Nr. 150. Mittwoch, den 1. Juli 1885. II. Jahrg. Berliner Volksblatt. Organ für die Interessen der Arbeiter, Das Berliner Volksblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Bostabonnement 4 Mr. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illustr. Beilage 10 f. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.) Redaktion: Beuthstraße 2. Ein gut gemeinter Vorschlag. Der großartige Aufschwung, den die Arbeiterbewegung in den letzten Jahren in Deutschland genommen hat, überzeugt jetzt doch alle denkenden Männer, welcher politischen oder wirthschaftlichen Richtung sie auch angehören mögen, davon, daß etwas geschehen muß". Deshalb regnet es auch förmlich von sozial- reformatorischen Vorschlägen, die vielfach gut gemeint, aber von nur herzlich geringer Bedeutung sind. Palliativmittelchen kann man diese Vorschläge meist nennen; aber mit ihnen heilt man nimmer die großen sozialen Schäden der heutigen Gesellschaft. So macht auch der Fabrikinspektor zu Zwickau, Herr Herbrig, bei Besprechung der im vorigen Jahre im Sommer zu Glauchau, Meerane und Crimmitschau ausgebrochenen Streits einen Vorschlag, der seinem Herzen alle Ehre macht. Hören wir: " Eigenthümlich erscheint es, daß die Streits vornehm lich in solchen Monaten vorkommen, in welchen sich die Reiselust und das Bedürfniß nach Erholung zeigen. Wenn sich daher bei dem jezigen Drängen und Ueberhaften ein gewisser Bug nach einer kurzen Abwechselung in dem alltäglichen Leben auch bei den Arbeitern bemerklich macht, so dürfte dieses wohl in gewisser Hinsicht zu entschuldigen sein, und es sich vielleicht fragen, ob es nicht empfehlenswerth sein sollte, während der Sommermonate den Arbeitern nach und nach und insoweit dieses ohne wesentlichen Schaden für Arbeit geber und Arbeitnehmer möglich ist, eine kurze Erholungszeit zu gönnen." O gewiß wäre das wünschenswerth! Aber wie soll dies gemacht werden? Und was würde, besonders dadurch erreicht werden? Darauf giebt leider der Herr Inspektor feine Antwort. Doch wollen wir, ehe wir selbst auf die Beantwortung det gestellten Frage eingehen, zunächst einige Bemerkungen eines liberalen sächsischen Blattes wiedergeben, welches dem Vorschlage des Herrn Inspektors allerdings noch in sehr modifizirter Weise zustimmt. Das Blatt schreibt: ,, Dieser Hinweis eines berufenen Mannes ist jedenfalls feitens der Fabrikanten der Beachtung werth und jedenfalls auch praktisch zu verwerthen, wenn nur die Interessen sich die Mühe reiflicher Erwägung geben wollen. Allen Beamten, Lehrern 2c. ist die Möglichkeit geboten, während des Jahres ein oder mehrere Male eine Zeit der Erholung von den Anstrengungen ihres Berufes zu genießen. Sollte dies nicht auch für den Arbeiter, mit oft sehr aufreibender Beschäftigung und färglicher Nahrung, von wohlthätigen Folgen sein? Diese Zeit braucht ja nicht zu weit ausgeRachbruc verboten.] 71] Feuilleton. Im Eckfenster. Roman von Friedrich Gorstäcker. ( Fortsetzung.) Püster sah im Nu, daß die Fremde, dicht verschleiert, wie sie war, von den unten befindlichen Herren nicht erkannt sein fonnte. Und haben sie gesehen, wohin sie ging?" fragte er nur zurück. " 1 ,, Nein," eviderte Mur, sie stehen noch unten vor der Thür; es ist Alles in bester Ordnung." " Gut, Madame," sagte Püster mit einer artigen Verbeugung, dann haben Sie die Güte, hinter den Vorhang zu treten. Sie finden dort ein bequemes Fauteuil, und ich bitte Sie nur, sich ganz kurze Zeit vollkommen ruhig zu halten, damit man Ihre Gegenwart nicht bemerkt. Wenn Sie vortreten sollen, werde ich Sie hereinführen." Die Dame sah ihn groß an, rührte sich aber nicht von der Stelle, und Mur flüsterte jetzt dem Notar zu, daß die Fremde gar kein Deutsch verstehe. ,, Das ist aber eine verfluchte Geschichte," meinte Büfter; ,, dann versteht sie ja auch nichts von dem, was verhandelt wird!" ,, Ueberlassen Sie das mir, Herr Notar," sagte Mur freundlich, ich habe sie schon in Allem genau instruirt. Sie weiß, was gesprochen werden wird und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wann sie vortreten muß. Ich werde ihr auch Ich werde ihr auch das Andere begreiflich machen." Damit wandte er sich an die Dame, erklärte ihr in vollkommen reinem Englisch und mit so kurzen Worten als möglich die Bitte des Notars und führte sie dann hinter den jetzt total niedergelassenen grünen Vorhang des Eckfensters, hinter dem er mit ihr verschwand. Das ist ein kleiner intelligenter Bursche," sagte der Baron, der ihn die letzten Minuten aufmerksam beobachtet hatte. 11 ,, Das ist er in der That," nickte zustimmend der Notar. Aber jetzt, verehrter Herr, nehmen Sie dort in jenem Sessel Insertionsgebühr Partel uglas e Bibliothek de So beträgt für die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 f. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., 3immerstraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Expedition: Zimmerstraße 44. dehnt zu werden im Interesse des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers. Sollte es nicht möglich sein, die Gewährung einer Woche Arbeitsferien zu einer Bes lohnung für ältere Arbeiter, die seit einer belohnung für ältere Arbeiter, die seit einer bestimmten Reihe von Jahren in demselben Dienste stehen und die ja hin und wieder jetzt von einsichtigen Fabrik- und anderen Geschäftsherren durch Geldgeschenke ausgezeichnet werden, zu machen? In unserer 3eit, wo man allerseits das Wohl der arbeitenden Bevölkerung zu fördern bestrebt ist, möge auch obiger Hinweis Berücksichtigung finden." If Hier wird also auf unsere Frage, wie soll es gemacht werden? eine Antwort gegeben. Die Unternehmer selbst sollen freiwillig je nach Gutdünken, die Ferien bestimmen, als Belohnung für ältere Arbeiter. Glaubt denn wirklich das liberale Blatt, daß dadurch, wenn ein 3usammenhang zwischen Streits und sommerlichen Bedürfnissen zur Erholung wirklich vorhanden sein sollte, auch nur ein Streit vermieden würde! So jammervoll gering hat doch der Herr Fabrikinspektor selbst seinen Vorschlag wohl nicht aufgefaßt. Er will allen Arbeitern nach und nach die Ferien zu Theil werden lassen doch auch wohl nur durch den doch auch wohl nur durch den freien Willen der Fabrikanten, der Unternehmer. Aber, so fragen wir, hat denn der Herr Gewerberath, der doch solche Dinge verstehen müßte, gar keine Ahnung von dem gegenwärtig herrschenden wirthschaftlichen Getriebe? Kennt er nicht die freie Konkurrenz, die dem einen Unternehmer, wenn er existiren will, es geradezu verbietet, seinen Arbeitern mehr Vortheile zu gewähren, als es seine Konkurrenten thun? Sollte somit der Vorschlag des Herr Inspektors zur That werden, so müßten sämmtliche Unternehmer ihm zustimmen, und daß das nicht geschieht und geschehen kann, da immer eine Anzahl Unternehmer die eventuelle günstige Konjunktur in ihrem Geschäfte ausnüßen, resp. ausnüßen müssen, liegt wohl für jeden Kundigen klar auf der Hand." So ist denn der gutgemeinte Vorschlag des Herrn Inspektors auf dem Wege der Privathilfe nicht zu erreichen. Bleibt nun lediglich die Staatshilfe, die Gesetz gebung übrig. Weshalb sollte nicht in der Gewerbeordnung ein Paragraph aufgenommen werden, daß jeder Unternehmer verpflichtet ist, jedem seiner Arbeiter im Sommer acht Tage Ferien zu geben? Aber wie würden bei einem solchen Antrage die Liberalen und Konservativen zetern, und Fürst Bismarck würde sich an die Spitze der Antiferienbewegung stellen, wie er sich gegenwärtig an die Spitze der Gegner der Sonntagsruhe gestellt hat. S Nußen aber dieser Ferien wäre sehr minimal. Der Arbeiter, acht Tage aus der Arbeit gerissen, würde durchaus keine Erholung verspüren und nur etwas widerwilliger nach dieser fürzen Pause wieder an die Arbeit gehen. Entweder müssen die Pausen ganz kurz und regelmäßig wiederkehrend sein, und dies würde bei vollkommener Sonntagsruhe zutreffen, oder die Ferien müßten mehrere Wochen betragen, um Erholung zu bringen. Da nun letzteres nicht gut angeht, so bleiben wir bei unseren Forderungen: Sonntagsruhe und geringere tägliche Arbeitszeit, Marimalarbeitstag. Dadurch werden die Streiks denn sicherlich vermieden, sodaß man das Palliativmittelchen einer jährlichen Ferienwoche für Arbeiter wohl entbehren kann. Doch wir sagten, der Vorschlag sei gut gemeint und dabei bleiben wir auch; wir begrüßen überhaupt alle Vorschläge, auch die geringsten, welche die Lage der arbeitenden Klassen verbessern wollen oder doch zu verbessern vorgeben, mit Freuden. Denn durch dieselben wird Verständniß über unser wirthschaftliches Leben in das Volk hineingebracht, und außerdem geben alle solche Vorschläge zu, daß es mit unseren wirthschaftlichen Zuständen schlecht steht, daß sie geändert werden müssen. Diese allseitigen Bugeständnisse aber müssen das arbeitende Volk immer mehr bestärken in seinem Rechte, selbst Hand ans Werk zu legen, seine Lage zu verbessern. In diesem Sinne können wir auch den wohlgemeinten Vorschlag des Zwickauer Fabrikinspektors willkommen heißen. Politische Uebersicht. Zur Frage der Arbeiterschußgefeßgebung hat die Dresdener Handels- und Gewerbekammer Stellung genommen und beschlossen, daß thunlich st eine Beschränkung der Arbeitszeit auf täglich 12 Stunden zweckmäßig sei, resp. geboten erscheine, daß aber die Einführung eines Normalarbeitstages sowohl im Interesse der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer zu verwerfen sei. Von dem letterwähnten Gefichtspunkte ausgehend, erachtet die Kammnr auch eine weitere Beschränkung hinsichtlich der Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in den Fabriken nicht für geboten, doch sollen diese, wie auch weibliche Arbeiter möglich st von der Nachtarbeit ausgeschlossen werden. Bei allen Gewerben, die einen ununterbrochenen Betrieb erfordern, wird von einer Beschränkung der Arbeit an Sonnund Feiertagen abgerathen. Die Kammer erklärt sich ferner gegen die Einrichtung von Arbeitsämtern und Arbeitsdaß die Gesezgebung auf dem besagten Gebiete, wo es sich um fammern, und spricht schließlich die bestimmte Erwartung aus, tief einschneidende Maßnahmen handle, nur mit äußerster Vorsicht vorgehen werde, und empfiehlt dringend die vorallzuleicht die Konkurrenzfähigkeit der vaterländischen Industrie Und welche Mühe wird es kosten, einen solchen Vorherige Vernehmung von Sa ch verständigen, da sonst nur schlag erst zum allgemeinen Verständniß zu bringen? Det Play, ich höre die Herren kommen, und bewahren Sie nur um Gottes willen faltes Blut. Mur!" Mug glitt hinter der Gardine vor und ohne Weiteres an sein Pult, und schon im nächsten Moment öffnete sich die Thür, in der Schaller, von Rauten und Hans gefolgt, zuerst erschien. ,, Holla, mein lieber Notar," rief er aus, wie er nur Püster bemerkte, indem er mit beiden vorgestreckten Händen auf ihn zuging und in diese die ihm gebotene Rechte nahm und kräftig schüttelte ,,, wir haben uns ja in einer Ewigkeit nicht, oder doch nur par distance durch die gegenseitigen Fensterscheiben gesehen! Freue mich unendlich, Sie so frisch und wohl zu finden!" " Herr Baron, es ist mir eine ganz besondere Ehre," sagte der kleine Mann trocken. Schaller aber, Baron Solberg bemerkend, ging jetzt zu diesem über:„ Ah, bester Baron, Sie sind uns zuvorgekommen, wie? Ja, immer noch frisch auf den Füßen, und einem Jüngeren würden Sie im Marschiren etwas aufgeben können. Nun, heut Abend werde ich ja auch das Vergnügen haben, Ihnen meine kleine Familie vorzuführen, freue mich unmenschlich darauf, wahrhaftig und Rauten hat die Zeit nun gar nicht erwarten können, was ihm übrigens der Teufel danken mag!" " 1 Mein lieber Herr von Schaller," sagte der Baron, welcher bei der Begrüßung aufgestanden war, welcher bei der Begrüßung aufgestanden war, gebe Gott, daß wir uns Alle heut Abend so froh, wie wir Beide es wünschen, zusammenfinden mögen, und Sie sollen dann in der That sehen, daß der alte Solberg trotz seiner Jahre auch noch tanzen fann!" ,, Alle Wetter," lachte Schaller, dann versuch' ich's auch, auf Ehre, und wenn Sie einen jungen Menschen bemerkt haben, der seine Beine schlenkert, so bin ich es hahaha!" Das Lachen klang ein wenig umheimlich, denn es stimmte Niemand mit ein, und selbst Baron von Solberg machte ein ganz ernſtes Gesicht dazu. Püster aber, der in dessen zu Mux getreten war und mit diesem einige Worte geflüstert hatte, sagte jetzt mit seiner nicht übermäßig lauten, aber doch sehr klangvollen Stimme: " Meine Herren, dürfte ich Sie vielleicht ersuchen, Plat zu nehmen, denn ich glaube, es liegt in Ihrem allseitigen Interesse, daß, was hier zu geschehen hat, auch bald geschieht. Herr Graf, wenn ich bitten darf, diesen Stuhl, Herr von Schaller, wenn ich bitten darf, hier. Hast Du das Schriftstück fertig, Mur?" " Ja, Herr Notar." Schön. Also, meine verehrten Herrschaften, ich setze voraus, daß Sie allseitig verständigt sind, zu welchem 3wecke ich die Ehre habe, diese geehrten Herren bei mir zu sehen." " Ich glaube ja," sagte Schaller. " Sehr gut! Darf ich mir dann noch vorher erlauben, die Frage an den Herrn Grafen Rauten speziell zu richten, ob er willens ist, die Mitgift heute in Empfang zu nehmen und dann morgen mit der gnädigen Baronesse Franziska von Solberg ehelich verbunden zu werden?" Wenn es die Form erfordert," lächelte Rauten, so bin ich gern erbötig, die Frage zu beantworten, obgleich es derselben kaum bedurft hätte Ja!" Der Notar schwieg und sah den Grafen dabei fest an. Er befand sich selber, froß seiner äußern anscheinenden Ruhe in gewaltiger Aufregung und mußte sich die größte Mühe geben, das nicht durchscheinen zu lassen. Sehr gut, und Herr Baron von Solberg ist willens, dem Herrn Grafen von Rauten, als seinem fünftigen Schwiegersohn, diese Mitgift, die sich in runder Summe auf fünfzigtausend Thaler beläuft, heute auszuzahlen?" ,, Allerdings," sagte von Solberg fast tonlos. Und sind alle diese Formen nöthig?" lächelte Rauten. So viel ich weiß, ist das Ganze nur ein Privataft, der vielleicht von einem Notar beglaubigt werden kann, aber doch wahrhaftig kein besonderes Verhör bedingt." Herr Graf bemerken sehr richtig," erwiderte Püfter, ,, und etwas Derartiges würde unter gewöhnlichen Verhältnissen auch nicht geboten sein. Hier aber galt es vor allen Dingen, die beiden Thatsachen vor Zeugen zu konstatiren und Sie dann später, Herr Graf, zu ersuchen, einen Einwand zu heben, der eben gegen diese Verbindung von an= derer Seite her gemacht ist." arg geschädigt werden könnte. Es ist immer die alte Glocke, Es ist immer die alte Glocke, die vom Thurme St. Manchesters. Man will thunlichst" die Arbeitszeit auf 12 Stunden zu beschänken suchen. Wie gütig! Wenn es den Herren nicht thunlich erscheint, so muß natürlich länger, 14, 15, 16 oder 17 Stunden, gearbeitet werden. Weibliche Arbeiter sollen möglichst" von der Nachtarbeit ausgeschlossen werden und Arbeitsämter und Arbeitskammern find nicht nothwendig. Nur ja recht vorsichtig, immer Langsam voran, damit die ,, vaterländische Industrie" nicht geschädigt wird. Damit aber ja teine Ueberstürzung vorkommen fann, müssen zunächst Sachverständige zu Rathe gezogen werden. Und wo sollten diese sonst noch zu finden sein, als in der Dresdener Gewerbekammer. Diese Herren werden die harte Nuß am besten knacken können, sie werden am besten zu definiren vermögen, was ,, thunlich" und möglich" ist und wo die äußerste" Vorsicht anfängt und aufhört. Wahrlich, es liegt eine tiefe Weisheit in diesen Worten! Unfallversicherung für Reichsbeamte und deren Hinterbliebene. Gegen den Schluß der Reichstagssession wurde dem Bundesrath ein Gesezentwurf, betreffend die Fürsorge für Beamte und deren Hinterbliebene in Folge von Unfällen vorgelegt. Die Ausschüsse für Handel und Verkehr, Justiz Rechnungswesen und haben nunmehr die Annahme des Entwurfs mit einigen Modifikationen beim Bundesrathe beantragt. Der Entwurf sichert Reichsbeamten und Personen des Soldatenstandes, welche in Betrieben, die unter das Unfallversicherungs- Gesez fallen, beschäftigt sind, für den Fall einer dauernden Dienstunfähigkeit in Folge eines im Dienst erlittenen Betriebsunfalls eine Pension von 66%, pCt. ihres jährlichen Dienſteinkommens zu, falls ihnen nicht durch anderweite reichsgeseßliche Vorschriften ein höherer Betrag zusteht. Die bis zu ihrem Tode oder Wiederverheirathung 20 pCt. des Jahresgehalts des Verstorbenen, jedoch nicht unter 160 Mart und nicht mehr als 1600 Mark; jedes Kind bis zum vollendeten 18. Lebensjahre oder bis zur früheren Verheirathung, falls die Mutter lebt, 75 pCt. der Wittwenrente, andernfalls die volle Wittwenrente. Selbstverständlich treten höhere Beträge ein, wenn ein Anspruch darauf aus reichsgeseßlicher Vorschrift vorhanden ist. In Betreff der Kanalfragen verlautet, daß neuerdings die sämmtlichen Kanalfragen Gegenstand der eingehendsten Erörterung der zuständigen Ministerialressorts gewesen sind und daß diese Erörterungen zu einer Verständigung geführt haben, nach welcher die Wiederaufnahme der Kanalpläne auf einer nach mehreren Richtungen breiteren Grundlage als die des Beschlusses des Abgeordnetenhauses vom 8 v. M. zu erwarten steht. Schweiz. Auf vorigen Sonnabend war auch in Bern, wie vor einigen Tagen in Zürich, eine Versammlung der Sozialdemo fraten angesetzt, um zu dem Beschlusse, betreffend die Ausweisung der Anarchisten, Stellung zu nehmen; indessen verlief die Versammlung resultatlos. Man hatte nämlich den eidgenössischen Anwalt Herrn Müller eingeladen, ein erläuterndes Referat über jene Maßregeln zu halten; der Eingeladene war aber beruflich am Erscheinen verhindert, hat sich indeffen bereit erklärt, in einer zweiten Versammlung, so weit thunlich, Bericht zu erstatten. In die Reihe der Kantone, welche die Todesstrafe wieder einführen wollen, tritt nach einer der M. 3." zugehenden Korrespondenz nun auch der freifinnige Kanton Solothurn. Vor einigen Tagen wurde dort ein Raubmord verübt, und unter dem Eindrucke dieser Blutthat ist sofort eine Unterschriftensammlung eingeleitet worden. Im Kanton Zürich wird nächsten Sonntag über acht Tage über die Frage der Wiedereinführung der Todesstrafe eine Volksabstimmung stattfinden. Frankreich. Der Pariser Gemeinderath fährt fort, die Namen der Straßen umzuändern. Mehrfach hat sich dabei der Gemeinderath von seinem Hauptzweck: Beseitigung aller an Reaktion und Religion erinnernden Namen, abbringen lassen. So behielt er den Namen Rue Sainte- Hyacinthe bei, anstatt die Straße nach den Jakobinern zu nennen, welche in derselben ihren Klub hatten. Die Rue Notre- Dame de Nazareth ist ebenfalls geblieben. Der Großindustrielle Richard Lenois muß dem im Kampfe für die Kommune gefallenen Delescluze auf den Straßenschildern weichen. Louis Blanc, Camille Desmou lins, Bache, Petion, Raspail, Blanqui und Proudhon erhalten meist neue Straßen zu Namenskindern. Garibaldi verdrängt den Namen Grenelle, Zürich dagegen denjenigen des Marschall Mac Mahon. Die Rue Fontenelle, welche an der Herz- Jesufirche vorbeiführt, erhält den Namen des Ritters de Labarre, eines Opfers der Religionskriege. - Die Deputirtenkammer nahm am Sonnabend nach einer kurzen Debatte den Geseßentwurf, betreffend die freie Fabrikation von Kriegswaffen an, wobei jedoch der Artikel, welcher Privatleuten den Besitz von Kriegswaffen gestattet, gestrichen wurde. Sodann wurde die Berathung des Ausgabebudgets vorgenommen. Der Er- Kriegsminister General Thibaudin hat eine 11 Ein Einwand von anderer Seite her?" sagte Rauten und sah den Redenden erstaunt an. Das eiskalte, ernste Betragen seines Schwiegervaters war ihm schon aufgefallen, da er ihn eigentlich so noch nie gesehen. Und jetzt diese sonderbare Bemerkung des Notars! Was sollte das heißen?" Allerdings," erwiderte Püster ruhig; es ist freilich nur ein unbedeutender Gegenstand, der ihn hervorgerufen, in einer so wichtigen Angelegenheit muß aber auch das Unbedeutendste berücksichtigt werden, und ich möchte mir deshalb natürlich im Namen des Herrn Baron von Solberg die Frage an Sie erlauben: Waren Sie je in Nordamerika?" Rauten sah ihn starr an. Was meinte der trockene Aftenmensch damit? Er erwiderte ein kurzes, fast barsches: Nein!" # In der That nicht?" sagte Püster, indem er von dem Pult, neben dem er stand, die schon bereit liegende Photographie nahm, dann ist es mir freilich unerklärlich, wie Sie in New- York konnten ein Lichtbild von sich aufnehmen lassen. Ist das nicht das Ihrige, Herr Graf?" Er überreichte dem Grafen das Bild, und Rauten warf kaum den Blick darauf, als er auch fühlte, wie das Blut nach seinem Herzen zurückwallte. Was ging hier vor? Was Alles bezweckten diese Fragen? Woher kam das Bild? " Er sprang von seinem Stuhl auf; er wußte, daß er hier feine Bewegung verrathen durfte, denn des alten Solberg Augen schienen sich in ihn hinein zu bohren, und lachend rief er aus: Das ist allerdings eine merkwürdige Aehnlichkeit, und ich hätte im Leben nicht geglaubt, daß ich einen solchen Doppelgänger hätte. Ein Glück nur, daß er sich drüben über See befindet aber woher haben Sie das Bild?" ,, Das wollte ich mir eben erlauben, Ihnen zu bemerken. Eine Dame hat es an mich eingeschickt, deren Gatte sie böslich und nichtswürdig verlassen hat. Sie hoffte dadurch auf feine Spur zu kommen." Rauten ließ, während Püster sprach, den Blick im Bimmer umherschweifen und bemerkte Hans, der mit unterradikale Kandidatur zu den nächsten Wahlen angenommen. Da die französischen Militärgeseße nicht nur den aktiven, sondern auch den nicht aktiven Militärs verbieten, bei legislativen Wahlen zu kandidiren, so dürfte das Auftreten des Generals bald seine Pensionirung zur Folge haben. Die republikas nischen Gruppen der beiden Kammern hielten am 26. Juni eine Versammlung ab, um über ein einheitliches Programm zu berathen. Nach längerer Diskussion wurde die Wahl eines Ausschusses beschlossen, welcher die Grundlage eines Programms auszuarbeiten hat. Im Intransigeant" theilt Rochefort mit, er erfahre von einem aus Egypten zurückkehrenden Freunde, daß Olivier Pain ermordert worden sei. Rochefort glaubt, der Mord sei in Folge Anreizung des englischen Obersten Schmidt verübt worden, Olivier Pain hatte Debbeh verlassen und wurde nicht im Sudan, sondern in Egypten ermordet.( Nach englischen Quellen soll der französische Journalist Olivier Pain am oberen Nil dem Typhusfieber erlegen sein.)- Olivier Pain war mit am Kommune Aufstand betheiligt und wurde mit Rochefort nach Neu- Kaledonien deportirt. Von dort entflohen beide und lebten später in Genf zusammen, bis die allgemeine Amnestie erlassen wurde. Rochefort erläßt im Intransigeant" einen Aufruf an alle republikanischen Journalisten, damit sie die Frau und die vier Kinder des Verstorbenen vor dem Elend schüßen. Frau Pain arbeitet gegenwärtig in einem Modewaarengeschäft in Sizilien, wo sie gehofft hatte, genug für ihre vier Kleinen zu erwerben. So Rochefort. Der Figaro" aber, als dessen Berichterstatter Olivier Bain nach dem Sudan gegangen war, fügt dieser Thatsache noch hinzu, daß Rochefort schon seit einiger Zeit die Kosten für den ältesten Sohn seines schon seit einiger Zeit die Kosten für den ältesten Sohn seines Freundes im Kollege Sainte Bearbe bestreitet. Dlivier Pain war noch nicht ganz vierzig Jahre alt; er hatte als Berichterstatter französischer Blätter im türkisch- russischen Kriege zahl reiche Abenteuer bestanden und war von den Russen gefangen genommen worden; nur die Dazwischenkunft Rochefort's, der mit einflußreichen Persönlichkeiten der damaligen Genfer Re gierung befreundet war, rettete ihn vor der Hinrichtung. Von seinen lezten Händeln mit den Engländern, die ihn gefangen genommen hatten, ihn aber nicht gut genug zu bewachen verstanden, war in der jüngsten Zeit mehrmals die Rede. Nachdem er vielfachen Gefahren entronnen war, scheint er jetzt dem mörderischen Klima erlegen zu sein. M Bei der Stadtrathwahl im Charonneviertel erhielt Kommune- General En des die meisten Stimmen, doch nicht die absolute Mehrheit. Er gelangt mit einem anderen sozialistischen Kandidaten zur Stichwahl. Die TelegraphenVerwaltung ließ den nach Ferry's Landsis Foucharupt gezogenen Draht abschneiden, weil Ferry nicht mehr Minister ist. Dieser soll durch die engherzige Maßregel sehr gekränkt sein. Spanien. Die von der spanischen Regierung nach der Provinz Valencia entsandte und nun nach Madrid zurückgekehrte Cholerakommission hat dem Minister des Innern einen Bericht erstattet, der zwar die Frage der Wirksamkeit er Ferran'schen Schußimpfungen noch unentschieden läßt, sich un Allgemeinen aber günstig über dieselben äußert. Der Bericht gelangt zu folgenden Schlußfolgerungen: 1) Die Krankheit, welche in der Provinz Valencia wüthet, ist die asiatische Cholera. 2) Der Komma- Bacillus ist in der Flüssigkeit vorhanden, welche dem Dr. Ferran als Impfstoff dient. 3) Die Impfung ist unschädlich und darf unter Kontrole der Regierung stattfinden, welche statistische Erhebungen veranlassen muß, so lange die Frage, ob das System in der That Schuß gewährt, nicht gelöst ist. 4) Dr. Ferran verdient zur Fortseßung seiner Versuche amtlichen Schuß. Der Bericht ist unterzeichnet von dem Präfidenten des oberen Gesundheitsraths, Dr. Rubio, und von den Professoren der Medizin Maestre, San Juan, Garcia, Sola und San- Martin. Letzterer beklagt sich über die Hindernisse, welche der Kommission in den Weg gelegt worden seien und den Werth ihrer Arbeiten beeinträchtigt hätten. Rußland. M Einem Telegramm zufolge wird eine Begnadigung des am 22. d. M. in Charkow zum Tode durch den Strang verurtheilten Nihilisten Lpssjanski nicht erfolgen. Nach seinem Stubengenossen hat man bis jetzt vergeblich gefahndet. Die Regierung will wissen, daß sich in Charkow ein rühriges Nihilistennest befindet, doch waren alle Nachforschungen bisher vergeblich. Lyfjanski hat keinen seiner Mitschuldigen verrathen. Vor Kurzem sant das Panzerschiff Kreml", angeblich in Folge eines Leckes, wie verschiedene Zeitungen jedoch behaupten, weil es stark überladen war. Die Mannschaft hat fich gerettet, doch ist das Schiff total verloren. Die Blätter erinnern daran, daß aus derselben Ursache vor einigen Jahren der Lefort" angesichts des Kronstadter Hafens mit Mann und Maus zu Grunde ging, und lassen selbst die Möglichkeit tiefer liegender böswilliger Anstiftung dieser Katastrophen durchschimmern. Großbritannien. Im Unterhause haben die Parteien ihre Pläge gewechselt. geschlagenen Armen an dem einen Thürpfosten lehnte und fein klares Auge fest auf ihn gerichtet hielt. Jezt zum ersten Mal stieg in Rauten's Brust der Gedanke auf, daß er wer wußte denn durch welchen Zufall wenn nicht verrathen, doch verdächtigt oder angeklagt sei. Aber wer zum Teufel konnte Beweise gegen ihn bringen, sobald er selber nur sein ruhiges Blut bewahrte und sich nicht selbst verrieth! Herr Notar Püster," sagte er deshalb rasch gefaßt ,,, ich muß Sie bitten, zur Sache zu kommen. Das Alles, was Sie da vorgebracht, gehört doch wahrhaftig nicht hierher. Was schert das uns, wenn eine Frau ihren weggelaufenen Mann sucht? Was haben wir damit zu thun? Was fümmert uns ferner die Photographie, ausgenommen das, daß sie für mich persönlich ein spezielles Interesse durch die merkwürdige Aehnlichkeit mit mir hat! Den Reinigungseid, daß ich nicht verheirathet sei, da ich von Indien unmöglich die wirklichen schriftlichen Beweise schaffen konnte, habe ich schon geleistet. Was also wollen Sie mehr?" 11 Ihnen nur noch ein anderes Bild zeigen, Herr Graf," sagte Püster, indem er langsam auf den das Edfenster verhüllenden Vorhang zuschritt. Er verschwand dahinter, aber schon im nächsten Augenblick schlug er ihn wieder zurück und trat, eine Dame am Arme, heraus. ,, Kennen Sie diese Frau, Herr Max von Rehberg?" sagte er dabei mit rauher, fast tonloser Stimme, und Rauten schaute entsetzt in das Antlitz seiner eigenen Frau. " Max," sagte diese, indem sie ihn groß aus den hohlliegenden Augen anstarrte ,,, und muß ich Dich so hier wieder finden? Falscher, verrätherischer Mann, Mörder meines Glücks nnd Räuber meines Vermögens, hat Dich die Strafe endlich erreicht?" Rauten stand einen Moment wirklich sprachlos, und mit Entsegen bemerkte der alte Baron die Veränderung, die in seinen 3ügen vorging. Großer, allmächtiger Gott, der Verdacht war kein Verdacht mehr! Der doppelt meineidige Räuber stand vor seinem Richter! Die unbehaglichste Rolle dabei spielte, nach Rauten selber, jedenfalls Schaller, dem diese ganze Szene vorkam, als ob sie auf einem Theater aufgeführt würde und er nur Die bisherige Regierungspartei ist zur Oppofitionspartel geworden und hat sich zur Linken plazirt, während umgekehrt die bisherigen Opponenten auf der Rechten Platz genommen haben. Die irische Partei hat ihren Plaz nicht gewechselt. Gladstone verlas in der Sizung am 24. die zwischen ihm und Salisbury gewechselten Briefe und gab dann weitere Auskunft über das mit dem neuen Kabinet getroffene Abkommen, welches lediglich darin besteht, demselben vor der Hand keine Schwierigkeiten zu bereiten. - Die Unterhandlungen über einen neuen Ausliefes rungsvertrag zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und England sind nunmehr thatsächlich beendigt, da man sich über alle Hauptpunkte des Dokuments ge= einigt hat. Der neue Vertrag umschließt verschiedene Klaffen von Unterschlagungen und finanziellen Betrügereien, so daß flüchtige Bankerott ure nicht länger eine Zuflucht in einem der beiden Länder suchen können. Dies wird dem gegenwärti gen Zustand, daß amerikanische Bankerotteure fich nach Ranada flüchten können, ein Ende machen. Die Ratifizirung des Vertrags wird sich noch verzögern, da der Kongreß erst im Dezem ber zusammentritt; auch befindet sich darin eine Bestimmung welche eine Parlamentsakte erforderlich macht. Die Zustim mung der kanadischen Regierung ist bereits erlangt. Das neue englische Kabinet hat natürlich nichts Befferes zu thun, als sich, wie das alte, mit der auswärtigen Politik zu beschäftigen. Ein Londoner Telegramm meldet darüber: ,, Salisbury informirte Wolseley, es sei unmöglich, den Rückzug der Sudan- Erpedition rückgängig zu machen. Die„ Times" deuten an, Salisbury werde bei Lösung der egyptischen Frage möglicherweise den Rath Bismarc's, Egypten zu annektiren in modifizirter Form beherzigen." Herr Salisbury fängt also gerade so an wie sein Vorgänger; er wird sich auch ebenso schnell, wenn nicht viel schneller unmöglich machen. Wie die " Daily News" erfahren, hat die neue Regierung beschloffen, das Parlament aufzulösen, sobald das Gesetz für die Neu- Eintheilung der Wahlbezirke in Kraft tritt. Die Neuwahlen werden demnach Mitte November stattfinden. - Die beiden bisherigen Kabinetsmitglieder Dilte und Chamberlain sind im Begriff, eine Reise nach Irland anzutreten, um wie sie behaupten, die dortigen Verhältnisse zu studiren und dann Abhilfe- Maßregeln vorzuschlagen. Große Sympathien werden sie allem Anschein nach bei den Irländern nicht finden. In einer in Limerick abgehaltenen Versammlung der National Liga gelangte einstimmig eine Resolution zur Ans nahme, welche gegen den beabsichtigten Besuch dieser Herren in Irland als dem irischen Volke höchst unwillkommen und mißs fällig Brotest einlegt. Der Bürgermeister von Lime= rid, Mr. Stephen O'Mara, welcher den Vorfis führte, ers flärte es für einen merkwürdigen Umstand, daß diese Herren, während sie sich im Kabinet befanden, niemals ihre Stimme gegen Zwangsmaßregeln oder zu Gunsten von Home- rule erForster, das beste Blut Jrlands, in den Kerker geworfen und hoben hätten, sondern im Amte verblieben seien, während Lord Spencer mit seinem Hängen und seinen künstlich zusam mengefeßten Geschworenengerichten vorgegangen sei. Amerita. Nach nunmehr beendigter Kampagne in Kanada Konzentrirt General Middleton die kanadischen Truppen in Fort Pitt. Sie werden sich zu Wasser nach Winnipeg begeben, wo ihnen ein öffentlicher Empfang zu Theil werden soll. In allen wichtigeren Stationen im Nordwesten sollen Garnisonen zurückgelassen werden. Außer Riel wird noch etwa 60 anderen Angeklagten der Prozeß für Vergehen in Verbindung mit der legten Rebellion gemacht werden. Nach einer Depesche aus Lim a sind die Truppen des General Caceres entlassen worden. Demnach scheint die geplante Einigung gelungen zu sein. Aus Panama ist die Meldung eingegangen, daß die Anstrengungen der amerikanischen Regierung, den Frieden in Columbien herzustellen fich als fruchtlos erwiesen haben. Nach Admiral Jouett's Bericht sind die dortigen politischen Differenzen derartig, daß eine friedliche Beseitigung derselben unmöglich ist. Er erwartet heftige Kämpfe in Columbien. Wie aus Washington gerüchtweise gemeldet wird, werden wiederum Anstrengungen gemacht werden, die Regierung zu veranlassen, zum Schuß der amerikanischen Interessen am Isthmus von Panama einzuschreiten. Lokaits.. r. Daß bei der Prüfung von Konzessionsgesuchen für den Kleinhandel von Spirituosen von unserer Polizeibehörde gegenwärtig mit vielen Schwierigkeiten verfahren wird, ist bes fannt. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, daß nun auch Diejenigen, welche solche Konzessionen nachsuchen, es ihrerseits nicht an Bemühungen fehlen lassen, der Behörde Schwierig feiten zu bereiten, wahrscheinlich in der Meinung, daß man geneigt sein werde, in einem besonders komplizirtem Falle, wo man über die einschlägigen Geseßesbestimmungen zweifelhaft sein kann, lieber die Konzession zu ertheilen als zu verweigern. Wie wenig begründet eine solche Annahme ist, hat ein hiesiger als Buschauer dabei sitze oder spielte er wirklich mit! Er hatte ganz in Gedanken sein rechtes Knie zwischen beide Hände genommen und wiegte sich auf feinem Stuhle, wie er das zu Hause nicht selten that, und dabei flog sein Blick halb scheu, halb verblüfft von der fremden Frau zu Rauten, zu Hans, zu dem Baron, wie zu dem Notar hinüber. Waren die Leute denn wirklich im Ernst, oder hatten sie nur einen tollen Polterabendscherz vor, der darauf berechnet war, sich über ihn lustig zu machen? Rauten aber gewann von Allen am ersten seine Fassung wieder. Er richtete, sich hoch auf und ohne die Anrede der Frau zu erwidern, ja, sie kaum eines Blickes zu würdigen, sagte er kalt:„ Herr Notar Püfter, was ist das für eine Komödie, die Sie hier spielen? Was soll die fremde Dame, weshalb reden Sie selber mich mit einem fremden Namen an? Bin ich denn in ein Irrenhaus gerathen, oder was ist das hier? Mein lieber Baron," wandte er sich dann an den alten Herrn ,,, ich glaube fast, die 3eit ist jetzt nicht passend, unser Geschäft zu regeln. In dieser Umgebung verzichte ich wenigstens darauf und werde Sie lieber, ehe die Gäste eintreffen, in Ihrem eigenen Hause aufsuchen." Er hatte, während er die letzten Worte sprach, seinen Hut aufgegriffen und wandte sich der Thür zu. An dieser aber, die sich nach innen öffnete, lehnte jetzt mit der größten Ruhe Hans, und als Rauten auf ihn zutrat, sagte er, ohne sich aber nur in seiner Stellung zu rühren: Bleibe noch, Rauten, wir sind noch nicht fertig, ich habe selber noch ein Wort mit Dir zu reden." Oh mein Gott," klagte dabei die Frau, laßt ihn nicht fort, er hat ja mein ganzes Vermögen gestohlen, und wenn er jetzt das Freie gewinnt, findet ihn kein Mensch wieder!" ,, Beruhigen Sie sich, Madame," flüsterte ihr Mur zu, der an ihre Seite glitt; seine Wohnung ist besetzt, und mitnehmen kann er nichts von hier." Als Hans ihm nicht Raum gab, richtete sich Rauten hoch und stolz empor und sagte mit eisiger Schärfe im Tone: ,, Was soll das Alles heißen? Wird hier wirklich eine Komödie mit Destillateur erfahren müssen, dem sein Gesuch um Ertheilung einer Konzcssion für den Kleinbetrieb mit spirituosen Getränken abqeschlagen wurde. Der geistreiche Unternehmer kam plötzlich auf den Gedanken, seine Destillate nicht„Spirituosen", sondern „Kunstwein" zu benamsen, der in der betreffenden Stadtgegend noch garnickt existirc und für dessen Verkauf daher ein vor- handcnes Bedürfnis, das die Polizei nicht anerkennen wollte, aarnicht geleugnet werde könne. Infolge dieser geschickten Sachdarstellung hatten sich nunmehr alle Instanzen des Ver- rvaltungsstrcitverfahrens mit der Unterscheidung von„Kunst- wein" und„Spirituosen" zu beschäftigen, und der Destillateur bemühte sich nach Kräften, durch allerlei mysteriöse Andeutungen über seine Fabrikationsgeheimnisse diese verwaltungsrechtliche Unterscheidung noch zu erschweren; namentlich verwies er auf den Umstand," daß seinen Fabrikaten ein geringerer Alkohol- gehalt innewohne als vielen Weinen und daß man seinen Kunstwein deshalb nicht schlechthin unter die Spirituosen rechnen könne. Trotzdem konnten die Herren im Verwaltungs- geeicht dem„Kunstwein" keinen besonderen Geschmack abge- winnen, rechneten ihn einfach unter die Spirituosen und lehnten die Konzcssion ab; ja das Oberverwaltunasgericht ging sogar soweit, daß es die Frage nach dem Alkoholgehalt für ganz gleichgiltig erklärte und die vorinstanzliche Entscheidung be- ftätigic, und so wird denn dem Berliner Publikum der Genuß des„Kunstweins" in dem projektirten Schanklokale vorenthalten Uenen. i. Der Sport macht erfinderisch, was vielleicht der einzige Berührungspunkt ist, den er mit der Roth gemeinsam hat. Besonders vom Angelsport kann man dies behaupten, so- weit er mit Umgehung der Gesetze betrieben wird. Während Land- und Wasserpolizei gemeinsam sich beinühen, den unbe- fugten Anglern das Handwerk zu legen, finden diese Mittel, sich auf sehr bequeme Weise den Augen der heiligen Hennandad zu entziehen. Das linke Ufer der Obcrspree zwischen der Ver- dindungsbahn und Treptow ist mit dichtem Schilf bewachsen und so ein beliebter Aufenthalt für gewisse Fischarten, wie auch für die Herren Angler, die im dichten Schilf fitzend, die Angel- ruthe nur wenig aus demselben hervorragen lassen und so kaum einem Vorübergehenden fichtbar werden. Freilich gelingt ihnen. mur selten ein größerer Fang und gewöhnlich gehen sie mit einigen winzigen Fischlein nach Hause, an denen sich dann die Hauskatze delektirt. Trotzdem sind die Herren Angler un- crmüdlich: vom ersten Tagesgrauen bis spät Abends, so lange das Anaelfloß aus dem Wasser fichtbar ist, sind sie am Plave. Die Mahlzeiten für den ganzen Tag werden mitge- nommen und während des Angelns verzehrt;' und doch ist in den weitaus meisten Fällen das ganze lange Tagewerk im wahrsten Sinne des Wortes„für die Katze". Aus der schwedischen Eisbahn find die Vorbereitungen zur Aufnahme der angekündigten Sudanesen-Karawane bendet. Das weite, bisher öde Terrain gewährt jetzt einen überraschen- den Anblick, auf dem die landwirthschaftliche Dekorationskunst wirklich großartiges geschaffen hat. Verniittelst einer Unzahl hochstämmiger Lorbeer- und Palmen-Büume, Ziersträuchern und blühender Topfgewächse, ist ein wirklich geschmackvoller und reizender Garten geschaffen, um den eine lo Meter breite Bahn läuft, in der sich die Sudanesen produziren werden. Außerhalb dieser Barriere sind Plätze zu sehr mäßigen Preisen, die einen besonderen Zugana haben, eingerichtet. Dre Arrangc- ments gestatten die Aufnahme von 35— 40 t)00 Personen, für deren Bequemlichkeiten nach allen Richtungen hin gesorgt ist. Zahlreiche Büffets sorgen für Erfrischungen des Publikunis. Mr die Mitglieder der Presse und Personen, die der Karavane ein weiicrgchendes Interesse entgegenbringen, ist ein besonderer Platz eingerichtet, von dem die schwedische Eisbahn vollständig übersehen werden kann. Falls neuerdings angeknüpfte Unter- Handlungen zum Abschluß kommen sollten, werden sich neben den Sudanesen gleichzeitig eine Anzahl Reger aus dem Kongo- Gebiet präsentiren, die gerade jetzt berechtigtes Aufsehen erregen würden. Aus alledem geht hervor, daß die Pächter der schwedischen Eisbahn es an keinerlei Anstrengungen fehlen lassen, um hier Neues, Originelles und Großartiges zu bieten. B. Was ist eine Illusion? In einer seiner letzten Vorlesungen über geistige Zurechnungsfähigkcit vor Gericht, sprach Herr Professor Meimel über Halluzinationen, Illusionen, und Visionen i durch ein Beispiel erläuterte er die gegebenen Definitionen: Wenn ich hier ganz ruhig fitze, gar nicht an Engel denke und mit einem Mate einen leibhaftigen Engel vor mir zu sehen glaube, so ist das eine Halluzination. Wenn ich dagegen mich eifrig mit religiösen Studien beschäftige und in meinem Glaubenselser eine„englische" Erscheinung habe, so ist dac eine Vision. Hingegen, wenn ich von einem von Ihnen glaube, daß er mit allen �.Agenden der Engel ausgestattet sei, i" ihm also einen„Engel" erblicke, so ist das eine Jllufion! .Homerisches Gelächter und Beifallsgetrampel belohnte den all- beliebten Professor für das lustige Intermezzo. ß. Vom Blitz erschlagen. Vorgestern Abend um 9 Uhr wurde iin Thiergarten am Goldfischteich der Schneidermeister Paul Stadelmann, Puttkamcrstr. 7 wohiihaft, nebst seinem Freunde, einem Musiker, vom Blitze getroffen. Der Blitz ist, wie sich aus den vorhandenen Spuren konstatiren läßt, in wir gespielt, zu der mich meine Braut besonders eingeladen? Ich verlange Aufklärung!" „Rur deshalb sind wir hier zusammengekommen," sagte Hans mit eiserner Ruhe.„Tu sprichst ja vortrefflich Eng- lisch, Rauten- bitte, sprich mit jener Dame— sie klagt Dich an, der Mann zu sein, der mit ihr in Rew-Aork ein Ehebündniß geschlossen und sie dann böslich verlassen und bestohlen habe." „Herr von Solberg!" fuhr Rauten empor. „Es ist ja nur eine Anklage," sagte Hans leichthin, „der Du rasch wirst begegnen können. Du mußt aber doch einschen, Rauten, daß Du meine Schwester nicht heirathen kannst, ehe Du diese Anschuldigung widerlegt hast." „Gut denn— was will die Dame?" „Dich nicht," sagte Hans trocken,„nur ihre Bonds und ihren Schmuck zurück, was Du, wie sie behauptet, mit- genommen. Bitte, Madame," wandte er sich dann in eng- lischcr Sprache an die junge Frau,„bringen� Sie ihre An- klage vor— ich selber wie mein Vater verstehen Englisch, ebenso der junge Mann. Ich weiß nicht, oh Sie der eng- lischen Sprache mächtig sind, Herr von Schaller?" „Hahahaha," lachte Schaller verlegen auf und wünschte ttch in diesem Augenblick nach irgend einer entlegenen Gegend des Exdballes. Er fing an zu ahnen, wie sich die ganze Sache gestalten könne, da von dem Gelde ja gar keine Rede war—„nicht die Spur, mein lieber Baron, nicht die blasse Spur, nur nothdürftig ein klein wenig Französisch." „Gentlemen," sagte die Frau— und es war eine bild- hübsche, edle Gestalt, wie sie da hoch aufgerichtet, mit den dunkeln Locken und funkelnden Augen, dem Angeklagten gegenüberstand,(Mux war wieder neben den Notar getreten, um ihm mit kurzen Worten das, was sie sagen würde, zu übersetzen)—„der da"— und sie hob ihre Augen empor und deutete damit auf den ihr kalt gegenüberstehenden Grafen Rauten—„hat sich im vorigen �ahre unter dem Namen /, Franks verdient, dann kann man es doch Niemandem übel nehmen, wenn er sich auf andere Weise Geld verschafft.— Präs.: Nun kamen Sit nach Frankfurt und trafen hier am 29. Dezember ein?— Angekl.: Ja.— Präs.: Was wollten Sie hier in Frankfurt machen?— Angekl.: Ich wollte mir Arbeit suchen.— Präs.: Können Sie in dieser Beziehung einen Nachweis führen?— Angekl.; Herr Präsident, wenn ich gewußt hätte, daß ich hier des Mordes beschuldigt werden würde, dann hätte ich mir ein Tagebuch angeschafft und alle meine hiesigen Handlungen genau verzeichnet.— Präs.: Wenn Sre Willens gewesen wären, sich hier Arbeit zu suchen, dann hätten sie sich doch als Schuhmacher und nicht als Tischler ausgegeben?— Angekl. schweigt.— Präs.: Nun, als Sie nach Frankfurt kamen, logirten Sie sich bei Raufft in der alten Mainzergasse ein?— Angekl.: Ja.— Präs.: Sind Sie derselbe, der am Morgen des 14. Januar zwischen 7 und 8 Uhr nach Bickenbach gekommen ist?— Angekl.; Das kann sein.— Präs.: Sie haben sich dort in einer Wirthschaft Papier, Tinte und Feder geben lassen und schrieben zwei Briefe?— Angekl.: Das ist nicht wahr, ich habe leine Bnefe geschrieben.— Präs.: Das wird zeugeneidlich festgestellt werden.— Angekl., in weinendem Tone: Das kann Niemand sagen.— Präs.: Nun, weinen Sie nur, gehen Sie in sich und legen Sie ein offenes Gcständniß ab. Es ist das angesichts des erdrückenden Be- lastungsmatcnals jedenfalls das Beste sür Sie.— Angek.: Was nicht wahr ist, kann ich nicht zugeben.— Präs.: Lieske� wenn Sic ein offenes Gcständniß ablegen, dann ersparen Sie sich wenigstens die Plage einer dreitägigen Verhandlung. Meine persönliche Meinung ist, daß Sie meist aus eigenem Antriebe gehandelt, sondern daß Sie ein Verfühttcr find?— Angekl.: Ich bin unschuldig.— Präs.: Sic leugnen also, in Bickenbach zwei Briefe geschrieben zu haben?— Angekl.: Ja.— Präs.: Sie sollen, als Sie die Briefe schrieben, keinen Pfennig Geld bei sich gehabt haben?— Angekl.; Ich hatte noch 17 Mk. bei mir.— Präs.: Sie hatten nicht einmal 2 Pf., um das Papier zu bezahlen, Sie haben auch anläßlich dessen in der Bergstraße mehrfach gebettelt?— Angekl.: Das muß mir erst bewiesen werden.— Präs.; Selbstverständlich wird Ihnen das bewiesen werden, es wäre doch aber besser, wenn Sie gleich hier ein Gcständniß ablegten?— Angekl.: Das kann ich nicht zu- geben.— Präs.: Haben Sie sich in Bickenbach bei Dr. Weil die Hand verbinden lassen?— Angekl.: Ja.— Präs.: Wieso kamen Sie zu der bösen Hand?— Angeklagter schweigt.�— Präs.:(Ich will konstatiren, daß der Angeklagte über diese Handverwunöung wohl sechs verschiedene Angabe« gemacht hat.) Nun, wo waren Sie vom 14. bis zum 19. Januar, als Sie vom Gendarmen Götz in Hockenheim verhaftet wurden? — Angekl.: Ich bin immer weiter gewandert.— Präs.: Waren Sie auch in Mannheim?— Angekl.: Nein.— Präs.: Nun, das wird Ihnen auch bewiesen werden. Dort zeigten Sie einen Brief von einem gewissen Knauthmann, einem be- kannten Anarchisten?— Angekl.: Das ist nicht wahr.— Präs.: Das leugnen Sie auch?— Angekl.: Ich leugne es nicht, ich stelle es aber in Abrede.(Heiterkeit im Auditorium; der Präsident ermahnt zur Ruhe.)— Präs.: Wie sind Sie nun am 14. Januar des Morgens nach Bickenbach gekommen? — Angekl. schweigt.— Präs.: Weshalb sind" Sie dem Gendarmen Götz in Hockenheim entkaufen?— Angekl.: Ich befürchtete bestraft zu werden, weil ich falsche P aprere hatte. — Präs.: Nun, die Strafe, die Sie, der Sie noch unbestraft find, deshalb erhalten hätten, wäre doch jedenfalls eine nur geringe gewesen, Sie wären vielleicht höchstens mit 3 Tagen Haft vestraft worden, Sie hatten mithin doch keinen Grund, dem Gendarmen zu entlaufen und alsdann auf die sie ver- folgenden Leute und schließlich auf den Gendarmen selbst zu schießen?— Angekl.: Ich wollte den Leuten blos Angst ein- jagen, erschießen wollte ich Sie nicht.— Präs.: Wenn Sie das wollten, dann hätten Sie doch nicht nothwendig gehabt, zweimal zu schießen?— Angekl.: Ich wollte aber Niemanden erschießen.— Präs.: Wo' haben Sie sich den Revolver gekauft?— Angekl.: In Basel.— Präs.: Was haben Sie dafür gezahlt?— Angekl.: 28 Franks.— Präs.: Sachverständige �taxiren den Werth des Revolvers auf höchstens 5 Franks, Sic haben sich also sehr übervortheilen lassen.— Staatsanw.: Früher hat der Angeklagte gesagt, er habe 22 Franks für den Revolver gegeben.— Präs.; Wozu kauften Sie sich den Revolver?— Angekl.: Damit ich auf der Wander- schaft nicht angehalten werde.— Präs.: Sie besürchteten, angehalten zu werden? Sehr cigenthümlich. Weshalb trugen Sie die Papiere von Nau bei sich?— Angekl.: Weil ich die meinigen verloren hatte.— Präs.: Das stimmt nicht, Sie ließen sich am 12. Januar von Raunt bei der Polizei anmelden, und als Sie auf den Namen Nau Ihre Anmeldung schrieben, fielen Ihnen Ihre eigenen Papiere unter da? Sopha, die Frau Raufft später vorfand?— Angekl.(schweigt).— Präs.: Früher sagten Sie, Sie hätten in der Gegend'von Karlsruhe Ihre Papiere verloren und gleichzeitig die von Nau gefunden.— Angekl.(schweigt).— Präs.: Sie geben nun zu, den Nau zu kennen?— Angekl.: Ja.— Präs.: Das haben Sie bisher auch geleugnet; nun besaßen Sie auch bei Ihrer An- Wesenheit in Franffurt einen Koffer, der jedoch plötzlich verschwunden ist?— Angekl.: Der ist mir abhanden ge- kommen.— Präs.: Das ijt doch sehr cigenthümlich, es liegt nämlrch die Vermuthung nahe, daß in dem Koffer eine Anzahl Sachen enthalten waren, die uns vielleicht wesentliche Anhalts- punkte gegeben hätten. Sie versetzten außerdem Ihre Uhr. Und als Ihnen nach Ihrer Gefangennahme die Uhr vorgezeigt wurde, warfen Sie dieselbe mit aller Gewalt an die Wand, so daß sie zerbrach. Auf Befragen, weshalb Sie das gethan, ant- warteten Sie: Die Uhr gehört ja mir?— Angekl. schweigt.— Präs.: Sie besaßen in Basel ein Schustcrmesser, hatten Sie das nicht in ihrem Koficr?— Angekl.: Nein, daS hatte ich in Basel gelassen.— Präs.: Wenn Sie nach Frankfurt kamen, um sich Arbeit zu suchen, dann sollte es sich doch empfehlen, Ihr Handwerkszeug mitzubringen?— Angekl.: Ich wollte mich damit nicht umherschleppen.— Präs.: Ein Schustermesser läßt sich doch besser als ein Revolver beherbergen?— Angekl. schüttelt mit dem Kopf.— Präs.: Nun geben Sie zu, sich hier bei dem Schriftsetzer Hüber und Anderen erkundigt zu haben, wo HerrZPolizeirath Rumpff verkehrt, wo er wohnt und wann er Abends nach Hause geht?— Angekl.: Das ist nicht wahr, ich kenne gar leinen Huber.— Präs.: Sie werden hier seine Bekanntschaft machen. Nun leugnen Sie auch, gesagt zu haben, das Attentat auf das hiesige Polizeipräsidium wäre gelungen, wenn ein bischen mehr Chokolade verwendet worden wäre; mit dem Won„Chokolade" deuteten Sie auf Dynamit hin?— Angekl.: Das ist Alles nicht wahr.— Präs.: Sie sollen ferner gesagt haben: mit einigen Pfund Dynamit kann man ganz Basel in die Luft sprengen?— Angekl.; Davon weiß ich nichts.— Präs.; Leugnen«ie auch, der Anarchisten- partci angehört zu haben?— Angekl.: Ich habe niemals zu den Anarchisten gehört.— Präs.: Wollen Sie bei diesem Ihrem Leugnen beharren, selbst wenn Ihnen eine Anzahl Zeugen werden vorgeführt werden, die dies eidlich erhärten und bekunden werden, daß Sie einen Aufruf verbreitet hahen, in dem die Thaten des bekannten Anarchisten Stellmacher in Wien verherrlicht worden sind?— Angekl.: Das bestreite ich. — Präs.: Stellmacher hat in Wien dasselbe Verbrechen be- gangen, dessentwegen Sie hier unter Anklage stehen?— Angekl. schweigt.— Präs.: Wir wollen vorläufig mit dem In- quisitorium abbrechen und mit der Zeugenvernehmung bezüglich des objektiven Thatbestandes beginnen.— Die erste Zeugin ist die unverehelichte Theiß, die zur Zeit bei dem Polizei- rath Rumpff als Dienstmädchen konditionirt hat. Diese er- zählt, wie bereits berichtet, in welchem Zustande sie am Abend des 13. Januar ihren Herrn vor dem Hause, Sachsen- lager 5, gefunden. Als sie noch im Spezereiladen ivar, habe sie einen Schrei und femer gehört, wie die Gartenthür mit großer Heftigkeit ins Schloß fiel.— Das Dienstmädchen Esser, das ebenfalls zur Zeit bei dem Polizeirath Rumpff kon- ditionitte, weiß zur Sache selbst nichts zu bekunden.— Die medizinischen Sachverständigen, Geh. Medizinalrath Dr. Bache, Dr. Klingelhöfer und Dr. Wilbrandt, bekunden übereinstim- mend: Der Stich, den der Ermordete erhalten, muß mit furcht- barer Heftigkeit geführt worden sein und ist aus vier Gründen sofort tödtlich gewesen, da er vier edle Theile verletzt hatte. Möglich ist, daß der Ermordete in Folge des Stiches erst zur Erde gefallen ist. Der Stich muß mit einem dolchartigen Messer geschehen sein.— Der Präsident legt den Sachverstän- digen ein großes Schustermesscr vor. Letztere bekunden: der Stich könne wohl mit einem solchen Messer ausgeführt worden sein.— Präs.: Herr Dr. Wilbrandt, Sie haben den Ange- klagten gesehen, als er von Hockenheim hierher transporkirt worden. Sic haben die verletzte Hand des Angeklagten da- mals sofort untersucht, zu welchen Schlüssen sind Sie dabei gekommen?— Dr. Wilbrandt: Die Wunde war augenschein- lich erst einige Tage alt. Der Angeklagte sagte auf Befragen, er hätte sich vic Wunde durch eine» Fall zugezogen. Dies ist jedoch unmöglich, wohl liegt aber die Möglichkeit vor, daß, als der Angeklagte den tödtlichen Stich gegen den Polizeirath Rumpff geführt, und als er das Mord-Jnstmment wieder her- ausziehen wollte, dasselbe sich geklemmt und er sich so- mit verwundet hat.— Angell,(erregt); Der Herr Sachverständige sagt ebenso aus, wie ihm der Herr Präsident die Sache nahe gelegt, dann ist es allerdings leicht, mich hier zum Mörder zu stempeln.— Präs.: Angeklagter, durch diese Art der Verthei- digung machen Sie Ihre Sache nicht besser.— Angekl.: Ja, das mag sein, allein der Herr Untersuchungsrichter hat es genau ebenso gemacht. Ich bin wohl dumm, daß weiß ich schon lange, aber so dumm, wie Sie vielleicht glaube», bin ich doch nicht. — Präs.: Den Herrn Ilistersuchunasrickster werden wir ver- nehmen. Im Uebrigen aber findet hier keinerlei Beeinflussung statt.— Dr. Wilbrandt bemerkt auf weiteres Befragen des. 1 Präsidenten: Die Handverlegung kann von einem Fall nicht herrühren, wohl ist es aber auch möglich, daß der Angeklagte fich die Verlegung selbst beigebracht hat. Es geschieht das ja oftmals bei solchen Verbrechen, um einen Erklärungsgrund für die in den Kleidungsstücken sich vorfindenden Blutspuren zu haben. Im Uebrigen rühren die bei dem Angeklagten am Rockschoß vorgefundenen Blutflecken höchstwahrscheinlich nicht von der verwundeten Hand, sondern eher durch ein beblutetes Instrument her, das mit dem Rockschoß in Berührung gebracht worden ist. Würden die Blutflecken durch die verwundete Hand entstanden sein, dann wären dieselben auch im Innern der Tasche vorhanden gewesen.- Dr. med. Weil( 3wingenberg): Am Morgen des 14. Januar kam der Angeklagte zu mir und klagte mir, Daß er sich an der Hand verwundet habe. Auf meine Frage, wieso er sich die Verwundung zugefügt, antwortete er, er sei gefallen. Ich bemerkte ihm, daß er alsdann wohl auf einen scharfen Gegenstand gefallen sei.- Präs.: Halten Sie es für möglich, daß die Verwundung durch einen solchen Fall geschehen ist? Sachverständiger: Die Möglichkeit ist nicht ausgeschloffen. Im Weiteren bekundet Dr. Weil: Der Angeklagte habe ihm bemerkt, daß er kein Geld habe, in Folge deffen habe er ihm einige Pfennige gegeben. Er habe ihm die Hand verbunden, die Verwundung aber für derartig gefährlich gehalten, daß er ihm gerathen, sich in ein Spital aufnehmen zu lassen. Büchsenmacher Diehl deponirt: Der bei dem Angeklagten vorgefundene Revolver sei höchstens 6 M. werth. Tapezirer- Lehrling Schmidt( 15 Jahre alt): Am Abend des 13. Januar d. J. habe er im Sachsenlager auf seinen Meister gwartet. Er habe plötzlich einen heftigen Schrei gehört und gleich darauf in der Nähe der Rumpff'schen Wohnung einen Menschen laufen sehen. Soweit er( Beuge) fich erinnere, habe dieser Mensch eine seidene Kappe getragen und keinen Bart gehabt. Der Beuge vermag den Angeklagten nicht zu refognosziren. Schriftseter Hüber: Ich bin mit Lieske mehrfach in Der Herberge zur Heimath zusammen gekommen. Wir unterhielten uns über den Hochverrathsprozeß contra Reinsdorff und waren darin einig, daß sich Reinsdorff vor Gericht sehr muthvoll benommen habe. Lieske übergab mir zwei Nummern der Mostschen Freiheit" und eine sogenannte Stellmacher- Proklamation Zum Lefen; er führte derartige Redensarten, daß ich annahm: er sympathifire mit den Anarchisten. Einmal sagte er: Das Attentat auf das Polizeipräsidium ist nicht gelungen, weil zu wenig Chokolade, damit meinte er Dynamit, verwendet worden sei. Ferner erkundigte sich Lieske, wo Polizeirath Dr. Rumpff verkehre, ob es wahr sei, daß derselbe hinke, wann er Abends nach Hause gehe und wo er wohne. Bezüglich der letteren Frage verwies ich den Lieske aufs Adreßbuch. Lieske versezte darauf ärgerlich: Hier in dieser Herberge giebt es ja blos ein Adreßbuch von 1883. Präf.: Sch will hierbei konstatiren, daß Polizeirath Rumpff vor einem Jahre in einer anderen Straße gewohnt hat. Nun Zeuge, fragten Sie den Lieske nicht, was er von Rumpff wolle? Beuge: Ja wohl, das that ich. Lieste antwortete: er wolle den Polizeirath Rumpff einmal versohlen", das heißt verhauen. Präsident: Nun, Lieske soll Sie auch gefragt haben, in welcher Weise man am besten in der Privatwohnung des Polizeiraths Rumpff zu demselben sich Zugang verschaffen könne? - Zeuge: Ich bemerkte ihm, er solle sich durch das Dienstmädchen mittelst einer Visitenkarte anmelden laffen. Präf.: Sie erkennen den Angeklagten genau wieder? Beuge: Jas wohl. Präs. Er will Sie aber nicht kennen? Beuge: Jch erkenne ihn mit Bestimmtheit wieder. Präs.: Zeuge, Sie find furzichtig und erkannten den Angeklagten anfänglich nicht. Als Sie ihn dann später von der Seite sahen, erkann ten Sie ihn? Zeuge: Ja. Auf Antrag des Vertheidigers wird festgestellt, daß der Zeuge Brille Nr. 12 trägt und mehr fach wegen Bettelns und Obdachlosigkeit bestraft worden ist. Arbeiter Hieronymus: Ich lernte den Lieske in der Herberge zur Heimath fennen; eines Tages gab er mir eine sogenannte Stellmacher- Proklamation mit dem Bemerken: ich solle mich bei der Lektüre desselben amüftren. Auf Beschluß des Gerichtshofs wird diese Proklamation verlesen. Diese ist in der internationalen Druckerei zu Newyork gedruckt und Stellmacher als Held gefeiert, der im Kampfe des Proletariats gegen die kapitalistischen Räuber im Gefecht gefallen sei. Die Arbeiter, die allen Reichthum schaffen, müssen darben, wenn sie ihre Macht erkennen würden, brauchten fie blos zuzugreifen. Die Proklamation schließt: Es lebe die Propaganda der That!" Schriftseter Hüber befundet noch auf Befragen: Lieske habe zu ihm gesagt: er komme aus Genf, um sich Arbeit zu suchen. Tischlergeselle Nau: Ich wurde mit Lieske in der hiesigen Herberge zur Heimath bekannt. Auf Bitten des Lieske verkaufte ich demfelben für 1 M. meine Fleppen( Legitimationspapiere). Einige Tage darauf bat mich Lieske, auf meinen Namen seine Uhr Präs.: Weshalb wollte Lieste seine Uhr verzu versezen. sezen? Beuge: Er sagte, er habe kein Geld mehr, um sich Brod zu kaufen. Im Weiteren bekundet der Zeuge auf Bes fragen des Präsidenten: Lieske habe ihm eine Stellmacher Proklamation zum Lesen gegeben und ihn auch nach dem Polizeirath Rumpff gefragt. Er( Beuge) habe geglaubt, er wolle sich bei dem Polizeirath Rumpff eine Unterſtüßung holen. Lieste habe ihm nämlich erzählt, er sei mit zwei Jahren Gefängniß bestraft worden. Polizeirath Rumpff hat nämlich entLaffene Strafgefangene unterstüßt. Auf Befragen des Verheidigers gibt der Zeuge zu: Er habe einmal gesagt, Reinsdorff sei sein Jdeal, es müffe noch mehr solche Männer geben. Die Frage des Vertheidigers, ob es wahr sei, daß er einige Tage vor dem Morde mit einem Manne, der einen Ballonhut trug, vor dem Präfidialgebäude gewesen ist, verneint der Zeuge; einen solchen Mann kenne er nicht. Die weiteren Fragen des Vertheidigers, ob es war sei, daß er mit einem feingekleideten Herrn verkehrt, der den Sozialdemokrat" gelesen habe, verneint der Zeuge.Verth.: Ist es wahr, daß der Zeuge gesagt hat: Es wird hier sehr bald einmal etwas passiren?-Beuge: Das gebe ich zu; ich war der Meinung, die Anarchisten tönnten etwas unternehmen. Verth. Ist es wahr, daß der Zeuge, als er las, daß das Polizeipräsidium die Prämie für die Ergreifung des Mörders des Polizeirath Rumpf von 3000 auf 10 000 Mark erhöhte, gesagt hat: Aha! Nun geht die Polizei schon höher, ich werde noch warten, vielleicht giebt es noch mehr, denn ich kann die Prämie verdienen. Zeuge: Ich erinnere mich nicht, eine solche Aeußerung gethan zu haben. Wenn ich dies früher vielleicht zugegeben habe, so geschah dies in voller Verzweiflung, da ich vier Monate unschuldig im Gefängniß gesessen habe. -Präsident: Nun, so ganz unschuldig haben Sie nicht im Gefängniß gefeffen; Sie hätten zum mindesten den Verkauf Ihrer Legitimationspapiere früher der Behörde anzeigen sollen. Untersuchungsrichter, Landgerichtsrath Dr. Fabricius: Ich muß zunächst bemerken, daß Lieste am 21. Januar hier eingeliefert und erst am 4. Februar auf Grund der Prozeßordnung gefesselt worden ist. Lieske hat gleich von Anfang an Alles und Jedes geleugnet; er wollte weder jemals in Frankfurt gewesen sein, noch all die ihm vorgeführten Beugen kennen. Er behauptet ferner, nicht auf der Bergstraße gewesen zu sein, sondern er habe sich auf dem Wege nach Norden, direkt nach seiner Heimath Boffen begeben wollen. Die Behauptung des Lieske, daß ich durch meine Fragestellung die Aussage des Herrn Dr. Wilbrand beeinflußt habe, ist wohl nicht nöthig, des Näheren widerlegt zu werden. Präs.: Ich erachte das auch nicht für nöthig. Hier tritt gegen 14 Uhr eine längere Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wird Schneider Cassati vernommen. Dieser bekundet auf Befragen des Prästdenten: Ich kenne den Nau; dieser sagte mir einmal: Ich könnte mir die Prämie, die für die Ergreifung des Mörders des Polizeirathes Rumpff ausgesetzt ist, verdienen. Früher gab mir einmal Nau eine Proklamation, in der die Thaten Stellmachers verherrlicht wurden. Ich gab das Schriftstück Verantwortlicher Redakteur N. dem Nau zurück, mit dem Bemerken: er solle dasselbe ver brennen. Nau sagte zu mir: Dieser Stellmacher war ein Mensch, der meinem Jdeale nachstrebte, ich habe auch ein solches Ideal. Präs. Es soll auch von Reinsdorff gesprochen worden sein? Zeuge: Ja, Nau sagte: Reinsdorff war auch mein Jdeal. Schon vor der Ermordung des Polizeirathes Rumpff sagte Nau: Es wird in Frankfurt auch einmal etwas passiren. Präs.: Nun, Nau, ist das richtig? Nau: Das stimmt nicht ganz, ich habe nur gesagt: Stellmacher und Heinsdorff haben ihren Idealen nachgelebt. Präs.: Die Stellmacher- Proklamation haben Sie aber dem Zeugen zum Lesen gegeben?- Das fann möglich sein. Der Vertheidiger konstatirt, daß Nau erst, nachdem er aus der polizeilichen Haft entlassen, gesagt: Ich weiß, wer der Mörder ist, ich kann mir die Prämie verdienen, ich will jedoch noch warten, vielleicht giebt die Polizei dienen, ich will jedoch noch warten, vielleicht giebt die Polizei mehr. Der Zeuge Caffati habe dagegen bekundet: Nau habe gleich nach dem Morde eine derartige Aeußerung gethan. Kellner Pathe: Nau hat vor dem Rumpff'schen Morde einmal gesagt: Es wird hier in Frankfurt einmal etwas passiren. Ich halte jedoch den Nau bloß für Großprahler. einen Wirth der christlichen Her berge zur Heimath, Großmann: Nau, Cassati und Bathe haben zur Zeit der Ermordung des Polizeiraths Rumpff bei mir logirt. Ueber diese Zeit weiß ich nichts zu befunden. Am ersten Pfingstfeiertag sagte Nau: ich weiß wer der Mörder ist, ich will aber nicht mit Menschenköpfen handeln. die Armen ausbeuten." Präs. Sie behaupten, noch etwa 17 M. bei sich gehabt zu haben und dennoch sprachen Sie um Effen an? Angekl.: Auf der Bergstraße ist das Essen so theuer. Präs.: Nun, ich kenne die Bergstraße auch, man bekommt dort schon für 50 Pfennig ein Mittagessen.- Angeflagter: Da fennen Sie die Bauern auf der Bergstraße schlecht, die verlangen für eine Suppe schon 1 Mart.( Große Heiter feit im Auditorium.) Der Präsident ermahnt zur Ruhe und bemerkt, daß, bemerkt, daß, wenn noch einmal ein solch lautes Gelächter erschalle, er sich genöthigt sehen werde, den Zuhörerraum räumen zu lassen. Es erscheint alsdann als Zeuge der Gendarm Göt( Hockenheim). Dieser bekundet: Am 19. Januar d. J. begegnete ich dem Angeklagten in einem Wirthshause in Hockenheim. Als ich ihn nach seinen Legitimationspapieren fragte, zeigte er mir solche auf den Tischlergejellen Nau lautend. Ich bedeutete ihm, daß mir die Papiere nicht richtig vorfämen, in Folge dessen entlief er mir. Ich rief den Bauern zu, den Flüchtling aufzuhalten. Rindleff Vater und Sohn liefen ihm nach, der Angeklagte drehte sich jedoch sehr bald um und gab zwei Schüffe ab, die jedoch nicht uns trafen, sondern durch ein Fenster von Vetter gingen und den Kopf der Frau Vetter streiften. Er wollte noch einen dritten Schuß abfeuern, inzwischen wurde er aber überwältigt und hieran gehindert. In seinem Beige fand ich u. A. eine Adresse von einem Franz Guttmann in Mannheim. Prif.: Kannten Sie den Guttmann? Angefl.: Ich habe schon in der Voruntersuchung gesagt, daß ich feine Ahnung habe, wieso ich zu der Adresse des Guttmann gekommen bin; ich kann es mir nicht anders erklären, als daß mir irgend ein Handwerksbursche die Adresse zugesteckt hat. Im Uebrigen, wenn ich mit Guttmann bekannt gewesen wäre, dann hätte doch dieser unsere Bekanntschaft nicht in Abrede gestellt. Präs.: Nun, Guttmann ist ein bekannter Anarchist und wenn dieser zugegeben hätte, mit Ihnen bekannt zu sein, dann wäre er unter Umständen in diese Untersuchung mit verwickelt worden. Insofern waren die Rollen vorzüglich gespielt.- Angek!.: Mir ist Guttmann nicht bekannt. Bauer Rinckleff( Bater und Sohn) bestätigen die Deposita des Gendarmen Göß. Präs.: Nun, Angeklagter, hier bekunden drei Zeugen, daß Sie nicht nach vorn, sondern, indem Sie sich nach Ihren Verfolgern unwandten, nach rückwärts und nicht in die Luft, sondern so schoffen, daß Sie zweifellos die Abficht hatten, Ihre Verfolger zu erschießen. Angeklagter: Die Zeugen müssen sich irren. Gastwirth Karscheno( Schweßigen): Der Angeklagte Lieske kam am Sonntag Abend nach dem Morde des Polizeiraths Rumpff zu mir und fragte mich, ob ich ihm Nachtquartier geben könnte. Ich verweigerte ihm jedoch das Nachtquartier, da mir der Mann zu verdächtig vorfam. Präs.: Wieso tam er Ihnen verdächtig vor?-Zeuge: Er machte auf mich einen verdächtigen Eindruck.- Angell. ( erregt): Ich kann mir nicht erklären, wieso ich auf den Zeugen einen verdächtigen Eindruck gemacht habe? Präs. müssen doch dem Zeugen verdächtig vorgekommen sein, denn derselbe ist doch ein Gastwirth, der gern Geld verdient. Es wird nun noch das Protokoll über den Obduktions befund in Hockenheim verlesen und alsdann die Sigung gegen 64 Uhr Abends auf Dienstag, Vormittags 9 Uhr, vertagt. Soziales und Arbeiterbewegung. m 20 t TO De 31 n be S 2 ei T in th ST A ju B ein w L m ar go De am Sie fri Die ar fte ein lei St ge we Ar Ar bes ern fi un Arbeitseinstellung. In der Cohn u. Steinthalschen Färberei, Schlesischestraße 39-40, haben 40 Arbeiter die Arbeit niedergelegt, weil ihnen die verlangte Erhöhung ihres färg lichen Lohnes von 18 auf 20 Pfennige pro Stunde verweigert wurde. Die Arbeitszeit betrug, wie uns mitgetheilt wird, täglich 11 Stunden, der tägliche Verdienst also ca. 2 Mart. Durch Bewilligung der von den Arbeitern gestellten Forderung wäre demnach ihr Lohn auf 2 M. 20 Pf. pro Tag gestiegen, dies aber schien ihren Arbeitgebern als ein unbilliges Ver langen und erfolgte die Arbeitseinstellnng. Unter den Ar beitern befinden sich viele, reichlich mit Kindern gesegnete Fa milienväter. Präs. Was meinte er wohl damit?. Beuge: Ich glaube, er befürchtete von den Anarchisten umgebracht zu werden. Präs.: Nun, Nau, was sagen Sie dazu?- Nau: Der Zeuge irrt sich, ich habe eine solche Aeußerung nicht gethan, im Uebrigen bin ich weder jemals Sozialist noch Anarchist gewesen. Es ist mir aber mehrfach gesagt worden, ich solle den Lieske nicht reinlegen; noch heute Mittag, als ich aus der Verhandlung fam, machte mir ein Arbeiter Vorwürfe, daß ich den Lieske reingelegt habe. reingelegt habe. Präs.: Ich will konstatiren, daß z. B. in England die Belastungszeugen oftmals von den Anarchisten gelyncht worden sind." Maurer Aßmuth: Am 14. Ja nuar dieses Jahres gegen Morgen sah ich den Angeflagten in Bickenbach; er hatte die Hand verbunden. Er ging in einen Papierladen, um sich Papier zu kaufen. Dies Papier verlangte er umsonst, mit dem Bemerken, daß er kein Geld bei sich habe. Im Uebrigen sei es besser, Im Uebrigen sei es besser, so bemerkte er der betreffenden Verkäuferin, daß fie ihm das Papier schenke, als daß sie Hals und Bein breche. Die Verfäuferin habe ihm schließlich das Papier geschenkt, er habe sich aber nicht einmal dafür bedankt. Präs.: Angeklagter, find Sie jener Mann gewesen? Angefl.: Nein.- Präs.: Zeuge, erkennen Sie den Mann? Beuge: Jawohl, mit voller Bestimmtheit. Präs.: Was trug er damals für einen Hut? Beuge: Einen großen Schlapphut. Der Präsident läßt dem Angeklagten den einzigen in seinem Besitz befindlichen But aufseßen. Präs.: Nun, Zeuge, erkennen Sie jezt den Mann wieder? Beuge: Der Hut war es nicht, aber der Mann. Angefl.: Können Sie das beschwören?- Zeuge: Jawohl. Frau Bentheim( Bickenbach), die dem Angeklagten am 14. Januar des Morgens das Papier verkauft hat, be stätigt die Aussagen des Vorzeugen vollinhaltlich und erkennt ihn ebenfalls mit Bestimmtheit wieder.- Restaurateur Raub: Am 14. Januar des Morgens gegen 7 Uhr kam der Angeklagte in meine Wirthschaft, hatte Papier und Kouverts bei sich und erbat sich Feder und Tinte. Er schrieb zwei Briefe. Er hatte eine Hand verbunden. Auf meine Frage, wieso er zu der Wunde komme, antwortete er: Er sei am Abende vorher in Ebersbach gefallen. Präs.: Hat Shnen der Angeklagte den Schnaps bezahlt? Beuge: Nein. Angefl.( sehr erregt): Können Sie das beschwören? Beuge: Jawohl. Angefl.: Ich habe den Schnaps allerdings nicht Ihnen, sondern Ihrer Frau bezahlt.( Große Seiterfeit im Auditorium.) Bräs. Sie geben also jest zu, in Bickenbach gewesen zu sein? Angefl.: Das leugne ich durchaus nicht, nur die Briefe habe ich nicht geschrieben. Präs.: Der Zeuge hat Sie doch aber schreiben sehen, er wird das doch nicht erfinden. Angeklagter zuckt die Achseln. Wenn Sie nun am 14. Januar des Morgens nach Bickenbach gekommen sind, wann find Sie denn da von Frankfurt weggegangen? Angefl.: Am 13. Januar Nachmittags.- Präs.: So lange gehen Sie doch nicht bis Bickenbach; im Uebrigen haben Sie früher gesagt, Sie seien erst am 14. Januar von Frankfurt weggegangen? Angefl.: Nein, am 12. oder 13. Januar. Präs. Heute früh sagten Sie noch, Sie seien am 14. Januar von Frankfurt weggegangen?- Angefl.: Nein, schon am 13. Januar, Nachmittags. Präs.: Wenn Sie, wie Sie fagten, noch 17 M. hatten, dann hätten Sie doch die billige Main Neckarbahn benutzen können? Angell. schweigt. Schuhmachermeister Herpel: Der Angeklagte hat bei mir um Arbeit nachgefragt; ich habe ihm erwidert: er solle sich erst seine Hand heilen lassen; ich schickte ihn zu dem Dr. Weil. Der Angeklagte hatte eine Tuchmüße um die Hand gewickelt. -Angekl.: Irren Sie sich auch nicht, ich hatte blos einen Lappen um die Hand gewickelt. Zeuge: Sie werden mir doch nicht weiß machen, daß Sie keine Müze um die Hand gewickelt gehabt haben. Schuhmachermeister Hennemann und Schuhmachermeister Pfifferling( Bickenbach) bekunden übereinstimmend, daß der Angeklagte am 14. Januar bei ihnen um Arbeit nachgesucht und eine böse hand gehabt habe. Dem Zeugen Pfifferling hat der Angeklagte gesagt, er sei am Abend vorher in einer Schlägerei gewesen und habe dort einen heftigen Schlag auf die Hand bekommen. Der Angeklagte bestreitet die letzte Behauptung. anw.: Wo haben Sie fich nun die Verwundung beigebracht? Angell.: Am 14. Januar, des Morgens gegen 4 Uhr, als ich nach Bickenbach wanderte, fiel ich so unglücklich auf einen scharfen Gegenstand, daß ich mir die Verwundung beibrachte. Schreinermeister Friedrich( Weinheim): Am 14. Jan. Nach mittags fragte der Angeklagte bei mir um Arbeit nach. Er sagte mir, er habe eine böse hand, er habe sich mit einem Stechbeutel verwundet. Ich sagte ihm: mit der bösen Hand könne er doch nicht arbeiten, er solle angesichts der kalten Witte, rung doch lieber ins Spital gehen. Lieste antwortete jedoch: Das ist nicht nöthig, der Arzt hat mir gesagt, innerhalb acht Tagen werde ich wieder arbeitsfähig sein. Angell.: Der Beuge wird fich wohl irren, wenn er meint, ich hätte gefagt, ich habe mich mit dem Stechbeutel verwundet. Präs.: Sie find doch Schuhmacher, Angeklagter, wieso tamen Sie dazu, bei einem Schreinermeister um Arbeit nachzusuchen? Angell.: Ich hörte, daß bei dem Zeugen Arbeit sei, ich wollte daher wenigstens vorläufig ein Unterkommen haben. Schreiner meister Schäfer: Der Angeklagte hat bei mir um Arbeit nachgesucht, ich sagte ihm jedoch: er solle sich erst seine Hand heilen lassen; ich gab dem Angeklagten daher ein paar Pfennige. Präs.: Angeklagter, Ihre Arbeitsnachsuchung bei den Schreinermeistern hatte mehr eine Bettelei, als eine wirk liche Arbeitssuchung zum Zwede? Angell.: Das doch nicht. Angekl.: Das doch nicht. -Präs.: Nun, wenn die Schreinermeister gesagt hätten: Sie fönnen sofort zu arbeiten beginnen, dann wären Sie doch blamirt gewesen? Angefl.: Mit meiner Hand konnte ich doch nicht gleich arbeiten. Schuhmachermeister Eberhardt, bei dem der Angeklagte auch um Arbeit nachgesucht, bekundet: Der Angeklagte habe ihm gesagt, er habe sich die Verwundung durch einen Schnitt beigebracht. Der Angeklagte bestreitet die lettere Bekundung. Frau Hellwig( Hemspach): Der Angeklagte sprach bei mir am 15. Januar Mittags um Almosen an; meine Tochter gab ihm zwei Pfennige. Im Weiteren fragte der Angeklagte, ob ich nicht etwas Essen habe. Ich forderte den Angeklagten auf, in die Stube zu fommen, da es sehr kalt war, und gab ihm zu essen. Bei dieser Gelegenheit äußerte der Angeklagte: Jch esse nicht bei Allem und Jedem, ganz besonders nicht bei den Reichen, die Gronheim in Berlin. Druck und Verlag von May Bading in Berlin SW., Beuthstraße 2. Staats Vis major. Also die Berliner Bauinnungs meister sehen in einem Streif eine höhere Macht" welche gefeßlich von den eingegangenen Stontraften entbinden soll, ähnlich, wie wenn ein Blisstrahl oder ein Wolfenbruch irgend eine angefangene Arbeit zerstört. Kein verständiger Gerichtshof aber wird dem Gedankengang dieser beschränkten Innungsherren folgen können, da sie es ja in der Hand hatten, den Streit zu verhindern, indem sie den billigen Forderungen der Berliner Maurergehilfen nachtamen. Man sieht übrigens an solchen verzweifelten Bocksprüngen, daß die Herren Bau und Maurermeister sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen und fomit hoffentlich zum Nachgeben gezwungen werden. Wahrlich das wäre für die gesammte Arbeiterwelt ein Erfolg denn eine rücksichtslosere Korporation, wie die der Bau Maurer und Zimmermeister in Berlin, soll in Deutschland noch gesucht werden. Wenn diese Herren bei den Arbeiter feinen erfolgreichen Widerstand fänden, so würden sie in de That versuchen, eine Art Leibeigenschaftssystem wieder zu er richten. Deshalb wünschen wir ganz besonders den streikende Maurern den Sieg. dustrielle Thätigkeit eine ziemlich lebhafte im Vorjahr geweie sei, daß aber die Preise der Waaren ein regelmäßiges Sinke befundet hätten. Deshalb hätten die Unternehmer ihr Heil in möglichst weiter herabminderung der Selbst tosten gesucht. Das heißt auf gut Deutsch: Die Ar beitslöhne müßten verringert, die Arbeits zeit erhöht werden. Und so ist es auch im fünfte Jahre des Heils der neuen Zoll- und Wirthschaftspolitik de Deutschen Reichs geschehen. Die Handelstammer zu Goblenz erklärt, daß die in Die Gefängnißarbeit macht den freien" Arbeitern ein immer gefährlicher werdende Konkurrenz. Nach der amtliche Aufstellung der preußischen Straf- und Gefangenanstalte waren von Sträflingen täglich im Durchschnitt für Dritte gege Lohn beschäftigt: In Industriearbeiten 17 741, in landwirt schaftlichen und Taglöhnerarbeiten 864. Die größten Bable finden wir in der Bigarrenfabrikation mit einer täglichen Be schäftigungsziffer von 2001 Personen, der Weberei mit 1888 der Schuhmacherei mit 1588, der Schreinerei mit 1204, de Kartonage, Buchbinderei u. s. w. mit 1098 Personen. Und so fort mit Grazie! Wann wird endlich eine gesetzgeberische Re form diesen Mißständen das wohlverdiente Ende bereiten? Vermischtes. be Ueber den Tod Petöfi's, des berühmten ungarische Patrioten und Dichters werden wieder verschiedene Berich verbreitet, ohne daß dadurch das Dunkel gelichtet werden dürft welches in der Sache noch immer herricht: In Hejasfalv welcher Ort zwischen Schäßburg und Erled liegt, lebt im Sau Nr. 201 ein Rumäne, von dem es heißt, daß er am Tage Schäßburger Schlacht einen verwundeten Honved- Stabsoffizie der sich in seinen Hof geschleppt und dort auf einem Stein haufen mit Bleistift in einem Buche zu schreiben begann, hinte rüds mit einer Art erschlagen, ausgeraubt und unter ein Brücke vor seinem Hause begraben habe. Das Bolt glau daß dieser ermordete Honved- Offizier Petöfi gewesen war der Gewährsmann meint, man sollte unter der erwähnt Brücke Nachgrabungen veranstalten. Nach einer ander Legende soll nach dem Feldzuge der Schäßburger Apothe Binder erzählt haben, er habe als sächsische Nationalgar den verwundeten, aber noch lebenden Petöfi in das geme same Grab geschleppt." Hierzu eine Beilage bef Bi un den Der Die hat Do тои urt wel § 1 Die hät ben her jug Ar arb nu Dre lich Bi feir nor wei met züg leit fion Der Loh 4 bis Der 1 f Aft Te nid daß zu nid oft feie der In nid Spel gur abe org foft Leil Arb Dem mü wei einz g gr Ar daß Auf alle laff Ver jene des dem im und ür น ค να im De Je= ht, er= nd Be= Su Is: m). n ich che aß Lief en. hte och gen en igt ine f.: in eso es id= en, nn Ilt. enn äre en. EL.: ter Sie ern so ger tch In em ich, hm or ge: eff. gen Sie enn ns gen hen Beilage zum Berliner Volksblatt. Nr. 150. Von den Brünner Unruhen. Der Gewerke nspektor von Brünn, Herr Czerwen, schildert die dortigen Arbeiterverhältnisie in einer Weise, daß derjenige, der noch ein Herz im Leibe hat, die entstandenen Unruhen, wenn auch nicht billigen, so doch leicht begreifen fann. Hören wir deshalb den Bericht an: Mittwoch, den 1. Juli 1885. wenn sie eben das Verständniß hierfür hätten. Damit soll ihnen kein anderer Vorwurf gemacht werden, als der, daß fie hierauf bezüglich sich so schwer von ihrem Unrecht überzeugen laffen. Mit der Unterkunft der Arbeiter ist es schlecht bestellt, viele Arbeiter müffen in den Arbeitsräumen der Fabriken über nachten. Ich wäre diesem Uebel schon längst energischer entgegengetreten, wenn ich eben nicht wüßte, daß die Unterkunft, welche sich dann die Leute für Geld verschaffen müßten, gewiß nicht besser wäre als in der Fabrik selbst. Hier ist es dringend geboten, daß in nächster Zeit gesunde Arbeiterwohnungen in genügender Bahl gebaut werden. Brünn ist ohnedieß unter den Großstädten Europa's eine derjenigen, welche die größten Sterblichkeitsziffern aufweist; also möge nicht zu lange gezögert werden. Im Brünner Gemeinderathe ist die Frage in einer kommen; ich erfuhr daraus, daß von der Bauabtheilung wohl der lezten Sigungen des Jahres 1884 wieder zur Sprache ge das Projekt von Wohnungsanlagen ausgearbeitet werde; die finanzielle Seite des Unternehmens ist aber eine solche, daß die Gemeinde das Projekt nicht auf ihre eigene Rechnung übernehmen kann, denn das ginge in die Hunderttausende; es müßten also auch Private für die Idee gewonnen werden. Bei einem Besuche des Zentralgewerbe- Inspektors in Brünn wurde dieser Gegenstand, sowie die Frage, die Einführung von Arbeiterzügen anzustreben, auch beim Obmanne des Vereins von SchafwollIndustriellen erörtert. Ich habe dem Statthalter von Mähren derung dieser Sache erhalten. Weiter versäume ich nie, bei Vortrag über diese Frage erstattet und die Zusage der För meinen Inspektionen die Nothwendigkeit einer zweckentsprechenden Unterkunft für die Arbeiter zu betonen und das Projekt der Wohnungen in Erinnerung zu bringen. So der ergreifende Bericht. Obwohl es durch die jüngste österreichische Gewerbegeseßgebung und auch durch den Streik selbst etwas besser geworden ist, so dürften doch noch Jahre vergehen, ehe dieser soziale Augiasstall von einem Herkules, der in diesem Falle nur das arbeitende Volk selbst sein kann, gereinigt sein wird. Kommunales. In ihrer letzten geheimen Sigung vor den Ferien beschäftigte sich die Stadtverordneten- Versammlung auch mit der event. Wahl für die Stelle des Stadtschulraths Dr. Bertram, deffen Wahlzeit mit dem 31. März 1886 abläuft. Nach erfolgter Berichterstattung durch den betr. Ausschuß beschloß die Versammlung, von einem öffentlichen Ausschreiben abzusehen und das Gehalt der Stelle für den Fall der Wiederwahl des Herrn Bertram auf 12 000 M. zu erhöhen, für den Fall einer anderweitigen Wahl dagegen auf 9000 M. festzusetzen. Der Magistrat wird ersucht, zu dieser Gehaltsfestseßung die Genehmigung des Herrn Ober- Präsidenten einzuholen. Nachstehende Schiedsmannsbeamte sind vom Präfidium des Königlichen Landgerichts Berlin I bestätigt und am 9. resp. 11. Juni cr. vom Königlichen Amtsgericht I hierselbst eidlich verpflichtet worden: 1) als Schiedsmanns- Stellvertreter für den 289. 290. Stadtbezirk: der Eigenthümer Herr Lubig, Alt- Moabit 50; 2) als Schiedsmanns- Stellvertreter für den 296. Stadtbezirk: der Kaufmann Herr Willigerodt, Stromstraße 49, wohnhaft. Die gewöhnliche Arbeitszeit der Webereien jeder Art beträgt zwölf Stunden, wenn jedoch die Nothwendigkeit eintritt, wird die Arbeit auf vierzehn bis sechszehn Stunden verlängert. Die Appretur- Anstalten und Färbereien arbeiten zwölf bis sechszehn Stunden und es richtet sich hierbei die Zeit nach der Natur des Arbeitsprozesses. Während die Vorbereitungsmaschinen der Spinnereien gewöhnlich in bestimmten Schichten, und zwar entweder nur in Tagschichten oder in Tag- und Nachtschichten arbeiten, ist bei den Spinnereien selbst mit wenigen Ausnahmen eine solche Regellosigkeit in der Arbeitszeit zur Gewohnheit geworden, wie sie wohl nur einzig und allein in diesem Industriezweige besteht. In mancher Schroblerei traf ich häufig Arbeiter resp. Arbeiterinnen, welche gewöhnlich außer ihrer zwölfstündigen Schicht mehrmals in der Woche noch halbe Ueberschichten machen, also an manthen Tagen achtzehn Stunden arbeiten. In einer großen Wollwaarenfabrik traf ich die Spinner wie folgt beschäftigt: Am Montag früh 6 Uhr tritt der Spinner mit einem Bindejungen an die Maschine, später, etwa Abends, tritt der zweite Bindejunge an, während sich der erste hinter der Maschine auf einigen Wollsäcken schlafen legt; nach sechs bis acht Stunden wird er geweckt und es begiebt sich der Spinner auf dieselbe Lagerstätte zur Ruhe, und so wechseln sie die ganze Woche miteinander ab, bis Sonntag früh um 4 Uhr, wo die Arbeit unterbrochen wird. Diese Leute kommen also die ganze Woche nicht aus der Fabrik, und die Zeit der effektiven Arbeit betrug von Montag früh bis zum Schluffe am Sonntag früh 96 Stunden, für den Spinner wohl noch mehr. Die Arbeit solcher Art bis Sonntag früh ist glücklicherweise ein Ausnahmefall; gewöhnlich hören die Spinner Samstag Nachmittags auf. Viele Spinnereien arbeiten, wenn eben Arbeit da ist, wie oben angegeben, und fte motiviren das damit, daß fie behaupten, die Spinnerei sei eine Affordarbeit, und es stehe nicht in der Macht der Fabrikleitung, den Affordarbeiter zum Einhalten bestimmter ArbeitsStunden des Tages zu verhalten. Dem trete ich immer entgegen und weise darauf hin, daß es auch Spinnereien gebe, welche eine ganz geregelte Arbeitszeit haben. Für erwachsene Arbeiter über 16 Jahre haben wir keine gefeßliche Beschränkung der Arbeitszeit; allein ich glaube faum, daß den Fabrikanten ein besonderen Nußen aus der oben angegebenen Art der Arbeit erwachsen kann; die Güte des Gespinnstes muß sicher darunter leiden. Aus diesem Grunde schon und gewiß auch aus Humanitätsgründen sollte man ernstlich bestrebt sein, diesem Uebelstande ehemöglichst abzuhelfen. Die Bindejungen find zumeist Knaben zwischen 14 und 16 Jahren, und für diese ist jene Verwendung, da fie mehr als 12 Stun den täglich und auch während der Nachtzeit stattfindet, geseßlich verboten. Ja, es sind mir solche Bindejungen vorgekommen, die noch nicht vierzehn Jahre alt waren. In vier solchen Fällen habe ich die Anzeige an die Gewerbebehörden erstattet; in drei von diesen Fällen wurden Verweise ertheilt, im vierten Falle wurde die Firma zu einer Strafe von hundert Gulden verurtheilt. Diese Firma refurrirte aber an die nächste Instanz, welche dem Rekurse aus dem Grunde Folge gab, weil nach § 131b der Gewerbeordnung gegen moralische Personen( hier die Firma) keineGeldstrafe verhängt werden könne. Die Strafe hätte gegen die verantwortlichen Fabrikleiter ausgesprochen werden sollen. Wie ich bei einigen Revisionen erfuhr, haben seither manche Fabriken um die Bewilligung zur Verwendung jugendlicher Arbeiter bei Nachtzeit nachgesucht, andere haben die Arbeitszeit geregelt, noch andere haben bei Tag- und Nachtarbeit die jugendlichen Arbeiter so eingetheilt, daß diese jetzt nur acht Stunden arbeiten, somit in vierundzwanzig Stunden Dreimal wechseln. Für die gesetzwidrige Verwendung jugendlicher Arbeiter oder gar Kinder unter vierzehn Jahren als Bindejungen glaubten manche Fabriken nicht verantwortlich zu sein, weil diese Hilfsarbeiter meist von den Spinnern aufge nommen und wenigstens zum Theile auch von diesen entlohnt werden. Diese Anschauung fann ich aber nicht theilen und werde immer die Einhaltung der gefeßlichen Bestimmungen bezüglich aller in der Fabrik beschäftigten Arbeiter von der Fabrikleitung verlangen. Inwieweit dies geschieht, werden die Revi fionen des nächsten Jahres zeigen. Die durchschnittlichen Löhne der Weberei und Appretur betragen per Woche im TagLohne für Frauen 1 fl. 20 fr. bis 4 fl., für Männer 4 fl. bis 8 fl., im Affordlohne für Frauen drei fl. bis 6 fl. 80 fr., für Männer 7 fl. bis 18 fl.; bei der Bekleidungs- Industrie per Woche im Taglohne für Frauen 1 fl. 20 fr. bis 5 fl., für Männer 3 fl. 50 fr. bis 7 fl., im Affordlohne für Männer 5 fl. bis 11 fl. Die Klagen' der Tertil- Arbeiter über ihre schlechte wirthschaftliche Lage haben nicht allein im fleinen Lohn ihren Grund, sondern auch darin, daß es dem entlassenen Arbeiter oft sehr schwer ist, eine Arbeit zu finden, wodurch er in Schulden geräth, aus denen er lange nicht wieder herauskommt. Hört man hingegen wieder nur zu oft die Fabrikanten klagen, daß keine Arbeiter zu bekommen seien, wie das in Brünn der Fall ist, so ist es wohl zu wundern, daß die bei den Fabrikanten durch den ZentralgewerbeInspektor angeregte Frage eines Arbeitsvermittelungs- Bureau's nicht eifriger aufgegriffen wurde, troßdem ich bei meinen Inspektionen immer darauf zurückkam. Die Lage der beschäftigungslosen Arbeiter ist überall eine schlimme, am schlimmsten aber sicher in der großen Stadt, und es könnte durch eine gut organifirte Arbeitsvermittelung, die allerdings für den Arbeiter fostenlos ſein müßte, viel Noth und Elend behoben werden. Leider gibt es dazu noch oft gewiffenlose Leute, welche dem Arbeitsuchenden Vermittelungsgelder erpressen, welche erst von dem später zu verdienenden Lohne in Abzug gebracht werden müffen. Diesen Leuten vor der Strafbehörde ihre Handlungsweise zu beweisen, geht meistens deshalb nicht an, weil die einzigen Beugen dafür( die Arbeiter) sich nicht trauen, gegen dieselben auszusagen, aus der wohlbe gründeten Furcht, dann weit und breit gar feine Arbeit zu erhalten. Es ist sehr zu empfehlen, daß die Fabrikleitungen durch ihre Beamten Einfluß auf die Aufnahme und die Entlassung der Arbeiter nehmen, anstatt es allein den Meistern und Aufschern oder Aufseherinnen zu überlaffen. Die Lebensweise der Arbeiter richtet sich ganz nach dem Verdienste und den örtlichen Verhältnissen. Mit Ausnahme jener wenigen Bevorzugten, welche einen über der Mittelhöhe des gewöhnlichen Lohnes stehenden Verdienst haben und mit demselben zu wirthschaften verst hen, nähren sich die Arbeiter im allgemeinen spärlich, manchmal auch sehr unpraktisch, und Viele derfelben könnten für ihren Lohntheil, welcher oft ür werthlose Nähr- und Genußmittel ausgegeben wird, viel usgiebigere, zweckentsprechender Speisen und Getränke haben, beit irgs gert ird, art. ing en, Ber Ar Fa 5t" den ruch iger ften ten, gen ens Sau und lich olg au and ter del er de in efen fen I in ft ts fter De ein che Ite ge pler Be 888 Det 10 Re che Echt rft Iv aut be stef Ceir ter in ub en el Die sanitären Verhältnisse Berlins in der Woche vom 14. bis 20. Juni waren, wenn man von den alljährlich um die heiße Jahreszeit massenhaft auftretenden Sommerdiarrhoen der Säuglinge absieht, ziemlich günstige, indem sowohl Masern und Diphtherie weniger Erkrankungen als in der Vorwoche hervorriefen, und Scharlach und und typhöse Fieber in beschränkter Zahl zum Vorschein kamen. Doch waren Masern besonders in der Rosenthaler Vorstadt und in den beiden Louisenstädtischen Stadttheilen, Diphtherie dagegen im Stralauer Viertel sehr verbreitet. Erkrankungen an Wechselfieber, sowie an rosenartigen Entzündungen des Zellgewebes der Haut gelangten etwas häufiger, an Kindbettfieber in gleicher Zahl wie in der Vormoche zur Behandlung. Groß war die Zahl der an Darmkatarrhen und Brechdurchfällen gestorbenen Kinder ( 226), von denen auf erstere 92, auf lettere 184 entfielen. Auch Erkrankungen an Ruhr zeigten fich mehrfach, an epidemischer Genickstarre fand ein Erkrankter Aufnahme in das Krankenhaus. Seltener waren Erkrankungen an Keuchhusten und an afuten entzündlichen Prozessen der Athmungsorgane, während rheumatische Beschwerden der Muskeln und akute Gelentrheumatismen in ziemlich bedeutender Zahl zur ärztlichen Behandlung gelangten. Lokales. Die Berliner Steinträger find wohl in weiten Kreisen bekannt. Wer hat unsere schöne Stadt besucht, ohne daß ihm diese prächtigen, wohlgebauten Arbeiter aufgefallen sind, die in der allerleichtesten Kleidung, die nur gestattet ist, meist eine alte Soldatenmüße feck aufs Ohr gedrückt, schwere Holzpantinen an den Füßen, des Leitersteigens wegen, mit 25 Biegelsteinen in einer ,, Molle" auf der Schulter, sicher und leicht die Leitern auf einem Bau hinauf steigen bis in die hohen Dachgeschoffe, und dort mit einem Warnungsruf die Steine dröhnend auf das Gerüst werfen, so geschickt, daß sie daliegen wie hingepackt. Schon Morgens vor 5 Uhr wecken sie die Schläfer in der Nachbarschaft durch ihren Ruf und den schallenden Wurf der Steine, denn der Maurer verlangt, wenn er um 6 die Arbeit beginnt, ausreichend Steine auf dem Gerüste. Und Abends um 6 Uhr haben sie oft noch nicht Feierabend, noch müssen Steine hinauf gebrocht werden für den kommenden Tag. Die Arbeit ist ihnen tausendweis affordirt, je nach der Etagen höhe. Sie sind dafür verantwortlich, daß stets genügend Steine auf dem Gerüste und hinlänglich Kalf in den Kasten ist. Der auf dem Gerüste und hinlänglich Kalk in den Kasten ist. Der Maurer feiert nicht gerne, und der Polier kann den Ruf ,, Kalch!" oder„ Steine!" nun erst recht nicht leiden. Die Anzahl der Steinträger, die bei einem Bau beschäftigt werden, hängt von ihnen selbst ab. Jugendlicher Uebermuth und Ges fühl der Kraft, sowie auch Sucht nach Geldgewinn verleitet die Steinträger leicht, sich über ihre Kräfte anzustrengen, um mög lichst viel zu verdienen. Ihr Körper verlangt freilich bei der furchtbaren Anstrengung, welche die Steinträger ihm zumuthen, eine absonderlich gute Ernährung, aber der Fehler, ihm durch Branntwein mehr abzuringen, als er zu leisten vermag, ist auch eine nabe liegende Versuchung, der nicht genügend widerstanden wird, deshalb ist die Kraft der Steinträger leicht und schnell verbraucht. Statistische Zahlen stehen uns nicht zur Verfügung, wir meinen aber, Steinträger, die das Geschäft 5 Jahre fortseßen können, find wohl nicht die Mehrheit. Die Abtretenden find wohl meistens für immer zu schweren Arbeiten unbrauchbar geworden. Die Ueberanstrengung wird noch mehr gefördert, daß auch hier durch die Lohndrückereien die Preise sinken, und deshalb die Anstrengung des Einzelnen erhöht wird, um zu einem ausfömmlichen Lohn zu kommen. Da die Steinträger keine durchgebildete Organisation befizen, konnte bis jest nichts II. Jahrg. Durchgreifendes zur Verbesserung ihrer Lage geschehen. Ein Theil von ihnen hat es schon eingesehen, wie nothwendig eine Organisation ist, die Mehrheit bleibt aber noch fern und doch ist auf Befferung nicht zu rechnen, bevor nicht alle Steinträger vereinigt sind. Bei ihnen kann es weniger schwer halten, als bei anderen Berufsgenossen, denn ihre Zahl ist nicht übermäßig groß, auch der Natur des Geschäftes nach ist es nicht Jedem zugänglich, es fehlt also nur der gute Wille. Hoffen wir, daß der sich bald einstellt, um die Uebelstände, die jeßt das Leben und die Gesundheit der Steinträger aufzehren, bald abstellen zu können. * Die antisemitische ,, Neue Deutsche Volkszeitung" des bekannten Herrn Liebermann von Sonnenberg hat mit dem gestrigen Tage das Zeitliche gesegnet. Herr Liebermann Erklärung zu betonen, daß das Eingehen der Zeitung mit dem von Sonnenberg hat sich veranlagt gesehen, in einer langen Prozeß Stöcker in keinem Zusammenhange stehe, vielmehr seinen Grund in finanziellen Erwägungen und darin habe, daß er selbst ,, müde und matt sei. Herr Liebermann von Sonnenberg erklärt, daß jezt sein Blatt noch ohne Schulden abschließe, dies aber in Zukunft nicht mehr möglich erscheine, da die Judenfurcht" dem Blatte die nöthige Anzahl von Annonzen nicht zuströmen lasse. Einen Abnehmer des Blattes hat Herr v. Liebermann tros aller Anstrengungen nicht gefunden und so will er denn dem Beispiele seines Freundes Dr. Foerster folgen und Europa den Rücken kehren. An hervorragender Stelle bringt die Nordd. Allgem. 3tg." in ihrer gestrigen Morgennummer nachstehendes aus Anlaß des Maurerstreifs ihr aus juristischen Kreisen zugegangenes Schreiben: Wenn nach den Zeitungsberichten bei den sich tägs lich mehrenden Streits die Behörden die nicht streikenden Arbeiter gegen den Terrorismus ihrer Kameraden durch polizeiliches und strafgerichtliches Einschreiten zu schüßen suchen, so thun sie nur ihre Pflicht. Wer aus Rücksicht auf seine noth leidende Familie den Muth zum Fortarbeiten findet und Muth gehört dazu, der hat den berechtigsten Anspruch auf den nachdrücklichsten behördlichen Schuß. Die bestehenden Strafvorschriften, die noch nicht durch eine gegen die Nichtbetheiligung am Streif gerichtetete Strafbestimmung ersetzt worden find, bieten dazu eine vollkommen ausreichende Handhabe. Daß die Bezeichnung des Fortarbeitens als Verrath an der gerechten Sache, und Beschlüsse, wonach die Fortarbeitenden aus den Reihen der Kameraden ausgestoßen werden u. s. w., unter die Strafvorschrift des§ 153 der Gewerbeordnung fallen, ist so selbstverständlich, daß es nicht erst noch des Hinweises auf die Rechtsprechung des früheren Obertribunals bedarf. Das Strafmaß des§ 153 geht zwar nur bis zu drei Monaten, allein es greifen zugleich die allgemeinen Strafvorschriften über Mißhandlung, Chrverlegung und Bedrohung mit Strafen bis zu 2 und 3 Jahren Gefängniß Plaz. Zu einer wirksamen Handhabung dieser Strafvorschriften genügt es aber nicht, die Erzedenten zu ermitteln, unter Anklage zu stellen und dann nach Monaten vielleicht erst nach Beendigung des Streifs zur Bestrafung zu bringen, vielmehr bedarf es dazu vor Allem der Unschädlichmachung der Thäter, d. h. ihrer sofortigen Verhaftung und ihrer Aburtheilung in kürzester Frist. Wo nicht durch Fluchtverdacht, wird durch Kollusiongsgefahr die Verhaftung gerechtfertigt sein, denn wer sich nicht scheut, auf die Willensbestimmung seiner Mitarbeiter durch Bedrohungen sc. einzuwirken, der ist auch der Einwirkung auf die Zeugen ver dächtig. Daß die Behörden demgemäß verfahren werden, ist um so weniger zu bezweifeln, als sich dieses Verfahren bei früheren Streits als ein durchaus praktisches bewährt hat." Hiernach dürfte es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß man die Streifenden gerade nicht mit allzu freundlichen Augen ansieht. Der Botanische Garten mit seinen herrlichen Anlagen, seinen Schäßen an seltenen Blumen und Bäumen ist vorgestern Nachmittag gegen 4 Uhr während des Gewittersturms von einer von Südosten kommenden, an der Grunewaldstraße einbrechenden Windhose heimgesucht worden, die auf einem quer hindurchschneidenden Striche den schönen Garten in eine traurige Wüste umgewandelt hat. Der hierdurch sowie durch den niederprasselnden Hagel angerichtete Schaden ist noch gar nicht zu schäßen. Der Obergärtner Herr Schmidt erklärt, in den 45 Jahren, die er dem Garten vorsteht, Aehnliches nicht erlebt zu haben. Etwa zwanzig der schönsten und ältesten Bäume, die Zierden des Gartens, liegen theils entwurzelt quer über die Beete hinweg, theils sind sie mitten im Stamm abgeknickt worden. Unter diesen befindet sich eine riesige, wohl hunderte jährige, gegen 80 Fuß hohe und meterstarke Birke, eine 50 Fuß hobe, ebenfalls meterstarke Pappel, sowie die herrliche Trauerweide am Weiher, der Liebs lingsbaum des Publikums. Ein riesiger Ahorn ist etwa 2 Meter über dem Boden abgebrochen; neben dem Stumpf steht noch der riefige Stamm gegen einen anderen Baum gelehnt. Ein Riesenast eines Baumes wurde abgeknickt und hängt noch in den Wipfeln zweier daneben stehender Bäume. Im Winterhause sind die Palmen in ihren mächtigen Kübeln umgeworfen, die im Freien aufgestellten Balmen und Riesenfarren theils umgeworfen, theils durch stürzende Aeste zerknickt worden. Eine gewaltige Kübelpflanze, die Araucaria excelsa, wurde umgestürzt und zerschlug im Falle andere in der Nähe befindliche werthvolle Gruppen. befindliche werthvolle Gruppen. Schwer beschädigt ist auch die Koniferengruppe; die in der Nähe des Palmenhauses aufges stellte Gruppe dekorativer Blattpflanzen ist durcheinander ges worfen und zerfeßt. Einer der gestürzten Bäume hat die unter ihm stehende Gartenbank total zertrümmert. Ein an dererer, eine riesige Rüfter, schlug quer über das Wohnhaus des Inspektors und zerschmetterte das ganze Dach. Die anges richteten Verwüstungen sind unbeschreiblich. Der ganze südöstliche Theil des Gartens liegt offen und gewährt einen freien Durchblick, wo sonst schattige Waldung war. Ueberall herumgestreut über Beete und Gänge liegen die abgebrochenen Aeste, ein Bild der Zerstörung bietend. Zufälliger Weise befanden fich die Gärtner und Arbeiter beim Ausbruch des Sturmes beim Vesperbrod, während die Besucher des Gartens aus dem= selben schon geflüchtet waren, sonst wären vielleicht Menschen erschlagen worden, was zum Glück nicht der Fall ist. So bietet derfelbe Garten, der noch vorgestern früh in herrlichster Bracht dastand, ießt einen überaus traurigen Anblick und wird für die nächsten Tage dem Publikum nicht mehr geöffnet wer den, was um so beklagenswerther ist, da am gestrigen Abend erst die wundervolle Königin der Nacht, ein Riesenfaktus, erblüht ist. Uebrigens beschränken sich die durch das Gewitter angerichteten Verwüstungen auch auf einen weiteren Umfreis um den Botanischen Garten. In der Potsdamerstraße und in Schöneberg wurden ebenfalls Bäume entwurzelt und der wolkenbruchartig niedergehende Regen sammelte fich fußboch auf den Straßen an und drang in die unteren Geschosse der Wohnungen, so daß die Feuerwehr alarmirt werden und Abs hilfe schaffen mußte. Die Wolkenbrüche, welche sich gestern während der heftigen Gewitter am Nachmittag und in den Abendstunden über Berlin entluden, haben in der ganzen Stadt immenſen Schas . en angerichtet. Schon während des Vormittags zogen vou Süden und Norden mächtige Wolfen heran, die sich über Berlin zu kompakten Massen tonzentrirten und um- 3% Uhr brach das Unwetter mit einer Gewalt los, wie sie selten beobachtet ist. Hoch interessant war es, zu beobachten, wie die Wolfen zusammenstießen und wieder zerriffen. Der Regen fiel mit einer Heftigkeit, daß schon nach wenigen Minuten aus allen Theilen der Stadt Wassersnoth gemeldet werden mußte. Die Hilfe der Feuerwehr wurde in der Zeit von 3 Uhr 51 Min. bis 4 Uhr 25 Min. von 10 Stellen 14 Mal angerufen. Der Welder in der Wilhelmstraße führte die Feuerwehr zunächst nach der Buttkamerstraße 14. Es folgten dann Allarmirungen nach der Prinzessinnenstraße 18, Potsdamerstraße 113, Schönhauser Allee 181 und 187, Bischofstraße 1, Noonstraße 4 und Steinmeßstraße 4. Ueberall waren Keller auszupumpen. An verschiedenen Stellen, so in der Wilsnackerstraße vor dem Hause Nr. 1, in der Kulmſtr. Nr. 18 senkte sich der Erdboden und es entstanden tiefe Löcher, die, um Unglück zu vermeiden, schleunigst überbrückt werden mußten. Vom Hause Dennewißstraße 18 wurde das gesammte Zinkdach abgerollt und nach dem Hof zu umgebogen, wo es bis zur Höhe der zweiten Etage herabhing. Die Bauzäune wurden namentlich in der Potsdamer Vorstadt wie Papier niedergelegt, an der Großgörschenstraße eine der alten Pappeln entwurzelt und in dem östlichen Theile der Bülowstraße die armdicken Alleebäume ausnahmslos schräg gedrückt, so daß sie mit dem Erdboden kaum einen Winkel von 20 Grad bilden. Ein eigenartiges Schauspiel bot der Kreuzberg dar. Schien es doch, als ob er vom Winde gen Himmel gehoben würde. Bald darauf löste fich eine mächtige schwarze Sandwolfe ab, wurde nach der Grimmstraße zu getragen, fam in eine andere Luftströmung, welche die schwarze Masse nach dem Marheinickeplatz führte, wo sie wie ein Trichter gedreht wurde und schließlich nach der Boffener straße zu zerstäubte. Auf dem Marheinickeplas wurde der 6jähr. Knabe Lorenz vom Winde emporgehoben und auf das Pflaster geschleudert. In der Viktoria- Brauerei drang das Waffer aus den überfüllten Sentgruben mit solcher Gewalt in die im Keller belegenen Küchenräume, daß zweimal der Betrieb eingestellt werden mußte. Auch am Abend kurz nach 9 Uhr wurde die Feuerwehr noch zwei Mal wegen Wassernoth allarmirt und zwar nach der Viktoriastraße 4 und nach der Beethovenstr. 1. Nach dem ersten Gewitter fiel in der südlichen Umgebung ein Nebel, so stark, daß man kaum wenige Schritte weit sehen fonnte. Während dieser Nebelzeit herrschte ein geradezu er drückende Schwüle. Auch nach dem zweiten Gewitter fühlte es fich nur unmerklich ab. Nachts fiel das Thermometer nur bis 13 Grad. Das Schlußtableau bildete ein elektrisches Feuerwerk, ein Wetterleuchten von seltener Schönheit. Die Kanalisation hatte während der Unwetter eine Hauptprobe zu bestehen, die Nothausläffe mußten in ganz außerordentlicher Weise in Funktion treten und thatsächlich sind denn auch die Hauptmassen des Regens in der Spree gelassen. Wie es schien, Wie es schien, folgten die Gewitter namentlich in den Abendstunden den Flußläufen der Spree und der Havel. Die Zeugnißzwangs- Affaire gegen den Redakteur des B. T." hat nunmehr ihren Abschluß gefunden. Herr Perl iſt, nachdem er 26 Tage in Haft gehalten worden, am jüngsten Sonnabend Nachmittag auf freien Fuß gesezt worden. Die von ihm verlangte Aussage hat er nicht gemacht. Von den Gegenständen, welche von dem Unglücksfall bei Tabbert's Waldschlößchen verloren oder zurückgelassen und später aufgefunden und dem Restaurateur Münchenberg zur Aufbewahrung übergeben sind, haben die Eigenthümer eine beträchtliche Anzahl bis jetzt noch nicht reklamirt. Darunter befinden sich vorzugsweise Kleidungsstücke, Leibwäsche und sonstige Garderoben Gegenstände, Hüte, Schirme, Stöcke 2c. Die Verlierer werden wiederholt aufgefordert, zur Wiedererlangung ihres Eigenthums fich an das Amtsbureau von Schönweide, zur Oberförsterei Köpnic, zu wenden. V Daß es im Grunewald noch immer Kreuzottern giebt, mußte kürzlich der Kandidat der Medizin B. aus Berlin erfahren. Derselbe hatte einen Spaziergang nach dem Grunewald unternommen und sich in der Nähe von Paulsborn am See gelagert. Im Begriff, nach seinem Hut zu fassen, der neben ihm lag, fühlte er etwas Schlüpfriges über seine Hand gleiten und erblickte darauf im Hute, am Rande des Unterfutters, eine etwa einen Fuß lange Schlange. Herr B. tödtete sofort mit seinem Regenschirm das Reptil und nahm es mit nach Haus. Es wurde konstatirt, daß die Schlange eine Kreuzotter ist. a. Berlin bei Nacht. Ein in der Prinzenstraße wohnen der Maurer begegnete in der Nacht zum 29. d. Mts. gegen 2 Uhr auf dem Wege nach seiner Wohnung an der Bärwaldbrücke und dem Kohlenufer einer Frauensperson, die mit ihm ein Gespräch begann. Hierbei machte das ,, Dämchen" eine Bewegung, als wenn sie den Mann umarmen wollte, griff aber in Wirklichkeit nach seiner Busennadel und entwendete diese. Der Maurer, der den Diebstahl sofort bemerkt hatte, hielt die Person solange fest, bin sie die Nadel herausgab, wobei sie sagte, daß dies etwas für ihren Bräutigam sei. Die Frauensperson entfernte sich und der Maurer ging ihr nach und ver anlaßte in der Gitschinerstraße durch einen Nachtwächter ihre Sistirung zur Revier- Polizeiwache. Hier nannte sie sich anfänglich Auguste Schulz. Bei der weiteren Verhandlung entpuppte sie sich als eine Mannsperson, die in Frauenkleidern Männer anspricht, in der Absicht sie zu bestehlen. Der Sistirte ist der obdachlose ,, Arbeiter" Sch., welcher schon mehrfach wegen Bettelns bestraft, nunmehr wegen Diebstahls, Verübung groben Unfugs und Beilegung eines falschen Namens heut verhaftet worden ist. R. Tausende von Fischleichen bedeckten gestern die Spree und die angrenzenden Gewässer. Als Ursache dieser für die Fischzucht traurigen Erscheinung, gilt der starke Gewitterregen. b. Eine der verlockendsten Lektüren bildet die Rubrik ,, Verkauf von Restaurants" in den Zeitungen. Für ein derartiges Lokal in der Zoffenerstraße forderte der Inhaber von einem Kaufluftigen 2000 Mart. Das Gebot deffelben lautete schließlich nach Prüfung der Sachlage auf 500 Mark. Darauf ging der Besizer jedoch nicht ein. Da er jedoch zwischen Baum und Borte saß, so gelangte das Inventar zur Auktion, welche ganze 134 Mark brachte, auf die der Wirth für die Miethe fogleich Beschlag legte. Als Miether für das Lokal fand sich freilich auch ein Nachfolger, er erhielt aber nicht die Konzession, weil zweifelhafte Damen im Hause wohnten. Das war das Ende der für 2000 M. ausgebotenen Herrlichkeit. b. Immer femithlich! In der jegt vielgenannten Villen Kolonie Südende findet nur täglich einmal, Wochentags, eine Briefbestellung statt, nachdem der Briefbeutel aus dem Zuge auf den Perron gepflogen ist. Dieser Tage sandte ein Berliner eine Postkarte dahin ab, mit der Meldung, er werde am folgenden Tage einen dortigen Villenbefizer besuchen. Als er am nächsten Nachmittage daselbst ankam und auf dem Bahnhofe nach seinem, Gastfreunde fragte, bat man ihn, doch eine Bostkarte dahin mitzunehmen. Als er dieselbe in die Hand nahm, war es seine eigene, in welcher er seinen Besuch anmeldete. Eine andere Familie erhielt am Sonntag einen Avis, Am Dienstag früh daß eine Tante für sie angekommen sei. wartete man noch immer auf ihre Ankunft. Merkwürdig an dieser Kolonie ist ferner, daß an allen Straßen, Privat- Eigenthum" steht. Man ist also in jedem Augenblick in Gefahr, gepfändet zu werden, wenn man hier Jemand besucht. Time is money. Zeit ist Geld. Das englische Sprichwort hat sich auch bei uns eingebürgert. In der Schule buchstabiren es die kleinen Fibelschüßen, später im Leben lesen und wiederholen sie es gedankenlos unzählige Male, und wie wird die darin enthaltene Wahrheit, die den geschäftstüchtigen Engländern und Amerikanern in Fleisch und Blut übergegangen ist, bei uns zu Lande befolgt? Auf einer der verkehrsreichen Straßen der Großstadt find in dem lebhaften Gewühl, welches das Ausweichen erschwert, zwei Wagen aneinander gefahren. Unter Schelten und Toben sucht ein jeder der beiden Roffe lenter seinem Gegner die Schuld an dem Unfall beizumessen. Kraftworte, die man vergebens in einem Lerifon suchen würde, fliegen hinüber und herüber. Nicht lange währt es und man geht von dem Wortgefecht zum thätlichen Angriff über. Mit den derben Fäusten bearbeiten sich beide Gegner in außer ordentlich erfolgreicher Weise. Das Schauspiel, das sich soeben auf dem Proszenium der Straße abspielt, verfehlt seine Wirkung auf das vorbeigehende Publikum nicht. Wie das auf die wogende Brandung gegossene Del die Kraft der Wellen bricht, so übt der Vorgang auf der Straße seine Wirkung auf das rastlose Gewühl des Verkehrs der Großstadt. Schon längst sind einzelne der Fußgänger stehen geblieben und haben mit innigem Behagen der Entwickelung des unblutigen Dramas auf dem Kutscherbock beigewohnt. Immer größer wird der Kreis der Neugierigen, welche bald die ganze Paffage sperren. Auch die Pferdebahnwagen und Omnibus können nur mit Mühe durch den dichten Menschenfnäuel gelangen und ihre Passagiere laffen es sich angelegen sein, von dem Spektakelstück so viel wie mög lich zu erhaschen. Jegt ist die Passage vollkommen gehemmt. Im weiten Umkreise stehen Männlein und Fräulein, Jung und Alt, Arm und Reich dicht neben einander, um das Schauspiel für Götter, deffen Beugen fie find, in Ruhe zu genießen. Welch ein verschiedenartiges Publikum! Nicht weit von dem Kaufmanne, der von ferne dem Handgemenge der beiden Kämpfenden zuschaut, amüsirt sich ein Jünger Stephans, der seine Tour auf einige Minuten unterbricht, über den Vorfall. Neben dem schnoddrigen" Barbier mit seinem Kästchen unter dem Arm, dessen Kunden vergebens schmerzlich auf sein Erscheinen warten, reißt ein Schusterjunge, der natürlich allezeit dabei sein muß, wo etwas los" iſt, ſeine Wize. Das Dienstmädchen läßt Küche, Küche sein und steht, ihren Korb am Arm, inmitten der Uebrigen. Das Publikum lacht, johlt, schreit und amüsirt sich kostenlos auf's Beste. Den Schluß des Dramas vermittelt ein Schußmann, der, wie gewöhnlich, etwas zu spät erscheint. Er sistirt die beiden Kämpfenden zur Wache. Wie schade, das war ein Heidenspaß", hört man ausrufen. Endlich besinnt sich die vielköpfige Menschenmenge, die eine Viertelstunde hier verbracht, daß fie noch etwas anderes zu besorgen hat, als müßig zu gaffen und einzelne suchen durch beschleunigtes Tempo die verlorene Zeit wieder einzuholen. Diejenigen jedoch, welche sich an dem gehabten Schauspiel noch nicht genügen laffen, geben der von dem Schußmann geführten Eskorte das Ehrengeleit bis zur Polizeistation und stellen sich hier wiederum so lange auf, bis sie sich über das Schicksal der Arrestanten vergewiffert haben. Erst dann zerstreuen sie sich langsam nach verschiedenen Richtungen. Auch der unbedeutendste Vorgang auf der Straße findet ein großes und dankbares Publikum. Ein Geldschrank, ein Piano oder ein Tisch, der in eine Etage gewunden wird, ist im Stande, Leute stundenlang von ihrer Beschäftigung fernzuhalten. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgt das verehrungswürdige Publikum allen Vorbereitungen und entfernt sich nicht eher, als bis es den be= treffenden Gegenstand sicher an Ort und Stelle weiß. Das Einsetzen einer Spiegelscheibe insbesondere übt eine Hauptanziehungskraft aus. Wie höchst merkwürdig ist es auch, wenn Arbeiter ein großes Stück Glas behutsam vom Wagen felben. Sicherlich verursacht es den meisten der ganz unbenehmen. Kein Auge verwendet man von jeder Hantirung der theiligten Umſtehenden starkes Herzklopfen, wenn der feierliche Moment nahegerückt ist und die mächtige Spiegelscheibe in die Richtung des Rahmens gebracht wird. Erleichtert athmet man auf, wenn die nicht leichte Operation glücklich von statten ge= gangen ist und das Glasquadrat fest und sicher in der Einfaffung fist. Sobald jedoch ein Unglück eintritt, die Scheibe durch einen Zufall zerspringt und klirrend in tausend Stücken zu Boden fällt, dann starren die theilnahmsvollen Gaffer die Glassplitter so durchdringend an, als könnten sie sie dadurch wieder zusammenſeßen. Das Aushängen eines fesselndes Bildes in dem Schaufenster einer Buchhandlung, eines Beitungsladens und so weiter bringt auf lange Zeit Baffagestörungen hervor. Man drängt, schiebt und stößt sich, tämpft förmlich um einen Platz und die Hintenstehenden fommen in Gefahr, fich den Hals auszurecken, nur um besser sehen zu können. Der Hundefänger, wenn er mit seinen Gehilfen durch die Straßen geht, um die herrenlosen Hunde und solche ohne Steuerzeichen als Arm der Gerechtigkeit einzufangen, sieht im Augenblick ein Gefolge von Hunderten von Personen um sich, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgen und anscheinend gar nichts Besseres zu thun haben. Ein Trunkener, der des süßen Alkohols voll durch die Straßen wankt, darf seines Publikums sicher sein, das ihn nicht eher wieder verläßt, bis ihn die löbliche Polizei unter ihre Fittiche nimmt und in den schützenden Hafen der Polizeiwache geleitet. Ein Knabe, dem das Malheur widerfahren ist, das Geschirr fallen zu lassen, in dem sich dos Mittagessen seines Vaters befand, eine Ratte, die harmlos unter einer Brücke spielt, die Durchschleusung eines Kahnes u. s. w. sind Stoffe, deren sich müßige Gaffer zur Befriedigung ihres Neugierhungers sofort bemächtigen. Frauen wenden feierlichen Zeremonien ihr Augenmerk zu. Die Hochzeit einer Nachbarin oder eine Beerdigung nimmt ihre ungetheilteste Aufmerksamkeit in Anspruch. Man würde es nie verwinden, den Brautstaat einer Bekannten nicht mit eigenen Augen gemustert, den Bräutigam genau betrachtet und die Toiletten der geladenen Gäste bis ins Detail mit prüfenden Blicken betrachtet zu haben, wenn auch der Herr Gemahl in der Zeit vielleicht sehnsüchtig auf das Wiedererscheinen seiner besseren Hälfte wartete, da er nothwendig in Geschäften fortmußte. Wo sollte der Stoff herkommen für die gemüthlichen Unterhaltungen am häuslichen Herd oder bei einem Täßchen Kaffee bei der lieben Frau Nachbarin, wenn man nicht ganz genau gezahlt hatte, wie viele Kränze mit und ohne Atlaschleifen und Palmenzweige der verstorbene Rentier in dem Edhause erhälten hätte, ob seine Wittwe sehr betrübt gewesen sei, wie viel Leidtragende gefolgt seien, und ob der Pastor gut Wirthschaft auf einige Stunden vernachlässigt wird. Wer das am Grabe geredet habe, wenn darüber auch wirklich einmal die Straßenleben nur mit einiger Aufmerksamkeit beobachtet, wird Während die Wahrheit des Gesagten leicht bestätigt finden. Engländer und Amerikaner als tüchtige Geschäftsleute schnell hintereinander ihre Geschäfte besorgen, ist dem Deutschen die Neugierde angeboren. Er kennt das Sprichwort wohl, allein er handelt in den meisten Fällen nicht darnach und wiederholt gedankenlos ,, Beit ist Geld". Wasserstand der Spree in der Woche vom 14. bis 20. Juni.( Angabe in Metern.) 14./6. 15./6.16./6. 17./6. 18./6. 19. 6. 20./6. Am Oberbaum 2,31 2,31 2,29 2,32 2,32 2,31| 2,31 Dammühle, Ober waffer 2,39 2,29 2,27 2,29 2,31| 2,30 2,30 DammühleUnterwaffer 1 An 0,56 0,59 0,54 0,54 0,62 0,62 0,64 Polizei- Bericht. Am 29. v. M. lief ein 4 Jahre alter Knabe gegen einen die Andreasstraße paffirenden Rollwagen und fiel dabei zur Erde, so daß er überfahren wurde und mehrere Verlegungen am Bein und am Kopfe erlitt. demselben Tage Wittags wollte eine Frau in ihrer Grüner Weg 46, 3 Treppen hoch belegenen Wohnung den unteren Flügel eines Fensters ausheben, stieß dabei aber den oberen Fensterflügel mit heraus, so daß dieser auf den Bürgersteig hinabfiel und eine gerade vorübergehende Frau am rechten Arm raf. Dieselbe erlitt so bedeutende Verlegungen, daß sie nach ihrer Wohnung gebracht werden mußte. Am Nachmittag versuchte eine Frau in ihrer Wohnung in der Landsbergerstraße fich und ihr Kind mittelst Kohlendunst zu ersticken. Durch das zufällige hinzukommen ihres Ehemannes und durch Anwendung ärztlicher Hilfe wurden Mutter und Kind, welche beide bereits bewußtlos waren, gerettet. Um dieselbe Zeit wurde ein Soldat auf dem Marsche zur Ablösung der Wache im Untersuchungsgefängniß Moabit vom Higschlage betroffen und mußte mittelst Droschke nach dem Garnison- Lazareth ge= bracht werden. Am gestrigen Nachmittag und Abend wurde die Feuerwehr 17mal nach verschiedenen Stellen der Stadt zur Beseitigung durch den wolkenbruchartigen Regen entstandener Wassersnoth gerufen und war in einzelnen Fällen längere Zeit damit beschäftigt. Heute Morgen nach 3 Uhr wurden zwei unbekannte Herren unter einem Baum am Goldfischteich im Thiergarten todt aufgefunden. Augenscheinlich haben dieselben vom Gewitter überrascht, dort unter dem Baume Schuß gesucht und sind dabei vom Blize getroffen und auf der Stelle getödtet worden. Beide Leichen wurden nach dem Obduktionshause geschafft, wo in ihnen später der Musikus Koch und der Schneider Stadelmann festgestellt worden ist. Gerichts- Zeitung. Eine Anklage wegen vorfäßlicher Beibringung von Gift führte gestern den 20 jährigen Kutscher Friedrich August Linke vor das Schwurgericht hiesigen Landgerichts I. Der Angeklagte stand in dem Dienst der Milchhändlerin Wittwe Stolle in Brig und hatte diese, sowie deren Tochter jeden Morgen nach Berlin zum Austragen von Milch zu begleiten. Frau Stolle hatte mit einem Konditor Giese in der Friedrichstraße das Uebereinkommen getroffen, daß sie alle Morgen aus dem Haushalte desselben eine Kanne Kaffee erhielt, welchen sie im Laufe des weiteren Milchaustheilens zu sich zu nehmen pflegte. So geschah es auch am Morgen des zweiten März d. J., Frau Stolle sette wie üblich die Kanne mit Kaffee auf den Wagen, welcher in der Obhut des Angeklagten blieb, während sie und ihre Tochter sich noch einmal entfernten, um andere Kunden zu bedienen. Als Frau Stolle nach ihrer Rückkehr der Kaffee genießen wollte, prallte fie entsegt zurück, denn beim Lüften des Deckels entströmten der Kanne Düfte, welche selbst einen Probegenuß von selbst verboten. Die Dämpfe rochen start nach Phosphor und da der Kutscher entschieden bestritt, mit dem Kaffee irgend etwas vorgenommen zu haben, so überwand Frau Stolle ihren Widerwillen und nahm einen Schluck, um sich von dem Geschmack zu überführen. Schon diese Kleinigfeit genügte, um starfes Unbehagen hervorzurufen, und de der dringende Verdacht vorlag, daß der Angeklagte, dem Tags zuvor wegen seiner Lässigkeit der Dienst gekündigt war, cinen Racheaft ausgeführt hätte, so wurde der Polizei Anzeige erstattet und der stark Verdächtige in Untersuchungshaft genommen. Derselbe erzählte im gestrigen Termine einen ganzen Roman, um zu beweisen, daß der Kaffee nur durch einen tückischen Zufall den bedenklichen Busaz erhalten habe. Er behauptete nämlich, daß er beim Austragen von Milch an die Kunden die Kannen verwechselt und die Kaffeekanne statt eine Milchkanne ergriffen habe. Er habe das Versehen erst ge= merkt, als er den Deckel lüftete, in demselben Augenblick sei ihm aber während des Anzündens einer Zigarre eine Schachtel mit Phosphorzündhölzchen unglücklicher Weise gerade in die geöffnete Kaffeefanne gefallen. Er habe die Zündhölzer schleunigst wieder herausgeholt und nicht angenommen, daß die Flüssigkeit bereits davon infizirt worden. Die Beweisaufnahme ließ diese ganze Geschichte jedoch nur als ein großes Lügengewebe erscheinen, denn es wurde ziemlich sicher festgestellt, daß der Angetlagte aus Rachsucht abgeschabte Zündholzköpfe in den Kaffee gethan haben muß. Dafür sprach namentlich die Analyse des Chemikers Dr. Bischof, während Geheimrath Liman sein Gutachten dahin abgab, daß die im Kaffee fonstatirte Menge Phosphor hinreiche, um schwere Verheerungen im menschlichen Körper hervorzurufen. Die Geschworenen fällten ihr Verdikt im Sinne der Anklage und der Gerichtshof verurtheilte den Angeklagten zu 1 Jahr Zuchthaus. Eine Entscheidung des Kammergerichts, wonach Märsche von Turnern als öffentliche Aufzüge im Sinne des § 9 des Vereinsgefeßes anzusehen find, welche nur mit vorher eingeholter polizeicher Genehmigung stattfinden dürfen, versezte gestern die sechste Straffammer hiesigen Landgerichts I in die Nothwendigkeit, zwei jugendliche Turner wegen Bergehens gegen das Vereinsgefeß mit Strafen zu belegen. Am 11. Mat vorigen Jahres machte eine Lehrlingsabtheilung des Turnvereins Frisch und Froh" in der Stärke von 30 Mann eine Turnfahrt über Spandau hinaus und marschirte auf Kommando ihres Führers unter Trommel- und Pfeifenschall durch die Stadt. Noch bevor dieselbe wieder verlassen war, intervenirte ein Polizeisergeant und nahm von den Trommlern und Pfeifern, neun an der Zahl, sowie von dem Führer der Abtheilung das Nationale auf. Diese Personen, von denen nur zwei ein Alter von 19 Jahren überschritten haben, wurden nun sämmtliche Führer der Abtheilung wegen Veranstaltung, die übrigen Turner wegen Betheiligung an einem öffentlichen Aufzuge, zu welchem die polizeiliche Genehmigung weder nachgesucht noch ertheilt war, unter Anklage gestellt. Der Vertheidi ger, Rechtsanwalt Moller, machte im Termin geltend, daß eine Turnfahrt wohl mit einem Hochzeitszug, zu welchem nach dem Gesetz eine Genehmigung nicht erforderlich ist, nicht aber mit einem einen politischen Hintergrund habenden öffentlichen Aufzug zu vergleichen sei. Im Termin wies er zum Beweise dieser Behauptung auf die Entstehungsgeschichte des Vereinsgefeßes hin. Das Schöffengericht zu Spandau erkannte unter Adopfirung dieser Auffassung auf Freisprechung der Angeklagten und die von der Staatsanwaltschaft eingelegte Berufung wurde vom hiesigen Landgericht II verworfen. Dagegen hob der Strafsenat des Kammergerichts auf die Revision der Staatsanwaltschaft das Berufungsurtheil auf und verwies die Sache zur anderweiten Entscheidung vor das hiesige Landgericht I. Dieser Gerichtshof nahm an, daß der von den Angeflagten bewirkte Durchmarsch geeignet und darauf berechnet war, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken, daß er somit zu den in§ 9 des Vereinsgefezes gedachten Aufzügen zu rechnen sei. Im heutigen Termin beantragte der Staatsanwalt gegen den Führer des Kommandos 15 Mark, gegen die übrigen Angeklagten je 3 Mart. Rechtsanwalt Doller hob aber hervor, daß die unter 18 Jahr befindlichen Angeklagten ficherlich nicht die Einsicht von der Strafbarkeit ihrer Handlung besessen haben, da ja selbst die früheren Gerichte diese Turn fahrt nicht für strafbar erachteten. Der Gerichtshof folgte dieser Auffassung, verurtheilte nur die über 18 Jahre alten Ange flagten zu 15 resp. 3 Mark und sprach die übrigen mangels Unterscheidungsvermögens frei. Soziales und Arbeiterbewegung Ueber den Einfluß des Berufes auf die Gefund heitsverhältnisse haben wir bereits zu wiederholten Malen statistisch belegte Mittheilungen gebracht. Recht drastisch kann man die Wirkungen, welche die Arbeit in einer bestimmten Profession ausübt, z. B. an den englischen Bergleuten in Cornwall beobachten. Das Aussehen derselben ist schlecht; sie unterscheiden sich durch ihren ganzen Habitus scharf von der übrigen Bevölkerung. Die verheiratheten Weiber das gegen, die sich daheim aufhalten, sehen gesund und blühend aus während die Bergleute früh altern. Die Kinder find durchs gängig gesund. In anderen Fällen wird der Arbeiter und feine Familie in gleichem Grade von den äußeren Verhältnissen be fd m 111 2/ bi h in It SACHETAS#EUCO& KAS 11 fr BERADA b fo je f fi ( a 9 mach ttag afe urch An Iche Beit ache ffent ge= rde zur ener Beit wei im ben ge= Celle ns= der Juft AnColle gen rau Caße Dem im gte. Frau gen, und Dere den eim lbft chen ritt, berEud, migder Cags inen er= ge= zent Enent abe. Dart ſtatt ge= fet chtel ge= igft gfeit Diese er= Anffee des man Enge chen rdikt dent mach des rher egte die jens Mar urn eine oma urch ter= lern Der Ener dent ing, chen acheidis eine dem mit Aluf iefer eBes Dopund urde trafats= die and Ana hnet daß igen ats die hob gten Eung urn= iefer ngegels ndalen Cann nten ten ift harf da aus, irch und iffen beeinflußt. Das gilt u. A. von den Arbeitern in den deutschen Spielwaarenfabriken. Die Arbeit ist schlecht bezahlt, die Bevölkerung arm und gedrückt. Die Hand weber leiden an vielen schädlichen Einflüssen des Gewerbes Hirt fand in und am Mangel von Schußvorrichtungen. Weberdistrikten der preußischen Oberlausis, daß 2/ der Kinder im ersten Lebensjahre starben, ein Beweis für die Erbärmlichkeit der dort bestehenden wirthschaftlichen Lebenshaltung. Die Thonwaarenindustrie im Regierungsbezirk Trier, in welchem auch die nothleidenden Bezirke der i felgegend liegen, geht immer mehr bergab, fie muß der Konkurrenz von Saarbrücken und Lothringen weichen. In der Eifel, wo die schönsten Thonlagen fich befinden, wo die Arbeitskräfte auf der Straße liegen, sollten derartige keramische Fabriken angelegt werden. Auch könnte dort durch Eingreifen die Regierung zeigen, daß sie durch Vermittelung von Arbeit jenen Gegenden Hilfe bringen wolle, was jedenfalls besser ist, als eine einmalige Unterstügung. Jedesmal aber, wenn die Noth in einer solchen Gegend den Höhepunkt erreicht hat, macht die Regierung einen fräftigen Anlauf, um sofort wieder zu ermatten, wenn der Nothstand sich etwas verringert hat. Natürlich steigt dann der Nothstand in furzer Zeit wieder und so ist ohne Schaffung von Arbeitsgelegenheit ein immerwährender Kreislauf vorhanden. Die Tuchindustrie in den hervorragendsten Bezirken Deutschlands bietet wenig Anlaß zur Befriedigung. So kommen Klagen aus der ganzen Niederlaufis, aus dem Dresdener Bezirk und aus Chemniz. Auch aus Niederschlesien lauten die Berichte ungünstig. Ueberall Preis- und Lohnreduktion und verschiedentlich auch Arbeiterentlassungen. Aus Westfalen und der Rheinprovinz kommen gleichfalls trübe Nachrichten. Ueber den Bau des Panamakanals, dieses großen zivilisatorischen Unternehmens liegen leider keine günstigen Nachrichten vor. Die wohlunterrichtete Allg. 8tg." läßt sich über die dortigen Verhältnisse einen längeren Artifel schreiben, dem wir folgende Zeilen entnehmen: Als der Verfasser dieser Zeilen im vergongenen Jahre die Panama- Linie bereiſte, lagen die Verhältnisse viel günstiger, und er erhielt den Eindruck, als würde der Kanal, wenn auch nicht mit dem voraus veranschlagten Zeit- und Kapitalaufwande, so doch bei gleichbleibendem Kredit innerhalb fünf oder sechs Jahren vollendet werden. Mittlerweile haben sich diese Aussichten in jeder Hinsicht verschlechtert. Unsicherheit, leichtsinnige Verwaltung, Arbeitermangel, Fieber und Krants heiten treten den letzten Berichten zufolge immer auffälliger hervor, ia französische Aktionäre, welche den Isthmus im eben verflossenen Frühjahre besuchten, sprechen die Ansicht aus, daß, sollten die gegenwärtigen Zustände fortdauern, der Kanal überhaupt niemals fertiggestellt werden könne. In den fieben Monaten vom 1. Juli 1884 bis 31. Januar 1885 find nicht weniger als elfhundert weiße Arbeiter und Beamte gestorben, die Tausende von Negern, Mulatten und Chinesen gar nicht gerechnet. Bei so elenden Gesundheitsverhältnissen, bei einem so ungewissen Leben von heute auf morgen kann auch die Leitung der Arbeiten, die Verwaltung des Ganzen nicht die gewünschte Festigkeit befizen, umsoweniger, als fich in Europa oder Amerika zum Ersaß der Gestorbenen doch nur mehr Elemente anwerben, lassen, welche auf keinem anderen Gebiete auf einen grünen Zweig kommen können. Wohl bietet die Herstellung des Kanals ganz enorme technische Schwierigkeiten dar, aber sie sind nicht unüberwindlich. Die eigentliche Gefahr droht in dem einen, fühlbarer werdenden Mangel an Arbeitskräften. Auch Chinesen und Neger sind sich schon wohl bewußt, daß sie auf dem Isthmus nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihr Leben auf das Spiel fezen, lassen sich auch demgemäß nur mehr unter enormen Löhnen für die Kanalarbeiten anwerben. Es ist zu fürchten, daß diese Löhne mit der Zeit bis zur Unerschwinglichkeit steigen werden. Das zur Vollendung des Kanals erforderliche Kapital wird dann eine Höhe erreichen, welche ganz außer Verhästniß mit der möglichen Verzinsung steht, wenn dieß nicht schon jeßt der der Fall sein sollte." Der Herr Verfasser dieser Zeilen dürfte doch zu schwarz sehen; er fieht in diesem Falle durch die französische Brille. Wohl ist es möglich, daß Lesseps und die jeßige Aktiengesellschaft an den aufgethürmten Hindernissen scheitern, aber schadenfroh steht hinter ihm eine Macht, die gewohnt ist, alte hindernisse zu bewältigen mir meinen die Nordamerikanische Union. Sie hat auch nur deshalb wohl das Konkurrenzprojekt, den Bau eines Nicaragua- Kanals aufgegeben, weil sie weiß, daß die noch nicht hergestellte Panama- Linie doch noch in ihren Besit übergehen wird. Und dann ist der Bau des Kanals trob alledem sicher. dem Lohnkommission) geschmäht, und verdächtigt. Die Lohn kommission sei zu der Ueberzeugung gekommen, daß fie Der Zwiespalt, unter den Kollegen jest bei herrsche, Ersprießliches nicht mehr leiften fönne; ste habe deshalb den Beschluß gefaßt in corpore abzudanken. Zur Diskussion nahmen die drei Herren Wedemeyer, Stone und Berger das Wort, um darzulegen, daß fie erst, nachdem Herr Jahnus die ihm vom Fabrikanten Westmann angebotenen 100 Mark angenommenen und es in diktatorischer Weise durchgesezt habe, daß die Preise für Waare zweiter Qualität in den Minimallohntarif aufgenommen worden sind, im Interesse der Arbeiter gegen Herrn Jahnus und gegen die Lohnkommission Opposition gemacht haben. Der Fabrikant Herr Hagelsberg erklärte, daß er Herren Jahnus als einen Ehrenmann fennen gelernt und daß die Arbeiter einen befferen Leiter der Lohnbewegung nicht finden würden. Mehrere Redner stimmten diesem Urtheil bei, andere mahnten daran, daß persönliche Differenzen um der guten Sache willen bei Seite gefeßt werden müssen. Als Herr Menzel äußerte, man sei nur dagegen, daß der Vors figende sich kaufen lasse, wurde er durch Rufe des Unwillens unterbrochen. Dadurch fand der überwachende Polizeibeamte fich veranlaßt, die Versammlung ,, wegen Tumults" für aufgelöst zu erklären. Der Fachverein der Drechsler, Knopfarbeiter und verwandten Berufsgenossen beschloß in seiner legten Versammlung, eine Vereinigung mit dem Verein zur Wahrung der materiellen Intereffen der Drechsler und Berufsgenossen anzubahnen und der neuen Vereinigung den Titel Fachverein sämmtlicher in der Drechslerbranche arbeitenden Berufsgenoffen" zu geben. Nach dem wurden die Verhältnisse in der Leibholz'schen Knopffabrik und die Maßregelung einiger Kollegen besprochen. Auch wurde ein Antrag; für die gemaßregelten Kollegen in den Knopffabriken zu sammeln einstimmig angenommen. Nachdem lud der Schriftführer Herr Sündermann die Mitglieder zur Ver sammlung des Vereins für materielle Intereffen der Drechsler und Berufsgenossen zum Montag, 6. Juli, Kommandantenstraße 20, ein, ebenso das Mitglied Müller zu einer öffent lichen Versammlung am Mittwoch, den 1. Juli behufs seiner Rechtfertigung auf das„ Eingesandt" im ,, Berliner Boltsblatt" vom 24. Juni. Die öffentliche Versammlung der Berliner Steinträger und Bauarbeiter, welche am Dienstag nach dem ,, Salon zum deutschen Kaiser", Lothringerstr. 37, einberufen und sehr zahlreich besucht war, wählte in das Bureau die Herren D. Rennthaler als 1., C. Wallenstein als 2. Vorsitzenden, Herren D. Rennthaler als 1., C. Wallenstein als 2. Vorsitzenden, und L. Steinberg als Schriftführer. Die Debatte über den ersten Punkt der Tagesordnung: Die Lage unseres Streifs, und was hoffen wir von demselben", wurde von Herrn Rennthaler eröffnet und führte derselbe aus, daß der Streit durchaus günstig stehe und die Steinträger sich durch keine Schreckschüsse, welche von den sogenannten Lärmfanonen", d. h. der fapitalistischen Presse, abgefeuert werden, betäuben lassen werden. Dieselben werden nicht im Stande sein, auch nur die fleinste Bresche zu verursachen, denn die von uns gegründete Organisation wird den Kampf dagegen aufnehmen und die Arbeiter werden auch als Sieger daraus hervorgehen. Es wurde noch erwähnt, daß in einer der letzten Sigungen des Bundes der Bau-, Maurer- und Zimmermeister diese Herren das Verlesen des neuen Lohntarifs in Heiterkeit versetzt und ihnen zu ironischen Bemerkungen Veranlassung gegeben habe, jedoch werden die Streifenden unbeirrt darum bei den In demselben Sinne gestellten Forderungen verharren. sprachen sich noch die Herren Haugt, Schilling, S. Krüger und A. Krantemann aus und forderten zur Ruhe und Einigkeit, sowie zum Einzeichnen in den Fachverein zur Wahrung der materiellen Interessen der Steinträger" auf, welches auch in großer Masse geschah. Nachdem noch verschiedene minder beSeutende Angelegenheiten erledigt waren, fam folgender von Herrn W. Gaſtmann gestellter Antrag zur Verlesung: Mehrere hier Anwesende geben dem gewiß allseitig unterstüßten Wunsch Ausdruck, daß die heute hier Versammelten zum Zeichen des Beileids und ehrenden Andenkens an einen edlen und uneigennüßigen Mann, den am 21. Juni d. J. in Frankfurt a. M. verstorbenen treuen und begeisterten Anhänger der deutschen Arbeiterpartei Herrn Karl Höchberg von ihren Pläßen fich erheben. Karl Höchberg, welcher gleich nach Erlaß des Sozialistengesetzes aus Berlin ausgewiesen wurde, hat stets treu zur Sache des Volkes gestanden und ist immer für das Gesammtintereffe und das Solidaritätsgefühl der Arbeiter auf das Wärmste eingetreten." Alle Anwesenden erheben sich. Sofort jedoch erklärte der überwachende Polizeibeamte auf Grund des§ 9 des Sozialistengesezes die Versammlung für aufgelöst und forderte zum Verlassen des Saales auf, welches auch in aller Ruhe geschah. Uns aber fann es gleichgiltig sein, in welchem Befit der Kanal später sich befindet in der Machtsphäre Nordamerikas liegt, er doch einmal. Vereine und Versammlungen. th. In der Generalversammlung der Allgemeinen Stuhlarbeiter- Vereinigung theilte Herr Obermeister Schmidt ein aus Erdmannsdorf erhaltenes Schreiben mit, welches über den dortigen Weberstreik nähere Aufschlüsse giebt. Aus dem selben ging hervor, daß die dortigen Arbeiter folgende Forde rungen den Arbeitgebern durch eine von den ersteren gewählte Kommiffion unterbreitet haben: a) Lohnerhöhung von 30 pCt. ( Der Lohn soll jetzt bei angestrengtester Arbeit 4, 5, 6, höchstens bei gutem Garn 7 und 7,50 Mark pro Woche betragen.) b) Berkürzung der Arbeitszeit von 12 auf 11 Stunden. c) Lieferung befferer Rettengarne eventuell weitere Lohnerhöhung von 20-30 pet.( Es kommen lauter böhmische, schlechte Garne zur Verarbeitung.) d) Aufhebung sämmtlicher Ordnungsstrafen. ( Dieselben betragen 2, 3 auch 4 Mart pro Woche.) e) Herab setzung des Lohnes der Lehrlinge von 75 Pf. auf 50 Pf. pro Tag. Ueberweisung der 25 Pf. an die betreffenden Weber für Beitverfäumniß.( Dadurch soll der großen Bahl von Lehrlingen entgegengesteuert werden, welche den Beruf so sehr herunterdrückt.) In der betreffenden Fabrik arbeiten 500 männliche und 800 weibliche Arbeiter. Am Streit betheiligt find sämmtliche Weber und Weberinnen; die Haltung der Streifenden ist eine musterhafte. Weiter heißt es in dem Schreiben: Kollegen und Berufsgenossen! Wir ersuchen Euch, uns schnelle Hilfe zu senden, dadurch werden wir zum Siege gelangen. Wie weiter mitgetheilt wurde, find die 6 Mitglieder der Arbeiterdeputation 1ofort aus der Arbeit entlassen worden und ein Plakat in der Fabrik verkündete, daß Arbeiter, welche nicht unter den jetzigen Lohnverhältnissen arbeiten wollen, sofort ihre Entlassung erhalten und niemals mehr in der Fabrik Arbeit bekommen würden. Die Antwort der Weber und Weberinnen war die Arbeitseinstellung, welchen sich neuerdings auch die Spinner an geschlossen haben. Die Generalversammlung bewilligte 100 Mark zur Unterstüßung der Streikenden. Es folgten hierEs folgten hier auf noch Besprechungen über Vereinsangelegenheiten. br. Dem Schidsale polizeilicher Auflösung verfiel nach etwa zweistündiger Dauer die öffentliche Versammlung der Kürschner, welche am Montag Grenadierstr. 33 stattfand. Die Tagesordnung war: 1. Abdankung der Lohnkommission und Wahl einer neuen Lohnkommission. 2. Was für Forderungen stellt der Geselle an die Lohnbewegung?- Nachdem das Bureau gewählt war, erstattete Herr Jahnus das Referat zum ersten Punkt der Tagesordnung. Die Lohnkommission der Kürschner habe auf friedlichem Wege, ohne Streifs, eine Erhöhung des Lohnes um 1 bis 1,50 Mart wöchentlich herbeigeführt. Troßdem hätten drei Personen fort und fort die Lohntommission und besonders ihn( den ihn( den Vorsitzenden der Eine öffentliche Former Versammlung, von 500 Theilnehmern besucht, tagte im Salon zum deutschen Kaiser, Sothringerstr. 37, am Montag, den 29. Juni, und beschäftigte fich mit den zum 2. Male ausgebrochenen Streik in der Hartung'schen Gießerei. Das Verhalten des Herrn H. erfuhr durch die Aussagen der zur Verhandlung abgesandten Delegirten der Vereinigung deutscher Metallarbeiter sowohl, als auch durch die, von den aufs Neue zum Streit gezwungenen Formern eine drastische Beleuchtung. Die von dem Herrn eingegangenen Verpflichtungen, der von ihm unterzeichnete Kontrakt sowohl als auch die vereinbarten Tarife, find durch ihn schon am zweiten Tage nicht innegehalten worden. Die auf diese Weise unzufrieden gemachten Former verhehlten es sich nicht, daß diesen Maßregeln andere folgen würden und die von einem Meister dem Former Baar gemachte Bumuthung, doch die Arbeit unter dem vereinbarten Larif zu machen, ohne seinen Mitarbeitern davon etwas zu sagen, und die Drohung des Herrn Hartung, sofort 4 Mann zu entlassen, bewirkten, daß alle Former wie ein Mann die Ungewißheit des Streiks, den ießigen Zuständen bei der Arbeit vorzogen. Die Genossen Tobler und Gutheit unternahmen es, die Klagen der Arbeiter durch feststehende Thatsachen zu begründen, die Streifenden zu gefeßlichem, ruhigem Vorgehen, sowie Ausharren zu er muthigen und die Anwesenden zu opferwilliger Unterstützung aufzufordern. Folgende von Herrn Bolge gestellte Resolution gelangte zur einstimmigen Annahme. Die heute im Deutschen Kaiser tagende öffentliche Former- Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen der Redner einverstanden und verpflichtet sich, die streikenden Kollegen moralisch wie materiell so lange zu unterstützen, bis der Streit von der Metallarbeiter- Vereinigung Deutschlands als beendigt erklärt ist. " In Magdeburg fand am Sonnabend, den 27. Juni, im Prinz Karl- Salon" eine öffentliche Arbeiter- Versammlung statt, zu welcher nahezu 400 Personen erschienen waren. Die Tagesordnung bildete eine Petition zum Arbeiterschutzgeset", welche von einer Kommission hiesiger Zimmerer entworfen worden ist; ein Eremplar des durch Druck vervielfältigten Schriftstücks wurde jedem Erschienenen zugestellt. Auf Antrag des Vorsitzenden, Herrn A. Schulze, erklärte sich die Versammlung mit Form und Inhalt der Petition einverstanden; es wurde beschlossen, sie abzusenden, nachdem die Unterschriften unter dieselbe zusammengebracht sein werden. Sodann erhielt als Referent das Wort Herr Schneidt, welcher sich in eingehender Weise über die durch die Petition angestrebten Ziele, welche die Lage des Handwerker- und Arbeiterstandes verbeffern sollen, verbreitete; als solche bezeichnete und erläuterte der Redner die Einführung eines gefeßlich geregelten Marimalarbeitstages und eines Minimallohnes, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Beschränkung der Frauen und Kinderarbeit in den Fabriken, die Regelung der Gefängnißarbeit, letztere in der Weise, daß der Staat nur für seine eigenen Bedürfnisse in den Gefängnisfen produziren darf, sowie in gleicher Weise die Regelung der Militär- Arbeiten. Bum Schluß seines Vortrages meinte der Redner, daß bei der heus tigen Zusammensetzung des Barlaments vorläufig feine Ausficht vorhanden sei, daß die in der Petition niedergelegten Jdeen verwirklicht werden. Nach dieser Rede fand über, denselben Gegenstand eine Diskussion statt, bei welcher sich alle Redner im Sinne des Referenten äußerten. Nachdem Unterschriftsbogen zur Petition ausgegeben und bestimmt worden war, daß in Kürze noch eine Agitationsversammlung abgehalten werden soll, wurde diese Versammlung geschlossen. Zentral- Kranken- und Sterbekasse der Tischler und anderer gewerblicher Arbeiter( örtliche Verwaltungsstelle Berlin A, äußere Louisenstadt). Den Mitgliedern zur Nachricht, daß vom 1. Juli d. J. ab die Geschäfte des Ortskassirers Herrn Wilh. Geiling, Naunynstr. 72, Seitenfl. I, übertragen find. Derselbe ist zu sprechen an Wochentagen von 8-9 Ühr Abends,( Mittags von 12-1 Uhr nur für Krankenmeldungen), Sonntags Vormittags von 10-12 Uhr Adalbertstr. 16, part. bei Werschke. Auch ist der Bevollmächtigte Herr Hundt in den Sprechstunden anwesend. Gleichzeitig werden die Mitglieder darauf aufmerksam gemacht, daß das neue Statut am 1. Juli d. J. in Kraft tritt, nach demselben können diejenigen Mitglieder, welche mit sechs Wochenbeiträgen im Rückstande find, ausgeschloffen werden. Eine große Volksversammlung findet am Donnerstag, den 2. Juli, Abends 8 Uhr, in Keller's Salon, Andreasstr. 21, statt. In derselben wird der Stadtverordnete Herr Herold Bericht erstatten über die Thätigkeit der Stadtverordneten- Verfammlung, und werden deshalb ganz besonders die Wähler des 24. Kommunal- Wahlbezirks eingeladen. Eine öffentliche Versammlung der Fabrik- und Bau arbeiter Berlins findet statt am Donnerstag, den 2. Juli, Abends 8 Uhr, in der Urania, Wrangelstr. 9-10. T.- D.: Wie ver hält sich der Verein zur Wahrung der materiellen Interessen der Fabrik und Bauarbeiter Berlins dem neu gegründeten Verein der Steinträger und Bauarbeiter gegenüber? Referent Herr H. Laste. Diskussion. Verschiedenes. Wegen der wiche tigen Tagesordnung wird um recht zahlreichen Besuch gebeten. Die Delegirtenversammlung der Stellmacher findet heute Mittwoch Abend 8 Uhr in Schäffert's Lokal, Inselstr. 10, statt. Wichtige Tagesordnung. Demokratischer Verein. Versammlung Mittwoch, 1. Juli, Abends 82 Uhr, im Louisenstädtischen Klubhaus, Annenstr. 16. Tagesordnung: 1) Die Reform der Einkom mensteuer nach demokratischen Grundsäßen. 2) Das Verhält niß der Wähler zu den Abgeordneten. 3) Vereinsangelegenheiten. Vermischtes. Garibaldi Denkmal. In Perugia( Italien) soll dem nächst eine Statue Garibaldi's errichtet werden, welche nach dem Willen der Väter der Stadt ein Kunstwerk ersten Ranges werden soll. Für die Kosten find 25 000 Lire ausgeworfen. Nach dem Beschluß über die Statue soll die Figur selbst drei Meter hoch werden und aus Bronze gegossen sein. Der Sockel wird aus rothem Granit und in seinen Größenverhältnissen entsprechend der Figur selbst hergestellt. Ein Kollege. Der Richter: Sie gestehen also zu, daß. Sie den Ballen Leinwand beim Kaufmann Habert_gestohlen haben?" Der Dieb: Ja." Der Richter: Sie waren bei der Firma als Haustnecht angestellt?"- Der Dieb: Ja." Der Richter( zum Protokollführer): Schreiben Sie:„ Ich war Hausknecht bei der Firma Habert Der Dieb: ,, Sö a? Schau, schau! Und i hab' Ihna die ganze Zeit net g'seg'n." Furchtbares Vergehen. Diener: Hier, gnädige Frau, ist das bestellte Bouquet." Gräfin( den Diener mißtrauisch betrachtend): Sagen Sie einmal, Johann, Sie haben och nicht etwa an den Blumen gerochen!?" Kleine Mittheilungen. Ueber das schon gemeldete Unglück auf Grube Dud. weiler schreibt man der Frff. 3tg." aus St. Johann, 26 Juni: Zwischen 4 und 5 Uhr heute Nachmittag, gerade zur Beit des Schichtwechsels, fand in den Scallei Schachten" zwischen Dudweiler und Sulzbach, eine Explosion schlagender Wetter statt. 13 Todte und ein Verwundeter, der bereits außer aller Gefahr ist, wurden zu Tage geschafft. 5 oder 6 Bergleute befinden sich noch an dem Orte der Explosion, so daß also die Zahl der Verunglückten 18 oder 19 betragen wird.( Nach neueren Nachrichten beträgt die Zahl der Todten 17.) Die Explofion fand zwischen der 3. und 4. Tiefbausohle, 350 Meter tief, statt. Der Pferdeausfeher, welcher auf dem Hauptquartschlag 1., Flöß 12., sich befand, machte die erste Meldung von der Katastrophe. Bis zu ihn war die Explosion vorgedrungen; er sah nur einen schwachen. Feuerschein, der ihm jedoch die Haare auf dem Kopfe vers sengte. Er begriff sofort, daß ein Unglück paffirt sein müsse ,. begab fich zu Lage und erstattete Bericht, der sich nachher leider bestätigen sollte. Unter den Verunglückten befinden fich wieder 6 oder 7 verheirathete Bergleute mit zahlreichen Familien, ebenso 3 Pferdeknechte. Außer den Menschen sind auch zwei Pferde zu Grunde gegangen. Sofort nach der Anzeige begaben sich die Rettungsmannschaften, unter Leitung des Bergrath Heydter, an Ort und Stelle, jedoch waren die Nachschwaden so start, daß man nur mit großer Vorsicht zu den Todten gelangen konnte. Die Berstörung in der Grube ist verhältnißmäßig gering, so daß eine größere Betriebsstörung nicht eingetreten ist. Die 13 Todten liegen im Todtenhause des Lazareths in Sulzbach, dieselben find theilweise stark verbrannt. Das Aussehen der Leichen ist ähnlich wie bei den zu Camphausen verunglückten Bergleuten. Es ist auch diefelbe Flößpartie, auf der das Unglück passirte, welche in ihrer Verlängerung das Kohlenlager von der Camphausen- Grube bildet.. Zu Tage hat man von der Explosion nichts verspürt. Das Unglück hätte jedenfalls noch größere Dimensionen angenommen, wenn der Schichtwechsel bereits beendet gewesen wäre. Ueber die Ursache des Unglücks ist natürlich bis jetzt nichts bekannt.. Wahrscheinlich wird auch wohl in diesem Falle, wie bei dem großen Unglück in Camphausen, die direkte Ursache der Explosion: der Wetter unaufgeklärt bleiben. Die Jäger'schen Haarduftpillen. Aus Prag wird ge= meldet: Die Jäger'schen Anthropinpillen wurden theils gegen die verschiedensten Krankheiten, theils als diätetisches und fosmetisches Mittel anempfohlen. Nun hat aber die wissenschaftliche Untersuchung ergeben, daß diese Anthropin- oder Haarpillen mur aus gewöhnlichem Zucker bestehen, dem kaum nachweisbare Mengen von Milchzucker beigemischt sein mögen; andere Stoffe aber konnten in denselben weder auf trockenem, noch auf nassem Wege nachgewiesen werden. Der Erzeuger dieser Pillen, Dr. Gustav Jäger, bedient sich in einer erläuternden Broschüre des bildlichen Ausdruckes, daß der Haarduft zur Erzeugung einer größeren Wirkung in den Billen verdünnt ist, als wenn ein Haar in den Bodensee gefallen wäre. Troßdem aber, daß diese Billen feine Heilwirkung haben tönnen und aus werthlosen Stoffen gemacht sind, sollen dieselben theuer( ein kleines Gläschen um 65 fr.) verkauft werden. Da nun deren Heilsubstanz in qualitativer und quantitativer Hinsicht nicht erkenntlich ist und sich jeder Kontrole entzieht, so dürfen diese Billen erhaupt nicht feilgehalten und verkauft werden. In Folge deffen hat das t. f. Ministerium des Innern sämmtlichen Statthaltereien eröffnet, daß diese Pillen, nachdem deren heilsubstanz in oualitativer und quantitativer Hinsicht nicht era fenntlich ist und sich jeder Kontrole entzieht, überhaupt nicht| ( also auch nicht in Apotheken) feilgehalten und verkauft werden dürfen. Rhino, 27. Juni.( Blißschläge.) Der Arbeiter Schulz wurde gestern Nachmittag auf einer Wiese beim Grasmähen vom Blitz getroffen und war auf der Stelle todt. Ferner hat der Blizz in nächster Nähe einige weidende Kühe erschlagen und mehrere Bäume zertrümmert. Auf der benachbarten Kolonie Groß- Derschau schlug der Blis zündend in das Wohnhaus des auf Reisen befindlichen Handelsmannes Schröder, tödtete die Frau desselben, welche noch im Wochenbette lag und legte das Haus nebst dem angrenzenden Stall in Asche. Ebenso hat der Bliz ohne zu zünden den Stöllner Kirchthurm getroffen, das Dach der Kirche zerschlagen und auch die Orgel arg beSchädigt. In Witte wurden gestern auf der Weide 2 Fersen des Bauern Kolrep vom Blip getödtet. Eine dritte wurde betäubt, hat sich jedoch wieder erholt. Bestrafter Denunziant. Der Grenzaufseher Dehlrichs, Der einen Zollbeamten wegen Majestätsbeleidigung denunzirt hatte, ist als Denunziant zu sechs Monaten Gefängniß und einem Jahr Ehrverlust verurtheilt und sofort verhaftet worden. Neues über den untergegangenen Dampfer " Italia". Eine Depesche aus Lima übermittelt Details über ben bei Lomas in Peru stattgehabten Schiffbruch des italienischen Dampfers ,, Italia". Von den an Bord befindlich gewesenen Personen werden 70 vermißt; wie man weiß, find bis Theater. Belle- Alliance- Theater. Heute: Großstädtisch. Neues Friedrich- Wilhelmstädtisches Theater. Heute: Der Großmogul. Heute: Nanon. Walhalla- Operetten- Theater. Oftend- Theater. Heute: Das Weib der Sünde. Central- Theater. Alte Jakobstraße 30. Direktor: Ad. Ernst. Heute: Hamburger Leiden. Zu dem Ball, der zum Besten der Familie des schon seit vier Jahren franten Knopfmachers Otto Brandt veranstaltet war, hatten sich doch sieben Knopfmacher eingefunden, die anderen Herren glänzten durch Nichterschei= nen. Allen Respekt vor ihrem Wohlthätigkeitsfinn! 1512] Achtungsvoll Athleten- Club ,, Süd- Ost". Große öffentliche Versammlung der Schmiede Berlins am Mittwoch, den 1. Juli, in Keller's Lokal, Andreasstraße Nr. 21. 1515] Die Lohntommission. Donnerstag, den 2. Juli, Abends 8 Uhr, in Gratweil's Bierhallen, Kommandantenſtr. 77/79 ArbeiterinnenVereins- Versammlung. Vortrag des Herrn Guttzeit über Kindererziehung. Fragekasten. Gäste haben Zutritt. E. Jhrer, Schriftführerin. Große Versammlung sämmtlicher Schneider Berlins Donnerstag, den 2. Juli cr., Abends 8½ Uhr, jest nur 8 Passagiere gerettet worden. Von der Mannschaft des Dampfers ist nur ein einziges Mitglied ertrunken. Die Katastrophe wird den falschen Befehlen des dritten Steuermanns zugeschrieben, der seitdem Selbstmord verübt hat. Literarisches. Afrika. Der dunkle Erdtheil im Lichte unserer Zeit. Von A. v. Schweiger- Lerchenfeld. Mit 300 Illustrationen hervor ragender Künstler, 18 folorirten Karten 2c.( In 30 Lieferun60 Pf.80 Cts. 36 Kop.) A. Hart gen à 30 Kr. leben's Verlag in Wien. Von diesem Werke liegen nun weitere sechs Lieferungen( 13 bis 18) vor, welche den sogenannten egyptischen Sudan", Abessinien, Egypten und einen Theil des Saharagebietes umfassen. Mit Ausnahme des letzteren, find es lauter Territorien, welche, neben dem Kongogebiete, dermalen зи den aktuellsten des afrikanischen Erdtheiles zählen. Dieser Aktualität entsprechend, entrollt der Verfasser ausführliche Schilderungen von der religiössozialen Bewegung Bewegung unter der Aegide des Mahdi" Mohammed Achmed von Dongola, von den Verhältnissen in Abessinien und den europäischen Befizerwerbungen an der Küste des rothen Meeres und außerhalb der Straße von Bab el Mandeb. Die nicht sehr rosigen Mittheilungen über Obok, Affab, Zulah, Beilul neuerdings vielgenannte Punkte dürften in weitesten Kreisen Interesse erregen. In den Schilderungen Egyptens, zumal der Chalifenstadt Kairo, entrollt fich ein farbenprächtiges Stück Orient, und man erkennt unschwer, daß der Autor hier in seinem eigentlichen Elemente fich befindet und seine auf persönlichen Erfahrungen beruhende Lokalkenntniß in umfassender und interessanter Weise verwerthet. Vielleicht nicht minder werthvoll ist das geographische Bild von der Sahara, von dem so viele irrthümliche Vorstellungen im Schwange find. Die Darstellung ist fesselnd und lichtvoll; in fnapper Form wird vorzügliche Orientirung über die merkwürdigen Verhältnisse in der großen afrikanischen Wüste geboten. Besondere Beachtung verdient die Abhandlung über das„ Sa harameer", d. h. über das Inundations- Projekt der algerisch funesischen Schottdepression, welches zu Zeiten so viel Staub aufgewirbelt hat, indeß technisch fast unausführbar ist und wirthschaftlich keinen Nugen versprechen würde. Karten und Bilder unterstüßen den Tert der vorliegenden sechs neuen Lieferungen in sehr instruktiver Weise. Briefkasten der Redaktion. 11 Schuhmacher. Ein Abonnent fragt bei uns an, wo fich die hiesigen Zahlstellen der Zentral- Kranken- und Sterbekasse der Schuhmacher" befinden. Da uns dieselben nicht bekannt find, so ersuchen wir den Ortsvorstand der Kaffe, uns die Adreffen zukommen zu lassen. P. A. 100. Sie haben Recht, es muß statt 29. Lebensa jahr 30. Lebensjahr heißen. Neben einer reichen Auswahl hochfeiner moderner Kleiderstoffe zu bekannt billigen Preisen find folgende Serien Kleiderstoffe bedeutend billiger zum gänzlichen Ausverkauf gestellt. en gros. aichete Catune in großer Auswahl je st 30 Pf. Waschechte bedruckte Baumwollstoffe, Mete: 30. 40 u. 50 Bf. Jaspé Diagonal für solide Hauskleider, Meter jest 30 Bf. Selle Wollstoffe, gutes Straßer field, früber Meter 1 Mt., jest 50 Bf. Beige Croisé in ganz reiner Wolle, in allen schönen Farben, zu Haus und Straßenlleidern, Mtr. 50 Pf. Beige doppelt, also 110 Centimeter breit, ganz fräftige Waare, Mir. 1 Mt. Einfarbige, beppelt, brette Sachemires in allen schönen Farben, früher Meter 2 Mt. 50 Bf., jest Meter 1 Mt 35 Pf. Sielmann& Rosenberg, Kommandantenstrasse, Ecke Lindenstr. Cattun- Morgenröcke in großer Auswahl 2, 2,50, 3 bis 6 Mr. Caffee, Wein und Delicatessen Nach ausserhalb von 15 Mk. an franco. en detail, Martin Jackier, Berlin SO., Admiraltraße 40 " am Kottbuser Platz( frühere Linde.) August Herold Berlin SO., 112 Skalitzerstrasse 112. Möbel, Spiegel- und Poffterwaaren Magazin Elgene Fabrik. Solide Preise. Prompte Bedienung. Die von Mitgliedern des Fachvereins der Schneider gegründete N Be FRR Mo in erm Leb Peq wir her Fak fre nete für wir hat eine fich den Eri wäl uns nüt und mei geh die Kar jäh nur Ra und nur vor für fest 490 ent bem Set lari dur Da leid Bal felb der B bau Im Deutschen Vereinshaus, Wilhelmytr 118 Produktiv- u. Rohstoff- Genossenschaft der Schneider Tagesordnung: Wie bezahlt Herr Hugo Wernaer( Leipzigerstr. 130) die Arbeit für den Offizier Verein und wie behandelt Der erste Zuschneider der Firma, Herr Lemke, die Arbeiter? Probearbeit wird vorgelegt werden. Die Herren Hugo Wernaer, Lemke, sowie das Direktorium des Offizier Vereins werden brieflich eingeladen. = Sämmtliche Schneider Berlins werden eingeladen, zu er1513 scheinen. Der Einberufer. 2. Pfeiffer. Ortskrankenkasse des Zimmerergewerbes. General- Versammlung am Sonntag, den 12. Juli cr., Vormittags 10 Uhr, im Lotale Linienstraße 8 bei Siemund. Tagesordnung: Statutenänderung. Nur die zeitigen Vertreter haben Zutritt und sind hiermit eingeladen. Der Vorstand. Weniger. Gr. Arbeiter- Versammlung Mittwoch Abend 8% ihr, in Sanssouci, Kottbuserstraße 4a, Tagesordnung: Die Angriffe des Herrn Schmädicke gegen die Person des J. Müller. Um zahlreichen Besuch bittet Socben erschien: Das [ 1509 Der Einberufer. Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons ,, Philosophie des Elends". Von Karl Marx. Mit einem Vorwort von Friedrich Engels. Preis Mark 3,50. A Bu besichen durch die Erpedition Bimmerftraße 44. zu Berlin( Eingetragene Genossenschaft) No. 30 ZIMMER- STRASSE No. 30 empfiehlt ihr Lager fertiger Herren- Garderobe, sowie ihr reichhaltiges Lager in und ausländischet Stoffe, ebenfalls Rutter, Borte und Knöpfe. Herren Garderoben jeder Art werden nach Maaß angefertigt. Reille Arbeit. Dauerhafte Stoffe. Feste Preise. 723 Bitte genau auf Strasse und Nummer zu achten. Die der Frau Schnur zugefügte Beleidigung nehme ich [ 1511] Frau Schernig. zurück. H. Schartow wohnt vom 1. Juli 1885 ab Schwedterstraße 5 2. Hof I., Berlin N. [ 1514 Die Lohntommission der Schmiede Berlins. 8600 elegante Jaquet- und RockAnzüge, Mode 1885,( neu und wenig getragen) von 10, 12, 15-30 Mart. 5000 Sommer Paletots in allen Farben, jegt für 8, 10, 15-25 Mt. ( Bracht Frempl.) Tuch- und Kammgain, Salon- und GehRöcke für den 4. Theil des Werthes. Hosen von 4 Mk. an, Röcke 4,50 an, Leinen- u. Drell- Anzüge auch f. Knab. LüftreJaquets, weiße Westen, alles spottbillig. Für korpulente Per sonen jeder Figur paffende Sachen. Hochelegante DamenSommer- Mantelets u. Mäntel, sowie gold. u. filb. Uhren. Jm 6. Reichstags- Wahlkreise. Allen meinen Freunden und Bekannten zur gefälligen Nachricht, daß fich mein Cigarrengeschäft jegt BergZuspruch ersucht Moritz Bernstein, Bergstraße 67. Der Vorstand and Verwaltungsrath. Selbstunterricht einfachen in der und doppelten kaufmännischen Buchführung und Darstellung eines neuen abgekürzten Syftem Aur Don doppelten Buchmethode C.Schmidt, Lehrerd handelswiffenfchaft Preis Mk. 1,50. Bu beziehen durch die Erzedition des Berliner Boltsblatt" Simmerstraße 44. Allen Freunden, Bekannten und werther Nad barschaft empfeble mein 1289 Mad 72] for ein trat fon nut bie ihm Ra tro Ha Leis Sp nac fin Herm. Liewald, Frankfurter Allee 143. am Ar en détail " Br zeu rg mi Stre DOT strasse 67, nahe der Invalidenſtraße, befindet. Um gütigen Beiß- und Bairisch- Bierlokal. 1289 en gros. Cigarren- u. Tabak- Handlung Fritz Goercki Berlin SO., Admiralstraße 40( frühere ,, Linde.") Import echter Havanna, Lager aller Sorten Rauch- und Schnupf tabake. Reich affortirtes Lager echt türkischer, ruffischer und amerikanischer Sigarretten und Tabate. Echt Nordbäufer Routabafe. Verantwortlicher Redakteur R. Gronheim in Berlin. Druck und Verlag von May Bading in Berlin SW., Beuthstraße 2. un bie 98 lid Pa