Ur. SS4. Freitag, den 28. September 1888. II. Jahrg. erlimrVMllill. Drgsn für die Interessen der Arbeiter. Alionnements-Einllldung. Mit dem 1. Oktober eröffnen wir ein neues Abonnement auf daS Berliner Bolksblatt"„Mustrirles Sonntagsblatt". ff Unser Blatt In dieser Zeit Arbeiterwelt daß wir ihre Recht für Jedermann Abschaffung der Sonntags Minimalardeitslohnes gesetzt, und dieses Vertrauen ist nicht getäuscht worden. Zahlreiche Jreunvr ym uua„-vrinncr«oiiBoiau nw w orr oeu iernes«eucyens erworoen, uno vre Aroener teyen ein, vatz wir ihre Interessen nach bestem Wissen und nach bestem Können vertreten. Unser Programm ist bekannt, wir brauchen es hier nur kurz anzudeuten. Wir treten zunächst ein für politische Freiheit, allgemeines gleiches direktes Wahlrecht für Reich, Staat und Gemeinde, Vereins« und Versammlungsfreiheit, Preßfreiheit, gleiches Aber neben der politischen Freiheit kämpfen wir für soziale Gleichberechtigung. Diese wird angebahnt durch Erstrebung höherer Löhne, Verkürzung der Arbeitszeit, ntags- und Kinderarbeit, Regelung der Gefängnißarbeit, Beschränkung der Frauenarbeit und Einfühmng einer Maximalarbeitszeit und in Verbindung damit auch eines .— Politische Freiheit, soziale Gleichberechtigung, das ist unsere Parole. Arbeiter, Handwerker Serlius! Die Kommunalwahlen nahen heran, und wenn in der Kommunal-Verwaltung etwas in unserem Sinne erreicht werden soll, dann dürft Ihr auch Euer Organ nicht vergessen, welches Euch im Wahlkampf gegen Heuchele, und Reaktion kräftig zur Seite stehen wird.— Im nächsten Quartal werden wir im Feuilleton des Hauptblattes den spannenden Roman „Die Ha»»d der Uemests" von Ewald August König veröffentlichen. Der Name des Verfassers giebt hinlängliche Bürgschaft für den Werth des Werkes. Eine besondere Sorgfalt wird unserer illustrirten Gratisbeilage zugewendet werden, wir bringen zunächst den Roman„Sünden der Väter". Der Roman schildert in fesselnder Weise die politischen und sozialen Zustande Rußlands. Von aufrichtiger Wahrheitsliebe beseelt, entrollt der Verfasser ein ergreifendes Bild des von den wildesten Leidenschaften zerrissenen Nachbarreiches. Die zweite Novelle:„Frau Therese", von dem liebenswürdigen Erzähler Erckmann. C h a t r t a u, wird allen unseren Lesern gleichfalls einen hohen Genuß bereiten. Keiner dürfte die Novelle, ohne emste Anregung und Belehrung empfangen zu haben, aus der Hand legen. 0,8„Berliner Volksblatt"»« s-.«»«-„Illustrirtes Sonntagsölatt" kostet wie bisher 4 Mark pro Quartal, 1 Mark 35 Pf. pro Mouat. 35 Pf. wöchentlich. Bestellungen werden von sämmtlichen Zeitungs-Spediteuren, sowie von der Expedition, Zimmer« ..irr..■—----_-t--- ca— in*.. Bestellungen an. chon unsere Schuldigkeit gethan zu haben, aber immer noch mehr soll es unsere Aufgabe sein, unserem Berufe, die Interessen des arbeitenden Volles wahrzunehmen, gerecht zu werven. Der heutigen Nummer liegt ein Bestellzettel bei, wir bitten, recht ergiebigen Gebrauch von demselben zu machen. Wenn jeder bisherige Abonnent seinem Organ einen neuen zuführt, so hat er seine Schuldigkeit gethan. Die Redaktion des„Kerliner Nolksdtatt". Em llbgethimn Stlmtsmiim. Die Nationalliberalen scheinen ihre Parteitage mit Vor» liebe in Hannover abzuhalten, um ihrem dort im Schmollwinkel sitzende» ehemaligen parlamentarischen Führer, Herrn vonBennigsen. Gelegenheit zum Rede» zu geben. Was dieser Herr bei solchen Gelegenheiten dann oufecft. roub VON bcti itöttouöÖibwöIctt 33ldttcnt in 3Zotb und Süd, in Ost und West als die Quintessenz aller pol,« tischen Weisheit angepriesen. Die einzelnen Satze, d,e dem Gehege der Zähne des Herrn von Benmasen entspringen, werden mit nicht weniger Ehrfurcht angestaunt, als einst im alte« Hellas die AuSsplüche dcS Orakels von Delphi. Begreife» kann man das. Was«ach der Sprengung der Wissen absprechen kann, ei» Sammelsunum von mittelmäßigen Köpfen und unbedeutenden Streber», von denen e'Mge heute »och glauben, den völligen Mangel an Talent und Wissen durch persönliche Arroganz ersetzen zu konnen. Dadurch er- klärt sich auch, wie diese Herren dazu kamen, die mmmer- volle Rolle der nationalliberalen Partei weiter zu spiele«, die auch dem Herrn von Bennigsen offenbar langst zu jammervoll geworden ist.__ «OftotOL] IeuMeton. Da« Worm»ne«mädche». Amerikanisch« Erzählung 64 von Balduin Möllhause«. (Fortsetzung.) Von seiner Unterhaltung mit Weatherton, von de« lochter seines verstorbenen Bruders im Herzen, mußten ferne lnsichten immer milder werden, und sogar fern Aeußere« einer kindlich frommen und warmherzigen Nichte, der um ° tiefer drang, weil er nicht mehr durch d,e Elnwwkung es schlau berechnenden und hinterlistigen RynoldS unter« rochen, gelähmt, und in seinen Folgen sogar vollständig Ämüthiaem Sinne» betrachtete er oft Hertha, oen» dieselbe an seiner Seite oder vor ihm hinntt. Er Ä« SKj% eß, er erkannte nicht mehr die von freudigen Hoff« ungen beseelte Jungfrau, welche jedes an sie gerichtete Wenn das letztere der Fall— und man kann es mit Sicherheit annehmen— dann thäte Herr von Bennigsen allerdings besser, zu schweigen. Allein sein Redebedürfniß ist größer, als seine Zurückhaltung, die ihm sein Rücktritt aus dem parlamentarischen Lebe» auferlegt. Wir sagten vorhin, wir hielten ihn für einen Mann von Geist und Wissen und man darf dies einem polttifchen Gegner auch zu- gestehen. Damit ist freilich nicht gesagt, daß Alles, was er spricht, auch geistvoll sei« muß. Namentlich in der jüngsten Rede des Herrn von Bennigsen ist nicht allzu viel Geist enthalten, wie sehr sie auch von de» Nationalliberalen gepriesen wird.„Er könne," sagte der Mitbegründer des Nationalvereins,„mit Vielen aus dem Volke nicht leugnen, daß das Uederwuchern des Fraktions- wesens, daS Vordrängen persönlicher Elemente, persönliche Zwistigkeiten, daS Geltendmachen des FraktionSinteresseS gegenüber den großen StaatSaufgaben wohl vielfach die Schuld an den üble» Erfahrungen trügen. Das Partei- wesen dürfe niemals Selbstzweck im Leben sein. Die Ge- schichte lehre, daß auch die mächtigsten Parteien mit dm Ereignissen des Staates gekommen und gegangen, gewachsen und gefallen seim. Der Staat habe auch ohne sie existwm können, und es sei daher verkehrt, wenn das Treibm der Parteien und ihrer Führer einen solchm Raum einnehme, gütige Wort mit einem holden und gutmüthigm Lächeln lohnte, in welchem sich ihre ganze Reinheit und ihre noch durch keinen Hauch des Kummers getrübte glückliche Stim- mung spiegelte. Ja, sie war anders geworden, für ihn doppelt, weil auch er mit ganz anderen Gefühlm, wie ehe« malS, auf sie niedersah. Die natürliche Liebe zu seinem ■M.■. eines tiefm, männlichen, aber keineswegs starren Ernstes überschrstten habm würde. Hertha hatte, seitdem die Kunde von dem Tode ihrer Schwester ihr mitgetbeilt worden, viel gelitten. Ihr Schmerz war so tief, so in ihre Seele eingreifend gewesen, daß sie nicht daran gedacht hatte,»ach der Art ihres Endes zu for- schm, oder den Wunsch zu äußern,»ach dem Grabe der ge- liebten Tobten geführt zu werden. Alle ihre Gedankm vereinig- ten sich dahin, daß sie keine Schwester mehr habe. Und als dann die ruhige Ueberlegung an die Stelle des wilden Schmerzes trat, da traf sie mit Weatherton zusammen, und wenn sein unerwartetes Erscheinen, das Bewußtsein seiner Nähe anfangs tröstend auf sie einwirkte, so waren die darauf folgendm Erfahrungen wieder um so mehr dazu geschaffen, die Wundm ihres Herzen« offen zu erhalten, sie wieder in mdlosm Sorgen und Kummer zu versenken. Selbst der Gedanke an da» Kind ihrer Schwester mtlockte ihr nur noch ein wehmüthigeS Lächeln, wenn eS ihrem bekümmerten Ge- müth auch eine große Beruhigung gewährte, den kleinen lieblichen Knaben späterhin beständig an ihrer Seite haben zu dürfen. Alle die aus solchen bitteren Erfahmngen entspringenden Gefühle mußten sich auf ihren lieblichen Zügen ausprägen. Doch, mochten die grossen blaue« Augen mit schwermüthigem Ausdruck und einer gewisse« Theilnahmlosigkeit um sich schauen, wie eS in den letzteren Jahren geschehen sei. Wenn man wochenlang sehe, daß die parlamentarische Mühle zwar klappere, aber kein Korn gebe, so dürfe eS nicht wundern, daß viele Kreise den Verhandlungen kein Interesse zu- wenden." Schön gesagt! Aber wo hat man das Alle« in hundertfachen Variationen schon gelesen? Nirgends ander« als in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung". Die banale Auffassung, da« Parteiwesen sei an allem Unglück in Deutschland schuld, hätte der schmollende Staatsmann von Hannover füglich den Offiziösen allein überlassen können. Wenn eine Regierung sich über„Parteiwesen" beklagt, so kann man da» von ihrem Standpunkte aus erklärlich finden. Wenn aber ein Parteiführer, der als solcher Jahrzehnte lang theil« in oppositioneller, theils in gouvemementaler Stellung gewirkt hat, über„Parteiwesen" jammert, dann nimmt sich die» schon mehr komisch au«. Dann darf man wohl auch fragen: Nimmt denn Herr v. Bennigsen die nationalliberale Partei von den Vor- würfen au«, die er dem„Parteiwesen" macht? Befinden sich in dieser Partei lauter Idealisten?— Wenn aber Herr v. Bennigsen die Vorwürfe gegen das Patteiwesen auch auf seine eigene Partei bezogen haben will, wie kommt er dann mochte auch das frische Roth ihrer Wangen gewichen sein und dieselbe« etwas eingefallen erscheinen, mochte ein eigen- thümlicher Zug um den Mund auf verhaltenen Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit deuten, Hertha Jansen war nicht weniger schön, al« damals, wo sie noch mit un« gebrochenem Jugendmuthe, beseelt von froher Zuversicht, in die Zukunft blickte. Dabei war sie freundlich und liebreich gegen ihren Onkel, vielleicht freundlicher und liebreicher als je in ihrem Leben, weil seine eigene und milde Stimmung thn ihr näher brachte. Sein wehmüthiger Ernst fand einen lauten Widerhall in ihrer Brust; sie versuchte sogar, den- selben zu verscheuchen, indem sie ihn hin und wieder auf das Wildromantische ihrer Umgebung aufmerksam machte Wenn er aber, ihren guten Willen anerkennend, ihr die «imW Tf»• ii a««mSv A... P......< t Hand reichte und ihr Trost und Hoffnung zusprach, dann wendete sie wohl ihr Antlitz ab, um die hervorquellenden Thränen zu verbergen, und mit einer Sanftmuth und Er« gebenheit, welche da» Herz de» starken Mannes»errik erwiderte sie:„Mein einziger Trost ist das Kind meiner armen Schwester, meme einzige Hoffnung, daß er gerettet d°i'ch w- Nachdem sie also den Engpaß verlassen hatten, führte ihr Weg über eme sanfte Bodenanschwellung hinüber, durch welche ihnen m der letzten Zeit die Aussicht auf das ergentllche Lager der feindlichen Armee entzogen wor- den war. Als sie de» Gipfel des Hügel» erreichten, hielten sie rhre Pferde unwillkürlich an. und schweigend überblickten sie dt« von Tausenden von Menschea und Thiere« so reich belebte Ebene, die so seltsam zu dem unwirthliche« Charakter der sich weithin ausdehnenden nackten Gebirgszüge konttastirte. So weit das Auge reichte, traf es auf lange Reihe» dazu, gerade vom nationalliberalen„Parteiwesen" eine glück- l'chere Gestaltung der Zukunft zu erwarten, wie er am Schluffe seiner Rede thut? Nun kommen wir aber auf einen anderen Punkt. Wer die Geschichte der letzten anderthalb Dezennien kennt, der weiß recht gut, daß Herr von Bennigsen und die »ationalliberale Partei eS gewesen sind, die das „Parteiwesen" beim Volke, auf das sich Herr von Bennigsen merkwürdiger Weise beruft, diSkreditirt haben. Herr von Bennigsen sprach vom„Vordrängen persönlicher Ele- mente". Schön, aber hat es niemals nationalliberale Partei- führer gegeben, die sich der Regierung so nützlich gemacht zu haben glaubten, daß sie täglich erwarteten, mit einem Ministerportefeuille bedacht zu werden? Hat es niemals «ationalliberale Parteiführer gegeben, die„im FraktionS- Interesse" die einfachsten Forderungen des Volkes im Stich ließen und Kompromisse schlössen, nur um„regierungsfähig" zu bleiben? Glaubt man denn, jene bekannten Verhanv- lungen über das Septennat, über die Zustizgefetze und Aehnliches feien schon vergessen? Herr von Bennigsen thäte also gut, an die eigene Brust zu schlagen, statt andere Leute anzuklagen, und zwar theilweise seiner eigenen Sünden. Im Schmollwinkel kommt man auf sonderbare Tedanken und so stellt uns Herr von Bennigsen die Möglichkeit eines politischen Lebens— ohne Parteien in Aussicht. Nachdem er betont, daß die Parlamente gegenüber den alten staatlichen„Lebensmächten", dem Beamtenthum, der Armee, der Kirche und Schule viel zu schnell gewachsen seien, kommt er zu dem Schlüsse, daß der Staat auch ohne Par- teien existiren könne. Es wäre interessant zu erfahren, wie sich Herr von Bennigsen das gänzliche Verschwinden der Parteien aus dem politischen Leben vorstellt. Sollten ihn am Ende gar die neuerworbenen deutschen Kolonialgebiete zu dieser Anschauung gebracht haben? Dort mag ei große Länderstrecken geben, auf denen das, was wir in Deutsch- land„Parteiwesen" nennen, nicht vorhanden ist. Wir wollen aber auch Nichts dagegen einwenden, wenn Herr von Bennigsen sich jene Gebiete zum Versuchsfeld für seine regenerirenden Zdeen auswählen will. Unsere beinahe zweitausendjährige Geschichte lehrt unS deutlich genug, baß die Parteikämpfe das bewegende Element der all- gemeinen Fortentwicklung unseres Landes gewesen sind. Nun will Herr von Bennigsen plötzlich allen„ParteiwesenS" entrathen können. Das gemahnt bedenklich an russische Zdeen. Doch fassen wir das Ganze zusammen. Herr von Bennigsen findet Alles schlecht, was nunmehr von Seiten der Parteien, welcher Art sie auch sein mögen, unternommen wird. Er selbst aber hat sicherlich Nichts gut gemacht, fönst hätte er sich nicht gezwungen gesehen, abzugehen. So ge- hört denn doch ein sehr starkes„Selbstbewußtsein" dazu, Anderen gute Lehren geben zu wollen.� Bei alledem aber wird'Herr von Bennigsen nicht die Thatsache verhüllen können, daß er mit seiner Weisheit abgethan ist. Politische Ueberstcht. Die Polemik gegen die antisemitische Bewegung wird in den konservativen Blättern fortgesetzt. Auf die letzten Reden des Herrn Stöcker erwiedert die„Nordd. Allg. Ztg."; ..Die staatsbürgerlichen Rechte der Juden sollen nach Herrn Stöcker durch den von den Christlich- Sozialen betriebenen Anti- semitismus nicht in Frage gestellt sein, er will nur etwas mehr Toleranz, etwas mehr Bescheidenheit von den Juden gefordert haben. Wenn er fich dabei zur Begründung dreser Forderung auf den schamlosen, die Generalsynode beleivigenden Ausspruch eines hiesigen Blattes beruft, so wird es gewiß keinem anstän- digen Menschen, er mag angehören welchem Glaubensbekennt- nisie er wolle, einfallen, jenes gehässige Wort auch nur de- schönigen zu wollen. Aber, darf man andererseits wohl fragen, drehte sich nicht die als Hauptagitationsobjelt speziell der Chiistlich-Sozialen„nutzbar verwendete" Eidesverweigerung eines hiesigen Geistlichen um staatsbürgerliche Rechte? Dann aber eine andere Seite der Sache: was haben die von Herrn Stöcker im Antisemitismus hauptsächlich bekämpften„Geschäfts- Sewohnheiten" der Juden, was die von ihnen geforderte größere ioleranz und Bescheidenheft damit zu thun, daß man ge- legentlich mit Fingern auf einzelne z. B. reiche Juden zeigt, die in der Siegesallee spazieren fahren, daß man körperliche und sprachliche Eigenthümlichkeiten mancher oder unseretwegen auch vieler Juden verspottet; daß in Versammlungen auf die vom Redner stereotyp wiederholte Frage„Wer hat das ge- than?", der Chorus antwortet:„Die Juden!" Ist diese Art der antisemitischen Agitation den Christlich. Sozialen ganz fem weißer Zelte; hier in Form von breiten Straßen, dort wieder von länglichen Vierecken aufgeschlagen, je nachdem die verschiedenen Regimenter und Abtheilungen einen ihren Zwecken entsprechenden Boden gefunden, oder die Ufer eines Baches zum Errichten ihrer einfachen Häuslichkeit gewählt hatten. Bald waren es lange Reihen blitzender Gewehr- Pyramiden, die sich in einiger Entfemung von den Zelten parallel mit diesen hinzogen, bald düstere Feldbatterien, die vor denselben ausgefahren waren; auf den Zwischen- räumen aber zwischen den verschiedenen von einander ab- gesonderten Lagern, wo unzählige ProvisionSwagen, noch bestaubt von der Monate langen Reise, umherstanden, da wogten die ihrer Pflicht entbundenen Soldaten nicht minder dicht durcheinander, als vor den Zelten und um die Feuer, wo man schon mit dem Bereiten der Abendmahlzeit be- gönnen halte..,. c m Da sah man Trupps, welche dw bei den Wagen auSgetheilten Lebensmittel in Empfang nahmen und ihren entsprechenden Kompagnien zutrugen, und andere, die mtt dem Schlachten von Schafen und Rind- vieh beschäfttgt waren. Zwischendurch führten langbespannte Wagen Brennholz aus den fernen bewaldeten Schluchten herbei, tummelten einzelne Äeiter ihre muthigen Rosse, oder trugen Staffetten Befehle von dem einen nach dem anderen Ende des Lagers hinüber. Auch geschlossene Reihen von Soldaten erblickte man, welche, den Patrouillendienst versehend, zwischen den vorgeschobenen Feldwachen hin und her marschirten, und andere, welche, der langen Postenkette folgend, die Schildwachen, eine nach der andern ablösten. Ossiziere mit klernerem und größerem Gefolge ritten inspizirend von Feldwache zu Feldwache, von Regiment zu Regiment, bald in gemächlichem Schritt, bald in wilder Zagd, als wenn das Wohl und Wehe des ganzen Erdballs von ihrer Eile abgehangen hätte. Und Szenen, wie diese, wiederholten sich, so weit von dem Hügel au« die Blicke zu unterscheiden vermochte», und wetter noch. Denn obgleich die Armee nur wenig über zehntausend Mann zählte, so war sie doch de, Wassermangels wegen gezwungen gewesen, fich wefthin von Norden nach Süden auSzudehne« und geblieben? Wir deuteten an, wenn die Christlich-Eozialen ihre Aufgabe ernst nehmen wollen, so hätten sie deren Erfüllung hauptsächlich auf dem Gebiete der inneren Mission zu suchen, und wir können es kaum verstehen, daß nach den Berichten Herr Stöcker dem entgegengetreten sein soll. Liegt nicht gerade der von Herrn Stöcker hervorgehobene„sozial-ethische" Punkt auf jenem Gebiete? Wenn Herr Stöcker sagt:„Um den Punkt: christlich-sozial dreht sich in der Gegenwart Alles"— so hat er in bedingter Weise Recht. Tie sozialm Aufgaben in christlichem Geiste zu fördern, dos ist nicht nur die Aufgabe der Gegenwart, sondern das wird diejenige einer langen Zu- kunft sein' aber wenn Herr Stöcker dieses im Kreise seiner Christlich Sozialen sagt, so wird sehr meraisch dagegen zu pro- tcstiren sein, daß über dos von unS als berechtigt anerkannte Streben: Gegengewicht der Sozialdemokratie fern zu wollen, hinaus, fich Alles in der Weise um„christlich-sozial" drehe, wie letzteres jetzt agitatorisch propagirt wird." Auch die die„Kreuz-Zeitung" giebt den Antisemiten einen Nasenstüber, indem sie, bezugnehmend auf eine der letzten An- tisemiten-Versammlunacn, über welche unter Anderem berichtet wurde:„Viel Heiterkeit erregt die Mittheilung, daß man am Sedantage vom RathhauS. Balkon geblasen habe:„Wach auf, du Stadt Jerusalem", folgende Bemerkung macht:„Es ist durchaus anerkennenswerth, daß unter den Musikstücken, welche bei feierlichen Anlässen von der Galerie des Rathhauses ge- blasen werden, fich auch Choräle befinden, und die Antisemi- ten sollten etwas Besseres thun, als fich über so ernste christ- liehe Kirchenlieder wie das„Wach aus rc." zu„erheitern." Die Patteigenossen des Herrn Hofpredigers fahren indeß fott, fich für die„Unentbehrlichsten aller Menschen zu halten.— Das„Christlich-soziale Korrespondenzblatt" ttchtet an die „Nordd. Allg. Ztg." zwei recht naive Fragen: l) Sollen wir (d. h. die Christlich- Sozialen) unsere politische Arbeit einstellm, daß die srüheren Zustände in Berlin wiedettehren, Fortschtttt und Sozialdemokratie wieder obenauf kommen? und 2) wenn das letztere nickt geschehen soll, wer soll unsere Arbeit über« nehmen?— Damach sieht es fast aus, als wenn jetzt die „Christlich-Eozialen" in Berlin obenauf wären. Der Ausfall der letzten Reichstagswahl in Berlin scheint ihnen ganz aus dem Gedächniß gekommen zu sein. Der Regierungspräsident zu Danzig hat der„Dan,. Ztg." folgende vom 22. Septbr. datirte Kundgebung zur Ver« öffentlichung zugestellt:„Nach einer Korrespondenz im gestttgen Abendblatt soll bei der Wahl eines Magistratsmitguedes in Mattenburg ein Stadtverordneter die Annahme der Wahl mit dem Bemerken abgelehnt haben, er wolle nicht in die Lage kommen, daß event. die königl. Regierung Schulzeugnisse und Befähigungsnachweis verlange, wie dies in letzter Zeil geschehen sei. Ein solches Verlangen ist nicht gestellt worden. In dem Falle, auf den die Bemerkung fich wahrscheinlich bezogen hat, ist seitens der Aufsichtsbehörde der zum Beigeordneten Ge« wählte nur zur Erklärung darüber aufgefordett worden, ob er fich selbst für befähigt halte und bereit sein würde, ein ihm zur felbstständigen Bearbeitung übertragenes Dczemat zu übemeh- wen. Dabei wurde auf Art. IX der Instruktion vom 20. Juni 1853 zur Ausführung der Städteordnung hingewiesen, wonach eine Behörde, welche ohne die begründete Ueberzeugung, daß der Gewählte den Erfordemissen ferner Stellung als Gemeinde- und Staatsbeamter genügen werde, die Bestätigung ertheilen wollte, fich einer schweren Verantwottlichkeit aussetzen würde, und wonach die Regierung zu ermessen hat, auf welche Weise die Ueberzeugung von der Befähigung des Gewählten zu er- langen ist und zu diesem Zwecke nötigenfalls eine Prüfung angeordnet werden kann. Eine der brenuendsten Kragen für Baiem ist äugen- blicklich die Ordnung der Verhältmffc der Zivilliste. Auffällig ist. daß fich die Ultramontanen Baierns monatelang über diese Angelegenheit fast vollständig ausgeschwiegen haben. Jetzt scheinen sie jedoch als gute Kenner der Volksgunst einzusehen, daß es mit dem Schweigen nicht länger geht. Aber die bis jetzt vorliegenden Aeußerungcn sind so mysteriöser Natur, daß fie genau so viel zu rathen übttg lassen, wie das biehcttge Schweigen. So beschaffen ist eine Aeußerung, die einer der Führer der Partei, Herr Dr. Daller, am letzten Sonntag in Tuntenhausen vor den versammelten Bauern gethan hat. Die- selbe lautet nach den„N. N." also:„Gegenüver den Gerückten im Volke in Betreff überraschender Vorlagen, welche wäh- rend der nächsten Landtagssesfion zu ermatten seien,— Sie werden mich verstehen, m. H., ick kann mich hierüber nicht näher aussprechen— bemerke ich: Wir halten fest zu unserem angestammten Fürstenhaus, zu unserem König: aber was auch kommen möge, wir werden auch die Interessen des Volkes hoch halten, Wünschen gegenüber, die mit dem Volkswohl nicht im Einklang stehen!" Der Volkswirthschaftsrath lebt noch. Der Oberpräfi« dcnt der Rheinprovinz hat auf den 7. Oktober in Kodlmz Ter« min für die Telegirten der rheinischen Handelskammern zur Präsentationswahl für den Volkswitthschastsrath anberaumt. Ende dieses JahreS läuft die 5jährige Eitzungspettode dieser Institution ab, deren Existenz man in der letzten Zeit fast ver- gessen hatte. sogar Unterbrechungen in der Hauptlinie eintreten zu lassen, je nachdem die den Abhängen des Wahsatchgebirges ent- rieselnden Quellen, Bäche und Bergströme, deren Zahl ver« hältnißmäßig sehr gering war, einen größeren Zusammen- fluß von Menschen gestatteten. Nahe den Bergabhänge» und in dem Thale selbst, wo etwas Graswuchs den sandigen Boden spärlich bedeckte, weideten zahlreiche Heerde» von Pferden, Laufthieren und Schlachtvieh. Dieselben wurden umschwärmt von berittenen Hütern, um sie vor dem Zusammenlaufen zu bewahren. Zetzt, bei der Annäherung des Abend«, trieb man fie de« verschiedenen Lagern zu, wo sie gepflöckt oder in einfach hergestellten Einfnedigungen, nachdem man ihnen noch ein tüchtiges Kornfutter verabreicht, die Nacht verbringen sollten. ES geschah dies weniger der Sicherheit, als der Ordnung wegen. Der eigentliche Krieg hatte ja noch nicht be- Sonnen; deuteten aber die abwätts stehenden und scharf ewachten Munittoniwagen darauf hin, daß man hier nicht zum Vergnügen zusammengekommen sei, oder in harmlosen Manövern den Muth und die Geschicklichkeit von Offizieren und Soldaten zu erproben, so nahm sich doch Alle« recht friedlich au«, wie etwa auf einem Jahrmärkte, der von dem einen Theil der ihn besuchenden Leute als eine Gelegenheit zu gewinnbringenden Geschäften, von dem andern als eine Gelegenheft, Geld und Zeit auf angenehme Art zu ver- schwende«, betrachtet wird. Friedlich nahm sich das Lager aus, und friedlich warf die sinkende Sonne ihre goldenen Strahle» über da«- selbe hin. O, wie das so lustig blitzte und leuchtete zwischen de« Bajonetten der Gewehrpyramiden, und wie den bronzenen Geschützröhre« rothe Lichtreflexe zu ent- strömen schiene»! Die im Purpur de« herannahenden Abends glühenden Bergkuppen dagegen schauten so ernst und nachdenkend auf daS rege Leben m dem Thale nieder, als hätten sie sich darüber geärgert, durch das geräuschvolle wirre Treibe« in ihrer tausendjährigen Ruhe gestött zu werden; während die Pferde, nachdem sie die Leiden des Winter« in der Wildniß überstanden und veraessen hatte«, muthig und herausfordernd wieherten, die buntscheckige» Die technische Kommission der Seeschifffahrt ist auf den 5. Oktober d. I. zu einer Sitzung berufen, die der Be« rathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Unfallversicherung der deutschen Seeleute, gewidmet'fein wird. Das Referat über den Gesetzentwurf bei den Verhandlungen in der Kommission ist dem Herrn Geheimen Oberjustizrath Hertz, Vottragender Rath im Jusiizministettum, das Korreferat Herrn Kommerzien- rath John Gidsone in Danzig übettragen worden. Das Reichs- amt des Jnnem hat an sämmtliche Theilnehmer die fteno« graphischen Beuchte über die Verhandlungen des Deutschen Nautischen Vereins auf seinem 16. Vercinstage(Berlin, den 23. bis 25. Februar 1885), woselbst„die staatliche Regelung der Kranken- und Unfalloerficherung in der deutschen See- schifffahrt" den Hauptgegenstand bildete, vettheilen lassen. Bei dm Sitzungen der Kommisfion ist die Oeffentlichkeit ausge- schloffen. „Wer einer solchen Regierung, wie der unsrigen, oppontrt, der ist bornirt!" So lautet das neueste Dutum des Landraths Punzen Reuß in der Wählerversammlung der Regierunasfreundlichen, in der er als Kandidat aufgestellt wurde: Also wer den Landrath nicht wählt, ist bomirt! Nun wissm eS die Hirfckberger. Wahrscheinlich werden fie jetzt, um nicht als bornitt zu gelten, für dm Herrn Landrath stimmen. Zu den Ausweisungen. In dm Grmzkreisen find die Landräthe ermächtigt worden, Arbeitem aus Rusfisch-Polen die Erlaubniß zum zeitweiligen Aufenthalte in der Provinz Posen während der Feldarbeiten zu geben. Die Gesuche um Ge- stattung des Aufenthalts haben die Diflrikskommissatten an die Landrathsämter in je 2 Exemplaren zu ttchtm. Wird der Aufenthalt gestattet, so erhält das eine Exemplar mit der Bemerkung, daß der Aufenthalt gewährt ist, der Arbeiter, das andere Exemplar behufs Kontrolle der betr. Gensdarm. Wird ein Arbeiter aus Russisch- Polen ohne einm solchen Er« laubnißschein bettoffen, so erfolgt sofort seine Ausweisung: überdies verfällt der Brotherr, resp. der Ottsschulze oder Do« minialoogt der Silase. Von der Marine. Ueber die bekannte Kollisflon des „Blitz" mit dem mglischen Dampfer„Aukland" entnimmt die „N. Et. Ztg." einem zur Einsicht üderlassenen Bttefe eines der Offiziere des.„Blitz" folgendes:„Die Kollision erfolgte in der Nacht um IV: Uhr im Kattegat bei regem Schiffs- verkehr:„Blitz" nordwätts steuernd, um auf das Geschwader zu tteffen und mit Torpedoböten anzugreifen.— Der Dampfer erschien an Backbord voraus und mußte nach dem Straßenrecht deratt ausweichen, daß er hinter„Blitz" und dem uns folgen« den Torpedoboot herumging, während wir unseren Kurs beizu- behalten hatten.— Letzteres geschah auch, aber der Dampfer wich nicht aus, sondern in dem Bestteben, noch vor uns vor- bcizukommen, drohte er uns an Backbordscite zu rammen, was den wahrscheinlichen Untergang beider Schiffe zur Folge ge- habt hätte. Zur eigenen Erhaltung gingen wir daher mit der Maschine alle Kraft rückwätts, und es schien dem Dampfer, dem wir nun unseren Bug zudrehten, zu gelingen, vorn vor- überzukommen; da aber drehte derselbe zurück, v. h. er machte jetzt gerade vor uns dasjenige Manöver, welches er bereits vor 5 Minuten hätte ausführen müssen. Dabei streifte der Dampfer den scharfen Bug des„Blitz", lief noch 4 Minuten weiter und versank. Unseren Böten gelang es, 2 Mann zu retten, 15 fanden in dem Sttudel des sinkenden Schiffes ihr Grad. Wenn wir im letzten Moment nicht noch hätten etwas drehen können, gäbe es heute keinen„Blitz" mehr. Die ganze Sache dauette fünf Minuten vom Jnsichlkommen des Dampfers bis zur Kollifion. Die Wache auf„Blitz" hatte der...... doch waren sowohl.... wie der Kapitän selbst an Deck, und letzterer hatte das Kommando übernommen.... Die allbe« kannte Unsitte der englischen Kapitäne, gegen alles Recht vor dem Bug der Schiffe vorbeizulaufen, hat durch den Epom de? „Blitz" ihre Sttafe gefunden." Oesterreich Ungarn. Aus Wien wird der„Franks. Ztg." telegraphitt: Lember« ger Blätter melden, daß in Petersburg Geldsammlungen zur Organifirung einer russtsch-bulgattschen Freiwilligenlegion veranstaltet werden.— Aus Belgrad wird gemeldet: In Folge eines Gerüchtes, daß die Annexion Bosniens durch Oesterreich vollzogen sei, beabsichtigten hiesige Hochschüler vorgestem einen demonstrativen Aufzug vor dem königlichen Konak zu veran- stalten, um Milan zum König von Bosnien und der Herzego« wina auszurufen und zur Intervention gegen die österreichische Annexion zu bewegen. Das Vorhaben wurde durch die Be» Hörden vereitelt. G r o st b r i t a«« i e u« London, 22. September. In Folge des fottgesetzten Ein- schreitens der Polizei gegen die unier freiem Himmel abgehal« tcncn Sozialisten-Meetings im Ostende von London wurde am Sonntag Morgen in Burdettroad, Mile-end, eine sozialistische Protest Kundgebung abaehatten, an welcher fich gegen 5000 Personen bethciligten. Mehrere Londoner Arbciterklubs waren durch Delegirte vertteten. Kaum war das Meeting eröffnet worden, als zahlreiche Polizisten auf dem Platze erschrenen und Rinder behaglich brüllte« und die Schafe kläglich dazwischen blökten! Die armen Schafe und namentlich die armen Rinder, welche letztere die schweren Lasten vom Missouri bis hierher hatten schleppen müssen! Sie waren gekommen, um ge- schlachtet zu werden und den Menschen, welchen sie bereit« so große Dienste geleistet, schließlich noch zur Nahrung zu dienen. Sie brüllten und blökte» deshalb aber nicht minder sorglos und wohlgemuth in den Tag hinein, gerade wie die sie umgebenden Menschen ihre lustige» Lieder sangen, ebenfalls ohne zu wissen, ob sie nicht hierher gefühtt wurden, um schon nach kurzer Zeit von irgend einer Kugel dahingerafft zu werden und den tttumphirenden Wölfen ihre Gebeine zum Benagen hivzugeben. Za, die Soldaten sangen so lustig, bald vereinzelt, bald im Chor, und dazwischen erschallte stöhliche Musik, hier eine» tollen Walzer oder einen Geschwindmarsch aufspielend, dott ein liebes bekanntes Heimathtlied mit ihre» Klängen be« gleitend. Wie lautes Summen drangen die tausende vo» Stimmen zu dem Hügel herüber, und kein Ton vermischt« sich mit denselben, der einen besonders kriegerische« AuS« druck gehabt hätte. Friedlich war der Gesang, ftiedlich di« Musik und friedlich das Brüllen und Blöken der Thier«: so ftiedlich, daß, hätte Jemand auf dem Hügel geseff«« und die Augen geschlossen, nur ein kleiner Schwung der Phantasie nöthig gewesen wäre, um sich, anstatt im Herz«« einer furchtbare» Wildniß, auf irgend einem Volksfest einer gesegneteren und reich bevölkerten Landschaft i» wähnen. Jansen und Hettha hielten noch immer schweigend auf derselben Stelle. Der Anblick war ihnen neu uno fesselt« offenbar ihre Aufmerksamkeft in so hohem Grade, daß r auf einige Minuten vergaßen, weshalb sie eigentlich dotthi" gekommen waren. Noch über tausend Schritt weit befand«» sie sich von der nächsten Postenkette entfernt; sie wurde» daher von dott au« nicht bemerkt, oder man beachttte auch die beiden einzelnen Personen nicht weiter. Waren dicselbeu erschienen, um sich von der Schlagsettigkeft und der Statt der feindlichen Truppen zu überzeugen, so wehtte man ihnen nicht. Man bedachte vielleicht, daß sie, im Fall«>» i t d« Redner zu verhaften begannen. Sobald ein Redner am- im war, nahm ein anderer seinen Platz ein. Mnf Sozialisten, die rothe Abzeichen trugen, wurden ebenfalls festgenommen und das Banner der sozialdemokratischen Föderation wurde mit Beschlag belegt. Auf Antrag Dr. Aveling's wurde eine Re° solulion gefaßt, die„gegen die Versuche der Polizei, auf das Geheiß der privilegirten Klaffen, die Redefreiheit zu beeinträch- tigen", protestirte. Die Polizei rechtfertigt ihr Einschreiten gegen die Sozialisten, daß sie durch das Abhalten von Ver- sammlungen in, den Straßen Verkehrsstörungeu verursachen. Die Ealutisten, die Temperenzler und die Straßenvrediger, die ebenfalls große Menschenmaffen um sich versammeln, laßt fie mdeß ruhig gewähren. Die verhafteten Sozialisten, darunter zwei Deutsche, Namens Simon Kohen, ein Stockmacher, und «ermann Bachan camp, ein Zigarrmmacher, wurden gestern Nachmittag dem Richter des Themse-Polizeigerichts vorgeführt unter der Anklage, der Polizei Widerstand in der Erfüllung ihrer Pflicht geleistet zu baden. Sechs wurden zur Zahlung einer Geldbuße von 40 Schillingen oder einem Monat Ge- fängniß, ein siebenter zu zwei Monaten Zwangsarbeit verur- theilt. Frankreich. Pariser Blätter dringen einen Protest von 23 rumelisch- griechischen Studenten in Paris gegen die Nachricht,„daß auch die griechischen und türkischen Minoritäten Deputationen geschickt hatten, um der provisorischm Regierung zu danken." Dergleichen Zustimmungen könnten nur erpreßte sein. Es heißt dann in dem Proteste weiter: Diese griechische Minorität iählt nicht weniger, als 60 000 Seelen. Entrüstet über die Verletzung des Berliner Vertrages durch die Behörden der autonomen Provinz, müde der unablässigen Verfolgungen der Bulgaren gegen die griechischen Schulen des Landes, zieht fie tausend Mal die türkische Herrschaft vor. Leider kann sich unsere Stimme kein Gehör verschaffen, aber man stelle uns doch wenigstens nicht in den Augen Europas als bereit hin, die Vermenaung der Racen in dre panslavistische Maffe anzu« nehmen. Wir ziehen vor» Türken zu bleiben, wenn man uns nur manchmal in unseren Schulen die ruhmreiche Geschichte und die Traditionen unserer Vergangenheit laut lesen läßt. 9n dem Augenblick, da wir unS zu Bulgaren insgesammt um- gewandelt sehen, wenden wir rumelisch-griechische Studenten uns an die französische Presse, für unsere Landsleute, die, von der erdrückenden Majorität der Slaven bedrängt, nicht ihre Stimme zu erheben wagen." — Die„Köln. Ztg." meldet, der Kriegs- Minister habe be- fohlen, den Offizieren bis auf neue Weisung keinen Urlaub zu ertheilen. Bei der Beerdigung des Kommune-Mitgliedes Arnaud entriß die Polizei Longuet, dem Redakteur des„Justice", die rothe Schärpe, weshalb sich ein kleines Handgemenge entspann. .Spanien. Die Palao-Jnseln find von Spanien okkupirt. Nach einer Madrider Meldung englischer Zettungen ist das Panzerschiff „Arragon" von den Karolinen-Jnseln nach Manila zurückge- kehrt, nachdem es alle die wichtigeren Inseln der Palao-Gruppe okkupirt und mit Garnisonen versehen. Der spanische Befehls« haber meldet, daß Spuren von Deutschen auf keiner der Inseln zu sehen waren. Rußland. Die„Politische Korr." enthält folgende wichtige Meldung: Der Zar verbot den Zuzug von Volontären nach Ostrumelien und die Theilnahme russtscher Offiziere an der dortigen Bewe- gung. Moskau, 23. September. Die heutige„Moskauer Zei- tung" spricht sich sehr entschieden gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien und dessen Regierung, welche das bulgarische Volk unter dem Teckmantel des angeblichen Willens des Kaisers von Rußland zu dem jüngsten thörichten Schritte verleitet habe, aus. Die ganze Angelegenheit dürste in Nichts verlaufen, wenn die Türkei ihre Truppen einstweilen noch nicht ein- rücken lasse und Rußland energisch auf dem statu» quo ante bestehe. Serbien. Belgrad, 22. September. Die Führer der radikalen Partei beschlossen, das Organ Odjek eingehen zu lassen, weil in Folge des in den radikalen Bezirken publizirten Standrechtes aller Verkehr im Innern des Landes abgebrochen und ein Rapport weder mit der Partei noch mit der Redaktion möglich ist. Die„Polit. Korrcsp." vom 23. September bringt folgende Meldung aus Belgrad: Die Mobilifirung und anderweitige Maßnahmen des serbischen Kabinets bezwecken, Serbien in Bereitschaft zu setzen, um für die Erhaltung des durch den Berliner Vertrag geschaffenen statu» quo auf der Balkan- Halbinsel einzutüten, oder, falls es zu einer neuen Gruppirung der Interessen auf dem Balkan kommt, Serbien in den Stand zu setzen, seine vitalen Interessen in ernste Erwägung zu ziehen. Der Minister deS Auswärtigen hat in diesem Sinne ein Rundschreiben an die Vertreter Serbiens im Auslande ge- lichtet._ sie von dort vertrieb, nur eine kurze Sstecke nach dem nächsten Bergabhange hinaufzustreigen brauchten, um einen »och viel bessern und genauen» Ueberblick über das dicht- belebte Thal und die vorläufige Truppenaufstellung zu ge- Winnen. Außerdem war ja noch Friede, wenn man auch schon seit Wochen der Ankunft des Kuriers entgegensah, welcher den längst ersehnten Befehl zur gewaltsamen Besitz- ergreifung des Gebirgspasses und zum demnächstrgen Ein- warsch in das Salzseethal überbringen sollte. ..Welch eigenthümliche« Anblick gewährt das Thal," bemerkte Hertha träumerisch, halb zu ihrem Onkel gewendet, "wie Alles glänzt und flimmert, und welcher Frohsinn»n ben Reihen unserer Feinde zu herrschen scheint! O, eS sind lhrer viele, zu viele, als daß unser Volk ihnen lange Wlder- stand zu leisten vermöchte!" ..„Zu viele?" fragte Jansen düster, und etwa» von seinem ftüheren Fanatismus sprach auS serner Physiognomie, '»dem er, wie um die Stärke der Truppen abzuschätzen, seine Blicke langsam von Süden«ach Norden herumgleiten ließ. viele?" wiederholte er,„glaube daS nicht, mein Kind, % sind Söldlinge, die, weil sie zur Arbeit zu träge find, geringen Lohnes willen die Waffen ergriffen haben. und wären es ihrer noch zehnmal so viel, waS»vollen sie Ausrichten gegen diese Streiter unseres Volkes, die ihren Herd, für ihre Familie und ihren Glauben Kämpfen? Der Geist des Herrn ist mit unserm Volke, ■wb das wiegt in der Wagschale des KriegiglückeS schwerer, ®18 ihre wohlgeschulten Regimenter, und zählen dieselben 54 Tausenden. Laß sie heranrücken gegen unsere Pässe. ,» hast ja gesehen, wie jeder Fußbreit in denselben von 5seren mörderischen Kugeln beherrscht werde« kann. Laß Jw heranrücken, ja, ganz durch die engen Felsschluchten nachdringen, und von alle», welche Du hier vor Dir wird es nur wenigen vergönnt sein, einen Blick auf f-, r 6 heilige Stadt zu werfen, um diesen Genuß aber auch 'gleich mst dem Leben zu bezahle«. Fürchte daher nicht», cSW-JiebeS Kind, baue mit frommer Hingebung auf die iviZr�igkeit unseres Erlösers. Höre, wie fie singen und c, in, die Amalektiker. In ihrer Vermessenheit erkennen »'cht, daß die strafende Hand des Herrn über ihnen Türkei. Aus Konstantinopel kommen folgende Nachrichten:„Tur- guie" erklärt, daß der Ernst der Ereignisse in Ostrumelien die Pforte zum Eingreifen nöthigen werde; die Pforte werde ihre Pflicht mit eben so viel Festigkeit wie Mäßigung er- füllen. In Folge der aus Rumelien eingegangenen Nachrichten wurde in einem bereits am Sonnabend unter dem Vorfitze des Sultans stattgehabten mehrstündigen Ministerrathe die Frage diskutirt, ob die Pforte kraft des»hr durch das organische Sta- tut zugesprochenen Rechtes Truppen nach Rumelien entsenden solle. Die Meinungen der Minister waren getheilt; einige befürworteten die Entsendung von Panzerschiffen mit 2000 Mann Truppen nach Burgas(Ostrumelien), sowie den Ein- marsch nach Macedonien; andere waren der Anficht, daß zu- nächst die Vertragsmächte konsultirt werden müßten. Vor- läufig wurden einige Bataillone von Adrianopel in der an der Grenze liegende Stadt Mustapha- Pascha zusammengezogen.— Die Pforte hat an die Eignatarmächte des Berliner Vertrages ein Rundschreiben gerichtet, in welchem fie gegen das Verbal« ten des Fürsten von Bulgarien und die Verletzung des Ver- träges Protest erhebt und erklärt, der Sultan habe beschloffen, die ihm laut Artikel 16 des Berliner Vertrages zustehenden Rechte effektiv auszuüben. Aus Salonichi wird unterm 21. d. gemeldet: Nach Berichten aus Prisrend in Ober- Albanien haben Zusammen- stöße zwischen den türkischen Truppen und den Aldanesen des Distrikts Djakovo stattgefunden. Beißet Pascha, der türkische Truppenkommandant in Prisrend, begab sich sofort mit fünf Bataillonen Infanterie nach dem Schauplatz der Feindselig- ketten. Lokales. t. Von einem tragischen Schicksal ist die Familie des Stenographen H. heimgesucht worden. H. hatte den Feldzug gegen Frankreich als Einjährig-Freiwilliger mitgemacht und das eiserne Kreuz erworben. Einige Jahre nach dem Feldzuge stellten fich bei H., der sich inzwischen verheirathet hatte, die Symptome eines schweren Nervenleidens ein, das H. fich nach der Vermuthung der Aerzte bei den Strapazen des Feldzuges zugezogen; ein Anspruch auf Jnvalidenpenfion stand dem Un- glücklichm, der in Folge seines Leidens auch seinem Berufe nicht mehr nachgehen konnte, nicht zu, da die Krankheit erst später als ein Jahr nach Beendigung des Feldzuges zu Tage trat. Unter diesen traurigen Verhältnissen fand er vor etwa anderthalb Jahren Aufnahme in der Anstalt zu Dalldorf. Da endlich erschien im vorigen Jahre die bekannte Kabinetsordre, welche die Prüfung solcher Jnvaliditäts Ansprüche anordnete, die nach dem Gesetz zwar nicht zu begründen find, deren Be- rechtigung aber aus Billigkeitsgründen anerkannt werden müsse. Auch H. machte nunmehr seine Ansprüche geltend. Alles war in Ordnung und nur sein Gesundheitszustand mußte noch von Seiten des Militärarztes festgestellt werden, zu welchem Zwecke fich dieser nach der Anstalt in Dalldorf begab. Der inzwischen in völliges Siechthum verfallene H. wurde von dieser Äztlichen Untersuchung derart erregt, daß er dem untersuchenden Militär- Arzte fast unter den Händen starb. Durch diesen Zwischenfall scheinen nun weitere Formalitäten nothwendig geworden zu sein, um eine Unterstützung der Familie des Ver- storbenen zu erreichen; Recherchen der Militärbehörde haben zwar nach dieser Richtung hin stattgefunden, aber bisher ist die Familie noch immer ohne jede Unterstützung aus Reichsmitteln f blieben. Man ficht, das Loos mancher unser tapfersten itkämpfer im letzten Kriege ist für fie und ihre Nachkommen ein recht bedauerliches. Zwei interessante Fälle von Hypnotismus(schlaff ähnlicher Zustand) gelangten vor kurzem auf der„Nervenab theilung" der löuigl. Charitee zur Beobachtung. Der erste Fall detraf eine 19 jährige Kindergärtnerin, welche im vergangenen Jahre in Folge Ueberanstrengung bei den Vorbereitungen zum Lehrerinnen Examen von Krampfanfällen heimgesucht wurde, die später fich so häufig wiederholten, daß fie rn der Charitee Aufnahme nachsuchen mußte. Neben rein epileptischen und hysterischen Anfällen beobachteten die Aerzte auch, daß die Patientin, sobald man fie einen Gegenstand fixiren ließ, oder einen kurzen Druck auf einen ihrer Augäpfel übte, in einen hypnotischen Zustand verfiel und das Bewußtsein verlor, so daß fie selbst sehr tiefe Nadelstiche nicht empfand. Bei Druck in der Nackengegend stieß die Kranke jedesmal einen eigen- tbümlichen, schnarchenden Ton aus, während Druck auf den Scheitel sofort einen blitzartigen Krampf des ganzen Körpers hervorrief. Das Erwachen aus der Hypnose ei-folgte gewöhn- lich von selbst nach 15 bis 20 Minuten, konnte aber durch Be- sprengen des Gesichtes mit kaltem Wasser beschleunigt werden. — Bei der zweiten Patientin, einem 18 jährigen Mädchen, das in einer überfüllten Kirche nach mehrstündigem angestrengten Marsche zum ersten Male erkrankte, konnten dieselben hypnotischen Erscheinungen, wie bei der ersten, hervorgemfen werden. Die Patientin beantwortete sogar während der Hypnose jede der ihr vorgelegten Fragen, so daß es möglich war, mit ihr trotz schwebt, und erst dann werden sie zur Einsicht ihrer eigenen Erniedrigung gelangen, wenn sie mit ihren Leibern unsere Pässe so ausgefüllt haben, daß es unserer Schanzen und Batterien nicht mehr bedarf, um dieselben unzugänglich für fer- nere feindliche Einfälle zu machen. Darum verliere das Ver- trauen nicht, mein gutes Kind; find sie auch glänzender ge- kleidet, als unsere Gebirgsjäger, und stehen ihnen auch un- erschöpfliche Mittel zu Gebote, so müssen sie doch ohnmächtig zurückweichen, wenn der Herr an der Seite seiner Auser- wählten gegen fie ficht." Während Jansen so sprach und bei jedem neuen Worte mehr von religiösem Eifer ergriffen wurde, wich auch in demselben Grade der wohlwollende, milve Ausdruck, der seit neuerer Zett auf seinen Zügen immer dauernder zum Durch- bruch gekommen war. Als er dann endlich schloß, da hob er feine Faust drohend gegen da» feindliche Lager, al« ob er Alles, was im Bereich seiner schwärmerisches Feuer sprühen- de« Blicke lag, hätte zerschmettern mögen. Auch HerthäS liebliches Antlitz hatte sich auf einige Sekunden erhellt, doch nur, um desto schneller wieder in die alte Wehmuth zurückzufallen und mit ängstlicher Be- sorguiß zu Jansen emporzuschauen. Sie begann zu fürchten, daß der so urplötzlich erwachsene religiöse Haß ihn bewegen könne, jetzt noch, dicht vor dem Ziele, umzukehren und Weatherton, als einen Genttle, seinem Schicksal und Elliot'« Willkür zu überlassen. Sie lenkte daher ihr Pferd dicht an ihren Onkel heran, der noch immer wie in einer Art von Verzückung auf die lange« Reihen der Zelte hinstarrte. „Lieber Onkel," sagte sie zagend, indem sie ihre Hand sanft auf seine« Arm legte, und rn dem Ton»hrer Stimme offenbarte sich ihre ganze Herzensangst,„Du er- mahnst mich zum Verttauen auf unfern Erlöser; glaube mir ich habe das Gottverttauen nicht verloren, und wenn ich beim Anblick unserer Feinde irgend etwas dachte, war e» der Wunsch, nein, noch mehr, ei« innige« daß der Krieg von unserm Thal, von unserm ■ werden möge. Wie entsetzlich ist es, so Gebet, % dgmmbd fich"-u vergegenwärtigen, daß die Unsrigen, die jetzt noch im Kreise ihrer Familien da» höchste irdische Glück genießen, im Kreis- ihrer ihrer Bewußtlosigkeit ein zusammenhängendes Gespräch zu führen. Wurde fie aufgefordert, zu gehen, so erhob fie fich langsam und ging mit Unterstützung(in Zimmer umher. E» gelang leicht, diese Patientin durch Anhauchen des Gesichts zu erwecken; fie richtete fich dann auf, kratzte mit den Händen um fich und sah fich verstört um; nach kurzer Zeit sprang sie dann plötzlich empor und war wieder bei Bewußtsein. Weitere Experimente wurden mit Rückficht auf den krankhaften Zustand der Patientinnen nicht vorgenommen. Soviel geht indeß auch aus diesen beiden dem„B. T." entnommenen Fällen hervor, daß der seinerzeit so sehr angestaunte Magnettseur„Professor" Hansen seine Experimente nicht kraft eines ihm innewohnenden eigenthümliche« magnetischen Fluidums ausgeführt hat. son« der« daß die einzige Vorbeoingung zum Gelingen seiner Experimente eine krankhaste Nervenüberreizung seiner„Versuchs, objekte" war. Ueber einen Todtschlag, welcher am Dienstag Nach» mittag in Retnickendorf verübt wurde, erhalten wir folgende Mittheilungen: Im Hause Sonntagstraße Nr. 4 wohnt die 45jährige Frau Amalie Haack, verwittwete Laff. Als der eiste Mann ver Frau starb, heirathete fie ihren jetzigen Gatten Haack, der ein Vermögen von 4000 Thalern besaß. Nachdem fie dieses Geld„alle" gemacht, wohl auch zum großen Theile hinter fich gebracht, wurde der Haack, ein alter Mann, an die Luft gesetzt. Darauf nahm die Frau ihren 20jährigen Sohn aus erster Eye, Namens Paul Laff, zu fich ins Haus. Der junge Mensch, welcher Müller gelemt hat, ist in Reinickendorf als gefährlicher Schläger bekannt und wegen seines Hanges zum Äefferstechen bereits mehrfach vorbestraft. Aber auch die Mutter ist übel beleumdet und liegt mit allen Nachbarn im Streite. Unter diesen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, daß Mutter und Sohn auch mit einem Mietber ihres Hauses, dem alten Schneidermeister Oberlein auf denkbar schlechtestem Fuße standen. Wo ihnenlderselbe in den Wurf kam, wurde er mit Schimpfworten und Thätlichkeiten überschüttet. Es kam so weit, daß fich der alte Mann nicht mehr getraute, seine Wohnung zu verlassen und wenn er es that, so that er es heimlich und kehrte nie ohne Begleitung zurück. Am letzten Sonnabend konnte er fich doch einer Begegnung mit seinen Feinden nicht entziehen, er bekam Prügel, genau so erging es ihm am Sonntag, und am Montag wurden ihm zwei Zahne aus dem Munde geschlagen. Noch am Montag äußerte er zu Bekannten:„Das Haus ist noch mein Tod, ich glaube, daß ich hier nicht lebendig herauskomme!" Seine trüben Ahnungen sollten fich schneller erfüllen, als er selbst geglaubt Häven mag. Am Dienstag Nachmittag hörten die Nachbarn im Haack'schen Hause wieder Skandal, Niemand traute fich in das Haus hinein, nur von der Straße auS sah man, daß Frau Haack nnd ihr Sohn auf Oberlein einschlugen. Das war gegen 2 Uhr. Bald darauf kam der Fuhrherr Richter, vis-a-ris im taufe Sonntagstr. 6/7 wohnhaft, und erfuhr von dem Vorfall. r wagte es, den Oberlein zu besuchen und fand denselben am Brunnen auf dem Hofe siebend, damit beschäftigt, sich das Blut vom Kopfe zu waschen. Richter sah auf dem Hinterkopfe eine handbreit klaffende Wunde, aus welcher Gehirnmasse her- ausquoll. Er brachte den Verletzten sofort zum Amt, von dort aus wurde er zum Bezirksarzt geschickt. Letzterer fand den ganzen Körper zerschlagen und erklärte, die Kopfwunde müsse »n wenig Stunden den Tod herbeiführen, der Verletzte müsse schleunigst zur Charitee gebracht werden. Richter packte den Oberlein, der jetzt erst ohnmächtig wurde, in einen Wagen und ließ ihn in Begleitung der Frau Richter und zweier Knechte nach der Charitee bringen, wo es sofort hieß:„Der Mann ist schon so gut wie todt!" Noch am Dienstag Abend begab sich der Ämtsvorsteher Wille— bei welchem Richter mittler- weile gemeldet hatte, daß Oberlein, ehe er bewußtlos wurde, gesagt bade, daß Frau Haack ihm die Wunde im Kopf mit einem Meffer beigebracht und der Sohn mit einem Zimmer- mannShammer auf ihn eingeschlagen hätte— in Begleitung des Gendarmen Schönholz und der Wächter Klose und Scholz in daS Haack'fche HauS und verhaftete Mutter und Sohn. Beide wurden gefesselt ins Amtsgefängniß gebracht. Gestern Vormittag wurde Paul Laff, ein bartloser, rothblonder Bursche, dem Rohheit und Wildheit aus dem Geficht leuchten, gefesselt der Staatsanwaltschaft am Landgericht II. eingeliefert. Die Mutter— deren Haus gestern zwangsweise subhastirt worden ist — folgte im Laufe des Tages nach. Wenn auch das Schicksal des Oberlein allgemeine Theilnahme erregt, so freut fich doch die ganze Einwohnerschaft, daß Frau Haack und ihr Sohn für lange Zeit unschädlich geworden find. r. Die Leihpferde, deren fich unsere Sonntagsreiter zu bedienen pflegen, mögen zu den oft belachten Unfällen dersel» ben durch ihre schlechten Gewohnheiten nicht wenig beittagen. Der Wcrlführer einer hiesigen Hutfabrik, ein gedienter Kavalle- rist, beschloß an einem der letzten schönen Tage einen Ritt durch den Grunewald zu machen und entlieh zu diesem Zwecke aus einem der bekannten hiefigen Reit-Jnstitute ein Pferd, das den Eindruck eines durchaus frommen und mhigen Thieres machte. Es lief auch ganz mhig bis etwa nach dem großen Stent im Thiergarten; hier aber machte es Halt und als der Reiter es energisch zum Weitergehen veranlaßte, machte es ziem» ihre Brust den feindlichen Geschossen darbieten sollen; wie entsetzlich, zu bedenken, daß die Leute, die dort drüben singen und jubeln, in einen gewissen Tod hineingetrieben werden sollen. O, eS kann nicht der Wille Gottes, des allgüttgen Vaters aller Welten sein, daß die Menschen, die er zu seinem Ebenbilde schuf, sich gegenseitig oerfolgen und zer- fleischen. Gewiß, lieber Onkel, eine Religion, welche lehrt, „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst," kann nicht zu gleicher Zeit ihren Anhängern da« Schwert in die Hand drücken und ihnen schonungslose» Blutvergießen gebieten!" „Die Religion gebietet e» auch nicht, sondern die ent- fesselten Leidenschaften der Menschen thun e«," sagte plötzlich eine wohltönende sanfte Männerstimme hinter ihnen, und als sie überrascht zurückschauten, erblickten sie einen ältlichen Mann, der, nach seiner Stellung zu schließen, den größten Theil ihres Gesprächs gehört haben mußte. Derselbe hatte sich ihnen von der Seite, wo ihn einige vorspringende Felshügel verbargen, ge, nähert, und dem Umstände, daß er indianische Mocassin« von weichem Wildleder an den Füßen trug, war eS wohl vorzugsweise zuzuschreiben, daß während ihrer Unter- Haltung seine leisen Tritte ihrer Aufmerksamkeit entgange« waren. Als Jansen sich nach dem Fremden umwendete, schwebte ihm eine unfreundliche Antwort auf den Lippen, indem er voraussetzte, derselbe habe sich nur, um zu lausche«, so heim- lich herangeschlichen. Kaum aber hatte er einen Blick auf ihn geworfen, so fühlte er auch seinen Zorn, der schon durch Hertha'« fromme Worte besänftigt worden war, vollständig schwinden. Der Fremde nun, ein Mann in Jansen'« Alter, zeigte eine mittelgroße, schlanke Gestalt, die weder ungewöhnliche körperliche Kräfte, noch hervorragende Gewandtheit vermuthen ließ, die aber nichtsdestoweniger wie zum Ertragen von Be» schwerden und Entbehrungen geschaffen schien. In wie hohem Grade er aber mit den Widerwärtigkeiten des Leben« zu kämpfen gehabt, da« stand auf dem freundlichen, wetter» gebräunten und von Runzeln durchfurchte« Antlitz mit un- auSlöschliche« Züge« geschrieben.(Forts, folgt.) Itdj kühne Versuche, denselben abzuwerfen. Als auch diese miß- langen und das Pferd sich unter dem Zwange von Zügel, Sporen und Peitsche endlich zum Weitergehen entschloß, lief es wiederholt mit den Weichen so hart gegen die Bäume, daß der Reiter stets in Gefahr kam, aus dem Sattel geschleudert zu werden. Zwar wurde der störrische Gaul noch tüchtig naß geritten, aber der Reiter hat mehrere Verletzungen am Knie und am Schienbein davon getragen, und zwar durch das An- laufen gegen die Bäume, so daß er ärzlichen Rath in Anspruch nehmen mußte, weil die äußerlich anscheinend nicht erheblichen Verletzungen plötzlich einen entzündlichen Charakter zeigten. Man vergegenwärtige flch aber, wie ein Sonntagsreiter mit diesem Gaul, oder richtiger, wie dieser Gaul mit einem Sonn- tagsreiter fertig geworden wäre. Vom Gefängnitz zum Standesamt, vom Standesamt ins Gefängnis?. Auf dem Standesamt Nr. IV. in der Stall« schreiberstraße fand Mittwoch Vormittag eine Eheschließung statt, bei welcher der Bräutigam— damit derselbe nicht ver- loren gehen sollte— von einem Schutzmann begleitet wurde. Es war dies der Gürtler M-, einer der berüchtigsten Zuhälter Berlins, der mit vielen seiner Kollegen unfreiwilligen Aufent- halt im Moabiter Untersuchungsgefängniß genommen hat. Das Aufgebot mit seinem Schützling, einer gewissen K., ist schon vor der Verhaftung bestellt worden. Der Schutzmann hatte den Bräutigam in Moabit abgeholt und brachte denselben wieder dahin zurück. Die junge„Ehefrau", die zwar sehr leb« Haft bei der Trennung schluchzte, wird während ihrer Flitter- wachen jedenfalls leichter Zerstreuung und Entschädigung finden, als der junge„Gatte" im Gefängniß. Eine romantische Geschichte hält gegenwärtig Oranien« bürg in heiterster Auftegung. Die Tochter eines Kaufmanns hatte seit längerer Zeit ein Liebesverhältniß mit einem jungen Geschäftsmann, dessen Folge die außereheliche Gebutt eines Kindes war. Das Kind starb bald nach der Geburt. Er- leichtert athmete der Liebhaber auf, seine Liebesgluth war er- heblich abgekühlt, jetzt fühlte er fich wieder frei, er wollte das Verhältniß lösen, aber das gab sein älterer Bruder, ein ange- fehmer Bürger der Stadt, nicht zu. Derselbe drang vielmehr um der Ehre der beiden betheiligten Familien halder darauf, daß die Verbindung stattfinden solle. Das geschah denn auch, aber bald nach der Hochzeit bemerkte die junge Frau bei ihrem Gatten eine merkwürdige Kälte. Mochte fie nun fürchten, daß fie der Gatte eines schönen Tages fitzen lassen und auf und davon gehen würde, oder war es ihr nur darum zu thun, die frühere Zuneigung des Gatten von Neuem anzufachen, genug, fie ließ ibrem Gatten gegenüber durchblicken, daß ein Familien« zuwachs in Ausficht stehe. Um die Täuschung vollkommen zu machen, wandte fie allerlei Toilettenkniffe an, und zwar um so stärker, je mehr die Zeit vorrückte. In der letztvergangenen Woche— es waren mittlerwette 9 Monate nach der Hochzeit verflossen— fuhr die listige Frau nach Berlin. Hier forschte fie nach einer Mutter, die ein kleines Kind an Andere überlassen wolle. Sie fand in der That eine Wittwe, die ein zwei Monate altes Kind besaß und berett war, auf alle Mutterrechte zu verzichten. Die junge Frau stellte fich unter falschem Namen vor und übernahm das Kind mit dem Versprechen, es als ihr eigenes zu balten. Abends um 10 Uhr fuhr fie, das kleine Kind forgfältig verhüllt, mit dem letzten Zuge nach Oranienburg. Auf der vorletzten Station stieg fie aus, um in Oranienburg nicht auf dem Bahn- Hofe gesehen zu werden. Sie ging zu Fuß nach der Stadt, legte fich, zu Haus angekommen, sofort ws Bett und als noch etwas später ihr Gatte aus dem Wirthshause heimkehrte, da mußte er schleunigst eine Hebeamme herbeiholen, denn die Frau ächzte und stöhnte, wie eine Frau in ihrer schweren Stunde. Als die Hebcamme eintrat, lag das aus Berlin mitgebrachte Kind neben der angeblichen Wöchnerin im Bett und diese sagte, daß fie soeben entbunden sei. Sie verlangte die Unter« ftutzung der tzebeamme und die Anmeldung des Kindes auf dem Standesamt. Die Heheamme erkannte sofort die Eitua- tton, fie sagte der Frau den Betrug auf den Kopf zu und ging ihrer Wege, obwohl Lttztere unaufhörlich betheuerte, fie habe das Kind eben geboren. Der dupitte Gatte meldete am näch- sten Tage das fremde Kind auf dem Stanvesamte an, damit aber war das Strafgesetz verletzt. Durch vie Hebeamme wurde die Sache bekannt und sofort wurde eine Untersuchung wegen intellettueller Unkundenfälschuna eingeleitet, die Vernehmungen haben beretts stattgefunden und so steht die Frau einer An- klage entgegen. Das Kind ist wieder nach Berlrn gebracht und seiner Mutter übergeben worden. Belle-Allianee-Theater. Zu dem Moser'schen Schwank „Die Leibrente", der im Wallner-Theater ohne Gesang zur Aufführung kam, hat Herr Görß für das Belle-Alliance- Theater neue Kouplets geschrieben, zu welchen der allbeliebte Gustav Michaelis die Mustk komponitte. Die Einlagen find hauptsäch- lich für Herrn E. Thomas und Frl. Deckmann gedichtet. Soziales««)» Arbeiterbewegung. Ueber das Reichstrankenkastengesetz und seine Aus- führung find schon allerlei Wunderdinge erzählt worden. Die„Volks-Zeitung" fügt diesen noch ein neues hinzu, welches fich dem übrigen würdig anschließt. Bekanntlich haben bei der Berathung sowohl, als auch bei der Ausführung des Kranken- kaffengesetzes die Behörden und auch die regierungsfreundlichen Parteien den Echwerpuntt des Gesetzes in die Zwingskaffen gelegt, unter denen die Ortskassen die bedeutendsten find; die konkurrirenden freien Hilfskassen find immer wie Stiefkinder behandelt worden, und außerdem hat man denselben fort« während noch allerlei Schwrerigkeiten bereitet- Zu den Orts» lassen müssen bekanntlich die Arbeitgeber ein Drittel der Bei- träge steuern.— In der Garnisonstadt Rendsburg in Holstein desorgt die Frau des Garnisonlazareth-Verwalters in dem Lazareth die Reinigung und das Kochen gegen einen vom Fiskus ausgezahlten destimmten Lohn. Deshalb ist die Frau verficherungspflichtig, was ihr von der Ortsbehörde auih be« deutet wurde. Sie meldete fich bei der Ortskrankenkasse. Die« selbe aber hat die Frau nicht aufgenommen, weil sich ihr Arbeitgeber, der Staat, behanlich wergerte, das Beittagsdrittel zu zahlen. Darauf ist die Frau der in Rendsburg bestehenden „gegenseitigen freien Hilfskasse" beigetreten. Durch diesen Fall gewitzigt, nimmt nun die Rendsburger Garnisonverwaltung zur Arbeit in dem dortigen Korn- und Ettohmagazin, welches zirka 30 Arbeiter beschäftigt, Niemanden an, ver nicht zu einer freien Hilfskasse gehört.— Sollte also irgendwo eine freie Hilfskasse Schwierigkeiten bei der Behörde haben, so mögen die Vorstünde nur auf obige Vorfälle hinweisen, wo vie Militärbehörden, wenn auch aus egoistischen Gründen, gegen die Zwangskassen und ftir die freien Hilfskassen energisch Antreten. Ueber die Kinderarbeit in Deutschland entnehmen wir die folgenden Zahlen einer sozialistischen Studie, die wir in der„Konservativen Monatsschrift" finden, und die aus den neuesten amilichen Erhebungen gesammelt ist. Danach find in Deutschland nicht weniger als 400 474 Kinder unter 15 Jahren durch die Verhältnisse auf eigene Füße gestellt und gezwungen, von ihrer Hände Arbeit zu leben. Von dieser Zahl ist die größtere Hälfte, nämlich 292 123 in der Land- und Forstwirth- schaft beschäftigt und zwar in der Art, daß 124 313 ihre Er- werbsthätigkeit im elterlichen Hause ausüben, während 159 778 bei fremden Arbeitgebern Tagelöhner- und andere Dienste ver« richten, während 6-8000 in anderer Weise beschäftigt werden. Hierbei ist bemerkenswertb, daß vre Zahl der männlichen jugendlichen Arbeiter in der Landwrrthschaft doppett so groß ist, als die der weiblichen; von den letzteren wurden 50 992 Mädchen in den Familien beschäftigt, wahrend 36 295 fich bei fremden Landwirthen um Lohn und Brod verdingen mußten. — Anders stellt fich das Verhältniß der jugendlichen Erwerbs- thättgen in der Industrie. Von 143 262 dieser Kinder gehören nur 28 629 dem weiblichen Geschlecht an. Trotzdem giebt es fast keinen Industriezweig, in welchem nicht Mädchen unter 15 fahren thätig waren und es giebt absolut keinen Jndusttie- Zweig, in welchem nicht Kinder überhaupt beschäftigt find.— Von den einzelnen Gruppen der Industrie rst hervorzuheben, daß 5500 Kinder im Bergbau und Salinen- wesen beschäftigt find, bei welchem die Zahl aller Erwerbs- tbätigen überhaupt 441 500 Personen bettägt. In Ziegeleien, Porzellanfabriken und Glashütten find 5744 Kinder beschäftigt, von denen ein großer Theil im elterlichen Hause mit der für die Entwickelung der Athmungsorgane so nachtheiligen Glas- bläserei beschäftigt wird. Bei ver Verarbeitung von Metallen wurden im Ganzen 17 800 Kinder, und besonders zu Schmiede- und Schlosserardeiten 9500 verwendet; Mädchen waren Haupt« sächlich nur in der Verarbeitung edler Metalle thätig. In der Stellmacherei finden fich 1377 jugendliche Arbeiter. Bei der chemischm Industrie werden zur Fabrikation von Zünd» und Explofivstoffen 326 Kinder verwendet, so daß in dieser Branche die Kinderarbeit verhältnißmäßig am meisten entwickelt ist. In der Spinnerei als HauSbetrieb wurden 552 Kinder als Gehilfen verwendet, während w>itere 182 Kinder dies Gewerbe für fremde Rechnung selbstständig betrieben; in den Spinnerei« Fabriken arbeiteten außerdem 6942 Kinder. In der Weberei arbeiteten 721 Kinder zu Hause und 4378 als Arbeiter. In der Spinnerei find neben diesen Kindern noch 34 000 Personen beschäftigt in der Altersklasse von 15 bis 20 Jahren, während fich nur 31 000 im Alter von 20 bis 30 Jahren und nur 15 700 im Alter von 30 bis 40 Jahren befinden. An diesen Zahlen hat das weibliche Geschlecht den größten Antheil, da bis zum Alter von 30 Jahren noch 20000 Arbeiterinnen und weitere 6995 im Alter zwischen 30 und 40 Jahren in Spinnereien und Webereifabriken thätig waren, von denen natürlich viele ver- heirathet find.— In der Papier- und Kartonnage-Fabrikatton wurden 3415 Kinder beschäftigt; während Sattler und Riemer 2000 solcher Knaben als Lehrlinge hielten uud im Tapezier« Handwerk 698 Kinder beschäftigt waren, wurden in der Tischlerei 5816 solcher arbeitender Kinder nachgewiesen und 6000 Bäckerlehrlinge, sowie 3100 Fleischerlehrlinge standen ebenfalls im Alter unter 15 Jahren. Von 3215 Kindern, die bei der Tabaksfabrikation beschäftigt waren, gehörte die Hälfte dem weiblichen Geschlechte an. Als Näher, nnen waren in Lehrlings« und Gehilfenstellungen 4305 Mädchen unter 15 Jahren thätig; in der Schneiderei wurden 6898, in der Schuhmacherei 9653 Kinder beschäftigt. In der Maurerbranche betrug die Zahl dieser Kinder 3443, in der Zimmerei 1412 und in der Buch- druckerei 2800. Im Handelsgewerbe waren 3885 im Waaren- und Produktions geschäft, 189 beim Haustrhandel, 3600 als Gehilfen in Schenken und Herbergen beschäftigt' in der letzteren Zahl find 1260 Mädchen enthalten. Zu öffentlichen Schau- stellungen aller Art wurden 1522 Kinder verwendet, während 4948 Kinder durch Lohnarbeit wechselnder Art ihren Unterhalt zu erwerben suchten.— Es wäre sehr interessant, die An- knüpfungspunkte zu finden, welche in diesen Ziffern für die Eterblichkeitsverhältniffe und auch für die Kriminalstattstik ge- geben find. Der Kleinbetrieb geht zn Grunde, auch der, wo die Maschinentechnik noch nicht direkt eingreift. Aber das Groß« kapital bemächtigt fich auch der Manufaftur und saugt die handwerksmäßigen Betriebe auf. Wie schlecht es mit den Ma- nufakturarbeitem bestellt, zeigte eine vor kurzen in einer Fürther Metallarbeiteroersammlung zum Vortrag gelangte Statistik, welche auf Grund des von der trefflich redigirten„Deutschen Metallarbeiter-Zeitung" ausgegebenen Fragebogens zusammen- gestellt worden ist. Der Referent, Herr Segitz, ein bewährter Gewerkschafter, ließ fich, nach der„Fränkischen Tagespost" fol- aendermaßen aus:„Eines der wenigen Geschäfte, die nicht mit Maschinen betrieben werden können, ist die Metallschlägerei. Große Summen find schon vergeudet worden, um bei diesem Geschäft die Handarbeit durch die Maschine zu ersetzen, stets find jedoch diese Versuche mißlungen. Trotzdem ist die Lage des Geschäftes eine sehr mißliche. Bei etwa 90 Betrieben find zirka 180—200 Arbeiter und eben so viele Arbeiterinnen be« schäftigt. Der Lohn ist in den letzten 10 Jahren stetig gesunken und bettägt gegenwärtig bei Arbeitem 11—18 Mf, bei Arbeiterinnen 6—8,50 Mk.; hierzu ist eine Arbeitszeit von 70 bis 76 Stunden erforderlich. Weder eine Frühstücks- noch eine Vesperpause, nicht einmal eine Mittagspause ist bei diesem Geschäfte eingeführt; verschiedene Versuche, eine solche einzuführen, find gescheitert, weil fich dann die Ar- beitszeit noch erhöben würde. Es handelt fich hier nämlich um Akkordarbeit. Beim Arbeitsantritt oder wenn mehrere Feier- tage nacheinander folgen, muß das Werkzeug hergenchtet wer- den, was eine Arbeit von 4—5 Stunden erfordert, wofür je- doch eine Entschädigung nicht geleistet wird. Das Geschüft wird in der Regel in kleinen Räumen, wo Ardeiter und Ar- beiterinnen eng zusammengevfercht find, die Luft geschwängert ist mit grünspanführendem Metallstaub, ausgeführr. Rheuma» tismus, Neuralgie, Seitenstechen, Lähmung, Lungen-, Brust- und Rippenfellentzündung find die gewöhnlichen häufigen Krankheitserscheinungen, Lungentuberkulose bei Männern und Frauen die gewöhnliche Todesursache. Wenn, wie aus Vor- stehendem erfichtlich, die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen keine beneidenswerthe ist, so find auch die Verhältnisse der Meister im Großen und Ganzen nicht günstiger. Von Mei« stern wie in anderen Geschäften kann überhaupt keine Rede sein, denn die Metallschlägermeister find in des Wortes vollster Bedeutung Heimardeiter. Das Werkzeug bei diesem Geschäft ist ein theures, nützt fich verhältnißmäßig rasch ab und muß deshalb sehr häufig nackgeschafft werden. Da dieses den meisten unmöglich ist, so beziehen fie dasselbe (die Formen) von den Kaufleuten sammt dem Metall auf wöchentlichen Abzug. Hierdurch geräth der Metallschläger- meister zu dem Kaufmann in ein Aohängigkeitsverhältniß, das ihm jede fteie Bewegung unmöglich macht und den Kaufmann in die Möglichkeit versetzt, die Preise ganz nach seinem Belieben zu stellen. Dieses Abhüngiakeitsoerhältniß ist ein dauerndes, da, wie schon bemertt, daS Werkzeug in der Regel nicht länger brauchbar ist, als bis es abgezahlt ist, wo es dann wieder durch neues ersetzt werden muß. Der Kaufmann hat nun den drei- fachen Nutzen: erstens an dem Werkzeug, das er seinem tributpflichtigen Meister um 20—30 Prozent tbeurer aufhängt, als es ihm zu stehen kommt, zweitens an dem Metall und drittens an der gelieferten Arbeit. Außerdem wird noch zu den verschiedensten Manipulationen gegriffen, um die Preise herabzudrücken, was ein bekannter Grosfist in Nürnberg, der fich auf diese Weise schon mindestens ein Milliönchen „erspart" hat, am vottrefflichsten versteht. So ist es gekommen, daß die Preise auf ein Niveau herabgesunken find, wo fie die Produktionskosten kaum mehr decken und in vielen Fällen der Meister schlechter gestellt ist, als der Geselle.— Silber- schlägereim. Auch dieses Geschäft kann nicht mit Maschinen bettteben werden. Vorhanden find 18— 20 Bettiebe mit 78—80 Arbeitern, 180 Arbeiterinnen und 35 Lehrlingen. Der Lohn beträgt bei Arbeitern 12—17 M., bei Arbeiterinnen 6,50 bis 9 M-, bei Lehrlingen 1—5 M. Um diesen Lohn zu erlangen, ist eine Arbeitszeit von 68—70 Stunden erforderlich. In manchen Werkstellen wird wöchentlich 12—15 Stunden länger gearbeitet, wo fich dann der Verdienst dementsprechend erhöht. Der Geschäftsgang ist in den letzten zwei Jahren ein. sehr flauer gewesen, so daß thettweise die Arbeit auf 8 Stunden reduzirt wurde. Ursache hiervon war be- sonders, daß verschiedene Staaten, dem Beispiel Deutschlands folgend, hohe Eingangszölle eingefühtt haben, theilweise auch der gegemvärtrge Modegeschmack. Die Löhne find in Folge dessen in den letzten zwei Jahren um 10—15 Prozent gesunken. Das Geschäft ist ein sehr anstrengendes. Rheuma- tismus kann bei Arbeitern, Vrustleiden bei Arbeitern und Ar« beiterinnen als Berufskrankheit bezeichnet werden. Das Ge- schüft konzentrirt fich in immer weniger Händen, ein Klein- meister nach dem andern ist gezwungen, seine Selbstständigkeit aufzugeben und für Grosfisten zu arbeiten, so daß die Zeit nicht mehr ferne scheint, wo das ganze Geschäft wenige Kapita« listen in Händen haben. Daraus könnten jene philisttösen Zopfträger, die da glauben, durch Besteuerung der Maschinen und sonstige Krähwinkeleien das Handwerk vor seinem Unter- gang zu ictten, die Lehre ziehen, daß es gar keiner Maschinen bedarf, um die kleinbürgerlichen Existenien zu vernichten, daß das Kapital die Aussaugung des Handwerks auch ohne Maschinen fettig bringt." Die Bewegung unter den Handlungsgehilfen nimmt immer größere Dimenfionen an, Vre augenblicklich das allge- meine öffentliche Interesse erregen. Die Frage der Sonntags- ruhe ist es besonders, welche an den verschiedensten Orien Deutschlands große Handlungsgehilfen- Versammlungen fast täglich beschäftigt. Wie man auch der ganzen Frage gegen« überstehen möge, so wird es doch jeder mit Freuden begrüßen, daß der Handlungsgehilfenstand fich endlich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen anfängt. Neben den Ver« sammlungen ist es jetzt auch eine eigene Fachpresse, der in Berlin erscheinende„Handlungsgehilfe", Organ zur Wahrung der Interessen der konditionirendcn Kaufleute, welche alle die jungen Kaufleute berührenden Angelegenheiten, Sonntagsruhe, Stellenvermittelung, Krankenverstcherung u. s. w. in populärer Form behandelt. In Folge Hungers stürzte kürzlich ein junger Handwerks« burfche in Düsseldorf in einem Hausflur zusammen. In Dresden brach ein armer Reisender mitten auf dem Marfte vor Hunger zusammen.— Das find die Aermsten, die man mit der Prügelstrafe begnaden will! Vereine und Versammlungen. br.„Die Arbeitseinstellung sämmtlicher Ardeiter der Pianofabrik von Klingmann u. Co., Köpnickersttaße 175." So lautete die Tagesordnung für die Versammlung der Klavier- arbeiter, Tischler und Berufsgenoffm, welche, wohl mehr als 700 Theilnehmer zählend, am Mittwoch im Konzerthaufe Sanssouci unter dem Vorfitze deS Herrn Nöske tagte. Herr Zubeil, der Vorsitzende des Vereins zur Wahrung der Jnter« essen der Klavierarbeiter, der seit mehreren Jahren in der ge- nannten Fabrik als Umbaumacher arbeitet, erstattete ein sehr ausführliches Referat. Wir heben aus demselben Folgendes hervor. Von den 30 Arbeitern, die bis vor Kurzem in der Fabrik beschäftigt waren, habm die meisten ihre Stellen schon Jahre lang inne. Die Lohnverhältnisse waren immer solche, daß die Arbeiter mit denselben einverstanden sein konnten. Gegenwättig ist Herr Klingmann dabei, die Fabrik zu ver- größein; die neuen Räume, die er erworden, werden es möglich mache«, bis zu 70 Arbeiter einzustellen. Daß die 7 neuen Arbeiter, die er bereits eingestellt, niedttgere Löhne haben, wußten die alten Arbeiter nicht. Am Montag ftüh hat Herr Kl. auch einem alten Arbeiter erklätt, daß für die Umarbeit, die bis jetzt mit 99 Mark bezahlt worden ist, künftig nur 94 Mark bezahlt wer« den. Wolle er das nicht akzeptiren, so möge er fich anderswo Arbeit suchen. Nachdem dann die Arbeiter erfahren, daß eine Reduktion der Löhne für alle Branchen um 5—7'/- pCt. be« schloffen sei, haben dieselben am Montag Nachmittag eine Ver- sammlung gehabt, in welcher alle, mrt Ausnahme von zwei Lohnarbeitern, fich für die Arbeitseinstellung entschieden haben. Eine aus Vertretern aller Branchen �zusammengesetzte Kom« misfion, welche den Versuch gemacht, eine Einigung mit Herrn Kl. herbeizuführen, hat dieser mit den Motten zurückgewiesen: „Machen Sie, was fie wollen; ich lasse an meinem Motte nicht rütteln." Am Dienstag haben auch noch die zwei Lohn« arbeiter fich den Streikenden angeschlossen. Nur ein Arbeiter, der am Dienstag auch die Arbeit niedergelegt hatte, hat am Mittwoch die Arbeit wieder aufgenommen.— Referent legte in seinen weiteren Ausführungen in überzeugender Weise dar, daß unter dm vorliegenden Umständen die Rückficht auf das Gesammtintereffe aller Klavierarbeiter es den Arbeitem der Klingmann'schm Fabttk zur Pflicht gemacht hätte, die Arbett niederzulegen. Die anderen Fabrikamen in Berlin, von denm mehrere ebenso, wie Herr Klrngmann, im Begriff seien, ihre Fabriken zu vergrößem, würden bald auch die Löhne herab« setzen, wmn es Herrn Kl. gelänge, die Lohnreduktionen durch- zusetzen. Er theilte mit, daß in der Fabttk des Heim Geheim- rath Giese vor Kurzem die Löhne mehr herabgesetzt worden feien, als es jetzt in Ver Klingmann'schm Fabttk geschehen soll, und gab dem Bedauem darüber Ausdruck, daß die Arbeiter sich die Lohnverkürzungen haben gefallen laffen und daß keiner derselben den Muth gehabt, gegen das Vorgehen des Herrn Geheimraths Hilfe beim„Verein zur Wahrung der Jnter« essen der Klaviermacher" zu suchen. Referent schloß mtt dem Ausdruck der Zuverficht, daß die Berliner Kollegen ihre Schuldigkeit thun und den 36 streikenden Arbeitern der Kling« mann'schen Fabttk zum Siege verhelfen werden. In der Dis- kusfion sprachen alle Redner fich im Sinne des Referenten aus. Einer derselben wies darauf hin, daß Herr Klinamann vor etwa 10 Jahren Sozialdemokrat gewesen und die Aeußerung gethan, daß er nicht eher sich verheirathen werde, als bis das soziale Elend der Arbeiter aus der Welt geschafft sein würde. Das Ergebniß der Verhandlungen war die einstimmige Annahme der folgenden Resolution:„Die Versammlung erklärt fich mit dem Vorgeben der Kollegen von der Klingmann'schm Pianofabttk solidarisch, und erklärt, die Kollegen in jeder Hin« ffcht unterstützen zu wollen, um ihnen zum Siege zu verhelfen; denn ihr Sieg ist der unsttge." Eine interessante Versammlung, wie fie wohl im Berliner Rathhause noch nicht vorgekommen ist, fand am Mon- tag, den 21. September, statt. Der Magistrats- Sekretär Hanisch hatte eine Mitglieder- Versammlung der„Ortskaffe der Berliner Mechaniker und Optiker" im Bürgersaal des Rath- Hauses einberufen. Auf der Tagesordnung stand„Delegirten« wähl". Die Kasse hat 796 Mitglieder. Bei Eröffnung der Versammlung warm 7 Personen anwesend, inkl. Magistrats- Sekretär(5 Gehilfen und 1 Meister). Es wurde zur Bureau- wähl geschritten und 2 Beisitzer gewählt. Der Herr Magisttats- Sekretär übernahm dm Vorfitz und zugleich das Schriftführer- amt. Nach der Bureauwahl mußte die Versammlung vertagt werden, weil der Rendant Herr Lütty nicht anwesend und auch keine Mitgliederlistm zur Stelle waren. Herr Lütty wurde von Herrn Sydow(Meister) entschuldigt, da er zu einer Leichenfeier war. Während der Vertagung mußte ein Bei- fitzender in die Wohnung des Herrn Lütty gehen und die Mitgliederliste holen' die Frau gab die Liste dem Be- tteffenden, hätte fie die Herausgabe verweigert, so hätte die Versammlung nicht weiter tagen können. Nachdem die Liste zur Stelle war, eröffnete der Herr Sekretär die Ver- sammlung zum zweiten Male und schritt zur Delegirtenwahl; es wurden von den fünf anwesendm Gehilfen 80 Delegitte und von dem anwesenden einen Meister 34 Delegitte gewählt, und zwar wurden 80 großjährige Mitglieder vom Herrn Se- kretär von der Liste abgelesm, gefragt, ob die Versammlung mit den Delegirten einverstanden sei; selbstverständlich wurden sämmtliche Delegitte einstimmig von der Versammlung gewählt. Hierauf Schluß der Versammlung. Das Interessante war, daß von den fünf Gehilfen vier aus einer Werkstatt warm» wärm diese vier Herren auch ausgeblieben, so wäre die Ver« sammlung von einem Gehilfen und einem Meister besucht ge« wesen; hoffmllich habm die Herren auf dm 300 Stühlen im Bürgersaale Platz genug gehabt. Verantvvttlicher Redakteur». ie Berlin. Druck und Verlag von Mag Bading in Berlin SW, Beuthstraße 8. Hierzu eine Seilng«» Vellage zum Berliner Kalksblatt Ur. SS4 Freitage W# 23. September 1883. II. Jahrg. Kommunales. Stadlverordneten- Versammlung. Ordentliche Sitzung am 24. September. Der Stadtverordneten-Vorsteber Herr Dr. Straßmann eröffnet die Sitzung um 5% Uhr mit geschäftlichen Mit- theilungen. Der Ausschuß zur Vorberathung der Vorlage, betreffend den Ankauf der sogenannten Dammmühlen- Grund- stücke, ist zusammengetreten. Nach Eintritt m die Tagesordnung werden zunächst eine Anzabl Naturalisationsgesuche erledigt. Beschaffung von vier neuen Löschzüaen für die Feuerwehr. Der Ausschuß empfiehlt durch seinen Berichterstatter Herrn Stadto. R e i ch n o w der Versammlung folgende Beschlußfassung:„Die Versammlung lehnt die Vor- läge des Magistrats vom 28. Februar cr.(Beschaffung von Feuerlöschzügen nach dem System des Branddirektor Witte zu einem um 5000 M. höheren Preise, als die Versammlung be- willigt hatte) ad; sie überweist dem Magistrat die Schriftstücke, welche mit dem ver Vorberathung dieser Angelegenheit einge- setzt gewesenen Ausschüsse zugegangen find, und ersucht den- selben um eine neue Vorlage, durch welche die Beschaffung von Feuerlöschzügen zunächst durch Ausschreibung einer öffentlichen Konkurrenz vorbereitet wird."— Der Antrag wird angenommen. Mit der Feststellung neuer Bauflucht« linien für das Terrain des zugeschütteten Königsgrabens an der Herkulesbrücke ist die Versammlung auf Vorschlag des be- treffenden Ausschuffes durch den Berichterstatter Dr. Kürten mit der Maßgabe einverstanden, 1. daß die östliche Bauflucht- nnie, von der Grenze der Grundstücke Burgstraße 28 und 29 bis zu der Baufluchtlinie der projektirtcn Parallelstraße zur Stadtbahn, so weit in östlicher Richtung verschoben wird, als erforderlich, um den Nothauslaß unberührt zu lassen; 2. daß von dem Endpunkte dieser östlichen Baufluchtlinie bis zur Ecke der Stadtbahn nur eine Straßenfluchtlinie festgesetzt wird.— Hierbei spricht die Versammlung den Wunsch aus, daß der Magistrat durch erneute Verhandlungen mit dem Minister der geistlichen jc. Angelegenheiten die Abtretung eines wenn auch nur kleinen Theils deS Aktienspeichergrundstücks zur Straße zu erlangen suchen möge.— Die Festsetzung einer Baufluchtlinie für vre projcktirte Straße an der Stadtbahn zwischen der Burgstraße und der Spandauerbrücke lehnt die Versamm- lung in Gemäßheit ihres Beschlusses vom 9. November 1882 ab.— Die definitiven Rosten(10 000 Mark) für den Bau eines Todtengräberhauses auf dem Gemeinde-Friedhofe zu Friedrichsfelde werden bewilligt. Desgleichen werden 1000 Mk. Kapital für die Erhaltung des Grabes des Barons K o t t w i tz aus dem alten Georgenkirchhof vor dem Königsthor zugewiesen. Uedernahme der S a ni täts w a ch e n in die st ä d t i sche Verwaltung Von den Stadtv. Singer und Genossen liegt folgender Antrag vor: Die Versammlung wolle beschließen, den Magistrat zu ersuchen, in gemischter Deputatwn mit der Stadtverordneten» Versammlung„Die Uedernahme der bestehenden Sanitätswachen in städtische Ver- «altung zu berathen."— Von dem Stadto. Herrn Limp« recht liegt hierzu folgender Antrag vor:„Die Versammlung wolle beschließen, über die Wirksamkeit der Sanitälswachen eine eingehende Untersuchung zu veranlassen und der Frage näher zu treten, ob es nicht angemessen sei, dieselben in städtische Verwaltung zu nehmen und über das Resultat der Unter- suchung der Versammlung Mittheilung zu machen."— Stadtv. Spinola und Genossen beantragen den Anttag Singer ab- »ulehnen und von der Deputation für öffentliche Gesundheits- pflege ein Gutachten einzufordern, ob und in welcher Weise und nach Maßgabe welcher lVerbältniffe die Uebernahme der Sanitätswachen in städtische Verwaltung zu bewirken, wo- Nach dann der Magistrat eine diesbezügliche Vorlage zu Unterbreiten habe."— Stadto. Singer: M. H._ Unser «ntrag bastrt nicht auf der Thatsache, daß wir, wie einige Kimm mit. Novellette von A. T r i n i u S. ttUlber-chtigter Nachdruck verboten.� _ Draußen am Ausgang deS Dorfe», wo auf einem Hüzel eine knorrige, breitästige Kieser weit hinaus in Land schaut, stand eng umschlungen ein junges «lenschenpaar. Die Sonne neigte sich schon dem Untergänge. Blut- *oth hing der Gluthball über dem dunklen Walde drüben Und röthete wie im AbschiedSkuß die schweigenden Wipfel. Ifia wundervoller Abend! Die Lerchen sangen in der J-Uft, und leise rauschend ging der Abendwind durch die Velber. Da« Mädchen hatte sich sanft aus seiner Umarmung Möst und seine Hände erfaßt. Bittend suchten ihre Augen 'e seine». w.„Geh' nicht fort. Karl," bat sie leise.„WaS soll au« Mr werden ohne Dich?" �„Komm mit!" sagte er.„Drüben über dem großen Hasser blüht uns ein neues Lebe«. Sie wolle« nicht, ich Dich heirathe. Die Tochter der armen Schul- ?Werwtttwe dünkt ihnen zu gering. Gut. So wollen ihnen zeige«, was zweier Herze« Liebe vermag. ?°mm mit! Ich muß fort. Ohne Dich hier weiter zu �oen, ist mir eine Oual. So ist es gleich, ob ich gehe oder Sie schüttelte den Kopf. „Bleib hier!" sprach sie und fuhr ihm streichelnd über Urn und Wangen.„Nirgends ist'S so schön, als in der �ttnath. Hörst Du nicht, wie die Lerchen da oben singe» �»d jubeln? Und siehe, da unten die Felder, dort die Wsnen Wiesen mit dem Bache, an dem wir Vergiß- ?n»uicht pflückten, und als Kinder gespielt und ge- habe», bis uns die Abendglocke heim rief. Denkst 7�- das vergessen zu können? Und soll ich meine Mutter denn allem lassen? Sie würde sich todt «rämen." ,> „Du willst mich nur weich machen," erwiderte er. k�ber es bleibt dabei. Ich maz nicht länger der Spott »5° Dorfes sein. Es drückt mir das Herz ab, wenn ich &'9 leiden sehe, und kann»ichtS thun. Mach'« kurz. ° uns zusammen von banne« gehen, wir sind uns Zeitungen behauptet haben, eines Gegenstandes, den die Presse angeregt hat, uns bemächtigt haben, sondern dieser Gegenstand ist seil Monaten bereits von den Ärbeiter-Bezirksveremen er- öitert worden. Wir geben also nur einer Anficht hier Aus- diuck, die in den Kreisen der Bürgerschaft selbstständig entstanden ist, und nur die Eommerfenen haben uns daran ge- hindert, schon vorher unfern Antrag einzubringen. Die Frage der Uebernahme der Sanitätswachen durch die städtische Ver- waltung ist zunächst zu beurtheilen aus der Bedürfnißfrage und aus dem Umstände, ob ine bestehenden Einrichtungen im Stande find, dieses Bedürfniß zu befriedigen. Nur über die Thätigkeit der seit 13 Jahren bestehenden Eanitätswachen in den letzten drei Jahren find statistische Nachweise vorhanden und diese beweisen, wie noth wendig die Errichtung war und wie segensrei ch ihre Wirksamkeit bisher gewesen ist. In den S.-W. am Ora- niendurgerthor find in den Jahren 1881, 82, 83— 495 Fälle, auf der Kochst, aße— 380 Fälle und auf der Brandenburg- straße— 180 Fälle zur Behandlung gekommen, m Wachen, wo der Arzt erst von dem Heilgehilfen herbeigeholt werden muß, während die Wachen, in denen der Arzt beständig zur Hand ist, weit mehr in Anspruch genommen werden, so in dem- selben Zeitraum die Sanitätswache auf der Brüderstraße mit 1659 Fällen, die in der Oranienburger Vorstadt mit 1484 Fällen, die auf der Blumenstraße mit 1647 Fällen und die Sanitätswache auf dem Wedding in den 2 Jahren, in denen fie besteht, mit 1298 Fällen. Interessant ist auch, daß in der San.-Wache auf dem Wedding, in einer Vorstadt mit dichter Arbeitcrbevölkerung, in Bezug auf chirurgisch zu behandelnde Fälle nur der vierte Theil der Anzahl zur Behandlung gekommen find, welche in der Sanitäts- Wache auf der Friedrichsstraße chirurgisch zu behandeln waren. Eine Berechnung der Kosten, welche die einzelnen Fälle den Sanitätswache» verursachen, crgiebt, daß jeder Fall der Sani- tätswachen in der Brüderstraße auf 11 M., der Sanitätswache in der Oranienburger Vorstadt und in der Blumcnsttaße auf 6 M, der Sanitätswache auf dem Wedding auf 5 M. zu stehen kommt. Mit der wachsenden Auedehnung der Stadt, mit der Entwickelung der Industrie nimmt das Bedürfniß nach Sanitätswache immer mehr zu und dieses Bedürfniß muß von der Stelle aus befriedigt werben, die finanziell auch kräftig genug ist, die Last,» zu tragen. Bisher fristen die Sanitäts- wachen ihr Leben, wie leider so viele Anstalten der Privat- wohlthätigkeit, durch Konzerte, Theatervorstellungen, Bazars und Kollekten und der Erfolg ist kein zu großer. ES ist ein Gebot der Gerechtigkeit und eine Pflicht der städtischen Verwaltung, ihren Bürgern sanitäre Hilfe zu gewähren. Und die Stadt würde auch finanziell kein schlechtes Geschäft machen. Erleichterung des Armenbudgets und des Etats der Krankenhäuser, Hebung der Steuerfähigkeit der ärmeren Mitbürger würde unzweifelhaft eintreten. Aus allgemein ethischen Gründen kann man steh ebenfalls unserer Forderung nicht länger verschließen. Es wäre eine Ehre und würd gste Repräsentation für Berlin, mit allen Hilfsmitteln der Wissenschaften ausgestattete städtische Sanitätswachen zu besitzen. Der Antrag Limprecht scheint von der Anficht auszugehen, als sei die Frage noch nicht spruchreif; fie ist es aber vollkommen. Auch dem Magistrat wird es kaum möglich sein, besseres statistisches Material herbeizuschaffen. Möge die Stadtverordneten-Versammlung sich durch Annahme unseres Antrages prinzipiell darüber entscheiden, ob eine so noth- wendige Einrichtung noch länger auf den Bettel angewiesen sein soll. Zum Antrag Spinola muß ich bemerken, daß wir bei der Wichtigkeit des Gegenstandes uns nicht darüber streiten wollen, welche Korporation in der städtischen Verwaltung die vorbereitenden Schritte unternimmt. Ich habe noch darauf hinzuweisen, daß wir die in städtische Verwaltung zu über- nehmenden Sanitätswachen durchaus ferngehalten sehen wollen vom städtischen Armenwesen. Jever Vermischung der Sanitäts- wachen mit den Armenkommisfionen find wir entgegen. Nehmen Sie unseren Antrag an. Bürgermeister Bunder: Der Magisttat hat fich mit der vorliegenden Frage im letzten Sommer bereits beschäftigt. Zur endgiltigen Entscheidung find sehr eingehende Untersuchungen Beide genug. Glücki'S, dann holen wir Deine Mutter nach."— „Nicht ohne der Eltern Segen. Ich kann nicht." Und weinend barg sie ihr Antlitz an seiner Schulter. „Bah! Soll ich ihn erbetteln? Nun, ja. Ich Hab'« gethan, gestern Abend, und dann— mein Vater -- ich bin kein Schuljunge mehr. Ich habe auch so eine Ader von Stolz, wie er. Wenn Du mich lieb hast, komm mit." Sie bog leise seinen Kopf dicht an ihr Gesicht, und sagte mit weicher, bebender Stimme:„Ob ich Dich lieb habe? Es hat Dich Keiner so lieb, wie ich, Karl! Wenn ich auch nicht mitgehen will." Es schoß warm in seinen Augen auf, als er sie jetzt an sich zog und leise über ihr volles, blondes Haar strich. „Marie! Und doch läßt Du mich ziehen?" „Denk' an meine alte Mutter! Ich muß bleiben. Es geht nicht anders." „Ueberleg' es Dir. Bis morgen Abend bleib' ich noch hier. Dann aber hinüber. In acht Tagen geht da« Schiff ab. O, ich werde mir mein Glück schon suchen, und sollte ich es mir erttotzen." „Ein Glück verdient man sich nur," sagte sie ernst und wehmüthig.„Und wann kommst Du wieder?" Angstvoll hatte sie seine Hände jetzt ergriffen. „Ich?— Nun-- Du läßt mich also wttklich allein gehen?— Je nun, sobald ich da« Glück in der Tasche trage." Er lachte kurz, aber es klang bitter und weh. „Du sollst von mir hören. Verlaß Dich d'rauf. O, daß es so kommen mußte!" Sie hatte ihren Arm um seinen Nacken geschlungen und zog ihn nun fest an ihre Brust. „Wenn wir e« dürsten, ich ließe Alles zurück und folgte Dir durch Nacht und Noth. Mein ganzes Lebe« gehört Dir." Leise schloß fie:„Ich werde warten, Karl! Einmal mußt Du doch wieder kommen, Derne Marie zu �"ffieinend drückte sie ihren Mund lange auf den seinen.— Leb' wohl! Leb' wohl!"-- Hastig hatte sie sich losgerissen und war auf ein kleine« Häuschen am nahen Waldessäume zugeeilt Dort blieb sie am Gartenzaune stehen und sah ihm noch nach, al« längst schon dre gelrebte nothwendig. Wir haben deshalb von der Deputation für öffentliche Gesundheitspflege ein Gutachten eingefordert, das bisher noch nicht in den Händen des Magistrats ist. Sie können die weitere Initiative getrost dem Magistrat überlassen (Beifall.) Hierauf wird der Antrag Einger abgelehnt und der An- ttag Spinola angenommen. Die Freilegung der Straße 8(hinter den Zelten) wird nach dem Magistratsprojett genehmigt. Der Verkauf eines am Kottbuser Damm und an der Lächmannsttaße belegenen Grundstücks wird be- willigt. Die bekannte Antwort des Magistrats, betreffend die Anfrage des Stadtv. Singer und Genoffen in Bezug auf die beabfichtigte Reform der Miethssteuer gelangt zur Kenntnißnahme. Hierzu bemcrtt der Stadtv. Singer; Die Antwort ist eine drastische Illustration zu der famosen Definition des Wörtchens„sofort" durch dm Mi- nister. Aus der Verzögerung der Entscheidung geht außer- dem noch unzweifelhaft hervor, daß diejenigen Mitglieder der 6 mischten Deputation Recht hatten, welche fich gegen die Ein» olung der Entscheidung bei den Verwaltungsbehörden erklärten. Man hat eine klipp und klare Antwott der Auf- fichtsbehörde dadurch erschwert, daß man nicht vorher die Stellung der Gemeindebehörden zu dieser Frage festgestellt. »TtPrSem tmr Sia rlr-b£4* Xiy rT"--- v*--- QW VVMVV UkWHv I V|*Ul|4Vi4t. Jedenfalls werden wir die nächstjährige Etatberathung benutzen, lgl. Anträge einzubringen; die Frage der Miethssteuer» Ift nTPflttatlft fia Frt»*«/«**(Y) um diesbezügl. tmguviuiuc», uw uci aawHjBjwuei» reform ist so brennend, daß fie unter keinen Verschleppungen mehr leiden darf. Die Stadtverordneten Singer und Genossen be» anttogen: Die Versammlung wolle beschließen:„Die Versammlung erachtet die Ablehnung des Magistrats, die Anfrage des Stadt- verordneten Singer und Genossen, betreffend den Maurer streik, zu beantworten, bei den wichtigen Jnter- essen, welche dabei in Frage kommen, als der Sachlage nicht entsprechend." Stadtv. Kürten und Genossen beantragen Uebergang zur Tagesordnung. Stadtv. Singer: Der Magistrat hat die Anfrage, die wir vor mehreren Monaten in Sachen des Maurerstreiks an ihn richteten, nicht beantwortet. Er nahm sich Zeit 2 Monate lang über die Antwort nachzudenken, ohne zu einem Resulat zu kommen. In der ersten Sitzung nach den Ferien beschloß die Versammlung auf unseren Antrag den Magistrat um Antwort zu ersuchen, da gelangte er in acht Tagen zu der Antwort, daß er keine Antwort habe.— Der Redner beleuchtet nun ausführlich den Schaden, welches dieses Verhalten des Magistratsebenso wie die Ablehnung der Einsetzung eines Schieds» gerichts zwischen den streikenden Arbeitern und den Bauunternehmern unter Leitung des Magistrats großen Kreisen der Bürgerschaft zugefügt habe und schließt mit der Aufforderung an vre Ver- sammlung, die Antwort des Magistrats als durchaus unge- nügend zu erlären.— Nach einer Erwiderung durch den Stadto. Dr. A. Meyer wird der Antrag Singer durch An- nähme des Antrages Kürten abgelehnt.(Wir bringen über diesen Theil der Verhandlungen einen ausführlicheren Bericht nach. D- Red) Der Verlauf eines zum Rieselgute Blan» k-nburg gehörigen Gärtnerer- Grundstückes wird genehmigt. Eine Anzahl Rechnungen werden dem Rechnung«» Ausschuß überwiesen. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Schluß 7°/« Uhr. Es folgt eine nicht öffentliche Sitzung. Lokales. er. Herr Wilhelm Pickenbach, der beste Bürger unseres Gemeinwesens, der unantastbarste Charakter unserer Stadt, hat jetzt das erste Wort in der Kommunal-Wahlbewegung ae» sprechen. Der Radau der Antisemiten Versammlungen hat längst seinen Reiz verloren, nur selten noch wird von den Ver» Gestalt in dem Dämmerlicht des Abends entschwunden war.———— Von nun an ward eS noch stiller in dem Häuschen,. welches die Wittwe des Schulmeisters bewohnte. Eifnger wie je versah Marie ihre Pflichten, gleichsam in ver» doppelter Arbeit die Erinnerung schöner Tage auszulöschen. Aber das einstige Lachen war verstummt. Schweigend und freudlos kamen und gingen die Tage. Die Mutter errieth, was in dem Herzen der Tochter vorging. Eines Abends, als Marie wiederum in tiefen Sinnen an der Garten- planke stand, dort, wo sie ihm zum letzten Male nach» geschaut hatte, klopfte sie die Mutter leise auf die Schulter. „Ist er denn fortgegangen?" „Ja!" sagte Marie still. „Aber er kommt doch wieder?" Die Antwort blieb aus. Marie nickte nur hastig und gng dann hinauf zu der alten Kiefer, um, wie sie jetzt o oft that, die untergehende Sonne zu bettachten. Die Frage der Mutter war ihr schwer auf's Herz gefallen.„O, gewiß kommt er wieder," flüsterte sie für sich, als wolle sie da» eigene Herz damit beruhigen.„Er muß ja wieder- kommen!" Ein Jahr war vergangen, da traf ein Brief von ihm ein. Sie jubelte bei seinem Anblick, doch als sie ihn end- lich im Busen barg, rannen still die Thränen über die vcr- härmten Wangen. Er ttug da» Glück nicht in der Tasche. Aber ttotziger als einst klang es aus den Zeilen heraus. Mit dem Dorfe hatten die Frauen fast gar keinen Ver» kehr. Karl schien daselbst vergessen. Neue Ereignisse waren darüber hingefluthet. Sein Vater war inzwischen gestorben, und Verwandte hatten den Hof verkauft. Immer seltener ttaf zuweilen ei» Brief au» Amerika in dem Häuschen am Walde ein. An jedem schönen Abend schritt Marie hinauf zu dem Baume, wie zu einem alten vertrauten Freunde. Der verstand sie am besten. Dort hatte sie Karl zum ersten Male geküßt; unter seine« Wipfeln hatten sie gelacht, gehofft und geträumt. Hoffte sie noch immer? Sie sah hinüber in den verglühenden Abendhimmel, und dann bedeckte sie sich schmerzvoll die Augen.„Komm mit!" hatte er einst zu ihr gesagt. Aber sie hatte ihn allein gehen lassen, allein über das Meer, in die Fremde; allein in tausend Gefahren und Versuchungen. Sie schüttelte sich wie im Fieber. (Schluß folgt.) handlunftcn, außer von den Blättern, welche den Antisemitis« mus aeschaftemäßig betreiben, Notiz genommen, daher glauben diese Leute auch, sich ungestraft alle möglichen Frechheiten her- ausnehmen zu dürfen.„Diebstahl und Lüge",— mit diesen beiden Schlagworten eröffnet der Herr Stadtverordnete die Diskussion der Wahlkamvagne. Herr Pickenbach ist ein konser> vativer Herr, er muß wissen, was sich schickt. Herr Bickenbach wird sich daher wohl— freiwillig oder unfreiwillig— für die Ehre bedanken müssen, fernerhin sich noch in der Gesellschaft von Dieben und Lügnern aufzuhalten. Herr Pickenbach hat sich nämlich nicht entblödet, seine Kollegen in der Stadtvertre« tung mit diesen Ehrentiteln zu belegen. Der Musterstadtver- ordnete äußerte in der vorgestrigen Skandal Versammlung der Antisemiten, über welche wir bereits berichtet haben, Folgendes: „Wenn es wahr ist, daß Herr Singer behauptet, er habe den Antrag auf Gehaltserhöhung der Laternen- anzünder gestellt, so hat er einfach gelogen. Es muß überhauvt endlich einmal ausgesprochen werden, daß die Arbeiter ein eigenes Programm nicht zu Stande gebracht, daß fie nur abgeschrieben haben. Ehe an die Arbeiterpartei zu denken war, habe ich dieselben Forderungen gestellt, und der einzige neue Antrag, der Antrag Singer, iß mir gestohlen. Ich hatte nämlich Herrn Tutzauer Mittheilung gemacht, daß ich einen solchen Antrag stellen würde." Was den ersten Antrag anbetrifft, so ist noch niemals von irgend Jemand, der die einschlägigen Verhältnisse nur einiger- maßen kennt, behauptet worden, daß derselbe vom Stadt- verordneten Singer gestellt worden wäre. Herr Singer selbst wäre jedenfalls der Letzte, dem es einfiele, sich eine verartige grobe Unwahrheit zu Schulden kommen zu lassen. Herr Pickenbach hat thatsächlich den Antrag für die Laternen- anzünder trotz des Protestes seiner eigenen Partei« genossen eingebracht. Ganz anders verhält es sich jedoch mit dem zweiten Antrage, dem„Antrage Singer", der bekanntlich auf eine Vermehrung der Berliner Reichstags- Wahlkreise hinauslief. Herr Pickenbach scheint wie alle großen Männer an zeitweiliger Gedächtnißsckwäche zu leiden, wir find daher so frei, den wirklichen Thatbestand dem geehrten Herrn hier ins Gedächtniß zurückzurufen. Herr Pickenbach hatte mit Herrn Tutzauer eine Piivatunterredung, in deren Verlauf letzterer Herr sich über Die Wahlkreiseintheilung Berlins im Sinne des Singer'schen Antrages äußerte. Herr Pickenbach faßte sofort die Idee auf und erklärte sich zur Eindringung eines solchen Antrages bereit. Selbstredend verzichtete man auf eine derartige unberufene Einmischung, der Antrag wurde von Seiten der Arbeiterpartei gestellt, in welcher er auch entstanden war. So verhält fich die Sache thatsächlich und es kann nur als ein Zeichen der allbekannten antisemiti- schen Unverfrorenheit betrachtet werden, in einem solchen Falle von einem„Diebstahl" zu sprechen. Herr Pickenbach ist wahrscheinlich darüber indignirt, daß man seine Beihilfe von vornherein unzweiveutig ablehnte und heute nennt er das einen „Diebstahl". Das ist gewiß bllrgerparteiliche Logik, wir un- sererseitS haben gegen dieselbe nichts einzuwenden, so lange die terren unter sich bleiben und sich gegenseitig mit ihren -chmeicheleien regaliren; wenn dieselben jedoch makellose Ehrenmänner in den Bereich ihrer schmutzigen Schimpfereien ziehen, so müssen wir ein derartiges Vorgehen ganz energisch zurückweisen. Herr Bickenbach ist jedenfalls nicht vom berufen, sich zum Richter über Andere aufzuwerfen. Das Programm der Arbeiterpartei war übrigens bereits fertig, als Herr Picken- bach seine Windeln noch beschmutzte. Wie dem Publikum Sand in die Augen gestreut wird. Die„Demokratischen Blätter" ertappen die„Frei- sinnige Zeitung" auf einem recht plumpen Schwindel und fer- tigen das anmaßende Organ des Herrn Richter in folgender derber Weise ab:„Wer, wie wir aus psyckologischem Jnter- esse, die„Freifinnige Zeitung" aufmerk, am liest, wird mit Ver- gnügen bemerkt haben, mit welcher Eifersucht die Redaktron darüber wacht, daß bei einer jeden Notiz— unbedeutend wre sie auch sein mag— die sich etwa in eine andere Zeitung ver- liert, die„Freifinnige Zeitung" und zwar voll ausgedruckt als Quelle angegeben werde. Wenn nun auch die„Freisinnige Zeitung" noch nicht eine einzige Nachricht, noch nicht ein ein- ziges Urtheil gebracht hat, welches des Abdruckens werth gc- wesen wäre, und die von anderen Zeitungen aus ihr über- nommenen Notizen wohl nur als Lückenbüßer reproduzirt find, so ist es doch immer hübsch, wenn auch bei dem geringfügigsten Anlaß der Unsitte entgegengetreten wird, daß die Zeitungen sich gegenseitig ausplündern und daß die eine Zeitung, indem sie aus der andern abdruckt, in ihren Lesern den falschen Glauben zu erwecken sucht, der Inhalt jener Zeitung wäre ihr Eigenthum. Wir waren, wie gesagt, erfreut, unseren Sittenverbesserer hier gegen ein in der That einge- wurzeltes Uebel zu Felde ziehen zu sehen- um so unanaenehmer indeß war die Enttäuschung, als wir auch m diesem Falle inne wurden, daß die„Freisinnige Zertung öffentlich Wasser predigt und selber heimlich Wem trmkt. Warum gtcbt die„Freisinnige Zeitung" nichi die Quelle ihrer Inserate an? Von befreundeter Seite auf diese merkwürdige Eigenart der„Freisinnigen Zeitung" aufmerksam gemacht, haben wir eine beliebige Nummer derselben herausgegriffen, ihre Inserate auf die Quelle bin studirt und. erstaunt über das befremdliche Resultat, die Probe auf das Exempel noch bei einer Reihe von anderen Nummern gemacht. Es blieb indeß immer das- selbe. Hier ist eS: „Vossische Ztg." v. 11. Septemb. Riesengebirgs-Fruchtsäfte. Für 4 Mk. 50 Pf. sende eine Postkiste v. 10 Pfd. franco unter «Freis. Ztg." v. 12. September. Riesengebirgs-Fruchtsäfte. Für 4 Mt. 50 Pf. sende eine Pvstkiste v. 10 Pfd. franco unter Nachnahme, enth.: 8 Fl. tzim- Nachnahme, enth.: 8 Fl. Him beer, Johannisbeer-. Brom- beer. Lohannrsbeer-, Brom beer-, Preißelbeer- u. Kirschsaft; 3-Liter-Faß obig. Säfte f. 5 Mk. 30 Pf. Preißelbeeren. stark m. Zucker, 10 Pfd. Faß, franco unter Nachnahme 4 Mk. 50 Pf. Fabrik spritfreier Zuckersäfte, A Bartsch, Warmbrunn i./Schl. Cur- und Tafeltrauben, täglich frisch geschnitten, versendet aus seinen eigenen Weinbergen, 5 Kilo fr. 4 Mk. C Landgraf, Dürkheim. Höhere Töchterschule und Pen- fionat in Eberswalde. Näheres durch die Prospelte. M. u. A. Meffert. %&&&&. nack dem Schillerplatz, ist»er 1. Oktober zu vermre hen. Das Nähere Markgrafenstr. 53. 54. beim Verwalter. beer-, Preißelbeer- und Kirsch- saft- 3 Liter Faß obig. Säfte für b Mk. 30 Pf. Preißelbeeren, stark m. Zucker, 10 Pfund-Faß, franco unter Nachnahme 4 Mk. 50 Pf. Fabrik spritfreier Zuckersäfte. A. Bartsch, Warmbrunn i.Schl. Kur- u. Tafeltrauben, täglich frisch geschnitten, versen- det aus seinen eigenen Wein- bergen, 5 Kilo franko 4 Mk. C. Landgraf, Dürkheim. Höbere Töchterschule und Pen- fionat in Eberwalse. Näheres durch die Prospekte. M. u. A. Meffert. Französische Str. 40. 41. Eine hochherrschaftliche Wohnung für ein kinderloses Ehe- paar in der 3. Etage, Aussicht nach dem Schillerplatz, ist per 1. Oktober zu vermieten. 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Götze. Verlangt für das Komtoir meines Möbel« und Dekora- tions-Geschäfls einen Lehrling gegen monatl. Vergütung. W. Raschky, Hoftapezirer, Leipziger Str. 94. I. (Neun andere Annonzenplagiate gleichen Datums lassen wir zurück.) Nun könnte man vielleicht sagen, es ist doch eigentlich entgegenkommend gegen das Publikum, wenn die „Freisinnige Zeitung", offenbar um dem Mangel an Stoff ab» zuhelfen, den leeren Raum ihres Blattes mit Inseraten der „Äosfischen Zeitung" ausfüllt und so denselben eine noch grö- ßere Verbreitung giebt, ohne daß den Inserenten Kosten er« wachsen. Indeß die Sache liegt doch mannigfach anders. Zu- nächst liegt hier offenbar ein großer Schwindel vor. Es soll dem Leser weiß gemacht werden, daß das inserirende Publikum fich bereits der„Fieifinnigen Zeitung" bedient. Schulze soll sich sagen, wenn Müller damit Kunden fängt, dann muß ich es auch thun. Das nennen die Juristen Vorspiegelung fal- scher Thatsachen, um sich einen Voitheil zu verschaffen. Wild somit den Interessenten übel mitgespielt, so geht es dem Theil des Publikums, auf welches die Inserate berechnet sind, noch schlimmer. Alle diejenigen, welche eine Stellung, eine Wohnung, oder sonst etwas suchen, was ihnen im Jnseratentheil der„Freifinnigen Zeitung" angeboten wird, und die thöricht genug find, zu glauben, daß die In- serate echt seien, laufen nach der angegebenen Adresse hin, schicken ihre Zeugnisse ein u. s. w., um demnächst zu ihrer Betrübniß und argen Enttäuschung zu erfahren, daß die Stelle schon am vorigen Tage vergeben, die Wohnung schon ver« miethet ist u. s. w. Derjenige aber, wclckcr die Stelle zu ver- geben, die Wohnung zu vermiethcn hat, und schon am Tage zuvor überlaufen ist, ist nicht wenig erstaunt, wenir die Geschichte noch einmal von vorne los geht. Das ist eine arge Belästigung des Publikums, sowohl des anbietenden, wie des nachfiagenden, und es wird für Herrn Emil Barth vielleicht nicht ohne Interesse sein, wenn wir seiner journalistischen Un- erfahrenbeit mit der Miitheilung zu.Hilfe kommen, daß im Jahre 1874 ein neugegründctes Blättchen, welches auf dem- selben Wege zu Inseraten zu kommen versuchte, indem es den Arbeitsmarkt einer andern Zeitung abdruckte, wegen groben Unfugs veiurtheilt ist. Weiß Herr Emil Barth(dieser Herr ist Ver verantwortliche Redakteur der„Freisinnigen Zeitung." Die„Demokr. Blätter" nennen den Namen dieses Herrn statt der„Freisinnigen Zeitung", weil es in dem Richter'schen Organ zur ständigen Unsitte ausgeartet ist, stets Personen an Stelle der Sache zu setzen. Red. deS„Volksbl.") lein anderes Mittel, seinen leeren Raum zu füllen, dann thäte er doch besser, die sür die Inserate destimmten Seiten weiß zu lassen und einfach mit der Inschrift zu versehen: Hier werden später einmal Inserate zu finden sein. DaS wäre immerhin besser, als fremde Inserate abzudrucken und das Publikum zu täuschen und zu belästigen. Das beste freilich wäre, wenn Herr Emil Barth die Zeit, welche er auf die Kontrolle der obskursten Blätter verwendet, um irgendwo eine verlorene Notiz der „Freisinnigen Zeitung" zu entdecken, lieber dazu benutzen wollte, scine tausend öden Rubriken mit Nachrichten zu füllen." Das genügt! tb. Die Bierfrage ist für viele Menschen eine Lebens- frage, unbedingt aber für die Bierverleger, in deren Kreisen stch eine große Unmfriedenheit bemerkbar macht. Die Spitze der sich jetzt entwickelnden Bewegung unter dieser Kategorie von Geschäftsleuten richtet sich hauptsächlich gegen die Brauereien und deren Konkurrenz durch ihr Versavdt-Bieigeschäft(Flaschen- bier), welche nach Anficht der Bierverleger diesen ausgedehnten Geschäftszweig mit der Zeit vollständig ruiniren und gänzlich unmöglich machen muß, da die Brauereien ihr Flaschenbier direkt an Kaufleute, Grünkramhändler und Private abgeben und zwar zu einem Preise(einzelne Brauereien 36— 40 Flaschen für 3 Mk.), wie es den Äieroerlcgern nicht möglich ist. Sollen diese mit den Brauereien konkurriren und ebenso viel oder noch mehr Flaschen liefern für eine bestimmte Summe, so müßten dieselben vielfach das Bier verschlechtern. Die natürliche end- licke Folge hiervon würde sein, daß die Bierverleger ihre jetzigen Kunden vollends verlieren und diese sich insgesammt den Brauereien zuwenden würden. Gegen dieses Verschleudern der Waare energisch Front zu machen und, wenn möglich, die Brauereien zu veranlassen, ihren Flaschen-Bier- verkauf an Kaufleute, kleine Händler und Private ein- zuschränken, zum mindesten aber weniger fürs Geld zu liefern und gleichzcilig dieses auch den Bierverlegem zur Pflicht zu machen, ist der Zielpunkt der entstandenen Agi- tation, welche zum ersten Male am 23. d. M. durch eine nach Buldermann's Salon, Kommandantenstr. 72, einberufene Ver- sammlung von Bierverlegern, zu welcher die Einladungen per Postkarte ergangen waren, sichtbaren Ausdruck fand. Die Ver- sammlung war sehr zahlreich besucht, verlief aber ziemlich re- sultatlos, doch erkannte man die Nothwendigkeit, vor Allem eine feste Organi ation zu schaffen und einen Verein der Bier- Verleger zu gründen und einigte man fich dahin, zu diesem Zwecke zum nächsten Mittwoch eine neue Versammlung einzu- berufen, zu welcher der Zutritt nur auf Grund einer Legitima- tion als Bierverleger gestattet sein soll. Was heut zu Tage nicht Alles verlangt wird! In der dritten Beilage zu Nr. 222 des„Bcrl. Intelligenz Blatt" findet sich folgende Annonce:„Ein Tischler, der gut poliren kann und mit Hundefuhrwerk Bescheid weiß, als Hausdiener verlangt Rosenthalerstraße 50, I. Lohn 5'/- Thlr." Wahrscheinlich soll dieser„hausdicnende" Tischler für 5'/- Thlr. in dem Hundefubrwcrk spazieren gefahren werden. Die leidige, oft genug gerügte Angewohnheit der Damen, den Pferdebahnwagen von der linken Seite zu verlassen, hat Dienstag Abend wiederum einen schweren Unfall zur Folge gehabt. Trotz der Warnung des Kondukteurs verließ eine sechszigjährige Dame mit einem Knaben von sechs Jahren Ecke Lützowplatz und Echillsttaße einen Wagen der Linie Zoologischer Garten— Öolzmarktstraße von der Seite nach dem Geleise zu in dem Augenblicke, als von der entgegengesetzten Seite ein Tramway um die Ecke der Echillsttaße bog. Die alte Dame gewahrte die Gefahr, wurde ängstlich, lief, den Knaben krampfhaft fest- haltend, zurück, dann rn der Bestürzung wieder vor und gera- den Wegs in die Pferde des in voller Fahrt befindlichen Wagens. Im Augenblick hatten die Pferde beide zu Boden gerissen, und noch ehe es gelang, den Wagen zum Stillstand zu bringen, waren die Räder desselben der Unglücklichen über beide Beide gegangen. Als es gelang, die vor Schmerz und Angst Ohnmächtige aufzuheben, lonstatirte man. daß die Ver- unglückte mehrere Knochendrüche erlitten, während der Knabe mit unbedeutenden Hautabschürfungen davonkam. Die erste Frage der Greisin, als fie das Bewußsein wiedererlangte, war nach dem Kinde. Als man ihr dasselbe unversehrt zeigte, lächelte sie trotz des brennenden Schmerzes unter Thränen. Dann schwanden ihr wieder die Sinne. Die Schwerverletzte wurde in ein Krankenhaus überführt. Um den Prozeß des Malers Prof. Graes gruppirtfich schon eine ganze Mythenbildunq, und fast täglich werden un- richtige Nachrichten in die Presse gebracht. Nach den von uns an authentischer Stelle eingezogenen Erkundigungen wird der Prozeß zweifellos ohne Vertagung zu Ende geführt werden; ebenso zweifellos erscheint es, daß die Oeffentlichkeit ausgeschlossen wird. Ganz falsch ist die Nachricht, daß gegen die Mutter der beiden Schwester Rother eine Anklage nicht er- hoben worden sei- im Gegentheil ist dieselbe am allerschwersten belastet. Neben Prof. Graes, gegen den fich die Anklage auf Meineid richtet, hat fich die Anna Rother gleichfalls wegen Meineides, die Schwester derselben wegen Anstiftung zu diesem Verbrechen, und die Mutter Rother wegen schwerer Kuppelei und Anstiftung zu verantworten. Die Vertheiviqung des Prof. Graes führen Justtzrath Simson und Rechtsanwalt Kleinholz, die der Schwestern Rother die Rechtsanwälte Dr. Sello und Cassel, während die Mutter Rother von dem Offizialoertheidiger Rechtsanwalt Voigt vertheidigt wird. Die Verhandlung wrrd am 28. d. M. im kleinen Schwurgericktssaale beginnen und vier Tage hindurch dauern, da die Verlesung zahlreicher Schriftstücke und Korrespondenzen eine geraume Zeit in An« spruch nimmt. g. Ueber die Berliner Spielerwelt verlautet jetzt selte- ner etwas in der Oeffentlichkeit. Es rührt dies, einestheils daher, daß viele der Größen der Berliner Spieler fich schon seit längerer Zeit auf sog. Kunstteisen im Auslande befinden, andererseits aber die Spiel-Abende mit großer Vorsicht nach außen hin abgehalten werden. Das Schlcppcnthum hat nur geringe Erfolge zu verzeichnen, weil die Zahl der nach Berlin kommenden plünderungswürdigen Fremden auffallend gering ist. Das Spiel wird daher größtenthcils nur unter den pro- fesfionellen Spielern im Beisein eines oder des anderen wohl- habenden Mannes gemacht, der im Spiel eine Aufregung sucht, wie man fie in den Personen des Restaurateurs Reinert und des Kunsthändlers Lepke kennen gelernt hat, welchen beiden der Spielteufel zum bösen Verhängniß wurde. Am Tage steht man die Berliner professionellen Spieler in mehreren freouen- tirteren Wiener CafS's, wo sie fich beim Billard-, Schach- Skat- oder sonstigen Spiel gegenseitig das Geld abnehmen oder auch durch kleinere Wetten diesem oder jenem Gast das Portemonnai ein wenig erleichtem. Einzelne der Spieler sollen in diesem Jahre während ihres Aufenthalts in den deutschen und franzö- fischen Bädem bedeutende Summen gewonnen haben, die ihnen hier während der Winterkampagne ein sehr angenehmes Leben gestatten. Die Herren wissen sehr gut zu leben und find in den feinen Restaurants der Friednchstadt sehr gern gesehene (�saste, g. Auf einem der hiesigen Kirchhöfe ereignete stch vor« gestern Nachmittag folgender aufregender Vorfall. Ein in der Neuen Hochstraße wohnender HauSeigenthümer war am Sonntag gestorben und wurde oorgest-m Nachmittag beerdigt. Bei dem Leichenbegängniß, wobei ein Prediger der Dankeskirche die Gedächtnißrede hielt, wurde die Hinterbliebene Wittwe plötzlich derartig unwohl, daß fie in die Laube des Todtengräbers ge- führt werden mußte. Da der Zustand stck nicht besserte, mußte der Sarg ohne Beisein der trauernden Wittwe in die auf« geworfene Giuft gesenkt werden. Nach ihrer Wohnung über- führt, ist die noch ganz rüstige Witwe, wie wir hören, in der vergangenen Nacht an den Folgen eines Herzschlages verstorben. Die armen Kinder haben in drei Tagen den Vater und die Mutter verloren. Eine fatale Verwechselung. Am 21. b. M. traf aus tommern ein junger Mann aus seiner Heimath auf dem lettiner Bahnhofe hier ein, der die Abficht hatte, am andern Tage nach dem Rheine weiter zu reisen, und begab fich zu- nächst zu einer in der Gartenstraße wohnenden dekannten Fa- milie, um daselbst zu übernachten. Seinen Koffer, in welchem stch Werthpapiere im Betrage von zirka 90000 M. befanden, hatte er auf dem Bahnhofe einem Gepäckträger gegen Marke übergeben und später diese Marke der erwähnten Familie be- bändigt, welche den Koffer vom Bahnhof abholen lassen sollte. Mit der Abholung wurde ein Dienstmann detraut, der den Koffer an eine falsche Adresse abgegeben hat. Zufälliger Weise hatte letztere Familie ebenfalls Besuch aus Pommern zu er- warten und nahm ohne Anstand das Gepäck in Empfang in der Annahme, daß es von dem Besucher vorausgeschickt sei. Der junge Mann machte Anzeige bei der Polizei, der es ge- lang, den Koffer zu ermitteln und ihn unversehrt dem geäng- stigten Eigcntbümer wieder zuzustellen. d. Die Wintergäste au» der Voaelwelt beginnen all« mälig fich einzustellen. Der prachtvolle Eisvogel, smaragdgrün und pfirsichroth, ist schon seit einigen Wochen wieder an den Ufern der Oberspree fichtbar. Seit einigen Tagen treiben auch schneeweiße Möven auf dem Wasser ihr Spiel. Ein schwalben- ähnlicher Vogel, nur etwas größer und mit abgestumpften Flügeln, ebenfalls einer unserer ständigen Wintergäste, zeigt fich als Dritter im Bunde. Die geheimnißvollen Instinkte, welche man der Thierwelt zuschreibt, scheinen fich im Wesent- lichen auf den Nahrungstrieb zu beschränken. Seit dem 23. August hört man keinen Frosch mehr, und am 24. August waren die Störche abgezogen. Die Beobachtungsgabe der Vögel ist auch eine sehr deschränkte. Ein schwimmender Mensch z. B. kann fich dcm scheucsten Vogel wie dem Storch und dem Eisvogel bis auf wenige Schritte nähern, ohne daß dieser die geringste Notiz von ihm nimmt. Eine Weihe kann einem Schwimmer sehr lästig werden, weil sie ihn für eine gute Beute ansteht. Ein schrilles Pfeifen, welches beim Schwimmen sehr schwer ist, verscheucht den bedenklich niedrig kreisenden Vogel. Der Halsbandschlosser Witte, welcher vorgestern auf dem Transport nach Eorau auf dem Bahnhofe„Alexander- platz" entsprungen ist, wurde gestern hier wieder ergriffen und wird heute unter sicherer Bedeckung in die Irrenanstalt zurück« gebracht weiden. Vor seiner Ergreifung hat er an das Polizei- Prästdium eine Postkarte geschrieben, des Inhalts, daß es ein Unverstand sei, gesunde Leute in eine Irrenanstalt zu schicken, er werde in Berlin bleiben, der Polizei ein Schnippchen schlagen und alle Kriminalisten auf den Beinen halten, bis er vollständig Amnestie erhalten habe. Den Beamten der Kriminal Polizei hat er erzählt, daß er es bei Konstruirung und Erprobung des Halseisens nicht auf ein Verbrechen ab- gesehen habe, sondern nur die Aufmerksamkeit auf stch habe lenken und seine Befähigung für die von ihm erstrebte Stellung crnes Kriminalbeamten darthun wollen. . In der letzten Zeit ist es auf den Stadtbahnhöfen wiederholt zu erregten Szenen gekommen, die meist durch orls- und sprachunlundige Ausländer herbeigeführt worden find. Em derartiger Fall, wo ein Fremder aus Unkenntniß mit den be« stehenden Vorschriften in Konflikt gerieth, hat fich an einem der letzten Nachmrttage auf dem Perron des Bahnhofes Friedrich' Straße ereignet. Ein Italiener, welcher sich zum Besuch in Teutschland aushält, wollte in einen Stadtbahnzug steigen, als dieser bereits aus der Halle hinausfuhr. Ein Äeamier riß, seiner Instruktion gemäß, den Italiener zuriick und hielt ihn am A:me fest. Das aber brachte den heißblütigen Sohn des Südens dermaßen in Aufruhr, daß er dem Beamten eine schallende Ohrfeige versetzte und gleichzeitig brach wie ein Lava- ström auS dem Munde des Fremdlings ein Erguß von leiden- schaftlichen Worten in dem holden Idiom seiner sonnigen Hei- math hervor. Diese Eruption verhinderte aber keineswegs, daß der wüthcnde Italiener dingfest gemacht und einem scharfen Verhör unterworfen wurde. Da er des Deutschen nicht mächtig war, mußte bei diesem zarten teie-s-teie mit dem Stationsvorsteher die franzöfische Sprache als Vermitlerin dienen. Nach aufgenommenem Protokoll ist der Italiener wieder entlasten wo« cm Inzwischen scheint sich auch sein Zorn etwas abgekühlt und weiserer Ueberlegung Platz gemacht zu haben. Da er er- fahren hat, daß ihm sein unbesonnenes Benehmen vor den Strafrichtcr führen wird und ihm leicht Gelegcnbeit geben könnte, sich von den Einrichtungen des deutschen Gcfängniß- Wesens zu überzeugen, so bat er reumüthig Schritte gethan, um die Sache auf gütlichem Wege beilegen zu lassen- Wegen fortgesetzter dedeutender Unterschlagungen wurde gestern der Kasfirer und Prokurist L.. der in einem Droguengeschäft in der Friedrichstraße seit Jahren beschäftigt war und das Vertrauen seines Prinzipats im vollsten Umfange besaß, verhaftet. L- hat die sich auf 19000 Mt. belaufenden Unterschlagungen dadurch bewerkstelligt, daß er geringere Sum- men in die Kassenbücher eintrug, als er in Wirklichkeit erhalten hatte. Den größten Theil des Geldes hat er in den hiesigen größeren Balllokalen mit Mädchen durchacbracht, auch hiell er sich ein Reitpferd und überließ sich„noblen Passtonen". t. Eine Auktion von düsterem Relief wurde in der vorigen Woche in der Charitee abgehalten. Es kamen hier die im Laufe des letzten Vierteljahres angesammelten Kleider Der- jenigen zur Versteigerung, die ohne Anhang und Verwandte verstorben warm, und derm Sachen demgemäß dem Fiskus gehören. Die Auktion selbst fand in einem halbdunklen Ver- schlage unter dem Sommerlazareth statt. Durch einen langen Kellergang, nur schivach erhellt, kommt man zunächst in die Tischlerei, die die Särge für die Verstorbenen liefert und dann in jmm Raum. Rechts und links vom Kellergange befinden sich Räume, in welchen Krankenkörbc aufgespeichert stehen. Einen eigenthümlichcn Anblick gewährten die Käufer dieser fa- denscheinigen Garderobe. Mit Kennerblick musterten sie die verrotteten und zerrissenen Kleidunasslücke, die in dem Ver- schlage dort aufgespeichert waren. Rechts hingen die Kleider der Männer, links die ver Frauen, zuweilen auf kleine Packete, die sie mit in daS Krankenhaus gebracht hatten. Mit Kenner- wiene wühlten die 14 Händler, welche zu dieser Auktion er- schienen waren, in den Kleidungsstücken umher, kratzten am Gewebe, um meistens zu konstatiren, daß keine Wolle mehr auf demselben befindlich war, und drehten dieTaschm um nach verbor- genen Schätzen, die in einem Falle in einem alten Taschenkamme, im anderen Falle in einem kleinen Messerchen bestanden. Der Werth der einzelnen Garderobenstücke war selbstverständlich ein sehr geringer und erreichte selten die Höhe einer Mark. Die erhandelten Kleider wurden sofort in große Säcke gepackt und in Hundewaaen geladen, um sie nach den verschiedenen Tröd- lerkellern zu befördern. Hier werden dieselben wieder zurccht gemustert und zurechtgestutzt, häusig auch gefärbt, und wenige Wochen später sieht man sie in moderner Faeon auf dem Körper iigend eines Provinzialen, der hier in Berlin beim billigen Mann seine Garderobe komplctirte und damit zu Hause noch Staat macht; die Kleider, welche früher die Wunden und Gebrechen der unglücklichen Todeskandidaten umhüllten, sie wer- den hier nicht selten wieder zum Schmuck in den freudvollsten und lebenfrischesten Stunden des geselligen Lebens.— Wes- halb vernichtet man diese Kleidungsstücke, deren Benutzung entschieden nicht gesundheitsförderlich ist, nicht lieber, da ihr Werth, wie oben geschildert, nur ein äußerst geringer ist? Polizei- Bericht. Am 22. d. M., Nachmittags, wurde die Wlttwe Siegelkow aus Charlottenburg an der Haltestelle vor dem Hause Lützowplatz Nr. 13 beim Aussteigen aui einem Pferdebahnwagen von einem auf dem Nebengelcise ankommen« den Wagen überfahren und erlitt dabei so schwere Verletzun- gen des linken Beins, daß es im Elisabeth-Krankenhause, wohin sie sofort gebracht worden war, oberhalb des KnieS abgenom- men werden mußte. Ihr in ihrer Begleitung befindlicher Enkel erlitt bei dem Unfall einige Hautabschürfungen am Kopf.— Am 23. d. M-, Vormittag?, stürzte sich ein Mädchen in selbst- mörderischer Absicht aus dem Fenster seiner in der Tresckow- straße belegenen Wohnung auf den Hof hinab und zog sich hierbei schwere innere Verletzungen und einen Armbruch zu. Es wurde noch lebend nach dem städtischen Krankenhause im Friedrichshain gebracht, verstarb dort jedoch schon nach einigen Stunden.— Ilm dieselbe Zeit wurde ein Arbeiter beim Ueberschreiten des Fahrdammes in der Königssttaße von Krämpfen befallen und fiel dabei zur Erde und so vor einen gerade ankommenden Post-Packctwagen, daß er überfahren wurde und schwere Verletzungen erlitt, so daß er mittelst Kttrnkcn-Transportwagens nach der Charitee gebracht werden mußte.— An demselben Vormittage wurde ein Grenadier vom zweiten Garde Regiment zu Fuß. als er, eine Marmorplatte tragend, die Friedrichstraße passtrte, in der Nahe der Kaserne von einem Fuhrwerk überfahren und derartig verletzt, daß er nach der Kaserne getragen werden mußte. Am 23 ds. Mts. fanden mehrere kleine Brände statt, welche die hü Ii gleit der Feuerwehr nur auf kurze Zeit in Anspruch nahmen.— In der Nacht zum 24. d. M. wurde ein Mädchen in seiner Wohnung in der Reichenbergei straße auf dem Fußboden liegend todt vor- gefunden. Es bat sich, wie ärztlicherseits festgestellt wurde, vergiftet. Tie Leiche wurde nach dem Obduktionshause ge- schafft._ Gericht-Zeitung. von seltener Frechheit zeugt ein Erprcssungsversuch, welcher gestern der Prüfung der ersten Strafkammer des Land- gcrichts l unterlag. Der Bankier W. erhielt eines Tages ein Schreiben, in welchem der Verfasser, der Hausd ener Carl Fiebernitz, ihn der gröbsten Schamlofigkerten bezichtigte und in welchem ihm ferner angedroht wurde, daß diese Beschuldrgun- gen auf offener Postkatte wiederholt werden würden, falls er sich nicht dazu verstehen sollte, dem Briefschrerbcr sofort 30 Mk. nach einem näher bezeichneten Postamt zu senden. Der Bc« drohte übergab den Brief der Kriminalpolizei und diese nahm den Schreiber desselben fest, als er sich auf dem Postamte nach dem Gelde erkundigte. Der Angeklagte mußte im Termine ein« räumen, daß er den Bankier W. nie gesehen, er habe dessen Adresse dem Wohnungs-Anzeiger entnommen und dann aufs Gerathewohl den Erpreffungsvcrsuch in Szene gesetzt, um seiner Geldnoth abzuhelfen. Ter Gerichtshof ahndete drese gemcm- gefährliche Handlungsweise, welche in letzterer Zeit sich auf- lallend häufig wiederhole, mit einer Gefängnißstrafe von drei Monaten. Ein ernste? Renkontre mit dem Führer eines Post- Wagens lag einer Anklage wegen thätlicher Beleidigung eines Beamten zu Grunde, welche am Dienstag gegen den Schlächter- Deister Eduard Echwerdt vor der Ol.AhlheUung des Echöffen- K/richts verhandelt wurde. Am Nachmittage deS 16. April er. siand der Anm klagte auf dem Straßendamm in der Nähe deS «chlefischen Bahnhofes und beaufsichtigte die Verladung ihm gehöriger Stücke Vieh. Da kam in schlankem Trabe von der muchtstraße her der Postwagen angefahren, welcher dem zur Mährt bereit stehenden Zuge die Packete zu überbringen hatte. �er Wagen mußte die Stelle passtren, wo der Angeklagte stand, °°ch nahm dieser von dem wiederholten Anrufen des PostillonS keine Notiz, sondern blieb ruhig sieben. Die Räder des Wagens streiften im Vorbeirollen fast seine Fußspitzen und wurde der Angeklagte hierüber so erzürnt, daß er mit seinem Stock dem Pferde zwischen die Ohren schlug. Obgleich der Stock nur ein Pfefferrohr war, wie es die Schlächter zu tragen pflegen, muß der Schlag doch eine höchst empfindliche Stelle getroffen haben, denn das Pferd gerieth ins Taumeln und stürzte zu Boden. Der Postillon wollte sich des Exzedenten versichern, während der begleitende Postschaffner sich mit dem Wiederaufrichten des Pferdes zu thun machte, und hierbei erhielt der Erstere von dem Angeklagten einen Schlag mit dem Stock über die Hand. Erst dem herbeieilenden Schutzmanne fügte sich der Angeklagte. Derselbe bestritt im Termine entschieden, daß der Postillon ihn angerufen und wollte durch dessen unverantwortlich schnelles Fahren in Lebensgefahr gerathen sein. Die Beamten erklätten demgegenüber, sie mußten schnell fahren, um den Zug nicht zu versäumen. Bei der Strafabmessung wurde einerseits die an den Tag gelegte Rohheit des Angeklagten, andererseits dessen Erregung berücksichtigt und auf eine Geldstrafe von 100 Marl event. 20 Tage Gefängniß erkannt. Wegen de?, gelegentlich der Publikation des Ergeb- nisses der ReichstagSwahlen in der Norddeutschen Brauerei statt- gefundenen Krawalls fand am 7. Mai d. I. vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I. eine Verhandlung wegen Auf- ruhrs statt, in welcher der Maler Wilhelm Lattermann nebst Anderen auf ver Anklagebank Platz zu nehmen hatte. Der- selbe wurde allerdings freigesprochen, soll sich aber im Laufe der Verhandlung zu einer Äeußerung haben hinreißen lassen, welche ihm eine neue Anklage wegen Beamtenbeleidigung zu- zog. Nach der Bekundung des Kciminalkommissarius Schöne und eines Schutzmannes, welche sich damals im Zuhörerraum befanden, soll der Angeklagte zu seinem Verthcidiger, R.-A. Dr. Flatau mit Bezug auf die als Belastungszeugen austre- tenden Schutzleute gesagt haben:„Die Kerls schwören, wenn der Himmel blau, daß er schwarz ist." Allerdings konnte sich der Verl heidiger nicht erinnern, die inlriminirte Äeußerung ge- hört zu haben, das Schöffengericht hielt den Angeklagten aber auf Gmnd der Bestätigung der beiden Beamten für überführt und diktirte ihm eine vierwöchige Gefängnißstrafe zu. Der Staatsanwalt, welcher vier Monate beantragt hatte, sowie auch der Verurtheilte legten die Berufung ein und somit kam die Angelegenheit gestern vor der Bemfungs-Strafkammer des Landgerichts I. zu nochmaliger Verhandlung. Von beiden Seiten war die Berufung erfolglos, denn der Gerichtshof fand sich nicht veranlaßt, an dem ersten Urthetle etwas zu ändern. Vereine nnd Versammlungen. „Sollen die Sanitätswachen von der Stadt über- nommen werden?" Diese Frage wurde gestern Abend in einer Versammlung des Bezirksvereins im Stralaucr Stadt- viertel erörtert, welche im Grand Hotel am Alexanderplatz statt« fand, und zu welcher sämmtliche Stadtverordnete Einladungen erhalten hatten. Von den letzteren waren erschienen die Herren Haß, Morcke, Görcki, Bernhardt, Ripbcrger, Namslau, Gerth und Singer, während sich sechs Stadtverordnete entschuldigt hatten. lieber das zur Tagesordnung stehende Thema referirte Herr Rothenberg, der zunächst aus die Geschichte der Sanitätswachen einging. Im Ganzen bestehen in Berlin 14 Eanitätswachen; um dem Bedürfniß in allen Stadttheilcn zu genügen, seien etwa 20 Wachen nothwendig. Der Redner beantragte folgende Resolution:„1. Die städtischen Behörden haben die Pflicht, die bestehenden und noch zu errichtenden Eanitätswachen zu reglementiren, zu überwachen und zu subventioniren. 2. Nach einem Zeittaum von drei Jahren haben sich dieselben dahin zu entscheiden, ob und nach welchem System die Sani- tätswachen von der Stadl oder der Polizeiverwaltung, analog der Feuerwehr-Einrichtung, zu übernehmen sind." Herr Fried- länder, Vorsitzender der Sanitätswache in der Brüdcrstraße, erklärte sich für die Uebernahme der Sanitätswachen durch die Stadt und für eine bessere Organisation derselben. — Stadtverordneter Singer:„Die Eanitätswachen sind eine zu nothwendige und' zu würdige In- stitution, um auf den Bettel angewiesen zu sein, auch ist die Wirksamkeit der Eanitätswachen durch den Mangel an Mitteln in einer Weife beschränkt, daß sie ihren hohen Zweck nickt erfüllen kann. Deshalb hat die Stadt die Pflicht, für diese Institutionen einzutreten. Außerdem wird die Stadt ein gutes Geschäft dabei machen, denn sehr viele Nothfälle entstehen aus der Versäumniß rechtzeitiger ärztlicher Hilfe und letztere wieder aus dem Mangel an Mitteln zur Bezahlung eines Arztes. Wird diese ärztliche Konsultation unentgeltlich möglich, so werden sich die Fälle der Verarmungen und der chronischen Krank- heitcn, damit auch die Füllung der städtischen Krankenhäuser ver- mindern. Die Stadt hat doch für andere Institutionen, z. B. für Wohlthätigkeits-Vereine, die im Auslande ihren Eitz haben, Mittel bereit, ebenso für andere Unternehmungen, die keines- wegs den Beifall der Allgemeinheit haben." Diesen Ausfüh- rungen schloß sich Stadtverordneter Görcki an, der geltend macht, daß die Stadt dock für andere Repräsentationen Geld habe. Stadtverordneter Namslau: Mit der letzten Äeußerung hat der Vorredner wohl die Bewirthung der Telegraphen- Konferenz gemeint. Jedermann ist doch verpflichtet, Gastrccht zu üben(Rufe:„Für sein Geld!" Große Unruhe.) Auf dem Wege der Vorredner wird die Sache nicht gefördert, dieselben haben sich künstlich einen Gegner low struirt; auf allen Seiten der Stadtverordneten-Versammlung aber ist man sich über die Wichtigkeit der Frage einig. Bettelei darf man aber die auf den Wohlthätigkeitsstnn bastrte Thätigkeit nicht nennen. In der Stadtverordneten-Versammlung herrscht die wärmste Sympathie fürdie Frage. Herr Scheyer warnte davor, diefe Humanitätsfrage zu einer Parteifrage zu machen. Stadtverordneter Getth:„Daß die Stadt sich noch nrcht mehr der Sache ange- nommen hat, liegt daran, daß sie die Vorarbeiten, welche sie in den Händen vertrauenswürdiger Männer weiß, noch nicht für abgeschlossen hält. Für diese Zwecke hat jede Partei ihr Scherflein beigetragen, als Parteisache wird die Frage auch in der Stadtverordneten-Versammlung nicht behandelt werden, son- dern man wird sie einer Kommisston übergeben und damit in gute Hände legen."(Beifall.) Herr Rothenstein hält die Sache für voll- ständig spruchreif und der gegenwärtige Zustand der Eanitätswachen einer Großstadt unwürdig, dieselben müßten nament- lich auch Nachts mit Arzt und Heilgehilfen, sowie mit den nöthigen Medikamenten versehen sein. Auf alle diesbezüglichen Petitionen sei man jedoch von Seiten des Magistrats nicht eingegangen. Der Referent zog seine Resolution zurück, da er den Verhandlungen der Stadtverordnetenversammlung nicht vorgreifen wolle. Der NnterstützungSverew deutscher Schuhmacher, Filiale Berlin, tagte am Montag, den 21. d. Mts., Abends 8'/- Uhr, im Vereinlolale, Kommandantenstraße 71— 72. Tages- Ordnung: Vortrag über Musterzeichnen und-schneiden. Verschiedenes. Der Vortragende, Fachschullehrer Herr Vonhoff, wies namentlich darauf hin, daß es nothwendig sei, um den Anforderungen, die gegenwärtig an den Arbeiter gestellt wer- den, zu entsprechen, daß jeder Kollege bestrebt sein müßte, außer der praktischen Arbeit sich auch im theoretischen Muster- zeichnen auszubilden. Er empfahl zu diesem Zweck die Grün« dung einer Fachschule nach dem„System Knösel" Im Weiteren versprach der Vottragende, in künftigen Versammlungen Näheres in dieser Sache zu eröttern. Er fühtte am Schlüsse deS Vortrages eine Probe-Musterzeichnung aus und erntete für seinen Vortrag reichen Beifall. In der Diskussion sprachen fi» mehrere Redner im Sinne des Vottragenden aus, worauf der Vorsitzende erllätte. die weitere Besprechung dieser Ange- die Mittheilung, daß der Schuhmacherstterk in Arnstadt beendet sei und zwar zu Ungunsten derZArdeiler. Herr Kdrdel plarditte für Gründung eines Fonds zur Beschaffung einer Vereins- Bibliothek. Nach Erledigung der im Fragekasten befindlichen Fragen schloß der Vorfitzende die Versammlung mit der Be- lanntmackung, daß in demselben Lokale am 5. Oktober eine General-Versammlung iämmtlicher Mitglieder stattfindet. Der„Arbeiter-Bezirks-Verein für deu Osten Ber- lins hielt am Dienstag, den 22 d. Mts., in Kellers Lokal, Andreasstraße 21, eine Versammlung ab, in welcher Herr Dr. Stahn einen Vortrag über„Die Ewigkeit der Welt uud die Zeitlichkeit ihrer Gestaltungen" hielt. Refeient äußerte etwa Folgendes: Die Welt, die Gesammtheit des SeinS, des Wal» lenden, sich Bewegenden, ist ewig, d. h. sie ist stets gewesen und wird in alle Ewigkeit sein. Die Lehre von ihrer Erschaf- fung durch höhere, menschenähnliche Wesen aus nichts, ist irrig. Es giebt kein Nichts. Jede vorhandene Gestalt, Stern, Pflanze. Thier oder Mensch, selbst die Nichrgestalt, die Luft, der Aether, besteht aus Etwas, aus Stoff. Es giebt zwei Atten von Stoffen:». Regstoffe oder Geister und b. Träastoffe oder Leiber, Elemente, a. Regstoffe(Geister) giebt es zwei: Magnetas und Elektras,(Finsterniß und Licht, oder Kälte und Wärme), andere als diese beiden Geister giebt es nicht: b. Träastoffe, Elemente, Leiber giebt es einige 60. Der wichtrgste im Weltall verbreitete Trägstoff ist Eifen. Alle Sterne, Pflanzen und Thiere bestehen zum größeren Theile aus Eisen. Ohne dieses wären sie außer Stande, sich zu bewegen, weil Magnetas und Elektras die beiden Reastoffe, Lebensgeister, das Eisen allen übttgen Elementen vorziehen, ihnen einzig zustreben. Ohne Eisen keine willkürliche pflanzliche und thierische Bewegung. Die wich- tigsten übttgen Stoffe, welche zur Gestaltung d-r Steine, Pflanzen und Thiere beitragen, find: Kall, Kali, Natron, StickstoffI Kohlenstoff, Wafferstoff und Sauerstoff. Der Sauerstoff besitzt die Fähigkeit, das Eisen aufzulösen, seine Gestalten wieder zu zerstören, sie in gestaltliche Wesenhellen, Flüssigkeiten und Gase umzuwandeln, keineswegs aber die Zauberkunst, eS gänz- lich zu vernickten, es zu einem wirklichen, leeren Nicht« zu machen. Die Lehre, daß die, einst durch die Götter aus Nichts geschaffene Welt auch wiederum in ein Nichts zerfallen würde, est deshalb ebenfalls irrig. Redner schloß seinen mit stürmt- fchem Beifall aufgenommenen Vottrag mit den Motten: Die West ist ewig, sie war von Ewigkeit her und wird auch in alle Ewig» lest weiter sein und bleiben. An der hierauf folgenden Diskusston betheiligten sich die Hrn. Schuhmachermstr. Mehner und Tischler Gustav Voigt. Erstcrer äußette sich dahin, daß aus dem Vor« trag deutlich zu ersehen sei, daß Glaube und Wissenschast sich grell gegenüber stehe und daß beiden nicht gleichmäßig der gesetzliche Schutz zu Theil wird, und daß der Glaube vor der Wissenschaft zurücktreten muß. Es wird Aufgabe der Arbeiter sein, dafür zu sorgen, daß sie aus ihren Kindern der zukünf» tigcn Generation nicht nur gläubige, sondern denkende Staats- bürger zu erziehen bestrebt seien. Es wurde hierauf in den 3. Punkt derTagesordnung„Verschiedenes" eingetreten. Es wurden zu Kontroleurcn gewählt: die Hrn. Bär, Schacht, Galle, Pohl, Jnstnger, Kuglcr und Petrich. Ferner wurde ein Antrag:„Auch dieses Jahr einen Vereinskalender herauszugeben", gegen eine Stimme angenommen und das Weitere dem Vorstand über- lassen. Nachdem Herr Voigt die Anwesenden zu recht reger Agitation für das„Berliner Volksblatt" aufgefordert, schloß der Vorsitzende, auf die nächste Versammlung, welche am 6. Oktober in demselben Lokal stattfindet, aufmerksam machend, dieselbe um 11'/* Übt. In der letzten Generalversammlung der Stuckateure refetttte Herr Heindorf über den Fachoerein von früher und jetzt. Redner bemerkte unter Anderem, daß wohl die mangelhafte Ausarbeitung der stüheren Statuten Schuld daran hatte, daß der Verein so gesunken war, die derzeitigen Mitglieder hätten das erkannt, was die heutige Versammlung zur Genüge beweise. Er(Redner) freue sich, daß die Bemühungen der Kollegen so von Erfolg gewesen seien. Er legt der Veisamm- lung ans Herz, den Egoismus fallen zu lassen und nur für die Interessen des ganzen Gewetts zu streben, durch rege Be- theiliaung einen Fonds zu gründen, der es dem Verein er» möglicht, bei etwaiger Ardeitseinstellung der Kollegen in Wert« statten, wo der tarifmäßige Preis nicht gezahlt wird, dieselben unterstützen zu können. In der Diskussion sprachen sich noch mehrere Redner im gleichen Sinne aus, und empfahlen den Anschluß an dem Verein. Herr Gottheiner beleuchtete die Lage der Berliner Stuckateure gegenüber anderen Arbeitern und zeigte, wie sehr Ersteie im Nachtheil sind, dies zu bessern sei Pflicht eines jeden Kollegen. Zum Schlußwort bemerkte Herr Hein- dorf: Da ihm keine Opposition gemacht werde, nehme er an, die Versammlung sei gewillt sich fest dem Verein anzuschließen, er empfiehlt Einigkeit und weist auf die Votträge, welche in den Vereinsversammlungen demnächst gehalten werden sollen, hin. Her Werder fordert zum Eintritt tn die freie Hilss lasse auf. Es entspinnt sich darüber eine längere Debatte für und wider die Ortskasse, und über das Verfahren der Gewerksärzte. Man beschloß, diesen Punkt auf die Tagesordnung einer späteren Vereins- Versammlung zu setzm. Nächste Vereinsver- sammlung Montag, den 5. Oktober, Abends 8 Ühr, in Nieft'S Salon, Kommandantenstr. 71/72. dt». Der Verein zur Wahrung der Interessen der Berliner Maurer beschäftigte sich in seiner Äitgliederver« sammlung am 22. d. M. zunächst mit der geplanten Fachschule zur baugewcrblichen Ausbildung der jüngeren Vereinsmitglieder im Bauzeichncn, Rechnen, Malhematil-c.— Der Vorsitzende, der über diesen Gegenstand refetttte, empfahl mit Wärme die Errichtung einer solchen Schule durch den Verein, besonders im Hinblick auf die früher oder später zu ermöglichende Grün- dung einer Arbeiter-Bau-Produktiogenossenschaft im Falle eines künftigen größeren Streiks. In der sich hieran anschließenden Diskussion sprachen u. A. die Herren Däumichen, Heinrich und Weinert gegen, die Herren Weiße, Krüger und Wille für eine derartige VercinS-Fachschule und lehnte man bei der Abstim- mung den betreffenden Antrag ab, doch wurde auf Antrag des letztgenannten Redners an die etwaigen Theilnehmer an einer solchen Fachschule, zu deren ersten Einrichtung ein Beitrag von 6 Matt pro Person zu zahlen sein würde, die Aufforderung gerichtet, ihre Namen aufzeichnen zu lassen, worauf sich ca. 40 Reflektanten meldeten.— Sodann wurden die Eraänzungswahlen zu dem Ausschuß vollzogen, welchem die Bearbeitung der Rechtsschutz Anträge. UnterstüyungSangelegenheit zc. obliegt. Betreffend die gleich- falls auf der Tagesordnung stehende Erttcktung einer Wander- unterstützungskasse wurde zur Regelung dieser Angelegenheit eine Fünfelkommisston gewählt. Ferner beantragte Herr Rilh« licke den(die Akkordarbeiter von der Vereinsmitgliedschaft aus- schließenden) Paragraphen des Vereinsstatuts dahin zu ergänzen, daß„der Wiedercinttttt von wegen Akkordarbeit bisher nicht in den Verein aufgenommenen oder aus demselben als Mitglieder ausgeschlossenen Maurern nur dann zulässig ist, wenn dieselben nachweislich mindestens em volles Jahr nicht aus Akkord ge- arbeitet haben." Dieser Antrag gelangte einstimmig zur An- nähme. Die Freie Vereinigung der Vergolder und Fach- genossen hielt am Montag bei Keller, Andreasstr. 21, ihre monatliche Versammlung ab. Beim eisten Gegenstand der Tagesordnung:„Abrechnung vom Stiftungsfest", konstatitt der Kassircr einen Ueberschuß von 46,30 Mark. Im zweiten Ge- genstand der Tagesordnung wurde über die Frage diskutttt, welcher von den destehenden gewerkschaftlichen Vereinen der Vergolder der leistungsfähigste wäre.� Der Vorsitzende ist der ,......................................... letzten 1882 nicht so viel Unterstützung, als die Mitglieder des Fach- vereinS der Vergoldet. Der jetzt neugeschaffene„Unterstützungs« Berein der Vergolder" versvricht im§1 des Statuts bei 20 Bf. Beitrag pro Woche Unterstützung bei Arbeitslosigkeit, bei Auswanderung, bei unverschuldeten Nothfällen k. Dreses waren alles Versprechungen auf dem Papier, die bei 20 Pf. Beitrag später nicht gehalten werden könnten. Die„Freie Vereinigung der Vergolder" verspricht bei 10 Pf. Beitrag pro Woche vielleicht bedeutend weniger: Unterstützung bei partiellen wie allgemeinen Streiks, das Wenige wiro der Verein aber auch voll und ganz zur Zeit erfüllen können. Herr Jehnsch ist der Anficht, daß der„Unterstützungs- Verein" seine Versprechungen bei 20 Pf. Beitrag wohl er- füllen könne und führt den Untcrstützungsverein oer Buch- drucker an, die bei 35 Pf.(?) Beitrag pro Woche noch mehr leisteten. Herr Echindling rst der Ansicht, daß die Buchdrucker, welche zcntralifirt sind, mit den Berliner Vergoldern gamicht zu vergleichen wären. Im dritten Gegenstand der Tages- ordnung, Kahl des Vorstandes, wurden zum ersten Vorsitzenden C. Vieth, zum zweiten Vorsitzenden I. Schindling, zum Kas- firer W. Behrendt, zum stellvertretenden Kasfirer M. Reuß, zum Schriftführer E. Vieth, zu Beisitzern Croe und Hoffmann, zu Ausschußmitgliedern Herkewitz, Bergemann und Wilsly gewählt. Bei„Verschiedenes" kam ein Brief vom Ottensener Fachverein der Vergolver an einen Kollegen zur Verlesung, worin die- selben anfragen, ob hier in Berlin gar kein Fachverein existirt, da sie noch nichts davon gehört hätten. Schließlich wurde noch beschlossen, in diesem Jahre ein kleines geselliges Vergnügen zu veranstalten., � Eine öffentliche Volksversammlung tagte am Sonntag, den 20. September er. in Rummelsburg, im Lokale des Heim Bollwin, unter Vorsitz des Herrn Klinger. Das Referat hatte Herr LaSke über Arbeiterschutzgesetz und Sonntagsruhe über- nommen. Der Herr Referent führte folgendes aus: Als vor Jahren von Seiten der Arbeiterpartei im Reichstage der Arbeiterschutzgesetzentwurf eingebracht wurde, fand derselbe kaum Beachtung. Immerhin sei es bedauerlich, daS von den Tausenden und abermal Tausenden von Arbeitern, welche sich nach einer Er- leichterung sehnen, sich ein so großer Theil von einer Verbin- dung mit ihren Kollegen fern hält. Jeder Einzelne möge be» denken, daß dieses Femhalten nicht zu seinem Vortherl ge- reiche. Dann schilderte er das Verderbliche der Gefängniß- arbeit, durch welche dem rechtlich denkenden Fabrikanten eine unheilvolle Konkurrenz bereitet würde. Die Gefängnißarbeit müsse dringend reformirt werden. Die Löhne, die in solchen Anstalten gezahlt werden, seien sehr gering. Auch das B«- streben der Sträflinge, recht viel Arbeit zu liefern, um einige Pfennige Ueberschuß zu erhalten, mache die Arbeit zu einer Schundwaare- Das Gefängniß dürfe nur für die Bedürfnisse der Anstalt arbeiten. Dadurch würde Hunderten von Arbeitern die Gelegenheit geboten, sich eine sichere Existenz zu schaffen. Auch die Frauenarbeit müsse geregelt und die Kinderarbeit muß beseitigt werden. Herr Baumbach habe zwar gesagt im Reichstage, daß die Kinder ein Vergnügen daran fänden, in der Fabrik zu arbeiten, anstatt sich im Freien zu tummeln. Schlechte Lebensweise und Ueberanstrengung legen schon in frühester Jugend dem Keim zum Srechthum. Auch die Frauen werden nur, weil sie bedeutend billiger arbeiten, verlangt. Sodann war eine Resolution eingegangen, welche lautete: „Die heute hier in Rummelsburg im Saale des Herrn Ballwrn ragende Volksversammlung erklärt sich mit den Ausführungen deS Herrn Referenten einverstanden in Bezug auf das Ar- beiterschutzgesetz und Sonntagsruhe, und verpflichtet sich auch, dafür einzutreten." Zur Diskussion meldete sich Herr Karl Strohburg zum Wort im Sinne des Referenten. Sodann Irgte Herr Elias den Versammelten recht warm ans Herz, daß sie sich recht zahlreich an dem Arbeiter- Verein„Hoffnung" für Friedrichsberg und Umgegend betheiligen möchten, denn da- durch könne nur ein richtiger, fester Halt erzielt werden. Ferner sprach der Herr Vorfitzende über die Petitionslisten zum Ar- beiterschutzgesetz und betonte, daß daS Einzeichnen in die Listen Pflicht eines jeden Arbeiters wäre. Es wurde ferner bekannt gemacht, daß die Listen zum Einzeichnen ausliegen bei den Herren Elias, Blumenthalstr. 35, vorn 4 Tr., Maynhart, Rurnmelsburgcrstr. 64, Julius Vieweg, Chausseestr. 23, vorn 1 Tr., im Verernslokal des Herrn Neumann, Gürtelstraße 41, Rosenkranz, Rummelsburg, Schillerstr. 30, v. 1 Tr.(sämmtlich in Friedrichsberg). Mit der Bitte um Veröffentlichung geht uns folgend) Zuschrift zu: In dem Bericht Nr. 223 Ihres Blattes„Ver- sammlungen des Vereins Berliner Arbeiterinnen" im„Deutschen Kaiser" find mir Worte in dm Mund gelegt, die ich nicht gebraucht habe, auch nicht habe brauchen wollm. Wie es scheint, hat Ihr Herr Referent bei dem entstehenden unanstän- digen Tumult den Wortlaut deffen, was ich gesagt habe, un- richtig aufgefaßt. Ich erklärte:„Hunderte von Mäntelnähe- rinnen find nicht im Stande, mehr als 50—60, höchstens 75 Pf. zu verdienen, da ihnen ganz und gar die Fähigkeiten dazu ab- gehen und diese Arbeiterinnen sehr viel Schuld an den schlech- ten Arbeitslöhnen haben." Zu weiteren Ausführungen, be- treffmd das Minimal-Arbeitslohn, bin ich leider nicht gekommen. Von einem„Tagelohn" habe ich nichts erwähnt, da es in der Mäntelbranche nur Akkordpreise giebt. Um Aufnahme dieser berichtigenden Zeilen bittet ergebenst Frau Anna Piellusch. Allgemeine Kranken- und Sterbe-Kaffe der Metall- arbeiter(E. H. 29 Hamburg) Filiale Berlin Vi. Sonntag, den 27. d. Mts., Vorm. 10'/, Uhr, findet Elisabethkirchstt. 6 bei Herrn Kilian eine Mitglieder-Versammlung statt. Tages- ordnung: 1) Kassenbericht. 2) Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen wird ersucht. Quittungsbuch legitimirt. Eine austerordentliche Versammlung der Mitglieder der Filiale dcr allgemeinen Kranken- und Sterbekasse der MetaUarwiter(E.H. Nr. 29) findet am Sonnabend im Restaurant Station Wedding bei Jakobs, Lindowerstr. 26, statt. Zentral-Kranken- und Sterbe-Kaffe der Drechsler und vcrw. Berussgenossen. Filiale 0. Denjenigen Mitgliedern, welche ihre Beiträge bisher in der Fischersttaße 24 entrichtet haben, hiermit zur Nachricht, daß die Zahlstelle am Eonnabend, den 3. Oktober nach der Fischcrstraße 29, Restaurant Laue, verlegt wird. Beiträge werden Sonnabends von 8—10 Uhr Abends entgegengenommen. Fachveret» der Bau- und Fabrikarbeiter zu Köpenick. General- Versammlung am Eonnabend, den 26. September, Abends�3> 2 Uhr, im Schützenhause. Tagesordnung: Vortrag des Predigers Herrn Kendziora über:„Kullurzustand Deutschlands zur Zeit der Reformation". Aufnahme neuer Mitglieder.— Mitgliedsbuch legitimirt. Oeffentliche General-Versamnrlung der Steinträger Sonntag, den 27. September, Vormittags bei Gratweil, Kom- mandantenstr. 77/79. Tagesordnung:„Unsere Stellung zur Sonntagsruhe und zum Ärbeitersckutzgesetz." Referent: Herr Zubeil. Die Petttion für das„Aroetterschutzgesetz" kann in. der Versammlung unterzeichnet werdm. Beitrage zum Unter- stützungsfonds werden in der Versammlung entgegengenommen. Es wird ersucht, diese Beiträge schon in dieser Woche auf sämmtlichen Bauten zu sammeln. Zentral-Kranken- und Sterbekasse der Drechsler und verwandten Berufsgenossen Deutschlands(E. H. Nr. 48) Hamburg, örtliche Verwaltungsstelle Berlin B. Die Zahlstellen dieses Bezirks befinden sich: 1. Reichenbergerftraße 21 bei Schröder, 2. Skalitzerstr. 25 bei Munske, 3. Prinzen- und Annenstr.>Ecke bei Furke. Im Arbeiter Bezirksverein der Oranienburger Vor- stadt und des Wedding hielt am Dienstag Abend Herr Vaake einen interessanten Vortrag über Bauernkriege. Der Vortra- gende erntete reichen Beifall. An der Diskussion betheiligten sich unter Andern die Herren Woyak, Bernstein und Boy. Nächste Versammlung Montag, den 5. Oktober. Vortrag des Herrn Paul Singer. Zentral-Kranken- und Begräbnistkasse der Sattler und Berufsgenoflen Deutschlands(Hoffnung) E. H. 64. Ortliche Verwaltungsstelle Berlin. Sonniag, den 27. d. Mts., von Abends 6 Uhr ab, geselliges Vergnügen, verbunden mit Tanz, in den Vereinssälen der Gratweil'schen Vierhallen. Entree inkl. Tanz 20 Pf. Gäste, durch Mitglieder eingeführt» willkommen. Zugleich den Kollegen zur Nachricht, daß Sonn- abend, den 24. Oktober, im Lokale von Nieft, Kommandanten-- straße, ein Vergnügen zum Besten eines im Berufe verunglückte» Kollegen stattfindrt. Kriefliasten der Reaktion. A. B. 64. Die Verjährungsfrrst läuft am 31. Dezember d. I. ab. Vieweg. 1. Der Zuziehung der Ehefrau bedarf es nicht. 2. Provinz Posen. Bömmcr. Die Kasse hat für die im Statut bestimmte Zeit das Krankengeld zu zahlen. S. Kottbuserstr. Sie müssen den Grund der Forderung darlegen und beim Amtsgericht den Erlaß des Zahlungsbefehls beantragen. Kretz. Nein. A. B. 100. Die Frage läßt sich nur beantworten» wenn wir Kenntniß vom Jnhatt der Gerichtsakten hätten. f. E. 1886. Die Verjährungsfrist beträgt 5 Jahre. , M. Sie müssen auf Grund des Pfandscheins die Sachen auslösen, Ihren Schuldner verklagen und sodann ln die ausgelösten Pfandstücke die Zwangsvollstreckung vornehmen lassen. A. I. 4008. Bis zum 1. Mittags. B. B. 1. Verde find strafbar. 2. Ja. 3. Keine straf» bare Handlung. A. B. Zur Beantwortung nicht geeignet, wenn Sie uns nicht mittheilen, weswegen Sie diese Maßregel treffen wollen. §. O. 30 Jahre ist die Verjährungsfrist. kolkovy. Sie können die Kosten der Reparatur vom Miethszins in Abzug bringen. Theater. Opernhaus. Heute: Marie, oder: Die Tochter des Regiments. Schauspielhau». Heute: Faust. Deutsche« Theater. Heute: Des Meeres und der Liebe Wellen. Krtedrich-Wilhelmstädttsche» Theater. Heute: Die Fledermaus. Restdenz-Theater. Heute: Theodora. Wallner-Theater. Heute: Sie weiß etwas. Hierauf: Papageno. Belle-Alltance-Theater. Heute: Ein weißer Rabe. Walhalla-Operetten-Theater. Heute: Don Cesar. Vtktoria-Theater. � wwaw«._ Alte Jakobstraße 37. Direktion: Adolph Ernst. H-Ute: Zum 56. Male: Die wilde Katze. Gesangsposse w 4 Akten von W. Mannstädt. Musik von G. Steffen». Louiscnstädttsches Theater. Direktion: Jos. Firmans. Heute: Die Zauberflöte. Ostend-Theater. Hmte: Gastspiel der Liliputaner. Die kleine Baronin. Theater der ReichShallen. Täglich: Aufteten sämmtlicher Spezialitäten. American-Theater. Täglich: Auffteten sämmtlicher Spezialitäten. Kaufmann'» Variete. Täglich: Große Spezialitäten-Vorstellung. Konkordia. Täglich: Austreten sämmtlicher Spezialitäten und theatralische Vorstellung._ A Iii Ambra-Theater. Zum 6. Male, mit durchweg neuen Dekorationen: ttebet Land und Meer. Amerikanisches Volksstück mit Gesang und Tanz in 3 Asten und 8 Bildern von Finke und Lmderer. Dekoratwnen auS dem Atelier der Herren Hartwig und Hintze. 1193) Danksagung. Allen Denen, die meiner lieben Frau und unserer unvergeßlichen Schwester das Ehrcngeleite ihrer Ruhestätte gegeben, unfern trefgesühltesten Dank. 2277] A. SalewSky nebst Angehörigen. :au I J Versammlung des Fachverews der Rohrleger und Berussgenossen de�Wslf'-U Kröger,' -�n-n. Der Vorstand.' August Herold Berlin SO., 113 Skalitzerstrasse 113. Miibel-, Kpiegel- lliul Polslemaarm Magazm Bgene Fabrik, Solid# Preise. Prompte Bedienung Oeffentliche Volksversammlung für Friedrichsfelde und Umgegend Sonntag, den 27. d., Vormittags 11 Uhr, in Friedrichsfelde, im Saale deS Herrn P a s i e k e r, Wilhelmstraße 38. Referent: Dr. Lütgenau über Arbeiterschutzgesetz und Sonntagsruhe.[2261 Mitglieder• Versammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen der Älaviecarbeiter Sonnabend, den 26. Sept., Abends 8'/, Uhr, in vratweil'S Bierhallen, Kommandantenstraste 77/78 (Oberer Saal). Tagesordnung: 1. Die heutige Schundkonkurrenz und wie verhalten sich die Fachvereine demgegenüber? Ref.: Kollege K i e tz k e. 2. Bericht über die mündlichen Verhandlungen auf dem Polizei Präsidium, betreffend die Sonntagsruhe. 3. Verschiedenes. Gäste willkommen. Mitglieder, welche mit ihren Beiträgen im Rückstände sind, werden ersucht, diese zu begleichen. 22a8] Der V o rst and. Äußerordeutliche Generalv ersammlung der Goldschmiede«. Bernssge«. (E. H. Nr. 72.) Freitag, den 2. Oktober. Abend» 8 Uhr, in Rieft'S Restaurant, Kommandantenstr. 71/72. Tagesordnung: 1. Statutenänderung d.§§ 4, 5, 7, 11, 13, 16, 18, 19, 24, 29. 2. Verschiedenes.- Das Kassenbuch dient als Legitimation.— Um zahlreiche? Erscheinen ersucht 22631 Der Vorstand. DtlM du Ilililcr». Fchgepsseli. Sonnabend, den 26., Abend» 8'/, Uhr, in Gratweil's Bierhallen, Kommandantenstt.77/79. V ergammlmig. Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 4. Fragekasten. Gäste find willkommen. Aufnahme neuer Mitglieder. 22571 Der Vorstand. NB. Der Arbeitsnachweis des Vereins befindet sich Krausen- straße 11. Die Stellenausgabe geschiebt an dm Wochentagm Abends von 8—9 Uhr, an Sonntagen Mittags von 12—1 Uhr. Ein g. Piano, 10 Thlr„ z. v. Oranienstr. 4, u l.[2264 Dm Mitgliedem der ssentral-Kranken- und Begräb- nistkasse der Sattler und Berufsgenoffen(e. H.), örtliche Verwaltung, zur Nachricht, daß der erste Kasfirer, Kollege S ch w a r tz, Müllerstraße la, der zweite Kasfirer, Kollege F. Schysarn, Neue Jakobstraße 11 wohnt; bei letzterem finden die Krankenmeldungen statt.[2253 I. A.: E. Bäthge, Vorsitzender, Fürstenstraße 19. „KamWer lamtOofe". Aelltstts gleit Möulhtkls. Einzige» entschieden freifinniges Tageblatt der Lande»-» _ Hauptstadt. Mit 1. Oktober nächsthin beginnt ein neues Abonnement aus daS IV. Quartal des 61. Jahrganges zum bisherigen Preise von nur Mk. 1)60 ver Ouartal. Alle k. Poststellm nehmen Abonnements an.(Postzeitungs- katalog Nr. 145) Der„Baierische Landbote" bringt Original- Leitartikel» Politische Uebersicht, die wichtigsten Provinzialnachrichtm, eine reichhaltige Rubrik lokaler Nachrichten, vollständige Vereins« Nachrichten, wichtige Fälle aus dem Gerichtssaale und alle interessanten Vorkommnisse des öffentlichen Lebens im Reiche und im Ausland. Ein höchst spannender Original-Noma« von Julius Keller: Mit ungleichen Waffen und das Sonntagsblatt„Walhalla" bilden den feuilletonistischm Theil des Blattes. Inserate sind von anerkannt guter Wirkung. Die Tendenz des Blattes ist entschieden freisinnig und die Förderung der Jntereffen des arbeitenden Volke« seine Hauptaufgabe.[2276. Zu zahlreichem Abonnement ladet ergebenst ein München. Ktrlis des„gaitriftra Laidbotn". Gesellen auf gute Tische verlangt_[2275]_ F. Mttan, Wienerstraße 29. Einen Lehrling für gute Tischlerarbeit verlangt_[2256]_ F. Rehse, Skalitzerstr. 67. 1 Tischleraeselle auf Möbel 2262) Blumcnthalstraße 23 in Friedrichsberg. ,®in„ Gärtnergehilfe.XSÄÄ fprüchen Stell. Näh. Bergmannstr. 91 bei Fahldieck.[2238 Verantwortlicher Redaktrur A. Trsntzrt« in Berlin. Druck und Verlag von Map Babing in Berlin BW, Beuthstraße 2.