzen der ganzen Be- völk.rung sein. In dieser Richtung könnte dieReicksregierung einen Gesetzentwurf einbringen, vre Mittel zur Ausführung desselben würden gern bewilligt werden. Auf einen dritten Uebelstand, auf die vielfachen Beschwerlichkeiten seitens der Ver» waltunfttbehörden hat der Abg. Wengens hingewiesen. Da könnte aber Hülfe geschafft werden, wenn endlich die Vermal- tung der Friedhöfe den Gemeinden übertragen würde. Von diesen werden Hunderttausende gefordeit, aber im Uebttgen haben fie nichts zu sagen. Die Kirchengemeinden weigern fich aber, auch etwas zu den Kosten beizutragen, wenn«Summen nothwendig find. Schaffen Sie hier Abhilfe. Das Kapitel wird genehmigt. Bei Kapitel 13a, Reichsocrficherungsamt, erklärt Referent von Bunsen, die Regierung sei damit«invci standen, daß bei Bildung von Berufsgenossenschaften möglichst diejenigen Beamten angestellt werden, welche bisher in Privatveificherun- gen thätig gewesen sind. Das Kapitel wird genehmigt, ebenso der Rest der ordent- liehen Ausgaben. Uuter den einmaligen Ausgaben befindet fich eine Posttion von 150 000 Mark zur Förderung der auf Er- schließung von Zentralafrika gerichteten Un- ternehmungen. Die Kommisfion beantragt, wie bisher nur 100000 Mark zu bewilligen, während der Abg. von Massow die Wiedeeher« stellung der Regierungsvorlage, die Bewilligung von 150000 Mark beantragt. Referent v Bunsen: Die Kommission hat beschlossen, die Adlehnuna der mehrgeforderten 50000 Mk. zu beanwagen. Für die Ablehnung spricht der Grund der Sparsamkeit um so mehr, als nähere Eiklärungen über die Drin�l chkeit biS- her nicht abgegeben seien. Die Kommisston bat sich nicht entschließen können, eine Dringlichkeit der Mehrausgabe von 50000 Marl in die'er Beziehung zu bestätigen. Man darf nicht die Anschauung haben, vag man eine Bagatelle auch bewilligen könne, sobald über Bewilligung eines größeren Theils der Hauptsumme eine Uebereinstimmung herrsche. Deshalb hat die Mehthcst die geforderte Erhöhung abgelehnt. Es wmde dabei weht in Abrede gcst.llt, daß die wiffenschastlickc und praklische Seite der Tbärigkeit der Afiikanischen Gesellschaft alles Lobes werth sei. Andeierseiis wurde bervorgehoben, daß, wenn d e Afrikanische Gesellschaft in Deutichland überhaupt ihre Thäiigkeit fortsttzen solle, diese Mehrbewilligung die ge- ringste Summe sei, welche für die Arbeit n als notdw ndig zu betrachten sei. Man füh te aus, daß die Arbeiten der Afrika- mieten Gesellschaft in Deutschland zur Erforschung Inner- afrikas bisher von allergröß'em EefolpeHegl iiet gewesen seien, daß fie mit g-ringerem B trage als b i sonst gen FarschungS- reisen durchgeführt seien. Es ist den Rnsenven rer Afrikanischen Gesellsck erst gelungen, von Nordwesten und Südwesten nach Jnner-Afrika vorzudringen, aber die Gesellschaft ist jetzt ge- zwungen, fich auf eine einzige Frage m beschränken unv die Erforschung Afrikas zu fördern. Die Verbindung von Zanzi- bar nach dem Taitgavjika-Lee, von Marokko r ach dem Senegal bat staltgefunden. Man habe es fich versagen müssen, den Osten weiter zu untersuchen, man habe sich fest entschlossen, nur den Kongo allein zu eiforscken und darin Außerorvent- lickes geleistet. Pogge gelangte in das Land der Feeundfchatt, das sonst dcm Europäer unzuaärglich war, und sei auch bei seiner zweiten Reise von glücklichem Eifolge gekiönt gewesen. Unter diesen Umständen war die Minoniät der Kommissson der Meinung, daß die Bewilligung von 50 000 Mark das Geringste sei, was man geben kö.tnte Ter Momei t des Zasam- wentretens der allgemeinen Kongokonferenz, wtlche zum ersten Male nicht blos die Kulturvölker Europas tondtrn die Kulturvölker jenseits des Ozeans unter ihren Mitgl edetn zählt, hat nun die größten Kuliui fragen a- geregt, vollständige F echeit der Sirommündung, deS Handels inneihalb des KsngobcckenS. In einer Denkschrift bot die afrikanische Geitll chaft, die durch den Fre h-rrn von Sckle nitz in der Konpokonferenz vertreten war, Die vollständige Fre he t der Flufkowmunikalion gefordert, eine Foiderunq. die auch von der internationalen Kongogesell- schafl in Biüsstt b stäiigt wurde. Das Resultat ist, dar die Kommisfion Sie ersucht, die mehrgeforderten 50000 Mk. ab- � � Abg. v. Massow: Ich glaube, man kann nicht besser für die Vorlage sprechen, als der Herr R>seient(Sehr ricdlig! rech's.) Ich h be ober keine große Hoffnung, daß, ncchdem 5 eh im Hause eine Mehrheit gefw den, die dem ersten Beamten es Reichs oie Mittel zue Entlastung von den Gesckäteen verweigerte, daß die Summe j tzt bcwilligl wird. D>s hat mich doch nicht obgebaltin, die Wiedei Heistellung der Regierungs- vorläge zu b antragen. Wir find-n ten Posten übrigens schon im vottgen Jahre, allerdings mit einer geringeren Summe. Damals hat der Reichstag die Forderung anstandslcs bewilligt. In du fem J-Hre wurven 50 000 M. mehr gefoltert, und die Biinde. regrerunfl begründet das mit dem H nwers, daß die R isen und Forschung'» doch dem Hmdel dienen und j tzt wei er uvsged'bnt werden müssen. Di Referent empff, hlt nur 100 000 M. zu bewilligen und beg'ünvit es mit dem Hinweise auf die finanzielle Lage des Reiches. Es wäre aber schlimm, wenn fich eine Abstimmung wie die vom Dezember v. I. angeblich aus Sparsamkeitsrückfichten wiederholte. Wir dürfen die Unterstütz ng nicht zurückziehen, wenn wir die Unternehmungen der Gesellschaft nicht schäbigen wollen. Wir haben einen Wechsel gegeben, den wir jetzt einlösen müssen. WaS würde es für einen Eindruck machen, wenn es heißt, der Reichstag hat nickt geglaubt, die nothwcndigen Mittel für Reisen zur Dispcsttion stellen zu können.(Zuruf: Sind ste denn nothwendig?).Die 50 000 M. find nothwendig, sonst würden fie von der Regierung nicht gefordert werden.(Heiterkeit links.) Was für einen Emdruck würbe das im Auslande machen, wenn man hinwerft auf die großen E- folge in der auswäriigen Pottiik? Der Hinwers auf eine Vorlage, welche uns bald be- sckäfligen wird, sollte Sie doch wohl bewegen, hier zuzustimmen. Ich bitte Sie also, bieten wir dem Lande nicht das uner- freulrche Schauspiel, daß der Reichstag der Bundesregierung eine Forderung ablehnt, die wohlbegrün vct ist. Meine Hercen! Für folche Zwecke hat dos Deutsche Reich noch Geld, der Reichstag muß es bewilligen; bedenken Sie dock, was andere Länder für solche Zwecke bewilligen. Deshalb biite ich, stimmen Sie für meinen Antrag. Abg. R o e m e r: Die nationalliberale Partei wird dem Antrage auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage zu- stimmen. Ais Mitglied des Ausschuffes der deutschen Afrikani- sehen Gesellschaft kann ich Ihnen mrtrheilen, daß dieselbe bei ihren Mitteln nur einen kleinen Theil ihrer Pläne bat reali- firen können; und nichts destoweniger find ihre Erfolge, wie ja allseitig anerkannt wir», sehr große. Als wir uns 1878 in derselben Frage einem auf Wiederherstellung der damaligenRegie- rungsvorlage gericktetenAntragedesAbz.FüistenHoheniohegegm- über befanden, sprach ich es aus, die Erforschung aon Afrika werde nickt blos für die Wissenschaft, sondern auch für Handel und Verkehr große Erfolge dringen; diese Behauptung hat da- mals freilich wenig Glauben gefunden; und die Bewilligung der 100 000 M. ist wohl damals rein im Interesse der Wifien- schaft erfolgt, etwa wie man auch für die Expedition nach dem No-dpol u. dergl. Summen bewilligte. Heute liegt die Sache ganz anders. Die ganze deutsche Nation ist heute von dem Gedanken an Afrika erfüllt, mehr soaur als die Umstände es rechtfertigen.(Vehr wahr! lintS.) Die Reichsregierui-*» hat große Strecken von Afrika unter ihren Schutz gestellt. Diese Thitsach- in Verbindung mit der Abhaltung des Kongreffes, welcher für alle Welt die Ausnutzung der von dem Kongo und Niger durchströmten Länder fteigiebt, legt es uns nahe, diese kleine Summe zu bewilligen. Kaufmännischerseits wird auch diese praktische Seite der Sache besonders ins Auge gefaßt. Ich kann Ihnen nur dringend die Annahme der Regierungs- vorläge empfehlen. Abg. Witte: Die Rede des Abg. v. Massow muß ganz eigentbümliche G> danken aufkommen laffen über die Beeathung und Abstimmung über diesen Gegenstand in der Kommisfion. Die Mehrhttt der Freisinnigen, wie ich selbst, hat für den An- t ag der Regierung gestimmt, und die Abstimmung Veränderen Parteien war keine geschlossene: einige Mitglieder der konser- vativen Par'ei haben für die Ablehnung gestimmt.(Große Heiterkeit.) Ick möchte doch die Jnstnuation. als ob hier im tzaust eine Mckrheit fich gefunden, um wohlbegründete Forde- lungen der Regierung abzulehnen, zurückwerfen. Wir unter- ztthen jede Forderung jeder Zeit einer sachlichen Prüfung; gnade daraus entstehen ergmthiimliche Zusammensetzungen der Mehrheit des Hauses. Fierlich hatten wir nicht mit dem Abg. v. Maffow schon deshalv eine Forderung für wohlbegründet, weil fie von ver Regierung gestellt wird. Was wir in der Kommission vermißt haben und noch vermissen, ist eine Mit- tfccilung darüber, was denn die Asrrkanrsche Gesellschaft für das, was die Regierung iihr dewilligt, geleistet hat, wie die Gelder zur Verwendung gekommen find. Hierüber möchte ich«ine nähere Auskunft haben und beantrage deshalb, den Titel zur nochmaligen Berarhung in die Budgelkommisston zurück zulver« weisen. Abg. Grad: Meine Freu"de und ich werden für die Bewilligung der Regieiungsiorderung stimmen. Die deutschen Forscher haben auf diesem Gebiet überall viel geleistet; das wird allerseits anerkannt, da kann auch das Deutsche Reich etwas thun. Abg. W i n d t h o r st: Herr v. Massow hätte diese An- gelegenheit für fich und ohne Rücklicht auf andere Postrionen beg ü den sollen. Was in dieser Beziehung geschehen ist, resp. noch zu geschehen hat, darüber werben wir zu einer anderen Zeit zu reden volle Gelegenheit haben. Ich halte es für nicht gedeihlich, für die w-itere Erörterung des Elais gewisse Bewegungen, die auswärts gemacht werden, hier in daS Haus zu ürertragen.(Beifall,) Wir find gesonnen, den Etat zu prüfen, das Notwendige zu gewähren und daß nach unserer Ansicht nicht Notwendige zu versagen. Dazu find wir verpflichtet durch die Stellung, die jeder Abgeordnete an fich schon hat, durch die Auiträge, die unsere Wähler uns bri den I-tzlen Wühlen gegeben hab-n, und gegenüber dem enormen Defizit. Es ist klar, daß wir für alle dir Ausgaben, die wir be- willigen, n-ue Steuern werden bewilligen müssen; und nach meiner Ansicht verträgt das deutsche Volk neue Steuern nicht. Das kann uns nrcht hindern, nach allen Richtungen zu prüfen, ob nicht doch zu weiterer Ent-rickelung der ein- heimischen Industrie und zur weiteren Beschaffung von Stätten für Arrstedlung der Bevölkerung, welche in der Heimath nicht bleiben können, neue Mittel nothwendig find; und ich bin ganz und gar einverstanden mit einer Politik, für Deutsche ge- eignete Kolonieen zu finden. Darüber ist gar nicht zu streiten; es kann nur darüber ein Streit fein, was geeignet'st und waS nickt. Eine Reihe von Kolonien, die man mS Auge gefaßt hat, halle ich nicht für geergnrt, einen Erfolg für den Exvort und für die Ansiedelung von Menschcen zu gewähren. Dazu rechne ich Aogra Pequinno, wo nack meiner festen Ueberzeugung Menschen nichr wohnen können. Ob man dort Kupferminen finden wird, wird sich ja noch zeigen. Die Leute fetst, die dort Geschäfte treiben, rathen von ver Einwanderung in diese Gegenden ab.— Ich habe diese Bemerkungen nur hineinge- schoben, um von vornherein zu sagen, daß ich für meine Per- son keineswegs gesonnen bin, m-ch gegen Kolonisation im Allgemeinen zu erklären. Für geeignete Kolonisation werde ich eintreten, soweit die konzentrirte Kraft des Reiches in Europa dadurch nicht geschwächt wird. Bei der zur Diskussion stehenden Posttion bandest es sich um die Bewilligung einer Summe, welche nicht direkt in die Hände d-r Regierung gelegt wird. Wenn die stiegt« rung sgzte: wie wollen da und dort eine Kolonie gründen, dazu brauchen wir eine Kommirfion, die das und dies unter- suchen soll, und dazu find Mittel nöthig, da wäre die Sache eine andere als hier, wo wir einer andern Gesellschaft Mittel gewätren sollen. Indessen, da wir einmal 100000 Mark bewilligt haben, ist diese Frage ja entschieden, und eS Handelt sich nur um die Erhöhung dieser Summe. Dattir find aber keine direk en Gründe angegeben worden. Der Bkrichtilstatier hat gesprochen, wie«in er, der in der Kommisfion für die Sache war, die Gründe, die dagegen vorgebracht worden find, hat er uns aar nickt mitgetheilt. Das entspricht nicht der Stellung des Referenten. Ick empfehle Ihnen deshalb nochmalige Be- rathung des Tttels in der Kommisfion. Reichskanzler Fürst v. Bismarck: Der Herr Vorredner hat seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, für Mehrkosten slim« wen und wirken zu wollen, wenn dieselben dadurch bedingt wü den, daß m-rn eine bestimmte Koionisarion ins Auge f�ßte und für diese Kosten verwendete, und daß darn, wie der Herr Vorredner fich auedrückie, wir— worunter also vielleicht die K. mmi sion des Reiwstags in Vertretung mit zu verstehen sein würde— das Terrain nährr daraufhin untersuchten, ob dafielbe zur Kolonisation geeigrut wäre.(Abg. Dr. Windt- Horst meldet fich zum Wort.) Ich würde diesen Weg ja sehr I ssammew 1 #1 Vollkommenheit eines Kommissars nrcht, und � jnijl � « Ä-rÄ"-w"j Uiw r.«,.»"-" Bewilligung der RegierungSforderung, di eine nochmalige Kowmiifionsberathung nichts nennenswcithes Neues zu Tage fordein würde. Abg. W i n d h o r st: Mit dem„wir", an welchem der Reichskanzler Anstoh genommen hat, wollte ich durchaus nicht das bezeichnen, was er anzunehmen schien; und wenn er an- deutele, meine Partei strebe das sogenannte parlamentarische System an, so irrt der verehrte Herr sich sehr. Ich kmn mich auf meine Vergangenheit dafür berufen, daß ich nie Lust hatte, in die Regier ungsrnttiativr irgendwie einzugreifen oder gar das monarchische P inzip zu beeinträchtigen', od das alle an- deren Leute auch geihan haben, ist eine andere Frage. Wir wünschen weiter nichts, als eine nochmalige kommiffarische Prüfung der Sache, die ernst genug ist. Es giebt ja hier Herren, die sich immer gleich klar über Alles find, sobald irgend eine Autoriiäl darüber ihre Meinung geäußert hat; zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Ich wünschte— und äußere das in aller Besweidenheit—, daß der Reichskanzler bei so wichtigen Fragen selbst in der Kommission erschiene. Es handelt sich hier, wie bei so vielen anderen Dingen, über die sehr viel Lärm ge- macht ist, um die neuen Pläne der Kolonisation, um eine ganz neue Politik: und ich meine, daß die Arbeiter der Ministerien gar nicht voll und ganz diese Dinge überschauen können, und daß nur der Autor selbst ganz und vollständig uns seine Pläne mittheilen kann. Wäre das geschehen, so würde viel Staub nicht aufgewirbelt sein. Ich billige aller« dings die Bestrebungen, Afrika genauer zu erforschen: denn dort allein wird überhaupt weiter kolonisirt werden können, es müßte uns denn ein zweiter Kolumbus einen neuen Welltheil entv'ck n. Ob es aber zweck-näßig ist, daß die Er- forschung Afrikas gerade durch diese Gesellschaft geschieht, ist mir zweifelhaft; darüber können wir in der Kommission nähere Auskunft erhalten. Wir müffen sicher sein, daß das von uns bewilligte Geld auch zweckmäßig im Interesse Deutschlands und Deutschlands allein verwendet wird. Das ist ein durch- aus loyaler und korrekter Standpunkt. Die Absicht, der Re- gierung Schwierigkeiten zu machen, haben wir nicht.(Beifall im Zentrum). Reichskanzler Fürst v. Bismarck: Ich weiß nicht, was dem Herrn Vorredner in meinen Worten Anlaß gegeben haben kann, hier mit einer gewissen sittlichen Entrüstung eine Ver- Währung für seine monarchische Gesinnung und für sein Nicht- übergreiten einzulegen, und einen verdächtigenden Seltenblick auf andere, weniger monarchi ch gesinnte Leute zu werfen. Ich verstehe das gar nicht. Ich halte mich ganz genau an ferne Worte. Ich habe auch gar nicht geglaubt, daß er mit dem „wir" etwas anderes bezeichnete als die Mitglieder der Kom- Mission, wie er jetzt auch wieder von mir verlangt, daß ich denen gegenüber die Dinge klarlegen soll. Ich habe schon vor- her den Grund angedeutet, warum es nicht nützlich ist, die Dinge so offen klarzulegen. Außerdem aber muß ich noch sagen: was die Herren mir hier nickt glauben, das werden sie mir auch in der Kommission nicht glauben.(Große Heiter- keit.) Ich habe ja unter Umständen Kredit gehabt,— DiS- pofitionsfonds von 50000 M. und von sehr viel höheren Be- trägen, und es ist mir auch ohne die Kontrole der Afrikanischen Gesellschaft, wie sie hier vorhanden ist, getraut worden, daß sie verständig verwendet werden würden. Warum Sie nun gerade über viese 50 000 M, falls Sie sie bewilligen solllen, einer vorgänoigen Rechnungslegung bedürfen, wozu sie auf Heller und Pfennig verwendet werden sollen, das verstehe ich nickt recht. Wenn Sie koloniale Zwecke überhaupt nicht wollen, ja, meine Herren, dann setzen Sie uns bei Zeiten in den Siand, darauf zu verzichten, indem Sie Alles, was dafür gefordert wird, einfach ablehnen, damit wir nicht noch größere Kosten und Mühe darauf verwenden; dann ist eben opera et oleum verloren. Aber wegen 50 000 M., ob die für die Er- forschung von Afrika in dem Moment, wo die Küsten sich mit neuen Kolonien bedecken, verwendet werden sollen!— wenn Sie dafür nach Allem, was darüber gesagt ist, noch von mir verlangen, daß ich über meine Kräfte hinaus spät nächtlichen Kommisstonssitzungen beiwohnen soll,— ja, meine Herren, ick erfreue mich leider nicht des rüstigen Alters des Herrn Vorredners; es ist für mich schon erne Schwierigkeit, hier den Sitzungen beizuwohnen, und ich würde, wenn der Herr Vorredner sich in ähnlichem leidenden Zustande befände, meinerseits nicht die Grausamkeit haben, ihm zuzumuthcn, zu einer Zeit, wo ich sonst schon schlafe, zwei steile Trepven in die Höhe zu steigen, um der Kommisston beizuwohnen. Ich habe es auch schon gethan bei außerordent- lichcn Gelegenheiten; ich habe es zu bereuen, und mein Arzt hat eS zu beklagen gehabt; und ich bedauere, daß ich für Viesen Fall dem Herrn Vorredner nicht den Gefallen thun kann, die htnterdaltung in der Kommission fortzusetzen. Hier aber, wo ich stehe, bin ich vollkommen dazu brreit. Alle Auskunft, die ich geben kann, habe ich gegeben, d. h. ich habe Ihnen ange- deutet— es ist mir schon ganz lieb, daß Sie mich in die Roth- wendigkeit dazu versetzt haben—, daß wir eine gewisse Vor- ficht zu beobachten haben. Wenn Sie mehr von mir darüber verlangen,— nun, dann muß ich mich in das Schicksal er- geben, daß ich keine Chancen habe, bei Ihnen dies: Sache urckzusetzen. Dann möchte ich aber fragen: wozu noch das Spiel verlängern? wozu noch in der Kommission? Neues werden Sie nicht mehr erfahren.(Sehr wahr! rechts.) Wenn der Herr Vorredner bestimmte Fragen, über die er noch beunruhigt ist, an mich zu richten hätte, so würde ich bitten, das gegenwärtig zu thun. Die Kom- Mission hat dieselbe Öffentlichkeit. Alles, waS ich da sagen kann, kann ich auch hier sagen. Und dazu bin ich hergekom« nun mit einiger Anstrengung und Ueberwindung meiner Schwäche, aber mit dem Gefühl, daß es meine Pflicht ist. In der Kommission zu erscheinen, ist meine Pflicht nicht. Ich bin gesetzlich nach dem Stellvertretungsgesetz vertreten. Es ist überhaupt nicht der Platz der Minister, in der Kommission zu sein; denn die Minister sprechen in letzter Instanz, und die Kommission spricht nicht in letzter Instanz, sondern das Plenum allein. Dazu bin ich zu alt in diplomarischen Verhandlungen, um mit Unler Händlern ohne Vollmacht desinitw unterhandeln zu können. Tie Kommission ist die Stelle für Kommissarien, die Aufk äeungen zu geben haben, und nur in seltenen Fällen wird rs sich empfehlen, daß Minister, die das letzte Wort in einer Sache zu sprechen haben, schon in der Kommilfion ihr Pulver verschießen und nachher erleben, daß die Kommission vom Plenum dcsaoouirt wird, und das Plenum anders ab- stimmt. Auf diesen taktischen Irrweg werden Sie mich nicht verleiten, es gehören andere Fälle und andere Nothwendigkeiten dazu, um mein Erscheinen in der Kommission politesch und tallisch zu rechtfertigen. Diesen Fall rechne ich nicht dazu, aber ich bitte Sie nochmals dringend, im Interesse unserer Kolon ialbestrebungen im Allgememen, und um dieselben nicht »u entmuthigen und von Hause aus erne Hand voll kalt Wasser darauf zu schütten— ich bitte Eier bermlligen Sie diese Forderung und verzögern Sie die Brwrllrgung nicht durch eine weit re Kommisfionsverbandlung. Es knüpfen sich mehrere vrovisorische Forderungen auch an diese, auch der Nachtrags- etat von 188), den wir Ihnen zu bringen haben, in nur des- halb Nachtragsetat, weil die Sache eilig ist Es find das alles ganz unenibehrlicke VorauSgaden und gleilbzenige Ausgaben für das Kolonisationesyslcm überhaupt, und wrc praju- diziren die Sacke durch diese Entscheidung im Kleinen und ent- mutdigen den Enthusiasmus, der augenblicklich dalüc vorhan- d™, W. Ob das in der Abficht Ii gt, ob das nützlich rst. das wrll rch nicht in Ihrem Sinne entscheiden; in meinem Sinne halte>ch es nützlich, j.d'r begeistirlcn Nation, die nicht ober- flächl'ch und in keiner Echützenfeststimmung ist, sondern die in den pedüdersten Kreisen unserer Nation tief wurzelt, die Berückficht'gung nicht zu versagen.(Bravo! rechts.) Abg. R i ck e r t: AuS dem, was uns der Herr Reichskanzler gesagt bat über die Stellung der Kommisston, geht hervor, daß die Budgetkommission gar nicht in der Lage war, über d'e von der Regierung mit diesem Titel verfolgten Politik informirt zu weiden. Wir haben von den Kommi'fionen keine bindenden Erklärungen verlangt, was wir wünschten, war nur, daß sich dieselben im Besitz des gesammten Materials über die von der Regierung verfolgte Politik befänden. Aber in der letzten Zeit ist es wiederbolt vorgekommen, daß uns hier im Plenum erst Mitiheilungen gemacht werden, welche den Dingen, über die verhondelt wird, stets ein ganz anderes Gesichi geben. Ich erinnere Sie nur an den Etat des Reichekanzler-Amtcs. Da wurde uns hier ganz etwas anderes zur Begründung der Mehiforderung mitgerherlt, als wrS die gedruckten Motive zur Rechtfertigung derselben enthalten, und was uns in der Kom- Mission bezüglich derselben mitgctheilt war. Wir haben übrigens diese Position für die kommissarisch' Berarhung gar nicht heraus gesucht, fordern der Führer der Nationalliberalen, Herr von Benda. Der Herr Reichekanzler bat erklärt, daß er seinen Kommissaren keine besondere Instruktion für die Kom- misfioneberathung giebt. Wir werden diese Sache noch erne Weile ruhig mit ansehen, tritt alsdann aber keine Aenderung ein, so werden wir die betreffenden Positionen an die Kommission erst verweisen, nachdem wir uns in einer Vorberathung vom Herrn Reichskanzler selbst die nöthige Aufklärung erbeten haben. Der Herr Reichskanzler sogt: wrnn mir hier nicht geglaubt wird, so weide ich auch in der Kommission nicht Glanben finden. Ganz das Gegentheil ist der Fall. Hat nickt Herr Windthorst betont, wie wir uns freuen würden, den Herrn Reichskanzler in der Kommission zu sehen? Wir verlangen nickt, daß der Herr Reichskanzler sich an den Berathungen jeder Kommisston be- theilrgt, sondern nur in Fällen, wo es sich um Dinge handelt, die für die Entwickelung unserer Politik wichtig sind, die hier im Plenum nickt gern erörtert werden von der Regierung. Der Herr Reichskanzler hat gemeint, über die Pläne der Re- gierung hier keine weiteren Andeutungen machen zu dürfen. Aber er könnte das in der Kommission lhun, die nicht dieselbe Oeffentlichkeit befitzt, wie die Verhandlungen hier, denn die Behauptung ist nicht richtig, daß auch die Kommissionsverhand- lungen rasch bekannt werden. Die Beraihung in der Kommission hat einen mehr vertraulicher.Charakter, es kannüberdies in derselben das Amtsgehcimniß proklamirt werden, das unverbrüchlich von Jedermann gehalten werden wird, dem es Ernst ist mit seiner Liebe zum Vaterlande. Die Verzögerung, welche die Angelegenheit durch eine nochmalige Verweisung in die Kommission erfährt, kann nicht in Betracht kommen, ich schließe mich des- halb dem Antrage des Abg. Windthorst auf eine nochmalige kommiffarische Prüfung des Titels an. Der Herr Reichskanzler meinte, eS sei gar nicht Sacke des Ministers, in die Kommis- stonsfitzungen zu gehen. Haben denn die Herren v. Bronsart, Marineminister v. Caprivi und Staatssekretär Stephan, die des öfiercn in der Kommisston erschienen find, etwas Unrich- tiges gethan? Wir ha en uns gefreut, die Herren dort zu sehen, und wenn nach der Rede des Herrn Reichskanzlers hierin eine Aenderung eintreten sollte, so würde dieselbe sehr zum Nachtheil der Sache ausfallen. Wir haben es stets erlebt. daß, wenn innerhalb der Kommission Mehrforderungen zwischen Ministern und Abgeordneten gründlich erörtert find, dieselben im Plenum fast dedaltcloS bewilligt find. (Der Reichskanzler bat inzwischen daS Haus verlassen.) Sraatssekielär v. B o e t t i ch e r: Auw der Reichskanzler ist selbstverständlich der Meinung, daß die Kommissare zu dem Zwecke in der Kommission zu erscheinen haben, um dort In- formationen zu geben. D e Antworten derselben werden dort so erschöpfend sein, als ihnen nach der Entwick lung der Dinge möglich ist. Etwas Anderes ist es dagegen, ob die Kommissare auch die Ziele der Politik der Regierung angeben können. Dazu sind sie nicht in der Lage und zwar um so weniger, wenn die verbündeten R.gierungen sich noch nicht einmal über eine Frage schlwstg gemacht haben. Ebenso beruht es auf einem Mchverständniß, wenn der Vorrednrr die Meinung batte, in Bezug auf die Theilnahmc der Minister an den Kom- misfionsberatbungen solle nach dem Wunsche des Reichskanz- lers eine Aenderung eintreten. Es ist felbstoerständlich keinem Minister verboten, an den Kommisfionsberaihungen thnlzu- nehmen, und wird auch in Zukunft keinem verboten werden. Ich selbst habe es mir zur Pflndt gemacht, in der Kammisston zu erscheinen, als der mich betreffende Etat zur Berathurg stand, theils aus Konnivenz gegen den Reichstag, theils aus Interesse zur Sache. Der Reichskanzler wollre nur her- vorHeden, daß eine Verpflichtung der Minister, in der Kommisfion zu erscheinen, nicht vorliegt. Ge- statten Sie mir die Bemerkung, daß heute in der Diskussion auch nicht der Schatten eines neuen Argumentes für die vorliegende Position beigebracht ist. Was nun eine neue kommissarische Bcrarbung? Auch nicht ein Titelchen eines Novums würde in deiselben gefunden werden können. Die Regierung würde sich auf die Erklärungen beschränken müssen, die hier und in der Kommission bereits abgegeben sind. Wo bleibt übrigens bei den Herren der Opposition die Konsequenz? Neulich, als es sich um den Etat des Reichskanzleramts han- delte, haben Sie sich gegen eine nochmaliae kommiffarische Berathung jener Titel gewendet. Heute, wo Ihnen ein gleiches Verfabrcn nicht opportun ist, verlangen Sie eine nochmalige Verweisung der Forderung an die Kömmiision, nur um Ob- struktion zu machen.(Große Unruhe links.) Abg. v. Kölker sucht das Verhalten der konservativen Mitglieder der Budgetkornmisston gegenüber den Ausführungen des Abg. Richter zu rechtfertigen. Unbr denjenigen Kom« misfionemitgliedern, welche gegen die Forderung gestimmi habm, defanden fick nur zwei Konservative. Die Angabe des Abg. Richter, daß die Mehrzahl der Konservat'ven gegen die Far- derung gestimmt habe, ist also den thatsächlichen Verhältnissen nicht entsprechend.(Ruf links: Wie viele waren denn da?) Von den sechs Konservativen, welche der Kommiiston angehör- ten, haben zwei mit Ja, zwei mit Rein gestimmt, zwei waren nicht anwesend. Da kann man doch nicht sagen, daß die Mehr- heit der Äonservaiiven gegen die Forderung gestimmt hat. (Lachen links.) Abg. Wtndihorst hat gesagt: Wir prüfen genau und je nachdem die Verhältnisse sind, bewilligen wir eine Forverung oder lehnen ste ab; wir find aber nicht gleich dabei, Ja zu sagen, wenn die Regierung für irgend cine For- derung ist. Ich kann mich dieien Ausführungen gegenüber für unser Verhalten nur auf das Proiololl Wehen. Seit Jahr und Tag befindet sich diese Position im Etal; ncu an ihr ist nur, daß die Forderung von 100 000 auf 150000 Mark erhöht worden ist. Wenn«ine Posit on wie diese seit langer Zeit sich im Etat bifindet, kann doch sicher nicht gesagt werden, daß oieselbe eine wichtige hochpolitische Angelegenheit fei. Die Abgg. Richter und Wmd>ho,st haben beantragt, den Titel nochmals an die Kommission zu verweisen. Ich weiß nicht, was er da soll. Wir find schon heute in der Lage, unser Votum abzugeben. Abg. v. B e n d a: Ich habe allerdings die kommissarische Berathung dieser Posttion beantragt, aber vieselbe war wicht g genug für eine solche Behandlung. Zur Sache selbst kann auch ich nu- bemerken, daß die Angelegenheit in der Kommis« sion auf das E ngehendste eichte. t ist. Auch das ausführliche Referat des Herrn v. Bansen ist ein Beweis dafür. In der heutigen Dikku'flon find Nova nicht beig. bracht worden, auch vom Reichskanzler nicht. Es ist uns nur bestäiigt worden, was uns bereits in der Kommisfion gesagt war, und es ist auch licklig, daß wir neue G'fich'spunkle nicht medr zu erwarten haben. Zwar ist es bisher PrnxiS gewesen, dm Wunsch auf eine nochmalige Verweisung nickt undeiückächtigt zu lassrn, aber diese bisherige Praxis ifi dock nicht bindend für alle Fälle. Wir stimmrn gegen die Venväsung an die Kommisfion, weil neue Momente für die vorliegende Frage nicht mehr zu erwar- ten find. Abg. Richter: DaS ist doch heute die verkehrte Welt. In der Kommisston hat die Mehrheit meiner Partei, 3 gegen 2 Stimmen unter den anwesenden Mitgliedern, f ü r die Bewilligung der vollen Forderung gestimmt. Sie haben ja gar keinen Anhalt, irgendwie zu vermuthen, daß die Ge- sammtheit meiner Fraktion stch anders stellen werde, als die Mitglieder in der Kommisston. Umgekehrt hat jetzt die konser« vative Partei, daß ist jetzt festgestellt, sich mit Slimmengleich- heit für und gegen die Bewilligung in der Kommission aus- gesprochen. Die konservativen Mitglieder haben mit 2 gegen 2, noch andere mit 3 gegen 1 Stimme in der Kommission gegen die Regierungsvorlage gestimmt. Es geht also klar daraus hervor, daß in der Kommisfion die Regierungsfor« derung nur abgelehnt wurde durch das Verhalten der konser« oativen Partei. Nun sollten Sie doch, wenn irgend ein Theil des Hauses nicht im Stande ist, fich so rasch und vollstäikdig zu informiren, wie Sie es außerhalb der Oeffentlichkeit gethan haben, es Anderen nicht verübeln, wenn sie eine größere formelle Behandlung verlangen. In der Weise, wie der Herr Reichskanzler heute gesprochen hat, kann nicht in der Kommisston gesprochen worden sein, oder der Kommisfions« dericht des Herrn von Bunsen wäre unvollstänoig. Nachdem, was meine Freunde berichtet haben, war überhaupt Herr von Bunsen in der Kommisfion der Einzige, welcher über vre Ver- wenvung der Gelder etwas Näheres wußte, selbst mehr wußte, als die Vertreter der Regierung. Was v.nlang-n wir denn eigentlich? Nicht daß die künftigen Forschungspläne, wie der Herr Reichskanzler irrthümlich annahm, dargelegt werden, son- dein eine Nachweisung der bisherigen Verwendung dieser Summe. Es find jetzt im Verlauf der Jahre schon 800000 Mark für solche Forschungszwccke bewilligt worden, und die Jahresraten da'ür finv fortwährend gewachsen von 50000 Mark an. Wir wissen sehr wohl, was die Afrikanische Gesellschaft geleistet hat, aber in allen Büchern, die über deutsche Forschungsreisen erschienen sind, findet fich nur hier und da eine verlorene Andeutung darüber, aber nirgends eine Übersicht, wie wir ste zu erhalten wünschten. Man sagt nicht mit Unrecht, daß, wenn jetzt die Erforschung Afrikas in den Augen der Well eine höhere Be- deutung hat, ganz abgesehen von Kolonialplänen, die nur künstlich damit zusammenhängen, so ist es natürlich, dies« Summe höber zu bemessen, als früher. Wenn eine höhere Summe in Betracht kommt, wächst auch das Interesse des Reichstags, zu sehen, was damit gemacht wird. In welcher eigenthümlichen Lage sind wir doch! Auch die gedruckter» Motive zum Etal enthalten nicht die mindeste An- deutung über die kolonialpolitische Wichtigkeit, wie ste heute im Plenum durch Rede des Reichskanzlers hervorgehoben ist. Es geht beute genau so wie mit der neulichen 20 000 Mark- Position.(Sehr richtig! links) In den Motiven war das Hauptgewicht auf die Abgrenzung der Abtheilungen des Auswärtigen Amts ge- legt(sehr richtig! links), der Unter-Staatssekretär Herr Busch batte daS auch hier ausgeführt: gleich darauf erschien der Reichskanzler, und sagte gerade vas Gegentheil(kört! hört! links), auf die Abgrenzung käme es ihm garnicht an, die Sachen ließen fich auch garnicht so scheiden, es müßten oft alle Abtheilungen bei derselben Sache zusammen arbeiten, nur auf die Vermehrung der Vertrauenspersonen käme es ihm an, deren Unterschrift er die seinige beisetzen könnte. Mitten im Plenum veränderte sich also plötzlich die ganze Sachlage. Man hat uns vielfach verübelt, daß wir unter diesen Umständen jenen Posten nicht an vie Kommisston zurückverwiesen bätten. Heute wird nun aus einem rein sachlichen Grunde dre Zurückver- Weisung in die Kommisfion beantragt, und zwar noch dazu von einem Mitgliede, das schon in der Kommission für die Regierungs« forderung gestimmt hat— und nun ist es ten Herren auch nicht recht. Sie suchen eine einsacke formale Frage künstlich auf- zubauschen.(Widerspruch rechts.) Es soll mich gar nicht wun- dem, wenn Sie demnächst versachen, auch diese Frage zu einer nationalen aufzubauschen; dann wird vielleicht draußen wieder derselbe Läim entstehen, den wir in dm letzten Wochen erlebt haben. Dagegen hätte ich nichts einzuwmden, dann machte stch diese Bewegung vollends lächerlich. Wie man sich sachlich mit einem Reichslage oerständ'gt, namentlich in Fragen, wo auswärtige Beziehungen in Betracht kommen, dafür bat der Kriegsminister ein Muster gegeben. Es war zuerst hier im Reichstage für die Bewilligung gewisser neuer General- und Oifizierstellen w-.nig Stimmung vorhanden, drrauf hat der Kiiegsmin'ster selbst in der Kommisfion nähere Ausklärungen gegeben, die sich zum Theil nicht zur Wiedergabe im Plenum eignen: darauf haben die Kommisstonsmitglieder an die einzelnen Parteien Bericht erstattet und in der nächsten Sitzung der der Kommisfion hat auf Grund der Informationen des Kriegs« Ministers oie Kommission in allen Parteien einstimmig diese Forderungen genehmigt, wie das wabrscheinlich auch im Plenum geschehen wird. So handelt eine Regierung, wenn ste fich sachlich verständigen will. Herr v. Boetticher hat gesagt, wir wollten Obstruktionspolitik treiben. Bisber war es parla- mentarisch nicht Sitte, Jemandem andere Motive unterzulegen, als zu denen er fich bekennt. Wollte ich Herrn von Boetticher auf diesem Wege folgen, so könnte ick sagen: In der Art, wie Sie vorgehen, erwecken Sie den Verdacht, daß es sich bei Ihnen nicht um die Bemilligung der Position handelt, sondern darum, ganz künstlich Konflikte herbeizuführen. (Großer Lärm rechts. Präsident von Wedell ruft den Redner wegen dieser Acußerung zur Ordnung.) Abg Richter(zur Geschäftsordnung): Der Herr Präsi- dent hat mich vollständig mißverstanden. Ich habe nur hypo- thetisch gesagt, daß, wenn ich auf die Weise, wie Herr von Boetticher es uns gegenüber thut, Schlüsse gezogen hätte, so hätte ich zu dieser Acußerung kommen müssen. Präsident v. Wedelt: Wege» des Ordnungsrufes kann ich den Abg. Richter nur auf den geschäslsordnungsmäßigen Weg verwersen. Staatssekretär v. Boetticher: Jede Verweisung dieser Position an die Kommisfion nach einer erschöpfenden Verhanv- lung über dieselbe würde nur dazu dienen, die Sache zu ver« schleppen. Der Vorredner hat stch zwar bemüht, neue Gestchts« punkte dafür aufzufinden, über die er Aufklärung- verlangt, und da eS ihm nicht gelungen ist, dieselben pro futuro zu finden, so hat er fich aus Momente aus der Vergangenheit be- zogen, die scheinbar der Aufklärung bedürftig finv. Er wünscht zu wissen, zu welchem Zweck vie bisher bewilligten Summen verwendet worden sind. Ader auch darüber find bereits Auf« liärungen geqeben. Die früheren Gelder sind zum größten Theil der Afcckanischen Gesellschaft zugewendet worden, um ausgesandte Expeditionen auszustatten. Natürlich find dieselben nickt durchweaaus diesen Fonds zustrndexgekommen, sondern auch aus eigenen Mitteln der Gesellschaft. Daneben hat die Re- gierung auch eigene Expeditionen veranstaltet, wie die de» Major von Mechow, des Dr. Höpfner u. A. Es handelt fich aber bei diesen nur um ganz untergeordnele Beträge. Auch über die Verwendung der Summen durch die Afiikanische Gtsellschast hat eine Kontrole stattgefunden. Der Gang der Dinge war regelmäßig der, daß die Afrikanische Gesellschaft sich mii ihren Plänen an den Reichskanzler wandte: und von demselben ist geprüft worden, ob eine Subvention stattfinden könne von Seiten des Reiches. Erst dann ist die Bewilligung der Sum« men erfolgt. Der Herr Vorredner hat dann noch gefragt nach dem Verhäitniß zwischen dem, was aus der Reichskasse und was aus anderen Mitteln für Expedittonszwecke geleistet ist. Aber daS ist unmöalick. Wir fino gar nicht in der Lage, alle die Kreise, welche Summen für diese Zwecke aufgebracht haben, zu einer Angabe� derselben zu veranlassen. Worauf eS allein ankommt, ist doch die Frage,, ob fich da? System, das bisher bei den Subventionen in Anwendung ge- bracht ist, bewährt hat, ob Gutes mit demselben geleistet ist. ■ ?S«nn in dieser Beziehung Herr Adg- Witte gefragt hat, waS die afrikanische Gesellschaft geleistet hat, so rann ich ihn auf Arbeiten Wißmanns, Lenz S und Nachtigals verweisen; die ihm nicht unbekannt sein können. D c Re» gierung kann nicht Alles gedruckt vorlegen, fie muß darauf rechnen, daß jeder Gebildete diese Arbeiten verfolgt und fich ein Uriheil darüber bildet, ob es gut und nützlich ist, die- selben fortzuführen. sZustimmung rechts.) Wenn Sie dann die Ueberzeugung erhalten, daß das Bedürfniß zur Be- willigung dieser Summe ein dringendes und die Mehr- forderung von 50000 Mark nur eine bescheidene ist, so werden Eie dieselbe bewilligen können, und zwar schon heute, da nichts Neues wehr erbracht werden kann für den, der Augen hat, zu sehen.(Beifall rechts.) Abg. Windthorst: Ich bleibe dabei stehen, daß eine Zurückverweisung an die Kommisston erforderlich ist. Aller- dings kann eine Kommisston lidiglich beschließen, wenn fie von den Intentionen der Regierung unterrichtet ist, und ich kann dabei einen Unterschied zwischen faktischen Aufklärungen und Meinungen nicht machen. Wenn wir eine Summe für einen neuen Zweck bewilligen sollen, wüsten wir wiffen, wohin die Reise geht. Herr von Boetticher sagt, es wäre nichts Neues mehr vorzubringen, und dabei hat er selbst eine ganze Menge Neues vor- gebracht! Generell wünschte ich, daß bei so wichtigen Feagen ein schriftlicher Bericht seitens der Kommisston erstattet würde(Aba! rechts); der Referent hat entschieden eine sehr glänzende Be« fürwortung der Posttion geliefert, aber nicht objektiv und von dem, was der Herr Staatssekretär eben vorführte, kein Wort berichtet. Niemand ist im Hause, der dem Reichskanzler nicht Alles glaubt, was er Thatsächlickes anführt; an- ders mit seinen Meinungen. Hier werden wir berechtigt sein, mit der Bescheidenheit d-r Männer, welche nicht so unterrichtet find, wie der Reichskanzler, Meinung gegen Meinung zu stellen. Wollte ich meine Mei- nung der des Reichskanzlers, wie er verlangt, unterordnen, so wäre ich hier ganz überflüsfig. Gegen den Ausdruck„Ob- struktion", den der Herr Staatssekretär gebraucht hat, prottstire ich entschieden; auch wir haben das Recht, mit Rückstcht be- handelt zu werden!(Beifall links und im Zentrum.) Nach einigen unwesentlichen persönlichen Bemerkungen wird der Antrag auf Zurückverweisung der Posttion an die Budgetkommisfion in namentlicher Abstimmung mit 135 gegen 128 Stimmen angenommen. Der Rest des Epezialetats des Reichsamts dcS Innern wird ohne Debatte bewilligt. Darauf vertagt fich das Haus. Schluß 5'/« Uhr. Nächste Sitzung Sonnabend 1 Uhr. (Nachtrogs etat betr. die Dampfbarkaste für den Gouverneur von Kamerun.)_ K o k l e s. g. In der Angelegenheit der Durchlegnng der Tau- benftraße nach dem Hausooigteiplotze erfahren wir von zuver- läjfiaer Seile, daß die Miether der bei der zur Niederlegung in Folge des Durchbruchs in Betracht kommenden Häuser am Hausvoigteivlatz von der Eigenthümrrin dieser Häuker, der Deutschen Ballgesellschaft, am 1. April d. I. per 1. Juli er. gekündigt werden. Bemerkt hierbei muß werden, daß die sämmtlichen interesfirlen Micther Kontrakte mit Kündigung von Vierteljahr zu Vierteljahr Kaden. Hiernach dürfte also noch im Laufe dieses JahreS mit der Durchlegung der Taubenstraße der Anfang gemacht werden. Die Beerdigung des im Duell gefallenen Studenten Holzapfel hatte deute Mittag viele Tausende nach dem Jakobi- kirchhof am Rollkrug geführt. Schon lange vor Beginn der Feier mußte der Friedhof geschlossen widem Der noch ge- öffnete Sarg war für die nächsten Hinterdlrebenen in der Leichenkammer ausgestellt. Die Studirenden, der Ausschuß der llniverfität war mit dem Unioerfitaisbanner und der Falultats- fahne der philosophischen Fakultät erschienen. Im Namen des Ausschusses legte ein Mitglied desselben-inen Lorbeerkranz auf dem Sarge nieder. Der Verein deutscher Studenten, für den Freiherr von Zedlitz einen Kranz mrt Widmungsschleife spendete, war vollzählig erschrenen. Die Korps hatten je 3 Chargirte entsandt, die vier hiefigen Burschenschaften waren gleich den drei Reformburschen- schaftkn und den fünf Verbindungen in corpore erschienen. Auch die Freie wissenschaftliche Vereinigung hatte fich mrt der Fahne eingefunden. Zahlreiche andere Vererne überbrachten Kränz« oder Palmen, zum größten Theil mit Schleifen in den Farben der Verbindungen. Die Feier selbst gestaltete fich überaus weihevoll. Das Musttkoips des Mufikervereins in- tonirte zunächst einen Choral, dann sang der Henneberg'sche Chor das„WaS Gott thut, das ist woblgethan", dem die Trauerrede des Prediger Seyring folgte. In feierlichem Zuge wurde dann die irdische Hülle des Verewigten nach der offenen Gruft überführt. Der fett vier Jahren als Vorrangirer bei der An- Halter Bahn beschäftigte Herr F. Grüble, Vater von vier Kinder erhieft unter dem 8. Januar d. I. seine sofortige Ent- laffuna. Der Grund bierfür soll darin zu suchen sein, daß Herr G- bei den letzten Rcichstagswahlen Stimmzettel, welche auf den Namen des sozialdemokratischen Rcichstagsabgeordneten lauteten, vcrtheilte. Man hatte ihn deswegen bei seinem Be- triebsamt denunzirt. g. Die Kgt. Staatsanwaltschaft beim Landgericht Ii. zu Berlin hat drs jetzt trotz eifrigster Naozforschungen nicht den Tbäter ermitteln können, welcher am 13. August v. Js. Nach- mittags gegen 1 ein halb Uhr die verehelichte Arbeiter Auguste Hennicke aus Velten in dem Königl. Forst-(Schutzbezirk Hohenschöpping) angefallen und ihr ein Portemonnaie mit 1,25 Mark Inhalt geraubt hat. Sodann zog der Unbekannte ein Messer und stieß der Hennicke, welche sein writeres Anfinnen, fich seinem Willen zu fügen, beharrlich ablehnte, in die Brust, so daß die Kleider und das Hemde durchlöchert wurden. Hier- durch erschreckt und um ihr bedrohtes Leben zu retten, gab die H. endlich ihren Widerstand auf. Nach der Beschreibung der Ueberfallenen ist der Thäter ca. 5' 4" groß, kräftig gebaut und im Alter von 29 bis 30 Jahren. Die Kleidung bestand in einem dunklen Anzüge, weißem Chemiset, schwarzer Haisbinde und schwarzem Hut, sog. Gründer, ferner führte der Unbe- kannte einen Krückstock von a elblicher Farbe bei fich. Derjenige, welcher Kenntniß von der Person des Thäiers oder von sol- chcn Thatiachen hat, welche aus die Spur des Thäters führen könnten, wird um schleunige Mittheilung entweder an die ge- dachte Staatsanwaltschaft oder an die nächste Polizeibehörde ersucht. a. Entsetzlicher Unglücksfall- Gestern Morgen gegen 6 Uhr wurde von mehreren Personen unmittelbar an der am Ende der Tbaerstraße befindlichen sogenannten schwarzen Brückt, dicht beim städtischen Zentral-Viehhofe, die Droschke II. Klaffe Nr. 5550 den Abhang hinuntergestürzt und der Kut» scher aus mehreren Wunden im Genick und an der Stirn blutend, unter seiner Droschke liegend t o d t vorgefunden. Das Pferd hatte sich von den Strängen losgerissen und war frei umherlaufend in der Nähe des Viehhofes aufgegriffen worden; eS wurde vorläufig in einem Ecklachthause auf dem Viehhofe untergebracht. Wie der Augen'chein lehrt, ist der mangelhafte Zustand der Brücke, der ein Geländer fehlt, sowie die voll- ständig ungenügende Beleuchtung dieses Theils der Thaerstraße die Haupischulv an dem traurigen Unglückefall, der nur da- durch herbeigeführt sein kann, daß der Kuischer in der ver- floffenen Nacht beim Pasfiren der Brücke mit seinem Gefährt in Folge der herrschenden Mängel in die Vertiefung gestürzt ist und so seinen Tod gefunden hat. Ein furchtbares Ende fand, wie der„Germania" erzählt wird, vorgestern in den Nachtstunden ein junger fcingekleideter Mann. Derselbe ging offenbar„bezeckt" über den Polsdamer Platz. Sein besonderes Vergnügen bestand darin, vor jungen Frauenzimmer» in lustig sein sollender Weise den Hut zu schwenken. Als er diesen„Scherz" auch beim Ueberschreitcn des Potsdamcrplatzes machte, wurde er. von einem Wagen er- faßt, überfahren und sofort getödtet. Der Kopf war beinahe vom Rumpfe getrennt. Die Leiche des Unglücklichen, der an- geblick den drsseren Ständen angehörte, ist nach der Morgue geschafft worden. g. Die Leiche eines bisher noch nicht rekognoszirten Mannes ist am 8. v. Mts. zu Ober-Schönweide, in der Scho- nung der Köpenicker Forst aufgefunden worden. Nicht un- wahrscheinlich ist es, daß die Leiche mit einer Person identisch ist, welche in Berlin vermißt wird. Der Verstorbene war mittelgroß, im Anfang der 30er Jahre, hatte braunes Kopf- haar und rolhblonden Schnurbart. Bekleidet war er mit noch gut erhaltenem Anzüge, bestehend aus Rock, Hose und Weste aus dunkelkarrirtem Stoff, Stiefeln mit Gummizug, Oberhemd, darunter ein wollenes Hemd, Unter dein kleidern, baumwollenen Socken und schwarzem Frlzhut mit hellgrünem Futter. Eventuelle Mittheilungen in Bezug auf den Verstorbenen nimmt der Ämtsoolsteher Herr Krieger in der. Oberförsterei Köpenick ent- gegen. Polizei-Bericht. Am 7. d. M. Nachmittags wurde ta Knopfmachcr Franzel in der Knopffabrik von Röhll, Köpniili straße 3—5, durch den Stempel einer von ihm bediert Knopfprcsse der Mittelfinger der linken Hand zerquetscht.(o% Franzel nach Bethanien gebracht werden mußte.— Am 3. d I Nachmittags wurde in der Neuen Jakodstraße der Häuft Wagner in Folge eigener Unvorfichtigkeit von einem Gw der Feuerwehr überfahren. Er wurde ebenfalls nach BetbaBJ gebracht.— Zu derselben Zeit kam in der Altenberg'sD Holzwerkzrug-Fabrik, Müllerstraße Nr. 161, der Aibrt Köster unvorfichtigerweise mir der rechten Hand der Kai säge zu nahe und wurde ihm der Zeige- und Mittelfinger fast» geschnitten. Köster wurde nach der Königlichen Klinik gebroli — An demselben Nachmittage wurde ein Mann in der La» wehrstraße, auf einem Hausboden an einem Nagel hänge» todt vorgefunden. Derselbe hatte sich vorher schon durch ei» Schuß in den Mund zu tövten gesucht. Die Leiche wurden« dem Obduktionshause geschafft.— An demselben Tage Abrt> wurde der Langestraße 108 wohnhaste Kaufmann Keller int Kannonierstraße plötzlich vom Blutsturz befallen und versi« kurze Zeit darauf in der Wohnung seiner Mutler, Ja? straße 70, wohin er auf seinen Wunsch gebracht worden m« Arbeiterbewegung, Vereine uuü VerSnmmwngen. Der Arbeiter- Bezirksverein für den Osten Verl« hielt am Dienstag, den 6. Januar, in Krller's Gcsellfchq sälen, Andreasstraße 21, eine Mitglieder- Versammlung> welche durch d,n erst-n Vorsitzenden Herrn Herold um 9 I eröffnet wurde. Nachdem derselbe de Anwesenden bear! unv in seiner Ansprache einen Rückblick auf die Thärigkeitl Vereins im verflossenen Jahre gemacht, ersuchte er die Ä qlicder, dafür zu sorgen, deß der Verein immer mehr an ner Mitgliedern zunehme und korSerte die Anwesenden auf,; das fernere Warbsen und Gedeihen des Vereins ein drciir ges Hoch auszubringen, in welches die Versammlung krä einstimmte. Ferner theillc er mit, daß der Vc ein wiede> durch den Tod ein tüchtiges Mitglied, den Strumpfwi August Wülfel, verloren hake und forderte auf, das denken des Verstorbenen durch Erheben von den Plätze« ehren, welcher Aufforderung nachgekommen wurde, i 1. Punkt der Tagesordnung„Statutenänderung" nahm Herold das Wort und Iheilte mit, daß von Seiten drs i starrt es im Interesse des Vereins einige Anträge auf Av rung der Statuten vorlägen. Nachdem das Statut mit- Acnderungsanträgen verlesen und in eine Spezialdi- kus nicht eingetreten wurde, nahm die Versammlung daffelb bloc an. Nach Erledigung des Fragelastens machte der! fitzende auf die nächste Generalversammlung des Verl welche am 20. Januar in demselben Lokale stattfindet, auf» sam und theilte mit, daß er gezwungen sei, das Amt als i Vorsitzender niederzulegen, da er wegen Ucberbürdung andern Arbeiten diesem Amt nicht mehr vorstchen könne, es erforderlich sei. Schluß der Versammlung um 10 Uhr. Der Fachverein der Berliner Kürschner nnd Bet genossen feiert am 19. Januar 1885, Abends 8 Uhr, Schützenhause, Linienftraße 5, das erste Stiftungsfest, ver den mit Tanz, deklamatorischen Vorträgen, unter N!itwii> des Kürschner-Gesangvercins. Die Feier scheint sich zu recht amüsanten zu gestalten, da auch die Kürfchner-V von Leipzip, Dresden, Hamburg u. s. w. Delegirte entse.., Freunde des Vereins machen wir ganz besonders darauf? mcrksam. BilletS sind zu haben bei Berger, Königstra�. Wedemeyer, Brandenbrngerstraße 4, L'vin, KetbelstrqM G'unert, Elrsabethkirchstraße 9, und im VereinSlokal«VreraM straße 33 bei Seefeld. Auch möchten wir alcichreitig«Ä am 20. Januar stattfindende öffentliche Versammlung sm licher Kürschner Berlins, einberufen von der Lohn-Kommi! welche ebenfalls im Schützenhause stattfindet, auf" machen. Briefkasten äer Keäaktion. O. M. Rüdersdorf. In Betreff des Romans Sie fich gefälligst an die Expedition dieses Blattes w« Das Zuschicken wird nicht angehen.— Die betreffende Ka vorhanden; wenden Sie fich an Hrn. Zimmermann G. Ou Eisen bahnpr. 20, Hof l, Berlin. Theater. Königliches OderrchauS: Heute: Der Trompeter von Säckingen.___ Königliche« Echaushielhau«: Heute: Rosenkranz und Güldenstern._ Deutsche« Theater: Heute: Der Weg zum Herzen. «ellealliauee-Theater: Heute: Der Raub der Sabinerinnen, Schwank in 4 Aktm von Franz und Paul Schönthan._ - ifi* Friedrich,«ithelmftäbtische« Theate»: Heute: Gasparone. Ceutral-Theater:_ Alt« Jakobstraße 30. Direktor: Ad- Ernst. Heute: Der Walzer-König. Heut«: Der Klub. «iestdenz-Theater: Direktion Anton Anno. Walkalla-Otzeretteu-Theater: Heute: Der Frlbpredizer.__ �g�seuttüdiische» Theater: Heute: Jenny Walvmann._ $ Ofteud-Zbeater: Heute: Der Prinz von Monte Fiasco. W-llner-Theater: Heute: Die goldene Spinne. Heute: Sulfurina. Hauptziehung Jan.— 31. Jan. 0�"" Preußische Loose: 16 EBEg*. Original'|, 350 Mark,'k 154 Mark,'l. 72 Mark, Antheile'k 30 Mk., 15 Mk., 7,50 Mk., 4Mk. tfxphr 1 Geschäft Friedrichstraße 61, Telephon 4L DViLiWIUL UeUI., g,„ Königstr. i, Ecke Burgstr.. 311 Vittoria-Theater: Alhambra-Theater. Heute- Die Galloschen des Glücks. 45 Allen denen, die meinem lieben Manne, dem Strumpf« wirker Friedr. Wülfel, die letzte Ehre erwiesen haben, insbesondere den Mitgliedern des Arbeitcr-Bezirksvereins für den Osten, sage ich meinen tiefgefühlten Dank. Wittwe Wülfel. Arbettsmarkt. Ein Knabe von 15 Jahren v. außerhalb sucht einen tüchtigen Lehrmeister zur Erlernung der Tischlerei. t... 4.8 Gest. Adr. Friedrichs berg, Blumenthalstr. 20 b. H. Elias. Mein Korbwaaren-Geschäft will ich verk.(Mielhe 324 Mk.) 47__ Jnl. Glaser. Wienerstr. 11. Die Nr. 12 der humoristischen Blätter „Der wahre Jacob ''____ s. 1_>...«„„.v V rnT? m-r-atf" H ist«schienen und in der Exped. d.„Verl. BolkSbl." zu haben Central- Krall Ken- nnd ÄerbeKasse der Schuhmacher 44 und verw. Berufsgenoffen Deutschlands. (E. H. 32. Oertliche Verwaltungsstelle verlin.) Montag, den 12. Januar 1885, Abends 8 Uhr, General- Versammlung in Niest's Saal, Kommandantenstc. 71—72. Quittungsbuch legilimirt. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Um zahl- reiches E> scheinen ersucht_ I. A.: Der Bevollmächtigte. Fachverein der Gürtler und Berufsgenossen. Sonntag, den 11. Januar, Vorm. 10'A Uhr, Mariannenstraße 31—32 bei Herrn Gollbard, Mitglieder-Verfammlung Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Regelung des Arbeitsnachweises. 3. Verschiedenes. 4. Fragekasten. Neue Mitglieder weiden aufgenommen. Mitgliedsbuch legitimirt. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, find willkommen. 34_ Der Vorstand. Fachverein d. Nähmaschinenarbeiter und Berufsgenoffen. Sonnabend, d. 10. d. M., Abends 8'/, Uhr, in Feuer- stein's Restaurant, Alte Jakobstr. 75, Hersammkung. 38 Tages- Ordnung: 1. Bericht über den Metallarbeiter- Kongreß in Gera. 2. Verschiedenes. Weacn der Wichtigkeit der Tages-Ordnung wird um zahl- reichen Besuch ersucht. 38 Der Borstand. Versammlung des Fachvereins d- Posamentierer u. Setdenknopfn.-, Montag, d. 12«., AbendS präz. 3'/. Uhr. tzolzmarktstr.' Tagesordnung: Wissenschaftlicher Vortrag des f Schafer, Prediger der freireligiösen Gemeinde, u. Diskusß Alle Kollegen find hierzu freundlichst eingeladen. willkommen.__ Der Vorsta Ortskranken- u. Steröekasse d- Aöttch Sonntag, d- 11. d. M-, Vorm. 10 Uhr, Lichtenberge#' bei Herrn Heise, General- Versammlung» Tagesordnung: 1. Wahl von 6 Vorstands-Mitglic«» 2. 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