öS Nr. S3S. Dovtterstag, de« 8. Oktober 1883. II. Jlchrg< er ein Im lung d ach W ((liiurVolbblnlt. Drgan für die Interessen der Arbeiter. Das»Berliner Volksblatt Jnsertionsgebühr beträgt für die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Anno»«»- Bureaux, ohne Erhöhung deS Preises, angenommm. Em KedaKtw«: Kenthstraße S.— Grpeditio«: Zimmerstraße 44. \i Eine russische Azeutur. Wir haben schon öfter darauf hingewiesen, daß die kleineren Staaten an der Donau und auf der Balkan- Halbinsel ganz im Interesse Rußlands handeln, wenn sie immer wieder mit der Türkei anbinden und so die ganze Orientfrage offen zu halten bestrebt find. Sie sind russische Agenturen. Kaum ist der Umsturz m Bulgarien vollendet, so tritt auch Serbien mit neuen Prätensionen hervor, und dadurch wird die Lage auf der Balkanhalbinsel doppelt bedenklich. Serbien strebt gewaltig empor und seinem König m es eben so wenig darauf an, wie dem Fürsten von Montenegro, durch„ein bischen Herzegowina" europäische Verwickelungen in Szene zu setzen, wenn dabei nur Aussicht rst, ein neues Stück Land, eine Provinz, einen Hafen oder etwas dergleichen erhaschen zu können. Nun rüstet Milan und was er damit bezweckt, steht außer Zweifel. Er möchte sein Reich vergrößern. Die Großmächte haben in Belgrad andeuten lassen, es würde für Serbien am besten sein, eine vorsichtige und reservirte Haltung einzunehmen. Die Ant« wort der serbsschen Regierung ist bezeichnend genug. Ihre Organe erklären, man werde freundschaftliche Rathschläge hören und in Erwägung ziehe«, im Uebrigen werde man aber seine Lage in erster Linie als bestimmend ansehen und nach den Interessen Serbiens Handel«. Wenn eine Regierung, die über eine Bevölkerung von etwa 1 700 000 Köpfen verfügt, eine solche Sprache führen kann gegen die Großmächte Europas, so muß sie Deckung haben. Und wenn Rußland nicht hinter Serbien stände, so würde man in Belgrad nicht so unverblümt andeuten, daß man bei der nächsten Gelegenheit gegen die Türkei loSzu« schlagen gesonnen ist. Krieg gegen die Türkei! das ist in Serbien bisher ein populäres Losungswort gewesen und man kann es begreiflich finden. Seit der unglückliche« Schlacht auf dem Amselfelde ,m Jahre 1389 befand sich Serbien unter türkischer Herr- schaft und die blutigsten Kämpfe vermochte« das türkische Joch nicht abzuschütteln. Das gelang erst in«euerer Zeit und dabei war russische Hilfe nicht wenig thätig. Indessen kam Serbien erst durch den Berliner Vertrag von 1878 völlig von der Türkei los. Als im Jahre 1876 Milan, damals noch Tributar der Pforte, gegen die letztere losschlug, wurde sei« Heer von dem russischen General und Abenteurer Tschernajew befehligt. Die Pforte schritt damals mit gewaltiger Energie gegen die Vergrößerungsbestrebungen Milan'S ein und schlug seine Truppen in blutigen Schlachten; Serbien wurde in der gewöhnlichen türkisch.arabischen Weise verheert, so daß heute noch ganze Landstriche an den Folgen jenes sogenannten Freiheitskrieges leide«. Rußland schritt mtMol] 75J JeuMeton. 9«* Mormsite««adche». Amerikanische Erzählung von Balduin Möllhauseu. (Fortsetzung.) Ei» kurzes scharfes Knattern begleitete diesen erste« Schlag, aber wieder und immer wieder knallte und rasselte es ringsum in de» Schluchten, daß man zuletzt das Ech von dem wirklichen Donner nicht mehr zu unterscheiden ver« mochte. Endlich wurde es wieder ruhiger. Das Wetterleuchten und das unheimliche Grollen dauerte allerdings fort, allein die eigentlichen schweren Gewitter, die nach allen Richwngen hin lagerten, rüsteten sich gleichsam erst m der Stille, ehe sie den furchtbaren Kampf eröffneten. Ei« einzelner ähnlicher Ruf antwortete von dem höher ge- leaenen Rande deS Plateaus, und gleich darauf erschallte aus einer noch größeren Entfernung das wilde Gellen von Siberßdanen, indem et * ÄÄ" u.dw msswms selben Stelle au» nach dem Plateau hinauf. „La Bataille," flüsterte» John und der Schwarze Biber „Ich bin hier! Keine Spur von den Schurke«? lau- tete es von oben zurück. zu Gunsten Serbiens damals nicht mtt Waffengewalt ein, aber es erwirkte auf diplomatischem Wege, daß ein Friedens- vertrag zu Stande kam, durch den das alte Verhältniß oischen der Pforte und Serbien wieder hergestellt wurde. ls aber im Jahre darauf der russisch- türkische Krieg auS- brach, erklärte auch Milan der Pforte den Krieg wieder und eroberte sich, da die Pforte von Rußland bedrängt war, ein Gebietvon210Ouadratmeilenmit 280000 Einwohnern, das ihm durch den Berliner Vertrag auch offiziell zugebilligt wurde. Man dürfte nach diesen Vorgängen wohl außer Zweifel ein, daß die Regierung deS König« Milan in Belgrad nur eine russische Agentur ist. Allerdings denkt nicht das ganze serbische Volk in diesen Dingen gleich; eS giebt eine OpposittonSpartei, die der Meinung ist, innere Reformen seien für Serbien noth- wendiger als eine waghalsige und dabei nicht gerade rühm- liche Eroberungs- und Vergrößerungspolitik. Die serbischen Regierungen haben eS verstanden, diese Oppositton mit An- wendung von allen möglichen Mitteln der Gewalt und deS Raffinements niederzuhalten. Man wagt nicht mehr viel U sagen, weil mit unbequemen politischen Gegnern wenig Zederlesens gemacht wird. Da giebt eS aber in Serbien denn doch auch Leute, die sich fragen, zu welchem Zwecke man das türkische Joch abgeschüttelt habe, wenn man an Stelle dessen eine andere, ebenso schlimme Gewaltherrschaft >at treten lassen. Unter diesen Umständen will es wenig 'agen, wenn der Tag der Losreißung Serbiens offiziell als.ver Tag der„Freiheit" gefeiert wird. Diese„Freiheit" ist manchem Serben schon gar sonderbar vorgekommen. Wir önnen uns auch nicht denken, daß sich die serbischen Bauern "o gar sehr freuen sollten, wenn sie, wie jetzt, die Aussicht haben, daß türkische Heere hereinbrechen, ihre Felder ver- wüsten, ihre Häuser niederbrennen und ihre Vorräthe rauben, von anderen Ausschreitungen zu geschweige«. E« giebt in Serbien gewiß Chauvinisten genug; allein wenn die serbische Regierung in ihren Blättern sagt, daß sie das g e f a m m t e Volk hinter sich habe, so verwechselt sie eben die Chau- vinisten mit dem gesammten Volke. Der Krieg mit der Türkei ist, wie wir schon angedeutet, bisher immer in Serbien ein populäres Unternehmen gewesen; die sieben Jahre seit Schließung des Berliner Vertrag« dürften diese Begeiste- rung indessen ganz bedeutend abgekühlt haben. Die in Serbien einst so hochgefeierten Staatmänner BlaSnavatz und Ristitsch, die auch Gustav Rasch in seine« Büchern über Serbien über die Maßen verherrlicht hat, waren in russischem Sinne thätig; sie suchten vor alle« Dingen die Mittel des Landes zur Vergrößerung und AuS- bilvung der Armee heranzuziehen. Sonst gingen die Dinge im Lande eben wetter, wie bisher; man kann sich auch gar „Gott verdamme ihn! möchte wissen, wer hier Schurke ist," murmelte Rast zähneknirschend. „Keine Spur!" antwortete La Bataille,„können nicht ier hinunter! hier kein Weg! müssen oben sein! Delaware«- lunde sehr schlau! Delaware« sehr viel Augen! sehen für zehn Weiße!" „Hier oben sind sie gewesen vor ganz kurzer Zeit," rief Holmsten nieder,„sie können also nicht fern sein! Sucht sie und bringt mir ihre Skalpe, und jede« einzelnen will ,ch Euch mit einem Pferde abkaufen." „Goddam! viel Rege« kommen! rief La Bataille zurück, und nach der Richtung des Schalles seiner Stimme zu schließen, mußte er schon wieder im Begriff sein, auf- wärtS zu klettern.„Viel Regen kommen und viel Nacht, armer Indianer fürchten fliegendes Feuer und Donner!" „Ihr müßt sie schaffen, die Schurken, die Mörder, lieber todt als lebendig, bei Gott, zwei Pferde für jede« Skalp Was Holmsten weiter sprach, blieb unverständlich, denn ein breiter Feuerstrahl, begleitet von dem futchibaiflen Krachen, zischte von dem westlichen Himmel nach de« östlichm Tiefen de» FelsenkeffelS hinüber, wie um die sich dort er- hebenden Thürme zu zersplittern. Dieser Wetterschlag gab das eigentliche Signal zu dem Kampfe der Elemente, venn die entfernteren Echos hatten noch nicht begonnen, denselben zu wiederholen, da brach es von allen Seiten auf betäubende Weise los. Schlag folgte auf Schlag, als habe da» Himmelsgewölbe niederstürzen und die Rinde der Erde zerbersten wollen; denn eben so laut wie oben, zwischen den mit Elektrizität überladene» Wolken, brüllte und krachte der abprallende Schall in der grausigen Tiefe zwischen den unerschütterlichen Felsenmauern. E« ließ sich nicht unterscheiden, ob die furchtbare« Angriffe von den Höhe« oder von den Abgründen ausgingen, oder ob Erde und Himmel, in gleicher Weise bewaffnet, sich gegenseitig im erbitterten Kampfe anfielen, denn oben wie unten dasselbe beängstigende Getöse, und oben wie unten dieselbe blendende Helligkeit. Da» war kein Blitzen mehr, nicht denke«, daß ein Land in blühenden Zustand gekomme« sein sollte, wenn man kaum etwas anderes gethan als sein Heer vergrößert hat. Und auch in dieser Richtung hat man keine« direkten Erfolg, denn der ueugebackene serbische Mili- tärapparat versagte gegenüber den Waffen der Pforte. Da» Glück warf schließlich Milan ein Stück Land in den Schooß, das Glück in Verbindung mit der Freundschaft Rußlands. Aber Serbien hat weder polittsch noch wirthschaftlich dabei gewonnen. Es wird in der Zukunft den Interessen Ruß- lands diene« müssen. Und es können Zeiten kommen, wo das für Serbien weniger angenehm ist, als heute. Wir betonen immer wieder: Niemand kann den Völ- kern der Balkaahalbinsel das Recht bestreiten, eine Befreiung von dem türkischen Joch anzustreben. Aber e« kommt auch auf da» Wie dieser Befreiung an. Wenn durch dieselbe nichts weiter erreicht wird, als ein Despotismus nach rufsi- schem Muster, wo bleibt da die Belohnung für die Be- mühungen und die Opfer, welche die Losreißung erfor- dert hat? Warum wir uns so viel mit der Orientfrage beschäfti- gen? Weil die Kreise, die sie zieht, bis zu unS reichen; weil die Orientfrage jeden Augenblick eine Wendung nehmen kann, die für den Frieden im mittleren und westlichen Europa gefährlich wird; weil endlich Rußland die Zustände auf der Balkanhalbinsel zur permanenten Friedensstörung benutzt; endlich weil wir der Ansicht sind, daß eS im Jnter- esse West- und Mitteleuropa's liegt, sich gegen Rußland zu- sammenzuschließen. Politische Ueberstcht. öerr von Helldorf-BaunerSroda, der frühere Landrath von Querfurt, hat den Liberalen einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Derselbe sollte als l i b e r a l e r K a n d i. d a t in zwe, Landtagiwahlkreisen der Provinz Sachsen auf- aestellt werden, da sein persönlich ehrenhafter Charakter und Ane liberale polltische Gesinnung neben dem adligen Namen ober in Wnen sozialpolitischen Anschauungen indirektem Gegen- 2 ä«tÄ» Viesen könne das wirthschastliche Programm der Liberalen nicht aenügen. Das gesammte Interesse der genannten Bevöl- kerunasgruppen sei Schutz der Arbeit gegenüber dsr Rente. Die im wirthschaftlichenProgramm der Liberalen erstrebten, bezüglich vertherdigten Freiheiten wolle auch er, aber 5,---------- Punkte stehen geblieben. >ir genug der Freiheiten, von Helldorf will die - Jam tragend, auf den zerklüftete« Erdboden, magisch beleuchtend selbst die verborgensten Winkel, in welche noch nie ei« Sonnenstrahl drang. Wenn hier eine Feuersäule erlosch, so hatten sich dort schon wieder drei oder vier neue entzündet, und wie in anderen Zonen der Blitz in längeren Zwischenpausen die Nacht momentan erhellt, so zuckte hier Aber da- prächtigste aller Naturschauspiele hatte hier. m,t seine» höchsten Glanzpunkt noch nicht erreicht, denn erst nachdem der wilde, erhabene Kampf der Elemente sich schon sett längerer Zett entsponnen, begannen die Wolken zusammenzubrechen und sich in schwere» Strömen zu entladen. Rauschend und brausend senkte sich der Regen auf das zerklüftete Hochland; doch da« Getöse, welche« er erzeugte verhallte in dem endlosen betäubenden Donner und dem eben so betäubende» Echo. Dagegen wurde durch die ver- dichtete Atmosphäre der blendende Glanz der Blitze ge- mildert, und undeutlich, wie durch eine» von Feuerfäden gewebten Schleier hindurch, erkannte man die phantastisch geformten Höhen, während die Tiefen, ähnlich mit flüssigem Feuer angefüllten Höllenschlünden, emporgähnteo. Bald darauf aber verstärkte sich da« Rausche« der- gestalt, daß es trotz des anhaltenden Donners zu unter- scheide« war. In Tausenden von Rinne« eilte der Regen größere« Furchen und Klüften zu, und in diesen schäumte er mit stürzen, dort sich mtt anderen kleineren und größeren Wasser- strahle« zum Bergstrom zu vereinigen und als solcher wiederum andere, noch viel tiefer in da» rothe Gestein hineinführende Schluchten aufzusuchen und mtt weiß schäumendem Gischt anzufülle«. Der Donner krachte, die Blitze sprühten, der Regen mcht mehr die Zickzacklinie des Wetterstrahles! Gerade Feuersäulen, sekundenlang sichtbar, stützte« sich, die Wolken prasselte nieder und in unzähligen Wasserfällen' strömten"die dem Kolorado zu. Die Flüchtlinge aber tosende« Fluthe« befanden sich unter einem sichere» Obdach, während ihre Politische Freiheit, er will den Schutz der Arbeit, er will den Kampf gegen die Rente, hoffentlich auch wobl gegen die Rente deS Großgrundbefitzes, er will aber auch die wuthschaftlichen Errungenschaften, Freizügigkeit, Gewcibefreiheit, Koalitions- freiheit beibehalten— er ist also kein konservativer Staats- sozialist, er ist kein Manchestermann, demnach könnte er nur ein Sozialist sein! Ob er aber die Konsequenzen aus seinen Aeußcrungcn, die wir allerdings nur nach einem liberalen Blatte wiedergegeben, ziehen wird? Der internationale Fretdenker-Kongreß, welcher ver- gangene Woche in Antwerpen stattfand, hat die moralische Ver- antwortlichleit des Menschen in ganz bestimmter Weise definirt. Der betreffende Beschluß lautet:„Die absolute Verantwort- lichkeit existirt nicht. Aber auch vorausgesetzt, daß fie bestände, wäre man doch niemals sicher, einen wirklich und absolut ver- antwortlichen Menschen vor sich zu haben. Das Wort Ver- antwortlichleit selbst hat keinen scharf begrenzten Sinn, denn es bezieht sich auf nichts Objektives, Auch die davon abgeleiteten Begriffe Schuld und Kriminalität find finnlos. Für die Wiffenschast und für die Freidenker, welche sich auf die erstere stützen, giebt es keine Schuldigen, sondern nur geistig Gestörte, sogenannte Gemüthskranke. Mit der Verantwortlichkeit und der Schuld verschwinden mithin auch Urtheil und Strafe. Dar- aus folgt, daß die Gesellschaft kein Recht zum Strafen befitzt. Sie hat indeffen die Pflicht, fich zu schützen und für Befferung zu sorgen. Die Befferung muß fich auf das Individuum und die Gesellschaft erstrecken."— Dieser Beschluß wurde vom Freidenker� Kongreß einstimmig gefaßt, und man muß zu- geben, daß das in der That sehr frei gedacht ist. Es sei noch bemerkt, daß Deutschlands namhafteste Freidenker auf dem Kon« greß vertreten waren. Bezüglich der Durchführung des Gesetzes gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen vom 9. Juni v. I. haben die Reffortminister fich in Ergänzung der Verordnung vom 11. September v. I. zu nachstehenden weiteren Bestimmungen vom 4. Juli d. I. veranlaßt gefunden: a) Personen, welche Bestellungen auf Sprengstoffe im Auftrage einer Sprengstofffabrik w. aufsuchen, unterliegen den Voraussetzungen des§ 1 des gedachten Gesetzes; fie bedürfen einer polizeilichen Genehmigung zum Vertriebe von Sprengstoffen und haben das im S 1 Alinea 2 des Gesetzes vorgesehene Register zu führen. Da jedoch zur Kontrolirung eines in dieser Form stattfindenden Vertriebes das der Aus- führungsverordnung vom 11. September v. I. beigegedene Registerschema nicht zweckentsprechend erscheint, so find tn Ergänzung der Bestimmung ad 4 der gedachten Ausführungsverordnung die Regierungs-Präfiventen rc. ermächtigt worden, in Fällen der bezeichneten Art die erforderlichen Abänderungen des fraglichen Registerschemas den jedesmaligen besonderen Umständen gemäß festzusetzen, b) Es kommt insbesondere in der Umgebung größerer Städte vor, daß die Herstellung bezw. Ausbewahrung von Sprengstoffen außerhalb des Wohnortes bezw. Kreises des zur Nachsuchung der polizeilichen Genchmi« gung nach Maßgabe des§ 1 des Gesetzes vom 9. Juni 1884 bezw. der Ausführungsverordnung vom 11. September 1884(cfir. auch C E. vom 28. März 1885) Verpflichteten stattfindet. Für solche Fälle scheint es geboten, daß die ge- nehmigende Wohnfitzbehörde der betreffenden nachbarlichen Kreis- bezw. Ortsbehörde entsprechende Benachrichtigungen zu- Zum Unfallversicherungsgesetz veröffentlicht der Reichs- Anzeiger eine vom 30. September datirte Bekanntmachung, be- treffenv den von der Krankenkaffe in der Zeit von der fünften bis zur dreizehnten Woche nach dem Unfall zu leistenden, seitens des Betriebsunternehmers zu erstattenden Mehrbe- trag an Krankengeld(§ 5. Absatz 9 des UnfallverficherungS- gefetzes).� gjnftnjmtntj'ter unterm 3. d. M. fich mit der Anficht der Hauptverwaltung der Staatsschulden dahin«inver- standen erklärt, daß für den auf Grund des Gesetzes vom 4. März d. I.§§ 2 und 8 erfolgenden Umtausch von Schuldverschreibungen der 4'/- prozentigen konsolidrrten Staats- anleihe gegen Verschreibungen der 4 prozentigen konsolrdirten Staatsanleihe ein Stempel nach Nr. 4 des Tarifs zum Rerchs- stempelgesetz vom 3. Juni d. I. nicht zu entrichten rst, da es sich hierbei weder um ein nach dem Inkrafttreten des letztge- dachten Gesetzes adgeschloffenes Geschäft noch überhaupt um em Anschaffungsgcschäft handle.,.._. Die Handelskammer zu Essen sagt in rhrem Beruht für 1884 über die Lage der Industrie: ,Zm Berichte für das Vorjahr war zu konstatiren gewesen, daß die Industrie deS Bezirks zwar nicht über Mangel an Arbeit, wohl aber über die Niedrigkeit der Preise Klage zu führen Veranlassung hatte. Soweit es fich zunächst um Kohlen und Eisen, die bewen vor- »uasweise in Betracht kommenden Produkte des Bezirks handelt, trifft jene Bemerkung in der Hauptsache auch für das laufende Berichtsjahr zu. Um die Lage der Kohlen- und Rohersen-Jn- dustrie zu charatterifiren, theilt der Bericht eine von amtlrcher Stelle kontrolirte Tabelle über Kohlenförderung und Ersenpro- duktion seit 1873 mit. aus der fich ergiebt, daß von 1873 bis 1384 die Kohlenförderung von 36,4 Mrllwnen Tonnen auf Verfolger oben auf dem Plateau ihre alte Lagerstelle für sich in Anspruch genommen hatten. Haß, Rachedurst, Vorsicht und Besorgmß, Alle« war dem furchtbar schönen Naturschauspiel gegenüber in den Hintergrund getreten. Die Einen vergaßen, wem ihre Ver- folgung galt, die Anderen, daß sie auf ihrer Hut sein mußten. Selbst Holmsten, der da« größte Interesse hatte, diejenigen, die er fürchtete, verstummen zu machen, schmiegte sich entsetzt in einem Winkel unter der Felsplatte. Er dachte nicht mehr an die Schätze, die durch ein Verbrechen in seinen Besitz übergehen sollten, nicht mehr an die neuen Verbrechen, durch welche er deren Besitz unantastbar zu machen und seine Unschuld festzustellen hoffte. Vor seiner Seele aber zogen die Bilder von Weib und Kind vorbei, die er einst durch sein liebloses, unbarmherziges Verfahren in da» Verderben jagte, und hinter diesen erhob fich Rynolds' blutige Gestalt, die ihm mit höhnischem Lache« die Faust drohend entgegenhielt. Er zitterte und zagte; in jedem «eue« Donnerschlage, in jedem neuen Blitz fürchtete er die rächende Hand Gottes. Er schloß die Augen, er suchte die schrecklichen Töne seinen Ohren fernzuhalten, aber vergeblich. Sah er nicht den Blitz und schlug das Getöse der kämpfenden Elemente nur dumpf an sein Ohr, so sah er um so beut- licher die brechenden Blicke der durch seine Schuld Geopferten, vernahm er doppelt gräßlich ihre letzten TodeSseufzer. Daß aber die abergläubischen Utah« sich ängstlich um ihn herum- kauerte», seine finsteren Mormonengefährten schweigend in die erhellte Nacht hinausstarrte«, diente am allerwenigsten dazu, seinen gesunkenen Muth wieder zu heben, ihn dem Geschick trotzig in die Augen schauen zu machen. Weathcrton, Falk und ihr unzertrennliche Gefährte saßen unterdessen am Rande der Höhle und beobachteten mit Eni- zücken die Szenen, welche sich vor ihnen aufrollten und, obgleich immer denselben Charakter behaltend, doch in einem beständigen Wechsel begriffen waren. Die Delawaren und die MohaveS hatten fich im Hinter» 5 rund der Höhle gelagert. Auch sie waren der Furcht vor em erzürnten großen Geist unterworfen, und trachteten darnach, sich so weit wie möglich aus dem Bereich seiner Rache zurückzuziehen. 57,2 Millionen, also um 20,8 Millsonen gestiegen, der Werth dagegen von 403,6 Millionen Mark auf 298,6 Millionen Mark, also um 105 Millionen Mark gesunken ist, per Tonne um 5,87 Mark— 52,93 pCt, und die Eisenproduktion von 1,98 Millionen auf 3,54 Millionen Tonnen, also um 1,56 Millionen Tonnen gestiegen, während der Preis von 224,78 Millionen Mark auf 172,78 Millionen Mark, also um 51,99 Millionen Mark, per Tonne um 64,49 Mark— 56,95 pCt., sank. Der in der Tabelle angegebene Werth bezeichnet den Verkaufswerth am Ursprungsorte und ist berechnet worden nicht blos für daS effektiv verkaufte, sondern überhaupt für das pro- duzirte Quantum. Die Tabelle giebt ein nicht erfreuliches, aber höchst anschauliches Bild davon, wie die Pro duktion in der Zunahme begriffen, der Verkaufswerth des Produkts aber ständig gesunken ist. Dieses Einken des Ver- kaufswerthes verhindert leider die Anwendung des in vielen Fällen einzig richtigen Mittels, nämlich eine Einschränkung der Produktion. Das beständige Sinken der Preise veranlaßt viel- mehr nothgedrungen fast überall eine Steigerung der Produk- tion, da in vielen Betrieben nur auf dem Wege der äußersten Ausnutzung aller BetriebSkräste eine Abminderung der Selbst- kosten erreicht und die Konkurrenzfähigkeit des betreffenden Unternehmens auf dem Markte erhalten bleiben kann. Hier ist Abhilfe nur von einer Ausdehnung des Absatzgebietes zu er- warten, und dies zu erzielen, muß das Hauptbestrebcn aller interesfirten Kreise sein. Das Gesammtbild, welches die obige Tabelle giebt, ist auch für Rheinland Westfalen und insbeson- dere auch für den Essener Bezirk zutreffend; wenn diese Tabelle somit innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren ein Einken des Verkaufswerthes auf etwa die Hälfte nachweist, so vermag Jeder den Schluß auf die allgemeine Lage der Kohlen- und Eisenindustrie selbst zu ziehen. Tie Lage der Textilindustrie ist im allgemeinen als mäßig befriedigend bezeichnet worden; nicht minder die der Maschinenbranche, welcher es an Arbeil nicht gefehlt hat, wenngleich die Preise der Fabrikate durch die Konkurrenz ungemem gedrückt worden find."— Dies Klagelied stimmt recht hübsch zu den Lobgesängen der„Nordd. Allg. Ztg." und anderer Offiziösen auf vie neue wirthschaft- liche Aera. Die Arbeiter aber zahlen bei all diesen Krisen die Zeche. Lohnreduktion, verlängerte Arbeitszeit und zeitweise Arbeitslosigkeit, das sind die Wirkungen dieses ökonomischen Vorgangs. Ueber den Erwerb und Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit durch Ertheilung von Urkunden enthält das Augustheft der vom kaiserlichen statrstischcn Amt berauS- gegebenen Zeitschrist eine Nachweisung für das Jahr 1884, die sich sowohl auf die ausgestellten Urkunden als auch auf die darin bezeichneten Personen bezieht. Danach haben in den deutschen Bundesstaaten stattgefunden: 1. Aufnahmen(Deutscher aus anderen Bundesstaaten)........ 2. Wiederaufnahmen....... 3. Naturalisattonen....... 3. Entlassungen nach deutschen Staaten 5. Entlassungen nach dem Auslande. Von den Naturalifirten stammen, Zahl der Urkunden 4 201 Personen Urkunden Personen Urkunden Personen Urkunden Personen Urkunden Personen 13 252 584 1253 1562 3 841 543 1289 16 476 28 395 wenn man nur die hauptsächlichsten Herkunftsländer in Betracht zieht, aus Oester- reich Ungarn 1114, aus den Niederlanden 780, aus Frankreich 415, aus den Vereinigten Staaten von Amerika 334, aus Rußland 304, aus Danemark 295. Entlasten wurden nach den eben genannten Staaten, und zwar nach Oesterreich-Ungarn 893, den Niederlanden 921, Frankreich 1294, den Vereinigten Staaten 23 200, Nußland 71, Dänemark 129. Zu beachten ist übrigens, daß aus diesen Zahlen, die eben lediglich die be- urkundeten Fälle betreffen, keineswegs die thatsächlich vorge- kommenen Wanderungen ersichtlich werden. Der Abgeordnete Liebknecht hat am 29. v. Mts. eine vierwöchentliche Gefängnißstrafe in Leipzig angetreten. Die Ersatzwahl deS Herrn von Bunsen im Reicks- tagswahlkreise H i r s ch d e r g- S ch ö n a u ist auf den 26. Ol- tober anberaumt worden. Dieser Tag ist der letzte, an welchem die Wählerlisten von der letzten Reichstagswahl noch gelten; nach Ablauf eines Jahres müssen nämlich neue Listen aufgestellt werden. Das in Bremen erscheinende„Norddeutsche Wochen- blatt". Nr. 77, war in Wilhelmshaven polizeilich in Beschlag genommen. Die Wilhelmshavener Behörde hat einige Artikel derselben der Regierung zu Aurich unterbreitet, um die An- wendung deS Sozialistengesetze« herbeizuführen. Der Regie- rungspräsident hat dieses jedoch abgelehnt, indem er dekretirte, daß die bezeichneten Artikel eine genügende Handhabe nicht bieten, um bei der zuständigen Landespolizeibehörde— dem Senate der freien Hansestadt Bremen— das Verbot der Zeitung auf Grund des Sozialisten- Gesetzes in Antrag zu bringen. DaS Hinunterstürzen der Felsplatte gereichte ihnen übrigens nicht nur zum Schutz ihrer Verfolger, sondern auch zur Verbesserung ihrer gegenwärtigen Lage. Denn hatte das von dem Plateau niederrieselnde Wasser, indem es sonst immer an der schrägen Platte nach innen abprallte, im Laufe der Jahre die Mergelschicht allmälig fortgespült und dafür eine geräumige Höhle geschaffen, so verfolgte eS jetzt wieder seinen alten geraden Weg, und wo eS sich bei früheren Regengüsse», die ganze Fläche überschwemmend, ansammelte, da lagen die Indianer jetzt so trocken und ungestört, wie sie nur immer wünschen konnten. „Um Alles in der Welt möchte ich die heutige Nacht nicht hivgeben," sagte Falk, nachdem er wohl eine Stunde schweigend zwischen seinen Gefährten dagesessen hatte, und das Wetter fich mehr nach dem Kolorado hinzog, so daß man fich schon gegensettig verstehen konnte;„nein, nicht um Alles in der Welt; eine derartige Naturszene habe ich bis jetzt nicht nur noch nicht erlebt, sonder« ich hätte sie auch nicht für möglich gehalten." „Ich lernte dergleichen Gewitter mehrfach in den tropi- schen Breiten kennen," antwortete Weatherton,„doch übte nie eins einen so tiefe» Eindruck auf mich auS, wie daS jetzige." „Weil Ihr Eure Aufmerksamkeit der Sicherheit Eures Schiffes zuwenden mußtet," versetzte Falk. „Da« mag mit dazu beigetragen haben," entgegnete Weatherton finvend,„doch waae ich zu behaupte«, daß sich das Bild des vom Orkan aufgewühlten und von Blitzen prachtvoll beleuchteten Meeres kaum mit diesem Schauspiel vergleichen läßt." „Nicht ganz meine Meinung, Dickte, bitt' um Verzeihung," bemerkte Rast mit einem gewisse« Bedauern, welches er darüber empfand, seinem Vorgesetzten wider- sprechen zu müssen;„denke, es giebt nicht« schmackhaftere«," — geschmackvollere« wollte er sagen,—„als ein guter Gewittersturm in de« südlichen Breite«. Bei Gott, wenn die See kocht, wie'n Mcßkessel de« Sonntag« Vormittag«, wenn die Engel Kegel schieben, als wären fie lauter Mid- shipmen, die fich auf Urlaub am Lande befinden, und wen« da« Feuer am Himmel fliegt, al« gäbe unser Zu de« Ausweisungen von Ausländern. Wie polnische Blätter melden, wurde mehreren Hausbefitzem in Breslau, welche ihre Häuser an österreichische Unterthanen vermiethen, auf deren Antrage, ob die Regierung auch fernerhin noch österreichische Unterthanen ausweisen werde, von dem Ober- Prästdenten von Schlefien der Bescheid ert heilt, daß künftighin nur gegen gefährliche Ausländer polnischer Zuge Aus- weisungs- Dekrete werden erlassen werden. — Auch Stettin hat jetzt seine Ausweisungen. Vor acht Tagen sollte die aus fieben Personen bestehende Familie des dort seit fünf Jahren wohnhaften russischen Unterthanen, Schneidermeister Schneidermann auf der Lastadie, ausgewiesen werben, und demgemäß wurde die Familie in das Polizei- aefängniß gebracht. Sie reklamirte indeffen wegen der Crkran- kung eines Kindes und erlangte, nachdem fie vier Tage in der Kustodie festgehalten worden war, ihre Entlaffung, weil fich die Angaben betreffs des Kindes bestätigten. Bis zur Genesung. oder bis zum Tode des Kindes ist die Ausweisung der FamUie Hinausgeschoden worden. AuS Straßburg wird der„Franks. Ztg." geschrieben:\ Der hiesigen früher so oft genannten kaiserlichen Tabakmanu- faktur ist dieser Tage ein Malheur pasfirt, wie es schlimmer nicht hätte sein können. Die Verwaltung der Manufaktur hat nämlich vergessen, die Beibehaltung des Waarenzeichens— j eine schwarze Hand— anzumelden, trotzdem die zehn Jahre, seit der Eintragung der Marke am letzten Donnerstag zu Ende gingsn. Kaum war der Termin verflossen, so meldete fich die hiesige Tadakfirma Schaller und Bergmann bei der zuständigen- Stelle und ließ die herrenlos gewordene„schwarze Hand" als ihr eigenes Waarenzeichen eintragen. Zugleich notifizirtc diese Firma der Tabakmanufaktur, daß fie ihr verbiete, ibr früheres Waarenzeichen zu gebrauchen, und daß fie fie im Widerhand- lungsfalle zur Entschädigung verpflichten werde. Dieses Er- eigniß, welches für die Tabakmanufaktur sehr schlimme Folgen haben kann, erregt in hiesigen h>andelstreisen viel Aufsehen, i Auf welcher Seite die Lacher find, braucht kaum gesagt zu werben. Den Wortlaut des MarkenschutzgesetzeS hat die Firma> Echaller und Bergmann für fich. Und was die Billigkeit ihrer| Handlungsweise anbetrifft, so macht diese Firma geltend, daß I angesichts der schwierigen Lage, welche die Tabakmanufaktur; durch Schleuderpreise ihren Konkurrenten gemacht hat, e« letzteren durchaus nicht zu verdenken sei, wenn fie von einem! gesetzlichen, wenn auch etwas ungewöhnlichem Mittel Gebrauch! machen, um das staatliche Jnstrtut auf seinem eigenen Felde; zu schlagen. Dem Vernehmen nach ist die Verwaltung der Manufaktur nicht gesonnen, fich willig zu fügen, und trag« fie fich mit der Abficht, wenn die Regierung ihre Einwilligung, dazu giebt, der gegnerischen Firma mit einem Prozesse in de» Weg zu treten. Die„schwarze Hand" wird jedenfalls noch viel zu reden geben. — Aus dem Reickslande wird femer gemeldet: Da« Wicdercrscheinen des„Petit Journal", dessen Verbot vor Kur», zem berichiet wurde, iff seit Sonntag gestattet worden. DaS Verbot hat mithin nur drei Wochen gedauert, dürste aber ein definitives werden, sobald das Pariser Blatt fich wieder gestatten sollte, eine Tagesfrage in deutschfeindlichem Sinne zu besprechen. Ein Zeichen der Zeit, und zwar kein günsttges, ist es, daß überall die Straf-, Korrettions- und Humanitäts- Anstalten nicht mehr ausreichen. So wird der„Germania" au« Bochum geschrieben: Die Beschästigungslofigkeit im In- dustriebeziike bringt es mit fich, daß auch die Zahl der Obdach«. losen, der Familien, die kein Unterkommen finden und daher der öffentlichen Wohlthätigkett anHeim und den Kommunen zur Last fallen, fich stets vermehrt. Das Bochumer Asyl für ob- dachlose Familien hat noch im Laufe dieses Sommers eine de- deutende Erweiterung erfahren, so daß eS jetzt nicht«eniaer als 52 Familien Obdach gewährt. Soviel ist durch die keu Erweiterung wenigstens erreicht, daß jede Familie bis jetzt einen abgeschlossenen Raum für fich hat, während früher oft' bis drei Familien in einem Räume hausten! In dem große« Saale des Seuchenhauses hausten, vor Erbauung der„Sonnen-' bürg", oft bis an 29 Familien zusammen. Wie konnte da die Sittlichkeit gewahrt bleiben? Daß die Sonnenbrüder übrigens nicht die reinste Elite der Bevölkerung des industtiellen Kreise«■ Bochum find, liegt auf der Hand, und welche guten Sitte» in diefem Asyl herrschen, davon weiß der die Aufsicht führend« Polizeiofstziant das Seinige zu erzählen. Solche Asyle find ein Uebel, aber ein nochwendiges, gerade so wie die stetig an- wachsenden Zucht- und Korrektionshauser in unserem berühmte» Deutschen Reiche der Gottesfurcht, der frommen Sitten und de« nationalen Wohlstandes.— Recht interessant ist es, daß die fromme„Germania" solche Anstalten als nothwendig« Uebel dezeichnet. UebrigenS steht es dem Blatte schlecht an, gerade in diesem Falle so sehr die Augen zu verdrehen üb« die„Unsittlichkeit". Gewiß ist richtig, daß ein derartiges Zu- sammenleben der Menschen entsittlichend wirken muß und es ist mehr wie bezeichnend, daß solche Zustände im Deutschen Reich« noch konstatirt werden mußten. Ebenso ist eS zu begrüßen, daß wenigstens in diesem Falle Remedur geschaffen wurde. Herrgott selber seine Breitseiten. Nein, nein, Dickie, Euer Wort in Ehre«, aber zu viel Klippe» hier herum, denke ich." „Aber gerade die Klippe«, wie Ihr die Berge hier nennt, sind e«, welche es hier so schön, so unbeschreiblich schön machen," antwortete Falk dem alten eigensinnige« Bootsmann;„auf der See habt Ihr nur drei Elemente zu bewundern, nämlich Feuer, Wasser und Lust, während wir hier deren vier vor uns haben." „Eins zu viel," entgegnete Rast störrisch,„gebt mir Wasser, tief genug, um einen Sechsundneunziger zu trage«! gebt mir etwa» Luft, um die Segel zu füllen; gebt mir'n« Kleinigkeit Feuer, um'nen Grog warm zu machen, und all« übrigen Elemente will ich Euch gern schenken." „Glaubt Ihr nun, wa« ich Euch schon einmal ver- sicherte? ich meine, daß da« Wasser alle diese Schlucht«». und Kessel in die Erde gewühlt hat?" stagte Falk na4 einer Pause de» Seemann, indem er seitwärts ans den i* »uckenden Licht der Blitze bläulich schimmernde« Wasserfa» deutete, der eben einen Felsblock polternd mit fich m dir Tiefe hinabführte. „Habe noch nie an Eurem Wort gezweifelt," erwidert Rast entschieden,„glaube sogar, daß«och Hilfe an diese»' Lande ist, und mit der Zeit da, wo jetzt die Klippen i&** Nasen aus der Erde stecke», gehörige Brecher den Schist� vor Utiefen warnen." „Was wir aber wohl nicht mehr erleben werden," setzte Weatherton lächelnd, denn er wußte, daß e« vergeblich' Mühe sei, seinen alten Gefährten von irgend einer d� Seewesen betreffende» vorgefaßten Meinung abbringe» r wollen. „Glaub'« selbst nicht, Dickie," antwortete Rast gutmüthiger Einfachheit; dann trat wieder ein lang'' Schweigen ei». Die westlichen Gewitter schiene« endlich de« Sieg � die östlichen davongetragen zu habe«, den« die Schläge wiederholten fich zuletzt nur noch in der «ach dem Kolorado hin, und auch dort wurde« fie fch�ßU und weniger betäubend, nachdem die schwarze« Wolkenwafi f der W verurso tische slau. then, noch Uder- « us- Bor milie inen. iesen lizei» kran> x der h die :sung milie den: anu- nmer c hat !s— 'iahre Ende h die vigen " alS diese| heres jand» I Er» olgen eyen.{ it zu! ftrmo 1 ihrer daß! altur: L S :inem rauch Felde' 1 der tragt ißun« n de» i viel Da,! Kur» I DaS »r et» oieder ne zu st eS. talte« auS - In- bdach»- dahel -n zur x ob* ite de*: enigel »er oft zroße» innen* Da die ZW Sitte» hrend« e find ig an* chmte» nd des cht a», t übet! es Zu* > es ist Reich« (lüfieflrj wurve.1 mmm*0 Dickie,! herum, üa innige»! ente z» nd wir bt mit ttage»! mir'ul nd alle il vef hluchteU� lk na scheuer- Frauen, der Pavierkorb werde von solchen; Schriftstücken gamicht leer. Sie habe nicht als Abgeordnetin, aber als Zuhörerin im Reichstag gesessen und gesehen, wie die> Jasagetbüren in fortwährender Bewegung blieben.(Stürmische( Heiterkeit.)— Fräulein Düring: Wir find hierher gekommen, I um unsere Lage zu besprechen. Aber die Herren erzählen unS immer nur etwas von Arbeiterschutz Gesetzen. Die Herren gehen: erst immer an das Büffet und trinken fich Muth.(Heiterkeit| und Oho!) ES wäre wirklich zu wünschen, wmn die Herren I bei den Kindern blieben und die Frauen in die Versammlung I gehen ließen.(Stürmischer Beifall.)— In ihrem Schlußwort bemertte noch Frau Cantius: Sie müsse noch konstatiren, daß viele Männer noch viel mehr stupide als die Frauen seien, sonst würden fich diese nicht so viele Bedrückungen so lange haben gefallen lassen.(Beifall.)— Alsdann schloß die Ver- 1 sammlung um Ii3/« Uhr Nachts. Im allgemeinen Arbeiterveret» von Friedrichshagen und Umgegend hielt am Eonnabend, den 3. Oktober, Herr j Baake einen Vorirag über Bauernkriege. Zum Schluß theilte' Herr Graßold mit, daß die nächste Versammlung ausfallt, da- für aber ein vom Vorstand arrangirteS Vergnügen stattfindet, wozu Billets beim Vorstand zu haben find. vrae «uf d Die t Oruai seiden Besch, keit v Elten zum! »citun Malei für d. unschi stän allerw gegen Komp mag I treffen nachg, delle gegen unS g spiett. meine den, 1 bett ß einzeli zu di. an M daß t sein r wird cher Z es un solch« die er" Uermifchtes. Ein höchst sonoerbarer Vorfall wird in Rom viel de- sprachen. Der Sohn des dortigen Millionärs Bellar will demnächst eine Reise um die Welt antreten. Die Mutter, tief desorgt um ihren einzigen Sohn, war nun darauf bedacht, des f....» M»M sl 1 1 �-..... �: A � 1--____ n r€%% fr r tf- wenn Thäti als w den? reden welche zurück tige wähnten Posten anzunehmen wünschten, aufforderten, fiel» Ort und Stelle einzufinden. Von den zahllosen Bewnbern gelangten drei in die engere Wahl, und diese drei lud Signora Bellar am 25. v. M. zu einem Diner ein, angeblich, um dat Nähere zu besprechen. Als man nach fröhlicher Tafel bei» Dessert angelangt, warf fich die Frau vom Hause plötzlich vol ihrem Gatten auf die Knie und schrie:„Ich bin eine Elend«- j die Verzweiflung hat mich zur Mörderin gemacht, die Annanas' Kisme war vergiftet- Ihr müßt alle sterben!" Einer de« jungen Herren fing sofort laut um sein Leben zu heulen an, der Zweite blieb vor Schreck versteinert, regungslos auf seinen», Stuhle fiyen, der Dritte rannte zur Thür, indem er rief! „Für jedes Gift giedt es ein Gegengift, ich eile zu eine» Arzte." An der Schwelle hielt ihn die Signora zurück und sagte:„Die Geschichte war erfunden- ich sehe, Sie haben Geistesgegenwart, Sie werden meinen Sohn begleiten." 1. Ziehung d. 1. Klasse 173. Königl. Preuh. Lotterie. Ziehun»»om 7. October 1885. Nur dir Gewinne Uber 80 Mar! find oen belreffendra Nummer» w Parenthese beiaefflgt (Ohne Gewähr.) 58 126 69 200 21 393 431 52 66 84 85 563 630(90] 56 701 8 13 42 (90] 9» 9 82 1007 103 93 i90| 241 72 3(6 400 30 59|9 1 606 40 46 687 96 726 835 37 52 61 929*023 74 183 292 190] 94 99 416 24 32 94 96 669 88 7U1 5 34 847 64[901 906 43 44»004 20 25 70 131 48 211 331 33 65 416 77 567 652 87 93 781 900 19 4060 160 67 216 22 28 53 64 396 493 99 503 73 94 659 61 90 710 19 52 53 70 87[90] 844 96 973 6065 158 246 343 78 463 537 68 79 642 59 926 86 6091 93 205 69 88 319 33 63 83 463 63 94 11501 551 75 686 758 874 7074[1501 152 77 85 92 251 325 43 81 479 645 82 706 11[90] 97 830 50 82 941 69 190] 72 8027 65 93 155 11501 222 31 41 44 98 312 24 68[180] 469 84 85 190) 520 42 86 601 792 825 30 73 0038 66 124 217 27 52 326 32 41 42 46 53 71 80 92[120] 522 41[90] 664 68 72 744[90] 50 86 94 860[90] 80 916 62 77 18006(1201 59 191 267 301 38 66 84[120] 413 42 51 626 31[150] 42 1 88 603 13 23 91 709 85[90] 864 1 1004 10 102[90] 67 304 404 6 17 503 47[160] 74 ,180| 666 97 703 20 27 816 41 48 190) 943 56 88 93 12069 1160) 95[180] 136 280 83 357 61 62 406 15 759 81« 34 38[901 55 966 90 1 3048 119 45 237 61 69 322(120] 29 86 419[1501 34 88[90] 534 91 874 14002[90] 7 30[90] 191 227 300[120] 4 87 415 506[90] 699 724 54 887 929 51 90 15000 21 45 63 84(90] 91 173 224 56 66 98(90) 315 19 99 439 44 545 602 34 75 94 777 830 90] 36 95 948 64 1B001 68 80 114 37 67 SO 257«6 392 451 66 652 624 42 90[90] 896 985 1 7025 29 68 134[120] 366 79 450 55 60 517 22 71 689 767 812 66 936[1201 18011[200] 32 77 130 50 60 271 402 62 514 65 631 36 700 16 98 812 28 3o 190] 93« 19047 55[9«) 62[300] 78[90] 162 75 230 38 76 309 432[90] 60 68 601 J9O0O1 57 921 42[150] 20060 84 133 36[901 40 63[901 62 79 212 311 400 79 648 68 96[90] 804 70[90] 83 957 21039(90] 45 60 80 85 93 160 56 60 214 401 51 70 514 77 99 619 95[9] 707[90] 16 37 42 57 60 856 66 ftOI 96[90] 900 4 lo 22080 81 86 126 27 73 79 83 96 224 84 360[90] 438(180 71 86 574 635[120] 70 737[1201 56 74 819 65 949»»106(150) 8 15[90] 230 306[901 54 532 639 60 747 838[90] 905 8 42 48 53 66 87»4082 116 23 242 56 79 303 627 52 81 740 80 903 „»5036[180] 125 203 17 40 50 70 306 11 37 405 75 674 708 38 872 75 909 201,76 116 91 218 23 11601.72 98 340 70 75 81 492 561 86 6 6 1« 714 802 83[120] 71 76» 7053 75 115 6 1 274 329 427 43 84 98[901 774 84 SU 21 55 61»8031 43 101 21 42 214 53 346 423 48 575 635 71 744[90] 72 821 32 928»»036 123 38(180) 42 75 227 49 76 79»90) 9b[90, 332 80 405 21 532 650 53 69 765[90] 90 868 85 918 33 91 äi?»iis.'!(||| ij'fgsts Muz|8 63 905 23 64 41001 84 86 22l"48 90 684 708 49 81 830(901 35 90___ 54 �„(901«5J?pj W 190168 77 58[901 73 310 48 436 41 86 MW----- 82 4»026 30[1201 41[90| 353 rWZJ&K SS S 44L46.U M66 93[90] 639 41 190] 22 76 ■iS zeigt� o welche Ä die Jr Cl die de nicht> und 3 bessert Schlei Wir| in die treff t « auch> heutig nur v gelöst näher an( Treis 79 314 1150] 403 34 5l5 20 90 618 31 752 814 34 86 931(901 33 62 ««157 94 219 50 322 04 661 95 861«1089 115000) 217 57 95 diesem ganzei #«' Tona Ein s g)W0 ngc! «otge 430[90] 600 43 71 89 766 919 80«»065 135[901 72 202 322 45 46 422 25 528 67 87 646(90) 75 83(901 757 815 39 51 901 4 36«? 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Grönheim in verlin. Druck und Verlag von Rax vading in Berlin SW., Leuth straße 2. Hierzu Hat Vd1"*' Beilage zum Berliner Vollsblatt Ur. 285. Donnerstag» den 8. Oktober 1885. II. Jahrg. Politische Ueberstcht. kecht tuterefiante Streiflichter wirft der Prozeß Graes nicht nur auf unsere heiuigcn Zustände, sondern auch auf die Rechtsbegriffe der liberalen und konservativen Parteien. Die nackteste Heuchelei tritt mehr wie je zuvor bei diesem Prozeß in die Erscheinung. Während die ultrareaktionäie» Organe fich bekreuzigen od der Unmoral, welche durch den- selben an's Tageslicht gezogen wird und augenverdrehend eine Beschränkung des mündlichen Verfahrens und der Oeffentlich- kett verlangen, gefallen fich die liberalen Blätter darin, den Eltem daraus einm Vorwurf zu machen, daß fie ihre Kinder zum Modellstehen anhalten. So lesen wir heute in der„Volks- _»in Vater, der seine vierzehnjährige Tochter zu einem Maler ,n das HauS schickt, damit fie ihm Modell stehe, sorgt für daS Seelenheil dieser Tochter gewiß sehr schlecht; um den unschuldigen Sinn derselben ist es unter allen Um- ständen gethan." Offen gestanden, wir hätten es der„Volkszeiwng" am allerwenigsten zugetraut, daß fie einen derartigen Vorwurf Segen die Arbeiter und deren Kinder schleudern würde. Das Kompliment, welches fie in diesen Worten den Malern macht, mag hier unerörtert bleiben, jedenfalls kann es nur solche Maler treffen, die mehr als„Künstler" denn als Arbeiter ihrem Berufe nachgehen, da letztere nicht in der Lage find, fich lebende Mo- delle zu beschaffen. Aber ungerügt können wir den Vorwurf gegen die Arbeiter nicht laffen. Es handelt fich hierbei für unS gar nicht um die Person, welche in dem Prozeß eine Rolle spielt, sondern um dw Arbeiter und deren Kinder im Allge- meinen. In dem Prozeß ist mehrfach darauf hingewiesen wm- den, daß das Modellstehen unter Umständen eine schwere Ar- ..fel O?0 c8 IG#* sich daher kaum annehmen, daß sich— einzelne Ausnahmen abgerechnet— Leute zum Vergnügen zu dieser Arbeit Hingeden. Wenn nun trotzdem kein Mangel an Modellen vorhanden ist, so ist das doch der beste Beweis, daß die Modellsteher, ebenso wie andere Arbeiter, zufrieden sein m ü s s e n, wenn fie nur Beschäftigung finden. Und sicher wird es nicht oft vorkommen, daß ein Vater sein Kind zu sol- cher Beschäftigung anhält, wenn er dieses nicht nöthig hat. Ist es unter solchen Umständen nicht geradezu unerhört, die Eltern solcher armen Kinder zu verdächtigen? Haben denn die Eltern die Wahl, ihren Kindern oeliebig Beschäftigung zu- zuweisen? Weiß denn die„Volks- Zeitung" nicht, daß alle Branchen heute überfüllt find? Und selbst wenn es den Eltern möglich ist, für ihre Kinder eine andere Thätigkeit zu wählen; find dieselben dann beffer ausgehoben, als wie im Atelier eines„Künstlers"? Wenn die Wände in den F a b r i k e n, wo weibliche Personen beschäftigt werden, reden könnten, so würden Dinge anS Tageslicht kommen, gegen welche die Vorgänge in manchem Maler< Atelier noch weit zurückstehen.— Die„Vollsztg." möge fich also an die rich- t i g e Adreffe wenden, wenn fie für das„Seelenheil"— soll wohl heißen für die Sittlichkeit— eintreten will. Gerade dieser Prozeß zeigt wiederum recht deutlich, wie nothwendig ein Arbeiter- schutzgesetz ist. welches den Eltern die Möglichkeit giebt, beffer für ihre Kinder sorgen zu können. Aber gerade die Preffe, welche bei Gelegenheit dieses Prozeffes es fich anscheinend zur Aufgabe gemacht hat, allen Unrath auf die„unbedeutenden" Personen abzuwälzen, erhebt stets ein großes Geschrei, wenn es gilt, die Jugend vor Ausbeutung gesetzlich zu schützen. Entsetzlich unan- genehm ist es natürlich, wenn die Justiz einmal unerbittlich den Vorhang aufrollt und fich hinter demselben Zustände zeigen, die den Eingeweihten wohl bekannt find, von denen man aber nicht gerne spricht. Deshalb das Bestreben, die Ocffentlichkeit und Mündlichkeit zu beschränken, als ob dadurch etwas ge- bcffert würde, wenn man die nackten Thatsachen mrt einem Schleier bedeckt, ohne den Ursachen emstlich zu Leibe zu gehen. Wir find die letzten, welche einen Stein auf die Angeklagten in diesem Prozeffe werfen wollen, man kann überhaupt in Be- treff deS Strafbaren verschiedener Anficht sein- Unserer Met» nung nach wird in späterer Zeit eine andere Auffassung über die Ehe Platz greifen als wie heute, und dann werden ficher auch manche unliebsamen Szenen verschwinden, an welchen die heutige Zeit so reich ist. Viele unserer Geistesheroen konnten nur weiter wirken und schaffen, nachdem fie das Band der Ehe gelöst und fich einem andern, ihren Gefühlen und Empfindungen näher stehenden Wesen angeschloffen hatten. Man denke nur an Schiller und Goethe, liebte doch letzterer noch als GreiS ein fast jugendliches Mädchen. Andererseits ist jedoch das Verhallen fast der gesammten Preffe zu diesem Prozeffe ein außerordentlich auffälliges, denn ihr ganzer Zom richtet fich ausschließlich gegen die in diesem Pro« zeß auftretenden Zeugen, während der Angeklagte in allen Tonarten als ein bedauemswerther Mann hingestellt wird. Ein solches Vorgehen kann nicht ohne Einfluß auf die Gc- fchworenen bleiben. Wir wollen darüber nicht rechten, ob der Angeklagte das Bedauem verdient oder nicht, das gehässige Vorgehen gegen sämmtliche Zeugen ist aber gewiß nicht gerecht- ferttgt. Wenn der Angeklagte ein Mann aus den niederen Volksklassen wäre, so würde das ficher nicht geschehen sein, man würde Zeter und Mordio über die Verwahrlosung des Volkes geschrien haben. Alle Preußen find aber vor dem Gesetze gleich— oder sollen doch der Verfassung nach vor dem Gesetze gleich sein, und unter dem Leinenkittel des Arbeiters schlägt so gut ein fühlendes Herz, wie unter dem modernen Nock eines Profeffors. Der Prozeß ist also in jeder Beziehung lehneich, er ist gleichsam ein treuer Spiegel unserer gesellschaft- lichen Verhältmffe. Zokales. Gilt Reklame-Kampf zwischen der Berliner Schneider m „wissenschaftlichen Zuschneidekunst" begann die Gesellschaft vanburtz nach amerikanischem Muster mit einem gtoßarttgen Tam-Tam gegen die hier bestehende konkurrirende„Schneider- Akademie." Die neue Gesellschaft erbietet fich, für 40 M. in in 8 Stunden ihr System Jedermann bis zur Vollkommmheit beizubringen. Um dem Zei.unge streit ein Ende zu machen und das Renommee der„Schneider Akademie" zu schützen, foiderte der Direttor der letzteren, Herr E. Kuhn, die Hanbury'sche Sozietät zu einem Konkurrenz- Zuschneiden berauS, welches gestern im Saale des Handwerkervereins vor fich gehen sollte. Die Jmy sollte aus dem Publikum gebildet werden. Zu der Versammlung hatten Damen und Herren Zutritt. Es hatte fich ein äußerst zahlieiches Publikum eingefunden. Vor Eröffnung der Sitzung ging Herrn Kuhn folgendes Schreiben zu:„Auf Ihre Aufforderung zu einem Wett- Schneidern kann ich mich ohne Weiteres nicht einlassen, da ich außer Stande bin, zu beurtheittn, in wiefern die Unpartellichkeit hierbei gesichert ist. Ich biete Ihnen aber ein Wettschneidern zwischen Ihnen per- sönlich und MrS. Hanbury an, sofern vorder zwischen uns die Garantien für eine unparteiische Beurtheilung festgestellt find. Auch bin ich bereit, hierbei fünftausend Viark gegen gleichen Einsatz vonJhnen mitjder Abrede niederzulegen, daß die 5000 M. des Umerliegenden einem bestimmten wohllhätigen Institut überwiesen werden. N. Hanburv u. Co."— Da das Konkurrenz- Schneidern sonach nicht stattfinden konnte, schritt der Einberufer Herr Kuhn zu einem Probe- Zuschneiden, um die Leistungsfähigkeit seines Institutes öffentlich beuttheilen zu laffen. Die Versammlung wählte zunächst 9 Unparteiische, 8 Damen und i Herren als Vorsitzenden, welche sämmtlich Schüler der Kuhn'schen Akademie waren. Es wurden 4 Aufgaben gestellt: 1 Taille, ein halb- anschließender Paletot, 1 Dolman und 1 Taille für eine erwachsene Dame. Vier Schülerinnen der Anstatt, die fich freiwillig meldeten, hatten die Garderobenstücke aus Gaze anzufertigen. Die Jury wählte darauf 3 junge Damen zu Probirpersonen; eine stark anormal gebaute Dame stellte fich ebenfalls zur Verfügung. Das Maßnehmen dauerte 6, das Modelliren 10 Minuten. Nach noch zirka 45 Minuten waren die Probestücke feitig. Als die Damen fich in den angeprodten Stücken zeigten, wurden fie von der Versammlung mrt stürmt- schein Beifall überschüttet. Die Jury trat zu kurzer Bcrathung zusammen und der Obmann verkündigte, daß nach dem ein- stimmigen Urtheil der Sachverständigen die von den Schülern der Schneider- Akademie öffentlich gefertigten Probestücke als ausgezeichnet zu betrachten seien. Während der zirka 2stündi- gen Dauer der Sitzung kamen wiederholt Unruhen vor. Ein Schneidermeister Chronez wurde wegen Beleidigung deS Vor- fitzenden aus dem Saal verwiesen. Die Versammlung schloß mit Annahme einer Anerkennungs- Resolution für die Schneider- Akademie. Bei der frisch autgebrochene« Jagd auf überleidige Fremdwörter wird gewiß ein Vorschlag Beachtung finden, der das ungewöhnlich schlcchtgebildetc Wort Ferienkolonien als Bezeichnung für eine täglich mehr Anklang und Eifer in der Nation hervorrufende Sache verdrängen soll. Es taucht in der Bremer Wochenschrist„Nordwest" auf, die fich nicht allein der fröhlichen Fremdwörterhetze von Hermann Riegel und Genoffen angeschloffen hat, sondern auch den Unternehmungen, die bis- her Ferienkolonien genannt wurden, seit Jahren eine sorgfälttge Beachtung widmet. Der Vorschlag geht dahin, kurz und gut Sommerpflege zu sagen.„Durch Pfieae geben wir an, daß eS eme Veranstaliung ist, die der Entwickelung und Kräftigung von etwas Schwachem und Wachsendem dien!— damit treffen wir die schwächlichen Kinder. Sie als Schulkinder zu bezeich- nen, erscheint durchaus nicht nothwendig, am wenigsten da, wo man die Familienpflege anwendet. Sre als arme Kinder zu bezeichnen, ist schon zu viel, denn der Zeitpunkt ist nahe, wenn nicht schon da, wo die in Rede stehenden gesundheit» lichen Veranstaltungen auch den Kindern zahlender Eltern dienstbar gemacht werden sollen. Die Kinder werden dann aus Kolonisten Pfleglinge— abermals ein gutes deutsches Wort, das die Sache vollkommen deckt; die Familien, welche fie aufnehmen, heißen jetzt schon Pflege- Familien, Pflege- Eltern» die Lehrer und Lehrerinnen, welche die größeren Echaaren geleiten, werden Pfleger, Pflegerinnen, noch beffer Sommerpfleger, Sommerpflegerinnen; die Art Kinder in Schaaren auszusenden kann recht gut im Gegensatz zur Familien- pflege Gcnoffenschafts-Pflege, Maffen-Pflege, Gruppen Pflege heißen, und für die verschiedenen Nedenarien erwachsen von selbst solche Namen wie Gedirgs-Pflege, Soolbad Pflege, See- bad-Pflege, Milch-Pflege u. s. f. Der Zusatz„Sommer" aber trifft insofern die Sache, als thatsäcklich die genannten Ein- richtungen auf dm Sommer als die Zeit ihrer Entfaltung be- schräntt find, auch da, wo fich die Anficht über den Gesund- heitszustand der Pfleglinge etwa durch daS ganze Jahr erstrecken sollte. Geht man später einmal so weit, irgend- welche Pflegeformen auch für den Winter zu erfinden, so entsteht das Wort Winter-Pflege von selbst und wird sofort verstanden. Es kommt wirtlich nur darauf an, daß jetzt, wo diese„Ferien-Kolonien" noch in ihren Anfängen fich befinden, die paar hundert oder tausend in der Sache wirkenden Leute sich des deutschen Wortes in Rede und Schrift bedienen, anstatt deS eingeschmuggelten Fremdlings, und mit der Ausbreitung der Sache wird sich daS Wort Sommerpflege ebenso ficher und schnell allgemeines Ver- fiändniß und Bürgerrecht in der deutschen Sprache erobem wie das Muster, nach dem es entstandm ist: das mindestens ebenso kühn gebildete, ganz allgemein gebrauchte und verstandene Wort Sommerfrische, das für seinen Begriff völlig ausreichend ge- funden wird, aber nicht einmal so viele Sproßformm für die Begrrffsableitungen hergiebt, wie„Sommerpflege".— So wird der„Nat. Ztg." geschrieben. Mit der Beseitigung dieses einen Fremdwortes wird wohl nicht viel geholfen sein. Es sollten dieselben überhaupt in vernünftiger Weise aus der deutschen Sprache entfernt werden._... ar. Ei« SOjiihriges Jubiläum ganz eigener Art ist item Abend von einem hiefigen Rentier in der Oranrmstraße ""reise seiner Familie und Freunde festlich begangen wor- den. Ein halbes Jahrhundert war nämlich verfloffen, seit der Jubilar in seiner Heimath, in Sachsen-Altenburg, den ersten Skat gespielt hatte! Im Allgemeinen ist ein solcher Tag wobl schwer festzustellen. Herr G. aber hatte einen sicheren Anhaltspunkt für sein Gedächtniß. Er war zu jener Zeit noch Gymnafiast. und da er an der Lehre von den 4 Wenzeln mehr Gefallen zu finden schien, als an den Hexametern des Homer und den melodischen Chorgesängen des Sophokles, so mußte er eines schönen Tages wegen gröblicher Verletzung seiner Schülerpflichten ins Karzer wandern. Zur 50. Wiederkehr dieses denkwürdigen Tages hatten fich die Kinder und Kindes« kinder um den einst gemaßreaelten Jubilar versammelt; die 4 kleinen Enkel erschienen im Kostüm der 4 Buben und er« freuten den Großpapa durch kleine allerliebste Gedichte. Die Töchter, die üdrigenS meisterlich Skat spielen, überreichtm Stickereien mit finnigen Inschriften, wie:„Das Leben ein Skat; es fragt fich nur, rvaS uns daS Schicksal ins Toumee gelegt hat";„die Vergangenheit ist ein Null Ouvert, fie liegt offen vor uns da" jc. Die Freunde hatten durch einm Maler ein Bild anfertigen laffen, worin der Kreuzbube dem Jubilar mit einem Lorbeerkranze, auf dessm Schleife die Zahl 50 fichtbar ist, das Haupt schmückt. Außer- dem widmeten fie ihm eine Adresse mit der Inschrift: Unserem hochgeehrten„Maurermeister". Dort beißt es am Schlaffe: „Es mag Dein Leben noch recht lange dauern, dann kannst ge- trost Du immer weiter mauern!" In seiner Erwiderung sprach der Jubilar für all diese Aufmerksamkeiten seinen tiefgefühlten Dank aus, verficherte, wenn es noch einer Versicherung be- dürfte, daß er auch ferner dem edlen Skat treu bleiben werde, und erzählte, welche Entwickelung das Spiel während der 50 Jahre erfahren habe. In seiner Jugend war es noch ziem« lich primitiv, da gab es noch kein Tournee, sondem nur Frage, Solo, Null und Grand. Die ganz wunderbare Verbreitung des Spieles datire etwa seit 15 Jahren, selbst jene Märtyrer- strafe im Karzer gewähre idm heute eine freundliche Erinnerung. Durch solche Verfolgung hätten die Philister die Siegeslauf« bahn des Skates nicht aufzuhalten vermocht, und jetzt könne man es fast als Nationalspiel der Deutschen bezeichnen. Da- mit war der offizielle Theil der Feier beendet. Es folgte ein Souper; dann wurden die Karten zur Hand genommen und ein solenner Skat mit allen Chilanen ad inflnitnrn gespielt. w. Für die neu zu erbauende Pferdebahnliute Ge- sundbrunnen Moabit ist bisher die polizeiliche Ginehmigung noch nicht ertheilt worden, und dürfte dieselbe auch nicht eher zu erwarten sein, bevor nicht die Frage wegen deS Umbaues der Fennstraßen Brücke ihre Erledigung gefunden hat. dies aber für dieses Jahr nickt mehr zu erw-rten ist. Die städtische Baudcputation hat mit Rücksicht hierauf beschlossen, die Pank-, Reinickendorfer- und Fennstraße, durch weiche Straßen die Bahn gelegt werden soll, für dieses Jahr nicht mehr umzu- pflastern, hiermit vielmehr bis zum nächsten Jahre zu matten, damit die Umpflasterung zugleich mit dem Bau der Pferde- bahn ausgeführt werden kann!— Der Magistrat scheint mit besonderer Vorliebe immer neue Linien an Privatgesellschaften zu vergeben Es wird das jedenfalls auch nicht eher anders weiden, als eine solche Anzahl von Arbeitervertretern in der Kommunalverwaltung fitzt, daß die Anfichtm und Beschlüsse dettelben nicht mehr ignonrt weiden können. Im November wird es sich ja zeigen, ob die Arbeiterschaft gewillt ist, in dieser Beziehung endlich einmal Wandlung zu schaffen. Gasexplosion im Rathhause. Vorgestern Nachmittag in der fünften Stunde hat fich im Rathhause ein Unfall ereignet, bei dem durch eine glückliche Fügung erfreulicher Weise der Verlust von Menschenleben nicht zu beklagen ist. Einer der Gas-Motoren für die elektrische Beleuchtung sollte in Be- ttteb gesetzt werden und erfolgte beim Anfeuern desselben eine heftige Gasexploston. Jedenfalls war ein ZuleitungSrohr ge- platzt, was eine nähere Untersuchung erst ergeben muß. Eine Soße eiserne Platte, auf welcher gewöhnlich der Ingenieur deS auseS, Herr Thieme, zu stehen pflegt, wurde durch die Ge- walt der Explosion gegen di? Decke geschleudett und vollständig krumm gebogen. Wäre die Explosion zwei Minuten früher er« folgt, so würde der Ingenieur, der fich zu dieser Zeit auf der Platte befand, unfehlbar zerschmettett worden sein. Die Gattin des Kastellans vom Rathhause, Frau Bandemer, befand fich im Augenblick der Erplosion in der in der Nähe des Maschinen- raumeS gelegenen Waschküche ihrer Wohnung. Der heftige Knall und der Luftdruck betäubten fie derart, daß fie längere Zeit bestnnungSloS blieb. Doch ist zu hoffen, daß der gehabte Schreck ohne dauernde nachtheilige Folgen für ihre Gesundheit bleibt. Räubertscher Ueberfall und NothzuchtSversuch. Am Sonntag wurde in Spandau ein eigenaitigeS Verbrechen ver« übt. Um V.l Uhr Nachts traf von Neustadt- Magdeburg die etwa 30 Jahre alte Wittwe K., eine Arbeiterin, mit der Lehttcr Bahn hier ein, um Mutter und Schwester zu besuchen. Sie hatte ihre Angehörigen lange Zeit nicht gesehen und brachte, um denselben eine besondere Freude zu bereiten, eine Reihe von Geschenken mit, die fie von ihren Ersparnissen eingekauft hatte. Als sie den Zug verlaffen hatte, verweilte fie noch eine Welle auf dem Perron, in der Hoffnung, von ihren Verwandten ab- geholt zu werden. Sie mattete jedoch vergebens, denn von diesen war Niemand erschienen, und allmählich leette fich der Bahnhof. Als fie noch rathlos dastand, nähette fich ihr ein Mann und knüpfte mit ihr ein Gespräch an. Er erkundigte fich nach dem Ziel ihrer Reise und auf die Antwort, daß fie nach der Echönwalder Straße wollte, erklätte er, auch dotthin gehen zu müssen. Sie verständigten fich bald, den Weg gemein« schaftlich zu machen, und ahnungslos übergab die Frau dem Fremden ihr Packet zum Tragen und bändigte ihm gleichzeitig dafür 50 Pfg. aus. Als fie flch der Potsdamer Thorpaffage näherten, machte der Mann den Vorschlag, die äußere Ring- Chaussee entlang zu gehen, da hierdurch ihr Weg ab- gekürzt würde. Während fie nun auf dieser einsamen Straße einher gingen, ändette der Unbekannte plötz- lich sein Benehmen. Er machte Andeutungen, die seiner Begleiterin Angst einflößten. Plötzlich warf der Unhold die Frau nieder und versuchte ihr Gewalt anzuthun. Es entstand zwischen beiden ein verzweifeltes Ringen, fie leistete mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft Widerstand und schne um Hilfe. Die Rufe wurden in der Ferne von einem Nachtwächter gehört, der sofott sein Nothfignal ertönen ließ. Als der Ruchlose dieses vernahm, ergriff er daS Packet der Frau, versetzte ihr noch zwei Hiebe mit seinem Schirm und suchte sodann das Weite. Am Ott der That erschienen bald mehrere Wächter, aber trotz der sofort angestellten Nachfor- f(Hungen war der Verbrecher nicht mehr aufzufinden. Auch gestern ist es der Polizei nicht gelungen, desselben habhaft zu werden. Es haben bereits Konftontationen der Beraubten mit Personen stattgehabt, auf die fich der Verdacht gelentt hatte. Derselbe erwies fich aber jedesmal als unbegründet. Der Gesuchte ist ein mittelgroßer kräftiger Mann im Alter von ca. 40 Jahren, mit dunklem Vollbart, war bekleidet unter Anderem mit dunklem Rock, grauer Hose, einem Vorhemd und trug Manschetten. In dem geraubten Packet befanden fich ein zierlicher Küchenschranl von ernem Meter Höhe, angefüllt mit Bunzlauer Geschirr, ein bunter Kinder- Regenmantel, Ohrttnge, eine Mundharmonika und Spielzeug, alles zu Geschenken be- stimmt, und 5 Mark baares Geld. Vielleicht tragen diese An- gaben zur Ermittelung des Verbrechers bei. g. Wie nunmehr festgestellt, hat der in Rixdorf vor Kurzem festgenommene, inzwischen aber wieder aus der Unter- suchunashast entlassene Pferdewurstfabrikant G. an eine ganze Anzahl hiesiger Fleisch- und Wurstwaarenhändler seine Fabrikate geliefert, welche von diesen als echte Gothaer und Braun- schweizer Zervelatwurt dem Publikum verkauft wurden. Bei dem guten Renommt einiger dieser Firmen ist eS geradezu wunderbar, wie dieselben den Muth haben konnten, ihren Kunden eine Wurst zu verkaufen, von der sie doch wußten, daß dieselbe mindestens mit Pferdefleisch stark vermengt war. In wie weit diese auf das Vertrauen ihrer Kunden spekulirenden Geschäftsleute fich des Betruges schuldig gemacht haben, mag daraus zu entnehmen sein, daß auch gegen diese daS amtliche Untersuchungsverfahren eingeleitet worden sein fall. Wir machen nnsere Leser darauf aufmerksam, daß Fnvalidenstraße 13 etne neue Weißbier!» auerei unter der �irma Berliner Weißbierbrauerei„Nordstern" entstanden ist. Daselbst findet ein täglicher Frisch dierverkauf von Weiß-, Braun« und Bitterbier statt. Die Brauerei beabstchtigt außer- dem, um der arbeitenden Bevölkerung die Vorzüge eines direkten Kaufes zu Theil werden zu lassen, die Einrichtung zu treffen, in verschiedenen Stadttheilen Frischbierverkaufsstellen zu errichten. Vorerst hat für den Südost-Bezirl Herr ZUax Kreutz, Admiralstraße 40(Alte Linde), den Veikauf über- nommen, daselbst wird das in der Beiliner Weißbierdrauerei „Nordstern" aus vorzüglichem Malz und Hopfen hergestellte Bier zu Fabrikpreisen täglich abgegeben. Herr Mar Kreutz dürfte dafür bürgen, daß das Bier so wie es aus der Brauerei kommt, abgegeben wird. i. Vergiftung mit Kohlendunst. Kaum find die ersten rauhen winterlichen Tage hereingebrochen, wo hier und da be- reits der warme Oten seine Dienste leisten muß, als auch schon ein Fall der Vergiftung mit Kohlendunst bekannt wird. Die Dienstmädchen im Restaurant des Belle> Alliance- Theaters hatten fich am gestrigen Abend ihre im Souterrain belegene Schlafstube ohne Vorwiffcn der Herrschaft geheizt; der eiserne Ofen war erst kürzlich ausgebessert worden, doch hatte der Töpfer statt ganz neue Abzugsröhren einzusetzen, die schad- haften Stellen nur mit Lehm beworfen, welcher an vielen Stellen nickt dicht hielt. Hier nun traten die so lebensgeiähr- liehen Dünste aus dem Ofen in den Schlafraum der 3 Mädchen, welche letztere völlig betäubt am Morgen aufgefunden wurden. Den Bemühungen des herbeigeholten Arztes gelang eS, eins der Mädchen, welches unmittelbar am Fenster ge« schlafen hatte, wieder herzustellen, während die beiden anderen noch schwer krank damicderliegen. Der Arzt hofft indcß, auch diese dem Leben zu erhalten. g. Krähen in großer Zahl finden fich in diesem Jahre verhältnißmäßig schon sehr früh in Berlin und der nächsten Umgebung ein. Zu ganzen Schaaren steht man fie jetzt auf den Ackern, und hier in Berlin bildet ihr Gekrächze einen Vor« geschmack für den herannahenden Winter. Polizei-Bericht. Am 5. d. M. Abends fiel eine 53 Jahre alte Frau in dem Hause Straß burgerstraße 12 die nach dem Hofe führende 8 Stufen hohe eiserne Treppe hinab und erlitt dabei einen Rippenbruch und zwei Rippenbiegungen.— In der Nacht zum 6. d. M. stürzte der in der Tivoli-Brauerei be- schäftigte Heizer Rißmeier in Folge eigener Unvorfichtigkeit zwei Etagen tief in den Fahlstuhlschacht hinab und erlitt da- durch so schwere Verletzungen, daß er kurze Zeit darauf ver- starb. Die Leiche wurde nach dem Obdustionshause geschafft. — Als am 6. d. M. Nachmittags ein Herr in der Papenstraße «inen in der Fahrt befindlichen Pferdebahnwagen besteigen wollte, fiel er dabei zur Erde und zog fich eine etwa 5 cm lange Kopfwunde zu, so daß ihm sofort ein Notverband an« gelegt weiden mußte.— Um dieselbe Zeit verunglückte der Ar- beiter Kruthof dadurch, daß er in der Bellevue-Allee imThiergarten von seinem Arbeitswagen fiel und überfahren wurde. Er erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß er nach der Charitee gebracht werden mußte.— An demselben Nachmittage fiel dem bei einem Ladenausdruch Andreasplatz Nr. 5 beschäftigten Zimmermann George ein Mauerstein auf den Kopf. Er ttug eine etwa 7 Ztm. lange Wunde davon und mußte nach An- lcgung eines Noth Verbandes nach seiner Wohnung gebracht werden.— Zu derselben Zeit fiel ein 4 Jahre altes Mädchen auf dem Hofe Langestraße Nr. 99/100 in einen Kellerschacht und erlitt durch die Scheiben einer dabei zerbrochenen Fenster- scheide im Geficht eine etwa 8 Ztm.. lange Schnittwunde, so daß es nach der nächsten Sanitätswache und demnächst nach dem Krankcnhause im Friedlichshain gebracht werden mußte. — An demselben Tage, Abends, wurde ein Mann in seiner Wohnung in der Jnvalidenstraße erhängt vorgefunden. Die Leiche wurde nach dem Obduktionshause gebracht. Gerichts-Ieiwng. Prozeß Graes. Neunter Tag. Der Vorfitzende Landgettchtsdireffor Müller eröffnet die Sitzung um 9'/, Uhr mit der Verlesung der von ihm entwor- fernen Sckuldfragen. Dieselben lauten: 1. Ist der Maler und Professor Gustav Graes schuldig, im Jahre 1877 im Jnlande mit einer Person im Alter unter 14 Jahren, nämlich der am 10. Januar 1864 geborenen Bertha Rother unzüchtige Handlungen vorgenommen zu haben.— la) Sind mildernde Umstände vorbanden? 2) Ist derselbe Angeklagte schuldig, am 17. Dezember 1883 zu Berlin mit einer Person unter 14 Jahren, nämlich der am 14. Januar 1870 geborenen Helene vammermann unzüchtige Handlungen vorgenommen zu haben?— 2 a) Sind mildernde Umstände vorhanden? 3) Ist derselbe Angeklagte schuldig, am 6. Juni 1884 zu Berlin vor einer zur Abnahme von Eiden berufenen Behörde, nämlich dem kgl. Landgericht l, in der Ettafsache wider die verehel. Töpfer Hammermann und Genoffen wissentlich ein falsches Zeugniß mit einem Eide bekräftigt zu haben? 4) Konnte bei der That ad 3 der Angeklagte Graes fürchten, daß die Bekundung der Wahrheit gegen ihn ihn selbst eine Verfolgung wegen eines Verbrechens oder Vergehens nach fich ziehen konnte? 5) Ist die unverehel. Anna Rother schuldig, am 6. Juni 1884 vor dem Landgericht Berlin I w'ssentlich ein falsches Zeugniß mit einem Erde bekräftigt zu haben? 6) Hat Anna Rother bei der That die zur Erkenntniß der Sttafda-keit erforderliche Einstcht beseffen? 7) Eveniualfrage: Hat die Anna Rother die falsche Aus sage zu Gunsten einer Person erstattet, rückfichtlich deren fie die Antwort ablehnen durfte, ohne daß fie über das Recht, das Zeugniß zu verweigern, belehrt worden ist. 8) Ist Professor Graes schuldig, die unverehelichte Anna Rother zu der falschen Aussage durch Versprechen und Zureden vorsätzlich destimmt zu haben? 9) Ist Bertha Rother schuldig, dre Anna Rother durch Zureden vorsätzlich zu der strafbaren Handlung bestimmt zu haben? 10 und 11) Ist die Angeklagte Auguste Rother schuldig, innerhalb der Jahre 1877 bis 1885(bezw. 1883 bis 1885) aus Eigennutz durch ihre Vermittelung und Gewährung von Ge- legenheit der Unzucht Vorschub geleistet zu haben und zwar indem fie zu den betr. Personen(der unverehelichten Bertha Roiher und der unverehelichten Elisabeth Rother) in dem Ver« hältniß von Mutter und Kind stand?. m Hierauf nimmt Et raison malt Heinemann das Wort M. H. Geschworenen: Wir stehen am Schlüsse einer Verhand lung, die uns Alle mit tiefem Ekel erfüllt bat, wegen des un- sägllchen Schmutzes, welchm dieselbe zu Tage gefördert hat. Der Eindruck ist um so widerlicher, als der Schmutz fich um «inen Mann, wie den Prof. Graes gruppirt, einen Mann an der Schwelle des Greisenalters, einen geachteten Künstler, einen Gatten und FamUienvater. Einem solchen Manne gegenüber hat man fick nur mit schweren Herzen entscheiden können, eine so schwere Anklage zu eih.ben. Die Erhebung einer Anklage ist nicht das Werk eines einzelnen Beamten, es find dafür mehrere Instanzen maßgebend und jede einzelne dieser In- stanzen wird fich dem Prof. Graes gegenüber ihrer Verant wortlichkeit voll und ganz bewußt gewesen sein, dasselbe kann ich von mir sagen, dasselbe setze ich von Ihnen voraus, die Sie berufen find, den Wahrspruch zu fällen. Es wäre eine furcht bare That, einen Unsckmldigen zu verurthnlen, aber eS wäre noch etne furchtbarere That, einen Schuldigen freizusprechen. Sie selbst haben fich sorgfättigst zu prüfen, ob Ihnen irgend ein Zweifel über die Schuld der Angeklagten inne wohnt und ür diesen Fall, wenn Sie irgend den geringsten Zweifel nur »aben, müssen Sie die Angeklagten freisprechen. Auf der an- deren Seite dürfen Sie fich aber auch nicht durch ein falsches Gefühl des Mitleids leiten lassen, denn die Macht, Gnade zu üben, liegt bei einer anderen, höheren Instanz. Sie wollen fich, m. H., vor allen Dingen aber vor Augen halten, daß Sie freie Richter find. die fich keiner äußeren Gewalt zu beugen haben, es sei denn dem Gesetze, der Macht der Gründe und Ihrem Ge- wissen. Jm Uebrigen müssen Sie jeden Einfluß von fich weisen, welcher fich von außen an Sie herandrängt. Und da komme ich auf das zurück, waS den Herrn Vorfitzenden schon zu einer Meinungsäußerung veranlaßt hat. Es hat sich eine sogenannte öffentliche Meinung breit gemacht, um ihre Ansichten und Ur- theile voreilig den Geschworenen bereits an die Hand zu geben; es ist derselbe Therl der Presse, welcher schon von Anfang an, ohne die Sachlage genau zu kennen, sich beeilt hat, für den Prof. Graes einzutreten, seine Unschuld in allen Farben zu malen und die Erhebung der Anklage als einen Fehler zu kennzeichen. Man muß einen Unterschied machen vor der öffentlichen Meinung, welche wirklich ein Widerklang der all- gemeinen Volksmeinung ist und jener, welche eine bloße Tages- Neuigkeit ist. Vor dieser sogenannten öffentlichen Meinung, wie fie fich in einem Theile der Presse breit macht— ich sage ausdrücklich in einem Theile— und welche nichts ist, als eine bloße Tagesneuigkeit, habe ich und hoffentlich auch Sie nicht den geringsten Respett. Ich verwehre es der Presse nicht, fich über Alles auszusprechen, was im öffentlichen Leben pasfirt, ich bitte Sie aber, m. H., Ihrerseits fich von dieser Beeinflussung fern zu halten, nicht das zu glauben, was diese Leute sagen, die teilweise in der Presse sich in diesem Gebahren gefallen, ob gleich fie vielfach absolut kein Verständniß haben für das, was der im Gerichtssaale vorgeht, und wirklich kein Verständniß ür die richterliche Würde befitzen- Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß die Presse für einen Angeklagten dann ge- wöhnlich nicht einttitt, wenn es ein gemeiner Mann ist— es sei denn, daß es fich um Widerstand gegen die Staatsgewalt handelt—, daß sie aber dann sofort auf dem Plane erscheint, wenn der Angeklagte ein Mann aus der höheren Gesellschaftsklasse ist und namentlich, wenn es fich um ein Vergehen oder Ver- brechen gegen die Sittlichkeit handelt. Dann sehen wir ein- mal jenen Theil der Presse für den Angeklagten eintteten, obgleich er nicht das geringste Verständniß für die Sache hat. Es ist eine absolut falsche Auffassung, wenn in der Presse die Meinung ausgedrückt ist, daß eigentlich Niemand recht wisse, waS der Angekl. Graes beschworen habe und, wenn Hinzuge- fügt wird: So viele Köpfe, so viele Sinne! Es ist gar kein Zweifel darüber, wie der Wortlaut des Schwurs gelautet hat, welchen der Angekl. Graes geleistet hat; dieser Wortlaut ist festgestellt durch den Landgerichts direkror Bachmann, den Maler Dielitz und den Prof. Thumann. Prof. Graes hat vier Dinge beschworen: 1) daß er in keinem intimen Verhältniß ur Bertha Rother stand, 2) daß er fie nicht ausgchalten hat, !) daß er nicht mit ihr geschlechtlich verkehrte, 4) daß er fie nur als Modell bezahlt hat. Der Eid wäre nur dann ein richtiger gewesen, wenn der Angekl. Graes alle Theile desselben richlig beantwortet hätte. Dabei braucht man den Eid gar nicht zu zerpflücken, sondern nur denselben in seiner Totalbe- deutung zu betrachten. Heber die Tragweite des Worte? „Verhältmß" kann und konnte gar kein Zweifel sein. Wenn wer etwa ausgeführt werden sollte, daß es fich hier um das Verhältniß des Künstlers zum Ideal handelt, so bestreite ich dies von vomherein, denn unter einem Ideal versteht man im Künstlerleben doch etwas anderes, als eine Zuneigung zu einem Modell; man versteht etwas anderes darunter, als bloße körperlicher Beziehung, man versteht vielmehr in ersterReihe geistige Beziehungen darunter. Zweifellos ist es, daß Bertha Rother für den Angekl. Graes ein vorzügliches Modell war, daß fie für ihn höchst werthvoll fich zeigte, denn fie wurde das Modell seinem„Märchen", jenem Bilde, welches seinen künstlerischen us begründet, ihm aber auch leider die Tage bereitet hat, die er jetzt durchleben mußte. Es ist eine schändliche Entstellung der Wahrheit, wenn ein Zeitungsschreiber behauptet, hier sollen Moralpredigten gehalten werden, hier beobficktige man, den Künstlcm etne moralische Maske vorzuhalten. Es ist dies eine schmähliche Art der Beurteilung, eine schändliche Art, die widerlicher ist, als aller Schmutz, den dieser Prozeß aufgerührt hat. Gewiß wird es Fälle geben, wo ein Künstler in Be- ziehungen zu seinem Modell tritt, namentlich wenn er frei und und unverheirathet ist. Selbst dem verheirateten Angeklagten würden solche Beziebungen nicht zum Vorwurf gemacht— wenn er eben keinen Meineid geschworen hätte. Es wird hier also lein moralisches Strafgericht, keine gerstige Vivisektion ge- trieben, wie der Artikelschreiber behauptet. Das wäre erne arge Verdrehung. Betrachtet man alle Beweise, wie fie fich hier in diesen langen Verhandlungen uns gezeigt haben, so kann man nicht zweifelha't darüber sein, daß außer dem Ver- hältniß dei Herzens, außer dem Verhältniß des Künstlers zu seinem Ideal, auch noch das Verhältniß des Mannes zum Weibe mitspielt. Man behauptet, daß eigentlich gar keine Beweise vorliegen, daß die Zeugen keine direkten Schuldbeweise beibringen konnten, daß alles nur auf Indizien beruhe. Zu- nächst behaupte ich, daß es im gerichttichen Verfahren über- Haupt keine anderen Beweise giebt, als Indizienbeweise, sodann aber lege ich auf die Zeugen gar nicht so viel wert, sondern denke, daß alles Uebnge, namentlich die Gedichte und die Korrespondenzen mehr als hin- reichen, um über die Natur jenes Verhältnisses ganz klar zu werden. Man braucht fich nur die Person anzusehen, welche angeblich des Angellogien Ideal gewesen, jene Person, welche seit ihrem 6. Jahre Modell und seit ihrem 13. «™ �»WW.... Lebensjahre bei Prof. Graes Modell gestanden hat, welche fich als Dirne aus der Straße herumtreibt, schon mit 17 Jahren ein Schandblatt in dem Register der Sittenpolizei hat und welche fich mit Männern in öffentlichen Theatern herumtreibt, kurz, welche ein Freudenmädchen in des Wortes verwegenster Bedeutung ist. Ist schon nicht anzunehmen, daß ein Mann zu einem solchen Mädchen nur ein platonisches Verhältniß aufrecht erhält, so zeigen die Gedichte des Angekl. Graes ganz klar, daß die Grenze der platonischen Liebe weit überschritten ist. Der Angeklagte ist nur ein Gelegenheitsdichter, der nicht ideale, phantastische Gedanken produzirt, sondern mit seinen Gedichten an reale Tbatsachen anknüvft. Der Angeklagte hat für unser poetisches Verständniß geringen Respekt, wenn er uns glauben machen will, daß der wabre Poet auch manchmal ideale Gedanken mit finnlicher Phantafie umrankt. Es ist durchaus unwahr und unhaltbar, daß Verhältnisse vorkommen, wo Jemand, der ein ideales Verhältniß hat, finnliche Momente in seine Gedichte mit hinein flicht; umgekehrt dagegen wird eS oft vorkommen, daß ein Dichter da, wo sämmtliche Verhältnisse obwalten, die selben dichterisch zu idealen Verhällnissen verklärt. Wenn Goethe etne Lilli besingt, hat er nur eine ideale Sprache geführt, ganz anders war eS, wo er Verhältnisse berührte, bei denen in der That etwas Sinnlichkeit mit im Spiel war, wie z. B- bei dem Verhältnisse mtt Christiane VulpiuS. Der Staatsanwalt geht nunmehr die Gedichte Ettophe für Strophe durch und kommt bei jedem einzelnen zu dem Schluß, daß dieselben nirgendwo den Geist platonischer Liebe atmen, sondern von einer glühenden Liebe, von einem finn« lichen Verhältniß des Angeklagten zu der Bertha Rother Zeugniß ablegen- Dafür sprechen auch verschiedene Briefe an Bertha Rother und man muß ein solches Verhältniß als ein „intimeS" ansehen, dessen Exrstenz er verpflichtet war, dem Richter anzugeben. Wenn der Angeklagte zugiedt, daß er dem Modell glühende Küsse gegeben hat, so sucht man doch ver« geblich nach Momenten, welche dafür sprechen könnten, daß er in seiner Sinnlichkeit nicht noch werter gegangen ist, namentlich einer solchen Person gegenüber. Auch die testamentarische An« spräche ist nach Anficht des Staatsanwalts als ein Beweis für das Bestehen eines sinnlichen Verhältnisses heranzuziehen und derselbe spricht die Hoffnung aus, daß vre Geschworenen wohl verstehen werden, was es heißt, wenn die testamentarische An« spräche von„lückenhaften Verhältnissen" des Angeklagten spricht. Der Angetlagte hat in ganz kurzen Zerttäumen unglaublich große Summen für die Familie Rotber aus- gegeben, er hat mit Bertha große Reisen gemacht, noch eine Anstandsdame mitnehmen lassen und sehr luxuriös mit derselben in den Hotels gewohnt und es ist nicht glaublich, daß Berliner Künstler solche Summen ausgeben, nur um fich das Modell zu erhalten. Was konnte ihn außer- dem veranlassen, der ganzen übrigen Familie so bedeutende ' f M-s.....■■- daß Hele, überaus werden,> leuchtung fortgesetz Summen zu spenden? Weshalb hörten die Zahlungen nicht auf, als Bertha Rother nicht mehr Modell für ihn war? Das beweist eben, daß die Zahlungen nicht blas das Honorar für das Modell sein sollten, sondern daß fie seinen finnlichen Ver- Hältnissen galten und die Ausstellung der Schuldscheine hat nur die Bedeutung, die Familie Rother ganz in seinen Händen zu haben. Einen Theil dieser Summen hat der Angeklagte Graes freiwillig geleistet, einen großen Theil aber, nur der Roth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, denn die Korre« spondenzen beweisen, daß die fortgesetzten Erpressungen der alten Rother ganz schamlose waren. Der Angeklagte windet und krümmt fich in seinen Briefen wie ein gefesselter Sklave, der seine Ketten gern los sein möchte, aber nicht dazu kommt, weil eben Frau Rother sein böses Gewissen kannre. Was mag nun erst in den Korrespondenzen zwischen Bertha Rothkr und Graes gestanden haben! Die wenigen Briefe von Graes an Bertha, welche überhaupt vorgefunden worden find, lassen gar keinen Zweifel über den Charatter deS Verhältnisses, ebenso wenig der Brief des Ehemanns Rother an seine Frau und derjenige der Frau Rother an ihre Tochter Bertha; von welcher Seite man die Sache auch betrachtet: daS Verhältniß ist nicht ein ideales, sondern ein sinnliches ge« wesen. Auch der ganze Verkehr des Prof. Graes im Rother- schen Hause ist bezeichnend genug; die Hochachtung vor dem Modell dürste ihn schwerlich in dies ob! Iure Haus getrieben haben, wo ihm tn dem betrunkenen Hausvater und dem viel» leicht noch betrunkeneren Droschkenkutscher Ihlow Genossen zur Seite saßen, deren bildende Unterhattung ihm beschieden war- Was der Angeklagte von dem Studium des Modells bei Lampenlicht gesagt hat, ist eine leere Ausrede, welche der Wahrscheinlichkeit nicht entspricht. Anch das Verhatten des An« geklagten nach Einleitung der Untersuchung zeugt von einem dösen Gewissen und nun kommen noch dre böchst wichtigen Zeugenaussagen, welche die sonst vorhandenen Indizien durch- aus bestätigen. Nachdem der Staatsanwalt bis hierher drei Stunden gesprochen hat, läßt der Vorsitzende eine Unterbrechung durch die Mittagspause eintreten. Nach Ablauf der Pause geht der Staatsanwalt auf die Würdigung der Zeugenaussagen näher ein und destrettet, daß dieselben durch Hammermann beeinflußt seien. Zugegeben ist, daß Hammermann ein lebhaftes Interesse an der Beibringung möglichst vieler Zeugen über das in Modellkreisen schon lange bekannte Verhältniß Graef's hatte, nicht zuzugeben ist, daß er dabei das Mtttel der Verleitung zum Meinerde angewandt hat. In 99 pCt. aller Fälle des Meineides wird ein solcher geleistet zu Gunsten eines Ändern, nur in den seltensten Fällen leistet Jemand einen Meineid aus Bosheit oder aus Eigennutz- Gegen die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugen find stich« hallige Gründe nicht vorgebracht worden, nicht einmal gegen das Zeugniß der Frau Siefert. Um solcher Kleinigkeiten willen, wie hier in der Verhandlung vorgebracht ist, um ihre Feind« schaft zu erweisen, stellt fich eine solche Frau, die Gattin eines! gewesenen OffizierSund jetzigen Beamten, hier nicht hin und schwört- einen Meineid. Und Kühnle? Nun, er hat allerdings die Ver-l Mittlerrolle für Hammermann gespielt und fich die Briefe des! Prof. Graes angeeignet, oder um es kurz zu sagen, gcftohle«-tz Ich gebe zu: das ist nicht schön, aber sehen wir von Kützm� ab, so ist das Vorgehen der Frau Siefert durchaus erklärlich) und durchaus nicht geeignet, ihr irgend einen Makel aufmleg«Ki Die Erregung, in welche diese so ehrliche Frau hier im Termg r| »erathen ist, kann fie keineswegs verdächtigen, denn gegen M nd verschiedene Koups versucht worden, welche dieselbe Harnisch bringen mußten, welche aber jedenfalls ihren bead« fichtigten Essen nicht erreichen werden. Was diese Zeugin Verein mit den übrigen bekundet, nimmt jeden noch bestehen« den Zweifel über die Beziehungen des Angekl. Graes zul- Bertha Rother, sowie zur Lieschen Rother vollständig hinweg. Das ursprüngliche Geständniß der Anna Rothrt- und die ganzen Verbindungen, welche Prof. Gran zu Lieschen Rother angeknüpft hat, nachdem er fich von Berthsl abgewandt hatte, bestättgen zur Gewißheit den Verdacht, da» alle die hier in Frage stehenden Beziehungen des Prof. Gran finnlichc waren. Den Brief, welcher so mysteriös gehalten ist- aber dabei die falsche Erklärung Lieschens enthielt, daß M 15'/, Jahr alt sei, diesen Brief, der angeblich gar nicht a» Graes, sondern nn Herrn Rudolph Hertzog gerichtet sein sollt halte ich jetzt für einen abfichtlich fabrizirten, zu dem Zweltt»' daß er eben gefunden werden und damit den Professor Gran exlulpiren solle. Wenn der Professor Graes fich herbcigelaffes hat, mit dem kleinen Lieschen in ein unfittliches Verhältniß f treten, wer soll chm da glauben, daß das Verhältniß zu derer Vorgängerin nur ein ideales geblieben ist? Kein Menscb Nach aUedem hat Prof Graes einen wissentlichen Meineid' leistet, zwar aus Leichtsinn, aber nicht aus Fahrläsfigk! er hat fich in sophistischer Weise eine Hinterthür geöffnet, dr welche er hindurchzuschlüpfen gedachte. Was das dem Pro! Graes zum Vorwurf gemachte Verbrechen gegen die Sittlichkl in Bezug auf die Bertha Rother bettifft, so ist es zwar w«' scheinlrch, aber nicht erwiesen, daß letztere schon vor ch 13. Lebensjahre ein unsittliches Verhältmß mit Graes geh hat und deshalb bitte ich, die diesbezügliche Frage zu ort' neinen.— Was die Anna Rother hetrifft, so hat dieselbe nac» allen begleitenden Umständen und nach ihrem ursprünglich� Geständnisse entschieden einen Meineid geleistet. Die Tha� fache, daß fie geistesschwach ist, schließt nicht aus, ihrem Geständnisse bei klarem Verstände gewesen allem Respett vor der ärztlichen Kunst verständigen muß ich doch sagen, daß viele Leute für geisteskrank erklären,------— Wahrheit geistesgesund find. Ich halte es keineswegs für au»' geschlossen, daß die Anna Roiher m ihrer Verschmitzlbcit us« Raffiniitheit alle ihre verkehrten Antworten fich erfunden% um die Herren Sachverständigen zu täuschen und wenn geto* in den rritischsten Momenten die Sachverständigen fich vor Angeklagte hinstellen und dieselbe aufmerksam firircn, so% das doch gerade ein Signal für dieselbe, um recht gen? Komödie zu spielen. Ich behaupte, daß fie im vollen Bew»nJ sein und in voller Erkenntniß von der Etrafbarkeit tW** Handlungsweise einen Meineid geleistet und daß Graes sie r diesem Meineide angestiftet, ihre schwache Einficht und gcrin? Widerstandsfähigkeit für fich ausgenutzt hat. Sehr wahrschein»1! ist dies auch bezüglich der Bertha Rother u? anfänglich waren die Bezichtigungen auch bestimmt; da aber Anna tre frühere Beschuldigung genommen hat und das Zeugniß der Marie Reim ihr ß%3 ausgefallen ist, so kann ich dre Anklage gegen fie nicht aufti. erhalten, sondem empfehle Ihnen die Schuldfrage in»«P? auf Bercha Rother zu verneinen. Ganz klar liegt für mi« Frage, ob Frau Rother fich der schweren Kuppelei schutt'si Jk macht hat. Sie hat zweifellos der Unzucht ihrer beiden Vorschub geleistet und fie verdient rhre Strafe für ihr moralisches, veiwerflicheS Thun. Was den Hammermann Fall betrifft, so gebe ich zu, daß bei HammermannS-j Krieschen pekuniäre Interessen bei ihren Unterhandlungen Es 4 Werk ,. J Er wußi ■ Wahrhei nur desl | weil ang gegen e t vorlag. j> ein blos | die Dar I Zustand« gegeben ! den Ei und i für er trag i Umstand wegen 2 verbreche sprechunj gegen A Ich Hab« und niä daß ich sogen, l solchen 3 klagen zr sondern habe ich Nach dü nuten eir Simsoi kann I die frer baden. Rhetor zu Gel schwach wirken Mittest kämpf» Bezug heraus- nicht dl Presse gegeben die Me Die öff Falle£ sie est daß fie bei ist und bn der Sa die Ae welche e Anns für n und wohl e An- lagtrn Zumen aus- noch xuriös nicht geben, außer- uiende ; nicht ? Das ir für it Ver- xt hat »änden ellagte u der Korre» m der windet Sklave, dazu kannte. wischen >enigen funden (er des Rother Locht« -achtet: zes ge« >iother- zr dem �trieben m viel- sen zur n war- lls bei he der es An» i einem ichtige« durch- er drei rechung auf die et, d ben il ringunff j tt lange j daß« ndthah' rSi rö l gegen| ; willen, Feind- m eines »schwört dieLer- iefe dt« | Spiele standen, ab« eine direkte Forderung, die fie gestellt hatten, ist n-cht erwiesen— und es ist Nichts davon erwiesen, I daß Helene Hammermann die Unwahrheit gesagt hat. Es kommt I überaus selten vor, daß gegen Leute Erpreffungsversuche gemacht 1 werden, welche gar nichts begangen haben und unter dies« Be- I leuchtung ist es ganz bezeichnend, daß eine Frau wie Frau Roth« ! fortgesetzt so lange Erpreffungen gegen Graes müben konnte. ! ist ganz begreiflich, daß Hammermann alles mögliche ins s Jiim setzte, um seine Frau aus dem Gefängniß»u bringen. I M wußte, daß seine Frau unschuldig ist, daß seine Tochter die I Wahrheit gesagt hat und er wußte auch, daß die Elrafkamm« j �ur deshalb zu ein« so schweren Bestrafung gekommen war, | weil angenommen wurde, daß hier eine perfide Erpressung j gegen einen in fittlicher Beziehung völlig makellosen Mann k«oilag. Daß das Echulvbekenntniß der Helene Hammermann k ein blos fingirtes war, ist ebenso aus d« Hand liegend, wie | die Darstellung plausibel ist, welche Hammermann von dem f Zustandekommen dieses schriftlichen Bekenntnisses der Lüge gegeben hat. Nach alledem halte ich auch in diesem Punkte den Eid des Angeklagten Graes für einen falschen t und in diesem Punkte das Sittlichleitsverbrechen I für erwiesen. stelle aber gleichzeitig den An- I JPss.,„ f" diesem Punkte die Frage nach mildernden Umstanden zu beiahen. Ich beantrage gegen Graes das Schuldig wegen Merne, des, Anstiftung zum Meineide und Eittlichketts- Verbrechens in emcm Falle, gegen Bertha Rother die Frei- ! sprechunfl. gegen Anna Notker das Schuldia wegen Meineids, I gegen Auguste Rother das Schuldig wegen schwerer Kuppelei. f-öch habe, so schließt der Staatsanwalt, versucht, in objektiv« j ulcht rhetorisch« Weise den Fall durchzugehen, ich weiß, | oo.B rch sehr tüchtige und auch rhetorisch gewandte Vertheidig« | wtt otaenühct habe, von denen d« eine sogar noch der in- 1 forste Duzfreund des Angeklagten Graes ist. Ich kann Ihnen k!°2en, daß es mir ein jammervolles Gefühl ist, gegen ernen I solchen Mann, wie den Prof. Graes, derartige schw«e An- klagen zu erheben, aber ich bitte Sic. nicht nach dem Gefühl, sondern nach dem Gewicht der Gründe zu uttheilen. Damit habe ich meine Pflicht getban, thun Sie nun die ihrige.— I Nach dieser fünfstündigen Rede tritt eine Pause von 15 Mi- nuten ein. «.KAMrJa'eaM feSÄSÄSte sSÄt fes zu Gebote steht, wie Sie meinen, und ich fühle mich viel zu schwach, etwa mit diesen Mitteln auf die Geschworenen zu wirren; vielmehr muß ick mich nur darauf verlassen, mit den Mitteln der Wahrhaftigkeit und den sachlichen Gründen zu kämpfen. Der Staatsanwalt hat zu Unrecht wiederum darauf Bezug genommen, daß die öffentliche Meinung, die Presse, fich herausgenommen hat, die Geschworenen zu beeinflussen. Das ist mcht d« Fall, wenn es fich auch nicht leugnen läßt, daß die Presse mehrfach ihrer Sympathie für Prof. Graes Ausdruck gegeben hat; ab« ich behaupte, daß sich in dieser Beziehung die Meinung d«. Presse mit der öffentlichen Meinung deckt. Die öffeniliche Meinung, Herr Staatsanwalt, steht in diesem Krlle Ihnen entschieden aegcnüb«, fie hat das Gefühl, daß Sie einem Manne, wie dem Prof. Graef gegenüber bessere Beweismittel fich hätten zur Seite stellen sollen, die öffentliche Meinung findet es nicht für richtig, daß hier P«sonen, die wegen ein« Sttafthat rechtskräftig abgeurtheilt worden find und ihre Strasthat theilweise gebüßt haben, zu eidlichen Be- kundungen über jene Strasthaten selbst zugelassen worden find und die öffentliche Meinung hat das Gefühl, daß dadurch eine bedenkliche Rechtsverirrung herbeigeführt werden mußte. Ich verlange von Ihnen, meine Herren Geschworenen, nicht mehr und nicht wenig«, als d« Staatsanwalt, ich verlange, daß Sie nur nach Recht und Gewiffen urtheilcn, daß Sie aber ' v?.' wo Ihnen auch nur d« leiseste Zweifel auftaucht, ihr Ver« KiM«. ittariüW mleg»Z Tennis i ugin im Gestehen' raef gjj llstänv'g Roth«;! r Berth« cht. da» f.©rjrt alten«fh drkt verneinend abgeben. Ab« ich frage Sie: ist in diesem ganzen Verfahren auch nur ein Punkt hervorgetreten, bei dem man nicht nur leise, nein, die allerstärksten Zweifel hegen muß. Meine Herren! Ich kenne den Prof. Graef von seinem fiebenten Lebensjahre an und habe mit ihm gemeinsam die Bildungs- institute besucht. Unsere Lebenswege haben fich seit der Uni- verfität getrennt. Aber dieses ganze Leben hindurch find wir immer bei einander geblieben, es haben nie Differenzen zwischen uns ergeben, aber noch fich nie habe ich von ihm eine Unwahrheit gehört, noch viel weniger Zweifelhaftes. Graes ist ein kluger Mann, von höh« künstlerischer Begabung, allerdings nicht klug im Sinne des praktischen Lebens. Ich habe Graef von Stufe zu Stufe verfolgt, ich habe beobachtet, wre seine Gesinnung nicht nur eine wohlthätige, sondern auch eine hochpairiotische und mehrere Bilder von ihm befinden sich in der Notionalgalcrie. Ein großer Kreis von hochgestellten Männern ist ihm in Freundschaft«geben, und Sie können fich denken, daß es wie ein Blitz in diesen Freundeskreis fuhr, als fich die Nachricht verbreitete, daß Prof. Graef verhaftet worden ist und Sie können fich ebenso denken, daß ich sofort in die Zelle des Freundes eilte und mit ihm Rücksprache nahm. Ich kann Ihnen die Verficherung geben, daß Professor Graes von Anfang an und seitdem immer wieder unentwegt mit Energie bestritten hat, daß er irgendwie schuldig sei. Und ich kann Ihnen sagen, daß ich und d« ganze Freundeskreis noch heute der festen Ucberzeugung bin, daß der Beschuldigung, die gegen Prof. Graes erhoben wird, ein Bubenstück zu Grunde liegt. Ich bitte Sie, m. H., sehen Sie fich nur den Angeklagten Graes an: herausgerissen aus einer hervorragenden sozialen, behaglichen Stellung, würde doch Jeder von uns, wenn eine Schuld vorläge, unter der Wucht fdieses Bewußtseins«liegen. Aber er steht hoch er- hodenen Hauptes vor Ihnen, er hat während der Monate langen Untersuchungshaft, wie immer im Leben, fleißig ge- «rbeitet, er hat während der ganzen Hnuptverhandlung allnächtlrch fieben Stunden geschlafen und ich frage fie: Kann dies ein schuldbewußter Mann? Der Gedanke, daß hier ein Bubenstück vorliegt, führt mich auf den Fall Ham- mermann. Redner führt nun aus, daß in der Zeit, wo Helene Hammermann bei den Professoren Graef und Kretzschmer gewesen rst, auf der Altersgrenze dicht vor dem 14. Lebens- jähre stand und spricht unverholen seine Meinung dahin aus, daß Hammermann, d« seine Tochter instruirt hatte, sofort , IlU � Mttthcilung machen, wenn sie beim Modellstehen angefaßt tdeit ufl* werden sollte, das Gefühl gehabt babe, er könne durch solche ndtn h� Beschuldigungen etwas für ferne dürftig bestellte Kasse heraus- in aera� schlagen. Für ihn stehe es felsenfest, daß hier ein pfiffig ver- - � anlagt« Versuch Hammttinanns vorliegt, zwei Pro- fefforcn einzufangen. Als rhm dies mißlang und er statt dessen sah, daß dreses sern ureigenstes Werk seiner Frau zwei Jahre Gefangmß eingebracht hatte, VZ keit aes sitZ rsch »er setzte« natürlich alle Hebel in Bewegung, um seine Frau wieder aus dem Gefängniß herauszubringen. Nun ist gar kein Moment beigebracht, aus welchem hervorgeht, daß das B-k-nntniß der Lüge, welches die Helene H°mm«mann beim H it auft� wre oft Hammermann in dies« Beziehung seine Belundung in g-wechselt hat und welche Schritte er spät« noch bei den Pro- ' micb fefforen unternommen hat. D« H«r Staatsanwalt findet 'ul*£$ es belastend, � daß Professor Graes dem Rechtsanwalt % MLS fich zu einem Begnadigungsgesuch bereit«- t w.Lgj hat. Wenn aber der Herr Rechtsanwalt dem nann la�i Prof. Graef das Bekenntniß d« Helene Hammermar.n m,t- , rvi« Jt*WIf und dies« dafür dankt, so weiß ich nicht, was daran Be- ange" v denkliches sein soll? Es erinnert dies doch einigermaßen an das Woit Wansen'S im Egmont:„Was nickt hnausinterpretirt werden kann, das wird hineininterprettrt." Zum Beweise der absoluten Lügenhaftigkeit der Helene öammermann verweist der Vertheidiger sodann auf die von derselben behaupteten Vor- gänge bei dem Prof. Graef, welche von dem Prof. Kretzschm« und seiner üb« allen Zweifel erhabenen Tochter eidlich in Ab- rede gestellt find. Prof. Kretzschmer, der durch besonderen Zu- fall»n die Lage gekommen ist, sein Zeugniß dreimal zu beschwören, ist ein 74jShriger, kranker, einmal vom Schlage getroffener Mann, welch« nach menschlichem Ermessen bald der Ewigkeit gegenüber stehen wird. Ist es anzunehmen, daß ein solcher Mann dreimal bewußt die Unwahrheit beschwören wird? Nein, m. H., so führt der Vertheidiger weiter aus, ich habe von der Helene Hammermann den Eindruck, daß fie— verzeihen Sie das Wort— eine Kanaille ist, welche jed« Unthat fähig«scheint und ich weiß nicht, wie der Herr Staatsanwatt darauf kommt, die Helene Hammermann, welche dem Geiichtt Hofe vom 6. Juni als ein ganz unglaubwürdiges Mädchen erschienen ist, nun plötzlich als ein so vortreffliches Mädchen hinzustellen. Ich folge ihm in dieser Meinungsänd«ung nicht, ich habe im Gegentheil auch noch heute die allerschlechteste Meinung von diesem Mädchen und hin überzeugt, daß Alles, was dieselbe ausgesagt hat, ihr von Wilhelm Hammermann sousflirt worden ist. Betrachtet man die Vorgänge, die fich mit der Helene Hammermann im Graef'schen Atelier abgespiett haben sollen, so muß es doch von vornherein auffällig erscheinen, daß Prof. Graes das Modell, welches er unzüchtig berührt haben soll, ohne jede Belohnung entlassen haben und daß« am nächsten Tage die Frau Hammermann, die unter furchtbarer Beschuldi- gung 1000 M. von ihm verlangte, mit lumpigen 10 M. abgespeist haben soll. Das entspricht schon dem einfachsten Men- schenverstande nicht, und wenn Sie die Richter vom 6. Juni fragen würden, ob fie ihre Meinung über Helene Hammermann aeändert haben, so glaube ich, fie würden allesammt mit Nein antworten. Die Schulung der Helene Hammermann geschah, wie wir gehört haben unter dem Anblick des absolut nackten Gipsmodells vom Körper ihres Vaters. Ich habe Wilhelm Hammermann hier zum ersten Male persönlich gesehen, aber ich sehe ihn im Geiste vor sein« Schaubude in Baiern stehen und das hochverehrlicke Publikum zum Eintritt einladen und ihnen die Gunst des Würfelspiels anpreisen. Und ich glaube mich über den Charatt« dieses Mannes nicht zu täuschen, noch weniger ab« über den der Helene Hammermann, denn vielfach ist eine widerliche Stimme der fickere Verräther d« Rohheit des Charakters. Sie, meine Herren Geschworenen, stehen heute vor der Entscheidung. Sie sollen wählen zwischen dem Professor Kretzschmer und seiner Tochter, sowie Sabine Graef auf der einen Seite und der Familie Hammermann und Herrn Krischen auf der anderen Seite- Ich denke, die Wahl kann Ihnen nicht schwer sein. Nachdem der Prästdent den Ausdruck„Kanaille" gerügt, folgt eine längere Replik des Staatsanwalts, in welcher er die Familie Hammermann mehrfach in Schutz nimmt und eine Duplik des Justizraths Simson. R.-A. Kleinholz, der zweite Vertheidiger Graef's, beantragt zunächst die Sitzung wegen allgemeiner Ermüdung zu vertagen, er zieht jedoch den Antrag zurück, nachdem d« Prästdent dar- auf Kingcwiesen, daß eS im dringenden Wunsche d« Geschwore- nen liegt, die Sache zu Ende zu bringen. R.-A. Kleinholz: M. H. Geschworenen! Sie find berufen, über einen Mann zu urtheilen, dessen künstlerischer Ruf weit üb« die Grenzen des Vaterlandes hinausaedrungen ist, der aber bish« auch ein treuer sorgsamer Familienvater, ein lieben- der Gatte gewesen ist, der von seinen Kindern ebenso hochge- achtet und geehrt wurde, wie von seinen Freunden. Sollte die mehrtägige Verhandlung bei Ihnen, m.H. Geschworenen, irgend einen Zweifel über die moralische Integrität hervorgerufen haben, so bitte ich Sie inständigst, lassen Ere fich nicht durch eine der- artige Voreingenommenheit beeinflussen, sondern denken Sie daran, daß Sie im Namen uns«es erhabenen Herrschers der Wahrheit zum Rechte««helfen sollen, ohne Anficht der Person, sondem nach bestem Wissen und Gewissen. Wenn ich irgend- wo die Mängel unseres jetzigen Strafverfahrens tief empfunden habe, so ist es bei Gelegenheit dieses Prozesses, denn es kann kein richtiges Strafverfahren sein, wenn sich aus der Brust des Hände ringenden Angeklagten wiederholt die Worte entreißen: „Mein Gott! Mein Gott!" und wenn der Angeklagte das Brldniß eines zu Tode gehetzten Wildes dar- bietet. Ein solches Verfahren muß entschieden Mängel haben, die Presse hat diese Mängel sofort dement und in ganz unparteiischer Weise festgestellt und eS ist Recht und Pflicht der Presse, derartige wichtige Dinge einer öffentlichen Besprechung zu unterziehen. Mir find die Mängel unseres Ge- richtsverfahrens in dieser Verhandlung so klar zu Tage ge- treten, daß ich mir das Gelübde abgelegt habe, diese Räume freiwillig nicht mehr als VeNheidiger zu betreten. Redner geht nun auf eine Kritik der Anklage bezüglich des Meineids ein führt unter Darlegung der thalsächlichen Vorgänge aus, daß bezüglich dieses Meineides die Angabm der Zeugen ganz verschieden find und kein Mensch eigentlich sagen kann, wonach am 6. Juni p. der Angekl. Graes eigentlich befragt worden ist. Die Meinungen des Landg«ichtsdireftors Bachmann, des Rechtsanwalts Bernstein, des Angekl. Graef und der übrigen damals anwesenden Personen gehen in dieser Beziehung weit auseinander und es ist doch unmöglich, bei derartig diver- gircnden Anfichten eine Anklage wegen Meineids zu konfttui- ren. Das ginge nur, wenn man so verfährt, wie der Staats- anwalt: wenn man die belastendste Variante herausgreift und damit argumentirt. Der Herr Staatsanwalt sagte, daß die Geschworenen zu einem von liquet kommen müßten, wenn fie auch nur den leisesten Zweifel hegten, hier aber find hunderte von Zweifeln vorhanden. Aber auch die Variation, welche Landgerichts- Direttor Bachmann gegeben, spricht in keiner Weise gegen den Angeklagten, vielmehr ist es«wiesen, daß bei jen« Verhandlung und bei jenem Eide es sich nicht um ein„finnliches", sondern direkt um ein„fleischliches" Verhältniß gehandelt habe, denn sonst hätte der Landgerichts- direttor Bachmann gar keine V«anlassung gehabt, den Zeugen Graef darauf aufmnksam zu machen, daß« da» Zeugniß ver- weigem dürfe. Und, bedenken Sie, m. H., daß die eigene Frau das Verhättniß zu Bertha Rother kannte. D« Mann hatte eben kein geschlechtliches Verhältniß zu Bertha Rother und deshalb konnte er mit gutem Gewiffen den Eid leisten. Ein Mann wie Graef welchem Prof. Lesstng, Geh. Rath Siegmund und sein Jugendfreund Justtzrath Simson das glänzendste Leumundszeugniß ausstellen, der prüft fich gewiß, was er beschwören kann und leistet nicht„auS Leichtsinn" einen Meineid. Bedenken Sie doch auch, wie fich Profeffor Graef hier in der ganzen Verhandlung gezeigt hat; wie er auch nirgends einen' Schritt weit von der Wahr- heit abgewichen ist, sondem wie es fich jederzeit mit großer Freundlichkeit bereit erklärte, überall alle Zweifelhaftigkeiten aufzuklären. Mit sein« in seinem Busm lebenden Sehnsucht nach idealer Malerei, mit künstlerischem Streben nach strahlen- dem Nachrufe ist das Verhättniß zu Bertha Rother verständ- lich. Allerdings spielte in diesem Verhältniß auch eine gewisse Sinnlichkeit mit, denn ohne Sinnlichkeit ist ein Mal« und Künstler überhaupt nicht zu denken; aber der Angekl. Graes ließ fich von der Sinnlichkeit nicht bebmschm, er komprimirte fie in seinen Gedichten, welche der Staatsanwalt nun als so belastend heranzieht und Blatt für Blatt zerfllickt. Ich meinerseits bin geradezu erschreckt über die Phantafie. mit welcher der Staatsanwalt auch dm Harm- losesten Versen die haarsträubendsten Zweideutigkeitm unter- legt. Der Vertheidiger gebt nun auch seinerseits diese Gedichte einzeln durch und ist im Gegensatz zu dem Staatsanwalt der Meinung, daß dieselbm nicht zur Belastung deS Angeklagten dienm können, daß vielmehr ihre harmlose, poestereiche Sprache für den Angeklagten so entlastend wie möglich ist. Sie zeigm in der That, daß der Angeklagte eine schwärmerische Zuneigung zu dem Modelle hatte, welches sein Ideal verkör« perte, welches die Träume verwirklichte, die in seinem Geiste lebten, mit welchen er die hohe künstlerische Stufe zu erreichen hoffte, welche ein Tizian, ein Rubens«- reicht haben. Deshalh hielt er das Mädchen hoch, deshalb klammerte er fich an dies Modell, in dem Bewußtsein, daß, wenn es ihm verloren ging, es auch mit seinem künstlerischm Traum vorbei war, deshalb mußte er danach trachten, sich das Modell als reineS Ideal wenigstens so lange zu erhalten, bis er sein„Märchen", an welchem sein Herz so gewaltig hing. vollendet hatte. Die Briefe find absolut kein Beweis für irgend eine Schuld des Angeklagten. Derselbe ist kein kalter ruhiger Geschäftsmann, er ist ein gutmüthigcr freigebiger Künstler, d« große Gelder einnahm und— wie jeder Künstler— mit diesen Geldern nicht marktete und feilschte, sondem zu Gunsten seinen ersehnten Künstlerruhmes bereit war, Geld und Gut zu opfern. Die großen Summen, welche Professor Graef für die Familie Roth« aufgewendet hat, beweisen gar nichts, es sei denn, daß seine gutmüthige Natur von einer klugen, berechnenden Frau in vielfach empörender Weise ausgenutzt und ausgesaugt worden ist. Im Vergleich zu den großen Summen, welche Prof. Graef eingenommen hat, find die Aufwendungen, die« in der Familie Rother gemacht hat, nicht einmal sehr exorbitant. Ein Künstler ist selten Kaufmann und giebt mit vollen Händen aus, was er erwirbt, aber selbst vom kaufmännischen Stand- punkte kann man die Aufwendungen nicht einmal für fortge- warfen bettachten, denn wenn er daS Bild nach seinem Wunsch vollendete, konnte er hoffen, daß es ihm Hundert» tausende einbringen würde. Und im Uebrigen: Ist denn Wohlthun ein Verbrechen und ist es namentlich ein Verbrechen bei einem großartig veranlagten Künstl«, der den Werth deS Geldes nicht so taxirt, wie viele andere Men» schen. Der Staatanwalt findet es belastend, daß den Ange- klagten nicht der Schmutz der Rother'schen Familie angewidert hat, er v«aißt aber, daß die künstlerischen Naturen verschiede- nen Instinkten folgen, daß der Eine seine künstlerischen An» regungen aus kräftigen Wohlgerüchen, der Andere aus niederen Düften empfängt und es ist ja bekannt, daß, wenn Schill« seine schönsten Gedichte machte, neben ihm ein fauler Apfel liegen mußte. Wenn man ein normal konstruirter Mensch ist, wülde man vielleicht ebenso klug und vorsichtig handeln, wie der Staatsanwalt es verlangt, ab« hier bandelt es fich um einen Künstler, um einen berühmten, immer höher strebenden Künstler, d« seine Ideen verfolgt und fich nicht scheut, im Interesse der» selben hi« und da mit Schmutz in Berührung zu kommen. Wenn der Angettagte ein unfittliches Verhältniß anstrebte, dann hätte er in der großen Stadt Berlin reichlich Gelegenheit dazu gehabt, ohne die Verpflichtung übernehmen zu müssen, ein« ganzen Familie Geld und immer wieder Geld zu geben.— Der Vertheidiger geht dann auf die Würdigung der Zeugen ein und führt aus, daß die Bekundungen der tzammermann's leinen Glauben verdienen, daß die Zeugin Siefert, welche noch dazu mit Hammermann in Beziehungen stand, von Täu- schungen, Phantasten und Hallunzinationen befangen war und das, was fie wahrnahm, od« wahrzunehmen glaubte, sofort auf's schlüpfrige Gebiet überführte. Die ganze Lieschen Geschichte sei nach seiner Ueberzeugung haltlos und«funden und er erinnere an den alten Spruch:„Vom Hören kann man wenig beweisen; besser Eines vom Sehen, als vom Hören Zehn!" Die Frau Siefert sei keineswegs eine durchaus zuverläsfige Zeugin und nirgends sei auch nur mit ein« Silbe erwiesen, daß ein geschlechtliches Verhältniß obge- waltet hat, weder mit Lieschen Rother noch mit Bertha Rother Und in dem Eide handelte es fich ausschließlich um ein der- artiges Verhältniß.— Ebenso unhaltbar, wie der Vorwurf des Meineides ist nach Anficht deS VertheidiaerS der Vorwurf der Anstiftung zum Meineide. Die Anna Roth« sei von einem großen Haß gegegen Professor Graef erfüllt gewesen und dadurch zu der ursprünglichen falschen Anschuldigung gegen Graef gekommen, die fie alsbald wieder zurück- genommen hat. Dazu kommt, daß Anna Rother eine notorisch epileptische, geistesschwache Person 1 ist, die zweifellos gelogen hat, weil fie übnhaupt in diese Sache mit hinein- gezogen worden ist. Nach alledem müssen die erheblichsten Zweifel im Gemülhe der Geschworenen angeregt werden. Nack w-iner Memung so endet der Vertheidiger. ist hier eine Ge» WWW bos« Menschen zusammengetreten, um Rache an den Vr°f- Graef zu nehmen, welch« den Muth besessen hat. einer Gesellschaft von Erpressern die Stirne zu bieten. Allerdings find in dieser Verhandlung manche nicht alltägliche, den Ge- schworenen vielleicht nickt leicht faßliche Dinge zur Sprache ge- bracht worden, die vielleicht von ferne einen Schein des Zweifels auf die moralische Qualifikation des Anae- klagten wetten könnten. Ich habe die feste Zuver- ficht, daß Sie fich von diesem ttügerischen Schein nicht täu« schen lassen werden. Vor Ihnen steht ein Mann, der bisher von tadelloser Srttenreinheit war, dem allerdings die trübsten Stunden bereitet find. Aber ich habe die Hoffnung, daß d« trübe Schein bald vettchwinden und die Wahrheit ans Tages- licht kommen wird; ich habe die Zuverficht, daß derjenige. dem die Herzen nicht verborgen find, Ihre Gedanken auf das Richtige lenken und Sie zu einem Wahrspruch führen wird der den Vater seinen Kindem, den Gatten der Gattin den Künstl« der Kunst, den Menschen der Menschheit wieder- giebt, an welcher« allerdings zu verzweifeln berech. tigt war. da«beinahe eine Beute der Verleumdung und der Hinterlist gewoiden war. Ich rechne darauf daß sie den Angeklagten Graes in allen Punkten der Anttage freisprechen werden. H . Wieder folgte eine scharfe Replik und Duplik. Nachdem Anstiftung zum Meineide nachgewiesen worden und deshalb trotz des Ganges der Verhandlungen dazu komme, fori und Th-t aus schmutzigen Verhältnissen herausgearbeitet und sei im Begriffe gewesen, eine wohlangesehene Schauspielerin zu werden. Seine Klientin habe fieben Monate lang in Unter- uchunashaft gesessen, alle Bitten um Entlassung gegen Kaution seien abgelehnt worden. Hatte man sorasam gesichtet und ge- prüft, so wäre wahrscheinlich Bertha Rother nicht als Ange- klagte,.sondern als Zeuain hier im Saale erschienen. Dann wäre vielleicht auch der Verlauf des ganzen Vettahrens gegen Herrn Prof. Graef ein anderer gewesen, vielleicht wäre eS nicht zur Anklage gekommen. Die Freisprechung seiner Klientin stehe für ihn außer Zweifel. Rechtsanwalt Cassel führt in längerer Rede an der Hand der Strafprozeßordnung aus, daß seine Klientin Anna Roth« im Termin vom 6. Juni darüber hätte belehrt werden müssen. daß sie berechttgt sei, ihr Zeugniß oder ihren Eid zu verwei- gern, da die gegen fie fälschlich gerichtete Beschuldigung doch einen Ehebruch seitens deS Prof. Graef involvirte und fie fich event. der Gestchr aussetzte, strafrechtlich verfolgt zu werden. Hätte man ihr dies mitacthellt, so hätte fie fich vielleicht üb«. Haupt von der Eidesleistung fern gehalten und er habe keinen Zweifel daran, daß die Geschworenen, wenn fie überhaupt eine Schuldfrage bejahten, auch die bezügliche Milderungsfrage be- iaben würden- Er glaube allerdings, daß dre Geschworenen aar nicht dazu kommen werden, daß vielmehr die Gutachten dreier gewifsenhaster Experten, die noch dazu GerichtSarzte find, auSrei« Aen werden, um die Geschworenen zu der Ueberzeuaung zu brin- itn, daß bei der Anna Rother in der That eine Störung deS fieisteS"vorliegt. Diese gerichtlichen Sachverständigen haben gewiß schon manchen Simulanten gesehen und sei nicht de- kerson haben täuschen lassen. In dieser Bezrehung rmponire ,hm die reiche Erfahrung der Sachverstandigen mehr, als die Meinung des Staatsanwalts, der die Geistesgesundheit der Anna Rother nothwendig zu seiner Anklage braucht. Dazu komme, daß in der That eine Meineidsklage schon um deshalb stch nicht aufrecht erhalten lasse, weil wirklich Niemand recht wrffe, waS am 6. Juni gefragt und beschworen ist und kein wirkliches, post- tioes Substrat der Frage beizubringen ist. Die Verfionen darüber find grundverschieden und wenn man fich natürlicher Weise an die Frage hält, wie fie Herr Landgerichtsdirektor Bachmann formulrrt zu haben meint, so kann man über den Sinn dieser Frage und über die Art, wie fie Professor Graes und Anna Rötha aufzufassen hatten, nicht zweifelhaft sein. Wenn bei dieser Fragestellung mehr als diese eine ganz be- stimmte Deutung zur Diskusfion stand, dann wäre es ficher die Pflicht des Landgerichtsdirektors Bachmann gewesen, deutlich und präzise im Detail den Zeugen vorzuhalten, wie weit die Tra- weite dieser Fragestellung geht. Es kann doch nicht Rechtens in unserem Staate sein, daß Jemand, der das Unglück hat, als Zeuge in einer Strafsache vernommen zu werden, rasch befragt wird und daß man dann nachträglich hinabsteigt in sein ganze? Leben, seine Gedanken und Äbfichten einseitig zerpflück! und ihn dann unter die Anklage des Meineides bringt. Sollte dieS der Fall sein, dann muß man auch verlangen, daß in der gerichtlichen Verhandlung dafür gesorgt werde, daß jedes Detail, welches in der Fragestellung ruht, dem gefragten Zeugen klar und unzweifelhaft an die Hand gegeben werde. Und unter dieser Beleuchtung muß man allerdings dahin kommen, daß die Eidesfrage in 2 rem ganzen Zusammenhange und ihrer Zuspitzung nur auf n geschlechtliches Verhältniß hinauslief. Uno dabei habe seine Klientin durchaus die Wahrheit und nichts als die Wahrheit beschworen und Vermuthungen über eine etwaige Schande ihrer Schwester anzubringen habe dieselbe absolut leine Veranlassung gehabt. Von einem geschlechtlichen Verkehr sei kein Jota erwiesen, sondern es seien nur Vermuthungen einzelner noch nicht einmal einwandsfreier Zeugen, die aber positive Thatsachen nirgends beigebracht haben. Und die Briefe erweisen schließlich ebenso wenig, wie die viel- beregten Gedichte, die viel beweisen sollen, aber total in das Gegentheil umschlagen. Wenn das Alles wahr wäre, was der Staatsanwalt über die Phantafie der Poeten gesagt hat, dann dürfte ein verheiratheter Dichter nur noch Gedichte an seine Frau richten, sonst würde «r jeden Augenblick in ein schiefes Lrcht kommen. Selbst ein Mann wie Uhland hat nicht bloS Thatsächliches, sondern Phan« tafiegebilde gedichtet und er sagt in dieser Beziehung sehr treffend: WaS ich in Liedern manchesmal berichte Von Küssen in vertrauter Abendstunde, Von der Umarmung wonnevollem Runde, Ach! Traum ist, leider, Alles und Gedichte. Er behaupte, daß fich Professor Graes an keiner Stelle dieser Verhandlung in Widersprüche verwickelt habe, und wenn er es bei solcher Anklage gethan hätte— kannte einen Stein ans ikm werten? Ks sei autü nickt habe,— wer könnte einen Stein auf ihn werfen? Es sei auch nicht ohne eine gewisse Voreingenommenheit an die Sache herangetreten, wenn aber irgendwie ein Rest von Verdacht aus dem ganzen Klatsch und Schmutz noch haften geblieben sei, so ei dies in jenem Augenblick widerlegt worden, als Prof. Graes empört und Hände ringend vor dem Tische des Gerichtshofes stand, Hände ringend in dem demüthigendcn Gefühl, daß Jemand, dem sein ganzes Leben lang auf sein Wort geglaubt worden ist, nun Wort für Wort und Satz für Satz seiner eigenen Geisteslinder rechtferttaen mußte. Die Schwierigkeit, in diesem Prozesse die Wahrheit zu finden, liege in dem, was der Dichter mit den Worten ausdrückt:„Was uns Alle fesselt, das Gemeine!" Was der gemeine Mensch thue, was gemeinhin zu geschehen pflege, sei hinderlich, fich in die Motive einer Persönlichkeit zu versetzen, welche eben vom Gemeinen weit absteht. Er habe das feste Vertrauen� die Geschworenen werden »u der Ueberzeugung kommen: Ein Mann von den idealen Anschauungen des Prof. Graes kann keinen wissentlichen Mein- eid leisten. Schließlich folgt ein längeres, eindringliches Plaidoper des Rechtsanwall Voigt zu Gunsten der Angeklagten Frau Rocher, die er, ohne ihre sonstige Ehrenrettung übernehmen zu wollen, in keinem Falle des ihr zur Last gelegten schweren Verbrechens für überführt erachtet. Die vorgerückte Abendstunde verbietet uns, auf die haar- scharfen Ausführungen des letzten Vertheidigers, der auch die Belastungszeugen einer längeren Kritik unterzog, näher einzu- gehen.— In kurzen Worten verfichern zum Schlüsse noch- malS sämmtliche Angeklagten ihre Unschuld. Hieran schließt sich um SV« Uhr die Rcchtsbelehrung des Vorfitzendcn und um 107« Uhr ziehen fich die Geschworenen zur Berathung zurück, welche nach 12 Uhr Nachts beendet ist. Unter lautloser Stille des zablreich angesammelten tublikums verkündet der Lbmann, Stadtv. Echaefer, das erditt der Geschworenen. Dasselbe verneint bezüglich des Prof. Graes sämmtliche Schuldfragen. Als die Beantwortung der Meineidsfrage verlesen wurde, ging eine mächtige Bewe« gung durch den Saal, die den Vorsitzenden zu einer Vermah- nung an das Publikum veranlaßte. Auch bezüglich sämmt- licher übrigen Angeklagten wurden die Schuldsragen verneint. Draußen auf dem Korridor hatte fich ein zahlreiches neugieriges Publikum angesammelt, welches dem Angeklagten bei der Vorführung schon die Kunde der Freisprechung ent- geaenschrie. Rührend war es, wie Prof. Graes bei Entgegen- nähme des WahrsvruchS dankerfüllt allen Verthcidigern die Hand drückte und dem Justizrath Simson zweimal umarmt« und küßte.— Der Staatsanwalt beantragte die Freisprechung sämmtlrcher Angeklagten, aufweiche der Gerichtshof erkannte. Um 127, Uhr war die Sitzung beendet. Chemnitz, 7. Oktober. DaS Urtheil in dem Sozialisten« prozeß lautet auf Freisprechung sämmtlicher Angeklagten. Uereine und Uersammlungeu. Der Arbeiter- Bezirksverei« der Rosenthnler Vorstadt hielt am Montag, den 5. Oktober, eine Mitaliederver» sommlung in der Gartenstraße 123 ab. Der Kassenbestand intl. Billetkasse betrug 127 Mk. 60 Pfg. Unter Verschiedenes wurde das Bibliothetsstatut einstimmig angenommen. Die Neu- resp. Ergänzungswahl der Bidliotheks Kommisston ergab folgende Herren: Becker, Flehnert, Gustav Schmidt, Dornbusch und Kerlin. Zum Schluß wurde ein Antrag, eine Tellersamm« lung zu Gunsten der Bibliothek zu veranstalten, angenommen. Bei wem die Bücher des Sonntags zu haben find, wird noch im„Berliner Volksblatt" bekannt gemacht. Die Glacee-Handschuhmacher scheinen mit allem Emst« die Lohnbewegung eintreten zu wollen, und findet zu m diesem Zwecke die zweite öffentliche Versammlung der Glacee« Handschuhmacher Berlins Sonntag, den 11. d. M., Vormit-«fcheü tags präzise 10 Uhr, im Saale des„Universum", Brunnen- Berlin straße 29, statt, wozu auch die Herren Fabrikanten einge-«efiob laden find. Zentral-Kranken- und Sterbekasse der Fabrik- und Handarbeiter beiderlei Geschlech s,(E.H.), Dresden, hält a«'s�m Donnerstag, den 8. Ollober, bei Herrn Rothacker, Teltow«- straße 3, eine Mitglieder> Versammlung ab. Tagesordnung: Delegirtenwahl. Verschiedenes. Erscheinen dringend noch- wendig. Zentral-Kranken- und Sterbe-Kasse der Fabrik- und Handarbeiter8bu{b legitimirt zum Eintritt. __ Der Vorstaad: 76] Einzelne Sopha-Bezüge in Rips, Damast und bunten Stoffen, von 37. bis 47. Meter lang. für die Hälfte. 500 Atuck echt kAglische Tüll-Gardinen mtt Band eingefaßt, 2 Ellen breit, _ Elle 45 Pf. Emil licfey rA, .Allen Freunden und Bekannten empfehle mein�� Destillation und mein Vier-Lokal.> 2367]_ Fr. Kuhlmey, Weinberg«wtg�> Verantwortlicher Redakteur R. d. JWta, D»««. Jfcu,«m e.,,., w Satin 2. Ardntsmiukr.. E. Dienstmädchen w. sof. v«l Srandenburastr. 64, 2 _ Serren-Schnetder auf bessere Gejchäslsarv-U*" K. Schwarz, DreSSenerftraße 86, 2. Hof, l Tr. Be Schw« in ein« bald na stzrnng, L