Mr. S28. Mittwoch, de« 30. September 1885. II. Jahrg. erliimMM». Drgan für die Interessen der Arbeiter. «schewt Äerlm frei Ksstabormemeut Da«„Berliner Bolksblatt" täglich Morgen« außer«ach Sonn- und Festtage«. AbonvementSprei« ei in'« Hau« vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Festtag ttch 1,3 SonntagS-Nummer mit illustr. Beilage 10! Einzelne Nr. 5 Pf. (Eingetragen in der PostzettungSpreiSlist« für 1885 unter Nr. 746.) Jnferttoasgebühr beträgt für die 3 gespaltene Petttzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bi« 4 Uhr Nachmittag« in der Expeditton, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annonce» Bureaux, ohne Erhöhung des Preise«, angenommen. Redaktion: Kenthstraße S.— Grpedition: Zimmerstraße 44. Abonnements-Mnladung. Mit dem 1. Oktober eröffnen wir ein neues Abonnement auf da« „Berliner Bolksblntt"«M h«„Illustnrtes Sonntagsblatt'". Unser Blatt, welche« die Interessen der Arbeiter treu und fest gewahrt Arbeiterwelt ..,- t r-'*—_ i------~,— ▼—...w v.%,. vn*v. s.u.i».„i. daß wir ihre nser Programm ist bekannt, wer brauchen es hier nur kurz anzudeuten. \ Staat und Gemeinde, Vereins« und Versammlungsfreiheit, Preßfretheit, gleiche« («.*4 I. Ii f----- Out.-- ein—... L tv» r>.—»» In dieser Zeit haben wir manche Erfahrung gesammelt, wir. gesetzt, und dieses Verttauen ist nicht getäuscht worden. Zahlreiche Freunde hat Fntereffen nach bestem Wissen und nach bestem Können vertteten. Unser Progr- Wir treten zunächst ein für politische �heit. allgemeines gleiches direktes Wahlrecht für Reich..-_,.................. Recht für Jedermann. Aber neben der politischen Frcchett kämpfen wir für soziale Gleichberechtigung. Diese wird angebahnt durch Erstrebung höherer Löhne, Verkürzung der Arbeitszeit, -----~''""'.......'ängnißarbcit, Beschränkung der Frauenarbeit und Einführung einer MaximalarbeitSzeit und in Verbindung damtt auch eine« gung, das ist unsere Parole. Abschaffung der SonntagS« und Kinderarbeit, Regelung der Ge MintmalarbeitSlohneS.— Polittsche Freiheit, soziale Gleichberecht Arbeiter, Handwerker Lerlivs! <*U* m S fflÄf'Ä' ÄÄ lää&M»ÄStSÄS H&i* Aattd der Ukmests" von Ewald Äugufl König _..---, g j-.-'-rf- W,- �" V w V v| w* w, V... rÄ«ÄÄWÄfs»ää-ää iää „Berliner Volksblatt"»-«Zklnstrirtes Sonntagsblatt" kostet wie bisher 4 Mark pro Quartal, 1 Mark 35 Pf. pro Monat, 35 Pf. wöchentlich. Bestellungen werden von sammllichen ZeitungS-Spediteuren, sowie von der Expedition, Zimmer. Brnbe 44. entaeaenaenommen. Für Außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Bestellungen an. Wohl find wir der festen Ueberzeugung, auch bis jetzt schon unsere Schuldigkeit gethan zu haben, aber immer noch mehr soll eS unsere Aufgabe sein, unserem Berufe, die Interessen k.*.1-------*-------*------—— JtX...----- S. de« arbeitenden wahrzunehmen, gerecht zu werden. -.--.----'«,----'•'—'%» Di» Kednktio« des„Kerliner Dolksblatt". Interessen ßtul�lnnk futoidttliing. "------ daß da« �"" , ächtigste« h Baionet Deutsche �teich unter Einer ist, besonders afonette und Kanonen zu Wer möchte et bestreite«, den Mächtigen der Erde der mä> wen« es gilt, die Macht durch beweisen? Wer möchte bestrette«, daß in der übrigen« nicht ein- mal zum Abschluß gelangte» Einigung der Einzel- staate» Deutschland« ein polittscher und nationaler Fortschritt liegt? Wer möchte bestreiten, daß die politische Organisatton des Deutschen Reiche«, die ihren Schwerpunkt im Bundes- rath und im Reichttag hat, immerhin doch eine bessere ist, als die frühere de« Deutsche« Bundes, die in dem Bundestag ihre« Ausdruck fand? So haben wir durch die Gründung de« Deutsche» Reiche« immerhin eine«, wen» auch keinen so überau« große» Fortschritt, wie die« so oft behauptet wird, gemacht. Doch da« Volk selbst wird diese« Fortschritt« wenig froh, da die wirthschaftlichen Verhältnisse sich verschlech- tert haben trotz alles Ableugnen«, da die Kulturent- Wickelung im Reiche in Stockung gerathen ist. Auch der innere Ausbau in fteiheitlicher Beziehung steht im Zeichen des Krebse«; man• hört überall Klagen, wenn man«ur offene Ohren hat. Nun wollen wir nicht behaupten, daß die Gründung de« Deutschen Reiche« und die polittsche Machtstellung des- selben an sich schuld an dem wirthschaftlichen Rückgang des Volkes seien, aber sie habe« diesen Rückgang nicht ver- hindern können und daS ist wahrlich schlimm genug. Wenn eS früher in Deutschlaad recht schlecht in wirth- schaftlichen Dingen stand, ja, wen» HungerSnoth eintrat, so schoben die echten Deutschthümler alle« da« auf die BundeStagSmisere, auf das zerrissene Deutsch« Reich. Man hoffte vollständige Heilung von dem geeinten Deutschen Weiche. Wir haben dasselbe und dennoch ist e« in wirth- schaftlicher Beziehung nicht besser geworden. ES war nicht besser unter der Freihandelsära, e« ist nicht besser geworden unter der Aera der Schutzzoll- Politik! Es ist stettg und im Allgemeine» in Deutschlaad schlech- ter geworden. Den mathematischen Beweis für diese Behauptung wer- den wir hier führen. Die in München erscheinende„Allg. Ztg." ist gewiß eine unverdächtige Quelle. Sie behauptet, daß in Deutsch- land die Zahl der Bedürftige«, welche keine direkten Abgaben zahlen, weil ihr Einkommen den Betrag von 525 Mark jährlich nicht übersteigt, Umfange gewachsen sei, al« Bevölkerung überhaupt. in größerem d ie Zahl der Ieuilleton. Duo Mormonenmädche«. Amerikanisch« Erzählung 68 von «aldui» Möllhause». (Fortsetzung.) „Mag ich mtt blindem,«ach meiner Ueberzeugung ge- ichtferttgtem Gehorsam stet« da« Interesse unserer Religio« » Auge behalte« und dadurch Euch geschadet haben, da« »er, meine Kinder, verspreche ich Euch bei meiner Selig. it, so weit ich einen Einfluß auf Euer Geschick ausübte, »ndelte ich nur so, wie ich glaubte vor Euch und vor Gott erantworten zu können. Ihr wäret Mormoninnen, und [« solche unterthan de» im Mormonenthum vorgeschriebenen ««setzen. Wurde Euch irgend etwas verschwiegen, so ge- hah e«, um Euch die Uebernahme der göttlichen Sendung, i welcher da« Weib berufe« ist, zu erleichtern, Euer« kaum festigten Glaube« nicht sogleich wieder an alte«, ange- »mmten Vorurt Heilea zerschelle» zu lassen. E« ist Alle« »der« gekomme«, wie ich hoffte und erwartete. Ihr werdet ich den gemachte» Erfahrungen und wie ich Eure Ge- üther jetzt durchschaue, kaum geneigt sein, der heiligen ehre de« MormoneathumS«och länger anzuhängen. Wenn > mich betrübt, so tadele ich Euch deshalb nicht. Ihr seid »glücklicher Weise------------ nneinde «gen, Such und mich schmachvoll... � rt zu hintergehen. Glaubt aber nicht, daß deshalb schon Ie Treue und Redlichkeit au« unserer Gemeinde verschwunden in müßte; nein, gewiß nicht. Die achtbaren Männer. in Die Zahl der„Bedürftigen" giebt da« genannte Blatt im Zahre 1876 auf 6 379 856 an, während dieselbe»m Zahre 1880/1881 auf 7 825 781 gestiegen war Die Bevölkerungsziffer im Deutschen Reiche in ihrer sondern sich entscheidend für noch ältere und ehrwürdigere, sich zu de« Glücklichsten ihre« Geschlechte« auf dem ganzen Erdball rechnen. „Mit solchen Beispiele« vor Augen und mtt der reinen Lehre des Mormonenthums im Herzen verschwieg ich Dir, meine arme Editha, daß Du möglicherweise Deine Stellung als Gattin noch mtt anderen, Dir gleichberechtigten Frauen würdest zu theilen haben, und ganz aus denselben Gründe« blieb eS vor Deiner~' zwiefach verheirathet blieb es' vor Deiner Schwester geheim, daß Elliot berett» sei. Ihr schaudert zurück den wahren Sinn de» reinen Mormonenthum«»och mcht audert zurück, weil Zhr begriffen habt und voraussichtlich rne begreife« werdet, Zhr seid eben nicht zu Anhängern der geläuterten Religio» ge- schaffe».— „Meine liebsten Hoffnungen und Pläne sind jetzt zer- trümmert, und es wird mir wohl beschieden sei», fern von denen, an welche mich die Bande der verwandtschaftlichen Liebe und Anhänglichkeit fesseln, mein Leben zu beschließen. Ja, zertrümmert find sie, denn Du, meine arme, schwer geprüfte Editha, bist von Deinem Gatten mißhandelt worden, indem er auf Deine Wünsche keine. Rückficht«ahm, Dich sogar in Deinen Briefe« zu Ge. Denn et Unterschiebung eines fremden Kinde« betheiliate f Gesammtheit aber betrug im Zahre 1876— 43 057 000 und im Zahre 1881— 45 393 000. Während also die Zahl der„Bedürftigen", also derer, welche ein Einkommen unter 525 Mark haben, in 5 Jahre« um 1 445 925 gewachsen ist, stieg die Gesammtbevölkerung«. ziffer nur um 2 336 000 Personen! Steuerzahler sind aber nur die Ernährer der Familie, resp. die Personen, welche ein Einkommen haben. Au«ge- schloffen find Kinder, Unmündige, Greise ic. 2C., für welche der Steuerpflichttge zu sorgen hat. Ganz in demselben Ver- Hältnisse aber befindet sich auch der wegen zu geringe» Ein- kommenS von der direkten Steuer Befreite- auch auf seine Person kommen die Familienmitglieder u. s. w., so daß man nicht fehl geht, wenn man auf jeden„Ernährer"«och zwei Personen—«S ist eher zu wenig, als zu viel— rechnet. Danach würde sich die Zahl der„Bedürftigen" minde» sten» verdreifachen und wir würden als Gegensatz zum WachSthum der Gesammtbevölkerung von 2 336 000 Personen, ein Wach«thum von 4 337 775„bedürftigen" Personen erHafte«! DaS bedeutet einen kolossale« Rückgang der wttth» schaftlichen Verhältnisse! Aber auch im Allgemeinen ist die Lebenshaltung der unteren Klassen in Deutschland eine überaus traurige, da zttka die Hälfte aller Erwerbsthätigen weniger, als 525 Mark jährlich verdient und verausgaben kann; nun müssen dann«och zwei nicht erwerbSthätige Personen hinzugerechnet sei» Sohn, und darum sollte ich ihn an KindeSstatt anneh. me«; und feine Gattin, die sanfte Dulderin, die er für seine entfernte Verwandte ausgab, wie sie von Glück strahlte, als der Knabe sich zärtlich an sie anschmiegte! O, ich hätte e« errathen müssen, aber dergleichen lag ja zu weit aus dem Bereich meiner FassungSgabe I Und ich gab ihm mein Wort, ich bin noch Mormonin!" fügte sie mit dem Ausdruck des Entsetzen» hinzu.„Ach, eS ist schrecklich, schrecklich, so hin- terganaen zu werden! Und Weatherton! Onkel! Weather» ton befindet sich in seiner Gewalt! WaS kann er von einem solche« gewissenlosen Menschen erwarten?" „Beruhige Dich, mein Kind," gab Jansen zur Antwort, aber in seinen Zügen sprach sich eine gewisse Unruhe aus, welche ihn bei der Erinnerung an Weatherton, und an die Mittel, die Elliot zu Gebote standen, beschlich;„da« Versprechen verliert seine Kraft, sobald Du Deinen AuStrttt au« der Mormonenkirche mir allen Ernstes anzeigst, und wenn ich auch um Dich traure, mein Kind, so werde ich Dir deshalb doch nicht zürnen. Dir und Deiner Schwester ae. geaüber habe ich jetzt nur noch die heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß man Euren fteien Entschließungen fortan kein Hinderniß mehr entgegenstellt. Doch nun laßt e» genug sein für heute, meine Kinder," fuhr er ergriffen fort, al» die beiden Schwestern sich an ihn herandrängte« und ihm dankbar die Hände drückten,„der brave Man», der auf dem Herwege so erhebende Worte zu uns sprach, hat die gerech- teste» Ansprüche auf die größten Rücksichten von unserer Seite. Er wird auf un» warte«, kommt, aber ich bitte Euch, quält Euch nicht weiter mit trüben Muthmaßunge« '' i«t. Genießet das Glück, Euch ....... und überlaßt e« mtt allein, den weniger freundlichen Theil Eurer Lage in'S Auge zu fassen; ich habe mich ja schon längst mit dem Gedanken verttaut und schwarzen Befürchtungen. wiedergefunden zu haben.' werden, dabei käme auf die Person eine jährliche Ausgabe von 175 Mk.! Fürst Bismarck hat einmal dgS nothdürftige Ein- kommen einer Arbeiterfamilie auf 750 Mark angegeben— gewiß nicht zuviel. Trotzdem bleibt dasselbe aber bei mindestens'/» der Arbeiterfamilien hinter diesem Satze zurück! Das find Zustände, die Aenderung verlangen, falls Deutschland nicht von seiner politischen Höhe in den wirth- schastlichen Abgrund versinken soll. Wenn man dm oben angegebmen Zeitraum, in wel- chem die Zahl der„Bedürftigen" so enorm gestiegm ist, also dm Zeitraum von 1876—1881 ins Auge faßt, so theilt sich derselbe in drei freihändlrrische und drei schutzzöllnerische Zahre. Man sieht aber daraus, daß, wie wir schon an- deutetm, diese verschiedenen WirthschaftSspsteme keinen besonderen Einfluß auf dm Aufschwung oder Niedergang einer Nation in wirthschaftlicher Besiehuag im Allgemeinen auSübm. Mag beim Schutzzollsystem der„Nationalrerchihum" mehr in die Taschen der Großgrundbesitzer und Großfabri- kantm fließm, mag beim Freihandelssystem der Großkausmann und der Banquier dm Löwenantheil erhalten, der Arbeiter geht leer aus bei beiden Systemm; immer mehr„Bedürf- tige" mtstehm. Deshalb muß mit beidm„Systemen" gebrochen werden, deshalb muß ein System eingerichtet werden, bei dem die Arbeiter zu ordentlichem Verdienst und zu ihrem Rechte ge« langen. Angebahnt wird dasselbe durch ein volkSthümlicheS Arbeiterschutzgesetz, durchgeführt wird eS durch eine verständige Regelung der Produktionsweise. Deutschlands Kulturmtwickelung steht dabei auf dem Spiele._ politische Urbersrcht. Der Reichstag soll, wie jetzt verlautet, zum 10. oder 12. November einberufen werden. Bezüglich der Festsetzung der Termine zu den LandtaeSwahlen wird daran festgehalten, daß dieselben am 5. bezw. 12. November stattfinden werden. Der Kulturzustand eines Landes wird nicht mit Un- recht nach dem Lohnbedüifniß des Volkes geschätzt. Wenn« gleich nun die Zeitungslektüre nicht allein maßgebend sein kann, so giebt fie doch den Maßstab für die andere Lektüre an. Von allen Ländem der Welt stehen die Vereinigten Staaten von Amerika mit 12 500 Zeitungen und Zeitschriften(darunter 1000 täglich erscheinende) in erster Linie da. Kanada hat 700 Zeitungen und in der Argentinischen Republik(Südamerika) erscheinen 60 Blätter. In Europa, wo ca. 20000 Zeitungen erscheinen, steht Deutschland mit 5500, darunter 800 täglich erscheinende, oben an. Sodann kommen Großbritannien mit 4000, darunter 800 täglich erscheinende, und Frankreich mit zusammen 4092, aber nur 360 Tageblättern. Italien hat 1400 Blätter- eS erscheinen davon 200 rn Rom, 140 in Mailand, 120 in Neapel, 94 in Turin und 79 in Florenz. Oesterreich Ungam publijirt 1200 Blätter(davon 150 täglich). Spanien hat ungefähr 850 Blätter, wovon ein Drittheil politische find, Rußland nur 800, wovon allein 200 auf Petersburg und 75 auf Dioskau kommen. In Griechenland erschemen über 600 Zeitungen, davon 54 in Athen, in der Schweiz 450, in Holland und Belgien je 300, Der Welttheil Asten, die Wiege der Kultur, spiegelt die Kultur seiner Mcnschenmassen nur in 3000 publizistischen Organen wieder, davon kommen nicht weniger als 2000 allein auf Japan, die einzigen Organe in China dagegen, welche nicht von den Rcstdenten m den Vertragshäfen herausgegeben wer» den, find der„Ning-Pao", offizielles Organ für Peking, der „Chen-Pao" und der„Hu-Pao" in Shanghai und das im letzten Jahre in Korea ausgegebene Rcgierungs- Journal- Drei Blätter erscheinen in Franzöfisch-Cochrnchina und eines in Tongling, alle übrigen auf Asten gezählten Organe, mit Aus- nähme von sechs perfischen, erscheinen in Indien. Dem „dunkeln Welttheil" Afrika darf man noch mehr Schwärze, nämlich Druckerschwärze, wünschen, damit es hell in ihm wird, in ihm erscheinen nur 200 Zeitungen, wovon drei in Egupten, die übrigen in den franzöfischen und englischen Kolonien. Australien hat 700 fast nur englische Zeitungen, die Sandwich- Inseln 8, wovon 5 in englischer und 3 in der Eingeborenen Sprache erscheinen. Von den aufgeführten 35,000 periodischen Zeitschriften erscheinen 16,500 in englischer, 7800 in deutscher, 6850 in französtscher, 1600 in spanischer und 1450 in italienischer Sprache.— Nehmen wir nun die vier großen Kultur» länder, Nordamerika, England, Deutschland und Frankreich und vergleichen die Zahl der Einwohner mit der Zahl der Zeitschriften, so steht Nordamerika allen übrigen weit voran, auf noch nicht 5000 Personen kommt eine Zeitung; in England auf ca. 7500, in Deutschland auf 8500 und in Frankreich auf ca. 9500 Personen. Ei« sonderbarer Vorwurf. Professor V i r ch o w hat auf der jüngsten Naturforscherversammlung zu Straßburg einen Vortrag über Kolonialpolitik gehalten, in welchem er nachwies, daß an Erfolge in Afrika und Neu-Guinea für Deutschland nicht zu denken sei. Darauf hin bemerken nationalliberale Blätter:„Der Standpunkt Virchow'S muthet dem deutschen Volke im Grunde nichts anderes zu, als fich aus der Liste der lebensfähigen Nationen selbst zu streichen."— Das bischen Kolonisationspolitik, welches wir gegenwärtig treiben resp. treiben können, soll also die Lebensfähigkeit des Deutschen Reiches beweisen?! Wahrlich dann steht es traurig mit dieser Lebensfähigkeit au*. Ist Deutschland, trotzdem es keine über« seeischen Befitzunaen hat, nicht längst schon die drittgrößte see- handeltreibende Nation in Europa? Wozu da die fieber- reichen Befitzungen in Afrika? Pflege man das Errungene, pflege man das eigene Land, pflege man die guten Beziehungen unter den Völkern und treibe keine Abenteuerpolitik— das ist der Grundgedanke, der aus den Virchow'schen Ausführungen durchleuchte!, und Virchow hat nach dieser Richtung hin völlig Recht. DaS LehrerpenfionSgesetz schließt bekanntlich die Lehrer an den sogenannten Mittelschulen von den Wohlthaten dieses Gesetzes aus, während dieselben auch andererseits im gesetz- lichen Sinne weder den Lchrem an den höheren Schulanstal- ten, noch denen an den technischen Schulen gleich erachtet wer- den. Wie der„Berl. Börs. Kour." hört, wrrd im Kultusmi- nisterium augenblicklich die Frage einer näheren Erwägung unterzogen, inwieweit hier auf gesetzlichem Wege eine Abhilfe des belegten Umstandes herbeizuführen sei. Von dem Segen der Schutzzollpolitik soll nach An« gäbe einer Anzahl national konservativ schutzzöllnerischer Blätter auch ein gut Theil auf Apolda und Umgegend gefallen sein. Entgegen dieser Behauptung erläßt jetzt der Vor stand der Apolvaer Wirkerverbände eine Erklärung, wonach das Gegen- theil von Allem der Fall sei. Der Geschäftsgang in der Äpoldaer Wollwaarenbranche sei so darniederliegend, daß ein sehr großer Theil der Arbeiter seit Monaten brodlos sei, auch ein Aufschwung zum Besseren sei für dieses Jahr nicht zu er- matten, Es find nicht nur die bei der Hausindustrie beschäftigten Arbeiter von der Arbeitslostgkeit detroffen, sondern auch eine große Anzahl Arbeiter aus den Fabriken entlassen wor« den, darunter solche, welche 12, 16 und noch mehr Jahre in den betreffenden Etablissements beschäftigt waren. Sorge und Noth, sagt der Vorstand, hätten in vielen Familien ihren Ein- zug gehalten. Wenn der Vorstand dafür in erster Linie die Zuchthausarbeit verantwottlich macht, so mag er bis zu einem gewissen Grade Recht haben. Der Hauptgrund aber liegt wohl in dem zurückgegangenen Expott und in der verminderten Kaufkraft der deutschen Kundschaft, eine Thatsache, welche von allen Geschäftskundigen konstatitt wird. Für die neue Wirthschaftspolilik ist diese Thatsache ein sehr bedenkliches Symptom. Konduitenlisten über Jedermann. Der„Freis. Ztg." wird geschtteben: Das königliche Polizeipräsidium in Magde- bürg verwendet zu denjenigen Anfragen, welche dasselbe an andere Polizeiverwaltungen über Personen ttchtet, welche fich im dortigen Bezirk niederlassen wollen, Formulare, denen eine Rubttk veigedruckt ist:„Politische Gesinnung?" Diese Formulare sind gedruckt bei E. Baensch jun., Breitewca, in Magdeburg. Wenn das auch nur alle königlichen Polizerver- waltungen ein Jahrzehnt hindurch durchgeführt haben, so exi« stitt eine politische Konduitenliste, wie fie noch nie da war! Wir bitten aber um Auskunft: 1. mit welchem Rechte eine Polizeiverwaltung an eine andere amtlich die Frage über die politische Gesinnung eines unbescholtenen Mannes richten darf? 2. warum man, wenn die Frage zu 1. auf Grund einer gesetz- lichen Bestimmung bejaht werden könnte, nicht der Vollständig- keit halber noch eine weitere Rubttk hinzugefügt:„Hat er in den letzten zehn Jahren seine polttische Gesinnung gewechselt?" Die Schulverhältnisse in Mecklenburg werden recht drastisch durch einen Brief illustttrt, den ein Einwohner von Sülz in Mecklenburg an eine konservative Zeitung ttchtet. Es heißt in diesem Schreiben: Die unterste Klasse der Schule wurde im vorigen Jahre von 90 Kindern besucht, in diesem von 116. Fast jährlich ereignet es fich, daß von einem einge- schulten ritterschastlichen Gute Kinder im Alter von 9 bis 11 Jahren fich zum eisten Male zur Schule stellen; fie müssen dann in die unterste Klasse eintreten und hier mit den scchS- jährigen zu lernen anfangen. Auch scheinen die Leute jenes Gutes es schon als besonderes Vorrecht anzusehen, die Kinder nicht sofort nach Erreichung des schulpflichtigen Alters der Schule zu überweisen, wenrgstens weigerte sich ein Elternpaar, sein Ostern schulpflichtig gewordenes Kind in die Schule zu schicken, bis jetzt mit Erfolg. Als weitere Kuriosität wird her» vorgehoben, daß der Lehrplan der Sülzer Stadtschule vor zwei Jahren verloren gegangen und noch nicht durch einen anderen ersitzt ist. Ueber die Verhaftung angeblicher Anarchisten schreibt man der„Freis. Ztg." auS Kiel folgendes: Als der dänische Dampfer„Aurora" Sonntag Morgen aus Kopenhagen hier eintraf, begaben sich mehrere hiefige Polizeibeamte an Bord den Weise die Unterhaltung eröffnete und, die wunden Stellen in den Gemüthern theilS kennend, theils errathend, gerade solche Motte und Bemerkungen auswählte, die eine lindernde und aufmunternde Wirkung ausübten, wich der Druck, der wie ein Bann auf den einzelnen Personen zu lasten schien, und der sie mehr zu Zuschauern, als zu wirklichen Theilnehmern an dem Mahle machte. Immer häufiger erhellten fich Hettha's und Editha'S Züge zu einem glücklichen, wenn auch wehmüthigen Lächeln, indem sie den zwischen ihnen kauernden und munter plau- dernden Knaben beobachteten, oder sich gegenseitig alle die kleine« Aufmerksamkeiten erwiese«, nach welchen das sinnige weibliche Gemülh gleichsam hascht, wenn eS sich die Aus» gäbe gestellt hat, Jemandem seine Anhänglichkeit zu be- wessen. Auch in Zansen'S ernstem Wesen zeigte fich allmälig wieder eine größere Theilnahme, und gespannt lauschte er den Watten des Missionär«, als derselbe beschrieb, auf welche Weise Evitha und ihr Kind zu ihm gekommen und so plötzlich von dem Salzsee der Mormonen an die Hunderte von Meilen entfernte Quellen des Kolumbia- Flusse« versetzt worden seien. Es war eine lange Erzählung, in welcher er füglich nicht vermeiden konnte, an vie Ursachen zu erinnern, welche Edirha einst zur Flucht veranlaßten. Doch wenn er der- gleichen Punkte berührte, dann geschah eS immer in so be- dächtiger und zatter Umschreibung, daß das Herbe weit zu- rückttat hinter die frommen und tröstenden Betrachtungen, welche er über die göttlichen Schickungen und Fügungen anstellte. Demnach war auch er von dem Sandsturm, welcher Evitha und ihr Kind beinahe verschüttete, überrascht worden, und zwar als er sich, von de» südlichen Grenzen dei Mar- monenstaateS kommend, auf dem Heimwege nach dem Kolumbia- Flusse befand. Er hatte damals einen Trupp Spokane-Jn- dianer bei sich, die er auf einem Jagdzuge begleitet hatte, theils, um die ihm noch unbekannten Länderfirecken aus eigener Anschauung kennen zu lernen, theil« um nach ein- geborenen Stämmen zu forschen, die seinen Lehren vielleicht ei» offene« Ohr leihen würden. und verhasteten zwei Paffagiere. Sie wurden ins Polizei- gefängniß abgeführt: eine Untersuchung ergab, daß ste Revower und Dolchmcffer bei fich fühtten, auch fanden sich sozialdemo- kratische(?) Schriften in ihrem Besitze. Herste Nachmittag zwischen 5 und 7 Uhr fand endlich die Vernehmung der Frem« den durch einen Kriminal-Kommissar unter Hinzuziehung eines Dolmetschers statt. Der kleinere der bttden Fremden sagte aus, daß er ein Däne und nach Deutschland gekommen sei, um als Drechsler Arbeit zu suchen. Er war fast mittellos und gab vor, kein Deutsch zu verstehen. Sein Reisegefährte erklätte, er ser Bäcker und aus Königsberg in Preußen gebüttig. Er führte reichlich 150 Mark bei sich und wollte kein Dänisch verstehen. Die Kieler Polizei glaubt, anscheinend einen guten Fang ge- macht zu haben, denn Beide wurden nach ihrer Vernehmung wieder ins Gefängniß zurückgeführt. Dortmund, 28. September. Die„Rheinisch. Wests. Ztg." meldet:„Die königliche Staatsanwaltschaft hatte wegen des in Nr. 163 der„Rheinisch- Westfälischen Zeitung" vom 12. Juni d. I. erschienenen Leitattikels unseres Münchener §§§ Korrespondenten, betitelt:„Ponr le rnsrite. Eine Lrdens- gc schichte aus Bayern", welcher des fich längeren über die Verhältnisse des Privatvermögens deS König Ludwig II. von Bayern verbreitete, eine Untersuchung wegen angeblicher in diesem Artikel enthaltener Beleidigung Sr. Mai. gegen den verantwortlichen Redatteur d. Bl. eingeltttet. Wie uns die königliche Staatsanwaltschaft nunmehr mitthttlt, hat dieselbe „das Verfahren eingestellt, nachdem Se. Maj. der König von Bayern von der Ertheilung der Ermächtigung zu der Ver« folgung des verantwottlichen Redakteurs Abstand nehmen zu wollen erklärt hat." Holland. In Folge der Verutthttlung des Sozialdemokraten Vanno- meren herrschte gestern, wie telegravhisch gemeldet wird, in Amsterdam große Aufregung. Es fanden größere Ansamm- lungen von Personen statt, auch röche Fahnen wurden von einzelnen Trupps gefühtt. Die Fahnenträger weigetten sich, der Aufforderung der Polizei, die Fahnen zu beseitigen, nach» zukommen. Schließlich soll die letztere von der blanken Waffe Gebrauch gemacht und mehrere Personen verwundet haben, ebenso sollen viele Verhaftungen erfolgt sein. Frankreich. Die von den radikalen Wahlkomitee's geplante gemeinsame Aufstellung von Kandidaten ist mißlungen. Auf der einen Seite fungitt das von Maujan geleitete Zentralkomitee, auf der anderen das von Clemenceau inspitttte Depattemmtal- komitee. Die Blätter beider Gruppen lassen hierüber keinen Zweifel. Das Mißlingen der Einigung wird darauf zurück» gefühtt, daß das von Clemenceau geleitete Komitee einen Kan» oidaten empfahl, den Maujan um keinen Preis akzeptiren wollte. Als man einmal so weit war, setzten die Vertreter der sozialistisch-radikalen Blätter, welche den Komitee's beigetreten waren, fachende Erklärung auf: Die Vertreter der sozialistisch- radikalen Presse anerkennen die Bemühungen, welche die Delegirten bttder Komitee's im Sinne der Versöhnung gemacht haben, bestätigen aber die Un» Möglichkeit, ihre beiderseitigen Ansprüche rn Einklang zu bringen und erklären angesichts der Dringlichkeit einer end» giltigen Lösung, daß es überflüssig ist, die Unterhandlungen zwischen der Presse und den Komitee's fortzusetzen; fie zweifeln übrigens nicht daran, daß für den zweiten Wahlgang die Einigung der sozialistisch-radikalen Pattei eine vollständige und innige sein wird. Hierauf traten die Mitglieder des Depattementalkomitee'S, welche nicht dem Journalismus angehören, noch einmal zu einer Sitzung zusammen, um einen weiteren Versuch zur Eini- gung zu machen. Sie deputitten schließlich 7 der Jhngen nach den Bureaux der„Justiec", wo die Vettreter der intranfigen» ten Presse versammelt waren. Hier kam es zu einem neuen Bruche, diesmal zwischen Clemenceau und Rochefott. Der „Jntranfigeant" veröffentlicht folgende Note: »In Folge von Besprechungen wegen der Kandidaturen der Bürger Eudes und Vaillant— welche Besprechungen an kein Ziel führten— hat der„Jntranfigeant" fich aus dem Verein der radikalen Presse zurückziehen und seine volle Hand- lungsfreiheit wieder aufnehmen zu sollen geblaubt. Der„In- transtgeant" wird morgen eine Liste der Kandidaten ver» öffentlichen, auf welche er das Vettrauen der sozialistisch-radi- kalen Demokratie lenkt." Die„Lanterne" ihrerseits zog fich ebenfalls zurück, ent» schloffen, fottan auf eigene Faust zu handeln, und die Blätter, die noch zusammenhalten wollen:„Rappel",„Radical", „Justice",„Petit Parisien",„Petit Quotidien",„Correspon- dance radicale",„Electeur republicain",„Republique radi- kale",„Nation" kündigen daS Ei scheinen einer gemeinschaftlich vereinbarten Liste an.— Das Komitee Maujan hielt inzwischen eine Versammlung ab, in der man fich das strengste Schweigen über die Verhandlungen gelobte. Wie verlautet, schickt sich jetzt der Präsident des Pariser Gemeinderaths, Michelin, an, statt- Maujan's das Ganze zu leiten. Es wurde beschloffen, das bereits veröffentlichte Programm unverändert aufrecht zu er» Die Unmöglichkeit einsehend, während des Sturmes, welcher den Sand in dichten Wolken über das langgestreckte wüste Thal hinpeitschte, von dem einen Ende nach dem andern desselben hinüber zu gelangen, hatte er mit seiner Gesellschaft in einem Felsenwinkel Schutz gegen das Un- weiter gesucht, und erst am Abend, als mit dem Scheiden der Sonne sich der Wind legte,»nd die aufgestörten Staub« und Sandmassen sich zu senke« begannen, war er wieder aufgebrochen. Er konnte daraufrechnen, daß die Nacht hindurch und auch in den ersten Morgenstunden kein neuer Sturm sich erheben würde, und da die nächtliche Kühle die Reise über die warme Sandfläche begünstigte, so beeilte er sich, wenig- sten« den größten Tyeil de« gefährlichen Marsches in dieser Zeit zurückzulegen. Ungefähr zwei Stunden nach Sonnenuntergang kreuzte er die Richtung, welche Evitha mit ihrem Kinde eingeschlagen hatte, nicht weit von der Stelle, wo der feine Sand sich als ein Grabhügel über ihr wölbte. Er würde indessen, ohne sie zu finden, vorbeigezogen sein, wenn nicht ein Rudel Schakals, welche den Sandhügel in immer engeren Kreisen umheulten, zuerst seine Aufmerksamkeit erregt, und demnächst die Hunde seiner indianischen Begleiter vor den lebendig Begrabenen in ein klägliches Winseln und Heulen auSge» krochen wären. Die nach jener Stelle entsendeten Gefähtten riefen ihm zu, daß dort Menschen verschüttet seien, und zu ihnen hin- eilend fand er Evitha und ihren Knaben in einem Zustand«, von dem sich befürchten ließ, daß fie denselben nicht über» leben würden. Daß sie überhaupt»och nicht erstickt waren, während Erschöpfung, Durst und die in die Luftröhren eingedrungene« feinen Sandtheilchen sie in einen, wenn auch nicht ganz be- wußtlosen, aber ohnmachtähnliche« Zustand versenkt hatten, verdankten sie der rigenthümlichen Wirkung dei Winde«. Derselbe hatte, wie bei einem Schneetreiben, den Sand auf der dem Luftzuge ausgesetzten Seite, gleichsam Schutz gewäh- rend, angehäuft, auf der entgegengesetzte« Seite dagegen, kleine schroffe Abhänge bildend, noch eine schmale Spalte gemacht, Euch für den Rest meine« Lebens entbehren zu ** � Hertha und ihre Schwester nahmen den kleine» Knaben zwischen sich und schritten schweigend dem Zelte zu, hinter welchem das Mahl und der freundliche Missionär ihrer mit gleicher Geduld hartten. „Genießet Euer Glück." hatte Jansen zu ihnen gesagt; sie aber blieben stumm; sie waren noch zu tief bewegt von dem Wiedersehen und allen de« Nebenumständen, welche dasselbe begleiteten. Das stürmische Entzücken, die laut und schmerzlrch geäußer- ten Befürchtungen und das Erstaunen, welche» fast jeder Aeußerung auf dem Fuße nachfolgte, waren einer ruhigen Ueberlegung gewichen. Mochten auch Besorgnisse mancher Att ihre Phantasie noch beschäftigen, so war doch jenes innige, stille, sich durch äußerliche Merkmale nur wenig verrathende Dankbarkeitsgefühl gegen die Vorsehung in ihre Brust ein- gezogen, welches gewöhnlich au« glücklichen Ereignissen her- vorgeht, oder auch aus dem Bewußtsein entspringt, einer drohenden Gefahr im entscheidende» Augenblick entronnen ' Jansen, die ernsten, sinnenden Blicke beständig auf die beiden Schwestern gerichtet, befand sich nur wenige Schritte hinter ihnen. Er hatte das Haupt sorgenschwer auf d,e Brust geneigt und die Hände auf dem Rücken in einander geschlagen. Seine hohe, kräftige Gestalt schien bedeutend kleiner geworden zu sein, so sehr prägte sich in derselben der Kummer auS, welchen die jüngsten Erlebnisse und Erfahrun- gen ihm bereitete«. Es war ja ei» zu hattet Schlag für ihn, daß auch das Mormonenthum, zu welchem er sich, als der einzig reinen und wahren Religion, bekannte, unter seiner Gemeinde Mitglieder zähle, die vor dem schwärzesten Ver- brechen nicht zurückschreckten und durch ihre Verderbthett, m den Augen der übrigen Welt einen trüben Schatten über die ganze Brüderschaft der Heiligen der letzten Tage werfe» "�Eist als Alle, selbst die zu der kleinen Karavane gehörigen Indianer, zum gemeinschaftlichen Mahl vor dem Küchenfeuer auf dem grünen Rasen lagerten und der Missionär, nachdem er den Segen gesprochen, in seiner wohlwollenden, Vettrauen erwecken- halten, und da die Anhänger Clemenceau'S nun keine Hinder niffe mehr in den Weg legten, einigte man sich über eine Liste, auf der außer 12 bisherigen Abgeordneten, darunter Laisant, Lacroix, Laguene, neun Gemeinderathe, die Journalisten Maujan und Felix Pnat und 11 Arbeiterkanvidaten von Paris und der Umgeoung nouriren. — Im Seine-Marne-Departement wurde am 27. d. M. nach drei Wahlgängen der Radikale Dufraigne mit 552 Stimmen zum Senator gewählt. Der Reaktionär Muredehaut erhielt 3 tages sollen die ersten Mittel für die ganze, auf rund zehn Millionen Mark veranschlagte Anlage gefordert werden. Dem Vernehmen uach wird beabfichtigt, eine zweite Bahnhofshalle an die bereits bestehende anzubauen und zwar mit derselben äußeren Architektur, namentlich deS Hauptportals und der Kopftassade auf der Südseite, ein Plan, dessen Ausführung zur Verschönerung jener in architektonischer Beziehung bereit! sehr bevorzugten Gegend wesentlich beitragen wird. Um das Einlaufen der Etettmer und Nordbahngeleise zu ermöglichen, soll nach der„Verkehrszeitung" die Ringbahn rn einer Kurve von der Tegeler Streße aus über den Schifffahrtskanal an die bestehenden Geleisanlagen der Hamburger und Lehrter Bahn, welche natürlich entsprechend erwettert werden müssen, ange- schlössen werden. Diese ziemlich scharfe Kurve wird auf einen mächtigen Viadukt mit mehreren Straßenunterführungen und einer weitgespannten Kanalbrücke zu liegen kommen. Die Ring' bahn wird zur Aufnahme des vermehrten Verkehrs vom Bahw Hof Gesundbrunnen aus um zwei Geleise verbreitert, und zwar so, daß die Stettiner und Nordbahnzüge gleich auf die Lchiter oder Hamburger Geleise bei Bahnhof Moabit übergeführt werden können. Die Strecke der Stettiner Bahn von der Kreuzung der Nordbahn beim Kirchhof der Sophiengemeinde bis zum Bahnhof geht mit dem letzteren ganz ein, wodurch die den Norden Berlins und seinen lebhaften Verkehr so schwer schädigenden und oft beklagten Niveauübergänae beseitigt wer- den- In Pankow wird ein großer Gütcrbabnhof angelegt, auf welchem hauptsächlich das Rangiren der Stettiner Güterzüge vorgenommen werden soll. Du Etetttner Bahn wird von Pankow aus in einer weiten Kurve in die Nordbahn einge- führt und außer der schon bestehenden Kurve nach Westen mit einer solchen nach Osten mit dem Nordring verbunden, unter entsprechender Erweiterung der Geleise und des Bahnhofs Gesundbrunnen. Der frühere Plan, nach welchem der Zentral- bahnhof auk dem Terrain rechts von der Jnvalidenstraße zwischen Heidestraße und Hamburger Bahn für den Bau be- stimmt war, ist ganz aufgegeben; das betreffende Terrain soll, unter Erhaltung der Gebäude an der Heidestraße, zu Rangir- zwecken benutzt werden. t. Ein höchst gefährlicher Drahtzaun befindet fich vor dem Eingange zu dem namenlosen Sandwege, welcher in der Verlängerung der Fichtestraße durch die Hasenhaide nach dem Tempelhofer Felde führt. An drei bis vier Pfählen, die über den breiten Weg in den Boden gerammt find, befinden fich zwei Drähte befestigt, jeder dreifach gewunden und in kurzen Zwischenräumen mit eingeflochtenen domenartigen und ganz besonders scharfen Blechstücken versehen. In der Dunkelheit äußerte die junge Frau fich nur sehr zurückhaltend über ihre Vergangenhett, vorzugsweise aber über die Ursachen, welche sie in die Wüste und fast dem unerbittlichen Tode in die Arme geführt hatten. Es versetzte sie daher in den größten Schrecken, als ihr Menschenfreund- licher Retter, nach manchen vergeblichen Bemühungen, ihr einen Wunsch, ihre Zukunft beireffend, zu entlocken, endlich auch die Frage stellte, ob sie vielleicht nach der nicht allzufernen Mormonenstadt begleitet sein wolle? „Bringt mich, wohin Ihr wollt," hatte sie, von inne« rem Entsetzen ergriffen, ausgerufen,„nehmt mein Kind mit Euch und laßt mich in dieser Wüste zu Grunde gehen, aber an den Salzsee zurück? nein, nie, nie! Lieber den zehn- fachen Tod erleiden, als zurück zu ihm!" Ei» Schauder, der bei diesen Worte» ihre Gestalt durch- rieselte, belehrte den Missionär, daß der eigentliche Grund ihres Schmerzes gerade am Salzsee zu suchen sei, und daß sie viel, unendlich viel erduldet haben müsse, um sich zu der- artigen Aeußerungen hinreißen zu lassen. Er stellte ihr darauf vor, daß es nicht im Bereich seiner Macht liege, selbst sie nach den Vereinigten Staate« zurück- zuführen, er aber mit Freuden in der Nähe der Emigranten- Straße aus eine Karavane harren wolle, mn sie und ihr Kind der Fürsorge freundlicher und wohlwollender Reisender anzuvertrauen. Doch auch dieses wies sie dringend zurück, indem sie unter krampfhaftem Zittern die Besoraniß vorschützte, gerade dort am leichteste» mit Mormonen zusam- mentreffen zu können. „Nun wohl," hatte er darauf mit unbeschreiblicher Güte zu ihr gesagt,„dann kenne ich nur noch eine« Ort, an welchem Ihr ein zwar sehr einfaches Asyl findet, aber ei« Asyl, wohin diejenigen, die Ihr so sehr zu fürchten scheint, Euch nie nachfolge« werden. ES ist dies em lieblicher Punkt, hoch oben im Norden, auf dem Ufer des Kolumbia- Flusses. Nur Hütten und Lederzelte werden Euch dort um- geben, und nur Indianer sind eS, welche außer mir die- selben beleben. Aber Friede wohnt in dem kleinen Reiche, welches ich dort gegründet habe, und wenn Ihr willens seid, so lange, bis sich eine günstige Ge egenhert zur Rückkehr in Eure Heimaih bietet, unsere friedliche Einsam- find diese Diähte, beim Mangel jeglicher Beleuchtung in dieser Gegend, garnicht zu bemerken und besonders dadurch gefährlich, daß der obere einem mittelgroßen Manne bis zum Geficht reicht. Ein Anlaufen gegen diese Drähte muß die gefährlichsten und schmerzhaftesten Verletzungen zur Folge haben. Soll das Passtren des Weges verboten werden, was in keiner Weise angekündigt ist, so empfiehlt fich wobl eine weniger gefährliche und deutlicher erkennbare Art der Einstiedigung. Zur Ver- hütung von Unglücksfällen dürste fich die Entfernung dieses gefährlichen DraKtzauneS empfehlen. g. In der Lindenstratze befindet fich ein Haus, dessen Eigcnthümer zum großen Theil die Miethen indtrett vom Magisttat bezw. von der städtischen Armcnverwaltung bezieht. Dies HauS wird nämlich überwiegend von Personen bewohnt, welche Unterstützungen von der städtischen Armenverwattung erhalten. Es ist natüilich, daß die Miethen für die resp. Räume nicht hoch sein können, dafür find aber auch diese Wohnfiätten wahre Buchten, so daß es Wunder nehmen muß, wie Menschen dieselben inne haben können, ohne ihre Gesund» heit in bedenklicher Weise zu gefährden. Sterbltchketts- und Gesundheitsverhältnisse. Gemäß den Veröffentlichungen des Kaiserlichen Gesundheitsamtes find in der Zeit vom 13. Sept. bis 19. September er. von je 1000 Lebenden aufs Jahr berechnet als gestorben gemeldet: in Berlin 22,1, in Breslau 26,4, in Königsberg 18,5, in Köln 20,7, in Frankfurt a. M. 21,4, in Hannover 18,8, in Kassel 19,5, in Magdeburg 25,8, in Stettin 26,5, in Altona 25,9, in Straß« A i.. cm. Ai-r n- cm..»-- bürg 26,6, in Wien 25,4, in Budapest 23,0,' in Prag 25,7, in Trieft-, in Krakau 28,7, in Basel 12,9, in Brüssel 24,8, in Amsterdam 17,0, in Paris 20,9, in London 15,7, in Glasgow 19,1, in Liverpool 21,4, in Dublin 22,9, in Edinburg 13,3, in Kopenhagen 14,9, in Stockholm 18,7, in Christiania 17,7, in Petersburg 26,1, in Warschau 29,5, in Odessa 31,0, in Rom 33,0, in Turin 23,9, in Bukarest—, in Madrid—, in Alexandrien—. Femer in der Zeit vom 23. August bis 29. Aug. er.; in New-Nork24,0, in Philadelphia 20,1, in Balti- more 20,6, in San Franziska 19,3, in Kalkutta 26,2, in Bombay 26,2, in Madras 34,3.— Die sanitären Verhältnisse Berlins blieben auch in dieser Berichtswoche günstige. Darm- katarrhe und Brechdurchfälle der Kinder bekundeten eine wei« tere Abnahme, auch Ruhrfälle kamen nur vereinzelt zum Vor- schein. Einen bedeutenden Rückgang zeigten ferner Erkrankungen an typhösen Fiebem, die besonders in der Rosenthaler und Oranienburger Vorstadt vielfache Erkrankungen hervor« gerufen hatten. Die Zahl der gemelveten Erkrankungen sank auf 37 von 81 der Vorwoche. Masern und Scharlachfieber, letzteres häufig mit Diphtherie komplizirt und im Stralauer außer in den genannten Stadttheilen auch auf dem Wedding, in der Köniastadt und in der Louisenstadt nicht selten zum Vorschein. Der Keuchhusten veranlaßte weniger Erkrankungen und Sterbefälle; auch roscnartige Entzündungen des Zell- gewebes der Haut und Kindbettfieder gelangten seltener in ärztliche Behandlung. Akute Entzündungen der Athmungs- organe und akute Gelenkrheumatismen waren nicht gesteigert, rheumatische Beschwerden der Muskeln sogar erheblich ver« mindert. Gerichts-Zeitung. o. k. Die Reichstags-Abgeordneten v. Vollmar, Bebel und Genossen wegen Theilnahme an einer ge- Heimen Verbindung vor Gericht. Chemnitz, 28. Septem« der 1885. Erster Tag der Verhandlung.(Fortsetzung.) Die Verhandlungen finden im Echwurgerichtslaale statt. Derselbe, ein neu gebauter prächtiger Saal, zeichnet fich ganz besonders durch eine vorzügliche Ventilation und ein ebensolches Ober- licht aus. Den zahlreich erschienenen Zeitungsberichterstattem find die Gcschworenmbänke eingeräumt worden; dieselben können somit eine vorzügliche Plazirung ihrerseits konstatiren. Auf den Joumalisten' Plätzen bemerke ich auch den Polizei« Sekretär Lührs(Berlin), der, wie ich höre, im Auftrage des preußischen Ministeriums des Jnnem die Verhandlungen steno» graphisch niederschreibt. Das Audttorium ist von einem distin« gurrten Publikum überfüllt. Wie ich höre, ist eine sehr große Anzahl von Einlrittsgesuchen abschlägig beschieden worden. Gleich nach 9 Uhr Vormittags erscheint der Gerichtshof, bestehend aus dem LandaerichtS' Präfident Brückner(Präsident) und den Landgerichts. Räthen Lippert, Dr. Klöppel, Dr. Be» schorner und Hoffmann(Beisttzende). Da die Verhandlungen vorausfichtlich mehrere Tage dauern werden, so ist in der Per- son des Gerrchtsassessor Dr. Wiedncr ein Hilfsrichter ernannt. 'Die öffentliche Anklagebehörde vertritt Ober- Staatsanwalt Schwabe, die Vettheidigung führen: Rechtsanwalt Freytag I (Leipzig) und Rechtsanwalt Munckcl(Berlin). Be» Eröffnung der Sitzung wird ronstatirt, daß der An- keit mtt unS zu theilen, so sollt Ihr und Euer liebliche« Kind mir herzlich willkommen sein." Auf diesen Vorschlag war Evitha Holmsten endlich ein- gegangen, und indem sie da» Anerbieten des frommen Geist- lrchen dankend annahm, befestigte sich ihr Verstauen zu dem« selben in so hohem Grade, daß sie rückhaltlos ihr vergan- genes Lebe« schilderte und ihm zugleich eine Erklärung ihrer Furcht vor den Mormonen gab.— So waren sie denn immer weiter gezogen; der Missionär ging neben dem Pferde her, welches sie trug. Auf- merksam lauschte er ihrer oftmals von Schluchzen unter- brochenen Erzählung; er tröstete sie und sprach ihr Muth zu, er erwog die Wünsche, welche sie aussprach, und er- läuterte die Ansichten und Rathschläge, welche er selbst mit einfließen ließ. Und als sie sich dann endlich über die zunächst einzuschlagenden Schritte geeinigt hatten, und Editha, überwältigt von den Gefühlen der in- nigsten Dankbarkeit, ihm nur stumm die Hand zu drücken vermochte, da entstieg die Sonne den östlichen zackigen Ge» hirgSketten, blendend beleuchtend die gelbe Sandfläche, welche die hastig dahinziehende Karavane im weiten Umkreise um- gab.— Bald nach Sonnenaufgang war aber auch wieder ei» leiser Lnftzug fühlbar geworden. Anfangs schien er nur die glitzernden Thaustöpfchen trinken zu wollen, welche die verernzeltm sadenartigen Grashalme wie lauter Glasperlen schmückten»ud durch ihre Schwere niederwärt» zogen; kaum aber hatte er die feuchten Oberflächen der zerstreute» farbigen Kieselsteine getrocknet, kaum die letzte Thauperle gierig aufgesogen, da begann er wieder mit dem lockern Sande zu spielen. Wie tändelnd trieb er ihn über die glatte Ebene dahin, aber immer tiefer auswühlend da« nachgiebige Erdreich, immer höher hebend die federleichten wirbelnden Staubtheilchen. Das Kind jauchzte dem lustigen Schauspiel ausgelassen zu; die Mutter dagegen beobachtete bebende« Herzen« dre ehr« würdige Physiognomie des Missionär» und die ihnen voraus- eilenden Eingeborenen. Nirgends entdeckte sie eine Spur von Besorgmß. (Forssetzung folgt.) geklagte v. Vollmar nickt erschienen Iß. Der Präsident bemerkt: v. Vollmar habe dem Gericht angezeigt, daß eine Reise nach Chemnitz seiner Gesundheit sehr schaden würde und er habe auch einige ärztliche Atteste beigefügt.— Der Gerichtshof beschließt demnach, auch gegen den Angeklagten r>. Vollmar die Verhandlung auszusetzen. Bei Feststellung der Personalien ergiebt fich, daß sämmtlicke Angeklagte mehrfach, vorbestraft find. Der Angeklagte Ulrich bemerkt auf Befragen deS Prä- fidenten: Er sei so häufig vorbestraft, daß ihm alle erlittenen Strafen nicht mehr im Gedächtniß seien. Es wird hierauf der Anklagebeschluß verlesen. Die Angeklagten erklären fich sämmt- lich für nichtschuldig. Der Prafident erörtert zunächst die Geschichte der Sozialdemokratie und will einen am 19. September 1880 im„Sozial- Demokrat" erschienenen Aftikel, betreffend die Organisation der Sozialdemokratie, verlesen. Angeklagter Bebel:„Fch will, ehe dieser Artikel verlesen wird, bemerken, daß der..Sozial-Demokrat" allen Anschauungen Raum ae- währen sollte. Ich weiß nicht, von wem dieser Artikel geschrieben ist, jedenfalls ist er nur eine Definition über eine vorzunehmende Organisation. Eine solche Organi« sation, wie fie in dem Aftikel vorgeschlagen worden, ist jedenfalls niemals vorhanden gewesen. Eine Geheim- bündele! hat niemals bestanden. Es ist auch stets bei allen Zusammenkünften betont worden, daß eine Organisation, wie fie vor dem Sozialistm-Gesctz bestanden, unmöglich sei, es kann nur eine Organisation, die auf persönlicher Fühlung zwischen den einzelnen Parteigenoffen bafift, bestehen.'— Es wird alsdann ein Aftikel aus dem„Sozial-Demokrat" vom 28. Juli 1881 verlesen, in dem es u A. in einer Polemik gegen die Leipziger Zeitung" heißt:„In Deutschland giebt eS noch keine Nihilisten und mit Ausnahme von einigen Dutzend Agenta provocateurs und Hansnarren auch keine Anarchisten. Einen oder anderthalb solcher Hansnarren haben wir auch in Leipzig gehabt, aber die Paftei hat nie mit ihnen verkehrt. Wenn be- sagte andefthalb tzanSnarrm mit den paar Dutzend Berliner Agent« provocateur«, die fich seit Anfang dieses Jahres hier herumtreiben, Zusammenkünfte gehabt und in Nihilismus ge- macht haben, so geht uns das nichts an. Und die„Leipziger Zeitung" weiß dies ebensogut wie wir. Sie hat also mit Vor« dedacht und unter den erschwerendsten Umständen gelogen. Der Organisationsplan ist dagegen eine unleugbare That- fache. Freilich ist derselbe nur von einem kleinen Bruch- theil der Pafteigenossen ausgegangen und wegen seiner Man- gelhaftigkeit und der in ihm zu Tage tretenden Geheimbund- spielereien von den Parteiführern gemißbilligt worden— aber er hat bestanden. Das Sozialisten- Gesetz hat uns zur Um- änderung unserer alten Organisation genöthigt— und wir haben fie den Umständen gemäß modifizift. Hier so, doft so, wie die Verbältniffe es eben mit fich gebracht. An dem einen Ort ist die Organisatton mehr lose, am amderen mehr zen- ttalistisch— je nachdem. Und das wissen die Herren von der Polizei und fie dürfen es wissen, denn fie können beim besten Willen unserer Organisatton in ihrer tetzigen Gestalt nichts anhaben."— Angeklagter Bebel: Ich bemerke noch, daß der in dem Artikel erwähnte Organisationsplan von einem aus Berlin Ausgewiesenen, der sich später als Agent provocateur entpuppte, entworfen war.— Prästdent: In einem wetteren Artikel wird gesagt:„Der Organisationsplan ist deshalb nicht zur Austührung gekommen, weil bereits eine Organisation be- stand« n hat?"— Bebel: Ich habe ja bereits zugegeben, daß eine Organisation bestanden hat und auch noch besteht, die aber— ick wiederhole— nur auf persönlicher Fühlung der einzelnen Parteigenossen unter einander bafirt. Eine solche Organisation ergiebt fich, angefichts der Thatsache. daß die Partei zur Zeit deS Erlasses deS Sozialisten-Gesetzes bereits 15 Jahre bestand und angefichts des Umstandes, daß die Paftei eine ganze Anzahl Buchdruckereien ,c. besaß, von selbst. Etwas anderes kann uns nicht bewiesen werden, eine solch' große Aufmerksamkeit die Polizei unserer Paftei in ganz Deutschland auch schenke. Die anderen Dinge, die gegen uns hier ins Feld geführt wer- den, find lediglich Artikel des„Sozial-Demokrat", für die alle wir durchaus nicht einstehen können. Angeklagter Auer: Ich kann mich dm Ausführungen Bebel's nur anschließen; eine peftönliche Verbindung zwischen den einzelnen Pafteigenossen hat immer bestanden und wird auch ferner bestehm. Im Uebrigen bin ich der Vieinung, daß der in dem verlesenen Artikel erwähnte Organisationsplan fich nur auf Leipzig bezieht.- Die andern Angeklagten äußern fich in ähnlichem Sinne.- Pras.: Es ist aus dem Arttkel doch wohl nicht zu ersehen, daß der Organisationsplan fich lediglich auf Leipzig beschräuken sollte..- Der Prästdent will nun eine von dem Abg. v. Vollmar ,m Reichstag gehaltene Rede verlesen.— Rechtsanwalt Munckel widerspricht der Ver« lesung, da v. Vollmar nicht anwesend ist.— Der Gerichtshof wird später darüber Beschluß fassen.- Die meisten Ange- klagten geben zu, an dem im August 1880 auf Schloß Wyden in der Schweiz stattgefundenen Kongresse thettgmommen zu ��räfident: Geben Sie zu. Herr Bebel, daß der Zweck deS Kongresses anfänglich veftchleieft worden rst?- Bebel: Das bestreite ich ganz mtschieden. Es war allerdings die Mernung verbreitet, daß die Bauem in jener Gegend auf die Sozial- demokraten sehr erbttteit seien und daß es deshalb geboten sei, den Zweck des Kongresses zu verschleiem. Als uns jedoch nach der sogenannten Vorversammlung auf Schloß Wyden Stroh alS Nachtlager angewiesen wurde, entschloß ich mich, da mir dicS Nachtlager nicht paßte, nach dem nahcbeleaenen Dorfe Ossem zu gehen und dort die Bauern um ein Nachtlager zu ersuchen. Es schloffen fich mir mehrere Pafte, genoffen an, wir gaben uns als Sozialdemokratm zu erkennen und wurden von den Bauern sehr freundlich aufgenommen.— Präfidcnt: Es scheint, alS waren die Deleaiften auf dem Wydener Kongreß unter falschem Namen aufgetretm. Es ist u.A. eme Mitglreds- kafte auf den Warnen„Max Piccolomrm aus Erfurt" lautend vorgefunden wordm.(Heiterkeit.)— Bebel: Ich muß an- nehmen, daß hier nur ein schlechter Witz vorliegt. eS hatte Niemand Ursache, fich in Wyden einen falschen Namen bei- zulegen.- Prästdent: In einem werteren Artikel de« „Sozial-Demokrat" ist von einer Paftei- Leitung die Red«?— Bebel: Eine Pafte,- Leitung besteht allerdings in den Personen der sozialdemokratischen Reichstags-Abgemdneten — Präs.: In einem Aufruf der sozialdemokratischen Reichs- tags-Abgcordneten heißt es:„Die private Organisation kann nicht vernichtet, das geistige Band, daS unö umschlingt, nicht zerftffen wekden, es müßte denn die moderne Zivilisation auf- gehoben werd-n.— Bebel: Dieser Aftikel bestätigt doch voll- inhaltlich meine bisherigen Ausführungen. Eine private Orga- nisation von Mann zu Mann, ein geistiges Band wird immer bestehen bleiben und ist doch gewiß nicht strafbar. MU großem Vorbedacht ist der Passus angewendet worden:„eS müßte denn die moderne Zivilisation aufgehoben werden." Damit war gemeint: die modeme Produktionsweise bedingt daS Zu- fammensein vieler Arbeiter in einer Fabftk. Dadurch ist die Organisation eigentlich von selbst geschaffen, eine weitere for- melle Organisation ist aar nicht erforderlich. Wenn man aber diese private Organisation vernichten wolle, dann müsse man die modeme kapitalistische Produktionsweise überhaupt auf- beben.— Es werden hieraus noch mehrere Aftikel auS dem .Sozial-Dimokrat" verlesen, die jedoch etwas NeueS nicht zu iage fördern. Unter Anderem wird in einem Aftikel konstatirt, ernsrnW Der Gerichtshof beschließt alsdann nach längerer Be- rathung, die von Vollmar im Reichstage gehalten« n Reden zu verlesen. ES heißt in einer dieser Reden, die bei Gelegenheit der Besprechung des RechenschaftSbeftchts über den über Berlin verhängten klemm Belagerungszustand gehalten wurde:„Es ist in dem Rechenschaftsbeftcht der Regiemna gesagt:„Es ist selbst in den Bezirken, über die der kleine Belagerungszustand verhängt worden ist, nicht gelungen, die Organisatton der Sozialdemokraten zu zersprengen; ich kann dies nur vollständig bestätigen."— Auf Befragen des Präfidenten geben die An- geklagten sämmtlich zu, an dem Kopenhagener Kongreß theil- Senommen zu haben.— Präsident: Es fällt nun auf. daß das Protokoll über dm Kopenhagener Kongreß bedeutend dürftiger als das über dm Wydener Kongreß ist; es gewinnt dadurch den Anschein, als sei man in Kopenhagen mit der Ver- öffentlickung der Kongreßoerbandlungen vorstchtiger gewesen, als in Wyden?— Bebel: DaS war keineswegs der Fall; allein die Erfahrung lehrte, daß das Interesse für die Kongreß- Verhandlungen ein nicht so reges war, um die Herausgabe eineS ausführlichen Protokolls zu veranlassm.— Auf Antrag Bebel'S wird ein im] Jahre 1884 im„Sozial-Demokrat" erschienener Arttkel verlesen, in dem es u. A.. heißt: „Die Parteigenoffen sollen ihre Parteibeiträge enttichten, auf welche Weise eS ihnen am besten und leichtesten erscheint; in derselbm Weise soll auch die Verbindung zwischen den Pafteigenossen unter einander unterhalten werden."— Bebel: Dieser Aftikel bestätigt wiederum, daß eine eigentliche Organi- sation nicht bestand und daß auf den Kongressen eine Organi- sation nicht beschloffen wurde.— Es werden hierauf mehrere Etellm aus dem Wydener Kongreßprotokoll verlesen. Es heißt dabei u. A.:„Die Parteileitung konnte selbstverständlich nach Erlaß deS Sozialistengesetzes nicht gleich mit einer Neu-Orga- nisatton feftig sein."— Bebel: Ich bemerke, daß gleich nach Erlaß des Sozialistengesetzes der Pafteivorstand in Hamburg der Hamburger Behörde seine Auflösung anzeigte, daß also damit gleichzeitig die Auflösung der Organisation erfolgt war. Selbstoerständlich mußte nun die Pafteilettung die sozialdemo- kratische Reichstagsiraltion in die Hand nehmen. Zum Min- besten mußte doch eine Leitung vorhanden sein, die für die Opfer des Sozialistengesetzes Sorge ttug. Solche Opfer waren zunächst diejenigen, die auf Grund dcS über Berlin verhängten kleinen Belagerungszustandes ausgewiesen wurden; es waren dies ferner eine Reihe von Redakteuren, Expedienten, Echftst- setzern w., die durch Verbot von Zeitungm brotlos wurden.— Im Weiteren ist auf dem Wydener Kongreß der Beschluß der sozialdemckratischm Reichstags- Fraktion, den Ausschluß Haffelmann's auS der Paftei betr., diSlutirt und schließlich be« stätigt worden. Der Prästdmt bemerkt: Danach hat es doch wohl den Anschein, alt üdm die Kongresse die Oberaufficht über die Pafteilettung.— Bebel: AlS die Reichstagsfraktion dm Ausschluß Hasselmanns auS der Fraktion und damit auch aus der Paftei beschloß, da erhoben fich Stimmen, die die Ausschließung nicht billigten. Wir sahen uns deshalb ge> nöthigt, dm Beschluß der Fraktion dem Wydener Kongresse vorzulegen.— Auer: Die Ausschließung Hasselmanns erfolgte, weil er fich auf der Tribüne des Reichstages mit den russischen Nihilisten für identisch erkläfte. Es mußte doch daher der Pafteilettung frei stehen, dm Ausschluß Haffelmann's zu ver- anlassen, ein Recht, das doch jeder Partei zusteht. Es muß unS doch zustehen, Jeden, der die Paftei kompromittirt, von derselbm auszuschließen. Daß die Partei nach wie vor besteht, geben wir zu, allein das ist doch nicht strafbar, es kommt doch lediglich darauf an, ob wir geheime Verbindungen unterhalten haben.— Präs.: Diese Ihre letzten Ausführungen wären besser im Schluß- Plädoyer angebracht. Im Weiteren sagte laut Protokoll Liebknecht auf dem Wydener Kongreß:„ES wäre Wahnsinn gewesen, wenn die Abgeordneten der Paftei den Befehl zum Losschlagen gegeben hältm"; danach bat es doch den Anschein, alS wären die sozialdemokratischen Reichs- tagS-Abgeordneten mtt den weitgehmdstm Vollmachtm bettaut gewesen? Auer: Es ist nothwendig, die Ursache jener Worte Lieb- knecht's klar zu legen. Sehr balv nach Erlaß des Sozialisten- Gesetzes wurden wir von Most und seinen Anhängern der Feigheit beschuldigt. Diese und auch franzöfische Parteige. nossen sprachen eS offm auS: ES ist feige von uns gcwesm, daß wir uns die Unterdrückung unserer Paftei so ruhig haben gefallen lassen und daß die sozialdemokrattschen Reichstags- Abgeordneten nicht die Parole zum LoSschlagm gegeben haben, deshalb sah fich Liebknecht gmöthigt, eine solche Aeußerung auf dem Wydener Kongreß zu thun. Selbstverständlich spftchi dies noch nicht für eine geheime Organisation.— Es werden hierauf verschiedme Stellen auS dem Kopenhagmer Kongreß- Protokoll verlesm. Daraus ist zu entnehmen, daß auf diesem Kongresse mehrere Anträge für Bildung einer geschlossmm Parteiorganisation gestellt, dieselben jedoch sämmtlich nach län- Serer Diskussion, in welcher fie als unzulässtg bezeichnet wur- en, abgelehnt worden find.— Bebel: Es ist ja nicht zu ver- wundem, daß auf einem Kongreß, der auS den verschiedensten Elementen zusammengesetzt ist, auch die manigfaltigsten An- träge gestellt werden. Der Umstand, daß diese Anträge jedoch lebhaft bekämvst und schließlich sämmtlich abgelehnt wurden, bestätigt jedoch vollständig meine Behauptungen.— Es werden hieraus noch einige Aftikel aus dem„Sozial-Demokrat"»er- lesen, die die Parteidisziplin behandeln; alsdann tritt gegen 12'/« Uhr Mittags eine zweistündige Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung werden weitere Stellen auS dem Kopenhagener Kongreß Protokoll verlesen. Es heißt dabei u. A.: Es find bisher 56 Vertreter aus allen größeren Pafteibezirken anwesend.— Bebel: Der Ausdruck „Pafteibezirke" ist jedenfalls gewählt worden, da man die Orte nicht nennen wollte, leS hätte auch ebenso gut heißen können„Orte" oder„Wahlkreise".— Präs.: Wahlkreise und Parteibezirke deckt fich doch nicht.— Auer: Die Sache kläft fich vielleicht in der Weise auf, daß ich, wie an einer ferneren Stelle deS Kongreßprotokolls steht, auf dem Kongreß gesagt: ich habe allen Partei' Kongressen seit dem Jahre 1872 beige- wohnt und muß konftatiren, daß noch niemals auf einem Partei-Kongreß auS allen Bezirke, in denen die Paftei Anhänger hat, so vollzählig Vertreter anwesend traten, wie auf dem Kopenhagener. In dieser Weise ist wohl das Wort„Pafteibezirke" zu verstehen.— Eine weitere Verlesung bestätigt eine solche, von Auer auf dem Kopenhagener Kongreß gethane Aeußerung.— In dem Wydener Kongreßprotokoll wrrd von einem Berliner Zentral-Komitee gesprochen.— Bebel: DieS Zenttal-Komttee hatte für die Unterstützung der ausgewiesenen Parteigenossen und deren Angehöftge Sorge zu tragen.— Prafident: Wer hatte das Zenttal- Komitee gewählt? — Bebel: Jedenfalls die Berliner Pafteigenossen.— Präs.: Stand dies Zentral- Komitee mit der Parteileitung in irgend welcher Verbindung?— Bebel: Absolut nickt.— Auer: Das Berliner Polizei- Prästdium, das eine game Reihe von Partei- genossen wegen ihrer Zt-gehöftgkeit zum Zentral Komitee ausgewiesen und das doch jedenfalls zu dem gegenwärtigen Prozeß viel Matertal geliefert hat. kann über die näheren Umstände der Bildung des Zentral Komitees jedenfalls nähere Auskunst geben.— In weiteren Artikeln des„Sozial-Demolrat" wird von einem Landesausschuß der Pafteibezirke gesprochen.— Präs.: WaS hat eS mit diesem Landesausschuß für eine Be- wandtniß?— Bebel: Dieser Landesausschuß bestand für die im Auslande lebenden Deutschen, eine Verantwortung für diese Organisation lehnen wir ab.— Präs.: Es dürfte Ihnen be- könnt sein, daß in Breslau wegen Bitdung eines Landesaus. schufseS eine Bestrafung erfolgt ist?— Bebel: Gewiß, nicht nur in Breslau, auch in München ist eine solche Bestrafung erfolgt.— Auer: Ich kann hinzufügen, daß auch in Kaisers- lautern eine solche Bestrafung erfolgt ist, daß jedoch in Folge einer beim Reichsgerichte eingelegten Reviston schließlich eine Freisprechung erfolgt ist.— Bebel: Wenn LandeSausschüffek wirklich bestanden hätten, dann hätte man wohl anderes Material als Aftikel de«„Sozial-Demokrat" gegen uns in's Feld g führt.— Prästdent: Was verstehen Sie unter den in wetteren Artikeln deS„Eozial-Demokrat" erwähnten Vertrauensmännern?— Bebel: Darunter find solche ältere Partei- genossen zu verstehen, die da» Vertrauen der Pafteigenossm genießen. Die Vertrauensleute brauchen nicht gewählt zu wer- den, sondern entstehen von selbst. Sie find nothwendig zur Vorbereitung von Wahlen, zur Bestimmung für zu gehende Unterstützungen. Diese fich von selbst ergebende Organisation der Verttauensmänner ist um so nothwenbiger, da es notorisch vorgekommen ist, daß ganz besonders aus Berlin eine Anzahl Leute ausgewiesen wurden, die im Dienste der Polizei standen und die fich nur ausweisen ließen, um das Vertrauen der Polizei zu erlangen und etwaS zu erfahren. Im Uebrigen er- giebt folgende von dem aus Berlin ausgewiesenen Stadtoer- ordneten Ewald der Berliner Polizei eingereichte Anmeldung einer VeftrauenSmänner-Versammlung, daß eine solche nichts weniger als geheimen Charakters ist, sondern unter den Augen der Polizei abgehalten wird.— Der Prästdent ver- lieft die von Bebel überreichte polizeiliche VersammlungS-An- Meldung Ewald'S. Präsident: Wieso entstanden die ständigen Vertrauens- leute?— Bebel: Es ist doch sehr erklärlich, daß z.B. in einer Stadt, wie Chemnitz, nach Erlaß deS Sozialisten-Gesetzes eine Anzahl Vertrauensmänner ständig funkttoniren. Derartiges wäre allerdings unmöglich gewesen, wenn die Paftei erst nach Erlaß deS Sozialisten-Gesetzes in's Leben getreten wäre. Das Sozialisten-Gesetz hat nämlich den Fehler, daß es 15 Jahre zu spät gekommen ist.— Auer: Ich wohne jetzt fünf Jahre in Schwerin, es ist doch selbstverständlich, daß, wenn Jemand über Schweriner Parteiverhältnisse etwaS wissen will, fich an mich wendet, da doch jedem Genossen bekannt ist, daß ich ihm darüber die beste Auskunft geben kann. Ich hin somit, wie von selbst, der ständige Vertrauensmann der Partei. Aehnlich werden die Verhältnisse in allen anderen Orten liegen. Dies ist aber doch keine geheime Organisation, um die allein es fich hier handeln kann. Die Partei besteht nach wie vor, fie be- steht auS bundefttausenden von Männern, die vielfach aus- schlagpebend bei den Wahlen find, hat ihre offizielle Vertretung im Reichstage, das ist Jedermann bekannt. Die Paftei als solche ist nicht verboten, sondern doch lediglich ihre Organisation. Das Vorbandensein von Vertrauensmännern beweist aber, wie bereits des Näheren ausgeführt, noch keineswegs das Vorhandensein irgend einer Organisation.— Präs.: Weitere Artikel des „Sozialdemokrat" konftatiren, daß die Partei Beamte habe.— Bebel weist nach, daß der betreffende Aftikel sich auf die Zett vor dem Sozialistengesetz bezieht.— Aus einem wetteren Ar- tikel des„Sozialdemokrat" geht hervor» daß vor einiger Zeit eine sächstsche Landesversammlung der Sozialdemokraten statt- gefunden hat.— Bebel: Diese Versammlung hat, so viel ich weiß, stattgefunden, ich weiß nur nicht, was fie mit der gegen- wältigen Anklage zu thun hat. Es könnte fich hierbei doch lediglich um eine Verlctzumj des sächfischen Veieinsgcsetzes handeln.— Präs.: Diese Versammlung beweift doch aber, daß unter den verschiedmen Sozialdemokraten ein gewisser Zu« sammenhang bestebt?— Bebel: Allerdings besteht ein solcher Zusammenhang. Würde er nicht bestehen, dann würden wir ihn schaffen. DieS beweist aber noch keineswegs die Unter- Haltung einer geheimen Verbindung. Es würde mir z. B. ein Leichtes sein, morgen Abend hier in Chemnitz eine Ver- sammlung von 3000 Personen zu Stande zu bftnaen und zwar ohne die genngste Zeiwngs- Annonze und ohne daß die geringste Organisation besteht. Ich brauche dlos die Absicht laut werden lassen, morgen Abend in einer Versammlung zu sprechen und wie ein Lauf« feuer würde fich diese Kunde durch alle Fabriken verbreiten. (Heiterkeit im Auditortum.)— Präs.: Ich fordere daS Publi- tum auf, fich ruhig zu verhalten; ich werde im WiedcrholungS« falle die Schuldigen feststellen und wenn dies nicht gelingen sollte, die Tftbünen räumen lassen. Der GeftchtSsaal ist kein Ort, wo fich Mißfalls« oder Beifallsbezeugungen ge« ziemen. Wettere im„Sozial-Demokrat" erschienene Artikel sprechen von VerttauenSmänner-Konferenzen. Der Angeklagte Ulrich be- merkt: Er sei selbst Mitglied der in Hessen regelmäßig statt- findenden VerttauenSmänner-Konferenzen, die stets unter den Augen der Polizei stattfinden. In diesen Konferenzen werden last ausschließlich Wahlangelegenhetten besprochen.— Der Prä- fident konstatirt, daß die Partei einen UnterstützungSfonds und einen Flugschftftensonds habe.— Auer: Das ist ftchtig, aber jedenfalls nicht strafbar. Wir quittiren stets über alle Fonds öffentlich. So erhielten wir eine« Tages ,on einem nicht zu unserer Partei gehörigen Reichs- tags-Abgeordneten 3000 Mark, die von Abgeordneten der verschiedensten Parteien behufs Unterstützung der Opfer deS Sozialistengesetzes gesammelt worden waren. Der Abgeordnete Laster hat fich z. B. ganz unendlich für derartige Unterstützun« gen intereffift.— Präsident: Des Weiteren ist in dem Wyde» ner Kongreß-Protokoll von Pafteisteuem die Rede.— Auer: Wir leugnen nicht, daß wir Pafteisteuem gesammell, allein be- stimmte Steuern nach festen Normen haben wir nicht erhoben und konnten fie nicht erheben. Es find allerdings auf dem Wydener Kongresse derartige Anträge gestellt worden, die, nach- dem die Organisation aufgelöst, die Druckereien geschloffen u. s. w., sehr erklärlich waren. Allein ganz besonders waren es Bebel und ich, die diese Anträge bekämpften, weil wir wußten, daß fie der Paftei Ungelegenheiten bereiten könnten. Die Anttäge wurden auch sämmtlich abgelehnt.— Im Weitcrerr stellt Bebel in Abrede, daß die Schweizer Vereinsbuchdruckerei und Buchhandlung, in welch' elfterer der„Sozialdemokrat" gedmckt wird, Eigenthum der sozialdemokratischen Paftei Deutschlands ist.— Auf weitere« Befragen deS Prästdenten giebt Bebel zu, daß der„Sozialdemokrat" daS offizielle Organ der sozialdemokratt- schen Partei Deutschlands ist, er konstatirt jedoch aus einer von den sozialdemokratischen Reichstags- Abgeordneten an die Redattton deS„Sozialdemokrat" erlassenen Erklärung, betteffend das Verhalten der sozialdemokratischen Abgeordneten bei der Abstimmung über die Dampfersubvention rm Reichstage, daß über den Einfluß der Parteileitung auf die Haltung de« „Sozialdemokrat" innerhalb der Reichslagsfraklion sowohl, alS auch innerhalb der einzelnen Parteigenoffen große Meinung«- Verschiedenheiten bestehen und daß die Parteileitung nicht für den Gesammtinbalt des„Sozialdemokrat" verantwortlich ae« macht werden kann.— Hier wird die Sitzung gegen 7 Uhr Abends auf Dienstag Vormittag 9 Uhr vertagt. Briefkasten der Redaktion. G. M. 122. Nein. R.®. 1. Die Versammlungen müssen angemeldet werden. O. W., Skalttzerstr. Nur dai, waS Sie vor dem Richter aussagen, ist maßgebend. Fiedler. Pnnzenstraße 93 im Restaurant. W. Sch. Im indischen Ozean. H. N., Hollmannstraße. DaS ist nicmctfz geschehen. W. H., DreSdnerstr. /7. 37 Kilometer. ?. D., Restanratenr. Dafür existiren keine bestimmten Zettungen. E. M., Metzerstr. Z. DaS 7. Brandenburgische Jnfan« tefteregiment Nr. 60 liegt in Weißenburg und Bitsch und ge- hört zum 15. Armeekorps. W. L., Belle-Alltaneeftr. Sie haben keine Alimente zu bezahlen. F. T., Barntmstr. Aus Ihrer Anftage kann man nicht klug werden. Verantwortlicher Redakteur«. Ttontzrt« in Berit». Druck und Verlag von Hat Babing in Berlin 8W„ Bcuthstrafe 8. Hierzu eine»eil«««. T Beilage zum Berliner Bolksblatt. Ur. SS8. Mittwoch, W# 80. September 1883. II. Jahrg. Politische Uelrerstcht. Die Artsts in den Kalkanländern. Das Stewchcn, welches in den Balkanländern ins Rollen gekommen ist, nimmt immer größere Dimenfionen an. Serbien und Griechenland rüsten und auch der Fürst von Montenegro läßt in seinem Duodezstaate Lärm schlagen. Aus Athen wird berichtet: Zwei Klaffen von Reservisten, etwa 5000 Mann, find zur Fahne einberufen worden. Auf Anordnung der Regierung werden mehrere Regimenter In- fanterie, Kavallerie und Artillerie, im Ganzen 17 000 Mann, an verschiedenen Punkten in Thessalien konzentrirt. Die jüng. sten Vorgänge in Ostrumelien haben im ganzen Lande ein Ge- fühl der Empfindlichkeit und Entrüstung erzeugt. Aus Prizrmd meldet man eine allgemeine Erhebung A l- b a n i e n s, welche? größtentheils von Truppen entblößt ist. Die serbische Regierung hat den Anlauf und die Requisition von Pferden angeordnet. Die Polizei hat den wehrpflichtigen Serben verboten, fich über die Grenzen bei Landes hinaus zu entfemen, und gleichzeitig die zwangsweise Einreih ung fremder Unierthanen begonnen. Ter„N. Fr. Pr." zufolge pasflrcn russische Offi- ziere in Zivilktcidern Ecmlin, um nach Bulgarien abzugehen-— Wie die„Schles. Ztg." wissen will, werden in nächster Zeit von Petersburg aus russische Offiziere und Mann- schaften nach Montenegro abgehen, um dort als Jnstruk- ioren für das neu zu bildende stehende Herr zu dienen. An der Spitze jener Jnstruktoren wird ein Kapitän der rusfischen Garde-Jnfanterie stehen, unter dessen Leitung die Stammtruppen für das stehende Heer geschult werden sollen. Die russischen Offiziere und Mannschaften werden während ihrer, vorläufig auf ein Jahr bemessenen Anwesenheit in Montmegro einen sehr hohen Sold beziehen. In Sofia(Hauptstadt von Bulgarien) ist die Sabranje (Volksvertretung) am 23. September zusammengetreten und auch am selben Tage wieder geschlossen worden. Sie ertheilte dem Fürstcn Alexander unbedingte Vollmachten, verfügte Ver- hängung des Belagerungszustandes und Suspension des Preß- gesetzes, bewilligte 5 Millionen Franks zur unbedingten Dis< Position des Fürsten und überdies 10 Millionen als Reservefonds.— Alle bulgarischen Beamten find in die Miliz eingereiht, in Abwesenhest der Armee die Ordnung zu erhalten um............. L Ueberall haben sich Damm-Komitees gebildet, um die Ambu lanzen zu unterstützen. Von Philippopel gehen fortwährend Expreßzüge mit Truppen an die Grenze ab, wo fich Baschi-Bozuks in Menge zeigen. In Rumelien herrscht Waffenmangel. Ein großer, von Rußland kommender Patronentranspott für Bulgarien wurde in Rmi aufge- halten. Aus Sofia wird unterm 25. September telegraphisch ge- meldet:„Das bereits signalifitte bulgarische Rundschreiben an die Mächte besagt, der Fürst habe es in Folge der vollzogenen Thatsachen für seine heilige Pflicht gehalten, den Wünschen der Rumelier nachzugeben. DaS Rundschreiben erinnert an die Depesche des Fürsten, in welcher er fich für die Ruhe des Landes und die Sicherheit aller seiner Bewohner verbürge, und an das einstimmige Votum der Kammer, sowie an deren Wunsch, daß die Mächte bei dem Sultan sich für die An«. kennung d« Union verwenden möchten. Die europäischen Re- gierungen möchten ihre Stimmen erheben, um einem Konflikt vorzubeugen, denn die türkische Armee könne jeden Augenblick eine Angriffsbewegung machen."— Dem Battenberger scheint doch etwas schwül zu werden bei der Sache, allem Anschein nach dürste auch für ihn nicht Alle? so glatt verlaufen. Die T ü r k e t hat bekanntlich an die Konf«enz. Mächte (welche auf der Berliner Konferenz vettreten waren) ein Schreiben gerichtet, in welchem fie gegen das Verfahren des Fürsten von Bulgarien p r o t e st i r t. In Folge dessen wird in Konstantinopel eine Konferenz sämmtlicher Botschafter dieser Mächte stattfinden, welche wahrscheinlich das Ergedniß haben wird, daß man der Türkei das ihr laut Berlin« Vertrag zustehende Recht der Oderherrschast üb« Osttumelien auf's Neue bestätigt.— Inzwischen hat in Konstantinopel eine Minist«. krifis stattgefunden, ein neues Ministerium hat das bestehende verdrängt. Ali Said Pascha wurde zum KriegSminist« ernannt und bleibt zugleich Großmeister d« Attillerre. D« bisherige türkische Botschafter in Berlin, Said Pascha, ist zum Minister des Aeußern ernannt worden und wird somit Leiter des neuen Ministeriums sein. Dasselbe hat bereits eine Sitzung gehalten, in welcher der kritische Stand d« Angelegenheiten Gegenstand der Erötterung bildete. Fast allgemein wird an. genommen, daß das neue Kabinet eine versöhnliche Politik ein- schlagen werde, und zwar in dem Sinne, daß es in Ueberein« slimmung mit den Mächten handeln w«de. DaS neue Kabinet mattet die Rathschläge der Mächte ab, trifft aber fottgesetzt Vorbereitungen für dm Fall, daß eine Aktion nothwendig werden sollte, und sollen die Reservm in den europäischen Pro- vinzm einberustn werden. Leicht wird es dem türktschm Kabinet nicht werden, den von allen Seiten b«andrängenden Feinden der Türkei Wider- stand zu leisten. Jeder möchte gern ein Stück Land und auch gleich das größte erhaschen. Dabei giebt es auch noch im mnern des Landes an verschiedenen Puntten Kämpfe. So ist es zwischen den türkischen Truppm und den Albanesen zu einem blutigen Kampfe gekommen, wobei auf Seiten der Türken 100, von den Alvanesen aber gegen 1000 Mann gefallen find. Die letzterm haben fich den türkischen Führern nunmehr unterworfm. Die Makedoni« wollen auch nichts von d« türkischen Herrschaft wissen. Ein Telegramm aus Sofia meldet, daß 200 bewassnete Makedoni« dort einttafen, welche sofort von d« Grenze weg nach Osttumelien dirigitt wurden. Sie kommen den Bulgaren recht gelegm. — Aus London wird telegraphitt: Die Großmächte haben auf Vorfchlag Frankreichs Griechenland eine ruhigere Haltung empfohlen. Ein ähnlicher Schritt steht bezüglich anderer Balkanrcgierungen bevor.,_, Fürst Alexander reist im Lande umher und laßt sich— wie der Telegraph pflichtschuldigst mittheilt— von der Bevölkerung huldigen. Er soll fich dahin ausgesprochen haben, daß von bulgarischer Seite nicht der„erste Schuß" fallen werde. Als ob« das v«hüten könnte! Hinterher will steilich Nie« mand das Karnickel gewesen sein. Wäre die Türkei nicht noch von anderen Seiten in Anspruch genommen und lägen die Verhältnisse am Bosporus nicht gar zu sehr im Argen, so wäre nicht nur der erste Schuß schon gefallen, sondern Hun- dette und Tausende würden derettS mit ihrem Blute die Feld« gedüngt haben. Vorläufig wird nun»war die Diplo- matte die Angelegenheit zu ordnen suchen, statt der Flinten und Säbeln werden die Federn in Bewegung gesetzt werden, das Jntriguenspiel wird deginnen. Ob damit ab« die buk- garische Frage zur Lösung gebracht w«den kann? Schwerlich! enthalt innerhalb dieser Bezirke auch fernnhin untersagi ist. Ausgenommen hi«oon find nur diejenigen Personen, welchen der Aufenthalt in den erwähnten Kreisen durch besond«e Ver- fügungen ohne Vorbehalt wieder gestattet ist. Der Reichsanzeiger publizirt folgende Verordnung, die Ausführung des Gesetzes über die Ausdehnung der Unfall- und Kiankenverfickerung vom 28. Mai 1885 betrcnend, vom 22. September 1885. Zur Ausführung von§ 1, Ziffer 1 des Gesetzes-über die Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung vom 28. Mai 1885(Reichs-Gesetzblatt Seite 159) in Verbindung mit§ 109 Absatz 1 drs Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 zReichs-Gesetzblatt Seite 69) wird im Anschlüsse an die Verordnung vom 19. Juli 1884(Gesetz- und Verordnungsblatt Seite 198) bestimmt, daß für die innerhalb des königlich sächsischen Staatsgebietes gelegenen Strecken der Zittau-Reichenberger, der Gaschwitz Meuselwitz« und der Ober- Hohndorf- Reinsdorf« Privateisenbahn die den höheren Verwaltungsbehörden zugewiesenen Verrichtungen der General- Direktion der Staatseisenbahnen und die Verrichtungen der unteren Verwaltungsbehörden, welchen auch die Funktionen der Orts-Polizeibehörden in Betreff der in Rede stehenden Privatbahnbetriebe auf Grund des§ 109 des Unfallverfiche- rungsgesetzes vom 6. Juli 1884 obliegen sollen, für die betreffenden Strecken bei der Zittau-Reichenberger Privatbahn der Betriebs-Ober Inspektion Dresden, Neustadt l(Schlestscher Bahnbof), bei der Gaschwitz-Meuselwitzer Privatbahn der Be- triebs-Ober-Jnspektion Leipzig I(Bayerischer Bahnhof) und bei der Oberhohndorf-Reinsdorfer Privatbahn der Betriebs-Ober- Inspektion Zwickau übertragen werden. Dresden, am 22. September 1885. Ministerium deS Innern. Kommunales. Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung am Donnerstag, den 1. Ottober cr., Nachmittags 5 Uhr. Vorlagen, betr. Penstonirungen und An- stellungen— Berichterstattung des Ausschuffes für Rechnunas- fachen— desgl. über die Vorlage, bett. die Verrechnung V« für dienstunfähige Feuerwehrbeamte an Stelle der Pension bewilligten Beträge— Vorlage, betr. die Errichtung einer neuen Beamtenstelle und einer neuen Dienerstelle bei der Spar- lasse, sowie die Einstellung eines zweiten Wagens bei derselben zur Vermittclung deS Verkehrs mit den Annahmestellen— desgl., betr. den Verkauf der Baulichkeiten auf dem zur Frei- legung der Uorkstraße erworbenen Terrain des Grundstücks Möckernstraße 92/93 zum Abbruch— desgl., betr. die Er- Werbung des von dem Grundstücke Wallstraße 32/33 zur Straße freigelegten Terrains— desgl., betr. die bei der Haupt- Stiftungskasse vorgekommenen Unterschlagungen— desgl., betr. die bei der Bcraihung des Etats der sächlichen Kosten der Ottspolizei-Verwaltung pro 1885/86 gefaßten Resolutionen— desgl., bett. die Schließung der öffentlichen Wochenmärkte— desgl., betr. die fltotatenbeantwortung zum Finalabschluß des Zentral Viehmarttes, des Zenttal-Scklachthofes und der Fleisch- schau pro 1. April 1883/84— eine Rechnung— Vorlage, betr. eine UnteFtützungssache— desgl., betr. den Ablauf der Wahlperiode der Zwil- Mitglieder der beiden Ersatz Kam- misstonen._ Zokales. lieber Arbeitslöhne und Materialienpreise vor hun- dettunddreißig Jahren geben die zum Bau deS neuen Hoch- gerichts an dem heutigen Garlenplatz eingneichlen Rechnungen interessante Aufschlüsse. Durch königliche Kabinett ordre vom 27. Mai 1752, so berichtet die die„Staatsb�Ztg.", wurde dem Magistrat anbefohlen, das alte Hochgericht auf dem Neuen Martte abbrechen und ein neues vor dem Hamburger und Rosentbaler Thor errichten zu lassen. Der Abbruch und Neubau kostete 1196 Thlr. 16 Gr.(der Thal« ist immer 24 gute Gro- schen gerechnet), durch Verkauf von alten Materialien wurden 462 Thlr. 28 Gr. 10 Pf. gelöst, zu den baren Ausgaben gab die kunnärkische Renteikasse 326 Thlr. 21 Gr. 10 Pf. Was nun die bezahlten Arbeitslöhne betrifft, so erhielt ein Maurer- polier täglich 13 Gr., ein Maurer 11 Gr., ein Handlanger 5'/, Gr., ein Zimmermeister 1 Thlr, 1 Zimmerpolier 13 Gr., 1 Zimmergeselle 11 Gr. Die Steinmetze berechneten für den Meister 1 Thlr., für den Gesellen 18 Gr., doch wurde für den- selben nur 14 Gr. bewilligt. Die Huf- und Waffenschmiede forderten für den Meister 1 Thlr. 8 Gr., für den Gesellen 1 Thlr., doch wurden nur 1 Thlr-, resp. 16 Gr. bewilligt. Ein gewöhnlich« Tagelöhner erhielt 6 Gr., der Nachtwächter beim Bau 5 Gr., der Stadtwachtmeister für Uederbringung deS täglichen Rappottes 6 Gr. Eine bedeutende Reduktion mußte fich der Steinmetzmeister gefallen lassen. Derselbe liqui- ditte 147 Thtr. 4 Gr.,«hielt jedoch nur 99 Thlr.: die Her- stellung des sogenannten„Rabensteines" kostete belspielsweise 27 Thlr. 16 Gr. Was die Prrise der Materialien betrifft, so erfahren wir, daß 1 Wispel Kalk 16 Gr., 1 Scheffel Gips 16 Gr., 1 Pfd. Blei 1'/« Gr., 1 Pfd. neues Kupfer 8 Gr. 9 Pf., 1 Pfd. altes Kupfer 6 Gr. kostete. Altes Eisen wird das Pfund mit 7 Pf. berechnet, 1 Schock kienene Tischlerbretter kostet 20 Thr., der laufende Fuß Kreuzholz 6 Gr.. ganzes Holz 1 Gr. 3 Pf. Während die Anstricharbeit mit 38 Thlr. hoch berechnet erscheint, find die Kosten für Anlage eines Brunnens sehr gering. Einen solchen mit 8 Fuß Waffettiefe herzustellen lostet alles in allem 20 Thlr 23 Gr, gewiß auch für damalige Verhält« nisse ein bescheidener Preis, denn man kann unbedenklich annehmen, daß der Werth des Geldes, das heißt seine Kaufkraft, vor 130 Jahren dreimal größer war als heute. Da nun grade vom Hochgericht die Rede ist, wollen wir noch einer kleinen Kosten« recknung für Justifizirung zweier armen Sünder gedenken. Die- selbe lautet nach dem Orginal:„Waß mir ist ausgezahlet wor- den von des Herrn Hoch Edlen Magistratli an Excncion Gebühr, die Frau mit dem Schwette von Leben zum Tode ge- bracht 16 Gr., den Leib auf den Rade und den Kopf auf den Pfahl 16 Gr., vor den Nagel zum Kopf und Strick 16 Gr., Vor den Kerll auf den Kann die Etad um zu fahren 16 Gr., vor aufzuhängen 16 Gr. Eine Kette umb den Leib und umd den Halß 12 Gr. den 19. December 1747. Wittwe Weidmannin. Scharff Richtem. w. Der Pferdewurstfabrikant Grätzeweit aus Rix. dorf, welch« in den ersten Tagen der v«gangenen Woche ver« haftet wurde, ist am Donnerstag aus d« Untersuchungshaft mied« entlassen worden. hg. Die Berliner Sängerschaft hatte am Sonntag unter Leitung ihres Dirigenten Herrn Edwin Schultz, im Konzetthause einen„Liederabend" veranstaltet, welch« recht glänzend oerlief. Die Berliner Sängerschaft ist eine Ver« einigung von fünf Männeraesangvereinen, von denen der aus 50 Mitgliedern bestehende Gesangverein des großen Berliner HandwerkervereinS den Kem bildet. Der aus 120 Sängern bestehende Chor sang die gewähtten Lieder, bis auf kleine Schwankungen in der Intonation, recht brav. Die Aussprache war durchweg musterhaft; es ist dies ganz besonders zu be- wundem, da, wie man uns mittheilte, nur sechs Gesammt« proben stattgefunden hatten. Was würde diese Vereinigung als ein Verein leisten, wenn derselbe jede Woche unter Schultz' bewährter Leitung übte!? Schade, daß uns«e Herren Sang« noch imm« nicht einsehen können, daß nur ein großer Verein „Großes" leisten kann und alle kleinen Vereine Stück- werk find- Von den Chören nennen wir als be« fondeis gelungen:„An das Vaterland" von Kreutzer; „Hnbstlied" von Dürmn;„Roth Röselein" von Edwin Schultz, „Untreue" von Silcher und als die vollendeste Leistung:„Lied der Deutschen in Lion" von Mendelssohn. Unterstützt wurden die Konzertgeber durch die Sängerin Frl. H. Liebert und den Kgl. Kammermustker Herrn Felix M Reviers gebracht._ Gerichts-Deitung. Prozeß Zweiter Tag. Vorsttzend« Landgerichtsdirektor Müller eröffnet die Sitzung um 9'/, Uhr. Die Phystognomie des Saales ist die« selbe, wie am ersten Tage. Nachdem gestern das Jnquifitorium beendet worden, beginnt nunmehr die Zeugenvernehmung. Um dm Geschworenen klar zu legen, auf ivelche Punkte der Be» weiserhebung dieselben ihr Hauptaugenmerk zu richten haben, erläutert der Vorfitzende nochmals die vier Punkte der An- klage, welche fich gegen Graes und diejenigen, welche sich gegen die übrigen Angeklagten richten. Graes ist bekanntlich auch beschuldigt, in dem gegen die Frau Hammermann gerichteten Prozeß wegen Erpressung, am 6. Juni 1884, einen Meineid «eleistet zu haben. Der Erpressungsv«such war gegm den !rof. Kretzschmer und gegen Prof. Graes unternommen und letzterer hat in dem Hauptverhandlungs- Termin ebenso, wie Prof. Kretzschm«, beschworen, daß er mit dem als Modell dienenden Mädchen Helene Hammermann keine unzüchtigen Handlungm begangen bade. Auf diese Vorgänge allein be» zieht fich zunächst die Beweisaufnahme, so daß die drei weih- lichen Angeklagten heute vorläufig außer Debatte stehen. Nach Feststellung der aktenmäßigen Vorgänge wird auf Antrag des Justizrath Eimson die damals gegen Frau Hammermann und ihren Beirath, den Volksanwatt Krischen, gerichtete Anklage verlesen, welche damals viele Gründe aufführte, aus welchen die von der kleinen Hammcrmann und ihrer Mutter gegen Prof. Graes nhobene Beschuldigung als vollständig unglaub- würdig erscheinen müsse. Aus den Akten geht ferner hervor, daß Frau tzammermann damals eine unbescholtene Person war, während Krischen bereits eine Vorstrafe von 9 Monaten Ge- fängniß wegen Unterschlagung erlitten hatte. Erster Zeuge ist Landgerichtsdirektor Bachmann, welcher s. Z. bei der münd- lichen Verhandlung gegen Hammermann den Vorsitz geführt hatte.— Aus der Darstellung desselben geht hervor, daß in jener Verhandlung die Helene Hammermann trotz ihrer Konfrontatton mit den Professoren Graes und Kretzschmer dabei geblieben war, daß beide Herren fie unzüchtig berührt haben.— Nach der Erinnerung deS Zeugen hatte damals der Vertheidig« die irrthümliche Behauptung aufgestellt, daß zwischen Graes und der Anna Rother ein ganz intimes Verhaltniß, welches zu Reisen, zahl- reichen Geldspenden ,c. geführt, destanden habe. Als der Jrithum in der P«son konstatirt worden war, hat Zeuge den Angeklagten Graes gefragt:„Hat zwischen Ihnen und d« Bertha Rother ein derartiges Verhältniß bestanden?" worauf Graes auch diese Frage verneint und nachher seine Aussage beschworen hat. Die Feststellung des Wortlautes der kritischen Frage macht einige Schwierigkeiten. Die Möglichkeit, daß die- selbe gelautet hat:„Besteht ein solches Verhältniß rc.?" ver- neint der Zeuge und betont, daß Graes über die Bedeutung der Frage gar keinen Zweifel haben konnte, da er im Saale 4, �----------- r""" wieder, daß bei den Erörterungen über da»„Vnhaltmß' mit d« Anna Rother zweifellos von einem Verhältniß die Rede gewesen, bei welchem Ehebruch im Spiele stand; er habe des- halb mit gutem Gewissen ein derartiges Äerhaltnrß ablehnen müssen.- R-A. Kleinholz: Erinnert fich der Zeuge, daß d« Angeklagte Graes bei derz Verneinung jener Frage aus- '........ rgesetzt habe, daß er die Familie Rother aller. reichlichen Geldmitteln unterstützt habe.- mir doch die Behauptung des Angeklagten zu daß er nur ein Verhältniß ablehnen wollte, es fich um Ehebruch handelte.— Angekl. Graes: drücklich, dings mit Das scheint unt«stützen, bei welchem i Ich bleibe dabei, daß die an mich gerichtete Frage ander? gelautet hat. Ich bin damals überhaupt zum ersten Mal in meinem Leben vor Gericht gewesen und habe den Inhalt jener Frage entschieden nur in dem Sinne aufgefaßt, wie ich angegeben habe.— Justizrath Simson: Ich bitte den Zeugen, daß er sich über den Eindruck äußern möge, welchen die Helene Hammernrann ans ihn gemacht hat?— Landgerichts- Direltor Bachmann: Ick dächte, wir sind hier, um uns über Thatsachen auszulassen, nicht aber über Eindrücke.— Justizrath Simson: Es bandelt sich hier auch über eine Tbatsache. Sie haben Ihren Eindruck dem Erkenntnisse einverleibt und insofern handelt es sich um eine Thalsache. Ich muß daher darauf bestehen, daß Sie hier bekunden, welchen Eindruck das Mädchen auf fie gemacht hat. Bitte, antworten Sie, Herr Zeuge.— Landgerichls Dtrek: or Bachmann: Ich bin schließlich auch bereit dazu und erkläre also, daß der Eindruck des Mäd> chens kein günstiger war.— Juslizrath Simson: Damit bin ich vollkomme« defriedigt.— Kammergerichtsrath Kandelhardt, welcher s. Z. das Erkenntniß gegen die Hammermann verfaßt hat, kann fich der einzelnen Worte bei der kritischen Frage- stellung nickt mehr erinnern, glaubt, daß die Frage nicht rm Präsens, sondern im Pcrfektum gehalten war, und erinnert fich, daß Graes allerdings zugegeben, daß er aus Mitleid und wegen der Dürftigkeit der Verhältnisse, in denen die Familie Rother lebte, dieselbe unterstützt habe. Die Helene Hammermann hat auf den Zeugen einen sehr ur glaubwürdigen Eindruck gemacht. Auch der Landrichter Dietz weiß fich mit pofitiver Bestimmtheit der einzelnen Worte nicht mehr zu erinnern, doch hat auch auf ihn die Helene H. den Eindruck gemacht, als ob ihre Be- schuldigungen eingelernt waren.— Referendar Berg hat nur den allgemeinen Eindruck, daß Prof. Graes sein Lerhältniß zur Bertha Rother als ein unschuldiges bezeichnet hat.— Hieran schließt fich die Verlesung der Erkenntnißgründe in dem Prozesse gegen Frau Hammermann. Helene Hammer- mann, ein nicht unschönes, jetzt noch nicht 16 jähriges Mädchen gehört einer ganzen Modellsteh- Familie an. Ihr Vater steht Modell, die Schwester ihrer Mutter be« schäftigt fich gleichfalls damit und Helene ist auf des letzteren Empfehlung mit kaum 12 Jahren ebenfalls als Modell zu den verschiedensten Künstlern gekommen, zuerst zu Prof. Thumann und dann auch zu Prof. Graes. Sie macht den Eindruck eines sehr geweckten Mädchens und ihre Bekundungen find sehr prompt und bestimmt. Auf die nachdrückliche Ermahnung des Vorfltzcnden zur Wahrheit verfichert fie, daß ihre Eltern ihr keinerlei Instruktion ertheilt haben. Sie bleibt bei ihren Beschuldigungen gegen Graes und behauptet, daß Sie bei dem behaupteten Attentat desselben im Atelier geschrien habe; Personen, welche unmittelbar neben dem Atelier waren, scheinen jedoch von einem solchen Schrei nichts gehört zu haben.— Präs.: Sie haben zwei Briefe an Prof. Graes geschrieben, in welchem Sie ihm Vorwürfe machen. Haben Sie diese Briefe aus eigenem Antriebe geschrieben?— Zeugin: Gewiß.— Präs.: Run so selbstverständlich ist dies doch von einem so jungen Mädchen nicht.— Zeugin: Es ließ mir keine Ruhe. — Präs.: Wie kommt es denn aber, daß Sie später eine Er- klärung geschrieben haben, wonach alle Ihre Entschuldigungen erfunden waren.— Zeugin: Das habe ich auf Befehl meines Vaters gethan. Derselbe kam einmal mitten in der Nacht, weckte mich und sagte: Helene, Du mußt aufstehen, es muß jetzt etwas unternommen werden! Dann hat mir mein Vater jene Erklärung vorgelegt. Ick habe zuerst gesagt, daß dies ja nicht die Wahrheit ser, nachher habe ich aber die Erklärung abgeschrieben, weil ich dachte, meine Mutter würde gerettet weiden.— Präsident; Da ist noch eine Erklärung eineS Fräulein Lehmann. Hat dieselbe auch auf Geheiß Ihres Vaters t eschrieben?— Zeugin: Ich glaube, daß fie auch meinem tater diesen Gefallen gethan hat-— Der Angeklagte Graes erklärt diese ganze Darstellung, zu welcher übrigens zu be- merken ist, daß nach dem in dem Lzammermann'fchen Erkennt- niß enthaltenen Gutachten der Sachverständigen dieselbe schon phystsche Unmöglichkeiten enthält, für absolut unwahr.— Auf Wunsch des Staatsanwalts tritt Prof. Graes aus den Schranken und das Mädchen wiederholt ihm ihre Beschuldigungen noch- mrls ins Geficht und meint:„Was ich im Atelier erlebe, das weiß ich ganz genau." Auch bei ihren Beschuldigungen gegen- über dem Pros. Kretschmer bleibt fie stehen, andere Künstler dagegen hätten fich nie in dieser Weise an ihr vergangen. — Die Aussagen der Mutter des Mädchens, Frau Hammer- mann, lauten begreiflicher Weise sehr belastend für den Ange- klagten Graes. Sie behauptet, daß, als ihr das Mädchen wernend ihr Abenteuer im Gwef'schen Atelier erzählt habe, fie den Angeklagten Graes aufgesucht und ihm Vorwürfe gemacht habe. Sie habe ihm erzählt, daß fie schon gegen einen an- deren Professor eine Denunziation erlassen habe; der Ange- klagte Habe fich so gut wie möglich entschuldigt, fie gebeten. ihn nur nicht zu blamiren und ihr für ihr Schweigen 10 Mk. geboten. Sie sei nicht zu Graes gekommen, um von demselben Geld zu erpressen.- Dem gegenüber bleibt Prof. Graes dabei, daß die Frau an ihn das Verlangen nach 1000 Mark gestellt habe. Er sei zuerst sehr grob gewesen und habe der Frau, um sie endlich los zu werden, schließlich 10 M. gegeben, welche als Honorar für die Tochter betrachtet werden sollten.— Der Vater Wilhelm Hammermann ist ein äußerst lebhafter Mann. Er ist, wie er angicbt, früher Dachdeckermeister gc- wesen, hat aber Unglück gehabt und dann in Fürth mit einem Verwandten, welcher Zauberkünstler war, eine Schaubude de- trieben. Er bat aber dabei keine Wolle gesponnen und fiedelte deshalb nach Berlin über, um fich hier als Modellsteher zu ernähren.— Präs.: Wie find Sie denn aus diesen Berufs- zweig gekommen?- Zeuge: Na, das lag so in unserer Fa- tmlie. Man hatte auch mir schon immer gesagt, daß ich mich gut zum Modell eignen würde und da ich einen kraftigen Körperbau habe, so habe ich es mit diesem Geschäft versucht und habe auch darin Glück gehabt, denn ich bin eins der de- schäftigsten Modelle.- Präs.: Jetzt auch � noch?- Zeuge: Erst seit der Verhaftung Graef's rst vre Nachfrage nach mir seiiens der Künstler geringer geworden, nach der Verurtbeilung meiner Frau aber war ich noch sehr beschäftigt.- Präfident: Sie haben also ein ganz gutes Geschäft gemacht?- Zeuge: Ich habe ein sehr schönes Geld verdient.- Präs.: Und da haben Sre gedacht, daß auck Ihre Tochter damit Geld verdienen könnte?- Zeuge: Tücht fiiv unanständig gehalten und das kann ich Ihnen sa�en, daß in unserer Familie kein unzüchtiges Wort gesprochen wrrd. — Präs.: Nun, das ist sehr löblich, im Gegensatz dazu be. haupten nun aber einige Leute, daß Ihre Krnder gewisser- maßen an den Anblick des Nackten gewöhnt worden seien.- Zeuge: I behüte!- Präs.: Es wird behauptet, daß m Ihrer Wohmmg ein nacktes männliches Modell zu Jedermanns An- ficht gestanden habe.— Zeuge: Das war ja mernc eigene Ge- stalt. welche von einem Künstler modcllirt worden war.— Pias.; Das ist um so verwunderlicher.— Zeuge: Bei mrr aUt im er der Grundsatz: so wie der Mensch ist, so kann er fich auch geben.— Präs.: Haben Sie Ihrer Tochter denn keine guten Lehren auf den Weg in's Atelier mitgegeben.— Zeuge; Ei freilich! Ich habe ihr gesagt, daß fie beim Modell- stehen fich nicht anfassen lassen solle.- Der Zeuge erzahlt dann sehr ausführlich und lebhaft seine Differenzen mit den Professoren Kretschmer und Graes. Als das Madcken rhr Abenreuer bei Kretschmer erzählt hatte, habe er feine Frau zu Kr< eschickt, um demselben die Wahrheit zu sagen. Das Mädchen hatte nämlich behauptet, daß stc von Professor Kretchmer zweimal molestirt worden sei Professor Kretsck mcr Habe aber seiner Frau bernahe die Thür gew.e cn und fie gleich mit der Bemerkung empfangen:„Ach Sre wollen wohl Geld cipr< sscn? Sie scheinen Ihre Kinder dazu zu dresstren. Zeigen Sie mich meineiwegen an!" Dies habe ihn geärgert und deshalb habe er sich von dem Volksanwalt Krischen die Anzeige gegen Kretzschmcr anfertigen lassen.— Präs.: Hatten Sie gar keine finanziellen Hintergedanken bei der Sendung ihrer Frau zu Prof. Kretzsch- mer?— Zeuge: In keiner Weise. Ich wollte ihn nur moralisch abstrafen.— Auch bei der Entsendung seiner Frau zu Prof. Graes will der Zeuge kein Geld gewünscht haben, er giebt je- doch zu, daß er seine Frau autoriftrt habe, für den Fall, daß ihr Geld angeboten werden sollte, dasselbe anzunehmen.— Präs.: Sie wünschten also auch Herrn Prof. Graes nur mora- lisch zu bestrafen, obgleich Sie bei Kietz schwer wenig Glück da- mit gehabt haben?— Zeuge: Ja wohl.— Aus den ferneren Erzählungen des Zeugen geht hervor, daß derselbe,.seitdem seine Frau in Strafhaft genommen worden ivar, Himmel und Hölle in Beweguna setzte, um dieselbe aus dem Gefängniß heraus- zubringen. Als dieselbe wegen Erkrankung eines ihrer Kinder zeitweilig aus der Hast entlassen worden war, hat dieselbe fich auf sein Geheiß an Graes mit der Bitte gewandt, ihr Geld zur Reise nach Amerika zu geben. Später, als die Frau ihre Strafe wieder antrat, hat er seiner Tochter die oben erwähnte Erklärung diktirt und mit dieser Erklärung in der Hand hat er unzählige persönliche und daneben auch schriftliche Versuche ge- macht, die Herren Prof. Graes und Kretschmer für ein abzu- sendendes Gnadengesuch zu interesfiren. Er hat jene Erklärung in welcher seine Tochter bekundet, daß fie die Unwahrheit ge- sagt, gleich in zwei Exemplaren anfertigen lassen und beiden Professoren gemeinschaftlich übersandt. Es haben dann mit Graes viele Verhandlungen in Sachen des Gnaden- gesuchs stattgefunden und es ergiebt fich, daß beide Professoren nicht abgeneigt waren, ihre Hilfe zu einem Gnadengesuch zu leihen, schließlich find die Verhand« lungen aber abgebrochen worden. Graes behauptet, der Zeuge, der von den beiden Professoren schon mehrfach ein schriftliches Zeugniß dafür verlangt hatte, daß Frau Hammermann wahr- scheinlich in gutem Glauben gehandelt habe, sei schließlich in seinen Forderungen und Zumuthungen so maßlos geworden, daß die Verhandlungen fich damit zerschlagen mußten. Der Zeuge Hammcrmann giebt zu, daß er die Denunziation gegen Graes wegen Meineids erst eingereicht habe, nachdem die Mit- Wirkung bei einem Gnadengesuch abgelehnt worden war. Ebenso giebt derselbe zu, daß er die verschiedensten Bemühun- gen unternommen hat, um so viel Material als möglich gegen' Graes zusammen zubringen. Als seine Frau schließlich auf An- ordnung d r Staatsanwaltschaft aus der Sttafhaft entlassen worden war, hat er an Prof. Kretzschmer gewissermaßen als Menetekel geschrieben:„Meine Frau ist jetzt frei und Herr Prof. Graes fitzt!"— Justiz' ath Simson: Ein Fräulein Fran- ziska Lehmann hat auf Anstiften des Zeugen eine eidesstatt- liche Verficherung abgegeben. Ich frage den Zeugen, ob er ncch andere Personen zu solchen falschen eidesstattlichen Ver- sicherungen angestiftet hat.— Zeuge: Darüber verweigere ich die Aussage.— Justizrath Simson: Der Zeuge hat ver- schicdene Briefe des Prof. Graes an die Familie' Rother und andere Schriftstücke dem Staatsanwalt eingesandt. Ich wünsche eine Auskunft darüber, wie der Zeuge in den Besitz dieser Schriftstücke gelangt ist.— Dem Zeugen entschlüpft im ersten Augenblick die Antwoft„durch List", dann aber macht er auch in dieser Beziehung von dem Rechte der Zeugnißverweigerung Gebrauch. Franziska Lehmann, eine 15 jährige Verwandte der Frau Hammermann, bekundet, daß fie nach einer Vorschrift des Herrn Hammermaan eines Tages in ihrem Namen eine falsche Er- klärung dahin abgegeben habe, daß Helene Hatnmermann ihr gegenüber die Beschuldigung gegen Graes als eine erfundene bezeichnet habe. Der nächste Zeuge ist der R.-A. Bernstein, welcher s. Z. die Vertheidigung der Frau Hammermann geführt hat. Der- selbe bat in dieser Eigenschaft die Frage nach dem Verhältnisse des Prof. Graes»u Beriha Rother zuerst zur DiSkusfion ge- bracht und als er die bezüglichen Zeugen vorlud, auch der Staatsanwaltschaft das them» probacdum, über welches dieselben vernommen werden sollten. lieber den Wortlaut der damals an Professor Graes gelichteten Fragen und die Art der Fragestellung steht R.-A. Bernstein mit den Vorzeugen, namentlich aber mit dem Direktor Bachmann in unlösbarem Widerspruch. Während der Zeuge nach seiner Erinnerung glaubt, daß er die bezügl. Fragen an Prof. Graes gerichtet hat, bleibt Direktor Bachmann dabei, daß die Fragestellung von ihm ausgegangen ist. Der Vor- fitzende befragt auch die Angetl. Anna Rother danach und die- selbe entscheidet fich dahin:„Ich weiß nicht, wer die Fragen gestellt bat; ich glaube aber, der erlauchte alte Herr!"— Der Angell. Graes macht immer wieder geltend, daß er befragt wor- den sei:„Haben Sie die Bertha Rother verführt und stehen (nicht„standen") Sie in einem Verhältniß zu derselben?" Direktor Bachmann bestreitet, das Wort„verführen" über- Haupt gebraucht zu haben.(Fortsetzung folgt.) Soziales imd Arveiterbemegung. Zum Streik tn der Erdmann'fchen Kistenfabrtk wird uns geschrieben: Der Streik ist vollständig zu Gunsten der Arbeiter ausgefallen und find nunmehr mit der schon erwähn- ten Kistenfadrik von Fugh, Lindensttaße 35, Unterhandlungen angeknüpft worden. Herr Fugh erlkärte, er habe mit der Kam- Herr Fugh erklärte weiter, daß er, wenn seine Arbeiter nicht gleich die Arbeit wieder aufnehmen würden, am nächsten Tage neue Arbeiter in seiner Fabrik einstellen würde. Darum appelliren wir an das Eolidaritätsgefühl aller Kollegen und Beru'sgenoffen und ersuchen dringend, den Zuzug von be- nannter Fabrik streng fern zu halten. Streiks stehen weiter in Ausficht bei Herrn Vallentin, Neue Jakobstraße 6, sowie bei Herrn Alterthum, Beuthstraße 3. Die Kommission. Zum Aormerstrett in Leipzig. Die Streikkommisflon ist am Donnerstag, den 24. September, von der Behörde auf- gelöst worden. Der Beschwerdeweg gegen diese Verfügung ist detreten. Am Freitag, den 25. September, fand eine Ver- sammlung der Former Leipzigs statt, welche nach genauer Prüfung der Sachlage einstimmig beschloß, den Streik weiter zu füaren. weil die Prüfung ergab, daß der Stand desselben für die Streikenden ein günsttger sei. Die strengsten Maß- regeln werden von Seiten der Behörden ergriffen; einen Bei- trag hierzu giebt folgendes Schreiben der Amtshauptmannschaft an mehrere Schankwirthe:„In Ihrem Schankwirthsckafts- lokale finden von Seiten solcher Arbeiter, welche die Arbeit eingestellt haben und die Wiederaufnahme der Arbeit zu ver- hindern suchen. Auflagen statt- Da Sie zu diesem Zwecke die Erlaudniß, Echankwrrthschast zu betieiben, nicht erhalten haben, durch die Duldung solcher Auflagen aber das Ver- hältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer erschüttert und die öffentliche Wohlfahrt gestört wird, so wird Ihnen hiermit die Duldung solcher Auflagen mit dem Bemerken verboten, daß. wenn Sie vermöge Ihres Hausrechts dieselben nicht zu verhindem vermögen, Ihre Schankwirthschast im öffentlichen Jntensse geschlossen wird." Kollegen! Laßt unS auch fernerhin nicht im Stich, versorgt uns mit der nöthigen Munition und wir werden fiegen! Alle Sendungen bitten wir zu richten an C. Schneider, Leipzig, Echloßgasse Nr. II. Mit kollegialem Gruße: Die Former Leipzigs. Im Auftrage: E. Grenz. C- Schneider. Ei» naives Klagelied läßt sich die„Tante Voß" von irgend einem Gevatter Schuster oder Handschuhmacher aus Lübbrnau vorsingen:„Von unseren Handwerksmeistern, namentlich Schneidern und Schuhmechcnr, wird vielfach über Mangel an Arbeitskräften geklagt. Weder Gesellen noch Lehr» linge find trotz wiederholten Aufrufs zu erhalten. Fleißige Gesellen werden von den Meistem festgehalten; andere, die mit der Arbeit auf gespanntem Fuße stehen, ziehen es vor, ein lustiges Wanderleben, wenigstens den Sommer über, zu führen. Die Verpflegungsstationen bieten ihnen hierzu die passendste Gelegenheit. So gut diese Anstalten einerseits find, indem sie dem Fechtwesen ein Ende bereiten, ebenso nachtheilig find fie andererseits, indem fie der Faulheit Vorschub leisten. Es ist eben nichts Vollkommenes auf der Welt."— Daß sich nach Lübbenau keine besonders tüchtigen Schneider- und Schuh- machergesellen verirren, liegt in den jammervollen Lobnoerbält- nissen in dottiger Gegend, besonders für die Handwerksgesellen. 3—4 Mark Wockenlohn bei 12— 13stündiger Arbeitszeit, einem recht kläglichen Essen und einer Bodenluke als Schlafstelle, das ist keine Seltenheit, so daß gerade diejenigen Gesellen, welche nicht mit guter Arbeit auf gespanntem Fuße leben, jene Ge- genden meiden. Was die Verpflegungsstationen in jener Mit- theilung überhaupt zu thun haben, ist nicht reckt klar, da jeder weiß, daß auf denselben für ein kärgliches„Geschenk" schwere Arbeit verrichtet werden muß. Dadurch soll der Faulheit Vorschub geleistet werden? Daß nichts Vollkommenes auf der Welt ist, rst gewiß wahr und ein ebenso neuer, als tteffinniger Gedanke— den Beweis dieser Unvolltommenheit aber an den Verpflegungsstationen zu führen, ist übrigens dieselbe Arbeit, als wenn man Eulen nach Athen trägt. Der voltswirthschaftliche Kongreß, der von 20. bis 23. September in Nürnberg tagte, hat, wie nicht anvers zu er» warten, den gesetzlichen Maximalarbeitstag verworfen. Da- gegen wurde erklärt, daß eine Reduktion der Arbeitszeit, soweit fie unbeschadet der industriellen Leistungsfähigkeit möglich, als ein wichtiger Kulturfortschritt anzuerkennen und anzustreben sei und daß auf eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse durch Abkürzung der Arbeitezeit hingewirkt werden müsse, insofern in einzelnen Gewerbebetrieben die regelmäßige Tagewerkszeit eine zu lange sei.— Wenngleich die Herren hier den Pelz zu waschen suchen, ohne ihn naß zu machen, wenngleich die ganze Erklärung verschwommen ist und an bekannter liberaler Halb- heit nichts zu wünschen übrig läßt, so erkennt man doch, daß die Manchesterleute unter dem Drucke der gegenwärtigen Ar- beiterbewegung stehen. Niemals haben die Herren bis jetzt kürzere Arbeitszeit empfohlen, fie haben früher immer die Forderung der Abkürzung der Arbeitszeit als eine Prämie für die Faulheit bezeichnet und wie die damaligen Phrasen alle heißen mochten. Es hat zwar keine praktiiche Bedeutung mehr, was die Herren Braun, Bamberger und Genoffen sagen, aber immerbin ist eine solche Erllärung zu registriren als ein Zeichen der Zeit. In Leipzig mischt sich jetzt die Polizei mit großer Energie in die Arbeiterbewegung. Sie hat auf Grund des sächsischen Vereiusgesetzes die Streikkomitees der Former und Buch» binden aufgelöst und damit gezeigt, wie es mit der Koali- tionsfreiheit in Deutschland steht.— Femer duldet die Amts- Hauptmann schaft nicht, daß auf öffentlicher Straße Personen vor Etablissements, wo ein Streik ausgebrochen ist, fich auf- stellen und die fort arbeitenden Arbeiter zur Theilnahme an der Arbeitseinstelluug zu überreden suchen. Das ist ein direkter Eingriff in das Koalitionsrecht! Gendarmerie und Ortspolizei find zur strengsten Vigilanz angewiesen. Außerdem werden zahlreiche Versammlungen der Gewerbe, welche fich im Streik befinden, auf Grund des Sozialistengesetzes verboten. Wie man steht, stellen fich die Polizeiorgane dort direkt auf Seite der Unternehmer. Zum Kapitel der Enquete über die Sonntagsruhe dürfte folgendes crheitemde Stückchen von Interesse sein. In Chemnitz legte der Inhaber eines Damenmantelgeschäfts die Fragedogen auch seinen Arbeilerinnen vor. Auf die Frage der Mävchen, was dieselben bedeuteten, gab der- Prinzipal die er» läuternde Erklämng: Ihr sollt antworten, ob Ihr künftig noch Sonntags arbeiten wollt, verneint Ihr dieses, so dürft Ihr künftig am Sonntag Euch weder die Strümpfe stopfen, noch einen Unterrock flicken. Darauf erklärten die Arbeiterinnen einstimmig, daß fie ein Verbot der Sonntagsarbeit nicht wünschten. Es geht doch nichts über die„aufklärende Be- lehrung" eines menschenfreundlichen Untemehmers! Grubenunfallstatisttk. Im Oderamtsbezirk Dortmund find im verflossenen Jahre bei der Bergarbeit im Ganzen 356 Arbeiter tödtlich verunglückt; im Lberbcrgamtsbeziike Bonn 143, Breslau 138, Halle 62 und Klausthal 16. Im ganzen preußischen Staat waren 291 901 Arbeiter auf den unter staatlicher Aufsicht stehenden Bergwerken thätig, von denen 715 Mann oder je 1 von 408 gegen 7 2 oder 1 von 381 im Jahre vorher tödtlich verunglückten. Beim Steinkohlen- bergbau, der 190 707 Arbeiter beschäftigte, verunglückten 567 Mann oder je 1 von 336 gegen 601 Mann oder 1 von 435 im Jahre vorher. Auf 1 Verunglückten entfallen beim Stein- kohlen- und Erzbergbau im Oderamtsbezirk Breslau 118 862 T. mit 555457 M. Werth, in Halle 209 545 T. mit 832 034 M., in Dortmund 81512 T. mit 389402 M.. in Bonn 80 242 T. mit 649 536 M. und in Klausthal 68 959 T. mit 616 275 M- Werth.— Uebrigens ist es sehr bezeichnend, daß bei solchen Statistiken das Menschenleben mit demWerthe der geförderten Produkte in Vergleich gestellt wird. Nahrungsmittelverbrauch. Der Jahresbericht des Chefs des Hallen- und Marktdienstes auf der Seine-Präfektur, Herrn Morillon, über den Nahrungsmittelkonsum von Paris stellt folgenden Vergleich zwischen dem Brod- und Fleischkonsum von Paris und den übrigen größeren Städten des Landes auf: in Paris entfallen 152 Kilogramm Brod jährlich auf den Einwohner und damit gehört die Hauptstadt zu den zehn Städten des Landes, die den geringsten Brodkonsum haben: Orleans 132 Kilogr., Versailles 134, Belfort 138, Valcrrce 147, Laon 152, wie Paris, Digne 155, Montpellier 156, Angers 157, Moulins 159. Die zehn Städte, in denen der Brod- konsum am stärksten ist, find: Le Puy 334 Kilogr., Wende 296, Saint- Lü 293, Clermont- Ferrand und Tarbes 291, Toureoing 282, La Roche-sur Uoir 272, Nantes 271, Evreux 235, Tülle 252. In den volkreichsten Städten Frankreich» verhält es fich mit dem Fleischkonsum wie folgt: Pari» 84 Kilogr. per Einwohner, Bordeaux 81, Lyon 73, Marseille 69, Rouen 63, Toulouse und Saint-Etienne 58, Lille 53. Am meisten Fleisch wird verzehrt in Pau, 93 Kilogr. per Ein- wohner. Melun 91, Beauvais und Perpignan 87, Gusret, Besancon, Chaumont und Belkort 36, ChalonS 85, Paris 84; am wenigsten in Ajaccio, 37 Kilogr., Draguignan 42, Digne 48, Nantes 50, Roubaix 51, Privas, Chateaurour. Laval und Brest 52, Lille 53. Was den Weinkonsum betrifft, so stehen Paris und Lyon mit 212 Litrrn per Einwohner auf derselben Höhe; fie werden aber von Nizza übertroffen, das mit 279 Litern an der Spitze steht; zu allerletzt kommt Privas mit 117 Litern.— Schlecht leben die Pariser ficherlich nicht, wenn fie neben 168 Pfund Fleisch pro Kopf der Bevökerung (Greise und Kinder einbegriffen) jährlich 212 Liter Wein verzehren._ Vereine und Versammlungen. K— o. Herr ReichStagsabgeordneter Paul Singer hielt am Montag Abend im Louisenstädtischen Konzerthause, Alte Jakobstraße, vor einer stark besuchten Volksversammlung einen höchst interessanten und instrultwen Vortrag über den sozialdemokratischen Arbeiterschutz-Geseyentwurf. RednerZ, bei seinem Erscheinen auf das Freundlichste bewillkommnet, sprach fich unter stets steigendem Beifall ungefähr folgendermaßen aus: Die glorreichen Siege, welche die sozraldemokratifche Partei bei den letzten ReicketagSwahlen errungen hat, find für die Führer derselben rin Ansporn gewesen, dem arbeitenden Volte durch Ausarbeitung und Vorlegung eines Arbeiterschutz»