Nr. 304. Mittwoch, den 30 Dezember 1885. IL Um frilntrlnltelilnll. Brgan für die Interessen der Arbeiter. »a« JNerlwer VolksdlaL� Mchewt täglich Morgea» außer«ach Eon«« und Festtage«. Lblnmemeuttprei« Beni» frei t«Tl Hau« viertchährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 >Ssstabo««eme»t 4 SDK. Einzelne Nr. 5 Pf. SonntagS-Nummer mit illustr. Beilage 10 Psstabo»»eme»t (Singetrage« Pf. Son«tags-Nummer«nt illustr. Beilage 10 1 Postzeituugspreitliste für 1885 unter Nr. 746.) Jafertioasgebühr\ � die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 JW neren Austrägen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden jnl 4 Ay» Nachmittag« m der Expedition, Berlin 8W., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annonce» Bureaux, ohne Erhöhung des Preise«, angenommen. beträgt für Bei größere, KedaKtio«: KentWraße S.— Grpedttio«: Zimmerstraße 44. caa Abonnements� Ginkaäung. Zum bevorstehenden VierteljahrSwechscl erlauben wir unS, alle Arbeiter Berlins zum Abonnement auf das „KerHuer Notksblatt" mit der Gratisbeilage „Illastrirtes Sonntagsblatt" einzuladen. Wer der Sache der Arbeiter dienen will, helfe ein Unter- nehmen befestigen, welches bestimmt ist, die berechtigten For- dnungen und Wünsche der Arbeiter zum Ausdruck zu bringen. Suche ein jeder von unseren bitherigen Anhängern, in dem Kreise seiner Freunde und Bekannten daS„Berliner VolkSdhtf zu verbreiten und sehe darauf, daß jeder neu ge- fundene GefinnungSgenoffe stin Versprechen, zu abonnirrn, auch wirklich hält. Unsererseits werden wir bemüht sein, den Inhalt unseres Blat:eS immer reichhaltiger zu gestalten. �'„Aerliner AMsblatt" kostet für daS ganze Vierteljahr frei ins Haus 4 Mark, für den Monat Januar 1 Mark 35 Pf., pro Woche 36 Pfg. Bestellungen werden von sämmtlichen ZeitungSspediteuren, sowie von der Expedition unseres Blattes, Zimmerstr. 44, ent« gegengenommen. Für außerhalb nehmen alle Postanstalten Abonnements für daS nächste Vierteljahr zum Preise von 4 Mark entgegen. %\t«edaktton und Expedition de«„Berliner Volksblatt". Die srauzöslsche Kolouialpolitik. Die Regierung des Herr» B r i s f o n hat über die Opposition in der Tongking-Affaire noch einmal gesiegt und zwar mit so wenigen Stimmen, daß man sage« kann, der Zufall hat dieser Regierung noch einmal eine Frist gegeben. Frankreich schreitet also weiter auf dem verhängnißvolle« Wege, de« eS betreten; das französische Volk muß Gut und Blut opfern, um für die regierende Klique ein ferne« Land in Ostasien zu erobern. Was Herr Bnsso» zu Gunsten der bisherige« Kolonialpolitik anführte, f. vt« und die Gedankenlostakeit man die franzopilyen Gruppe» uu»*,„uÖ..„Ö zurückziehen und den Eroberungsplan aufgebe» würde, so setze man sich dem Vorwurf au», daß die Republik Tongking nicht habe erwerben können, während die Monarchie Algier erworben habe. Welch geistreiche Motivirung der ostafrikanischen Kolonial- acarf MMOL] Iemlleton. Die Kaub der Uemefis. Roman 641 von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Was ich will, kann ich noch immer! Und ich will endlich Ruhe habe», die Geschichte hat mir nun lange genug auf der Seele gelegen." „Du hättest damals offen gegen mich sei« sollen." „Durfte ich eS?" „Damals würde Rabe uns sofort da« Geld gegebe« habe», dafür hätte ich gesorgt. Und that er es nicht, so that e« der Oberst." „Was nutzen jetzt die Vorwürfe, sie ändern nicht»!' „Gedulde Dich wenigsten« nur noch einige Tage. Hast Du so lange gewartet, wird'« auch auf ein paar Tage nicht ankommen. Uebermorgen will Rabe sich entscheiden „Und wen» er Dir wirklich da« Geld gäbe, was dann?' „Dann fange ich sofort den Holzhandel an.' „Und kommt die Geschichte später heraus, so wirst Du der Erpressung angeklagt,' sagte die Frau warnend.„Rabe wird dann auch nicht schweige«. Ich gestehe Dir offen, mich wundert'S, daß der Gefangene noch nicht gestanden hat, daß er wirklich so fest auf Rabe vertraut." „Hm, so ganz straflo« geht er auch nicht aus—" „Aber er reinigt sich durch da« Geständniß von dem »Auch nur dann, wenn der wirkliche Thäter entdeckt wird. Glaubst Du. daß Rabe-' »Still! Die Frage kann und mag ich nicht beant- Worten. Ich weiß selbst nicht, was ich glauben soll." ..»Hm, ich kann mir schon denken, wie Alles gekommen ' erwiderte Siebel,„aber den Kopf zerbreche ich mir Mum auch nicht. Der Untersuchungsrichter wird schon eine finden, wen« ihm Alle« mitgetheilt ist." Politik! Das französische Volk hatte bisher sicherlich ge- glaubt, die Republik sei in Frankreich deshalb eingeführt worden, weil man ihm nicht länger zumuthen wollte, mit seinem Gut und Blut für die kriegerischen Abenteuer der Bonaparte, der Bourbon's und der Orleans aufzukomme» und die Koste« für das Phantom der„Gloire" zu bestreiten. Run hört man aber aus dem Munde de« kettenden Staat« manneS, daß die Art von Republikanern, die gegenwärtig in Frankreich dominirt, cS genau so machen will, wie eS die Orleans und die Bonaparte'S gemacht haben, ja daß man entschlossen ist, die letzteren noch zu überbiete«. Da werden sich die Franzosen nicht wenig wundern und so mancher Bürger, Bauer oder Arbeiter, den seine Steuer« drücken und dessen Sohn in Tongking der Gefahr au« gesetzt ist, durch Zdi« Strapazen oder durch da« Schwert und die Kugel des Feindes umzukommen, wird sich erstaunt frage«: Wozu ist denn der viele Lärm gegen Louis Philipp und gegen Napoleon III. gemacht worden, wenn die Machthaber der Republik genau dasselbe thu«, was jene gethan? Der Feldzug in Tonaking wird also fortgesetzt werden, nachdem die dazu verlangten 75 Millionen Frank» mit vier Stimmen Majorität bewilligt worden sind. Man kann sich dabei des Eindruckt nicht erwehren, als ob bei de» san« guinischen Franzosen eine arge Täuschung obwaltete in Be- zug auf de» Femd, mit dem sie es in Tongking zu thun haben. Dieser Feind ist nicht« mehr und nichts weniger al« das große chinesische Reich und man würde sich sehr irre«, wollte man da« China von heute mit dem China der sechSziger Jahre vergleichen, da« damals von Franzosen und Engländern so spielend leicht bezwungen worden ist. Die Chinesen haben aus ihren Niederlagen von damals Lehren gezogen und habe« Alle» umgestaltet. ES läßt denken, daß in dieser Nation von 500 Millionen Köpfe« Kräfte vorhanden sind, die, wenn zweckmäßig organisirt, Europäern furchtbar werde« könne». China hat nicht nur begonnen, auf wirthschaftlichem und handelspolitischem Ge- biet erfolgreich mit den europäischen Großmächten zu kon- kurriren, eS hat sich auch militärisch völlig neu organisirt nach europäischem Muster und unter Leitung von europäischen Offiziere«. Wenn daher die Franzose» in Tongking einen unerwartet nachhaltigen Widerstand finde», so ist daS erklärt. China ist aus seiner bisherigen Erschlaffung und Erstarrung erwacht; eS ist eine Weltmacht geworden. Mit dieser ohne Grund anzubinden war mehr als leichtsinnig von de« Franzosen. Nun gibt eS eine Menge von Republikaner«, die zwar einsehen, daß eS für Frankreich da« Beste wäre, sich so schnell als möglich aus der Affaire zu ziehe», allein sie sind geblendet von dem Schein der militärischen Ehre und sie glaube» nun, Frankreich würde sich ganz unendlich „Wenn er die Sache nicht niederschlägt!" „Oho! So geht da« nicht." ..Wenn die Generali« eS wünscht, so wird'« geschehen, und Alles bleibt, wie es ist, jetzt hat ja Niemand mehr Schaden davon." „Aber der Mord muß gesühnt werden." »Ich weiß nicht, wer ihn begangen hat,' sagte die Frau achselzuckend,..und e« ist auch besser, wir kümmer» uns nicht darum. Sorgen wir nur für un», die Anderen möge» da» auch thu«!' Der Zimmermann sah sie scharf an. „Und der plötzliche Tod des Gärtners?' fragte er. „Darüber können wir auch nur Vermuthungen hegen, beweisen läßt sich nichts! Der alte Mann kann wirklich irrfinnig gewesen sein, ich—" Der Eintritt Apollonia'« zwang Frau Siebel, mitten im Satze abzubrechen, im Beisei» de« Mädchen» durfte über dieses Thema nicht gesprochen werden. Siebel hatte auch keine Lust, die Unterhaltung fortzusetzen, seinem Unheil über Werner Kaltenborn trat Apollonia mit einer Entschiedenheit entgegen, die nur zu einem nutzlosen Wortstteit führen konnte. Er verließ bald darauf seine Angehörigen, um sich in seine eigene Wohuung zu verfügen. Im Begriff, auf die Straße hin au* zu trete», begegnete er dem Antiquar, der in Begleitung eines anderen Manne« von draußen hereinkam. Jakob Hochmuth erwiderte den Gruß des Zimmermann« kaum, er schienjsich in schlechter Laune zu befinde«, ungestüm warf er die HauSthüre in'« Schloß, dann öffnete er die Thüre seine« Wohnzimmers. „Wartet, bis ich Licht angezündet habe," sagte er in unfteundlichem Tone,«e« ist ei» Unsinn, daß ich mich darauf einlasse, verstanden? Ich kenne Euch nicht und wer zu mir kommm will, der kann am Tage kommen." � Der Fremde erwiderte kein Wort, er räusperte sich nur, al« ob er ein Zeichen seiner Anwesenheit geben wolle. „Wenn ich Geld von Jemand zu forder» habe,-der schaden, wenn es Tongking ohne Erfolg aufgäbe. Aber Clemenceau wies mit vollem Recht auf de» Boernkrieg hin. Als Gladstone dem tapferen Boereavolke Friede« gewährte und ihm seine» Landbesitz sicherte, brachte die« England weder Schande noch Nachtheil, sonder« Gladstone wurde wegen seines EalschlusseS mit Recht allgemein belobt. Die meisten Franzosen lassen sich durch da« Geschrei jener mili» tärischen Abenteurer täuschen, die natürlich Feldzüge brauche«, um sich einen Ruf zu mache« und um sich Schätze zu sammeln. Diese Tongking- Angelegenheit wird Frankreich noch lange in Aufregung erhalte«. UnS däucht e« sehr unwahr- scheinlich, daß die Franzose» eS in Tongking zu großen Erfolgen bringe« wtrden. Diese aber sind erforderlich, wenn da» Kabinet Brisson sich halten will. Der nächste Mißerfolg in Tongking wird einen Regierungswechsel in Pari« herbeiführe«. Daß die Chinesen nunmehr Alle« auf- bieten werden, um die Franzosen gänzlich auS Tongking hinaus zu drängen, läßt sich denke«. Da wird wieder viel Menschevblut vergossen werden, nur weil die Herren Campenon und Genossen auch ihren „kleinen Krieg" haben müssen. Politisch- Ueberftcht. Gegen die„illegale" Auswanderung, insbesondere gegen die Auswanderung kontraktlich verpflichteter Ardeiter verlangte in der Reichstagifitzung vom 14. d. MtS. der oft- preußische Abg. Rittergutsbesitzer von Puttkamer(Plauth) ener- gische Maßregeln. Wir haben daS Verlangen dieses konserva- ttven Herrn bereits in der Nummer 294 unseres BlatteS an leitender Stelle kritisch beleuchtet nnd zugleich darauf hinge- wiesen, daß das vorzeitige Entlaufen der Tagelöhner und de« /a n-w-ai".....--»rx--- � �•------ --------— u--- Ä/"bv.vyi»*v«UV VC» „Gisindco" zumeist auf unpaffende Behandlung oder gänzlich unzureichende Löhnung zurückzuführen ist. Nicht Polizeiinaß. regeln— so sagten wir am Schluß deS Artikels— rönnen die massenhafte Auswanderung verhindern; soll letzteres ver« hütet werden, so gilt es, im Vaterlande bessere Zustände zu schaffen, dem Volke muß es Wohlergehen in der Heimath, eS muß dieselbe lieb gewinnen können. Aber nicht nur der oben genannte Abgeordnete, sondern auch der preußische Minister des Innern hält solche Maßregeln kür nothwendig. In einem Erlaß desselben vom 11. August 1882 an die Oberpräfidenten heißt es, daß er beabsichtige, gesetzgeberische Maßnahmen zu beantragen, damit Auswanderer vor dem Verlaffen des Vaterlandes zur Erfüllung zweifellos destehender öffentlicher wie privattechtlicher Verpflichtungen, insbesondere der auS dem Ge- mrindeverdande, der Familienangehörigkeit, dem Dienst- oder Arbeiter VertragSverhältniß sich ergebenden Verbindlichkeiten angehalten werden können. Um hierfür das erforderliche Material zu gewinnen, wurden Erhebungen darüber angeordnet, ob und in welchem Umfange Uebelstände der belegten Art hervorgetreten sind, und gutachlliche Aeußerungen darüber nie zu Hause ist, dann Überfall' ich ihn auch bei Nacht an der HauSthüre," fuhr der Antiquitätenhändler fort, der jetzt das brennende Schwefelholz an den Docht der Lampe hielt,„aber ich bin Keinem was schuldig, ver- standen?" „Habe ich Geld von Ihnen gefordert?' fragte ,der Fremde, während er näher trat. „Hm, wer seid Ihr?" „Ich war Kammerdiener bei der Generalin von Stuck- mann.' Jakob Hochmuth ließ de» forschende» Blick mißtrauisch auf seinem ungebetenen Gast ruhe». „Was will die Generalin von mir?' fragte er. „Nichts." „Sie hat Euch also nicht geschickt?" „Nein. Sie stehen mit Herrn Rabe in Verbindung, nicht wahr?' Der Antiquar schüttelte de» Kopf und nahm eine ge- waltige Prise, dann zeigte er auf einen Stuhl. „Setzt Euch," sagte er.„Ist der noble Her, wieder einmal in Verlegenheit?" „Und wenn er das wäre, würde» Sie ihm helfen?' „Nein.' Joseph sah den alte« Man» betroffen an, er schien eine andere Antwort erwartet zu haben. „Sie haben ihm oft Geld geliehen', erwiderte er. „Hat er Euch das gesagt?" „Nein, aber ich weiß e«.' „Die Kammerdiener spioniren Alles au«', spottete der Antiquar;„wa« wollt Ihr nun von mir?' „Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie vor Kurzem Herr« Rabe eine größere Summe geliehen oder aber sie ihm in Aussicht gestellt habe«, e» handelt sich �' von zehntausend Thaler«.' »».* rv.. wvtv(VC m sich dabei um eine Summe I------ 0---»*###*# V V IllU/S. Die finstere Miene de« Kammerdiener« verrieth deutli» daß er sich in seinen Erwartungen getäuscht sah „Ist da» Euer Ernst?" fragte er. Detfüat, mit welchen Mitteln diesen Uebelständen am will- samsten entgegenzutreten sein möchte, ohne die duich die Ver- faffung verbürgte Freiheit der Auswanderung an fich zu be> einträchtigen. Ueber das Resultat der Erhebungen und den Inhalt der gutachtlichen Berichte der Oberpräfidmten ist bisher nichts bekannt geworden. Unterm 16. November 1883 richtete der Minister des Innern wiederum einen Erlaß an die Ober« Präfidenten, in welchem es heißt, daß inzwischen,„während die in dem Zirkularerlaß vom 11. August 1882 bezeichneten legis« lativcn Verhandlungen noch schweben", auS den Kreisen der Arbeitgeber wiederholt Klagen über den erheblichen, ihnen durch die Auswanderung kontraktbrücbiger Personen verursachten Schaden laut geworden seien. Der Erlaß weist dann auf eine abschriftlich beigefügte Denkschrift des Justizministers hin, in welcher die bereits bestehenden Mittel angegeben werden, um der Vertragsbrüchigkeit des Gefindes und der ländlichen Ar« deiter entgegenzutreten oder dieselbe auszugleichen, nämlich: 1. daS Zwangsverfahren zur Fortsetzung deS Dienstes, 2. der Antrag auf Bestrafung und 3. die Verfolgung des Entschädigungsanspruchs. Das erste dieser Mittel kommt nur bei dem eigentlichen„Gefinde" zur Anwendung, jedes der drei Mittel läßt aber nach der Anficht des Justizminifters einen so beschleunigten Betrieb zu, daß es trotz der beabstchtigten und vielleicht nahe bevorstehenden Auewanderung Erfolg ver« spricht. Die Staats- und Amtsanwälte, sowie die Lokal« Polizeibehörden wurden mit entsprechender Anweisung versehen. An der Zuckersteuervorlage welche den Reichstags- Abgeordneten als Weihnachtsangebinde nachgesendet worden, ist das nicht am wenigsten Ueberraschende, daß die Begrün« dung in der Hauptsache aus der Vorlage von 1384 wiederholt ist, daß also alle Erörterungen, welche über die Frage der Fabrikatsteuer, namentlich bei der Berathung des letzten Etats im Reichstage, in umfaffendster Weise stattgefunden haben, an dem Bundesrath spurlos vorübergegangen find. Der Grund- gedanke in der früheren Vorlage, daß die in den letzten Jahren gesunkenen Einnahmen aus der Zuckerstcucr durch eine Steuer« rrhöhung wieder annähernd auf den früheren Ertrag pro Kopf der Bevölkerung gesteigert werden müßten, hat in dem neuen Entwurf eine noch etwas wettgehende Anwendung gefunden. Die Einnahme soll im ersten Jahre auf 55 Millionen Mark und vom zweiten ab auf 60 Millionen Mark erhöht werden, obgleich thatsächlich die Steuercrhöhung nur 20 Pf. pro 100 kg Rüben beträgt. Die Begründung der jetzigen Vorlage führt gegen die Ermäßigung der Steuer den geringen inländischen Konsum in's Feld. Dem Bundesrathe gingen vom Reichsverficherungsamte Anträge zu, wonach demnächst 37 430 Betriebe mit 149 338 Arbeitern berufsgenoffenschaftlich auf Grund des Ausdebnungs« gesetzeS vom 23./5. 1885 organifirt sein werden. In Ausficht genommen find eine Reichs« Genoffenfchaft für Speditions-, Speicherei- und Kellereibetriebe, eine ReichSgenoffenschaft für Fuhrwerks betriebe, eine Westdeutsche BinnenschifffahrtS- Ge> nossenschaft, eine Ostdeutsche BinnenschifffahrtS- Genoffenschast eine ReichSgenoffenschaft der Privatbahnen, eine Reichsge- nossenschaft der Straßenbahnen. Die Einnahmen des Reichs aus der Post- nnd Tele- graphen« Verwaltung haben für die Zeit vom Beginn des Etatsjahres bis zum Schluß des MonatS November 1885 111094023 M., 4 427 146 M. mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres betragen. Die Einnahmen der Reichseisenbahn« Verwaltung stellten fich auf 31 724 200 M., 547 956 M. weniger alS im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Aktenstücke über den deutsch-spanischen Konflikt dürften zunächst nicht veröffentlicht werden, obgleich schon vor Wochen verlautet hatte, daß daS Erscheinen deS bezüglichen Weißbuches unmittelbar bevorstände. Der Grund der Ver- zögerung liegt darin, daß zunächst die Veröffenttichung deS Protokolls über die päpstliche Vermittelung abgewartet werden sollte- und bisher ist es unb. stritten geblreben, daß das Vor« gehen mit dieser Veröffentlichung der spanischen Regierung überlassen bleiben soll.- Inzwischen soll fich die gereizte Stimmung gegen Deutschland in Spanien beruhigt haben, die unterbrochen gewesenen Handelsverbindungen dürften demnach auch wieder aufgenommen werden und es verlautet, daß die Handelswelt in Deutschland wie in Spanien hoffnungsvoll einer Verlängerung des deutsch. spanischen Handelsvertrages entgegensteht. Von Seiten der beiden Regrerungen st man auf diplomatischem Wege bemüht gewesen, ein Emverstandniß in dieser Richtung anzubahnen. � �_, Zum Branntwetilmonovol. Daß daS Einvernehmen der Reichsregierung mit den süddeutschen Bund-sregierungen über das Branntweinmonopol in der Hauptsache errercht ei. (Jon Julien etmaronjen ftoll. Är■ ää mää»s � Spaß wahrhaftig nicht, ich bin nicht aufgelegt dazu! Von mir bekommt der Man« keine» Pfennig mehr." „Schenken Sie ihm kein Vertrauen?" Nicht für einen Groschen!" erwiderte Hochmuth, euer« aisch den Kopf schüttelnd.„Wenn er Geld habe« muß, soll « Tu anderen Leuten gehen, kommt er in mein HauS, so zeige ich ihm, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat, verstanden? � �roet jU„erstehen", sagte Joseph,„und mir wird es jetzt klar, daß ich mich geirrt Hobe/' Ihr habt wohl gedacht, ich werde so gutmüthrg fern? Ich will nichts gesagt haben, aber wenn Einer falsche Wechsel macht, dann ist er weit genug gekommen." Joseph zog die Brauen hoch hinauf, erwarwngSvoll blickte er den Antiquar an, der mit der Handfläche langsam über den Deckel seiner Tabaksdose rieb. „Was wollen Sie damit sagen?" ftagte er �Wenn Jhr'S nicht versteht, müßt Jhr�S rathe«! Ich will mir die Finger nicht verbrennen. Die Freundschaft mit der Generali» hat auch ein Ende genommen, ich Hab S voraus gewußt, man wirft sein Geld nicht gern zum Fenster hinaus." „Von der Generali«—",,„,, .Bekommt er keine» Pfennig mehr", fuhr Hochmuth fort und wenn er so arm würde wie Hiob, verstanden i '"Wissen Sie da« so bestimmt?" „Wartet einen Augenblick!" Dir Antiquar verließ das Zimmer, und als er m der nächfien Minute zurückkehrte, stellte er eine Schatulle auf bett Jetzt war ihm Gelegenheit geboten, fich Genugthuung zu verschaffen für die Beleidigung, die Rabe ,hm zugefügt hatte, er wollte sie nicht unbenutzt lassen. Er öffnete die Schatulle und nahm einen Brref herau«, und der Blick de» Kammerdieners ruhte eine geraume Weile auf de« Banknote« und Goldrollen, die neben den Papiere« �'Da lest!" sagte Hochmuth. Der Oberst von Stuck- mann hat den Brief geschrieben! Er erklärt mn kategorisch, wenn ich dem Bruder der Generalin borgen wolle, müsse Stuttgart und Karlsruhe, wo daS Einvernehmen hergestellt worden ist; die Wünsche der Süddeutschen haben die weiteste Berückfichtigung gesunden. Dann wurde mit Sachsen verhan« delt, wozu v. Scholz in Dresden gewesen. Jetzt wird an die Fertigstellung des Entwurfs gearbeitet, der ven Regierungen mitgetheilt werden und dann als Antrag Preußens im Bun« desrach eingebracht werden soll." Die„Magdeb. Ztg." fügt hinzu: Von den süddeutschen Landtagen erwartet man auf Seite der Reichsgewalt anscheinend kein Hinderniß mehr, zu- mal kein Votum der Regierungen im Bundesrath zu Gunsten des Monopols reichsrechtlich grltig wäre, od es mit oder ohne Zustimmung der Landesvcrtretungen abgegeben wird. An das Einverständniß der letzteren find die Landesregierungen nur moralisch gebunden. Zur Schulgesetzaebung wird der„Franks. Ztg." aus Berlin geschrieben: Wie herrlich weit wir es trotz Falk und seiner geheimräthlichen Nothhclfer, trotz Kulturkampf und Na« tionalliberaliSmu« auf dem Gebiete der Schulgesetzgebung ge« bracht haben, dafür mag als Beleg ein vom Berliner Kammer« gericht als Revifionsinstanz am 2. Oktober 1884 gefälltes Er« kenntniß sprechen. Dasselbe geht dahin, es müsse mangels weiterer gesetzlicher Vorschriften auf die Kadinets. Ordre vom 14. Mai 1825 zurückgegangen werden, wonach der Besuch der Schule so lange dauern soll, bis das Kind nach dem Befinden deS Seelsorgers die einem jeden vernünftigen Menschen seines Standes notbwendigen Kenntnisse fich erwmben habe, und die in Rede stehende KabinetS-Ordre sei in der die Kom- petenz des Seelsorgers betreffenden Beziehung rechtsverbindlich, d. i. die Kompetenz deS Seelsorgers, über die Entlassung aus der Schule zu befinden, sei durch neuere Gesetzesbestimmungen nicht aufgeboden. Ueber Ausweisungen wird aus Hellsberg in Ostpreußen berichtet: Die ersten auS Rußland ausgewiesenen Preußen find hier angekommen. Der erste dieser Heimkehrenden, Partes mit Namen, dessen Auslands« paß bis zum 22. Juli 1886 giltig ist, wurde auS Kowno vom dortigen Bürgermeister sofort, wie die übrigen einzelnen Deutschen, im November ausgewiesen. Die Verheiratheten müssen die Stadt am 1. Januar räumen. Der zweite Preuße, ein Brauer Kraft, mll Auslandspaß, wurde vor drei Wochen aus Mosque, nordöstlich von Petersburg, ausgewiesen. Der- selbe wurde nach seiner Aussage 14 Tage lang in Ketten geschlossen. Afrikanisches.„DaS Kapland", die in Kapstadt er- scheinend«„Dcursche Zeitung für Südafrika", bringt über einen am 16. Oktober d. I. zwischen HereroS und Namaquas auf Osana bei Okahandja stattgehabten Kampf und über die Ver- lündigung deS deutschen Proteftorats über ganz Hereroland folgende Spezial-Depesche:„Am 15. Oktober hat zwischen Herrros und Namaquas ein heftiger Kampf stattgefunden; die Hereros waren ca. 1500, die Namaquas zwischen 500 biS 600 Mann stark. Der Kampf dauerte von Morgens halb 12 bis Abends 9 Uhr, alS die Namaquas, welche während des Tages von den Hereros vollständig eingeschlossen waren, fich mit Hinterlassung von 2 Wagen, 5 Karren und einen Verlust von Pferden zurückzogen. Verlust der Hereros(Damalas)30Todte und über 70 theilS sehr schwer Verwundete. Verlust der Hottentotten(Namaquas) 35 Todte. Zahl der Verwundeten unbekannt, da fie ihre Verwundeten sämmtlich mitnahmen. Am 21. Oktober kamen die Verhandlungen bez. des deutschen Protektorats über ganz Damaraland zum Abschluß, und wurde auf dem Gebäude Maherero's, des Oberhäuptlingi, die deutsche Flagge gehißt. Zur Feier deS Tages wurden einige Ochsen geschlachtet, sowie sonstige Lebensmittel an die Eingeborenen verabreicht." Greiz 24. Dezember. Der Landtag hat die Regie- rungsvorlage, betreffend die Unterbringung der wegen körper- licher oder geistiger Gebrechen zur Thetlnahme am Volksschul« Unterricht nicht geeigneten Kinder im schulpflichtigen Alter, mit 7 gegen 5 Stimmen abgelehnt. ES wurde geltend ge- macht, daß durch ein solches Gesetz, welches in keinem anderen Bundesstaat fich finde, die Landgemeinden zu stark belastet würden. Aus den sonstigen Verhandlungen sei erwähnt die Interpellation deS Abg. Henning, ob und wann eine gesetzlich obligatorische Trichinenschau im Fürstenthum in Kraft treten werde. Der Regierungskommissar stellte eine solche Gesetz- vorläge in nahe AuSficht. Hierauf wurde der Landtag vertagt. Frankreich. Die beiden franzöfischen Kammern traten am Montag in Versailles zur Prästdentenwahl zusammen. Die Sitzung wurde um 1 Uhr eröffnet. Der Präfident Le Royer verliest das Dekret über Einberufung der Nationalversammlung. Der Bonapartist Cuneo d'Ornano ruft:„Es ist eine Versammlung von Usurpatoren."(Große Unruhe.) Der Deputirte deS De- partements Tarn et Garonne, Trudert, dessen Wahl für un- glltig erklärt worden war, der aber wiedergewählt worden ist, tritt in den Saal und wird von der Rechten laut und lebhast begrüßt. Die Linke antwortet darauf mit dem Rufe:„Es lebe die Republik"(Anhaltender Lärm.) Kerdrel von der Rechten verlangt daS Wort, um die Vertagung der National- ich'» für eigene Rechnung thun, die Generali» werde für den Verschwender keinen Pfennig mehr zahlen, ich dürfe also nicht hoffen, daß sie mir eine« etwaigen Verlust ersetze« werde." Joseph hatte den Brief entfaltet und gelesen, seine Hoff- nuvgen sanken immer tiefer. „Schuldet er Ihnen denn gar nichts mehr?" ftagte er. .Gott fei Dank, nein!" „Aber vor einiger Zeit—" .Saß er noch in der Kreide bei mir, das ist richtig." „Und er hat die ganze Schuld getilgt?" „Viertausend Thaler auf einem Brett baar aus« gezahlt." „Wer mag ihm das Geld gegeben haben?" „Das weiß ich nicht, und es kümmert mich auch nicht," erwiderte der Antiquar kurz angebunden,„meinetwegen mag er'S gestohlen haben, was liegt mir daran!" „Wissen Sie nicht, ob er«och mehr Geld hatte?" „Nein, was soll die Frage?" „Er hat mir versprochen, mich zu unterstützen, ich soll ein Geschäft kaufe», er will das Geld mir vorschießen, aber wen«'er«ichtS hat—" „Kann er auch nicht« geben," spottete Jakob Hochmuth. „Und Euer Herr hat schon oft ei« Versprechen gebrochen, verstanden? Kredit hat er auch nicht, ich wüßte Keinen, der so dumm wäre, ihm zu borgen. Deshalb verlaßt Euch nicht zu fest auf sein Wort, wo nichts ist, hat der Kaiser sei» Recht verloren." Joseph nickte gedankenvoll, eS wurde ihm immer klarer, daß er von dieser Seite nicht« erwarten durfte. Rabe hatte ja auch heute wieder die Zahlung der ver« sprochene« Summe unter»ichttge« Vorwände» hinauSge- schoben, eS unterlag keinem Zweifel, daß er sie nicht besaß, daß er gar nicht daran dachte, sie zu zahle». Der Groll regte sich immer mächttger in ihm— war er um seine Hoffnung betrogen, dann sollte Rabe dafür büßen! Wieder ruhte sein Blick auf dem Geld« in der Schatulle, und der Antiquar bemerkte diesen Blick, er schloß die Schatulle zu. Versammlung zu beantragen damit für den Ersatz derjenige« Deputirten, deren Wahl für ungiltig erklärt worden ist, Bor- sorge getroffen werden könne.(Zustimmende Rufe der Rechten, Proteste der Linken.) Caffagnac ruft:„Der Kongreß ist illegal, in demselben find vier Departements nicht vertreten." Kerdrel will die Tribüne besteigen, wird aber durch die HuiffierS daran verhindert.(Lcdhafte Proteste der Rechten) Le Royer erklärt, er sei der Vettreter des Gesetzes. Kerdrel könne das Wort nicht gestattet werden, denn die National- Versammlung sei augenblicklich ein einfaches Wahlkolleg. Ein Mitglied der Rechten verlangt die Anwendung der Geschäftsordnung, anderenfalls würde er dieselbe schon angewendet haben.(Andauernder Lärm.) Caffagnac ruft:„Dann ist dies ein Jahrmarkt." Michelin (Jntranfigcnt) verlangt das Wort, um die Wahl einer kon- strtuirenden Versammlung vorzuschlagen. Le Royer verweigert dasselbe unter Tumult und Protesten der Rechten. Le Royer droht die SuSpendirung der Sitzung an, darauf wird endlich um 2 Uhr mit der Abstimmung begonnen. Die Mitglieder der Rechten antworten nicht auf den Namensaufruf.— Im Ganzen wurden 589 Stimmen abgegeben, davon erhielt Gresy 457 Stimmen, Briffon 68, Fn«einet 14 und Delaforge 10 Summen, dieselben hatten sämmtlich die Kandidatur abgelehnt, 10 Stimmen zersplitterten fich, 27 Stimmzettel waren unbeschrieben. Der Präfident der Versammlung, Le Royer, proklamirte hierauf die Wiederwahl G r e v y' S als Prästventeu der Republik. (Beifall auf der Linken und im Zentrum) Nach Annahme des Protokolls, welches noch einige Bemerkungen hervorrief, wurde die Sitzung unter dem Beifall der Linken und des Zentrum« und unter Protesten der Rechten aufge- hoben. — Einem Telegramm auS Paris zufolge will Briffon de- misfionircn, man will wissen, daß Freycinet die Leitung deS KabinetS übernehmen wird. Rußland. Gegenüber den mannichfachcn Gerüchten, weiche über die angeblich beabstchtigten durchgreifenden Reformen im Gerichts- wesen Rußlands im Umlaufe find, erachtet die„Now. Wr." eS für geboten, nochmals darauf hinzuweisen, daß ihrrS Wissen» eine radikale Reform der seitherigen Gerichtsordnung nicht ge- plant werde, und diejenigen Punkte aufzuführen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach Aenderungen eintteten würden. Zu diesen reformbedürftigen Materien, meint das Blatt, sei in erster Linie die gerichtliche Voruntersuchung zu zählen, deren bisherige Mängel vielfach und ganz augenscheinlich zu Tage ge- treten reien. Sodann seien Modifikationen der bisher gelten« den Bestimmungen über die Zusammensetzung, die Funktionen und den Kompetenzkreis der Geschworenengenchte mit größter Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Es dürfte in Zukunft strenger bei der Aufstellung der Geschworenenlisten verfahren, nament- lich dürfte der von den Geschworenen zu fordernde BildungS» zensus, vielleicht aber auch der VermögenSzensuS gesteigert wer« den. Hinfichtlich der Funktion der Geschworenen werde vor« ausflchtlich dafür Sorge tragen werden, daß dieselben über die eventuell den schuldig Gesprochenen treffende Strafe zuvor orientitt würden, so daß fie nicht mehr gewissermaßer„mit ver- bundenen Augen" ihr Verdikt über schuldig oder nichtschuldig abzugeben hätten; auch dürsten im Gange deS Prozeffes, in der Vereidigung u. drgl. m. einige Vereinfachungen eintreten. Die Kompetenz der Geschworenengerichte werde aller Wahr« scheinlichkett nach ein wenig eingeschränkt werden, und zwar in dem Sinne, daß eine Reihe unwichtigerer, ,. Z. von den Ge- schworenen zu erledigender Sachen den Gerichten erster Instanz überwiesen werde. Mit Rücksicht auf die äußere Seite der Prozeß-Verhandlungen dürste eine strengere Disziplin Platz greifen, so daß in Zukunft eine Gerichtsoerhandlung nicht mehr den Charakter eines pikanten, zahlreiche unbetheiligte Personen heranlockenden Schauspiels erlangen soll. Endlich soll, wie ver« lautet, die Wirksamkeit der Advokaten strenger geregelt und der Stand der„vereidigten Rechtsanwälte" moralisch zu heben ae- sucht werden.— Viel wird ficher nicht bei den geplanten Re» formen herauskommen. Großbritannien. Ueber neuere Entschließungen des KabinetS Salisburq meldet ein der„Voss. Ztg." zugegangenes Telegramm:„Zwi- schen der Konstituirung des Untcl Hauses und den eigentlichen Sesfionsgeschäften wird keine Pause eintreten. Die Regierung steht ihren Sturz durch eine Vereinigung der Liberalen und Parnclliten voraus und will denselben beschleunigen, um sofort die Auflösung deS Parlaments zu verkündigen, welche fie dadurch rechtfertigen wird, daß das gegenwärtige Unterhaus nach einem Programm gewählt sei, welche? Homerule ver« warf. Alle der Regierung nahestehenden Journale äußern fich heute in diesem Sinne." Amerika« Daß die Handelspolitiker der Vereinigten Staaten von Amerika ihr Augenmerl auf den Erwerb der Sandwich-Jnscln geworfen haben, ist eine altbekannte Sache; neu ist die jetzt in der transatlantischen Presse kolportitte Verfion, welche dem Prästdenten Cleoeland die Abficht zuschreibt, die Union durch „Da hättet Ihr also die Rechnung ohne den Wirth gemacht," sagte er in sarkastischem Tone,„die großen Herren versprechen viel, aber in der Regel steckt wenig dahinter!" „Und ich werde das Geld doch bekommen!" erwiderte der Kammerdiener.„Er muß es mir geben." „Muß, wenn er nichts hat? Redet nicht so dumm, wer sich auf Andere verläßt, der ist verlassen." „Würden Sie mir eine Summe von zehntausend Thalern leihen?" Jakob Hochmuth griff höhnisch lachend in seine Tabaksdose. „Geht in'S Irrenhaus, Mann, und laßt Euch kuriren," erwiderte er;„ich habe kein Geld zu verlieren." „Herr Rabe hat oft gesagt, Sie seien ein Grobiaa, jetzt weiß ich eS auch. Auf eine höfliche Frage darf man eine höfliche Antwort erwarte«, und verloren wäre Ihne« das Geld nicht, ich gebe Ihnen Sicherheit." „Welche?" „Hypothekarische Sicherheit auf(in Hau», welche» ich kaufen will." „Erste oder zweite Hypothek?" „Zweite! Die erste beansprucht der Verkäufer der Restauration." „Julius TulliuS, eine Restauratto»? Versteht Ihr wa» von der Wirthschaft?" „DaS lernt fich rasch." „Jawohl, es ist keine große Kunst," spottete der Antiquar.„Ihr selbst werdet dann wohl Euer bester Gast sei», das muß man kennen. WaS soll die Restauration kosten? „Alle« in Allem fünfundzwanzigtausend Thaler." „Und die ganze Summe müssen Sie borgen?". „So lange, bi» Herr Rabe sein Wort einlöst u»v mir Geld gibt," erwiderte Joseph.„Ich würde Ihne» � sofort das Darlehen zurückzahlen—". „Nein, guter Freund, daraus wird nicht«," M 3a-, Hochmuth ihm in die Rede,„vov mir bekommen sie o Geld nickt. Ich helfe einem ehrliche» Mensche« 0C' aber—" Vorlegung eines mit König Kalalaua geschlossenen Ankauf- traktales der Jnselgrupge zu überraschen. In der Mitte des Stillen Ozeans gelegen, muß— so meint die„Nordd. Allg. Ztg.", der wir diesen Aufsatz entnehmen— Hawaii natürlich zu einem Stapelplatze für die Manufakturwaaren der Union werden, die fich hon ihm über den ganzen Archipel des stillen Meeres verbreiten müssen. Ostafien wird seine Manufaktur« waaren in einem Dritt:! der Zeit aus den Magazinen von Hawaii beziehen, die es nöthig hätte, um sie aus Europa kommen zu lassen. Honolulu würde ein bedeutender See- und Handelsplatz, wahrscheinlich eine Manufakturstadt in nicht ge« geringer Ausdehnung werden und den Mittelpunkt des Handels zwischen Amerika und Asten bilden. ES begreift fich daher, daß man das Projekt in der Union allen Ernstes vis- kutnt. Kommunales. In der neuen Stadtverordnetenversammlung, welche fich in der eisten Januar>Sitzung reu konstituircn wüd, find die Kaufleute mit 34 Köpfen am stärksten veitreten. Die Zahl der Rentiers beträgt 30. Ferner gehören der Versammlung an: 2 Geh. Medizmalräthe. 1 Geh. Regierungsrath, 1 Kommer, ienrath, 1 Professor, 1 Regierungsrath a. D., 1 Baurath, 1 Baumeister, 3 Justizräthe, 2 Rechtsanwälte, 6 Schulmänner, 4 Aerzte, 2 Direktoren, 1 Bankier, 8 Fabrikanten, 4 Maurerund Zimmermeister. 4 Apotheker, 1 Schornsteinfegermeister, 1 Hofkonditor, 4 Ingenieure, 1 Eisenbahndirektor a. D, drei Tischler, 1 Redakteur, 1 Schriftsteller, 1 Gärtner, 1 Bildhauer, 1 Spediteur, 1 Uhienfabrikant, 1 Kupferschmiedemeister, ein Güttlermeister. 1 Uhrmacher. Gegen die Wahl des Herrn Vortmann zum Stadt- verordneten im 8. Kommunal- Wahlbezirk ist Protest erhoben worden. In demselben wird, wie die„StaatSb.-Ztg." mittheilt, der Magistrat ersucht, die Wahl aus folgenden Gründen für ungiltig zu erklären: Die Wahlvorstände der beiden Unter- Abtheilungen des 8. Kommunal-WablbezirkS 3. Abtheilung, einseitig zusammengesetzt nur aus Anhängern des Herrn Portmann, verhinderten nicht, daß— wie es in dem Proteste heißt— in den Wahllokalen eine wüste Agitation sogar auch von Sticht- wahlberechtigten stattfand. Unmittelbar neben dem Wahltische, unter den Augen der Wahlvorstände und in Gegenwart vieler Wähler, die erst ihr Wahlrecht ausüben wollten, erhiellen die- j-nigcn Plänner, welche Herrn Vortmann gewählt hatten, sofort nach Abgabe ihrer Stimme eine Belohnung, welche in Ueberreichung einer freien Eintritts- Karte für daS am Abende des Wahltages in Altermann's Saal. Dennewitzstraße 13. stattfindende Fest bestand, wo den Wählern Freibier verabfolgt wurde! Sicher find viele Wähler, welche die Ueberreichung dieser Karten angesehen haben, dadurch destimmt worden, ebenfalls für Vortmann zu stimmen, um gleichfalls eine solche Karte zu erhalten. Vielleicht haben diese Karten nebenbei auch noch als Legitimation zur Gelderhebung gedient; denn daß für das Wählen auch Geld bezahlt worden ist, kann man aus der Thatsache schließen, daß ein Agitator für Vortmann einem Manne, welcher nicht zur Wahl gehen wollte, erklärte: ,.Jch bin ermächtigt, Ihnen Ihre Zeitversäum- niß zu bezahlen." Weiter führt der Protest an, daß der Wahloorstanv der Unter-Abtheilung in der Aula dieses Ehren- amt nicht ausüben durfte, da er in neuester Zeit wegen Be- tmges zu Gefängnißstrafe verurtheilt worden ist. Der Vorsteher der anderen Unter- Abtheilung hat seine Pflicht der Unparteilichkeit durch Agitation für Herrn Vortmanns Wahl verletzt, indem er, obwohl nicht Wahlberech« tigter der 3. Adtheilung, ein Flugblatt für Herrn Vortmann unterzeichnete. In des Wahlvorstehers Hause, zuerst sogar in seinem Komptoir, war ein Wahlagitationsdurcau enichtei, von welchem aus säumige Wähler zur Wahl bei freier Fahrt in Droschke erster Klasse abgeholt wurden, um für Herrn Vort- mann zu stimmen. Die jugendlichen Arbeiter und Arbeiterin- neu der Fabrik des Wahlvorstehers wurden unter Androhung der Eutlaffung aufgefordert, Sorge zu tragen, daß die Väter für Herrn Vortmann stimmen sollten. Einem bis dahin von dem Wahlvorsteher beschäftigten Manne wurde, weil er in der ersten Wahl nicht für Herrn Vortmann gestimmt hatte, die ihm bereits zugesagte Arbeit entzogen. Der Wahlvorsteher ist auch Bezirksvorstcher und dann noch Fabrikbesitzer; von ihm find eine aroße Anzahl Leme abhängig und deshalb mußte ein solches Vor- achen beschränkend auf du Freiheit der Wahl wirken. Außer- dem hat der Wahlvorsteher aber noch selbst im Wahllokal ver- sucht. Wähler zu beeinflussen. Einem Wähler, der nicht für Wahlrecht gegen Herrn Vortmann ausübte, wurden von dem Wahlvorsteher die Worte:„städtischer Beamter" ganz besonders betont. Einem Unterbeamten, welcher für Den Gegenkand, baten lassen. Zum Schluß macht der Protest noch darauf aufmerl- „Zweifeln Sie an meiner Ehrlichkeit?' Da« sage ich Ihnen nicht, ein guter Kammerdiener möam Sie sein, aber ein guter Wirtb werde» Sie gewiß nicht. Lasse« Sie den feine» Herrn sorgen, ich gehe auf den Schwindel nickt ein." Schwindel?" rief der Kammerdiener empört.„Ich bin ein ehrlicher Mann, ob Sie da» auch sind DaS arht Euch gar nichts an!' erwiderte der Antiquar.„Und j.tzt macht, daß Zhr hinauSkommt, Freund- schaft, oder ich verklage Euch wegen HauSftudenSbruch, ver- � Der Kammerdiener erhob die Faust, der ganze Groll, der in ihm tobte, richtete sich in diesem Augenblicke gegen � I-!d Zh.!"« Betrüger ist, der glaubt, auch alle andere« Menschen müßten e« sein, daran erkennt man den geriebenen �Sokob Hochmuth trat erschreckt zurück, diesen Ausgang hatte er nicht erwartet. Er stieß an de» Tisch, und m dem- selben Moment, in welchem die Faust Zoseph« niederfiel, stürzte die Lampe um.., �_.,.. Einige Minuten später verließ der Kammerdiener daS Haus, dessen Thüre er hinter fich ungestüm zuwarf. DerletzteAnker. Der Oberst war durch Siegfried an seine alten Freunde erinnert worden, er mußte zugebe», daß sie e,« Recht hatten ihm zu zürnen. Seit langen Zähren war er jeden Abend im Klub mit ihnen zusammen durfte diesen Verkehr nicht so plötzlich und vollständig ab- ��Ueberdies hielt er sich auch verpflichtet, den Freunde« die Verlobung seines SohneS zu berichten, und dem'Polize,. Präfidenten ebenfall« von der Entlarvung Rabe S und deren Und so benutzte er den ersten Abend nach dem Verlobungs- tage, um die Pflichten der Freundschaft zu erfülle«. sam, daß der Stadtverordnete de Neve in amtlichen Kom- misstonSsttzungen Piopaganda für die Wahl seines Schwagers, des Herrn Vortmann, gemacht hat. v. Der Magistrat hat den städtischen Normalbesol- dnngsetat für das Jahr 1886/87 festgesetzt. Derselbe weist eine Einnahme nach von 250 378 M-, welche der Staat der Stadtgemeinde zahlt für die Veranlagung und Erhebung der Klaffensteuer. Die Ausgabe beträgt 3498200 M. Hiervon entfallen auf die Besoldungen der Büreau- und Kassenbeamten 1 345 900 M-, der Steuererheber 480 700 M. und für Admi- nisttationsbeamte und Beamte in technischen und Spezialfächern 546900 M. Zur unentgeltliche« Geburtshilfe haben fich, wie die Armen-Direktion bekannt macht, erboten: die Herren Dr. Hirsch- seid, Kleine Prästdentenstr. 4; Dr. Paprosch, Neue Königstr.47: SanitätSrath Dr. Wolfert, PotSdamerstr. 43»; Dr. Odebrecht, Köpenickerstr. 74(hält aber seine Sprechstunden nur in seiner Poliklinik. Dresdenerstr. 20, von 1 bis 2 Uhr Mittags ab); Dr. Blasius, Lützow Ufer 2, für die Bezirke westlich der Pots- damer Eisenbahn; Dr. Landau, Franzöfischestr. 60/61; Dr. Ra- buske, Lindenstr. 113: Dr. Lesser, Weißenburgerstr. 5; Dr. Steinthal. Kurfürstenstr. 144 und Frau Stadlhebeamme Papcsch, Friedrichsgracht 48. Die Hundesteuer betreffend, macht die Steuer- und Einquartirunas-Deputation des Magistrats bekannt, daß die Hundesteuer-Marken für daS Jahr 1885 ihre Giltigkeit mit dem 3. Januar 1886 verlieren.— Von diesem Tage ab find die mit solchen Marken versehenen Hunde gegen das Auf- greifen durch die Addeckereigehilscn nicht mehr geschützt.— Diejenigen Befitzer steuerpflichtiger Hunde, welchen bis dahin die Steuerqutttungen und Marken für das Jahr 1886 noch nicht zur Zahlung vorgelegt fein sollten, werden aufgefordert, fich rechtzeitig an die Buchhalterei für die Erhebung der Hundesteuer, im Berlinischen Rathhause— Zimmer Nr. 23— zur Entgegennahme der Mallen gegen Zahlung der Steuer zu wenden. Zugleich wird bekannt gemacht, daß auch die Zug- Hunde, für welche Freischeine gewährt find, mit den für fie bestimmten Marken versehen fem müssen; daß diese Marken aber die Zughunde vor dem Aufgreifen nicht schützen, wenn dieselben frei umherlaufend getroffen werden.— Ferner wird noch auf die Strafbestimmung des§ 28 des Hunvesteuer- RegulativS vom 27. Juni 1867 aufmerksam gemacht, wonach Derjenige, welcher fich durch Verheimlichung eines Hundes der Steuer zu entziehen sucht, mit dem dreifachen Betrage der defraudirtcn Steuer bestraft und außerdem die defraudirte Steuer von ihm eingezogen werden soll. Cokales. Das königliche Polizei-Präsidtum erläßt folgende Bc- kanntmachung:„Während der letzten Jahre ist es vorge» kommen, daß in der Eylvesternocht Personen ibier Fest- stimmung durch Schießen aus den Fenstern Ausdruck gegeben haben. Das Polizei-Piäfidtum nimmt beim Herannahen deS Jahresschlusses Veranlassung, vor dergleichen Unfug mit dem Bemerken zu warnen, daß die Exekutivbeamten angewiesen find, gegen Exzedenten energisch einzuschreiten. Zugleich wird darauf hingewiesen, daß in Folge der staatSministmellen Anordnungen vom 25. September d. I. in Verbindung mit§ 28 deS ReichsgesetzcS gegen die gemeingefährlichen Besttebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 die Exzedenten fich der Gefahr aussetzen, wegen Führung einer Waffe ohne Waffenschein mit Geldstrafe bis zu 1000 Mark oder mit Haft oder mit Gefängniß bis zu 6 Monaten, ganz abgesehen von den Strafen deS groben Unfugs, bestraft zu werden." Ueber das bereits von der Seewarte angekündigte Sturmwetter schreibt der Hamburger Ateteorologe der„Voss. Zig." ä. ck. 28. Dezember: Der hohe Luftdruck, welcher fich vor den Weihnachtstagen in Wcst-Europa bei nördlichen Winden kurzer Dauer entwickelt hatte, brachte Zentral-Europa heiteres Wetter und finkende Temperatur. Aus Frankreich wurden am Montag, den 23. d. Ms., 5 und gar 7, aus München 5 Grad Frost gemeldet. Der Nordwesten Europas wurde aber beständig von Depresstonen heimgesucht, welche stürmische Westwinde und Regenwetter in der Nord- und Ostsee sowie den Küstenländern verursachten. Heute gewinnt dieses Depresfionsgebiet bedeutend an Ausdehnung, es ist in Hamburg daS Barometer 17 Mm. gefallen, und ein starker Südwind beginnt am Abend zu wehen, welcher Sturm ssch am 29. über Deutschland ausbreiten dürfte. Die Witterung neigt allzusehr zu plötzlichen Witterungswechseln, als daß die Ableitung weiterer Schlußfolgerungen zur Zeit ausführbar wäre. Es ist noch bemerkenswerth, daß bei der Wendung des Windes von West nach Südwest die Temperatur heute in Hamburg erheblich sank, weil dieser Wind Luft aus kälteren Gebieten herbeiführte, als der Westwind des voraufgehenden TageS. r. Die Zahl der versicherungspflichtigen Betriebe und Personen in Berlin, welche nach den Bestimmungen der Kranken- und Unfallversicherung angemeldet worden find, beträgt nach den amtlichen Eimittelungen 1253 Betriebe mit Er hatte nur die Ankunft seines Sohnes abgewartet und mit diesem einige Worte gewechselt, dann war er auf seinem treuen Leonidas von danne» geritten. Franz, der ihm den Steigbügel gehalten hatte, sah ihm nach, bis Roß und Reiter seinem Blicke entschwunden waren, dann ging er langsam in die Gesiadestube. „Hat er Ihnen nichts mehr gesagt?" fragte Marianne, die mit ihrem Strickstrumpfe am Fenster saß. Der Kutscher schüttelte ablehnend da« Haupt und«ahm ihr gegenüber Platz; seine sorgenvolle Miene verrieth, daß seine Gedanken mit ernsten Dingen beschäftigt waren. „Sie sollten eS sich doch noch einmal überlegen,' fuhr Marianne fort,„es ist ein angenehmer Posten, und was Sie noch nicht kennen, das werden Sie am Ende mit leichter Mühe erlernen.' „DaS glaube ich auch,' nickte Franz.„Ich Hab' dem alten Manne oft bei seiner Arbeit geholfen und mich über Dies und Jenes von ihm unterrichten lassen, ich wollt's schon fertig bringen.' „Und der William könnte Ihre Stelle übernehme«. Er kann fahre« und reiten, und mit den Pferden weiß er umzugehe«. E« wäre ein Ruheposten für Sie!" „Dazu bin ich noch zu jung!" „So meine ich da» nicht," erwiderte Marianne, in deren Händen die Nadeln emsiger klapperten,„Arbeit wür- de» Sie genug haben, aber Sie wären dann auch für Ihr ganzes Lebe« versorgt." „Hm, könnt' man darauf hin heirathe«?' „Heirathen? Weshalb denn nicht? Das kleine HäuS- che« im Park hat Raum genug, und die Herr- schaft würde gewiß auch ein Uebrige» thun. Und wenn da« Brautpaar verheirathet ist, dann wird's hier frohe Tage geben. Seitdem der Rabe da« Nest verlasse« hat, kan« man wieder frei athme«, es weht eine ganz andere Luft im Haufe." „Das ist wahr," sagte Franz gedankenvoll, ,e,ne ganz andere Luft. Der Schleicher hat früher sie verpestet, ich konnte den Burschen nicht sehen, ohne mich über ihn zu tt" „Er ärgert un« nicht mehr,' erwiderte die Wirth- 10 783 Personen und zwar find angemeldet nack den verschie« denen vorschriftsmäßig fixirten Betriebsarten: Eisenbahn 1 mit 525 Personen; Straßen-fPferde)Babnen 3 mit 2271 Personen; Baggerei 2 mit 55 Personen; SpediiionSaeschäfte 41 mit 1157 Personen; Wäger, Messer ,c. 1 mit 1 Person; Speicher- und Kellereibetrieb 240 mit 1276 Personen; Postbalteret und Personenfuhrwcrksbettteb 500 mit 3113 Personen; Fracht« und Rollfuhrwerke 460 mit 2153 Personen; Güter-Päckerei)C. 2 mit 119 Personen; Flußschifffahrt, Flößerei jc. 6 mit 113 Personen.— Von der Gesammtzahl der in Preußen verstchetten 23 421 Betriebe mit 83 614 Personen entfällt also mehr als der achte Theil aller Verficherungspflichtigen auf Berlin; ein Be- weis dafür, daß die Anwendung von Maschinen und anderen, die VerstcherungSpflicht bedingenden Einrichtungen in Berlin bedeutend größer ist, als das Verhältniß der Berliner Bevöl- kerungSziffcr zu derjenigen deS gesammten preußischen Staates; denn während jene fich wie 1:8 stellt, derechnet sich diese un- gefähr wie 1: 10. Räch Ausweis des neue« Berliuer Adreßbuches giebt eS zur Zeit in Berlin 705 Straßen mit 19 280 Grundstücken und 69 Plätzen, zu denen noch 30 bisher un benannte, im Bebauungsplane vorgesehene Plätze kommen. Unter den Straßen befinden fich 23„Gassen", 24„Ufer", 13„Alleen", 6„Dämme", 5„Gräben", 10„Wege", 3„Höfe", 2„Häfen", 1„Gracht", 1„Galerie", 1„Freiheit", 1„Promenade". Die Zahl der öffentlichen Gebäude ist ein» ganz immense, denn schon die Behörden und Institute sowie die Berliner Stadt« Verwaltung beanspruchen viele hunderte von Gebäuden für ihre Zwecke. Berlin ist jetzt der Sitz von 12 verschiedenen Reichsbehörden, 16 preußischen Staatsbehörden mit einer Un- summe öffentlicher Gebäude, wozu noch die vielen Gebäude der Prooinzial- und Stadtverwaltung treten. Die Zahl[der evangelischen Kirchen und Kapellen inkl. derjenigen der fran- zöfischen Gemeinde deträgt 48; daran reihen fich 5 katholische Kirchen und Kapellen, 9 Kirchen für die von der Landeskirche unabhängigen Gemeinden und 3 Synagogen. Zehn Bahnhöfe vermitteln den Eisenbahnveikehr nach und von Berlin, 19 Theater soram für die theatralischen Genüsse. 4 Akademien, 38 Bibliotheken. 18 Museen dienen der Kunst und Wissenschaft. Die Zahl der öffenilichen Heilanstalten ist auf 23 angewachsen, zu ihnen ge- sellen fich noch 81 Privab Heilanstalten, 16 Hospitäler, 5 Siechen- Häuser und 12 SanitätSwachen. Die Anzahl der vorhandenen Vereine ist eine ganz ricfige; es existiren 21 ärztliche Vereine, 58 Gesangvereine, 13 Kunst- und Künstlev Vereine, 9 Vereine für Lehrer und Lehrerinnen, 34 Stenographenvereine, 30 Turnvereine, 76 Vereine für verschiedene Zweige der Wissenschaft, Kunst und Erziehung, ferner 20 Vereine für Armenpflege und Atildlhätigkeit, 48 Bezirksvereine, 40 DarlehnS-, Kredit- und Vorschußvereine, 18 Frauenvereine, 6 Handwerker-, 4 Grund- befitzer-, 5 Karneval, 3 Konsum-, 71 Krieger-, 24 Kranken- und Gesundheitspflege-Vereinc, 23 Vereine von Landsmannschaften. Wir zählen ferner 4 plattdeutsche, 43 politische, 33 religiöse. 6 Ruder- und Seglcrvereine, 27 Schülervereine, 9 Schützen- und 8 Vogelzuchl-Vereine. Endlich giebt eS noch 319 Vereine der allerverschiedensten Richtung, so daß eine Gesammtsumme von 952 herauskommt und Berlin mit Recht den Anspruch auf die Bezeichnung als Vereinsstadt erheben darf. Ebenso ist Berlin die erste ZeitungSstadt, denn eS erscheinen Hierselbst 570 Zeitungen und Zeitschriften, darunter 45 amtliche, 76 politische. 157 für Kunst und Wissenschaft, 133 für Handel und Gewerbe, 22 religiöse und 83 diverse. Die glücklichen Armen. Wohlthätigkeit und kein Ende! DaS Wohllhatigkeitsfieber grassttt in unserer Stadt in geradezu Bedenken erregender Weise und nach dem verschiedenartigsten Wohlthätigkeits-Klimbim, der namentlich gelegentlich des mit allen traditionellen Ehren zu Grabe getragenen Wcihnachts- festes in großsprecherichster Weise inszenirt worden ist, ,u urthnlen, mußte Berlin ein wahres Eldorado für die Armen sein. Die Büchse mit der dekannten Aufschrift:„Für die Armen!" wird unausgesetzt in Bewegung gehalten; das ist ein Geraffel und Geklapper, daß man denken möchte, unermeßliche Schätze würden hier zusammen getragen„für die Armen", um diesen daS schwere Dasein einigermaßen erträglich zu machen und doch ist es mit der Armenbüchse ähnlich, wie mit dem Klingelbeutel, dessen Aeußeres von Sammt und Seide starrt, dessen innere Hohlheit aber zumeist von unedlen Mciallen, von sc b« ein Liebchen davon zu fingen wissen und am besten aa der stolz ihr Haupt erhebt und einer ganz besonderen Kategorie % ÄÄTrÄÄnK"tsä% auf die Beine helfen soll. Wenn man auch nach ÄÄÄn fi arger«. schafterw,„wenn er sich noch einmal hier blicke» lassen sollte, so haben wir das Recht, ihn hinaus zu werfen.' Und seine« Herrn dazu.' „Das will ich nun doch nicht behaupten, er bleibt immer noch der Bruder der gnädigen Frau." „Die er betrogen und bestohlen hat." „Sagen Sie das nicht so laut, mit Sicherheit wisse« wir'S mcht, und da dürfen wir e« auch nicht be- Haupte«." „Franziska—' „Ach was, die Plaudertasche schwätzt auch mehr, als sie verantworten kann,' sagte Marianne ärgerlich,.was weiß sie den«? Gar nicht»! Sie hat Glocke» lauten hö.en und weiß nicht, wo sie hängen. Von der lasse ich mich nicht aufhetzen."" t c D« Kutscher sah sie erstaunt an. es befremdete ih». daß sie diesen Man» in Schutz nahm, hatte sie doch oft genug ihre Abneigung gegen ihn geäußert. . �»Daß er mit der Generalin zerfalle« ist, werden Sie doch mcht bestreiten wollen?" fragte er. »Gewiß nicht, ich sage nur. es sei nicht bewiese». daß er d,e Generali» bettoge» und bestohlen habe, und daß man deshalb keine Anklage gegen ih» erheben dürfe. Und es kümmert uns ja auch weiter nichts, wir wollen froh sei« daß er unS nicht mehr in den Weg tritt."' Franz warf einen scheue» Blick auf die Thüre. „Weshalb soll ich daran zweifeln?' erwiderte Marianne ruhig. Franziska hat unS ja gestern Abend noch ssesagt Joseph werde erster Tage die Restauration übernehme«, dann wird er ja wohl Heirathen müssen" „Na, eine glückliche Ehe wird'S nicht." "D"'st'h" Sache, sie müsse» das selbst wissen." „Und mit der Wuthschaft werden sie auch kein Glück haben. Wen» man mit Schulde» anfangen muß, so ist das schon eine schlimme Sache. Außerdem ist Joseph kein Wirth (Fortsetzung folgt.) Schande, und namentlich heutzutage kommt man schneller zu- rück als vorwäris m seinen Verhältnifien- Wer also arm ist, auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen und in der trau- rigen Lage, Almosen annehmen zu müffm, der soll nicht den lügenhaften Schein erwecken, alS ob er etwas„Sesseres" wäre, als diejenigen, die öffentlich alS„Almosenempfänger" gekenn- zeichnet ftnb. Wer dies thut, der ist eben nicht„verschämt", sondern„unverschämt" und es ist im höchsten Grade bedauer- lich, daß die Armendirektion die Hand dazu bietet, diese„un- verschämten Armen" gesondert von den übrigen Armen zu unterstützen. Wir verweisen in dieser Beziehung auf die er- laffene Bekanntmachung der Armendirektion betr. die Ablösung der Neujahrsgratulationen. Es ist gewiß eine schöne Sitte, einander zum Jahreswechsel Glück zu wünschen. Da dies in einer großen Stadt unmöglich überall persönlich geschehen kann, so bediente man fich hierzu der Neujahrskarten. Die hiermit verbundene cerzlichkeit, welche stch durch die Auswahl einer besonders schönen Karte dotumentirt, ist, wie leider alles gute, nur noch in den breiten Schichten des„Volkes" zu fin- den; in den„befferen Kreisen" ist sie schon lange verschwunden und hat einer steifen, zeremoniellen Höflichkeit Platz gemacht. An Stelle der reizenden Neujahrskarte ist die kalte Visttenkarte getreten, natürlich wiederum zum Schaden der Vielen, welche stch durch den Verkauf der Neujahrskarten eine kleine Ein- nahmequelle zu erschließen hoffen. Wie spärlich diese nur zu fließen vermag, erhellt wohl zur Gmüge aus der Thatsache, daß allein für einen Stand in einem Hausflur 20 M verlangt werden. Rechnet man dazu die Kosten für Gewerbeschein, Ma- terial und sonstige Ausgaben,— wieviek muß da verkauft werden, ehe etwas„verdient" wird. Wenn aber die Be- mittelten nicht kaufen, wer soll dann kaufen? Aber auch dieser Zwang der Höflichkett per Visttenkarte wird in den „befferen" Kreisen als eine unliebsame Last empfunden und man sucht fich derselben zu entledigen. Wie, darüber giebt die Bekanntmachung der Armendireknon Auskunft:„Seit einer Reihe von Jahren besteht hier die Sitte, daß Einwohner„aller" Stände, anstatt fich ihren Freunden, Gönnern und Bekannten beim Jahreswechsel durch Visttenlarten zu empfehlen, ein ent- sprechendes Geschenk zum Besten der„verschämten" Armen zahlen lassen!" Da haben wir'S! Für die Armen! DaS ist wiederum das Losungswort, das Aushängeschild, unter dem Eh der krasseste Egoismus verbirgt. Frellich! Was für eine ngweilige Arbeit ist es, die erforderlichen Visitenkarten, jede einzeln, zu kouvertiren und zu adresstren und fich die einzelnen Adressen erst mühsam aus dem Adreßkalender zusammenzusuchen. Wie unangenehm, fich vor den überfüllten Postschaltern herum- zuquetschen, ehe man das Glück hat, seine Briese einliefern zu können! Wie viel Arbeit wird dadurch der Post verursacht I Da ist es doch viel bequemer, der Armendirektion eine Kleinig- kcit für die„verschämten" Armen zu überweisen. Das verur- sacht weniger Mühe und vielleicht auch— weniger Kosten und man hat obendrein noch den Vortheil, als„Wohlthäter der Armen" öffentlich genannt zu werdtN, denn die ArmendirettioM macht bekannt:„die namentliche Bekanntmachung der geehrten Geber, welche, falls fie ihre Betträge durch Domesttken über- senden, um deutliche Bemerkung ihres Nomens und AmtS« charakterS resp. ihrer Geschäftsbezeichnung ersucht werden, wird durch das Kommunalblatt, die Vosfische, die National-Zeitung und das Jntelligenzblatt noch vor Neujahr erfolgen. Um dieS aber ermöglichen zu können, müffen wir ersuchen, die Beiträge spätestens bis Donnerstag, den 31. Dezember d. I., Nachmir- tagS 1 Uhr, einzuzahlen."— Drum auf, ihr edlen Wohlthäter der Armen! Wer noch glänzen will unter der Ruhmeslifte, der beeile stch! Es ist die höchste Zeit!- Glückliche Arme! g. In der städtischen Irrenanstalt z« Dalldorf be« fanden fich unter dm im verflossenen VerwaltungS jähre auf- genommenen Männern 30, unter den aufgenommenen Frauen 15, welche mit den Strafgesetzen in Konflrkt gerathm waren. Die Ütehrzahl davon hatte die als Vergehen over Verbrechen angerechnete und bestrafte That in bereits geisteskrankem Zu- stände begangen. Besonders hervorzuhebm ist der von einem Mädchm in epileptischer Verwirrtheit verübte Todtschlag des Vaters. Als„Gewohnheitsoerbrecher" wärm drei Männer und zwei Frauen zu bezeichnen gewesen, und machte ihre ge- nügmde Uebcrwachung viele Schwierigkeiten. konnte aber mit Erfolg durchgeführt werden. Wiederholte Aufnahmen kamen ziemlich häufig vor. �. Plötzlicher Tod. Von einem jähen Tode wurde rn der vergangenen Nacht ein im Hotel zum König von Preußen, B.üderstraße 89a, abgestiegener Gast, der fich im Fremdenbuch als ein Kaufmann Paul Heuser auS Warschau eingetragm hatte, betroffen. Derselbe dürfte nach Anficht der binzugerufe- nen Aerzte an einem Herzschlage verstorben sein. Auf Anord- nung der Behörde ist die Leiche nach dem Obduküonshause geschafft worden, damit dort durch die gerichtlichen Phyfici die Todesursache festgestellt wird. Bei einem Trödler in der Andreasstraße wurde am zweitm WeihnachtSfeiertage ein Einbruch verüb,. Die Diebe find durch Klingeln an der Wohnung gestört worden, denn die aus drei erbrochenen Spinden entnommenen Kleidungs- und Wäschestücke wurden zusammengepackt auf dem Fußboden liegend gefunden. Dagegen habm sie Einbrecher einen Ka- narimvogel und eine Haide gebratene Gans mitgenommen.— Wählerischer warm die Diebe, welche an demselben Tage der ohne Aufstcht gelassenen Wohnung einer Dame in der Göben- straße einen Besuch abgestattet haben. Sie durchwühlten zwar alle Bchältniffe, da fie indeß keine Werthsachm vorfanden, ent- ferntcn fie fich, ohne etwcs entwendet zu haben. Der Schluß des Jahres bringt wieder jene traurige Statistik, die uns einen Einblick in die Verirrungen der Ver- brecherwelt Berlin? tbun läßt. Bei der Kriminal- Abtheilung des Königl. Polizei. Präfiviums zu Berlin wuidm im Jahre 1884 von den fistitten Personen 4091 und zwar 3318 Männer, 755 Weiber, 18 Kinder in Jsolirhaft genommen, die letzteren wegen Diebstahls. Femer wurdm von den Jsolirten 1759 Manner, 511 Weiber wegen Diebstahls- 109 Männer, 43 Weiber wegen Hehlerei; 280 Männer, 26 Weiber wegen Be- leidigung von Beamten und Widerstands gegm die Staats- gewalt: 117 Männer, 5 Weiber wegen Körperverletzung; 312 Männer, 48 Weiber wegm Unterschlagung; 164 Männer, 57 Weiber wegen BeimgeS; 47 Männer, 2 Weiber wegen HauS- rechtsverletzung u. s. w.; 129 Männer, 8 Weiber wegen Ver- brechenS und Vergehens gegen die Sittlichkeit: 49 Männer. 5 Weiber wegen Vermogensbeschädigung: 26 Manner, 3 Weiber wegen Rautes-, 88 Männer. 4 Weiber wegen Urkundmfäl- schung; 41 Männer, 1 Weib wegen Hozardspiels; 13 Männer, 2 Weider wegen Befreiung von Gefangenen; 11 Männer wegm betrüglichen Bankerutts; 19 Männer. 4 Weiber wegen Erpressung; 3 Männer wegm Nothzucht; 3 Männer, 1 Weib wegen Brandstiftung; 10 Männer, 6 Weiber wegm MordeS, Mordversuchs- 22 Männer wegen Ma- jestätS- Beleidigung-, 14 Männer wegen Drohung- 11 Männer, 4 Weiber wegen Meineids; 11 Männer, 1 Wnb wegen Äünzverbrechm: 4 Männer, 9 Weiber wegen Abtreibung der Leibesfrucht resp. Beihilfe hinzu in Haft behalten und dem Untersuchungsrichter überwiesen- Zum Polizei- Gewahrsam wurden gebracht 16 905 Männer, darunter wegen Obdacklofig- keit 4805, Betteln« 8707, Straßenunfuc� 1745, Trunkenheit 60, als Durchttansport 211, wegen Widersetzlichkeit gegen Beamte 3, Geistesstörung 1, unerlaubten Handeln« 85; Frauen wurden eingebracht 9421, darunter 8314 wegen Unfitt. Uchkeit, 326 wegen Obdachlosigkeit. 81 wegen Straßenunfugs, 31 wegen Trunkenheit, 323 wegen Bettelns, 87 ols Durch- traniport, 17 wegen unerlaubten Handelns. Unter Polizer- Auf ficht standen 1379 Personen. Wegen Bettelns wurden 21 077 Personen ststirt. In 1016 Fällen von Selbstmord, Todtschlag und Unglücksfällen mit tödtlichem Ausgang wurde ein Einschreiten veranlaßt. Darunter waren Fälle von BerantworUicher Redakteur] Erhängen 146, Eltrinken 108 Erschießen 38, Kohlen oxyd- Vergittung und Erstickung 26, Vergiftung 75, Schädelbruch 37, Sturz aus dem Fenster 47, Ueber fahren 34, Erfrieren 2, Mord 6, Verbrühung 9, Verletzungen 30, Schlagfluß 70 u. s. w. Außerdem wurden 17 neugeborene Kinder todt auf- gefunden. Ein Einbruch wurde am Abend des 22. d. M. bei einem Milchhändler in der Echwedtersi- aße in der Weise verübt, daß während die Inhaber der Wohnung auf dem Hofe beschäftigt warm, eine Scheibe der Glasthüre von den Dieben mittels eine? Teipentinlappens eingedrückt, demnächst die Thür aufge- riegelt und aus einem mittels Stemmeisens erbrochenen Spinde baareS Geld und Pretiosen gestohlen wurden. Der Verdacht richtete fich gegen den bereits sechs Mal wegm Diebstahls be straften Schuhmacher Haase. In der Wohnung des letzteren wurden die gestohlenen Sachen zwar nicht vorgefunden, wohl aber ein Lappen, welcher zu dem am Thatorte zurückgelaffenm Terpentinlappen genau paßt. Eine frische Schnittwunde, welche am Daumen des Haase wahrgenommen wurde, hat derselbe stch anscheinend bei dem Eindrücken der Scheibe, die mit Blut besudelt war, zugezogen. Haase ist verhastet worden. I« dem Geschäftslokale eines Goldarbetters in der Neuen Wilhelmstraße erschien am 22. d. M. eine unbekannte Dame, welche fich Frau Lieutenant Wenzel nannte und angab, Dorotheenstraße 52 zu wohnen. Sie ließ fich mehrere Gold- fachen vorlegen, suchte davon einige im Werthe van 40 Mark aus und gab den Auftrag, dieselben nach ihrer Wohnung zu schicken, woselbst Bezahlung erfolgen würde. Außerdem kaufte die Dame einen goldenen, mit 5 Amethysten besetzten Anhänger für 14 Mark, welchen fie nach Anzahlung von 7 M. und mit dem Versprechen, den Rest bei Ueberbringung der ausgesuchten Eachm zu zahlen, sofort an fich nahm. Als die ausgewäbltm Goldsachen abgeliefert werden sollten, war die angebliche Frau Lieutmant Wenzel im genannten Hause nicht zu finden. Die Unbekannte, welche zur selben Zeit einen anderen Goldarbeiter in derselben Straße auf ähnliche Weise zu beschwindeln versucht hatte, ist etwa 23 Jahre alt, mittlerer Statur, hat schmales Geficht und trägt ein grünes Kleid, dunkles, mit Pelz oder Krimmer besetztes Jaquet und einen Kapottenhut. In de« Kriminal-Abthetlungen deS Landgerichts I und Amtsgerichts I find für das neue Jahr nur unwesent- liche Veränderungen eingeführt worden. Besonders erwähnen«» werth ist die Neuerung der Errichtung einer vierten Präfidial- Adtheilung, welcher der Vorfitzende der ersten Strafkammer Landgerichtidirettor Bachmann vorstehen wird. Infolge dessen wird er den Vorfitz seiner Kammer nur noch am Montag führen, während für die beiden übrigen SitzungStage Land- gerichtsrath Brausewetter als Vorfitzender berufen wird. Im Uebriaen find die Mitglieder der ersten Kammer unverändert geblieben. Aus der zweiten Strafkammer scheidet Landgerichts» ratb Oppert aus und tritt in die Zioilabtheilung; an seine Stelle kommt aus der Zivilabtheilung der LandaerichtSrath Bauer. In der dritten Strafkammer wechseln Landrichter Munck und Landgerichtsratb Friedländer ihre Stellen. Letzterer wird also an Stelle des ersteren Strafrichter. In die vierte Strafkammer tritt ein für den verstorbenen Landgerichtsrath Kolshorn der Landrichter Mosse, der Landgericktsrath v. SalpiuS aus der vierten wechselt mit dem Landgerichtsrath Schmidt auS der sechsten Kammer die Stellen. Die fünfte Strafkammer bleibt in ihrer alten Zusammensetzung bestehen; während in die sechste neben v. Salpius der Landrichter Funke aus der Zivil« abtheilung eintritt. Landrichrer Friedenthal geht in diese über. Auch für das Jahr 1886 ist zur eventuellen Aushilfe eine fiedente Strastammer gebildet worden.— Bei den Schöffen- gerichten find die Veränderungen noch unbedeutender. Amts- gerichtsrath Hartmann geht zur Zivilabtbeilung, an seine Stelle tritt aus dieser Amtsgerichttrath Vollgold als Vorfitzender der 95. Abtheilung.— Ter Vorsitz von Abtheilung 100(früher Dr. Kronecker) ist dem Amtsrichter Henri« übertragen worden. Einem ziemlich bestimmt auftretenden Gerücht zu» folge, so schreibt die„Not- Ztg.", soll ein sehr bekannter Restaurateur in der Dorotheenstadl am ersten Weihnachtsfeier» tag in Haft genommen worden sein. Die näheren Details ent» ziehen stch der vorläufig noch schwebenden Untersuchung wegen der Oeffenttichkeit. Die Veranlassung soll, wie verlautet, Dul- dung von Hazardspiel sein. Eine polnische Zeitung soll unter dem Namen„Novy Dziennik"(Neue Zeitung) von Neujahr 1886 in Berlin erscheinen. In der Reichshauptstadt leben zirka 30 000 Polen. Die Neue Zeitung, das Organ der Berliner National- liberalen, bestätigt jetzt selbst die Mittheilung, daß fie mit dem Schluß des Jabres eingehen wird,„nachdem fich mannigfache Versuche, die Möglichkeit der Fortexistenz zu schaffen, als er- folglos erwiesen haben". Bewegung der Bevölkerung Berlin« nach den Ver- öffentlichungen deS statistischen Amts der Stadt. Die fortge» schriebene Bevölkerungszahl betrug am 5 Dezember inkl. der nachttäglichen An» und Abmeldungen 1 303 110, hat fich demnach gegen die Woche vorher um 281 Seelen vermehrt. In der Wocke vom 6. bis 12. Dezember wurden polizeilich ge- weldet 2199 zugezogene, 1686 fortgezogene Personen; standesamtlich wurden 218 Ehen geschlossen. Geboren wurden 870 Kinder, und zwar lebend: 446 männliche, 382 weibliche, zusammen 828(darunter 107 außereheliche), todt 25 männliche, 17 weibliche, zusammen 42(darunter 7 außereheliche) Kinder. Die Lebendgeborenen, aufs Jahr berechnet, bilden 33,1, die Todtgeborenen 1,7 pro Mille der Bevölkerung, die außerehelich Geborenen 13,10 pCt. aller in der Woche Geborenen, davon die bei den Lebendgeborenen 12,92, die bei den Todtgeborenen 16,67 pCt. In der kgl. Charitee und Enibindungsansialt wurden 50 Kinder geboren. Gestorben(ohne Todtgeborene) find 529, nämlich 281 männliche, 248 weibliche Personen. Von diesen waren unter 1 Jahr alt 164(inkl. 37 außereheliche), 1 bis 5 Jahre 95(inkl. 8 außereheliche), 5—15 Jahre 62, 15 bis 20 Jahre 9, 20-30 Jahre 37. 30-40 Jabre 52, 40- 60 Jahre 64, 60 bis 80 Jahre 60, über 80 Jahre 21. Die Sterbefälle beim Alter von 0 bis 5 Jahren machen 48,96 pCt- sämmt- licher in dieser Woche Gestorbenen aus. Von den im Alter unter 1 Jahr gestorbenen Kindern starben 46 im ersten, 22 im zweiten, 24 im dritten, 11 im vierten, 10 im fünften, 11 im sechsten, 40 im siebenten bis zwölften Lebensmonate; von denselben waren ernährt 23 mit Muttermilch, 3 mtt Ammen» milch, 71 mit Thiermilch, 5 mit Milchsurrogaten, 29 mit gemischter Nahrung, von 33 war es unbekannt. Todesursachen waren besonders: Lungenschwindsucht(89), Lungenentzündung (38), Bronchiallatarrh(16), Kehlkopfentzündung(18), Krämpfe (25), Gehirnschlag(12), Gehirn- und Gehirnhautentzündung(14), KrebS(18), Alterschwäche(23), Lebensschwäche(32), Abzehrung (19), Masern(16), Scharlach(7). Diphtherie(33), Typhus(1), Diarrhöe(12), Brechdurchfall(4), an anderen Krankheiten Saiden 148 und durch Selbstmord 4, davon durch Vergiftung 1, urch Erhängen 1, durch Ertrinken 1, durch Sturz auS der Höhe 1. Die Sterblichkeit derWoche auf das Jahr berechnet, kommen durch- schnittlich auf 1000 Bewohner in Berlin 21,2, in Breslau 26,4, in Frankfurt a. M. 19,0, in Köln 21,7, in Dresden 27,6, in München 27,9, in Bremen 21,0, in Stuttgart 20,2, in Wien 25,4, in Paris 21,4, in London 24,6, in Liverpool 37,5. In der Woche wurden dem Polizeipräfidium gemeldet als erkrankt an Typhus 20, an Masern 95, an Scharlach 47, an Diphtherie 138, an Pocken 4. In den 9 größeren Krankenhäusern wurden in der Berichtswoche 863 Kranke aufgenommen, davon litten an Masern 4, an Scharlach 9, an Diphtherie 33, an Typhus 11, an Rose 4. Es starben 131 Personen oder 24,8 pCt. aller in der Woche Gestorbenen; als Bestand verblieben 3928 Kranke. »r«»bet« tn�Berlm. Druck und Verlag von«ar Babing Wasserstand der Spree in der Woche vom 13. bis 19. Dezember.(Angabe in Metern.) Polizei» Bericht. Am 24. d. 511?., Abends, fiel die 3 Jahre alte Tochter deS Bureau-Asststenten Ballhorn, Karls- straße 37 wohnhaft, beim Spielen in der Küche in einen Kübel mit fiedendem Waffer und erlitt dabei solche Verletzun- gen, daß fie am 26. d. Mts. verstarb.— Am 28. d. Mts., Vormittags, wurde eine Frau vor dem Grundstück Gitschiner- straße 86 von einem Pferde derart gegen den Leib geschlagen, daß fie, anscheinend schwer verletzt, nach ihrer Wohnung ge- bracht werden mußte.— Um dieselbe Zeit wurde ein Herr, welcher seit 14 Tagen in einem hiesigen Hotel logirte, in sei- nem Zimmer todt aufgefunden. Da die Todesursache nicht mit Sicherheit festgestellt werden konnte, wurde die Leiche nach dem ObdunionShause geschafft.— An demselben Tage, Abends, verunglückte der Arbeiter Ladewig auf dem Güterbahnhofe der Ostbahn dadurch, daß er am rechten Fuß einen Bruch des Knöchelgelenks erlitt. Er wurde nach dem Krankenhause im Friedrichshain gebracht.— An demselben Abend wurde ein Dienstmädchen rn der Neuen KönigSstraße in seiner Schlaf» kammcr, neben dem Bette liegend, todt aufgefunden. Die Leiche wurde zur Feststellung der Todesursache nach dem Od- duttionShause gebracht. Uereine und Nersammwngen. bks. Die Mechaniker, Optiker, Uhrmacher, chirurgt- Sljen»nd anderen Jnstrumentenmacher hielten am onntag, Vormittag?, in den„Bürger-Sälen", Dresdener- straße 96, unter dem Vorsttze der Herren Bremer und Weise eine von ca. 300 Theilnehmern besuchte öffentliche Gewerkschafts- Versammlung ab. in welcher fie fich ausschließlich mit der ge- werkschastlichen Organisationsfrage der genannten Berufe be- schäftigten. Zunächst hielt Reaierungsbaumcister Keßler einen Vortrag über das in Rede stebcnde Thema und befürwortete als die unter den gegenwärtigen Zuständen und Vereins- aesetzen in Deutschland geeignetste Organisation die der Maurer, welche bekanntlich nur auS lokalen Fachvereinen und einer von dm Kongreffen der deutschen Maurer zu wählenden Konttol-Kommisston besteht. Man möge überall lokale Fach- vereine enichten, die zu einander nur in einem Kartellvcrtrage stehen, um fich, wo e« erforderlich, gegenseitig gewerkschaftlich zu unterstützen. Als zweiter Redner sprach der Mechaniker Herr Kersten, derzeitiger Vorfitzmder des„Deutschen Unter- stützungs- Verbandes für Mechaniker, Optiker und Uhrmacher", aus Stuttgart über die Entstehung und Zwecke deS genannten Verbandes, dem allerwärts jeder Berufsgenoffe, gleichviel, ob er bereit? einem lokalen Fach« verein seiner Branche angehöit oder nicht, als Mitglied.bei- treten müsse, wenn die herrschenden groben Mißstände ge- mildert und beseitigt werden, die Verhältniffe der Gewjrbs- genoffen fich günstiger gestalten sollen. Jedenfalls werde auf dem nächsten Kongreß der Mechaniker, Optiker und Berufs- genoffen(um Ostern) dahin gestrebt werden, den Kreis- des Verbandes noch zu erweitern und auf alle verwandten Be- rufSgenoffen, als chirurgische und andere Instrumenten- wacher ,c. auszudehnen.(Beifall.) Der genannte Verband de- zweckt die Einigung und Unterstützung seiner Mitglieder durch Gewäbnmg von Reiseunterstützung, Rechtsschutz in geweid- liehen Streitfällen, Unterstützung derjenigen Verband( mitgliedei-, welche für denselben oder durch getroffene Anordnungen des- selbm arbeitslos werden, Regelung der Arbeitszeit, des Ar« beitSlohneS und de» Lehrlingswesens, Errichtung von Aus- kunfts- und Stellenvermittlungsbureaux, Pflege der Berufs- statistik. An allen Orten, an welchen stch mindestens fleben Mitglieder definden, sollm Zahlstellen errichtet werden. In der darauf folgenden lebhaften Diskusfion, an der fich besonders die Herren Bremer, Gesler, Kirsten,— Meier und Spieß betheiligtm, sprach man fich allgemein im Sinne des Referenten Kirsten und für den Eintritt aller Kol- legen in den Verband und für gleichzeitige Betheiligung an dm lokalm Fachvereinigungen der Mechaniker, Optiker, Uhr- machet, chirurgeschen und anderen Jnstrumentenmacher aus. Demenisprechmv wurde auch von der Versammlung einstimmig resolvirt und ferner beschloffm, zum nächstm Kongreß energiieh alle verwandten Berufsgcnoffcn heranzuziehen. Aus der Dis- kusston heben wir noch hervor, daß Herr Bremer unter allge- meiner Zustimmung den nammtlich in Berlin sehr häufig vor- kommmden, geradezu ungesetzlichen Unfug der Verwendung von Lehrlingen rüg'e, die nach Feierabend noch mehrere Stunden, oft bis Mitternacht, zu Akkordarbeitm verwendet werden, für die ihnen die Hälfte desjenigen Lohnes gezahlt wird, den die Gehilfen zu beanspruchen hätten. bks. Der Fachveretn der Mechaniker, Optiker, Uhr- macher, chirurgischen und anderen Jnstrummtenmacher hiett am Sonntag in den Bürgersälen, Dresdmerstt. 96, eine geschlossene Mrtgliederoersammluna deS Vereins zum Zweck seiner dcfinitivm Konstttuirung ab. Nachdem der Vorfitzende, Herr Bremer, ein Schreiben des Kgl. Polizeipräfidiums verlesen hatte, wonach dem eingereichten Statut des Vereins die Ge- nehmigung nicht ertbeilt werdm konnte, beschloß die Versamm- lung nach längerer Debatte, dem Vorstände des Vereins unum- schrantte Vollmacht zur entsprechenden Abänderung deS Statuts nach den Anforderungen des Gesetzes zu erthcilen. Nach Anficht deS Königlichm Polizeipräfidiums ist nämlich der Verein auf Grund der jetzigen Fassung seiner§§ 4 und 10(betreffend die Gewährung von Unter» stützungen bei Arbeitseinstellungen und in gewerblichen Streit« fällen) als eine Verficherungskaffe anzusehen und demgemäß zu seiner staatlichen Genehmigung anderen Gesetzdestimmungen unterworfen. Hierauf vollzog die Versammlung die Wahlen für den definitiven Voi stand. Gewählt wurden die Herren Bremer zum 1. und Stur, zum 2. Vorfitzenden, Weise zum 1. und Linde zum 2. Kasstrer. Schramm unv Broike zu Schrift- führern, M. Meier, Jacob: und A. Ebel zu Ersatzmännern, Spieß, Homuth und A. Kantrian zu Revisoren. br. Der Kachverein der Stuckateure setzte am Montag bei Niest, Kommandantenstt. 71, die Berat hung über den von seiner Lohnkommisston ausgearbeiteten Lohntarif fort. Es kam der zweite Theil des Tarist, der in 40 Positionen die Preise für die in der Praxis am häufigsten vorkommenden Akkord- arbeiten aufstellt, zur Berathung. Der Berichterstatter der Lohn- kommisston erklärte, daß die Lohnkommisston im Prinzip für Abschaffung der Akkordarbeit sei. daß fie aber in Rückficht darauf, daß der Fachverein zur Zeit noch nicht stark genug sei, die Akkordarbeit gegen den Willen der Prinzipale, die fast ohne Ausnahme—, und der Kollegen, die zu einem großen Theile noch der Akkordarbeit den Vorzug geben, abschaffen zu können, davon Abstand genommen, jetzt schon die Abschaffung der Akkordarbeit in Vorschlag zu dringen. Nachdem mehrere Redner fich im Sinne der Lohnkommisston geäußert hatten, wurde in die Spezial-DtSkusfion eingetreten. Von den 32 5"' fitionen, die erledigt wurden, wurden die meisten ohne%% batte angenommen, die anderen, zum Theil nach sehr lebhaflen Debatten, entweder abgeändert oder durch Zusätze ergänzr. Die Erledigung der übrigen Pofiiionen wurde auf die nächst Sitzung vertagt. l verlin 8W, Beuthstraße 2 Hierzu eine Beilage zum Berliner Volksblatt. Ks» 304. Mittwoch» de« 30 Dezember 1885. II Jahrg» Aus Gesterreilh. Heber ArbeiterverhSltnisse im Wiener Berkehrswefe«. AlS vor etwa zwei Jahren auch in Oesterreich die Jor« derung nach einer auSgiebiftm Arbeiterschutz> Gesetzgebung immer dringender und lauter wurde und die Regierung fich veranlaßt sah, in die Vorlage einer neuen Gewerdeordnung Bestimmungen zum Schutze von Leben und Gesundheit der Arbeiter aufzunehmen, bedauvteten die Fabrikanten und Unternehmer wie überall, daß solche Bestimmungen überflüsstg, ja schädlich seien, daß die Arbeitszeit ohnehin nur kurz und dem „freien" Uebereinkommen der Arbeiter mit den Arbeitgebern übirlassen sei; daß auch sonst die freie Initiative der Arbeit- geber längst daS erreicht habe oder noch erreichen werde, was man mit ver Gesetzgebung nur mangelhaft und vielfach zum Schaden der Industrie durchsetzen wolle. Ader schon die vor dem AuSschuffe des Abgeordnetenhauses vernommenen Experten auS dem Ardeiterstande sangen ein ganz anderes Lied und man gewann auS ihren detaillirten Angaben, die später viel- fache Bestätigung fanden, ein höchst trauriges Bild von der Lage deS Ardei'erstandeS in vielen Thcilen Oesterreichs. Geradezu sensationell wirkte aber eine Serie von Artikeln, die in der„Oesterreichischen Monatsschrift für christliche Sozial- reform" veröffentlicht wurden und die unier Nennung der betreffenden Unternehmungen ein bis i» die kleinsten Einzel- heilen reichendes Bild von der materiellen Lage des öfter- reichischen ArbciterstandeS entwarfen, das Empörung und Ab- scheu in den weitesten Kreisen der Bevölkerung hervorrief. Hier wurde nachgewiesen, daß in der Metropole der öfter- reichischcn Textilindustrie, in Brünn, 14— 18 stündige Arbeits- zeit die Regel bildet, die Arbeiter in den staubigen und dunsti- aen FabrikS Werkstätten effen und schlafen und nur über die Sonn- und Feiertage nach Hause kommen; daß die Löhne nur sellen die Höhe von S fl. in Ver Woche übersteigen und daß die sanitären Zustände in den Fabriken schauderhaft find. Der Prioatdozent an der Wiener Univerfltät Dr. I. Singer hat ähnliche Zustände im nordöstlichen Böhmen entdeckt. Damit ist wohl endgiltig der Schleier von der Heuchelei des öfter- reichischcn Manchesterthums heruntergerissen und da« vielge- rühmte Land der Gcmüthlichkeit hat gezeigt, daß in Geldsachen auch dort die Gemüthlichkeit aufhört. Leider übersteht man sehr häufig, daß solche Zustände nicht b vs in fabrikmäßig organifirten Unternehmungen, nicht blas in der Produttion, sondern auch in allen anderen Erwerbsarien sich vorfinden, wo das Großkapital Gelegenheit gefunden hat, die Ausbeutung in? Schrankenlose auszudehnen. Ja, in manchen der letzteren find die Zustände noch greulicher, weil die Gesetzgebung schwerer einzugreisen vermag und weil die Ardeiter fich schwie- riaer organistren können. Es ist bekannt, welche Zustände z. B. im Grstgewerbe, in kaufmännischen Geschäften bestehen. Wir haben es beute speziell mit den Bediensteten der Wiener Pferde- bahn Gesellschaft zu thun, über welche ebenfalls in der„öfter- reich ischen Monatsschrift für christliche So, mlreform" authentische Daten veröffentlicht wurden, deren Inhalt es in der That recht- ferliat, dag jene Bediensteten in der Aufschrift des erwähnten Artikels als„weiße Sklaven" bezeichnet werden. Es verdient wohl auch besonders erwähnt zu werden, daß diese Daten von eirem katholischen Geistlichen gesammelt und veröffentlicht wor- dm find, der fich auch schon früher große Verdienste um die Erforschung der Arbettszustände in Floridsdorf, einem großen Fadriksvolorte von Wien, erworben hat. Die Wiener Pferdeeisenbahn-Gesellschast, welche weitaus WMsZMK lauter Deutsche find, verfahren und wie traurig eS da mit ihrem Deutschthum aussteht, wird auS den fügenden WMZMß die Revisoren bei Stuim und Regen auf offener Straße be. ständig Wagen auf- und abspringen müssen. Jene Revisoren, Auch riu Axustel. Line Erinnerung von Reiahold Orimano. (Rachdruck verboten.) Sie wird mir nicht so leicht aus dem Gedächtniß schwinde«, die hagere, starkknochige Gestalt mit den scharf geschnittene», energischen Gesichtszügen, dem gewaltigen Schnurrbart und den sanften, beinahe kindlichen Augen. Wie er so daher kam, dröhnenden Schritte», in seiner er- heuchelte« Strammheit und Elastizität, mit einem dünnen, fadenscheinigen Röckchen angethaa und alle Taschen ge« spickt mit Zeitungen, Büchelchen und Brochüren; wie er mit seinem dicke« Stock in der Luft herumfuchtelte und dabei immer haldlaut vor sich hinredete, machte er unbedingt einen kampfeSmuthige», kriegerischen Eindruck, und während die Kinder auf der Straße scheu vor ihm zur Seite wichen, wandten sich die Erwachseven mit einem spöttischen Wort oder mit einem mitleidigen Lächeln nach ihm um. Und wie spotteten und lächelten sie erst, wenn er zu ihnen sprach, wenn sich alle Muskeln seine« eingefallenen Gesichts be- lebte» im Eifer für feine Sache, und wenn es auch sogar au« den soust so sanfte» Augen zuweilen hervorschoß wie ei« Aufleuchten de« Zorne« oder wie ein Heller Strahl der Begeisterung. Wie lächerlich kam es ihnen vor, daß sich ein vernünftiger Mensch so fiewaltig ereifern könne über die gleichgiltigstea und neben- ächlichsten Dinge von der Welt: über Essen und Trioken; und wie thöricht war e« obendrein, mit einem ganzen Apparat von Medizin, Statistik, Ethnologie und sonstiger Wissenschaftlichkeit für die Verbannung aller thieris-ten Nahrung, aller Leckerbissen und ralfinirten kulinarischen Genüsse zu plaidiren! Er war ein Vegetarier au« vollster, tief innerster Ueberzeugung. Er war e« gewesen au« bitterer Nothweodigkeit. noch ehe er von einem Pythagora« oder von einem anderen Schutzheilige» der Pflanzenesser auch nur da« Geringste gewußt hatte; denn sein Vater war ein armer Handwerker, der fünf lebendig« Kinder zu ernähren hatte, welche keine Betrügereien entdecken, werden gewöhnlich bald entlassen, diejenizen, welche die meisten Anzeigen machen, be- kommen jedoch Prämien ausgezahlt. Es ist daher begreiflich, daß fich sehr wenig anständige Menschen um diese Stellen be- weiden, da fie zu wahren Hetzjagden gegen die Kondukteure genöthigt find, die bei ihrer schlechten Zahlung allen Scharfsinn anwenden, um die Gesellschaft um einige Gulden per Monat zu prellen. Die Expeditoren, welche die nächste Rang- stufe einnehmen, haben die Ankunft und Abfahrt der Wagen an den Endstationen und an den Krnuzungspuntten zu leiten, die Zeit einzutragen, die Fahrkarten an die Kondutteure aus- zugeben und außerdem letztere mit allem Röthigen— Lampen, Riemen für den Kutscher:c.— zu versorgen. Der Expeditor ist ein wahres perpo uaw mobile und hat kaum Zeit, die dringendsten menschlichen Bedürfnisse zu befti-digen. Dafür bezieht er einen Monatsgehalt von 60 fl.(100 M.) oder 45 fl.(75 M) und Monteur. Der Kondukteur(Schaffner) ist jedoch der verantwortungsvollste und geplagteste Funktionär. Er muß sein 60§§ und 83 Druckseiten enthaltendes Jnstruktionsduch, 24 wertere Instruktion«- büchlein(bis zu 28 Seiten) über die Markirung der Fahr- karten auf einzelnen Strecken, dann das Fahrkartenbuch zum Erkennen der verschiedenen Fahrkarten genau kennen, und jedes Uedersehen einer der zahllosen Vorschriften hat eine Strafe zur Folge, für deren Arten es eine eigene Systematik giebt. Ein schlagender Beweis für die Schwierigkeit, alle diese Vorschriften inne zu haben, ist die Bestimmung, daß ein Kondukteur Jder 3 Monate gedient hat, ohne gestraft worden zu sein, Anspruch auf eine Prämie hat. Früher bestanden die Eirafen meist in Geldstrafen, jetzt find sogenannte Straftouren, d. h. nicht be- zahlte Fahrten an freien Tagen, an die Stelle getreten. Da« durch hat fich die Gesellschaft einen neuen Profit verschafft; während nämlich die früheren Strafgelder an die Krankenkasse abgeliefert wurden, fällt jetzt der Gewinn blos der Gesellschaft zu. Nach einer sehr mäßigen Berechnung erspart die Gesell- Ichaft duich die Straftouren 9 Angestellte, die ihr jährlich 4586 fl. 40 kr.(7644 M.) kosten würden. Der Kondukteur 1. Klasse ist im Aussterben begriffen, es giebt fast nur noch Kondukteure 2. Klasse mit 1 fl. 60 kr.(2,70 M.) und 3. Klasse mit 1 fl. 40 kr.(2,33 M.) pro Tag. Die Dienstzeit eines Kon- dukteurs ist unbestimmt; heute 16, morgen 18 und mit dem Heimweg auch 20 Stunden. Dabei ist demselben verboten, fich niederzusetzen. Die niedrigste Arbeitszeit, die ermittelt werden konnte, war ohne Hin- und Herweg 13 Vi Stunden. Wie anstrengend der Dienst eines Pferdedahn-KondukteurS ist, braucht man wohl nicht ausführlich zu beschreiben. Nicht besser ist der Dienst deS Kutschers, der dessnitio angestellt 1 fl. 40 kr.(2,33 M.) Tagelohn hat, provisorisch 1 fl. 20 kr.(2 M.) Laut Instruktion Hai jeder Bedienstete Anspruch auf einen freien Tag in der Woche, in Wirklichkeit steht es aber damit so aus: Nur definitiv Angestellte bekommen den freien Tag gezahlt; die ersten drei Monate ist jede Anstelli-ng jedoch nur provisorisch und gewöhnlich dauert es ein Jahr und auch darüber, bis Jemand in den Genuß des freien Tages kommt. Die freien Tage werden eben, wie bereits erwähnt, zur Ad- leistung der Straftouren benutzt, von denen jede 2 bis 3 Stunden dauert. Diese Straftouren werden gewöhnlich im Sommer oerfügt, da dann der Verkehr stärker ist; im Winter weiden aber zahlreiche Urlaube kommandirt, für welche Zeit die Leute nicht bezahlt werden. So erleichtert die Gesellschaft ihre Büdgeis und schafft freie Tage auf Kosten der Angestellten. Alle anderen Bediensteten, mit Ausnahme der Pro- fesfionisten und Stallmeister, beziehen einen Tagelohn von 1 fl. 20 kr.(2 MO und haben eine durchschnittliche Ar- beitszeit von 14 Stunden täglich. Sonn- und Feierlage haben Alle ohne Unterschied das ganze Jahr hindurch Dienst. AuS der Dienstespragmatik ist folgendes besonders hervor- zuHeben: In§ 23 hrißt eS über vre Arbeitszeii wörtlich: „Insofern alS bei einzelnen Diensteszweigen eine gewisse täg- liche Arbeitszeit eingeführt ist, sind die betreffenden Bediensteten und Beamten verpflichtet, dieselbe fleißig und pünktlich cinzu- halten. Die Beamten und Bediensteten können jedoch von ihrem Vorstand verhalten werden, zeitweilig auch über die fest- gesetzte Zeit in Verwendung zu bleiben oder neben der Er- füllung ihrer gewöhnlichen Obliegenheiten andere, ihrer Stellung und ihrem Berufe entsprechende dienstliche Venich- tungen zu besorgen. Für deraNiae Mehrleistungen haben die betreffenden Personen keinerlei Anspruch auf eine desondere Vergütung." Dazu ist als weiteres Charakteristikum aus der und der dem Aeltesten weder auf der Gewerbeschule,«och auf dem Polytechnikum auch nur die geringste Beihilfe ge- währen konnte. Da hatte er freilich der Pflanzennahruvg vor aller anderen den Vorzug geben müssen, und auch sonst hatte eS Gelegenheit genug gegeben, sich in allerlei Enthalt- famkeit zu üben. Seine Studienzeit war nichts anderes gewesen, al« eine lange Kette von durchdarbten Tagen und von durchfrorenen Nächten; und al« er es endlich zu einer bescheidenen Lebensstellung gebracht, da war die Summe seiner traurigen Erfahrungen fast noch größer al« die Summe seiner Kenntnisse. Nun hätte er freilich ein Ende machen können mit dem Hungern und Entbehren; den» so mäßig auch sei« Einkommen war, e« reichte doch hin zu einem guten Stück Braten am Mittag und zu einem Schoppen Bier oder Wein am Abend. Aber da hatte er etwa» gelesen von Pythagora» und von anderen Weisen de« Alterthum«, die den Menschen auf die Rückkehr zur Natur verwiesen und auf die Freuden eine« Lebens, da« rein sei vom Blute unschuldiger Mitgeschöpfe,— da hatte er einen lehrreichen Vortrag gehört über den VegetarianiSmu«, hatte sich Brochüren und Bücher gekauft und war über Nacht zu einem fanatischen Anhänger der strengen Lehre geworden. Er machte sich nicht etwa im Stillen kleine Zugeständnisse, wie die Anderen; er unterlag nicht der lockende» Ver- suchung, die ei« düftevder Braten oder ein schäumender Humpen darstellte, sondern er ging unbeirrt mitten durch alle Anfechtungen seinen haarscharf vorgezeichneten Weg. Ein rothwavgiger Apfel und ein Stück trockenen Brotes waren sein Morgen- und Abend Imbiß, eine gute Portton Rei« oder Mai«, in Wasser gekocht, sein Mittagsmahl. Und da« war, als ich ihn kennen lernte, seine Lebensweise nun schon seit manchem Jahr! Es hätte nun freilich Niemand Ursache gehabt, fich darum zu kümmern, und e« hätte auch vielleicht Niemand gethan, wenn sich nicht allgemach eine> gar schlimme Eigenschaft bei unserem Pythagoräer eingestellt? hätte— und da« war der BekehrungSeifer! Er selber war so vollkommen durchdrungen von der DiensttsinstruNion der Kondukteure, Kutscher»c. hinzuzufügen, daß fich an Echneetagen die an diesen Tagen vom Dienste Befteiten, ohne eine Aufforderung abzuwarten, ihren Vorständen zur Dienstesverfügung zu stellen haben. Ueber das Durchschnitts-Einlommen eineS Kondukteurs, der bereits definitiv angestellt ist, hat der erwähnte katholische Geistliche ans Grund seiner Erkundigungen eine Berechnung angestellt, die seineS Erachtens so genau alS möglich ist. Ein definitiver Kondukteur bekommt täglich 1 fl. 40 kr., macht im Sommer, wenn er immer fährt, pro Woche 9 fl. 80 kr. Davon muß er 30 kr. an die von der Gesellschaft gegründete Krankenkasse geben, eS verbleiben also 9 fl. 50 kr. Wochenverdicnst im Sommer. Im Winter ist der Verdienst weit geringer, da der Mann in der Regel für 2 Tage in der Woche außer Dienst kommandirt wird, also nur für 5 Tage, d. i. 7. fl., ausgezahlt bekommt, wovon er 21 kr. an die Kran« kenkaffe zahlt. Bleibt also ein Verdienst von 6 fl. 79 kr. pro Woche. Davon find aber auch noch die Marode« resp. Ur- laubstage in Abzug zu bringen, denn Eckältungen kommen im Winter häufig vor. Ein Kondukteur und ein Kutscher deziffer« ten die Marovetage auf mindestens zwei pro Monat, macht vom November bis März 10 Tage. Sieben Monat Sommer- verdienst machen 266 st, fünf Monate Winterverdienst 135 st. 80 kr. Sonach beträft der JahreSverdienst mit nur 14 Ma- rodetaaen im Jahre(14 fl. 56 kr. Abzug) 401 fl. 80 kr. (669,67 M.), der Durchschnittsverdienst pro Woche 7 fl. 73 kr. (12,88 M.) oder pro Stunde 8 kr.(13 Pf.), da durchschnittlich 16 stündige Arbeitszeit anzunehmen ist. Seit dem 1. Januar 1876 besteht bei der Gesellschaft eine Kranken-, Unterftützungs- und Sterbekaffe, zu welcher jeder Angestellte vom Lohngulden 3 kr. einzahlen muß. Die Kasse wurde— auch das ist bezeichnend— aus den Strafgeldern, die früher statt der Straftouren verhängt wurden, gegründet. Die Verwaltung der Kasse hat fich aber ganz der Verwaltungsiath der Gesellschaft vorbehalten. JedeS Mitglied der Kasse, wenn es mindestens 4 Wochen im Dienste der Gesellschaft steht, erhält in Krankheitsfällen durch 20 Wochen eine Unterstützung in der Höhe des halben Lohnes und seine Familie im Sterbefalle 30 fl. Leichenbeitrag. Steht Jemand seit Jahren ununterbrochen im Dienste, so kann ihm ein Drittel seine« Gehaltes als Penfion bewilligt werden, wenn er durch den Dienst Invalide geworden. Ist genügender Fonds in der Kasse, so kann dem, der 15 Jahre ununterbrochen gedient hat, die Hälfte, und Jenem, der 20 Jahre gedient, zwei Drittel seines GehalteS als Penston, d. h. wenn er dienst- untauglich geworden, angewiesen werden. Solche Penfioitm find jedoch bisher noch nicht vorgekommen, wahrscheinlich weil einerseits es ohnehin nur Wenige so lange bei der Gesellschaft aushalten und andererseits doch Niemand von einer solchen „Penfion" leben kann. Eine recht merkwürdige Bestimmung ist auch die, daß Derjenige, der über ein Jahr zur Zufrieden- heit gedient hat, einen Ueberschuß diS zur Höhe eines Monats- gehaltes gegen sechs Prozent Zinsen pro anno erhalten kann. Auf solche Art sucht die Gesellschaft die Fonds der Kasse zu vergrößern, ohne selbst etwas dazu beisteuern zu müssen. Um die Leistung«» dieser Kasse besser beurtheilen zu können, sei hier erwähnt, was die Wiener allg. Arbeiterkrankenkaffe, eine von den Arbeitern selbst gegründete und verwaltete Kor- poratton, leistet. Gegen 16 kr. wöchentlichen Kranlenbeitrag wird im Erkrankungsfalle durch 26 Wochen eine tägliche Unter- stützung von 85 kr. und durch weitere 26 Wochen von 42 kr. ausbezahlt. Nebst dem Arzt, Medikamente, billige Bäder, Transport in ein Krankenhaus, Mineralwasser«. gegen eine Aufzahlung von 4 kr. wöchentlich. Mitglieder, welche, wenn fie ein volles Jahr krank waren, nach der Krankheit arbcils- unfähig bleibe', find ein weiteres Jahr von den Beitrags» leistungen befreit. Bei der Pferdebahngesellschaft erhält ein Bediensteter, der bei einem Gebalt von 9 fl. pro Woche 27 kr. an die Kasse zahlt, duich blos 20 Wochen täglich 70 kr., Arzt und Medikamente und 30 fl. Leichcndeitrag. Als nach dem großen Börsenkrach durch die Spekulationen, welche die Wiener Pferdebahngesellschaft mit ihren eigenen Aktien getrieben hatte, der Gesellschaft große Verluste entstanden, da beschloß der Verwaltungsrath, an den Löhnen deS Personals zu sparen. Darum heute noch die niedrigen, oben aufgeführten Löhne. Wenn irgendwo die Nothwcndigkeit vorliegt, daß daS Gesetz zum Schutze der Arbeiter eintrete, so ist es gewiß hier der Fall. Richtigkeit seiner Enthaltsamkeitslehre, er bemerkte so« wenig von dem Verfall seiner äußeren Erscheinung und der mächtigen Abnahme seiner Kräfte, daß er e» für eine heilige Pflicht erachtete, auch Andere« die Segnungen de» Vegetarismus recht oft, recht anschaulich und recht nach« drücklich vor Augen zu führen. Und so wurde er au« einem stillen, friedlichen, harmlosen Menschen ein Fanatiker von wüthender Rücksichtslosigkeit, ein opferfreudiger Apostel, de» kein Spott zurückzuschrecken, keine schweigende Ablehnung zu entmuthigen, keine unverblümte Grobheit zu kränke« ver« mochte! Er verließ die stille Abgeschiedenheit feines Zimmer» und suchte die im Zrrthum Befangene« auf, wo fie nur immer zu finden sei« mochte». Kein Alter und Geschlecht, kein Rang und keine Würde schützten vor seiner flammenden Bcredtsamkeit, und wehe der ahnungslosen Gesellschaft, die ihn zur Theilnahm« an ftöhlichen Tafelfreuden in ihre Mitte aufgenommen hatte. Wenn die Heiterkeit ihren Gipfel« punkt zu erreichen begann, wenn die Hochfluth der Toaste hereinbrach, dann erhob auch er den Blick von seinem un« berührten Teller, schlug weithin vernehmlich an sei« leere» Gla«, und rief sein mahnendes und strafendes Mene tekel hinein in die sorglose Luft. Und fo war eS denn ge- kommen, daß man ihm im weite» Bogen au« dem Wege ging, daß man feine Einladung mit hastigen Entschuldi« gungen ablehnte und daß man bei seinen Besuchen zufällig niemals zu Hause war. Er wurde gemieden wie ei« Au«. sätziger oder wie ein Schurke, und doch war er bis in die innerste Faser seines Wesen« ein grundehrlicher und wackerer Mensch! Ganz obenan unter allen Vortheilen der natürlichen Leben«. weise stand ihm die Ueberzeugung, daß fie den Mensche» besser mache, und er hielt tagtäglich strenge Prüfung an sich elbst, ob ihm auch der alte Teufel, der noch von ehedem n seinem Fleische stecken mochte, in Bezug auf die Lauterkeit eine« Thun« und Lassen« keine bösen Streiche spiele Seine laute Rede galt vor Allem der Schonung der Thier«, sei» verborgenes Handeln war erfüllt von der Liebe zu de» Mensche«; und von den vielen Groschen, die er bei seiner Politische Urberstcht. Der ,Hordd. Allg. Ztg." gefällt unsere Anficht über die SonnlagSarb»tt natüiltch nicht, unv so dürfen wir unS auch nicht wundern, daß fie von der in unserer FreitagSnummer ge- übten Kritik über einen von ihr produzirttn Artikel ganz wild geworden ist. Sie schreibt: „Recht ckarakleiistisch für die demagogische Manier, in welcher die Bevölkerung in einer bekannten Presse aufgehetzt wird, zeigen fich die folgenden Bemerkungen des„Berliner Vollsblatt" zu unserem neulichen Artikel über daS an den Reichstag gelangte Material, betreffend die Ruhe an Sonn« und �cieitazen." Und nun zitirt das Blatt einen T h e i l unserer Aus« führungen gegen den von ihm gebrachten Artikel, während es — gewiß ohne Adficht— einen wesentlichen Satz von den- selben verschwinden läßt. Zum Schluß heißt es dann: „Wäre die„Rordd. Allg. Ztg." für absolutes Verbot der Sonntagsarbeit eingetreten, so würde das sozialistische Blatt natürlich über die Mucker und Pharisäer schimpfen, welche dem nolhleivenden Volke die ohnehin sparsame Arbeitsgelegenheit schmälern wollen. Schimpfen unter allen Umständen, das nennt diese Art Presse„Vertretung des arbeitenden Volkes." Wir hätten dieser„Erwiderung", weil es eben eine solche nicht ist, kein« Beachtung geschenkt, wenn dieselbe nicht auf- fallend gehässtg gehalten wäre. Von einer„demagogischen Manir" und von„Aufhetzung" zu reden, wo wir von nackten gThatsachen und wahrheitsgemäß sprechen, kenn. uicknet das Vorgehen des offizrösen Blattes zur Genüge. Glaubt denn das Blatt dem arbeitenden Volke imponiren zu können, wenn eS die Agitationsmittel, welche von den Libe« ralen auf den manchesterlichen Wegen als abgenutzt fortge- warfen wurden, eifrig auS dem Schmutz aufhebt und als nagelneue Argumente gegen die gesetzliche Sonntagsruhe in sein>n Spalten präsentirt? Oeder ist dassManchesterthum wohl noch niemals vertreten worden als es jetzt von einem freiwil- ligen Regierungsblatte gesch'eht, welches sonst mit großer Emphase bei jeder Gelegenheit gegen dasselbe zu Felde zieht. Diese Art des AustretenS aller manchesterlrchen Pfade wäre köstlich amüsant, wenn es fich nicht um eine recht ernste Sache handelte. Wir wollen gerne gestchen, daß uns ein beschämendes Gefühl überkommen würde, wenn wir unsere Vertheidigungsmittel aus der Trödclkammrr veralleter Anschauungen nehmen müßten. Aber solchen An- Wandlungen des Gefühls steht die„Rordd. Allg. Ztg." er« haben gegenüber, solche Herzensdeklemmungen sind höchstens noch den„Demagogen" eigen. Gar zu kindisch ist die Be- hauptung. daß wir gegen die„Rordd. Allg. Ztg.", wenn fie das stirkte Verbot aller EointagSarbeit gefordert hätte, gewiß den Vorwurf erhoben hätten, fie wolle den Arbeitem den kargen Verdienst nock, weiter schmälern. Daß Dampfschiff und Lokomotive plötzlich still stehen sollen, wenn der Sonntag beginnt, oder daß solche Arbeiten, die absolut auch Sonntags verrichtet werden müssen, unterbleiben sollen, wird kein ver« nünfligcr Mensch verlangen. Andererseits ist aber allen voran gerade die„Rordd. Allg. Ztg." mit der Behauptung hervor- getreten, daß der arme Arbeiter durch das Verbot der Sonntags- arbeit schwer geschädigt werde. Man ficht, das offiziöse Organ versteht sich auf„sachliche" Erwiderungen. Die Branntwein-Monopolvorlage wird, wie verlautet, etwa Mitte Februar im Reichstage erwartet. An den Bundes- rath soll das Projekt in Form eines preußischen Antrages— wie früher auch das Tabaksmonopolprojekt— in der zweiten Hälfte des Januar gelangen. Ihre Mittheilungen über da« Branntweinmonopol setzen die offiziösen„Berl. Pol. Nachrichten" in folgendem Mit der größten Befriedigung wird in den weitesten Kreisen auS den Andeutungen über die beabfichtigte Reform der Branntweinsteuer ersehen worden sein, ein wie entschci- dendcs Gewicht auf die wirksame Bekämp'ung der im mora- tischen, gesundheitlichen und wirthschastlichen Interesse gleich gefährlichen Branntweinpest gelegt wird. Wenn die schädlichen Wirkungen der Branntweinpest einerseits auf dem Uedermaß, andererseits auf der gcsundheitsgefährltchen Beschaffenheit dcS konsumirten Branntweins beruhen, so erscheinen die bcabstch- tigtcn Maßregeln geeignet, dem U-bel nach beiden Richiungen wirksam zu steuern. � Bei der Beurtheilung wrrd davon auszugehen sein, daß dem Privatverkehr außer dem zu gewerblichen Zwecken de- naturirtcn SpirituS nur vollständig reiner Trinkbranntwein zu einem nach dem bcabfichtigten hohen Ertraae demessen-n Verkaufspreise staatsseitig überlassen wird, im Uebrigen aber dem Vertriebe keine unerträglichen Schranken auferlegt werden. Insbesondere würde weder eine über das Maß des Rolhwendigen hinausgehende Einschränkung der bestehenden Schanlstätten, noch eine Belästigung der fich mit dem Vertriebe von Branntwein als Redenwertb befassenden Gastwirt he, Restaurateurs. CafStiers, Konditoren ,c. mit dem Monopol verbunden sein. Im Gegentheil würde für letztere, neben der Sicherheit, um reines Fabrikat zu erhalten, eine Beschränkung auf die von den Verfchleißern inne zu halrendcn klassische« Bedürfnißlosigkeit von dem bescheidene« Ein- kommen erübrigte, ging kein einziger aus seiner Hand, der nicht bestimmt gewesen wäre, eine Thräne zu trocknen oder herben Kummer zu lindern. Aber er war ein Kind nicht nur an Herzensgüte, sondern an Unerfahrenheit und Un« kenntniß der menschlichen Eigenart. Mancher gewissenlose Geselle machte sich die Leichtgläubigkeit des.pflanzenessenden Narren" zu Nutz, und mancher seiner sauer erarbeiteten Thaler wurde verschlemmt und vergmdet. Es that ihm erst weh, wenn er es erfuhr, aber er ließ darum doch keinen Bittenden ungetröstel von seiner Schwelle gehen. Eines Abends, als ich rhn zur gewohnten Stunde besuchte, saß er«'cht, wie sonst vor einem alten Philosophen am Tische, sonder» er streckte mir seine magere, gelbliche Hand von der harten Bettstätte her entgegen: auf seinen Backen« knoche» biannten rothe Flecken und in seinen Augen flimmerte das Fieber. „Zch muß da noch einen klemen Läuterungsprozeß durchmachen," sagte er heiteren Sinne«,„da« steckt noch von früher her im Blute und muß heraus, ehe ich zur volle« Gesundheit gelange« kann. Ra, die Natur wird es schon recht machen!* Und sie machte es recht! 31 chi Tage später gingen wir bei strömendem Regen hinter seinem schmucklosen Sarge her. Es war kein großes Trauergefolge, das wir zwei Studenten repräsentirten, und auS zwingenden Gründen waren wir auch ganz ohne jedes Gepränge gekommen, ohne Equipage und weiße Kravatte, nur ganz hübsch zu Fuß und obendrein mit ausgeschlagene« Beinkleider. Der Todtengräber hatte es sehr eilig, und wir fanden kaum Zeit, dem armen Vegetarier die üblichen drei Handvoll Erde nachzuwerfen, die als schwere, nasse Klumpen aus seinen Sarg nieder polterten. Dana gingen wir schweigend davon, und erst in der KirchhofSthür sagte mein Freund— er war der Aeltere von uns Beiden—: „ES ist doch schade um ihn!— Ein angenehmer Gesell« schafter war er nicht, aber einer, von dessen Gesellschaft man besser wurde, ohne es zu wissen!" Und daS war seine Leichenrede! Preise nickt einzutreten haben, auck eine besondere Echan!- oder Vertriebssteuer von ihnen nickt zu erheben sein. Aller- dings stünde eine Erhöhung des Preises des Trinlbrannt- weins zu erwarten, weil in den vermuthlich innerhalb bestimm- ter, für längere Zeit gesetzlich festgestellter(Minimal- und Maximal-) Grenzen fich bewegenven Regierungsankaufspreisen der zur Aufbringung deS Eteuersolls erforderliche steuerartige Zuschlag zu den Eistehungskoften enthalten ist. Aeynlrch würden nebenbei wohl auch die Preise bestimmt werden, welche den SpirituSproduzenten für den RohspirituS gezahlt werden sollen. In der Erhöhung des Preises des Trinkbranntweins erblicken wir in erster Reihe daS Korrektiv der Branntweinpest, mag auch der zu aewärtigende Rückgang des Konsums keineswegs daS Interesse des Echänkers för- dern, aber dieses Interesse wird gleichmäßig getroffen, mag die Ursache der Vertheuerung des Branntweins in dem Monopol oder in einer anderen Form der Besteuerung liegen. Die an einen möglichst hohen Branntwcinkonsum fich knüpfenden Erweibsintereffen find eben unverein- bar mit der im moralischen, gesundheitlichen und wirth- schaftlichen Interesse der Branntwein konsumircnden Bevölke» rung gebotenen Einschränkung dieses Konsums; wer diese ernstlich will, wird die geschäftlichen Interessen der Branntwein« schänkcr nicht allein gelten lassen dürfen. Für die Konsumenten, welche fich wesentlich mit den breiten, minder wohlhabenden Schichten der Bevölkerung Norddeutsch- lands decken, liegt neben der Steuerung des übermäßigen Branntweingcnusses in der besseren, der Gesundheit nicht ge- fährlichen Beschassenheit des Branntweins ein Ausgleich für den höheren Detailpreis. Branntwein aus reinem oder nahezu reinem Arthylalkobol ist bei mäßigem Genuß der Gesundheit genau ebenso wenig schädlich, als der Genuß reinen Bieres oder Weines. Ein mäßiger Verbrauch reinen Alkohol entbal- tenden Branntweins ist bei den klimatischen, wirthschastlichen und EmährungSverhältnissen eines großen TheileS der Bevöl- kerung Norddeutschlands sogar im Interesse der Gesundheit und der Erhaltung der Arbeitskrast dienlich. Um so wichtiger ist eS. daß dem bisher in so hohem Maße üblichen Gebrauche unge- eigneten, mit dem giftigen Fuselstoffe noch vermischten Spiritus zur Branntweinbereitung ein Ende gemacht wird. Wie scgens- reich die Verdrängung des fuselhaltigen Branntweins durch fusel- steie Getränke wirkt, steht man an Schweden, wo trotz der keineswegs ausreichenden Kontrole deS Verbots fuselhaltiger Branntweine seit Erlaß desselben eine überaus starke Abnahme der Verheerungen deS chronischen AlkoholismuS wahrzunehmen ist. Offenbar aber läßt fich eine wirksamere Beseitigung der Verwendung fuselhaltigen Spiritus kaum denken, als wenn gar kein anderer Trink-Branntwein in den Verkehr gelangt, als solcher, welcher in den Regierungsfabrikcn von den fuiel- haltigen Giftstoffen gereinigt und so der schwer berauschenden gesundheilsgefährlichen Beschaffenheit beraubt ist. Auf diesem Wege kann man allerdings der Branntweinpest auf das Wirk- samste steuern. Wer daher die beiden wichtigsten Quellen der Trunksucht und ihrer schlimmen Folgen, den übermäßigen Branntweingenuß wie den Genuß gesundheitsaefährlichen Branntweins, wirtlich verstopfen will, wird nicht umhin können, die geplante Branntweinsteuerreform mit lebhafter Sympathie zu beglüßen. Ueber die sozialdemokratische Agitation in der Stadt Posen b-richtet die„Pos. Ztg.":„Die polnische sozialdemo» kratische Agitation scheint, so wenig Erfolge fie bisher auch unter den polnischm Arbeitem unserer Stadt aufzuweisen ge« habt hat, doch nicht müde zu werden, hier immer neue Ver- suche zu machen, um die polnischen Arbeiter für die sozial« demokiatischen Ideen zu gewinnen. So find hier in den Mor- genstunden eines der letzten Tage an den Straßenecken wie« verum gedruckte Plakate in polnischer Sprache bemertt worden, welche an die polnischen Arbeiter gerichtet und von der Rc- dastivn deS„Przedswit" unterzeichnet waren. Da der „Przedswit"(Morgendämmerung), das auS dem Mmdelsohn'« fchen Sozialistenprojesse bekannte, in Genf erscheinende polnische Organ, nach Mittheilung polnischer Zeitungen eingegangen sein sollte, wobei gleichzeitig der Sitz der polnisch, sozialistischen Agi- tation nach Paris verlegt sein soll, so läßt fich nur annehmen, daß die hier angeschlagenen Plakate entweder aus früherer Zeit berrühren, oder daß der„Przedswit" in Paris neu erstan« den ist." Aus Anlaß der preußischen Masscnausweisungen wird in der Warschauer„Gazela Polska" an§ 41 des preußischen Landrcchts erinner», in dem es ausdrücklich heißt: „Fremde Unterthanen haben bei dem Betriebe erlaubter Ge- schäste in hiesigen Landen fich aller Rechte der Einwohner zu erfreuen, so lange fie fick des Schutzes der Gesetze nicht un« würdig machen." Die„Germania" meint dazu: Ob die Ur- Heber der Maßregel an diese Bestimmung gedacht haben? Wenn daS der Fall gewesen ist, so wäre es interessant zu er- fahren, wodurch die von der Ausweisung Betroffenen plötzlich fich des Schutzes der Gesetze unwürdig gemacht haben sollen, nachdem fie fich lange Jahre hindurch desselben erfreut haben. Und selbst wenn die preußische Regierung in Bezug auf einzelne Individuen dies behaupten, ja selbst beweisen könnte, so fird damit immer noch nicht die Massenausweisungen zu entschuldigen. Bei der Einführung des Landrechts durch töniglicheS Patent vom 5. Februar 1794 ist ausdrücklich erklärt worden, daß dasselbe„bei Vollziehung und Beurtheilung aller rechtlichen Handlungen wie deren Folgen, sowie bei Entschei- dung der fich ereignenden Rechtistrcitigkeiten zu Grunde ge- legt werden soll." Der Reichstagsabgeordnete Bissering, welcher den 2. hannoversch-n Wahlkreis(Aurich) vertrat, ist, wie ein Tele- gramm meldet, heule gesto ben. Der Journalist Nötiger wurde nach einer Meldung der „Franks. Zig." aus Mainz gegen 5000 Mark Kaution aus der Hast entlassen und ist in Mainz eingetroffen. Der Hoch- veirathsprozcß deginnt am 1. Februar in Leipzig. Frankreich. Ueber die neuesten Vorgänge in Frankreich wird der „Nat-Ztg." telegraphirt: Das Kabinet demisfionirt. Bnffon beharrt bei seiner Adficht, zurückzutreten. Der Präfident der Republik hat zunächst die Prästdentcn des Senates und der Deputirtenkammer, le Royer und Floquct, zur Berathung be» rufen. Freyctnet zögert angeblich, die Neubildung deS Ka- binets zu übernehmen, jedoch ist diese Uebemahme kaum zweifelhaft. Freycinet soll beabsichtigen, das Kabinet wesenl- lich durch radikale Elemente zu verändern. Es ist noch unbe- stimmt, ob die parlamentarische Sesfion heute beendet oder der Schluß wegen der Kiifis auf morgen verschoben wird. Spanten. Ter Zank um die Krone beginnt bereits. Die„Voz de Galida" veröffentlicht einen Brief des Advokaten und früheren republikanischen Ministers Carvajal, in welchem fich dieser zu Gunsten der Königin Jsabella Ii. erklärt. Der Brief er- regt um so größeres Aufsehen, als Carvajal eS übernommen hat, den Herzog von Sevilla vor dem Kriegsgericht zu ver- the:digcn. Carrajal schreibt:„Der Tod des Königs Alfons hat verschiedene Rechtsfragen entstehen lassen, deren eine sehr schwerwiegender Natur ist. Abgesehen davon, daß die Ver- faffung einen Fall wie den jetzigen, wo der König bei Schwan- gersckast seiner Gemahlin nur Töchter hinterläßt, nicht vorge- sehen bat ist die gegenwärtige Lage deshalb so zweifelhaft, weil die Abdankung der Königin Jsabella II. niemals veröffentlicht worden ist. Außerdem haben weder AlfonS noch seine Mutter den Eid auf die Verfassung geleistet, und endlich ist eine Abdankung nicht gleichbedeutend mit einer Verzichtleistung Die Geschichte hat mehrere Beispiele aufzuweisen, wo Könige ihre Ansprüche wieder aufgenommen haben, nachdem fie vorher zu Gunsten eines Sohnes, ter inzwischen verstorben war, ad« gedankt hatten. Würde ich mich nach dem monarchischen Recht über die zweifelhafte Frage„Wer ist der König von Spa« nien?" zu äußern haben, so würde ich mich, anstatt zwischen der jungen Prinzessin vcn Asturien und der noch Ungewissen Leidesfrucht der Wittwe AlfonS Xll. zu schwanken, dahin ent- scheiden, daß das Recht auf Seiten Jsabella's II. ist." Lokale». Vom 1. Januar 1886 ab wird ein Austausch von Post- packeten ohne Werthangabe, bis zum Gewicht von 3 Kilogramm, mit der Postverwaltung des vereinigten Königsreichs von Großbritannien und Irland eingerichtet, an welchem auf deut» scher wie auf britischer Seite sämmtliche Postanstalten theil« nehmen. Die Beförderung der Postpackete erfolgt nach Be- stimmung der Absender entweder auf dem direkten Seewege über Hamburg oder Bremen oder auf dem Wege durch Belgien. Das im Voraus zu entrichtende Porto beträgt für Packete auS Deutschland; 1) für den Weg über Hamburg oder Bremen: a. für ein Packet bis einschließlich 1 Kilogr. 1 Mark. b. für ein Packet über 1 Kilogr. biS einschließlich 3 Kilogr. 1,50 Mark; 2) für den Weg über Belgien: a. für ein Packet bis einschließ- lich 1 Kilogr. 1,30 Mark, o. für ein Packet über 1 Kilogr. bis einschließlich 3 Kilogr. 1,70 Mark. Den Postpacketen nach Großbritannien und Irland müssen bei der Leitung über Ham- bürg bezw. Bremen zwei Zoll-Jnhaltserklärungen in deutscher Sprache, bei der Leitung über Belgien drei Zoll- Inhalts« erllärungen in deutscher oder franzöfischer Sprache beigegeben werden. Ueber die sonstigen VersendungSbedingungen ertheilen die Postanstalten Auskunft. j. Weihnachten in Alt-Moabit. Traurige Feiertage pflegen die zahlreichen Gefangenen des Untersuchungs-Gefäng- niß zu Alt- Moabit zu verleben. Die Anstalt hatte allerdings auch in diesem Jahre für die Häftlinge in der AnstallSkapette eine Festfeier mit Tannenbäumen arrangirt. DaS Licht d.'r Weihnachtskerzen bringt diesen Unglücklichen eben selten Trost, Ermutbigung und Freude; eS erinnert ja gerade an die ver« lorene Freiheit, an Eltern, Geschwister, Gattin, Kinder, welche daheim ihren Fall beweinen. Von den Aufsehern begleitet, ziehen fie im Gänsemarsch in die Kirche, um den Worten des Anstaltsgeistlichen zu lauschen. Ist der Gottesdienst zu Ende, führt man fie in die einsamen Zellen zurück und überläßt fie dort der Langeweile und der Reue, jenen beiden Todfeinden des Gefangenen, welche mit fürch« terlicher AuSdauer an ihrem Lebensmarke nagen. Schon um 4 Uhr Nachmittags wird an den Festtagen die „Suppe", das übliche Souper in Alt-Moabit, ausgegeben, so daß die Gefangenen den ganzen langen Abend fich selbst über« lassen bleiben. Ihre einzige Unterhaltung bleibt dann daS Anstaltslesebuch, meistens eine erbauliche Weihnachtsgeschichte und das Neue Testament nebst dem Gesangbuch, die in den Zellen auSliegen. Der Kontrast zwischen der unerträglichen Oede deS Kerkers und der fich freuenden und jubelnden Außen- weit soll für schwache Seelen schon verhängnißvoll geworden sein und gerade während solcher Festtage pflegen im Unter- suchungsgefängniß Anfälle von Wahnfinn am häufigsten zu sein. Wer fich der goldenen Freiheit freut, wird fich kaum in das Gefühl dieser vor fich hinbrütendeu Unglücklichen hineindenken können, deren traurige Ruhe nur durch das Geraffel der Schlüssel und die dröhnenden Schritte der dienstthuenden Aufseher gestört wird. Es kommt dazu, daß fie während der Festtage auch die kleine Erholung der Spazier- gänge auf den Anstaltshöfen, wie fie Wochentags üblich find, entbehren müssen, weil eS wegen deS Festurlaubs an Aufsehern fehlt. Die Gefangenen sehen denn auch dem Feste stets mit Mißbehagen entgegen. Selbst die außerordentliche„Mittel- resp. Fleischkost" und die halbe Flasche Braunbier, welche ihnen in dieser Zeit gewöhnlich verabfolgt wird, vermag ihren Humor nicht zu heben, zumal in der Festwoche auch die Unterredungen mit ihren Verwandten unterbleiben müssen. Die Berufung des Poltzeidtrettors Krüger als kom- missarischer HMardeiter ins Auswänige Amt erregt hier, so schreibt das„B. T.", insofern einiges Interesse, als Herr Krüger, der vor einem Jahre noch Polizeirath war und über« Haupt eine schnelle Karriere gemacht bat, in seiner Stellung als Chef der Exekutive der politischen Polizei, die er auch fer- nerhin beibehalten wird, gewiffermassen der Nachfolger Etieber's ist. Sein neues Amt attachirt ihn noch mehr der Person deS Fürsten Bismarck, den er schon seit Jahren nach Kissingen und überallhin begleitete. Ein schwerer Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange er« eignete fich am 24. d. M. gelegentlich der letzten Schießübungen der Artillerie auf dem Schießplatze bei Zossen. Beim Ab- feuern eines Hinterladeraeschüyes zerborst das Verschlußstück und ein Theil desselben flog einem zur Bedienung der Kanone kommandirten Artilleristen mit solcher Gewalt gegen den Kopf, daß daS Eisenstück den Schädelknochen durchdrang und im Kopfe fitzen blieb. Der schwelverwundete Soldat wurde zu« nächst nach Schöneberg tranSporttrt, von wo aus seine Ueber- führung nach dem Miiitärlazareth in Tempelhof erfolgte. Dort soll er, wie uns ein Berichterstatter mewet, nach einigen Stun- den verstorben sein. g. In der wichtigen Frage der Erwerbung und deS Verlustes der Bundes- und Staatsangehörigkeit verdient darauf hingewiesen zu werden, daß nach den Bestimmungen des be« züglichen Gesetzes vom 1. Juni 1870 die Staatsangehörigkeit in einem Bundesstaat für einen Ausländer durch Naturalisa- tion, für einen Norddeutschen— ausgedehnt auf Baden, Hessen und Württemberg, Bayem, Elsaß- Lothringen durch Verträge resp. Gesetze— durch Aufnahme begründet wird. Letztere sowohl, als auch die Naturalisation erfolgt durch eine von der höheren Verwaltungsbehörde ausgefertrgte Urkunde. Vor Erthcilung der NaturatisationSmkunde hat jedoch jene Behörde die Gemeinde- bezw. den Armenverdand deijenigcn OrtS, wo der Aufzunehmende fich niederlassen will, namentlich darüber mit ihrer Erklärung zu hören, ob der Antragsteller an dem betreffenden Orte nach den daselbst hesteh enden Ver« hältniffen fich und seine Angehörigen zu ernähren im Stande ist. Dergleichen Gesuche von Ausländem resp. Anfragen der höheren Verwaltungsbehörde find für Berlin(«önigl. Polizei« Präsidium) an die htefige städtische Gewerbedeputation im letzten Verwallungsjahre 65 eingegangen. Von denselben find 61 mrt Befürwortung zurückgesandt, während in 4 Fällen wegen mangelnder Erwerbsiähigkeit der Betheiligten die Ab- lehnung der Anträge vom Magistrat beantragt worden ist. Weihnachten ist vorüber, das schöne Fest mtt seinen Freuden und Leiden. Mit seinen Freuden für alle diejenigen, welche fich noch in der Lage befinden, ihren Lieben, ihren Kindern, sowie ihren Freunden einige kleine Geschenke und Aufmerksamkeiten zu beretten. Am W ibnachtsfest zeigt fick die wahre Nächstenliebe; jeder sucht den Andern zu erfreuin, jeder sucht dre Ueberraschung, welche er sür seine Lieben destimmt bat, bis auf den letzten Augenblick geheim zu halten, damit die Freude für den Beschenkten um so größer ist. Die flohen Ge« fichterund die Herzen voll Liebe am Weihnacht Sfcste, in Familien« und Freundeskreise, könnten fie endlich für immer auf die ganze Menschheit übertragen werden! Wann wird endlich für AllcS, ichen ein Wohlgefallen!" So traurig wie auch für den Einen oder den Andem das WeihnachtSfest ausfällt, sei es durch schlechte Zeiten oder Geschäftsverhältnisse, so hat es doch im Großen und Ganzen den Vortheil, daß eS uns wieder näher zusammen führt, daß wir, zum Fest der Liebe versöhnlicher gestimm», unS enger aneinander schließen unv dem die Hand zur Versöhnung reichen, dem wir wehe gethan zu haben glauben. So wirst das Fest versöhnend im Familienleben, in dem Verein und in den Parteien. Wenn jeder von dieser wahren Nächstenliebe, wie am Wcihnachtsfest, durchdrungen, wenn jeder es sich zur Aufgabe macht, in seinem ganzen Thun und Treiben nur da- hin zu willen, daß dieser oben ausgesprocbene Wunsch endlich realistrt wird; wenn jeder bei all seiner THLtigkeit vor Allem sein werthes Ich in den Hintergrund stellt und nur aus Liebe zu seinem Nächsten handelt, dann erst werden wir bald ein Weihnachtsfest feiern, bei welchem wir uns die Hand reichen und sagen können„Friede auf Erden!" Viel giebt es bis dahin noch zu thun. Ein großer Theil von uns ist noch vom Egoismus voll:„Jeder sorgt für sich undlGott für uni Alle!" sowie„Es Hüft ja doch nichts!" Wie oft hört man nicht diese alten Sprüchwörter? Ja, wenn wir Alle so sagen wollten, dann würde die Menschheit kein anderes Ziel kennen als den nackten Kampf ums Dasein. Daß dem aber nicht so ist und nie werden wird, das lehrt uns die Welt- geschichte. Immer und immer waren es einzelne ideal veran« lagte Menschen, welche mit Begeisterung für Recht und Wahr« heit eintraten, ja sich selbst opferten und dadurch die Ent» Wickelung des Menschengeschlechts zum Guten und Besseren förderten. So wollen wir es uns zur Pflicht machen, mit dieser vollen Nächstenliebe im Herzen dahin zu wirken, daß daS geistige Band, welches uns Alle vereint, immer herrlicher und schöner fich befestigt, auch daß endlich das Weihnachtsfest erscheint, von dem jeder sagen kann:„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Statistik über die Betheiligung an den Stadtver« ordneten-Ergänzungswahlen. Vom Magistrat ist ein Ver« zeichniß der am 24., 25., 26. November und 15. Dezember gewählten Stadtverordneten nebst statistischer Ueberficht der Betheiligung an diesen Wahlen herausgegeben. Bei den Er« gänzungswahlen am 24. November betrug die Zahl der einge- schriebenen Wähler(HI. Klasse) 61 591, davon erschienen 19 233, d. h. 31,23 pCt. Wähler H. Klasse waren 16019 ein- getragen, von ibrem Wahlrecht machten 6916, d. h. 43,17 pCt. Gebrauch. Wähler I. Klaffe waren 3195 vorhanden, hiervon wählten 1670, d. h. 52,27 pCt. Bei den Stichwahlen, die bekanntlich nur in dritter Abtheilung nothwendig waren, er- schienen von 35993 eingeschriebenen Wählern 12 967, d. h. 36,03 pCt.; die stärkste Betheiligung war im 8. Kommunal- wahlbezük, hier wählten 47,60 pCt. der Wähler. Bei den all» gemeinen Wahlen im Jahre 1883 war die Betheiligung stärker als jetzt, fie betrug in der Iii. Klaffe 39,73 pCt.(gegen 31,23 jetzt), in der II. Klasse 59,13 pCt.(gegen 43,17 jetzt), in der I. Klaffe 73,28 pCt.(gegen 52,27 jetzt). b. Ein Gericht»- Vollzieher versteigerte gestern xost featam 500 Tannenbäume aus einer Streitsache. Ob dieselben wohl die Jnsertionskosten eingebracht haben mögen? Simon May ist, wie die„Germ." berichtet, am zweiten Weihnachtsfeiertage durch den Pastor Schwarz in der Simeon« kirche getaust worden. x. Die Hasenhaide war schon wieder einmal und zwar in der Stacht zum 28. d. M. der Schauplatz eine» blutigen Renkontre» zwischen Zivilisten und Militärmannschaften. Wie in den meisten derartigen Fällen, so kam eS auch diesmal in einem Tanzlokal wegen einer Tänzerin zum Streit, der bald in arge Thätlichkeiten überging. Das O.fer war ein Brauer, welcher, wie uns mitgetheilt wird, mit den Säbeln der rückhaltSlos einschlagenden Soldaten derartig zuge- richtet wurde, daß ihm thatsächlich das Gesicht zerhackt worden war. Der Schwerverletzte wurde von der Sanitätswache in der Adalbertstraße, wo er nur mühsam die vorgedachten Angaben machen konnte und woselbst ihm ein Nothverband angelegt wurde, nach dem Kronkenhause Bethanien befördert. Es soll gelungen sein, sämmtliche an der Schlägerei betheiligten Per« Ionen, darunter auch die Soldaten, festzustellen, so daß der Vorfall noch ein Nachspiel vor dem Strasrichter haben wird. Gerichts- Zeitung. Krefeld. Die hiesige Strafkammer verurth stltc den Polizei- jergeanten A. Mewes wegen wideirechtlick er Freiheitsberaubung im Amte und Körperverlitzung im Amte in drei Fällen zu 18 Monaten, den Polizeisergeanten Wilhelm Hambloch und den Polizeidtener Schmidt wegen Mißhandlung im Amte zu 3 Monaten Gefängniß. Bezüglich der Körperverletzung wurde, wie die„Crefelver Ztg." meldet,„die ganz außergewöhnliche und gemeine feige Weise gegen Wehrlose" in Betracht gezogen. Gegen Schmidt wurde außerdem in einem zweiten Falle wegen gefährlicher Körperverletzung im Amte auf weitere 1 Jahr 3 Monate Grfängniß erkannt. Koziales und Arbeiterbewegung. Dte Wohnungsverhältnisse der ärmerenvevölkerungs- klaffen sind nicht nur in den großen Städten, sondern auch auf dem Lande vielfach erbärmliche. So veröffentlicht das iiandrathsamt zu Gera für das platte Land folgende das Echlafstättcnwesen betreffende Verordnung:„Die Schlafräume der Kost- und Quarticrgänger dürfen mit den eigenen Wohn- und Schlafräumen des Kost- und Quartiergebers und dessen Hausangehörigcn weder in offener Verbindung stehen, noch durch eine Thür verbunden sein. Jeder Schlasraum für Kost- und Quartiergänger muß gedielt und mindestens mit einem Fenster in der Außenwand des Hauses versehen sein, auch darf derselbe nicht mit Abtritten in offener Verbindung uehen. Ter Schlafraum muß für jede Person mindestens 10 cdm Luftraum enthalten. Für mindestens zwei Quartler- »ehmer ist ein Waschgeschirr zu stellen, auch muß jedem Quar- uernchmer mindestens ein Strohsack, eine starke Zollene Decke und ein Handtuch gewährt iverden. -l-er Quarticrgebcr ist verpflichtet, für t ä g l i ch c R e i n i g u n g »u Jorgen und nicht tapczirtc Miethsräme jährlich einmal tünchen iassen. An der Thür des Schlafraumes muß auf der Innen- leite eine Tafel hängen, auf welcher die zulässige Zahl der T" Schlafraum benutzenden Kost- und Quartiergänger anzu- zisden ist. Die Schlasräume dürfen nicht von Personen ver- "dledenen Geschlechtes als Schlafraum benutzt werden. So !Ple der Quartiergcber bei der Aufnahme von Quartiernehmern J'" Gemeindevorsteher Anzeige zu erstatten hat, so hat er dies ein f M Ausbruch ansteckender Krankheiten zu thun."— Daß '(•e solche Forderung nothwendig oder auch nur möglich ist, B uns, wie jammervoll es mit dem Schlafstättcnwcsen auch n lener Gegend bestellt ist. Die Flach« sptnneret von Leeds ist, wie wir schon mit- «nS haben, fast vollständig zu Grunde gegangen. Vor S? r5 Jahren existirten dort etwa 40 Fabriken mit 200000 Itafin».' 1400 Danipfwebestühlen und Dampfmaschinen mit ist �.Vserdekraft, welche 20,000 Menschen Arbeit gaben. Jetzt i>er tL' Ausnahme einiger kleiner nur noch die große Spinnerei %enf%o Marshall u. Comp, übrig, welche aber wegen Nicht- auch Ende dieses Jahres geschlossen wird. Sie der'1000 �ute und galt für die größte Flachsspinnerei Nereine nnb Versammlungen. wahl� Antisemiten wollen bei den nächsten Reichstags- Part-," �uene Kand.daten der„Deutschen antisemitische» '°«mlun°°stte?e«. So ist es gestern Abend in einer Ver- '.Voss 2?-M dem Berliner Bock beschlossm worden. Dte 15� �adtver or'd-i- � Vorsitz allerdings noch als 1 eter, aber mem Mandat ist am 31. Januar abgelaufen. Ja, die Judenpresse jubelt darüber und selbst die Pariser Blätter bringen Telegramme. Wir haben ein Mandat verloren, trotzdem wir in diesem Kreise die höchste Slimmenzahl auf unS vereinten. Es ist eine ehren- volle Niederlage, denn wir haben 23 pCt. der Stimmen erhalten, obwohl die Sozialdemokraten und die Anhänger der„Nordd. Allg. Ztg." gegen uns stimmten. Nicht wie man politische Gegner angreist, ist man gegen unseren Kandidaten vorgegangen, wie ein Wild hat man ihn gehetzt. Ich gebe Ihnen aber die Versicherung, daß ich meine Gegner auch nicht schonen werde. Wenn am 1. Januar mein Mandat abgelaufen ist, wird der Antisemiten-Führer Pickenbach seine Gegner ohne Glaceehandschuhe angreifen.(Stürmischer Beifall.) Den Vor- trag des Abends, den Dr. Capristrano aus Kassel hielt, können wir übergehen- Erwähnenswerth ist nur, daß während des- selben die Versammlung zwei Mal vertagt werden mußte, da- mit einige„Juden und Judenknechte" hinausgeworfen werden tonnten. Herr Pickenbach ersuchte bei der zweiten Vertagung auf fünf Minuten die noch anwesenden Juden freiwillig den Saal zu verlassen, um ein dritte„Vertagung" zu ver- meiden. Dem Schriftsetzer Ku kl, der auf den Vortrag erwidern will, wird das Wort v nweiaert; er verläßt mit den übrigen Arbeitern den Saal, ehe er„in Güte" hinaus befördert wird. Einige Fragen geben Herrn Pickendach nocki Gelegenheit zu der Erklärung, daß er im 27. Kommunal-Wahldezirk nicht kandidiren werde, um häuslichen Streit in der Partei zu vermeiden. Lust hätte er dazu gehabt, im Parteiinteresse aber will er Abstand nehmen. Die Versammlung nahm schließlich einstimmig folgende Reso- lution an:„Die heute in der Berliner Bockbrauerei in Zahl von über 2000 versammelten deutschnationaien Bürger Berlin» erklären fich voll und ganz mit den Ausführungen des Dr. Capistrano aus Kassel einverstanden, fie erhoffen und erstreben mit ihm die Bildung einer selbstständigen deutschenanllsemitischen Partei, welche im Reichstage durch eigene Abgeordnete ver- treten ist und geloben feierlich, bei den bevorstehenden Aghlen aus allen Kräften das Ihrige zu thun, um der heiligen, rechten antisemitischen Sache zum Siege zu verhelfen. Eine öffentliche Versammlung der Steinträger Berlins und Umgegend, welche sehr stark besucht war, tagte am 27. d. M. in der Tonhalle unter Vorfitz des Herrn Wal- lenthien. Die Tagesordnung lautete:„Die Lohnbewegung in diesem Jahr und wie stellen wir uns im nächsten Frühjahr zu derselben." Der Referent Herr Rennthaler führte etwa folgen- des aus: Vor 5—6 Jahren hätte man den Eteinträgern für 1000 Steine 1,25 bis 1,50 M. im Kellergeschoß und eine Zu- läge pro Etage von 50 Pf. gezahlt. Die Schuld an dem ver- hältnißmäßig geringen Verdienst sei aber nur den Kollegen selbst zuzumessen, weil sie Tag und Nacht gearbeitet haben und eine geregelte Arbeitszeit nicht kannten. Durch den verfloffenen Streik der Maurer waren fie zu der Erkenntniß gekommen, daß fie fich organistren müssen, um ihre Lage zu verbessern. Es seien zwar noch viele indifferente Kollegen vorhanden, jedoch auch diese würden einsehen, daß man in diesem Jahre Erfolge erzielt habe; die Arbeitgeber zahlen heute schon einen ganz andern PreiS wie zuvor. Die größte Nothwendigkelt sei, daß sich jeder Kollege dem bestehenden Fachoerein der Berliner Eteinträger anschließe. Redner unterzog alsdann einen Artikel der„Nordd. Allg. Ztg." einer Kritik, in welchem von einem Bau in der Bülowstruße die Rede ist, auf welchem sämmtliche Steinträgcr die Arbeit niedergelegt haben, weil man ihnen ihre gerechte Forderung nicht bcwrlligt hat. Dieselbe Zeitung schrieb, daß die Steinträger dort die Arbeit nur aus Revanche gegen die Maurer niedergelegt hätten, fie sollten zufrieden sein, daß fie noch Arbeit hätten. Die genannte Zeitung sei im Jnthum, die Arbeiter, od Stein- träger, Maurer oder Zimmermann, seien alle gewillt, ihre Lage zu verbessern. Derartigen Ergüssen der Presse würde Niemand, der die Verhältnisse kennt, Glauben schenken. Diese Preßorgane vertrelen nur die Interessen der Arbeitgeber, die Interessen der Arbeiter vertrete allein das„Berliner ifolksblatt". Redner führte ferner aus, der jetzt bestehende Tarif müsse noch ver- bessert werden. Einigkeit sei vor allen Dingen nöthig und Jeder, der noch nicht Mitglied des Vereins sei, müsse sich dem- selben anschließen.(Beifall.) An der Diskusston betheiligte fich zunächst Herr Kunkel im Sinne des Referenten. Jeder Einzelne strebe darnach, seine Lage zu verbessern. Der Arbeiter müsse vor allen Dingen eine geregelte Ardeilszeit herbeizuführen suchen. Eine starke Vereinigung könne dies erreichen,„organistren fie sich also, dann wird bei einem etwaigen Streik der Sieg nicht aus- bleiben." Auch Herr Behrend sprach seine Anerkennung darüber aus, daß der Fachoerein der Steinträger eine Mitglicderzahl von 850 erreicht habe. Redner, welcher auf dem erwähnten Bau in der Bülowstraße beschäftigt ist, legte der Versammlung klar, daß die Eteinträger, welche daselbst die Arbeit eingestellt haben, dieS keineswegs aus Revanche gegen die Maurer gelhan hätten, davon könne niemals die Rede sein. Die Eteinträger seien gut organistrt; die Arbeitgeber wissen dies sehr genau, sie seien auch schon Willens, mit den Arbeitern zu unterhandeln. Redner appellirte ebenfalls an die Versammlung, fich dem Fach- verein anzuschließen, sowie nur auf das„Berliner Volksdlatt" zu adonniren. Herr Kranckemann(Maurer) äußerte fich dahin, daß bei dem verflossenen Streik dte Steinträger die rechte Hand der Maurer gewesen seien. Dieselben haben im Interesse der Maurer die Arbeit eingestellt. Herr Tischler Nöske: Wenn e n Arbeiter eine Wohnung miethen wolle, so bekäme er of: die Antwort, die Wohnung müsse so und so viel Miethe bringen; die Hauswirthe seien sich darin alle einig, obwohl man von einem Streik der Haus- wirthe noch nie etwas gehört Hab.'. Die Arbeiter müßten für fich in ähnlicher Weise soraen. indem fie einen festen Bund bilden. Herr Micbelsen: Ein jeder Arbeiter müsse fich darüber klar sein, daß, wenn die Arbeitgeber wissen, die Arbeiter haben keine Vereinigung, fie dann ganz gewiß dem Arbeiter noch ungünstigere Arbeitsbedingungen stellen würden. Deshalb appelli.-e auch er(Redner) an die Steinträger sowie an die Maurer und Zimmerleule, einig zu sein und geschlossen vorzu- gehen. DerVorsttzende legte klar, be.ß nie Ski. lräg rauf drm- selben Boden stehen wie andere Koiporarionen; er fordene ebenfalls die Versammelten auf, sich dem Fachverein an, uschließen. Folgende Resolution wurde hierauf angenommen: Die heutige Veriammlung der Steinträger Berlins und Umgegend erklärt fich mit den Ausführungen des Referenten und anderer Redner einverstanden und verpflichtet fich, im Sinne derselben ,u wirken. Zu„Verschiedenes" wurde nach kurzer Debatte ein- stimmig beschlossen, für drei erlrantte Kollegen eine Teller- sammlung zu veranstalten. Zum Schluß machte der Vor- fixende bekannt, daß die nächste Vereinsversammlung am 10. Januar bei Scheffer. Jnselstr. 10, stattfindet, worauf er die Versammlung mit einem Hoch auf das Gedeihen deS Fachvercins der Berliner Steinträger schloß. Halle ß. S. 28. Dezember. Der hrcstge Fachverern der Tischler hat in seiner am 5. d. M. abgehaltenen Versammlung beschlossen, eine Deputation an den verrn Oberbüraennerster Staude zu senden, um denselben zu ersuchen, dafür Sorge zu tragen, daß die für das hicfige neue Theater in Submission zu vergebenden Tischlcrarbertcn sovrel rote moglrch hiesigen Trschlcr- meistem übertragen werden und daß nicht dem Mrirdestw- derndcn die Ausführung der Arbeiten übertragen werde. Am 27 Dezember hatte diese Deputation eine Besprechung mrt dem Herrn Oberbürgermeister, welcher schon auf deren Empfang vor- Wü�cSrekn�n�Kr&ßBp Meister. zunächst knickfichtigt ÄÄ ÄÄÄ««Ä kommisflon der hiesigen Stadtverordneten- Versammlung zu richten.__ Vermischtes. „Ein unblutiger Hugo Schenk" lautet sensationell genug die Ueberschrift einer Erzählung in dem„Neuen Wiener Tagblatt". Der„unblutige Hugo Schenk" ist, wie man fich wohl denken kann, ein Hciratbsschwindler, der ohne Blutver- gießen„arbeitel". Unähnlich jenem Ungeheuer aber, das es auf die Spargroschen armer Dienstboten abgesehen hatte, rich- tete unser Mann sein Augenmerk auf Töchter wohlhabender Familien, auf Mädchen, die von der Natur besonders bevor- zugt waren, durch Jugend, Tugend und Schönheit glänzten, und überdies noch auf eine bedeutende Mitgift zu rechnen hatten. Hier die Geschichte dieses Hochstaplers, wie ste das „N. W. Tgbl." erzählt: Im vorigen Jahre war es. Im Theater An der Wien kam eine Reprise der„Fledermaus" zur Aufführung. In einer Parterreloge saß der Großindustrielle Alois K...... mit seiner Frau und seiner ältesten Tochter. Die Loge nebenan war von einem einzelnen Herrn besetzt, der fich so denahm, daß er die Aufmerksam- keit seiner Nachbarn erregte, doch that er nichts, was irgendwie ein Aergerniß hervorrufen tonnte. Wenige Tage darauf ließ fich im Hause dieses Großindustriellen Fürst K— witz melden. Der Hausherr war nicht wenig erstaunt, als ihm das Stuben-- mädchen die Visttenkarte überbrachte. Der Name des Fürsten war ihm vollends unbekannt. Nicht lange sollte er über das Motiv des Besuches des seltsamen Gastes im Unklaren bleiben. Der Fürst stellte fich nach einer ganz kurzen Einleitung als emster Brautwerber vo-. Die Sprache, die er führte, war die eines vornehmen Kavaliers. Er führte fich damit ein. daß er vorweg seinen Namen, Stand und Charakter angab; er erzählte ganz offen, daß er vor Wochen bereits die Tochter des Hauses in einem anderen Theater gesehen, und daß ste einen s» mächtigen Eindruck auf ihn gemacht habe, daß er nicht umhin konnte, fich nach ihren Verhältnissen respektive nach denen ihrer Eltern zu erkundigen, und er fügte hinzu, daß all' das, waS er über diese Verhältnisse gehört habe, den Entschluß in ihm wachgerufen habe, als Freier aufzutreten. Nun könne er freilich nicht voraussetzen, daß man seinen Antrag sofort akzeptiren werde, er bitte deshalb Einficht zu nehmen in alle seine Dokumente, die er zu diesem Zwecke mit fich gebracht, und er wolle auch nicht sofort irgend welche andere Zustimmung erzielen als die, daß es ihm gestaltet werde, alS ernster Bewerber in's Haus kommen zu dürfen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, ob auch im Laute der Zert das Madchen Neigung zu ihm fassen werde, und wäh- rend dieser Zeit hätte man auch reichlich Gelegenheit, über seine Verhaltnisse Erkundigungen einzuziehen. Dt-se offene Sprache imponine. Der Fürst wurde der Frau und der Tochter des Hauses vorgestellt und nach diesem kurzen ersten Besuch freundlichst eingeladen, bald wieder zu kommen. Sein Beneh- men bei wiederholten Besuchen war ein solches, oaß man In- teresse für ihn empfinden mußte. Er hatte nichts junkcrhaft Hochmüthiges an fich und nichts beleidigend Herablassendes. Er gab fich einfach und schlicht wie ein Bürgerlicher, und doch mußte man fich allgemein gestehen, daß all' sein Thun daS Gepräge des Noblen und Vornehmen an fich trage. Jung. männlich schön und von einschmeichelndem Wesen, war eS dem Fürsten bald gelungen, daS Herz seiner Auserwählten zu ge- Winnen, und fand auch keine öffentliche Verlobung statt, so hatten fich doch die Parteien untereinander vollkommen ver» ständigt, und nach Verlauf von vierzehn Tagen wurde schon viel von der Hochzeit gesprochen. Ein Lieblingsthema der Brautmutter war die wiederholte Hinweisung auf die reiche Mitaist ihrer Tochter.„Meine Julie bekommt fünfzigtausend Gulden Mitgift, freilich nicht viel für einen durchlauchtigen Fürsten, aber fie dekommt auch nebst der reichlichen Ausstattung werthvollen Schmuck, die schönen Perlen, die mir meine Mutter vererbt hat." Bei diesem Anlaß wurden die Perlen vorgezeigt, fie waren wunderschön. von zremlrcher Größe und Gleichheit, rund und rein weiß Nur das Schloß war veraltet. Der fürstliche Bräutigam machte wies aber den Schmuck zurück mit dem Bedeuten, daß in Paris ähnliche Sachen viel schöner und viel billiger zu bekommen seien, und da er mit seiner Braut die Hochzeitsreise ohnehin nach Paris machen werde, sei es besser, zu warten. Viel und s«"S sr a'ä ä Feier in Wren veranstaltet, zu der alle Freunde und Be- kannten hätten hinzugezogen werden sollen, von denen fich gewrß V ele im Süllen äraern würden, daß ihre Julie in den„Fürstenstand" erhoben werde. Der Vater der Braut jedoch, eine bescheidenere Natur, die kein Aufsehen liebte, war einverstanden mit dem Bräutigam, daß die Hochreit in einem ktemen Städtchen in der Walachei ganz im Still-n stattfinde, und daß jedeS Auffchen dabei vermieden werde Eines Tages erschien Fürst K. mit verstörter Miene, und prä- % was es sich handle, erklärte, daß er schon in den nächsten Tagen st» nach der Walachei in seine Heimath begeben werde. um dort seine Heirathsbewrllrgung zu erwirken, er bat, daß daS Gleiche auch hrerorts von seinen Schwiegereltern geschehe, da. SÄ.%%% nem Wunsche entsprechend, traf der Großindustrielle alle Vor. dereitungen, vi« zur Eheschließung nothwendig waren. Im April dieses Jahres reisten der Großindustrielle mit Kau und Tochter an den ihnen bekannt gegebenen Ort, woselbst die Trennung in aller Stille vollzogen wurde DaS junge Ehepaar trat eine Hochzeitsreise an, die glück. lichen Schwregereltem kehrten nach Wien zurück. Nack kaum acht Tagen erhielten ste ein Schreiben, das sie mit Schrecken und Betrübniß erfüllte. Ihr liebes Kind zeigte ihnen an. daß es fich in verzwe flungsvoller Lage befinde. Ihr Mann habe fie ernes Morgens, an-edlich in G schäfls Ange- leaenhetten, oerlassen und sei nicht wiedergekehrt, alles Suchen sei vergebens gewesen, die Nachforschungen wären erfolglos ge. blieben. Sre schitderte in herzzerreißender Weise ihre Lage und bat Vre Eltern nach Paris zu kommen, um ste aus ihrer schreck- lichen Siwatron zu defreien. WaS war da geschehen? Warum hatte der Fürst so plöv- lich seine junge Frau verlassen? Der Brief der armen Unglück- lichen lreß auch darüber keinen Zweifel. Sie war das Opfer eines gemeinen Schwindlers und Betrügers geworden, er hatte fie verlassen, nachdem er nicht nur die volle Mitgift, sondern auch ihren ganzen Schmuck, ja Alles, was ste nur Werthvolles besaß, mit fich genommen hatte. Wer war der Fürst? Ein %ar% diesem Steckbriefe, der die vielen Namen aufzählt, unter weh- chen fich der Schwindler in Rußland, in der Türkei und in der Walachei herumgetrieben hat, bestand das verbrecherische Genre dieses Jndustrieritters darin, daß er Töchter auö besse- ren Familien in der gleichen Weise zu ködern wußte, wie er eS in Wren gethan. Er trat bald als Graf, bald als Fürst auf. Die nölhigen Dokumente, die er zur Bekräftigung seiner Angaben stets vorwies, waren von setner eigenen Hand ae. fälscht, und er täuschte damit nicht nur die Familien, in welche ä ai» Ehre und ihr ganzes Vermögen gebracht; in dem kurzen Zeit. räume von drei Jahren hat er nicht weniger als viermal ge- Heirathet und fich auf diese Weise immer eine ziemlich bedeu« sende Miigist erschwindelt. Unfälle im Moni- Cents* Tunnel. ES ist seiner Zeit wenig bekannt geworden über dm unheimlichen BetäubungSfall» welcher am 21. Oktober das gesammte Personal eineS durch den Mont« Ceni»• Tunnel fahrenden Güterzuges traf. Ein gleicher Fall hat sich schon wieder, am 12. Dezember, in dem« selben Tunnel ereignet. Der am genanntm Tage um 9 Uhr Abends von Modane abgehende Güterzug Nr. 1005 kam an einer Stelle im Tunnel, welche 3,5 Kilometer vom Tunnel» einaang bei Modane entfemt ist, zum Stillstehen und muß während längerer Zeit fich immer auf dem gleichm Punkte bc> funden habm. Der auf dem zweiten Geleise in entgegengesetzter Richtung fich bewegende Fakultativgüterzug Nr. 2022 wurde durch Petarden des Bahnbcwachungsversonals auf den Vorfall aufmerksam gemacht und hielt an. Im Zuge Nr. 1005 fand man nun das gesammte Begleitungspersonal, das aus 12 Mann bestand, in einen betäubungsähnlichen Schlaf versunken. Selbst. verständlich wurde dasselbe in aller Eile nach Bardonecchia befördert, wo es um 10 Uhr 10 Min. anlangte. Glücklicherweise konnten alle zwölf Mann gerettet werden. Der Unfall wird auch in diesem Falle den schlechten atmosphärischen Ver- bältniffen des Mont. Ccnis- Tunnels, der nicht, wie der Gotthardtunnel, fich ventilirm kann, zugeschrieben. Glücklicher, aber immerhin zufälliger Weise ist, so viel bekannt, bis jetzt kein Personenzug in ähnlichen Fall gekommen, wie diese Güterzüge. Ein Rabenvater. In Schalladorf in Nieder-Oesterreich hat man in den letzten Tagen ein Verbrechen entdeckt, welches die Bewohner des kleinen Ortes in Aufregung versetzt und mit gerechter Erbitterung gegen den Urheber, einen 72jährtgen wohlhabenden WirthschaftSbefitzer und dessen Familie, erfüllt hat. Der Wirthschaftsbefitzer Josef Willrich hat seinen 39 Jahre alten Sohn Johann aus eriter Ehe, einen gelernten Kaufmann, der fich aber später infolge Zerwürfnissen mrt seinem Vater dem Trunk ergab— im Einverständnisse mit seiner zweiten Frau und zwei erwachsenen Töchtern, die je ein ansehnliches Heiraths. gut zu erwarten hatten— in einem engen Verschlag im Keller durch nahezu 1'/: Jahre eingespent gehalten und durch Verad« reichung unzureichender und schlechter Nahrung in Schmutz und Koth dem langsamen Tode preisgegeben, um denselben wegen eines auS erster Ehe ihm zufallenden Legate? bei Seite zu schaffen. Der Todtengräber vernahm an einer Stelle des Friedhofes wiederholt ein klägliches Wimmern auS der Tiefe. Seine Nackforschungen ergaben, daß dasselbe auS dem bis unter den Friedhof reichenden Weinkeller Willrichs kommen mußte. Da der Eigenlhümer jeden Zutritt zum Keller verweigerte, wurde auf Anzeige bei dem kompetenten Gericht eine Untersuchung angeordnet und der Keller gewaltsam erbrochen. Ein entsetzliches Bild des Jammers zeigte fich da der Gerichtskommisfion. Im äußersten Winkel des Kellers lag in einem Brellcrverschlaa, der nur oben eine kleine Oeffnung hatte, die in Schmutz und Schlamm zusammengekauerte Jammergestalt deS verschollen gegoltenen SohncS. Die Kleider waren bereits abgefault und die langen Haupt« und» Barthaare hingen gebleicht über den zum Theil nackten, doch mit einer Schlammkruste überzogenen Körper herab. Die Augen waren tief eingefallen, und das Geficht aufgedunsen und zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Un« glückliche, dem die Erinnerung an bessere Tage fast geschwunden war, wurde ins Krankenhaus nach Zuaim transportirt, während das so grausame Elternpaar eben dahin dem Gerichte über» geben wurde._ Kleine Mittheilnngen. Hamburg, 26. Dezember. In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag fand in der Pulverfabrik Düneberg bei Geest» hacht eine Exploston statt. Fünf Arbeiter wurden getödtet. Von den Verunglückten ist einer verheirathet. DaS Gebäude, in welchem die Exploston stattfand, ist vollständig zerstört. Ueber die Entstehung ist noch nichts bekannt. Posen, 28. Dezember.(Unglücksfall.) Ein Wagmputzer von der Oberschlestschen Eisenbahn, Namens Kindt aus Jerzpce, wurde am 24. d. M. in der 7. Abendstunde auf dem hiesigen Bahnhofe von einer Lokomotive in der Weise überfahren, daß Kopf und Arme vom Körper getrennt wurden und der Tod natürlich sofort eintrat. So find denn gerade am Wcihnachts« abend, der sonst so viele Menschen glücklich macht, die junge Frau und das einzige Kind des Verunglückien ihres Ernährers beraubt worden. Graz, 23. Dezember.(Exploston.) Gestern früh flog in der Dynamit- und Rhexitfabrik in Et. Lambrecht(Obersteier) die Waschhütte unt r furchtbarer Detonation in die Luft. Drei Arbeiter waren todt, drei wurden verwundet. In dem von der Fabrik anderthalb Kilometer entfe nten Markte wurden viele Fensterscheiben zertrümmert, im Stifte und der Stiftskirche allein mehr als zweihundert. Theater. Opermhau». Heute: Die Jüdin. SchaushielhauS. Heute: Die Journalisten. Deutsches Theater. Heute: Ein Tropfm Gift. Kriedrich-WtlhelmKSdttsche» Theattt. Heute: Die schönen Weiber von Georgien. Restdenz-Theater. Heute: Clara Soleil. Vorher: Die Schulreiterin. Wallner-Theater. Heute: Frau Direktor Striese. Belle-Alltauee-Theater. Heute: Lucinde vom Theater. Walhalla-Opmtten-Theate«. Heute: Mamsell Angot. Viktoria- Theater. Heute: Meffalina. Central-Theater. Heute: Der Stabstrompeter. LoutsenftSdtischeS Theater. Heute: Die Stumme von Portici. Oftend-Theater. Heute: Theodora. Theater der RetchShalle«. Täglich; Aufreten sammtlicher Spezialitäten. American-Theater. Täglich: Auftreten sämmtlicher Spezialitäten. «aufmaun'S VmrieW Täglich: Große Spezialitäten-Vorstellung. «oukordia. Täglich: Auftreten sämmllicher Spezialitäten und theatralllche Vorstellung.___________ Alhambra-Theater. Wallnertheaterstraße 15. Der verkaufte Schlaf. Romantisch.lomisches Weihnachtsmärchen in 3 Akten von E. Jakobson und O. Gimdt. «or der Vorstellung:«. Großes Konzert der Hauskapelle. Anfang de« Konzerts Wochentag? 7 Uhr, der Vorstellung 8 Uhr. Anfang deS Konzerts Sonntags 6 Uhr. der Vorstellung 7'/, Uhr. »onS haben Wochentags Gilttgleit und sind im Theaterbureau (12—1 Uhr) gratts zu haben._ wWRNf Kaiser'Panorama. Eine Wandemna durch Amerika. Kalifor- wamm nten. Der Mond. Das malerische Berner Oberland. WeihnachtS. Ausstellung: Das Leben Jesu. Jemsalem rc. a Reise 20 Pf., Kinder nur 10 Pf. Abonnements. Wo sveisen Sie? In der ersten alten Pommergehen Küche b. K l e i n, jetzt Oranienstraße 181, Hof Part. Gediegener Mittagstisch mit Bier 50 Pf. 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