Nr. SS7. Dienstag, den 29. September 1883. II. Jahrg. erlimrVÄMi lrpn für Alf Interessen der Arbeiter. 4 Das..Berliner Volksblatt' Goüabomiement 4 Ml. Emzetne 3Ct. ö Ps.«somuags-�cummer mu iuujw. wen (Eingetrage« m der PostzeitungSpreiSliste für 1885 unter Nr. 746.) _ c,, Jnfertionsgebühr Mrägt für bte 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunst. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoneen» Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion: Kenthstraße S.— Expedition: Zimmerstraße 44. |tfetjt,�uni dieses it nunmehr auf anderthalb Jahre seines Bestehens zurück. ben unser ganzes Vertrauen auf die Berliner Arbeiterwelt Abonnements-Ginladung. Mit dem 1. Oktober eröffnen wir ein neues Abonnement auf daS „Berliner Volksblatt"-U dtt».-»«b-ti-«-„Mustrirtes Sonntagsdwlt". WK ML!#" �___________________________________________________ erworben, und die Arbeiter sehen ein, daß wir ihre »VWWKWM........ Arbetter, Handwerker Berlins! ix-«ammunalwablen nahen heran, und wenn in der Kommunal.Verwalwng etwas in unserem Sinne erreicht werden soll, dann dürft Ihr auch Euer Organ nicht oergeffen, welibes Euch w Wahllampf gegen Heuchelei und Reaktion kräftig zur Seite stehen wird.— Im nächsten Quartal werden wir im Feuilleton deS Hauptblattes den spannenden Roman „Die Hand der Uemest»" von Ewald Äugust Äönig §Wfnffer ein erareifendes Bild des von den wildesten Leidenschaften zerrissenen Nachbarreiches. Die zweite Novelle: ,,�rau Therese", von den liebenswürdigen Erzählern Erckmann. ßf 6 ntri au wird allen unseren Lesern gleichfalls einen hohen Genuß bereiten. Keiner dürste die Novelle, ohne emste Anregung und Belehrung empfangen zu haben, aus der Hand legen. Vdoailiuu,_ /w» /«.<*<• Mr.« t** t t er Staat und Gemeinde, Vereins« und Versammlungsfreiheit, Preßfreiheit, gleiches se wird angebahnt durch Erstrebung höherer Löhne, Verkürzung der Arbeitszeit, und Einführung einer Maximalarbeitszeit und in Verbindung damit auch eines Das tt Berliner Volksblatt" mit der Gratisbeilage „Illustrirtes Sonntagsvlatt" f. pro Monat, 35 Pf. �wöchentlich. Bestellungen weiden von sämmtltchen Zeitungs-Epediteuren, sowie von der Expedition, Zimmer- ölt» gethan zu haben, aber immer noch mehr soll eS unsere Aufgabe sein, unserem Berufe, die Interessen bei arbeitenden S�oIfL wahrzunehmen, gerecht zu werden. Der heutigen Nummer liegt ein Bestellzettel bei, wir bitten, recht ergiebigen Gebrauch von demselben zu machen. Wenn jeder bisherige Abonnent seinem Organ neuen zuführt, so hat er seine Schuldigkeit gethan.__ Di» Nedakti-n de-„Serliner U-tk-blatt". einen Der volksVirihschststliche Kongreß. Zu Nürnberg waren wieder jene Herren beisammen, die alljährlich sich versammeln, gut essen und trinken, dazu einige Reden halten und sich dann„volkSwirthschaftlicher Kongreß" nennen. Ein stolzer Name fürwahr, um so stolzer, al« auf diesem„Kongresse" nur eine volkSwirthschaftliche Richtung vertreten ist, nämlich jene Richtung, welche St. Man- chester zum Schutzheilige» hat. Da« große Wort auf diesem„Kongreß" führte, wie gewöhnlich bei solche« Gelegenheiten, Dr. Barth, der sich zur Aufgabe gestellt hatte, die Interessen des von ihm ver« ttetenea mobile» Kapttals gegen die Interessen des Grund- besitze« zu verfechten. Der literarische Schützling der Herren Bamberger und Rickert, der ei« von ihm herausgegebenes Wochenblatt mit dem bescheidenen Name»„Die Nation" geschmückt hat, hatte die schöne Aufgabe, sich zu geberden, al« sei der Kampf der Vertreter des mobilen Kapitals gegen die de« immobilen ein Kampf von freiheitsliebenden Volksmännern Sgen eine reaktionäre Gewalt, genau so, wie sich die großen rundbesitzer gerne al« Anwälte de« armen Mannes auf- spiele». Ob alle diese Auguren von rechts und lwks wohl da« Lachen halten können, wenn sie sich unter vier Augen begegnen? Und nun lesen wir wieder in de«„freisinnigen" ■atota-l JeuMeton. Da« Mormoxettmadche». «merikanssche Erzählung 67 von valdui» Möllhaufe«. (Fortsetzung.) „Hast Du gehört?" fragte sie ihre» Onkel leise, und jualeich hielt sie sich mit beiden Händen am Sattel, um das .eichgewicht nicht zu verliere«. „Ich h«be e« gehört, mein gutes Kind," antwortete ~..c Augenblicke außer Fassung freundlich zu.' „Sei stark, mein Kind," sagte er zärtlich, als Hertha sich schwer auf seinen Arm lehnte,„gewinne es über Dich, nicht durch jeden Zufall die ttaurigen Bilder der Vergangen- hett vor Dir erscheinen zu lassen." „O, Onkel, war e« mir doch, als hätte sie gerufen; verzeihe mir, so, nun ist AlleS wieder gut," fuhr sie fort, „es kam zu plötzlich; zuerst die Aehnlichkeit des Kinde«, dann die Sttmme— Ihr seht," wendete sie sich dann schwermüthig lächelnd dem erstaunten Missionär zu,„auch ich habe in meinem Leben schon so traurige Erfahrungen gemacht, daß die Erinnerung an die Vergangenheit mich zu- weile« übermannt. Aber nun ist Alle« wieder vorüber, und ich bin bereit, Euch zu folgen." Der Missionär, den Knaben«och immer auf dem Arme, rief eine« Indianer herbei, dem er die beide» Pferde über- Blätter», daß m Nürnberg die Wissenschast gesprochen hat, die VolkSwirthschast! BeneidenSwertheS Deutschland— Dr. Barth und Wissenschast! Wir haben unS immer kostbar amüsirt, wenn einer dieser geborenen Handelskammersekretäre 5 In Barth die deutsche Wissenschaft zu repräsentiren vor- gab und sich aufblies bis zum Zerplatzen wie jener be- kannte Frosch der Fabel. So auch diesmal, denn es ist in der That ein interessantes Schauspiel, dieser Papageienarbeit zuzusehen, dieser mechanischen Aufzählung von ehrwürdigen Gemeinplätzen, die dann stolz al«„Wissenschast" in das große Buch der Geschichte der volkSwirthschaftliche« Kongresse eingetragen werden. Barth, Baumbach und Weigert— wo die« Dreigestirn glänzt, da geht e« dem armen Normalarbeitstag schlecht; noch schlechter aber naturgemäß dem„Normal- arbeitSlohn", welche Bezeichnung Herr Baumbach für den M i n i m a l l o h n dem Publikum aufdrängen will. So wurde denn in Nürnberg selbstverständlich eine Resolution angenommen, welche sich gegen Normalarbeitstag und„Nor- malarbeitslohn— also gegen den Minimallohn, der gesetz- lich festzustelle« ist— ausspricht, dagegen„die mögliche Reduktion d er ArbeitSzei t als erstrebenS- werth bezeichnet". Es geschehe« Zeichen und Wunder! Die Zünger St. Manchester« halten also eine Reduktto» der Arbeitszeit nicht gab, worauf er an Hertha'« andere Seite trat, um sie nach den Zelten hinzubegleiten. „So jung und doch schon so bittere Erfahrungen!" entgegnete er in seiner sinnenden, liebevollen Weise;„e« ist hart, mein liebe« Kind, und dennoch entgehen nur wenig Menschen diesem Loose. Von denen aber, die zu leide» aus- erkoren sind, giebt e« noch weniger, die mit christlicher De- muth ihr Kreuz auf sich nehmen und selbst in dem größte« Unglück Gotte« Hand erkennen." Als der Missionär dies sagte, hatten sie sich dem Lager biS auf wenige Schritte genähert; in demselben Augenblick trat aber eine hohe schöne Frauengcstall hinter dem Zelt hervor, um den Missionär und dessen Gäste willkommen zu heißen. Mechanisch lüftete Jansen de« Hut; kaum hatte er m- dessen seine Blicke zu der jungen Frau erhoben, so bedeckte TodeSblässe sein Gesicht. „Herr deS Himmels!" rief er entsetzt auS, dann aber Sng er Hertha, die bewußtlos niederzusinken drohte, in seine rme auf. Der Missionär dagegen stand da, als sei er vom Blitz gettoffen worden. Er ahnte und errieth wohl die Wahr- heit, aber selbst für ihn war e» zu plötzlich, zu unverhofft gekommen.—_ Aufklärungen. Die scheidende Sonne warf eine« letzte» Blick über den nahe« GebirgSkamm und beleuchtete eme ergreifende Szene. Die junge Frau saß auf dem Erdboden, und an ibrer Brust lehnte Hertha, die Jansen behutsam hatte niedergleiten lassen. Holmste»'«'Gattin, den« sie war e« ja, hatte bei dem Anblicke der geliebte« Schwester nur da« stürmischste WZKWTWWs die„Freiheit"; sie müssen also die Freiheit, zu arbetten so viel man will, dem Arbeiter wahre«. Welche Keckheit war e« früher in den Augen dieser Herren, zu behaupte», eine Reduktton der Arbeitszeit sei„möglich"! Da« mußte« doch die Arbeitgeber am besten wissen, denn diese lassen ja nach Barth- Baumbach'scher VolkSwirthschast— genau ei« umjchwung vor sich gegangen in Bezug auf diese Ange- legenheit; weite Kreise auch außerhalb der Arbetterwelt sind nach und nach der Anschauung beigetrete», daß eine Ver- kürzung der übermäßig lange» Arbeitszeit nicht für die Ar- bester allein, sondern für da« ganze Volk nutzbringend sein „ i /fK. v* t nr*"-" so lange arbeiten, als für sie nothwendig ist Aber es ist offenbar in der öffentlichen Meinu« Umschwung vor sich gegangen in Bezug auf diese würde. Da zahlen denn Barth- Baumbach-'Weigert dem Zeitgeist auch ihren Tribut; sie erklären die Verkürzung der ArbestSzeit für„möglich". Nun könnten wohlmeinende Leute fragen:„Ja, wen« die Herren die Verkürzung der ArbestSzeit für möglich hal- te«, warum erklären sie sich denn gegen einen NormalarbestS- Entzücken über das unerwartete Wiedersehen empfunden; auf Hertha dagegen war da« plötzliche Erscheinen der Todt» geglaubten und Beweinten von betäubender Wirkung ge- verloren auch die sie umgebenden Gegenstände vor ihre« Augen die bestimmten Formen. Erst als sie neben ihrer Schwester auf dem Rasen ruhte, diese ihr unter heißen Küssen und Thrähnen des remsten Glückes und der tiefsten Wehmuth die süßesten Namen gab und sie in einem Athem inmg bat und ängstlich beschwor, endlich ihre Augen aufzuschlagen und sie anzublicken, da gab sich durch krampfhaftes Schluchze» da« zurückgekehrte Be- wußtsein zu erkennen. Missionär stand vor den Schwestern� den beftemdet Der rung und in wie hohem Grade er die Ausbrüche schwester» licher Liebe und Anhänglichkeit würdigte und die Freude der Wiedergefundenen theilte. Er sprach nicht, aber daß eS ihm vergönnt gewesen, Zeuge diese« Wiedersehens zu sein, da« erfüllte ihn mst stiller Zustiedenheit. Bildete eS doch einen Lichtpunst mehr m seinem Leben, auf welchem der in der Vergangenhest schweifende und suchende Geist mit Wohlgefallen rasten konnte. Jansen befand sich einige Schritte von der liebliche« zpe entfernt, die Hände hielt er vor sich gefaltet, und tiefe Rührung und unbesiegbare Zweifel kämpften auf seine« ernsten Zügen um den Vorrang. Wie ei» Strahl de« Glückes leuchtete ihm da« Bild der tag? Dieser bezweckt doch gerade die Verkürzung der Ar- beitSzeit." Gute Leutchen— da kennt ihr Buchholzen schlecht. Ueberlegt euch doch einmal daS Wort:„mögliche Verkürzung der Arbeitszeit." WaS ist denn auf wirthschaft- lichem Gebiet für den Manchestermann ,/nöglich"? Doch nur daS, was den Unternehmer, den Kapstalisten in der Aus- Übung und Ausnutzung seiner Vorrechte nicht einschränkt. Hoffentlich wird daS Dreigestirn Barth- Baumbach- Weigert so aufrichtig sei», diesen Satz zuzugeben. Sonach ist die Herabsetzung der Arbeitszeit wohl„möglich", aber nur info- fern der Unternehmer oder Arbeitgeber sich damit einver- standen erklärt. Wo er widerspricht, ist fie„unmöglich". Da begegnen wir ja einem alten Bekannten— von dem Harmoniedoktor Max Hirsch ist die Behauptung immer aufgestellt worden, die Verkürzung der Arbeitszeit dürfe nicht durch Gesetz angeordnet werden, sondern müffe auf einem „freien" Vertrage zwischen Arbeitnehmer und Ar- beitgeber beruhen. Wenn dieser„freie" Vertrag nicht zu Stande kommt, bleibtS beim alte«. Selbstverständlich ist ein solcher Vertrag nur für den Arbeitgeber ein freier. Diesen alten Gaul— den„freien" Vertrag— hat Max Hirsch so sehr abgetrieben, daß der Harmoniedoktor sich zeitweilig veranlaßt gesehen hat, abzusteigen, um da» arme Geschöpf nicht ganz zu Tode zu reiten. Nun setzen sich Barth-Baumbach-Weigert zumal draus. Da wird'S nicht mehr lange dauern, bis das abgehetzte Wesen keuchend zusammenbricht. Daß es für diese Herren kaum einen größeren Greuel aeben kann, als den staatlich festgesetzten Normal- Arbeitstag, liegt auf der Hand. Aber glauben sie denn wirklich, saß sie die Arbeiter täuschen können, wenn sie von einer„möglichen Verkürzung der Arbeitszeit" sprechen und dann doch de» Normalarbeitstag für unmöglich erklären? Wollen die Henen„dem braven Arbeiter" ein wenig in die Wange kneifen, indem sie eine Verkürzung der ArbestSzeit für„möglich" erklären? Die Arbeiter werden sich durch das Kneife» nicht ab- halten lassen, jenen Herren bei Wahlen und ähnlichen Ge- legenheiten mit einem Nasenstüber zu antworten. Sie lieben die Pfaffen im allgemeinen nicht, am allerwenigsten aber die Pfaffen von St. Manchester. Politische Urberstcht. Die Karolinen-Frage scheint nunmehr einer friedlichen Lösung ficher, wenigstens find jetzt Wege eingeschlagen, welche schwerlich zu einem blutigen Konflikt führen werden. Neueren Nachrichten zufolge find die bctheiligten Regierungen, die spa- nische sowohl wie die deutsche, dahin übereingekommen, den Papst als Vermittler sungiren zu lassen und derselbe soll die ihm zugedachte Rolle auch zu übernehmen gewillt sein.— Auch die Wappen-Angelegenheit dürfte demnächst einen befriedigenden Abschluß erhalten. Die spanische Regierung hat sich wegen der Niederreißung deS deutschen Wappens in einem längeren Schreiben entschuldigt, sie bedauert das Vorkommniß, verspricht strenge Bestrafung der Schuldigen und erwartet, daß dieses Ercigniß nicht dazu beitragen werde, die freundschaft- lichen Beziehungen der beiden Mächte zu stören.. Wie ver- lautet, soll fich die deutsche Regierung hiermit für befriedigt erklärt haben und daher kann diese Angelegenheit wohl als beendet betrachtet werden. Aus der letzten Bundesrathssttzung ist noch zu er- wähnen, daß der Vorstyende vorschlug, die Vorlage, betreffend die Ergänzung der Vorschriften über die Prüfung der See- schiffer, den Ausschüssen für Handel und Verkehr und für das Seewesen zu überweisen. Diesem Vorschlage wurde zuge- stimmt. Die erwartete Verordnung über das Inkrafttreten des Unfallversicherungsgesetzes ist nunmehr erschienen, fie lautet: Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen ic. verordnen auf Gmnd des§ Iii Absatz 2 des Unfallverficherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 (Reichs-Gesetzbl. S. 69) und des§ 17 Absatz 3 des Gesetzes über die Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung vom 28. Mai 1885(Reichs-Gesetzbl. S. 159) mit Zustimmung des Bundesraths, was folgt: § 1. DaS Unfallversicherungsgesetz vom 6. Juli 1884 (Reichs-Gesetzbl. S. 69) tritt mit dem 1. Oktober 1885 seinem vollen Umfange nach in Kraft. § 2. Mit demselben Zeitpunkte tritt das Gesetz über die Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung vom 28. Mai 1885(Reichs-Gesetzbl. S. 159) für die im§1 Ziffer l.a. a. O. bezeichneten Betriebe, nämlich: den gesummten Betrieb der jungen Frau und ihres schönen Knaben entgegen, und doppelt, weil er nunmehr den schwersten Kummer aus dem Herzen feine» Lieblings verbannt wußte. Doch welches Geheimniß lag dem spurlosen Verschwinde» von Holmsten'S Gattin und deren plötzlichem Erscheine« zu Grunde? Ihm war anvertraut worden, daß die junge Frau ihrem Gatten entflohen sei und in dem Sandsturm ein schreckliches Ende gefunden habe; eben so daß der Knabe gerettet worden sei. Man hatte so- gar ihm und Hertha den geretteten Knuden zugeführt, und nun sah er plötzlich die verloren geglaubt« Mutter mit einem anderen, mit ihrem eigenen Kinde vor sich! Wo kam das falsche Kind her, zu welchem Zweck hatte man ihn getäuscht? Welch finsteres Gewebe war zwischen Holmsten und Elliot gesponnen worden, daß sie vor derartige» Mitteln nicht zu- rückschreckten? DaS waren die Fragen, welche ihn bestürmten, so daß ihm kaum Zeit blieb, sich über die wunderbare Fügung glücklich zu preisen.„„ Aber indem er sich an dem Anblick der beiden Schwestern weidete, schmolz der letzte Rest der harten Rinde, welche sich im Laufe der Jahre unter dem Einfluß des hinterlistigen Rynold« und der strengen Religion Sübungen um sein Herz gelegt hatte. Er schwankte zwar nicht in seiner felsenfesten Anhänglichkeit an de» selbstgewählten Glauben, doch fühlte er keine« Beruf mehr in sich, noch irgend einen Zwang oder lenkenden Einfluß auf seine Nichte auszuüben; er be» trachtete fie von diesem Augenblick an für vollkommen frei, als unumschränkte Herrin ihres Willens. „Schwester, Du lebst," sagte Hertha endlich, ihre Arme um den HalS der jungen Frau schlingend. ES war das Einzige, waS hervorzubringen ihre überströmenden Gefühle ihr gestattete». „Nicht nur ich lebe," antwortete die junge Frau mit einem süßen Lächeln, in welchem sich ein verborgenes Seelen- leiden aussprach,„nicht nur ich, sondern auch mein kleiner Erich lebt, und wie Du siehst, erfteuen wir uns der besten Gesundheit. Daß Du unS aber überhaupt noch wiedergesehen hast, daß mein holder Knabe mchr der Vergessenheit anheimfiel und ihm seine Mutter erhalten blieb, das danken wir ihm hier," sie wollte bei diesen Worten auf den Missio- när deuten, derselbe hatte aber den Knaben lerse in der Post-, Telegraphen- und Eisenbahnverwaltunaen, sowie sämmt- liche Betriebe der Marine- und Heeresverwaltungen, und zwar einschließlich der Bauten, welche von diesen Bei waltungen für eigene Rechnung ausgeführt werden, in Kraft. Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beige- drucktem kaiserlichen Jnfiegel k. Arbeiterkolonien. Wir haben schon mehrfach unsere Anficht darüber geäußert, daß fich der an fich recht guten Sache der Gründung von Arbeiterkolonien leider die kirchliche Ortho- doxie zu bemächtigen sucht und daß ihr das auch oft genug gelingt. Komisch ist es nun, wenn fich die verschiedenen Kon- fesstonen dabei um das Vorreckt streiten, wie dies in Schlefien jetzt geschieht. Die ultramontane„Schles. V.-Ztg." drückt nämlich anläßlich der Haussammlungen für die Ardeiter-Kolonie Wunscha ihr Befremden darüber aus,„daß die protestantischer- seits förmlich in Erbpacht genommene Vagabondenfrage und die damit in engstem Zusammenhange stehenden Arbeiter- Kolonien zu ihrer Erhaltung Ansprüche auf den katholischen Geldbeutel machen"— wohingegen die journalistische Ver- tretung der protestantischen Orthodoxie ihrem Mißfallen Aus- druck gicbt, daß die Katholiken ihre Vagabonden mit protestan- tischem Gelde füttern wollen. Denn gewiß sei ein Drittel der Kolonisten katholisch.— Solches widerwärtiges Gezänk gehört also zu der so vielfach betonten christlichen Barmherzigkeit! Zum Spielkartenstempel. Einer Entscheidung des Finanzministers zufolge find Personen, welche, entgegen der Vorschrift deS Reichsgesetzes vom 3. Juli- 1878 über den Epielkartenstempel, nicht gestempelte Karten feilhalten, ver- äußern, vertherlen, erwerben, damit spielen oder solche wissent- lich verwahren und fich somit strafbar gemacht haben, zur Ent- richtung der Abgabe für die der Einziehung unterliegenden Spielkarten nicht verpflichtet, da das Gesetz neben der festgesetzten Strafe und der Einziehung der Karten eine Nacherlegung jener Abgabe nicht vorschreibt. Die Einnahmen der Post- nnd Telegraphenverwal- tung haben in der Zeit vom Beginn des Etatjahres bis zum Schluß deS Monats August d. I. 68 III 471 M.(gegen den gleichen Zeitraum 1884+ 2 760 881 M.), die der Reichs- Eisenbahnverwallung 19 644 000 M.(— 181 195 M.) betragen. Eine Zusammenstellung des endgiligen Resultats der sächsischen Landtagswahlen ergiebt, daß in den 33 in Frage kommenden Wahlkreisen in Summa 65 290 Stimmen abgegeben wurden, wovon auf 36 konservative Kandidaten 33 495 Stimmen entfielen, während die Nationalliberalen auf 6 Kandidaten 5512 Stimmen vereinigten. Die beiden schlechthin als liberal bezeichneten Kandidaten brachten es auf 5317, 9 freifinnige auf 7331 und 17 sozialistische auf 13 635 Stimmen. Danach hat die konservative Partei mehr als 51 pCt., die nationalliberale und die liberale jeweils nahezu 9 pCt., die freifinnige reichlich H pCt. und die sozialistische nahezu 20pCt. der abgegebenen Sttmmen erhalten. Aerztliche Behandlung an Universitäts- Kliniken. Auf einen von Bonn ausgegangenen Antrag, es möchte den Direktoren der Univerfitäts-Kliniken die Ermächtigung eitheilt werden, für die ärztliche Behandlung der in ihre Klinik auf- genommenen Kranken erster und zweiter Klasse Honorar in Ansatz zu bringen, hat der Minister der Unterrichts- und Medizinal-Angelegcnheiten crwideit, daß es nicht angängig er- scheint, diesem Antrag Folge zu geben. So weit aus älterer Zeit desondere Rechtetttel vorhanden find, durch welche einzel- nen Direktoren diese Ermächttgung ertheilt ist, hat der Minister nichts dagegen zu erinnern, daß seitens dieser Direktoren danach weiter verfahren wird. Ihren Amtsnachfolgern kann diese Berechtigung nicht ertheilt werden. Dagegen können die Direktoren der Univerfitäts-Kliniken ein ihnen von den Kranken erster und zweiter Klasse freiwillig angebotenes Honorar annehmen. Zum Kammaarnzoll. Die Stelle der Nr. 41 e 2 deS Zolltarifs hat bekanntlich durch die Zollnooelle folgende Fassung erhalten:„Hartes Kammgarn aus Glanzwolle über 20 Ztm. Länge, nicht gemischt mit anderen Spinnmaterialien, Genappes-, Mohair-, Alpakkagam: a. einfach, ungefärbt oder gefärbt; dublirl ungefärbt 3 M.; b. dublirt gefärbt: drei- oder mehrfach gezwirnt, ungefärbt oder gefärbt 24 M. für 100 Kg.— Diese neue Bestimmung bringt, wie die offiziösen „B. P. N." betonen, nicht unerhebliche Schwierigkeiten in der zolllechnischen Behandlung des Kammgarns mit fich und er- heischt besondere Erfahrung und Fertigkeit seitens der betreffen- den Beamten. Es lag daher nahe, daß der Bundesrath eine beschränkte Anzahl Zollstellen bestimmen werde, an welchen das vorerwähnte Kamnigarn zur Zollabfertigung gelangen soll. Nachdem nicht unerhebliche Schwierigkeiten beseitigt worden find und ein Meinungsaustausch mit den Einzclregierungen statt« gehabt, bestimmte der Bundesrath in seiner gestrigen Sitzung, vaß nur 1) das Hauptsteueramt für ausländische Gegenstände in Berlin, 2) die Zollabfertigungsstelle des Hauptstcueramts Elberfeld auf den Bahnhöfen Ritiershausen und Steinbeck und 3) das Hauptzollamt Leipzig zur Zollabfertigung von hartem Kammgarne zu den neuen Zollsätzen befugt sein sollen. Nähe seiner Mutter auf die Erde gestellt und war dann un- bemerkt hinter die Zelte geschlichen. Er wollte die beiden beglückten Wesen nicht durch seine Gegenwart störe«, noch weniger von ihren Lippen Worte des Dankes vernehmen. „Er hat sich entfernt," fuhr die junge Frau bedauernd fort,„der edle, fromme Mann, er liebt es nicht, an Wohl- thaten erinnert zu werden, welche er anderen Menschen er- wiesen hat. Und doch lebten mein Knabe und ich weit über ein Jahr auf seiner kleinen Mission unter seiner Obhut, bis sich endlich jetzt erst Gelegenheit bot, ohne ihm wieder in die Hände zu fallen, nach den Vereinigten Stqaten zu ge- langen." „Zhm?" fragte Hertha, deren Ideen sich bei jedem neue« Worte, welches ihre Schwester zu ihr sprach, auf's Neue zu verminen begannen,„und bei dem Missionär in tiefer Wildniß hast Du so lange zugebracht?" „Laß das, laß das jetzt, mein gutes Kind," bat die junge Frau mit bebender Stimme, ihre Schwester zärtlich an sich drückend und zugleich auf den neugierig lauschenden Knaben weisend,„sprechen wir lieber von meinem Erich, von dem ich Dir ja so viel schrieb. Blicke ihn an, so wie er jetzt vor Dir steht; habe ich wohl zu viel gesagt, al» ich ihn einen Engel nannte?" und indem sie mit mütterlichem Stolz Frage auf Frage folgen ließ, zog sie den Knaben an sich, und nachdem sie demselben eine kurze Liebkosung hatte zu Theil werden lassen, legte sie ihn der Schwester auf den Schooß. Hertha nahm das Kind, und dasselbe mit innigem Aus- druck bettachtend, schien sie über irgend einen Gegenstand scharf nachzudenken. „Dies ist Dein Sohn?" sagte sie dann fest und be- stimmt,„ich würde ihn unter Tausenden herausgefunden haben, denn er ist Dein Ebenbild; daß ich ihn aber nicht gleich als Deinen Sohn begrüßte, hat feine anderen Gründe; aber in meinem Kopfe schwirrt Alles durcheinander, wenn ich daran denke— man brachte mir einen lieblichen blond- gelockten Knaben, Holmsten selbst that eS, und man sagte, es sei der D einige—" „Er gab ein anderes Kind für da» seinige auS?" fragte die junge Frau emporschreckend,„ein anderes Kind? Also Für Schulzen stellt das Allgemeine Landrecht(Theil n Titel 7,§ 51) das Erfordernis auf, daß fie von„untadel- haften Sitten" sein sollen. Gestützt auf diese Vorschrift focht — wie wir der„Volksztg." entnehmen— der Landrath einen Beschluß des Kieisausschusses klagend an, durch welchen der Wahl des Kaufmanns Z. die Bestätigung ertheilt war. Es wurde behauptet, daß dem Z. die gesetzlich geforderte Qualifi- kation zur Bekleidung des Gemeinvevorsteheramtes fehle. Die Ehefrau des Z. war früher Kellnerin.....(es folgen Angaben über das Leben der verehelichten Z. und ihres Mannes vor ihrer Ehe). Der Kreis ausschuß dagegen weist darauf hin, daß Z., indem er die Mutter seines unehelichen Kindes gehei- rathet, nur ehrenhaft gehandelt, und daß er gleich seiner Ehe- ftau seit der Eheschließung, also feit 13 Jahren, völlig makellos lebe und in allgemeiner Achtung stehe. Das Bezirksver- waltungsgericht in Gumbinnen erkannte auf Abweisung der Klage. Gegen diese Entscheidung legte nicht nur der Landrath, sondern auch der Regierungspräfident Berufung ein. Das Oberverwaltungsgericht erkannte jedoch auf Bestätigung der Vorentscheidung, weil nur dann von einer Gesetzesverletzung die Rede sein könnte, wenn der§ 51 cit. dahin aufzufassen wäre, daß Niemand Schulze sein könnte, der fich jemals in feinem Leben mit irgend einem Makel behaftet habe. Wollte der Regierungspräfident diesen Rechtssatz mit den Worten der Berufungsschrist aufstellen: von einer gründlichen Besserung sei im Gesetz nirgends die Rede, so wäre dem doch nicht bei- zupflichten. Nichts deutet darauf hin, daß der§ 51 cit. im Widerspruch mit den allgemeinen Normen für die Besetzung öpentlicher Aemter grade für das Echulzenamt jede Rehabilr- tirung ausschließe. Wie der§ 51 vielmehr das freie, fach- gemäße Urthcil der Wählenden und der Kommunalauffichts- Behörde in der Würdigung der Schwere und Bedeutung fitt- licher Verfehlungen für die Beurtheilung der schulzenamtlichen Qualifikation walten läßt, so auch in der Frage nach der Sühne früherer fittlicher Verstöße, nach der Wiedererlangung bürgerlicher Ehrbarkeit und allgemeiner Achtung durch späteren tadellosen Wandel. Nahezu 900 Beamte schlestscher Kommune« haben aus 120 Städten, 49 Kreisen und 1 Landgemeinde dem Pro» vinzial Ausschuß eine Petition, betteffend Regelung der Für- sorge für die Hinterbliebenen schlestscher Kommunal« Beamten, in 132 Exemplaren eingereicht. Bis jetzt haben in Schlefien nur 8 Städte eigene Wittwen- und Waisenkassen, während Kreis beamten-Wittwen- und Waisenkassen überhaupt noch nicht bestehen. AuS München schreibt man dem„B. C." Der baye- rische Landtag ist für den 29. d. M. einberufen. Demselben wird zunächst das Budget 1886/87 vorgelegt werden; der Militäretat pro 1885/86 wird ihn, aus formellen Gründen, beschäftigen(das Etatsjahr ist zu 7 Zwölftel zur Zeit der Ge- nehmigung vorüber.) Eine neue Subhastationsordnung und ein Arronvirungsgesetz find als Regierungsvorlage in Ausficht genommen. Ultramontanerseits find Anträge auf Errichtung einer Mobiliar> Brandverficherungs- Anstalt unter staatlicher Leitung avistrt; die Anträge aus Reorganisation des Eisen- bahnrathcs zum Zwecke einer größeren Berückfichtiguag der Agrarier dürften emeuert werden. Es ist bezeichnend, daß fich die Sozialdemokraten in Nürnberg u. f. w. bereits jetzt zu einer Landtagswahlkampagne rüsten, während fie fich früher deS indirekten Wahlsystems halber fem gehalten haben; die Wahlen finden 1887 statt. Der Minifterrath beschäftigt fich, den 27. d. M., zum zweiten Male in einer Sitzung mit der Vorlage betreffs Regelung der Verhältnisse der bayerischen Zioilliste. Ein politischer Monstreprozeß ist in Sicht. Aus Flensburg, 25. September, schreibt man der„Freis.Ztg.":„In Nordschleswig giebt es steben sogenannte dänische landwirth- schaftliche Vereine. Sie bestehen seit vor 1864, also vor der Annexion. Zu Anfang dieses Jahres hielten fie in Flensburg eine Tdierschau ab. Bei dieser Gelegenheit wurden Ausflüge in die Umgegend unternommen. Am 2. Juli fand eine Tour nach Angeln statt. Etwa zweihundert Personen nahmen an derselben Theil. Im Bahnhofshotel zu Sörug wurde gegessen und gettunken, und wie dies bei solcher Gelegenheit gewöhnlich geschieht, auch viel geredet und gesungen. Die Hauptführer der dänischen Partei in Nordschleswig waren natürlich zu« gegen. Der frühere Reichstagsabgeordnete Gustav Johannsen meß die Gäste in seiner Heimath, Angeln, willkommen. Re« dakteur Jessen sprach über„Treue und Glauben", Redatteur Matthiesen toastete auf den dänischen Sprachverein. Andere toasteten auf Dänemark, auf den dänischen König, auf die dänische Presse u. s. w. Alle Redner sprachen Danisch, weil Dänisch eben ihre Muttersprache ist. Gendarmen, die dabei waren, verstanden natürlich kein Wort von alledem. Damit war die Sache vorläufig zu Ende. Jetzt kommt aber das Nach« spiel. Die Staatsanwaltschaft hat fich der Angelegenheit an« genommen, man wittert alles Mögliche. Zunächst wurden die Redner polizeilich vemommen. Am Mittwoch aber ist der Hauptschlag, genau zur selben Stunde, untemommen worden. Bei den Vorsitzenden der erwähnten fieben Vereine haben Haussuchungen stattgefunden und sämmtliche auf die adgehal- auch diesen Betrug nahm er auf sein Gewissen? O Hertha, geliebte Schwester, es ist entsetzlich! Du hast keinen Begriff von den Leiden, die ich zu ertragen bestimmt gewesen!" „Aber bezeichnete man nicht vielleicht au» edlem Mitge« fühl den fremden Knaben als de» Deinigen, um de« Schmerz, den ich um Deinen Verlust empfand, vorläufig zu mildern?" fragte Hertha mit ängstlicher Schüchternhett, denn sie fürchtete immer mehr zu vernehmen, was fie mit Zweffeln und Mißtraum gegen ihre nähere Umgebung er- füllm würde. „Nein, Hertha, tausendmal nein! Nach der Art und Weise, in welcher er mich behandelte, nach dm Kränkungm und Täuschungen, deren Opfer ich gewordm bin, können nur die bettügerischsten Absichte» zu einem solchen Verfahre» Veranlassung gegeben habm. Ach, Hertha, Du kanntest ihn in unserer süßen Heimath, er war gut, er war edel, er war fromm; waS aber ist aus ihm geworden? Unter dem Deck- mantel der Religion, unter der sündhaften Hinweisung auf alte heidnische Gebräuche wurde schnöder Verrath an mir und meinem Kinde geübt! Zch, seine vor Gott und dm Mmschm angetraute Gattin, ich sollte eS dulden, daß—* hier näherte die junge Frau ihre Lippm Hertha'» Ohr, und indem die Entrüstung ihr das Blut in die Wangm trieb, flüsterte fie ihr einige Worte zu. Anfänglich faß Hertha bei den ihr gewordenm Mitthei« gm wie versteinert da, dann aber sprang sie, wie von einem vergifteten Pfeil getroffen, empor. Ihr erregtes Antlitz war von der Röthe der Scham und des Zornes übergossm, und unstät wanderten ihre Blicke zwifchm ihrer Schwester und dem immer«och in seiner altm Stellung verharrmdm Jansen hin und her. „Du täuschtest Dich I eS ist nicht möglich I" rief sie klagend aus. „Wollte Gott, Du sprächest wahr," versetzte die junge Frau, die ihrm Augm entstürzmden Thränm in dem lockigm Haar des jetzt wieder auf ihrem Schooße sitzenden Kinde» verbergend,„aber eine Täuschung ist nicht möglich, es steht geschriebm in dem GlaubenSbekenntniß der Mormonm; e» ist nicht nur gestattet, sondem sogar auch von oben herab gebotm. Ich war ja Zmge so vieler Fälle dort in der tene Thieischau deMglichen Aktenstücke, Protokolle und Brief« schaften wurden beschlagnahmt. In Flensburg, in Sonderburg, in Apenrade, in Hadersleben, in Gram u. s. w. erschienen m den Privatwohnungen der gedachten Herren Untersuchungsrichter in Begleitung von Sekretären und zahlreichen Polizeioeamten und vollzogen die Beschlagnahme." Oesterreich Ungarn. In Oesterreich sowohl als auch in Ungarn find die Par- lamente am Sonnabend zusamcngetreten. In Wien wurde der Reichsrath mit einer Thronrede vom Kaiser eröffnet, worin an- gekündigt wird, daß die Regierung fich bemühen werde, für eine Erweiterung der ausländischen Absatzgebiete und Schutz der heimischen Arbeit zu sorgen.— Im ungarischen Unterhaus wurde von Jranyi eine Interpellation über die auswärtige Politik der Regierung, insbesondere mit Rückstcht auf die Kaiser-- bcgegnung in Kremfier und die Ereignisse in Ostrumelien an- gekündigt. Schweiz. Die Versammlungen der„Heilsarmee" hatten in der letzten Zeit in Zürich einen so turbulenten Charakter angenommen, daß die Polizeibchörde sich nicht mehr hier im Stande erklärte. die Mitglieder dieser Armee auf die Dauer vor Mißhandlun- gen seitens des Publikums schützen zu können. Die Kantons- Regierung hat deshalb verfügt: 1. Die Versammlungen der sogenannten Heilsarmee im Grünenhof in Hottingen werden untersagt. 2. Im Falle der Wiederhandlung gegen diese Ver« fügung findet die Ueberwcisung an die Gerichte wegen Unge- horsams statt(§ 80 des Strafgesetzbuches). Das Versamm- lungslokal wurde vor Beginn der zunächst festgesetzten Ver» sammlung militärisch abgesperrt; zu Ruhestörungen kam es indeß nicht und das Milirär konnte bald wieder abrücken. Belgien. Der Internationale Freidenker-Kongreß hat in Antwerpen unter dem Vorfitz des Herrn Van Caubergh getagt. In seiner Eröffnungsrede sagte der Vorfitzende, daß die von den Reli- gionen zerstörte Brüderlichkeit nur durch die Wissenschast und das Freidenkerthum wiederhergestellt werden könne. Herr Schliepcn aus Köln, der im Laufe der Verhandlungen einen mit großem Beifall aufgenommenen Bericht über das Frei- denkerthum in Deutschland verlas, wurde mit ins Bureau ge« wählt. Betreffs der Frage über die gesellichaftliche Rolle der Religionen wurde der Beschluß angenommen:„Die relrgröse Fdee ist immer gesellschaftlich schädlich gewesen und konnte nur so sein; die religiöse Idee mit allen ihren Folgen muß daher abgeschafft werden." Der Kongreß hat ferner den folgenden Beschluß angenommen:„Moralische Verantwortlichkert de- steht nicht, aber die Gesellschaft hat das Recht, fich gegen Ver- brecher und Wahnsinnige vorzusehen." Der Kongreß hat schließlich für die Abschaffung des religiösen Erdes gestimmt und dessen Ersetzung durch eine einfache Bestätigung verworfen. Mit Bezug auf die Abschaffung des religiösen Eides in Neu- Seeland hat der Kongreß die englischen sakularistischen Gesell- schaften beglückwünscht. Der nächste Kongreß wird in Rom stattfinden. Frankreich. Die Rarseiller Hafenarbeiter haben an den Minister deS Innern ein Schreiben gerichtet, in welchen ste um Maß- regeln gegen dieitalienrschenArbeiter ersuchen, die sich in immer größerer Anzahl einstellten und den heimischen Arbeitern durch ungemein billiges Angebot ihrer Arbeitskraft die ärgste Konkurrenz machten. Der Minister des Innern hat antworten lassen, daß er die Frage prüfen und das Recht der französtschen Arbeiter wahren werde. Unser Standpunkt ist in dieser Frage den Lesern bekannt; wir find nur neugierig, welche Maßregeln die franzöfische Regierung ergreifen wird, wenn ste es nicht vorzieht, es bei den leeren Versprechungen zu lassen. Nach einer Korrespondenz des„Petit Marseillais" aus Moni'sous Vaudrey hätte Herr Jules Grsvy ganz bestimmt seine Absicht kundgegeben, nicht von Neuem seine Kandidatur für die Präsidentschaft der Republik zu stellen und nur im äußersten Falle, wenn eS im Interesse der Einigkeit der republikanischen Partei absolut nothwendig sei, eine Wieder- wähl anzunehmen. Das Blatt schreibt u. A.:„Das biographische Wörterbuch von Vapereau läßt Herrn GrSvy am 15. August 1813 in Mont-sous-Vaudrev geboren sein; er würde also heute 72 Jahr, 1 Monat und etliche Tage alt sein. Das Jahrbuch des Advokatenvereins hingegen grebt als seinen Geburtstag den 15. August 1807 an; hiernach wäre Herr Grevy 78 Jahr all. Grsvn kämpfte in der Julirevolution 1830 mit. 77 oder 78 Jahre sind ein schönes Alter; ist es das des Rücktritts? Herr Grsvy spricht fich darüber nicht sehr entschieden auS; die Eventualität seines Rücktritts scheint jedoch ficherer zu werden. Zum ersten Mal in seinem Leben hat der Präsident in diesem Jahre die Eröffnung der Jagd nicht mitgemacht. Seit einiaen Wochen wurden seine Hände von einem Zlfiern ergnffen, das ihm nicht mehr gestattet, ein Gewehr oder den Billardstock zu halten. Er hat auf diesen doppelten Lieblingszertvertreib verzichten und sich mit dem Schachspiel begnügen müssen. Die Spaziergange werden kürzer und seltener; die Berne werden schwacher. enn alzsee- Stadt, und endlich, was ich noch bis zum letzten ugenblick bezweifelte, seiner und meiner Schmach.£, ertha, mit dem neuen Bündniß, welches er schloß, betrach- ie ich die Banden, die zwischen ihm und mir bestanden, r gelöst, und ich verließ ihn." „Und Deine Briefe waren so voll des Glückes, so voll ehnsucht und Hoffnung, mich endlich in der Stadt der eiligen der letzten Tagen begrüßen zu können," entgegnete ertha, wie von einer schweren Last bedrückt, unbeweglich if den Boden starrend._.„ iderte Eoitha, indem sie aufstand und ihren Arm um Hertha S n auf den Lippen, die Worte in die Feder sagte. O -be Schwester, die Thränen, welche ich vergoß,«ahrend iÄ"? >r dem Schrecklichste« zu bewahren, ihn zur Umkehr zu -wegen. Alles, Alles umsonst, ich entflob, und d.e beiden ehr in unserer alte« Heimath getroffen haben. „Oder sie wurden unterschlagen wie die anderen, fügte ertha sinnend hinzu,„o, ich errathe jetzt, was man mst ir beabsichtigte, begreife, warum Elliot und Holmfien so g mit einander verbrüdert erschienen. Elliot, dieser chere Mann mit dem Furcht erregenden Blick, ich soll m als Gattin folgen, um er« Opfer seiner Falschheit zu erden— „Elliot, sagst Du." unterbrach Editha mit Entsetzen re Schwester,„Elliot, de« Kommandanten von Fort Utah? hm solltest Du überantwortet� werden? Ihm, der schon »mal den Gesetzen der Sittlichkeit Hohn sprach und ferner sten Gattin, einem sanften, ergebungsvollen Wesen, noch ne zweite hinzufügte?" O, Gott selbst hat unS hier zu- mmengefiihrt, damit Dir noch die grenzenlose Schmach er« art bleibe. Und dann, zurückgekehrt rn den Bereich ge« dneter Gesetze, wo hätte ich Dich suche« sollen i aber auch die Körperkraft abnimmt, die des Geistes bleibt. Die Intelligenz Grsvp's ist noch immer lebhaft, fein und treffend, immer jung, hält ste den alternden Körper aufrecht. Grsvy könnte also die Leitung der Geschäfte Frankreichs, ohne daß dieselben darunter zu leiden hätten, noch für neue sieben Jahre übernehmen. Die Frage ist daher nicht, ob er seine Kandidatur für die Präsidentschaft der Republik aufstellen kann, sondern ob er sie aufstellen will. Man zweifelt daran, und er selbst scheint nicht fehr dazu aufgelegt. Herr Grevy ist der Meinung, daß feine Aufgabe beendet ist, daß er seine Pflicht erfüllt hat und eine Ruhe, deren er bedarf wohl verdient hat. Wenn er nur seine Neigung befragt, wird er fich nach Mont-sous-Vaudrey in das Haus, in welchem er geboren ist, zurückziehen; wenn zu zahlreiche und zu eifrige Wettbewerbungen ihn nöthigen, seine Kandidatur aufzustellen, so wird er dies thun; aber gegenwärtig ist es seine ofienkundige Abficht, die Staatsgewalt niederzulegen und auS der Ferne mrt ungefchwächter Theilnahme den Ge- schicken der Republik zu folgen, welche die einzige Leidenschast seines Lebens war und ist. — Dem„Temps" telegraphirt sein Korrespondent aus Marseille, daß am Freitag Abend einige Bewohner von Sablon trotz des erlassenen Verbotes eine Prozesston nach Saint-Roch veranstalteten, um den himmlischen Schutz gegen die Cholera- Epidemie zu erflehen. Der reguläre Klerus hielt fich von der Manifestation ferne, die durch bedeutende Unruhen gestört wurde- Die Gendarmerie mußte mit Revolvern in der Hand interveniren und den Heiligen, der herumgetragen wurde, nach dem Stadthause bringen. — Prinz Jerome Napoleon hat ein Wahlmanifest erlassen, welches vom„Figaro" veröffentlicht worden ist. Dasselbe spricht fich bezüglich der bevorstehenden Wahlen sehr pessimistisch aus und vertröstet lediglich auf die Zukunft. Nach Anficht des Prinzen wird Frankreich eines Tags zur monarchischen Staats- form zurückkehren und dann wird es fich der Napoleonen er- inner«. Wenn er fich nur nicht irrt! — In Tonkin ficht eS keineswegs sehr friedlich aus. Die „Agence Havas" entnimmt einem Briefe eines in Kanton wohnend m Engländers folgende Stelle:„General Pao schreibt aus Tonkin einem seiner Freunde, daß er in aller Form gegen die Land- Abtretung an Frankreich protestirt hat und daß er bereit ist, wieder mit ihm zu kämpfen. Wenn ihm Gelegenheit dazu gegeben wird, so macht er fich anheischig, die Franzosen in's Meer zu treiben.„Bei besserer Bewaffnung und Ausrüstung der Truppen," sagt er,„werde ich ganz Tonkin mit Ausnahme der Küsten zurückerobern können. Meine Truppen haben fich ausgeruht und brennen vor Begierde, fich mit dem Feinde von Neuem zu messen, fie wollen nichts von Verab« schiedung hören, bevor fie nicht nochmals gegen die Franzosen gekämpft haben. Werden fie geschlagen, dann wollen fie ihren Abschied nehmen, ohne Sold zu beanspruchen, aber fiegen fie, so wollen fie nicht eher vom Kampfe abstehen, als bis alle Franzosen aus dem Lande vertrieben find." Grotzbritanuien. Das„Boycottiren" steht in Irland neuerdings wieder in voller Blüthe und ist geradezu bewundernswürdig organifirt. Die Verzweigungen des Systems illustrirt nachstehender, Dubliner Blättern entlehnter Fall, der fich in der Graffchaft Limerick ereignete. Eine Wittwe, bei welcher eine Tochter und mehrere Enkelkinder wohnen, wurde boykottirt, weil fie einem Polizeirichter ein Pferd geliehen hatte. Sie erhielt keine förm- liche Nachricht von der Thatsache, sondern hörte nur gerÜchts- weise, daß fie fich das Mißsallen der Nationalliga zugezogen habe. Die erste Kunde empfing fie, als ihre Farmarbeiter fie verließen. Die Bäcker und Fleischer im Dorf weigerten fich, ste zu bedienen. Sic sandte nach Limerick und wurde einige Tage hindurch mit Lebensmitteln versehen; aber als die That« fache, daß fie boykottirt sei. bekanntwurde, lehnten es auch die dortigen Krämer ab, ihr Maaren zu verlaufen. Sie begab fich persönlich nach einer bekannten Bäckerei in Limerick, deren Kunde fie 25 Jahre hindurch gewesen, und die ein Zweig« geschäft in ihrem Heimathsdorfe hatte, und stellte den Eigen- thümer darüber zur Rede, daß man fich weigere, ihr Biod zu liefern. Er sagte, er wisse nichts darüber und würde an- ordnen, daß man fie bediene. Der Geschäftsführer der Brod« Niederlage rn ihrem Dorfe wollte ihr indeß kein Brod ver- laufen und ließ seinen Prinzipal wissen, daß, falls er darauf bestehe, daß der Wittwe Brod geliefert werde, er und seine Untergebenen sofort aus dem Dienste scheiden würden. Die Folge davon war, daß die arme Wittwe kein Brod erhielt, und wenn ihr nicht die Polizei Lebensmittel geliefert hätte, wäre fie ficherlich mit den Ihrigen verhungert. Sie schrieb an ihren Bruder in Kilmorock und bat ihn, vre Kinder abzuholen. Die Nachbaren ließen ihn indeß wissen, daß, falls er dem Ge« suche seiner Schwester nachkomme, er ebenfalls boykottirt wer- den würde. Schließlich fah die Wittwe ein, daß es das Beste sein würde, fich der Liga zu unterwerfen, und sie mußte fich schriftlich verpflichten, niemals wieder der Polizei oder anderen Behörden einen Dienst zu leisten. — Die Handelskammer von Macclesfield beschloß in einer Sitzung, welche abgehalten wurde, um die von der königlichen Kommission zur Untersuchung der Ursachen der Handelsstockung „Elliot verheirathet?" fragte Hertha erbleichend, und ein Blick des bittersten, schmerzlichsten Vorwurfs streifte zu ihrem Onkel hinüber,„und er wagte eS, mir mit den Er- klärungen seiner Zuneigung zu nahen, mir einen schreck- lichen Zwang aufzuerlegen und ein heilige« Versprechen abzufordern? Editha, die Vermessenheit, die Verspottung aller göttlichen Gesetze wäre zu groß! Nein, e« kann nicht sein!" „Baue auf meine Worte," entgegnete die junge Frau, Hertha in die Arme schließend, wie um sie gegen die Folgen des erwähnten Versprechens zu schützen;„wenn Du ihm Dein Wort gezwungen gabst, so hat da« jetzt keine bindende Wirkung mehr für Dich. Du bist zwar noch Mormonin, aber indem man Dich nicht mit allen Vorschriften des Mormonenthums vertraut machte und Dir ein Versprechen abzwang, hinterging man Dich. Du bist noch frei, Gott sei es gedankt- ein durch betrügerische Vorspiegelungen abge- wonnenes Wort hat keine gesetzliche Kraft, und der Beweis de« Betruges kann nicht abgeleugnet werde», denn nicht einmal, sondern schon zweimal ist Elliot verheirathet. Ich, der ich dem Vater meine« Kinde« vertrauensvoll nachfolgte, um Glück und Leid mit ihm zu theilen, ich konnte mich nicht mehr gegen Betrug schützen, denn ich war ja gebunden, un- auflöslich gebunden für'» ganze Leben. Aber Du stehst noch > frei da, Du sollst, Du mußt gerettet werden, und sollte ich selbst hinübereile« in das Lager der Vereinigte Staaten- Armee, um Dich mit Gewalt dem Dir drohenden Verderben entreißen zu lassen. Ich bezweifle nicht, daß sich noch genug Männer in derselben befinden, die sich bereit erklären, einem schutzlose» Mädchen beizustehen!" Da richtete Hertha, die so lange wie in einen Traum versunken dagestanden hatte, sich stolz empor. Ihr liebliches Antlitz war wieder geröthet, ihre schönen Augen leuchteten wieder in strahlendem Glänze. Doch nicht religiöse Schwärmerei war e«, was aus denselben sprach, oder romantischer Enthusiasmus, sondern nur der einzige Ausdruck de« beleidigten jungfräulichen Gemüths und der tiefsten Ver- achtung. Onkel!" rief fie au«, sich Jansen zuwendend, und jetzt gestellten Fragen zu erwägen, zu berichten, daß die lokale Seidenindustne sich in einem Zustande allmählichen Verfalles befinde. Eine Mehrheit der anwesenden Mitglieder äußerte fich zu Gunsten einer Wiederauflegung von Zöllen auf alle Seidenstoffe, mit Ausnahme des importirten Roh- Materials. Amerika. Die Union Pazifik- Eisenbahn hat in den Gmben in Rock Spring», Wyoming, unter militärischem Schutze wiederum chinesische Arbeiter rn Thätigkeit gesetzt. Einige Weißen arbei- ten mit ihnen gemeinschaftlich. Andere, die dies ablehnen, find abgelohnt und aufgefordert worden, den Ort zu verlassen. Dieser von den Bundesbeamten gebilligte Plan wird angeblich in friedlicher Weise zur Ausführung gebracht. General Schofleld, welcher in diesem Departement kommandit, hat fich als Vertreter der Regierung nach Rock Springs begeben. Kommunales. Die städtischen Fortbildungsschulen beginnen das Wintersemester dieses Jahres am Sonntag, den 4. Oktober. Der Unterricht wird der Wethnachtsferien wegen ausgesetzt vom 13. Dezember d. I. bis 9. Januar k. I. und geschlossen am 20. März 1886. In folgenden Fächern wird der Unterricht unentgeltlich ertheilt: Deutsch, Rechnen, einfache Buchführung, Geometrie, Phystk und allgemeines Zeichnen.— Schulgeld ist zu bezahlen: Für Modellrrer halbjährlich 1 M., für doppelte Buchführung und für zweistündige Kurse im Fach zeichnen halbjährlich 2 M., für Französtsch und Englisch und für die vierstündigen Kurse im Fachzeichnen halbjährlich 4 Mk. Diese Beträge können auch in Theilzahlungen, und zwar in den ersten vier Monaten des Halbjahres mit je 1 Mark entrichtet werden. Handwerkerschule. Der Unterricht für das Winterhalbjahr beginnt am 4. Oktober. Theilnehmer an dem Unterricht können fich bis 3. Ottober er. an den Wochentagen von 6 bis 8 Uhr AbendS Kurstraße 52 melden. Die Lehrfächer der Schule find: Freihandzeichnen, Zirkelzeichnen, darstellende Geometrie, Fachzeichnen für Tischler. Drechsler, Klempner, Schloffer, Maschinenbauer, Mechaniker, Uhrmacher, Goldschmiede, Graveure, Maurer, Zimmerer, Steinmetze, Bildhauer, Maler, Tapezirer, Lithographen; Modelliren, dekoratives Malen, Äl- gebra, Geometrie, Trigonometrie, Phyfik, Mechanik, Rechnen, Buchführung. Für Mechaniker, Tischler und Maler bestehen besondere Tagesllassen. zokales. r»eitn Herannahen der Heizperiode wird, wie alliahrlich, so auch m diesem Jahre Klage laut, über den man-- gelhaften Zustand der Wasserstraßen, welche Berlin mit den verschiedenen Kohlen-Bezirken verbinden und deswegen für die Anfuhr von Heizmaterialien von der größten Wichtigkeit find. Durch den niedrigen Wasserstand der Havel find die von Westen her kommenden Kähne, welche aus der Gegend des Harzes Preß- und Braunkohlen nach Berlin bringen, ge« nöthigt, mit halber Ladung zu fahren, was einer Vertheueruna der Fracht um 50pCt. gleichkommt. Der schauderhafte Zustand der oberen Oder ist seit Jahren das beständige Thema der Debatten aller gesetzgebenden und Verwaltungskörper- schaften; aber das versumpfte und versandete Gewässer hat gar keine Lust, eben so schnell dahinzu- fließen wie der Redestrom der betreffenden Herren, und so lange diese zu einer endlichen Regulirung des Oderbettes kein Geld bewilligen, mögen die Schiffer zusehen, ob fie auf dem Flusse der schönen Rede weiter kommen, wenn ste auf einer versandeten Stelle im Fahrwasser der Oder festfitzen. Von dem Bau einer besseren Kanalverbindung im Norden der Stadt ist auch alles wieder still geworden. Da« Resultat aller dieser Uedelstände ist die Vertheuerung der Frachten und diese find für Baumaterial von Bedeutung. Heute wendet sich sämmtlicheS Frachtgut'Zern theuren, aber freilich auch schnelleren Eisenbahnverkehr zu; die Schifffahrt bleibt zurück, obwohl ste billiger die Beförderung besorgen könnte, wenn die Wasser« straßen in Ordnung wären. Auf die Schnelligkeit der Be- fdrderung aber kommt bei dem Heizmaterial und bei vielen anderen Frachtgütern nichts an; diese können sehr bequem zu der Zeit, da ste gebraucht werden, am Platze sein. Die theure Elsenbahnfracht erhöht natürlich den Preis und diesen bezahlt das Publikum; es wäre deshalb wohl wünschenswcrch, wenn der Kanalbaufrage und der Regulirung der betreffenden Waffer. straßen etwas mehr Aufmerksamkeit zugewendet würde. Wiederum ist die Zeit gekommen, da auf den Redak. lungen der Welt. Denn mögen fie in Einzelheiten auch noch so verschieden von einander sein, von den Fachkalcndern abge- sehen, haben fie doch alle dasselbe Gmndwesen, ja die Kalender- heute ehen denen vor hundert Jahren wie Brüder ähn. lich. Wohl ist letzt das Format ein größeres, aber die Ein- therlung ist ganz vre alte: erst das Kalendarium mit der Ge» erst erinnerte sich Editha, daß sie. in ihrer Freude de» Wiedersehens und dem darauf folgenden Gespräch, ihren Onkel zu begrüßen v«gessen hatte-„Onkel." wiederholte Hertha mrt eigenthumlich feierlicher Stimme;„ist es wahr was meme Schwester sagt? Ist der, welcher mir ferne Hand antrug, der, dessen Bewerbungen Du begünstigtest und der oberste Prophet als angemessen betrachtete, ist Elliot verheirathet?" Jansen hatte während der ganzen Zeit, daß die beiden Schwestern mrt einander sprachen, kein einzige« Mal Miene ge- macht sich an der Unterhaltung zu betheiligen, obschon ihm kern Wort derselben entging. Er stand noch immer mit ge- falteten Händen da, seine Augen ruhten mit Wohlgefallen auf der rührenden Gruppe, und nur hin und wieder verfinsterte sich seine Physiognomie vorübergehend, wen» e« ihm au« den Bemerkungen der jungen Fr« immer klarer wurde, daß es sich um einen wohlüberlegten Betrug handelte, der nicht weniger al« das ganze Vermögen der todt geglaubten Mutter und ihres Kindes bettaf. Ö B Als Hertha ihn nun in dieser vorwurfsvollen Weise anredete, da blickte er sie eine Weile mit trauriger, mitleidiger Miene an. „Du hast ein Recht, mein Kind, diese Frage an mirb zu stellen," begann er endlich ruhig und wohlwollend,„und «.K WSÄW« emztges Wort des Willkommens für den Bruder Deines Vaters." Edicha zögerte einen Augenblick, wie um eine unbo- stimmte Scheu niederzukämpfen, dann aber nahm ste ihren ÄÄÄ. f&Ä Sä'CÄf,IÄ.to'"b' , r. �■U rtyit,ef* viel Elend von mir abwende« können," sagte sie letse, und dann das Kind wieder fester an sich drückend, wernte sie bitterlich. Jansen"« Äugen schimmerten feucht, er betrachtete dir trauernde Mutter eine Weile, und dann legte er seine Hand sanft auf ihr Haupt. (Fortsetzung folgt.) malogie der Herrscherhäuser, dann ein unterhaltender oder be- lehrender Theil, von allerhand Abbildungen begleitet, zum Schluß Gemeinnütziges, Anekvötchen u. s. w. Aber diese so streng bewahrt gebliebene Eintheiluna rückt den großen Fort- schritt der Anschauungen fest hundert Jahren in um so helleres Licht. Betrachten wir z. B-, so erzählt die„Voff. Ztg.", was der Göttinger Taschen-Kalender, ein seiner Zeit sehr angesehenes Buch, im Jahre 1785 seinen Lesern für wissenschaftliche Nahrung bietet. Nach dem Berichte eines holländischen Reisenden erfahren wir, daß es auf Java einen Giftbaum giebt, dessen Hauch auf einen Umkreis von 10 Meilen alles Land bis zur gänzlichen Unfruchtbarkeit verpestet und allem Lebenden den Tod bringt. Das Gift dieses Baumes sickert gummiartig aus der Rinde heraus, und die Eingeborenen be- dienen sich seiner zur Vergiftung der Waffen. Wie aber ge. Winnen sie den männcrmordenden Saft, da doch kein Sterb- licher ungestraft dem Baume nahen darf? Ei nun, einige ver- suchen es doch, nämlich die zum Tode verurtheilten Verbrecher, denen die Wahl zwischen dem Henker und der fatalen Reise zum Giftbaum gelassen wird. Sie müssen aber darauf achten, sich dem letzteren mit dem Winde zu nähern, damit die todt- dringende Ausdünstung von ihnen fortgetrieben wird, und aus demselben Grunde müssen sie gegen den Wind wieder von dannen fliehen. Das Unternehmen bleibt ein sehr heikles, denn in dreißig Jahren ist von siebenhundert Miffethätern, welche die Pilgerfahrt wagten, kaum der zehnte Theil mit gefüllter Giftbüchse zurückgekehrt. Im weiteren benchtet uns dieser Kalender von wichtigen Steuerungen auf wirthschastlichem Ge- biete, z. B. einer Verbesserung der Lichtputzscheerm, die nun mit beweglichen, das Herausfallen des abgeschnittenen Dochtes hindernden Klappen versehen find, und zum Schluß erwirbt sich das Büchlein das Verdienst, einige allgemein verbrettete Jrrthümcr endgiltig richtig zu stellen. So erfahren wir, daß der König der Thiere, der Lowe, eigentlich ein feiges Individuum ist, welches dem Widerstande möglichst auS dem Wege geht, daß das Stachelschwein keineswegs, wie bisher an- genommen worden, seine Stacheln auf den Verfolger abschießt, und daß ebenso die Zunge des Rhinozeros durchaus nicht so scharf ist, um durch Lecken tödten zu können. Dagegen aber werden wir„nach der Meinung einiger Neueren" belehrt, daß der Echwanengesang und das Einham nicht in das Reich der Fabel gehören. Wider einen anderen Unglauben der Zeit wendet sich der in Lauenburg gedruckte„Königlich Großbritannische Genealogische Kalender auf das 1785 Jahr", in- dem er nachweist, daß es in der That Meermenschen giebt. Es werden mehrere Beispiele aufgezählt, daß solche merk- würdigen Geschövfe gefangen oder doch gesehen worden find. Ein weibliches Exemplar, das bei einem Sturme an die holländische Küste geworfen war, lebte mehrere Jahre ehrbar- lich in der Stadt Haarlem. Alan brachte ihm das Verzehren der landesüblichen Kost und sogar die schwierige Kunst deS Strickens bei, aber zum Sprechen war es nicht zu bewegen. Derselbe Kalender vom Jahre 1786 giebt wichtige Ausschlüsse über Wesen und Wandel des Krokodils, welches mit folgenden Worten dem ängstlichen Leser vorgestellt wird:„Glücklicher- weise ließ die Natur den Krokodil in einer ziemlichen Ent- fernung von Europa entstehen." In den fernen heißen Ländern fürchtet man sich weniger vor' dem Schuppenthier, denn dort „bedienen sich die großen Herren seiner zum Zeitvertreib. Sie brauchen ihn statt eines Pferdes. Allein es ist nicht ohne Gefahr; manchmal frißt er seinen Reuter". Indessen giebt es auch im lieben Deutschland viele gefährlichen Dinge, darunter manche, die als solche gar nicht erkannt werden, z. B. den Fächer, welcher oft in schönen Händen nichts anderes ist, als ein scharfes Messer in der Hand eines kleinen KindeS. Wodurch dieses herbe Urcheil begründet wird? Es ist Thatsache, daß Zugluft Erkältung bringt; wie sollte also nicht du kühle Luft, wetthe man mit dem Fächer Geficht, HalS und Brust zuweht, die Ursache manches Leidens sein,„welches das Frauenzimmer in den schönsten Sommertagen oft von einer Spazierfahrt oder Vifite mit nach Hause dringt." Sehr bedauerlich ist es, daß manche der neuen Erfindungen, von welchm unsere alten Kalender berichten, im Laufe des Jahrhunderts wieder ver- loren gegangen find. So die prächtige Erfindung eines Herrn le Roux, der eine Mütze konstruirt hatte, mit welcher bekleidet man aus beträchtlicher Höhe auf die Erde springen konnte, ohne Schaden zu nehmen, ja nur aus dem Gleichgewicht zu kommen. Wie nützlich wäre diese Mütze für uns Großstädter, die wir täglich mit dem Treppensteigen so viel Zeit ver- schwenden müssen. Die Hälfte dieser Zell würde uns erspart bleiben; wir brauchten, wenn wir auf die Straße wollen, nur die Mütze aufsetzen und könnten dann direkt vom Fenster auf den Perron der vorüberfahrendm Pferdebahn 'eine gestern im Reichstagsgebäude stattgehabte Auktion zeigte wieder die ganze Misere unseres gegenwärtigen AuttionSwesens, andererseits aber auch, daß das Resultat einer Auktion in den Händen des Auktionators liegt. Es waren, wie der„Voss. Ztg." geschrieben wird. Auktion gestellt unter Anderem: Zeitungsmakulatur und Reichstagsdrucksachen. Außer den vollzählig erschienenen Händlern und Auftions- flaneuren, welche, wie fast immer bei Auktionen, Klique bilde- ten, war auch einer der größeren hrestgen Papierhandler alS Käufer anwesend. Letzterer ließ fich, nachdem etwa 45 Zentner Zeitungen zu angemessenen Preisen verstelgeit waren, dazu herbei, der Klique beizutreten und gemeinschafllrche Sache rrnt ihr zu machen. Die Folge davon war, daß auf demnächst zum AuSgebot gelangte 33 Zentner Drucksachen nur ein Gebot von 15 M. und auf 5 Zentner Zeitungen nur 16 M. abgegeben wurde. Bei solchen Schleuderpreisen zog es der die Auktion leitende Auktions- KommissariuS Haehnel vor, die Auktion ab- zubrechen. Den hierauf entstehenden Tumult beantwortete er mit der Aufforderung, sofort die Räume zu verlassen, widrigen- falls er das Hausrecht ausüben müsse. Nachdem das Gros der Klique fich entfernt hatte, konnte der genannte Auktionator nach zuständigen Ortes eingeholter Genehmigung die Druck- M"als?" fünf Mal" höher! un0 die IäÄÄ M'ÄTÄlr Ä1 an drei noch zurückgebliebene Händler verkaufen. Wenn jeder Auktionator sich vollständig unadbängrg von den Händlern hielte, was leider nur sehr wenige thun, und wenn jeder dann der Klique konsequent energisch entgegenträte, dann würden ficherlich die Klagen über das heutige Berlmer Auktionsun- wesen ein Ende nehmen. Zu bedauern ist, daß fich Personen aus den besseren Ständen herablaffen, mrt der Klrque gemein. schaftlrche�S�zi�machem � � Luft hängt. ist ficherlich etwas seltenes auch in Bertin. und doch können die Passanten am Haienplatz täglich nach Feierabend und früh vor Begrnn der Ausladearbeiten, sowie den ganzen Sonntag über dieses Wunder anstaunen. Reden einem der dortigen Dampfkräbne ist ein kleines Häuschen aufgestellt, in welchem die Beamten bei ungünstiger Witterung Play nehmen und die Ausladungs- arbeiten leiten. Dieses kleine Häuschen würde deS Nachts in dieser einsamen Gegend auf Obdachlose eine starke Anziehungs- kraft ausüben und von ihnen vielfach beschädigt werden. Um dieS zu verhüten, dreht allabendlich nach Beendigung der Arbeit der mächtige Dampfkrahn seinen Hebel gegen das kleine Häus- cken' die Kette mit dem großen Haken raffelt nieder und faßt SÄÄ A ÄÄÄÄ SS-WSSÄ--•e prangte doch am Sonntag bereits um 6V, Uhr das von den Direktionen so gern gesehene„Ausverkauft" am Schalter der Kasse. Hunderte fanden keinen Einlaß. Die überaus lustige Posse„Berliner Sonntagsschwärmer" gefiel sehr. Wasserstand der Spree in der Woche vom 13. bis 19. September.(Angabe in Metern.) Gerichts-Zeitung. o. k. Die Reichstags-Abgeordneten v. Wollmar, Bebel und Genossen wegen Theilnahme an einer ge« Heime« Verbindung vor Gericht. Chemnitz, 28. Septem- der 1885. Erster Tag der Verhandlung. Ein äußerst umfang- reicher Prozeß von weitgehendem politischen Interesse gelangt heute zur Kogniton der ersten Strafkammer des hiesigen könig- liehen Landgerichts. Auf der Anklagebank erscheinen: 1) Der Schriftsteller und Reichstagsabgcorvnete Georg Joseph Karl Heinrich von Vollmar, 35 Jahre alt, Dissident; 2) der Reichs- tags- und sächsische Landtagsabgeordnete Drechslermeister Fer- dinand August Bebel, 44 Jahre alt, evangelisch- lutherisch 3) der Buchdruckereibefitzer und Reichstagsabgcordnete Johann Heinrich Wilhelm Dietz, 41 Jahre alt, evangelisch; 4) der Möbelhändler und Reichstagsabgeordnete Ignatz Auer, 33 Jahre alt, katholisch; 5) der Schriftsteller und Reichstagsabge- ordnete Karl Franz Eugen Frohme, 35 Kabre alt, Disfident; 6) der Buchdrucker Karl Theodor Johann Ulrich(Offenbach). 32 Jahre alt, freireligiös; 7) der Bildhauer und Gastwirth Philipp Heinrich Müller(Darmstadt), 35 Jahre alt, freireligiös und 8) der Schneidermeister Stephan Heinzel(Kiel), 43 Jahre alt, Dissident. Der neunte Angeklagte, Journalist und Reichstagsabaeordnete Franz Georg Louis Viereck kann kranlheitshalbcr nicht erscheinen. Der Gerichtshof hat deshalb beschlossen, gegen diesen die Verhandlung abzusetzen. In der Zeit vom 29. März bis 2. April 1883 fand bekanntlich in Kopenhagen ein Kongreß der Sozialdemokraten Deutschlands statt, an dem auch die Angeklagien theilnahmen. Als dieselben von dem Kongreß nach Deutschland zurückkamen, wurden fie, theils in Kiel, theils auf dem Bahnhofs-Perron in Neumünster verhaftet. Die Staatsanwaltschaft folgert nun, daß die Angeklagten durch die Theilnahme an diesem und an dem im August 1880 auf Schloß Wyden in der Schweiz statt- gefundenen Kongreß fich der Verletzung der§§ 128 und 129 des Strafgesetzbuches schuldig gemacht haben. Die bezeichneten Paragraphen lauten:§ 128.„Die Thell- nahme an einer Verbindung, deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der StaatSregierung geheim gehalten werden soll, oder in welcher gegen unbekannte Obere Gehorsam oder gegen bekannte Obere unbedingter Gehorsam versprochen wird, ist an den Mitgliedem mit Gefängniß bis zu sechs Monaten, an den Stiftern und Vorstehern der Verbindung mit Gefängniß von einem Monat bis zu einem Jahre zu bestrafen. Gegen Be- amte kann auf Verlust der Fähigkeit zur Bekleidung öffent« licher Aemter auf die Dauer von einem bis zu fünf Jahren erkannt werden."§ 129.„Die Theilnahme an einer Verbin« dung, zu deren Zwecken oder Beschäftigungen gehört, Maßregeln der Verwaltung oder die Vollziehung von Gesetzen durch un- gesetzliche Mittel zu verhindern oder zu entkräften, ist an den Mitgliedern mit Gefängniß bis zu einem Jahre, an den Stif- tern und Vorstehern der Verbindung mit Gefängniß von drei Monaten bis zu zwei Jahren zu bestrafen. Gegen Beamte kann auf Verlust der Fähigkeit zur Vekleidung öffentlicher Aemter auf die Dauer von einem bis zu fünf Jahren erkannt werden." Als Beweismittel für dieses Krimen führt die Staatsan- waltschaft nicht nur die Protokolle jener Kongresse, sondern auch eine Reihe von Artikeln aus dem in Zürich erscheinenden „Sozial- Demostat", lowie mehrere von sozialdemokratischen Abgeordneten im deutschen Reichstage gehaltene Reden ins Feld.„Bei fortgesetzter Beobachtung der sozialdemokratischen Bewegung— so heißt es an einer Stelle der voluminösen Anklageschrift— muß fich die Ueberzeugung aufdrängen, daß gegenwärtig in Deutschland eine sozialdemokratische Verbindung besteht, welche fich als eine strafbare im Sinne der§§ 128 und 129 des Strafgesetzbuches darstellt. Schon die historische Ent- Wickelung der Sozialdemokratie giebt an die Hand, daßman eS nicht blos mit einer politischen Partei, also mit einer Mehr« zahl neben einander hingehender, in ihrer Gesammtheit erne und dieselbe politische Richtung verfolgender Gesinnungsgenossen, sondern mit einer auf einen dauernden Bestand berechneten, bestimmte einheitliche Zwecke und Ziele verfolgenden, zu einer estgegliederten Organisation zusammengeschlossenen Parteiver- bindung zu thun hat. Nachdem zunächst im Jahre 1863 Lassalle den„Allgemeinen deutschen Arbeiter- Verein" gegründet halte, dessen Eitz Leipzig, später Berlin war und nachdem einige Zeit nach der Gründung ein Theil der Mitglieder aus dem Vereine ausgetreten war und unter dem Namen„Sozialdcmo- statischer Arbeiter- Verein" einen besonderen Verein gegründet hatte, welcher auf dem im Jahre 1869 zu Eisenach abgehaltenen Kongresse den Namen„Sozialdemokratische Arbeiterpartei" angenommen hatte, erfolgte auf dem im Jahre 1875 zu Gotha abgehaltenen„Vereinigungs-Kongresse der Sozialdemokraten Deutschlands" die Veieinigung der beiden oben gedachten großen sozialdemostattschen Parteirichtungen und konstituirte fich an Stelle jener beiden Hauptvereine ein Verein unter dem Nameu„Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands", welcher lediglich eine Fortsetzung der vorher bestandenen sozio- listischen Vereine war. Dieser Verein war, wie die früheren Vereine, aus denen er herausgewachsen war, fest oiganisttt, hatte ein bestimmtes Programm, eine bestimmte Geschäftsord- nung, einen leitenden Vereinsvorstand, dem eine„Kontrol- Kommission," ein„Ausschuß" und verschiedene Beamte(Sekre- tär, Kasfirer tc.) zur Seite standen; er hatte ferner ein be- stimmtes Preßorgan, destimmte Normen für Aufnahme von Mitgliedern, für Vereinsdeittäge u. s. w. ES fanden alSdann in den Jahren 1876 und 1877 wettere allgemeine Partei-Kongresse zu Gotha statt, welche, wie fich aus den bezüglichen Pro- tokollen über jene Kongresse ergiebt, nichts Anderes waren, als Kongresse des obengedachten Vereins. Nach dem Erscheinen des ReichSgesetzeS gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratte vom 21. Ottober 1878 wurden zwar die einzelnen Mitgliedschaften des gedachten Vereins verboten und eS verschwand derselbe in Folge dessen von der äußeren Bild- fläche, allein daß die Organrsation des Vereins thatsächlich nicht zerstört wurde, daß dteselbe vielmehr im Geheimen unter geringen, durch die veränderten Verhältnisse gebotenen Modifikationen fottbestand, geht aus mannigfaltigen, an die Aeußer- lichkeit getretenen Umständen deutlich hervor. Auf den Kongreffen zu Wyden und Kopenhagen wurde beschlossen: Die Gesammtheit der sozialistischen Rcickstags- abgeordneten als Parteileitung anzuerkennen. Diese Partei- leirung scheint mit weitgehenden Machtvollkommenheiten aus- gerüstet zu sein. Sie leitet die Agitation, organifirt die Partei- bezirke, vorbereitet die Kongresse und größeren Versammlungen, stellt die Vereinsbeamten an, bewilligt oder versagt Unter- stützungSgelder, übt die Parteidisziplin, beschließt über Ausschluß und Ausstoßung einzelner Patteigenoffen u. s. w. In dem Wydener Kongreßprotokoll heißt es u. A.:„daß die foztal- demokratischen Reichstagsabgeordneten den Ausschluß Hassel- BerantWrtlicher Redakteur». Kroxfcei« i»«erlin. Druck und Vertag von Mar Babing w Berlin 8W„ Beuchstraß« S. mann 8 ausgesprochen haben." Femer heißt es in diesem Kongreßprotokoll:„Es würde Wahnsinn gewesen sein, wenn die Reichstagsabgeordneten nach Erlaß des Sozialistengesetzes die Parole zum Losschlagen gegeben hätten." Die Vertreter der Partei im Reichstage wurden auf dem Wydener Kongreß beauftragt:„im geeigneten Momente fünf Personen zu bestim- men, welche alle auf die Wahlen bezüglichen Anordnungen zu treffen haben." Ferner wurde auf Schloß Wyden folgender Beschluß gefaßt:„Es find nur solche Kandidaten aufzustellen, die unser Programm voll und ganz anerkennen und fich der Parteidisziplin unterordnen, indem fie fich verpflichten, an allen, durch Gesammtbeschluß der Parteivertretung herbeigeführten Altionen fich zu bethciligen." Im September 1883 wurde dem„Sozial- Demokrat aus Schlesien berichtet:„Vor Kurzem hielten wir einen gut besuchten Prooinzialtag ab mit der Tages-Ordnung:„Innere Organisation k." Man war auf dem Prooinzialtag allgemein der Anficht, daß die geheime Agitation mit Rücksicht auf die heutigen Ver- Hältnisse wohl beibehalten werden müsse und es ein Haupt- erfordemiß sei, öfter derartige Zusammenkünste zu veranstalten, damit die neugebildeten Organisationen dem großen Ganzen verbündet bleiben zum gemeinsamen Kampfe." Für das Be« stehen einer wirklich sozialdemokratischen Parteiverbindung spricht insbesondere dasjenige, was in den angedeuteten Quellen über das Bestehen von Parteifonds und über die Er« Hebung von Beittägen und Steuern von den Parteimitgliedern zu ersehen ist. Die Parteiverbindung befitzt: a) einen Fonds zur Unterstützung der Opfer des Sozialistengesetzes, b) einen Agitationsfonds, c) einen Flugschriftenfonds, d) einen allgemeinen Wahlfonds, e) einen Archivfonds, f) einen Antheil- fonds. Außerdem befitzt die Partei: a) eine selbstständige Druckerei, d) ein bestimmtes offizielles Partei Organ(den in Zürich erscheinenden„Sozial-Demolrat"), c) ein Partei-Archiv. Nachdem von den früheren sozialdemokratischen Parteiblättern der in Berlin erschienene„Neue Eozial-Demokrat" am 1. Oktober 1876 eingegangen, der in Leipzig erschienene„Vorwärts" aber unterm 26. Oktober 1878 auf Grund des Sozialisten- Gesetzes verboten worden war, tauchte am 28. September 1879 als neues Parteiorgan der„Sozial-Demokiat",„Jntematio- nales Organ der Sozialdemoitatie deutscher Zunge", als Wochenblatt, herausgegeben in Zürich, auf. Dieses Blatt wurde unter dem 18. Oktober 1879 auf Grund des Sozialistengesetzes in Deutschland verboten. Auf dem Kongresse zu Wyden wurde aber der„Sozialdemokrat" zum einzigen offiziellen Parteiorgan erklärt und gleichzeitig ein erfreulicher Aufschwung des BlatteS konstatirt. Am 16. Februar 1882 bringt der„Eozial-Demokrat" eine von Auer, Bebel, BloS, Dietz, Frohme, Geiser, Grillen- bcrger, Hasenclever, Kayser, Kräcker, Liebknecht, Stolle und v. Dollmar, unterzeichnete Erklärung, in welcher es u. A. heißt: „Um ein für alle Mal falschen Auffassungen des Verhältnisses der deutschen Sozialdemokratie zu dem in Zürich erscheinenden „Eozial-Demokrat" zu begegnen, erklären wir: der„Sozial- Demo- trat" ist das offizielle Organ der deutschen Sozialdemokratie und hat den Zweck und die Aufgabe, die Parteigenossen in Bezug auf die Parteibewegung auf dem Laufenden zu halten und die Grundsätze der Patter, wie fie in unserem Programm niedergelegt find, zu verfechten. Das Blatt soll ferner em ge- treuer Spiegel der Stimmungen und Anschauungen sein, die unter dem Druck des Ausnahmegesetzes innerhalb der Partei zu Tage treten und demgemäß ist die Redaktion verpflichtet, allen derattigen Anschauungen und Stimmungen Raum zu geben, vorausgesetzt, daß dieselben den Pnnzipren und Interessen der Pattei nicht widersprechen." Auf dem Kopenhagener Kongresse wurde konstatitt, daß die Verbreitung des„Sozial- Demokrat" die erfreulichsten Fortschritte mache und daß derselbe fast überall gelesen werde, wo die Pattei Anhänger befitze. Daß die sozialdemokratische Verbindung ihr Dasein und ihre Verfassung vor der Etaatsregierung geheim hält, ist mit Rück- sickt auf das Sozialistengesetz eine Existenzbedingung für die- selbe. DaS Patterorgan predigt daher fast in jederNummer Vorficht und Verschwiegenhert. In einerimVerlage des,, Eozial-Demokrat" erscheinenden Druckschttst heißt es:„Es müssen Alle, welche ihren Briefwechsel nicht gern von schmutzigen Polizeinasen durchschnüffelt haben wollen, in erster Linie aber die auf's Heftigste verfolgten Sozialdemokraten, für welche jede Brief« abfassung zu Haussuchungen, Erwerbsbenachlheiligungen, sowie vor Allem zur Schädigung der Partei führen kann, darauf be» dacht sein, ihren Bttefverkehr durch künstliche Mittel vor den Klauen der amtlichen Bricfhabichte zu fichern. Deshalb ist eS erforderlich, niemals an verdächtige Adressen zu senden, sondem fich stets diskreter unverdächttger Adressen, sogenannter Ver- mittelungs- oder Deckadressen zu bedienen, femer so wenig alS möglich Namen zu nennen und dieselben nur durch Anfangs- buchstaben, Zeichen oder sonstwie zu bezeichnen, Verfängliches nicht dirett oder offen zu schreiben, sondern derlei unter einer unverfänglichen, am besten geschäftlichen AuSdrucksweise zu ver- stecken, vor Allem aber verdächttge Bttefe niemals an der Polizei zugänglichen Otten, aufzubewahren. Alles dies ist in der Hauptsache aber nur durch die Anwendung der Geheim- oder Chiffreschnft zu erreichen. Alsdann folgt eine Belehrung über diese Schrift.— In einem unterm 25. Dezember 1882 seitens der Redattion und Expedition des„Eozial-Demokrat" an die„Patteigenoffen" gerichteten Aufruf heißt es u. A.: „Da das dekannte infame Gesetz uns nöthiat, die Berathung im Auslände stattfinden zu lassen, wollt Ihr hiernach den nöthigen Aufwand bemessen. Ein Zeitopfer von mindestens 8 Tagen inkl. Reise müßt Ihr für Eure Vettrauensleute in Rechnung stellen. Die größeren Orte find verpflichtet das Opfer zu bringen und selbststandig einen Vettrauenemann zu schicken- Die klcmeren Otte und ärmeren Bezirke mögen zu gemein« samer Berathung und Wahl zusammentreten. Da aber überall das Spitzellhum seine langen Ohren hinhält, so rathe« wir Euch Vorficht und strenge Geheimhaltung der Namen Eurer Vettrauensleute an. Die Namen der letzteren wollt Ihr nur in der bekannten W-ise und unter den bekannten Adressen, sofott nach gettoffener Wahl, spätestens aber bis Ende Februar anzeigen, worauf dann weitere Mittheilung er» folgt. Für letzteren Zweck ist genaue und sichere Adresse abzu« geben. Der gewählte Vertrauensmann muß eine von winde« stenS zwei uns Bekannten unterschriebene Vollmacht, als Ausweis vorzeigen können." Der Kongreß fand nun, wie er« wähnt, in dm Tagen vom 29. März bis 2. April in Kopen« Hagen statt. Derselbe war von 60 Delegirten besucht, die si» fast sämmtlich in dm Hotels unter fremden Namen eingetta- gen hatten. ÄuS all' den aufgeführten Umständen ist zu konstatiren, daß an dem Kopenhagener Kongreß nur solche Pattei-Ange- hörige Theil genommen baden, welche mit den Verhältnissen der sozialdemokratischen Patteioerbindung auf das Genaueste bekannt warm und von dmen zu erwarten war, daß fie den ihnen ertheilten Vollmachten gemäß, auf dem Kongresse eine den Patteiverbmdungszwecken entsprechende, die Verbindungs« zwecke fördernde Thätigkeit entwickeln würden. In der Theu- nähme an dem Kongreß ist sonach zweifellos eine die Konso- lidirung, Ausbreiwng, Entwicklung uud Kräftigung der foztal« demokrattschen Parteiverbindung bewußt fördernde Tbatrgkett der Delegirten deS Kongresses zu erblicken, eine Thätigkett, welche den Begriss der Mitgliedschaft an der Parteiverbtndung in Sinne der§§ 128 und 129 des Strafgesetzbuches vollständm erschöpft. Es steht nun fest, daß die Angeklagten sämmtli» als Delegitte, Bebel sogar als Vorfitzender an dem Kongresse theilgmommen haben." DieS im Wesmtlichen die Aufzerch« nungm der Anklagebehörde._ Da der Wohnort des Hauptangellagten v. Vollmar zur Zell im LandgettchtSbezttk Chemnitz lag, so haben ficb die An geklagtm wegm Verletzung der§§ 128 und 129 des Straf- Gesetzbuches vor Eingangs bezeichnetem Gerichtshofe zu veranr« wottm.(Fortsetzung folgt.)___ Hierin eine Beilntf» Beilage zum Berliner Bolksblatt. Mr. S27. Dienstag, den 29. September 1883. II. Jahrg. Politische Ueberstcht. Die Verlängerung de« kleinen Belagerungszustandes über Berlin und Umgegend sowie über Hamburg und Nmgegend wird heute im Reichsanzeiger publtzirf. — Auf Grund des Sozialistengesetzes ist die im Selbstverlag des Berfassers Bernhard Becker, Druck von Rein» hold Baist, ohne Angabc eines Wohnortes im Jahre 1865 erschienene Druckschrist:„Der große Ardeiter. Agitator Ferdinand Lassalle, Denkschrift für die Todtcnfeier des Jahres 1865" ver. boten worden. Dänemark. Die Arbeitsausschließung der Schmiede in Kopenhagen dauert fort und die Sammlungen für die Feiernden nehmen ihren Fortgang. Die Radikalen und Linkenmänner haben sich in diesem Arbeitsausschluß ganz auf Seiten der Arbeiter ge- stellt und in Folge dessen sind für letztere bereits 100 600 Kronen gesammelt worden. Zwischen der kleinen Zahl Arbeiter, welche sich den Forderungen der Fabrikanten gefügt und der großen Majorität der Schmiede, welche auf ihr Programm verharren, ist eS wiederholt zu blutigen Szenen gekommen, so daß die Polizei einschreiten mußte. Die Arbeiter gedenken nun selbst eine Fabrik zu gründen, ein Gebäude ist bereits gekauft und seit etlichen Tagen werden Aufrufe zur Aktienzeichnuna erlassen. Die Anschaffung der erforderlichen Maschinen und Werkzeuge soll mittelst dieser Gelder geschehen, während das Fabrik- gebäude selbst der belannte Linkenmann Alberti für die Arbeiter gekaust hat. Grotzbritaunie«. Gestern fand in Limehouse, einer Vorstadt Londons, eine große sozialistische Kundgebung zu dem Zwecke statt, um das Recht der öffentlichen Versammlung zu kon- statiren. Deputationen mehrerer anderer Quartiere Londons nahmen an der Kundgebung Theil. Die Gesammtzahl der Manifeslirenden wird auf 8000 geschätzt. Die Polizei hatte den Veranstaltern der Kundgebung mitgetheilt, daß sie die Versammlung gewähren lassen werde, wenn nicht Stockungen im Straßenverkehr dadurch verursacht würden. Die Kundgebung verlief ohne Störung der öffentlichen Ordnung. Mehrere so- »ialistische Redner ergriffen daS Wort; es gelangten Resolutionen zu Gunsten der Redefreiheit und der Freiheit der öffentlichen Versammlungen auf der Straße zur Annahme, worauf sich die Versammlung ohne Zwischenfall auflöste. Lokales. g. Der Markttzoltzei. welche mit großem Eifer auf die Händler mit Pferdefleisch- Würsten bczw. Fabrikanten derselben auf unseren Wochenmärsten fahndet, ist es gelungen, auf dem Wochenmarkt am Dönhoffsplatz in der vergangenen Woche einen Wurstwaarenhändler, der einen bedeutenden Umsatz macht, des Verkaufs auch von Pferdefleischwürsten zu überführen. Wie wir hören, bezog derselbe diese Waaren von einem in letzter iert bereits wiederholt genannten Schlächter aus Rixdorf. Der �all erregt unter den hiesigen Schlächtermeistern ein um so größeres Aufsehen, als der betreffende Wurstwaarenhändler sich seit einer Reihe von Jahren des guten Rufs strengster R-ellität zu erfreuen hatte. E. Die neuen patentirten Schienen, welche die Pferde- bahngesellschaft bei Anlage neuer Linien verwendet, nämlich Schienen, die unmittelbar auf dem Beton oder auf einer Un- terlage von Stein ruhen, mögen wohl nicht allein ihrer langen Dauerhaftigkeit wegen, sondern auch, weil sie auf beiden Sei- ten gebraucht werden können, sehr prattisch sein und der Ge- sellschaft trotz ihrer theuem Anlagekosten billiger zu stehen kommen, als wenn die Schienen auf hölzernem Unterbau ruhen; aber für die Nerven deS die Pferdebahnen benutzenden Publikums sind sie eine wahre Höllenqual. Man merkt sofort den Unterschied, wo diese zwei verschiedenen Schiencnsnsteme aneinander stoßen. Das ruhige geräuschlose Laufen der Wag. gons auf Schienen, welche auf Hölzemen Langschwellen liegen, geht, wenn man auf Schienen mit Stein resp. Betonunterlage gelangt, in ein permanentes Donnem über, welches die Gehör- nerven des fahrenden PuulikumS auf eine harte Probe stellt. Besonders bei trockenem Wetter, wo das Holz der Wagen aus. getrocknet ist, kann man, so zu sagen, sein eigen Wort nrcht verstehen. Den Leitern des technischen Bureaus der Gr. Berk. Pferdebahn-Gescllschaft stehen doch so bedeutende Erfahrungen im Straßenbau- Wesen zu Gebote, daß sie dafür Sorge tragen könnten, Ivcn Pferdedahnwagen nicht zum Marterkaflen werden r. Bon der Arbeit, welche die bevorstehende Volks» Zählung veranlaßt, konnte man sich gestern Morgen einen ungefähren Begriff machen, wenn man zwei vor dem Post- amte in der Zimmerstraße haltende Rollwagen näher detrachtete. Dieselben waren mit viereckigen Kolli hoch beladen, deren jeder etwa einen Kubikmeter im Umfange halten mochte, und an ein LandiathSamt adrcffirt war, während als Absender das statistische Amt angeben war. Diese Packete enthielten die für das Zählungsgeschäft erforderlichen Materialien, Listen, Zähl- karten, Formulare rc., die sämmtlich oder zum größten Theile dem statistischen Amt ausgefüllt wieder zurück zu senden sind, wonach dann das Gesammtergebniß der Zählung auS den zwei Rollwagen voll Papier ermittelt wird. Ein recht nrcdliches Stückchen Arbeit. r. Augenscheinlich um Obdach im Polizei-Gewahr- sam zu erhalten, unternahmen � drei Stammgaste von Mutter ■Grün am letzten Sonnabend in der Nahe des Kottbuser Thores musikalische Aufführungen im Umherziehen, der denen ein höheres Kunstintereffe nicht obwaltet, wie die Gewerbeord- Nung sich so finnreich in der Negative ausdrückt. Die drei, von der niedrigen Temperatur bläulich angehauchten Gestalten nahmen ihren Vorrath an musikalischen Kenntnissen zusammen und intonirten auf dem ersten besten Hofe das ganz aus der Mode gekommene„Mit dem Pfeil und Bogen", das aber ber dem betreffenden HauSwirth durchaus keinen Anklang fand, so daß sie unter den Klängen des Schlußverscs„lalaia" bereits den Hof wieder verließen. Keineswegeö entmuthigt durch den Mißerfolg, machten sie sich auf dem nächsten Hof an die Auf. führung eines Chorals, wobei einer von den Dreien mit zwei Stücken Holz das Spielen einer Violine nachahmte; auch mit dieser Ätusik-Auffllhrung hatten sie kein Glück, überall wurden fle einfach abgewiesen, ohne daß das Einschreiten eines Schutz- MannS nöthig geworden wäre und schließlich sah man sie ihren Kours gen Rixdorf nehmen: ob sie beabsichtigten, durch Ein- schlagen eines Schaufensters zu ihrem Ziele zu gelangen, oder ob sie den Insassen des Rixdorfer Hunde-Asyls ihre sangerische Huldigung darbringen wollten, haben wir nicht ermitteln können. . Wie bei der Ermittelung und Festnahme von Ber- brechern der Zufall oft fördernd mitzuwirken pflegt, dafür liefert die Vorgeschichte des Friedrichsberger Gauncrprozcffes, welcher von gestern bis übermorgen zur Verhandlung steht, ein bisher noch unbekannt gebliebenes Beispiel. Zu der Zeit, als die Kriminalpolizei auf die ersten Mitglieder der Bande fahn dete, erhielt der Kriminalschutzmann S. den Austrag, nach Friedrichsberg in der Wohnung der Frau Markowska— in welcher man den Schlupfwinkel der Bande vermuthete— nach einem gcwiffen Taschendiebe zu forschen. Vor dem Frankfurter Thore traf der selbstverständlich Zivilkleider tragende Schutz- mann einen ihm bekannten Militär- Anwärter, welcher dem „B. T." zufolge, in Frankfurt a. O. gedient hatte und nach Berlin gekommen war, um bei einer Behörde Anstellung zu suchen.„Du kommst mir gerade recht!" rief der Beamte,„ich habe da einen Auftrag auszuführen, aber ich fürchte, die Leute kennen mich und verertcln meinen Zweck. Komme mit und gehe Du an meiner Stelle hinauf!" Der Anwärter war sofort bereit, besah sich genau die ibm vorgezeigten Photographien der Frau Markowska und ihrer Tochter. Er ging nach deren Wohnung hinauf und erhielt den Bescheid, daß der Gesuchte zwar dort gewohnt habe, aber wieder abgereist sei. Als nun der An- wärter nach dem Hausflur zurück kam, trat soeben ein Mann ins Haus, der sofort freudig ausrief:.Herr Gott! Karle, wo kommst Du denn her?" Der also Angeredete erkannte in dem ihn Begrüßenden den Pfeffermünzküchel- Händler Wilhelmi, mit dem er in derselben Schwadron äedient hatte, und sofort stieg in ihm der Verdacht auf, daß W., der mit Pfeffermünz- kücheln die Jahrmärtte bereiste, mit zur Bande gehöre. Um jedem Mißtrauen zu begegnen, stellte er sich als Magistrats- Beamter vor und verwickelte den W- in eine jener gemüthlichcn Plaudereien, wie sie unter Regiments-Kameradcn üblich find. Inzwischen näherte sich der Kriminal-Schutzmann, der mit einem Blick die Situation übersehend, mit allen Zeichen der Freude, einen alten Bekannten wiederzusehen, hinzutrat und den Anwärter mit den Worten begrüßte:„Junge, was machst Du denn hier?" Der Anwärter stellte statt der Antwort dieselbe Frage und der Schutzmann erwiderte: „Ich habe jetzt eine Kneipe da draußen in der T.- Straße und war auf dem Viehhofe, um ein paar Schweine zu kaufen' ich will nämlich morgen ein Wurstesten arrangiren. Aber Schwcrenoth! giebt's denn hier keine Kneipe! Wir müssen doch das Wiedersehen feiern!" Wilhelmi, dem der „Regiments-Kamerad" und der joviale„Budiker" über jeden Zweifel erhaben schienen, ließ sich bewegen, mitzugehen und mitzutrinken. Als nach mehreren Seideln die Unterhaltung recht„gemüthlich" wurde, da lud der„falsche Budiker" seine beiden Kneipgenossen zu seinem Wurstessen ein, aber W. lehnte ab, er habe keine Zeit.„Ach das ist schade! Was haben Sie dcnn so Wichtiges vor?" fragte im Tone deS höchsten Bedauerns der angebliche Budiker.«Ich verreise morgen und fahre mit mehreren bekannten Händlern und Händlerinnen nach Stettin, von da nach Stargard, Stolpe und dann nach Stendal." Der Schutzmann wußte genug. Unkenntlich durch sorgfältig kahl rastrtes Geficht bei entsprechender Verkleidung und in Gesellschaft anderer Kriminalbemten begleitete er an- deren Tages den Wilhelmi mit seinen Freunden auf die de- zeichneten Märkte. Dort wurden die Gauner bei ihrem lang« fingerigen Geschäft beobachtet und bei der Rückkehr nach Berlrn auf hiesigem Bahnhofe verhastet. So kam ein Theil der Ge- sellschaft hinter Schloß und Riegel. g. In der Angelegenheit de« Slaubmörder« Sch»nicht erfahren wird, daß Schunicht die sämmtlichen in dieser Ange- legenheit vernommenen Zeugen für verrückt erklärt hat. Er bleibt vor dem Untersuchungsrichter bei der Behauptung stehen, daß alle die gegen ihn vernommenen Personen ihn nur in's Verderben stürzen wollten; er kenne sie gar nicht. Unter diesen Zeugen, deren Bekanntsein er rundweg ableugnet, befindet sich auch eine in der Kochstr. 25 wohnhafte Frau P., welche mit Frau Schunicht seit deren Verheirathung im Hause Kochstr. 25 bekannt ist und daher auch Schunicht und seine Verhältnisse ganz genau kennt. Dasselbe ist mit einer zweiten Zeugin, einer Frau L. in der Oranienstr. 15 am Hcinrichsplatz der Fall, wo- selbst Schunicht mit seiner Familie ebenfalls gewohnt hat. Schunicht soll übrigens, was noch nicht bekannt geworden ist. von seiner Frau eines Tages beschuldigt worden sein, das vierte Kind der Ehe, ein Mädchen, durch Verabreichung falscher Medikamente vom Leben zum Tode befördert zu haben. Die noch lebenden 3 Kinder stehen unter Obhut der Waisen« Verwaltung und find bei Leuten in Pflege gegeben worden. Während Schunicht nicht das geringste Gefühl für seine Kinder besaß, diese vielmehr stets verleugnete, hing Frau Schunicht mit abgöt- tischer Liebe an denselben. Die große Sehnsucht nach ihren Kindem gab ihr vor etwa zwei Jahren Veranlassung, sich der Beaufstchtigunq ihrer Wärterin(Frau Schunicht wird be« kanntlich als Geisteskranke dehandelt) durch die Flucht zu ent- ziehen. Nachdem sie sich zwei Jahre in der städtischen Irren- anstatt zu Dalldorf befand, wohin sie von der Neuen Charitee aus überführt worden war, wurde sie in Franz.- Buchholz untergebracht, da sie als ungefährlich erkannt worden war. Hier nun fand sie Gelegenheit, eines Abends in der neunten Stunde zu entfliehen und langte nach mehreren Irrfahrten am anderen Morgen im Hause Kochstraße 25 an, wo sie bei der oben gedachten Frau P. ihre Kinder vermuthete, sich aber getäuscht fand, denn dieselben befanden sich bereits im Waisen- hause. Frau Schunicht wurde noch an demselben Vormittage durch die Revierpolizei ermittelt und wieder der Irrenanstalt zu Dalldorf zugeführt, woselbst fle sich noch gegenwärtig auf- hält. Vor der in der ersten Hülste des nächsten Monats statt« findenden Hauptverhandlung gegen Schunicht werden die Zeugen in dieser Sache noch einmal vor dem Untersuchungs- rtchter vernommen werden. Das jetzige Leugnen des Schunicht wird für denselben nutzlos sein, da er ganz unzweifelhaft der Thätcr ist. N. Neuer Unglücksfall durch ein Tefching. Unvor« fichtiges Umgehen mit einer Schießwaffe hat abermals einen sehr beklagenswerthen Unglücksfall im Gefolge gehabt. Die zwei Söhne eines in Franzöfisch Buchholz wohnenden Büdners im Alter von 9 resp. 12 Jahren belustigten sich vor einigen Tagen auf dem Grundstück ihres Vaters mit einem geladenen Tesching. Hierbei legte der Jüngere plötzlich die Waffe auf seinen älteren Bruder an und drückte, ehe der letztere aus- weichen konnte, das Gewehr ab. AuS einer Etirnwunde heftig blutend brach der Getroffene mit einem lauten Aufschrei be- wußtlos zusammen und blieb momentan regungslos liegen. Die infolge de« Geschreis herbeieilmden Eltern mußten den Knaben, nachdem demselben ein Nothverband angelegt worden, sofort in die Königliche Klinik in Berlin bring.n lassen, wo er fich augenblicklich noch Befindet. Nach Anficht der Aerzte soll Hoff- nung vorhanden sein, den schwer verwundeten KnaBen am LeBen zu erhalten. Guten Appetit! In dem Schaufenster des dem Bonbon- Fabrikanten Maria Benno v. Donath gehörigen Ladens Leip- »iaer- und Friedrichstraßen-Ecke machen allabendlich, wie unS ein Augenzeuge mittheilt, eine Anzahl Mäuse ihre Spazier- aänae. Die Thierchen lassen fich die ausgestellten Waaren trotz des zuschauenden Publikums sehr gut schmecken und sehen wohl genährt aus. Louisenstädtische« Theater. Die„Lustigen Weiber von Windsor" hatten am Sonntag schon um 6 Uhr ein ausverkauftes Haus zur Folge. Hunderte mußten thatsächlich an der Kasse umkehren, da absolut kein Billet mehr zu erlangen war. Dabei florirte der Billethandel wie nur Bei den größten Zugstücken. Es ist damit die für die Direstion und ihr auf das wahrhaft Gute gelichtete Streben höchst erfreuliche Thatsache konstatirch daß eine zweite Oper in Berlin ein Bedürfniß war. Da« Belle- Allianee-Theater war am Sonntag bei der Aufführung des Schwankes„Die Leibrente" total auS- verlaust. Polizei-Bericht. Am 26. d. Mts. wurde im Louisen- städtischen Kanal die Leiche einer, einige zwanzig Jahre alten unbekannten Frauensperson aufgefunden und nach dem Obduktionshause geschafft.— An demselben Tage fiel der Ar- beiter Held am Garten- Ufer von seinem mit Mauersteinen be« ladenen Wagen, wurde überfahren und am linken Unter- schenke! so erheblich verletzt, daß seine Aufnahme in die Charitee nothwendig wurde.— Als an demselben Tage Nachmittags die Dachdeckerfrau Rackete, auf einem Marstwagen sitzend, die Köpenickerstraße pasfirte, wurde sie von einem Manne auS nicht bekannter Veranlassung, anscheinend jedoch absichtlich, mit einem spitzen Steine geworfen und am linken Schläfenbein schwer verletzt. Sie wurde nach ihrer Wohnung gebracht und der Thäter verhaftet.— Zu derselben Zeit fand ein in der Liebigstraße wohnhafter Arbeiter seine Ehefrau im Bette Legend todt vor. Da die Todesursache ärztlich nicht sofort festzustellen war, wurde die Leiche nach dem Odduktionshause geschafft.— Am 26. d. M. Abends brachte ein seit längerer Zeit an Geistesgestörtheit leidender Hausdiener fich in seiner Wohnung in der Oppelnerstraße in selbstmörderischer Absicht mittelst eines BrodmefferS eine Schnittwunde in den Hals bei. Er wurde nach der Charitee gebracht.— Zu derselben Zeit fiel ein Mann von der zum Schlächterladen Flottwellstr. 10 führenden Treppe und brach das Bein. Er wurde nach dem Elifabeth Kranken- hause gebracht.— In der Nacht zum 27. d. Mts. versuchte eine Frau in ihrer Wohnung, Dessauerstraße, fich dadurch daS Leben zu nehmen, daß sie sich durch Schnitte die Pulsadern öffnete. Sie wurde noch lebend nach der Charitee gebracht._ GerichtsZeiwng. Prozeß Graes. Der in künstlerischen wie juristischen Kreisen mit gleicher Spannung erwartete Prozeß gegen den Historien- und Portrait- maler Graes nahm heute im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts i seinen Anfang. Begreiflicher Weise hatte die Ansetzung des Termins einen wahren Sturm nach Eintritts- karten entfesselt und dem Vorsitzenden eine schwierige Aufgabe gebracht, die er nur in der Weise zu lösen vermochte, daß er die Mehrzahl der Gesuche, den Raumverhältniffen entsprechend, ablehnte. Künstler, Gelehrte, Schriftsteller, Hohe Militärs und zahlreiche Juristen bilden den Hauptbestandtheil des zuhörenden Publikums. Der Schwurgerichtsbof wird gebildet aus dem Landgencktsdireltor Müller als Vorsitzenden und den Land» gerichtsräthen Freutag und Dr. Friedenthal. Die Staats» unwaltschast vertritt Staatsanwalt Heinemann, als dessen Ersatzmann für alle Eventualfälle Staatsanwalt Dr. Otto zur Stelle ist. Auf der Anklagebank nehmen Platz: 1) der Maler Professor Gustav August Leopold Ludwig Graes. Mitglied der Akademie der Künste, Schöpfer des Bildes„Die Versöhnung Wittekinds mit Karl dem Großen" im Kuppclsaale des Neuen MuseumS, der vier Herkules- und Theseus-Bilder im Portikus des Alten Museums, des„Auszuges der ostpreußischen Land» wehr" in der Nationalgalerie, zahlreicher Porträts%. jc. Er ist am 14. Dezenber 1821 zu Königsberg i. Pr. geboren und seit dem 24. März ct. in Untersuchungshaft. Die Anklage gegen ihn lautet auf wissentlichen Meineid, Anstiftung zum Meineide und wiederholtes Verbrechen gegen die Sittlichkeit. 2) Die seit dem 16. März er. in Untersuchungshast befindliche 21jährige Bertha Franziska Klara Rother wegen Anstiftung zum Meineide. 3) Deren ebenso lange in Untersuchungshast sitzende Schwester, die 18'/: Jahre alte Anna Helene Martha Rother wegen wissentlichm Meineides. 4) Die Mutter der beiden Letztgenannten, die 43jährige Töpfergesellensrau Auguste Friederike Louise Rother geb. Jahnke, welche außer ihren beiden Mitangeklagten Kindem noch zwei Töchter befitzt. Sie ist gleichfalls seit dem 25. März er. in Untersuchungshaft, und steht unter der Anklage der schweren Kuppelei. Von den drei weiblichen Angeklagten ist Bertha Rother die unbefangenste. Ihr hübsches, pikantes Geficht zeugt kaum von der langen Dauer der überstandmen Untersuchungshaft. Ihr ganzes Austreten beweist großen Chik und fie scheint fich so sicher zu fühlen, daß fie wiederhold mit lächelnder Miene ihre sehr deprimirte Schwester und Mutter zu trösten suchte. Auch der Hauptangeklaate Graes ist vollständig ruhig und sicher in seinem Aufteten. An seinem charakteristischen Künstlertopf sucht man vergebens nach Spuren der langen Haftzeit. Di« Vertheidigung liegt in den Händen der Herren Justizrath Simson und der Rechtsanwälte Kleinholz, Holz, Cassel und Voigt.— Mit Rücksicht auf die längere Tauer der Verhand- lung wurden zwei Ersatzmänner ausgeloost: im Uebrigen wird die Oeffentlichkett ausgeschlossen. Am 6. Juni 1884 fand vor der ersten Strafkammer hiefi» gen Landgerichts l eine Erpreffungsanklage gegen eine Dach- deckersrau Hammermann und einen Agenten Krischen statt, die s. Z. einigermaßen Aufsehen, namentlich in Künstlerkreisen, erregte. cv________—"J-— rCL.r...i. r. l----"....■------" ______-...............»|— 7"-»IMl----...... Tochter Namens Helene, welche seit etwa 3 Jahren bei Berliner Künstlem Modell steht, namentlich aber auch zum„AN"» Stehen(ohne Hülle) verwandt wird. Auch Professor Graes verwandte fie zu diesem Zweck, da sie ihm vom Professor A. A. v. Heyden empfohlen war. Als sie am 17. Dezember 1883 aus dem Graf'sehen Atelier nach Hause kam, theilte fie ihrer Mutter mit, daß fich G. an ihr vergangen habe, nachdem sie etwa 4 Wochen vorher mit einer ähnlichen Behauptung be- züglich deS Professor Kretschmer hervorgetreten war. Frau Hammermann und der Agent Krischen drohten nun den beiden Künstlern mit Denunziation, forderten für ihr Schweigen je 1000 M. und da die Zahlung verweigert wurde, brachte der Vater der Hammermann die Sache zur Anzeige. Beide Künstler behaupteten, daß lein wahres Wort an dieser Beschuldigung sei und so kam es zur Anklage wegen versuchter Erpressung. Da die Professoren K. und G. in der Hauptverhandlung be- schworen haben, daß die Angaben der Helene H. unwahr seien, endete die Sache damals damit, daß Frau H. zu zwei Jahren, Kirschen zu 1'/, Jahren Gcsängniß verurtheilt wurde.— AuS der auf diese Verurlheilung folgenden Zeit hat nun die An- klagedehörde eine Reihe von Momenten gesammelt, welche den Verdacht begründen sollen, daß Graes damals einen wissent» lichen Meineid geleistet, obgleich ihm freigestellt war, seine Aussage vor Gericht zu verweigern. Nach der Verurtheilung der Frau H. haben nämlich vielfache Korrespondenzen zwischen deren Familie und Profeffor Graes stattgefunden; man hat bei letzteren u. A. einen Brief von der Helene an G. bescklag- nahmt, in welchen fie das Gewisien desielben wegen der Ver. uttheilung der unschuldigen Mutter zu bewegen sucht. Aehnliche Briefe rühren von den Eltem der Helene her und zielen alle darauf hin, von Graes nachträglich Erbarmen' und Hilfe zu er- bitten, um durch Gnadeaesuch oder durch Wiederaufnahme des Verfahrens das geschehene Unglück zu redrcsfiren. Graes ist diesen flehentlichen Bitten gegenüber auch nicht täub ge- blieben und hat verschiedene Rccktsverständige deswegen zu Rathe gezogen- Inzwischen wurde Frau H. im Dezember 1884 von Amtswegen vorläufig aus der Ettafhast entlaffcn. Unter den beschlagnahmten Papieren befand fich anderseits auch ein schriftliches Belenntnifi der Helene dahin, daß fie den Prof. Graes wider besieres Wiffen beschuldigt habe und eine Frau Franziska Lehmann hat das schriftliche Zeugniß abgegeben, daß die Helene ihr das gegen Graes begangene Unrecht ein- geräumt habe. Die Anklagebehörde behauptet, daß Helene H. lencs Bekenntniß auf Befehl und nach Diktat ihres Vaters niedergeschrieben habe, weil dieser glaubte, auf diese Weise die Begnadigung seiner Ehefrau und die Unterstützung Groef's für ein Gnadengesuch leichter zu erlangen. Die Schuld G.'s wird auch daraus hergeleitet, daß derselbe der Frau H., als fie ihm zuerst Vorwürfe machte, ein Goldstück gegeben hat. Der zweite Mcineidefall, welcher gleichzeitig die drei weib- lichen Angeklagten betrifft, hängt auch mit jener Hauptver- Handlung gegen Frau Hammermann unmittelbar zusummen. Um nämlich nachzuweisen, daß Prof. Graes zur Sinnlichkeit hinneige, hatte damals der Vertheidiger der Frau Hammermann die jetzige Angeklagte Anna Rother als Zeugin laden lassen und behauptet, daß Graes mit dieser schon seit längerer Zeit einen intimen Verkehr unterhalte. Graes machte von dem Rechte der Zeugnißverweigerung wiederum. keinen Gebrauch, sondern bestritt, zu Anna Rother in irgend welchen BczicKun- gen gestanden zu haben. Es wurde dann darauf aufmerksam gemacht, daß Anna Rother gar nicht die gemeinte Zeugin sei, sondern deren Schwester Bertha; Graes wurde von Reuem aufgerufen, erklärte sich wieder ausdrücklich zum Zeugniß auch über diesen Punkt bereit und versicherte eidlich, daß er auch die behaupteten Beziehungen zur Bertha Rother nicht gehabt habe. Er fügte hinzu, daß die letztere ihm nur Modell gestanden habe, bestritt auch, ihr größere Summen Geldes ge- geben zu haben und behauptete, daß, wenn er ihr hin und wieder ein höheres Honorar für das Modellstehen gezahlt, dies nur aus Jntaeffe für ihre in dürftigen Verhältnissen lebende Familie geschehen sei. Auch die als Zeugin vernommene Anna Rother leistete einen Eid dahin, daß ihr von einem intimen Verhältniß des Prof. Graes zu ihrer Schwester nichts bekannt sein- Wie die Anklage annimmt, find beide Eide wissentlich falsche und zwar soll Anna Rother von ihrer Schwester und dem Angeklagten Graes zu diesem Meineide angestiftet worden sei. Nach den Ermittelungen der Anklagcbchörde soll nämlich Prof. Graes schon seit Jahren in den intimsten Beziehungen zu Bertha R- gestanden, ja diese Beziehungen, zu ihr sowohl wie zu ihrer jüngeren, jetzt schwer krank darniederliegenden Schwester Elisabeth, sollen sich bis auf eine Zeit zurückdatiren, wo beide Mädchen noch nickt 14 Jahre alt waren Die ange- klagte Multcr soll diesen Verhältnissen bewußt Vorschub ge- leistet haben. Mit dem vorhandenen Zeugcnmatcrial und dem Geständniß der Anna Rother soll bewiesen werden, daß die Anna R. ihrer Schwester und dem Angeklagten Graes das Resultat ihrer polizeilichen Vernehmung und das offenbare Vor- liegen einer Personenverwechselung mitgetheilt habe und daß die letzteren beiden ganz vorberertet in den verhängnißvollen Haupltermin gegangen find und mit vollem Vorbedacht einen falschen Eid geleistet haben. Anna Rother ist eine Zeit lang aus dem elterlichem Hause entfernt und auf Graes's Kosten im Johannissttft untergebracht worden. Seit dem Jahre 1882 wohnte Anna Rother, welche für den Meineid 40 Mark erhalten haben soll, allein. Bettha Rother hat dem Professor Graes seit 9 Jahren, insbesondere auch zu seinem bekannten Bilde„Märchen" Modell gestanden und Graes behauptet, für fie nur eine väterliche Liebe empfunden zu haben- Die Art dieses Verhältnisses klar zu legen, wird wesentlich Aufgabe der Beweiserhebung sein. Dre Anklagebehörde hat es als ein Liebesverhältniß in optima forma aufgefaßt, bei welchem Pban» taste und Gemüth auf Seiten Graefs eine wesentliche Rolle spielen. Sie beruft fick dabei auf eine Anzahl schwärmerischer, an Bertha gerichteter Gedichte, welche recht formvollendet find und von Graes wunderbarer Wette in einem für seine Söhne nach seinem dereinstigen Tode bestimmten Konvolut aufbewahrt wurden. Sie beruft sich ferner auf eine vorgefundene testa- mentarische Ansprache Graefs an seine Söhne, welche mehrere dezeichnende Stellen enthält, darunter auch das Geständniß, daß sein jugendlich erregbares Herz ab und zu einer Anregung bedurfte zum Schaffen und zum Streben. Es kommt darin auch folgender Satz vor:„Die Ideale lassen fich im Leben nicht erreichen; es hat uns aber auch das Leben gelehrt, daß fich eine strebende Natur, die nicht unterliegen mag, da, wo die Verhältnisse lückenhaft werden, Ersatz sucht. Ich habe dies Verhältniß unterhalten, nicht aus Frivolität, sondern um höherer Zwecke willen." Der Arme scheint lange Zeit nickt gewußt zu chaben, daß Bertha Rother schon mtt 14 Jahren mit der Sitten polizei in Konflikt gerathen ist und daß fich in ihrer fürstlich eingerichteten Wohnung in letzter Zeit häufig Herren in großer Anzahl versammelten und dem.,Tempel"-Dienft huldigten. Nach eigenem Geständniß des Gr., welches mit den vorgefun- denen Rechnungen und Quittungen übereinstimmt, bat er der Frau Rother und ihrer Familie etwa 35000 M. geopfert und ein Zettel aus dem Jahre 1882 trägt den Vermerk:„Für Bertha zur Reise nach Bremen 3300 M" Außerdem soll er Bertha R. haben wiffenschaftlichfunterrichten, ihr dramatischen Unterricht ertbeilen, sie zur Schauspielerin ausbilden lassen und fie auch auf Reisen mitgenommen haben. So soll er, nach aufgefundenen Briefen und Gedichten, namentlich mit ihr in Rügen, Braunschweig. Boulogne und London zusammen gewesen sein. Es wird auch behauptet, daß Graes den Hauptthcil des Aufwandes, den fie bei ihren zerweiligen Engagements in Hamburg. Bremen, Leipzig, Kolberg. Küstrin-c. gemacht hat, aus seinen Mitteln bestritten habe. Ucber ihren Theaternamen, unter welchem fie engagirt gewesen, hat übrigens die Angeklagte Bertha R. stercotupes Schweigen beobachtet, um fich für die Zukunft nicht die Theaterkarricre zu verderben. Höchst charakteristische Briefe, welche beweisen, daß die Familie Rother den Angeklagten Graes systematisch ausgesogen, sollen übrigens auch in der Rother'schen Wohnung gefunden worden sein. In einem derselben schreibt Gr. an Frau Rothcr:„Ich habe in den letzten 4 Monaten für Sie und Bettha wieder 7000 Matt ausgegeben, die Reise nicht eingerechnet, wo soll ich es hernehmen? Es geht nicht weiter so!" Trotzdem glaubt die Anklagebehörde eine Fülle schriftlichen und anderen Matettals zum Beweise dafür ins Feld führen zu können, daß Gr. nach Abbruch seiner Beziehungen zv Bettha ganz gleiche zu deren jüngste Schwester Elisabeth angeknüpft bat. Dies ist in allgemeinen Umrissen das Material, welches dieser sensationellen Anklage zu Grunde liegt. Die Zahl der vorgeladenen Zeugen betragt ca. 80, darunter die Herren Prof. Ewald. Gussow, Kretsckmer, Hilde- brand, Mickael. Prof. Julius Lesstng, Prof. Thumann, Maler Dielitz, Bildhauer Tondcur, sowie eine Tochter und ein Sohn des Angeklagten Graes.- Nach Bildung der Schwurgerichts- dank richtet der Vorsitzende an die Geschworenen d e dringende und er bitte die Geschworenen dringend, fich dadurch nicht be- cinflusscn zu lassen, sondern ohne jede Voreingenommenhett an die Sache heranzutreten. Hierauf beginnt das Jnquisttottum. Zu den Personalien erklärt Prof. Graes, daß er seit 1352 in Berlin wohne, seit 135A vcrheirathet und Vater zweier Söhne im Alter von 30 und 25 Jahren und einer Tochter von 21 Jahren ist. Bettha Rother giebt an, daß fie bis vor einem Jahre bei ihrer Mutter, welche ein Fuhrgeschäki in der Ptttzwalkersttaße hat und seit 4 Jahren von ihrem Manne getrennt lebt, ge« wohnt hat. Seitdem habe fie allein gewohnt und von ihrem erspatten Gelde gelebt. Sie behauptet, in Leipzig. Hannover, Dresden, ferner kurze Zeit in der Friedrich- Wilhelmstadt und bei dem Gastspiel der van Hell'schcn Gesellschaft im früheren Wilhelm-Theatcr Engagement gehabt zu haben. Anna Rother, deren Geisteszustand während der Verhandlungen von den ge- ttchtlichen Sachverständigen beobachtet wird, bat bei vielen Künstlern Modell gestanden. Die Angeklagte Mutter Rother giebt an, daß fie dre Mittel zur Eröffnung des Fuhrgeschäfts vom Prof. Graes leihweise ercaltcn hat. Prof. Graes erklärt fich in allen Fällen für nichtschuldig. Bertha Rothcr, so fühlt derselbe aus, hat zuerst am An- fang des Jahres 1878 bei mir Akt gestanden und zwar hatte fie fick seihst bei mir bereits im Jahre 1877 gemeldet und ich hatte fie damals zu den Augen eines Portraits gebraucht. Ich bestreite mit aller Entschiedenheit, mich an der Bettha Rother, wie fie noch im Kindesalter stand, oergangen zu haben. Ich bin später allerdings mit derselben in regen Verkehr ge- treten. Sie batte mir zu einem von mir in Paris bereits an- gefangenen Bilde gesessen, und da ich damit Erfolg hatte, so beschloß ich, die Bettha auch als Modell zu dem Bilde„Märchen" *u benutzen. Da dies zur Ausstellung im Jahre 1880 bestimmte Bild eine hüllenlose weibliche Figur, bestrahlt vom Sonnenlicht, darstellen sollte, ein solches Licht aber im Atelier nicht herzustellen ist, so beschloß ich, die entsprechenden Studien im Freien zu macken. Ich ging damals mit meiner Familie nach Saßnitz auf Rügen, suchte dort eine geeignete Stelle im Walde bei Bins auf und liest Bettha Rother dotthin kommen. Dieselbe ist auf etwa 14 Tage lang dott geblieben. In- zwischen hatte die Fertigstellung des Bildes doch ihre Schmie- rigkeiten; eS wurde mir eist möglich, das Bild zur Ausstellung des Jahres 1881 fertig zu stellen. Ich hatte damit durchaus nicht den Eifolg, welchen ich erwartet hatte, und da meine künstlerische Ehie einmal damit engagirt war und ich Alles daran setzen wollte, das Bild zu einer Vollkommenheit zu bttngen, so konnte ich Bertha Rothcr als Modell nicht ent- bchren und war wohl oder übel in der Lage, die vielen Geld- ansprüche der in dürftigen Verhältnissen lebenden Familie Rolher zu erfüllen. Inzwischen war Bettha Rothcr erwach- sener geworden, ihre Ansprüche wurden größer, ich versuchte es mit anderen Modellen, mußte ober immer wieder einschen, daß ich die Bettha Rother nicht entbehren konnte, denn das ganze Bild ist gewissermaßen ein Portrait derselben. Ich arbeite schon seit 6 Jahren an dem Bilde und arbeitete auch in der Gefangenschaft an demselben, ohne daß es bis jetzt fertig geworden ist. Ich habe infolge des langen ungenirten Verkehre mit der Bettha Rothcr allerdings eine gewisse herz- liche Neigung zu derselben gefaßt, meine Phantasie ist von dem Bilde erfüllt gewesen, fie ist für mich gewissermaßen das Ideal des„Märchens" gewesen und um mir diese Illusion zu erhalten, habe ich Alles für fie gethan, was ich gethan. Ich habe mich bemüht, den Schmutz aus dem Rothettschen Hause hinaus zu bringen, ich habe versucht, die Bertha Rothcr so zu stellen, daß fie den auf ein so hübsches Mädchen eindrängenden Ver- suchungen widerstehen konnte und habe ihr, da fie in ihrem Leben nur 6—8 Wochen die Schule besucht hatte, auch Unter« richt etthcilen lassen. Ich gebe zu, daß die Phantasie bei mir einen hohen Grad erreicht und fich in einigen Gedichten Luft gemacht bat.— Präs.: Ist es Ihnen nicht bekannt gewesen, daß die Bettha Rother keineswegs eine so ideale Person war, fich auf den Straßen herumtrieb und unter polizeilicher Auf« ficht stand?— Angekl.: Ich habe zunächst die Thalsachen nicht in ihrer ganzen Schwere gekannt, habe aber außerdem geglaubt, daß ich aus dem aufgeweckten und wie es schien seelenvollen Mädchen etwas machen konnte.— Piäs.: War denn die That- sache, daß Bertha so tief gesunken war, nicht ein Dämpfer für ihre ideale Stimmung.— Ich bin gewohnt, solche Mädchen, welche aus Roth zu der Beschäftigung des Modellstehens greifen, von vornherein milder zu bemthel« len, da fie mehr als andere allen möglichen Versuchen ausge- setzt sind. Gerade je mehr ich davon hörte, daß die Bettha Rother bedenllichc Wege wandelte, desto mehr hatte ick meine Freude daran, das Märchen so viel wie möglich zu stützen und sie von jenen Wegen abzulenken, weil es schade um dies Mädchen ist und ich glaubte, daß dasselbe mir Freude machen würde.— Präs.: Sie sollen nun aber mit der ganzen Familie Rothcr in einem Verhältnisse gestanden haben, wie man es bei einem Manne ibrer gesellschaftlichen Stellung nicht voraus- setzen sollte.— Angekl.: Wenn ein Künstler einmal ein Modell findet, welches seinen künstlerischen Zwecken vollständig ent« svricht, so ist das ein großes Glück und dies war bei der Bettha der Fall. Mir durfte also kein Opfer zu groß sein, um mir dies Modell zu halten. Außerdem hatte ich das Streben, um des Mädchens wegen die ganze Familie auf ein höheres Niveau zu heben.— Präs.: Haben Sie sich nie ge« sagt, daß schließlich doch auch gesellschaftliche und sonstige Ge- böte cxistiren, welche eine Grenze ziehen, die man nicht über- schreiten darf. Würden Sie denn in dem Falle, daß Ihnen Unehrenhaftes zugemuthet wurde, es nicht für Ihre Pflicht ge- halten Huben, diese Zumuthungen zurückzuweisen, selbst auf die Gefahr hin, das Modell zu verlieren?— Angekl.; Ich habe, wie ich zugeben muß, manche Rücksichten bei Seite gesetzt, aber ich Hude Unehrcnhaftcs nickt begangen. Mir war die Sache schließlich einigermaßen über den Kopf gewachsen, ich befand mich in einem schwierigen Dilemma, im Uebngen wußten aber meine Familie und meine Bedienten durchaus von dem Ver- hällniß.— Im weiteren Verlauf des Jnquisttoriums giebt Angeklagter zu, daß er s. Z. mit der Bertha R. in Bins in einem Hotel wohnte, während seine Familie in Saßnitz einquattirt war und daß er auf seinen Reileu z. B. in Braun« schweig, London, Boulogne rc. mit ihr zusammengetroffen sei. Der Angeklagte stellt die Sache so dar, daß die Bettha Rothcr, welche sich in Folge ihrer theatralischen Engagements unter« wegs befand, jede Gelegenbeil benutzte, um irgend ein Zu- sammentreffen mit ihm zu ermöglichen. Er habe fich schließlich von der Bettha getrennt, weil er gehött hatte, daß fich dieselbe mit einem Referendar verloben wollte.— Präs.: Haben Sie nicht einen Schlüssel zum Rother'schen Hause und zur Rother'schen Wohnung gehabt? Das hat doch mit Ihrem Streben, das Mädchen als Modell fich zu erhalten, nichts zu thun.— Angeklagter: Ich habe mir den Schlüssel geben lassen, um zu jeder Stunde mich überzeugen zu können, was in dem Hause vor- geht.— Präs.: Ist Ihnen nicht bekannt gewesen, daß in der Rother'schen Familie übel beleumdete Personen verkehrten Und unter fittenpolizeilicker Konttole stehende Mädchen dott wohnten?— Angekl.• Mir ist davon nichts bekannt gewesen. — Präs.: Woher kommt es denn, daß Sie auch dann noch den Verkehr mit der Rother'schen Familie aufrecht erhielten, nachdem die Bettha R. fortgezogen war?— Angekl.: Ich hatte ein natürliches Interesse an der Familie, der ich so viel ge- opfert Hütte und es drängte mich, ab und zu mich nach den Verhältnissen derselben zu erkundigen. Dazu kam, daß Frau Rother mir die Bitte vottrug, ihresüngste Tochter, diesjährige Lischen, nunmehr als Modell zu benutzen.— Die Behauptung, daß er sich auch an diesem Mädchen vergangen habe, bestreitet Angeklagter, wenn er auch zugiebt, daß zwischen den Künstlern und solchen Mcdellmädchcn nun einmal ein ungenittercr Ton herrscht, der in anderen Gesellschaftskreisen vielleicht verwunder- lrch erscheine, fich aber ganz von selbst ergebe. Das Jnquifitorium des Vorsttzenden über diesen Punkt ist ein sehr eingehendes, entzieht fich aber durchaus der Oeffentlichkeit. Den Vorwurf des Meineides und der Anstiftung zum Meineide bestreitet der Angeklagte durchaus und erklärt die gegentheiligen Zugettänd- niffe der Anna Rother, welche er als konfus und geistesschwach hinstellt, für falsch. Auf die Vernehmung des Angeklagten Graes folgt eine halbstündige Pause, worauf der Vorfitzende zum Jnquifitorium der Angeklagten Anna Rother schreitet, welche früher im All- gemeinen geständig war. Dieselbe stellt alles ins Nichtwissen und entschuldigt fich mit vollständiger Gedächtnißschwäche. Sie ist mit dem 14. Lebensjahre aus dem elterlichen Hauje ge- gangen und ernährt fich seitdem vom Modcllstchen. Sie habe auch bei Professor Graes Modell gestanden, dabei sei aber nie etwas Ungehöriges vorgefallen.— Präs.: Entsinnen Sie sich, daß Sie am 3. Juni polizeilich vernommen worden find?— Angekl.: Das weiß ich nicht mehr genau.— Präf.: Wiffen Sie, daß Sie bald nach dem 3. Juni bei Profeffor Graes gewesen find? Was haben Sie dott gewollt?— Angekl.: Ich habe Modell gestanden.— Präs.: Wissen Sie, daß Sie vor Gericht einen Eid geleistet haben, daß Ihnen von einem Ver- hältniß Ihrer Schwester mit Graes nichts bekannt ist?— Angekl.: Ich kann mich nicht darauf befinnen, daß ich einen Eid geleistet habe.— Präs.: Ist Ihnen auch jetzt noch nichts von einem solchen Verbältniß bekannt?— Angell: Nein.— Präs.: Sind Sie von Professor Graes oder von Ihrer Schwester aufgeredet worden, etwas Falsches zu beschwören?— Angekl.: Nein.— Präs.: Wie kommt es denn, daß Sie früher ganz das Gegentheil ausgesagt haben?— Angekl.: Das weiß ich nicht.— Präs.: Haben Sie früher die Wahrheit gesagt?— Angekl.: Ich sage immer die Wahrh-it. Jutcressanter gestaltet sich die Vernehmung der Bertha Rother. Dieselbe drückt fich außerordentlich gewählt und mtt theatralischem Applomb aus; wenn der Präsident recht tief in ihre Herzensangelegenheiten einzudringen versucht, giebt fie die gewünschte Auskunft immer erst nach einigem Zögern und mtt niedergeschlagenen Augen.— Präs.: Bekennen Sie fich schuldig, Ihre Schwester zum Meineide angestiftet zu haben?— Angekl.: Ich bestreite dies entschieden. Ich habe seit zwei Jahren das Atelier des Herrn Graes nicht mehr detreten und den Herrn Professor nicht mehr gesprochen.— Präs.: Welches Verhältniß hat zwischen Ihnen und dem Angekl. Graes obge« waltet?— Angekl.; Nun, ich habe dem Herrn Profeffor Graes lediglich als Modell gedient-— Präs.: Wie find Sie zu dem» selben gekommen?— Angekl.: Ich habe mich bei ihm alS 14 jähriges Mädchen gemeldet und bin angenommen worden, zuerst von der Frau Prof- Graes, welche einen Kopf nach dem meinigen modellitte, dann vom Prof. Graes selbst zu dem Bilde einer Verstorbenen und zu dem Bilde des„Märchen". — Präs.: Sind dabei irgend welche Ungehörigkeiten vorge» kommen?— Angekl.: Nein, niemals!— Präs.: Sie sagen, Sie find als Schauspielerin ausgebildet worden. Wann ist das geschehen?— Angekl.: Bon 1876—1681.— Präs.: Sie sollen damals lein unbescholtmcs Leben geführt, sollen fich auf der Straße umhergetricben haben und auch polizeilich aufge« gttffcn worden sein, ebenso unter stttenpolizeilichcr Kontrole ge» standen haben.— Angekl.: Nun, es wiid Vieles da gesagt, was nickt so ist.— Präs.; Sind Sie nicht später nochmals polizeilich verwarnt worden?— Angekl.: Leider, aber nur durch die Jntriguen der.Hammermann's- Hammermann und ein gewisser Lehmann haben ja in Destillationen förmliche Gelage gefeiert und über Prof. Graes und meine Familie Alles mögliche ausgcschrien.— Präs: Sind Sie für jedes Modellstehen vom Prof. Graes bezahlt worden?— Angekl.: Nein, ich habe immer größere Posten bekommen.— Präs.: Wie viel haben Sie wohl im Ganzen erhalten?— Angekl: Das kann ich wittlich gar nicht sagen. Ich weiß nur, daß Prof. Graes für das, was er meiner Familie an Geld gab, Schuldscheine haben wollte und ich glaubte auch, daß meine Mutter das Geld zum Geschäft nur leihweise erkalten hatte.— Präs.; Haben Sie fich mit dem Angeklagten Graes geduzt?— Angekl.: O bewahre, Herr Prof. Graes duzte mich, ich nahm es mir deshalb aber nickt heraus.— Präs.: Wienann» ten Sie ihn denn?— Angekl.; Nun, mein Gott,„Herr Pro» fcssor."— Präs.: Hat Sie Prof. Graes mitunter geküßt?— Angekl.: Es ist wohl möglich, daß er mich hier und da ein» mal auf die Stim geküßt hat.— Präs.; Sind Sie mit Graes auf Reisen gegangen?— Angekl.: Mit ihm nicht; ich bin ihm nur manchmal nachgereist.— Präs.: Wie so find Sie denn beispielsweise nach London gekommen?— Angekl.: Profeffor Graes schildette London so entzückend, daß ich große Sehnsucht empfand, London auch kennen zu lernen.— Pläs.: Von wem hatten Sie das Reisegeld?— Angekl.: Vom Herrn Profeffor. — Präs.: Sie behaupten, daß Sie Engagements bei verschie» denen Theatern gehabt haben? Unter welchem Namen traten Sie denn auf?— Angekl.: In Bremm unter dem Namen Rodeck; im Uebttaen verweigere ich über diesen Punkt meine Aussage.— Präs.: Wie ist denn Ihre Trennung von Prof. Graes gewesen?— Angekl.: Ich muß offen gestehen, daß eigentlich mein Eigenthum daran Schuld war. Ich sollte fort ins Engagement, konnte aber nicht, weil ich statten Husten hatte und ich fürchtete, daß ich mich ganz ruinirm würde. Ich machte deshalb kurzen Prozeß und zog von meiner Mutter fort.— Präs.: Woraus bestand Ihre Wohnung?— AngeN.: Aus drei Zimmern.— Präs.: Wozu brauchten Sie denn 3 Zimmer?— Angekl.: Nun, ich bekam keine andere Woh» nung.— Präs.: Sie hatten Ihre Wohnung auch neu aus» gestattet? Woher hatten Sie denn die Möbel?— Angekl.; Nun, ich hatte fie gekauft.— Präs.: Hatten Sie das Geld dazu von Herrn Prof. Graes erhalten?— Angekl.: Nein, von einem anderen Herrn, mit welchem ich in ein Verhält- niß getreten war und der mich heirathcn wollte.— Präs.: Wie viel haben Sie für die Ausstattung der Woh- nung gezahlt?— Angekl.: 1000 M. und meine Wohnung kostete 850 M.— Die Angeklagte bestreitet schließlich, ihre Schwester zum Meineide angestiftet zu haben. Ihre Schwester stelle in ihrer Konfuston gewöhnlich Alles auf den Kopf und als fie eines Tages zu ihr kam un�won ihrer polizeilichen Ver» nehmung erzählte, habe fie dieselbeWber ihre Aussagen befragt. Im Uebrigen sei ihr Dienstmädchen bei der ganzen Unterhal» tung zugegen gewesen. Die Mutter Rother bestreitet alle Einzelhetten der gegen fie genchtetm Anklage. Professor Graes sei für sie und ihre ganze Familie ein väterlicher Freund gewesen und aus seinen künstlcnschen Beziehungen zu Bettha habe sich ein Freund» schaftsverbältniß zu ihrer Familie entwickelt. Sie bestreitet, daß in ihrer Wohnung jemals Ungehöttgekiten vorgekommen seien, namentlich habe fich das Interesse des Professor Graes zu der jüngsten Tochter Lieschen auch nur innerhalb des künstlettschen Interesses gehalten. Das Geld, welches ihr Graes zuerst zur Etablimng eines Milchgeschäftes und dann zu einem Fuhrge- schäft gegeben, hatte fie immer nur als Darlehn betrachtet. Schließlich giebt fie zu, daß bei ihr Mädchen gewohnt haben, welche unter polizeilicher Konttole standen und daß fie im Kon» kubinat mit einem Droschkenkutscher lebt. Trotzdem sei Pro- fessor Graes in ihrer Wohnung ein häufiger Gast gewesen, habe Stuben- und Hausschlüssel besessen und oft bei ihr Abendbrod gegessen. Mit Vernehmung dieser Angeklagten schließt die Sitzung um 2'/, Uhr._ Nereine mtfc Nersammlunge«. be. In der Kommunalwähler- Versammlung, welche am Sonntag, den 27. d. MtS, in der„Neuen Walhalla", Schönhauser Allee 156, unter Vorfitz des Herrn Lehmann statt« fand, sprach Herr Stadtv. Singer über die„bishenge Thätig» teit der Stadtverordneten- Versammlung und das Programm der Arbeiterpartei". Nachdem der Referent die Reform der- MiethSsteuer besprochen, den bisherigen Gang der Verband- lungen auseinander gesetzt und versichert hatte, daß bei der nächstjährigen Etatsberathung die liberale Majorität der Stadt- verordnetenversammlung gezwungen werden würde, in dieser Sache Farbe zu bekennen, nachdem Redner ferner auf die Ueber- »iahme des Pferdebahn- und Beleuchtungswesens in städtische Ver- waltung hingewiesen hatte, kam er auf die Forderung des allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Kommunalwahlen zu sprechen. Er sagte dabei: Soweit wir in der Lage find, in der Stadtverordneten Versammlung da» rauf einzuwirken, werden wir energisch die Einführung des gleichen Wahlrechts für die Kommunalwahlen für alle Bürger Berlins fordern. Wenn auch die Stadtvcrordneten-Versamm- lung kein direktes Recht hat, dieses Wahlrecht einzuführen, so kann sie doch der Etaatsregierung ihre Wünsche kund- geben und dadurch einen gewissen Einfluß auf die Ent- bließungen derselben ausüben. Deshalb ist es durchaus nothwendig, daß kein Zweifel darüber besteht, welche Stellung zu dieser Frage die Männer einnehmen, welche in solcher Verwaltung sitzen. Ebenso wie wir in wirth- schaftlicher Beziehung uns entschieden gegen die manchesterlichen Deutschfreisinnigcn und Liberalen wenden, so machen wir in politischer Beziehung Front gegen die Konservativen und ihre Anhängsel, die Bürgerpartei und die Antisemiten. Nie werden wir vergessen und besonders jetzt, in einer Zeit, wo man mit allen Mitteln die Arbeiter auf die Wege des sogenannten Staatssozialismus zu drängen sucht, daß unsere polit-schen und wirthschaftlichen Forderungen untheilbar sind. Wir weiden nach wie vor einstehen für die politischen Freiheitsrechte des Volkes!"(Stürmischer Beifall!)— Der Redner besprach so< dann die Einführung der Arbeiterfrühwagen bei der P'erde- bahn, den Antrag Tutzaucr auf Errichtung eines Gewerbe- Schiedgerichtes und die übliche Ausschließung der Arbeiter- Stadtverordneten von allen wichtigen Ver- waltungsdeputationen, von der Schul- und Baudeputation, von dem Kuratorium der Markthallen, Wasser- und Gaswerke durch die liberale Majorität, eine Ausschließung, die merkwürdig die„alberne" Behauptung der Liberalen illustrire, die Ärbeiter-Stadtverordneten bethciligten sich nicht an ernsthaften Arbeiten. Wer den stenographischen Bericht über die Sitzungen der Stadtverordneten-Versammlung in den letzten 2 Jahren mit den Berichten über frühere Sessionen vergleiche, werde schon daraus ersehen, daß wichtige Fragen angeregt und der Geist der Diskussion auf ein höheres Niveau gehoben sei. Das Urtheil über ihre Thätigteit dürften die Ärbeiter-Stadtverordneten ruhig ihren Wählern überlassen. (Bravo.) Auch von Seiten eines Mitgliedes der konservativen Partei, von Herrn Pickenbach(Heiterkeit) sei gesagt worden, daß einzige, was die Ärbeiter-Stadtverordneten geleistet hätten, sei ihm(Pickenback) gestohlen.(Heiterkeit.) Es verlohne sich kaum, auf solche Unverschämtheit zu antworten. (Beifall.) Soviel er(Redner) wisse, handle es sich darum, daß Kollege Tutzauer in einem Privatgespräch mit P. über die Nolhwendlgkeit einer Neueintheilung der Berliner Reichstags- Wahlkreise gesprochen habe und daß Herr P. hierbei sich bereit erklärte, einen diesbezüglichen Antrag in der Stadtverordneten- Versammlung zu stellen. Die Arbeiterpartei hätte aber keine Veranlassung gehabt, sich der schätzbaren Theilnahme des Herrn P. zu versichern(Heiterkeit); sie hätte ihre Aufgabe nicht ge- fördert, wenn ein Mann wie P. sie unterstützte.(Sehr richtig!) Bei solchem Sachverhalt von Diebstahl zu sprechen, kennzeichne sich als eine freche Unverschämtheit.(Lebhafter Beifall.)— Nachdem hierauf der Herr Referent die Ucbernahme der Sanitätswachen durch die Stadt und die Er- richtung von Volksbadeanstalten als nothwendig nackge- wiesen, wendete er sich gegen den Vorschlag, eine Bier- steuer in Höhe von 5 Ml. pro Hektoliter auf das von aus- wärts eingehende Bier zu legen und gegen daS Projekt, durch eine Gassteuer die englische GaSgesellschaft zur Aufgabe ihrer Privilegim zu zwingen. Beide Vorschläge seien durchaus ver. werflich, die einzige gerechte Steuer sei die progressive Einkom- mensieuer und ihre Verwirklichung werde duich jede indirekte Steuer nur hinausgeschoben.— Das Eubmissionswesen und das Verhalten des Magistrats den streikenden Maurern gegenüber bildeten den letzten Theil der Ausführungen. Das Sub- misfionswesen sei in der Weise neuzugestalten, daß bei Ausschrei- bunq der Bedingungen auch die Zahlung auskömmlicher Löhne für die Arbeiter gefordert werde und femer, daß die Stadt so viel wie möglich die Ausführung städtischer Bauten den Arbeitem direkt zu übertragen habe.- Zum Schluß forderte der Redner die Anwesenden auf, durch lebhafte Agrtatron dafür Sorge zu tragen, daß auch im 32. Bezirk ein Kandidat der Arbeiterpartei gewählt werde.(Stürmischer Verfall.)- Inder Diskussion machte Herr Dietrich darauf aufmerksam, daß die städtische Bauir-spettion rm Interesse der Bau-Untemehmer in einer Anzahl Fälle, die rhm bekannt ge- worden seien, von der Bau-Polizeiverordnung abgesehen hatte, daß jeder neue Rohbau erst 6 Wochen stehen müßte, bevor er zu verputzen sei. Redner verlangte ein einheitliches velirbuch für die Gemeindeschulen und die Errichtung von Badebassins in den Schulm.— Im gleichen Sinne wie der Referent sprachen außerdem noch die Herren Nikolai und Frigge.— Nach einem Schlußwort des Herrn Singer wurde zum Kandi- baten für den 32. Wahlbezirk Herr Gottfried Schulz, Gelb- gießer, vorgeschlagen. Nachdem derselbe das Versprechen ge- geben, fest und treu im Sinne des Programms der Arbeiter- partei zu wirken, erfolgte die einstimmige Annahme der Kandi- datur durch die Versammlung. de. Eine zahlreich besuchte Vuchdruckerversammlung fand am Sonntag in der Philharmonie unter Vorsitz des Herrn Jung statt, mit der Tagesordnung:„Stellungnahme zur Re- vision des Tarifs". Der Vorsitzende wies auf die in den letzten Jahren in Angriff genommenen, aber leider verunglückten diesbezüglichen Versuche hin, und bat dann die Versammlung, ihre Meinung abzugeben. Herr Bromm äußerte, daß man, de- vor man an die Regelung des Tarifs ginge, erst die Lehrlings- frage regeln müsse, da es vorkomme, daß neben 1 und 2 Ge- Hilfen 10—15 Lehrlinge angestellt seien. Sein Antrag wurde als nicht zur Tagesordnung gehörig, zurückgewiesen, außerdem wurde darauf aufmerksam gemacht, daß bei der Tarifrevision auch diese Frage notbwendig zum Austrag kommen würde. In der nun folgenden Diskussion wurde zunächst eine Aenderung des bestehenden Tanfs als unbedingt nothwendig anerkannt. Man sei auf dem Standpunkt angelangt, mir dem heutigen Tarif- lohn, 23,40 M. pro Woche, unmöglich eine Familie anständig und menschenwürdig durchzubringen. Vor allem müsse auch der schneidende Unterschied zwischen Werk- und Zcitungssetzer (letztere ständen auf 27—30 Ml.) aus der Welt geschafft wer- den. Herr Besteck gab darauf eine ausführliche Entstchungsge- schichte des Tarifs. Im Jahre 1873 habe man, veranlaßt durch die Zeitverhältnisse, einen zufriedenstellenden Tarif zu Stande gebracht. Diese Zufriedenheit der Gehilfen habe aber Unzufriedenheit der Prinzipale herbeigeführt und so hätten diese zweimal, 1876 und 1878, den Tarif zu ihren Gunsten reviditt unter Einschmuggelung des famosen Wortes„Vereinbarung. Der bestehende Tarif sei also den Gehilfen in Folge ihrer zu großen Gutmüthigkeit aufgedrängt worden.„Wir wollen, so schloß der Redner, diesen Tarif nicht blas rcvidiren, wir wollen ihn überhaupt nicht haben, wir wollen einen andern Tarif."(Bravo!) Dem entgegen äußetten sich die Herren Eifler, Schmidt und Lehmann für eine Revision des alten Tarifs, der fortbestehen solle, nachdem besonders alle Paragraphen mit dem Deckmantel„Vereinbarung" gefallen wären. Eine tariflose Zeit, die eintreten würde— wollte man den andern Weg einschlagen— sei unerträglich. Herr Strempel fordette die Versammlung auf, furchtlos einer folchenZett entgegen- zugehen, wenn die nöthige Einigkeit vorhanden, werde der end« giliige Erfolg ein bedeutender sein. Die Harmonieduselei zwischen Kapital und Arbeit müsse endlich aufhören.(Bravo!) Von anderer Seite wurde bemertt, daß man zugleich mit der Kündigung und dem Ablauf des alten Tarifs den neuen vorlegen werde; gingen die Herren Prinzipale auf denselben nicht ein, dann müsse man allerdings den Weg einschlagen, den auch andere Gewerkc mit Erfolg detreten hätten. Unterdessen waren 3 Anträge eingelaufen: einer des Herrn Eifler, der Revision verlangte, ein zweiter von Herrn Lehmann desgleichen Inhaltes, nur mit dem Zusatz, daß man, sollte der Revision nicht Folge gegeben werden, aus eigenen Kräften weiter schaffen sollte, und ein dritter des Herrn Besteck, der für Kündigung eintrat. Antrag Eifler wurde mit dem Zusätze des Herrn Lehmann abgelehnt, da folgender Antrag des Herrn Besteck mit großer Majorität durchging:„Die am 27. September 1885 in der Philharmonie tagende Buchdrucker- Versamlung erklärt, daß sie den gegen- wartigen Tarif gekündigt und eine vollständige Revision des- selben wünscht, da er in keiner Weise den heutigen witthschast- lichen Verhältnissen entspricht und verlangt von dem Einigungs- mann für Berlin-Brandenburg, daß er in dieser Weise wirkt." Damit war der erste Punkt der Tagesordnung erledigt. Man schritt nun zur Neuwahl deS Einigungemannes zur Tarif» Rcvifions Kommission für den Kreis Berlin-Brandenburg, da Herr Jung erklärte, aus Gesundheitsrücksichten von dem Posten abtreten zu müssen. Nach längerer Debatte wurde Herr Besteck einstimmig gewählt. Darauf wurde eine Neuwahl der Tarifkommisfion Berlins vorgenommen. Die Wahl fiel auf folgende 7 Herren: Besteck, Philipp Schmitt, Blenz, Kaufmann, Amclung, Gasch, Werner. Ein Antrag auf Remuneration der alten Kommisfionsmitglieder kam nicht zur Debatte, wurde aber für eine demnächst stattfindende Sitzung in Aussicht ge- nommen. Eine öffentliche Generalversammlung der Steinträ- ger Berlins und Umgegend tagte am Sonntag, den 27. September, in Gratweil's Bierhallen, Kommandantenstt. 77/79, mit der Tagesordnung: 1) Das Arbeiterschutz Gesetz. 2) Ver- schiedenes. In das Bureau wurden gewählt die Herren Rennthaler, Vorsitzender, Wallenlhin und Gutsch. Da der Referent Herr Zudeil nicht erschienen war, verlas der Vorsitzende zunächst einen Artikel des„Berliner Lokal Anzeiger", welcher gegen die Steinträger gerichtet ist und mittheilt, daß dieselben jetzt auch anfangen Schwierigkeiten zu machen und tbeilweise ihre Forderungen bis in's„Ungcmessene" ausdehnen. Das be- treffende Blatt richtet an die Bau-Arbeitaeber die Mahnung, die Beförderung deS Stein- und Mörtel Materials nun endlich mit Maschrnenkraft zu bewirken. Der Vorfitzende unterzog diese arbeiterfeindlichen Auslassungen einer scharfen Kritik Herr Wallenthin sprach sich in demselben Sinne aus, er er- mahnte. die Versammelten sich um derartige Schreckschüsse nicht zu kümmern und sich dem bestehenden Fachverein anzuschließen. Es wurde femer noch über die Einhaltung der 10V: stündiaen Arbeitszeit debattirt und aufgefordert, die Petition für An» nähme des Arbeiterschutzgcsetz-Entwurfs zu unterzeichnen. Herr Baudach sprach über das Unwesen des Marken-Eystems nach welchem die Poliere immer noch in Form eines Geschenkes von den Restaurateuren für je 3 Mark 20 Pf. Rabatt beziehen, und forderte die Anwesenden auf, dahin zu wirken, daß diesem Unwesen bald gesteuert werde. Ferner wurde darauf auf» merksam gemacht, daß Sammellisten zum Unterstützungs-FondS in Empfang genommen werden können. Herr Ncßling sprach sich gegen.. die Sammellisten auS, während Herr Wallenthin die- selben für sehr zweckmäßig hielt, da mit einem monatlichen Beitrag von 50 Pf. nicht viel zu erreichen sei. Zum Schluß wurde ein Antrag angenommen, für die Familie eines ver» storbenen Kollegen eine Tellersammlung zu veranstalten. Die Kisten- und Koffermacher Berlins hielten am Sonnabend, den 26. September, in den„Armin hallen", Kom- mandantenstr. 20, unter dem Vorfitze des Herrn Kaufhold eine außerordentlich stark besuchte Versammlung ab mit der Taaes- ordnung:„Wie verhallen wir uns gegenüber dem Streik in der Erdmann'schen Fabrik?" Der Referent Herr Müller schil- dert znnächst die Ursachen des Streiks, sowie die Mißstande in der Erdmann'schen Fabrik und die eigentbümliche Behand» lung der Arbeiter seitens des Prinzipals. Vor Allem aber kennzeichnete Redner die drückende Konkurrenz, welche die ge- nannte Fabrik durch ihre niedrigen Arbeitslöhne den Klein» Fabrikanten gegenüber ausgeübt hat. Er freute sich über die Einigkett der Arbeiter und ermahnte alle, taktfest auszuharren, bis Herr Erdmann die gestellten Forderungen voll beivilligt hat. Unter Anderem wurde beschlossen, daß jeder arbeitende Kollege 1 Mark pro Woche für die streikenden Arbeiter zahlen soll. Ferner beschloß die Versammlung einstimmig, daß, falls Herr Erdmann in anderen Fabriken seinen Bedarf anfertigen lassen wollte, daß dann die dort arbeitenden Kollegen gleich die Ar» bcit niederlegen würden. Herr Hascheck berichtete, daß Herr Erd» mann die geforderten Preise fürjdie Akkordarbeit bewilligen, aber bezüglich der Lohnarbeit durchaus nicht auf die Forderung der Arbeiter eingehen will. Redner ist der Mernung, unter diesen Umständen der Streik fortdauern müsse. Hierauf winde folgende Resolution angenommen: Die heut versammelten Kollegen, welche noch nicht Mitglied des Vereins der Kisten» macher find, verpflichten sich, dem.Verein der Kisten- und Koffer» macher beitreten zu wollen. dr. Eine austerordentliche Generalversammlung der Schlosser mit der Tagesordnung:„Der Schade der ANord- arbeit für die Gesellen und die Lehrlinge" fand am Sonnabend bei Gratweil statt. Herr Königsberg wies nach, daß der Nutzen» um dessen willen manche Gesellen der Akkordarbeit den Vorzug aeben, nur ein scheinbarer ist. Der Schade dagegen, den die Akkordarbeit mit sich bringe, sei ein dauernder: die ANord- arbeit führe ein Sinken der Akkordprelse und Lohne und eine Verlängerung der Arbeitszeit herbei. Die weiteren schlimmen Folgen der Akkordarbeit seien: Schmutzkonkurrenz, Ucberpro- duktton, Arbeitslosigkeit, zunehmende Untüchtigkeit der Gesellen und der Meister, Verfall des Handwerks, Unmöglichkeit, daß das Handwerk Kunsthandwerk werde, und daß die Lehrlinge zu tüchtigen Gesellen herangebildet werden. In der Diskussion sprachen die Herren Löschke, Puch und Miethe sich im Sinne des Referenten aus. Der Letztgenannte trat den Behauptungm der„Magdeburger Zeitung" entgegen, daß nur die Faullenzer Gegner der Akkordarbeit seien und daß bei der Akkordarbeit die fleißigen und tüchligen Arbeiter den ihnen gebührenden Ver- dienst einheimsen. Mehrere Redner hoben, hervor, daß an eine Abschaffung der Akkordarbeit zur Zeit, wo von den 17 OOÖ Schlossergesellen in Berlin kaum 500 sich dem Fachverein angeschlossen haben, noch nicht zu Denken sei. Für die Akkordarbeit trat nur Herr Klint ein. Es wies dar- auf hin, daß bei dem Großbetriebe die Akkordarbeit eine Roth» wendigkeit sei. Es könne sich nur darum handeln, die Uebel« stände zu beseitigen, die jetzt noch mit der Akkordarbeit ver- dundcn find.— Herr Königsberg theilte mit, daß er persönlicher Verhältnisse wegen aus der Lohnkommisfion ausscheiden müsse. Es wurde zum Ersatz Herr Kassube gewählt. Bezirlsverei» des wertthätigen Volkes im 29., 39. und 31. Kommunal-Wahlbezirk. Heute. Dienstag. Abend« 8 Uhr, im Restaurant Arndt, Neue Friedrichstr. 44, Versammlung. Tagesordnung: 1) Vortrag des Herrn G. Voigt. 2} Diskussion. 3) Verschiedenes. 4) Fragekasten.— Zahlreiche» Erscheinen dringend nothwendig. Kmshasten der Redaktion. M. W. 000. Derartige Mittheilungen können wir im Briefkasten nicht machen. Mitglieder-Berlammlung des' Nemiis der Attkitcrinnrn Kerlms Dienstag, den 29. Septbr.. Abends 8V« Uhr, in Sali«}8n Sklltscht» Kaiser, Fothriogerstr. 37. Tages-Ordnung: Vottrog des Herrn Burschee. Diskussion. Wahl zweier Revisorinnen. Verschiedenes. Fragckasten. Der Wichtigkeit der Tagesordnung Halver wird um recht zahlreiches Erscheinen gebeten. 2305]_ Der Vorstand. I. A.: Frau Pötting. Heueraf-Dersammstnrg der Berliner Mäntel-Näherinnen Dienstag, den 29. September. Abends 8 Uhr, im Lokale Sanssouci, Kottbuserstraße 4a. Tages-Ordnung: 1. Die Nothwcndigkeit einer Lohnkomi. führung der Lohnbewegung der Mäntel- Rähennnen. der Lohnkommisfion. 3. Verlchredcnes «INS___-~ s«« userrrpffm nor»Jsl -ine�Lohnkommisfion zur� D�rch- Männer, außer den Herren Vettretern der Presse, haben keinen Zuttttt. Zur Deckung der Unkosten Entree nach Belieben. 2306]_ Die Einberuferin: Frau Büge. Gr. Schneider-Versammlung Mittwoch, den 30. Septbr. er., Abends 8'/, Uhr, in Gratweil's Bierhallen, Kommandantenstt.77/79. (oberer Saal). Tagesordnung: Das Referat des Herrn F e n s k e im Louisenstädtischen Konzetthaus und Antwort darauf. Referent: L. Pfeiffer. Pflicht aller Schneider ist es, zu erscheinen. Zur Deckung der Kosten wird Entree erhoben. Es�ladet ein 2307] Vorsitzender der Lohn-Kommission. Möbel-, Sopha- und Matratzen-Fabrik A. Schulz, 34 Wasserthorstraße 34(auch Theilzahluna). Dienstag, den 29. September, Abends 9 Uhr: Allgemeine Versammlung der ööttchergesellen Verlins u. Ümgegend bei»et»«. Tagesordnung: Beschlußfassung über Einstellung der Arbeit. Das Erscheinen aller Kollegen ist dringend nothwendig. 2321] DieLohn- Kommission. Zur pünktlichen Besorgung des_ wtmmm Berliner Volksblatt umwiws sowie sämmtlicher Zeitungen empfiehlt sich 2310] Frau Rosentreter, Gr. Frankfurterstr. 57. Regen-Miivtrl in Ml Amchl zarMMigmPmsm! >2124 bei Sielmann& Besenberg, Kommandanten st raße, W Ecke Liudenstraße.[2303 J Einladung zum Abonnement. „Für die Mreibjliibc." Zeitschrift für Bureau-Beamte. Zur Belehrung, zur Hebung der Bildung und des kollcgialischen Lebens der Bureau Beamten, sowie zur Förderung der wirth- schaftlichen Interessen derselben. Interessant auch für Kaufleute, Gewerbetreibende und Jeder- mann, der mit Gerichten und anderen Behörden zu thun hat. Zum Preise von 1 Mark vierteljährlich durch jede Post- anstatt zu beziehen, nur von uns in Pattten von 3 Exem- plaren für 2,40 Mark vierteljährlich. Größere Pattien noch billiger. Probenummer gratis und franko. Bureau-Beamten-Unterstützungs-Berein. Berlin C.( Neue Friedttchstraße 39.[2320 V Schwedische tzisbahn! E. O. MÄRer's Hyppodrom! Täglich Vorstellungen! 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Male: Die wilde Katze. GesangSpoffe in 4 Akten von W. Mannstädt, MusÜ von®. Steffens. Louisenstädttsches Theater. Direktion: Jos. Firmans. Heute: Die Hochzeit des Figaro. Ofteud-Theater. Heute: Berliner in Kamerun. Konigstädtisches Theater. Heut«: Gastspiel der Liliputaner. Die kleine Baronin. _ Theater der Reichshalle«. Täglich: Aufteten sämmtlicher Spezialitäten. __ Amertean-Theater. Taglich: Auffteten sämmtlicher Spezialitäten. Kaufmann's Varle*6 Täglich: Große Spezialitäten- Vorstellung. Konkordia. Täglich: Austreten sämmtlicher Spezialitäten und theatralische _ Vorstellung. Alhambra-Theater. Wallnerthcaterstraße 15. Heute und folgende Tage: Verl. Sonntagsschwärmer. Posie mit Gesang in 3 Akten und 6 Bildern. Vor der Vorstellung; Großes Konzert der Hauskapelle. Anfang des Konzerts 7 Uhr, der Vorstellung 7'/« Uhr. Bons haben Wochentags Giltigkeit. 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Inhalt: Entschieden liberale Politik, orientirende politische Ueber- ficht, parlamentarische Original- Korrespondenzen aus bervorragenderFeder, Reichstags- und Landtags Beuchte, Spezial-Telegramme über dre Parlamente- Sitzungen des Tages, sämmtliche Depeschen des Bureau Reuter. Vorzügliche Leitartikel. Sehr reichhaltiges Feuilleton: Original-Abhandlungen bedeutender Autoren über Ausstellungen, Mufikfeste rc., Korrespondenzen aus London und Paris, Modebriefe, naturwissenschaftliche Feuilletons, Roman, Konzert- und Theater-Referate, Allerlei von den Gebieten der Künste und Wissenschaften. Landwirthschaftliche Original-Attikel und Antworten durch einen Fachmann, Volkswirihschaftliches, In- dustrielles, Post- und Eisen bahn-Tarife. Handels- u. Börscn-Nachrichten aus Hamburg vom selben Tage in umfangreichem Maße, tägliche Kours- berichte, Wochenbericht des Hamburger Waarenmarltes, Fonds- und Waaren-Telegramme von allen Handels- Plätzen. 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