Kr. 230. Freitag, de« 2. Oktober 1888. II. Jahrg. eriiiurMsMI Krgan für dir Intrrrssen der Ardritrr. 4 Da»„Berliner Bolksblatt� «fchet»! täglich Morgen» außer«ach Sonn- und Festtage«. AbonnementSpreii Benin frei in» Hau» vierteljährlich 4 Marl, monatlich 1,35 Marl, wöchentlich 35' Hostabonnement 4 M. Einzelne Nr. 5 Pf. SonntagS-Nummer mit illustr. Beilage 10' (Eingetragen in der PostzettungSpreiSliste für 1885 unter Nr. 746.) Jnfertionsgeböhr beträgt für die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. ArbeitSmarlt 10 Pf» Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinlunft. Inserate ronfcnt bi» 4 Uhr Nachmittag» in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von aRnAnnonee»« Bureaux, ohne Erhöhung de» Preise», angenommen. Kedakti««: Keuthstr-ß- S.— Erxediti-n: Zimmerstraße 44. Eiic slhium Mlilerlilzr hat bei der Enquete über die Sonntagsruhe die evangelisch- lutherische Kirche oder bester gesagt, die Geistlichkeit dersel- ben erlitten, obwohl wir gern zugestehen, daß un» deshalb diese Kirche und diese Geistlichkeit für die Kulturentwicklung der Menschheit weniger gefährlich erscheint, al» zum Bei- spiel die römisch-katholische Kirche und die römisch-katholischen , Priester. Doch hören wir die„Sozial> Correspondenz" darüber, die von dem sächsische« Profestor und Regierungsrath Dr. Viktor Böhmert, der unseres Wissens zur evangelischen Kirche gehört, redigirt wird. Nachdem das Blatt bemerkt hat, daß durch die Enquete recht ernste und betrübende Dinge zum Vorschein gebracht worden seien, heißt es dann wörtlich weiter: „Die» gilt u. A. auch von dem Maße, in welchem die handarbeitenden Klassen unseres Volke», d. h. unsere» protestantischen Volke», der Kirche entfremdet find. Wir haben dabei vor Allem die Großstädte im Auge; auch wa» wir in Folgendem kurz mittheilen, ist de« Ergeb- nisten der Erhebungen in einer derselben(Dresden?) ent- nommen. Unter allen Befragten war nicht ein Einziger, der in seinen Antworten auf die bezügliche Frage die Rück- ficht auf den Besuch de» Gottesdienstes auch nur erwähnt hätte, einerlei nun, ob er sich für oder gegen da» Verbot der Sonntagsarbeit erklärte; thatsächlich findet letztere, und zwar meist gerade Vormittag» bi» 12 Uhr, also während der Kirchenzeit, in der überwiegenden Mehrzahl der kleinge- werblicheu Betriebe statt." Wir wollen Herrn Böhmert noch bemerken, daß auch in den kleineren Städten und besonders in den Protestantin schen Jndustriegegenden der Kirchenbesuch ein überaus ge- rwger ist. Ein Meister der Bürsten- und Pinselmacherinnung er- klärte nach der„Soz. Korr." auf Beftagen, daß er seinen Geselle« frei stelle, ob sie Sonntag» arbeiten wollten oder nicht. Auf die weitere Frage, ob e» e» denn nicht vor- komme, daß ein Geselle einmal in die Kirche gehen wolle und also von jener Einräumung Gebrauch mache, antwortete er: Allerdings, bei katholischen Gesellen ist mir da» schon öfter« vorgekommen, aber bei protestantischen- in dem Zeitraum von 10—12 Zahren, seit ich Meister bin— niemals. Und dasselbe bestätigte» die Vertreter anderer GewerbSzweige, z. B. Schuhmacher, nur mit dem Beifügen, daß e» auch bei solchen Gesellen, welche Mitglieder von „Sekten", wie Baptisten, oder auch reformirt seien, mit- unter vorkomme, aber nicht bei Angehörigen der Landes- kirche. Zum Schlüsse heißt e» dann in dem genannten Blatte: Sfcutflkfon. ?«O Mornumenmädche». Amerikanische Erzählung von valdui» Möllhanse«, (Fortsetzung.) Edith« schloß die von edler Entrüstung ergriffene Schwester in ihre Arme und weinte bitterlich, wo- bei sie mehrfach de« Namen ihres Knaben au»- sprach. Hertha tröstete ihre Schwester, wie sie kurz 70! vorher von ihr getröstet worden war, und so liebe süße Worte wechselte« sie mit einander, daß selbst die Sterne an dem dunkeln, mild erleuchteten Himmelszelt sich darüber zu fteuen schienen und sich das Ansehen gaben, als seien sie eS,.selche die glühenden, langgeschweifte« Meteore, ähnlich künstlich bergestellten Rakete», vor lauter Lust hier- hin und dorthcn schleuderten.— Sie sprachen auch von der Zukunft; und Hertha versicherte, sich nie wieder von ihrer Schwester und dem lieben Knaben trennen zu wollen. Dann entwarfen sie ihre Pläne, wobei sie mehr denn je auf ihren Onkel rechneten, der seit möalichster Eile und noch vor Ausbruch der blutigen Feind- et V sä ÄÄÄÄÄtÄÄ WW« Mormonen mit dem besten Erfolg gekrönt werden wurden. „Wie gesagt, es ist hier nur von de» Zustände» in einer Großstadt die Rede; in den Mittel- und Kleinstädte» mag eS damit anders und besser bestellt sein. Auch abgesehen indeß von dem großen und stet« wachsende« Einfluß, den die Großstädte auf daS nationale Gesammtleben ausüben, ist und bleibt es doch jedenfalls sehr beklagenSwerth, daß ein so großer Bruchtheil unserer Volksgenossen so gänzlich außer- halb des kirchlich-religiösen Leben» steht, und zwar gerade die Angehörigen derjenigen Klassen, welchen der Ersatz, welchen die Gebildeten in anderweiten geistlich-sittlichen Faktoren finden, mehr oder minder vollständig abgeht, so daß bei ihnen die unausbleibliche Folge der Entkirchlrchung eine Verödung und Verarmung des Gemüthsleben» sein muß. Und au« dieser wieder entspringt meistens gesteigerte Genuß- und Ver- qnügungSsucht, nicht ganz selten auch jene Verrohung und Verwilderung, die in den abscheulichste« Zügen von Herz- losigkeit, wie wir ihnen fast täglich in den Lokalberichten der Zeitungen begegne», zu Tage tritt." Zunächst wollen wir uns einmal auf den Standpunkt des Verfassers stellen. Dabei drängt sich doch zunächst die Frage auf, weshalb denn die protestantische Kirche so weit in ihrer anziehenden Kraft hinter der römisch-katholischen Kirche zurücksteht? Wir haben darauf zwei Antworte«. Zunächst ist die protestantische Kirche eine Kirche der Halbheit; entstanden aus der katholischen hat sie die ganze Schroffheit derselbe« übernommen ohne die Milde, die Barmherzigkeit, die Ver- söhnung, welche in letzterer zweifelsohne liegen. So ist zum Beispiel der starre Glaube an die Stelle des Glaubens und der werkthätigen Liebe getreten. Dann aber entfremde» sich die Prediger des Protestantismus immer mehr dem Volke. Die meisten sind starre theologische Buchstabenmänner, die sich gern um allerlei Formen streiten. Sie ver- kehren nur in ihrer amtlichen Eigenschaft mit dem Volke und wenn sie auch ab und zu au» ihrem fteien Willen al« Tröster austreten, so tritt bei diesen Tröstungen immer schroff der Priester und fast niemal» der Mensch hervor. Gesellschaftlichen Umgang pflegen sie lediglich mit den Vornehmen dieser Welt. Der junge protestantische Kandidat ist meist bestrebt, eine wohlhabende, durch ihre Familie ein- flußreiche Frau zu erhalten, deshalb werde» schon in der Zugend seine Umgangsformen zeremoniös, er meidet ängst- lich das Volksleben. Und so geht eS bis an sein Lebens- ende weiter. Ein wie ganz anderer Mann ist der katholische Pfarrer — meist ein Weltmann durch und durch. Freundlich mit jedermann tritt allzeit der natürliche Mensch hervor. Auf allen großen Volksfesten trifft man ihn vorzugsweise in ge- Sobald sie aber bei dem Ausmale« ihrer Zukunft in sinnen- des Schweigen versanken, wälzte sich auch die ganze Last ihrer Besorgnisse wieder auf ihre Seele, und ihre Unruhe wuchs in demselben Maße, in welchem die Zeit verstrich, ohne daß der in das Lager abgesendete Bote eintraf. Was sollte sie beginne«, wenn der General einen ab- schlägigen Bescheid ertheilte? Auf welch« Weise Weater- ton'» Banden lösen, wenn Elliot, erbittert über ihre ver- änderte Gesinnung, sich aus Rache weigerte, ihn ftei zu geben, oder sich sogar dazu verleiten ließ, das TodeSurtheil an ihm zu vollziehen? Und kam eine solche Handlung auch einem kaltblütigen Morde gleich, hatte er nicht Mittel genug in Hände», sich und sei» gewissenlose«, verbrecherische« Ver« fahre« in den Augen seiner Glaubensgenossen, ja, der ganzen Welt zu rechtfertigen? Wer kümmerte sich weiter darum, ob Jemand, den nur sein eigener Wille unter die Mormonen führte, daselbst als Spion, oder auf den dringen- den Verdacht hin, sich an der Ermordung Rynolds', wenn auch nur mittelbar betheiligt zu habe», erschossen wurde? Elliot wußte dieses genau, und so wie sie ihn jetzt kennen gelernt, ließ sich erwarten, daß er vor dem schwärzesten Verbrechen nicht zurückschrecken würde, um entweder seinen Willen durchzusetze«, oder auch, um sich auf eine furchtbare Art zu rächen. Rächte er sich aber wirklich, wen« er seine Drohungen wahr machte? Gewiß! Eine schreckliche, wenn auch uner- hörte Rache wäre eS gewesen! Und dennoch, hätte sie sich, um ihn zu retten, auch bereitwillig opfern wollen, durfte, konnte sie es jetzt noch? jetzt, nachdem ihr jene Bedingungen klar geworden, die sich an das Mormonenthum knüpften und dabei ihren heiligste» Gefühle», ihre» Begriffen von Religion und von der Bestimmung des WeibeS so ganz zu- widerliefen? Diese Fragen und Betrachtungen bestürmten Hertha, als sie an die Schulter der Schwester zärtlich angeschmiegt dasaß und so lange auf das Feuer vor des Missionärs Zelt hinstarrte, bis Alles vor ihren Blicke« zu flimmern und m einander zu verschwimmen begann, während Editha ihre Aufmerksamkeit den dunkeln Gepalte« des Geistlichen und ihre« Onkels zuwendete, die, in ein ernstes Gespräch ver- müthlicher Unterhaltung mit Arbeitern, Handwerker« und sonstigen kleinen Leuten. Mit den„Vornehmen" kommt er ja doch»och genügend zusammen. Aber auch seine Predigten unterscheiden sich von denen der protestantischen Bibeltcxtpredigte« sehr vortheilhaft. I» urwüchsiger Weise bespricht er manchmal die sozialen Fragen und schiebt durchweg de» Reichen der Welt die größere Schuld zu, während er nur selten gegen die Untugenden der Armen wettert. Da ist bei den protestantischen Pastoren da« ge- rade Gegentheil der Fall. Und dabei muthet man den Arbeitern noch wohl zu, zu all' ihrer Roth und ihrem meist unverschuldeten Elend allsonntäglich noch eine Strafpredigt oder gar eine Büßpredigt zu erhalten. Büße» noch für da» Elend und dann den üblichen Hinweis auf das Jenseits.— In Vorstehendem haben wir gezeigt, weshalb die rö- misch-katholische Kirche der protestantischen„weit über" ist — wir wünschen der letzteren aber keine„Äesseruna", da sie in ihrer jetzigen Verfassung keinerlei Einfluß auf das Volksleben ausübt und dasselbe deshalb auch nicht trüben kann.——— Wenn Herr Professor Böhmert meint, daß die Ent- kirchlichung des Volkes Verrohung und Verwilderung her- vorrufe, fo ist diese Ansicht eine grundfalsche und leicht zu widerlegen. In ftüheren Zeiten, wo die Entkirchlichnng nicht vor- Händen war, wo aber die allgemeine Humanität mehr noch wie jetzt in den Windeln lag, war Verrohung und Verwil- derung viel mehr sichtbar, denn jetzt.— Im katholischen frommen Ober-Bayern, im katholischen Oberschlesien, Pose» und Westpreußen, im protestantischen Schlesien, Pommern und West- und Ostpreußen, wo die Entkirchltchung noch gar nicht weit fortgeschritten ist, sind die Verbrechen viel zahl« reicher, die Verwilderung ist viel größer, als in den übrige» Provinzen und Gegenden, wo die Leute wenig in die Kirche gehen. Daß sonst verständige Menschen nicht einsehen wollen, daß Bildung, Aufklärung, Gesiitung, Huma- nität, mit einem Wort die fortschreitende Kultur die Entkirchlichung herbeiführen, ist kaum zu er- klären! Wenn aber dies wahr ist— und die Geschichte ist auch hier die große Lehrmeisterin—. wie kann dann die Entkirchlichung zur Verrohung und Verwilderung führen? W i r nennen eS deshalb nicht eine beklagenSwerthe Erscheinung, daß das Volk immer mehr entkirchlicht wird. Wir können deshalb den protestantische« Geistlichen auch nur gratuliren, daß sie eS so wenig verstehen, dieser Ent- kirchlichung Einhalt zu thun und würden eS auf da» Leb- hafteste begrüßen, wenn die katholische Geistlichkeit(vielleicht tieft, auf der andern Seite der beiden Zelte langsam auf und ab wanderten und nur zeitweise in die Beleuchtung der von den Indianern geschürten Feuer traten. Da ließ sich der Hufschlag eines herbeieilenden Pferde» vernehme», und mit einem lauten„Gott sei Dank!" erhob sich Hertha, um ihrer Schwester voran zu dem Missionär zu eile» und dort aus erster Hand de» Erfolg der Sendung zu erfahren. Sie hatte sich in ihren Erwartungen nicht getäuscht, denn kaum war sie zu den beiden Männern hingetreten, so trabte auch ei« Jndiauerbursche herbei, der dem Missionär er» flüchtig zusammengefaltetes, aber unversiegeltes Briefche» übenelchte. Er gab zugleich vor, daß er Stunden lang auf die Heimkehr de« Generals habe warten müsse«, dann aber sogleich vorgelassen und eben so schnell abgefertigt wor- de» sei. „Es ist gut, mein Sohn," sagte der Geistliche gütig zu dem Indianer;„jedenfalls berechtigt uns Deine Mittheilung zu der Hoffnung, daß wir mit unserem Anliege« bei dem General nicht auf ernste Schwierigkeiten stoßen werden. Nun gehe mern Sohn, Du mußt müde und hungrig sein," und so sprechend, näherte er sich dem nächsten Feuer, um den Inhalt de» Schreibens kennen zu lernen. Ja athemloser Spannung folgte« ihm seine Gäste nach, und namentlich war eS Hertha, die es kaum erwarten konnte, etwas Genaueres über die Botschaft zu vernehmen. Der Missionär hatte untervessen daS Papier entfaltet; er warf einen Blick hinein, und dann begann er sogleich vorzulesen. „Eine besondere Freude soll es mir gewähre«, einem Landsmann mich gefällig zn zeiaen. Erheischt Euer Anliege« Erle, so stehe ich noch heute Abend zu Euren Dienste», im entgegensetzten Falle bitte ich, morgen die Frühstunden zu wählen, indem später dringende Geschäfte mich wieder fern von meinem Zelte Hilten dürften." „Ihr seht meine Lieben,' hob der Missionär an, sobald er zu Ende gelesen,„ich irrte nicht, al» ich voraussetzte, der General würde nicht jederzeit zu finde« fem; und nochmals wiederhole ich," fuhr er zu Jansen gewendet fort, daß ich durch Aushebung des Zölibats?) in dieselbe Lage gedrängt würde, in der sich die evangelische Geistlichkeit theilS mit, theilS ohne ihre Verschuldung gegenwärtig befindet. Die Autorität der Kirche ist ein Hemmschuh für de» Fortschritt, für die Kulturentwicklung. Der Glaube aber an diese Autorität ist, wie Profesior Böhmert erklärt, tief erschüttert— er hält dies für eine betrübende Erscheinung, wir aber freuen unS über ein solches Zeichen fortschreitender Humanität und Zivilisation. Politische Ueverstcht. In Sachen der Karolinen-Angelegenheit hat der Papst eine Kommission, bestehend aus den Kardinälkn Jaco- dini, Laurenzi, Ezacki, LedochowSki, Bianchi, Parochi und Monaco, beauftragt, einen Bericht vorzubereiten. Die Handelskammer zu Leipzig äußert sich in ihreM Jahresbericht für 1884 über die allgemeine wirlhschaftltEe jage folgendermaßen:„Das Jahr 1884 zeigt fast durchgängig sinkende Preise, der Rohstoffe der Industrie sowohl wie der Verzehmnasgegenstände, auf dem Weltmarkte. Kömmt dies der Industrie yier und da zu statten, so pflegt doch der ungünstige Einfluß solcher rückgängigen Konjunkturen weitaus zu über- wiegen. Die Klagen über geringen Verdienst, selbst bei aus- gedehntem Ilmsatze und angestrengter Arbeit, kehren denn auch diesmal in den meisten Einzelbenchten aus den verschiedenen Geschäftszweigen wieder, offenbar überschreitet die Produktion nicht selten das Maß des Bedarfs, und namentlich gilt das auch von solchen Industriezweigen, welche durch die Zollgesctz« gebung besonders begünstigt find. Es fehlt nicht an dem Be- wußtsein der Ueberproduktion, allein der Einzelne vermag kaum, sich dem allgemeinen Drange zu entziehen."— Ver- weilen wir einen Augenblick bei diesen Bemerkungen. Unwill- Irlich drängt sich die Fragr auf:„Wo ist denn der Auf- chwung, den angeblich die 1879 eröffnete neue Aera der Wirthschaftspolttik hervorgerufen hat?" Die allgemeine Situation wird als eine traurige geschildert, und vor allem wird der Krebsschaden unseres ökonomischen Systems, die Ueberproduktion, ganz offen denunzirt. Daß dieselbe sich in denjenigen In- mstrien besonders breit macht, welche durch die Schutzzöllnerei vorzugsweise begünstigt find, ist nicht zu verwundern. Der Schutzzoll ist ein ganz besonderes Reizmittel zur Ueberproduktion, auch Ausfuhrprämien, wie sie z. B. Spiritus und Zucker ge- nießcn, sind ein Stachel zum tollsten Galopp im Wettrennen der Konkunenz. Daß der Einzelne, der Einzeluntemehmer sich „dem allgemeinen Drange nicht entziehen kann", d- h. daß der Fabrikant Hinz unter der Herrschaft der heutigen anarchischm Broduktionswerse den schwindelerregenden Tanz der Kapitalisten kunz, Peter, Paul um das goldene Kalb mitmachen muß, das -eigt eben, wie der Eingriff der Gesetzgebung behufs rationellerer Regelung der Produmon als Nothwendigkeit sich herausstellt. Die Brücke, welche zu solch gründlicher Reform führt, ist der Maximalarbeitstag, ist das Arbeiterschutzgesetz „Kriminell tst kriminell", mit diesen Worten zählt der konservative Redakteur der„Post aus dem Riesengebirge" einem fortschrittlichen Konkurrenzredakteur die Preßstrafen deS« selben vor, um dadurch seinen Gesinnungsgenoffcn von Schlieben, den früheren Redakteur des„Nordhäuser Couriers", einen wegen Unterschlagung verurtheilten Postsckretär a. D. . herauszureißen"...Kriminell ist kriminell"— in diesem Falle glaubt man einen Ochsenlnecht, aber keinen Redakteur zu ver- nehmen. Aus Thüringen, 29. September. Bci der gestrigen Landtagswahl ist in Apolda der sozialdemokratische Kandidat, Mützcnfabrikant Manger. gewählt worden. Von 52 Wahlmännerstimmen erhielt er 46. Frankfurt a. M. Da die von der Friedhofs- Kommisston geführte Untersuchung wegen der von Herrn Reichstagsabgeordneten Sabor behaupteten Betheiliaung von Friedhofsauf« sehern an der bekannten Friedhofs- Affaire ohne Ergebniß ge« blieben ist bezw. den Nachweis der erwähnten Betheiligung nicht erbracht hat, so ist— wie die„Franst. Ztg." mittheilt— von sieben stch geschädigt fühlenden Personen Herr Rechtsanwatt Dr. Eppstein deaustragt worden, gegen die Friedhofsaufseher Nagel und Krug beim Gericht Strafantrag zu stellen: 1) ob und auf weffen Veranlassung zwei Flügel des FriedhofSthores geschloffen wurden; 2) ob die Friedhofsaufseher in der That die berittene Echutzmannschast herbeigeholt, und ob sie hierbei im Auftrag Dritter gehandelt haben; 3) ob Personen durch genannte Aufseher geschlagen und bedroht worden find. Hamburg, 29. September. Dem Ersuchen der Bürger- schaft um baldige Vorlegung eines das AuswanderungSwesen detreffenden Gesetzes ist der Senat nachgekommen. Der Senat vemerlt dabei, daß ihm schon längst eine Umgestattung der be- stehenden zum Theil veraltete Bestimmungen enthaltenden zahl- i eichen Verordnungen wünschenswerth erschienen sei. Dieselbe sei nur deshalb nicht bereits früher in Angriff genommen, weil .»genommen wurde, daß die Reichsregierung von der ihr nach Artikel 4, Ziffer 1 der Reichsverfassung zustehenden Befugniß einer ihrerseitigen gesetzlichen Regelung der Bestimmungen über Euch herzlich gern den Vortritt laste und eS ansehe, als sei der Brief an Euch gerichtet. Euer Anliegen duldet keine» Zeitverlust, wie Ihr mir selbst erklärtet, während es bei dem unsrigen nicht auf einige Stunden oder auf einen Tag an- kommt. Zch aebe Euch daher den Brief, damit Zhr den« selben als Paß benutzen könnt,»nd bitte Euch nur, den General mit einigen Worten auf meinen Besuch vorzube- reiten." „Es ist wohl schon zu spät," bemerkte Jansen mit einem Settenblick auf Hertha. „Aber er schreibt ausdrücklich, er sei heute Abend noch u sprechen," versetzte Hertha, ihres Onkels Entscheidung ängstlich und erwartungsvoll entgegensehend. „Bedenke, mein Kind, Dein Körper ist nicht mtt über- menschlichen Kräfte» ausgerüstet," entgegnete Jansen wohl- wollend.s „Onkel, ich bedenke Alles," erwiderte Hertha schnell, „ich bedenke Alles, und gerade deshalb möchte ich darauf dringe«, noch heute Abend unfern Auftrag auszuführen. Was ist es für mich, noch ein paar hundert Schritte zu reiten, nachdem ich in letzter Zeit so viele hundert Meilen zu Pferde zurückgelegt habe? Entschließe Dich daher, lieber Onkel, ich bitte Dich darum. Erhalten wir heute Abend unfern Bescheid, so können wir morgen in aller Frühe unsere Rückreise antteten, und Du weißt ja am beste«, ob wir Zeit zu verliere« haben, oder nicht."_ Jansen betrachtete seine Nichte schweigend, aber mtt einem fast zärtlichen Ausdruck.„Ich habe Dir schon ae- sagt," hob er an,„daß in Allem, was Dein Geschick be- trifft, Du fortan nur Deinen eigenen Willen, Deine eigenen Wünsche zu berücksichtigen hast. Entscheidest Du Dich dafür, heute Abend noch den Schritt zu thun, gut, dann stehe ich Dir treu zur Seite. Ich habe sogar die Hoffnung, ja, die feste Zuversicht, daß wir fröhlicheren Herzens au« dem Lager zurückkehren, al» wir Fort Utah verließen." „Würdet Ihr vielleicht irgend etwas einzuwenden haben, wenn ich Euch auf Eurem späten Ritt begleite?" fragte jetzt der Missionär.„Ich halte eS Euretwegen für bester, weil es Mißtrauen erregen könnte, wenn jemand Anderes, als der Schreiber de« Briefes, vor den General hinträte." die Auswanderung nach außerdeutfchen Ländern Gebrauch machen werde. Da aber gutem Vernehmen nach die Aussicht auf das Zustandekommen eines diese Materie behandelnden Reichsgesetzes nur gering sein dürste, so habe er es nicht für räthlich erachten können, die Zusammenfaffung und Revision der daS AuswanderungSwesen betreffenden Verordnungen sei- tenS Hamburgs länger zu verzögern. In der nunmehr vom Senat gemachten Vorlage finden sich zunächst alle diejenigen seither in Geltung gewesenen Bestimmungen, welche sich im Laufe der Jahre als praktisch bewährt haben und nach wie vor anwendbar find, daneben aber enthätt dieselbe eine nicht unbe- trächtlichfcDrnzahl neuer Vorschriften, welche mit Rücksicht auf den jeMwesentlich durch Dampfschiffe vermittelten Auswanderer« verkeDffund die gesteigerten Anforderungen der Gesundheits« vWr auf Seeschiffen geboten erschienen. jFAtts Baier« enthätt die„Zür. Post" ein„Eingesandt", pwelches sich mit dem baierischen Gefängnißwesen, insonderheit mit der Behandlung der„Preßverbrecher beschäftigt. Es heißt in dem Artikel u. A.: „Die Aburtheilung geschieht entweder von dem Straf« Senate des k. Landgenchts, oder vor dem Schwurgericht, oder auch vor dem Schöffengericht der k. Amtsgerichte, je nachdem das Delist begangen wurde an der Person des Königs, eines Beamten oder einer Privatperson. Wird der Angeklagte ver« urtheitt, so kommt er entweder auf die Festung oder ins Zellen« gesäimniß nach Nürnberg oder in ein Landacrichtsaefängniß zur Verbüßung der ihm zudiktirien Strafe. Wegen Majestäts« bclcidigung wird auf Festungssttafe, wegen Amtsehren- oder Privatbeleidigung auf Gefängnißsttafe erkannt; lautet das Uriheil in den beiden letzten Fällen auf mehr als drei Monate, so wird der Verurtheilte ins Zellenaefängniß nach Nürnberg abgeliefert; wird unter drei Monaten erkannt, so hat er seine Strafe in einem Landgerichtsaefäng- nisse abzusitzen. Im Landgerichtsgefängniffe ttägt der Gefangene seine eigene Kleidung, nur werden ihm die Uhr, Ringe und Messer abgenommen; er braucht nickt zu arbeiten und darf sich literarisch beschäftigen, aber daS Korrespondiren für Zeitungen ist nicht gestattet. Er bekommt mit Ausnahme vom Mittwoch und Freitag täglich ein halbes Pfund Rind- fleisch nebst einer Suppe, während er an den beiden genannten Tagen Reisbrei oder Hülsengemüse erhält. Außer Waffer wird ein weiteres Getränke nicht verabfolgt. Im Zellen« gefängniß»u Nürnberg trägt der wegen Preßvergehen Ver« urcheille dieselbe Kleidung wie der gemeinste Verbrecher, er hört seinen Namen nicht mehr, sondem wird nur nach der Nummer gerufen, die er auf dem Rücken ttägt; wird er in den Hof geführt, so hat er ein Visier vor dnn Geficht. In der Kirche und Schule sieht er nur den Geistlichen oder Lehrer, nicht die Mitgefangenen. Er erhält täglich Mittags nur ein Hülsengericht nebst einem Stück Brod, mit Ausnahme des Sonntags, wo er eine Suppe nebst ein wenig Rindfleisch be- kömmt. Sein Getränk ist Wasser, seine Beschäftigung An- feriigung von Papparbeiten. Der zur Festungsstrafe Ver- uriheitte wird human dehandelt und gut verpflegt.— Die Gefängnißordnung dürfte bezüglich der wegen Preß» vergehen Verurtheilten eine zeitgemäße Abänderung erfahren. Es ist nicht human und eines konstitutionellen Staates un« würdig, die wegen Preßvergehen Verurtheilten auf gleiche Stufe mit den Verbrechern zu stellen. Ein Rechtsstaat soll beim Strafvollzuge das Vergehen inS Auge fasten. Die Be- Handlung im Zellengefängniß aber ist eine des Menschen un- würdige; fie erinnert an oie eineS Galeerensträflings, dem die Nummer auf die Haut gebrannt wird. Zum Schutze der Thiere bilden stch Vereine, um daS Loos derselben zu bessern, und dieses Bestreben erfreut sich der Anerkennung des Staates, warum aber trifft der Staat keine Anordnungen, um die Lage der wegen Preßvergehen Verurtheilten zu mildern? Der wegen Preßvergehen Verurtheilte ist ja nicht ehrlos' er bleibt vor wie nach im Vollgenuß seiner bürgerlichen Ehrenrechte."— Wir können uns dieser Ansicht nur anschließen, glauben aber, daß nicht nur der wegen Preßvergehens Verurtherlte Anspruch auf eine menschenwürdige Behandlung hat. Wer in der Er- regung oder aus Unkenntniß ein Wort gesprochen, welches den bestcbenden Gesetzen zuwider läuft, verdient gewiß dieselbe Rücksicht und so ließen sich noch andere Fälle anführen. Ueber de« Ausbruch des AufstandeS in Lstrumelien meldet die„N. Fr. Pr." aus Philippopel: Der Herd des Aufftandes war das 2Vi Stunden von Philippopel in der Richtung nach Kopriwschtitza zu liegende Torf Golemo Konare, wo sich auch die Bauem der umliegenden Dörfer versammelten. Nachdem der PräfeN mit den Gendarmen verhaftet wurde, haben die Revolutionäre die Weihe ihrer drei Fahnen vorae- nommen und sind in der Nacht auf den 18. d., etwa 1000 Mann stark, gegen Philippopel aufgebrochen. An der Spitze der Insurgenten ritt ein 16jähriges Mädchen, Namens Nedelja Etojanow, in ihrem Pmfionärkleide, die Schwester des Redak« teuis des radikalen Blattes„Borba". Noch um Mittemacht begaben sich die Majore Filow, Nikolajew und Rajtscho in ihre Kasemen, wo fie die Mannschaften in Bereitschaft hielten. Der Kapitän Sokolow, welcher vor einigen Tagen aus Bargas auf einen kleineren Posten versetzt worden war, damit ihn die Jansen und Hertha erklärten sich mit des Missionärs Vorschlag durchaus einverstanden, worauf die Indianer so- gleich aufgefordert wurde», die betteffenden Pferde herbeizu« bringen. Hertha nahm Abschied von der bei ihrem Kinde und unter der Obhut der Indianer zurückbleibenden Schwester, und nachdem der Bote die einzuschlagende Richtung genau bezeichnet, ritt fie in ihre» Onkel« und des Geistlichen Be- gleitung in die Nacht hinaus. I« dem Feldlager war eS um diese Zeit schon Mer geworde«. Die Musik war längst verstummt, ebenso hatten die Sänger sich zum größten Theil zur Ruhe begebe«, und nur noch ganz leise drang das summende Geräusch der vor den Feuem versammelten plaudernden Gruppen über die Grenze« der Postenkette«. Um so deutlicher ließen sich dafür die verschiedenartigen Töne unterscheiden, welche ein große« Militärlager zur Nacht« zeit gewissermaßen charakterifiren. Da erschallte da» laute Werda der Schildwachen und Doppelposten, so wie der feste Tritt der Patouillen, welche die wachhabende« Offiziere auf ihren Ronden begleiteten. Da wieherten und schnaubten die Pferde so behaglich an ihren Leinen, während andere noch mit scharfem Hufschlag ihre Retter von Feldwache zu Feldwache trugen. Die Feldwachen zeichneten sich alle schon von weitem durch ihre größeren Feuer au«, welche die ganze Nacht hin- durch unterhalten wurde«. Vor den Zeltteihen dagegen erlöschten die Gluthaufen allmälia, und nur noch hin und wieder schimmerte der schwache Schein eine« Lichtes durch die leinenen, straff gespannten Wände, hinter welchen vielleicht eine muntere Gesellschaft sich zu einem stillen Ge- läge zusammengefunden hatte, oder wo man noch stillerund heimlicher die über große Summen entscheidenden Würfel rollen ließ und zum Hazardspiel behutsam die Karten mischte.— Jansen, Hertha und der Missionär erreichten bald die erste Postenkette. Sie wurden angerufen, sodann nach der nächste« Feldwache begleitet, und als sie sich dort durch ihren Brief ausgewiesen hatten, erhielten sie einen Führer, der ihnen den Weg bis vor da» Zelt des Generals zeigte. Sie erwarteten, Alles in tiefster Ruhe zu finden, um Regierung unter den Augen behalte, bewog die berittene Gen- darmerie zum Uebertritt. Auf diese Weise schloß sich sämmt« Ii che Miliz und Gendarmerie der Opposition an, und als die aufständischen Bauem um 4'/, Uhr früh in dm Hof des Konaks einrückten, marschirte auch sämmlliches Militär zu ihrer Unterstützung unter Urah- Rufen, von ihren Majoren angeführt, in dm Vorhof des Konaks ein. Schon früher wurde» sämmtliche Kirchenthürme vom Militär besetzt, um die Sturmglocken anzuziehen. Ein Piquet der be- rittenen Gendarmerie bemächtigte stch sofort deS Bahnhofes und zerstörte daselbst die telegraphische Verbindung, eine In- fanteriewache besetzte die Telegraphenbureaur der Stadt selbst. Als die Ausständigen in den Konakhof einrückten, gabm sie einige Signalschüsse ab, und sofort begannen alle Glocken der Stadt das Siurmgeläute. Die seit einigen Tagen verstärkten Posten in der in das Innere des Konakgebäudes führenden Vorhalle wurdm von den aufrührerischen Offizieren abgelöst, und die mit Säbel, Revolver und Gewehr bewaffnete Amazone drang in die innerm Räumlichkeiten des Konaks und von dort in das Schlafzimmer des Gouverneurs ein und erklärte ihn im Namen des Volkes und der provisorischen Regierung für verhaftet. Es ist dies nämlich eine historische Sitte der Lul- garen, daß die Entthronung von einem Weibe vorgenommen wird. Unterdessen hielt Major Filow an die Truppm eine Ansprache, in welcher er die Vereinigung mit Bulgarien prolla- mirte, fie von ihrem dem Sultan geleistetm Eide lossprach, und indem er ihnen erklärte, daß fie von nun an unter dem Oberbefehl des Fürsten von Bulgarien stehe», forderte er sie auf, Alexander t., dem Fürstm der vereinigten Bulgarien, Treue zu schwören. Er schloß mit den Worten:„Nieder mit Ost-Rumelien, es lebe das vereinigte Bulgarien, es lebe der Fürst Alexander I.!" Ein donnemoes„Urah" und„Ja, wir schwören!" beantwortete diese Rede. Die unterdeffen ver- sammelte Militärmufik stimmte die bulgarische Nationalhymne an. Zugleich wurde eine Proklamation unter das in Folge des ununterbrochenen Alarms stark versammelte Volk vertheilt. Bald darauf fuhr der Galawagen des Gouvemeurs vor. Auf einmal ist eine allgemeine Stille eingetreten, nur das Stürmen der Glocken dauerte fort. In der Vorballe des Konaks er« schien Gavril Pascha, geführt von der Amazone. Ein allge- meines Zischen erfüllte die Luft. Er war in einen grauen Ueberzieher gekleidet, das Geficht ganz roth. Es schien, als od er die Lage nicht begreifen könnte, sein Blick streifte das im Hintergrunde stehende Militär, ein Hoffnungssttahl blitzte in seinen Augen.„Was bedeutet dies Alles?" fragte er den Major Nikolajew. Die Antwort war:„Euer Leben ist ge« sichert, beuget Euch dem Willen der Nation." Hierauf nöthigte man Chrestovich, den Wagen zu besteigen, und die junge Amazone nahm neben ihm mit gezogenem Säbel Platz. Langsam bewegte sich nun der Wagen, von den rebellischen Bauern umgeben, durch die Sttaßen der Stadt. Unter steten Rufen„Nieder mit Ost' Rumelien!" „Nieder mit dem Pascha!"„Hoch das vereinigte Bulgarien!" Oes durch die lange Tscharschia, durch die Eisenbahnstraße, Battsche und Ortamezar an allen Konsulaten unter immer- währendem Sturmläuten vorbei. Dann bewegte sich der Zug über die Maritzabrücke, und als er aus der Stadt herauskam, wurde der Wagen mit dem Gouverneur unter Bedeckung der Oppoltschentzen- Reiter im Karriere auf der Sttaße über Golemo Konare dem Fürstenthume zu cSkortirt. Kaum hatte der Zug den Platz vor dem Konak verlassen, als die Militärmufik die bulgarische Nationalhymne.Lsbuwi Maritza"(„Es braust die Mariya") anstimmte. Das Militär zog stch in die Kasernen zurück, und nur starke Piquets durchkreuzten die Stadt. Als das Werk vollbracht war, versammelte sich um 6 Uhr früh die Opposition in dem MunizipalitätS. Gebäude und wählte fol- gendes provisorisches Komitee: Dr. med. Stransky, Vocsivenver; Dr. med. Tschomakow, Vize- Präsident; Mitglieder: Major. Nikolajew, Major Filow, Major Rajtscho, Major Motkurow, Joachim Gmew, K. Pew, K. Kauschow, Z. Stojanow» D. Jurnkow, G. Dantschow, A. Samakowetz und T. Benew. Zugleich wurden von dieser provisorischen Regierung der Major Nikolajew zum General- Kommandirenden der Truppen, Major Rajtscho zum Stadtkommandanten und Kapitän Sokolow zum Kommandanten der Gendarmerie ernannt. Der Präsident Dr. Stransky begab sich persönlich an den Tele- graphen-Apparat, um das Resultat der bulgarischen Regierung und dem Fürsten Mexander bekannt zu geben. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte der beständige Wechsel ver Depeschen, bis schließlich daS Telegramm vom Fürsten selbst eintraf, in welchem derselbe„seine treuen Unterthanen" begrüßte und ihnen bekannt gab, daß er von Vama— wo er sich aufhielt— sofort nach Tirnowa reise, um das Manifest, dnrch welches er die Ver« einigung proklamiren werde, zu erlassen. Unterdessen rückten den ganzen Tag von allen Seiten bewaffnete Bauernschaaren an, welche im Umkreise der Stadt bivouakirten. Gegen Abend schwoll ihre Zahl auf 5000 Mann an. Daraus, daß Alle mit bulgarischen Fahnen mit der Aufschrift:„Vereinigung giebt Kraft" versehen waren und an den Kalpaks Löwen aus gelbem Bleche trugen, kann man auf die weit verzweigte Organrsation des AufstandeS schließen. Um 11 Uhr Vormittags ging der so mehr überraschte eS fie daher, das geräumige Zelt nicht nur ungewöhnlich hell erleuchtet zu sehen, sonder» auch zu gewahren, daß eine Anzahl gesattelter Offizierpferde vor demselben von Soldaten gehalten wurde, und daß der Ton von eifrig berathenden Sttmmen au« dem Innern von des Generals Wohnung bis zu ihnen drang. Eine Reihe Schildwachen umgab übrigen s das Zelt in weiterem Umkreise, doch weniger der Sicherheit wegen, als um unberufene Lauscher fern zu halten. Jansen überreichte de» Brief einer Ordonnanz mtt dem Ersuche«, de» General von ihrer Ankunft in Kenatniß zu setzen. Der Soldat verschwand hinter der Leinwandthür, kehrte aber sogleich wieder zurück, in jeder Hand einen Feldstuhl ttagend. „Der General bedauert, nicht augenblicklich zu Euer« Diensten stehe« zu können," sagte er höflich, die Stühle vor da» Wachtfeuer hinstellend,„er richtet daher die Bttte an Euch, einige Minuten zu verziehen und es Euch so bequem zu machen, wie eS da« Lebe« im Felde eben gestattet." Sodann die Pferde der Fremden, die unterdessen abgestiegen waren, an de« Zügeln ergreifend, zog er sich mit denselben bis hinter die nächsten Schildwache« zurück. „Es wird Kriegsrath gehalten." bemerkte Jansen nach einer längern Pause erwartungsvollen Schweigen«,„kein gutes Zeichen für die längere Dauer des Friedens; hoffent- lich ist Alles nach Deinen Wünschen geordnet, ehe der erste Kanonenschuß fällt," fügte er zu Hertha gewendet hinzu, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie bei seinen erste« Worten erschreckt zusammenfuhr. „Offenbar sind e« ganz unerwartete Geschäfte, welche den General verhindern, unS gleich zu empfangen," versetzte der Missionär;„eS wäre uns wohl kaum zu heute Abend die Aussicht auf eine Zusammenkunft eröffnet worden, hätte er gewußt, daß er noch so spät von anderen Setten in An» spruch genommen werde» würde." Hertha entgegnete nicht«. EineStheilS hatten ihre Be- sorgniste um Weatherton jetzt den höchsten Grad erreicht, anderntheil» fiel ihr schwer auf's Herz, nunmehr vor Aug mit W Sapeurs unter dem Kommando des Kapitäns Petrow ab, um den Bahnkörper und die Brücken an der tür- kiichcn Greize zwischen Mustapha Pascha und Harmanlic zu zerstören, was auch schnell durchgeführt wurde. Um 9 Uhr Abends wurde der erste Zug mit Soldaten und Reservisten(gegen 1000 Ma-m) an die türkische Grenze befördert, und am 19. folgte ihnen der zweite Zug. In der ganzen Stadt herrscht großer Enthustasmus, zugleich aber auch die größte Ordnung. Nur ein einziger Zwrschenfall hat fich am Freitag gegen Mittag er- eignet. Es wurde nämlich der Verdacht rege, daß der Post- direktor Thodorow, ein übel beleumdeter Mann, Malversationen begangen hätte, und da er fich weigerte, die Schlüssel der Kasse zu übergeben, so erließ die provisorische Regierung einen Haft- befehl gegen ihn. Als Major Rajtscho den Haftbefehl mitten auf dem Dschumaja'Platze vollziehen wollte, feuerte Thodorow gegen ihn plötzlich drei Schüsse ab und Rajtscho fiel zu Boden. Thodorow flüchtete fich dann in ein an dem Dschumaja-Platze liegendes Kaffeehaus, von wo er auf die nachsetzenden Eol- daten wiederholt Schüsse abfeuerte und einige derselben ver- wundcte. Nach einer längeren, beinahe eine halbe Stunde dauernden Jagd wurde endlich Thodorow von einer Kugel niedergestreckt. Die Volksmenge riß seinen Körper förmlich in Stücke. Major Rajtscho ist schwer verwundet und man zweifelt an seinem Aufkommen. Auch auf dem Lande herrscht überall Ordnung. In Tschirpan, wo der Aufstand um einige Stunden früher begonnen, ist es zu einem Zusammenstoße zwischen den Bauern und dem Militär gekommen, vier Mann find gefallen und zwei verwundet. Die später aus Philippopel eingelangten Telegramme haben jedoch weitere Zusammenstöße verhindert und das Militär fügte fich der provisorischen Regierung. Gro tzb ritaunien. * Der landwirthschaftliche Ausweis von Großbritannien pro 1885, den das landwirthschaftliche Departement des Geheimen Raths veröffentlicht hat, bietet eine vortreffliche Illustration zur Geschichte der Latifunoienwirthschaft. Das mit Weizen destellte Areal in diesem Jahre umfaßt 2 375 318 Akres, das ist eine Abnahme von 293 720 Aires oder 110« pCt. im Vergleich mit dem vorigen Jahre, was eine kleine Zunahme gegenüber 1883 ergab. Bei Gerste und Hafer stellten fich Zunahmen von respektive 4 und I pCt. im Ver- öleich mrt dem letzten Jahre heraus. Kartoffeln weisen eine Abnahme von nahezu 3 pCt. auf, und Hopfen eine Zunahme von 3 pCt. Die Auswerse über den Viehstand stellen die An- %%%%& Z,'fÄ« S nähme gegen 1883 fich auf 10-/« pCt. stellt. An Schafen und Lammern betragt die Zunahme resp. 1 pCt. und 3V« pCt. im Vergleich mit dem vorigen Jahre; es find 16 537607 Schafe und 9 997 028 Lämmer vorhanden. Bei den Schweinen stellt fich indcß eine Abnahme von etwa 7 pCt. heraus; ihre Anzahl deträgt 2 403 380. In 1884 ergab fich eine Abnahme von 8'/« pCt. gegen 1883. Die Ausweise ergeben daherj, daß noch immer Land dem Weizenbaul ent« zog en und in Weideland verwandelt wird.— Bekanntlich herrscht in England der Großbetrieb. Derselbe hat auf dem Gebiete der Agrikultur dieselben Zustände geschaffen, wie in der Industrie. Den Grundherren wie den kavitalistischen Pächtern steht die große Masse des ländlichen Proletariats gegenüber, der Kleinbefitz, der Bauernstand ist bereits auf- geschluckt worden. Bis heute ist die Behauptung John Bright's nicht wiederlegt worden, daß die Hälfte deS englischen BodenS 150, die Hälfte des schotlischen Bodens 12 Grundbesitzern gehört. Der feine kapitalistische Instinkt, der auch die stolzen Barone angelsächflschen und normanischen Abstammung be- fielt, hat fie gelehrt, im Laufe der Jahrhunderte die freien Bauem vom Haus und Hof zu treiben und mit Hilfe der von ihnen gemachten Gesetzgebung Gemeindeländereien, Kirchen« guter, Freikaffengüter zu annektiren. Es ward allgemein ge- übte Praxis, die bisherigen Bewohner durch massen- baftes Wegfegen der auf dem Arbeitsfeld gelegenen Hütten in Dörfer und Städte zu treiben, um daS Ackerland in Vieh« weide zu verwandeln. Diese agrikole Revolution fand ihre Er« Sänzung in beständig wachsender Anwendung der Maschinerie, ie tausende von Händen überflüsfig machte. Statt Menschen Hümmel, das war, das ist die Losung. Die Herzogin von Sutherland ist das Muster für die Art und Weise, in welcher die Aristokratie jenseits des Kanals dieS-„Clearing of Eatateg", d. h. das Lichten der Güter, das Wegtreiben der Menschen von denselben vorstand und versteht. Diese noble Dame hat von 1814 bis 1820 aus ihrem Gebiet 15000 Einwohner, etwa 3000 Familien, systematisch verjagt, die Dörfer niederreißen lassen, die Felder rn Schaftristen umgewandelt. Sie eignete sich dadurch 704,000 Akres Land an;„im Jahre 1825 waren die 15,000 Gälen(Urbewohner) bererts ersetzt durch 131,000 Schafe." Dafür ist auch das britische Ackerbauproletariat in der allererbärmlichsten Lage: der industrielle Arbeitsmarkt wird von den ländlichen Arbeitern, die zu billigsten Preisen und unter den kläglichsten Bedingungen schaffen, überfluthet. Thut nichts, die Einkünfte der edlen Lords find kolossale, und der industriöse Sinn der Herren zeigt fich darin, daß fie ein neues Mittel gefunden haben, ihre Revenüen zu mehr. Thatsäch- einen ihr vollständig fremden Mann hinzutreten, um ihn um Verwendung für Jemanden zu bitten, welche« er nicht kannte. Ihr Herz pochte stärker und stärker, und nur gezwungen und einsilbig waren die Antworten, welche sie dem Missionär und ihrem Onkel ertheilte, wenn Beide, ihre Gemüths- stimmung vielleicht errathend, sie in eine Unterhaltung hin- einzuziehen wünschten. Eine halbe Stunde verrann; da wurden die Stimmen in dem Zelte plötzlich lauter; Klirre« von Säbel« und Sporren ertönte, und gleich darauf traten zehn oder zwölf ältere Offiziere in's Freie, die«ach ihren Pferden riefen. Es entstand sodann ei« geräuschvolle» Gewirr. Die ungeduldigen Pferde stampften, die Waffen und die metalle- »en kheile an Sattel- und Zaumzeug rasselte«, scherzhafte Worte und derbe Flüche schallten dazwischen, hin und wieder stahl sich auch wohl ein neugieriger Blick zu Hertha hin« über, und m der nächsten Minute sprengten die einzelne« Mitglieder der Gesellschaft nach verschiedenen Richtungen davon.. Um daS Zelt war es still geworden; die Soldaten, welche so lange die Pferde gehalten hatten, entfernten sich, und nur in dem Eingänge des Zeltes blieb noch ein ält« licher Herr in einfachem blauen Militärrock und Feldmütze »nri äää,«-»» erhoben hatte», und zwischen d'ese« die von dem Wachfeuer grell beleuchtete Gestalt Hertha'-, welche mrt emem unbo- WAIDK verkennbarer Wärme die ganze Art und Weise, m welcher Weatherton in Gefangenschaft gerathe» sei, wobei er»och besonders hervorhob, daß derselbe IN lich wird ein Theil der Schafttist zmückoerwandelt in Jagd- revier. Die Verpachtung derselben ist äußerst einttäglich, und wenn die Lords dasselbe auch selbst benutzen, fie find reich genug, ein wenig Abstinenz zu treiben.— Solche Blüthen treibt der Großgrundbefitz auf kapitalistischer BafiS. WaS beweist, daß bald Wandel geschaffen werden muß; durch Parzellen- bauernwirthschaft kommt er aber gewiß nicht. — Der Exminister Chamo erlain hält noch immer radikale Wahlreden. Er hat fich mit Gladstone überwarfen, well ihm das von den Liberalen aufgestellte Programm nicht radikal genug ist. In der großen Viktoriahalle, am Eüdende London», hielt Chamberlain vor dm Arbeitern einen längerm Vortrag und betonte die Puntte, welche in das Programm der Liberalen aufgenommen werden müßten. Eine halbe Stunde vor Beginn der Versammlung war die große Viktoria- balle überfüllt. Kopf an Kopf gedrängt standen dort die Leute, Männer und Fraum— denn in England ist es keiner Frau untersagt, an einer politischen Versammlung thellzunehmen— und vertrieben fich die Zeit mll dem Abstngm politischer Lieder. Immer neue Schaaken drängten fich herzu, so daß schließlich, um daS Begehrm der hörlustigen Menge, die draußen vor den Thüren auf undfab wogte, zu befriedigm, der Vorfitzmde, John Morley, mehrere radikale Deputirte, darunter auch Bradlaugh, ersuchte, außerhalb des Gebäudes einige sogenannte overfiow- weetings zu veranstalten. Dadurch wurde erst die Ruhe so- weit wieder hergestellt, daß Chamberlain seine Rede ungestört zu Ende bringen konnte.„Drei Dinge", sagte der Redner, „find es, auf deren Erledigung ich dringe. Erstms habe ich schon darauf hingewiesen, daß die Besteuerung geam- wärtig ungerecht ist und die arbeitmdm Klassm hart bedrückt. Sie mußte so reformirt werden, daß fie allen Klassen der Steuerzahler des Landes gleiche Opfer auferlegt." Redner plaidirte dann für eine p r o g r e s« s i v e Steuer. Als zweite Forderung machte derselbe die Un- entgeltlichkeit des Unterrichts in den Volksschulen geltend. Als drittm Punkt führte Chamberlain dann den Vorschlag an, daß die Kommunalbcbörden überall die Vollmacht erhaltm sollten, Land zu exprovriiren zu gemeinnützigen Zwecken und zwar be« sonders zur Zerschlagung größerer Güterkomplexe in klein- bäuerliche Pachtungm, die den Landarbeitem in Pacht ge« aeben werden sollten.— Wenn nun auch der letztere Vor« schlag, soweit er die Theilung größerer Güterkomplexe betrifft, nicht dazu angethan ist, Abhilfe zu schaffen, so ist doch anzu- erkennen, daß die ersten beiden Forderungen vollständig korrekt find. Allem Anscheine nach bricht fich der Gedanke, daß nur die Gesetzgebung durch ttef gehende sozialreformatorische Maß« nahmen die wirtschaftlichen Verhältnisse bessern kann, auch m dem manchesterlichm England mit ungewöhnlicher Schnellig- keit Bahn. Amerika. Im brasilianischen Parlament haben die seit Jahren heftigsten Kämpfe zwischen den Volksvertretern und dem Ministerium wegen Aufhebung der Sklaverei stattgefunden. Im Mai dieses Jahres schied nach einjähriger Wirksamkeit das Kabinet Dantas aus dem Amte; das daraus ans Ruder berufene Ministerium Saraioa hielt fich nur drei Monate lang; beide mußten demisfioniren, weil die Mehrheit der Deputirtenkammer die Gesetzentwürfe betreffend die Auf« Hebung der Sklaverei hartnäckig verwarf. Wie jetzt eine Kabel- depesche aus Rio de Janeiro meldet, ist das vor etwa sechs Wochen geblldete Kabinet Cotegipe glücklicher als seine Vor- gänger gewesen. Beide Kammern haben den Gesetzentwurf über die Aufhebung der Sklaverei in Brafilien angenommen. Das von beiden Kammern Brastliens angenommene Gesetz zur allmältgen Abschaffung der Sklaverei bestimmt, daß alle Skia« ven, welche über 60 Jahr alt find, sofort frei erklärt werden. Die übrigen werden in Klaffen, je nach dem Alter und Werthe getheilt, und diese sollen erst nach 17 Jahren alle frei sein. In dem Maße, als die Sklaven älter werden, kommen fie in diejenige Klasse, welche den nächstniedrigeren Preis hat. Der gegenwärtige Emanztpationsfonds bleibt erhalten und ein anderer Fonds wird durch Erhebung einer Steuer von 5 pCt. von allen öffentlichen Revenuen geschaffen. Ausgenommen von dieser Besteuerung ist der Export. Die Sklavenhalter werden entschädigt durch Zahlung von 5proz. Polizen, welche der Hälfte, des Werthes eines jeden Sklaven entsprechen. Wenn zugleich als Entschädigung für die andere Hälfte ihres WertheS angesehen. Es steht jedoch zu hoffen, daß die vollständige Befreiung der Sklaven viel schneller erfolgen wird, als dre sklav akratische Mehrheit der beiden brafilianischen Kammern be- schloffen hat, denn die zahlreichen EmanzipationS Gesellschaften entwickeln eine immer lebhaftere Thätigkeit. So hofft man, daß die Sklaverei in Brafilien als Institution in fieben Jahren ganz verschwunden sein wird. — In Kanada drohen neue Schwierigkeiten und zwar diesmal von Seite des franzöfischen Elements in den Städten. Die„Nat.> Ztg." erhält darüber folgende telegraphische Mit- theilung: der Mitte der fich zum energischsten Widerstand rüstenden Mormonen sich wohl nicht ganz ungefährdet fühlen dürfe. Er mache daher unter der Hand dem General die Anzeige, damit er gegen sofortige Entlassung der in seiner Gewalt befindliche« Gefangene«, auf offiziellem und daher ganz sicherem Wege, Weatherton'» Freiheit verlangen könne. „Aber was kann einen Seeoffizier veranlaffev, sich zur jetzigen Zett in das Herz des Mormonenlandes zu begeben?" fragte der General, und etwa» von der zwischen der Marine und der Landarmee herrschende« Eifersucht tag im To» seiner Stimme. „Rur edle Beweggründe, General, glaubt e» mir, veranlagten ihn zu der langen, beschwerlichen Reise, es giebt nicht», was ihm zum Vorwurf gemacht werde» könnte," »ahm Hertha das Wort, und indem sie sprach, spielte eine holde Verwirrung auf ihren liebliche» Zügen. Der General blickte Hertha eine Weile bewundernd an, während ei» gewisses Verfländniß ihrer Lage au« seine« Augen leuchtete. Ohne Zweifel schwebten ihm noch Frage« auf der Zunge, die gewiß nicht dazu beigetragen hätten, ihre Verlegenheit zu verringern. Es offenbarte sich indessen in ihrer ganzen Erscheinung ein so rührender Ausdruck ban- 8er Beforgniß, daß er damit zurückhielt, und eben nur da» erührte, was gerade Jansen'» Anliegen, welches Hertha so muthig und in so überzeugender Weise unterstützte, betraf. Die Theilnahme aber, welche Hertha für den Seeoffizier an den Tag legte, war ei« besserer Fürsprecher, als e» die ganze Mormonengemeinde zusammengenommen je hätte sein können. „Ihr meint also, daß durch die Entlassung der in meiner Gewalt befindlichen Gefangenen, welche übrigen» nicht de« geringste« Werth für mich haben, Euerm See- osfizier geholfen werde?" fragte er endlich, indem er fich an Jansen wendete. „Da» ist nicht genu�, Herr", entgegnete der Mormone bestimmt,„um ihn gänzlich vor bösen Folgen zu bewahren, müßt Ihr durch ein offizielle» Schreiben seine augenblickliche Freiheit fordern." „So, also für einen jungen Abenteurer, der fich ge« müßigt gesehen hat, seinen Kopf in den Rachen einer grim- London, 29. September. Die ftanzöfischen Einwohner von Montreal widersetzten fich der Zwangsimvsung, zogen in der letzten Nacht durch die Straßen, warfen die Fenster deS Stadthauses und des Gesundheitsamtes ein. Sie versuchten dann das Haus deS Gesundheitsbeamten in Brand zu stecken und feuerten mehrere Pistolenschüsse ab unter dem Rufe; „Nieder mit den Engländern, Tod dem Impfen!" Der Tumult währte biS nach Mittemacht. Die Polizei war machtlos, der Mayor war krank' man fürchtet weitere Ruhestörungen und Militär wird in Bereitschaft gehalten.— Ob die Einführung der Zwanasimpfung nur den Vorwand zu den Tumulten gegeben habe, und ob diese nicht vielmehr mit dem Aufstände der Mischlinge und dem Prozeß Riel zusammenhängen, bleibt abzuwarten. Gerichts-Zeiwng. o. k. Die Reichstags-Abgeordneten v. Vollmar, Bebel und Genossen wegen Theilnahme an einer ge« Heime« Verbindung vor Gericht. Chemnitz, den 30. September. Dritter Tag der Verhandlung. Bezüglich des gestrigen Referates ist berichtigend zu bemerken, daß Bebel nicht sagte: „Wir haben früher der Polizei das Erscheinen der Wahlflug- blätter stets angezeigt," sondem:„Wir hatten früher keine Ur« fache, der Polizei das Erscheinen der Wahlflugblätter zu ver» heimlichen." Ferner hat Bebel nicht gesagt:„an ihn gesandte Briefe würden auf der Post angehalten und erbrochen," sondern: „derartige Briefe verschwanden vielfach und Beschweiden warm, da gewöhnliche Briefe nicht registrirt werden, erfolglos."— Der yeutigen Sitzung, die Landgerichtspräfident Brückner gegen 9 Uhr Vormittags wiederum eröffnet, wohnt der Polizeidirektor Dr. Brettschneider(Leipzig) bei.— Es nimmt heute gleich das Wort Oberstaatsanwalt Schwabe: Die gegenwärtige Angelegenheit ist weit über Ge« bühr in der Presse aufgebauscht worden. Es handelt fich hier nicht um das Wesen der Sozialdemokratte überhaupt, sondem um die rein juristische Frage: ob die Sozialdemokraten im Sinne der§§ 128 und 129 des Strafgesetzbuches geheime Verbindungen unterhalten haben. Bei Beurtheilung der gegenwärtinen Sachlage ist es erforderlich, einen historischm Rückblick auf die Entstehung und Entwickelung der sozial« demokratischen Partei zu werfen. Daß die sozialdemokratische Partei vor dem Sozialistengesetz eine Verbindung im Sinne deS Gesetzes war, ist von den Sozialdemokraten niemals destritten worden. Sie hattm ein bestimmtes Programm, Statutm, Beamte, Preßorgane u. s. w. Nun kam das vielgeschmähte Sozialistengesetz. Die sozialdemokratische Partei verschwand von dieser Zeit ab von der äußeren Bildfläche. Allein im Geheimen bestand die Organisation weiter. Dies wurde sogar von den sozialdemokrattschen Abgeordneten im Reichstage zu- gestanden und zum Theil ganz besonders betont. Nun sagt der Abgeordnete Bebel: Es bestand wohl eine Organisation fort, das war aber nur eine Organisatton, die auf persönlicher Fühlung beruhte, eine Organisation von Mann zu Mann, ein geistiges Band. Nun, ich gebe zu, das geisttge Band, das die Sozialdemokratte umschließt, bildet den Kempunkt ihrer Orga- nisation. Allein, meine Herren Richter, Sie werden nicht an» nehmen können, daß lediglich eine auf persönlicher Fühlung be« ruhende Organisatton bestand. Leute, mit so großer geistiger Begabung, wie fie den Führern der Sozialdemokraten eigen, wissen Mittel und Wege zu finden, die Organisation fonzu- setzen. Dafür spricht'ja auch der mit Vorliebe gebrauchte Aus-' spruch:„Wir pfeifen auf das Gesetz." Aus den Kongreßpro. tokollen u. s.w. aeht hervor, daß die Konferenzen. Kongresse und sonstige Zusammenkünfte rnchl nur abgehalten wurden, um daS geistige Band aufrecht zu erhalten, sondern daß es fich rn der Hauptsache um die Befestigung einer formellen Or« Samsation handette. Dafür spricht auch zunächst, daß diese iongreffe-c. sich haupssächlich mit der Organisationsfrage be« schaftigten. Daß eine Parteileitung bestanden, geben die An« �klagten selbst zu. Daß diese Parteileitung die weitgehendste Vollmacht besaß, geht aus dem Umstände hervor, daß fie sogar die Befugmß hatte, den Abgeordneten Haffelmann auS der Partei auszuschließen. Was heißt Ausschluß aus der Partei? Damit kann doch nicht blos gemeint sein: Ausschluß aus der geistigen Gemeinschaft, sondem es kann darunter nur verftan« den werden, daß der Ausgestoßene aller Rechte und Pflichten verlustig gehen solle. Ein Ausschluß aus der Partei kann doch nur erfolgen auS ttner, auf einer formellen Organisation be- ruhende" Partei. Daß Gruppenbildungen bestanden haben, ist ÄÄÄMzrÄteÄ aus dem Konaresse vertreten waren. Die Partei hat aber auch Beamte unterhalten, es wurden Vertrauensmänner gewählt ,c. s..(AftÄ%b4Jr,,¥"«*** „Mann, Ihr habt Recht," antworte der General, nun« % Mormonen sollen ihn unverletzt herausgeben, und müßte ich seinetwegen jede verdammte Hütte in dem Mormonen« « > fügte er gutmüthig und mit einer höflichen Ver- beugung gegen Hertha hinzu,„ich wollte damit nur zu verstehen geben, daß e» an meinem guten Willen nicht fehlen s°?,' dem bewußten Gefangenen seine Freiheit wieder zu verichasten." 0 »Und Ihr werdet den Brief bald schreiben, so daß wir Äxnt% ÄfHsÄ mochte. „Ja, mein schöne» Kind, wenn Ihr e» münscht, so setze ich mich noch m diesem Augenblick hin, um Alle« zu schreiben, wa« Ihr nrn nur immer in die Feder zu dikttre« beliebt, erwiderte der General zuvorkommend,„aber ick bitte darum, nehmt Platz; ich habe noch mehr zu Eurer Be« ruhigung hinzuzufügen, und da der ehrwürdige Herr hier auch wohl einige Worte an mich zu richten hat, so dürste unsere Zusammenkunft zu lange dauern, um sie stehend zu beendigen." _»ie Anaeredeten setzte« fich dem General gegen« über auf Feldstühle Nieder, worauf dieser ebenfalls Platz «ahm und auf ein Packet Papiere wies, welches auf dem Tische lag. „Jene Depeschen trafen vor ungefähr anderthalb Stunden von Washington ein," begann er,„und die Stach- richten, welche fie enthaften, waren Ursache, daß ich Euch, ganz gegen meine Gewohnhest, so lange draußen warten "kß.(Fortsetzung folgt.) a bekanntlich sehr opferfreudig ist, besaß einm AartationSfondS, einen FlugschnftenfondS.einenDiätenfondS.etnen Unterftützungs- fonds, einen Archivfonds und ferner eine große Druckerei. DrcS wrich: doch ganz deutlich für das Vorhandensein einer aeschloffenen Organisation. Es ist nun von den Angeklagten bestritten tvorden, vaß die Vereinsdruckerei in Zürich Cigenthum der Partei sei. Nun jedenfalls hatte die Parteileitung die Oberaufsicht über dieselbe. Eine Partei, die so viele Vermögensstücke besaß, Kongreffe, Konferenzen ic. abhielt, zu denen Delegirte gewählt, deren Mandate geprüft wurden jc. setzt zweifellos eure ge- schlossene Organisation voraus. Es ist undenkbar, daß eine verartige umfangreiche Thätigkeit von einer Partei ausgeübt werden kann, die lediglich durch ein geistiges Band verbunden ist. Der Angeklagte Bebel hat uns eine Nummer des„So- zialdemokrat� überreicht, in dem ein ministerieller Erlaß abge- druckt war, der die deutschen Polizeibehörden auffordert, auf zas Treiben der Sozialdemokraten Acht zu aeben und von Zeit zu Zeit Bericht zu erstatten. Wer den„Sozialdemokrat" nur zberflächlich liest, wird finden, daß in jeder Nummer eine An- zahl Unwahrheiten enthalten find. Der„Sozialdemokrat" ist omit für mich kein Beweis. Allein angenommen, der ministe- nelle Erlaß beruhe auf Wahrheit und es sei trotzdem den deutschen Polizeibehörden nicht gelungen, eine geschloffene Or- zanisation nachzuweisen, so beweist dies doch bloß, daß die Sozialdemokraten derartig klug operiren, daß die deutschen Polizeibehörden ihnen nicht ankommen können. Es wird ja auch den Patteigenoffm unaufhörlich strenge Verschwiegenheit n allen Dingen empfohlen. Das ist sehr erklärlich; die Führer der Sozialdemokraten wiffen sehr genau, daß, würde ihre Organisation der Behörde bekannt, diese auf Grund des Sozialistengesetzes verboten werden würde. Der Angeklagte Auer sagte:„Aus unserem ganzen Verhalten ging hervor, daß wir eine Bei schwörungen getnebm haben;" allein darum handelt es fich hier auch nicht. ES ist hier kein Hochverrathsprozeß, andern es handelt fich bloS um die Frage: liegt eine Verletzung der§§ 128 und 129 deS Strafgesetzbuches vor? Daß eine ge- schloffene Organisation vorhanden gewesen, hat die Verhandlung zweifellos ergeben. Nehmen Sie dies an, m. tö. Richter, dann verdcn Sie auch annehmen müffen, daß die Zwecke und Ziele dieser Organisation vor der Staatsregierung geheim gehalten werden und letztere bezwecken sollte, das Sozialistengesetz un« wirksam zu machen. Daß die Geheimhaltung blos erfolgte, um persönliche Dinge nicht in die Oeffentltchkeit gelangen zu lassen, kann nicht angenommen werden. Wenn auf dem Kovenhagener Kongreß das innere Leben der Pattei zum Gegenstande einer Berathung gemacht und die Parole ausgegeben wurde, über diese Debatte strenge Verschwiegenheit zu beobachtm, so kann dies nicht blos geschehen fein, um schmutzige persönliche Dinge nicht in die Oeffcntlichkeit gelangen zu lassen. Ich erwähne noch, daß sogar auf dem IBydener Kongreß beschlossen wurde, das Wort„gesetzlich" aus dem Programm der Partei zu streichen. Der Angeklagte Auer sagte:„Wir waren genöthigt, das zu thu«, da wrr nach Erlaß des Sozialistengesetzes für vogelftet erklärt wurden, dmn man oerbot Alles, was von den Sozialdemokraten ausging." Nun, so schlimm ist es niemals gewesen. Die deutschen Behörden haben lediglich das verboten, was einen Verstoß gegen das Sozialistengesetz involvitte. Es ist danach klar, daß Vre Orga- nisatton bezweckte, die Zwecke der Sozialdemokratie mit ungcsetz' lichen Mitteln zu verfolgen. Daß die gegenwärtigen An geklaaten zu den Theilnehmern dieser geheimen Verbindung gehört haben, dürste keinem Zweifel unterliegm. Ich halte nach den Ergebnissen der gegenwättigen Verhandlung die Angeklagten für schuldig und beantrage deren Veruttheilung. Vertheidiger Rechtsanwall Freytag I(Leipzig): Meine Herren Richter! Ich bin mit dem Herrn Oberstaatsanwalt ein- oerstanden, daß es fich hier nicht um das Wesen der Sozial- demokratie und ihre Prinzipien, sondern lediglich darum han« delt: haben die Angellaaten eine Verbindung unterhalten, deren Dasein, Zweck und Verfassung der Staarsreowrung geheim werden sollte, und zwar zu dem Zwecke, um das Sozialistengesetz unmöglich zu machen. Nicht einverstanden bin ich jedoch mit dem Herrn Oberstaateanwalt, wenn er seine Behauptungen auf Vermuthungen stützt. Wir haben es lediglich mit dem zu thun, was hier verhandelt worden ist, aber nicht mit dem, was giter den Kouliffen spielt. Lediglich die Ergebnisse der Ver- ndlung können für den Richter maßgebend sein. Ich bin dem Herrn Oberstaatsanwalt sehr dankbar, daß er die histo- rische Entwickelung der Sozialdemokratte uns vorgeführt hat. Daraus haben wrr gesehen, daß bis zum Erlaß deS Sozia- listengesetzes eine geschlossene Organisation der Sozialdemokraten Deutschlands bestand. Als das Sozialistengesetz jedoch ins Leben ttat, löste fich die Organisation sofort auf. Nun sagt der Herr Oberstaatsanwalt: die Organisation verschwand blos von der äußeren Bildfläche, im Geheimen bestand ste jedoch weiter. Einen Beweis hat uns der Herr Oberstaatsanwalt hierfür nicht erbracht. Daß das Sozialistengesetz die hunderttausende von Sozialdemokraten sofort wegblasen konnte, hat man wohl nicht erwartet. Ein geistiger Zusammenhang blieb selbst- verständlich auch nach dem Sozialisten« Gesetz bestehen, allein die Parteileitung in Hamburg zeigte der Behörde sofort ihre Auslösung an, alle Lokal- Vereine lösten fich auf, die sozial- demokratischen Zeitungen wurden verboten, die Druckereien ge- schloffen, die formelle Organisation war zerstört. So lange die Organisation bestand, war es erforderlich, um Mitglied der sozialdemokratischen Pattei zu werden, daß man ganz diren fernen Beittttt erklärte, fich zur Enttichtung der Patteisteuer verpflichtete, die Statuten und das Programm der Pattei anerkannte. Alle diese Dinge find doch die nothwendige Vor« auSsetzuna einer geschlossenen Organisation. Allein nichts von alledem hat die Verhandlung erbracht. Nun sagt der Oder« staatsanwall: eine Parteisteuer kann auch in Form freiwilliaer Beittäge gegeben werden. Freiwillige Beiträge sprechen aber in keiner Weise für eine geschlossene Organisation. Allerdings befitzt die Pattei verschiedene Fonds. Diese wurden jedenfalls durch freiwillige Beiträge gebildet. Wir haben gehött, daß, als daS Sozialistengesetz erlassen wurde, ein großer Nothstand innerhalb der Sozialdemokratie entstand. Es wurde eine große Anzahl von Sozialdemokraten auS Berlin ausgewiesen, Redakteure, Expedienten, Schriftsetzer rc. wurden brodloS. In solcher Lage ist es erklärlich, daß die besser fituirten Sozialdemokraten diese durch daS Sozialisten- Gesetz geschädigten Patteiaenoffen unterstützten. Solchergestalt wurden Fonds gebilvet. Der Oberstaatsanwalt meint: so viele Fonds können kaum unentgelllich verwaltet werden. Nun eS steht fest, daß die meisten Fonds, wie der Diätenfonds, der Unterstützungsfonds u. s. w. von der Patteilettung, die anderen Fonds in Zürich verwaltet wurden. Die Patteileitung war keine gewählte, sondern bestand stets aus den jeweiligen sozialdemokrattschm Reichstagsabgeordneten. Daß dieselben den Abg. Haffelmann ausgestoßen baden, spricht doch auch nicht im Mindesten für eine geschlossene Organisation der Pattei. Haffelmann wurde zunächst aus der Reichstags- ftaktion ausgeschlossen, eine Handlung, die doch jeder Reichs- tagstraktion zusteht. Würde eine solche Ausschließung eine ge- schlossene Organisation bedingen, dazu mußte die Zentrumspar tei ebenfalls eine geschloffene Organisatton besitzen, denn bekannt- lich hat diese dm Abgeordneten Crcmer vor einiger Zeit von fich ausgeschlossen. Der Oberstaatsanwalt behauptet ferner, es hättm Äruppenbildungen bestanden. Nun eS ist ja möglich, daß die Breslauer, die Äünchener Sozialdemokratm u. s. w. Versammlungen abgehalten haben, eine Handlung, die doch jedenfalls nicht verboten ist. Allein wenn wirklich Gruppen- bildungen bestandm und diese mit der Patteileitung Verbin- dung unterhalten hättm, dann mürde unS wohl der Ober- staatsanwalt den Beweis für diese Handlungsweise gefühtt haben. 'Nirgends ist nachgewiesen worden, daß die Pattei besoldete Beamte hat; im Gegentheil auf dem Wydener Kon« greß ist direkt betont worden, daß die Pattei keine besoldeten Beamtm habe. Der Oderstaatsanwalt bat ohne Weiteres an- genommen, daß die Buchdruckerei in Zürich Eigenthum der Partei ist, den Beweis hierfür ist er unS aber schuldig geblie- ben- Der„Sozialdemokrat" war allerdings das Organ der Pattei. Allein dieS spttcht doch noch keineswegs für eine ge- schloffene Organisatton. Der„Sozialdemokrat" war in derselben Weise das Organ der Sozialdemokratm, wie etwa die in Berlin erscheinende„Germania" das Organ der Zentrumspattei ist. Niemand wird aber aus dem letzteren Umstände zu der Folgerung gelanam: die Zentrumspartei hat eine geschlossme Organisation. Es ist richtig, die sozialdemokratische Arbeiter- pattei besteht nach wie vor. Das geistige Band zwischen den einzelnen Sozialdemokra- ten besteht weiter und diese fühlen auch das Bevürfniß, von Zeit zu Zeit einen Kongreß abzuhalten, an dem Jeder theil- nehmen kann, der fich zur Pattei bekennt. Dies bedingt keinerlei geschlossme Organisatton. Die nationalliberale Pattei, die ZenttumSpartei u. a. habm vor einiger Zeit ebenfalls Par- teitage abgehallm. Niemand wird aber aus der Abhaltung dieser Parteitage eine geschlossene Organisation entdecken. Die Verhandlung hat ergeben, daß nur eine einzige Ver- ttaumsmänner- Versammlung und zwar in Berlin stattgefun- den bat; diese war aber polizeilich angemeldet. Der Oberstaatsanwalt sagte: Wenn die deutschen Polizei- behörden nichts von dem Vorhandensein einer Organisatton mtdeckt haben, so ist ldies nur ein Beweis, daß die Sozialde- mokratm ihre Organisatton derartig zu verbergen wußten, daß ihnen nicht beizukommm war. Nun, bei aller Hochachtung vor der Intelligenz der sozialdemokrattschm Führer, halte ich doch dafür, daß die deutschen Polizeibehörden bei ihrer großen Findigkeit wohl die Organisation entdeckt hätten, wenn fie eben vorhanden gewesen wäre. Der Oberstaatsanwalt sagt: Wenn eine geschloffene Verbindung vorhanden war, dann war fie eine geheime. Der Herr Oberstaatsanwalt läßt ganz außer Acht, baß die Sozialdemokraten in jeder Beziehung vollständig öffmt- lich handelten. Sie laden öffentlich zu den Kongressen ein, berichten über alle stattgehabten Versammlungen, quittiren öffentlich über alle eingegangenen Gelder. Der„Sozial- demokrat", in dem alle diese Veröffentlichungen geschehen, wird aus dm Straßen ZünchS öffmtlich verkauft, jeder Mmsch in Deutschland hat das Recht, auf diese Zeitung zu abonniren ja ich fbin überzeugt, jeder Staatsanwalt in einer größeren Stadt ist Abonnent des Blattes, gerade so wie ich persönlich es auch bin. Das Gesetz spricht aber von„geheimen Verbindungen, deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der Etaatsre gierung geheim gehalten werden soll." Daß das ge- schehen, ist in keiner Weise bewiesen. Daß den Patteigenossen Verschwiegenheit anempfolen wurde, lag doch wohl in den uns geschildetten Verhältnissen. Es ist z. B. ganz selbstverständlich, daß auf dem nächstm Kongreß über den Strett zwischen Bebel und Frohme, sowie über den zwischm Viereck und Vollmar Verschwiegenheit be- odachtet werden wird. Was find denn eigentlich für Beweise erbracht worden? Wo find dmn die Zeugen, die uns bekundet hätten, die Angeklagten haben geheime Verbindungen im Sinne der 8Z 128 und 129 des Strafgesetzbuches unterhalten. Der Ober- staatsanwalt sagt: Eine Verbindung war vorhanden und weil wir fie nicht rennen, so ist anzunehmen, sie war eine geheime. Nun, ich bm überzcngt, der hohe Gerichtshof wird sein Uttheil auf solche Vermuthungm hin nicht begründen. Der Ober- staatsanwalt sagt femer: Dre Angeklagtm wollten ihre Zwecke rntt ungesetzlichm Mitteln erreichen. Einen Beweis hierfür ist uns der Oberstaatsanwalt aber schuldig gebliebm. Der vielfach erwähnte Beschluß auf dem Wydmer Kongreß spricht doch nicht etwa für diese Behauptung. In der Praxis hat fich die Partei auf durchaus geseylichcr Bahn bewegt und dieS haben ihre Führer im Reichstage auch stets betont. Die Aufforde- ning zum Abonnement auf den„Sozialdemokrat" ist doch etwa keine ungesetzliche Handlung? Meine Herren Richter! Dieser Prozeß erinnert mich unwillkürlich an den vor vierzehn Jahrm in Leipzig stattgehabten Hochverrathsprozeß, in dem ich ebenfalls als Vertheidiger der damaligen Angeklagten Bebel und Liebknecht fungitte. Ich sprach es damals aus, daß das Anklagematettal dieses Prozesses in Berlin gesammelt«orden ist. Und, meine Herren Richter, in dieser Beziehung scheint mir zwischm diesem und jenem Prozeß eine gewisse Äehnlich- keit obzuwaltm. Ich sprach es in dem Hochverrathsprozeß aus: In Berlin ist das Material zu diesem Prozesse ge- sammelt und alsdann der Leipziger Staatsanwaltschaft zur Erhebung der Anklage Befehl gegeben worden. Derselbe Fall scheint mir hier vorzuliegen. Ich frage nun, meine Herren Richter, warum führt die Berliner Polrzer rhre Prozesse nicht in Preußen?— Präsident: Herr Rechtsanwalt, daS ffchört nicht zur Vertheidigung.— Dettheidiger: Doch, Herr Präfident, ich werde das sofott nachweism. Die Angeklagten Heinzel und Frohme wohnen in Preußen, die Verhaftung der Angeklagten ist in Prmßen erfolgt. Sollte der Prozeß vielleicht deshalb nicht in Preußen geführt werden, weil das Elberfelder Landgencht eine ähnliche Anklage wie die gegmwärtige, die nach dem Wydener Kongresse eingeleitet wurde, abgelehnt hat und weil die Kieler Staatsanwaltschaft fich nicht veranlaßt fühlte, die Anklage in der gegenwättigen Sache zu erheben? Ich frage weiter: Weshalb wurde die Anklage gerade in Chemnitz erhoben? Kein einziger der hier auf der Anklagebank fitzenden Angeklagten wohnt im Gerichts- bezirk Chemnitz. Sollte wirklich der zufällige Aufenthalt des nicht anwesenden v. Vollmar im hiesigen Gcttchtsbenrke dm bloßm Anlaß zur Erhebung der gegenwärtigen AnNage ge- aeben habm? Ich bin überzeugt, der hohe Gettchtshof wird fich von allen äußerm Einflüssen fern halten, sondem lediglich das Ergedniß der Verhandlung prüfen und dann kann der hohe Gettchtshof nickt anders als zu dem Schluß gelangen: eine Verletzung der§§ 128 und 129 des Sttaf- Gesetzbuches ist nicht vorhanden.„ � t Vertheidiger Rechtsanwalt Munckel(Berlin): Ich glaube, der Herr Oberstaatsanwalt verwechselt Pattei und Verbindung- Man kann doch sehr wohl einer Parttt angehören ohne Mit- glied der betreffenden formellm Patterverbindung über Haupt zu sein, �vorausgesetzt, daß eine solche Verbindung existirt. Der Herr Oberstaatsanwall folgett: Da eine sozial- demokratische Partei besteht, so muß auch eine Verbindung vor« handen sein und dm Beweis hiettür soll zunächst der Umstand er- geben, daß eine Parteileitung existirt, die sogar den Aukschlußdes Abgeordneten Hasselmann bewirkte. Nun ist es doch aberbe- kannt, daß jeder Parlammtsfraktion das Recht zusteht, Mrt- glieder von fich auszuschließen, welche die Pttnzrpien der Patter verletzen. Selbstverständlich hal diese Ausschließung auch glttck- zeitig stets die Ausschließung auS der Pattei. zu der fich der Betreffende bekennt, zur Folge. Niemandem ist es zur Zert Angefallen, die Zentrumspatttt wegen gehttmer Verbindung anzuklagm, weil die parlamentarische Fraktion dieser Pattei, die wie bei allen Parteien die natürliche Parteiltttung führt, den Abgeordneten Cremer von fich ausgeschlossen bat Das die Partei Gelder sammelte, ja sogar Auftufe zu Geldsammlungen erließ, kann doch etwa nicht für daS Vorhandensein einer Verbindung sprechen. Derartige Aufrufe werden bekanntlich von allen Parteim erlassen, ohne daß diese eine formelle Organi- sation habm. Selbü in der„Norddeutschen Allgemeinm Zeitung" findet man Aufrufe behufs Geldsammlunam für den Wahlfonds der konservattvm Partei. DieS beweist doch aber nicht, daß die konservattve Pattei eine geschlossme Verbindung befitzt Ebmsowenig spttcht für eine solche Verbindung das Vorhandmsein ttnes offiziellen PatteiorganS. Bekanntlich be« fitzt jede politische Parter oftmals mehrere offizielle Preßorgane. Die sozialdemokratische Patttt befitzt nur ein einziges und kommt damit aus. Wie man zu dem Schlüsse kommen kann, da die sozialdemokrattsche Parttt ein offizielles Preßorgan befitzt, so muß fie auch ttne Verbindung unterhalten, ist m- unklar. Da« die Patttt Kongresse abhielt, kann doch etwa nicht fü- das Krimm sprechen. Es bat doch wohl Niemand geglaubt, daß das Sozialistengesetz die Hunderttausende, ja vielleicht Millionm deutscher Sozialdemokratm sofott aus der Welt schafen würde. Die sozialdemokratische Pattei blieb eben nach wie vo- bestehen und das gttstige Band, daS fie bisher umschlang, wurde durch das Sozialistengesetz nur noch fester geknüpft. Das gttstige Band ersetzte eben das, was durch das Gesetz zerstött wurde. Eigmthümlich ist es jedenfalls, daß, obwohl, wie der Herr Oberstaatsanwalt behauptet, die Organisation der Sozialdemo- kratm nach Erlaß des Sozialistmgesetzes nur von der äußeren Bildfläche verschwand, im Gehttmen aber fortgesetzt wurde, ich wiederhole, es ist höchst eigenthümlich, daß. trotzdem die deutschen Polizeibehörden einen ganz immensen Apparat in Ezme setzten, um das Treiben der Sozialdemokraten zu bcod- achten, nach vollen 7 Jahren diese geheime Verbindung noch nicht entdeckt wordm ist. Der Herr Oberstaatsanwalt sagt: die Sozialdemokraten wußten ihre Organisation geheim zu hatten. Ich bemerke hierzu: die geheimste Organisation ist wohl diejenige, die überhaupt nicht vorhanden ist. Der Herr Oberstaatsanwalt behauptet aber nicht nur, daß die Eozialdemo- kratm gehttme Verbindungen unterhalten haben, er ist auch der Meinung, diese geheime Verbindung war unternommen, um das Sozialistengesetz durch ungesetzliche Mittel zu entkräften. Hierfür soll als Beweis der Anttag Auer gelten: das Wott„gcsetz- lich" aus dem Programm zu stteichm. Ich meine, es kommt nicht darauf an, ob mttn Kollege Auer im Reichstage den Mund etwas mehr oder weniger vollamommcn hat, auf mich hat sttne diesbezügliche Ettlärung feinen schreckenerregenden Eindruck gemacht. Ich habe aus feiner Erklärung nur dm Sinn herausgelesen, den er ihr selbst untergelegt hat, d. h. eine Nicht« anerkennung des Sozalistmgesetzes. Die Zentrumspatttt nimmt doch gegenüber dm sogenannten Kulturkampfgesetzen denselben Standpunkt ein und Niemandem wird eS einfallen, die Mit- glieder der Zentrumspatttt deshalb einer strafbaren Handlung zu zeihm. Der Herr Oberstaatsanwalt sagte: die Sozial- demokraten besaßen alle bürgerlichen Rechte, ste durften nur nicht gegen die Bestimmungen des Sozialistengesetzes verstoßm. Allein wie uns Herr Auer mitthtttte, wurde den Sozialdemo- kratm zur Zeit Alles und Jedes auf Grund des Sozialisten- gesetzes verboten. Danach besaßen also die Sozialdemokraten alle bürgerlichen Rechte, wenn fie fich für polttisch todt erklärtm. Eine Tödtung der Sozialdemokratte hat aber das Sozialisten- gesetz jedmfalls nicht bezwecken sollm und ich verdmke es Herrn Auer nicht, wenn er sagte: da man uns nicht mehr athmm lassen wollte, so gestatteten wir uns zu athmm, ohne Genehmigung der Poliztt! Ich hätte eS in glttcher Lage auch so gemacht. Das Strafgesetzbuch bestraft aber nicht bloß die Theilnahme an einer Verbindung, sondem„diejenige Theilnahme an ttner Verbindung, deren Dasttn, Verfassung oder Zweck vor deisStaats- regierung geheim gehalten werben soll.' Ob die Sozialdemokratie überhaupt eine Verfassung befitzt, dafür hat die Verhandlung nicht das Geringste ergeben, lieber das, was die Sozialdemo- kraten bezwecken, haben fie niemals Jemandem im Unklaren gelassen. Allttn der Herr Oberstaatsanwalt sagt: die Sozial- demokraten erzählen in ihrem Pattttorgan Allerlei und daraus ist zu entnehmen, daß noch etwas Geheimes dahinter steckt. So viel mir erinnerlich, hat der Herr Oberstaatsanwalt die große Intelligenz der Angeklagtm bervorgehobm. Nun ich muß bekennen, daß Jemand durch seine Schriften ic. der Behörde Material zu ttner Anklage gegen fich selbst liefern werde, sollte man keinem Menschm mit gesundem Menschenverstände, am allerwenigstm aber dm Führern der sozialdemokratischen Parttt zutrauen. Der Herr Oberstaatsanwalt fühtt als be- lastend an, daß die Sozialdemokraten ihren Anhängern strenge Verschwiegenheit anempfehlen. Dieses Verhalten war doch durch die Verhältnisse dttngmd geboten. Ich muß gestehm. ich würde z. B. in Preußen dm Mitgliedern der doch gewiß ungefährlichm deutschftttstnnigen Patttt bisweilen ebenfalls eine gewisse Verschwiegmbttt anempiehlm. Ganz besonders würde ich den preußischen Beamten rathm, ihre etwaige Zugehörigkeit zur deutschfrttsinnigen Partei etwas geheim zu halten. Es entsteht nun unwillkürlich die Frage: weshalb man erade die gegenwättigm Angeklagtm vor dm Richter zititt at? Warum nicht auch die anderen Führer der Partei? Ich kann mir nicht denken, daß man die in Kiel und Neumünster erfolgte Verhaftung der Angeklagten, die vom deutschen Reichstage gemißbilligt wurde, durch die gegmwättige An- klage sanktionirm wollte. Der Vertheidiger geht nun noch deS Näheren auf die ttnzelnen Puntte der Anklage ttn und fährt alsdann fort:„Sichtet man das Matettal, so muß man zu dem Schlüsse gelangen: die Angeklagten baden einer Ver- bindung im Sinne der K§ 128 und 129 des Strafgesetzbuches nicht angehört. Im Uebriaen freue ich mich, daß die Angelegenheit zur öffenttichen Verhandlung gekommen und daß fie nicht in so sekreter Wttse abgewiesen worden ist, wie dies von einigen Gerichtsbehörden geschehen sein soll. Die mündliche Verhandlung trägt ja vielfach zur Klärung bei, dies ist abm ganz besonders in der vorliegenden Sache in vollem Maße der Fall gewesen. Ich bin überzeugt, meine Herren Richter, Sie werden bei Ihrer UttheUSalmabe dm unficherm Zustand, der durch diese Anklage nicht bloß auf der sozialdemokrattschm Parttt, sondem auch auf allen anderen opposilionellm politischen Vattttm lasttt, in Erwägung ziehen. Es ist richtig. Sie haben lediglich Recht zu sprechen, alle weiteren Folge- rungen haben Sie nicht zu berücksichtigen. Allein Sie werdm aber zu erwägen habm, daß, wmn Sie die Angeklagten ver« uttheilkn, alle anderen oppositionellen politischen Parteien die. wie nachgewiesen, ttne ähnliche Organisatton wie die Sozial« demokraten haben, der Gefahr derselben Veruttheilung ausge- setzt find. Dies kann aber daS Ettafgesetz kttneswegs gewollt habm. Fast scheint es mir, als soltte jetzt das Sozialisten- gesetz, nachdem es 7 Jahre bestanden, durch unser altes Strafgesetz noch ergänzt werdm. Ich bin überzeugt, Sie werden dazu nicht beitragen und diesen Umstand bei ihrer Berathung wohl in Erwägung ziebm. Präfidmt: Beabfichtigen die Angeklagten noch zu sprechen?_ Ängekl. Bebel: Herr Präfidmt! Als wir Sonntag Nachmittag hier zusammenttatm, um uns über die in unserem Prozeß innezuhaltende Tattik zu verständigen, kamen wir überein, daß nur zwtt von uns, mein Freund Auer und ich, daS Wott in der Vemehmung ergreifen und die übrigen Angeklagten fich unfern Aussagen einfach anschließen sollten. Diesem Uebereinkommen gemäß haben wir gehandelt. Der höh» Gettchtshof wird unS das Zeugniß ausstellen müssen, daß wir nicht mehr gesprochen hoben, als für unsere Vetthttdigung absolut nothwendig war. Auch haben die übrigen Angeklagten, getreu unserem Abkommm und obgleich ihnen währmv unserer Vemehmung gar manchmal das Her, auf der Zunge saß, ge- schwiegen, waS fich« wieder ein Zeichen d« ausgezeichneten Disziplin war, die in uns«« Pattei herrscht und die nach d« Anklage ein Mettmal unser« geheimen Verbindung sein soll. Als dann gestern die Plaidoyers für heute angesetzt wurden, kamen wir zu dem Entschluß, von jedem weiteren Redenhatten abzusehen, wmn uns«e Herren Vertheidig«, wie wir von vom herein gar nicht bezweifelten, ihr« Aufgabe voll g«echt würdm. Uns«e Herren Vertheidiger find nun ihr« Aufgabe nicht nur gut, sondem ausgezeichnet g«echt geworben, und hieße eS nur ibre Vcttbeidigung abschwächen, wmn wir derselben auch nur noch ttn Wott hinzufügen wollten. Ich erkläre zugleich im Nomen mein« Mitangeklagten Genoffen, daß wir auf jedeS weitere Wott verzichten. Der Präfidmt»«kündet, daß die Urtbttlsvettündigung am Mittwoch, dm 7. Oktod«, Nachmittags 4 Uhr, stattfinden wird und schließt alsdann die Verhandlung gegen 12'/# Uhr Mittags. Verantwortlicher Redakteur R. Cronheim in B«lin. Druck und V«lag von Max Babing in Berlin SW., Beuthstraße 2. Hierzu(ine Betlagt' Beilage zum Berliner Volksblatt. Mr. S30. Freitag, de» 2. Oktober 1883. IL Jahrg. zu Politische Ueberftcht. Holland. Die niederländische Regierung hat England und Belgien den Abschluß eine« Nertrogcs zur Verhinderung des Mädchen- Handel« vorgeschlagen. Die Vorschläge haben eine günstige Aufnahme gefunden. Spante«. SSmmtliche Zeitungen Sevilla« melden, daß bei der dor- ttgen Suklursale der Banco de Eepana eine Unterschlagung von sechszehn Millionen Realen entdeckt worden sei. Ein be- sonderer Richter sei für diesen Fall nach Sevilla geschickt und sämmtliche Beamten juspendirt worden. Dänemark. Der Verfaffungslonflilt in Dänemark ist mit dem vor- gestrigen Tage in eine bedenkliche Phase getreten. Ein Tele- gramm meldet darüber au« Kopenhagen: In der Strafsache gegen den Prästdenten des Folkething, Berg, und die beiden Äütglicder Nielsen und NoeS der Partei der Linken, welche angeklagt waren, im Juli v. I. bei Gelegenheit einer politi- schen Versammlung in Holstedro(Jütland) den Polizeimeister mit Gewalt von der Rednertribüne entfernt zu haben, ist das Urtheil ergangen. NoeS, Nielsen und Berg find zu Gefäng- nißstrafen von je 6 Monaten, bei gewöhnlicher Gefängnißkost und solidarisch in die Kosten de« Verfahrens im Betrage von 730 Kronen verurtheilt. Australien. Schon wiederholt und auch von deutscher Seite stnd Kla- gm über grausame Behandlung der Arbeiter auf den Sandwich- Inseln laut gewordm. Der japanefische Kommissar hat nun, der„Newyork Tribüne" zufolge, festgestellt, daß auf den Zucker- Plantagen in Mani von 62 Japanesen 5 in Folge brutaler Behandlung gestorben stnd und 12 aus derselben Ursache ins Hospital gebracht werden mußten. Die Leute erhalten elende Wohnungen und wahre« Echweinefutter zur Nahrung, müssen lange arbeiten und werden beständig geschlagen. Diese Behandlung soll typisch sein und da auch in Deutschland Versuche gemacht wordm find, Arbeiter für die Sandwich- Inseln anzuwerben, so möge das Obmstehende alSWarnung diene». Kommunales. Stadtverordneten-Bersammluug. Sitzung vom 1. Oktober. Der Stadtverordneten-Vorsteher Herr Dr. Straßmann eröffnet die Sitzung um 5'/, Uhr mit geschäftlichen Mit- lheilungcn. Nach Eintritt in die Tagesordnung werden zunächst eine Anzahl PenfionimngS-, Anstellungs-, UnterstützungS- und Naturalisationsgesuche erledigt. Berichterstattung des Ausschüsse« für Rechnungssachen. Der Berichterstatter, Stadtv. Gerold, empfiehlt die Dechargirung einer Anzahl Rechnungen, welche erfolgt. Auf Antrag des Rechnungsausschuffes genehmigt die Versammlung die im Jahre 1884 bei dem Administcations- fonds der Sparkasse, bei der Verwaltung deS Sparkaffenge- bäudes, Alosterstr. 68, und bei dem Erneuerungsfonds für das genannte Grundstück vorgekommmen EtatSüberschreitungcn im Betrage von resp. 1 504,82 M., 297,05 M. und 1 192,69 M., vorbehaltlich der bei der RechnungSrevifion fich etwa ergeben- den Erinnerungen._ �, w_, ,n_ Zugleich spricht fie die Ermattung auS, daß künstig für alle baulichen Veränderungen und Einrichtungen im Spar- kaffengebäude, sobald durch deren Ausführung voraussichtlich Uederschreitungen des Etats herbeigefühtt werden, zuvor ihre Genehmigung eingeholt wird.— Die Beschlußfassung über eine weitere Anzahl Rechnungen wird mit Rückficht auf die noch schwebende Gabttel'sche Defeftensache ausgesetzt. E« folgt die debattelose Erledigung einer Reihe unwesent- licher Vor lagen. Die Errichtung einer neuen Beamtenstelle und einer neuen Dienerstelle bei der Spattasse, sowie die Ein- stellung eineS zweiten Wagens bei derselben zur Vermittelung des Verkehr» mit den Annahmestellen werden genehmigt. Der Verkauf der Baulichkeiten auf dem zur Freilegung der Borkstraße erworbenen Terrain des Grundstücks Möckernstraße 92/93 zum Abbruch wird bewilligt. Die Erwerbung deS von dem Grundstücke Wall« straße 32,33 freigelegten TerrainS wird beschlossen. Gabrielsche Unterschlagungssache. Die be- kannte Vorlage de« Magistrats, deren Motiviruna bereits ver- öffentticht ist, beantragt, die Stadtverordneten- Versammlung möge fich damit einverstanden erklären, daß die von dem ver- storbenen Rendanten der Haupt- Etistungskaffe, Gabriel unterschlagenen Beträge der Hanpt-Stiftungikasse im Gesammt« betrage von 120784,48 Mk., jedoch nach Abzug der Kaution und der etwa noch anderweit eingehenden Summm auf die Stadt- Hauptkasse übemommen und aus den Ueberschüssm des Rechnungsjahres 1884/85 gedeckt werden. . Stadtv. E p i n o l a empfiehlt die Prüfung der Vorlage durch einen Ausschuß im Interesse der Sache selbst, de« großen Aufsehens wegen, dm die Unterschlagung in den Kreism der Bürgerschaft deivorgerufm und zum Zweck der Prüfung der Mittel, solche Vottommnisse für die Zukunft zu verhindem. Im Allgemeinen aber möge man der ganzen Angelegenheit nicht eine so üdettnebene Bedeutung bttmessm. Solche Unterschlagungen seim zu allen Zeiten vorgekommm und würden auch lünftig »ottommen. Man solle da« Geschick preisen, daß bei der umfangreichen Kaffenverwaltung der Stadt Berlin nicht öfter Lcrattiges fich ereigne. � In der Presse sei da« städttsche Kautionswesen bemängelt wordm. Ost gerathe ein Beamter dadmch, drß er 9000 M. Kaution zu stellm habe, in eine schlimme Lage und werde zu Unterschlagungen veranlaßt; und diese 9000 M. selber spielten kerne Rolle Unterschlagungen in Höhe r ä-Sjä der Stadt nicht fehlerhaft sei. taugen werde, wie der Magistrat, &.Ä 3'£ ÄÄWÄ ÄÄS möglich und nothwendig; es sei aber falsch, dem Magistrat oder der Stadtverordnetenversammlung in dieser Hinficht irgend welchen Vorwurf zu machen. In dem Gedankm seim alle einig, daß die Defekte ohne weiteres zu deckm seien. Der Rcchnunas-Ausschuß möge die Anregung, welche HerrEpinola in Beziehung auf die Kautionsftage gegebm habe, fich zu Nutzen machm. Die Magistratsvorlage wird hierauf an dm Rechnungs- ausschuß verwiesm Die Vorlage, betteffend die Schließung der Wochenmärkte, welche gegenwärtig auf dem Alexanderplatze, auf dem Neue« Markte, auf dem Dönhofsplatze, auf dem Gendarmenmartte, auf dem Belle-Allianceplaye, am Potsdamer Thore, in der Karlstraße an der Ecke der Louisenstraße und am Oranien- burger Thore abgehaltm werdm, mit dem Beginn desjenigen Tages, an welchem die städtischen Markthallen in der Neuen Fttedrichstraße, in der Dorotheenstraße, in der Zimmerftraße und in der Lindenstraße sämmtlich dem öffmtlichm Matttver- kehr übergeben worden find, gelangt zur Kenntnißnahme. Eine Anzahl Rechnungen werden dem Rechnungsausschuß überwiesen. Damit ist die Tagesordnung erledigt. Schluß 6'/. Uhr. Es folgt eine nichtöffentliche Sitzung. Lokales. Eine sonderbare Auffassung seiner Pflicht scheint der Kassenarzt der Krankenkasse der Berliner Großen Pferdedahn in Rixdorf zu haben. Am 3. Januar d. I. brach sich die Frau eines Arbeiters der Pferdebahn den Arm. Der Kassenarzt legte ihr einen Eypsverband an und bemertte ihr, fie solle dmselden recht schonen, da nur der erste Verband kostmfrei sei, ein zweiter aber bezahlt werdm müßte. Nach etwa drei Wochen, als man die VerHeilung des BrucheS annehmen konnte, kam die Frau wieder zu dem Arzte, der nun einen Theil deS Ver« bandes aufschnitt und die Frau mit der Bemettung mtließ, fie solle fich den Verband selbst weiter aufschneiden!!! Das war gewiß eine etwas eigenthümliche Zumuthung. Die Frau war das natürlich nicht im Stande, fie mußte die Hilfe erneS Rix- dorfer RestaurateurS in Anspruch nehmen. So weit wäre dre Sache noch nicht so sehr schlimm. Aber am 17. v. M erhielt der Mann jener Frau einen Zahlungsbefehl seitens des Kassm- arztes mit der Aufforderung, für den Verband 8 Mark zu bezahlen!! Mit dieser Forderung dürfte, wie die„StbS. Ztg." bemerkt, der Herr Doktor aber kein Glück haben' denn nach § 20 des Krankenkassenstatutes der Pferdebahn haben die Mit- glieder der Kasse, sowie deren Angehöttge ein Anrecht auch auf Verbandstücke, die ihnen gratis geliefett werden sollen. In diesem Sinne wird wohl in der zu ermattenden Klage auch entschieden werden. Es ist in der That bedauerlich, daß durch solche Vorkommnisse, die wir nun schon wiederholt haben rügen müssen, das so nöthige Vettrauen deS Publikums zu dm Aerztm beeinträchtigt wird. Diese mehr noch als rein ge« schäftliche Auffassung des ärztlichen Berufes ist auch ein Zeichen unserer Zeit. Die Unterschlagungen de« Rendanten Gabriel haben erklärlicherweise große Bestürzung unter dm Magistratsbeamten, nammtlich den älteren, hervorgerufm. Der konttolirmde Beamte, welcher seinen Sitz neben Gabriel hatte, wurde, wie man der„Staatsb.- Ztg." schreibt, auf demselben ohnmächtig, als er die erste Kunde von der Konstatirung de« Verbrechens erhielt, ein anderer verfiel in schwere Krankheit. Die geschäft- liche Korrektheit Gabriel's galt unter den Beamten über allen Zweifel erhaben, doch war er gefürchtet, nicht geliebt. Sein schroffes, barsches Wesen seinen Kollegen gegenüber hatte mit dm Jahren zugenommen und fast einen tyrannischen Charakter angenommen. Er geritte fich eben als den Unfehlbarm, dem Niemand widersprechen dürfte. Doch eben diese persönliche Oberherrschaft, welche er fast ein Jahrzehnt ausgeübt, war durch die falsche und anormale geschäftliche Stellung, die er einnahm, mitveftchuldet. In der Hauptsache, waS in den Vorlagen deS Magistrats nicht recht ersichtlich ist, lag die falsche Einrichtung darin, daß Debet und Kredit, Forderungen und Verpflichtungen »wischen der Hauptstiftungskasse und den einzelne» Etiftungs- lassen nicht summansch und übersichtlich in dem Hauptbuche der ersteren registtttt wurden, sondem im ganzm unkonttolitt und unkontrolirbar in den Büchern der einzelnen Kassen fich zer- splitterten. Dazu kam dann die falsche Doppelstellung deS Rendanten der HauptstiftungSkasse zugleich als KasfirerS, eine ungeschästliche Vermischung, die wohl in keinem größeren kaufmännischen Geschäft mehr vorkommt. In der Vorlage deS Magistrats zeigt fich vor allem daS Bestreben, daS Vottommniß der exorbitanten Unterschlagung entschuldigend zu erllärm, und dies Bestreben gipfelt in der Erklärung, daß dergleichen auch bei der besten Kontrole vorkommen könnte. DaS dürfte denn aber doch nicht zutteffend sein, wie aus dem obm Gesagtm hervorgeht, und es steht wohl zu erwartm, daß die Vettretung der Bürgerschaft bei der Besprechung deS Falles weniger nach Entschuldigungsgründen suchen, al« die Mittel WS Auge fassen wird, ähnliche Vottommnisse in Zukunft möglichst zu vermeiden. Da« Kontingent der Stellensuchenden, da« ohnedies fottdauernd eine unverhältnißmäßig hohe Ziffer aufweist, hat in den letzten Tagen wiederum einm sehr bedeutendm Zu- wach« durch die vom Militär entlassene» Reservemannschaften erhalten. Nicht nur, daß die au« dm umliegenden Garnison«- ottm nach Berlin zurückkehrendm ausgedimten Militärs, von dmen ein großer Theil hier heimisch ist, die Zahl der stellen« suchenden Personen erheblich vermehtt, so bleibt auch alljähr« lich ein nicht gettnger Prozentsatz der Gardemannschaftm in Berlin zurück, um fich hier dauernd niederzulassen. Durch diese Massenangebote von Arbeitskräften wird leider für Viele die Aussicht auf baldigm, lohnenden Verdimst sehr herabgedrückt, und es dauert stets eine geraume Zett, ehe dre einschlägige» Verhältnisse fich wieder einigermaßm normal gestalten, wenn von jolchm überhaupt in Berlin die Rede sein kann. Eine Tischlerherberge und Verkehrslokal wird am 15. Oktober er., im Lokale des Herrn EderSbach, Blummstr. 56, eröffnet. In demselben Lokale befindet fich vom 1. Novbr. er. ab auch der Zenttal- ArbeitS-Nachweis des FachvereinS der Tischler. Beim Umzug eine« Drogueugeschäst« von der Post. straße nach der Alexandeiftraße waren fünf Arbeiter, darunter drei auS dem Hause der Stralauerstr. 33, und zwar der dortige Pottier deS Hauses, Latzke, Vater von 4 Kindern, der GaS- ardeiter Franz Noack, Dater eineS Kinde«, und der Arbeiter Fttedttch Howitsch, ebenfalls verheirathet, beschäftigt. Dieselben »ahmen beim Transpott die Gelegenheit wahr, fich selbst ein „SchnäpSchm" auS dm vettchieoenen Krügen und Flaschen „brauen" zu wollm, das fie fich mtt Behagen schmecken lassm wollten und auch schmeckm ließm. Wmige Minuten, nachdem fie dm SchnapS gestunken, erkrankten alle fünf so bedeutend, daß fie sofott die Arbeit im Stiche lassen mußten. Vier von dm Arbettern, die noch ihre Wohnunam erreichm konntm, mußten von dott auS alSbald in Krankenhäuser geschafft werden, dmn es stellte fich heraus, daß dieselben Gift getrunken. Der Pottier Latzke ist jedoch bereits an dem Genüsse deS verhäng- nißvollen GedräueS Nachmittags 4 Uhr. etwa zwei Stunden nach dem geschehenen Unglück, dem Genüsse des Giftes in seiner Wohnung erlegen. Die Behörde ist bereits mit der Feststellung deS Thatbestandes beschäftigt. Die„Nat. Ztg." thellt im Anschluß hieran noch folgendes mit:„Ein bedeutendes Droguengeschäft aus der Poststraße, in Firma Kelch, ist von dort nach der Alexanderstraße 12a mit dem ganzen Waarmlager im Umzüge begttffen. In dem Lokale, das dieS Handlungshaus gemiethet, waren zwei Gasrohrleger, Noack und dessen Arbeiter Friednch Howitsch, beschäftigt, während der Pottier seines Hauses aus der Estalauerstraße 33, Latzke der Hausdiener Stürmer und der Kutscher Münde beim Umzug beschäftigt waren. Gegen 11 Uhr Vormittags frühstückten die gedachten fünf Personen gemeinschaftlich auf dem gedachten Grundstück und tranken dazu einen SchnapS, zu dem einer der fünf Personen,— welcher hat fich noch nicht feststellen lassen,— aus einer Flasche der transportirten Droguenwaren was„Gutes" mischen wollte und auch mischte. — Merkwürdigerweise wirkte dieser Trunk, der zu Oefterem unter den fünf Unglücklichen die Runde machte, anscheinmd sehr„angenehm", denn alle fünf fühlten kurze Zeit nach dem Genuß des verhängnißvollm Branntweins fich sehr„aufgelegt" und zeigten Symptome eines Rausches, so daß man im Hause annahm, daß alle fünf betrunken seien. Als diese Symptome jedoch bei allen immer stätter hervortraten, die Erbrechungen heftiger wurden und alle fünf im Geficht blau wurden, wurde schnell ärztliche Hilfe herbeigeholt, die auch sofott schwere Vergiftung konstatirte und dre Fott« schaffung der Vergifteten nach dem städtischen Kranken» hause anordnete. Der Pottier Latzke konnte noch nach seiner Wohnung geschafft werden, wo er alsbald darauf verstarb. Ebenso verstarb auch der Arbeiter Friedrich Howitsch bald nach der Aufnahme im Krankenhause. Ob die übttgen drei Ver- gifteten am Leben zu erhalten find ist noch eine Frage. Nach Untersuchung der Frühstückskiste der gedachten Arbeiter fand es fich, daß dieselben ihren Branntwein statt mit„Mirban-Oel", einem künstlichen äthettschen Mandel-Oel, gemischt hatten, welches nach Ausspruch der Aerzte allerdings eine Jntoxika- tions-Vergiftung, also eine rauschartige Vergiftung hervorruft, die sehr leicht die Umgebung der Vergifteten zu der Annahme verleiten kann, dieselben seien betrunken. Nach den allerletzten Mittheilungen auS dem städtischen Krankenhause ist der Gas- rohrleger Noack, ein Wittmann, der die Stütze seiner allen Mutter war, an den Folgen des Giftes daselbst in Wahnstnn verfallen. „ Der junge Ghmnastast Saltnger, welcher fich vor- gestern im Hörsaale des Friedrich-Werderschen Gymnasiums erschoß, war rn eurem Penfionate in der Heiligen Geiststraße, im Hause eines Schulmannes, untergebracht Er war Erbe eines sehr bedeutenden, nach Hunderttausenden bemessenen Ver- mögen«. ._»ttch da« letzte Kind der jetzt im Zuchthause zu Luckau befindlichen, zum Tode verurteilten, aber zu Zuchthausstrafe begnadigten Mördettn, verehelichten Kohlenhändlerin Wintzer, welche im Juli 1883 in der Göihesstaße zu Rixdorf zuerst ihren berderr Krndern den Hals durchschnitt, dann ihr Gehöft in Brand steckte und endlich fich selbst das Leben zu nehmen versuchte, ist jetzt im Krankenhause Bethanien gestorben. Das Kmd, welches zur Zeit der entsetzlichen That. an einer unheil« baren Krankhett leidend, rm Elisabeth- Krankenhause in der Pronlerstraße fich befand, entging nur dadurch dem Tode durch WiiZM Gemeinde ganz bedeutende Geldsummen. Für das jetzt ver- storbene letzte Kind derselben find allein in Bethanien 700 M. nÄ iÄfiW'Ä denSgcnoffinnen gegenüber schweigsam und in fich gekehrt, ver- W -W-»»55 getroffen, die ttagenwe s angebrachten Laufbretter mit Barrieren Da« erste Kit WsS-N Ä"" 161 � Magdalene"��"6tara ln Hebbels Trauerspiel„Maria AAMMfKZ« bracht werden mußte.- Zu derselben Zeit wurde in de«. Anlagen am Königsplatze ein unbekannter Mann, welcher fich spater K.rchhoff nannte, krank und bewußtlos aufgefunden und nach der Eharfld gebrecht.- Einige Zeit später hamn mehrere bei einem Kaufmann in der All-xanderstraße beschäftigte Personen, und zwar der Arbeiter Latzke, der Arbeiter Stürmer, der Kutscher Münde, der Gasrohrleger Noack und der Arbttter Friedrichowitz, fich zum Frühstück aus verschie- denen Flüjfigkeiten. welche fie aus dem dort nebenan belegenen'Speicher eines DroguenhandlerS entnommen hatten, ew Gettank bereitet und getrunken, zu dem fie anscheinend auch Myiban-Essen, verwendet hatten. Dieselben erkrankten in Folge dessen alle davon und mußten mit Aus- nähme des Latzke. welcher fich nach seiner Wohnung brinqm l eß. nach dem Krankenhause im FnedttchShain gebracht werdm. Latzke und Friedttchowitz sollen m Folge der Vergiftung bereit« verstorbm sein und auch die übttgen drei Personen fi-b in einem hoffnungslosen Zustande befindm.- An demselben Tage Mittags wurde ttn 7 Jahre alter Knabe am Schöneberger Ufer durch emm Möbelwagen überfahren und erlitt dabei einen Rippenbruch und einen Bruch des linkm ArmeS.- Am Nach- Mittage erschoß fich ein Mann in seiner in der Wilhelmflraße belegenen Wohnung.— In der Nacht zum 1. d. M. entstanden in einer Tapezirer-Wertstatt auf dem Grundstück Fürbringer- straße 25 und demnächst auf dem Boden des HauseS Große Hamburgerftr. 28 Feuer, welche die Thätigkeit der Feuerwehr je 2 Stunden in Ansprach nahmen. Während im e steren Falle die EntstehungS-Ursache nicht festgestellt werden konnte, liegt im letzteren Falle unzweifelhaft Brandstiftung vor, da sämmr- liche Räume und Utenstlien auf dem Boden mit Petroleum getränkt vorgefunden wurden. Der That verdächtig wurde ein dortselbst wohnhafter Gastwirth nebst seiner Ehefrau zur Haft gebracht. Gerichts-Zeitung. Prozeß Graef. Vierter Tag. Vorsitzender Landgerichtsdirektor Müller eröffnet die Sitzung um 10 Uhr.— Bei Eintritt in die Verhandlung bittet Justizrath Simeon, die Zeugin Eiefert doch nicht im Saale an« wesend sein zu laffen, da ihm bekannt geworden, daß dieselbe gestern mit Belastungszeugen, namentlich mit der Familie tzammermann sehr freundschaftlich gekneipt habe.— Staatsanwalt tzeinemann widerspricht diesem Antrage als durchaus nicht genügend motivirt, denn es könne unmöglich aus einem viel- leicht zufälligen Zusammentreffen einzelner Zeugen durchaus nichts geschlossen werden.— Justizrath Simeon hält einen solchen Verkehr doch für höchst verdächtig.— Präs.: Ich muß ein solches Urtheil mit aller Entschiedenheit zurückweisen und kann eS nicht zugeben, daß, so lange die Verhandlung noch nicht geschloffen ist, eine derartige Kritik von Zeugen hier geübt wird. Ein Geschworener hat den Wunsch, daß die Zeu- gin Eiefert noch über einige Details vernommen werde. Der Präsident hält sich dies für später vor. Der erste Zeuge ist der Agent Krischen, ein S6 jähriger Mann, welcher s. Z. mit Frau Hammermann wegen versuchter Erpressung zu 18 Monaten Gefängniß verurthcilt worden ist. Derselbe bekundet folgendes: Ich bin nicht Volksanwatt, son» dem Kaufmann, hatte ein Blattgold- und Eilbergcschäft bis zu meiner Haftnahme. Inzwischen ist meine Frau gestorben und mein Geschäft zu Grunde gegangen und ich ernähre mich jetzt als Agent. Es ist nicht wahr, daß ich berufsmäßig Schrift« stücke anferttge, ich habe nur, als ich Bezirksvorsteher war. manchen Leuten aus Gefälligkeit Schriftstücke verfertigt. Gegen das gegen mich ergangene Erkenntniß habe ich ein Rechtsmitteln nichtcingelcgt, weil em Formfehler, auf welchm eine Revision zu begründen wäre, nicht vorgekommen war. Von meiner Strafe habe ich 15 Monate abgebüßt, bis ich in Folge der Bemühungen eines meiner Freunde vorläusig entlassen worden bin. Dicht bei meinem Hause wohnte ein Volksamvall, den die Hammermann's eigentlich au'suchen wollten, sie find dann aber durch Zufall an mich gewiesen worden. Nachdem sie mich über den Fall belehrt, habe ich nach ihren Angaben im Manuskript den Inhalt der Denunziatton fixirt, aber den Namen und die Wohnung der betreffenden Professorm offen gelassen, welche Hammermann seinerseits einfügte. Ich habe für meine Bemühungen 3 M. gefordert und 2,50 M. erhalten. Erst als Hammermann nach 8 bis 9 Tagen wiederkam, erfuhr ich den Namen des Professor Kretzschmer. Da mir die Frau H. schon eine Vorladung zum Termin vorzeigte und mir Prof. Kretzschmer leid that, so ging ich zum Prof. Kretzschmer hin, um ihn zu bewegen, die über ihm schwebende Gefahr abzuwenden. Ich sagte dem Prof Kr., daß ich nicht komme, um etwa Geschenke von ihm zu erhalten, sondern aus Mitgefühl und um ihm zu rathen, sich einen Rechts- beistand zu nehmen und die Sache beizulegen. Von Geldgeben an Hammermann habe ich nichts gesagt, da mir Hammermann gesagt hatte, daß es ihm nur darauf ankomme, den Prof. Kr. moralisch zu strafen und ihn zu einer Abbitte zu zwingen. Prof. Kretzschmer war über meine Mittheilungen so erschreckt, daß er schwach wurde und fich aufs Eopha niedersetzte. Als- dann fragte er mich, was er da thun solle. Er bat mich, ihn über den Fortgang der Sache zu unterrichten. Nach vierzehn Tagen kamen die Hammermann's wieder zu mir und sagten zu mir: Denken Sie fich, der Prof. Graef hat es mit meiner Tochter ebenso gemacht wie der Prof. Kretschmer. Ich war darüber ganz erstaunt und äußerte unwillkürlich: Sic machen doch nickt etwa Geschäfte damit? Die Frau hat dies verneint und hinzugefügt, daß Helene nicht lüge. Ich sollte wieder die Denunziation schreiben, ich habe dies aber abgelehnt, schon um meiner selbst willen. Ich begab mich auch aus reinem Mitgefühl zu Graef und erzählte ihm die Sache. Graef war sehr gefaßt und antwortete, nachdem ich ihm die Beschuldigung vorgetragen:„Das ist nicht so schlimm, denn beim Ausmessen eines Piodells und Aufstellen desselben kann man nicht jede Berührung vermeiden. Frau Hammermann ist zu mir gekommen und hat 1000 M. verlangt, ich habe ihr aber nur 10 M. gegeben." Ich antwortete, daß' dieS Unrecht sei, denn dadurch bekenne er fich schuldig. Er erwiderte:„Ja. was sollte ich thun. ich wollte die Frau doch los werden!"— Er bat mich alsdann, zu Hammermann's zu gehen, dies habe ich gethan, bin aber nicht wieder zu Graes gegangen, sondern habe ihm geschrieben, daß ich nichts mehr darin thun könne. Hammermann wollte dann selbst zu Graef gehen und eine Abbitte erzwingen.— Präs.: Welches Motiv hatten Sie denn, auch zu Piof. Graef zu gehen?— Zeuge: Von den beiden Herren hatte eigentlich keiner die Tdatsacken bestritten und da wollte ich sie warnen. — Präs.: Haben Sie den Herren denn die Handlungen detaillirt, deren sie beschuldigt werden?— Zeuge: Im Allgemeinen habe ich ihnen dies gesagt.— Präs.: Unv wie hat fich Graes in dieser Beziehung ausgelassen?— Zeuge: Wenn ich mich recht beflnne, ist die Antwort dahin gegangen:„Das ist nicht so schlimm aufzufassen, man kann bei einer solchen Untersuchung nicht jeden Handgriff berechnen.— Präs.: Sie haben also nicht für Hammermann Geld verlangt.— Zeuge: Nein.— Piäfident: Haben Ihnen Hammcrmanns etwa gesagt, eS komme ihnen nur darauf an, ein paar hundert Mark herauszuschlagen.— Zeuge: Niemals.— Präs.: Haben Sie denn geglaubt, daß eS den Hammermann's nur darauf ankomme, die Herren moralisch zu straten?— Zerme: Ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln.— Präs.: Rührt die Denunziation gegen Graef und Krctzschmer auck von Ihnen her?— Zeuge: Stein.— Präs.; Haben Sie nachher auch noch etwas mir Hammermann's zu thun gehabt?— Zeuge: Nein. Nur als ich entlassen war. wollte ick hören, wie der weitere Verlauf der Sache eigentlich gewesen ist.— Prof Graef erklärt hierzu: Ich habe dazu zu bemerken, daß es mir gar nicht eingefallen ist, irgend etwas zuzugeben. Ich habe nur gesagt, daß mich der Herr denach. richügcn möchte, wenn die Hammermann's gegen mich denun» ziren solllen, damit ich auch meine Maßregeln treffen kann.— Prof. Kretzschmer, welcher nun vortritt, erklärt: Ich habe in keiner Werse mich so ausgedrückt, wie der Zeuge angiebt. Ich habe im Gegcntheil absolut abgelehnt, mich auf irgend etwas einzulassen und es ist mir ganz so vorgekommen, als ob der Herr, der fich nur als Menschenfreund voistellte, mit seinen fortgesetzten Hinweisen auf die Nolhwendigkeit, fich zu verständigen, eine„Abfindung" gemeint hat. Derselbe hat mir aller- lei grauselige Geschichien erzählt, von Leuten, die sofort verhaftet worden seien, auf denen ein ewiger Makel kleben ge- blieben sei u. s. w. u. s. nf. Ich habe dann allerdings gcftagt, waS ich denn nun eigentlich thun sollte und da hat er mir an- heimgegeben, einen Rechtsbeistand zu befragen.— Ange- tlagter Graef: Ich muß dazu bemerken, daß auch mir der Zeuge allerlei graulige Geschichten er- zählt hat Er hat mir gerade gesagt, ein Rechtsanwalt könnte mir nicht helfen und endlich hat er mir vorgehalten, daß schließlich die Leute doch immer etwas davon glauben.— Präs.: Ist daS wahr, Zeuge?— Zeuge: Das ist wohl möglich!— Angekl. Graef; Daß ich die von dem Zeugen mir ge- machten Vorhalmngen nicht zugegeben habe, geht aus einem Briefe hervor, den der Zeuge nachher an mrch gerichtet hat. ES heißt in diesem Briefe ausdrücklich:„Nachdem ich selbst die Helene Hammermann gehört habe, habe ich doch den Ein- druck, daß die Sache„nicht so ganz ohne" ist." Aus diesem Passus defst doch hervor, daß ich den Ttatbestand nicht zu- gegeben habe.— Auf Antrag der Vertheidigung wird nun der Brief verlesen. Derselbe ist vom 26. Dezember datirt und be- stäligt das, was der Angekl. Graef behauptete.— Justizrath Simeon läßt fich nun den Namen des Mannes nennen, durch dessen Bemühungen der Zeuge aus dem Gefängniß gekommen ist und richtet dann an den Zeugen die Frage:„Sie bestreiten also, daß Hammermann Ihnen gegenüber zugegeben, daß es ihnen nur darauf ankomme, ein paar hundert Mark heraus« zuschlagen?— Zeuge: Das haben sie nie gethan.— Justizrath Simeon: Dann bitte ich, dem Zeugen das gerichtliche Protokoll über seine Vorvernehmung vorzuhalten.— Dies geschieht. In dem Protokoll hat der Zeuge erklärt, daß er die Beschuldi- gungen der Helene H. anfänglich nicht geglaubt hat und dann heißt eS ausdrücklich:„Frau H. hatte mir gegenüber ge- äußert, daß es ihr nur darauf ankomme, ein paar hundert Mark herauszuschlagen."— Zeuge: Nein, daS ist nicht wahr!— Präs.: Es steht dock aber hier in dem von Ihnen un- terschricbenen Protokoll?— Zeuge: Das ist ein entschiedener Jnthum. Bei solchen Vernehmungen ist man immer etwas befangen und der betr. Assessor ist sehr auf mich eingedrungen, das Protokoll zu unterschreiben. Als ich es mir durchlas, oppontrte ich gegen die Fassung und verlangte, daß mein Widerspruch zu Protokoll genommen werde. Das ist aber nicht geschehen.— Präs.: Nun, Sie find doch anscheinend ein in- telligenter Mann und werden doch nicht etwa unterschreiben, waS Ihrer Anschauung nicht entspricht. Zeuge: Ich habe die Unterschrist schließlich geleistet, hatte mir aber vorgenommen, die Sache in der Audienz zur Sprache zu bringen.— Ein Geschworener macht darauf aufmerksam, daß in dem Protokoll fich auch die Bemerkung findet: Frau Hammermann habe dem Zeugen zugegeben, daß sie 1000 Mk. verlangt hatte. Der Ge- schworene weist nun darauf hin, daß der Zeuge die Richtigkeit dieses Passus nicht bestritten habe.— Zeuge Krischen giebt die Richtigkeit dieser Stelle ausdrücklich zu. Die nächste Zeugin ist die unvereh. Stetzelberg, welche einige Zeit bei Rother's wohnte und zwar erst in der Ba- rutherstraße und dann in der Fürbringerstraße. Die Zeugin weiß, daß Graef einmal hingekommen ist und die Wohnung angesehen hat.— Präs.: Haben Sie gehört, daß die Bertha R. ein Verhältniß mit dem Prof. Graef hatte?— Zeugin: Ich habe so etwas einmal von der Marie Reim gehört.— Präs.: Von sonst Niemand?— Zeugin: Ich habe auch einmal die Mutter direkt gefragt und dreselbe hat mir geantwortet, daß Bertha bei Prof. Graef noch unschuldig sein könnte.— Präs.: Ist davon gesprochen worden, daß Graef häufig hinkommt? — Zeugin: Ja.— Präs.: Auch Abends?— Zeugin: Das weiß ich nicht.— Präs.: Wissen Sie sonst noch etwas? — Zeugin; Ich weiß nur, daß später davon ge- sprachen wurde, Graef habe mehrfach geschrieben, die Bertha sei aber nicht mehr zu ihm hingegangen, weil fie ein anderes Verhältniß mit einem Referendar an- geknüpt hatte.— Angekl. Graef' Ich möchte ausdrücklich dar- auf aufmerksam machen, daß nach dieser Aussage die Mutter selbst der Meinung war, daß in dem Verhältniß der Bertha zu mir letztere unschuldig sein konnte.— Einige Zeuginnen, welche einige Zeit bei Rother's gewohnt haben und theilweise selbst Modell gestanden haben, wissen nur, daß Bertha bei Prof. Graef Modell gestanden hat, können aber über ein Ver- hältniß derselben zu Prof. Graef nichts bekunden. Eine Maurer- frau, Emilie Scholz, ist der Anficht, daß Bertha Rother schon im Jahre 1377 im Lagerhause bei Prof. Graef Modell ge- standen hat, denn fie bat dieselbe einmal bis zum Lagerbause begleitet und von der Mutter gehört, daß ihre Tochter zu Prof. Graes gehe.— Angekl. Graef: Ich habe darauf zu erklären, daß ich im Lagerhause nie ein Atelier hatte.— Aus den Erklärungen der Bertha Rother und der Frau Rother geht her- vor, daß Bertha damals allerdings einmal nach dem Lager- Hause gegangen war, um fich als Modell einstellen zu lassen und daß fie fich dazu die Namen verschiedener Professoren auf- geschrieben hatte, unter denen fich auch Prof. Graef befand.— Die„Schneiderin" Amanda Reuter, ein unter fittenpolizeilicher Kontrole stehendes Mädchen, ist stüher einmal bei Notkers Dienstmädchen gewesen. Ihre Vernehmung macht unendliche Schwierigkeiten, da ste immer nur nach langem Besinnen und zögernd und unter fortwährendem Widerspruch mrt ihren frü- Heren Aussagen ihr Zeugniß ab giebt. Der Präsident hat da- her fortwährend Veranlassung, die Zeugin eindringlichst zu vermahnen und vor dem Meineide zu verwarnen.— Präs.: Haben Sie damals gehört, daß' Bertha bei Graef Modell steht?— Zeugin: Ja.— Präs.: Haben Sie g-hört, daß Bertha mit Pros. Graes ein Verhältniß hat?— Zeugin (zögernd): Ja.— Präs.: Ist Graes zu Rother's ins Haus ge- kommen?— Zeugin(zögernd): Das weiß ich nicht.— Präs.: Haben Sie sich zu irgend J-mand über das Bestehen eines solchen Verhältnisses ausgesprochen?— Zeugin: Das weiß ich nicht mehr.— Präs.: Wessen Sie auch nicht, daß Graef Geld an Rother's gegeben hat?— Zeugin: Das weiß ich auch nicht mehr.— Pras.(eindringlich): Das wissen Sie nicht mehr? Sind Sie nicht nach Graes geschickt woidcn?— Zeugin(nach langem Zögern): Bestimmt kann ich es nicht mehr sagen.— Pras.: Zeugin, ich verwarne Sie nochmals ganz ernstlich. Wollen Sie fich denn um Ihr Seelenheil dringen? Wenn Sie hier etwas verschweigen oder etwas Falsches sagen, so be« gehen Sie einen Meineid und wandem ins Zuchthaus.— Bedenken Sie das wohl? Run?— Zeugin(zögernd): Ich bin sehr ängstlich.— Präs.(energisch): Dann strengen Sie Ihren Kopf an und überlegen Sic fich recht wohl, was See sagen, damit Sie nicht einen Meineid leisten! Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihre früheren Aussogen ganz anders lauten. Hier in dem gerichtlichen Protokolle haben Sie aus- drücklich gesagt:„Ich habe Briefe für Frau Rother häufig geschrieben, in denen Frau Rothcr um Geld bat.— Zeugin «zögernd): Das weiß ich nicht mehr ganz genau.— Präs.: Zeugin, ich wiederhole meine Verwarnung Ihr ganzes Auf- treten zeigt mir, daß Sie mit der Wahrheit hier zurückhalten. Ich werde Ihnen Zeit lassen, fick zu befinnen und kann Sie nur ermahnen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie in Ihrer gerichtlichen Vernehmung ausdrücklich zu- gegeben, Sie yätten einmal 80 Mark von Graes geholt. Nun?— Zeugin(nach langem Besinnen): So recht klar war es mir nicht.— Präsident: Bcr Ihrer polizeilichen Vernehmung haben Sie noch viel mehr gesagt; da haben Sie gesagt, daß Graef häufig hingekommen sei.— Zeugin: Ich weiß nur, daß Bertha einmal zu Kroll zum Ball gehen wollte, und daß da die Rede war, Prof. Graef wollte nachkommen.— Präs.: Sie baben früher gesagt, daß, als Bertha fich zum Ball ankleiden wollte, Prof. Graef rn der Wohnung erschienen sei. fich in das Schlafzimmer der Bertha begeben habe und daß, als Sie in die Stube wollten, Sie die Thür verriegelt fanden. Ist das so richtig.— Die Zeugin wird durch(das Jnquifitorium des Präsidenten immer ver- wirrter und unbestimmter, fie macht fortwährende ausweichende Bemerkungen und ihre Antworten find ganz unbestimmt, so daß der Präfident in der Lage ist, ihr ununterbrochen Vorhat- tungen zu machen. Nachdem er nochmels die Protokolle ver- lesen, fragt er: Wie find Sie dazu gekommen, solche bestimmte Aussagen zu machen, die Sie jetzt vergessen zu haben scheinen. — Zeugin: Ich war so bestürzt und außerdem redete der Kit- minalkommissarius so sehr auf mich ein.— Präs.: Sie haben aber alle diese Aussagen auch bei Ihrer gerichtlichen Verneh mung wiederholt. Jetzt erklären Sie mir einfach: Haben Sie damals die Wahrheit oder die Unwahrheit gesagt? Statt aller Antwort bricht die Zeugen plötzlich rn Schluchzen aus. Der Präfident läßt ste deshalb dicht an der Richtertrsch herantreten und redet nochmals auf ste ein: Sie haben gar keinen Anlast zum Weinen. Sagen Sie nur ruhig die Wahrheit, dann wird Ihnen nichts pasfiren. Also ist Ihnen noch bekannt, was an dem Ballabend passttt ist? Ist Herr Prof. Graes dort ge» wesen?— Zeugin: Ich habe nicht geöffnet, sondern Frau Rother.— Präs.: Ist der Angekl. Graef m die Stube der Bertha gegangen oder nicht?— Zeugin: Ich wollte in die Vorderstube gehen und da fand ich fie verriegelt— Präs.: Das ist keine Antwort auf meine Frage. Ich frage Sie: war Graef in dem Zimmer?— Zeugin: Direkt habe ich ihn nicht hineingehen sehen.— Präs.: Sie weichen mir schon wieder aus. Haben Sie ihn denn indirekt gesehen?— Zeugin: Ich kann nur sagen: die Thür war zu, aber ich habe ihn nicht hineingehen sehen.— Präs.: Bei ihrer früheren Vernehmung war gerade dieser Puntt sehr wesenttich und Sie haben sich damals sehr bestimmt geäußert.— Zeugin schweigt.— Präs.: Sie haben außerdem früher gesagt:„Ich war entschieden der Meinung, daß Bertha ein Verhältniß mit Prof. Graef hatte. Sie stand bei andern Künstlern nicht mehr Modell und hatte doch viel Geld." DieS ist Ihre Aussage gewesen. Ist das richtig so?— Zeugin: Ja.— Präs.: Sie haben dann noch hinzugefügt, daß Prof. Graes in jenem Jahre mit ihr nach Düsseldorf und Italien gereist sei. Ist das richtig?— Ja. — Angekl. Graef: Ich habe dazu zu bemerken, daß die Zeugin stets ganz unstcher war. Ich bin in jenem Jahre weder in Düsseldorf, noch in Italien gewesen, sondern in Rügen und zwar, wie ich gesagt habe, mtt der Bertha-— Präs.; Sind Sie überhaupt mit der Bertha einmal in Italien gewesen? — Angekl. Graef: Rein niemals. Meines Wissens bin ich zuletzt 1373—74 in Italien gewesen, sonst aber nicht. Im Uebrigen möchte ich nur bemerken:„Ich habe niemals be- stritten, daß ich öfter im Rother'schen Hause war und Bertha auch manchmal unbekleidet gesehen habe. Ich weiß, daß ich an jenem Balladend dort war, es war aber kein Schlafzimmer, in welches ich getreten bin, sondem Frl. Bertha kleidete fich in einem daneben liegenden Zimmer an. Ich leugne aar nicht, daß ich Bertha manchmal in irgend einer bestimmten Situation zu sehen wünschte.— Bertha Rother: Ich weiß ganz genau, daß ich mich in einem anderen Zimmer anzog, Prof. Graef war mit meiner Mutter im Hinterzimmer. Er sah mich nach- her im Ballstaat.(Pause.) Bei Wiederaufnahme der Sitzung wird die Zeugin Reuter aufgerufen, weil fie selbst gewünscht hatte, noch einmal gehört zu werden.— Präs.: Zeugin, bleiben Sie bei Ihrer Aussage» so wie Sie dieselbe abgegeben haben, oder haben Sie daran etwas abzuändern?— Zeugin(weinend): Die Bemerkung, daß ich nicht direkt gesehen habe, daß an jenem Abend Prof. Graef in die Rother'sche Wohnung gekommen ist, das kann ich nicht aufrecht erhalten.— Präs.: Weiter haben Sie nichts zu sagen? — Angkle. schweigt.— Präs.: Zeugin EaSper, dann kommen Sie mal vor und sagen Sie uns, was Ihnen die Zeugin Reuter im Korridor gesagt hat.— Zeugin CaSper: Die Reuter hat zu mir gesagt, daß ste gar nicht wisse, ob fie ja oder nein sagen solle, da sie so bestürzt sei.— Präs.: Hat fie Ihnen auch einen Grund angegeben.— Zeugin Casper: Sie hat gesagt, daß fie vor der Vernehmung drei Kognaks und einen Seidel getrunken habe.— Präs.; Dann werden wohl die Wirkungen der drei Kognaks jetzt noch nicht geschwunden sein; also setzen Sie sich.— Die Zeugin setzt fich, schluchzt aber auf ihrem Platz wiederholt. Hierauf wird die Zeugin Frau Siefert wieder vorgerufen. Dieselbe destreitet zunächst mit Entschiedenheit die Behauptung der Vertheidigung, daß gestern nach der Sitzung sie mit den Hammermann's ern Gelage in einem Restaurant in Moabit abgehalten habe. Sie habe mit einer anderen Zeugin nur Mittagbrod in dem Restaurant gegessen und in demselben Restaurant habe Hammermann gesessen. DieS wird von einer anderen Zeugin bestätigt.— Zeugin Siefett wiedeiholt nun noch einmal ihre gestrige Aussage, wonach ste gehött habe, daß Graef einmal zu Frau Rother gesagt habe,„ich gehe ein festes Verhältniß nicht mehr ein, das Verhältniß mit Bettha hat mich total ruinirt!"— Prof. Graes bleibt dabei, daß er lediglich daS Ansuchen der Frau Rother um Engage« ment ihrer Tochter Lieschen abgelehnt habe.— Präs.: Zeugin Siefert, was ist Ihnen sonst von einem Verbältniß der Bertha mit dem Angekl. Graef bekannt. Zeugin: Die Anna Rotder bat einmal in der Küche erzählt: Die„Gnädige"(womit Bertha R. gemeint sein sollte) wolle wieder Modellstehen gehen. Sie werde aber wohl nicht wieder solchen Maler finden, wie den Prof. Graef. Sie hat dann auch noch einmal erzählt, daß fie zu dem Prof. Graef gegangen sei und ihm gesagt habe: Herr f rofcffor, ich kann das nicht mehr mit ansehen, sondern muß hnen sagen, daß die Bettha mit anderen Herren umgebt, während Sie bezahlen. Nach der Erzählung der Anna habe Prof Graes fich über diese Aufklärung gefreut, habe der Anna 40 Mark gegeben und dann geäußett:„Dann werde ich mit Dir ein Verhältniß anfangen, Du bist nicht so abgelebt, wie die Bertha. Die Anna habe darauf geantwortet:„Nein, dann wäre ich ja eine Ehebrechettn.— Präs.: Anna Rother, entsinnen Sie fich der Vorgänge?— Zeugin Anna R.: Nein, das ist nicht wahr, das kann ich mich nicht entsinnen, ich bin mir davon nichts bewußt.— Zeugin Siefett: Ich bleibe bei meiner Aussage.— Präs.: Angekl. Graef, waS sagen Sie da- zu.— Angekl. Graef: Das ist ganz unrichttg. Es ist möglich, daß die Anna R. einmal zu mir gekommen ist und mir von dem Umgange Bettba'S mit andern Männern erzählt hat. Dies ist aber nur zu der Zeit gewesen, wo Bettha eine eigene Wohnung hatte. Von allem Ändern ist mir nichts bekannt.— Präs.: Haben Sie der Anna einmal 40 M. gegeben?— Angekl. Graef: Es ist möglich, daß ich derselben einmal Geld gegeben habe, ob dies aber 40 Mark waren, weiß ich nicht meyr.— Zeugin Siefeit: Ich habe dann auch noch gebött, wie Prof. Graef fich mit Frau Rocher in sehr lautem Tone über den Hammermann'schen Fall unterhalten hat. Ich habe gehört, wie Graef mehttach sagte: Sie können mir nichiS anhaben, fie sollen mir nur kommen! Ich habe dann auch gehött, wie Frau Rother zwischenwarf:„Herr Professor, sprechen Sie nicht so laut."— Pro!. Graef giebt die Möglichkeit zu, einmal mit Frau Rother über den Hammermann'schen Fall gesprochen zu baben.— Präs.: Nun, es ist doch eigenthümlich, daß Sie m Ihrer Stellung mit einer Frau von diesem Leumund über eine solche Sache fich unterhalten.— Angekl. Graef: Ick wurde ja immerfoit beunruhigt, und da ist ei wohl möglich, daß ich in meiner Aufregung auch zu Frau Rother über den Fall ge- sprachen habe. Die Zeugin erzählt dann nochmal» die gestern von ihr be» kündeten Wnbrncbmungen bei dem Streit, den die Schwester und die Mutter eine» Tages gehabt hatten. Die Zeugin bleibt bei ihrer Behauptung der gestrigen Darstellung, während Bettha Rother die Richtigkeit nochmals bestreitet. Dann beginnt ein sehr sorgsames Verhör mit der Anna Rother, welches sehr schwieng ist. da dieselbe in ihrer Ennnerung sehr unklar est und wieder bei den meisten Fragen sagt:„Das weiß ich nicht." Dazwischen weint ste auch,.so daß fie auS den Schranken heraus und vor den Gerichtstrsch treten muß, während fie Geh. Rath Liman sehr genau beobachtet. Sie bestreitet, daß fie bei dem qu. Streit die Motte gebraucht hat. die ihr die Zeugin Eiefett in den Mund legt. lieber die einzelnen Vorgänge vor ihrer Eidesleistung will fie nicht mehr viel wissen, sie bleibt aber dabei, daß fie nicht vom Prof. Graef und ihrer Schwester zum falschen Eide aufgeredet sei.— Präs.; Bei Ihrer früheren ge- nchtlichen Aussage haben Sie dies aber ausdrücklich zugegeben. Wie kommt denn das?— Angekl.; Ich habe dies auS Wuth «than, well ich so jung verstoßen war.— Präs. Wollten Sie Venn ihrer Schwester schaden?— Angekl.: Rein.— Präs.: Tie haben früher auch angegeben, Sie hätten vermuthet, daß ein solches Perhältniß zwischen Graes und Ihrer Schwester bestand. Hatten Sie denn so etwas vermuthet?— Angekl.: �jch hatte von Marie Reim erfahren, daß der Professor ein solches Nerhältnlß mit der Bertha hatte.— Präs.: Was ver- standen fie Venn unter solchem Perhältniß?— Angekl.: Das weiß ich nicht?— Präs.: Sie haben früher außerdem aus- gesagt: Ihre Schwester hätte Sie bestürmt, von dem Perhältniß ruchtS zu sagen, damit fie nicht unter Sitte komme.— Angekl.: Das ist nicht der Fall.— Präs.: Warum haben Sie denn da die Unwahrheit gesagt?— Angekl.(weinerlich): Weil ich mich rächen wollte, weil ich so jung verstoßen worden bin.— Präs.: So, so, also da wollten Sie stch auch rächen. Sind Sie denn vor dem Termin bei Graes gewesen?— Ängek.: Das weiß ich nicht.— Pias.: Denken Sie mal nach. Nach dm Akten sollm fie bei Graes gewesen sein und von ihm defragt wordm sein, worüber Sie vemommm worden find?— Angekl.: Nein.— Präs.; Denken Sie nur ruhig nach.— Angekl.: Nein. Ich habe das Alles nur gesagt, weil man mich in die ganze Sache mit bineingezogm hat.— Präs.: Sind Sie nicht auch mal bei Graes gewesen, wo er Sie zum Modell nehmen wollte?— Angekl.: Ja, ich bin für ihn Modell ge- gewesen.— Sehen Sie, Sie vei stehen ganz gut, wmn Sie nur wollen!— Präs.: Hatte er nicht gesagt, nun sollten Sie mit ihm ein Perhältniß eingehen?— Angell.: Nein.— Präs.: Haben Sie nach dem Termin von Prof. Graes Geld bekommen?— Angekl.: Nein.— Präs.: Sie haben doch einmal 40 M. bekommen?— Angell.: Die habe ich abgestanden. — Staatsanwalt Heinemann: Wenn die Anna Rother ver- muthet hat, daß ein Perhältniß obgewaltet hat und doch kein geschlechtliches meint, so frage ich fie, welches Perhältniß fie denn meint?— Anna R.: Das Perhältniß, daß er fie hat ausbilden lassen.— Präs.: Wissen Sie, was das für ein Per- hältniß ist, welches der Herr Staatsanwalt meint?— Angekl.: Rein.— Präs.: Eine Person, welche einen Bräutigam hatte, wird doch wohl wissen, was man im allgemeinen Volksleben unter einem„Perhältniß" versteht.— Angekl. Graes: Ich möchte nur konstatiren, daß nach der eben gehörten Aeußeiung des Herrn Präsidenten im allgemeinen Volksleben unter„Verhält- niß" immer nur ein geschlechtliches verstanden wird.— Rechts- anmalt Kleinholz nimmt hieraus nochmals Veranlassung, die Fragen festzustellen, welche bezüglich dieses Verhältnisses in der fraglichen Gerichtsverhandlung an Graes gerichtet worden find. — Auf eine Frage eines Geschworenen erllärt Bertha Rother, daß Frau Eiefert gegen ihre Mutter feindselig gestimmt ist. weil diese ihr Vorwürfe gemacht habe über die Mißhandlungen, vre sie ihrem unehelichen Kinde habe angedeihen lassen.— Zeugin Eiefert stellt dies in großer Erregung in Abrede, auf die Fragen des Vertheidigers giebt fie zu, daß fie einmal Mo- dell gestanden habe, daß sie von ihrem Bräutigam, dem Vater des Kindes, unterhalten worden sei und den letzteren demnächst geheirathet habe. Die Frage, od auch fie dem Hammermann eine eidesstattliche Vcrstcherung abgegeben, bestreitet die Zeugin mit demjBemerken, daß Hammermann nur durch einen gewissen Kühne erfahren habe, daß fie bei Rothers gewohnt habe und mancherlei wisse.— Auf Befragen eines Geschworenen erklärt die Zeugin, daß dieser Kühne auch bei Rothers gewohnt habe. Acußcrst signifikant ist die Aussage des Landgerichtsraths Johl für die Beurtheilung der Anna Rother. Landgerichtsrath Johl hat die Voruntersuchung geführt und die Anna Rother viermal vernommen. Er läßt sich dahin aus: Die Anna Rot her wurde mir vorgeführt und hat ohne Einwirkung meinerseits frei und offen gegen ihre Schwester und den Prof. Graes die mich überraschenden Beschuldigungen erhoben- Das zweite Mal habe ich sie ausführlich vernommen. Das dritte Mal kam während ihrer Vernehmung Jemand ins Zimmer und sagte, fie wäre ja in einer Anstalt gewesen. Die Anna Rother hat das bestätigt und noch hinzugesetzt: Ja wohl, Herr Graes Hit mich ins Johannisstift geschickt, weil er einen Spion in der Familie loS sein wollte.— Präs.: Sie haben doch bei Ihren Vernehmungen die Anna für vollständig dispofitions- fähig gehalten?— Zeuge: Vollkommen! Ich bin lange, sehr lange Untersuchungsrichter und muß sagen: Selten habe ich eine Person gesehen, welche so bestimmte Aussagen macht, wie diese. Wenn alle Vernommenen sich so präzise aus. ließen, dann würden wir nur die Hälfte unserer Zeit gebrauchen.— Präs.: Run hören Sie, Anna?!— An geklagte: Ich habe nur vermuthet, daß ein Verhältniß ob- waltete, alles andere habe ich aus Wuth gesagt.— Zeuge Jobl: Ich habe aus einer Unterredung, die ich mit ihr einmal in Gegenwart der GerichtSärzte gehabt habe, entnommen, daß fie eine ganz vorzügliche Simulantin ist. Sie wollte an jenem Tage plötzlich nichts mehr wiffen, wollte auch nicht einmal wissen, was ein Meineid ist. Mir ist es auch noch nicht vor- gekommen, daß Einer in der Voruntersuchung verrückt wird, entweder werden fie verrückt eingeliefert und fie werden es in der Zeit, die zwischen dem Schluß der Voruntersuchung und dem Verhandlungstermin liegt. Ich entsinne mich eines Falles, welcher auch in den Zeitungen vielfach besprochen wurde, wo ein Mann, der bei mir als verrückt galt, in dem Termin sich als gesund herausstellte, während derjenige, der als gesund galt, plötzlich für verrückt erklärt wurde und wirklich noch heute ver- rückt ist. Auch kommt es manchmal vor, daß Simulanten schließlich wirtlich verrückt werden— ein wunderbares Spiel der Natur.— Präs.: Sie glauben also, daß fie im Vollbesitz der Geisteskräfte war?— Zeugin: Ja wohl. Ich entfinne mich einer Szene, wo fie weinend zum Verhör kam und mir erzählte, daß fie körperlich schwach sei und daß Graes und ihre Schwester schändlicher Weise einen solchen Moment benutzt hätten, um fie zum Eide zu bewegen. Ich habe auch deshalb nicht angenommen, daß fie verrückt sein konnte, weil fie aus dem elterlichen Hause fort war und sich ganz selbstständig er- nährt hatte. Sie hat Modell gestanden, ihre Einnahmen da- von gehabt, und daraus ergiebt sich doch, daß fie rechnen tonnte, was sie aber bestritt. Um zu emiren, in wie weit die Angekl. Anna wirklich selbfiständig lebte und fich erhielt, folgen nun verscbiedene Fragen an die Anna, den Angekl. Prof. Graes und die Frau Rother.— Es geht daraus hervor, daß Anna Rother, welche an Krämpfen litt, auf Wunsch der Frau Rother ins Johanniifiift gebracht worden war und Prof. Graes das Geld dazu hergegeben hatte. Sie ist dann aber schon nach drei Tagen auS dem Strft entlaufen und auch nicht wieder dorthin zurückgekehrt. Seit ihrem 15. Jahre ernährt sie sich Modellstehen und wohnt in einer selbst gemietheten durch mö'blirterr Stube. Wem, ihre Einnahmen nicht ausreichten, half die Mutter aus. Die Kröpfe, an denen die Angeklagte umuwz-W MMN« Verrn Graes einen Groll Uttfc Hlll, .,..ftung desselben aus dem Hause ae- «WK Heinemann darüber beklagt, daß die Vertheidigrma mehrfach mit den Sachverständigen spricht, untersagt dies der Aorfitzende offiziell.— Der Angekl. Anna Rother, welche wieder vor den Richterttsch treten muß, wird nun vom Präsidenten Wort für Wort der Inhalt ihrer Aussagen in den Vernehmungen bei dem Untersuchungsrichter vorgehalten. Sie giebt einige Stellen zu, andere bestreitet fie. Bei der Mehrzahl sagt fie ,chas weiß ich nicht mehr". Im Allgemeinen sucht sie ihre Beschuldigungen, die fie gegen Prof. Graes und Bertha R. erhoben hatte, als falsch hrnzustellcn, wiederholt immer wieder, daß sie nur aus Wuth darüber so ausgesagt, weil fie in die ganze Geschichte mit hinein gekommen sei.— Angekl. Prof. Graes(etwaS erregt): Ich berufe mich auf den Untersuchungsrichter Johl, daß er auch bei meinen Vernehmungen mehrfach gefragt hat, ob ich die Anna Rothcr für undispofitionsfähig gehalten hat. Ich habe dies ohne Weiteres bejaht und nun frage ichZ: Ist es denkbar, daß ich eine geistesschwache Person dann noch zu einem Meineide be- nutzen und ihr noch obendrein 40 Mark bezahlen würde. Dann müßte ich doch selbst geisieskrank sein. In Künstlerkreisen ist Anna Rother auch dafür bekannt gewesen, daß fie nicht richtig im Kopfe sei.— Landgerichtsrath Johl erwähnt noch, daß nach der Behauptung eines Zeugen, der mit der Anna R- charmirt, dieselbe ganze Geschichten vollständig erfinden solle, also äußerst lügenhaft sei. Er könne aber nicht glauben, daß eine geistesschwache Person eine so große intellektuelle Energie entwickeln sollte um ganze Geschichtm zu erfinden.— Die nächste Zeugin ist Minna Adler, seiner Zeit Dienst- mädchen bei Rothcr's. Sie ist einmal dazu gekommen, wie Graes mit eigenem Schlüssel die Korridorthllr zur R.'schen Wohnung öffnete. Sie hat von einem Verhältniß nichts gehört, rhr wurde vielmehr immer nur gesagt, daß Bertha Modell stehe. Sie hat auch einmal Geld geholt von Graes und hat fich gewundert, wofür Graes das Geld hergebe. Frau Rother habe aber gesagt, das ginge fie nichts an. Als Bertha schon aus dem Hause war, habe Frau Rother einmal wieder 50 und 100 Mk. erhalten und habe hinzugesetzt: Prof. Graes habe fie gebraucht und ihr gesagt: es wäre ja ganz egal, ob er ihr das Geld gebe oder einer anderen.— Prof. Graes: Mir ist davon kein Sterbenswort bekannt.— Angekl. Frau Rother: Die Zeugin hat jedenfalls ganz falsch verstanden. Ich kann höchstens gesagt haben, daß ich das Geld gebrauche. — Präs.: Zeugin, Sie haben es aber in unanständigem Sinne aufgefaßt?— Zeugin: Ja wohl!— Die Schwester dieser Zeugin, Anna Adler ist um die WeihnachtSzett 1884, also nach dem ersten Termin, bei Rotber's Dienstmädchen gewesen. Sie erzählt, daß Bertha ihr mitgetheilt habe, fie habe schon seit ihrem 13. Jahre ein Verhältniß zu Prof. Graes. Sie habe seit dem 13. Jahre für lumpige 30 Mk. ihren Körper hergeben müssen. Die Zeugin hat diesen Ausdruck im bösen Sinne aufgefaßt, namentlich, da Bertha hinzugesetzt habe, daß AlleS, was in der Wohnung der Mutter ist, ihr gehöre. Ferner be- kündet die Zeugin, daß Anna ihr gesagt habe: sie könne es nicht mehr mit ansehen, daß Bertha fich mit so vielen Herren abgebe; sie habe schon darüber mit Prof. Graes gr sprachen und dieser habe ihr offerirt, daß er mit ihr ein Verhältniß anfangen wolle.— Prof. Graes: Von alledem ist auch nicht ein Wort wahr. Wer hier gelogen hat, weiß ich nicht.— Schließlich bestätigt die Zeugin die Zankszenen ganz nach der Schilderung, welche die Zeugin Eiefert davon gegeben.— Angekl. Bertha R.: Ich bestreite ganz entschieden die Richtigkeit dieser Darstellung. Sie erklärt, daß sie mit der leicht hingeworfenen Bemerkung betr. die lumpigen 30 Mark und das Hergeben ihres Körpers nur daS angestrengte Arbeiten bei Prof. Graes seit ihrem dreizehnten Jahre gemernt habe.— Prof. Graes: Das Mädchen hat mir damals täglich mehrere Stunden für das„Märchen" als Modell gedient und das ist allerdings eine anstrengende Arbeit. Hiermit wird die Sitzung gegen 5 Uhr geschloffen. Soziales und Arbeiterbemegimg. Aufruf an alle Berufsgenossen sowie au sämmt- liche Arbeiter Berlins! Arbeiter, Kollegen! DaS herabdrücken unserer Löhne hat uns veranlaßt, einen partiellen Streik über folgende Fabriken zu verhängen: 1) Kisten-Fabrik von Otto Erdmann, Kottbuser- Ufer 40; 2) Kisten.Fabrik von Fugh, Lindenstraße 35; 3) Kisten.Fabrik von Vallentin, Neue Jakob- straßc 6. Es stehen außerdem noch andere in AuSstcht, in welchen wir unbedingt vorgehen müssen. Zwar haben wir zu unserer Freude gute Resultate erzielt, da erstbenannter Fabrikant unsere Forderungen bewilligt hat; in der Fugh'schen Fabrik stoßen wir jedoch auf große Schwierigkeiten, denn Herr Fugh bietet Alles auf, um neue Arbeiter zu erlangen, die er auch trotz unseres Abmahnens be- reits erhalten hat. Wir hoffen jedoch, daß eS nicht lange gehen wird, denn ein Theil der neuen Arbeiter hat die Fabrik bereits wieder verlassen. Es heißt nur ausharren, und dazu gehören Geldmittel, denn die Arbeiter haben bei den schlechten Löhnen nichts erübrigen können, um jetzt auSzuhalten. Wir find nur eine kleine Genossenschast und ist eS uns daher nicht möglich, aus eigenen Mitteln unsere streikenden Kollegen zu unterstützen. Darum wenden wir uns Vertrauens- voll an Euch. Ardeiter und Kollegen Berlins, uns in unserem Kampfe hilsteich die Hand zu reichen und unS nach Kräften zu unterstützen. Auch die kleinste Spende ist uns willkommen; wer schnell giebt, giebt doppelt. Kollegen, man wirft uns zwar vor, daß unsere Forderungen nicht verechtigt find, und daß wir einen hinlänglichen Lohn verdienen, aber eine solche Behauptung kann nur von unseren Gegnern ausgehen, denn Tbatsache ist es, daß in der Fugh- schen Fabrik der Lohn 20 Pf. die Stunde beträgt, und unsere Forderungen find in der Lohnarbeit auf 22 Mark pro Woche gestellt. Wir hoffen daher, daß die Berliner Arbeiter unseren Sstcik voll und ganz anerkennen werden. Nochmals, Kollegen und Genoffen, gedenkt unser, denn wir find stets diejenigen gewesen, die nach Kräften die bedrängten Kameraden unterstützt haben, und wir werden es auch fernerhin thun.— Unterstützungen werden entgegengenommen in unserem Arbeits- Nachweis, Holzmarltgaffe 3, bei Decker. Die Lohnlommisfion der Kisten- und Kossermacher. Zur Frauen- und Kinderarbeit. In Nummer 223 unseres Blattes theilten wir mit, daß die Versammlung der Naturforscher und Aerzte, welche nunmehr in Straßburg getagt hat, die Frage der Frauen- und Finderarbeit in den Kreis ihrer Betrachtungen ziehen würde. Auch gaben wir die Thesen an, die der Referent Dr. Köttnitz zum Vortrag bringen und vertheidigen würde. Verschiedene Zeitungen sprachen fich mit hoher Genugthuung aus, aber ein deutsch-steifinniges Blatt rief: Diese Thesen gehen ja noch weit über den Arbeiterschutz- gesetzentwurf der Sozialdemokraten hinaus! Dr. Köttnitz ver- theidigte seine Thesen mit Geschick und unter Vorführung reichlichen Materials, doch sämmtliche übrigen Redner wamten vor Annahme derselben. Deshalb wurde beschloffen, die Thesen nicht zur Abstimmung zu bringen. Das nennt man auch eine Lösung der Frage der Frauen- und Kinder- arbeit. Die Leipziger Tuchmesse ist wenig günstig verlaufen. Der Export verhielt fich, um in der kaufmännischen Sprache zu reden, ziemlich pasfiv. Nur einige Schweden und Dänen waren als Käufer anwesend. Wenngleich daS Geschäft, welches auf der Messe selbst abgeschloffen wird, auf die Gesammt- Produktion und den Gesammthandel von leiner großen Be- dcutung ist, so kann man die Messe doch gewissermaßen als einen Gradmesser ansehen. Wie auf der Messe selbst, werden auch im ganzen Tuchaeschäft erhebliche Konzessionen seitens der Produzenten an den Preis gemacht, so daß der Verdienst ein äußerst geringer bleibt. Die Arbeitslöhne werden natürlich in Mrtlcidcnschast gezogen und so kann schon jetzt konstatitt rver- den, daß dieselben in der Tuchbranche in den nächsten Mo- naten noch weiter sinken werden. Arbeitshäusler. Während die Insassen des Berliner städttschen Arbeitshauses keine industriellen Arbetten für Private mehr verrichtm, sondern nur noch städtische, hauptsächlich die Bearbeitung der Rieselfelder, was dem Arbeiterschutz- Gesetz- entwurf der Arbeiterabgeordneten entspricht, rückt, nach der „Voss. Ztg.", jeden Montag eine Kolonne von 30 Insassen deS Rummelsdurger Arbeitshauses mit zwei Aufsehem nach Nieder« Schönweide, wo fie mit einem großen Kahn nach der Fabrik überaeholt wird. Hier bleiben die Leute die ganze Woche und arbeiten, essen und schlafen in der Fabrik, um am Sonnabend Abend wieder nach Rummelsburg zurückzukehren.— So wird den sogenannten freien Arbeitern eine drückende Konkurrenz gemacht. lieber Fabrikantenkonventionen haben wir uns schon früher geäußert und erklärt, daß wir uns mit der Idee der- selben, da fie darauf abzielen, die Produktion zu regeln, wohl einverstanden erklären könnten, aber bezweifelten, daß fie zum Ziele führen würden, stille solche auf Privatverabredungen ge» stützen Organisationen hätten den Fehler, daß fich entweder nicht alleJnteressenten anschlössen oder ihreVersprechen nicht hielten. Deshalb könnte die Produttion nur durch die Gesammtheit, daS heißt durch die Gesetzgebung geregelt werden. Daß wir vollständig recht hatten, geht aus folgender Nachricht hervor: „Die Bemühungen, eine Konvention ver rheinisch-westfälischen Walzdrahtfabrikanten zu Stande zu bringen, sind gescheitert. Vier Werke haben fich grundsätzlich gegen eine derartige Vereinigung ausgesprochen und die Theilnahme an den darauf hinzielenden Verhandlungen abgelehnt. In Folge dessen ist die auf den 29. September nach Düsseldorf einberufene Ver- sammlung nicht abgehalten worden."— Noch wollen wir be- merken, daß gerade vre Walzwerke in großer Nothlage fich be- finden; aber auch diese ist nicht einmal im Stande gewesen, eine vollständige Einigkeit unter den Interessenten zu erzielen. DaS Konkurrenzspiel ist mächtiger als die Vernunft. Aus Oberschlesten wird berichtet, daß ein Mangel an Arbeitskräften für die dortigen Hüttenwerke vorhanden sei. Dabei wird sehr bezeichnend bemerkt, daß die für den Hütten- und Grubenbetrieb untauglichen und untauglich gewordenen Personen Arbeit in den großen Ziegeleien erhielten. Die Arbeit in den Gruben und Hüttenwerken ist derart aufteibend, daß der stärkste Mann es selten über zwölf Arbeitsjahre bringt und dann andere, weniger anstrengende Arbeit suchen muß. Geht das in Oberschlesten so weiter, dann tritt dort vollständige Demoralisation ein. Daraus steht man, wie nothwendig gerade bei solcher Arbeit ein Maximalarbeitstag, überhaupt ein Ar- beiterschutzaesetz ist. Wirthschaftlicher Rückgang in Lothringen. In Be- stätigung früherer, auch von uns mitgetheilter Nachrichten wird jetzt gemeldet, daß die lothringer Eisenwerke wegen Mangels an Bestellungen und in Folge der scblechten Preise ihren Betrieb fast gänzlich eingestellt haben. Noch zu Anfang dieses Jahres beschäftigten dieselben gegen 900 Arbeiter und hielten 24 Puddelöfen rn Betrieb. Bereits vor sechs Wochen wurde die Zahl der letzteren auf 12 beschrankt. Gegenwärtig find nur noch vier Oefen in Thätigkeit. Von den drei Hochöfen find zwei ausgeblasen worden; von den 14 Schweißöfen find noch zwei im Betrieb. Die Gießerei St. Benoit mußte eben- falls geschlossen werden. Die Gesammtzahl der auf dem Werke gegenwärtig noch beschäftigten Arbeiter beträgt bloß 150. Leider verspricht die allgemeine Geschäftslage wenigstens für die nächste Zukunft keinerlei Besserung. Münchener Bierbezug. Aus München wird geschrieben: In dem am 1. d. MtS. abgelaufenen Sudjahre ist bei fast sämmtlichen Brauereien der Malzverbrauch gestiegen; eS wurden in der letzten Kampagne 898,391 Hektoliter Malz, also 131,507 Hektoliter mehr als im Vorjahr, versotten; nimmt man an, daß aus einem Hektoliter Pfalz durchschnittlich 215 Liter Bier gewonnen werden, so ergiebt dieser Verbrauch eine Produktion von fast 2 Millionen Hektoliter Bier. Fast das ganze PluS der letzten Sudperiode ist auf Rechnung des Exports zu stellen, da der Platzkonsum nur unwesentliche Veränderung erfuhr. Wir berechnen die Bierproduttion der hiesigen Brauereien für daS Sudjahr 1884 85 wie folgt: Brauerei zum Spaten von Gabr. Sedlmayr 410,000 Hektoliter, gegen 1883 84 mehr um 89,000 Hektoliter; Brauerei zum Pschorr von Gg. Pschorr 240,000 Hektoliter, 1883/84+ 43,000 Hektoliter; Attienbrauerei zum Hackerbräu 226,090 Hektoliter, 1883/84+ 36,000 Hetto- liter; Attienbrauerei zum Löwenbräu 210,000 Hektoliter 1883/84+ 29,000 Hektoliter; Leist- und Franziskanerdräu von Jos. S-dlmaur 180,000 Hektoliter, 1883 84+ 1500 Hektoliter- Augusiincrbtäu von Jos. Waaner 107,000 Hektoliter. 1383/Ä + 37,000 Hektoliter; Zacherlbräu von Gebrüder Schmedercr F>3, 000 Hektoliter, 1883/84+ 15,000 Hektoliter: Attienbrauerei Bürgerliches Bräuhaus 82,000 Hektoliter, 188§/84+ 31,000 Hektoliter; Kal. Hofbräuhaus 63.000 Hektoliter, 1883/84+ 7000 Hektoliter; Aktienbrauerei zum Münchener Kindl 47,000 Hetto- 1,700,000 Hektoliter. 18 Brauereien mit 5000 bis 18 000 Hettoliter mit 213,000 Hettoliter; 12 Brauereien mit 100 bis 1000 Hektoliter mit 19,000 Hektoliter. Gesammtproduttion 1884/85 1,932,000 Hektoliter. Aus Charlerot(Belgien) wird geschrieben, daß die meisten dortigen Eisenwerke ihren Arbeitern vom 1. Ottober && nehme» werden, da ein großer Theil der Arbeiter wegen der K&l« der Wagen beschäftigt auf i gegen............ in Szene zu setzen. Zur verabredeten Zeit leaten fi- fÄmmru* Ä'SÄisres.« gespannt._ Vereine und Versammlungen. Vorfitz des Obermeisters Herrn Schmidt ihre diesmonatliche Einnahme M. 4131,38, die Ausgabe M. 2599,76; der D- MDH- CSäsI». Hebung oerfchtebener im Laufe der Zeit eingetretener oder der Unterlassung geplanter Lohnreduzirungen die hervorragend- sten Erfolge. m der im vorigen Jahre in der Plüschbranche bewirkten Lahnau besserung, wie in der durch Konferenzen an- gebahnten und therlweise durchgefühtten Gleichstellung der Lohne auf_ ctmgen Artikeln beständen. Auch die in dm lFtm zwcr Jahren von der Vereinigung betriebene Agrtatron, welche Ifich zunächst auf die nächsten Nachbarorte »«schränkte, später aber selbst bis auf dt« schlestschen, für Ber- teer Finnen arbeitenden Orte fich ausdehnte, sei von günstiger Wirkung gewesen, was daS Aufblühen starker Vereine, beson- »ers in Nowawes und Zinna, beweise. Auch in Straußberg, Bernau und Luckenwalde seien Vereine entstanden, in Schlesien edoch noch in der Entwickelung begriffen, ein Umstand, welcher wch zur Fortsetzung der Agitation mahne, welcher es schließ» ich gelingen würde, der Organisation auch dort einen sicheren Arund zu legen. Auch der Rechtsschutz sei sehr in Anspruch irnommen worden, waS für die Nothwendigleit und Nützlich« eit deffelben spreche. Das erhebendste Gesüht sei die That» ache, daß die Zähigkeit der älteren Mitglieder durch dm in etzter Zeit erfolgten Beitritt zahlreicher neuer Mitglieder roch größer. geworden sei, und für die Wetter- ntwickelung der„Vereinigung" sichere Bürgschaft leiste. Hieran mknüpfmd wieS Herr Klösterlein darauf hin, daß der„Ver- einigung" durch die Agitation erhebliche Kosten verursacht worden seien, ein Nachtheil, der jedoch fortan in Wegfall komme, da man sich auf einer mit Vertretern der auswärtigen Ge» werkschaften abgehaltenen Konferenz dahin geeinigt, daß der» enige Ort, welcher einen Deleqirtm verlangt, die Reisekosten elbst zu tragen habe, und deshalb die Kaffe m Zukunft wmiger lelastet werde. Aus den von dem Vorredner angeführten Ehatsachen und dem Umstände, daß sowohl das Fachorgan, wie auch die im Streik befindlich gewesenm Kollegen auch der mtferntestm Ortschaften unterstützt worden seien, und so Vor» sorge getroffen sei, daß die hiesige Fabrikation nicht noch an stlätze mit noch billigeren Ardeitsträften als die schlefischm ver> rebm werde, zog er die Schlußfolgerung, daß die Vereiniaung ür daS Wohl derEtuhlarbeiterschafi Deutschlands gearbertet habe. ! inen weiteren Verhandlungsgegenstand bildetet« die biS vor iebm Monaten der„Deutschen Manufakturzeitung" gelerstete, ivn dieser Zeit aber vom Vorstande eingestellte finanzielle Bei» Nlfe, in welcher Sache auf Antrag des Herrn Scholz nach anger und erregler Debatte beschlossm wurde, von erner weiteren Unterstützung des Fachorgans Abstand zu nehmen, -«doch für weiteste Verbreitung dieses Blattes zu sorgm, und war zunächst durch den Ankauf von Exemplaren einer der räcbsten Nummen im Betrage von 20 Mark und Vertheilung Zerselben an die Mitglieder, und durch ein Vierteljahrs» Abonnement in demselben Betrage zur Verbrettung in dm chlefischen Ortschaften. Einen andern wichtigen Theil des Abends bildeten die auf Grund des neu revioirtm Statuts, welches gedruckt vorlag, vorzunehmendm Wahlm d«S Lorstandes und der Revisoren. Es wurden gewähtt Sie Herren Schmidt und Klösterlein zu Vorfitzenden, Schuhmann und Karp zu Schristführem, Magnan zum Ren» Janten, Arbeitlang zum Kontroleur, zu Beifitzem Albrecht, Klahr, Rieft und Häuf, zu Revisoren Breitenstein und P. Wachier. Die Wahl der Fachkommission wurde der sehr vor» zerücktcn Zeit wegen bis zur nächsten Versammlung vertagt. Zum Schluß berichtete Herr Schmidt, daß die Konferenz von Ver» tretern der Textilbranche, welche vor Kurzem unter Vorsitz des Herrn Gewerberath v. Stülpnagel in Betreff der Sonntags« mgSruhe tagt«, sich mit 4 gegen 2 Stimmen, von denen eine für beschränfte Beibehaltung der Eonntagsarbeit, die andere für gänzliche Beibehaltung derselben gewesen sei, für die Ab- schaffung der Sonntagsarbeit erklärt hat.__ tb. Eine Arbeitseinstellung der Böttcher steht bevor. Die Böttchergesellm Berlins haben eine Lohnkommisfion an ihre Spitze gestellt, welche zur einheitlichen Regelung der Lohn» und Arbettsverhältniffe Lohntarife ausgearbeitet bat. Die» elbm normirm den Stücklohn für sämmtliche vorkommendm Arbeiten und verlangm für Lohngesellm bei einer täglrchm ArbeUSzeit von 6 Uhr Morgens biS 6 Uhr Abends einen wöchentlichm Lohn von 24 Ml., für die in Brauereien beschäf« tigtm„Vertreter d«S Oberbinders" 27 MI. Die Arbeit nach Feierabend, sowie die EonntagSarbeit, soll soviel wie möglich eingeschränkt und fortan mit SO Pf. pro Stunde dezahtt wer« den. An dm drei heiligen Abenden vor Ostern, Pfingsten und Weihnachten soll Nachmittags um 4 Uhr Feier» abend sein. Diese Lohntarife unterlagm der allge- meinen Böttcher gesellm-Versammlung. welche am 29. d. Mls., unter Vorsitz des Herrn Holtmann, Lichtenbergerstraße 21. tagte, zur letzten, endgültigen Beschlußfaffuna und wurden in allen Positionen einstimmig angenommen. Zugleich wurde die Lohnkommisfion beaufttagt, den Jnnungsvorstand zu veranlassen, noch in dieser Woche eine Meisterversammlung einzuberufen, welcher'die Lohnkommisfion die Tarife vorlegm soll. Am Sonnabend solle überall da, wo man die Tarife nicht bewilligt, die Arbett eingestellt werdm. Zur Aufrechterhaltung der Ta» rife soll ein Fachverein gegründet werden. Der Aachverein der Tischler hätt am Sonnadmd, den 3. Oktober, in Jordan's Salon, Neue Grünstt. 28, eine Versammlung ab, in welcher Herr Prediger emer. Kendziora einen Vorttag halten wird über daS Thema:„Was ist Wahrheit?" Die Versammlung wird präzis 8'/» Uhr eröffnet. Vereinsmit- glieder, welche unter den bekannten Bedingungen an dem Un« lerricht in der Handwerkerschule theilnehmen wollen, haben fich unter Vorzeigung der vom Herrn Direktor der Handwerkerschule ausgestellten Karte in der Versammlung zu meldm. spätere Meldungen können nicht berücksichtigt weiden. Mit- glieder, welche sich zur Theilnahme an dem Unterricht noch nicht angemeldet haben, müssm fich heute oder spätestens Eonnabend, 3. Oftoder, Admds von 8 bis 8 Uhr, in der Handwerkerschule, Kurstr. 52, melden. Der Unterricht beginnt am Sonntag, den 4. Oktober. BilletS zum Vereins- kränzchm am 17. d. Mts. in der Berliner„Ressource", Kommandantenstraße 57. find in allen Versammlungen des Vereins und bei den Mitgliedern Heckmann, Manteuffelstraße Nr. 40, Watter. Stallschreiberstr. 18, 2. Hof 2 Tr.; Böhm. Johanniter str. 10; Thierbach, Neue Königstr. 72, Quergebäude 3 Tr.: Wedekind, Gartenstraße 145, und Schulz, Memelerstr. Nr. 83, zu haben. Eine Kommnnalwähler- Versammlung im dritte« Kommunal- Wahlbezirk, einberufen vom Arbeiter-Wabl- komltee, findet am Sonntag, den 4 Ottober, Vormittags 10 Uhr, im Dorotheenstädttschen Kasino, Dorotheenstr. 58, statt. TagcS- ordnung; Die bevorstehenden Kommunalwablen. Referent Herr Stadtverordneter Singer. Das Arbeiter� Wahlkomitee er» sucht alle Wähler der in. Abtheilung, besonders die Arbeiter, in dieser Versammlung zahlreich zu erscheinen, wie überhaupt bei der Wahl auch in diesem Bezirke ihre Schuldigkeit zu thun. Der Bezirktverein deS werkthätigen Volkes im 29., 30. und 31. Kommunal-Wahlbezirk tagte am 29. September nach längerer Pause im Restaurant Arendt, Neue Friedrichstr. 44. Herr Tischler Voigt hielt einen Vortrag über„Unsere Mili« tärorganisation in Beziehung zur Volkswtrthschast." Bei Ge- legenheit der fich an den Vorttag anschließenden Diskusfion ergriff der Schriftsetzer Kunkel das Wort, der nach seinen Aeußerungen von dem überwachenden Polizetbeamten für ver- hastet erklärt wurde. Herr Kunkel wurde gestern Vormittag wieder aus der Hast entlassen. Demokratischer»erei«. Versammlung Freitag, 2. Otto- ber, Abends 3>/, Ubr, im Luisenstädt. Klubhaus, Annenstr. 18. Tagesordnung: Diskussion über TageSfragen. Referent: Herr Weyl. Zentral-Kranken-«nd Sterbe.Kasse de, Drechsler und verw. Berufsgnossen Deutschlands(E. H. Nr. 48, Hamburg). örtl. Verwaltungsstelle Berlin B. Die Zahlstellen dieses Bezirks �stnb«t stch 1) Reichenbergerstraße Nr. 24 bei Schröder. 2) Skalteerstr. Nr. 65 bei MunSke, 3) Prinzenstr. und Annenstr. Ecke bei Funke. Allgemeine«ranken» und � Eterbekasse der Metall» arbeiter.(E. H. Hamburg 29.) Filiale 5, Berlin. Mitglieder» Versammlung am Sonntag, den 4. Ottober, Vormittags 10 Uhr, bei Ackermann, Lothnngerstr. 31. Aachverein der Schlosser. Sonnabend, den 3. Oktober. Abends 9 Uhr, bei Gratweit, Kommandantenstr. 77—79. Ge» neralversammlung. T.-O.: 1. Kassenbericht vom 3. Quartal. 2. Bericht und Vorlegung der Petition an den Magistrat. 3. Aufnahme neuer Mitglieder, i. Wahl der Kaffenrcvisoren für daS 4. Quartal. 4. Verschiedeues und Fragekasten. Gäste willkommen. Kriefkaste» der Redaktion. Von jetzt ab ist das„Berliner Volktblatt" in alle« Trinkhallen für 5 Pf. käuflich. I« den nächste« Tage« beginnen wir mit der ver- öffentlich««« des Romans„Die Hand der Nemefls" von Ewald August König. Ein Unwissender. Der Jesuitenorden wurde 1534 begründet. W. P.« Lanfitzer-Platz. Daß die Türkei bildlich „der kranke Mann" genannt wird, ist keineswegs neueren Datums. Schon ein im Jahre 1683 erschienenes Gedicht war betttelt:„Der Türk ist krank". Der Ausdruck ist bis auf die großen Niederlagen der Türken in ihrem Feldzuge gegen Wien zurückzuführen. 3k. B. Z. LSon Gambetta war am 30. Oktober 1836 geboren und ist am 1. Januar 1883 gestorben. W. P. Pücklersttaße. Die ftanzöstsche Bezeichnung für Aachen ist„An la Chapelle," R. O. Der Schauspieler Friedrich Haas« ist im Jahre 1826 in Berlin geboren. Nachdem er daS Abiturientenexamen be« standen hatte, ließ ihn der damalige Kronprinz, nochmalige König Friedrich Wilhelm IV„ durch Ludwig Tieck in der Schau- spielkunjt ausbilden. Raucher. Das Rauchen von Papier- Zigarretten ist nur relativ schädlicher, als das von Zigarren. Es kommt darauf an, wie viel man von den einen oder anderen lonsumitt. Die Zigarrette verlockt durch ihr viel schnelleres Brennen zu größe» rem Konsum. Für die Umgebung deS Rauchers ist der höchst unangenehme Qualm deS Papiers der meisten Zigarretten eine der fatalsten Unannehmlichkeiten. R. Z., Landsbergerftr. Wird bei paffender Gelegenheit verwendet werden. Theater. Opernhaus. Heute: Der Trompeter von Säktingen. Schauspielhaus. Heute: König Heinrich der Viertt. Deutsches Theater. Harte: Jungbrunnen. Ariedrich-Wilhelmstädtische» Theater. Heute: Der Bettelstudent. Refidenz-Theater. Hatte: Theodora. Wallner-Theater. Hatte: Sie weiß etwas. Hiaauf: Papageno. Belle-Alltauce-Theater. Heut«: Die Leibrente. Walhalla-Operetten-Theater. Hatte: Don Cesar. Biktorta-Theater. Hatte: Meffalina. Centtal-Theater., � � Me Jakobstraße 32. Direktion: Adolph Ernst. Heute: Zum 64. Male: Die wilde Katze. GesangSposse in 4 Akten von W. Mannstädt. Mufik von G. Steffen«. LoutsenstädtischeS Theater. Direttion: Jos. Firmans. Hatte: DaS Glöckchen des Eremiten. Osteud-Theater. Hatte: Berliner in Kamerun. «duigstädttsches Theater. Hatte: Gastspiel der Liliputaner. Die kleine Baronin. Theater der Retchshalle«. Täglich: Auftettn sämmtltcher Spezialitäten. American-Theater. Täglich: Austreten sämmtticher Spezialitäten. Kaufmann's Variete Täglich: Große Spezialitättn-Vorstellung. Konkordia. Täglich: Auftreten sämmtlicher Spezialitäten und theatralisch« Vorstellung.___ Alhambra-Theater. Wallnertheaterstraße 15. Heute und folgende Tage: Verl. SonntagsschwäMer. Posse mtt Gesang in 3 Akten und 6 Bildem. Bor der Vorstellung: Großes Konzert der HauSkapelle. Schwedische ßisvahn k E. O. Müller s Hyppodrom! Täglich Vorstellungen! Zu recht zahlreichem Besuch ladet ergebarst ein[2269 E. O, Müller. Allen Freunden und Bekannten empfehle mein Scäahwaarea GeeehAft von selbst gefertigten Herren«, Damen- und Kinder- Stiefeln m he» billigsten Preisen. 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Große öffentliche Versammlung sämmtticha MttaWrMni-, AMdrehtr und Berufsgeuoffeu Berlins am Sonntag, de« 4. Oktober er., Bormittags 10V, Uhr, Rantevffelstraße Rr. 9. Tagesordnung:, 1. Vorlage des Minimal-LohntarifS da Metallschrauben», Faeonoreher und Berufsgenoffm Balins. Referent Hör W. Liefländer. 2. Diskusfion und Verschiedenes. Die Kollegen waden ersucht, pünktlich und zahlreich da wichtigen Tagesordnung wegen zu ascheinen. 2324]_ Der Vorstand. VttkimMg der dcchchkll SchmeR. Sonnabend, de« 8. Oktober, Abends 8'/, Uhr: Bersammluug in©ratimrs Biöschullon, Kommandantenstr.77/79. Tagesordnung: 1. Vorttag d«S Herrn Dr. Lütgenau üba„Mensch und Klima". 2. Verschiedenes und Fragekaften.— Wir machen die Mitglieder auf den inttreffanten Vorttag ganz besondaS ''sam.[2319 Der Vorstand. Fachverein der Tischler. Sonnabend, den 3. Oktober er., Abends 8'/, Uhr, in Jordan'S Salon, Reue Grünstr. 28, Vereins-Versammlmg. Tagesordnung: 1. Vorttag des Herrn Prediger emer. Kendzi ra über:„Was ist Wahrhett?" 2. Fragekasten, Ver» schiedenes. Gäste find willkommen. 2323]_ DerVorstand. Große öffentliche Versammlung der Steindrucker, Lithographen und Berufsgenoffm am Sonntag, den 4. Oktbr., Vormittags 10 Uhr, im Palmen-Saal, Rene Schönhauserstrahe Rr. 20. m Tagesordnung: 1. Beruht der Kommission. 2. Vorttag(Referent wird in der Vasammluna bekannt gemacht). 3. Diskusfion. 4. Verschiedenes.— Es ist dringend nolhwendig, daß alle Kollegen ascheinen.[2325] Die Kommission. Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß ich meine Restauratton„Zum Etchkätzchen" von Grüner Weg 13 mä) Holzmarktßraße 44 a verlegt habe.— Empfehle zugleich meinen Großen Mtttagsttsch. Zahlstelle der Buchbmda.[2326] Th. Wesenack. Laase zur Kgl. Frenss. Kl.-Lotterie 1. Klasse: 7. u. 8. Ottober. Originale: V« 45'/, M., f. alle i Kl. 77 M. Antheile;'/«'/,>/„ V« Ml. 17 8'/. 430 2,20 1,10 Da Preis ist für jede Klasse derselbe.[2232 Raihe Krem-Laase i 5,50 Ml. inkl. Liste Richard Schröder, am Gendarmenmarft. Die Rr. 21 da humoristischm Blätter[2277 „Der wahre Jacob" ist erschienen und in da Expd. des„Bal. VollSbl." zu haben. Der Arbeitsnachweis deS Vereins znr Wahrung der Interesse« der«lavterarbeiter befindet fich nach wie vor Skalitzerstraßel8bei Stramm.[1711 Verantwortlicher Redakteur R. Lronhetm in Berlin. Druck und Valag von Mar Babing in Balte SW., Beuthstraße 2.