Nr. 259. Erscheint täglich außer MonlagZ. Abonnements- Preis pränum.: Vierteljährlich z.go Ml., monatlich l.io Marl, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer Z Pjg., Sonntags- Nummer mit tllustrirter Sonntags-Beilage„Die Neue Welt" lOipfg. Post- Abonnement: ZMMt. pro Quartal. Unter Hreuzbanb für Deutschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Attsland 3 Mark pro Monat. Eingetragen i Standpunkt zu stelle» und eine Handlungsweise„durchaus zu verdammen". Ob aber ein solches Verdammungsurtheil mehr dem christlichen Standpunkt entspricht, als wenn man eine auf den ersten Blick verdammenswerth scheinende Handlung einer geuaneii Untersuchung unterzieht und diejenigen Umstände, welche zu entschuldigen geeignet sind, bc- zeichnet und hervorhebt,— das möge Herr B. einmal be- denken. Wenn er an den Spruch: Richtet nicht u. s. w. denkt, wird er die Wahrheit wohl finde». Mag iiiin die Art, wie der frühere Herr Einsender die Handlungsweise des Offiziers mit der Ehrennothwehr des Königs zu entschuldigen suchte, eine glückliche sein oder nicht,— daß man den Offizier, der jedenfalls unser Mitleid in hohem Maße verdient, entschuldigt, ist einfach C h r i st e n p f l i ch t. Herr v. Brüsewitz verdient sogar Anerkennung, daß er so lange an sich gehalten hat, wie er nach den letzten Berichten gethan hat, daß er alle ihm zu Gebote stehenden Mittel, eine Sühne, wie er sie für den ig ihm beleidigten Stand, den deutschen Wehr- stand, für eine thätliche Beleidigung, die ja vorlag, un- bedingt sofort fordern mußte, zu erlangen versucht hat. Als der Wirth sich weigerte, den lliempler hinaus- zuwerfen, als letzterer allen Versuchen, ihn zu einer Eni- schuldigung zu bringen, ein trotziges„Stein" entgegensetzte, da konnte der Offizier nicht einfach seine Mütze nehmen und seiner Wege gehen. Er wäre ein Waschlappen, wenn er so gehandelt hätte. Da mußte er von seiner Waffe Gebranch mache.« und den Beleidiger auf der Stelle züchtigen und öffentlich zeigen, daß ein deutscher Soldat nicht ungestraft sich thätlich beleidigen lassen darf. Daß er dem ungefährlichen Hieb den gefährlichen Stich vorzog, niag ja durch seine jeden- falls hochgradige Erregung gekommen sein. Daß ein Menschenleben bei dieser Affäre geopfert wurde, ist gewiß sehr zu b e d a n e r n. Zu bemitleiden ist aber auch der Offizier, der in einer so rohen Weise provozirt und ge- z w u n g e n ist, sich mit der Waffe Genugthuung für die ihm angethane Schmach zu verschaffen.-- Ob da nun freisinnige Blätter ihren Lesern vorlügen, das Stöcker'sche„Volk" oder gar Stöcker habe dies oder das gesagt, kann doch nicht in betracht kommen." Es ist eben nicht das wahre Christenthnm, sondern ein ganz verfälschtes, das mit dem Christenthnm der Apostel nichts als den Namen gemein hat, das hier und in den» vertheidigten Artikel des„Volk" zur„Anwendung" kommt, das für die Neichen und Mächtigen gegen deren Opfer und Äiisbeutungsobjekle Partei ergreift.— — Der Prozeß Schröder. Die Revisionsverhandlnng gegen den vom Bezirksgericht zu Tanga zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheiltcn Friedrich Schröder vor dem Gericht in Dar-es- Salaam ist nach hierher gelangten Nachrichten bisher nicht zu Ende geführt worden. Es wurde vielmehr weitere Beweis- erhebung beschloffen; einige jetzt iu Europa weilende Herren sollen als Zeugen vernommen werden. Man glaubt, daß der neue Termin Ende dieses Monats werde stattfinden können.— Dänemark. — Dem F o l k e t h i n g ist ein Antrag aus zwangsweise Einführung der Zivilehe zu- gegangen. Derselbe hat folgenden Wortlaut:„Die Ehe kann rcchtsgillig nur vor der bürgerlichen Behörde geschlossen werden. Kein Geistlicher oder anderer Religionsdiener darf eine neue Ehe feguen, bevor nicht gesetzliche Dokumente vorliegen, daß sie vor der bürgerlichen Obrigkeit geschlossen ist."— — DaS neue Besteuern ngsgesetz für die Gast- w i r t h s ch a f t e n, das zur Zeit im Parlament zur Be- rathung vorliegt, läuft in der Hauptsache darauf hinaus, eine große Anzahl Personen in Abhängigkeit von der Regierung zu dringen. Der sozialistische Abgeordnete Jensen führte in einer längeren Rede aiis, daß dem Publikum durchaus nicht damit gedient sei, wenn man die Wirlhshäuser iu eine Art Sipotheken verwandle. Solche Privilegien könnten leicht ein« gefährliche Waffe in der Hand der Regierung werden. Der Antrag wurde schließlich an«ine Kommission von 11 Mit- glietec» venviesen.-- Frankreich. Paris, 8. November. Depntirtenkammer. DaS Haus ist stark besetzt. Der Minister des Innern Barthou bringt eine Vorlage ein, durch welche ein Kredit von einer Million Franks für die durch die U e b e r s ch w e m in u n g e n Ge- tchädigten gefordert wird. Hierauf bringt Cochin(Rechte) eine Juteipellation ein über die Ereignisse in Armenien und schildert in längerer Ausführung die dort begangene» Greuellhateu. Er schließt, indem er an die alten Traditionen Frankreichs erinnert, wAches Europa auffordern solle, den Blut- fleck im Orient wcgznwaschen. De Mun tadelt die Unthätigkeit Enropa's und klagt den Sultan an, daß er den Metzeleien kein Ende gesetzt habe. Hubbard(radikal) spricht sich gegen jede Intervention aus; Redner glaubt, daß Rußland und Frankreich die nöthigen Reformen beim Sultan durchsetzen können. Paris, 2. November.(Eig. 83er.) Das gestrige Attentat auf zwei S ch u tz m ä n n e r läßt sich nicht gut„sruktifiziren". Der Thäler, ein löjähriger arbeitsloser Bursche, namens Leymarie, bekennt sich zwar demonstrativ zum Anarchismus; auch wurden in seiner Wohnung verschiedene anarchistische Zeilungs- nuinmerii und Broschüren gefunden. Doch scheint er selbst nach den Poltzei-Mittheilungen geistig anormal zu sein. Er leidet offenbar an Verfolgungswahn. So beklagte er sich gleich beim ersten Verhör, von der Polizei siieng überwacht worden zu sein; jeden Tag be- fürchtete er, verhaftet zu werden, namentlich seil den Maffenverhaftungen bei der Ankunft des Zaren. In Wirklichkeit war er der Polizei, die die Anarchisten unablässtg überwacht, gänzlich unbekannt. Das Elend der Arbeitslosigkeit(er war Scheuerbursche in Epeisewirchsckasten) hat dann den verrückten Plan, sich an den„Verfolgern" zu rächen, in ihm zur Reife ge- bracht. Er hatte übrigens noch in letzter Stunde, nachdem er einen ganzen Tag nichts genossen, versucht, sich durch den Ver- kauf seines UeberzieherS über den Hunger hinwegzuhelfen. Der Trödler wollte ihm aber die paar Franks nicht auszahlen, bis er sich vergewissert hätte, daß der Ueberzieher nicht gestohlen worden sei.„Auch dieser da steht im Dienste der Polizei!" flog es dem Unglücklichen durch den Kopf. Nun„rettete" er sich schnell aus der Bude, den Ueberzieher zurück- lassend, und nach wenigen Minuten, führte er seinen „Racheplan" aus. Den Revolver hatte er ein paar Wochen vorher gekauft mit dem ihm von den Eltern geschickten Geld«. Im Falle Leymarie hat mau es sozusagen mit einer ehrlichen Verquickilug von Anarchismus, Elend und Verrücktheit zu thun. Ganz anders im Falle des vorgestern verhafteten ver- antwortlichen Redakteurs des Anarchisten- b l a t t e s„L i b e r t a i r e". Er wurde unter der Beschuldigung der Hehlerei festgenommen infolge der Verhaftung von zwei Einbrechern, die sich ebenfalls für„Anarchisten" ausgeben. Die „Kompagnons" mögen unter sich ausmachen, ob ihr Vertrauens- »»aun ein zum Anarchismus bekehrter gemeiner Verbrecher oder ein zun» Verbrecher gewordener Anarchist ist.— — Der Staatsrath hat die Wahl des Genossen C a l v i g n a c zum Bürgermeister und Gemeinderath von Carmaux a n n u l l i r t, da derselbe wegen Beamtenbeleidigung eine Gefänguißstrafe von 40 Tagen erlitten. Anderes war von dem Ministerium Melius nicht zu erivarten.— I» Commcntrii wurde am 1. November der 4. Kon- greß der sozialistischen Gemeinderäthe ab- gehalten. Die drei vorhergehenden fanden in St. Qucn, St. Denis und Paris statt. Die Zahl der Kongreß- Mitglieder belief sich auf SS, die 13S0 Gemeinden vertraten,»vorunter Dijon, Lyon, Marseille, Lille, Toulon, Carmaux, Albi»c. Die Majorität bei dem Kongresse hatten die Blaiiquisten, den Vorsitz führte der sozialistische Deputirte Vaillant. Der Kongreß beschloß, auf die Einführung des staatlichen Alkohol- Monopols und die Entlastung der gesundheitsförderlichen Getränke nznwirken, und besprach auch die bevorstehenden Senatoreuwahleu. iesbezüglich äußerte er sich dahin, daß die Städte nur für Kandidaten stimmen sollten, die Anhänger der Beseitigung des Senats sind. Ueberdies sollen die nengewählte» sozialistischen Senatoren sich verpflichten, daß sie nicht länger als einen Monat den Sitzungen beiwohnen und dann demissioniren wollen, nach- dem sie eine Rede zu gnnsten der Verfaffungsrevision gehalten haben.— Versailles, 3. November. Das Erkeuntniß des Pariser Schwurgerichts, durch welches Ar ton wegen Unterschlagung. begangen zum Schaden der Dynamitgesellschaft, zu 6 Jahren Zwangsarbeit verurtheilt worden war, war wegen eines Formfehlers aufgehoben worden. Die Angelegenheit gelangte des- halb heute vor dem hiesigen Schwurgericht zur wiederholten Ver- Handlung. Es sind nur wenige Zuhörer anwesend; der Prozeß scheint jedes Interesse verloren zu haben. Als im Laufe des Verhörs der Präsident auf die Panama- Angelegenheit anspielte, erklärte Arton in sehr nervöser Weise, er werde bei der englischen Regierung die nöthigen Schritte thu», im» die Ermächtigung zu erlangen, daß er auch wegen der Panama- Angelegenheit abgeurtheilt werden könne.— Belgien. Gent, 3. November. DaS Blatt„Het Licht" erklärt, Anseel« möge es nur wegen Verleumdung verklagen; es werde alsdann durch Zeugen und Dokumente darthun,.daß Anseele während einer revolutionären Arbeiterbewegung einem Anarchisten 200 Fr. für den Ankauf von Sprengstoffen gegeben hatte. Anseele wird diese Nachricht, die niemand glaubt, der ihn und seine laugjährige Thätigkeit wie seinen unausgesetzten Kampf gegen die Theoretiker und Praktiker des Anarchismus kennt, kaum zu demenliren brauchen. Gegenwärtig geht eine schmutzige Verlenmdungshatz gegen unsere belgischen Genossen los, der auch die Spalten der deutschen und natürlich auch der freisinnigen Presse geöffnet werden. Dieser Schlammstrom von Verleumduugen beweist nur, wie unbequem und gefährlich das unausgesetzte Anwachsen der belgischen Bruder- parte» den liberalen und klerikalen Bourgeois ist.— Brüssel, 3. November. Die christlich-demokratische Liga hat im ganze» Lande ein Neferendiin» organisirt, betreffend die Mittel und Wege, den Arbeitern, welche über öS Jahre alt sind, eine Pension zu sichern.— England. London, 31. Oktober.(Eig. Ber.) In Ost-Bradford haben die Liberalen nach langem vergeWcheil Suchen einen Kandidaten gefunden, der mit Keir Hardie und dem Tory um den Sitz streiten soll. Unsere Genossen von der Jndepeiident Labour Party haben den Vorsprung, den ihnen die Kandidaten- suche der Liberalen gelassen, gut ausgenützt. Es haben schon massenhasl Versammlungen stattgefunden, auf denen die besten Redner der Partei ihre Lanze für Hardie ins Zeug legten. Ein Theil der Liberalen war dafür, in Form eines Kompromisses den Sitz freiwillig an die Jndepeiident Labour Party abzutreten, um ihre Ziistimmung zu entschiedener Vertretung der Arbeiterinteressen zu beweisen; das Anerbieten ist aber abgelehnt worden. Unnütz zu sagen, daß der jetzt aufgestellte Liberale alle aktuellen Arbeiterforderungen aus seinem Programm hat. Montag finden in Bradsord, wie in ganz England, die Munizipal, vahlen statt; an ihrem Ausfall wird man die Aussichten Hardie's bemessen können.— Italic». Rom, 8. November. Neuerdings eingelaufene Meldungen bestätigen, daß zwischen den Soldaten RasMangascha's und den italienischen Truppen in der letzten Zeit wieder heftige Zusammen st öße stattgefunden haben, und daß es auf beiden Seiten Tobte und Verwundete gegeben hat. Des weiteren wird bestätigt, daß 80 000 Abessynier bis zum Aschantisee vorgedrungen sind. Ein neuer Krieg mit Abeffynien scheint im Anzug« zu sein. Spanien. — In Verona ist eine revolutionäre Ver- s ch w ö r u n g entdeckt worden; zehn Personen wurden kürzlich in dem Dorfe Rippoll verhaftet, auch wurden daselbst belastende Schriftstücke ausgesunden.— Asien. Peking, 2. November. Dem Kaiser ist der Rath ertheilt »Vörden, L i- H u n g- T s ch a n g aller seiner A e m t e r zu entkleiden; der Kaiser hat indessen entschiede», daß an stelle dieser Strafe Li-Hung-Tschang mit dem Verluste eines Jahres- gehaktes zu bestrafen sei. Da werden ja alle Unternehmer Europa'S und der Ver- einigten Staaten, die so sehnsüchtig auf Li-Hung-Tschang's Be- ftellung von Panzerschiffen, Torpedos, Kanonen und Flinten warteten, recht betrübt sein.— Zur Stadtvcrordncten-Wahl in Magdeburg werden unsere Parieigenosfeu im Wahlbezirk Neustadt einen Kan- didaten aufstellen. Die siuauziellen Erfolge der sozialdemokratischen Partei von Altona sind im letzten Jahre recht günstig gewesen. Der Vertrauensmann Tölge vereinnahmte in der Zeit vom 24. Ottober 1895 bis zum 20. Oktober 1896 12 254,19 M.. das sind 2160,07 M. mehr als im vorigen Jahre; die Ausgabe betrug 8304,25 M., so daß ein Kassenbestand von 3449,94 M. blieb. Von dieser Summe wurde» 1500 M. dem Partei- Ausschuß in Hamburg überwiesen. Polizeiliches, Gerichtliches ee. — Wegen„groben Unfugs", verübt durch Veröffentlichnng eines Boykotlaufrufs gegen die Bauer'sche und die Frey- berg'sche Brauerei, wurde Genosse M a n n i ge l, der veranr- wortliche Redakteur des„Volksblatts für Halle" zum dritten Mal zur höchsten Strafe von 6 Wochen Haft verurtheilt.— Derselbe Genosse war wegen Beleidigung der Staats- an waltschaft vom Schöffengericht zu 20 Mark Geldstrafe oder 4 Tagen Gefängniß verurlheilt worden, weil während der Reichslagsivahl im„Volksblatt" die Frage gestellt worden war: „Wann wird die Staatsanwaltschaft gegen die vier Vereine ein- schreiten, welche unter wiederholter offener Verletzung des Gesetzes gemeinsam für die Kandidatur Kllhme enitreten und auch Versammlungsanzeigen gemeinsam iinterzeichnen?" Das Urtheil hatte Befremden erregt, da ein Artikel mit hincinbezogen war, für welchen Mannigel gar nicht die Verantwortung trug. Ferner war dem Urtheil noch ein Leitarttkel zu gründe gelegt, der gar nicht unter Anklage stand. Auf der einen Seite war angenommen morde», Mannigel sei eine vorgeschobene Person und auf der andern Seite hieß es, er habe den zur Anklage stehenden Artikel in Verbindung mit dem Leitartikel gebracht; auch wurde gesagt, er habe nicht in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt. Kurz, es waren Widersprüche in dem Urtheil. Genosse Mannigel legte Berufung ein. Vorm Landgericht vertheidigte er sich da- gegen, der Staatsanwaltschaft eine Pflichtwidrigkeit vorgeworfen zu haben; er stützte sich auf die Begründung der beschließenden Straskammer, welche die Eröffnung des Hanptverfahrens ab» lehnte; im übrigen gab er zu, sich bei Veröffentlichung jener Notiz in eine»» Nechtsirrthum befunden und nachträglich erst be- merkt zu haben, daß die Staatsanwaltschaft wegen§ 21 des Vereinsgesehes und§ 17 des Wahlgesetzes gegen die vier Vereine nicht vorgehen konnte. Der Staatsanwalt, der ebenfalls Berufung eingelegt hatte, beantragte Aufhebung des Urtheils erster Instanz und Vornrtheilimg des Angeklagten zu 4 Wochen Gefängniß. Ans den begleitenden Umständen gehe hervor, daß der Angeklagte in böser Absicht gehandelt habe. Wollte er richtig handeln, so hätte er sich über das Vorgehen jener Vereine bei der Staatsanwaltschaft beschweren können. Das Landgericht er- kannte jedoch auf F r e i s p r e ch u u g. In der Uitheilsbegrün- düng hieß es u. a., es müsse zugegeben werden, daß der An- geklagte in einem Rechtsirrthume gehandelt hat, es stehe ihm auch der Schutz des§ 193 zur Seite und im übrigen habe der Gerichts- Hof bei dem Beschlüsse über die Ablehnung des Hauptverfahrens verbleiben müffen. — Genosse Gärtner, der verantwortliche Redakteur der „Fränkischen Tagespost" in Nürnberg, wurde in den» von» ehemaligen Nürnberger Polizeihaiiplina»»» und Offizier a. D. P a l in b e r g e r gegen ihn angestrengten Be- leidigungsprozeß vom Schöffengericht freigesprochen. Die „Tagespost" batte Palmberger zum Vorwurf gemacht, daß er in seine» Stammkneipen mit Vorliebe»veniger Bier bezahlt, als er getriinken habe, und somit die Kellner fortgesetzt schädigte. Die Verhandlung dauerte fast den ganzen Tag. In» Urlheil»vurde ausgeführt, daß ein Jrrthuin der Kellner allsgeschlossen sei. Paliiibergei's Verhallen lasse auf Kleptomanie oder noch Schliinmeres schließen. Er habe absichtlich zum Schaden der Kellner gehandelt, denen ziveifellos Glauben zu schenken sei. Ein jedes Wort des Artikels sei erwiesen. Derselbe sei zwar scharf, aber nicht zu scharf gewesen. Gemerkschafttiches. Zum Streik der Lithographen und Steindrucke»' Berlins. Auf die in der Sonnabendnummer des„Vorwärts" veröffent- lichte Bekanntmachung der L o h n k o in in i s s i o n find uns noch die in nachfolgendem wiedergegebenen Be r i ch t« g u n g en z»- gegangen. Sie haben wieder die gleichlautende Einleitung: Es ist milvahr, daß„fämmtliche Kollegen,»velche in Ringdruckereien beschäftigt»varen, ausständig sind." Im übrigen lauten die Berichtigungen: In nnserein Betriebe sind zur Zeit 35 männliche und 108 »veibliche Arbeiter in Thätigkeit. Hohenstein u. Lange, Prinzen-Allee 84. In meinem Betriebe sind zur Zeit 32»nännliche und 45 »veibliche Arbeiter in Thätigkeit. Adolph Engel, Am Tempelhoser Berg 5A. In unserem Betriebe sind zur Zeit 16 männliche Arbeiter in Thätigkeit. Werner u. S ch u m a n». Von der Lohnko»»» Mission der Lithographen und Stet i» druck er Berlins wurde uns geschrieben: Jedem Leser wird beim Durchsehen der„Berichtigungen" elnlenchten, daß ei» gemeinsames Machwerk der Fabrikanten vorliegt. Die an- geführte» Zahlen»nögen richtig sein, niir vergessen die Herren Chefs beizufügen, a»ls»velchen Kräften sich ihr arbeirendes Personal zusammensetzt, nämlich aus Bl«chbi„d»rn und deren Hilfskräften(in vielen Anstalten wohl 100 und mehr Mädchen), ferner Lehrlingen,»velche überhaupt an irner solchen Bewegung nicht theilnehme» dürfe». Die Buchbrnder und Hilfsarbeiterinnen»vurde» von uns bestimmt, die Arbeit nicht zu verlassen, trotzdem von verschiedenen Seiten Verstlche gemacht »vorden sind, uns durch Aufbürdung dieser hunderte von Hilss- kräfte» in nnsern Zahlungen zu erschöpfen. Rachdeu» dieser Trick nun gescheitert, brüsten sich die Herren»nit ihrem arbeitenden Personal, das»vir ihnen gern z»»r Bezahlung überlasten. Die vo» uns bisher gemachten Angaben halten»vir ausrecht. Wenn wirklich hier»»nd da einige Kollegen sich den Streikenden nicht angeschlossen haben, so ist das für das Gesainmtresnltat belanglos. Der Geist unter den Ausständigen ist einfach als großartig zu bezeichnen und»vird auch durch keine Machination der Herrn Chefs zu erschüttern sein! Au die Arbeiter Teutschlands! Äin 28, Ottober ist der S t e t t i n e r M a u r e r st r« i t offiziell für beeidet erklärt»vorden. Jedoch sollen noch jene Baulen streng gemieden»Verden, wo die Forderungen nicht be- willigt sind; es sind dies die Bauten einiger Jnnungsnieister. Auf 20 dieser Bauten arbeiten insgesaumit 70 Maurer,»vogegen über 300 daselbst beschäftigt»verde»» können. Die Herren ver- suche» nun, durch Agenten und Annoncen in den Kreis blättern»c.„bei hohem Lohn und dauernder Beschäftigung", wie sie überall verkünden lassen, in ganz Pommern soivie Mecklenburg und i» den angrenzenden Gegenden vo» Brandenburg und auch in Schlesien»»»d den polnischen Distrikten Maurer nach Stettin anzniverben, wobei sie natürlich verschweigen, daß sie den am Orte befindliche» Maurern den geforderten Lohn nicht zahlen»vollen. Wir sind überzeugt, daß diese Zeilen säinmtliche Genossen veraiilassen »verde», unsere Kollege» allerorts über die Verhältniste in Slellin aufzuklären und dadiirch den Verlockungen der Slettiner Unter- nehmer gebührend entgegenzutreten. Der Zuzug ist streng fern- zuhalten. Die Lohnko»»Mission der Stettin er Maurer. Alle arbeiterfreundlichen Blätter, politische soivie gewerkschaft- liche, werden um Abdruck gebeten. Zur Bewegung der Berliner Burcau-Augestellteu. Die Vertreter der Organisation der Biireaii-Angestelllen hielte»» am 28. Oktober mit der A n w a l t s k o»» m i s s i o n eine ge- metnsame Sitzung ab.»vo eine d i e A r b e i t s- und Lohn- Verhältnisse regelnde Vereinbarung zu st an de k a m. Man einigte sich über folgende Bestimmungen: 1. Die Arbeitszeit soll acht Stunden täglich(mit drei- stündiger Mittagspause) betragen und sich von 8—12 Uhr und von 3—7 Uhr erstrecken. 2. A r b e i t s l o h n. ES ist ein Minimallohn festzusetzen. Derselbe belrägt monatlich: a) für Lehrlinge im Alter von 14 Jahren 20 DI., solche im Alter von 15 Jahren 30 M., vo» 16 Jahren 40 M., vo» 17 Jahnen 50 9)1.(Diejenigen Angestellten, die daZ 18. Lebens- iahe überschritten haben, sind Kanzliste».) b. für Kauzlisten iin Alter von 18-25 Jahre» 75 M.. über 2o Jahre» 90 M. c. für Bureauvorsteher im Alter von 18—25 Jahren lOOM., über 25 Jahren 125 M. -A � Kündigungsfrist ist festzusetzen für Bureau. Vorsteher auf einen Monat, für alle andere» Angestellten auf 14 Tage. Die Kündigung darf beiderseits nur zum Ersten des -"suuals erfolge». Während der Dauer der Kündigungsfrist erhalt jeder Angestellte täglich nachmittags von 4— k Uhr freie Zeit,»in sich»ach einer anderen Stellung unisehen zu können. lieber eiue seitens der Arbeitgeber-Vertreter geivünfchte Probedieustzeit für Bureauvorstcher konnte eiue Uebereinstimmung nicht erzielt iverden. 4. U e b e r st li n d e ii- n ii d S o n n t a g s a r b e i t. Die Sonntagsarbeit hat als völlig entbehrlich nicht stattzufinden. Ueberstundenarbeit muß extra bezahlt werden und zwar: a» Kanzlisten mit mindestens 0,50 M. pro Stunde, a» Bureanvor- fteher mit inindestens 1 M. pro Stunde. Junge Leute unter 18 Jahre» dürfen zur Ueberstundenarbeit nicht herangezogen werden. 5. Urlaub. Während der Gerichtsferien sollen sämmtliche Angestellten ohne Gehaltsabzug beurlaubt werden und zwar: Bureauvorsteher auf mindesteus 3 Wochen, alle anderen Au gestellten auf mindestens 14 Tage. lieber die Errichtung eines gemeinsamen Arbeits- Nachweises in Verhandlung zu trete» lehnte die Anwalts- komuiission ab. Den Bureau- Angestellten wird in einer öffentlichen Ver- saunnlung Gelegenheit gegeben werden, sich über diese Vereinbarung zu äußern, und der Berliner Anwaltverein wird in seiner De- zember-Versainutluug über dieselbe Beschluß fassen. Achtung, Putzer Berlius! Zum Ausstand der Fassaden- Putzer auf dem Bali von Mücke, Prenzlauer-Allee 43, ist mit- zutheilcn, daß sich die Jnnenputzer mit den streikenden Kollegen solidarisch erklärt haben. Der ausführende Maurermeister hatte die von den Ausständigen beanspruchten Fordenmgen anerkannt und einen diesbezüglichen Vertrag aufgesetzt, welcher nur der Unterschrist harrte.'Als jedoch Dienstag früh der Bauhm und Geldgeber. Großfabrikant M ü ck e, aus dem Bau erschien, lehnte er rundweg jedwede Preiserhöhung ab und befahl den Putzern, sofort den Ball zu verlaffen, wer nicht zu den alte» Bedingungen weiter arbeite» wolle. Hierauf entfernten sich sämmtliche Fassadeuputzer und auch die Jnnenputzer. welche erklärten, nun ebenfalls die Arbeit ruhen zu lasse», bis den ausständigen Kollegen ohne Maßregelung der geforderte Preis bewilligt wird. Die unterzeichnete Kommission sowie die im Ausstand befind- lichen Kollegen appelliren nun an das Eolidaritätsgefühl der Putzer Berlins und Umgegend, sie in diesem gerechten Kampfe dadurch zu unterstützen, daß sie jenen Bau fo lange meiden, bis die Sache beigelegt ist. Wir envarten auch von den bei Putz- meistern arbeitenden Kollegen, daß sie ihren streikende» Arbeits- brübern nicht in den Nücke» fallen, also nicht durch Aufnahme der Arbeit dem Kapital zum Siege verhelfen. Die Lohnkommission der Putzer Berlins. Die Agitation«uter de» Angestellte» im deutsche» Gastwirthsgetverbe ist im Herbst wieder eifrig betrieben worden. Die Agitationskommission in Berlin hat in de» letzten Wochen Versammlungen veranstaltet in allen größeren Städten Sachsens und Thüringens, wie Leipzig, Dresden, Erfurt u. s. w. Ein Referent besuchte das Rheinland und Westfalen, wo in Wiesbaden, Mainz, Frankfurt a. M., Köln a. Rh. Düffeldorf, Elberfeld u. f. w. Versammlungen abgehalten wurden. In den meisten der genannten Städte wnrde die Gründung von Vereinen beschloffen oder eine Umformung schon bestehender in die Wege geleitet. Dort, wo die Organisirnng diesmal noch nicht gelang, wird ein zweiter Versuch voraussichtlich den erwünschten Erfolg haben.— Außerdem sollen von seilen der Agitations- kommission noch im Laufe dieses Winters die Städte Königs- berg, Danzig, Stettin. Elbing u. a. m. mit Rednern beschickt werden. tu Lübeck dauert der Streik auf dein Emaillir-Werke h i e I u. Söhne unverändert fort. Zuzug von Metall- arbeitern aller Branchen ist streng fernzuhalte». Ferner ersuchen die Ansständigen um materielle Unterstützung. Sendungen sind zu richten an E r n st B e n d s e l d t in Lübeck, Lederstr. 3. Ans Hamburg. Von den 600 M o t o r f ü h r e r n der Straßenbahn sind etwa 500 in den Ausstand ein- getreten. Der Betrieb wird durch Hilfskräfte zun, größte» Theil aufrechterhalten. Gegen die Drohung der Polizei, den Streikenden wegen Kontraktbruches den Fahrschein zu entziehen, haben dieselben durch einen Rechlsanivalt Beschwerde eingelegt. — Die Motorführer verlange» 110 M. Minimallohn pro Monat (diesen Lohn erhalten sie jetzt erst nach 10 jähriger Thntigkeil), freie» Sonntag, wenn ihr freier Tag(alle 13 Tage) auf einen Sonntag fällt, und einige andere Kleinigkeiten, wie Lieferung eines Regenrockes.— Die Direktion sucht den— geminderten— Verkehr durch Einstellung aller Kontrolleure und Depotarbeiter aufrecht zu erhalten. Ueber den Stand des B u ch b i n d e r st r e i k s wird be- richtet: Es haben 73 Firmen bewilligt, während 56 noch rück- ständig sind. Hierbei ist jedoch zu bemerken, daß diese 56 Ge- fchäfte zu den kleineren und kleinsten gehören. Im Ausstände befinden sich 80 männliche und 53 weibliche Arbeiter in 47 Ge- schäften. Hervorzuheben ist noch, daß das Personal der Kartoniragenfabrik von Schönheit in Ottensen die Arbeit wegen Nichteinhaltens der bewilligten Forderungen ebenfalls niederlegte mit dem Resilltat, daß nach zweitägiger Dauer des Aus- standes die Angelegenheit als geregelt zu betrachten war, In betracht kamen hier 7 Buchbinder und 38 Arbeiterimien, welche mit geringe» Ausnahmen die Arbeit ruhen ließe».— Die Streik- kommission erläßt folgenden Aufruf: Wir ersuchen unsere Kollegen des In- und Auslandes, den Zuzug nach Hamburg st r e n g st e n s fernzuhalten. Arbeitsgelegenheit ist hier nicht vorhanden. Alle diesbezüglichen Korrespondenzen sind zu richten an C. Grimm, pr. Adr.: Restaurant zur Carlsburg, Hamburg, Curienstrnße 11, Ecke Fischmarkl. Sonstige Sendungen sind zu richten an H. Schmidt, unter der gleichen Adresse. Ju Ottensen stellten sämmtliche Arbeiter der Schuh- fabr i k von J.Stock u. K o. die Arbeit ein. Der Grund war folgender: Während des schlechten Geschäftsganges wurde seit etwa 8 Wochen nur 3 Stunde» täglich gearbeitet. Der Werk- führer erklärte nun am Sonnabend denjenigen, welche bei voller zehnstündiger Arbeitszeit einen Wochenloh» von 24 M. erhielten, sie könnten wieder die volle Woche arbeiten, wenn sie dafür mit 21 M. vorlieb nehmen wollten. Darauf wollten diese aber nicht eingehen, bcrielhe» sich vielmehr mit den anderen Kollegen und das Resultat dieser Berathung war, daß den Ge- schäfts- Inhabern folgendes schriftlich unterbreitet wurde. Die Arbeiter ersuchen: 1. daß den Zwickern die Arbeit bei der Ausgabe komplet überliefert wird, Schäfte und Böden in einem Korbe zusammengepackt, damit die Zwicker nicht erst stundenlang an der einen Stelle aus Böden, an der anderen auf Schäfte warten müssen; 2. daß die Arbeitsräume bei Beginn der Arbeit genügend erwärmt sind; dazu wären zwei Oese» im Maschinensaale nöthig; 3. daß die Arbeitsräume allabendlich gefegt und die Fenster mindestens allmonatlich einmal geklärt werden; ferner soll täglich zweimal frisches Wasser besorgt werden; 4. daß Entlassungen von Arbeitern nur am Sonnabend, und zwar nach vorheriger dreitägiger Kündigung erfolgen sollen; 5. daß der Lohn Sonnabends vor Schluß der Arbeitszeit in jedem Arbeits- raun» und au jede» in einem Kouvert verschlossen übergeben wird.— Für den Fall, daß die Firmeninhaber auf diese Forde- rungen nicht einzugehen gewillt sind, fordern die Arbeiter Bei« behaltnng dir jetzigen achtstündigen Arbeitszeit und für Lohnarbeiter einen Lohnanfschlag von 5 Pf. pro Stunde, für Akkord arbeiter einen'Ausschlag von 5 Pf. für jedes Paar Schuhe. Die Firmeninhaber lehnten Punkt 1, 4 und 5 ab, worauf das Personal die Arbeit einstellte. Es bittet um strenge Fernhaltuug des Zuzugs. Die Wagenführer der elektrische» Strastenbah» i« Leipzig haben an die Direktion eine Eingabe gerichtet, worin sie um Erhöhung des Monatsgehalts auf 100 M.. um feste An- stcllung nach drei Monaten und um andere Regelung der Dienst- zeit unter Einführung von zwei Jouren ersuche», die wöchentlich zu wechseln haben. Jetzt bekommen sie 80 M., das Personal wird oft gewechselt, und was die Tour anlangt, so kommt es jetzt wöchentlich 2 bis 3 mal vor, daß die Wagenführer nachts nur 3—4 Stunden der Ruhe pflegen können. Die weit entfernt wohnende» Bediensteten bleiben deshalb häufig gleich im Depot, um dort die paar Stunden auf der Bank zu schlafen. Der Amtsanwalt in Görlitz hat auf die von dem Töpfer G r a m s d o r s gegen den Verband der Töpferinuung ein- gereichten Anzeigen erwidert, daß er es ablehnen müsse, gegen die Töpfermeister Anklage wegen Verrufserklärung zu erheben. Zur Begründung dessen wird angeführt:„Wenn die augestellleu Ermittelungen auch ergeben haben, daß die Beschuldigten durch die Fachzeituug„Die Thouwaaren-Jndnstrie" ihren Berussgenossen bekanntgegeben haben, daß die Ofensetzer am hiesigen Orte die Arbeit niedergelegt hätten, auch auf grund des Verbandsstatuts ersucht haben, die streikenden Görlitzer Ofensetzer nicht eiuzu- stellen, so ist doch nirgends erkennbar, daß eine Verrufserklärung durch Slnwendnng körperlichen Zwanges, durch Drohungen oder Ehrverletzung erfolgt ist." In Licbcuau bei Prag haben die Textilarbeiter der Firma G e b r ü d e r P e ru tz, die seit dem letzten Streik zum größten Theil der Organisation beigetreten waren, die Arbeit abermals eingestellt, weil ihre Vertrauensleute gemaßregelt worden sind Die Zahl der Streikende» beträgt 200. Fort mit de» Triukgeldcru. Unter dieser Devise bat sich in L o n d o n ein neuer Kellnerverein gebildet. Obgleich die Einladung vornehmlich an die englischen Kellner gerichtet war(das fremde, namentlich das deutsche Element ist unter den Londoner Kellnern übrigens fast eben so stark vertreten, als das einheimische), waren viele Ausländer anwesend und den Vorsitz führte ein Deutscher. In der Diskussion wurde das Restaurant im englischen Parlament(Houso of Commons) als der größte Schwitzkasten(srveat-sbox), der für Kellner in ganz London existirt, erklärt.(Im Restaurant des deutschen Reichstags und in dem des preußischen Landtags liegen, wie in voriger Session der Abgeordnete Singer mittheilen konnte, die Verhältnisse ähnlich.) Das Trinkgeldsystem wurde von den Rednern als das„den ganzen Stand demoralisirende, die Be theiligten zu skavischen, unterwürfigen Menschen degradirende und darum verwerflichste Zahlungssystem" gegeißelt. Der neue Verein will eine feste Zahlung von wöchentlich 30 M. für sechs 12stündige Arbeitstage anstreben, wofür aus„tips"(Trinkgeld) verzichtet werden soll. Zur Ausnahme meldeten sich 47 der A» weseuden. Mnkevttrhmer-VerbÄnde. Der Verein für die Rübenzucker- Industrie des Deutschen Reiches geht ebenfalls mit der Gründung eines Zucker- s y n d i k a t s schwanger. Das in Magdeburg erscheinende „Zentralblatt für die Zuckerindustrie der Welt" bemerkt dazu:„Da der Verein für die Rübenzucker- Industrie des Deutschen Reichs der berufene Vertreter für die Interessen der Gesamintindnstrie ist, so darf man wohl annehmen, daß der Verein der Rohzuckersabriken ihm die Führung in dieser An- gelegenheit überlassen wird." Es handelt sich also jetzt»in die Syndikatsprojekte, das Jnlandssyndikat, hinter dem die Raffinerien siehe», das des Vereins der lllohzucker-Fabrikanten und das des Vereins der Rübeuzucker-Jndustriellen, Berichtigung. Im gestrügen Artikel über das Inlands- Zuckersyndikat ist im Ansang ein Fehler enthalten. Nicht 30 pCt., sondern— wie auch später richtig angegeben ist SO pCl. der Zuckerproduktion will das Syndikat auf sich vereinigen. Äiozmlos. Mädchen zn»n Kornuiachc» will die Bergische Stahl-- Jndustrie-Gesellschaft in Li ei» scheid einstellen. Den Formern erwächst dadurch eine neue Konkurrenz. Bürgerliche Sozialpolitik. In der vogtländischen Stadt Reiche nbach lehnte die Stadtverordneten-Versainmlung den Zlnlrag mit 10 gegen 8 Stimmen ab. zur Beschaffung eines warmen Frühstücks und von Kleidern sür Schulkinder 800 M. in den Etat einzustellen. Der Schulausschuß hatte sich einstimmig da- gegen erklärt, nicht wegen der geringen Kosten, sondern wegen des Prinzips, die Eltern von der Sorge um ihre Kinder zu entbinden, die Kinder zu„Neid" und„Begehr- lichkeit" zu veranlassen. Zur Kenntuiß wurde dann genommen, daß der Rath der Stadt die Schaffung eines Gewerbe- g e r i ch t s zum dritten Mal abgelehnt hat, obwohl Reichenbach ein bedeutender Fabrikort ist. Die Ablehnung wurde u. a. damit begründet, daß diese Einrichtung der Sozialdemo- kratie förderlich sei. Dasselbe Stadtverordueten-Kolleginm be- willigte aber nahezu einhellig 3400 M. zum Sockel des Kaiser- Denkmals. In Oesterreich ist die Enquete über Abänderung des Kra nkenver sicher ungs-Gesetzes, die sür den Monat November projektirt war, vertagt worden. Sie wird voraus- sichtlich im Januar nächsten Jahres vorgenommen werden. Tie Advokatenkanlnicr Wiens hat sich für die Ein- ü h r n n g d e r S o n n t a g s r u h e in den Advokatur- Kanzleien erklärt. Das Ministerium hatte die Kainmer um ihr Gutachten ersucht. VevsÄnrmlmtüen. Tie im graphische» Gewerbe im Streik b e f in d- lichen und arbeitslosen Arbeiter und Arbeite- r i n n e n hatten sich am Montag Nachmittag wieder in so statt- licher Zahl versammelt, daß der große Saal bei Keller bis auf den letzte» Platz gefüllt war. Der Referent Sillier kennzeichnete die Situation als unverändert und gut. Wenn man die massenhaften langen und fetten Annoncen vorn„Kliinsch'schen Anzeiger" bis herab zur„Stettiner Abendzeitung" sah, konnte man annehmen, daß sich eine wahre Völkerwanderung nach dem Eldorado Berlin geltend machen würde, jedoch die Hoffnungen der Herren Ringprinzipale, große Heerde» von Streikbrechern an- zuwerben, ist an dem gute» Geist und der strammen Disziplin der hiesigen und auswärtigen Kollegen gescheitert, und wo es mit Hilfe aller Lift wirklich glückte, haben sich die Kollegen mit den Streikenden solidarisch erklärt. Nachdem nun dieser Schach- zug mißglückt ist, versuchen es die Herren mit der Abfchreckungs- theorie. In kindlicher Naivetät werden jetzt sogenannte schwarze Listen versandt, bekanntlich ein privilegirtes Paradepferd der Herren Arbeitgeber. Aber auch dieser Machination steht die Ge- animtheit ebenso lächelnd gegenüber, wie der von den Prinzipalen angestrengten Massenabschlachtung wegen des fog. Kontraklbruchs. Thatsächlich ging aber die Berechnung dahin, die geschlossenen Reihen der Arbeiter durch eine etwaige Einigung vor dem Ge- werbegericht zu durchbrechen. Dieses Manöver war aber zu durchsichtig und ist demzufolge zurückgewiesen. In frivoler Weife ist uns der Streik ausgezwungen. und wir waren genöthigt, den Fehdehandschuh aufzunehmen in einer für uns günstigen Kon- unltup» was allerdings die Herren Prinzipale im blinden Eifer nicht in Rechnung gezogen haben. Namentlich die kleineren Ring- firtnen, welche bishe» über die schKilose KonkurrAtj der großen klagten.sie haben übersHm.daßsieinehrdenniemals zerquetschtwerdeu. In blinder Unterwürfigkeit haben sie sich gerade der Diktatur einzelner großen Gekfälthaber auf Gnade und Ungnade über- liefert und machen de» Veitstanz mit, statt mit den Arbeitern in friedlicher Weise dt« Konjunktur auszunutzen, wie es that- sächlich einige weitsichtige Firmen lhun. Wenn nun in andern Ländern die Fabrikaulen versuchen, die Situation in unserem Gewerbe auszunützen, dann haben die Ringinhaber kein Recht zum klagen, es ist ihr Werk, die deutschen Arbeiter aufs Pflaster geworfen zu haben. Wie Sillier betont, laufen täglich Sympathiebezeugungen von Prinzipalen aus dem Ausland ein mit der Zusicherung fernerer kräftiger Unterstützung. Dieser frohe Ausblick für die Zukunft legt uns aber auch die Ver- pflichtung auf, einig und geschlossen unsere Sache zu verfolgen und Unterhandlungen nur mit der Geschäfts- resp. Lohukoniniissiou als rechtsverbindlich zu betrachten. Der Referent schließt mit der Mahnung, nicht einen Schritt rückwärts, sondern vorwärts zu gehen; hallen wir weiter so mannhaft aus, dann ist der Sieg unser. Die Versammlung bekundete ihr Einverständniß mit stüriur- schem Beifall. Die Redner der verschiedenen Firmen konnten wieder- holt bekunden, daß die Einmüthigkeit und Begeisterung unter den streikenden Arbeitern und Arbeiterinnen dieselbe wie zu Anfang ist. Der Vertreter der Streikenden von der Weltfiruia W. Hagel- berg konnte sogar den Bericht wie ein Börsianer in den Worten zusaininensassen— loeo fest—. Gerade diese Standhaftigkeit wurde jubelnd aufgeiiommen. Sämmtliche Redner versprachen mit den beweglesten Worten diesen von den Prinzipalen frivol heraufbeschworenen Streik bis zum endgiltige» Siege mannhaft und treu durchzuführen, selbst wenn die schwersten Entbehrungen auferlegt werden sollten. Folgende öiesolulion wurde einstimmig angenoininen. „In anbetracht der Ausführungen des Referenten spricht die heutige Versammlung ihre vollständige Zuflimmung aus. Sie verpflichtet sich namentlich bei Verhandlungen mit den Prinzipalen nur die von ihr gewählte Kommission anzuerkennen. Zugleich geloben wir, fest und treu zusammen zu hallen, bis der Sieg unser ist." Mit einem begeisternden Hoch auf das Gelingen ihrer ge« gerechten Sache trennte sich die imposante Versammlung. Eiue öffentliche Bersaniinlnng der Webermeister, Tuch- macher»ud Raschmacher tagte am Montag bei Niest, Weber- straße, um zu dein Entwurf eines Minirnal-Lohntariss Stellung zu nehme». Außer den Berliner Innungen waren in der ver- hälnißinäßig schwach besuchten Versammlung Vertreter von Strauß- berg, Bernau ec. anwesend. Den gedruckt vorliegenden Tarif, in dem alle Einzelheiten der vorkominendeii Arbeiten enthalten sind, begründete der stellvertretende Obermeister Scholz, indem er darauf hinwies, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Willkür des Fabrikanten vollständig freier Spielraum gelassen ist, da eine be- stimmte Lohnbnsis gänzlich fehlt. Der Tarif ist aufgebaut a ff die zur Zeit üblichen Preise und enthält, abgesehen von einigen geringfügigen Zuschlägen auf einzelne Zlrbeileu von 1—5 pCt. zu den Normalsätzen, keine Lohnerhöhung, um, wie der Redner meint, die Weberei nicht gänzlich von Berlin zu vertreiben. Nach den in dem Tarif seslgesetzten Sätze», die berechnet sind auf eine zehnstündige Arbeitszeit eines mittelmäßigen Ar- beiters, würde von den Meistern ein Preis von 3,60 M. erzielt iverden. wovon die Arbeiter nach dem Zweidrittelsysteni 2,40 M., das ist der ortsübliche Tagelohn, erhalten. Trotzdem der Redner vordem anführte.daß die Lohnreduziruugen seitens derFabri» kanten, begünstigt durch die Gleichgiltigkeit und die gegenseitige Mißgunst derWebermeister.beständig auf der-Tagesordnuiig sind und das was in günstigen Konjunkturen errungen wurde, längst wieder verloren gegangen ist, glaubt er von der Ausübung'eines besonderen Drucks auf die Fabrikanten abrathen zu müssen, zumal sich einige im zustimmenden Sinne geäußert haben. Im weiteren hofft der Redner, der die Einrichtung von Arbeiter- und Handwerker- Kammern fordert, daß gesetzliche Maßregel» getroffen wer- den, die eine Regelung der Löhne ermöglichen. Den Ausführungen des Referenten trat K o tz k e entgegen, der die Ansicht aussprach, daß weder eiue Reform nach dieser Rich- tung zu erwarten ist, noch die Unternehmer aus purer Menschlich- keit freiwillig etwas zugestehen werden. Es sei vielmehr noth- wendig, daß durch eine gewaltige Bewegung über ganz Deutsch- land der Tarif zur Durchführung gelangt, um das Unter- nehinerthnni zu hindern, die Löhne noch aus ein tieferes Niveau herabzudrücken. Der Redner empfiehlt den Zu» sammenschluß der Meister in einen Verband, der auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung steht, um mit den Arbeitern gemeinsam bessere Verhältnisse zu erkämpfen. Der Obermeister der S t r a u ß b e r g e r I n n u n g bezeichnet die Lage der Haudwebcrei als eine trostlose. Trotzdem man aus Anrathen lange Jahre ohne Protest alles hingenommen hat. um der inechainschen Weberei nicht Vorschub zu leisten, sind nur noch einige Spezialartikel vorhanden, die nicht mit der Maschine fertig gestellt werden. Selbst wenn eine sogenannte günstige Kon- junktur eintritt, sei auf eine Besserung der Lage der Handweber nicht zu rechnen, da es sich nicht um nothleidende Agrarier. sondern um arme Weber handelt, die fast ihre Existenz- berechtigung verloren haben. In der weiteren Diskusston, ander sich der Obermeister der Berliner Innung Kölzer, Braun, H i r s ch m e i e r- Bernau und andere betheiligte», wurde wieder- holt darauf hingewiesen, daß dieses Handwerk dein Untergang ge- weiht ist, trotzdem aber alles versucht werden müsse, der Roth einigermaßen zu steuern. Mit der Durchführung des Tarifs soll die Schmutzkonkurrenz beseitigt und eine Lohngleichheil erzielt werden. Wie angeführt, haben sich die Fabrikanten sogar er- boten, die Kosten eines Kongresses, der sich damit beschäftigt, zu tragen. An den verschiedenen Orten haben sich die Innungen bereits sür den Tarif ausgesprochen. Auf den Vorschlag des 'Referenten wurde beschlosfen, den.Verband der Weber- und Wirker-Jnnunge» aufzufordern, das Berliner Gewerbegericht als Einignngsamt anzurufen, um mit den Fabrikänten eine Ver- ständigung herbeizuführen. Depesttzen und letzte NÄcheuJjten. Hamburg, 3. November.(W. T. B.) Der Streik der Motorführer ist als beendet zu betrachten; fast sämmtliche Führer nahmen im Laufe des heutigen nachmittags die Arbeit wieder auf. Die Direktion bewilligte einen Theil der Forderungen. Ruhestörungen sind nicht vorgekommen. Trier. 3. November.(W. T. B.) Die königl. Eisenbahn- Betriebs- Inspektion giebt bekannt: Verflossene Nacht entgleiste bei der Station Hatzenport(Strecke Trier-Koblenz) ein Wagen des Güterzuges 938 in dem Augenblicke, als auf dem anderen Gleis der Güterzug 939 im Anfahren begriffen. Der Wagen wurde von der Maschine des kreuzenden Zuges erfaßt und zur Seite geschleudert, ein zweiter Wagen des Zuges 938 zertrümmert und die Maschine nebst 12 Wagen des Zuges 939 mehr oder weniger beschädigt. Per- sonen sind nicht verletzt worden. Der Betrieb auf einem Gleis konnte nach 6 Stunden. auf dem zweiten Gleis nach weiteren 5 Stunden wieder aufgenommen werden. Ursache der Eni- gleisung steht noch nicht fest. Wie», 3. November.(W. T. B.) Im Abgeorduetenhause wurde heute über den Driiiglichkeitsanlrag Bareuther auf Erlaß eines Gesetzes zum Schutze der Wahlfreiheit verhandelt. Nach längerer Debatte beschloß das Haus mit großer Majorität, den Antrag Bareuther an den Strafgesetz-Ausschuß zurückzuverweisen. Paris, 3. November.(W. T. B.) Mehrere hundert Ar- beiter der Schlachthäuser in der Vorstadt La Vilette sind in den Ausstand eingetreten. Die Großschlächter trafen Maßnahmen, damit die Fleischversorgung der Hauptstadt ungestört bleibe. Lyon» 3. November.(W. T. B.) Die Rhone beginnt langsam zu fallen. ifleraiitivortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Für de» Lifferaleutheil verantwortlich: Th. Glocke in Berliu. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin. Hierz» D Beilagr». t Beilage zum„Vomiirts" Berliner Volksblatt. Ur. 239. Mittwoch, de» 4. Uooember 1896. Z3. Iaijrg. ULttttmel» Hvarum streik ist Dn? Grobe Miphandlungen auf der Polizeiwache unterlagen gestern der Benriheilung der vierten Straskaminer am Land- gencht I. Gelegentlich des Streiks der Privatpost- Angestellten suchten bekuuntlich die Streikenden ihre ar- beitende» LMlegen zur Theilnahme am Streik zu bewegen. Bei dieser Gelegenheit sollen sich am S. Juli d. I. eine Anzahl der Streikenden grober Ausschreitnnge» gegen Streik- bre.ber schuldig gemacht habe», weshalb sie von Schutzleuten nach der Polizeiwache des 40. Reviers. Benthstraste 3, sistirt n'nrdc». wo sie»ach ihrer Angabe arg mißhandelt worden sind. Diese lZlugelegenheit kam sowohl im„Vorwärts" wie in einer Versammlung der Privaipost-Angestellten am 10. Juli znr Sprache und u'Urde infolge der Meldung des überwachenden Bcamteu untersucht. Die Folge dieser Untersuchung war, daß die Schutzleute Koinzcr, Schmidt und S ch l e» n e r auf der Zlnllagebank Platz zu nehmen hatten, um sich wegen vor- s n tz l i ch e r kk ö r p e r v e r l e tz u n g bei Ausübung ihrer ')! m t s p f l i ch t e n zu verantworten. Die Angeklagten b e- streiten alle ihnen zur Last gelegten Slrafthate». Der Angeklagte K o i n z e r meint, er möge wohl etwas derbe zugefaßt haben, jedoch könne man„diesen Bengels" gegenüber nicht anders verfahren. Der Vorsitzende rügt diesen Ausdruck und empsiehlt dem Angeklagten, statt dessen„junge Leute" zu sagen. Die Beweisaufnahme beginnt mit der Vernehmung der- jenigen Zeugen, die als Streikende nach der Wache sistirt und dort ihrer Angabe nach mißhandelt worden sind. Es sind acht junge Männer, die vor dem Streik bei der Privatpoü bedienstet waren. Zeuge Groß giebt an, er sei bei seinem Transport nach der Zelle, und zwar in einem Raum vor derselben, verhauen worden. Um 8 Uhr abends habe der Angeklagte Koinzer, dessen Nummer er sich gemerkt habe und den er auch bestimmt wieder erkenne, die Zelle geöffnet und ihm zugerufen: . L ü m m e l, warum st r e i k st Du?", woraus Koinzer ihm eine» derben Schlag ins Gesicht versetzte. Darauf erhielt er noch einen zweiten Schlag, wo- bei der Angeklagte rief:„ L ü in in e l, b i st Du noch nicht hinein?"— Angeklagter Koinzer b e- st r e i t e t, von diesem Vorfall etwas z u w i s s e n. Dem Angeklagten Schmidt werden zwei Fälle von Miß- Handlung zur Last gelegt. Nach der Bekundung des Zeugen Stech o w soll er demselbeu. als er ihn in dhe Zelle brachte, mehrere Stöße ins Genick versetzt haben/ Stechow kann jedoch den Schmidt nicht mehr mit Sicherheit als denjenige» be- zeichnen, der ihn mißhaiidelts. Dagegen bekundet der Zeuge Che m n i tz ganz bestimmt, daß er sowohl auf der Treppe zur Wache, als auch auf dem Korridor, wo er nicht sogleich die rechte Thür fand, von Schmidt Stöße i n s G e n i ck erhalten habe. Der Angeklagte S ch l e n n e r soll sich in drei Fällen der Mißhandlung schuldig gemacht haben. Der Aussage des Zeugen Schmidt zufolge soll er demselben mehr als zehn Ohrfeigen versetzt haben, auch die Zeugen K r e t s ch m e r und H e i n z e wollen von Schleimer geschlagen worden sein. Die Persönlichkeit Schlenner's können die Zeugen jedoch nicht mit Sicherheit als die ihres Peinigers wiedererkennen. Derselbe trägt gegenwärtig einen ganz kurz gestutzten Bart, während die Mißhand- lungen von einem Beamten mit st a r k e m. langem Vollbart ver- übt worden sind. Es wird festgestellt, daß Schleimer zur frag- lichen Zeit allerdings einen starken Vollbart trug, den er sich nach den zur Verhandlung stehenden Ereignissen kürzen ließ. Nach der Ursache dieser Bartoperation befragt, giebt er an, er lasse dieselbe alle vier Wochen vornehinen. Ein bei- sitzender Richter äußert nach einem Blick auf den Bart des 9lii- geklagten Zweifel über diese Angabe. Die als Zeugen ver- nommenen Beamten des 40. Polizei-Reviers, Schutzmann M i ch e- leitis, Wachtmeister Perrei und Polizci-Lieutenant Leh- mann, waren zur fraglichen Zeit auf dem Bureau anwesend. Sie geben an, daß sie weder von den Mißhandlungen irgend eine K e n n t n i ß hätten, noch daß ihnen diesbezng- liche Beschwerden der Sistirten zu Ohren gekommen wären. Polizeilicutenant Lehmann verlangt zwar ein energisches Eingreifen seiner Beamten, jedoch würde er einer Mißhandlung entschieden entgegentreten. Nach diesem Ergebniß der Beweis- aufnähme beantragt der Staatsanwalt, den Angeklagten S ch l e n n e r in allen drei, den Schmidt in eine in Falle freizusprechen, weil bezüglich dieser Fälle die Persönli.hkeiteii der Thäter nicht genügend rekoguoszirt feien. Dagegen sei Schmidt in dem anderen Falle überführt und unter Zubilligung mildernder U m st ä n d e zu 100 M. oder 10 Tagen Geiängniß zu bestrafen. Dem Koinzer könnten keine inildernde Umstände zu- gebilligt werden, und sei gegen denselben eine G e f ä n g n i b- strafe von vier Monaten am Platze. Die Vertheidiger, Rechlsanwälte Wronker und Latter manu plädirten für Freisprechung ihrer Klienten in allen Fällen. Die Zeugen hätten sich anläßlich des Streiks zweifellos exessiv benonimen, und sei eine gewisse Erregtheit der Beamten gegen dieselben begreiflich.(!) Es sei auch keine der Slrafthatcn mit Sicher- heit festgestellt, und die diesbezüglichen Angaben der Zeugen nicht besonders glaubwürdig, da dieselben als Theilnehiner am Streik, der eine solche Form aiigenomuien hätte, daß selbst das Pttbliknm dagegen eingeschritten sei, durch eine gewisse Kollegialität ver- blinden wären. Der Gerichtshof maß den Zeugenaussagen, namentlich derjenigen des Zeugen Groß vollen Glauben bei und er- achtete als festgestellt, daß Koinzer denselben mit beleidigenden Redensarten nnd Ohrfeigen traktirt habe, und zwar ohne daß Groß, der ein durchaus ruhiger Mensch sei, auch nur die g e- r i n g st e Veranlassung zu einer solchen Behandlung ge- geben habe. Mildernde Umstände könnten dem Koinzer nicht zugestanden werden, dagegen sei mit Rücksicht ans feine bisherige Unbescholtenheit aus das niedrigste Strafmaß, dreiMonate G e s ä n g n i ß erkannt worden. Von der Aberkennung der Be- fähigung. öffentliche Aemter zu bekleiden, habe der Gerichtshof abge- sehen, weil ver Polizeilienteiiant dem Angeklagten das Zengniß eines p f l i ch l t r e n e n Beamten ausgestellt habe. Bezüglich des An- geklagten Schmidt fei festgestellt, daß er den Zeugen Chemnitz »nißhandelt hat. Es konnten ihm aber mildernde Umstände zu- gebilligt werden, weshalb gegen denselben eine Geldstrafe von 50 Mark verhängt worden sei. Die Mißhandlung gegen Stechow sei nicht festgestellt, und mußte Schmidt ivegen dieses Falles freigesprochen werden. Daß der Angeklagte S ch l e n n e r gleich nach den vorliegenden Mißhandlungen seinen schönen starken Vollbart gekürzt habe, legte zwar den Ver- dacht nahe. er habe die Rekognition seiner Persönlichkeit er- schiveren wollen, jedoch sei ihm keine Mißhandlung nachgewiesen nnd mußte daher in de» drei ihm zur Last gelegten Fallen Freisprechung erfolgen. Das Verhalten der prügelnden Schutzleute ist in diesem Falle ganz bejonders beachtenswerth, weil es, wenn der Aus- druck gestaltet ist, ans ihre Denkungsweise interessante Schlüsse zuläßt. Wie sind die Prügelhelden dazu gekommen, in einer legitimen Handlung, wie sie der Streik bildet, etwas polizeiwidriges, eine That zu sehen, die unter den ob- waltenden Umständen an wehrlosen Menschen geahndet werden mußte? Und zwar geahndet durch ebenso rohe wie niederträchtige Mißhandlungen, die ihre Begleitung fanden in dem klassischen Refrain:„Lümmel, warum st r e i k st Du?" Gewaltakte dieser Art kommen nicht von un- gefähr, sondern wuchern ans dem S y st e in, durch ivelches dem Beamten unmerkbar der Gedanke kommt, der Streik sei ein Ding, das zum mindesten stark an Gesetzwidrigkeit streife. Wie soll auch den Leuten eine andere Meinung kouimen unter einem System. das eine besonders heilig zu ersüllende Pflicht darin sieht, daß so ziemlich jeder Fabrikant, dessen Arbeiter im Lohnkampf stehen, vor den angeblich zu Gewalt- thäligkeiten geneigten Streikenden durch Schntzmaniisposten, strenge Observation der Ausständigen und etwaige Sistirnng derselben„geschützt" werde? Erscheinungen der letzteren Art sind fast jeden Tag in Berlin zu beobachten; und die Gedankenbrücke von der Ausübung solcher Fürsorge bis zu dem Vorsatz, den verdammten Lümmeln einmal ordentlich eins zu versetzen, ist durchaus nicht so lang, wie mancher Staats- erhallende glauben machen möchte. Der Polizeipräsident hat in der Rechifertigungsschrift, die er am Soniiabend„honorarfrei", wie auf dem Papier vermerkt stand, den Zeitungen zugesandt hat, auch von beantragten Aendernngen in der Organisation der Kriminalpolizei etwas verlauten lassen. Wir bezweifeln, daß unter dem heutigen Regime eine Systemänderung möglich ist; aber gespannt sind wir, ob in den Konferenzen, die gepflogen werden, die Erörlernng des Reforiugedankens sich einzig auf das Wesen der Kriminalpolizei beschränke» wird. Die Schntzmaniis- Gewaltakte, die neuerdings vor de» Gerichten zur Sprache kamen, legen die Nothwendigkeit einer besseren Behandlniig des anständigen Theiles des Publikums ebenso nahe, wie die Nothweiidigkeit einer Aenderung der gegen das Verbrecherthum geübten Polizeitaktik. UokAles. Der sozialdemokratische Agitationsklub für den Osten veranstaltet am Sonntag, de» Ib. November, mittags I Uhr, in der neuen Urania in derTanbenstraße eine Sonder-Vorstellung, zu welcher Billets(Preis 60 Pf.) bei dem Genossen List, Weiden- weg 27/28 v. 4 Tr., zu haben sind. Zur Aufführuiig gelangt die Reise nach dem Mond. Rechte Jammerkerle sind doch die antisemitischen Kämpe». Ist da kürzlich ein Preßprozeß gegen die„Staatsbürger- Zeitung" eingeleitet worden. In dieser Angelegenheit hat die Polizei vor einigen Tagen eine Förmlichkeit erfüllt, über welche das genannte urleutsche Blatt in folgendes Klagegeheul ausbricht: „Unerhörte Dinge scheinen in dem gegen die„Staats- bürger-Zeilung" durch Konfiskation zweier Ausgaben eingeleiteten Verfahren vor sich zu gehen, Dinge, die wenigstens bisher noch n i e in die Erscheinung getreten sind. Nachdem amSonnabend-Vormitlag unser verantwortlicher Redakteur Berger sein Heim verlassen hatte, um sich in die Redaktion»»'begeben, kam ein Krimiiialschntzma»» in seine Wohnung und stellte an die überraschte Hausfrau die Frage, ob ihr Mann in der Lage sei, die Kosten sür das Verfahren in der bekannten K o n f i s k a t i o n s s a ch c der„Staats- bürger-Zeitung" zu trage». Das ist entschieden neu! Man konfiszirt eine Zeitung und fragt dann danach, ob der Redakteur die Kosten dafür tragen könne? Unv wäre das noch in den Räninen, wo die Konfiskation stattgefunden, also in der Geschäfts- stelle der„Staatsbürger- Zeitung" geschehen! Aber nein! In der Wohnung des Herrn Berger, bei seiner noch dazu leidenden Frau, die durch den merkwürdigen Besuch deS Kriniinalschiitzinannes außer sich gebracht ist! Was soll das Vorgehen heißen? Man leitet gegen die„Staats- bürger-Zeitung" ein Verfahren ein und läßt dann durch einen Krimiiialschntzmaun anfragen, ob ihr Redakteur auch die Kosten des gegen ihn schwebenden Versahrens tragen kann! Soll damit vielleicht gesagt sein, daß künftig gegen niemand ein Preßprozeß eingeleitet oder durchgeführt werden soll, der sich nicht bereit erklärt, die Kosten dieses Verfahrens zu tragen? Das ließe sich ja hören und wäre mindestens originell. Im Ernst gesprochen, finden wir dieses Verfahren aber unerhört! Wie kommt die Kriminalpolizei in einem doch sehr einfachen Preßprozesse zu solchem ganz außergewöhnlichen Schritte? Visher ist die Zeitung überhaupt noch keines Vergehens überführt. Was hat das alles zu bedeuten? Höchst wunderbar!" Das Blatt, das derartig heult, scheint bislang von der Polizei überaus zart behandelt worden zu sein und keine'Ahnung davon zu haben, wie es wirklich jn der Welt hergeht. So wollen denn wir als alte Praktiker der geängstigten„Staatsbürger- Zeitung" verrathen, daß ein Verfahren, wie das hier be- jammerte, sozialdemokratischen Redakteurin gegenüber etwas ganz Gewöhnliches ist. Bei viele» Preßprozessen, welche die Redakteure des„Vorwärts" dnrchzufechien halten, wurden seitens der Polizeibehörde Erkundigungen über die Zahlungs- sähigkeit in der Privatwohnung des Preßsünders eingezogen. Die Gründe z» diesem Vorgehen sind uns allerdings auch bis jetzt ein Gehcimniß geblieben. Das polizeiliche Vor- gehe» gegen Sozialdemokraten bildet bekanntlich eine un« erschöpfliche Fundgrube sür unsere Agitation, aber wir müssen offen gestehe», die Erwähnung derartiger Kleinigkeiten, wie sie hier von der„Staalsbürger-Zeitung" janiniernd gerügt werden, haben wir ebenso wenig der Mühe werlh gehalten, wie der Soldat in der Schlacht etwa mit einem geritzten Finger renommircn würde. Was würde ein staatslreucs Blatt erst sagen, wenn man seine» Redakteur gleich einem Sozialdeinokraten in der Frühe des Morgens aus dem Bette weg verhaften ließe, wenn mau ihn in G e f a n g e n e n k l e i d u n g durch die Stadt transportirte, als ob er ein Gauner niedrigster Sorte wäre; was für urtentsche Ohiilnachtsansälle müßte es geben, wenn der Staatsanwalt der Frau eines im Kerker schmachtenden Preß- Verbrechers gelegentlich einer Gerichtsverhandlung, zu der er vorgeführt wird, trotz inständigen Bittens verwehrt, dem Gatten ein paar Worte des Trostes spenden zu dürfen! Und doch sind Sozialdeinokraten auch Menschen von Fleisch und Blut, und doch empfinden sozialdemokratische Frauen ebenso wie die bürgerlicher Redakleure. Kein. Wort der Rüge las man aber in Blättern, welche neben dem Patriotismus alle möglichen anderen deutschen Spezialtngenden in Erbpacht genommen hatten, nachdem au Sozialdemokraten solches geschehen war; im Gcgentheil ging noch zur Zeit der für uns so sieg- und ehrenvoll verlaufenen Sedanhetzc ein Frohlocken durch die ualioualen Blätter mit slavisch-sklavischer'Gesinnung, daß nun wieder die Sozialdemokraten ordentlich gezwiebelt würden. Nnd jetzt im Antiseinitcnblatt ein Geheul wegen eines geritzten Fingers! Man sieht, die dentsch-patriolischen Seelen kennen den Kampf gar nicht, ihnen fehlt jegliches Verstandniß für seine stählende Wirkung; mit einem Worte, es sind Jammerkerle! Heber de» nothwendigcn Neuba» einer Handwerker- schule wird aus dem Rathhause unter anderem berichtet: Die zweite Handwcrkerschule, welche seit ihrer Eröffnung im Oktober 1392 provisorisch in einem alten Gemeindeschulhause am Stralauer Platz 24 untergebracht ist, hat hinsichtlich der disponiblen Unter- richlsrännie mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Schon im ersten Unterrichtsjahre miißten zur Unlerbringung der an Zahl stetig wachsenden Schüler solche in benachbarten Schnlhäusern in Mit- benntzung genoiuinen werden und im letzten Unterrichlsjahre hat!« die Frequenz der Schule eine solche Höhe erreicht, daß annähernd die Hälfte der Schüler außerhalb des Stamm-Schulhanses unter- gebracht werden mußte. Für die Leitung dieser über Erwarten schnell emporgeblühten, in diesem Winterhalbjahr schon über 1000 Schüler zählenden Anstalt ist es außerordentlich schwierig, unter den obwaltenden Umständen den Unterricht in der gewünschten Weise nach allen Seilen hin erfolgreich zu entfalten. Im Kampf mit den unznlänglicheii Räumen ist der Nach- weis erbracht, daß die II. Handwerkerschnle im Osten der Stadt einem längst fühlbar gewordenen Bedürfniß abgeholfen hall Wie wir nun vernehnien, ist bei maßgebenden städtischen Instanzen die Nenbanfrage eines Schulhanses sür die II Handwerkerschnle um ein Wesentliches dem Ziele näher gerückt, da anerkannt ist, daß es nnler den obwaltenden Umständen, soweit man eine Fortentwickelung dieser Schule im'Auge hat, nicht weiter gehen kann. Zur Mordaffäre Leby. Mit der Konfcontalion der beiden Mvroer Bruno Werner und Willy Grosse, welche gestern Vorinillag vor dem Untersiichnngsrichler Landrichter Teile stattfand, dürste die Untersnchnng in de» Hauptpunkten als er- ledigt anzusehen sein. Die Betheilignng der beiden Verbrecher an dem Morde scheint bis in das kleinste Detail festgestellt zu sein und der Widerspruch, welcher bisher bezüglich der Ver- theilnng der Rollen und der Ausführung derselben zwischen Werner und Grosse herrschte, ist aufgeklärt. Beide haben zu- gestanden, daß Werner den Jnstizrath nnd Grosse die Frau tödten sollte. Werner wußte oder vermüthele, daß der Justizrath in dem von der Thür ans rechts in der Nähe der Wand stehenden Bette schlafe und begab sich nach dem Eintritt sofort in den schmalen Gang zwischen Bett und Wand. Da er kurzsichtig ist, bemerkte er nicht, daß er sich geirrt oder aus irgend einem Grunde die Galten ihre Lagerstatt gewechselt hatten. Grosse erkannte mit seinen scharfen Augen sofort, daß die Frau an der Wand schlief. Seiner Aufgabe getreu begab er sich ebenfalls an das Bett der Frau und so standen die beiden Mörder neben einander an dem Kopfende des eine» Bettes. Ehe ein Angriff erfolgen konnte, er- wachte die Frau Jnstizräthi», sie richtete sich ans und zog instinktiv die Belldecke vor das Gesicht, während sie um Hilse rief. Jetzt stach Grosse ans sein Opfer ein; um sicher zu stechen, mußte er aber zuvor mit der Hand die Bettdecke betasten, um die geeignete Stelle der Brust zu fühle». Dabei stach er sich in die linke Hand und ließ nunmehr von seinem Opfer ab. In- dessen war der Jnstizrath aufgewacht nnd um seiner Frau Hilse zu leisten, aus seinem Bett in den schmalen Gang ge- iprnngen, welcher die beiden Betten trennte. Nun stach Werner über das Bett der Frau und hinter deren Rücken vorbei auf Lcvy ein nnd brachte ihm die todt- lichen Stiche bei. So sah sich Frau Levy plötzlich von beide»'Angreisern befreit, die nunmehr die Flucht ergriffen. Diese Darstellung wird von beiden Komplizen zugegeben. Der Unlersnchungsrichter ist serner überzeugt, daß die beiden Mörder keine Komplizen gehabt haben. Ueber diesen Punkt bekunden sie jetzt übereinstimmend folgendes: Ilm Dienstag früh lasen sie znsaminc» in einem Wilmersdorfer Restaurant eine Berliner Zeitung oder ein Extrablatt, daß die That von vier Personen ansgesührt worden sei, von denen zwei„Schmiere" gestanden hätten. Werner, als der Klügere, überzeugte den Grosse, daß es geratheil sei, ans jeden Fall dabei zu bleiben, daß sie Komplizen gehabt hätten, denn— so meinte er— ivenn die Polizei vier Mörder sucht, dann konimeil einer oder zwei besser fort. Jedenfalls seien die Schwicrigkeiten sür die Polizei größer, wenn dieselbe vier Personen statt zwei suchen müsse. Diese„Rechls"belehrung ist auf fruchtbaren Boden gefallen, denn als Grosse am Dienstag durch seinen Bruder der Polizei zu- geführt wurde, blieb er dabei, daß sie Komplizen gehabt hätten und nun lebten die letzteren legendenhaft fort, bis Werner ergriffen wurde. Es handelt sich, um die Untersuchung gänzlich zum Abschluß zu bringen, nur noch um die Vernehmung der Frau Justiz- rath Levy, um an der Hand ihrer Darstellung von dem Morde das Gesländniß der Mörder einer Nachprüfung zu unterziehen. Es ist indessen wohl anzunehmen, daß Frau Levy viel zu sehr in Angst und Schrecke» befangen gewesen sein wird, als daß von ihr eine klare Darstellung der blutigen Vorgänge zu er- warten sein dürfte. Ein Termin für diese Vernehmung ist noch nicht angesetzt. Eine Nbordnnng des Magistrats, bestehend ans den Sladlräthen Geh. Banrath Dr. Hobrccht, Meubrinck, Friede! und Wagner, dem Kanalisationsdirektor Goldowsky nnd dem Magistratsassessor Bnls, besichtigte am Sonnabend Nachmittag den Probetunnel der Untergrniidbahn-Gesellschast bei Treptow, deren Direktor, Reg.-Ralh Schncbel, die Führung übernahni. Die Herren drangen bis zur'Arbeitskamuier vor, in die sie sich einschleusen ließe». Die Gesellschaft wird von der bisherigen Art des Vortriebes Abstand nehmen und Versuche mit eineni anders geformte» Brustschild machen, der sich keilförmig in das Erdreich vorschiebt und damit die für die Fundamente von Gebäuden so gefährlichen Bodenverschiebungen verhütet. An dem Tunnel soll erst dann weiter gebaut werden, wenn die ge- plante Fortsetzung dieser Probestrecke als Straßenbahn(Stralau- Schlesischer Bahnhof- Hnmboldthain) von dem Magistrat ge- »ehmigt sein wird. Im Apollo-Thcater ist das Programm des vorigen Monats in diesen Tagen durch eine Reihe neuer„Nnmmern" bereichert worden, ans denen vor allem ein„Meisierschasts-Kunstradfahrer" Kausinann, wie jawohl der offizielle Titel lautet, hervorzuheben ist. Eigentlich ist diese Arbeit kaum nothwendig, denn auf eineni Rade, das in Gestalt und Höhe dem berühmten Eifelthnrin nach- strebt, produzirt sich der Künstler selber in geradezu pyramidalen Stellungen. Ans diesem fabelhaften Wesen soivohl wie auch ans verschiedenen ramponirten Fahrrädern vollführt Herr Kauf- mann Kniislstücke, die alle» Radfahrern, welche mit ihrer Maschine Malheur haben, zeigen, wie ein rechter Kerl selbst auf dem ver- nnglücktesteii Instrumente vorwärts kommt. Als Reckturner vollbrachten die drei„Luppns" die halsbrechendsten Künste mit er- staniilicher Eleganz und Sicherheit, und in Ausübung der halb- edlen Gesangs- und Tanzkunst erweckte das„Trio Fleury" die Parketgreise zu lebhaftem Jubel. Minder glücklich war der Gesangshumorist Henri Bender mit einer Bismarckverherrlichnng. Diese Platitüde stieß selbst im'Appollo-Thealerlauf lebhaften Wider- spruch. Von den alten Bekannten seien die Französin Engenie ongere, die englischen Troubadour- Täiizerinnei!, sowie die ajade- Pantomimeii- Gesellschaft mit gebührender Anerkennung erwähnt. Geisteskrank? Wie wir hören, wird der Restaurateur B a u m b a ch, der ehemalige Besitzer von Baumbach's Kasino in der Prinzcnstraße, der vor ivenigeu Monaten versucht hatte, seine ganze Familie und sich selbst um das Leben zu bringen. zur Zeit bezüglich seines Geisteszustandes beobachtet. Diese Maßregel ist die Folge von Mittheilungen, die der Hausarzt Baumbach's über frühere Krankheitserscheinungen bei demselben seinem Vcrtheidiger R.-A. Kolsen gemacht hat. Gegen Banm- dach, der von den in jener Familientragödie erlittenen Ver- letznngen körperlich wieder genesen ist, sollte dieser Tage ein Termin wegen Vergehens gegen die Konkursordnnng stattfinden; der Termin»inßte aber mit 9!i!cksicht auf jene gerichteärztlichen Erhebungen aufgehoben werden. In de» triibsteu Berhältuissen hat der 27jährige Arbeiter Paul Rentner aus der Stromslr. 23 bei seinem freiwilligen Tode seine Frau mit vier Kindern im Alter von 6 bis herab zu 1 Jahre zurückgelassen. Nahrungssorgen trieben den Mann dahin, sich vorgestern, Montag, Abend gegen 10 Uhr mit einem Frauenstrumpf in seiner Wohnung an einer Thürkliuke zu er- hängen. Die Hinterlasseue Familie ist ohne jede Mittel und dem größten Elend preisgegeben. Verhänglttstvollc Folgen hatte eine jener Schülerschlachten, welche schon häustger zu Beschwerden Veranlasslmg gegeben habe». In Moabit werden schon seit mehreren Tagen zwischen den Zog- lingen zweier Gemeindeschulen auf den Feldern in der Gegend des Ringbahnhofes Beusselstraße erbitterte Kämpfe ausgeführt, bei welchen nicht nur Knüttel als Waffen diente», sondern die Knaben sich auch sogenanule Schleudern machten. Große schwere Steine wurden an starkem Bindfaden befestigt. um so als Schlagwaffe zu dienen. Am Sonnabend erhielt der zehnjährige Sohn des Bauarbeiters Prüfert mit einem solchen Instrument einen derartigen Schlag auf den Kopf, daß er besinnungslos zusammenbrach. Die Kameraden des kleinen P. als auch seine Gegner ergriffen, als sie das angerichtete Unglück sahen, die Flucht und ließen den Verletzten liege», der von Zeugen des Vorfalles der elterlichen Wohnung zugeführt wurde und mehrere Tage krank lag. Bisher ist es noch nicht gelungen, den Knaben zu ermittel», welcher den verhängnißvollen Schlag gethan. Wenn den Jungen jahraus jahrein die Weltgeschichte als eine Reihe blutiger Schlachtjzräuel geschildert wird und wenn ihnen besonders die letzten Kriege über den grünen Klee gelobt werden müssen, dann ist es ganz selbstverständlich, daß die Kinder auch ans eigenem Geheiß zu rohen Thaten schreiten. Die Leiche der 24jährigen Tochter Martha des Schlossers Achilles aus der Chauffecstraße, die in der Nacht vom Sonntag zum Montag in der elterlichen Wohnung plötzlich starb, ohne daß die Todesursache festgestellt werden konnte, ist von der Staats- anwallschaft beschlagnahmt worden. Es liegen Anzeichen einer Vergiftung vor. Man vermuthet Selbstmord. Die Diebesznnft hat sich in letzter Zeit ganz besonders die Neue Wilhelmstrnße zum Arbeitsfeld erkoren. Kurz nach- einander sind anscheinend von derselben Gesellschaft in dieser Straße eine Reihe von Einbrüchen verübt worden; so wurde kürzlich ein Zigarrengeschäft ausgeplündert, n»d in einer Gast- wirthschast erbrach man die Kasse, aus welcher der etwa.320 M. betragende Inhalt zur willkonnnenen Beute wurde. I» der Nacht zum Dienstag haben die Diebe dem im Hause Nummer S befindlichen Stahlwaarengeschäft einen Besuch abgestattet und sich besonders über die iu den Schaukästen befindlichen Messer her- gemacht. Ein Liebesabellteuer ist in der Dienstag- Nacht einem Manne in der Schulstraße sehr schlecht bekommen. Vor dem Hause Nr. 16 fand man dort gestern früh zwischen 2 und 3 Uhr einen unbekannten Mann in hilflosem Zustande auf dem Bürger- steige liegen. Die Ermittelungen ergaben, daß der Mann der Frau eines dienstlich abwesenden Bahnbeamten, bei dem er früher in Schlafstelle gewohnt haben will, eine» nächt- lichen Besuch abstatten wollte. Wie er in das Haus hinein- gekommen ist, weiß man noch nicht. Als er vergeblich in die Wohnung des Bahnbeamten Einlaß begehrte, ging er zur Gewalt über. Er machte sich daran, die Thür zu demoliren und hatte bereits eine Füllung herausgetreten, als auf das Hilfe- geschrei der Frau die Hausbewohner aus dem Schlafe geweckt wurden und herbeieilten. Man ergriff den Eindringling, prügelte ihn furchtbar und warf ihn dann auf die Straße, wo er bewußtlos liegen blieb, bis ein Schutzmann des 9. Reviers ihn fand und in die Charitee brachte. Schwer verunglückt ist am Sonntag Nachmittag der 34 Jahre alte Schloffer Robert Schramm ans der Schulstr. 37. Schramm wollte an der Stettiner Bahn den Uebergang au der Schwartzkopffstraße überschreiten, siel, als er fast oben war. rück- lings hinab und verletzte sich am Hinterkopfe so schwer, daß er bewußtlos liege» blieb. Ein Schutzmann des 3. Reviers brachte den Verunglückten in die Charitee, wo er noch immer ohne Be- sinnung daniederliegt. AuS dem Polizeibericht vom 3. November. Arn Montag wurden in ihren Wohnungen erhängt vorgefunden: Die 58jährige Wittwe Mathilde Z. in der Arndtstraße. der 38 Jahre alte Gelbgießer Karl E. in der Friedenstraße und der 27 jährige Arbeiter Paul R. in der Stromstraße. In allen drei Fällen liegt unzweifelhaft Selbstmord vor.— Nachmittags ver- anlaßte in der Burgstraße der betrunkene Droschkenkutscher Friedrich Rädel einen großen Auflauf, leistete einem Schutzmanne heftigen Widerstand und fuhr mit seinein Wagen auf den Pferdebahn- Schienen, sodaß eine längere Verkehrsstockung entstand. Erst als noch mehrere Beamte herbcigeilt waren, gelang es, ihn fest- zunehmen und zur Wache z» bringen. Bei der Ueberwältigung Rädel's ergriff«in Theil des Publikums sür ihn Partei und be- drohte die Beamten, sodaß ein Schutzmann den Säbel zog, ohne jedoch davon Gebrauch zu machen.— In der Potsdamerstraße fuhr nachmittags eine Droschke so heftig gegen einen Handwagen, daß dessen Deichsel zerbrach und den Hausdiener Karl Kraft, der ihn führte, am Kopfe und Arme arg verletzte.— In der Warschauer- straße schoß der Tischler Wilhelm Vahle ans einen dort wohnenden Schankwirth. mit dem er angeblich in seinem Lokal Streit ge- habt hatte, ohne ihn zu treffen. Als er dann verfolgt und in der Stralaner Allee festgenommen wurde, gab er vorher noch einige Schüsse aus seinem Revolver ab, ohne jedoch Schaden an- zurichte». Er konnte nur uiit Mühe vor den Mißhandlungen der Menge geschützt werde».— Heute Nacht sand auf dem Hofe Schulstr. 66 eine Schlägerei statt, wobei der Drehorgelspieler Theodor Schulze durch Stockhiebe so schwer rn» Kopfe verletzt wurde, daß er bewußtlos liegen blieb und»ach der Charitee ge- bracht werden mußte. Sein Gegner, der Kutscher Otto Schöß, trug eine leichte Verletzung im Gesichte davon. Aus de» Nachbarorte». Die Lokalkommission von Wilmersdorf giebt alle» Ge- Vossen bekannt, daß das früher„Boy'fche Wirthshaus" seinen Besitzer gewechselt hat, und der derzeitige Inhaber, Herr Struß, »ich� gewillt ist, sein Lokal, ivie der vorige Inhaber, der Arbeiter- schaft zu Versammlungen zur Verfügung zu stellen. Es bleiben demnach nur Klingenberg's Volksgarten, Berlinerstr. 40, und Lehmann's„Seeschlößchen, Kaiserallee. De» Parteigenossen in Wilmersdorf zur Nachricht, daß die Zeituugsspedition in den Händen von Frau K ü b l e r, Sig- marmgenstr. 35, und Frau H e i n e m a n n. Siginaringenstr. 34, liegt. Von diesen Stellen können auch sämnitliche Parteischristen bezogen werden. Wohnungsveränderungen wolle man, um Slö- rungen in der Spedition zu vermeiden, sosort dem Spediteur melden. Der Vertrauensmann. Ein leichtes Erdbeben soll am vergangenen Donnerstag in der Mark beobachtet worden sein. In Groß-Lichterfelde, Beelitz, Ludwigsfelde und einigen anderen Orten wurde der Erdstoß in ber Mittagszeit zwischen 11 und 12 Uhr ganz beut- lich verspürt. Thüren und Fenster klirrten stark, auch wurde ein dumpfes unterirdisches Rollen vernommen, das etwa 4 bis 6 Sekunden anhielt. Die Ansicht, daß der Stoß vom Schießen auf dem Jüterbogker Schießplatz herrührt, wird allgemein be- stritten, da die auftretenden Erscheinungen bei dem Erdbeben ganz anderer Natur waren, als beim Löse» schwerer Geschütze. Diese Ansicht wird auch von der Berliner Sternwarte getheilt, welche mitlheilt, daß Erschütterungen um dieselbe Zeit auch im Justitut und an den Geräthen beobachtet worden sind. Uebrigens sei zur Beruhigung ängstlicher Gemüther ausdrücklich darauf hin- gewiesen, daß ähnliche Erschütterungen schon öfter in früheren Jahren beobachtet worden sind, Drei Mitglieder einer Dicbesgesellschaft» die sich nament- lich auf das Stehlen von Fahrrädern gelegt hatte, sind vor einigen Tagen in Tempelhof und Niedsr-Schönweide festgenommen worden. Verhaftet wurde am gestrigen Tage in Weißensee der dreißigjährige obdachlose Arbeiter Baumgart, welcher schon seit längerer Zeit steckbrieflich gesucht wurde. B. ist bezichtigt, schon seit langer Zeit in den Vororten Geflngeldiebstähle ausgeführt und die gewonuene Beule durch Verkauf in Berlin veräußert zu haben. cRnnJJ tmfc ANssenpchnft. DaS Schiller-Theater bringt zur Schillerfeier am 10. No- vember„Demetrius" mit der in Berlin noch nicht bekannten Forlsetzung von Otto Sicvers. Heule findet die letzte Wieder- holung von Wicherl'S Lustspiel„Ein Schritt vom Wege" statt. Als„Louisenstädtifches Theater" ist jetzt der Musen- tempel wieder aufgethan worden, der in früheren Jahren als Parodie-Thealer mit so manchem schaurig- schönen Produkt höheren Blövstnns belastet worden war. Aber nicht erblich. Die neue Direktion der Herreu Große und Raumann hat die etwas verräucherte Kunststätte in der Oranienstr. 52 wenigstens in ihrer unteren Hälfte mit Unschuldweiß aulünchen lassen und aus der Bühne dafür gesorgt, daß ein Familieupublikum bescheidener Qualität das finde, was man zuweilen geistigen Genuß nennt. Der altersgraue Schwank des Herrn Moser:„Wie denken Sie über Rußland" und eine anscheinend noch viel ältere komische Oper: „Der Dorfbarbier" wurden»ach den Prinzipien gespielt, die in Orten der weiteren Umgebung Berlins schlecht und recht geübt werden, und das Publikum nahm in»achsichtiger Stimmung vergnügt hin, was ihm in bescheidenem Nahmen geboten wurde. Von dem nicht allzugroßen Ensemble hob sich Herr Frank recht vor- theilhaft ab. Muncacsy. Gegenüber den ungünstigen Nachrichten über das Befinden des Malers Michael von Muncacsy wird gemeldet, daß Muncacsy sich gegenwärtig auf Schloß Kolpach im Groß- Herzogthum Luxemburg befindet, daselbst den ganzen Winter zu- zubringen und nicht»ach Paris zu kommen gedenkt. Ein Schreiben der Gemahlin Muncacsy's besagt, daß der Künstler, der sich vor einigen Wochen infolge übermäßiger Arbeit sehr ermüdet fühlte, sich jetzt vollständig erholt habe. I» Freibnrg i. B. ist Professor Dr. Eugen Baumann, Direktor der nredizinischen Abtheilung des chemischen Instituts an der Universität, gestern früh gestorben. Gevichkzs-Ieikung. „Die Vanhandwcrker müssen nachdrücklich gegen die Au?- beutung durch gewissenlose Bauunternehmer geschützt werden!" So verkündete gestern der Vorsitzende der II. Strafkammer, Landgerichtsdireklor K a e l l e r, am Schlüsse einer Verhandlung, bei welcher sich der Tischler Gustav B o r m a n n wegen Be- truges zu verantworten hatte. Die Anklage erzählte wieder die alte Geschichte, die doch ewig neu bleibt: ein Man», dein wenige oder gar keine Mittel zu Gebote stehen, halte sich aufs Bauen gelegt, es war ihm geglückt, unter falschen Vorspiegelungen Bauhandiverker zur Nebernahme von Arbeitern zu ver- anlassen und das Endo vom Liede war wieder, daß die Handiverker ihr Geld verloren haben. Der Angeklagte war bis dahin auf diesem Gebiete noch nicht thätig gewesen, sein Vorgehen war auch nicht besonders verschmitzt und der Staatsainvalt, der nur zwei Fälle als vorliegend ansah, be- äntragte deshalb die verhälluißmäßig milde Strafe von sechs Wochen Gefängniß. Der Gerichtshof hatte nicht die gleiche milde Auffassung von dem Verhalten des Angeklagte»; er hielt drei Fälle des Betruges für erwiesen, meinte auch, daß in solchen Fällen eine besondere Milde nicht am Platze sei. Der Gerichtshof ging deshalb über daS beantragte Strafmaß weit hinaus und erkannte auf neun Monate Gefängniß. In der Privatklagc dos Pfarrers Witte gegen Hof- Prediger a. D. Stöcker, iu welcher Termin auf 20. pioveinber anberaumt war, ist neuerdings Aufschub beantragt worden. Wenn solcher bewilligt würde, käme der Z 84 der Verfassuiigsurkunde in betracht. Hiernach könnte ja nach der Auslegung des Para- graphen sich noch das Haus der Abgeordneten mit der Frage zu beschäftigen habe». Es würde sich darum handeln, ob der Ab- geordnete Stöcker den Paragraphen für sich geltend machen könnte oder nicht, und das hängt von der Frage ab, ob der Abgeordnete als solcher. den Schutz jenes Paragraphen genießt nur bei solchen Handlungen, die während der Session vorgekommen sind, oder ob dies auch für solche Handlungen zutrifft, die vorher geschehen sind, und deren Untersuchung bereits schwebt. Sollte letzleres der Fall sein, so könnte die gerichtliche Erledigung der vorliegenden An- gelegenheit sich wohl noch bis tief in den Sommer 1897 hin- ziehe», und Pfarrer Witte könnte, wenn die Sache erst vor das Abgeordnetenhaus gekomme» sein sollte, nichts mehr zur Be- schleunigung thun. Schwere Jungen standen gestern vor der ersten Straf- kannner des Landgerichts l. Es hatte» neun Personen ans der Anklagebank Play zu nehmen, von denen drei, die„Arbeiter" Wilhelm H e i n e ck e, Karl G r u n o w und Karl Lange, berüchtigte'Einbrecher sind. Heinecke war vor etwa drei Wochen aus dein Untersuchungsgefängniß entflohen, ist aber bald wieder ergriffen worden, als in der Umgebung Berlins Streife» nach dem Mörder des Justizralhs Levy vorgenommen wurden. Diese drei Angeklagten hatten geständlich eine ganze Reihe von Ein- brüchen verübt, während die übrigen Mitangeklagten nur in geringein Maße, theils wegen Hehlerei, theils wegen Begünstigung für strafbar befunden wurden. Einer der Angeklagten. der Slrbeiter Lohmeyer, hat den Gerichten viel zu schaffen gemacht'; vor der Polizei hat er sich selbst einiger schwerer Diebstähle bezichtigt und die drei Hauptangeklagten als Mitthäter bezeichnet; vor dem Unter- suchungsrichter hat er dies Geständniß widerrufen, und bei seinen spälcren Vernehmungen innner mit seinen Angaben ge- wechselt, bis er zuletzt bei der Behauptung stehen blieb, daß er sich und die drei Hauptangeklagten wider � besseres Wissen beziehtet habe. einestheils ans Dankbarkeit, weil er bei seiner polizeiliche» Vernehmung eine Wurst be- kommen habe und gern recht viel aussagen wollte, anderutheils aus Rache gegen seine Komplizen, weil sie ihn in einer frühere» Sache verrathen halten. Im Termin hielt er wieder die Belastung aufrecht, der Gerichtshof kam aber zu der Ueberzeugung. daß er log und sprach ihn trotz der Selbstbezichtigung frei. Wegen der gegen die Angeklagte» Heinecke, Grunow und Lange erwiesenen Fälle wurde» diese zu einer Zuchthausstrafe von je vier Jahren verurlheilt, die übrigen Angeklagten kamen mit geringen, nach Monaten be- messenen Gefängnißstrafen davon. Ein Angeklagter hatte an den Vortheilen des von einem anderen ansgesührlen„Bierdieb st ahls" dadurch theil- genommen, daß er mit Zustimmung des anwesenden Diebes seinen Mund an das geöffnete Spundloch des gestohlenen Fasses ge- bracht und einen Theil des darin befindlichen Bieres getrunken hatte. Die Straskammer sah in dem Verhalten des Angeklagten das„Ansichbringen" einer gestohlenen Sache und verurtheille den Angeklagte» wegen Hehlerei. Dagegen erkannte das Reichsgericht auf Freisprechung, indem es nach„Mitth. der Jurist. Wochenschrist" ausführte: Zum„Ansichbringen" ge- höre, daß die Dispositionsgewalt über die gestohlene Sache von dem Diebe auf den dritten übertragen werde. Dies sei vorliegend nicht geschehen, vielmehr liege nur ein Mitgenuß an der ge- stohlenen Sache vor. Der Meineidsfall des priigelnden Schutzmannes. Unser Partei-Organ in der Stadt Hannover, der„Aolkswille", schreibt: Wer hat recht? Unter vorstehender Spitzmarke berichteten wir in Nr. 233 des„Volkswille" über eine Verhandlung vor dem hiesigen Schöffengericht, in welcher der Maurer Joseph Eberstein aus Linden sich zu verantworten hatte, weil er gelegent- lich der letzten Rekrutenmusterung im„Lindener Gesellschafts- hause" sich dadurch des„Widerstandes gegen die Staatsgewalt" schuldig gemacht haben sollte, daß er nicht gutwillig mit einem Polizeibeamten in ein„besonderes Zimmer" gehen wollte. Eberstein hatte dem Polizeiwachtmeister Cording, der einen Rekruten etwas„unsanft" behandelte, dieserhalb Vorwürfe gemacht, weshalb der Beamte anordnete, daß Eberstein von den anderen Rekruten getrennt und in das„besondere Zimmer" geführt ward. Eberstein erhielt wegen des von dem genannten Beamten bezeugten„Widerstandes gegen die Staatsgewalt", wie wir berichteten. 15 M. Geldstrafe(!) eventuell 3 Tage Gefängniß zudiktirt. Das Gericht sah die Sache wegen der„be- gleitenden Nebenumstäude" sehr milde an. Diese begleitenden Nebenumstände sind es, welche öffentliches Interesse er- wecken und zur Zeit wiederum mehrfach erörtert werden. Eberstein wollte bekanntlich in dem„besonderen Zimmer" von m e h r e r e n S ch u tz l e u t e n arg mißhandelt sei,» Ob- wohl nun drei städtische Beamte, der Stadtreoisor Messerschmidt, Registrator Meyer und»och ei» anderer Zeuge, dessen Name uns nicht bekannt geworden, eidlich bekundeten, daß Eberstein in dem„besonderen Zimmer" von mehreren Schutzleuten derartig geschlagen sei, daß auf dem Fußboden eine große Blutlache entstand, bekundete der Schutzmann Brandes II, der von Anfang bis zu Ende den Vorgang beob- achtet, ebenfalls eidlich, Eberftein sei a b s o l u t nicht (5 e schlage».(!!)— Unter solchen Umständen hatte wohl jeder, der die Verhandlung las, das Gefühl, daß entweder die eidlichen Aussagen der drei städtischen Beamten und die des E. unwahr seien, oder aber die des Schutzmannes. Jetzt, also etnm einen Monat nach jener Schöffengerichtsverhandlnng, ist der Schutzmann Brandes II wegen Verdachts des Meineides verhaftet.— Für uns kommt bei dieser vielfach erwähnten Angelegenheit weniger die Person des Schutzmannes in betracht, als vielmehr die Thatsache. daß wegen ganz geringfügiger Ursachen Zivilpersonen von„Schutzleuten"(!!) gewaltsam in„besondere Zimmer" geführt und dann verhauen werden!— Schon häufig sind derartige Anzeigen bei uns eingegangen, von denen wir aber aus leicht begreiflichen Gründen nicht die lieber- zengnng gewinnen konnten, daß sie auf Wahrheit beruhten. In diesem Falle haben jedoch drei einwandsfreie Zeugen, städtische Beamte, die Mißhandlung einerZivilpsrson durch Schutzleute eidlich bekundet! Ferner ist es charakteristisch, daß dem von mehreren Schuh- leuten verhauenen Eberstein, der, wie uns berichtet, sich dieserhalb beschwerdeführend an die Polizeibehörde wendet, insofern„Genug- thuung" wird, als gegen ihn die Anklage wegen„Widerstands gegen die Staatsgewalt" erhoben wird, der nachgewiesciiermaßen darin bestanden hat, daß der Angeklagte nicht gutwillig in das „besondere Zimmer" hat hinein wollen, in dem er dann, als er gewaltsam Hineingeführt war. nach Aussage dreier Beamten gründlich verhauen ward. Ter Prozeß gegen den Chefredakteur der„Renen Saarbrückcr Zeitung". Peter Schwuchoiv, wegen Beleidigung des Hofpredigcrs Stöcker wird, wie aus Saarbrücken be- richtet wird, am heutigen Mittwoch, den 4. November, unter vorläufiger Ausscheidung der dritten Klage, vor dem Schöffen- geeicht tes dortigen königlichen Amtsgerichts stattfinden. Die Verhandlung war bekanntlich bereits auf den 4. September an- berauiiit, mußte aber vertagt werden, da Hofprediger Stöcker eine zweite Klage wegen der Behauptung des Schwuchoiv eingereicht hatte, daß Stöcker bei seine» Beleidigungsprozessen stets im letzten Moment„kneife". Vor etwa zwölf Tagen hat. wie bereits mitgetheilt wurde, Hosprediger Stöcker eine dritte Klage angestrengt. Das Gericht hat beschlossen: diese Klage vorläufig auszuscheiden und am Mittivoch zu verhandeln. Wie jedoch von betheiligter Seite mitgetheilt wird, dürste diese Verhandlnug ebenfalls vertagt werden. Es sind bisher keine Zeugen geladen, da die Ladung der sämmtlichen bereits genannten Zeugen dem Verklagten, Re- dakteur Schwuchoiv, einen Kostenvorschuß von mehreren tausend Mark kosten würde. Der Rechtsbeistand des Verklagten, Reichs- tags-Abgeordneter, Justizrath Boltz wird deshalb am Mittwoch die komniissausche Vernehmung derZeugen beantragen. Herr Stöcker, der in seinen Beleidigungsklagen ein Haar gefunden hatte, ging bekannt- lich seit Jahren allen Klagen auch wegen gröblichster Beleidigungen sorgfältig aus dem Wege. Aus vorstehendem erklärt es sich vielleicht, aus welchem Grunde er neuerdings wieder klagelustiger geworden ist. In Berlin, wo Beweismaterial und Zeugen leicht zur stelle sind, klagt er nicht. Er greift mit seinen Klagen weit hinaus bis an die äußersten Grenzen des preußischen Staates nach Elbing und Saarbrücken, wo die Zeuginstellungen mit großen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft und demzufolge, so hofft er wenigstens, leichter Verurtheilungen und günstige Ent» scheidungen für ihn zu erzielen sind. Der Schriftsteller Pohle, früher Redakteur der„Hamb. Freien Presse", war in Hamburg wegen Beleidigung des Polizeiraths Dr. Roscher durch ein Druckheft über den bekannten Thealertyrannen Polliui zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt worden. Pohle ist flüchtig geworden und wird steckbrieflich versolgt. Vevinisrsztvs. Völlig verloren. Jegliche Hoffnung ist jetzt geschwunden, Nachricht über den Vervleib des dreimastigen Bremer Schiffes „Neck" zu erhalten, wahrscheinlich wird dasselbe bei den furcht- baren Stürmen, welche am Kap Horn stattgefunden, seinen Untergang gefunden haben. Ter„Neck", ein ganz neues Schiff, gehörte der Firma Gildemeister u. Ries und war eines der Schiffe, welche enoriue Quantitäten Kohlen in Kardiff laden und damit nach Jquiqne fahren, um Salpeter heimzubringen. Di« Besatzung des Schiffes bestand aus 26 Mann, die Führung hatte Kapitän Lose. Die letzten Nachrichten hatte man von der JSle of wight, wo dasselbe ein paar Tage, nachdem es New Castle verlassen, gesehen worden war. Zu der Verhaftung des Bürgermeisters dcö Marktfleckens Zeven, des Provinzial-Landtags-Abgeordneten D r e y e r, wegen fortgesetzter Unterschlagung amtlicher Gelder wird noch folgendes mitgetheilt: Durch eine iinvermuthet vorgenvinmene Revision eines Regierunasbeamten kamen die Unterschleife, die sich auf mehrere Tausende belaufen, an den Tag. Der Ver- hastete galt als wohlbcgütert, und es wurde ihm das größte Vertrauen allseitig entgegengebracht, auch war er im Besitz zahl- reicher Ehrenämter. Tie Millcnniums-AnSstcllung im Budapest ist gestern Mittag in Anwesenheit der sämmtlichen ungarischen Minister, so- wie der gemeinsamen, des Kriegs- und des Finanziuinislers, der Spitze» der Zivil- und Militärbehörde» und eines zahlreichen Publikums geschlossen worden. Wetler-Prognose für Mittwoch, den 4. November Etwas kälter, zeitweise heiter, jedoch unbeständig mit Nieder- schlügen und srischen nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Druckfehler- Berichtigung. In»nserer gestrigen Be- sprechung der Hofinann'scheii„Gedichte" muß das letzte Wort in dem zitirlen Beispiel: An Emilie statt„lichten" heißen: flüchten. Da es darin nur auf den Klang, den Reim, nicht aber ans den Sinn der Worte ankommt, so werden die wenigsten Leser de» Fehler gemerkt haben. Vorsichtshalber«ollen wir aber doch den Wortklang richtig stellen. Fiir denJuhalt der Inserate über nimmt die Nedakti»» dem Publikum gegenüber keinerlei VerautUiortuug Theater. Mittwoch, den 4. November. Gperuhans. Die Hugenotten. Kchanfvielhau». Der Graf von Castanar. Ein Königsidyll. Deutsche« Theuter. Freiwild. berliner Theater. Renaissance. Ziestdeni-Theater. Der Rabenvater. Hierauf: Treptows Abschied. keljiug- Theater. Die goldne Eva. Theater des Melkens. Hamlet. zirue» Theater. Bocksprünge. Vorher: Opus I. Kchiller-Theater. Ein Schritt vom Wege. Jeutral-Theater. Eine wilde Sache. Thalia»Theater.?rimg. Ballemui. (Maison Tamponin.) Kelle- Alllanee- Theater. Mamsell Vielliebchen. Uolko- Theater. Ein vorsichtiger Manu. Theater Zluter de« zlud«»». Die Lachtaube. Gsteud- Theater. Der deutsche Michel. Friedrich Wilhelinltüdt. Theater. Die Waise von Lowood. Alerauderplah-Theater. Ohne sitt- liche» Halt. Kantmanit'o Uariötö. Spezialitätenl Vorstellung. Apollo- Theater. Spezialitäten-Vor stellung. Schiller-Theater. (isfsllner-l'tiester.) Mittwoch, abends S Uhr: Gin Kchritt vom Wege. Donnerstag, abends S Uhr: Gl» Ehrenwort. Central-Theater. Alte Jatobstr. 30. Direktion: Bicbard Schnltx. Mittwoch, den 4. November: Zum 46. Male: Emil Thomas a. G. Eine milde Sache. Große burleske Ausstatlungsposse mit Gesaug und Tanz i» 6 Bilder» von W. Mannstädt und I. Freund. Musik von I. Einödshoser. Anfang �8 Uhr. Morgen: Gine wilde Sache. OAM-Thklitkr. Gross« Frankfurterstr, 132. Direktion: Carl Weiß. Q Der deutsche Michel f > Der deutsche Michel' DM- Anfang 8 Uhr. Sonntag Nachmittag: Der liebe Onkel. FrWMlhelMU.ZWtt Chausseestr. 25/26. Dir. Max Samst. Die Waise van Kswood. Schauspiel i» 3 Akten und I Vorspiel von Charlotte Birch-Pfeiffer. Anfang 8 Uhr. Billets im„Jnvalidendank", Unter den Linden 24 und Paul Romeick. Leipzigerstr. 6. Donnerstag: Deborah.»arg. Fix als Gast. Freitag: Zum ersten Male: Der Pfarrer von Kirchfeld. Sonntag, den 8. November. nachmitt. 3 Uhr: Klassiker»Vorstellung zu Abonnements-(kleine») Preisen: Romeo und Julia. Trauerspiel in ö Akten von William Shakespeare. Am 16.. 17., 19.: Der Troubadour Oper in 5 Akte» von G. Verdi. Billets zu diesen drei Vorstell, werden an der Theaterkasse, bei Paul Rom eick, Leipzigerstr. 6 ohne Vorbestellgebühr». im«Jnvalidendank", Unt. d. Linden 24, von heut au verlaust. Moabiter Stadttlieater. Heute. sowie jeden Mittwoch: Sttttiiltr Siiiiger (»o�aoi, Pietro, Britton, Steldl, Krone, Röhl und Schräder. Durchweg neues großartiges Programm. Anfang präz. 8 Uhr. Entree SO Pf. Vorverkauf 40 Pf.(siehe Plakate.) Donnerstag: Konzerthaus Saussonei Thalia-Theater (vormals: Adolph Ernst- Theater) Dresdenerstr. 72/73. Prima Ballerina (Maison Tamponin). Vaudeville-Operette in 8 Akten von Blum und Toche, bearbeitet von Hugo Wittmann. Musik von Karl Weinberger. Morgen: Dieselbe Borstellung. Die nächste Aufführung von Gebildete Weusche» findet am Freitag. den 6. November statt. Sonntag, den 8. November: Nach- mittags- Vorstellung bei bis auf die Hälfte ermäßigten Preisen: Gebildet» Menschen. �lexanderplatxlbeater. � Pikante NoTltStl Gyue fittlichen Halt. Sittenbild ans dem Berliner Leben in 4 Akten von Wilh. Friedhold. Anfang 3 Uhr. DM- Bons haben Giltigkeit.-MB Mittwoch: Ghne sittlichen Halt. Sonntag, den 8. November 1396. nachm. 4 Uhr: Auf allgemeines Verlangen: Rllh«a:ah>, der Berggeist. Zaubermärchen mit Gesang und Tanz in 6 Bildern von Eugen Prudens. Einzig in Berlin ist das neue Programm des Volks-Theater 34 Reichenbergerstrasse 34. Pserdebahn-Haltestelle: Kottbuser Thor. 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Die Kollegen der Bautischlerei von Metz, Urbanstraße 102, haben wegen Lohnabzüge die Arbeit niedergelegt, Bitte Zuzug fernzuhalten. 73/15 Ferner haben die Kollegen der Werk- statt von Uenmau», Gr. Hamburger- straße 4. wegen Differenzen die Arbeit niedergelegt. Die Grisueewaltung de« K»i?nrbeit«r-Uerband-e». Holzarveiter! Den Kollegen von Kirdorf u Um- gegend in Erinnerung, daß die Sperre über die Bautischlereien von Uirgen» und Schwarz, Prinz Handjerystraße, noch nicht aufgehoben ist. Deutscher Holzarbeiter- Uerband. Filiale Ri»doi*f. Wnug, KolMittt! In der Bautischlerei von Roll, Deiuminerstr. 7, haben die Kollegen die Arbeit wegen Lohndifferenzen nieder- gelegt. Zuzug fernhalten. 78/12 . Die Werkstatt-Kontrollkommission des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes. Gnmmi-Wcrkmeistcr. 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Vortrag des Reichstags- Abgeordnete» F. Zubeii. 2. Bericht erstattnug vom Parteitag. 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches und recht pünktliches Erscheinen ersucht D«r Dertrauensman». SosiilliiemolirMscher Verein..Vomärts" Donnerstag, deit 5. November, abends 8 Uhr, in Kernhard Paabe's Salo»». Kolbergerstraße 23: Geueral-Nersammlung. Tages- Ordnung: N„Die Eroberung des Nordpols". Referent: Genosse Dr. 0. iloöl. 2. Diskusston. 3. Bericht des Vorstandes und des Kasstrers. 4. Wahl eines Kassirers, eines Beisitzers und der Revisoren. 5. Verschiedenes. 274/4 MF" Mitgliedsbuch lcgitimirt."MS Das Protokoll des diesjährigen Parteitages nnrd gratis an die Mitglieder gegeben und kann in der Versannnlnng oder bei den Zahlstellen ab- gehoben werde». Der Dorstand. Mliinnev! Fvnuen! Uolks- Versammlung am Donnerstag, deil 5. November, abends 8 Uhr, in Kenels IsoltlÄlrn» Voppouptralze S9. Tages-Ordnung: i. Der Gittflnß des Religions-Unterrichts auf uufere heranwachsende Jugend. 2. Religionsfreiheit und der Anstritt uns vrr Kirchr. 3 Frei« Dioknj'sion. 4. Wahl der Revisoren. Neserellt: Reichstags-Abgeordueter L. VoZtlieri'. t249b I. A.: Ad. Koffman». Herr Hosprediger a. D. Stöcker und Herr Rabbiner Ar. Maribnnm sind brieflich eingeladen. Austrittserklärungen sind bei den Kominissions- Mitgliedern zu haben und werden ans Wunsch nusgesüllt. Ad. Hoifmaun, Blumenstr. 14.| E. Liudemana, Moritzstr. 9. H. Jaensch, Weidenweg 77. J E. Menzel, Straßburgerstr. 25. Bildhauer. Donnerstag, den 5. November 1896, abends 8 Uhr, in den Arminhallen» Konlmandalltenstr. 20: WM" V e rsammlung."fm Tagesordnung: Die Jnnungsvorlage, der Keschluff der selbständigen Kildhnuer,»lue Innung ,u gründen, und wie stellen sich die Kollegen dazu? Referent: P aul Dnpont. Verschiedenes. 20/7 Der Uertrauensman»: Otto Meyer, Engelufer 2 b. Grks-NvirnkcrrkrriNe für das zu Berlin. - Versammlung der Vertreter der Kahenmitglieder«. d. Ardeitgeder am Donnerstag, den 12. November 1890, abends 8 Uhr, in den Slrminhallen, Kommandantenstrahe. Tages-Ordnung: 1235b l. Bericht des Vorstandes. 2. Wahl des Rendanten. 3. Wahl von 3 Kassirern. 4. Wahl von 6 Vorstandsmitgliedern der Arbeitnehmer. 5. Wahl von 2 Vorstandsmitgliedern der Arbeitgeber. S. Wahl von 3 Revisoren zur Prüfung der Jahresrechnung.___ Der Dorstand. ! Maurer. Donnerstag, den 5. Uovember, abends 8'I, Uhr: Otäentliehe U!t�Iieäer-Vei'8lunmIunK des VereiuS zur Wahriiilg der Zllterejsell der Maurer Derlin» und Umgegend im Lokale des Herrn Hoffmann, Alexanderstr. 27o. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen J. Sassenbach über:„Die heilige In- quisition. 2. Diskussion. 3. Wichtige Vereinsangelegenheite». 12912 Die Mitglieder sind verpflichtet, alle zu erscheine». Neue Mitglieder werden anfgeuonunen. Der Dorftand. Mftild der in Bnchdindereien, der Papier- u. Ledergalanterielvaaren-Jndustrie beschäftigt. Arbeiter und Arbeiterinnen. Sonnabend» den 7. November 1896: Kewülhliehes Tanzkränzchen unter Mitwirkung des„Suchbinder Ulönirer- Chor«" in sämmtlichcn Ränine» des Louisenstädtischen Ktnbhnuse«, Annenstr. 16. MWWWM Kntang 8 Uhr.»»WM Eintrittskarte» ä 20 Pf. inkl. Tanz sind nun im Bureau des Der» daudes, Annrnstrajje SV(Geschäftszeit von 8—1 und 3—6 Uhr) und bei Herrn Gecsse, Annenstr. 10, zu haben. Zahlreichen Besuch der Kollegen und Kolleginnen erwartet 23>I5 Da» Dergniignugo-Komit«. DekamllmachNg. Die ordentliche Gtml- Versammlung der Lrts-KmkeMe siir den k iwrkHetried der Anslente, Handelslente nnd Rpbthekr findet am OoimerLiag, 12. November, abends 8V2 Uhr, in den �rmiullllllen, Kommandautenstr. 20, statt. 90/2 Tagesordnung. 1. Wahl von a) 5 Vorstandsmitgliedern seitens der Arbeilgeber und zwar: Neuwahl vo» 2 Vorstandsinitgliederu ans 3 Jahre, Ergänzungswahl von 2 Vorstandsmitgliedern bis Ende 1898, Ergänzungswahl von 1 Vor- standsmitglied bis Ende 1897; b) 5 Vorstandsinitgliederu seitens der Kassenmitglieder und zwar: Neu- wähl von 4 Vorstandsmitgliedern auf 3 Jahre, Ergänznngsivahl von l Vorstandsmitglied bis Ende 1897. 2. Wahl der Kassenrevisoren zur Prüfung der Rechnung des Jahres 1896. 3. Beschlußfassung über die ärztliche Be- Handlung der Kasseumitglieder für das Jahr 1397. Der Vorstand. Orts-Krankeilkasse für das Vittblliilttgmtlbe Ztt Nvvlin. Hierdurch wird auf grund des§ 64 des Statuts bekannt gemacht, daß die Kasse zur Zeit 3363 Mitglieder hat und nach§ 49 Abs. 2 it. 3 des Statuts daher 1.(ins der Znljl der Knjsen- nlitglieder 190 Vertreter, t nns her Zahl der Weit- geber 93 Vertreter für die Jahre 1807/08 neu zu wühle» sind. Wahlberechtigt und wählbar sind nur solche Personen, welche großjährig und im Besitze der bürgerliche» Ehren- rechte sind. Die Wahl der 190 Vertreter der Kosten- Mitglieder findet statt am Freitiig,d.13.NilliMr!>.z., abends von 8--10 Uhr, und die Wahl der 93 Vertreter der Arbeitgeber a» demselben Tage, abends von 0—8 Uhr in Hirte's Festsälen, Elisabethstraße 14, (Nähe'Acker«. Jnvalidenstrasie). Die Wahl ist geheim. Zutritt zum Wahllokal haben mir solche Arbeitgeber resp. deren Vertreter, welche Bei« träge an die diesseitige Kasse zahlen, und nur wahlberechtigte Mitglieder der Kasse. Letztere haben sich durch das Qnittungsbuch sowohl beim Eintritt in das Wahllokal, wie zur Ausübung des Wahlrechts am Wahltischezn legitimiren. Zu diesem Zwecke werden die Arbeit- geber ersucht, den bei ihnen beschäsligten Nassenmitgliedern die Quittungsbücher rechtzeitig aiiszuhändigen. Berlin, den 4. November 1396. Der Vorstand. Otto Wolf, Vorsitzender. 0anhsa>ijna. Für die zahlreichen Beweise attfrich- tigster Theilnahme be! der Beerdigung meines unvergeßlichen Mannes spreche ich meinen innigsten Dank au?. 1247b] Witt«-- W. Jacob. Danksagung. Für die so herzliche Theilnahme und Kranzspende, welche mir bei dem schweren Verlust meines lieben Mannes August «rartz zu theil geworden, sage ich allen Verwandten, Bekannten u. Kollegen meinen innigsten Dank. I2ö6b Wittwe Graetz. Für die rege Betheiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich allen Partcigenosien, den Mitgliedern des Holzarbeiter-Verb. und d. Vereins Vorivärts", sowie dem Gesangverein „Nordwacht" meinen herzlichsten Dank. 1234b»eee. Guss. Großer Abnehmer sucht sich mit tüchtigem Tischlermeister, der Spikgelrchmk« anfertigt, in Verbindung zu setzen. Off. Josefstr. 3, Spiegellager. 5—7 Uhr. 3i|n( 1' Theilzahlttng. Garantie Dresdenerstr. 105. Verein iler graphischen Arbeiter u. Arbeiterinnen Deutschlands(Filiale Berlin). Sonnabend, de» 7. Uovember, abend» 8'/2 Uhr, Außerordentliche Mitglieder-Versammlung zur Cettteuoial-Feier der Erfindung des Steindrucks im Lokale Aruiinhallen, Kommandantenstr. Tv. Tagesordnung:§#** Vortrag. WlS Nachher: Oemnthliches Keisammenseiil nni> Tanz Die Feier findet unter Mitwirkung des Gesangvereins„Senefelder" sta __ Gäste haben Zutritt. Um zahlreiche Betheiligung ersucht vi» Vervaltllug. statt. 96 13 Hausdiener. Packer, Kutscher. Donnerstag» den 5. Uovember» abends 8 Uhr: Oelfentl. Versammlung im„Netten Klubhaus", Kommaudatttettstraße 72, 1 Tr. Tagesordnung: 1. Das neneste geheime Rundschreiben an die KoUeae» Deutsch- laud» und wie stelle» sich die Kerliner Kollegen das»? 2 Diskusstou. Der ivichtigen Tagesordnung halber ist es Ehrenpflicht der Kollegen, in dieser Versammlung zu erscheinen. Zur Deckung der Unkosten findet Tellersammlung statt. 7319 Der Ginbernfer: Karl Alboldt, Bezirksleiter für Berlin. Dratillik der Vlinnletdodenlkger. Mittwoch, de« 4. Roveniber, abend» 8 Uhr, im Lokale de» Herr» Tubeil, Littdenstraße 106: Siljuiig der ierffiatt�aiitroflföiiiiiiiiföii mit VecksilMeliteil. Die Kollegen der Firmen I-sido 4 Co. und die Kollegen Closevko und Etsodot sind hierzu eingeladen. 78/4 ftenossenschafts- Bäckerei für Berlin n. Drag. (Eingetragene Genossenschaft mit beschrankter Haftpilicut.) Wir machen die Genossen auf die am D 0 V ft st V st 0 g, bell 5, Uovember. abends 8 Uhr» Alte Iakobstraße 83 stall,»tdende Geueval-Uersttmmlung aufmerksam. Nur die r o t h e n Mitgliedskarten legitimiren. 38/2 D,r Dorstaud. Kelle Allianre Theater. Sonntag, den 8. November 1896, nachm. 3 Uhr. Uolbs-Vorstellnng unter Uegie von Anlins Türk. Sunt zmeiken ZNaIv: Lnmpacivagabundus. Mitwirkende: Frau Dora, Herr JUrgas, Worlitzsoh, Nlarussi, Elise HUftel, Julius TUrk. Ulnstk von dcr Kapelle de« Kelle-Allianre-Theater» unter Leitung des Herrn Wolß. Eintrittskartn ä 60 Pf. sind in den bekannten Zahlstellen zu haben. Don heute ab sind in alle» Zahlstelle» Abonnementskarten für die zweite Kerie;» erhalten. Krp ertoir: Dezember: Do» Carlos. Januar: Ueber unsere Kraft, von Kjöruson. Februar: Romeo nnd Julia. Die Abonnemetttskarten sind übertragbar und für alle Vorstellungen giltig. 228,14 Das Gute siegt zuletzt doch! Das seit ca. 20 Jahren existirende echte Dr. Thonipson's Seifenpulver (Schutzmarke„Schwan") hat sich unter allen übrigen Waschpräparaten als das beste» Iv billigste nnd bequemste i» Waschmittel der Weit erwiesen! Dasselbe ist zu haben in den meisten Kolonialwaaren-. Drogneu- und Seifcnhandlnngen. Vuchhttndluttg VovmÄvk Kerlin SW., Keuthltraße 2. Soeben ist erschienen: Gothaer Kongreß-Protokoll. Preis»0 Pf.(Porto 10 Pf.). Geb. SO Pf.(Porto 20 Pf.). DaS nach stenographischer Niederschrist hergestellte Protokoll Ist durch Betsügung eines nuofiihrtichr» Kachregifter» iu einem praktischen Htnch- schiagebnch gestaltet worden. Jedes in de» Berichten der Parteiteitung und der Fraktion erwähnte politische Sreigniß, jeder in den Kongreßdedalten be- rührte gierung aus zu gesellen, der die Unternehmer zwinge, ihr Wort zu halten. Die Rednerin geht im weiteren auf die im Februar von dem uationalliberale» Freiherrn Hey! von Herrns- heim im Reichstage eingebrackte Interpellation ei» und charakte- risirt die Stellung der einzelnen Redner, so der Herren Hitze, Dr. Schall, Rickert, Berlepsch:c. Die Forderungen, die die Schneider und Näherinnen nunmehr dem Reichslage unter- breiten wollen, lehnen sich an die auf dem diesjährige» Schneider- Kongreß in Eisenach gefaßten Beschlüsse an, die von der Rednerin einzeln verlesen und theilweise erläutert werden. Da diese Forderungen sich im Nahmen der heutige» Gesellschaft durch- führen ließe», so könnten die Vertreter der bürgerlichen Parteien im Reichstage bei dieser Gelegenheit ihre Arbeiterfreuudlickkeil durch die That beweisen. Folgende Resolution, die allen Ver- sammlungen gemeinsam vorlag, unterbreitete die Reserentin dann der Versammlung zur Beschlußfassung:„Die heute in Saus- souci tagende Versammlung der Schneider und Näherinnen fordert, daß sich der Reichstag bei seinem Zusammentritt mit unseren Forderungen an die Gesetzgebung beschäftigt und entsprechende Bestimmungen erläßt zum Schutze der von den Unternehmern aufs äußerste ausgebeuteten Ar- beitern und Arbeiteriuuen der Konfektions- und Wäsche- blanche. Die Versammlung hält dies sür um so dringender, als die Unternehmer und Zwischeumeister der Konfektionsbranche die von den Arbeitern nnd Arbeiterinneu ihnen abgerungenen Zu- sagen schmählich gebrochen und sich dadurch als Mensche» er- wiesen haben, die keines Vertrauens würdig sind. Die Ver- gmmelten erklären es sür dringende Pflicht aller Arbeiter und rbeiterinnen dieser Branchen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, sich ihrer Organisation, dem Deutschen Schneider- und Schneiderinnen-Verbande anzuschließen." In der Diskussion nahm zunächst ein Herr Schulze als Vertreter der Zwischenmeister das Wort. Die Fünferkommifsion habe politische Absichten gehabt und daher nicht die Interessen der Arbeiter so vertreten, wie es nöthig gewesen wäre. Daß nicht mehr erreicht sei, liege in erster Linie mit a» Herrn Timm. Ter Redner wird durch die steigende Unruhe und fortwährende Schlußrufe veranlaßt, abzubrechen. Die nachfolgende» Redner treten sämmtlich Herrn Schulze entgegen. S l u b b e meint, Herr Schulze müsse bei den Verhandlungen geschlafen haben, iveun er derartiges sagen könne; Apelt weist unter großem Beifall die Angriffe auf die Fünferkommissio», speziell auf Timm zurück; Beyer begründet mit Sachkenntuiß noch einige der ge- stellten Forderuugen; Staake forderte zum Anschluß an die Organisation aus. Die Resolution wird schließlich mit großer Majorität angenommen. Im Norden— Kolberger Salon— referirte Fräulein Baader über dasselbe Thema. Die Versammlung war recht gut, hauptsächlich von Frauen besucht. Die Versammelle» gaben durch rege Beifalldezeugungen ihr vollständiges Einverständniß mit den an die Gesetzgebung zu stellenden Forderungen kund, welche die Reserentin einzeln erörterte und begründete. Zum Schluß empfahl sie die oben schon mitgetheilte Resolution zur Annahme. In der Diskussion erklärte D a n z i g. daß die weitere Konsequenz dieser Forderungen, die sich hauptsächlich auf geregelte Arbeitszeit erstrecken, eine Er- böhung der Löhne sein müsse. Weiter erklärte er sein Einver- fländniß mit der Resolution, doch müsse er behaupten, daß die Verhältnisse, was die Anarchie i» der Arbeitszeil anbetrifft, bei den Maaß-, Zivil-, Militär- und Lieferungs- Schneidern genau so liegen, wie in der Konfektions- und Wäschebranche, er beantrage, in der Resolution hinter:„zuni Schutze der von den Unternehmern anfs äußerste ausgebeuteten Arbeiter» und Arbeiterinnen der Konfektions- und Wäschebrauch«" hinzuzufügen:„und aller in der Schneiderei be- schäfiigten Arbeiter und Arbeiterinnen". Jaksch erklärt sich gleichfalls für Erweiterung der Resolution im Sinne Danzig's. Ria» müsse jetzt endlich Thate» verlangen, von schönen Worten und Versprechungen habe man nichts; das beiveise die Thatsache, daß von den Versprechungen in dem bekannte» kaiserlichen Er- lasse bis heute nichts zu verspüren sei. Döring betont die Nothwendigkeit, auch die hier in belracht kommenden Branche» der Unfall- Versichernngspflicht zu unterstellen. Frau P a n g r a m behauptet, daß dieser Punkt mit in den Forderungen inbegriffen sei, und erklärt es endlich an der Zeit, daß sich alle Berufsangehörigen zum einmüthipen Handeln aus- raffen, um den miserablen Zuständen in der Konfektion ein Ende zu bereiten. So wie alle Redner, enipsahl auch die Referentiu in ihrem Schlußwort den Anschluß an die Organisation, dem deutschen Schneider- und Schneiderinnen-Verband. Hierauf wurde der Resolution mit der beantragten Erweilernng einstimmig zu- gestimmt. Nachdem das diesjährig« Stiftungsfest des Verbandes, welches an» 15. November in der Berliner Ressource, Komman- dantenstr. 57 stattfindet, bekannt gegeben war, schloß der Vor- sitzende die Versammlung mit einem Hoch ans die moderne Arbeiterbewegung. In der Versammlung für Schöneberg und de» Westen Ver lins, die im Königshof, Bülowstraße, tagte und nur schwach besucht war, hielt Frau G r e i f e n b e r g das Referat. Rednerin warnte, sich auf die„warmen Arbeitersrennde" aus den bürgerliche» Parteien zu verlassen. Was ans ihre Ver- sprechungen zu gebe,, sei, hätten sie durch ihr Thun oder richtiger iyr Lassen während des letzten Jahrzehnts bewiesen. Nichts sei zum besten der armen bedrängte» Konfektionsarbeiterinncn geschehe», obwohl schon vor Jahren durch«ine Enquete ihre Nölhe vor aller Welt festgestellt worden seien. Ja— doch, eine That sei ausgeführt worden: die Auflösung des alten Mäntel- »äherinnen-Vereins. Nur allein die Sozialdemokratie trete rück- haltslos für die Bedrückten ein. Auf sie, vor allem aber auf sich s e l b st hätten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen zn stützen. Ihr eigenstes Wollen daran zn setzen, um zu erreichen, daß sie selber die Bedingungen des Verkaufs ihrer Arbeitskraft bestimmen könnten: das sei ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Rednerin ging dann zu einer Schilderung der grausen Zustände der Kon- fektion über, die sie treffend kennzeichnete, und beleuchtete dann die Forderungen der Schneider und Näherinne» an die Gesetz- geber, die vom Schneider- und Schneiderinncnkongreß im Juli dieses Jahres aufgestellt wurden. Mit einem feurigen Aufruf zur Organisation schloß die Referentin unter lebhaftem Beifall. — Es meldete sich dann ein Redakteur B ö ck l e r zum Wort. Einem großen Theile des von Frau Greifenberg Gesagten stimmte er zu. Gut heißen kann er nicht, daß nur die Sozial- demokraten etwas für den Arbeiter thätcn. Speziell der Streik der 5ionfcktio»sarbeiterinnen und-Arbeiter sei dazu angethan gewesen, das ganze Vaterland für sich einzunehmen. Die in ihrer Branche herrschenden Zustände bedürften dringend der Ab- nnderung. Auf keinem Gebiete lägen die Bedingungen eines Lohnkampfes so ungünstig, wie aus dem der Konfektion, und nirgends wurden die Arbeiter und Arbeiterinnen mit solcher Roheit und Schamlosigkeit ausgebeutet. Im übrigen kehrte der Herr seinen Judenhaß hervor. Fabri- kanten, die ihre Arbeiter zu sehr ausbeuten, will er dadurch kurire», daß ihnen das Halte» von Arbeiterinnen verboten werde. Witte antwortete in ausführlicher Rede. Er machte darauf auf- merksam, daß sich die antisemitische„Staatsbürger-Zeitung" nicht e i n mal für die Konfektionsarbeiter ins Zeug gelegt habe, was doch sogar von manchesterliche» Blättern gethan worden fei. Dieselbe Zeitung trete sür die Zwischcnmeister sehr warm ein, in denen sie den bedrängten kleinen Handwerker sehe. Nachdem Frau N i I o I e y sich de» Ausführungen der Referentin und Witle's angeschlossen hatte, sprach der Herr Böckler noch einmal, um seine Partei gegen Witte in Schutz zu nehmen. Witte wies ihm schließlich noch einige Widersprüche nach. Nach einem beifällig aufgenommenen Schlußwort der Genossin Gr eisen bberg wurde die schon erwähnte Resolution gegen die Stimme des Herrn Böckler angenommen. In R i x d o r f tagte die Versammlung in den Viktoria- sälen in der Hermannstraße. Das Referat hielt I. Timm. Ter Redner giebt zunächst einen Ueberblick der Vorgänge, die sich in der Konseklionsindustrie abgespielt haben. Als Menetekel habe die im vorigen Winter ansgebrochene Bewegung der Kon- feklionsarbeiter die Gesellschaft wachgerüttelt. Der Kampf zeigte die Größe des Arbeiterelends, die Nothwendigkeit des Einschreitens von Staats wegen der ganzen Welt, der Kampf bewies, daß die durch das Uebermaß ihres Elends ihrer Widerstands- und Kampfessähigkeit beraubten Arbeiterschichten ein Anrecht darauf haben, daß sie durch de» gesetzlichen Arbeiterschlitz die Möglichkeit bekommen, de» Ausbeutungstrieb der Unternehmerprotzen der blühende» und gewinnreichcn Ltonfektionsindustrie bis auf eine bestimmte Grenze einzuschränken. Die Bewegung gab den gesetzgebenden Körperschaften eine kräftige Anregung zum weiteren Ausbau des dürstigen gesetzlichen Arbeiterschutzes. Die Besprechung der Interpellation der Nationalliberalen am 12. Februar im Reichstage brachte Zugeständnisse von allen Parteien; selbst die Vertreter der Parteien, die bisher alle An- träge der Sozialdemokratie auf Ausdehnung des gesetz- lichen Arbeiterschntzes auf die Hausindustrie niedergestiunnt hatten, erklärte» sich damals unter dem Druck der Verdällnisse sür gesetzliche Reformen ans jenem Gebiet. Wie wenig Bc- deutung aber solche Versprechungen haben, und wie sehr sich die Ansichten der Parteien ändern, das zeige die Haltung der ge- sammten Parteien, außer der Sozialdemokratie und in bedingter Weise des Zentrums, bei den minimalen Ve- stinnnungen des Bückerei- Arbeiterschntzes. Der Handels- minister von Berlepsch, dem gewiß keiner vorwerfen könne, daß er aus dem Gebiete des Arbeiterschntzes mit seinen Voischlägcn sehr weil gegangen sei, habe schon, nur bei dem Versuch, die kaiserlichen Erlasse ans dem Jahre 1890 in die Tbal umzusetzen, das Feld räumen müssen. Gegenwärtig sei König Stumm, der Schalfmacher ans dem Saarrevier, aus der ganzen Linie der Sozialpolitik Trumpf. Es gebe gewiß auch Personen in de» gesetzgebenden Körperschaften, die den ehrlichen Willen haben, gegenüber den unmenschlichen Zn- ständen in den einzelnen Industrien korrekte Arbeiterschntz« Bestimmungen zu schaffen, aber die Verhältnisse sind stärker als einzelne Personen, die den mächtigeren Einflüsse» zu weichen haben. Bei dieser Situation sei natürlich wenig zu erhoffen. Die Arbeiter müßten durch den Kamps von unlen ihren Foldernngen, die Redner eingehend beleuchtet, Geltung verschaffen. Deshalb erhebe man jetzt wieder die Stimme, damit die Abgeordnete» bei Zusammentritt des Reichstags an ihre Versprechungen erinnert werden. Der uationalliberale Abgeordnete v. Heyl habe im vorigen Winter schon ein sofortiges Einschreite» verlangt; es werde sich ja bald zeige», wie die Parteien und die Regierung jetzt gesonnen sind und was herauskommt. Für uns gelte aber, weiter zu organisiren, weiter zu agiliren, denn je erfolgreicher, je kräftiger die Organlsatio», um so größer der Einfluß, den wir aus wirlh- schaftlichem und politischem Gebiete ausüben tönnen. Nur unsere Stärke sichert den Sieg.(Lebhafter Beifall.) In Ripdorf dürfen Versammlungen nur bis 10 Uhr, dem Eintritt der Polizei- stunde tagen. Weil die Zeit erreicht war, konnte eine Diskussion nicht stattfinden. Die Versammlung nahm die empfohlene Neso- lution einstimmig an. In Weißen fee fand eine Versammlung im„Prälaten" statt, die allerdings nur schwach(von etwa 60 Pelsonen) und zwar größtentheils von Frauen nnd Mädchen besucht war. Der Referent Zander erinnerte an den Konfektionsarbeitersireik und bemerkte, wenn die Erfolge desselben auch nur gering gewesen wären nnd die Unternehmer zumeist ihr Wort gebrochen nnd die anfangs gemachten Zugeständnisse zurückgezogen bätten, so dürsten die Arbeiter und Arbeilerinnen sich dadurch nicht muthlos machen lassen, sondern sie müßte» vielmehr bestrebt sein, durch Zusammenschluß in der Organisation sich zu stärke», um zu geeigneter Zeit mehr erringen zu können. Das Elend in der Schneiderei, besonders in der Konsektionsbranche, sei durch die Erhebungen der Rcichskommission für Arbeiter- statistik und des Einiguugsamtes zur Kennlniß der weitesten Kreise gekommen. Was bisher als Uebertreibung der Agitatoren hingestellt wurde, sei nunmehr amtlich festgestellt. Sache der Gesetzgebung wäre es daher, hier zn gunslen der unter dem denkbar größten Elend schmachtenden Arbeiter einzugreifen nnd die Fnbrikanfsicht auch ans die Hausindustrie, den wesentlichste» Faktor der Mißstände in der Konfeliion auszudehnen. Deshalb habe auch der Schneiderkongreß einen Gesetzentwurf gutgeheißen, der dem Reichstag unterbreitet werde» soll. Der Redner besprach die Einzelheiten dieses Entwurfs»nd empfahl zum Schluß die auch in den anderen Versammlungen vorgelegte Resolution, welche ohne Widerspruch angenommen wurde. Eine Diskussion konnte nicht statifinden. da wegen der Polizeistunde die Ver- sammlung um 10 Uhr geschlossen werden mußte. VevfÄtnmlungen. Die Konferenz der Stuckateure Nord- und Mittel« drntschlauds lautete der erste Punkt der Tagesordnung, mit der sich eine öffentliche Stuckateur-Versammlung am Montag Abend in Buske's Saal, Grenadierstraße, beschäftigte. Der Vertrauens- mann Liebenow führt aus, daß die Anregung, Ende November eine allgemeine Konferenz voraussichtlich i» Magde- bürg abzuhalten, seitens der Hannoverschen Filiale des Verbandes der Stuckateure ausging. Ihm erscheine dies als ein erfreuliches Zeiche», dazu angethan, die verlorene Fühlung der Kollegen wieder zu gewinnen und die eingerissene» Zwisiig- keiten zu beseiltgen. Eine Annäherung an die Kollegen der Provinz sei ianf alle Fälle nothwendig und deshalb«sucht er die Anwesenden, die bevorstehende Konferenz zu beschicken. In der Diskussion wird von verschiedenen Seiten angedeutet, daß man sich über den Zweck der Zn- sammenkunft im Unklaren sei, es habe de» Anschein, als soll« die Frage der Organisationsform wieder einmal ventilirt werden. Grünberg verweist auf einen Ausruf an die Stuckateure Deutschlands im„Bauhaudwerker", dessen provisorische Tages- Ordnung den vielumstrittenen Punkt allerdings nicht ausweise, jedoch habe er gehört, daß man in Berlin bereits wieder etwas für die Zcntralisatio» plane. Von anderer Seite wieder wird energisch für Beschickung plädirt in der Hoffnung, daß die Zusammenkunft etwas Gutes sür die Stucka- teure zeitige, im übrigen spreche die augenblickliche Zerrissenheit selbst dafür.(Röhr, des öftere» vom Vorsitzenden zur Ruhe verwiesen, muß auf Aufforderung des überwachenden Beamten das Lokal verlassen, verschaffte sich jedoch zweimal Eingang und Mußte vom Vorsitzenden entfernt werden.) An der weiteren, ruhigeren Debatte sür und ivider Beschickung, während welcher etliche Redner immer wieder auf die Organisationsform zu sprechen kamen, betheiligten sich die Mehrzahl der Anwesenden. Die Abstimmung ergab gegen 1 Stimme die Beschickung der Konferenz. Als Delegirte wurden W. Schulz und Marker gewählt. Lüdke giebt alsdann de» Bericht der Revisoren über die Ab- rcchnung der Lohnkommission. Nach diesem betrug die G e« s a m m l ein n a h m e 3777,65 M., die Ausgabe(darunter 1606 M. an den Fachvereiii) 3113,56 M., so daß ein Bestand von 664,12 M. vorhanden ist. Nachdem der Lohnkoinmission Decharge ertheilt, wird diese laut Antrag aufgelöst. Die Wahl einer Liqnidalionskommission lehnt die Versammlung ab. Der Bestand von 664,12 M. bleibt in Händen des Vertranensmaiines und sollen die übrigen Marken vernichtet werden. Nachdem D a s ch i t die einzelnen wöchentlichen Ans- zahlungen an Unterstlltzniigsgeldern ziffernmäßig nachgewiesen, beantragt Rößler, den Lithographen und Steindruckern die Summe von 56 M. zu überwiesen. Dieser Antrag gab Anlaß zu längerer Debatte, in der hervorgehoben wurde, daß in den eigenen Reihen noch genügend zu unterstützen sei; die Versammlung beschließt, anstatt 56 25 M. zn überweisen. Ein Antrag, die in Arbeit stehenden Kollegen zu verpflichten, wöchent- lich 1 M. zur Unterstützung der Arbeitslosen zu entrichten, wird abgelehnt. Sodann beschließt inan, von Mittwoch ab die letzte Unterstützung auszuzahlen. Die Freie Vereinigung der Kanflente hielt am 21. v. M. ihre Generalversammlung ab. Den Halbjahresbericht gab der Vorsitzende Lissauer. Nach demselben haben drei große öffent- liehe Versammlungen stnttgefnnde», welche sich allesammt eines guten Zuspruchs erfreute». Von der weiteren Thätigkeit des Vorstandes ist noch hervorzuheben das Gutachten der„Freien Ver- einiguiig" an den Magistrat betreffs der Ausdehnung der Ver- sichernngspflicht aus alle Handlungsgehilfen bis zu einem Ein- kommen von 2666 M., sowie die Resolution an den Reichstag und Bundesralh betreffs des Achtudr-Ladenschlusses.Des weiteren schildert Redner das Auslreten der„Liga zur Herbeiführung des Achtuhr- Ladenschlusses". Es war ganz selbstverständlich, daß die„Freie Vereinigung" als alleinige Vertreterin der Handlungsgehilfen dem Thun nnd Treiben der Liga nicht unschlüssig gegenüber stehen durfte. Erstere halte einen schweren Stand, sie mußte nach außen hin kräftig in die Agitation eingreisen, um sich das Hest nicht aus der Hand nehmen zu lassen, und zugleich auch nach innen thäiig sein. Es mußte eine außerordentliche Mit- glieder-Versainnilung der„Freien Vereinigung" einberufen werden, in welcher die Leiter der Liga, welche auch zugleich Vorstands- ämter in der„Freien Vereinigung" einnahmen, durch Annahme einer Resolution gezivungen wurden, entweder ihre Aemttr hier oder in der Liga niederznlegeii. Den mit Beifall aufgeiionnneiien Ausführungen des Vorsitzenden folgte der Kassenbericht. Derselbe stellt sich wie folgt: Einnahme. Ausgabe. April.... 97.66 M. 64,80 M. Mai..... 186,76„ 185,60„ Juni..... 124,76„ 117,15„ Juli..... 123,60„ 124,05„ Angnft... o 125,35„ 98,60„ September.:. 123,00„ 187,26„ Oktober... 116,25„ 114,20„ Baarbestand... 46,93 M. Sparkassenbuch.. 16,60„ Außenstände... 448,66„ Summa 565,43 M. Die Schulden betragen zusammen. � 268,83 M. Vermögen.......... 7 236,58 M. Es fand nun die Wahl der Vorstandsmitglieder statt, welche folgendes Resultat ergab: Julius Lissauer, erster, I S ta h l, zweiter Vorsitzender; O t t o Elze, erster, R u d. K ö st e r, zweiter Schriftführer; Oskar Goß, eister, F r i e d r. Schmidt, zweiter Kassirer. Zu Beisitzern wurden Thiel er, Wolfs und Adolf Lesser ernannt, während H i n tz e und W i e b e als Revisoren wiedergewählt wurden. Zum Leiter der Stellenvermilteliing wurde Albert Kohn gewählt. Es wurde noch auf das bevorstehende Sliftnngssest am 8. November in Cohn's Festsälen hingewiesen, zu dem Billets k 60 Pf. bei allen Mitgliedern zu habe» sind. Arbetter-Sttdungsschnt». Mittwoch Abend von»— lo�Uhr: Sitd- o st s ch u l e, waldemarlir, 14:«ckchlchte«Alte Geschichte, Urzeit, Entstehung der»teltgtonen. Ortentalische Aötter,(örtechen und Römrr). Herr Tr. C Ptn».— 31 o r d s ch n l e, Brunnenstr. 26: Teulsch IDIe deutsche Literatur de» neunzehnten Jahrhunderts.— Aufsaglehre). Herr Heinrich Schul,. Tie Schulräume find zur Benutzung der Bibllother und de« retchen Jett- schr ifteninaiertal« schon von 8 Uhr abends an geöffnet. Krt>»»ter-z»i>»g«rl>»»d Berti»» und Umgegend, Vorsitzeuder Ad. Neuina»», Pasewaitersir. e. Stile Aenderunge» t»> VereinStatender sind zu richten an artedrlch«orlum, Manleuffelstr. es, v. 2 Tr. Sheater-»»t> pcrg»i>g»»g».U»r»>»„Helgaland". Heute, abends «, Uhr im Borstädlffchen Kasino, Acker flr. 14«: Sitzung. Zither Iii»!' ,.KIp-»v>i>chchr„.Edrtit'etff". Heule, abends s Uhr, tm Restaurant Sollina»», Eipsslr. u, Uebungsstnnde. Mustt, z>-r»»>ig»,>g«v»r,i„„Alldan»»". Heute, abends 9 Uhr, bet Fritz Kruger, Fennstr. 6, llebungssiiinde. 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