Nr. B. Dienstag» de« 3. Januar 1886. HI. Jahrg. SerlimWMiIl Krgsn für die iiifrrrlTrn brr Arliritrv. * Das„Berliner Volksblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrirter Beilage 10 Pfg. (Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.) Jnsertionsgebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pfg. Arbeitsmarkt 10 Pfennige. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition. Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion: Keuthstraste 2.— Expedition: Zimmerstraste 44. Die Mmfl iitt ßaflianHaaten. Mit dieser Angelegenheit haben sich offiziöse und halb« offiziöse Blätter in der letzten Zeit wiederholt beschäftigt und zwar so angelegentlich, daß man annehmen kann, die Sache sei nicht von ungefähr gekommen. Namentlich ei« Artikel der„K ö lnis ch e n Z ei t u n g" Hit viel Aufsehen ge« macht und da man den brave» Man« kennt, der von Berlin aus die offiziöse Parole in das rheinische Blatt hinein zu schmuggeln pflegt, so weiß man auch, woher der Wind weht. Es heißt zunächst, die Gruppe der Balkanländer müsse selb st ständig werden. Dagegen kann wohl Niemand etwas einwenden, der wünscht, daß die schönen Provinzen am Balkan, die Jahrhunderte lang durch unselige politische Zustände verheert und niedergedrückt worden sind, für eine moderne Entwickelung zugänglich gemacht werden. Aber was heißt in diesem Falle selbMändig? Doch nur, daß Rußland wie die Türkei gar keine« Einfluß auf die Balkanstaate» mehr haben. Und dazu gehört noch viel. Zunächst müßten die Türken ganz aus Europa hinaus- geworfen werden. Dan» aber müßte sich ganz West» und Mitteleuropa zu einem großen Bunde zusammenfinden, um die Unabhängigkeit der Balkanstaaten gegenüber Rußland zu wahren. Und wäre« sie dann in Wahrheit unabhängig? Wer aber sollte statt des Sultans in Konstantinopsl sitzen? Ein englischer oder russischer Vasall, der Fürst von Bul« garien oder der König von Griechenland? DaS würde sicherlich noch einen blutigen Kampf geben und sicherlich würde vom Dache des Serails zu Konstantinopel vorher die grüne Fahne des Propheten wehe«, um alle Moslemi» zum Kampfe gegen die„Ungläubigen" aufzufordern. Der Offiziöse der„Kölnischen Zeitung" denkt sich die Sache freilich viel einfacher. Er sagt: „Nachdem Rumänien und Bulgarien unter Führung deutscher Fürsten zum Bewußtsei« der Kraft gelangt sind, verlangen sie jetzt Raum und Ruhe zu freier und friedlicher Entwicklung in Gestalt einer staatliche« Zusam- menschließung auf nationaler Grundlage, so wie es ihre eigenen Interessen erheischen und nicht etwa unter Hintan- setzung derselbe» wie von Seiten der Mächte bisher geschehen ist, nach Maßgabe russisch-österreichlsch.englischer Interessen- Politik, welche wahrlich keine europäische Politik gewesen ist. Sie wollen frei werde« von der eigennützigen Vormund« schaft einzelner Mächte, sie wollen weder Russe» zweiter Klasse werden, noch sich von Rußland als Widderkopf gegen die Türken, noch von England als eine Schanze gegen die Russen gebrauchen lassen, sie wollen weder eine Tausch« oder AuSgleichSwaare, noch ein Spielball für Europa bil- de», sondern sie verlangen die Neuregelung der Verhältnisse 68| IeuMeton° Die KauK der Uemests. Roma» von Ewald August König. (Fortsetzung.) „Wollen Sie mir einen Gefallen erzeigen?" »Wenn ich es vermag, weshalb nicht?" Sie ein gutes Wort für mich ein. machen Sie d°i°w M.NN... Halten Sie ihn für eincn Mann von Ehre?" tuf' w.« „Er will es sein," erwiderte er zögernd. y". „Wenn Sie die Güte haben wollten—" „Gewiß, ich will mit ihm reden, aber den Erfolg kann lch Ihnen schon jetzt voraussagen. Er wird über die Zu« muthung lachen unv sie unverschämt nennen." „Wenn er das thut—" „Nun, was dann?" „Joseph strich mit der Hand über die Stirne, von der die hellen Schweißtropfen niederrieselten, er fühlte, daß er zu viel getrunken hatte, nichts destoweniger leerte er nodb einmal sein GlaS auf einen Zug. Barnekow gab dem Wirth die leere Flasche und for- derte eine neue, er selbst trank wenig. „Was dann?" wiederholte der Kammerdiener mit ver- bissen em Groll.„Dann muß die Sache anders angefaßt werden." „Vorausgesetzt, daß Sie einen Druck auf ihn üben rönnen!" »Ich kann es." »Bah, es mag sein, daß Sie einige kleine Geheimnisse �hres Hena kennen, ein Kammetdiener findet ja dazu immer «ach ihren eigene« nationalen und örtlichen Bedürfnissen. Und eS wäre gewiß eine schöne Aufgabe d e u t s ch- m i t- teleuropäischer Orientpolitik, nach dieser Richtung hin fördernd zu wirken, damit den Balkanländern endlich dauernder Friede gegeben, der europäischen Welt jede neue Beunruhigung genommen, die orientalische Frage auf europäischem Gebiete endlich befriedigend gelöst werde. Ohnehin strebt die Entwicklung der Balkanländer diesem Ziele zu, Rumänien ist ihm rasch nahegekommen, Griechen- land schreitet dahin vor, Bulgarien hat einen ersten großen Schritt gethan." Das ist ein schöner Daum, nur zu schön für die rauhe Wirklichkeit im Schlußviertel des neunzehnten Jahrhunderts. Daraach soll Deutschland berufe» sein, die orientalische Frage zu lösen. Nun, wir wünschten gewiß, daß Deutschland im Stande wäre, die Orientfrage, diesen uncnt- wirrbaren Knäuel, zu einer befriedigenden Lösung zu bringen. Nur müßte diese Lösung eine friedliche sein, denn die Lust, für orientalische Z«teressen am Balkan fein Blut zu verspritzen oder etwa für Alexander 1. irgend welche sonstige Opfer zu bringen, dürste in Deutschland nicht sonderlich groß sein. Wir haben uns in Deutschland gerade genug mit anderen Dingen zu beschäftigen, um es über« flüssig erscheinen zu lassen, auf solche Abenteuer auszu- gehen. Da wir die Stimmung der Völker in Bezug auf solche Projekte kennen, wisse« wir auch, daß die offlziöse Leichtherzigkeit in diesem Falle so ziemlich von Niemandem getheilt wird. Der Gedanke einer„deutsch-mitteleuropäi- schen Orientpolitik" ist weder originell noch beson« derS tief; man kann nicht leicht begreifen, wie eine solche iaszcnirt werden sollte, da da« Deutsche Reich an die Balkanstaaten, um die es sich handelt, weder direkt grenzt, noch eine Schlachtfloite besitzt, die stark genug wäre, in den orientalische» Gewässern zu dominiren. Und eine„deutsch-mitteleuropäische Orientpolitik" ließe sich doch schwerlich allein an den grünen Tischen abmachen. Die ru- melische Revolution von oben hat gezeigt, wie leicht ein Vertrag durchlöchert werden kann. Aber eine„deutsch-mitteleuropäische Orientpolitik", ge- stützt auf die deutschen Fürsten der Balkan- und Donau- flaaten, würde zweifelsohne zu einem großen Konflikt zwi- schen Deutschland und Rußland führen, der mit einer dlu- tigen Entscheidung enden müßte. Daß dieser Kampf unver« weidlich und nur eine Frage der Zeit sei, ist von vielen scharfsichtigen Polittkern behauptet worden. Sie werden wohl Recht habe». Andererseits ist auch bei» Grund vorhanden, diesen Kampf herbeizuwünschen, denn ei« blutiger Kampf käme«ach tausend Jahren immer noch zu Gelegenheit, aber denken Sie nicht, daß Sie darauf so große« Gewicht legen dürften." „Kleine Geheimnisse?" unterbrach Joseph ihn hastig. „Was ich weiß, fällt schwerer in die Wagschale." „Was wird es sein? Vielleicht hat er seine Schwester während der Zeit seiner Verwaltung dann und wann um einige Summen betrogen, aber glauben Sie, daß die Gene- ralin seine Bestrafung beantrage» wird? Also mit dieser Drohung wäre eS auch nichts." „DaS weiß ich ebenfalls, und eS wäre lächerlich, damit drohen zu wollen." „Na, dann spreche« Sie frei von der Leber weg!" sagte Barnekow ermuthigend.„Kann ich Ihne» helfen, so soll et geschehe«, und wenn ich auf Ihrer Seite stehe „Werden Sie es thun?" „Wenn ich eS verspreche, unter allen Umstände»!" „Herr Rabe ist Ihr Freund." „Doch nicht in dem Maße, wie Sie zu glaube» schei» nen! Seitdem ich ihn auf einer falschen Fährte ertappt habe, schenke ich ihm kein Vertrauen mehr, und ich will Ihnen offen gestehe«, daß ich immer geglaubt habe, er werde über kurz oder lang mit dem Staatsanwalt in unangenehme Berührung kommen."..,., Der Kammerdiener blickte de» elegante» Herr« for- schend an, er wurde immer verwirrter, er wußte ja nicht, wie weit er diesem Manne verttauen durfte. Und er scheint das selbst zu fühlen," fuhr Barnekow fort,„et muß ihm wohl klar geworden sei», daß der Boden unter seinen Füßen nicht mehr fest ist, er will auswandern, sein Glück in Amerika versuchen, und dann haben Sie das Nachseben.�u � w abreisen?" fragte Joseph über« '�.Sehr bald, vielleicht schon morgen." �Das kann ich nicht glaube«, er wlll ja Fraule,« von Lossony eirtfhe«�-och � � hie Verlobung aufge- hoben ist?" „Seit wann?" früh. Die Herren Offiziösen würden besser thun, sich mit näherliegenden Dingen, als mit solch weitausgespavnten Phantasiebildein zu beschäftige». Man hat doch allen Giund, sich mit Nachdruck dafür zu äußer», daß den russischen Grenzflegeleie» ein Ende gemacht oder Genug» thuung verlangt und erreicht werde. Vor einigen Tagen sind wieder Deutsche, und zwar Forstbeamte, die sich auf der Jagd befanden, von russischen Grenzkosacken angegriffen worden. Die Kosacken versuchten die Deutschen gefangen zu nehmen; als dies nicht gelang, schösse» die Kosacken scharf und verwundeten mehrere Leute. Die Blätter, welche diesen bekanntlich nicht vereinzelt dastehende» Vorfall melden, fügen hinzu: Be- schwerde bei der russischen Regierung wird nichts nützen!— So! Sollte man nicht in der Lage sein, die erforderliche Energie anzuwenden, um diesem Unwesen zu steuern? Und wenn nicht, warum nicht? Fürst Bismarck hat die Wiederherstellung Polens eine« Traum und Schwärmerei für Polen kindisch genannt. Nun, wir wollen darüber nicht rechten; soviel steht aber für uns fest, daß die Theilung Polens der verhänznißvollste Fehler war, der von Preußen und Oesterreich begangen werden konnte. Was brauchte man sich heute über einer„deutsch- mitteleuropäischen Orientpolitik" den Kopf zu zerbrechen, wenn Polen noch als Staat und Nation vorhanden wäre! Polttifche Ueberstcht. Z« einer Berichterüattung über die sogenannten Arbeiterkolonien oder die Bestrebungen zur Unterbringung der Arbeitslosen in Kolonien und Verpflegungsstationen hat der Kultusminister die Konsistorien aufgefordert. Den kirch- lichen Organen wird empfohlen, derartige Besttebungen mög- lichst zu unterstützen.— Wie weit sich die Berichterstattung erstrecken soll, ist nicht zu ersehen. Von wesentlichem Nutzen könnte dieselbe nur dann sein, wenn fie eine recht genaue wäre, wenn auch die Umstände, welche die Arbeitslosigkeit des Kolonisten veranlaßtcn, aufgeführt würden. Eine genaue und richtige Statistik würde sehr bald dem noch vielfach herrschen- den Borurtheil, daß die„Vagabonden" zumeist nur Menschen find, die absolut nicht arbeiten wollen, ein Ende machen. Und dann würden natürlich auch alle jene Mitielchen, welche von unwissenden Leuten heute gegen die„Landstreicher" empfohlen werden, als überflüssige und ungerechte erkannt werden; der Ruf nach Gendarmen würde demnach Sozial- reformen weichen müssen. Die Reform des Wahlgesetzes wird sich nach dem neuen Antrage der sozialdemokratischen Fraktion nicht blos auf die beiden(von ver Presse ganz ungenau wiedergegebenen) Puntte erstrecken, sondern, wie das„Deutsche Wochenblatt" mittheilt, namentlich folgende Bestimmungen enthalten: 1. Der Wahltag muß stets ein Sonntag sein. „Seit gestern. Herr von Lossow hat ihm die Thürs Was sollte ihn nun noch hier zurückhalten? aS Geld, welche« er Ihnen versprochen hat, nimmt er mit hinüber, er wäre ja ei» Thor, wenn er es Ihnen gäbe!" Wuth, Haß und Rachsucht leuchteten aus den Auge« de« Kammerdieners, aus jedem Zuge seines verzerrten Ge- fichts, welches abwechselnd dunkelroth und dann wieder todesbleich geworden war. Sei« Mißttaue» schwand gegenüber der Offenheit Barnekow'», aus den Worten des letztexen mußte er ja entnehme», daß die Beiden keineswegs so sehr befteundet waren. „Er wird es nicht mitnehmen!" sagte er mit heiserer Stimme.„Betrügen soll er mich nicht—" „Wie wollen Sie es verhindern?" „Ich lasse ihn verhaften!" „Oho, das ist rasch gesagt!" „Sie denken, ein armseliger Kammerdiener käme gegen einen so vornehmen Herr» nicht an! Wenn Sie wüßten, was ich weiß, würden Sie ander» reden." „Möglich, aber man legt manchmal allzugroße« Werth auf etwas, was—" „Ich bin meiner Sache gewiß!" „Gut," sagte Barnekow, während er nachlässig mit seiner Lorgnette spielte,„theilen Sie mir mit, was S e wisse», und wenn es in der That eine wirksame Waffe ist, so werde ich sie in Ihrem Interesse benutzen." „Joseph schüttelte zögernd das Haupt. „Wenn ich Ihrem Verlangen«achkomme, so ist die Waffe nicht mehr in meiner Hand," erwiderte er,„und fie soll darin bleiben, bis ich mit Sicherheit weiß, daß Herr Rabe wirklich mich bettügea will." „Ist Ihnen das noch immer nicht klar geworden?" „Ich kann nicht glaube», daß er so thöricht sein soll, er weiß ja selbst, was ihm bevorsteht." „Handelt es sich dabei um die Ermordung de« Doktors Wieland?" .Nein." 2. Eine Stichwahl findet allemal den zweitnachsten Sonntag nach der resultatlosen Hauptwahl statt. 3. Der Volts, ählung vom 1. Dezember 1885 entsprechend, werden die Wahlkreise neu eingetheilt und muß diese Neuein- theilung alle 10 Jahre nach Maßgabe der veränderten Be- völkerungsziffer wiederholt werden. 4. Zur Sicherung des Wahlgeheimnisses werden amtlich gestempelte Kouverts ausgegeben, und wird das höchste wie vas niedrigste zuläsfige Gewicht des zu Stimmzetteln zu ver- wendenden Papiers festgesetzt. 5. Während der Dauer der Wahlbewegung kommen alle landesgesetzlichen Beschränkungen der Versammlungsfreiheit, insbesondere die Anmeldungspflicht, völlig in Wegfall. Die Forderung der Proportionalvcrtretung ist nicht in Ausficht aenommm. Die vorstehend aufgeführten Bestimmungen würden hinreichen, um— die Annahme deS Arbeiterschutz- gesetzes mit dem gesetzlichen Verbot der Sonntagsarbeit voraus- gesetzt— jedem Wähler die Theilnahme an der Wahl zu ermöglichen, die Zahl der Vertreter im Reichstage in ein richtiges Verhältnih zum fortgesetzten Wachsthum der Arbeiter- devölrerung zu bringen und daß Wahlgeheimniß vor jeder Kontrole durch Polizei oder Fabrikherrscher zu bewahren. Eine vollständig freie Wahl wird freilich noch lange nicht erreicht, dieselbe wäre erst möglich in einem Staat, der so weit fortge- schritten wäre, auch die Arbeit von ihrer Abhängigkeit vom Kapital freizumachen! Die Ausweisungsfrage dürfte, wie der„Nat..Ztg." als feststehend mitgetheilt wird, in irgend einer Form gleich nach der Konstituirung des Abgeordnetenhauses rn demselben zur Sprache kämmen. In Abgcordnetenkreisen will man wissen, Fürst Bismarck beabfichtige, persönlich die Vertretung der Re- gierung dabei zu übernehmen.— Man kann das auch schon von den ReichStagsdebatten her wissen; der Reichskanzler hat in der an seinen Gehaltsposten im Etat geknüpften DiSIusston über die Ausweisungen schon angekündigt, daß er bei der be- treffenden Debatte im Abgeordnetenhause daselbst erscheinen werde. Seit einer Reihe von Jahren hat Fürst Bismarck im Abgeordnctenhause nicht gesprochen. Die Auswanderung Deutscher über deutsche Häfen und Antwerpen nach überseeischen Ländern betrug: im Monat in den 11 Monaten September Januar/November 1885..... 4771 Personen, 101 480 Personen. 1884..... 5 066„ 141056 1881..... 11246„ 206047„ Fürst Bismarck hat vom Papst einen Orden, und zwar den höchsten, den der letztere zu vergeben hat, erhalten. Es ist dies der ChristuSorden mit Diamanten. Der„Hamb. Korrespondent läßt fich diese Nachricht extra aus Rom tele- graphiren. Folgende Ausweisung»- Geschichte wird von der „Gazeta TorunSka"(Polnische Thomer Ztg.) erzählt: AuS Rischwald im Kreise Lübau sollte ein 21 jährigeS Mädchen, Marie RochowicS aus Polen, ausgewiesen werden. Der Orts- Vorsteher in Kazanitz erhielt vom Landrath die Weisung, daS Mädchen solle in acht Tagen das preußische Gebiet verlassen oder mit Gewalt über die Grenze gebracht werden. Der Orts- Vorsteher setzte die arme Person davon nicht in Kenntniß, soa« dem nahm ohne Weiteres zwei Männer an, welche am 21. Dezember Morgens das nicht benachrichtigte und weinende Mädchen mitnehmen wollten.— Der Onkel deS Mädchens, ein Bauer, bei dem fie fich aufgehalten hatte, bat den Orts- Vorsteher, der Ausgewiesenen wenigstens einige Stunden Zeit zu lassen, damit fie ihre Sachen mitnehmen könne. Der Mann drohte dem Bauem mit Hast, da er fich um Dinge kümmere, die ihn nichts angingen, und schlug seine Bitte ab. Dieser Mann ist, nebenbei gesagt, Pole und Katholik I Der TranS« port mit dem Mädchen ging nach Mlawa mit der Bahn ab. Die msfischen Beamten schickten, als fie den Sachverhalt er- fuhren, das Mädchen zurück, damit fie ihre Sachen abhole, dm Transporteuren drohten fie mit sofortiger Verhaftung und dreimonatlichem Gefängniß, weil fie ohne Legitimation die Grenze überschritten hatten. Schließlich kehrten die Leute in Begleitung deS Mädchens nach Jlan zurück; dort wollten nunmehr die preußischen Beamten fie nicht über die Grenze lassen, nun trat das Mädchen für fie ein, und so kämm fie an den Ausgangspunst zurück. Nachdem das Mädchen sodann ihre Habseligkeiten fin Empfang genommen, hat fie Preußen ver- lassen. Die Ausschüsse deS Bundesraths beginnen heute ihr« Thätigkeit wieder und am Donnerstag wird die erste Plenar- styung in diesem Jahre stattfinden. In BundeSrathSkreisen ist man, wie verlautet, auf eine sehr umfassende und lebhafte Thätigkeit für die nächste Zeit vorbereitet. Nach wie vor wird behauptet, daß die Vorverhandlungen über das Branntwein. Monopol zwischen den Regierungen noch immer fortdauern und die BundeSrathsmitglieder zumeist erst auS den offiziösen Mit- theilungen deS preußischen Finanzministeriums Kenntniß von dem Inhalt der beabfichtigten Vorlage empfangen hätten. Man meint, daß diese Angelegenheit im Bundesrathe nicht so „Oder um die Papiere, die dem Gärtner der Generalin geraubt worden sind?" „Auch daS nicht." „Aber um dm angeblichen Selbstmord dieses Gärtners," sagte Barnekow leise, aber dennoch mit scharfer Be» tonung.„Der Mann hat nicht selbst sich das Leben ge- r ommen, er ist gemordet worden, sagen Sie die Wahrheit!" Joseph schlug die Augm nieder, diese direkte Frage brachte ihn sichtbar in Verlegenheit, und sür Barnekow war diese Verlegenheit ein Beweis, daß er sich auf der richttgen Fährte befand. „Wenn Sie das beweisen können, so habm Sie aller- dings eine furchtbare Waffe," fuhr er fort,„aber was nutzt sie Ihnen, trenn Sie keinen Gebrauch von ihr machm wollen? Morgen Abmd kann Rabe schon die Stadt ver- lassen habm, Sie müssen ihm den Daumen auf's Auge halten,— Vogel friß, oder stirb!" „Er hält mich von Tag zu Tag h,n." „Weshalb lassen Sie sich hinhalten? Zahlt er das Geld nicht, so gehen Sie zum Staatsanwalt!" „Das wird auch geschehen I" .ES hätte längst geschehen müssen." „Wieder ruhte der Blick Joseph'S befremdet auf dem Manne, der in seinen Augm ein Kavalier, ein Mann von Ehre�w«. Sie, der Freund des Herrn Rabe?" �«Zch habe Jhnm schon erklärt, daß diese Freundschaft einm Riß erhaltm hat," elwiderte Barnekow achsel zuckend. „Sie sehen. Alle» zieht fich von ihm zurück, d,e Gründe liegen nahe, sie lassen sich mit leichter Mühe errathen. Nichts desto weniger will ich für Sie den Kampf mtt ,hm aufnehmm,— weshalb? Weil ich Jhnm wünsche, daß Sie vorwärts kommm!" Begriff Joseph dieses Wohlwollm auch so rasch nicht, so hielt er sich doch verpflichtet, für dasselbe zu danke«. „Und nun die Beweise!" fuhr Herr von Bamekow wieder fort, nachdem er noch einmal die Gläser gefüllt hatle,„es kommt darauf an, ob sie überzeugend sind. Ich schnell ihre Erledigung finden werde, wie hier und da bis jetzt angenommen worden ist. Der Antrag der sozialdemokratischen Reichstags- fraktion, das Dynamitgesetz wieder aufzuöebe«, findet nicht den Beifall der deuschfreifinnigen Partei. Der bekannte Herr Alex. Meyer äußert fich in ver„Breslauer Ztg." dazu folgendermaßen:„ES liegt für einen solchen Antrag nicht die gertnaste Veranlassung vor. Richtig ist es, daß die Ver- urtbeilungen auS dem Dynamit-Gesetz bisher Menschen ge- troffen haben, denen eine böse Adficht nicht zur Last gelegt werden kann, und daß eigentliche Verbrecher von denselben nicht betroffen worden find. Ader weder der eine noch der andere Umstand kann zur Veranlassung genommen werden, daS Gesetz wieder aufzubeben. Das Strafgesetz Achtet fich nicht allein gegen böswillige Verbrecher, sondern auch gegen Fahrlässigkeit, und die bürgerliche Gesellschaft muß auch gegen die letztere geschützt werden... Die bisherigen Verurtheilungen, die auf Grund dieses Gesetzes ergangen find, haben in über« laschender Weise den Beweis geliefert, wie sehr die Leute, die berufsmäßig mit Dynamit umgehen, daS Bewußtsein seiner Gefährlichkeit verlieren, und ein Strafgesetz, welches dieses Bewußtsein schärst, wirkt sehr nützlich. Zum Theil hattm die Verurtheilten von dem ergangenen Gesetze noch keine Kenntniß erlangt; das ist sehr bedauerlich; aber gerade die ergangenen Strafurtheile werden dazu mitgewirkt haben, die Kenntniß von dem Gesetze zu verbreiten. Man kann übrigens von jedem besonnenen Mmschen verlangen, daß er fich, auch ohne ein Strafgesetz zu kennen, von der Gefährlichkeit des Dynamits Rechenschast giebt und fich nach Mitteln umsteht, den Gefahren auS dem Wege zu gehen. Von dem Vorwurf einer schweren Fahrläsfigkeit ist keiner der Verurtheilten freizusprechen. Viel- leicht würde eS fich empfehlen, durch ortsübliche Bekannt« machungen auf die strenge Beobachtung des Gesetzes hinzu« wirken." So weit der Herr Meyer. Herr Meyer hat selbstredend noch niemals in der Praxis etwas mit DynamU zu thun ge« habt, und eS ist mithin erklärlich, daß er schon bei dem Ge« danken an dieses fürchterliche Sprengmittel eine gelinde Gänsehaut bekommt. Welchen Werth die Anfichten dieses Herrn haben, zeigt ein Brief, welcher dem„Deutschen Wochen« blatt" von einem Bergmann aus dem Rheinland zugegangen ist. Derselbe lautet: „AlS Bergmann sehe ich mich veranlaßt, Ihnen einige Mittheilungen über Unzuträglichkeiten des Dynamitgesetzes zu machen, die Sie vielleicht merden verwenden können. Wenn die hochlöbliche Polizei hier uns Bergleuten etwas auf die Finger sehen würde, würden wir auS den Dynamitprozeffen gar nicht mehr herauskommen, denn die hiefigen Grubenvereine haben gewöhnlich mehrere Zecken(Schächte), es wird aber blas auf einer Stelle Dynamit verausgabt, und nicht unter 2'/: Kilo, was doch ein diretter Verstoß gegen das Gesetz ist und im Falle einer Anzeige schon an und für fich eine Ver« urtheilung zur Folge haben würde. Wenn nun der Berg- mann Frühschicht hat, entsteht Mittags die Frage, wo soll er sein Dynamit lassen? Wenn er kernen Kameraden hat, der Mittags arbeitet, ist er doch verpflichtet, es mit nach Hause zu nehmen. Dasselbe ist der Fall, wenn der Bergmann Nachtschicht hatte. Die Vorschrift lautet, der Steiger solle jedem Bergmann nicht mehr Dynamit geben, als er zur Schicht, oder vielmehr zu dem Sprengschuß gebraucht. Ein Steiger hat gewöhnlich 100, auch 150, mitunter sogar 200 Mann in fernem Revier, wo er fahren, d. h. jede Schicht besuchen muß. Von diesen durchschnittlich 150 Mann'find ca. 20 Mann Steinarbeiter, Bergleute, die je 2 und 2 Mann wohl 5 Minuten weit von einander entfernt arbeiten; da ist eS doch unmöglich, genaue Kontrole zu üben. Und arbeitet ein Bergmann zur Nachtschicht, so fehlt der Steiger gänzlich. Ich arbeitete vor einem Jahr bis vor drei Monaten auf Zeche*** Schacht Ii für Steinarbeit und mußte immer NachtS gehen und arbeiten. Meinen Sprengstoffbedarf hatte ich mir von Schacht 1 zu holen. Mittags um 1 Uhr war ich also ge- zwungen, ihn unfreiwillig mit nach Hause zu nehmen, jedesmal 5 Pfund Dynamit und 100 Zündhütchen, die gerade so stark find wie ein Pfund Dynamit, aber viel gefährlicher. Anfangs ging ich, weil ich mich gegen Denunzianten und Polizeispitzel stchern wollte, nach Schacht Ii, forderte mein Grubenlicht (Wetterlampe), um daS Dynamit in die Grube vor meine Ar« beit zu ttagen. Da kam ich schön an. Ich wurde abgewiesen mit dem Bemerken, wenn ich nicht arbeiten wolle, dürfe man mir keine Lampe geben. Dagegen beschwerte ich mich beim Steiger, der zuckte die Achseln, indessen da ich mich auf daS Dynamit« gesey berief und er gerade zur Schicht anfahren wollte, that er mir den Gefallen und nahm das Dynamit zur Grube mit. DaS nächste Mal aber traf ich ihn nicht an, war also ge« zwungen, das Dynamit mit nach Hause zu nehmen, denn hätte ich eS weggeworfen und die Polizei hätte dies herausgekriegt, so wäre ich auch sttaffällig gewesen und hätte dabei noch 6 Mark eingebüßt, denn ich hätte da« Dynamit bezahlen müssen. Angenommen, ich hätte dasselbe weggeworfen und Jemand, der daS Gesttz noch nicht kennt, hätte eS gefunden und mit nach Hause genommen und die Polizei wäre es ge« werde darüber mit Jhven berath:n und Ihnen alSdau« auch sagen, wie Sie sich zu verhalten haben." „Ich will's vorher«och einmal in Güte versuchen," sagte der Kammerdiener mit einer ablehnende» Geberde, „vielleicht erfüllt er sein Versprechen doch." „Denken Sie nicht daran!" „Ich lasse die Hoffnung noch nicht fallen." „Und wann wollen Sie den Versuch machen?" „Morgen Vormittag." „Sie werden abermals abgewiesen, Rabe glaubt nicht an den Ernst Ihrer Drohungen. Ueberlassen Sie mir diesen Versuch, verstauen Sie mir Ihre Beweise an—" „Heute noch nicht!" „Und wenn eS nun morgen schon zu spät wäre?" sagte Barnekow ärgerlich.„Nehmen Sie doch Vernunft an! Ich rathe Ihne« ja nicht in meinem, sonder« in Ihrem Interesse I Und Ihre Drohungen, ich wiederhole das noch einmal, werden gar keine« Eindruck auf ihn machen, ander» dagegen gestaltet sich die Sache, wenn ich mit der Anzeige beim Staatsanwalt drohe! Also wie war'S mit dem Gärtner? Welche Geheimnisse enthielten die �Papiere, die ihm ge- stöhlen wurden?" „Das weiß ich nicht, ich habe diese Papiere nicht ge» sehen!" „Sie haben sie in der Hand gehabt!" „DaS Kästchen, in dem fie lagen, war verschlossen." „Und Rabe hat die Papiere vernichtet." „Hat er es nicht gethan, so müsse» sie sich noch in seinem Besitz befinden, ich habe sie nicht gesehen," erwiderte Joseph, dessen Blick immer stierer und glasiger wurde. „Und der Gärtner drohte mit gerichtlicher Anzeige, nicht wahr?" forschte Barnekow weiter.„Rabe fürchtete ihn, und deshalb mußte er—" „Warten Sie bis morgen!" fiel der Kammerdiener ihm ins Wort.„Sie sollen Alles erfahre«, wen» ich da» Geld nicht erhalte. Es wäre eine Schmach für mich, müßte ich jetzt zurückstete« und dem Wirth sagen, ich habe das Geld nicht, um die Bedingungen des Vertrages zu erfüllen. Sie halte» Alle mich für eine» vermögenden Mann, ich mußte wahr geworden, so müßte auch der verutthcilt werden, ob zu Recht oder zu Unrecht, kommt nicht in Frage, das Gesetz will es so. Und das genügt. In den Brfiy von Dynamit kann aber bei uns Mancher kommen, er weiß nicht wie. Beispielshalber auf folgende Weise. Auf vielen Gruben werden die Querschläge(Lteinarbeit) mit Maschinen ge- trieben, wo jedes Mal etwa 10 bis 12 Schuß auf einmal abgefeuert weiden. Da wirft öfters der erste Schuß den andern über den Haufen, dieser explodirt also nicht und liegt zwischen den Steinen; die Steine werden mit den Schaufeln aufgeladen und zu Tage geschickt, dazwischen das Dynamit. Am Tage kommen nun unschuldige Kinder, um aus den Steinen Kohlen herauszusuchen, fie finden das Dynamit, nehmen eS mit nach Hause, der Vater denkt fich dabei nichts, kommt die Sache aber heraus, so hat er seine 3 Monate weg. Oder es findet das Dynamit der Ausschütter des Wagens, waS hier meistens Fremde(Polen) find, denn einen hiefigen Bergmann findet man selten darunter. Solch ein Pole also, der nichts vom Dynamit kennt, nimmt es in seiner Dummheit mit und später wird dasselbe gelegentlich einmal entdeckt Dynamit aber im Befitz eines polnischen Proletariers! Welche Fülle von scharf. finnigen Kombinationen für einen strebsamen Staatsanwalt, für den tnquirirenden Untersuchungsrichter! Solcher Fälle lassen fich in mancherlei Variationen unzählige denken und daß fie vorkommen, beweisen die von Auswärts gemeldeten Ver» urtheilungen wegen Vergehens gegen das Dynamitgesetz, von dencn� bis jetzt auch nicht eine einen ernsten Hmtergruvd Dieses Schreiben des einfachen Bergmanns spricht deutlich genug gegen das Dynamitgesetz; es wird von demselben vor wie nach nur der harmlose Mensch getroffen werden, während es dem wirklichen Dynamttarden niemals ein Hinderniß sein wird. Mainz, 31. Dezember. Das Kreisamt hat die von hiefigen Metallarbeitern intendiite Gründung eines F a ch v e r» eins nach Aufhebung de» allgemeinen Fachvereins und seiner hiesigen Filiale auf Grund des Reichsgesetzes„gegen die ge« memgefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" ver- boten. Dem provisorischen Vorstand fei, nach der„Frkf. Ztg.", eröffnet worden, daß auch nur der Versuch, in die Oeffentlich- keit zu treten, sstastcchtliche Folgen nach fich ziehen würde.- Bei dieser Gelegenheit drängt fich uns die Frage auf: Wann erhalten schließlrch die Mainzer Metallarbeiter die Berechtigung wieder, einen Verein zu gründen? Wenn nun auch der frühere Fachverein, wie das behauptet wird,„gemeingefährlich" war, so ist damrt doch keineswegs bewiesen, daß der neu zu grün« dende dieselben Wege einschlagen wird. Will man jede neue Vereinsgründung als eine„Fortsetzung" der verbotenen Mit- aliedschaft betrachten, so werden die Mainzer Arbeiter in der Metallbranche bis zum jüngsten Tage warten müssen, bevor ihnen die ohnehin schon winzige Koalitionsfreiheit wieder» gegeben wird. Auf die Arbeiter wird da« Vorgehen der Be- Hörde ficherlich keinen günstigen Eindruck machen. München, 2. Januar. Gestern Vormittags wurden die Bewohner unserer Stadt durch einen Neujahrsgruß der Sozial- demokraten überrascht; eS war dies ein auf zwei Seiten be« drucktes Blatt mit der Ueberschrift:„Profit Neujahr!" Die Vertheilung scheint eine sehr gründlich- gewesen zu sein, man will wissen, daß 50 000 solcher Flugblätter vertheilt worden find. Oesterreich-Ungar». Die veruttheilten Starcevicianer erfreuen fich in hohem Grade auch der Sympathien des schönen Geschlechts in Kro- atien. Am 30. v. Mts. übersandten die Damen AgramS durch Frau Mazzura, Gattin des Abgeordneten Dr. Mazzura, dem tnhaftirten Dr. David Etarcevic aus Anlaß seines Namens- tages als Ehrengabe einen filbernen Pokal mit der Inschrift: „Dem Gefangenen für's Vaterland, Dr. David Starcevic. Die kroatischen Frauen AgramS. 30. Dezember 1885." Frau Mazzura erhielt keinen Einlaß in das Gefängniß und übergab deshalb den Pokal an den Onke! d«S Jnhaf�-ten, Dr. Aman Starcevic, mit der Bitte, denselaen seinem Neffen zukommen zu lassen. Voranstehende Mittheilung wurde vom Agramer Telegraphenamte saisirt.— Es zeigt fich hier wieder, daß eine Oppositionspartei mit Gewaltmaßregeln nicht unterdrückt wer- den kann. Schweiz. Eine Drohbrief-Affatre in Appenzell. In der mecha- nischen Stickeret„An der Zihl" in Appenzell befinden fich die Sticker in Streik, weil die Löhne hinter denjenigen anderer Stickereien zurückstehen und da« Betriebssystem mit dem Ä r b e i t s g e s e tz fich nicht in Einklang befindet. Konzesstonen, welche die Geschäftsleitung den Arbeitern gemacht, hat einen Theil derselben veranlaßt, die Arbeit wieder aufzunehmen und der Verwaltung eine Ehrenerklärung zu geben. Ein Theil der Arbeiter aber streift und wird von der Appenzeller Bevölkerung, die, wie die lokale Presse, durchaus auf der Sette der Sstet« kenden steht, sowie von den Arbeiter. Organisationen unterstützt. — Jetzt hat nun der Direktor der Fabrik einen Drohbrief sehr schlimmen Inhalts bekommen, der offenbar darauf berechnet ist, die streikenden Arbeiter zu diskreditiren, diesen Zweck aber ihnen das ja vorschwindeln, um mir Kredtt zu ver- schaffen." Barnekow nickte zustimmend, sein Blick ruhte lauernd auf den beiden Polizeibeamten, die kurz vorher eingetreten waren und nun allein an einem Tische zunächst der Thüre saßen. .Das wäre allerdings eine Schmach," sagte er,„und Sie könnten nicht einmal Rache für dieselbenehmen. Wen» Rabe abgereist ist, so haben Sie das Nachsehen, und an Spott wnd es dann auch nicht fehlen." Er brach ab, ein Fremder hatte an demselben Tische, an welchem die Beide« saßen, Platz genommen, sie ahnten nicht, daß dieser Fremde der Sekretär des Polizeipräfiden» ten war. „Wir wollen warten bis morgen," sagte Joseph,„so rasch wird er nicht abreisen." „DaS können Sie nicht wissen!" „Ich bin ja»och in seinen Diensten, also werde ich doch wohl sehen, ob er Vorbereitungen trifft—" „Sie werden hinter Ihrem Rücken gettoffe». So dumm ist er nicht, daß er Ihnen sei» Vorhaben ver« räth." t „Haben die Herren schon gehört, daß man dem Mörder de» Antiquars auf der Spur ist?" mischte Kaltenborn fich jetzt in die Unterhaltung. Joseph zuckte ärgerlich die Achsel», als ob er andeuten wolle, er ivteressire sich nicht für dieses Thema, Herr von Barnekow sah den Fragenden erwartungsvoll an. „Die Geschichte selbst werde» Sie kennen," fuhr Kaltenborn fort,„ein gemeiner Raubmord—" „Ich kenne sie," unterbrach Barnekow ihn.„Ich glaube, Ihr Herr stand mit dem Antiquar auch in Ver- biodung?" „Kann sein!" erwiderte Joseph mürrisch.„Was küm« mert mich die Angelegenheit?" Kaftenborn beobachiete ihn unverwandt, die Ver« wirrung des halb berauschten Mannes konnte ihm nicht ent« gehen. „Der Antiquar hat gestern Abend noch Besuch ge» durchaus verfehlt, da er nach Stil und Schreibweise wohl in einem Bureau, niemals aber in einer Arbciterwohnung ge- schrieben sein kann.— Die ganze Streilaffäre liegt jetzt dem Bundesrathe vor, um die Verletzungen des Fabnkgesetzes zu konstatirm und zu ahnden. Großbritannien« Unter den Orangisten(Protestanten) in Irland herrscht eine sehr erregte Stimmung. Angefichts der Bestrebungen, die Iren durch Konzesfionen zu versöhnen, wird sogar die Mög« lichleit bewaffneten Widerstandes in Erwägung gezogen. Der Abgeordnete Major Eaunderson, der am Montag bei einer eine Tendenz auf Seiten der Regierung bemerken, dem Ver« langen der Parnelliten nach einer Trennung oder nach Ueber« tragung der Kontrole über die Polizei oder die Finanzen nachzugeben, die Regierung stürzen würden. Wenn cm abge« sondcrtes Parlament gewählt werden sollte, würde eS die Pflicht der Männer von Ulster" sein, eine Haltung deS be- waffneten Widerstandes anzunehmen. Sie hatten nicht die Abficht, der Armee der Königin entgegenzutreten, aber fie würden fich auf das Schlimmste vorbereiten. Redner habe stets geglaubt, daß Trennung einen Bürgerkrieg bedeute, und die Orangisten seien entschloffen, dementsprechend zu handeln. Kommunales. Die nächste Sitzung der Stadtverordneten-Versamm- lung findet am Donnerstag, den 7. d. M., statt. In derseldm wird der Oberbürgermeister Dr. von Forckendeck die neuge- wählten, bezw. wiedergewählten Mitglieder der Versammlung in ihr Amt einführen und verpflichten. Außerdem findet in dieser Sitzung die Neuwahl des Vorstehers, dessen Stellver» treterS und der Beifitzer statt. Bis zur Wahl des Vorstehers leitet das an Jahren älteste Mitglied der Versammlung, Geh. Medizinalrath Dr. Schultz, die Verhandlung. Nachstehende Petittonen find bei der Stadtverordneten« Persammlung eingegangen: 1. vom Bezirksverein„Alt-Berlin", betreffend Ecvauung einer Fußgängerdrücke an Stelle der abge« brochenen Kavaliei brückt; 2. von demselben Verein, betreffend Aufhebung der in einem Theile der Burgsttaße stattfindenden Straßensperrung; 3. vom Bezirksverein, �asenh aide", betreffend Regulirung und Bepflanzung deS von dem Kottbuser Damm, der Echönleinsttaße, der Boppstraße und der Lachmannstraße begrenzten Platzes A. Neues Feuerwehr» Depot. Der Magistrat hat die Er« bauung eines neuen Feuerwehr« Depots auf dem Urban be« schloffen. Dasselbe ist schon bei Aufstellung des Planes für die terstellung der nothwendigen Feuerwehr> Depots vor sechs ahren vorgeschlagen worden. Es soll die große Lücke zwischen dem Nebcndepot in der Reichenbergerstraße nebm der Pump- station I und dem Hauptdepot an der Echöneberger Brücke ausfüllen und einen großen Theil des Südens einschließlich deS Urban und der Hasenhaide bei FeuerSgcfahr decken können. Lokales. Die letzten polizeilichen Bekanntmachungen warnen wieder einmal vor einigen Menschenfreunden, die für theureS Geld den Kranken Heilung anbieten. ES find drei Geheim- mittel, vor denen in dm folgenden Bekanntmachungen ge- warnt wird: In der TageSpreffe wird gegenwärtig unter dem Namen„Hometiana-Thee" ein angeblich gegen Lungen«, Hals« leiden und Asthma wirksames Gehcimmittel angepriesen, welches von dem Agenten Ernst Weidemann, zu Liedenburg a. H. wohnhaft, in Päckchen zu 60 Gramm Inhalt, bei einem reellen Werthe von 5 bis 6 Pfennigen, für den Preis von 2 Mark verkauft wird und nach dem Eraebniß der amtlich veranlaßtm sachverständigen Untersuchung lediglich aus Vogellnötcnch be- steht, wie er auf allen Wegen und namentlich auch oft in wenig verkehrsreichm städtischen Straßen zwischen den Pflaster» steinen wächst. Er unterscheidet fich von dem unter gleichem Namen durch den hier, Alte Jakobstr. 39 wohnhaften Agenten A. Wolffsly angepriesenen außer dem Preise nur noch durch einen starken Zusatz von unreinen Bestandtheilen, wie Hühner- und Taubenfederresten, ausgedroschenen Komähren u. Ä. m. Eine spezifische Heilwirkung hat das Kraut nicht.— Die söge« nannten Spelmann'schen Hannooerschm Magentropfen, welche, zufolge Anzeige in Zeitungm, auch hier sogar in Apotheken vertrieben werden, find nach der stattgeyadtm chemischen Prüfung im Wesentlichen ein spirituöser Auszug anS den Be> standthnlen, welche zur Herstellung von sogenannten Magen bittem gemeinhin benutzt werden.— Eine amtlich angeordnete sachverständige Prüfung deS von Roman Weißmann in Vils- Hofen unter der Bezeichnung„Echlagwaffer" vertriebenen Mit iels hat ergeben, daß dasselbe nichts anderes ist, als eine mit etwas Ratanhia« oder Kinotinttur versetzte Arnika-Tinktur, deren wahrer Werth pro Flasche etwa 20 bis 30 Pf. beträgt» das behaupten?* fragte der habt,"«ahm der Sekretär wieder da« Wort,„dieser späte 'Gast—" „Ist er schon verhafte!?' fragte Baruekow rasch „Es wäre möglich. Kennen Sie vielleicht einen Herrn Rabe?" Joseph fuhr erschreckt zusammen, seine zitternde Hand griff nach dem vollen Glase. „D e r soll'S getha» habe«?' erwiderte Herr von Bar« «ekow hastig. „Sein Kammerdiener,' sagte Kaltenborn mit einem raschen, verstohlene« Seitenblick aus Joseph, der da» Glas falle« ließ, haß xz klirrend zerbrach.„So sagt man wemgstens." Herr von Barnekow blickte Joseph erschreckt an. „Glauben Sie da» doch nicht,' erwiderte der letztere mit heiserer Stimme,«z ist Unsinn!' „Wie können Sie das bebau Sekretär. „Weil ich dieser Kammerdiener bin!" „Sie? Ich glaube, Sie scherze«!' »Er sagt die Wahrheit," erwiderte Barnekow,„und ich glaube auch, daß man ihn fälschlich beschuldigt.' „Man hat behauptet, Sie seien gestern Abend spät noch bei dem Ermordeten gewesen," sagte Kaltenborn läse, und der Ton, den er anschlug, mußte Joseph vermuthen laffen, daß er an diesem Manne eher einen Freund, als einen Gegner finden werde. „Wer behauptet das?' fuhr Joseph auf. der fich i» diesem Augenblicke mcht erinnerte, daß er vor der Hau« thüre des Antiquars einem Fremden begegnet war. „Da« weiß ich freilich nicht.' „Wer hat es Ihne« gesagt?" „Warten Sie, ich glaube der Nachtwächter soll es be» hauptet haben." „Ich habe nicht die Ehre, von einem Nachtwächter ge- kannt zu sein, also ist diese Behauptung jedenfalls au» der Lust gegriffen „Sie waren gestern Abend nicht in dem Hause?' »Nein." »Sonverbar, wie rasch mttunter ein Verdacht entstehen während Verkäufer fich 8 Mark zahlen läßt. Dieses Mittel hat natürlich nicht die ihm beigelegten Wirkungen. w. Bereits seit einer Reihe von Jahren find begrün« dete Beschwerden dadurch veranlaßt worden, daß das zu Bürger- teigbefcftlgunpen und andern baulichen Zwecken verwendete Guß-ASphalt auf den Straßen in offenen Kesseln gekocht wird. Da« königl. Poltzeivräfidium hat fich daher veranlaßt gesehen, bereits im vorigen Jahre an die hiefigen Asphalt-Fabrikanten eine Verordnung zu erlassen, welche in den hiefigen Straßen eine Beförderung geheizter Asphaltkoch- Apparate auf offenen Wagen verbietet. Zugleich hat dasselbe Berichte über das Be- reiten des Asphalts in Paris, London ic. eingefordert. Nach diesen Berichten darf in Paris Asphalt auf den Straßen über« >aupt nicht gekocht werden, derselbe wird vielmehr in den Fa- »rikcn zur Verarbeitung fettig hergestellt und in geschlossenen mit KoakS warm erhaltenen Kesseln nach der Arbeitsstelle be« ordert, so daß daS Publikum in keiner Weise belästigt wird. In London ist theilweise dieses Verfahren gebräuchlich.theil« weise findet aber auch das Kochen des Asphalts auf der Straße tatt; letzteres jedoch nur in der Zeit von Abends 6 Uhr bis Rorgens 3 Uhr. Das Polizeipräfidium hat die fraglichen Berichte dem Magisttat zur Kenntnißnahme und mit der Bitte mitgetheilt, bei Ausführung einschlägiger städtischer Arbeiten möglichst Vorschttsten zu erlassen, welche geeignet find, die jetzt bei solchen Ärbetten vorkommenden Belästigungen zu ver« meiden. 1 316 382 ist die Bevölkerungszahl Berlins, welche der der am 1. Dezember stattgehabten Volkszählung vorläufig konstatitt worden ist. Da« entspricht einer Zunahme innerhalb fünf Jahren von rund 190 000, d. i. 16,9 pCt. der Bevölkerung von 1880 oder 3,6 pCt. pro Jahr. Nach diesem Bevölkerungs« Koeffizienten würde in weiteren 5 Jahren die Bevölkerung Berlins um etwa 223000 Seelen fich vermehren und am 1. De« zember 1890 ungefähr 1535 000, und in weiteren zehn Jahren, 5. i. im Jahre 1900 würde die Bevölkerungszahl Berlins die Ziffer von zwei Millionen längst überschtttten haben. Daß dieS thatsächlich der Fall sein wird, dafür giedt die rapide Bevölkerungszunahme Berlin?, wie fie keine andere Großstadt Europas aufweist, die ausreichendste Gewähr. Diese Zunahme erhellt aus folgenden Ziffern. Berlin hatte im Jahre 1550 12 000 Einwohner, im Jahre 1650, nach dem dreißigjährigen Kttege, war dessen Bevölkerung aus 6100 gesunken. Im Jahre 1700 war die Einwohnerzahl Berlins wieder auf 26 000 gestiegen, im Jahre 1712 auf 61000, im Jahre 1740 auf 90 000, im Jahre 1786, also vor 100 Jahren, auf 147 386, im Jahre 1797 auf 165 726, im Jahre 1804 auf 182 157 im Jahre 1840 auf 300 950, im Jahre 1849 auf 401 000, im Jahre 1855 auf 420000, im Jahre 1858 auf 438 961 und betrug am 3. De« zember 1861 sammt der Garnison 528 000 Einwohner, am 1. Dezember 1871 825 389, am 1. Dezember 1875 938 635, am 1. Dezember 1880 1 122 230 und beträgt nach der jüngsten Zählung rund 1 316 000 Einwohner. Mit dieser Bevölkerungs« ziffer langtet Berlin als dritte unter den europäischen Groß« städten. London hatte 1882 eine Bevölkerung von 3 833 272 Seelen und besttzt somit, wenn man die inzwischen eingetretene Bevölkerungszunahme berücksichtigt, eine mehr als dreimal so große Einwohnerzahl als Berlin. attS, die zweitgrößte Stadt Europas, hatte 1881 eine >evölleruna von 2 269 023 Seelen. Diese Stadt befindet fich aber schon seit Jahren in einem auffälligen Stillstand hinficht- Itch der Bevölkerungszunahme. Ob jetzt Petersburg oder Wien als viette zu nennen ist, darüber entscheidet die Frage, ob man die Bevölkerung der Wiener Vorotte zu jener WienS hinzuzählt oder nicht. Wien besaß am 31. Dezember 1880 eine Zivilbevölkerung von 705 402, an Militärpersonen 20703, und in den Vororten WienS befanden fich 377 752 Einwohner, zusammen 1 103 857. Wenn man aber nach demselben Vor- gange etwa in Berlin die Einwohner der Vororte, wie Schöne« derg, Rixdorf, Charlottenburg:c., von denen einzelne Theile in unmittelbarem Anschluß an Berlin fich befinden, so zwar, daß ein Theil der Straße noch zu Berlin, der andere zu einem jener Vororte gehött,— während die Wiener Vorotte zum Theil recht entfernt von der Stadt und ohne eigentliche Ver- dindung mit ihr find— hinzuzählt, so würde fich für Berlin eine ansehnlich größere Bevölkerungsziffer ergeben. Die Wiener Volkszählung wird der unseligen um wenige Wochen nachfolgen. Dieselbe dürste für des eigentliche Wien eine Einwohnerzahl von höchstens 850 000 konstatiren, das ist 300000 mehr als vor 30 Jahren, während Berlin inzwischen seine Bevölkerung verdreifacht hat. Pe ersburg hatte für 1880 eine Bevölkerungsziffer von 929 093 verzeichnet, gegen 446895 im Jahre 1830, und 586 293 Seelen im Jahre 1861. Die Bevölkerung dieser Stadt nimmt daher auch langsamer, als jene Berlins zu, und wenn es mit unserer Stadt so fortgeht, wie bisher, so können bei dem eingetretenen Stillstande von Paris die Rüstigen unter uns es wohl erleben, daß Berlin die Hauptstadt Frankreichs hinfichtltch der Bevölkerungszahl noch übeiflügelt. Der Befitzer des Hauses Neuer Markt und Papen stratzen-Ecke, Herr Gastwitth Winkler, Vater von noch sechs unversorgten Kindern, hat fich ertiänkt; man sagt: weil er mit kann," sagte Kaltenborn ackselzuckend, während er den Kam merdiener unausgesetzt beodachiete,„und wenn erst ein Ge rücht in Umlauf gesetzt ist, dann verbreitet es fich gleich einem Lauffeuer, und Jeder glaubt daran." „Möglicher Weise hat R-che dieses Gerücht ersonnen," wandte Barnekow sich zu Joseph, der den Schweiß von der Stirne strich.„Das wäre ein surnoseS Mittel, der Erfüllung seines Versprechen« zu entgehen. Während Sie in Untere suchungthast sitzen, macht er sich aus dem Staube!" In dem starren Blick des Kammerdieners spiegelte sich eine unsägliche Wuth, da« Blut kochte ihm in den Adern — daS war'S, was Herr von Barnekow, der nur an seine eigene Rache dachte, erreichen wollte. „Ein boshafter Feind, dem jedes Mittel erlaubt scheint, kann einen Menschen ir.s Zuch'haus bringen," sagte Kaltenborn,„dai ist schon oft dagewesen. Sie werden wohl than, wenn Sie sich darauf vorbereiten, der Anklage entgegen zu tttten. Hat der Antiquar, als Sie ihn verließen, die Thüre hinter Ihnen geschlossen?" 'Wissen Sie das ganz bestimmt? Es kommt auf diesen Punkt sehr viel an, eine offene Thüre erleichtert eS dem Mörder, unbemerkt in das Haus zu gelangen.' „Sie war nicht geschlossen." „Also waren Sie doch bei dem Manne?" ftagte Bar« nekow erstaunt.,.,,... Werner Kaltenborn hatte sein Glas erhoben, er schien die Farbe des Weine, prüfen zu wollen. Die Polizeibeamtcn erhoben sich, der Blick Josephs heftete sich voll Angst und Entsetzen auf sie. Sie blieben an der Thüre flehen, eine Hand legte fich schwer auf die Schulter de« Kammerdieners., .Im Namen des Gesetzes verhafte rch Sie,' sagte eme Stimme hinter ihm.„Welches Verbrechen« Sie beschuldigt sind, werden Sie wissen, ttn Fluchtversuch wäre nutzlos, unsere Maßregeln find zu gut getroffen.". Starr vor Schrecken blickte Joseph den Herrn m Zivil an, der hinter seinem Stuhle stand. f .Wer sind Sie?" fragte er mtt herserer Sttmme.„S,e habe» kein Recht, mich zu verhaften." dem Erlöse seines Hauses, das die Baugesellschaft Kaiser Wilhelmstraße hat enieignen lassen, nicht zufrieden war. Er hatte vor fieben Jahren das Grundstück für 37 000 Thaler erworben und verlangte jetzt 40 000 Thaler dafür. Das schließlich gegen ihn eingeltttete Enteignungsverfahren ist zu seinem Un« gunsten entschieden worden und am Silvesterabend der Be- cheiv des Gerichts in diesem Sinne mit der Aufforderung erfolgt, das Gebäude sofort zu räumen. DaS hat den Mann 'o aufgeregt, daß er den Tod im Waffer suchte. Louisenstädtisches Theater. Nach sorgfältiger Vorbe» reitung geht nunmehr am Mittwoch abermals ttne Opern- Novität,„Eignor Lucifer" in Szene. Dieselbe hat zum Per» asser den in mustkalischen Kreisen Berlins wohlbekannten Komponisten und Mustklehrer, Herrn L. Dumack, und läßt der im vottgen Winter mit dieser Oper am Stadttheater zu Stettin errungene bedeutende Erfolg einen solchen auch hier erhoffen. Die Novität geht zum Benefiz des Kapellmeisters Rud. Fischer in Szene. Velle-Alliance' Theater.„Lucinde vom Theater" erfreut ich allabendlich der beifälligsten Aufnahme und ist der außer« ordentliche Erfolg, den diese Gesangspoffe— man kann schon mehr Operette sagen— alle Abende vor dicht besetztem Hause erzielt, ein wohlverdienter. Gerichts-JeLwng. Eine Anklage wegen Bestechung und wegen wissentlich älscher Anschuldigung von allgemeinem Interesse gelangte lestern gegen den Handelsmann Paul Zeese vor der dritten Strafkammer hiefigen Landgettcht i zur Verhandlung. Der Angeklagte hatte fich im Jutt v. I. um einen Marktstand auf dem Karlsplatz beworben und die Stelle Nr. 14 von Ab« ng 5 zugetheitt erhalten. Am 8. Juli pr. erschien er auf dem Marktplatz, auf welchen er mit einer größeren Quantität Kirschen gekommen war, und ersuchte den diensthabenden Schutz« mann um Anweisung deS ihm zugetheilten Platzes. Nach ndung war dem Angeklagten die ihm zugewiesene „, mdig; derselbe habe ihm um Ueberlassung einer weniger sandigen Stelle ersucht und auf die Erklärung, daß dieS unzulMg sei, geäußert, eS käme ihm auf ein paar Thaler nicht an. Der Angeklagte habe trotz seiner Abwehr in die Tasche gegttffen und ihm ttnige Thaler in die Hand stecken wollen. Hierauf habe er, Schutzmann, jeden Ver» kehr mit dem Angeklagten abgebrochen und sei mit der Bemettuna fottgegangen, von diesem Bestechungsversuch Anzeige zu erstatten. Am 9. Juli v. I. ging btt dem Markt« polizer- Kommissariat eine Anzeige des Angeklagten gegen den Schutzmann ein, in welcher demselben vorgeworfen wurde, daß er ihm, wahrschttnlich um einen Vermögensvortheil zu erlan- gen, seinen Platz vorenthalten habe. Der Angeklagte stellt die eidlichen Bekundungen des Schutzmanns in Abrede, die Be- weiSaufnahme fällt aber gegen ihn auS. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnißsttafe von 9 Monaten Gefängniß, der Gettchishof nahm aber nicht als dargethan an, daß der Angellagte sich bei Erstattung seiner falschen Anzeige bewußt war, damit dem Schutzmann eine strafbare Handlung vorge- motten zu haben. Er ettannte daher auf Freisprechung von der falschen Anschuldigung und verutthttlte den Angeklagten für die vettuchte Bestechung zu 14 Tagen Gefängniß. Bezüglich der rechtlichen Stellung des Bankiers zn seinen Kunden fällte gestern die dtttte Sttafkammer hiefigen Landgerichts I eine tief ttnschneidende Entscheidung. Auf der Anklagebank stand der Bankier Hans Ferdinand Oskar Etttn« hausen unter der Beschuldigung, fich einen Geldbetrag von 3000 Matt rechtswidrig zugeeignet und gleichzeitig als Bevoll« mächtigter über Vermögensstückc seines Auftraggebers zu deffem Nachtheile verfügt zu haben. Der Angeklagte erhielt am 15. Mai v. I. von dem Landwitth Denecke 3000 Ml. behufs Ankaufs von 3000 Ml. 4'/-prozenIigen braunschweigischen Eisenbabnprioritatcn. Zwei Tage darauf zeigte er seinem Kommittenten den Ankauf der Effekten...... aber mit einem Todesfall in der später zur AuSfolgung komnien weder in den an, entschuldigte fich nmilie, daß die Stücke erst v.„ könnten. Denecke gelangte efitz derselben, noch erhielt er die einge- nach, daß er sogar 5000 Mark braunschweigische Eisenbahn« Pttotttäten damals angekauft hatte und daß er durch ander- weitige Verpflichtungen irtt Verlust derselben gerathen war. Der Staatsanwalt nahm Untettchlagung und Untreue als kon- sumitt an und beantragte 6 Monate Gefängniß und Ijähttgen Ehrverlust. Der Gerichtshof tbeilte aber die Auffassung, welche der Vertheidiger des Angeklagten. Rechtsanwalt Dr. Sello, zur AuSfühmng brachte, daß der Angeklagte als Kommisstonär Eigentbümer der angekauften Effekten wurde, daß sonach von einer Unterschlagung oder Untreue keine Rede sein könne. Da« gegen fand er in der Handlungsweise des Angeklagten einen Betrug, da derselbe gar nicht die Absicht hatte, dem Auftrag gemäß für Denecke zu erwerben, und dies demselben ver« „Ich bin Polizeikommissär," erwidette der Fremde, „machen Sie keine Flausen wttter, die Sache ist in Ord« nung!" „Ich protestire gegen die Verhaftung, denn ich habe das Verbrechen nicht begangen!" „Darüber, ob Sie es begangen haben oder nicht, zu urtheilen, steht mir nicht zu, ich habe Befehl, Sie zu ver« haften. Der Widerspruch in Ihren soeben gemachten Aus- sagen bestätigt übrigen» den Verdacht, der auf Ihnen ruht." Die noch anwesenden Gäste hatten die Gmppe an dem kleinen Tische umttngt, die Blicke Aller ruhten mit ttnem seltsamen Gemisch von Neugier, Zweifel, Bestürzung und Abscheu auf dem Verhafteten; eine« solchen Verbrechen« hatte leincr den elegant gekleidete», schmächtige« Menschen fähig gehalten. „Er hat rothe Haare!' sagte der Bäcker. „Rothe Haare und Erlenholz wachsen auf ttnem faulen Boden," fügte der Schnttder hinzu. „Ich muß Sie um Ihren Namen bitten," wandte der Kommissär fich zu Herrn v. Barnekow.„Jhr Zeugniß wird für die Untersuchung wichtig sttn." „Weshalb fragen Sie nicht auch diesen Herrn nach sttnem Namen?" sagte Joseph höhnisch, indem er auf de« Sekretär deutete.„Ist er vielleicht der Jagdhund, der auf das Wild gehetzt wurde?" „Ihr frecher Trotz wird bald gebeugt fein," erwiderte Kaltenborn, dem das Blut jäh in die Wangen schoß. „Im Gegentheil, ich werde Sie für diese Verhaftung verantwottlich machen! Sie sollen mir den Schaden, den ich dadurch erleide, ersetzen." „Denken Sie an Rabe!" flüstette Barnekow.„Es ist sein Wett." „Vorwärts I" befahl der Kommissär, während er de« Beamten einen Wink gab. Einer der letzteren griff in die Tasche, ttn ttnserne» Ktttchen klirrte in seiner Hand. (Fortsetzung folgt.) chwkgen hat. Hierfür belegte er den Angeklagten mit sechs Monaten Gefängniß. Zürich, Ende Dezember. Dieser Tage fand vor dem Obergericht als Berufungsinstanz die Klage des Kaufmann? Bruno Sparig in Leipzig gegen den hier erscheinenden„Sozial- demokrat" statt. Dies Blatt hatte Herrn Spada, der ein enragirter Nationalliberaler und ein sehr heftiger Gegner der Sozialdemokratie ist, mit einigen nicht sehr gewählten Aus- drücken bedient und eS wurde denn auch der Redakteur Fischer zu einer Geldstrafe von 80 Frcs., zu Tragung der Kosten und Zahlung einer Entschädigung an Sparig verunheilt. Interessant ist, daß, wie steh in der Gerichtsverhandlung herausstellte, der „Sozialdemokrat" in Leipzig 4=500 Leser hat. Interessant aber ist auch die Charatterrfiiung, die Herr Sparia in dem obergerichtlichen Urthcil erfuhr. ES heißt nach der„N. Z. Z" in demselben:„Einmal ist im Allgemeinen nicht zu leugnen, daß der Kläger(Sparig) es fich, wie bemerkt, angelegen sein läßt, mit allen Mitteln die Sozialdemokraten zu bekämpfen, mit Mitteln, welche kaum in allen Fällen als wohlanständige bezeichnet werden können. In dieser Beziehung braucht lediglich auf Art. 53 hingewiesen zu werden, woraus hervorgeht, daß fich Spang in einer Versammlung gegen verschiedene Sozialisten in solch' deschimpfender Weise geäußert hatte, daß ihm in einem späteren Straf- prozeffe eine Rüge ertheilt wurde. Als ein geradezu be- venkliches Wahlmanöver aber ist die Affaire Jenmann zu be. flchnen, wo fich herausgestellt hat, daß Kläger so weit gegangen, r Wahlzwecke den Namen eineS Dritten zu mißbrauchen. odann ist durch die Zeugen Motteler und Hofmann wenigstens so viel konstattrt, daß Sparig Wahlversammlungen der sozial- demokratischen Partei zu besuchen und mttunter zu stören pflegt, waS selbstverständlich nur aus der Abstcht zu erklären ist, den Bestrebungen dieser Partei entgegenzuarbeiten. Endlich darf noch erwähnt werden, daß im Jahre 1878 in einer sozialdemokratischen Zeitung„Die Fackel" dem Kläger vorgeworfen wurde, er habe die Leute.mit Knitteln bewaffnet, um ste gegen die Sozialdemokaten loSzulaffen, ohne daß behauptet werden kann, eS habe fich der in dieser Weise Angegriffene, welcher sonst derartige Angriffe nicht auf fich fitzen läßt, veranlaßt gesehen, gegen die Redattion jcneS Blattes vorzugehen." Hinflchtlich der Bemeffung der Strafe erkannte daS Obcrgericht, es habe immer- hin billige Rückficht auf den Umstand Platz zu greifen,„daß die Persönlichkeit des Klägers(Spang) und dessen Verhalten Segen die sozialdemokratische Partei, speziell das Vorgehen des ieklagten(N. Fischer) in einem milderen Lichte erscheinen lassen.—„O weh! ich Hab' gewonnen!" kann Sparig nach diesem Urtherl ausrufen. Soziales«nd Arveitervewegnng. Wirthschaftlicher Rückblick. Unter dieser Uberschrist geht ein Artikel durch die liberale Presse, der eine gewisse Beachtung verdient. Da gegenwärtig noch eine allgemeine sozial-politische Stille herrscht, können wir uns den Abdruck deS ganzen Artikels erlauben. Derselbe lautet:„Vorbei ist daS Fest der Christnacht, die Feier der Bescheerungen; der Lichterglanz des Weihnachtsbaumes ist erloschen und Knecht Rupprecht kann von seiner schweren Arbeit wieder ein volles Jahr ausruhen. Er mag froh sein, denn zahlreicher waren diesmal die Wünsche der Menschheit als sonst. Jedermann bringt seine Wünsche zum Ausdruck, aber in der Zeit der wirthschaftlichen Roth bleibt trotzdem noch viel zu wünschen übrig. Die Welt hat Bescheidenheitgelernt, ste ist genügsam geworden. Werden die berechtigten Wünsche bald in Erfüllung B-Hen? Der Handel ist unbefriedigend, Industrie und Gewerbe klagen über Mangel an Absatz, die Landwirthschaft endlich wird un- rentabel. Fast alle Zweige menschlichen Schaffens leiden unter dem Uebermaß der Erzeugung. Die Ueberproduktton schädigt gleichmäßig die Industrie, das Gewerbe wie die Bodenkultur, die immer weiter schreitende Vervollkommnung der technischen Hilfsmittel hat zur Massenproduttion vieler Jndustrieartikel und in Konsequenz zur Ueberproduktton geführt, während die Urbarmachung neuer Ländereien in Amerika und Australien auch den Getreideanbau in einer Weise auSge- dehnt, daß, wie auf dem Gebiete der Industrie, mich auf jenem der Landwirthschaft ein Mißverhältniß zwischen Nachftage und Angebot entstanden ist. Der durch die Ueberproduktion ent- standene Ueberschuß an Erzeugnissen der verschiedensten Art wächst in dem Maße, alS eben in Folge der unbe- friedt genden wirthschaftlrch en Lage der Kon- %%% beziehung. Der geringe Absatz nöthigt alle wirthschaftlichen Volksschichten, jene des Handels, der Industrie, des Gewerbes nicht minder, wie die deS Ackerbaues, zur Einschränkung in der Lebensführung. Der Handelsmann verkleinert seine Bedürfnisse wie der Fabrikant und Landwitth. Die Klage über die Pro- duttion über den normalen Bedarf ist eine allgemeine und der Weg zur Abhilfe liegt vorgezeichnet da, allein es ist bisher nur wenig geschehen, dem Uebel beizukommen. Es g i e b t n u r e i n M i t t e l, der Ueberproduktion zu steuern, d a s i st die Einschränkung der Erzeugung auf das na- türltche Maß. Wie probat dieses Mittel ist, haben wir in einzelnen Fällen und in drastischer Weise in der Zucker- blanche gesehen. Als die Zuckerkrifis in verheerender Weise zum Ausbruch gelangte und eine große Anzahl von Zucker- fabriken in arge Verlegenheiten kamen, da hatte man nur wenig oder keine Hoffnung einer baldigen Besserung in der wichtigen Jndusttiebranche. Die Konsolidirung stellte fich dennoch nach einem veihällmtzmäßig kurzen Zetttaum ein, weil man das Uebel an der Wurzel faßte, indem man den Bau von Zuckerrüben einschränke und in Folge dessen auch die Zuckerberstellung re- duzirte. Der tiefgesunkene Zuckerpreis hob fich allmalig wieder um 30 Prozent und darüber. Das Beispiel, welches die Zuckerindustiie gegeben hat. zeigt, daß es zum Zwecke der Ein- schränkung der Produktion keiner Kartelle bedarf und das ge- nügt, wenn Jeder in der Erzeugung Maß halt. Die dieS- malige wirthschastliche Weihnachtsbetrachtung kann nur erne wenig freundliche sein, aber die Weihnacht von 1835 kann einen Wendepunkt zum Besseren andeuten, wenn die Erkenntniß deS Hebels fich eist allgemein Bahn gebrochen und wenn man .reifs--s Symbol des beginnenden Erwachens im.Pflamenleben; mag er diesmal auch das Symbol des wirthschaftlichen Wieder- erwachens sein."- Wir wollen hier bei diesen allgemeinen Klagen nur auf einen Punkt eingehen, nämlich auf den Vor- schlag, durch Einschränkung der Eizeugung von Waaren der Ueberproduttion zu steuern. Ob man da nicht her den heutigen wirthschaftlichen Verhältnissen den Teufel durch den Beelzebub austreibt'( Heißt es nicht in dem obigen Bericht, daß gegen- wärtig schon der Konsum allzu gering sei? Wird der Konsum aber nicht noch geringer, wenn bei der Produltronsbeschrankung zahlreiche Arbeiter brodlos werden? Es giebt somit nur em Mittel zur Hilfe, die Hauptkonsumenten, oie Brberter, so zu stellen, daß fie kaufkräftiger werden und tüchtiger konsumtren können. Andere Mittel werden nicht verfangen. Von der Enneperstraste.„dort wo der Marler Eisen reckt," lauten die Nachrichten sehr traurig. Bei anstrengendster Akkordarbeit verdienen dort die Schlosser nur 1 M. 60 bis 1 M. 80 Pf. Das ist für jene Gegend ein Hundelohn, da die Lebensmittelpreise und Miethen dedeutend höher find, als in den östlichen Theilen Deutschlands. So schlecht, wie jetzt, ist es nach dortigen Berichten überhaupt noch mcht gewesen. Die Arbeitszeit wird immer länger und der Lohn immer geringer. Um einen Begriff von den dorttgen Ardertsverhaltnrffen zu haben, braucht nur angeführt zu werden, daß für ein Dutzend der gangbarsten Sorte von Hängeschlössern, wenn ste lackirt werden 35 Pf., geschliffen 45 Pf. Arbeitslohn gezahlt werden! Was Dabei ein Mensch verdienen kann, daS läßt fich wohl be- greifen. Und ftüher war jene Gegend wohlhabend, arme Leute gab'S kaum dort, tausende von selbflständigen Meistern und Hammerschmieden wohnten in dem schönen TKale— jetzt find dort hunderte von hochaufragenden russtgen Fadrikschloten zu sehen und tausende und adertausende von Proletariergestalten. Es wird Zeit, daß die Zustände gebessert werden. Uereine und Uersammlungen. tb. Eine öffentliche Versammlung der Zimmerleute, welche außerordentlich staik besucht war, tagte am 3. d. M. in der„Tonhalle" unter Vorfitz deS Herrn Seitzt, um fich über die Frage zu einigen:„Wie verhalten oie Zimmerleute Berlins und Umgegend sich zu dem von dm BundeSmeistern gefaßten Beschlüsse betteffs Wahl von Gesellmvertretungen auf ihren Plätzm?" Der hiestge Bund der Bau-, Maurer- und Zimmer« meister hat bekanntlich beschlossen, auf allen Plätzm der Jnnungsmeister von dm dort beschäftigten Gesellen Vertreter (Deputirte) wählen zu lassen, um mir dreien über die resp. Lohnforderungen in diesem Jahre zu verhandeln. In dm gepflogenen mehrstündigm Debatten traten sowohl der Referent, Zimmerer Darge, sowie der größte Theil der eingezeichneten Redner dem Beschlüsse der Jnnungsmeister mit größter Ent- schiedenheit mtgegen, wiewohl auch einzelne Stimmen laut wurden, welche dazu riethen, dem Anstnnen der Jnnungs- meister versuchsweise Folge zu geben, wie dmn auch auf verschiedenen Zimmerolätzen bereits Wahlen stattgefunden haben. Es wurde dem Strategen des Bundes für dm Entwurf des projektirten Feldzugsplanes die gerechte Aner- kennung nicht versagt, welcher zur Ausführung die für die Meister dmkbar günstigste Zeit gewählt habe. Von den ge- sammten Zimmergesellen ständen zur Zeit höchstms 50 pCt. in Arbeit, von denen die Jnnungsmeister etwa 10 pCt. beschästigen. Diese aber wären lauter bei Jnnungsmeistern er- graute und diesm ganz ergebene Lmte, aus denen keine Ge- sellmvettietung gebildet werden könne, abgesehm davon, daß diese nur die Minorität der Gesellen repräsmtiren werden. Die einzige maßgebende Gesellmvertretung sei die von der Gesammtheit gewählte Lohnkommisfion, welche das vollste Ver- trauen der Gesellen befitze. Man stimmte darin überein. die Forderung von 50 Pf. Stundenlohn und 9stündiaer Arbeitszeit aufrecht zu erhalten, den Bund der Bau-, Maurer- und Zimmermeister vollständig zu ignoriren, vielmehr die außerhalb des Bundes stehenden Arbeitgeber zu veranlassen, eine öffent- liche Versammlung einzuberufen, mit der die Lohnkommisfion zu unterhandeln habe. Demgemäß wurde folgende Resolution gefaßt:„Die heute tagende Versammlung erklärt fich mit den Ausführungm des Referenten einverstanden; fie erklärt ferner. an den in der Viktoria- Brauerei und bei Buggenhagen ge- faßten Beschlüssen festzuhalten; fie weist die Forderung der Jnnungsmeister energisch zurück und verweist dieselben an die bestehende Lohnkommisfion." br. Die öffentliche Versammlung der Steindrncker und Lithographen, welche am Sonntag unter dem Vorfitze des Herrn Witzel, Alte Schönhauserstr.20, ftattfand, beschäftigte fich mit dem Stande des Streiks bei Ernst u. Komp. Der Bedchterstatter Herr Linsener, beschränke fich darauf, mitzuthei- len, daß die unverheiratheten streikenden Kollegen fich weigern, auswärts Arbeit zu suchen, und daß in der letzten Woche zum Streikfonds nur 48 Mark eingegangen seien. Aus der Dis- kusfion war zu entnehmen, daß von den 24 Kollegen, welche die Arbeit vor 6 Wochen eingestellt haben, 11 noch ohne Arbeit find, daß die Unterstützung für die Verheiratheten 15 und 12 Mark wöchentlich, für die Unverheiratheten 12 und 9 Mark, in der Weihnachts» woche für diese 12, für jene 18 Mark betragen habe. Herr Schultz, der Vorsttzende deS Fachvereins, stellte den An« trag, den Streik bei Emst u, Co. für beendet zu erklären, je- doch die verheiratheten streikenden Kollegen bis zum letzten Mann zu unterstützen, dm unverheiratheten aber vom 5. d. M. ab im Falle ihrer Abreise nur noch ein Reisegeld zu geben. Dieser Antrag und die Erklärung des jetzigen Oberdruckers bei Ernst u. Co-, des Herrn Heine, daß die Firma ihr Versprechen, 21 Mark Wochenlohn geben zu wollen, nicht habe halten können, da die Arbett einiger von den neu eing- stellten Ar- b eitern höchstens 6 Mark werth gewesen sei, riefm lebhafte De- datten hervor. Es wurde schließlich der Antrag Schultz mit der Abänderung, daß als Termin, bis zu welchem auch den unverheiratheten streikenden Kollegen in dringenden Fällm die wöchentliche Unterstützung gegeben werden soll, der 19. Januar festgesetzt werde, einstimmig angenommen. Der Vorsitzende theilte mit, daß die nächste Versammlung deS Fach- vereins der Steindrncker und Lithographen am 21. ds. Ml?., Abends 8 Uhr, im Königsiädtischen Kasino stattfindm werde. Herr Schultz machte, um die traurigen Lohaverbältniffe im Ge- werbe der vteindrucker und Lithographen zu illustriren, Mit- theilungen aus dem von der Firma F. Bartels, Leipzigerftr. 81, veröffentlichten PreiSverzeichniß und schloß mit dem Hinweise auf die Pflicht, die jeder Kollege habe, fich dem Fachvereine an« zuschließen. br. Im Verein zur Wahrung der Interesse« der Klavierarbeiter hielt Herr Prediger ewor. Kendziora am Eonnabend Abend einen Vortrag über den„Matedalismus": Im Gegensatze zu dem unsittlichen praktischen Materialismus, der auf einer Ueberschätzung des Einnengenusses beruhe und fich in dem ausschließlichen Streben nach möglichster Aufhäu- fung von Reichthum als Mittel für Sinnengenuß kundgebe, trat der Vortragende für den berechtigten stttlrchen Realismus ein, der, den realen und materiellen Trieben und Bedürfnissen deS Menschen Rechnung tragend, ein auf realer Grundlage zu entwickelndes, der Menschennatur angemessenes, fittliches gesell- schastliches Menschenleben zum Ziele habe. Er hob hervor, daß das Streben der Arbeiter, ihre materielle Lage zu verbessern, ein durch das Interesse für menschlich-fittliches Leben dringend gebotenes Streben sei, und trat der Anficht, die der Pastor Todt ausgesprochen, daß der heutige Arbeiterstand einem unfitt- lichen Materialismus huldige, entgegen. Die an der Diskussion sich betheiligenden Herren Gehrich, Sparseld, Dr. Lüigenau, Zudeil sprachen fich sämmtlich in einer den Ausführungen des Vortragenden im Wesentlichen zustimmenden Weise aus.— Es wurden dann noch zwei Unterstützungsgesuche bewilligt. Charlottenbnrg, 2. Januar. Eine öffentliche Versammlung der Maurer fand hier statt, in welcher Herr Behrend aus Berlin über daS Unfallverficherungsgesetz reserirte. Die Lohnfragt betreffend, wurde beschlossen, die Löhne hier wie in Berlin auf 50 Pf. pro Stunde festzusetzen, da die Charlotten- burger Verhältnisse dieselben sind, wie in Berlin. Die Ver- sammlung wählte eine zur Hälfte aus Fachvereinsmitgliedern und zur Hälfte aus Mitgliedern deS hiesigen„MaurergewerkS" bestehende Kommisfion, welche einm Tarif ausarbeiten und den Meistern und Bauunternehmern vorlegen soll. Kottbns, 3. Januar. Hier hat fich vor Kurzem ein Fach- verein der Töpfer gebildet, welchem von den 20 hier beschäftigten Gesellen 18 als Mitglieder angehören. Zum ersten Vorfitzenden wurde Herr Schlawitz gewählt. Briefe zc. find an den Schriftführer Herrn Mtschke, Wallstr. 18, zu richten. Reiseunterstützung wird ausgezahlt von Herrn E. Schulz, Gr. Marltstraße 139. Arbeiterbezirksverein für de« Osten Berlins. DienS- tag, den 5. Januar, Abends 8'/, Uhr, Versammlung in Keller? Lokal, Andreasstraße 21. Tagesordnung: 1. Schluß der Sta« tuten-Berathung. 2. Vortrag ves Reichstagsabgeordneten Herrn Paul Singer über den Nordostsee-Kanal und die Forderungen der Arbeiterpartei. 3. Verschiedene?. 4. Fragekasten. Nur Mttglieder haben Zutrttt. Neue MUglieder werden aufgenom- mm.— Die Mitgliedskarten für daS Jahr 1886 können in Empfang genommen werden.— Billets zu Präuscher's Mu- seum, welche zum Eintritt für den halben KaffenpreiS berechtigen, find in der Versammlung am Kasfiettisch zu haben. Perlmutter-, Hartgummi Horn- und Knochen- Arbeiter. Die zweite Werkstatt-Delegitten-Versammlung findet heute, Dienstag, den 5. Januar, AbendS 3>/> Uhr, in Saeger'S Lokal, Grüner Weg 29 statt. Et ist dringend nothwendig. daß auch diejenigen Werkstätten, welche bei der ersten Ver- sammlung nicht vertreten waren, ihre Delegitten zum Erscheinen in der Versammlung verpflichten, da nur durch die Bctheiliguna aller Kollegen etwas Ersprießliches erzielt werden kann. Tages« ordnung: 1. Fadrilorvnungen. 2. Ist die Aufstellung eines Tarifes möglich oder nicht. 3. Verschiedenes. Große öffentliche Versammlung der Mäntelnähe- rinnen. Heute Abend 8'/, Uhr in der Urania, Wrangel« straße 10/11. Tagesordnung: 1. Aufnahme von Mitgliedern. 2. Vertheilung der Mitgliedskarten, DiSkusfion, Verschiedenes. Die Mäntelnäherinnen werden ersucht, recht zahlreich zu er- scheinen. Zentral Kranken-«nd Sterbetasse des deutschen Senefelder- Bundes. Vermalt.- Stelle Berlin, Alexander- straße 31, im Restaurant Weick. Heute Abend 8 Uhr, Mitglieder- und Verwaltungs-Versammlung. T. O.: Wahl der Abgeordneten zur General-Versammlung. Fretdenk-r-Verein„Lesstng" zu Berlin. Versamm« lung am Dienstag, den 5. Januar. Abends 8'/« Uhr, in Eom- mer'S Salon. Potsdamerstr. 9. Tagesordnung: 1. Mittheilungen. 2. Vortrag des Herrn Dr. Völkel auS Braunschweig über den Pessimismus. Gäste, Damm und Herren, find will» kommen._ Kleine Mittheilnngen. Lieguitz, 3. Januar. Ende Oktober wurden hier zwei- undzwanzia Königegrenadiere und ein Einjährig- Freiwilliger desselben Regiments zu längeren Festungsstrafen verurtheilt. weil fie in de: Militär- Badeanstalt dem Offizier du jonr den Geborsam verweigert hatten. Jetzt ist die Meldung einge- troffen, daß allen, mit Ausnahme des Einjährig- Freiwilligen. die Hälfte der Strafe erlassen ist. Newyork, 29. Dezbr. Ein Neger Namens Reed ver- aewaltigte und ermordete jüngst ein Mädchen in Gainstown, Alabama, und ergriff dann die Flucht. Die gesammte Bevöl- kerung fahndete auf ihn und wurde schließlich seiner auf dem Flusse Mobile habhaft. Von 200 Mann bewacht, wurde Reed in Ketten nach dem Schauplatz des Verbrechens gebracht. Dort gestand er die That ein, worauf er mit Ketten an einen Baum gebunden und bei lebendigem Leibe geröstet wurde. Fünf- hundert Personen, Weiße und Neger, bildeten die Zuschauer der gräßlichen Szene. Er wurde gemartert, indem ein Haufen Scheite erst angezündet und dann zerstreut mm de, bis Reed todt zu Boden fiel und die Flammen ihn verzehrten. Die Leiche wurde in Asche verwandelt, worauf fich die Volksmenge zerstreute. Uermischte». Ueber eine Ssldatenmitzhandlung berichtet der„Ba- dische Landesdote." Danach forderte am 19. März d. I. der Sekondelieutenant ron Ziegesar von dem in Siraßburg galnisonirenden 8. württemb. Jnf.-Regmt. Nr. 126 den Rekruten Christian Rapp aus Würdingen beim Bayonnetfechten mehr« fach auf, tüchtig auf ihn(den Offizier) loszustoßen. Aus be- greiflicker Scheu leistete Rapp dieser Aufforderung nicht im vollen Umfange Folge, und darüber gerieth der Herr Lieutenant in Zorn und hieb mit dem Bayonnet dermaßen auf den Rekruten ein, daß dieser schwer verletzt in das Garnison« lazareth gebracht werden mußte. Rapp wurde hier außerdem von einer schweren Krankheit befallen, welche ihn 39 Wochm an das Spital fesselte. Durch die ihm von dem Lieutenant v. Ziegesar beigebrachten Verletzungen ist seine linke Hand für die Arbeit unbrauchbar geworden. Rapp ist zu Weihnachtm mit einer monatlichen Pension von 15 Mark als Invalide in seine Heimath entlassen. Der Lieutenant von Ziegesar soll zur Strafe— um einige Jahre in setner Anztennität zurückgesetzt sein. Der Roman eine» schönen Mädchen?. AuS Mailand wird berichtet: Louise Marteau, ein blendend schönes, sechzehn» jähriges Mädchen, Tochter armer Kaufleute in Paris, las am 15. Mai d. I. in den Journalen eine Annonze, in welcher eine tüchtige Näherin gesucht wurde. Louise begab fich nach der angegebenen Adresse und fand eine elegante Dame, die fie durch vier Wochen beschäftigte. Da, am 14. Juni, Louise saß an der Arbeit, gingen zwei elegante Herren durch das Zimmer; bald darauf bot ihr die Frau des Hauses ein Gläschen Liqueur, fie trank es und fiel sofort in tiefen Schlaf. Louise giebt an, daß fie erst in einem PalaiS in— Mailand erwachte. Daselbst erschien einer der beiden Herren, den sie dazumal flüchtig gesehen, und erklärte, daß fie sich hier in seinem Hause befinde und nicht mehr fort dürfe. Erst vor Weihnachten, als der Herr, ein junger italienischer Graf, das Schloß verlassen, um Einkäue zu machen, gelang es dem Mädchen, aus der Ge» fangenschaft zu entfliehen. Louise reiste nach Paris und er- stattete dort die Anzeige gegen den Entführer, dessen polizeiliche Verfolgung bereits eingeleitet wurde.' Ein Petroleumdampfer. Aus Odessa wird berichtet: , r die russische Dampfschifffahlts- und Handelsgesellschaft ist ier soeben der in Molala bei Gothenburg gebaute Petroleum» dampfer„Eveat"(„Licht") eingetroffen. Das Schiff hat eine Länge von 286', eine Breite von 36'/,' und bei voller Beladung einen Tiefgang von 18'; seine Maschinen indiziren 1100 Pferde» kräfte, seine Fahrgeschwindigkeit bettägt 11'/, Knoten. Auf dem vorderen Deck befinden fich die Räume für die Mannschaften und Offiziere, dann folgt der Pump- Apparat, mittelst dessen die Füllung und Entleerung deS Schiffes geschieht, und die Mitte deS Dampfers nehmen 16 Petroleum> Zisternen ein, welche in 2 Reihen aufgestellt find und je 106000 Pud oder 530 000 Gallonen Petroleum zu halten vermögen. An der Außenseite der Zisternen defindet fick eine Art Korridor, und ebenso ist unter denselben ein freier Raum gelassen, oamit die Behälter jeden Augenblick auch von unten auf ihre Dichtheit untersucht werden können. Eämmtliche Zisternen haben die Oeffnung nach dem oberen Deck, doch liegt etwas tiefer eine zwölf- zöllige Röhre, vermittelst welcher in Verbindung mit anderen Röhren das Füllen und Entleeren der Zister« nen erfolgt. Um die Ansammlung von Gasen in den Korridoren zu verhüten, find dort 16 große Ventilaloren angebracht, von denen 8 frische Luft in den Raum führen, während die übrigen das Entweichen der Gase beschleunigen. Drei weitere Zisternen find für die Aufnahme des WafferballasteS destimmt. Im hinteren Tbeile des Schiffes find zwei Räume, welche zur Aufnahme von 200 Tons Steinkohlen dienen, aber so eingerichtet find, daß fie auch zur Unterbringung von Naphta Pen können, falls die Maschine hiermit geheizt verwendet werden.. werden soll. Hinter den Kohlenbehältern liegen der Kessel und ganz hinten die Maschine, sowie rechts und links die Werk- tätten und Lagerräume für das Maschinenpersonal. Vorn und linten werden die Petroleumbebälter von den übrigen Räumen des Schiffes durch Sicherheits-Zisternen getrennt, welche von Bord zu Bord reichen, au» zweizölligen Eisenplatten hergestellt und mit Waffer gefüllt find. An der Pumpvmrichtung ist ein Kontrolapparat angebracht, an welchem fich jeden Augenblick der Stand des Petroleums in den einzelnen Zisternen ersehen läßt. DaS Schiff ist sowohl für die See-, als auch für die Binnenfahrt bestimmt und soll fich in der Ostsee sehr gut be« währt haben. Die Herstellungskosten betrugen 375 000 Rubel (750 000 Mark), einschließlich 15000 Rubel Zoll. Verantwortlicher Redattem«.»rsnhet« t» Berlin. Druck und Verlag von«« Babing in Berlin 8W, Beuthstraße 2 Hier,« eine Beilage» Beilage zum Berliner Bollsblait. Kr. 3. Dienstage de« 3. Januar 1886. III. Jahrg» di« hkr Die Memircu des Geueral Graut. (AuS der„Allgemeinen Zeitung" von H. Ltmmern.) Der erste Band von General GrantS Memoiren. gleichzeitig in England und Amerika erschienen find, ist wie dort mit hochgradiger Spannung erwartet worden; denn zu dem Interesse an ver Publikation selbst gesellte sich die «enntniß der traurigen Umstände, unter welchen dieselbe ent> standen war. Man fühlte tiefes Mitleid mrt dem tapferen Soldaten, der, von Sorgen umgeben, den ficheren Tod vor Äugen mit Anspannung aller Nerven, jede Stunde, in welcher es ihm sein phyfisches Leiden und seine Seelenpein gestatteten. dazu benutzt hat, diesen Bericht über serne Laufbahn zu vollenden.___, w= Jetzt und zu jeder Zeit mufi dre Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches das Interesse der Lektüre erhohen. Wer fühlte fich nicht ergriffen bei der Vorstellung, wie dieser Staats- mann und Krieger— alt und arm. das Opfer einerschrecklichen Krankheit— bis zuletzt an dem Werke arbeitete, welches be- stimmt war, seine Lieben von einer Bürde zu befreien, welche Andere ihnen auferlegt hatten. Der erste Band der Grant'schen Memoiren handelt fast nur von dem Theil seines Lebens, der bei wettem der befrie» digendste ist; nämlich von seiner soldatischenIKarrisre; während die weniger erfreuliche Geschichte des Politikers und Geschäfts» mannes späterer Berichterstattung vorbehalten ist. Die Familie Grant hat fick schon 1630 in Amerika niedergelassen und zu verschiedenen Perioden ihrer Geschichte find tapfere Soldaten aus ihr hervorgegangen. Ulysses S. Grant wurde 1822 zu Point-Pleasant in der Grafschaft Clermont, Ohio, geboren. Eine Radirung zeigt dem Leser den Geburtsort des Mannes, welcher zu Stellung eines GmeralS und Prästdenten der Vereinigten Staaten empor- steigen sollte. Es ist ein recht bescheidenes und allem Anschein nach ziemlich einsam gelegenes Grundstück. Grants Vater be- trieb ein Gerbereigeschäst, daneben aber las er viel und eifrig, betheiligte fich in hervorraaender Weise als Redner der im Ort destehenden Debating Clubs(Vereine zurUebung im freien Vortrag) und lieferte Beiträge an Lokalzeitungen. Im Jahre 1823 zog er mit seiner Familie nach George« town, von welcher Stadt er später zum Mayar erwählt worden tst, und hier blieb Ulysses bis er fiedzehn Jahre alt war. Der Bater legte als Autodidakt einen großen Werth darauf, daß seinem Sohne die gute Schulbildung zu Theil werde, welche er selbst entbehrt hatte. Aber die Bildungsrnittel, über welche Georgetown verfügte, waren ziemlich primitiver Art.„ES gab dort lcine Freischulen," sagt Grant,„und auch keine mit Klasseneintheilung. Die vorhandenen wurden alle durch Sub- skriptionen erhalten, und der einzige Lehrer— es war auch oft eine Lehrerin— an einer solchen Schule war meistens nicht befähigt, viel zu lehren, selbst wenn es ihr oder ihm möglich gewesen wäre, das ganze eigene Wissen dm Schülern beizu- bringen. Diese eine Persönlichkeit pflegte dreißig bis vierzig Schüler beiderlei Geschlechts zu unterrichten, vom kleinsten ABC- Schützen an bis zu achtzehnjährigen Jungfrauen und zwanzig- jährigen Jünglingen, welche fich die höchsten Kmntniffe er- werben wollten, deren fie durch diese Schulen überhaupt theil- hastig werden tonnten, nämlich Lesen, Schreibm und Rechnm. Ich hatte noch niemals eine Algebra oder ein sonstiges Lehr- buch der höheren Arithmetik zu Geficht bekommen, bevor es bestimmt war, daß ich nach Westpoint abgehen sollte. Dann kauste ich in.Cincinnati ein Werk über Algebra, da mir aber ein Lehrer fehlte, war es für mich so unverständlich wie Griechisch Die Schulpflichten des Knaben befreiten ihn nicht von Arbeiten anderer Art. Der Vater Grant besaß außer seinem Ledergeschäft bedeutmde Acker, die er selber bewkthschastete. Dem kleinen Ulysses war der Gcrberhof verhaßt, chie Land- witthschaft jedoch liebte er, wie ihm überhaupt jede Beschäfti- gung zusagte, bei der Pferde gebraucht wurden, und so zog er schon m ganz jungen Jahren mit dem Gespann aufs Feld hinaus, um zu pflügen und zu eggen; er brachte die Korn- und Kartoffelernte ein und fuhr alles Holz heim, daS gebraucht wurde; daneben besorgte er drei Pferde und eine oder zwei Kühe, sägte Holz für den Vorrath w., und das alles that er, während er noch die Schule besuchte. Sein glückliches Leben daheim, die Freiheit, nach Herzenslust schwimmen,«iten, fischen und Schlittschuh laufen zu dürfen, war sein Ktlw Absyilh. Pariser Silhouette von Benno Z a e o b. (Nachdruck verboten.) ... I« der Brauerei de la Pomme d'Eve, i» einer kleine« Seitenstraße neben ter Sorbonne, hatte man soeben das Gas angezündet und die in großer Toilette, mit gol» denen Ohrgehängen, hinter dem Büffet thronende Wirtbin, Madame Albaret, nickte den nach und nach eistreffenden Gasten mit mehr oder minder freundlichem Lächeln zu und reichte einigen besonders bei ihr in Gunst stehende« Habitues über dre Batterie von Liqueurflafchen und Rum-Karaffen hmweg ihre weiße, reichberingte Hand. War es Dank der Liebenswürdigkeit Madame Albaret'S oder Dank der treff. lichen Qualität ihrer Getränke jedenfalls gehörte die„Brafferie zum Eva-Apfel* zu den besuchtesten Lokalen de» Ouartter Latin, und wenn man nach acht Uhr kam, so war eS schwer, in dem zigarettenraucherfüllten Etablissement, dessen Wände fast unter de« grellfarbigen Affichen des„Bal Bullier" und «Theatre-Cluny" verschwanden, ein unbesetztes Plätzchen zu finden. So mußte ich denn, als ich, aus dem Odeon 1:� m' ,im Schlepptau eines Pariser Studenten in diesen Gambrinushaufen eingelaufen war, mich mit meinem Lotsen ganz ,n den Hintergurd hinter ein schmales Tischlei« zwänge», an dem bereits ein seltsamer Alter saß. Ein btS auf d,e Brust herabfallender silbergrauer Bart und die weißen Haarbüschel, die wie ein SchneeflockewKranz sein kahles Haupt umzogen, hätten dem Manne etwas Ehr- würdiges, Eremitevarttges gegeben, wenn die zuckenden, zu. sammengeschrumpften Züge, die ms Violette hinüberspielende Nase und die stumpfe», erloschenen Augen nicht die unver- rennbaren Einwirkungen des Alkohols verrathen haben wür- Der Alte trug ei« verschossenes, grünes Peluchejacket vyne Knöpfe, aus welchem ein zerknitterte« Hemd hervor- rügte, und hatte ein rothwolleneS, von einer Haaraadel zu- r�eugehaltenes Zuch, das ihm offenbar den Kragen er- i«tzte, um den Hals gefaltet. Ein Schlapphut, dessen Kräm« Lohn sür die allerdings etwas hatte Arbeit. In humoristischer Weise erzählt er, wie er im Alter von acht Jahren selber ein Geschäft abgeschlossen hat. „Wenige Miles vom Dorfe entfernt wohnte ein Hr. Ralston, in dessen Besitz ein Füllen war, welches ich gern haben wollte. Mein Vater halte zwanzig Dollars dafür gebotm, Ralston aber forderte fünfundzwanzig. Ich war so begierig, das Füllen zu bekommen, daß ich, nachdem dessen Befitzer fort war, mei- nen Bater bat, dasselbe zu dem geforderten Preise nehmen zu dürfen. Er gab nach, sagte aber, daS Thier sei nicht mehr als zwanzig Dollars werth; ich solle zweiundzwanzig und einen halben Dollar dafür bieten, und wenn ich es für diesen Preis nickt erhalten könne, die fünfundzwanzig geben. Sofort bestieg ich ein Pferd, um das Füllen zu holen. Bei Herrn Ralston angelangt, sprach ich zu diesem: Papa sagt, ich soll Ihnen zwanzig Dollars für das Füllen bieten; aber wenn Sie es mir nicht dafür lassen würden, solle ich Ihnen zweiundzwanzig und einen halben Dollar bieten, und wenn Sie die nicht nehmen wollten, dürste ich die fünfundzwanzig geben. Zu welchem Preise wir unS geeinigt haben, ist nicht schwer zu er« rathm. Der Handel hat mir viel Verdruß gemacht, denn die Geschichte wurde unter den Jungen bekannt, und eS wähtte lange Zeit, btS ich nichts mehr darüber zu hören bekam." Im Jahre 1339 ging Grant auf die Militärschule zu West-Point— die große amerikanische Militärakademie, zu deren Schülern Edgar Poe und ander« bedeutende Söhne des Landes gehött haben. Bei diesem Schrttt war mehr der Wunsch nach Abwechslung als die Neigung zum Beruf des Soldaten bestimmend gewesen. „DaS Soldatenleben", sagt Grant,„hatte keinen Reiz für mich, und ich dachte nicht daran, in der Armee zu bleiben. Das Feldlager, welches der Eröffnung des akade- mischen Unterrichts vorherging, war für mich äußerst ermüdend und langweilig. Selten habe ich während meiner ganzen Kadettenzett eine Aufgabe zum zweiten Male durchgelesen. Ich habe einen großen Theil meiner Jett auf Romanlektüre ver- wandt. Die Mathematik ist mir sehr leicht geworden, so daß ich, als der Januar kam, das Examen gut bestanden habe." Von einem Manne, dessen Kaltblütigkeit im Feuer fast sprichwörtlich gewesen ist, mag ein Geständniß wie daS folgende vielleicht seltsam berühren; sicher aber ist es, daß nur ein solcher Mann dasselbe wagen durste. „Jchglaube nicht, daß ich jemals den Muth gefaßt haben würde, ein Duell zu bestehen. Wenn irgend ein Mensch mir ein so großes Leid zufügen würde, daß ich ihn deshalb zu tödten wünschte, so würde ich nicht Willen? sein, ihm, bevor er durch mich sterben sollte, erst die Wahl der Waffen, der Zeit, deS THatorteS und der Entfernung zwischen unS zu überlassen. Thäte ich aber Jemand ein solches Unrecht, daß er berechtigt wäre, mich zu tödten, s o w ü r d e ich alleS thun, was in meiner Macht stände, es wieder gut zu machen. Meine Opposition gegen das Duell bafirt auf höheren Gründen, als hier angeführt find. Unstteitig ist die Mehrzahl der bestandenen Duelle deshalb gekämpft worden, weil es den Betheiligten an dem moralischen Muth zum Ablehnen gefehlt hat." Bei Gelegenheit seines ersten Gefechts(bei Palo Alto) bemertte er:„Wir konnten die Artillerie auf dem Fott deutlich hören-... Mir, der ich noch niemals ein fetnd- licheS Geschütz gehött hatte, that es leid, daß ich zur Armee gegangen war. Sehr viele Männer find, wenn fie die Schlachten auS der Ferne wittern, voller Begier, ins Gefecht zu kommen. Wenn fie dies selber sagen, so gelingt es in der Regel nicht, ihre Zuhörer zu überzeugen daß fie so eifttg find, wie fie gern erscheinen wollen, und sobald fie fich der Gefahr nähern, werden fie herabgestimmt" Das find settsame Zugeständnisse eines ausgezeichneten Kttegers, des Führers siegreicher Heere; seltsame sowohl wegen der dattn ausgesprochenen Gefühle, wie wegen des naiven Freimuths im Ausdruck! ES ist klar erstchtlich, daß General Grant in seiner Jugend keine Vorahnung der ihm später zugefallenen Größe hatte. Er gab, wie aus setner eigenen Schilderung hervorgeht, weder in der Schule noch in West-Point irgend welches Zeichen der Be- fehlshaberaabe, welche er später bethätigt hat. Nachdem er 1844 das Examen gemacht hatte, trat er in daS viette In- fantette-Regiment der Bereinigten Staaten ein. Er war sehr stolz auf seine Uniform, wie er uns erzählt, aber sein militäri- scher Ehrgeiz wurde nicht durch fie erweckt, und er bewarb fich pe» lebensmüde herabhingen, und ein lederner Tabaksbeutel lagen neben dem Gast auf der Baak. Von Zeit zu Zeit blies der Aste aus einer kurze», schwarzgerauchten Tonpfeife, die er zwischen den Zahastummel« geklemmt hieü, eine mächtige Dampfwolke kerzengerade in die Höhe, führte mit zitternder Hand ein großes Glas Absynth an die Lippen und schnalzte dann behaglich mit der Zunge. Als er seine« Absynth bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, schlug er mit der Faust auf den Tisch und rief mit einer Stimme, die au ve« vibrirevdm Klang einer gesprungenen Glocke erinnerte:„Hollah Ninette, einen Grünen!" Die gerufene Kellnerin, ein Zottelköpfchen mit pfiffigem Gamingesicht, kam herbei und stellte mit den Worten:„Voilä yotre absinthe, m'sienr I" et« neues Glas mit dem grünlichen Saft auf den Tisch. Während unser Gegenüber sich seinen Trank mit jener Sorgfalt und Exaktheit zubereitete, die sofort de« einge- fleischte« Absynth- Tnnker erkennen ließen, flüsterte mir mein Freund einige Worte ins Ohr. Ich entnahm daraus, daß der Alte ein verkommener Maler war, sich sein Brod als Modell verdiente und im ganten Quartier unter dem Name» Psre Elias bekannt war. Zm verflossenen Salon hatte er auf nicht weniger als vicr Bildern, und zwar als Abruzzenbandit. als Kirchenvater, als Lumpensammler und als Großinquisitor figutttt. Bei junge» Künstlern, deren Börsen vor den sieben mageren Kühen Pharao'S wenig voraus hatten,»ahm er anstatt des Honorars auch— einen Absynth 5gra||erte herrschte jetzt ein unbeschreibliches Etimmengewirre, aus welchem zuweilen daS helle Lache» einer kleinen„Etudiante", die Handglocke der Wirthin, die, eine Büfftt- Zuuo, von bläulicher Wolke umgeben war, oder die schrille Stimme einer Kellnerin hervor- tönte, welche„Hu bock, nn!" rief. Links von unserem Tische saßen zwei Bierhebe« mit vier jungen Etudiant» zusammen, tranken mit Hastigen Schlucken ei« Glas nach dem ander» und bliesen, die Ellbogen auf die Marmor- ttschplatte gestützt, Zigarettendampsttngel in die Lust. Eine dritte Kellneri», eine üppige Brünette, stand, auf um die Stelle eines Mathematikprofessors an der Akademie von West-Point. Zu dieser Zeit ve- lobte er fich mit Mtß Dent, der Schwester eines seiner Kameraden. Wte er mtt einem Anflug seines aemüthvollen Humors erzählt,.faßte er fich ein Herz und sprach ihr in der denkbar linktschsten Werse Der Ausbruch deS mexikanischen Krieges zerstötte Grant's Pläne eineS friedlichen Lebens. Der Zufall wollte eS, daß er vom Anfang bis zum Ende des Feldzuges mitten im Gefecht war, trotzdem daß er nicht allein den Ktteg selbst, sondern auch die Annexion von TexaS mißbilligte. Nach seiner Meinung, bei der er stets bcharrte, war dies etner der ungerechtesten Kruge, welche jemals von einer stärkeren Nation gegen eine schwächere. gekämpft wurden. Die Veranlassung war die Annexion von Texas, und hieran anknüpfend sagte er:„Es war dies ein Fall, in welchem eine Republik dem schlechten Beispiel europäischer Monarchie« folgte, die in ihren Gelüsten nach Vergrößerung ihrer Gebiete die Gerechtigkeit nicht in Betracht ziehen." Leider bildet eine republikanische Regierungsform keinen Schutz gegen einen Anfall von nationalem Länder- Hunger, mag fie ihn gleichwohl mildem und die schlimmsten Folgen abwenden. DieS zeigte fich in der Mäßigung der Vereinigten Staaten nach dem Siege über Mexiko, als sie, anstatt daS ganze Land zu behalten oder andere harte Bedin» gung-n zu stellen, für das hinzugekommene Territorium etner unde Summe zahlten, mehr als es wetth war oder vorausfichtlich für Mexiko werth sein konnte. Aber, wie der General sagt, „die Rebellion der Südstaaten war großentheils die Frucht des mexikanischen Ktteges. Nationen werden gleich den Individuen: für" ihre Sünden bestraft. Unsere Strafe bestand in dem blu- tigsten und kostspieligsten Kttege der Neuzeit." Die Einverleibung von Texas war im Jahre 1845 geschehen Es fand nicht allein eine militärische Befitzergreisung dieses Gebietes statt, sondem es wurde auch ein Okkupations» Heer(zu welchem das 4. Infanterie- Regiment gehörte) nach einem streitigen Tertttorium zwischen Meriko und Texas be-- ordert, augenscheinlich um Mexiko zum Kriege zu zwingen. Im März 1846 brach der Krieg aus und die Okkupationsarmee wurde zu einer Jnvafionsarmee. General Taylor war Befehls« Haber— ein Mann von kaltblütigem Muth, der bei seiner Armee trotz seines äußerst einfachen Auftretens in hohem Ansehen stand. Er hatte eine große Abneigung, die Uniform an» zulegen, und Grant erzählt von ihm folgende Anekdote: „Während die Armee am Flusse lag, ließ der Flagg-- Offizier dem General für einen bestimmten Tag seinen Besuch ankündigen. Da Taylor wußte, daß Marine- Offiziere bei feierlichen Gelegenheiten in Uniform zu erscheinen pflegen. hielt er es sür angemessen, zu Ehren seines Gastes die gleiche Form zu beobachten. Die Uniform wurde hervorgeholt, ge- hörig abgebürstet und vor dem Eintreffen des Besuches ange- zogen. Der Flagg-Osfizier, welchem bekannt war, wie ungern Taylor die Uniform anzog, fühlte fich aus Höflichkeit bewogen, ihm in Zivrl entgegenzutreten. Beide sollen bei dem Zu- sammantreffen in große Verlegenheit gerathen sein und die Unterhaltung hauptsächlich aus Entschuldigungen bestanden haben." Beim Gefecht von Palo Alto war Grant zum ersten Male im Feuer, und wir führten schon an. mit welchen Ge f»HIen" den feindlichen Kanonendonner hörte. Bei Palo Alto fiegten die Amerikaner und ebenso in den beiden tjrs ?aLer«?tnwn.unter bem Feuer des Feindes in die Stadt ritt, um dte Zuführung neuer Munition der Stelle zu erlangen, wo das 3. Infanterie- Regiment und das seine fochten. Die ununterbrochenen Siege des Generals Taylor waren der Regierung keineswegs angenehm- Taylor war gemäßigt liberal und die Regierung demokratisch. Man hegte die Be- Achtung, daß snne durch die militärischen Ettoige erlangte Beliebtheit ihm bei der kommenden Wahl die Präsidentschaft eintragen werde. Daher erhielt der General Scott Den Ober- befehl über daS merrkanische Kttegsheer. Taylor ist indessen doch im folgenden Jahre zum Prästdenten erwählt worden. Scott hatte als Oberkommandant nicht weniger Erfola ÄAMr''.A-a" die Schulter eines der Studenten gelehnt, daneben, trällerte „Xow de vom, c'est moi quis suis la femme canon" und klapperte dazu mit den Silberstücken in ihrer umae- schnallten Geldtasche de» Takt. Recht» von uns hatte sich ein altes Ehepaar installirt, das, unbekümmert um all den Tumult, in Seelenruhe seine Partie Domino spielte Elms hob prüfend seine» Absynth gegen das Gas- licht, that einen Schluck, kmff die Augen zusammen und setzte dann, zufrieden»tckend, das Glas mit fast zärtlicher Behuisamkett nieder. Er mochte wohl die theilnahms- vollen Blicke, mit welche« wir ihn beobachteten, bemerkt haben; denn plötzlich sagte er, sich mtt den gichtgekrümmten Flngera durch den verwilderten Bart fahrend, zu uns- „He, junges Volk, trinken lieber Bier oder Wein, was? 3a, ja, die Jugend ist ein Freund des Wem»; aber ich @ � mää er betäubt Euer Hirn, zeigt Euch die Welt im rosigflen dem Hgmetlu», daß Ihr ihren Treuschwüren vertrauen dürft daß Euch am Ende des steinigen Pfade», der zu den Hohe» der Kunst hinanführt, der Erfolg mit duftigem K-anz erwartet Aber der Wein lügt, sage ich Euch, er %% Sr unterschreibt Euch alle möglichen Wechsel auf Ruhm, Glück und Reichthum— aber er löst sie am Ver- falltag nicht ei«, der Lump!" Der Alte, dessen Augen jetzt unheimlich leuchtete«, schlug zornig mtt der geballten Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrte», that eine» tiefen Schluck und riß da« rothe Foulard auf, als wenn ihm etwas den Hals zusammen. schnürte.„Gastov, gieb mir noch eine Zigarette I" rief an dem Tisch link« die brünette Schöne.„Doppel- Sechs!" sagte das alte Männchen am Tische rechts und setzte gravi- Misch de« Dominostein an. „Und e» kommt der Tag, wo Ihr au? Eurem Rausch erwacht"— fuhr P�re Elias mit bebender Stimme fort- -.wo Ihr ernüchtert seht, daß die Kunst ebenso wie Eure Geliebte eine Dirne ist und um Gold buhlt. Alle Eure auch noch in dieser Thätigieit beßriffcn. Ihr gehorsamer Diener U. S. Grant.".... � längerer, durch politische Verwickelungen herbeigeführter Ver« zögerung wurde am 2. Februar 1848 Friede geschlossen und dabei den Vereinigten Staaten der Rio Grande als Grenze für Texas gestchert, sowie Neu>Mexiko und Oderkalifornien für 15 Millionen Dollars zuerkannt. Grant hatte sich in dem Kriege vielfach ausgezeichnet und avanzirte am Schlüsse desselben zur Stelle eines ersten Lieutenants. Außer seiner Beförderung und einem reichen Gewinn an praktischer Erfahrung hat ihm dieser Feldzug auch noch für seine spätere Karriere großen Nutzen gebracht. Er ist durch diesen Krieg mit vielen Offizieren in Belühruna gekommen, welche später in dem Bürgerkrieg entweder als Nationalisten oder als Konföderirte eine Rolle gespielt haben. Wo es fich um die letzteren handelte, hatte er somit den Vortheil, mit dem Charakter und der Taktik deS Feindes einigermaßen bekannt zu sein._ Im Jahre 1848 verheirathete fich Grant mit Miß Julia Dent, und bald darauf wurde sein Regiment nach der Küste des Stillen OzeanS kommandirt. Er ging als Quartiermeister mit und ließ seine Frau zurück. So kam er auch nach San Franziska, wo damals(1852) das Goldfieber seinen Höhepunkt erreicht hatte._ „Von 1849 bis 1853," schreibt Grant,„fand ein Massen- andrang zur Pazifik-Küste statt. Viele der Ankömmlinge waren junge Leute aus guter Familie und von guter Erziehung. Alle glaubten, daß fie auf den Goldfeldern der Pazifik Küste ohne Mühe Reichthümer auflesen könnten. Ewige sahen ihre kühn- sten Erwartungen übertroffen; aber auf einen solchen Glück- lichen gab eS hunderte von Enttäuschten, deren viele heute un- gekannt in fremder Erde ruhen. Mancher ist als Wrack seines früheren Menschen in daS Grab gesunken, und Andere wurden ohne lasterhafte Neigungen Verbrecher und Ausgestoßene ver menschlichen Gesellschaft. Man mochte zu jeder Stunde des TageS und der Nacht durch die Straßen gehen, so wurde einem der Anblick von Pharospielem zu Theil." Im Jahre 1853 wurde Grant zum Hauptmann be- fördert und 1854 trat er aus der Armee und zog fich in sein Familienleben zurück. Vier Jahre lang war er als Landmann in der Nähe von St. Louis thätig, und nach Ablauf dieser Zeit bethciligte er fich an einer Güter- agentur bei einem Vetter. Im Jahre 1860 nahm er eine Komptoirstelle bei seinem Vater in dessen Ledergeschäft zu Ga- lena, Illinois, an. Um diese Zeit war das Gewitter, welches fich seit dem mexikanischen Kriege zusammengezogen hatte, im Begriffe loszubrechen. Die Spaltungen zwischen den beiden politischen Parteien hatten fich erweitert, und als 1861 Lincoln zum Präfidenten erwählt wurde, sagten fich die Südstaaten offen von der Union los und die Redellion brach aus. Obwohl Grant gegen den Krieg war, präfidirte er bei einer öffentlichen Versammlung, welche abgehalten wurde, als die Nachricht nach Galena drang, daß Lincoln einen Aufruf erlassen habe, um Freiwillige zu werben. Grant hatte nicht die Äbstcht, fich als Freiwilliger zu stellen, aber er bot seine Dienste den noch un« geübten, doch eifrigen Rekruten an. „Jedes Geschäft hörte auf, alle Welt war in Aufregung. Die Kompagnie wurde gebildet, die Offi- zierswahl fand statt. Ich hatte schon vor der Ballo- tage die Hauptmannsstelle abgelehnt, doch erklärt, daß ich der Kompagnie so viel Hilfe leisten wolle, wie ich könne. Sollte eS zum Kriege kommen, so würde man mich in irgend einer Stellung am Kampfe betheiligt finden. „Die Damen von Galena standen den Männern an Patriolismus nicht nach. Sie ließen fich von mir die Jnfan- terie-Uniform der Vereinigten Staaten beschreiben, lausten die Stoff«, verschafften fich Schneider, die ihnen die Kleidungs- stücke zuschnitten, und dann fertigten die Damen dieselben an. Ich nahm mich der Männer an und beaufsichtigte das Exer- zieren. AIS fie so weit waren, daß fie fich nach Springficld bigcden konnten, ging ich mit ihnen und blieb so lange dort, bis fie einem Regimente zugewiesen waren." Das Angebot von Freiwilligen überwog bei Weitem den Bedarf, und dem Gouvemeur Iates wurde es schwer, zu ent- scheiden, welche er annehmen oder abweisen solle. Grant ver- weilte in Springfield, asfistirte bei der Truppenmusterung rc., und im Mai 1861, als die Sachlage eine ernstere geworden war, kam er um das Kommando über ein Regiment bei der zuständigen Militärbehörde mit folgendem Schreiben ein: „Sir, in Anbetracht, daß ich 15 Jahre in der regulären Armee gedient habe, meinen vierjährigen Aufenthalt in West- Point mitgerechnet, und weil ich es für Pflicht eines Jeden erachte, der auf Kosten der Regierung erzogen wurde, seine Dienste der Unterstützung der Regierung darzubieten, beehre ich mich, meine Dienste für die Dauer des Krieges zur Ver« fügung zu stellen, bereit, eine Stellung auszufüllen, welche mir angeboten werden möge. Ich dürfte vielleicht bemerken, daß ich mich im Hinblick auf mein jetziges Alter und meine lange Dienstzeit befähigt halten würde, ein Regiment zu be- fehligen, wenn der Präfident es für angemessen er- achten wollte, mir ein solche? anzuvertrauen. Ich habe im Stab des Gouverneurs dieses Staates gedient und soviel ich konnte bei der Organisation unserer Miliz geholfen, bin stolze» Pläne und süßen Hoffnungen knicken zusammen, wie die Halme unter der Sense des Schnitters. Wa« nützt Euch alles Talent, wa« nützt Euch die feurige Begeisterung für das Ideale? Ihre Flammen erlösche» unter der kalten Douche der Zurücksetzung, de» Mißerfolges, der Verachtung. Hier"— der Alte schlug sich heftig auf die Brust—.hier ist alles hohl, leer, ausgebrannt, wie ein Krater, der keine Lava mehr spuckt. Das hohläugige Elend kauert auf Eurer Schwelle und grinst Euch jeden Morgen beim Erwachen mit bleicher Fratze an. Und was bleibt Euch dann, um die erbärm- liche Nichtigkeit des Leben« zu fliehen? Ein Schuß in den Kopf, oder der Absynth! Ja, beim Abspnth findet Ihr Trost, beim Absynth findet ihr Ruhe vor dem giftigen Leid, da« Euch am Herzen nagt, beim Absynth findet Ihr Vergessen— er ist die Lethe aller Unglück.ichen und Elenden, der einzige Freund, der UN» treu bleibt bis aas Grab. Vive l'absinthe!" Der Alte fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf, dann griff er zum Glas, goß den Rest des Getränks hinunter und rief wieder:„Hollah, Ninette, einen Grünen!" Pere Elias war wie gebrochen zusammengesunken und stierte theilnahmSlo» vor fich hm. Als die Kellnerin ferne» Absynth brachte, schien es mir, als wenn die Facetten des GlaseS unheimlich gleich grünen Nixenaugen funkelte». Eine bleierne Schwüle lastete auf der Brasserie. Die Wirthin thronte noch immer lächelnd hinter dem Büffet. Am Tische links von uns hatte sich die hochbusige Brünette auf die Kniee Gaston« gesetzt, fuhr kosend mit der Hand durch dre schwarze» Locken deS jungen Etudiant und fang: „L'amonr rode dans mon quartier, II faut laisser la porte ouverte!" Am Tische rechts sagte das alte Männchen schmunzelnd zu seiner Frau:„Doppel-Vier— Domino! Hähä, daS ist heute Abend die sechste Partie, die ich Dir abgewinne, mein Kind. Chance» muß man haben!" Dan« scharrte er die Domino-Steine auf's Neue zusammen und benetzte seine dünnen Lippen mit dem warm gewordene» bock, an welchem er beretts seit zwei Stunden trank..... Dieser Brief wurde keiner Antwort gewürdigt, aber bald darauf erhielt er durch den Gouverneur NateS ein Regiment zugewiesen(daS 21. Illinois). Viele seiner Leute waren aus guter gesellschaftlicher Stellung: alle ganz undiiziplinirt, und er hatte anfänglich die größte Mühe, ihnen auch nur den ge« ringsten Begriff von Subordination beizubringen. Im Juli wurde Grant nach Quiney kommandirt, um einem von Re- bellen angegriffenen JllinoiS-Regiment zu Hilfe zu kommen, und seine alte Zaghaftigkeit und die Abneigung gegen sein Wirken kam wieder über ihn wie in früherer Zell. Als er fich dem muthmaßlichen Schlachtfelde näherte, waren seine Gefühle, wie er sagt,„keineswegs angenehme." Er hatte nie zuvor ein Kommando gehabt:„wenn ein Anderer Oberst und ich Oberstlieutenant gewesen wäre, dann glaube ich, hätte ich keine Bangigkeit gefühlt!"(DaS drückende Gefühl der Ver- antwoMchkeit für das Leben der Mitmenschen!) ES fand in« dessen kein Gefecht statt; die neugeworbenen Truppen auf beiden Seiten bekamen Angst und liefen davon! Zunächst marschirte Grant nach Florida, um gegen Harris zu kämpfen; auch dieses Mal scheint die Furcht vor den feind- lichen Truppen eine gegensettiae gewesen zu sein, und als daS Lager Harris' erreicht war, hatten die Soldaten das Weite gesucht.„Nun schöpfte ich wieder Muth", schreibt Grant naiv. „Ich sagte mir, daß Harris mich ebenso gefürchtet habe als ich ihn. Von jenem Ereigniß bis zum Ende deS Krieges empfand ich nie vor dem Zusammenstoß mit dem Feinde Beängstigung, obwohl ich stets mehr oder weniger Besorgniß hatte." Binnen kurzer Zeit wurde Grant zum Brigade- General befördert und nach Neu-Mexilo beordert, wo er fich damit be- schästigte, sein ungeübtes Regiment zu drillen, daS einen Theil jener bewundemswerthen Armee bildete, deren Thaten die Welt in Erstaunen setzen sollten. Wie brav er und viele Andere fich unter den obwaltenden Umständen benahmen, wie sich Alle— Generale, sämmtliche Offiziere unb Gemeine der Lage anpaßten, in welche kfie fich unvorbereitet hineingestürzt sahen— dieS ist eine historische Thatsache. Exerzier- meister und gediente Unteroffiziere hatten vielleicht über den Anblick gelacht, dendiese Leute auf dem Paradeplatz darboten; die ernsteKriegsarbeit wurde jedoch von ihnen in einer Weise vollbracht, aus welcher alt- gejdiente Soldaten der militärischen Ratio« nen etwaS lernen konnten und gelernt haben. Nur ein junges Volk und ein solche«, das von setner Ent- stehung an gezwungen war, fich in allem zu versuchen, waS fich gerade bot, konnte aus dem Stegreif eine so glänzende Verwandlungsszene auf der Wettbübne produziren. Die erste von Grant geliefette Schlacht fand bei Belmont statt. Das 21. Illinois- Regiment hatte Paducah besetzt, die Rebellen von ColumbuS Besttz genommen, und letztere hatten überdies bei Belmont außerhalb der Stadt ein Lager enichtet. Hier kam es zur Schlacht. ES war ein glänzender Sieg der Unionisten. Grant wurde in den ersten Stadien deS Gefechts daS Pferd unter dem Leide erschossen. Ueber die Truppen, welche zum ersten Male im Feuer standen, sagt er:„Veteranen hätten fich nicht besser benehmen können, alS fie fich bis zu dem Augenblick führten, da daS Rebellentager genommen war. Von dem Zeiipunkt an wurden fie durch ihren Sieg demoralistrt und brachten fich um den Lohn ihrer Thaten. Kaum warm fie im Lager, so legten fie die Waffen nieder und begannen die Zelte nach Trophäen zu durchstöbem. Einige der Offiziere sprengten von einer Gruppe der Mannschaft zur anderen und hielten an jedem Haltepunkt kurze Lobreden auf die Sache der Union und die Leistungen der Oberleitung." Aus die Schlacht bei Belmont folgte Im Februar 1862 die Belagerung und Einnahme des Forts Donelson am Cumberland- Fluß. Als daS Fori durch die Unionstruppen zernirt war, schlug der General der Konföderirten, Buckner, einen Waffen- stillstand vor, auf welchen Antrag Grant durch einen Brief antwortete, der für die Geschichte seines Leben? höchst dedeu- tungsvoll geworden ist. Das dem Buche in facsimile eingefügte Schreiben lautet: „Mein Herr, Ihre Mittheilung, vom heutigen Datum (16. Febr. 1862), enthaltend den Vorschlag eines Waffenftill- standes und die Einsetzung von Vermittlem zur Bestimmung der Kapitulationsdedingungen habe ich soeben empfangen. Es können keine Bedingungen angmommen werden außer einer sofortigen und unbedingten llebergade. Ich beabfichttge, sofort auf Ihre Werke vorzurücken. Mit Hochachtung Ihr ergebener U. S. Grant, Brig.-Gm." Hierauf antwortete Buckner wie folgt: „Mein Herr— durch die Vertheilung der unter meinem Kommando stehenden Truppen, das Ereigniß eines unvorher- gesehenen Wechsels in meinem Stabe und die erdrückende Uebermacht der von Ihnen befehligten Truppen bin ich ge- zwungen, trotz der gestrigen glänzenden Waffenerfolge der Konfoderirten, auf die ungroßmüthigen und unritterlichen Be- dingungen einzugehen, welche Sie vorschlagm als Ihr»c. S. B. Buckner." Diese Korrespondenz trug Grant den Beinamen ein: ünoonditional Surrender Grant, und von der Zeit an stieg seine Popularität bedeutend. Dem Volk imponirte seine Art, mit dem Feinde zu reden, aufs höchste.„Das ist ein Mann," hieß eS,„bei dem keine Faseleien angebracht find, mögen andere thun, was fie wollen." Und Grant,„der For« derer unbedingter Uebergabe," wurde der Held deS TageS. Glücklicher Weise war er im Stande, diesen Beinamm auch femer zu rechtfertigen. Bald nach der Uebergabe des Forts Donelson wurde er zum DivifionS- Kommandeur(General-Major) ernannt. Das nächste wichtige Ereigniß, an welchem Grant Theil hatte, war war die Schlachtlbei Shiloh oder Pittsburg, die für die UnionS- tmppen bekanntlich fiegreich ausfiel. Der erste Band schließt mit der Uebergabe von Vicksburg, und die Beschreibung jenes wichtigen SicgeS nimmt viel Raum in Anspruch.„DaS Schicksal der Konföderation," sagt General Grant,„wurde durch den Fall Vicksburgs defiegelt, aber eS waren noch viele harte Kämpfe zu bestehen und viele kostbare Menschenleben mußten noch geopfert werden. Doch blieben die Anhänger der Union fortan moralisch auf der Höhe." Der Bericht dieser„harten Kämpfe" ist dem zweiten Theil deS Buche« vorbehalten, in welchem die Memoiren zum Ab- schluß kommen werden- Gmeral Grant wollte keine Geschichte des Krieges schreiben, obgleich der zweite Band wahrscheinlich die Form einer solchen haben wird, denn die ferneren Ereignisse find hauptsächlich durch ihn geleitet oder wenigstens geplant worden. Der Mann, welcher eine Armee organifirt, eine Rebellion niedergeworfen und eine Nation„gemacht" hat, oder wenig- stens wiedet zu d e m gemacht hat, was fie war, schreibt über seine persönliche Laufbahn in einer schlichten, obschon würde- vollen Weise, welche zeigt, daß er die Elemente wahrer Größe in fich ttug. Eine unerschütterliche Beharrlichkeit scheint die Hauviursache von General Grants Erfolg gewesen zü sein. Er hat fich nie hervorgedrängt oder versucht, fich seiner Vor- gesetzten durch Jntriguen zu entledigen, noch durch Nichterfüllung von Befehlen aus Originalität Anspruch zu machen getrachtet. General GrantS Emporkommen, sowohl in der Armee alS im polttifchen Leben ist so wunderbar, daß Manchem derlei Manöver in den Sinn kommen dürften. Der Verdacht würde indessen gänzlich unbegründet sein. Daß Grant an die Spitze berufen ward, geschah, wenigstens in seiner militärischen Eigenschaft, weil er der fähigste Mensch war, und seine eigene Erzählung seiner Leistungen in vergangener Zeit ist ebenso interessant wie werthvoll. Geschichtliche Werke aus der Feder derer, welche die Geschichte gemacht haben, find stets des Lesens werth. Politische Meberstcht. + Hofbaurath Georg Adolph Temmler, der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Leipzig- Land, ist am 2. d.M. in S ch w e ri n(Mecklenburg) gestorben. Demmler ist am 22. Dezember 1804 zu Güstrow in Mecklenburg geboren, von 1819 bis 1822 besuchte er die Bauakademie in Berlin, wurde 1823 Feldmesser in Potsdam, trat 1824 in den mecklenburgischen Staatsdienst und erbaute bis 1851 die hauptsächlichsten Hochbauten Mecklenburgs, besonders das Schloß und das(vor wenigen Jahren niedergebrannte Theater) in Schwerin. Wegen AntheilS an der politischen Bewegung 1848—50 im Jahre 1851 ohne Pension entlassen, kehrte D. erst nach längeren Reisen durch ganz Europa 1857 nach Schwerin zurück. Er war nachher Mitgründer des Nationalvereins, der deutschen Volkspattei und der Genier Friedens- und Freiheits« liga. Zuletzt schloß er fich den Eozraldemokraten an. Von 1876—78 vertrat er den Wahlkreis Leipzig-Land im Reichstage- Nach der Auflösung des Reichstags in Folge der Atten- täte erklärte Demmler, daß jüngere, kräftigere Elemente nöthig seien, um mit der hereinbrechenden Reattion den Kampf auf» zunehmen und so zog er fich vom öffentlichm polttifchen Leben zurück. Demmler war ein Mann, dem auch seine polttifchen Gegner nur Gutes nachsagen konnten, trotzdem fand fich nach den Attentatstaaen ein fanatifitter Pöbel zusammen, um dem alten Manne dre Fenster einzuwerfen. Und es blieb nicht bei diesen Heldenthaten, man suchte dem GreiS bei jeder Gelegen- heit übel mitzuspielen. Allmälig glätteten fich die aufgeregten Wogen und die Hetzer mußten erleben, daß ihr Vorgehen von der ganzen gebildeten Welt die strengste Veruttheilung erfuhr. Demmler blieb seiner Ueberzeugung treu, Ehre seinem An» denken! Zur Empfehlung des BrauntweinmouopolS hieß eS schon vor einigen Tagen in dem offiziösen„Nürnb. Korr.":} „Die Produzenten dürfen von der Einführung des Brannt« weinmonopols eine Steigerung der Preise erwarten, da der Staat als der einzige Käufer im Inland alsdann die Regultrung des Handels ganz in seiner Hand hält." Von demselben Gedanken werden natürlich auch diejenigen Spiritusbrenner beherrscht,> welche fich auf die Branntwein Steuerreform freuen, obgleich es eine Ereuererhöhung sein soll. Sie rechnen, daß nicht nur nichts von der Steuer auf fie fallen werde, sondern sogar der Staat aus dem Eteuerettrag ihnen bessere Preise, als fie im freien Verkehr bestehen, zahlen werde, so daß neben den Plä« mien für die Ausfuhr auch noch für den Jnlandsverkehr daS Gewerbe der Spiritusbrenner eine Staatsunterstützung erhal« ten würde. Die„Zeitschrift für SpirituSindustrie" rechnet daS in ihrer letzten Nummer schon speziell heraus. Bis vor Kurzem wurden 10 000 Liter- Prozent, d. h. 100 Liter absoluten Alkohols, zu rund 37 Mark verkaust; jetzt, in Folge deS Monopol», Projekts, ist eine Hausse eingetreten, bis beinahe 40 Marl für ein Hektoliter. Für daS Hektoliter find aber auch rund 16 Mark Steuer zu zahlen gewesen, und der äugen- dlickliche steuerfteie Preis ist also rund 24 Mark. Die „Zeitschrift für SpirituSindustrie" fordert nun vom Staat bei Einführung des Monopols einen steuerfreien Minimalpreis von 30 M. Also ist dieser Minimalpreis schon 6 Mark höher, als der jetzige Marktpreis. Der steuerfreie Moriwalpreis soll sein 40 Mark, der durchschnittliche Preis also 35 Mark. Gesetzt nun. der letztere würde bezahlt, so erhielten gegenüber der jetzigen Lage des Marktpreises die Produzenten für jedes- Hektoliter Spiritus ein Geschenk von 11 Mark, und bei der Höhe des jetzigen Konsums im Inland würden das jährlich einige Dutzend Millionen Mark werden. Aber auch der Aus« landspreis steht dem inländischen ziemlich gleich, und so ver- löre der Staat bei jedem Verkauf eines Hektoliters ins Aus» land ebenfalls 11 Mark, indem er zu 24 Mark verkaufte, was t er zu 35 Mark eingekauft hätte. Bei jährlich nmd hundert i Millionen Liter Verkauf ins Ausland, der ja aber noch ge« steigert werden soll, wären das wieder 11 Millionen Mark Verlust für ein Jabr. Alle die Dutzende von Millionen gingen erst ab, ehe der Staat einen Heller von der Steuer für fich er- hielte. Daß mit solcher Lage der Dinge eine ewige Agitation gegen das Epiritusmonopol, gegen die Staatsverwaltung und gegen die Spiritusintereffenten ins Leben gerufen würde, ist selbstverständlich. Die„Zeitschrist für Sprritusindustrie" hat ihr Schiff etwaS zu kühn durch die Wellen streichen lassen! Auf iGrund deS Sozialistenges tze« verbietet die kgl. Regierung von Oberbayern unterm 2. Januar das zwei doppel» 1 spaltige Seiten umfassende Flugblatt mit der Ueberschrist „Prosit Neujahr!" Druck und Verlag der schweizerischen GenoffenschastSbuchdruckerei Hottingen-Zürich. Franrreich. Die Ministerkrise dauert noch fort. Freycinet weigert fich noch immer, das Kadinet zu bilden, weil er glaubt, daß daS« selbe doch nicht von langer Dauer sein werde. Ueber eine Soldatenmtßhandlung und die Bestrafung des Missethäters schreibt die„Republ. francaise":„Ein Beschluß deS Präfidenten der Republik verhängte die schwerste DiSz pli» narstrafe, welche die Reglements kennen, über den EskadronS« chef Bazaine vom 35. Artillerie-Regiment, indem er diesen in Nichtaltivität durch Entsetzung von seinem Posten versetzt. Die vollständige Enquete, welche von dem General Forgemol, Be» fehlshaber des 11. Armeekorps, geleitet wird, ist noch nicht beendet, da Jedermann die Verantwortlichkeit für die abscheu» lichen Mißhandlungen, welche den Tod des Kanoniers Äubin herbeiführten, auf die Andern zu schieben sucht. Die eine Thatsache aber steht fest: daß der ESladronschef Bazaine be» sohlen hatte, den bei den Reitübungen ungelehrigen jungen Soldaten auf ein Pferd zu binden, daß der Eskadronschef Bazaine gleichgiltig die Leiden des Unglücklichen mit angesehen hatte, von wo derselbe ohnmächtig ins Gefängniß getragen und ihm mit Eimern kalten Wassers sowie mit Peitschenhieben der Garaus gemacht wurde. Herr Bazaine Neffe wird aus der Armee weggeschickt und dies ist nur dillig. Die Subaltern, die unter seinen Befehlen standen, haben jedoch bei den Auf» tritten vom 14. Te.ember thätig mitgewirkt; sobald die Rolle eines Jeden von ihnen unparteiisch festgestellt ist, wird der Kriegsminister die Disziplinarstrafen verhängen, welche die Stadt und die Garnison Vannes alS gerechte Vergeltung erwarten."— Die Strafe ist viel zu gelinde, haben die Herren Bazaine und Genossen den Aermsten kaltblütig ermordet, so verdienen fie nicht nur weggejagt, sondern obenein ins Zucht-, haus gesteckt zu werden. Amerika. Mr. Egon, der Präfident der irischen National-Liga, hat ein Rundschreiben erlassen, worin er das National-Komitee jener Assoziation für dm 20. Januar nach Chikago einberuft. Mr. Egan schreibt, daß er bis dahin Nachrichten aus Irland zu erhalten hofft, die das Komitee defähigm werden, endgittig den Zeitpunft für das Abhaltm einer Konvention der Liga anzuberaumen, welcher Mr. Parncll persönlich anwohnen wird. Man veranschlagt die Sammlungen der Liga für Mr. Parnell'S parlamentarischen Fonds auf Lstr. 100000, und außerdem bat der irische parlamentarische Fonds Verein in New-Nork Lstr. 36 000 zusammengebracht. Qucdeck» dm 30. Dezember. Die meisten katholischen Bischöfe der Provinz werden im Laufe dieser Woche eine» Hirtenbrief erlassen, worin fie die Agitation unter den fran» zöfischen Kanadiern auf Grund der Hinrrchmng deS Jnsurgmten» führerS Louis Riel als dem Schreiben deS Papstes zuwider, welches die Katholiren ermahnt, das Gesetz deS Landes zu achten, verdammen werden. Wa' hington, 2. Januar. Die Staatsschuld der Vereinigten Staaten hat im Monat Dezember um 9090000 Doll- abgenommen, im Staatsschätze befanden sich ultimo Dezember 494360000 Doli. Kommunales. w. Nach dem Geschäftsberichte der städtischen Svar- kasse im Quartal Juli/September 1885 blieb am 30. Juni 1885 bei der Eparkaffe ein baarer Bestand von 7 839 839,61 Mark. Eingezahlt wurden im zweiten Vierteljabr von den Interessenten 4 852 755,62 M., die Rückzahlunaen an die In« teressenten betrugen in demselben Quartal 3 304 395,60 M. Hiernach ergiedt fich pro Quartal Juli/September 1885 eine Mehremnahme von 1548 370,2 M. Die Forderungen der Interessenten belief fich ult. Juni 1885 auf 58717184.39 M., fie erhöhte fich ult. September 1885 auf 60 265 554,41 M. Im genannten Quartal find ferner vereinnahmt an Valuta für verlooste Werthpapicre, für zurückgezahlte Hypotheken, an Zin« sen:c. 13 436 575,86 M., verausgabt für erworbene Werth- papiere ic. 6 433 854,20 M-, in Abzug kommen die Ausgaben des Grundstücksfonds mit 41897,44 M. Hiernach bleibt ult. September 1885 ein Gesammtbestand von 7 036 507,67 M., darunter in Wechseln 6 434 597.54 M. Baar 100 913,13 M., in Vorschüffen 500 996 M Außerdem waren ult. September 1885 vorhanden an Dokomente 56 065 297,50 M., ausstehende Sparkaffenbücher zum Werlhe von 25 273,50 M. und der Grundstückswerth mit 1 036 517,33 M. DaS Gesammtvermö- gen der Sparkafie betrug somit ull. September 1885 64 163 595 M. Für den 135. Stadtbezirk werden an Stelle des ver« storbenen BezirkSvorstehers Wachs die Geschäfte bis auf Weiteres durch den Bezirksvorsteherl Stellvertreter Herrn Kauf- mann Hoppe, Alte Jakobstc. 67 wohnhaft, erledigt. Nach Mitthcilung des Statistischen AmtS der Stadt Berlin find bei den hiestgen Standesämtern in der Woche vom 20. Dezember bis inkl. 26. Dezember zur Anmeldung ge- kommm: 203 Eheschließuugen, 709 Lebendgeborene, 39 Toot- geborene, 534 Sterbefälle. Lokales. Die Witterung des Monat? Dezember v. I. dürfte Wenige zufriedengestellt haben. Es wollte nichts Rechtes wer« den mit der Herrschaft des Winters, der zwar in der Zeit vom 8.— 12. einen energischen Anlauf unternahm, aber das Feld nicht behaupten konnte, daS ihm der unausgesetzt wehende Aequatorialstrom streitig machte, Der Streit zog Alles in Mitleidenschast, indem die Temperatur heute über, morgen unter null Grad stand. Bekanntermaßen üben bereits die ge- ringsten Schwankungen um den Gefrierpunkt einen großen Einfluß aus auf das Wohlbefinden der Menschen; die Klage über daS Wetter und der Wuntch nach einem ordentlichen Winter war mithin allgemein- eS scheint aber, als ob die Kundigen, die aus dem frühen Fortzug der Vögel, aus dem festen Verschluß der Bienenstöcke und aus all den anderen„un- trüglichen" Anzeichen einen strengen Winter prophezeit haben, wieder Unrecht haben sollen. Allerdings dürfen wir eingedenk des alten Sprichworts:„Wenn die Tage beginnen zu langen, kommt die Kälte gegangen," nicht zu früh frohlocken. Daß der Winter noch Macht hat, wenn er will, davon gab schon der 12. Dezember Kunde, der kälter war als irgend ein Tag der letzten beiden Winter. DaS Resultat der in dieser Zeitung täglich veöffentlichten meteorologischen Be« obachtungen war für ven vergangenen Monat folgendes: Der mittlere Barometerstand betrug 761,2 nun, war mithin bedeutend zu hoch. Am 18. stieg das Barometer bis auf 773,1 mm und hielt fich ziemlich lange auf einem ähnlich hohen Standpunkte. Die Schwankungen waren nur zeitweise beträchtlich, trotzdem vielfach stürmische Winde wehten. Sein Minimum erreichte das Barometer mit 740,8 mm am 6. Die mittlere Monatstemperatur betrug 0,0 Grad; fie war um 0,5 Grad zu niedrig. Veranlaßt ist diesesiManko lediglich durch die Kälte in den Tagen vom 8.— 13., die sehr intensiv war. Am 12. Morgens erreichte die Temperatur ihr Minimum mit— 13,5 Grad; das Tagesmittel betrug— 10.5 Grad; die folgende Nacht versprach noch kälter zu werden, da schon Abends um 10 Uhr 12 Grad Kälte beobachtet wurden, doch ging der Wind nach Südwest herum und das Minimum kam nur auf 13,0 Grad. TagS über stieg die Temperatur bettächtlich, so daß fie Abends nur noch— 2 Grad betrug. Der folgende Tag brachte dann das Thauwetter. Im wetteren Verlaufe des Mo- natS sank das Thermometer nicht mehr unter 5 Grad Kälte. Ihr Maximum erreichte die Temperatur am 1. mit 7,3 Grad, so daß also Maximum und Minimum um 21,3 Grad auseinander lagen. 20 Tage waren Frosttage(Minimum unter 0 Grad). Die Windrichtung war in so fern sehr abnorm. alS im Verlaufe des ganzen MonatS nicht ein einziges Mal Ost-, Nordost- oder Südostwind beobachtet wurde. Vorherrschend waren reine Westwinde(27), dann folgen Südwest(23), Nord- west(17), Nord(8j und Süd(6). Windstille wurde 12 mal konstatirt. An 3 Tagen dagegen erhob fich der Wind zum Sturm. Die mittlere Windgeschwindigkeit betrug pro Stunde 22,0 Kilometer gegen 17,8 im November. Die Bewölkung war geringer, als fie im Dezember zu sein pflegt. Sie bettug, wenn 0 ganz heiter und 10 ganz büieckt bedeutet, im Monats- mittel 6,3. 4 Tage waren völlig wolkenlos, 7 völlig trübe. Als trübe im meteorologischen Sinne(über 8) konnten 12 Tage gelten. Die Luftfeuchtigkeit war mit 82,5 pCt. normal Das Maximum betrug 100 pCt. am 8. bei Nebel, das Minimum 50 pCt. am 29. bei sehr starkem Winde und heiterem Himmel. Niederschläge fielen nur an 11 Tagen, darunter 3 mal in Gestalt von Schnee. Die Gesammthöhe der Niederschläge bettug 26,6 mm, d. i. 23,4 mm weniger, als für den Dezember nor« mal ist. Von der kolossalen Frequenz der königliche« CHmUee dürsten nachstehende Zahlen einen ungefähren Begriff geben. Es wurden in dieselbe im Laase deS verfloffenen JahreS aufgenommen 9493 Männer und 7662 Frauen. In der Entbindungsanstalt wurden 575 Knaben und 605 Mädchen »bind, 46 Knaben und 46 Mädchen todt geboren. In Summa rft also 18 000 Menschen Hilfe und Beistand gewährt worden. Gestorben find in der Anstalt 1120 Männer und 732 Frauen, sowie 47 männliche und 37 weibliche Säuglinge. � Der Berliner Goldgräber. Man schreibt dem„Neuen Wiener Abendbl." aus München: Vor zwei Jahren tauchte das Gerücht auf, daß bei Deggendorf(Niederbayern) Gold« lager entdeckt worden seien. Die Sache machte natürlich großes Aufsehen und wurden auch von Seite unserer Bergwerksdehörde Untersuchungen angestellt, die nichts weiter ergaben, als daß fich geringwerthige Erze mit einem Minimalgoldgehalt, so viel, als etwa der Sand der Berliner Hasenhaide mit fich führen dürfte, vorfanden. Ein spekulativer Bruder Berliner hat fich nun neuerdings der Sache angenommen, 16 Parzellen„Gold- trund" zu billigem Preise erworben und ein„Bankhaus" in >«lin beauftragt, eine halbe M'.llion Mark als erste Schuld auf sein„Golddergwerk" zum Kurse von 96 Prozent zur Eub- skription zu bringen. Die Subskribenten erhallen Genußscheine, welche ihnen 10 Prozent vom Reingewinn zufichern. Die Deggendorfer bereuen jetzt, zum Bau einer Kirche eine Lotterie veranstaltet zu haben, wo fie eS doch viel bequemer gehabt hätten, einfach das nöthige Baukapital auszugraben. Hier erregt die Geschichte viel Hetterkeit. . Wegen eines zu geringen Weihnachtsgeschenks hat ern Bediensteter deS Rcstaurateurs S. in dem benachbarten Reinickendorf, dem„B. T.' zufolgt, seinem Herrn einen ganz niederträchtigen Streich gespielt. Herr S. veranstaltete am ersten Weihnachtttage ein Konzert mtt Tanzkränzchen. Kurz vor 7 Uhr- es hatten fich erst etwa sechs bis acht Gäste ein- gefunden— bemerkte ein Kellner, daß einige Glaszylinder am Kronleuchter geplatzt waren, und stieg, um die Dochte nieder» zuschrauben, auf einen Stuhl. In diesem Augenblick löste fich der mächtige, mit zwölf Petroleumlampen besetzte Kronleuchter von der Decke und stürzte mit donnerartigem Gepolter zu Boden, den Kellner unter fich begrabend. Ein jäher Schreck lähmte momentan alle Anwesenden, doch zeigte fich bald, daß der Unfall ohne emste Folgen blieb. Der Kellner kam wunder- barer Weise mit einigen unbedeutenden Kontufionen davon und konnte ohne Beschwerden seine Obliegenheiten erfüllen. An dem Kronleuchter war sämmtlicheS Glaswerk zertrümmert, nur die Pettoleum-Basfins blieben unversehrt, und diesem Um- iande ist eS wohl zuzuschreiben, daß kein Petroleum auS« ttömte und fich entzündete. Dem programmmäßigen Verlauft der Festlichkeit that übrigens dieser Unfall keinen Abbruch. Der Verdacht der Thäterschatt lenkte fich alsbald auf einen HauS- knecht, mit dem Herr S. unzufrieden zu sein Ursache hatte, weshalb er ihm bereits zu Neujahr gekündigt und auch zu Weihnachten nur ein geringfügiges Geschenk gemacht hatte. Dieser Verdacht fand bald ferne Bestätigung. Es wurde er- mittelt, daß der Hausknecht aus Rachsucht geäußert hatte, er werde das seinem Herrn schon eintränken und ihm einen Schabernak spielen, an den er denken solle. Weiter wurde estgestellt, daß derselbe den Kronleuchter kurz zuvor geputzt und daß seitdem Niemand daran zu schaffen hatte. Endlich änd fich, daß der Bolzen, mit welchem der Kronleuchter an der Decke befesttgt war, fehlte und trotz emsigen Suchens nicht aufgefunden werden konnie. Wahrscheinlich hatte also der boshafte Mensch beim Putzen des Kronleuchters den Sicher- heitsbolzen herausgezogen und dadurch das Unheil angestiftet. g. Geradezu unglaublich ist es, daß die unausgesetzten Warnungen in der Presse gegen das Abspringen von einem in der Fahrt befindlichen Pferdebahnwagen ganz und zar unbeachtet gelassen werden. So sprang vorgestern Abend in der Leipzigerstraße, gegenüber dem tzaase'schm Geschäft, ein alter Herr von einem nach Schöne- berg fahrenden Pferdebahnwagen und stürzte so unglücklich zur Erde, daß er bewußtlos fortgetragen werden mußte.— Recht übel erging es einem Mann mit seiner Frau, welche an dem- elben Tage Abends gegen 8 Uhr in der Oranienstraße, kurz vor der Haltestelle an der Manteuffelstraße, von einem Pferde« dahnwagen sprangen. Sie fielen beide der Länge nach in den Ettaßenschmutz und außerdem kamen fie noch in die Gefahr, von einem dahersahrenden Schlächterwagen überfahren zu werden. Polizei- Bericht. Am 1. d. MtS., Nachmittags, machte ein Mädchen in der Schulstraße, angeblich wegen eines Zer» würfniffeS mit ihrem Bräutigam, den Versuch, fich mittelst Schwefelsäure zu vergiften und erlitt dadurch so schwere Ver- letzungen, daß eS nach der Charitee gebracht werden mußte.— Am 2. d. MtS., Abends, war die bei dem Eigenthümer We- gener, Krautsstr. 14, in Dienst stehende Drzybycz auf die Koch- Maschine gestiegen, um einen über derselben befindlichen Schieber zu putzen. Hierbei stieß fie eine Flasche mit P-tto- leum um, das auSgefloffene Pettoleum gerieth an der glühen- den Maschinenplaite in Brand und ergriff die Flamme auch die Kleider der Przybycz, so daß fie, bevor Hilfe herbeikam, so schwere Brandwunden erlitt, daß fie nach dem Krankenhause im Friedrichshain gebracht werden mußte.— Am 3. d. MtS., Vormittags, hatte ein unbekannter Mann auf dem Dönhofs« platze durch Einnehmen eines pulverartigen Stoffe? den Ver- such gemacht, fich zu vergiften. Er wurde noch lebend nach der Wache des 40. Polizei« RevierS und später nach der Cha- ritee gebracht.— Um dieselbe Zeit wurde der HilfS- Weichen- steller Kreft auf dem Bahnhof„Friedrichsstraße" mit einge- drücktem Schädel, neben einer Weiche liegend, todt aufgefunden. Auf welche Weise derselbe verunglückt ist, hat fich bis jetzt nicht feststellen lassen- Die Leiche wurde nach dem Obduk- tionshause geschafft.— An demselben Tage, Mittags, fuhr in der Chauffeestraße eine Droschke in die die aufziehende Wache des Garde- Füstlier- Regiments begleitende Menschenmenge hin- ein und wurde hierbei ein Knabe derart überfahren, daß er anscheinend schwere innere Verletzungen erlitt und nach der ettcrlichen Wohnung gebracht werden mußte. Uermischtes. Tausend Jahre Kerker London befitzt zwei große Ge- fängntffe von erheblichem Alter: den Tower und Newgate. Während aber in dem ersteren die großen historischen Trauer- spielt, an denen Englands Geschichte so reich ist, fich abspielten, die Köpfe der Fürsten und Pairs von England hier unter dem Beile des Nachrichters fielen, der Einsatz, den die hier Verhafteten gewagt, sehr oft nicht mehr und nicht weniger wie die Krone Englands gewesen war, ist daS Gefängniß von Newgate der Schauplatz der kleinen Dramen aus dem Volke gewesen, jener kleinen Szenen, die nicht weniger Schmerz, nicht weniger tiefes Leid im Gefolge haben, wie die großen histori- schen Trauerspiele, an denen aber der Geschichtsschreiber acht- los vorübergeht und die in den Werken der Dichter höchstens als kleine Episoden erscheinen. Tausend Jahre fast find es, seit Newgate gegründet wurde; nunmehr ist unter dem Titel „Ohroniclw of Newgate" eine Geschichte des Gefängnisses von dem Major und Gefängnißinspettor GaisfithS erschienen, die uns einen Einblick gewährt in die Summe von Jammer, Elend und Thränm, welche fich hier in tausmv Jahren zu- sammengedrängt! Die Lage der Gefangenen in Newgate war lange Zeit eine äußerst bejammernSwerthe; in ihre finsteren und unrein lichen Zellen drang selten der Schimmer des Tages, frische Luft reinigte niemals die übelriechende Atmosphäre. Während es von der Freigebigkeit(!) des jeweiligen Lord-Mayor» ab- hing, ob den Gefangenen reines und frisches Waffer verab- reicht wurde, existirte nicht einmal ein Fonds, aus dem ihre Beköstigung hätte bestritten we.den können. Zu den spär- lichen Rationen, die fie erhielt, n, wurden nur konfiszirte Waaren verwendet, beispielsweise Brot von vorschriftswidriger Qualität oder zu leichtem Gewicht, Fleisch, das verdorben und zum öffentlichen Verkauf untauglich befunden war und dergleichen mehr, weshalb häufig milde Gaben, in Nah rungsmitteln und Kleidungsstücken bestehend, der Anstalt für ihre Insassen übermittelt und sogar gelegenttrch von wohl habenden Bürgern zu dem gleichen Zweck Legate hinterlaffen wurden. Weniger dürfen wir uns darüber wundern, daß die Gefangenen, einerlei, ob fie fich in Straf- oder nur in Unter suchungshaft befanden und ohne Rückficht auf die Art ihrer Verbrechen zusammengesteckt wurden. Eine eventuelle Klasstfizirung war lediglich Sache des GefängnißaufseherS, und der Grundsatz, durch den dieler fich dabei leiten ließ. Er- Pressung einer möglichst hohen Geldsumme. Durch Geld konnte der Gefangene fich den schmutzigen Komfort kaufen, den ihm der Aufseher zu bieten vermowte; aber er war gleichwohl nicht im Stande, fich von der unheilvollen Gesellschaft gewohnbeitS- mäßiger Verbrecher zu retten, die gleichfalls über pekuniäre Mittel verfügten und nicht weniger bestrebt waren, die schrecklichsten unter den Schrecken des Kerkers von fich abzu �"�Auch daS Gewicht der Ketten, welche bis in die jüngste Zeit von Schuldigen und Unschuldigen ohne Unterschied getragen werden mußten, wurde nach dem Preise bemessen, den der Gefangene für vre Erleichterung derselben zu bezahlen im Stande war. ES herrschte vre Sitte. den Neuangekommenen mit enormen Ketten zu belasten und dermaßen cinzuschüchtem, daß er fich, wenn er nur irgend die Mittel besaß, alSbald zur Zahlung einer übergroßen Summe herbeiließ. Im Uebrigen war das Gefängniß zu allen Zeiten so entsetzlich überfüllt, daß Krankheit und PestUenz zumeist in demselben wütheten und todtbringende Ansteckung häufig in die benachbarten Gerichtsgebäude hinübergriff. DaS wirkliche Hinderniß einer thatkraftrgen Reform war das Jntereffe, daS eine große Anzahl zum Theil sehr einflußl reicher Personen daran nahm, daß die Dinge in ihrem alten Stande erhalten wurden. Denn eS gab kaum ein Gefängniß, daS besser, wohl aber mehrere, die noch viel schlechter verwaltet wurdm. Einige der üdelberüchtigtsten Gefangenenhäuser im Lande waren dazumal daS Privateigenthum von Personen, wie der Herzog von Portland und der Bischof von EIy. Das dem letztgenannten kirchlichen Würdenträger gehörige und zu dessen Nutzen verpachtete Gefängniß war eine baufällige Ruine, die gegen das Entweichen der Eingekerkerten so geringe Sicherheit >ot, daß der Pächter und Ausseher fich genöthigt seine Zuflucht zu einem Hausmittelchen zu nehmen, daS folgendermaßen beschrieben wird:„Die Ge- angenen wurden rn horizontaler Lage auf dem Boden angc- leitet, einen eisernen, inwendig mit Stacheln versehenen Kragen um den HalS, eine schwere eiserne Evange um jedes Bein." In den früheren Tagen von Newgate wurde der Posten eines Aufsehers des Gefängnisses an den Meistbietenden verauftioniit, und der Pächter mußte den ZinS auS den Leibern der Unglück- lichen Gefangenen buchstäblich„herausschinden". DaS sechszehnte Jahrhundert war jene Zeit, in der man keine andere Strafverhängung kannte, als die Zufügung körper- lichen Schmerzes— mochte nun dieser Schmerz in dem Tode 'elber oder in etwas Schlimmerem bestehen. Die Gefängnisse dienten dazumal nicht zur Verbüßung einer Freiheitsstrafe, andern waren lediglich die Vorzimmer zum Galgen oder Richtblock. Von der Peitsche bis zum glühenden Ersen oder Galgen führte nur ein Schritt. Man liebte kurzen Prozeß. AlS im Jahre 1531 der Koch deS Bischofs von Rochester in der Adficht, seinen Herm zu vergiften, nicht weniger als 16 Per» onen in's JensettS beförderte, wurde sofort ein Gesetz gegeben, reiches„Tod durch Kochen" als einzige verdiente Strafe be- timmte; der unglückliche Koch ward demzufolge nach allen Regeln seiner eigenen Kunst zu Tode gesotten. DaS Zwicken mit glühendem Eisen, Abschneiden von Gliedem, entwürdi- gende öffentliche Schaustellung waren ganz gewöhnliche Strafen. Der furchtbarste Urtheilsspruch, der gefällt werden konnte, hatte folgenden Wortlaut:„Du sollst zurückgebracht werden in daS Gefängniß, von bannen Du gekommen bist, in eine niedrige Zelle, in welche kein Licht eindringen kann; da sollst Du auf dem bloßen Erdbodm auf den Rücken gelegt und an« gekettet werden, mit einem Tuch um Deine Lenden, aber sonst nackend, dann soll man auf Deinen Körper legen ein Gewicht von Eisen, so groß Du eS ertragen kannst, und noch größer; Du sollst keine andere Nahrung haben, als am ersten Tag drei Bissen deS gemeinsten Brotes, am zweiten Tage drei Schluck Waffer aus der erstbesten Pfütze vor deS Gefängnisses Thür, am dritten Tage wieder drei Bissen Brot, wie vor- dem, und solches Brot und solches Wasser von Tag zu Tag, bis Du stirbst." Diese grausam erfinderische Todes- strafe ward zum letzten Male in England im Jahre 1726 und noch etwas später in Irland in Anwendung gebracht. Die Hinrichtungsprozedur ward natürlich mit größrer Kaltblütigkeit als reine Geschäftssacke abgemacht; der schauerlichen Szene fehlte jedes Emste und Feierliche. Für den Mob war natürlich Feiertag; er bildete Spalier und ermuthigte oder schmähte den Münder, je nachdem derselbe fich einer Art Popularität bei gewissen Lolksschichtm erfreute oder ein Unbekannter war. Im ersteren Falle ward er enthustasttsch bewillkommt, man warf ihm Blumen zu oder reichte ihm zu trinken; im anderen Falle bewarf man ihn mtt Roth, überhäufte man ihn mit Schmähungen. Die Rede, welche der Verurtheilte vor dem Tode an die ver- sammette Volksmaffe zu halten berechtigt war, arbeitete d-rselbe oft in Newgate mit seinen Zellengenossen aus; in der Stadt be- sprach man ihren Inhalt Wochen vorher und am Tage der Hin- richtung wurden Exemplare derselben durch Haufirer an den Pöbel verkaust. Als in späteren Jahren die Exekutionen nur noch innerhalb der Gefängnißmauern von Newgate voll- zogen wurdm, prügelte fich der blutdürstige Mob vor den Thoren, und die Helden von blauem Blute frühstückten mit dem Gefängnißaufseher für einen Stehlatz, oder mietheten ein Fmster um einm ungeheuren Preis. Die Zuschauer kämpften wie Rasende um die Plätze in den vordersten Reiben, manche fielm nieder und wurden zu Tode getreten; tausend Kehlen schrien und kreischten durch einander. Der Tumult cirnchre seinen Höhehunkt, wenn die schwarzgekleideten Gestalten der die Fallklappe war zurückgezogen, ver Kö-per hing zuckend in der Lust und der elende Sünder war in's Jenseits be- fördert. ... Eine ErdgaS-Stadt. Die Stadt Findlan im nordöst- lichen Ohio bietet ern Beispiel davon, welche Umwälzung vre Entdeckung, daß das dem Erdboden entströmende natürliche Gas für HerzungS- und Beleuchtungszwecke nutzbar gemacht werden kann, nicht nur in den Geschäften, sondern auch in dem ganzen häuslichen Leben der Orte, wo fich solches Gas findet, hervorgerufen hat. Daß in Findlay und Umgegend an vielen Platzen natürliches Gas der Erde entquoll, wußte man schon lange. Die kleinen Jungen benutzten es sogar bei ihren Spielen und machten fich öfter daS Vergnügen, es anzu- zünden. AlS ern alter Zahnarzt, Namens Jakob Carr, sich = B%% entquoll. Er faßte das GaS in eine bleche: ne Röhre und zün- dete eS an. Dann kam ihm der Gedanfe, es in seinem Hause zu gebrauchen und er bat dies seit einer Reihe von Jahren gethan. Aber Niemand kam auf die Idee, Versuche zur Nutz- darmachuag des Gases im Großen zu machen, bis Pittsbura mit gutem Beispiel voranging. Nun trat eine Anzahl Bürger von Findlay zusammen und ließ einen Gasbrunnen bohren. Bei 450 Fuß fand man Oel genug um das Heizmaterial für die Bohrmaschine zu liefern. Ber 1200 Fuß begann das Gas mit großer Kraft emporzusteigen. So wie die Gasges-llschaft des Städtchens dies bemerkte, ließ fie neben ihrer Gasanstalt auch einen Brunnen bohren und hatte das Glück, ebenfalls auf eine reiche Gas- ader zu tteffen. Sie braucht jetzt keine Kohlen zur Gasbe- rerlung mehr, rbre Werke stehen ttrU, aber fie liefert ihren »£.'«Zr« ä%% für einen Kochofen kostet 1 Doll. den Monat. Messer giebt eS nicht. Jeder kann so viel Gas brauchen, wie er will; die Berechnung geschieht nach der Zahl der Flammen. Die Stoßen werden mit aufrecht stchenven Röhren ohne Laternen beleuchtet. Das GaS entströmt denselben. sobald der Hahn aufgedreht wird, es wird angesteckt und eine mächtige Fackel chlägt in die Höhe, stark genug, um dem Winde zu wider- tehen. Einige größere Fabriken rm Ofte, die bis zu 400 S ,,.<5-------,...... zu 4000 Doll. Kohlen im Jahren brauchten, haben fich eigene GaSbrunnen bohren lassen. Ein solcher Brunnen kostet 1000-1500 Doll. und liefert nachher ohne andere Kosten, als Auslagen für etwaige Reparaturen, HerzungS- und Beleuchtungsmaterial umsonst. Esgiebt in der Stadt jetzt neun GaSbrunnen, die ungefähr 8 Millionen Kubikfuß Gas den Tag liefern- Man braucht also mit dem GaS nicht zu sparen. Der Grundbefitz in der Etadt und Umgegend ist natürlich ungeheuer im Preise ge- tiegen. Farmland. daS stüher 50-100 Doll.Zwerth war. ist etzr kaum für 1000 Doll. zu habe». Auswärtige Kapitalisten lausten Land in der Umaeaend. um Fabriken darauf anzu- legen, in denen daS natürliche GaS zur Feuerung benutzt wer- den soll. Den meisten Brunnen entfließt auch Oel, daS zwar nicht sehr rein, aber als Maschinenöl sehr gut zu benutzen ist. Die einzige Besorgniß ist. daß das Gas einmal alle werden möge, worauf dann die ganze Herrlichkeit zu Ende wäre. SsSm-Z-DZe 6i-- Spitzelwirthschaft oder leichtfertiger Bubenstreich? Nach der Hinrichtung LieSke'S wurde der Echuhmachnmeister Euladin zu Basel durch mehrere anarchistische Drohbriefe, worin ihm sein Todeiurtheil vom„Rächerkomitee" mitgeiheilt wurde, gar sehr erschreckt. Der Verfasser dieser anarchistischen Literatur ist jetzt gefunden worden; er Hai bloß einen„schlechten Witz" machen wollen, der ihm aber schlecht bekommen wird. Er fitzt bereits„im Schatten kühler DenkungSart". ES ist der Polizei- beamte Waldmann, Aktuar der kriminalistischen UeberwetsungS- deHörde. Sine Szene im Jrrenhaufe. Aus Paris wird geschrie- btn: Bor einigen Tagen feierte der junge Seidenwaaren-Fabri- kant Barnard seine Hochzeit mit dem achtzehnjährigen Fräulein Lidie Dubois. Zwischen der Trauung und dem Festmahle übenedete der junge Ehemann seine Braut, mit ihm seinen seit zehn Jahren in einer Etnzelzelle des Irrenhauses befind« lichen Vater Charles Barnard besuchen zu wollen. Die Braut erklärte fich einverstanden, und als fie zu dem Vater kamen, verficherte fie die Wärterin, der alte Herr sei ganz ruhig und werde fich gewiß freuen, seine Verwandten zu sehen, da er be- reitS seit Wochen von der Hochzeit erzähle. Das junge Paar trat ein, und während die Braut aus ihrer Tasche mitge- drachteS Zuckerwerk hervorholte, schrie der Irre plötzlich:„Du bist die böse Fee, die mich hieher verbannte!" sprang gleich einem Raubthtere auf die Unglückliche los und begann fie am Halse zu würgen, während er ihren Leib mit den Zähnen zer- fleischte. Auf den Lärm kamen von allen Seiten Leute herbei; man befreite die bewußtlose Braut, doch dieselbe fiel in Folge der Auftegung in Krämpfe und starb nach swenigen Stunden. Vom Niederrhein, 28. Dezember. Die Stadt Viersen war vorgestern Abend der Schauplatz einer entsetzlichen Szene. Ein Dachdecker war in einem dortigen Wirthshause mit den Gästen in Streit gerathen und wurde hinausgeworfen. Er begab fich nun auf das Dach, riß Pfannen loS und bom- bardirte seine Gegner auf der Straße. Da erschien ein Polizeisergeant, begab fich auf den Boden, um den Wüthenden herunterzuholen, hob einigt Ziegel aus und versetzte dem oben befindlichen Dachdecker emen Sädelstich in den Unterleib. Blutüberströmt kollerte der Getroffene vom Dache herunter und stürzte auf die Straße, wo er, wie die„Franks. Ztg." mitthellt, als Leiche aufgehoben wurde. Gmünd, 1. Jan. Ein junger Mann, der von der Polizei, als er das Neujahr anschoß, auf ftischer That ertappt wurde, hat fich, wie man dem Stuttgarter„N.T." schreibt, aus Angst vor der zu gewärtigenden Strafe erschoffm. Rathgeber.- Literar'sches.- Die Metallindustrie in Ruß. land.— Mannichfalttges.— DaS vergeffene Dorf.(AuS Nekrassows Gedichtm). I Literarisches. Von dem illuftrirten UnterhaltungSblatt„Die nene Welt", Hamburg, Verlag von I. H. W. Dietz, ist soeben Heft 7 des elften Jahrgangs erschienen. Inhalt: Vom Stamm gerissen. Roman von E. Langer. (Fortsetzung.)— Die heilige Nacht vor 1300 Jahren. Ein altgermanisches Kulturbild von Albert Lindner.— Wie lernen unsere Kinder denken und sprechen? Von Dr. I. Eteinbeck.— Ghirna. Gedicht von Chr. Tarnuzzer.— Auf der Kleinseite. Erzählung von Alfred Stelzner.(Schluß.)— Der Weinbau. Von Viktor Rewall.(Schluß)— Das Kreisen der Raubvögel. — Unsere Illustrationen: Die Leipziger Puppendoktorin. DaS Eisschießen in Steiermark. Eine GemeindcrathSfitzung. Weih- nachisabend im Gebirge.— Für unsere Hausfrauen.— Heilkunde und Gesundheitspflege.— Elektro-TechnischeS.— Vermischtes.— Räthsel.— RedaktionS'Korrespondez.— Acrztlicher Vom„Recht auf Arbeit", sozialpolitische Wochenschrift, herausgegeben von L. V i e r e ck in München, ist soeben Nt.184 erschienen. Dieselbe hat folgenden Inhalt: Das Arbeiter« schutzgesetz im deutschen Reichstage(Schluß.)— Situationsberichte aus Westfalen, Oberhausen, Süchteln.— Kapital und Arbeit: Berichte aus Berlin, Geestemünde, Lssenbach, Pest, London. — Der Fabrikinspektor.— Sozialpolitische Rundschau: Der Nord-Ostseekanal. Verordnungen über die Sonntagsruhe. Resolution gegen die Sonntagsruhe. Agitation für die Doppelwährung. Vom Konzostaat. Vom Pariser Gemeinde« rath. Soziales aus der Schweiz.— Vereine und Versammlungen: Korrespondenzen auS Berlin, Eilenburg, Baden« Baden, Neustadt a. H., Ludwigshafen, München.— Kranken« kassenwescn ,c. Kriefkasten der Redaktion. Mehrere Abonnenten. Ihre Wünsche sollen berückfich» tigt werdm. Nähere Mittheilungen brieflich. E. G., Pa.is. Besten Dank für die Sendung. Auch wir wünschen jdas Beste zum neuen Jahr.— Von FranzoS Siebt es unter dem Titel:„Zigeunergeschichten" nichts, wahr« beinlich meinen Sie:„Aus Halbafien". 2 Bände, oder vom „Don zur Donau". 2 Bde. Elfteres ist vergriffen, letzteres können Sie auf Wunsch erhalten. F. K. Erkundigen Sie fich auf dem detreffenden Polizei« bureau, Etwas anderes können wir doch auch nicht thun. A. S.. Aletzaadrinenstr. Eine solche Adreffe ist unS nicht bekannt. Theater. Dienstag, den 5. Januar. Opernhaus. Undine, romanttsche Zauderoper in 4 Akten. m � Schauspielhaus. Faust, dramatisches Gedrcht in 6 Akten von Goethe. Deutsches Theater. Der Bureaukrat. Refideuz-Theater Clara Soleil. Vorher: Die Schulreiterin. Friedrich« WilhelmstädtifcheS Theater. Di« Fledermaus. Walhalla- Operetten« Theater. Mamsell Angot. Walluer-Theater. Frau Direktor Striese. Belle« Alltauee- Theater. Lucinde vom Theater.._ Central-Theater. Der Stabs-Trompeter. Louisenstädtisches Theater. Der Wildschütz. Vtttoria-Theater. Messalina. Ostend-Iheater. Theodora. KönigstädtischeS Theater. Die Marionetten des Teufels. Amerika«« Theater. Große Spezialitäten- Vorstellung._.„ Theater der Reichshallen. Große Spezrali« täten- Vorstellung. Aaufma««'» Variete. Große Spezialitaten Konkordia!"�Große Spezialitäten-Vorstellung. Alhambra-Theater. Wallnertheaterstraße 16. Heute und folgende Tage: Ferdinand Avelli, der Leichenräuber. Melodrama in 3 Akten von Ch. Birch- Pfeiffer. Vor der Vorstellung: Gr. Sondert der Hauskapelle. Anfang deS Konzert» WochrntaaS 7 Uhr. der Vorstellung 7»/« Uhr. Anfang des Konzerts Sonntags 6 Uhr, der Vorstellung 7>/, Uhr. BonS baden Wochentag» Giltigkeit und find im Theaterbureau(12-1 Uhr) gratis zu haben. vSSSb Kaiser-Panorama. Eine bequeme Wanderung durch Pa r i s. Amerika. Kalifornien. Der Mond. WechnachtS- Ausstellung: Das Leben Jesu. Jerusalem k. Eine Reise 20 Pf., Binder nur 10 Pf. Abonnements 1 M. gAllen Freunden und Bekannten empfehle mein Weiß- u. Lairisch-Lier-Lokal. 326] Fritz Ebel, Ekalitzerstr. 48. Ich bin beim Kgl Landgericht l Hierselbst als Rechtsanwalt zugelassen. Mein Bureau befindet fich[255 W., Lripzigerftraße 46. Dr. Martin Reiche. Louisenstiidtifcher GezirKs- Vernu„Vorwärts". Dienstag, den 5. d. Ms., AbdS. 8'/, Uhr. bei Marquardt, Alexandrinenstraße 110, Vereins-Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. G e r l a ch über:„Kabale und Liebe". 2. DiS- lusfion. 3. Verschiedenes und Fragekasten. Gäste haben Zutritt. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 370| Der Vorstand. Ein Parteigenosse, der längere Zeit in einer großen Echweineschlächterei gearbeitet hat, em- pfiehlt sich den Herren Restaurateuren als tüchtiger Hausfchlächter. 258] Zu erfr. b. Gütt, Dorotheenstr. 22, H. 2 Tn 1- Der unentgeltliche Arbeits- Nachweis der Klavierarbeiter befindet sich Skalitzerstr. 18 bei Stramm. [572 Täglich: Königsberger Fleet, k Portii« 25 Pf. in Rejllmlnli Skalitzerstrahe 18 bei Stramm. 2588 Staatlich concessionirte Deutsche Kunstgewerbe-Lotterie. Ziehung in Berlin am 24., 26., 26. Februar 1886. 5000 Gewinne im Gefammtwerche von _ 03,900 Mark. Erster Hauptgewinn: Salon, Speisefimmer, Schlahimmer. Zweiler Hauptgewinn: Wohufimmer, Schlaftimmer. Dritter Hauptgewinn: Rococo-Salon. Vierter Hauptgewinn: Altdeutsche Trinkstube u. s. w. Loose h 1 Mark ftte�ÄÄben U, Schumacher, Berlin C.f Königstr. 14a. LooSverkäufer in Berlin sowie in der Provinz Brandenburg, Sachsen und Schlcswig.Holstcin erhalten beste Bedingungen. Am 15, Janmr 1886 Ziehung der fünften -fs ■+Ä © AMaewerde-roUerie drs �rchMkieu verews!U Serliu. HauPtgew.: 10.000, 3000, 3 ä 1000, 4a 500pb.(t(. tÄS1 60,000 Mark. WM- Loose a 1 Mark, auf 10 Loose 1 Freiloos- auch gegen KouponS und Brief- marken,-MM empfiehlt und versendet der Loose-General-Debiteur 361 Carl Heintze, Bauhgenchäft, Berlin Unter den Linden 3. (Für stankirte LooSsendung find 20 Pf., für Einschreiben 40 Pf. beizufügen. Die Meue Zeit. Wevue des geistige« und öffentliche« Levens. IV. Jahrgang. Mit dem 1. Januar 1886 beginnt die„Neue Zeit" den vierten Jahrgang. Die Aufnahm-, welche die„Keue Zeit" während ihreS dreijährigen ÄestehenS ge> funden hat, liefert den Beweis, daß diese Zeitschrift für weite Kreise des Volkes, die daS Wesen des Staates und der Gesellschaft kennen zu lernen suchen, ein unabweisbares Be- dürfniß geworden ist. D«e„Neue Zeit" betrachtet es als ihre Hauptaufgabe, Klarheit über die Ziele zu verbreiten, welche unsere drangvolle Zell fich stellt: fie will zur Lösung der Probleme bei- tragen, die unserer Epoche einen so eigenartigen Charakter geben. Der wissenschaftliche Standpunkt der„Ne«»« Zeit" läßt fich kurz definiren. Seitdem die Menschen begonnen haben, über ihre Stellung zum Weltganzen nachzudenken, haben fie fich in zwei große Lager gespalten: Diejenigen, welche überall nur ein Sei« sehen, und solche, denen alles als in beständigem Meede« und Nersrhe«, in fort- währender U«»gestattung und EntwiäUuug begriffen erscheint. Diese letzte Weltan- schauung, welche die großen wiffen schaftlichen Errungenschaften der Vergangenheit und Gegenwart gezeitigt hat, vertritt auch die„Neue Zeit". Sie nimmt eine fortdauernde organische Entwicklung an wie in der gesammten Katur, so im gesellschaftlichen und staatlichen Fellen der Menschheit. Alles steht in ursächlichem Zusammenhang, in un- aushörlicher Wechselwirkung; die Gegenwart ist die Tochter der Vergangenheit, die Mutter der Zukunft, und die Gegenwart kann nur erkannt werden durch die Erlenntniß der Ver- gangenheit, die Zukunft vorausgeschaut nur durch die E.kenntniß der Gegenwart. Von diesen Grundsätzen ausgehend, hofft der Herausgeber der„Nene« Zeit" unter Mitwirkung bewährter Kräfte der gestellten Aufgabe gerecht zu werden. Die..Neue Zeit" zählt unter ihren regelmäßigen Mitarbeitern: Dr. Adler in Wien, Dr. Edward Aveling in London, p. Arelrod in Zürich, August Ke'»el, Reichstagsabgeordneter, Eduard K ernstein in Zürich, M. Klos, ReichstagSad- geordneter, I)r�Keinrich Krau«, Profcffor Dr�Kudwig Küchner, Theodor Curti Zürich. I. Diehgen in New Bort, Profeffor Dr. Dodet-port in Zlinch, Friedrich Engels in London, Leo Frankel, Julius Euesde in Paris, I. Aascher»� Dr. G. Kaler-Neinthal, Minua Kautsky in Wien,©. Köhler. Paul F .... I.... Lafargue in Paris, Liebknecht, Reichstagsabgeordneter, Karl Lübeck in Zürich, K. Mandl in Wien, vn.». Meysenbug in Rom, Domala Nienwenhni» im Haag, Dr. Mar Euarck, ?. Rettenbach, R« R«egg in Zürich, G. Kack, A. Schlüter, Dr. K. Schoenlauk, Uollert Schweichel, I. Sketchlry in Birmingham, Dr. A. Stößel, Dr. Stridrler in Zürich, M. Wittich, Johannes Medde, Profeffor Salomon Nögelin in Zürich, Nsstp Zetkin. Die Redaktion befindet fich unter der bewährten Leitung des Herrn Karl Kautsky. langt. Das Januar-Heft deS vierten Jahrganges ist soeben zur Versendung ge- Der Inhalt deffclben ist folgender- „Staatliche Lohnregelung und die so»ialreformerischen Sestrebnngen der Gegenwart." Von Angust Kebel. „Das Elend der Philosophie" und„Da» Kapital", i. Von Karl Kantsky. p arlamentari sches. Masstti Mereschagin. Von Wilhelm Miener. Die Mahlen in England. Literarische R«ndscha«: Theodor Mommsen, Römische Geschichte. Von Johannes Medde.— Prof. Dr. I. Huber, Tie Philosophie in der Sozialdemokratie.— W. L. Dtrichlet, DaS verdammte Geld. Notizen: Die landwirtbschaftlichm Bettiebe in Deutschland.— Der Kapitalismus in der Vogelwelt. Abonnements-Sedingungen. Alle Buchhandlungen und Kolporteure, sowie die Postanstalten in Deutschland, Oesterreich�Ungam und der Schweiz nehmen Abonnements- Bestellungen vod Mk. 1,50 pro Quartal entgegen. Dirett unter Kreuzband bezogen Mk. 1,80 pro Quartal. Preis des einzelnen HetteS 60 pfg.— Die„Neue Zeit" ist im PostzeitungS-Katalog Nachtrag Ii unter Nr. 3634 aufgeführt. Einer recht regen Betheiligung am Abonnement ficht entgegen J. H. W. Dietz w Stuttgart. st wl Verantwortlicher Redatreur R.»ronhei« w»«lin. Druck und«erlag von Win Babing in Berlin 8W„ Beuthstraße 2.