»r. 71. Donnerstag, den 35. März 1886. HI. Jahrg. crliaerHollisliInll Krgan für die Interessen der Arbeiter. 4 Abonnements� Einlaäung. Zum bevorstehenden VterteljahrSwechsel erlauben wir uni, alle Arbeiter Berlins zum Abonnement auf das „Kerliner Ualksblatt� mit der Gratisbeilage „IUustrirtes Konntagsblatt" einzuladen. �..Werliner Yolksbratt" tostet für das ganze Vierteljahr frei ins HauS 4 Mark, für den Monat April 1 Mark 35 Pf� pro Woche 35 Pfg. Bestellungen werden von fämmtlichen ZeitungSspeditemen, sowie von der Expedition unseres Blattes, Zimmerstr. 44, eist« gegengenommen. Für außerhalb nehmen alle Postanstalten Abonnement? für das nächste Vierteljahr zum Preise von 4 Mark entgegen. Tie Redaktton und Expedition de»„Berliner Volksblatt". Uttzleiche. Nicht« ist belehrender als Vergleiche, auch in der Politik. So kann mau eS mit einer gewissen Freude de« grüßen, daß unsere offiziöse und freiwillig-gouvernementale Pieffe, wenn mau von den chauvinistischen Hetzereien ab« steht, sich lebhaft mit de« französischen Zuständen beschäftigt — sie wird dadurch leicht zu Vergleiche« mit den deutschen politischen Verhältnissen geführt. Wir haben selbstveiständlich viele« auszusetzen an de» politischen Verhältnissen Frankreich«. E« herrscht dort that« sächlich eme Gesellschaftsklasse anstatt des Volks. Auch dort suchf'man den Ruhm wenigstens in einem Theile der Nation in auswärtigen Verwickelungen und schließlich in menschenmordenden Kriegen. Auch dort ist von einer allge- meine» Völkerverbrüderung nur in Phrasen die Rede, doch thut das deutsche Kanzlerblatt den ftanzösischen Arbeiter» unrecht, wenn es besonders von der VersolgungSwuth der« selben wegen fremder Arbeiiskonkurrenz spricht. Diese„Verfolgungiwuth" ist in Frankreich nicht in höherem Grade vorhanden, als in England, in Deutschland selbst und in Nordamerika. Dieselbe entsteht übrigens au» der.Lohndrückerei", die von den Fremde» au« Roth leichter Stübt wird, als von den Einbeimische». Wenn aber bei ieser Hetzerei unserer deutschen Arbeiter gegen die ftanzöst« sche», auch«ach dieser Richtung hin die französische Depu» tirtenkammer von der„N-rdd. Ällg. Ztg." angegriffen wird, weil die Kammer dem Pariser Gemeinderath zugestimmt hat, JeitilMon. Der Trödler. Roma« von A. E. Brachvogel. (Fortsetzung) Da es bereits Spätherbst war, dunkelte es zeitiger. Die Mutter blieb auf dem Mittelwege de« Kirchhof« zurück. während sich Mathilde dem Rasenhügel einer geliebte« Freundin näherte, welche erst vor einiger Zeit in der höchsten Blüthe des Lebens als Braut gestorben war. Hier pflegte Machilde Edmund zu treffe». Zn tiefes Sinnen verloren, erwartete er sie auch bereits. „Edmund!"— Der junge Man« fuhr auf..Mathilde!— Mein Gott, und so treffen wir uns denn hier zum letzte» Male!" ist. Laß un« ernst wie in einer Andacht dies« traurige Stunde des Abschieds feiern, damit, wenn— wen» Alle« anders kommt, als uuser Herz sich vielleicht einbildet,— wir wenigsten» an diesen Herbstabend ohne Vorwürfe denke« �""�Mathilde, mein liebe«, einzige« Mädchen! Du Freu»« din meiner Jugend, Schwester und Geliebte, Du, die Du mir Alle« bist, wa« ei» Herz stolz mache» kann, wie magst Du so trostlo« rede»? Wie kann meine so muntere, schal« tische, hoffnungsreiche kleine Braut in einem Tone mit mir spreche», als sei ew Zeitraum von höchstens drei Jahre» die Ewigkeit I Ich war, al« ich die Ordre, nach S... zu gehe», erhielt, wie vom Donner gerührt, wie unsinmg! Nunmehr aber ist ja. reiflich erwogen, die Sache nicht so schlimm, wie sie aussteht. Drei Jahre sind bald vorbei, Schatz, alle Gerichtsferien komme ich wieder, und wen« wir Uns treu sind, Herzchen, und ich bin erst Assessor, bin selbst« ständig, dann sollst Du sehen, wird mein Papa nicht Nein sagen, selbst wenn er auch jetzt dagegen wäre, wa« wir nicht einmal wisse«. Ich will recht fleißig fei», damit der bei städtischen Bauten keine ftemdea Arbeiter zu beschäftige«, so mag ja dieser Angriff vom internationalen Standpunkt recht lobenSwerth sei», jedoch»och loben«» weither wäre e», da» Sprüchwort zu beherzigen:„Kehr vor deiner Thür!" Ja der Reichstagskommisflon für de« Bau de« Nordostseekanal» war e« der Vertreter des Reichskanzler», welcher einer mißverstandene« Aeußerung de» sozialistische» Vertreters gegenüber mit einer gewisse» Freudigkeit erklärte, daß die RetchSregierung gern bereit sei, auswärtige Arbeiter vom Kanalbau au«zuschließe«. Diese Angelegenheit, die ja seiner Zeit in den Zeitungen, auch in diesem Blatte erörtert wurde, wurde nicht weiter besprochen, da der sozialistische Vertreter in der betreffenden KommissionSfitzung ausdrücklich erklärte, er habe gar nicht an den Ausschluß ausländischer Arbeiter gedacht und auch davon nicht» erwähnt. Angesichts solcher Thatsachen sollte das offiziöse Organ doch etwa« vorsichtiger mit seine« Vorwürfe» und Hetzereien sein. Unter dem internationalen Mäntelchen, mit welchem sich die„Nordd. Allg. Ztg." drapirt, schaut ja doch meter« lang der Pferdefuß hervor. Daß bei solchen Gelegenheiten da» Kanzlerblatt e« nicht lassen kann, die deutschen Sozialistenführer zu ver« dächtigen,„vor den Franzose» zu schweifwedel»", kann man als selbstverständlich, der Hetzmanie de« Blatte« ent- sprechend ansehen, welche« sich über de« wahren That« bestand eben nicht hinwegsetzen kann. Deshalb sind auch derartige Verdächtigungen äußerst gleichgiltig. Aus de» bisherige« Vergleichen kann ma»«un nicht gerade behaupten, daß eins von de» genannten Ländern zu Gunsten des anderen au» denselben hervorgegangen sei.——— Auch die freiwillig-gouvernementale»Post" stellt Ver« 'ie an und spricht von der niedergehenden Entwickelung icpublik i» Frankreich. Doch ist dies Blatt ehrlicher und meint, daß diese Be« obachtung auch unS mahne, genau nachzusehen, ob nicht auch Deutschland sich im Niedergang befände; und offen und ehrlich gesteht die»Post" zu, daß ein Rückblick auf die innere Entwickelung de» Deutschen Reiche« durchaus kein erfreulicher sei. Wir stimmen dem völlig zu. Partikularismus, de» auch die„Post" al««in zerstörende« Moment bezeichnet, allüberall— nicht nur bei den Hannoveraner», den Hessen u. s. w., nein, besonders bei den Preußen, nicht blo« bei den mit de« Reiche« Einheit unzufriedenen Elemente«, nein, auch bei den Regierungen der Einzelstaaten. Ja, selbst bei dem Fürsten Reichskanzler, der de« preußischen Partikularlandtag gegen den Reich«- tag deutscher Nation»»lief I ich rasch in der Karriere vonücke, und gieb Acht, Alle« wird gut."— „Ich weiß nicht, Edmund, was mich abhält, in Deinen vertrauungSvollen To« einzustimmen. Du sprichst ganz ver« »ünftig, und ich sehe wohl die Möglichkeit, daß e« so kom- me« kann,»ie Du sagst, und wenn Du da« Alle« wahr machst, liebt mich gewiß mein Vater zu sehr, um auf seinem ungerecht«« Vorurtheile zu beflehe«. Dennoch aber, so ei«- fach sich'« ansieht, kann mein Herz nicht an unsere künftige Vereinigung glauben, ach, ist von einer unbeschreiblichen Traurigkeit, von solch' trübe« Ahnungen erfüllt, wie ich Dir gar nicht erkläre» kann."— Aber, mein Mädchen, kannst Du mich denn der Untreue für fähig halten, glauben, ich könne nur eine Sekunde ver« gessen, daß Du meine erste, meine einzige Liebe bist, nebe» der kein andere« Frauenherz bestehen, kein andere« Mädchen« bild sich in mein Herz eindrängen kann?! Willst Du mir die selige Zuversicht raube», ich befitze Dein felsenfeste« Ver- traue«, ohne das ich nicht leben kann und mag? Wie will ich wiederum auf Deine Liebe bauen, Mathilde, nicht jeden Tag im furchtbarsten Zwiespalt von Eifersucht und Hoffnung schweben, wenn ich nicht eben so versichert bin, Du bauest auf die Ewigkeit meiner zärtliche» Gefühle, wie ich auf die Dauer der Deine«?!"— „So wahr hier drunten meine herzliebe Anna schläft, die auch nicht glücklich werden durfte auf Erden, so wahr, Edmund, liebe ich Dich und bleibe Dein eigen! Ich werd' Niemandes Frau, al» Deine! Auch wen« Du mich nicht mehr lieben solltest, will ich wie eine Schwester an Dir hängen, da« kannst Du mir vor dem Allmächsige« glauben!" Sie hatte seine beiden Hände ergriffe«, mit empor« gerichtete», von Thräne» verdunkelte« Blicken und brechender Stimme ein Gelöbniß ausgesprochen, durch welches sie sich für's Leben unlösbar zu binden, ihre Zukunft unwidenuflich zu besiegeln wünschte.— „Und wen» ich Dir die Treue und Liebe nicht bewahre, welche meine Brust in dieser schmerzlich süße« Minute durchalüht, wen» ich jemal« vergesse, daß Du meine mir vor Gott verlobte Braut bist, und je mein Gefühl für Dich erkaltet, möge alle Schmach, alle« Mißgeschick der Welt mein Daß ma» bei solchen Erscheinungen von der nieder» gehenden Entwicklung der deutsche« Reichsidee sicherlich mit demselben, wen» nicht mit größerem Rechte sprechen kann, als von der niedergehenden Entwicklung der französischen Republik, da» liegt doch klar auf der Hand. Daß ferner die Franzosen, wenn sie auf den deutschen PartikulariSmu« blicken, den Niedergang der Reichsidee noch lebendiger vor Augen sehen, wie die» ein deutscher Patriot e« thut. ist gleichfall« nahe liegend, deshalb wöge man in Deutschland nicht so hochmüthig auf andere Nationen blicke«, sonder« ernsthaste Vergleiche anstellen und zuerst vor der eigenen Thüre kehre«. Altthmals zur FrMsiirtll Frikdhuft- Wirr. Die sämmtlichen Verurtheilten haben beim Reichsgericht Berufung eingelegt, so lautet die letzte Nachricht in Bezug auf die Gerichtsoerhandlungen in der Frankfurter Friedhofs» affaire. Wir wollen noch einen kurzen Rückblick auf das Ereigniß werfen, da dasselbe auf die Handhabung des Eozialtstenges.-tzeS ein grelles Licht wirft. Auch steht die Berathung des Eozialisten- Die Thatsachen?etz-n wir bei unseren Lesern alS bekannt voraus; haben doch die ausführlichen GeiichtSverhandlungen in fast allen deutschen Zeitungen ohne Ausnahme der Paitei- richtung gestanden. Betrachtungen über die Affaire anzustellen. das ist freilich nicht nach Jedermanns Geschmack. Die konservativen und nationalliberalen Blätter haben sich unbeschränkten Staatsgewalt und im Interesse Ver herrschenden Klaffen. Wäre diese Freisprechung erfolgt, dann hätte man den hellen Jubel hören können, der aus den Reihen der Anhänger des Puttlamer'schen Systems erschallt wäre! Man hätte nun- mehr aber annehmen können, daß fie bei dem Mißerfolg ihrem Aergrr Luft gemacht haben würden durch ein dem Frankfuiter Gerichtshof dargebrachtes TadelSvotum— doch, merkwürdig §enug, daS haben fie unterlaffen— wohl aus einer gewissen iurcdt vor der Stimmung und dem Rcchtsgefühle deS Vo.keS. Denn wohl feiten hat der Ausgang eines Prozesses die Masse deS Volke« so sehr befriedigt, wie derjenige des Fried- hofSprozeffeS. Wenn auch einem oder dem andern die Höhe deS Straf- maßeS angefichts der brutalen Handlungsweise der Polizei- beamten nicht genügt hat, so kommt eS darauf weniger an, da nicht diese kleine Zahl Frankfurter Beamten, sondern das ganze System durch den richterlichen UrthetlSspruch getroffen Lohn sei»! Hör' Du mich, mei» Schöpfer, Du, meine arme tobte Mutter, die mir hienieden zu erblicken versagt ward, ihr und alle redlichen Herzen sollet mich verdammen, wen» ich meine Schwüre Dir breche, Geliebte!"— Flammend, mit einer Art wilder Hast, die an Wahn« sin» streifte, hatte Edmund diese Beiheueiung ausgestoßen, und seine Thräne» bedeckten Mathilden» Siir» und Wange, al« er fie wild unter Schluchze» und Küssen, unter heiße» Versicherungen seiner Standhaftigkeit an sich preßte. Dann standen fie stumm, betrachteten einander lange und tiefaufseufzend, al« wollte Einer sich de« Andern Bild mit liebender Besorgniß unauslöschlich in'« Gedächtniß grabe».— „Edmund", flüsterte das Mädchen,„es mag sich vielleicht in Zukunft Alle« nach unseren Wünschen fügen. Ein« ist gewiß und wahrhaftig. Hier a» meiner Anna Grab lasse« wir unsre Jugend, unsre selige erste LiebeSzeit, die« reine sorglose Glück der Kinderjabre, ach den stillen Friede» zu» rück, in welchem un« sonst die ganze Welt al« ein Wonne« reich erschien, gemacht zum Paradiese! Da« ist vorbei? Wir werde» un« lieb, unendlich lieb haben, wie sonst, Edmund, so glücklich— sind wir— nie wieder I"— Sie bedeckte ihr Gesicht, riß sich los und eilte von ihm.— Ein stechender Schmerz, eine jähe Kälte überkam Edmund. Er schrie auf und stürzte ihr nach, gerade al« Mutter Christine besorgt, an den Aufbruch mahnend, heran- kam und die Tochter in ihre Arme schloß.— „Edmund," sprach nach einer Weile die Mutter,„seien Sie doch vernünftig, bringe» Sie Maihilden nicht ganz außer Fassung!— Wir müssen nach Hau»." Die Liebenden nahmen sich nach Kräften zusinnmen, und alle Drei verließe» langsam de« F.iedhof. Auf dem Wege nach der Stadt ward unter ihnen festgesetzt, daß Edmund alle Monate an Mathilde» einmal schreibe» und fie den Brief beantworten sollte. Die zuverlässige Beate erwählten sie zur Mittelsperson, um jeden Ver&achr zu vermeiden. Den größten Kummer machte ihren der fürchterliche Gedanke, daß sie am ander» Morgen, wo E-mund um fech« Uhr mit Extrapost abreisen sollte, einander nicht mehr spreche» sollte«. Beide begriffe», daß sie dies verrathen, worden ist. Wenn im Reichstage der Minister von Puttkamer die eimelnen untergebenen Beamten energisch in Schutz nahm wegen der ihnen vorgeworfenen Spionage und ihrer sonstigen unsauberen t>andlung>>wcise, so war der Minister dabei völlig in seinem Rechte. Nicht der einzelne Beamte trägt die Schuld; er ist ja nur ein Produkt deS herrschenden Stz stemS und muß seine Handlungen nach demselben ein- richten. Deshalb haben wir auch kein Jntereffe daran, od der Polizetkommissar Meyer zu Frankfurt 3 Monate oder ein Jahr Äefängnift erhalten hat, da er gleichfalls nur daS Provukt des in Deutschland herrschenden PolizeisystemS ist. Be» zeichnend war die AuSiage deS ManneS, daß er von seinen Voi gesetzten deshalb getadelt worden sei, weil er bei einem früheren Begräbniß eineS Sozialdemokraten viel zu geringe Energie entfaltet habe. Dieser Wink mit dem Zaunpfahl wurde von dem Kam« miffariuS verstanden und an der nöthigen Energie ließ er eS jetzt nicht fehlen. Der Säbel that seine Schuldigkeit. Aber mehr noch, als die Brutalität des EinhauenS mit dem Säbel auf eine wehrlose Menschenmenge, hat uns empört dai niederträchtige, höchsten? durch die Untero'fizieraewohnheit erklärliche Schimpfen der Schutzleute, als sie auf die Fliehen- den etnhieben. Nach den Zeugenaussagen haben die Worte wHunb" und„Schuft" dabei eine große Rolle gespielt. Dieses ?(meine Gebahren, diese offiziös zur Schau ge- ragene Rohheit der Gesinnung hat unseres Er- achtens der Gerichtshof bei Abmessung der Strafe nicht berück- Jön sollte dieS Anbrüllen der Mißhandelten auch im System liegen? Sollten die Vorgesetzten am Ende auch dieS dtlltaen? Wenn irgend etwas die Polizei in den Augen deS BolkeS herabzusetzen geeignet ist, so ist eS ein derartiges, un« gezogene» und unanständiges Auftreten. Sollte aber solches Gebahren nicht im System liegen und nicht die Billigung der vorgesetzten Behörden haben, so hat da» Polizeipräsidium GeleaenheU, durch strenge Disziplinar- strafen solchen Unfug im Amte, der fich durch Beschimpfung von Staatsbürgern breit macht, gehörig zu rügen.--- Nicht mit Unrecht bemerkt ein liberales Blatt, daß unter den verhängnißvollen Folgen de» Sozialistengesetzes in erster Linie stehe, daß das Gesetz daS Verhältniß zwischen der Bevölkerung und der Polizei in Grund und Boden verderbe. Bei der Polizei werde das Gefühl der gesetzlichen Verantwort- lichkeit gelockert, sie fühle sich alS außerhalb d«S Volkes stehend'das Volk aber blicke mit dem größten Miß- trauen auf die Polizeigewalt alS eine feindliche Macht.— So ist«S in der That! ES ist ein anmuthige» Bild, einen Schutz mann, der den Bürger eventuell beschützen soll, auf friedliche Bürger unter wüstem Geschimpfe mit dem Säbel einhauen zu sehen! Merk- würdige Begriffe muß daS Volk erhalten von solcher Schutz- Mannschaft!--- Ja dai System! Häufig kommt eS vor, daß redelustige Bataillons- und Regimentskommandeure, besonders bei Eni- laffung der Reserven, vor der Sozialdemokratie warnen, und die Sozialdemokraten mit den üblichen Schmähworten dabei traktiren— die Unteroffiziere stehen natürlich mit offenem Munde dabei und hören den Worten deS Kommandeurs mit Begierde zu. Und was der sagt, muß wohl wahr sein! AuS den Unteroffizieren werden Gendarmen und Schutzleute— wie ihr früherer Oberst denkt, denken auch ste, die Worte, die er gebraucht hat, können auch fie gebrauchen. Bei ihren Vorgesetzten finden fie meist auch recht gründlichen Haß gegen die Sozialdemokraten und manches in den Bureaus gesprochene Wort wird von den Schutzleuten aufgeschnappt. Die Presse thut im Verhetzen da» Uebrige unh nun hält natür- lich der Polizetkommissar und der Schutzmann jeden Sozial« demokraten für vogelfrei. DaS Ausnahmegesetz gegen die Eozlaldemokratie thut da» Uebrige. Bei Beibehaltung desselben werden solche ungesunden Ver- hältniffe Institutionen deS„Rechtsstaats" werden und in hohem Maße verderblich wirken auf die Entwicklung de» gesammten Volkslebens._ Politische lieber Rcht. Eeufattonelle Mittheiluug. Die„Freis.Ztg." schreibt: Der Reichskanzler hat von RechtSgelehrten Gutachten er- beten darüber, wie ohne Zustimmung de» Reichs« ner tagS da« geltende, bekanntlich auf direkter geheimer und gleicher Wahl beruhende ReichSwablrecht beseitigt werden könne."— Sollte diese Nachricht fich bewahr. ! leiten, so wird fich wohl eine genügende Anzahl von Rechts« ehrern finden, welche dem Reichskanzler den nöthigen Gefallen thun. Andernfalls ist noch da:„Herr StaatsrechtSlehrer Gneist, der bekanntlich AllcS beweist."— Die„RechtSgelehrten" wer« den das alte preußische Landrecht au» dem Akten staube heraus- ziehen, woraus dann zu ersehen ist, daß alle Wahlsysteme und dem Geschwätz der Nachbarsleute aussetze« würde. Es ward aber dennoch verabredet, daß sie sich um fünf Uhr auf ei» paar flüchtige Augenblicke bei Beaten, deren Stube unterm Thorweg lag, sehe» sollten. Edmund trennt« sich vor der Stadt von ihnen, um die Frauen der Verlegenheit zu überheben, mit ihm zugleich im .kalte« Stein" einzutreffen. Als Mutter und Tochter zu Justus zurückkehrten, fanden sie ihn im ledhafte« Gespräch mit Bleichmanv, dem Schacher« zude», einem alten Geschäftsmanne, in deffe« Reellität Schätzlei« immer große« Vertraue» gesetzt. Ein fast vorwurfsvoller Blick de» Trödler» traf die Ankommenden. „Ihr bleibt heute sehr lang«!?"— „Wir haben un« bei dem Besuch verspätet, und Frau Zillich wohnt ja sehr weit!" stotterte die Mutier. .So so! Na zieht Euch aus und besorgt da» Abendbrot. Für Bleichmann mit, er schläft die Nacht hier. Im Lade» sind Betten genug, Du kannst eins zurechtmache« und über« ziehen." Christine sah Justus erstaunt und fragend an. „Nu," lächelte er leise,.wa» ist da zu wunder»? Im Oberhoff draußen, die erste Poststation«ach S... zu, ist morgen große Auktion. Ich Hab' mir uaterdeß auf ei» halb fünf Uhr morgen'nen Wagen bestellt und Ihr sollt mit, Bleichmann thut mir schon den Gefallen und bleibt Vormittag im Laden. Um zwölf Uhr find wir doch wieder zu Hause!'— .Nach dem Oberhoff?— die erste Poststatio»«ach S...?" ftagte Christine starr. „Vater, lieber Vater, wa« hast Du vor?" und Mathilde eilte, unfähig, ihre Bewegung zu verberge», zu ihm und küßte ihn fast schluchzend. „Immer Dein Beste», Kind.— Ich will einmal ei» Nirr sein, weil ich hoffe, Du wirst dann nm so vernünf« rger werde«!'— „ES werden gewiß gute Sachen kommen unterm Hammerl" warf Bleichmann ei«.„Gottes Wunder, da lönnen Ss am Ende sehen vorüber fahre«'» MuSje Ed« mund, was morgeu soll reise« nach'« Gericht al» ASkol» Wahlrecht« ungiltig find, die dem preußischen Premierminister resp. dem deutschen Reichskanzler nicht gefallen. Der preußische FiSkus wird angewiesen, alle auf Grund des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts erwordenen Reichstags Mandate „an fich zu reißen", weil dieselben fich nicht mit der„Ehrbar- keit" vertragen. Zar politische« Situation schreibt daS„BreSl. Mrgbl." folgendes:„Selten haben fich im parlamentarischen Leben die Entscheidungen so zusammengedrängt, wie für die bevorstehen« den Wochen. Monopolvorlage, Sozialistengesetz, ktrchenpolittsche Novelle» dazu die Polenvorlagen, kommen demnächst zur Ver- Handlung. Eine neue Branntweinsteuervorlage bereitet fich im Hintergrund vor, um, wenn dem Monopol der Kopf abge- schlagen ist, sogleich einen neuen, etappenweise« Anlauf in der Richtung des Monopols vorzunehmen. Die Vorlagen behan- dein seldstständige, von einander unabhängige Fragen, und doch stehen fie in einem inneren Zusammenhang mit einander. Es wird durch dieselben ein neuer, vielleicht letzter Anlauf genommen, um der gegenwärtigen Kaneleipolstik eine Unter- laae der Macht zu geben, welche ihre Fortdauer bi« an daS Levensende des Kanzlers fichern soll."— Hierzu paßt aller- dings die Sensationsnachricht, die wir vorstehend mitgethellt haben. Wer mag gemeint fei«?„Die Sophisten hasten bei ...... Rückhalt, fie waren ihm befreundet und sympathisch. In der That hat auch seine Politik einen sophistischen Cha« rakter: die Macht wird über das Recht gestellt, der....... Vortheil über die Überlieferung und die Verträge; der äußere Glanz gilt mehr als die Festigkeit der Grundlagen; die Kühnheit verdrängt das Maßhalten und die Besonnenheit, weit- greifende Berechnung die weise Seldstbeschränkung und Selbst- beherrschung. Und ist eS dem....... gelungen, die großen Probleme der....... StaatSkunst zu lösen: Volkssrciheit und VolkSrecht mit Staat! kraft und Staatsmacht zu einigen, die moralische Gesundheit des...... Volkes zu befestigen und zu erhöhen?—....... Wir müssen leider mit N-in antworten."— So lesen wir in einem Berliner Blatte. Wer wag gemeint sein? Gewiß, der Name schwebt manchem der Leser auf der Zunge. Doch er irrt fich. P e r i k l e», der Athenienser, ist gemeint und eS ist vom athenienfischen Staate, der allerdings bald nach Perikles Tode zu Grunde ging, hier die Rede. Obige Sätze aber find dem Feuilleton der„Post": „Max DunkerS Geschichte de« AlterthumS" von Paul Förster — entnommen. Ueber das neue vranntweinsteuerprojekt lassen fich die konservattven„Dresdener Nachr." in folgender bemerken«- werthen Weise auS:„Seltsam ist es, daß Herr v.Scholz, der Ftnanzminister, nach dem Scheitern seines Monopolplanes frischweg, alS sei nichts pasfirt, daran geht, ein neues Brannt- weinsteuergesetz vorzulegen. Das geschieht am Schlüsse einer fünfmonatlichen ReichStagSsesston I Trotz ihrer Ermüdung sollen die Aba-ordneten noch darangehen. Vorher muß noch formell das Begräbniß der Monovoll« iche stattfinden. Herr v. Scholz thut so, als halte er die reiche Monopolbraut, die er dem Reichskanzler zuzuführen hoffte, nur scheintodt, die ein baldiges Erwachen auS ihrer Starre erwarten dürfe. Darin dürfte er fich doch wohl tauschen. Zu einer überstürzten Erle« digung der Besteuerung deS Branntweins aber liegen die Ver« bältnisse nicht günstig. Der Reichstag ist übermüdet; schon seit Wochen ist ein beschlußfähiges HauS kaum noch unter äußersten Anstrengungen zu Stande zu bringen. Die An- deutungen, auf welchen Grund, üaen das neue Branntwein- steuergesetz fich aufbauen soll, lassen lange und sehr erbitterte parlamentarische kämpfe erwarten. Man scheint an eine Konsumsteuer zu denken. Vom Branntwein ioll eine hohe Abgabe erhoben werden,>obald er in den Detailhandel über« geht. Daneben soll die Malschraumsteuer bestehen bleiben, aber herabgesetzt werden für die mistleren Brennereien, d. h. zu Gunsten der brennenden Gutsbefitzer. Ebenfalls zu Gunsten der letzteren soll die Exportprämie möglichst hoch gegriffen werden. Die kleinen Brennereien, welche für den Detailverschleiß an die Konsumenten arbeiten, würden diese Vortherle nicht genießen. Ihnen nützt die hohe Exporlpiämie nicht», sondern erschwert nur ihre Konkurrenz mit den größeren KartoffclschnapSfabrikanten, da letztere im Inland« umso billiger verlaufen können, je mehr sie an der Ausfuhr verdienen. Die Erhebung der Steuer beim Ueber- gange in den Detailverkauf würde steuerfreie Lager bedingen, welche wiederum, durch die Kreditirung der Steuer, den Groß- fadrikanten und Großhändlem erhebliche Vortheile brächten, während die keinen Brenner ihre Steuer sofort bezahlen müßten- In Folge dessen defürchtet man gerade von der Konsum- steuer den Ruin der kleinen Brenner und Händler und die Konzentration de« Branntweingrschästs in den Händen reicher Unternehmer. Man ersteht schon auS diesen kurzen Andeutungen, wie viele Bedenken, Schwierigkeiten und Gefahren ein der« artiges System mit fich bringt, welches man in wenigen Wochen über die Knie brechen lassen will. Ist dies unau«- führdar, so denkt man an ein soaen. Nothgesetz, daS den großen Brennern eine Reichshilfe gewährt. Nun vergegenwärtige man fich nochmals in Kürze den Gang der Branntweinsteurrfrage! tatcr. Werd der Mamsel Mathilde e große Freude sei», noch e Mal Abschied zu nehmen von ihm, habe« se doch zusammea gespielt immer zwischen die Kaffeesäcke und Zucker- hüte. Weiß ich doch noch wie heut, al« se i» rumgehupst in das blaue Kattunkleid von mir und Edmund in de Pumphötchen und'en runden Terolerhut! Sind se gewesen, Sott soll mer strafen, wie zwei Geschwister I Na, wiffen Se, reden wir«ich weiter davon\"— Wie Justus gewollt, geschah e«, und an Beate ging die Bestellung, daß man. fich mit Edmund im Oberhoff sehe« wollte. De« Vater« Benehmen setzte indeß Mutter wie Tochter in höchste Verwunderung. Sie wußten, daß er ganz gegen diese« Verhältniß sei, bei ihm nur Unheil für Mathilden voraussah, und nun beförderte er unter seinen Augen sogar eine Zusammenkunft, einen letzten Abschied, der gerade in der gewählte» Weise den jungen Leute» ganz unvergeßlich sei», ihrer romantischen Schwärmerei erst recht Nahrung geben mußte. Sie kamen endlich, da sie schlechierdinys keine» haltbare» Grund fanden, zu der Meinung, diese Ab- schiedtfahrt für de« Autfluß einer bedeutende« SinneSäade- rung de« Vaters zu halten, den» die Auktion im Oberhoff erschien ihnen nur als Vorwand. Inzwischen waren von Seiten Josua Henning«' alle Vorbereitungen zu de« Sohne« Abreise getroffen worden, welche de« alten Herrn in eine ihm fast ganz unbekannte Beklemmung und Unruhe versetzte. Theil« um seinem Sohn einen solenne« Abgang au« dem Elternhaus« zu be- reiten, theil« seine eigene» quälende» Gefühle zu vertreibe», welche ihm um so unvernünftiger vorkamen, al« fie jede» reellen Grunde« entbehrten, hatte er für diese« Abend ei« großes Souper in der Wohnstube anbefohlen und, außer drei bis vier alte» Freunden und seinem Buchhalter Schurrig,«och sechs Un-.versitätSfreuvde Edmund'« geladen. Man wollte noch einmal recht lustig sein. Bevor aber dieser AbschiedSschmau» begann, beabfichtigte Henning« noch eine ernste Unterredung mit seinem Sohne zu halte», um ihm Alle« an'« Herz zu legen, wa« ein Vater im vorliegende« Falle für seinen Sohn al« wichtig ansieht. Er erwurtete denselben deshalb mit Ungeduld und zankte, Erst wird das Monopol vorgelegt und in den Motiven au»« drücklich jede andere Bestemrungkart de« Spiritu« verworfen» „perhorrekzirt", wie der Ausdruck lautet. Daraus folgt, daß die preußische Regierung noch keine Vorarbeiten für eine Konsum- steuer gemacht haben kann. Nun soll ste in 6 Wochen nicht bloS den Entwurf dazu au« dem Aermel schütteln, sondem auch eine Verständigung mit den anderen Bundesstaaten hierüder herbeiführen und dann daS Gesetz durch den Reichs- tag jagen! Eine solche Art der Geschäftsbehandlung kann de» Stetigkeit der Dinge im Reiche, seinen Finanzen und dem Ganzen urmöglich zuträglich sein."— Man steht, daß die preußisch-deutsche Finanzpolitik selbst von befreundeter Eerte recht scharf angegriffen wird— fie muß also von Grund aus nichts taugen. Zum Sozialistengesetz schreibt der Berliner Offiziös« de» „Elbf. Ztg." folgendes:„In Betreff der Aussichten des Sozialistengesetzes überwiegt die Meinung, daß eS schließlich mit geringer Majorität werd« angenommen werden. Für de» Fall der Ablehnung wird, wie uns destimmt verfichert wird, eine Auflösung deS Reichstages nicht erfolgen, vielmehr dürsten die verbündeten Regierungen erklären, daß sie die Ver« antwortung für diesen Beschluß und seine etwaigen Folgen dem Parlamente überlassen müßten. In der freistnnigea Partei, welche von Neuwahlen Gewinne erwartet, wird darnach wohl der Eifer für Ablehnung de« Gesetze« etwa« erkalten."— Wir schließen un« dem offiziö-en Berichterstatter in der Hin« ficht vollständig an, daß auch wir die Annahme der Per» längerung de« voziallstengesetze» für sicher halten. Den Frei- finnigen aber thut der geehrte Herr vollständig unrecht. Sollte nämlich von einem oder dem andern Mitglied« dieser Partei die Frage, ob ja oder nein, noch nicht klar beantwortet sein. so würde e« dteselde unbedingt mit nein beantworten, wenn eS vor der Auflösung de« Reichstags ganz ficher wäre. Das hat uni Vt Erfahrung lehren können. Die Petition nm Einführung eine« Wollzolle« w vom Reichtkanzler abschlägig beschieden worden» weil eine solch« Besteuerung die einheimische Textilindustrie erheblich swädigea würde, und weil ferner, wie eS zur Berechnung der Rückocr- aütung bei der Aussuhr dock nöthig sei, die Feststellung des Wollgehalts in gemischten Geweben nicht möglich sei. S« mußte Herr v. Belom Ealeske, der bekannte Agrarier, de» pommerschen ökonomischen Gesellschaft zu ihrer großen Betrüb« niß mittheilen. Trotzdem gicbt ste die Hoffnung nicht auf, den Wollzoll durchzusetzen. Die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft hat fich durch Uebereinkunst der Beteiligten aufgelöst. Die„Freis. Ztg. stellt dazu die Frage:„Was wird denn nun auS den in Ostastika„erworbenen" 33 000 Quadratmeilen werden?"— Antwort: Di« wird der preußische FiSkus„an fich reißen I" „O welche Lust Soldat Z« sein!"— Die Staatsanwattschaft zu Chemnitz verfolgt allein nicht weniaer als 44 junge Männer, welche im Verdachte stehen, fich dem Eintritt in das Heer entziehen zu wollen. Konfisztrt. Am vorigen Sonnabend wurde, wie das „Leipz. Tagcdl." berichtet, in Leipzig von der Kriminalpol>;n eine große Kiste beschlagnahmt, welche eine große Menge de« in Zürich erscheinenden„Sozialdewolrat" und sonstige ver« botene sozialdemokratische Schriften enthielt. Die Kiste kam von Ottensen und war als„Fettwaaren" deklarirt. AuS Nürnberg meldet die„Post" vom 21. März: DW Sozialdemokraten entwickeln jetzt eine wahrhaft fieber- haste agttatorische Thätigkeit; nicht weniger alS sieben von sozialdemokratischer Seite ausgehende Versammlungen sind von gestern bis heute Abend(also für den Zettraum von 24 Stunden) hier anberaumt. Dabei werden auch von hier auS Agi- tatoren in die verschiedensten Orte Franlens zur Veranstaliung von Versammlungen entsendet. „Ein Frühlingsbrief." Unter dieser Ueberschrift wird von Elberfeld aus eine Aufforderung zum Abonnement auf die verbotene, jetzt aber wieder freigegebene„Presse für Berg und Mark" versandt. Als Herausgeber wird neben dem früheren und auch ferneren Redafteur deS Blattes, Herrn F. Gilles, de» ReichstagSabgeordnete für Elberfeld« Barmen F. Harm ge- nannt. Belgien. tx. Der gestnnungStüchtigen Presse erscheint keine Nachnch» über die belgischen Unruhen lächerlich genug, um ste nicht de» Verbreitung für werth zu befinden. So läßt fich daS„Bt»»- Tgdl." unter dem 23. d. M. aus Brüssel telegraphiren:„Dil Lage im Bezirk Lüttich wird täglich drohender. Gestem gaben die Etreikenvrn über 500 Revolverschüsse ab; viel» Verwundete und mehrere Todte." ArchimedeS, de» während deS Einbrüche« der Feinde sich\v mathematische Probleme vertiefte, ist ei» wahrer EchwachmathikuS gegen diesen Re- porter, der inmitten der gährenden Ar- beitermassen die Schüsse zählt!— Anständigere Prrßorgane wiegeln übrigen« bereits ab. So schreibt dt« „Franks. Ztg.": Neuerliche Berichte au« Lüttich stellen die Unruhen in Seratng und Umgebung al» sehr übertrie- den dar. ES kamen Ausschreitungen vor, aber dieselben al« die Dunkelstunde vorfchrttt, innerlich heftig erzürnt cuf den leichtfertigen Sohn, der nicht einmal die letzten Stunde» de« Beisammenseins dem Vater ungetheilt gönnen könne. Zum größten Glück erschien Edmund, al« Herr Josua beste» Ratsonnirea war, und schnitt dem alte» Herr« jeden Aerger mit der Verfichcrung ab, er habe doch unmöglich ohne Lebewohl von Dem uod Jenem scheiden können, r" „Lieber Sohn, in einer halben Stunde kommen urft* Gäste, und da wir vermuthlich sehr lange beisammen bleiben, morgen aber bei Zeiten aufstehe» müssen, möch' ich Dir Dein Geld, Deine Empfehlungen und Verhaltung� maßregeln mitgeben, und ungestört noch mein Herz v?» Manchem entlasten, wa» ich mit mir schon längst herum- schleppe. Laß un« die wenige« Minuten also gut benutzen. wer weiß, wann wir un« wieder so traulich spreqt» könne»!"— „Lieber Vater, ich bin ganz zu Deinem Befehl!' „Nimm vorerst da« Geld da. E« find dreihundtt Thaler baar für die ersten drei Monate. Im N�thfau kannst Du selbst in S..., bei dem Bankier Toldt u«v Kompagnie, einem Geschäftsfreunde, Geld entnehmen, vy ist ei« Brief an ihn, Du wirst in seinem Hause wohl aus genommen werden. Da find ferner noch Briefe a« e«- SanitätSrath Wedel und an den Senator WulfeaS. Lau. alte Freunde, welche zu den tonangebenden Häusern in S-.- gehören und Dich in alle anständigen Zirkel einführen w den. Benutze diese Empfehlungen und diejenigen, tvet� Dir Herr Kammergerichtsrath Korell gegeben hat. seh diese» Leute», daß Du der ehrenwerthe Sohn erneS eben> geachtete« wie reichen Manne» bist. Ich wünsche, Edm» daß Du anständig lebe» und Dir kein reelle» Vergv ss� versage« sollst, aber ich verlange auch, daß Du kerne l.q sinnige» Schulden machst, wie öfter« schon ZU meinem W. geschah, und nicht etwa Verbindung«« eingehst, b'e">, respaktable» Namen beflecken wie Dich in den Augen tnlicher Leute herunterbringe» müssen. Ser stolz in � an nicht so zahlreich und auch nicht von so Vielen verübt worden, wie man in dem aufgelegten Lüttich glaubte.®o wird der „Reforme" aus Lüttich am Sonntag früh tclegraphirt, daß der dortige Bürgermeister, dem man Unthatiglcit vorgeworfen, seinen Eifer verdoppelt und eS durch Aufbietung aller mSg- ltchen Waffen richtig zu Wege gebracht habe, daß die Bevölke- rung den Eirdnuck bekam, fie stünde vor dem blutigen Ende der Stadt, so daß die u n s t n n t g st e n G e rü ch t e kolportirt wurden und Glauben fanden. Die Truppen hatten strenge Instruktionen; fie sollten nur schießen, wenn fie selbst oder daS von ihnen geschützte Eigcnthum angegriffen würde, dann aber sofort scharf schießen. Uebrigrns protestirten die Delegirten der Streikenden dagegen, daß man die Ausschreitungen Einzelner ihnen zur Last lege. Die Foiderungen der Sttetkenden beziehen sich auf die Rückkehr zu den früheren Lohnsätzen und zu der f r ü h e» ren Arbeitszeit. In Flemalle konferiren Delcgirte in Gegen» wart des DistriktSkommiffärS mit einem Vertreter der Fadri- ken; der letztere verweigerte ein Eingehen auf die Forderungen der Streikenden, da der Unternehmergewinn stetig abgenommen habe. Die Delegirten beklagten fich dann über die Vermch» rung des VerwaUungkpersonalS, waS die Produktionskosten unnölhig steigere, und über die Bevorzugung fremder Arbeiter. Bezüglich des letzteren Punktes versprach der Kommiffär, fich bei der Direttion um Abstellung der Beschwerden zu verwen» den; waS dm Lohn betrifft, so mußte der Kommiffär ,u» geben, daß er seit zwei Fahren sich um25pEt. vermindert hat. Der Streek dauert fort, doch ist die Ruhe wieder hergestellt. Fr attv reich. Die schlechten Errrägniffe, welche man jetzt überall für die franzöfischen Bergwerke herauZrechnet, hat man, wie fich herausstellt, nur dadurch erhalten, daß man die besten Minen ganz außer Berückfichtiaung gelaffen hat— was in der That für die Ehrlichkeit der kapitaltstischm Soldschreiber bezeichnend ist. Herr Leroy-Beaulieu, das nationalölonomische Orakel sämmtlicher franzöfischen Finanzblätter, hat z. B. die Gesell« schaften von Anzin, von Creuzot. von Terre-noire ganz„ver- geffen". DaS find aber gerade die mächtigstm und sie haben immer hohe, zum Theil ungeheure Erttäge ergeben, und wenn sie in den Durchschnitt eingerechnet wärm, so würde derselbe ein ganz andere» Geficht zeigen.— Der Gemeinderath von Anzur hat 300 Franken, derjenige von Montttuil.souS.Bois auf Anttag de« Bürgers Royannez, Schwiegervaters des Abg. CloviS HugueS, 100 Franken für Decazeville votirt.— Dem „Fntranstgcant" wird au« Decazeville tclegraphirt:„Die Ge» sellschaft hat heute dm Arbeitern bei dm Hochöfen mttgetheilt, sie werde ihnen wegm Mangel« an Kohlen für die Effert von nächster Woche an leine Arbett mehr geben können. In Folge deffen läßt fie an die Arbeiter die Aufforderung ergehen, in den Gruden thätlg zu sein. Diese aber lehnen fich entschieden dagegen auf." Die Zahl der bei den Effen beschäftigten Ar» better beträgt an sechshundert. Der Direktor Petitjean soll gestern im Hinblick auf die fich von Tag zu Tag verschlim- mernde Lage geäußert haben: Decazeville ist für die Gesell» schaft verloren." Da ihr die Linke keine Theilnahme an der Budgetkom» misston gestatten will, so hat die Rechte der Deputirtenlammer beschlossen, überhaupt keine Kandidaten aufzustellen, vielmehr eine öffentliche Erklärung an die Steuerzahler zu erlaffen. Die Linke dürfte somit in eine recht schief« Lage kommen, die fie aber durch ihre Ungerechttgkeit selber verschuldet hat. Grotzbritauuie«. Die Lppofition gegen die Gladstone'sckm Vorschläge zur Lösung deririschenFrage scheint, seiwem Chamberlain, Trevelyan und einige andere Mitglieder der Regierung ihre Mitwirkung versagen und ihren Rücktritt in AuSstcht gestellt haben, fall» der Premier fein Projett nicht nach ihren Wün» schm modifizir«, im Wachsen. Unter dm TageSblättem ver» fechten nur noch„Dalitz Reo«" und„Pall Mall Gazette" die Sache Gladstone'S. Die Wochenpreffe stellt fich fast einstimmig den irischen Vorschlägen deS„großen Alttn" feindselig gegen» über. Der„Observer" beschwört alle Gegner de» Homerule, ohne Unterschied der Partei, fich zur Vereitelung der Koalition zwischen der Regierung und den Parnellitm zu vereinigen. Der radikale„Spettator" bezeichnet fich al« einen abgesagten Feind de« Homerule und gicbt fich der Hoffnung hin, daß vre Haltung Chamberlain'« fich al« verhänanißvoll für Gladstone'S Vorschläge erweisen werde.„John Bull", da« Organ der Ktrchmpartei, wüthet förmlich»egm die Vorschlage zu Gunsten Irlands und nennt Gladstone den Erzfeind Englands. Neuer» dtngS zieht nun auch die extrem-radikale Presse gegen Gladstone'S Projett zu Felde. Sie beschuldigt denselben, er wolle nur den irischen Großgrundbefitzem zu einem guten Geschäft auf Kosten der Armm verhelfen. Augenblicklich j-benfall« ist. wie man steht, die öffentliche Meinung den Gladstone'schm Plänen nicht 0Ün Aus Irland wanderten im abgelaufenen Jahre 62 043 Personen nach tranSatlanttschen Häfen auS, d. i. 13 632 weni» ger als in 1834. Vom 1. Mai 1851 bis Ende Dezember fast mehr al» dreimal so reich wie ich selber. Ihne« also Konkurrmz im Luxu» zu machen, ist lächerlich, dm» sie wissen recht gut, wa« Josua HmrnngS' Beutel vertrage« ka««. Ich komme nun an den unangenehmstm Punkt, über de« ich nie bisher mit Dir gesprochen. Du hast eine Jugendliebe mit einem jungen Mädchen!— Still! Ich will nicht wissen, wer e« ist und wie weit e« gedieh I Ich weiß davon gmug, um Dir ,u sagm: daraus wird mit meinem Willen nicht»!— Gott soll mech vor Hoch. muth bewahre», aber ich habe nicht Namen, Vermögm und Achtung in der Welt erworben, damtt mem Sohn unter seinem Stande heirathe, rein einer Knabmmarotte zu Liebe! Andererseit« ist fie eine« ehrlichm Manne« Tochter, die nicht verdient, daß Du fie unnütz hrazrehst. Mach' also der Sache ei» Ende I Ich weiß schon, wa« Du sage» willst: ewige Liebe und so weiter, Quackelei!— Arbeite brav und werde«in bedeutender Jurist, Talent hast Du dazu! Dann heirathe in ein achtbare«, noble» Hau«, dessen Verbindungm Dich vorwärts bringen können, somtt hast Du erfüllt, wa« Du Deinem eigenen LebmSglück, Deinem alten Vater und der Stellung schuldig bist, die ich mir allein um Deinetwillen im Schweiße meine« Angesicht« von der Pike auf errungen habe! Nu» ist die Sache gut, ich will nichts weiter Horm I" Mch'sÄo?ch"ttt' Dich! Mach' mir den letzten Abend nicht zu Galle! In ei», zwei Jahre«, weiß ich, denkst Du ganz ander« darüber' (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst»nd leben. ZMUKZM warfen gestern Nichts, als fie zu Bette gingen, die brennende 1885 haben nicht weniger als 3 051 361 Söhne und Töchter Erin's eine neue Heimath jenseits de« Ätlanttsche« Ozean« gesucht. Ruklan». Die Mittheilung der Thorner„Ostd. Ztg." über die bevor» stehenden DeutschenauSweisungen war von einigen Blättern angefochten worden. Darauf antwortet die Th.„Ostd. Ztg.":„Nun, wir wünschen«irllich, daß unsere Nachricht auf einem Jrrthum beruhen möge; leiderZmüffen wir aber dieselbe vorläufig aufrecht erhalten. Wir wissen, daß einem Mühlenvefitzer und mehreren Gutsdefitzem unfern der Grenz« Autweisungsverfügungen zugegangen find; wir würden die Namen derselben ve öffentlichen, wenn wir nicht fürchteten, ihnen dadurch Schaden zuzufügen. Unser Gewährsmann hat auf dem Bezirksamt Dovrzewicz den AuZweisungS-UkaS und die Frist der aus diesem Bezirk ausgewiesenen deutschen Unter» thanen selbst eingesehen. In derselben fehlt kein deutscher im Bezirk wohnender Unterthan! Der Umstand, daß den Deutschen in Warschau von der russischen Maßregel noch nichts bekannt geworden, dürfte vielleicht von keiner Be> deutung sein. AlS die preußische Regierung„auszuweisen" be» gann, wurde hiervon auch zuerst die in der Nähe der Grenze lebende ländlich« Bevölkerung bettoffen, erst später kamen die Bewohner der Städte an die Reihe.— Der„Dz. Pozn." be« trachtet ebenfalls den Uka« alS Thatsache und weiß sogar einige Einzelbestimmungm der Maßregel anzugeben. Hiemach sollen alle in Polen ansäsfigen nicht naturalisttten Deutschen generell ausgewiesen werden. Der einfache Tagearbeiter soll drei Tage, der um Wochmlohn arbeitende Arbeiter vier Wochen Frist er» halten. Handwerker drei Monate, Grundeigenthümer sechs Mo» nate, Fabrrlbcfitzer neun Monate. AuS Lubicz seien 20 Personen ausgewiesen, der Uka« sei bereits allen Grenzbehördm mttgetheilt worden. Dagegen meldet ein Telegramm der „Voss. Ztg." au» Thom: Die„Gazeta TorunSka" erllärt, daß in Grenzgebieten vorgenommme Ausweisungen nur diejenigen Ausländer betteffen, welche keinen Paß haben und noch nicht ein Jahr in Rußland wohnen. Ueder diejenigen, welche fich bereits länger dort ohne Paß aufhatten, soll Bericht an den Gouvemeur erstattet werden, behufS wetterer Maßnahmen. Jt al ien. Die Italiener haben fich mit ihren Kolonialbestrebungen am Rothen Meere schon recht viel Virdruß bereitet. Man erinnert fich, daß vor etwa einem Jahre Mancini al« Minister des Aeußern auf einmal ein halbes Dutzend angeb» licher Frieden«» und Freundschastsverträge mit einer ganzen Heerde sogenannter afrikanischer Könige der Kammer vorlegte und ihnen unter dem Gelächter der Kammer mit größtem Ernst ungemeine Wichtigkeit für die italienische Kolonialpoltttk und den Aufschwung von Maffowah beilegte. In Bezug auf Abysfinien bemertte Mancini, daß eine besondere Mission an den König Johanne« die Bande der Sympathien und Freund- schaft zwischen ihm und Italien befestigen werde. General Pozzolini ging nach Maffowah ab und sollte von da aus den Nräu« aufsuchen. Aber der biedere König Johannes ließ fich nicht finden, zog au« einer Gegend seine« Reiche« in die andere, hatte einmal Kopfschmerz, ein ander Mal Fußschmerzen und verschwand am Ende gänzlich unter dem Lorwande, irgendwo eine Redellion seiner getteuen Unterthanen zu be- kämpfen. General Pozzolini mit seinem Gefolge wartete ge» duldig Monate lang in Maffowah auf die Mittheilung, ob und wann e« seiner schwarzen Majestät belieben werde, ihn zu empfangen. Endlich aber merkte General Pozzolini, daß da« Versteckenspielen des schwarzen Freundes Mancini« denn doch ein fadenscheiniges Manöver sei, zu welchem fich die Regie- rung eines europäischen Großstaates nicht hergeben dürfe, er unterrichttte daher seinen Vorgesetzten von seinen Erfahrungen und Muthmaßungen. und letzterer that das Vernünfttaste, wa» er in dieser lächerlichen Situation thun tonnte: er beorderte den General Pozzolini und sein Gefolge, von Maffowah nach Rom zurückzukehren. Wenn e«„Klima und Wetter" erlauben, soll die Mission wieder aufgenommen werden. Der Wetter» macher dürste in diesem Falle aber lediglich der abysstnische König sein und dieser wirv vorläufig den Italienern nicht be- sonder« günstig gestimmt sein. Zokale». Die Sabatzky'sche Mordaffaire, die in so sensationeller Weise wieder in die Oeffentltchkeit gezogen wurde, scheint doch nicht aufgeklärt zu werden. Wir halten gestern berichtet, daß ein Soldat vom 20. Infanterie Regiment fich selbst al« Mörder angegeben und zugleich ebenfall» einen Soldaten desselben Re- §imcntS al« seinen Komplizen denunzirt hatte. Nach den Mtt- zeilungen eine« hiesigen Blatte« ließ fich der Soldat nach längerer Weigerung endlich zu dem Gcständniß herbei, daß er die Bezichtigung gegen sich und gegen seinen Kameraden nur erdichtet habe, weil er hoffte» dadurch vom Militär lo«» zukommen. Er habe fich der Detail« de« Morde« noch so genau erinnert, daß er den Thatbestand ziemlich korrekt zu Petroleumlampe um. Die Flammen erfaßten augenblicklich das Bett, in welchem die ältere 22 jährige Schwester lag; das jüngere Mädchen, da« erst 16 Jahre alt ist, versuchte ihrer Schwester zu helfen, allein da« Feuer ergriff ihre Röcke. Auf das fürchterliche Htlfcgeschrei, welche« die Mädchen erhoben, liefen die Hautbewohner zusammen und fanden die Mädchen brennend wie Wahnsinnige in der Wohnung herumlausen und die Einrichtungsstücke in den Zimmern in Brand stecken. Die Körper beider Mädchen find mit Brandwunden fürchterlichster Art bedeckt. Die ältere Schwester hatte die Brust und einen Arm verkohlt. Beide Mädchen starben heute Vormittags nach den qualvollsten Schmerzen. Ein amerikanischer„Seelenhirt" und seine„Lümmer". In der asrikanifchen Mcthodistenktrche zu Makedonid N.-N., spielte fich jüngst eine ebenso aufregende wie charatteristische Szene ab. Schon seit längerer Zeit bestand zwischen dem Pastor der ZionSkirche, Elijah Hammet, und einem gewissen Peter Rock, dem reichsten Neger der Umgegend, eine Todfeindschaft. Rock, der zu Hammet's Gemeinde gehört, machte fich ein besonderes Vergnügen daraus, während de« Gottesdienst« Tumult anzu- fangen. EineS TageS, als Hammet über Kindeipflichten pre- digre, fprang plötzlich der Afrikaner von seinem Stuhle auf und schrie:„Das ist dummes Zeug". Der Pastor befahl ihm nieder» zusitzen, Rock jedoch rannte nach der Kanzel zu und rief:„Ich gestatte Niemanden, mich hier niedersitzen zu heißen, denn ich bin Peter Rock". Durch Drohungen, ihn an dre Luft setzen zu lassen, ließ er fich schließlich zur Ruhe bringen; von da ab brütete er jedoch Rache. Dieser Tage nun wurde in der Kirche eine Kirchenfeier abgehalten. Gerade, nachdem der Pastor einige Gemeindemttglicder auSgeschotten hatte, weil fie ihm angeblich den Ertrag für den Verkauf von Zigarren und tswxeravo« ärivko nickt vollständig abgeliefert, wurde ihm mttgetheilt, ein Herr wünsche ihn vor der Kirche zu sprechen. Er ging hinaus. Dort stürzten die beiden erwachsenen Söhne de« Peter Rok auf ihn los und ballten ihm die Fäuste vor dem Ge ficht. Der Pastor floh in die Kirche, die zwei Widersacher rannten ihm aber mit jjezückten Messern nach bis auf die Kanzel. Hier legte der Pasto: die Hand auf die Brusttasche und schrie laut: „Keinen Schritt weiter oder es passtrt ein Unglück!" Einer der Neger holte zum Stoß mit seinem Meffer aus, doch im selben Augenblick brachte der Pastor ein 42kalibrigeS Pistol zum Vorschein und feuerte. Der Schuß traf den Neger in die Lende. Einige Minuten henschle eine völlige Panik rekonstruiren vermochte. Dieses Geständniß läßt einen Uesen Blick thun in daS Herz eines zweiundzwanzigjährigen jungen Mannes, der fich lieber zu einem Morde bekennt, al« daß er zum Wohle deS Vaterlandes Parademarsch übt. Vielleicht spielen hier auch einige nicht aufgeklärte Geheimniffe der Kaserne mtt. Soviel ist wenigstens sicher, daß es einem Menschen mtt gesunden Sinnen ohne genügende Gründe so leicht nicht ein» fallen wird, fich selbst als Mörder anzugeben. von einem geduldigen und ausdaverudeu Bibel- loser entnehmen wir ein beredtes Zeugniß aus einer im Lefitz der königl. Bibliothek befindlichen sogenannten Francke'schen Bibel auS dem Jahre 1736. Auf dem weißen Schutzblatt vor dem Titel hat er folgende erbauliche Statistil nieder- geschrieben:„Die ganze Bibel enthält: Ein und Drevßig Tausend Einhundert und Acht und Eiebenzig Verfe(31,178), Sieben mahl Hundert und Drei und Siebenzig Tausend, Sechshundert Zwei und Neunzig Wörther(773,692), Drey Millionen fünf mahl Hundert sechs und SechSztg Taufend» vier Hundert und Achtzig Buchstaben(3,566,480). Der Name Jehova kommt vor Secks Tausend, Acht Hundert und fünf und Fünfzig mahl(6355). Und daS Wort, Und, kömt Sech« und Vierzig Tausend, Zwei Hundert und Steden und Zwanzig mahl Vor, daß Mitteitste Cupiiel ist der Ein Hundert und Siebenzehnte Psalm, Und der Mittelste Vers in der Bibel ist der Achte Vers des Einhundert und Einste Psalms.— 1803— Im Jahre 1803 scheint man riefig wenig zu thun gehabt zu haben, sonst hätte jener fleißige Leser feine Zeit und Mühe doch wohl anderen Zwecken widmen können. Hätte er die Pflastersteine in Berlin gezählt, so hätte er ein ebenso verdienst- volles Werk errichtet. Zwei Pferde lebendig verschüttet. Ein merlwürdiger Unglücksfall trug fich am Dienstag Vormittag gleich nach 11 Uhr auf dem Grundstück Ecke Frankfurter- und Koppenstraße zu. Die Oberfläche desselben, welches zweck« Fundamentirrmy zu einem Neubau ausgeschachtet wird, ist dermaßen unterminirt, daß, als um die angegebene Zeit ein Kutscher de« Fuhrherrn Raschle in der Fruchtstraße seinen Wagen an den Rand der Grube beranfuhr, das Erdreich einfiel und der Wagen mit beiden Pferden in die ca. 2 Meter tiefe Grube stürzte. DaS eine Pferd, welche« nach unten zu liegen kam, wurde sofort todt gedrückt, während das zweite nach unsäglicher Mühe noch lebend herausgeschafft werden konnte. Eine tteserschütternde Szene, allerdings von Wenigen beachtet, spielte fich der„Staatsbar. Ztg." zufolge am Sonntag Nachmittag auf dem Stettiner Bahnhof ab. Ein früher gut sttuirte« Ehepaar hatte(ich, wie es so oft vorkommt, bei einge- tretenen mißlichen Umständen getrennt, und die Frau war mtt ihren Kindem zu ihrer Stiefmutter nach C. in Pommem ge- zogen, ver Ehemann dagegen in Berlin geblieben. Auf wessen Seite die Schuld hauptsächlich lag, möge dahingestellt bleiben, vielleicht auf beiden gleich. Trotz der angestrengtesten Be» mühungen gelang es dem Manne nicht, seine Frau und Kinder während der letzten acht Jahre zu sehen. Er wußte nicht ein« mal, ob fie noch am Leben seien, ja, ein während der Trennung geborene« Kind hatte er niemals kennen gelernt. Im November vorigen Jahres nun trifft der Ehemann feine Frau, ohne daß er eine Ahnung von ihrem Aufenthalt in Berlin halte, in einem hiesigen Geschäfte alS Verkäuferin und„alle Liebe rostet nicht". Nach wenigen»klärenden Worten hatte fich das so lange ge- trennte Paar wiedergefunden, und am letzten Sonntag trafen die beiden bereit« 14 und 15 Jahre alten Mädchen trotz allen Widerspruch« der auf« höchste ergrimmten Schwiegermutter hier ein, um in die Arme des seit 8 Jahren nicht gesehenen Vaters zu eilen. Ueber«ine entsetzliche Katastrophe, welcher zwei blühende Menschenleben zum Opfer gefallen find, wird auS unserem Nachbarorte FriedrichSfelde berichtet. Der im genannten Orte in der Gürtelstraße wohnende Schriftsetzer Blümel war am verflossenen Sonnabend mtt seiner Frau zu einem Vereins» ball gegangen, nachdem die beiden Kinder deS Ehepaar» zu einer Bekannten in dem Nachbarhause geschafft worden. Erst in der Morgenstunde kehrten die Blümel'schen Eheleute zurück» und da die Wohnung sehr kalt geworden, so zündete die Frau Feuer in der Schlafstube an, und erst dann begab man sich zu Lette. Im Lause des Vormittags brachte die Nachbarin die beiden Kinder in die Wohnung, störte die anscheinend schlafenden Eltern aber nicht weiter, sondern brachte auch die Kinder, welche über Müdigkeit klagten, zu Bette und verließ die Be- hausung. Das Nichterscheinen der Blümel'schen Familie während deS Sonntags fiel niemandem weiter auf, als aber auch im Laufe des MontagS alles still und mhig in der Wohnung blieb, begaben fich einige NachbarSleute zur OrtSbehörde, welche nunmehr zur Oeffnung der Wohnung schritt. In dem von Kohlen- dunst erfüllten Zimmer bot fich den Eintretenden ein er« schüttelnder Anblick dar: Eltern und Kinder lagen anscheinend todt in ihren Betten; jedoch gelang es dem gleichzeiiig herbei» geholten Arzt nach mühevolle« Anstrengungen, die Kinder wieder inS Leben zurückzurufen, während bei den Eltem alle Versuche erfolglos blieben. Die armen Waisen wurden vorläufig bei Bekannten untergebracht. sammt ihrem Vater und einigen anderen Mitgliedern der Ver« schwörung ins Gewahrsam abgeführt. Ei« Harem zu Schiff. In Marseille hat stch am Abend des 8. Marz auf dem Dampfer„St. Nazaire" der transatlan- tischen Linie ein vollständiger Harem eingeschifft, bestehend aus Frauen von Mustapha ben Jsmael, einem Verwandten und Günstling des vorigen Bey von Tunis. In erster Reihe be- stand derselbe au« der Prinzesfin Mustapha. der ersten Ge- mahlin de« tunestschen Prinzen, dann kamen die Prinzefstnnen Lella Germina und Lella Menia und endlich sechs Maurinnen. die mit dem Prinzen Mustapha in Pari«, wo er gewohnt ihren Aufenthalt hatten. Die Reihe schloß eine kohlschwarze Amme de« jungen Prinzen Erdt-Mahomed. de« Sohne« Mustapha'«. Diese weiblichen Fahrgäste waren von sehr frag- würdiger Schönheit, und die überladen- europäische Kleidung. die sie trugen, stand ihnen herzlich schlecht. Die ganze Gesell- schaft reiste unter dem Schutze eines Eunuchen Chefs von sehr ansehnlicher Körperfülle und dem Ebenholz ähnlichsten Schwarz. ?/�elbe trug herausfordernd den Nizauv Orden, warf beständig eifersüchtige Blicke rechts und links auf die Passagiere und nahm sein Amt so gewissenhaft, daß er die Frauen, sobald das Packetboot die Anker lichtete, in die für sie abgefonderten Ka- dinen brachte und vor den Thülen derselben Ausstellung zur Bewachung nahm. �..U«terga«a eine« Dampfer«. Sowohl auf dem Adriatrschen, wie auch auf dem Mittelländischrn Meere herrschte vom 13. bis zum 16. d. ein furchtbarer Orkan. In Folge des überaus heftigen Sirokkosiurmes wurden viele Schiffe, welche sich auf offener See befanden, beschävigt und find viele Un- glückSfalle vorgekommen. Auf dem Adriatischen Meere ist bei der Insel Cursola ein englisches Dampfschiff mit Mann und MauS untergegangen. Auch de- der Adria- Gesellschaft ae- hörige Dampfer„Szapüry", welcher während des Sturme« in die offene See fuhr, um nicht an der Küste von Calabien zerschellt zu werden, schwebte- wie ein Augenzeuge erzählt— Stand, ohne irgend welchen Schaden zu nehmen. Entdeckung einer Tropfsteinhöhle bei Trieft. Die Arbeiten an dem Bau der Bahn Herpelje-Triest schreiten täg. lich vorwart« und jetzr wird eben der dritte Tunnel dieser Bahn bei dem Dorfe Draga gebohrt.' Äm DieM'g'sind die =%%%%%%&%& ließen den Pastor verhaften. Kurz darauf wurden auch sie' und Stalagmiten angefüllt hat. Polizei' Bericht. Am 23. d. MiS. wurde ein Mann in seiner Wohnung in der Wienerstraße erhängt aufgrfunden. Die Leiche wurde nach dem Letchenschauhause gebracht.— An demselben Zage Nachmittags wurde die Ehefrau deS Schneider« gesellen Grieger und ihre beiden IV, und V» Jahr alten Kinder in ihrer Veteranenstraße 3 belegenen Wohnung mit Schnittwunden am Halse, auf einem Bette liegend, todt auf' gefunden. Die Mutter hat augenscheinlich die Kinder mit einem spitzen Meffer, daS fie zum Kartoffelschälen benutzt, getödtet und fich dann einm Stich in den HalS beigebracht, in besten fie an innerer Verblutung sofort verstarb.— An dem« selben Tage geriethen in Folge Unvorstchtigkett beim Anzünden der Gasflammen die im Schaufenster deS Kaufmanns Hirsch, Breitestraße Nr. 16, liegenden Weißwaaren in Brand- DaS Feuer wurde bald gelöscht.— In der Nacht zum 24. d. MtS entstand im Dachgeschoß deS Seitengebäudes Oranienstr. 204 in einem Mehllager Feuer, durch welches der Dachstuhl und die Mehloorräthe zerstört wurven. Die Feuerwehr war über «ine Stunde in Thätigkeit.— Am 24. d. MtS., früh, stürzte fich ein unbekannter Mann, anscheinend Arbetter, von der Schillingsbrücke in die Spree. Er wurde von Schiffern noch lebend herausgezogen und nach dem Krankenhause im Friedrichs» Hain gebracht._ Gerichts-Ieitimg. Ciue große Serie von Anklagen Wege« Verletzung der Strafsenat deS KammergerichtS in gleicher Weise wie daS OberverwaltungSgericht dahin ausgesprochen, daß§ 68 der Baupolizei-Ordnung vom 21. April 1853 bezüglich der Fest- letzung der Maße der geforderten Ofenbleche Unverständlich sei und daß eS genügt, wenn dieselben 31 cm. lang und 47 cm. tief find, wohingegen daS Polizei-Vrästdium verlangt» daß die 31 cm. über jede Seite der Feueröstnung hinaus ragen sollen. Die erhobenen Anklagen erstreckten fich zum Theil nur auf die angeblich unvorschrifttmäßigen Dimenfionen der vorhandenen Ofenbleche, zum anderen Theil aber darauf, daß überhaupt keine Ofenbleche, noch tragbare metallene Vorsetzer bei den stattgehabten Revifionen gefunden worden find. Bezüglich der ersteren Anklagen erfolgten durchweg Freisprechungen der Angeklagten. Bezüglich der zweiten Serie erhob der Ler« theidiger Rechtsanwalt Dr. Strar-tz und KreiSgerichtSrath a. D. Dr. jur. B. Hilfe den Haupteinwand, daß die Bau- polizei Ordnung vom 21. Slpril 1853 rechtsunverbindlich fei, weil fie weder mit dem Magistrat vereinbart» noch ordnungS» mäßig publizirt worden sei. Der AmtSanwalt wies diesem Einwände gegenüber darauf hin, daß beide höchste preußischen Gerichtshöfe in den getroffenen Entscheidungen die RechtS« giltigkeit der Baupolizer-Ordnung anerkannt haben, und man müffe doch annehmen, daß diese die aufgeworfene Frage eben» fallS geprüft haben werden. Dr. Hilfe bestreitet dies, da ein Einwand nach dieser Richtung hin damals gar nicht erhoben worden war. Der gegenwärtige Gerichtshof habe aber die Pflicht der selbstständigen Prüfung. Der letztere fällte durchweg verurtheilende Erlennmiffe, indem er die RechtSgiltigkeit der Verordnung als vorhanden annahm. «etchsgerichtt-Entscheidung. Leipzig, den 23. März. Wegen öffentticher Beleidigung und Körperverletzung war der Kaufmann Amandus von Rauchhaupt in Freyburg a. U. zu 4 Monaten Gefängniß veruttheilt worden. Auf seine Reviston hatte daS Reichsgericht daS Urtheil ausgehoben und die Sache an daS Landgericht zu Naumburg a. S. zurückverwiesen. In der neuen am 13. Januar stattgehabten Verhandlung wurde der Angeklagte nun wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu 2 Monaten Gefängniß verurtheitt. Die Anklage beruhte auf fol- gender Thatsache: Rauchhaupt hatte mit einem Maurermeister Sch. vor dem Landgerichte Naumburg einen Prozeß geführt und diesen am 17. Februar v. I. verloren. Als Sch. an diesem Tage die Treppe deS Gerichtes hinunterging, kam der Angeklagte hinter ihm her, schimpfte ihn und schlug ihn mit seinem Knotcnstocke über den Kopf. Der Vorfall war von Niemand bemerkt worden, deshalb war jetzt auch die Frei- sprechung von der Anklage der öffentlichen Beleidigung erfolgt, wohl aber hatte der Verletzte gleich darauf einem Gerichts- diener seine Verwundung gezeigt, sodaß der Thatbestand mit Sicherheit nachgewiesen werden konnte. Jetzt hatte nun der Angeklagte abermals Revision eingelegt und beantragte am 18. März persönlich vor dem M. Strafsenate deS Reichsgerichts die Aushebung deS Urtheil», da seine Vertheidigung be- schräntt worden sei. In der Hauptsache rügte er, daß eS ihm nicht gestattet worden sei, Beweise für die Qualität deS gebrauchten Stockei vorzubringen. Diese Beschwerde wurde in- deß vom Reichsgerichte nicht für degründet erachtet, da die Feststellungen in dieser Richtung vollkommen genügten. Des halb wurde die Reviston verworfen. Soziales«#& Arbeiterbewegung. Der„Gewerkverein" de» Dr. Hirsch macht fich über die Zentralkranken- und Sterbekasse der Tischler(Hamburg) maufig, weil fich bei dieser für daS erste Vierteljahr 1886 ein geringes Defizit ergeben wird. Herr Dr. Hirsch schwiege Keffer..Die Ttschlerkasse wird durch strenaere Krankenkontrole und schärferes Vorgehen gegen säumige Zahler ihre Finanzen wieder inS Gleichgewicht bringen, fie hat nie etwas über ihre Lage verheimlicht. Herr Dr. Hirsch aber hat jahrelang dm Gutachten aller Sachverständigen zuwider ge- wandelt, und ist schließlich erst durch da« Einschreiten der Po- tzei zur Selbsterkenntniß gekommen. Dagegen erscheint doch daS Verhalten deS Vorstandes der Tischlerkaffe wahrhaft musterhast. Der Hamburger Nottzstand beschäftigt fortgesetzt die detheiligten Kreise. DaS Komitee der Handelskammer zur Ausbringung von Gelvmitteln, um dem eingetretmen Roth- tande in der unbemltteltm Bevölkerung zu steuern, hat, nach ierathung mit dm Hauptschullehrern der Volksschulen und den Armenpflegern und Vorstehern, beschlossm, mit der Zu- theilung von Unterstützungen an wirklich Bedürftige durch Vermittlung der geeigneten bestehendm Wohlthätigkeitsanstallen und der fich ad hoc gebildet habenden BezttkSvereine sofort vorzugehen, eingedenk de« Wortes, daß schnelle Hilfe doppelte Hilfe ist. So ist u. A. der Allgemeine wohlthätige Schul- verein dedacht worden, damit er die Speisung armer Schulkinder in erweitertem Maße, nicht nur durch Ver- sorgung derselben mit Mittags Speisnnarkm, sondern auch durch Verabreichung von Milch und Brod zum Frühstück durch Vermittlung der VolkSschullehier, sowie Versorgung der Kinder mit Kleidungsstücken ermögliche.„Die eingetretme mildere Witterung— schreibt der„Hamb. Konesp."— hat dm einen Feind der Armuth, die Kälte, in engere Grenzm gewiesm; eS darf aber daraus noch nicht gefolgert werden, daß damit schon ein Ende des NothstandeS eingelretm sei. Noch fehlt eS an genügender Arbeitsgelegenheit, um der nothleidenden Bevölkerung zu ermöglichen, fich auS eigener Kraft au» der augenblicklichen NmHlage herauszuarbeiten; vielmehr ist mit Sicherheit eine länger andauernde Nach» Wirkung anzunehmen. Es liegen zuverlässtge Mittheilunaen vor, daß viele bedürstige Familien fich in die Unmöglichkeit versetzt sehen, ihre Mtelhen zu bezahlm, und zwar find viele Miethen schon seit mehreren Zahlungsterminm rückständig. Ferner find Gegenstände auch deS allernothwendigsten Hau»- rathS versetzt wordm, bei deren Einlösung die Hilfe jedenfalls gut angewandt sein wird." Der Nothstand unter den Londoner Arbeitern dauert immer roch sott und ist bis jetzt noch keine AuSstcht auf Beffe- rung der Geschäfte vorhanden, durch die allein dem Elmd ein Ende gemacht werden könnte. Dabei herrscht unter den Ar- beitSlosen große Unzustiedmheit über die Weise, in welcher der Manfion-House-UnterstützungSfonds vertheilt wird. Behufs Erörterung dieser Beschwerde wurde am Sonnabmd auf Clerkenwell green ein Meeting abgehalten, bei welchem Mr. Kennt), der Vertreter der Gewcrkvereine, die schlechte Verwen- dung des ManfioN'House.FondS dem Umstände zuschrieb, daß in dem Berwattungsausschuffe die Geistlichen daS vorwiegende Element bilden, welche in ihrer Unerfahrenheit die Gclder statt dem brodlosen Arbeiter, der chronttchen Armuth zuwenden und somit beschäftigungslose Arbeiter zwingen, zu jedem Lohne zu arbeiten, um nicht zu verHunger«. Die sofortige Jnangriff- nähme öffentlicher Bauten auf Staatskosten wurde als alleint- geS Mittel zur Linderung der Noth unter den Arbeitslosen be- zeichnet und eS gelangte eine in diesem Sinne abgefaßte Re- solution zur Annahme.— Im Ostende von London wurden vor Kurzem zwei der größten Zuckersiedereien geschloffen, weil dieselben nicht länger mit dem von Amerika und Rußland massenhaft importtrten billigen raffinirtm Zucker konkurriren können. Es find dadurch 1600 Arbeiter mit einem Schlage beschäftigungslos geworden. Ueber eintae Fälle von schamlosem Lohndruck schreibt daS„Schwäd. Wochenblatt":„Kaum haben wir unseren Lesern mitgetheilt, daß die sehr christliche deutsch-konservative Firma Benger'S Söhne fich bemüßigt gefunden hat, den Arbeitslohn der Besetzerinnen um 25 Prozent zu reduziren, so müssen wir heute melden, wie ja alle» Edle und Erhabene schnelle Nachahmung findet, daß sich die israelitische Firma Löb veranlaßt gefunden hat, den Besetzerinnen für jede» Normalhemd 2 Pfg. weniger zu bezahlen.— Wer die sauere und subtile Arbeit kennt, welche diese Frauen verrichten müssen, hauptsächlich wo schlechter Faden, der von der Fabrik bezogen werdrn muß, noch ganz bedeutenden Aufenthalt bietet, und weiß, daß wenn eine Besetzerin nur halbwegS etwas verdienen will, fie bis 12 und 1 Uhr Nachts arbeiten muß, der würde beim jedesmaligen Anziehen eines solchen HemdeS denken müssen, daß solche Re- duktionen mit dem Normalen nicht Harmoniren, und daß nicht nur Schweiß, sondern Blut daran klebt; daS genirt aber weder fromme Christen noch gute Juden!" Der Stuttgarter Fach- und Unterstützungsverein der Tabakarbeiter hat am Otte ein ArbeitS-NachweiSdureau errichtet, wo allen Arbeitem und Ardeiterinnen unentgeltlich Arbeit nachgewiesen wird, und jeder Fabrikant unentgeltlich Arbeiter suchen kann. Die Kommisfion fordert nun alle Ar- beiter und Arbeiterinnen auf, mögen fie zugereist sein oder am Otte gearbeitet haben, fich an das ArdeitS-NachweiSbureau zu wenden. Der unentgeltliche Arbeitsnachweis findet statt Mtt- tagS von 12 bis 1 Uhr und Abends von 7V, bis 8V« Uhr im Gasthau» zum Ritter, Metzgerstraße 3, in Stuttgatt. Auf diese Weise hofft man die unangenehmen Laufereien in die Fabriken ganz zu ersparen. Die Stettiner Tischler beriethen am 17. März in einer zahlreich besuchten öffentlichm Versammlung den Entwurf eine» Tarifs, nach welchem eine Erhöhung des Arbeitslohnes von 10 pCt. stattfinden soll. Der Minimal- Wschenlohn soll, wie von der Versammlung nach dem Vorschlage der Lohnkommisston deschloffen wurde, 15 Mark betragen bei zehnstündiger Arbeits- zeit. Sollten die Meister sich weigern, diesen Lohn zu zahlen, so werden vorerst die Gesellen für geschweifte Arbeiten am 1. April ihre Arbeit einstellen, während in den übttgen Werk- stätten!je«ach den Verhältnissen eine Arbeitseinstellung er- folgen wird: nur in solchen Werkstätten, wo die Löhne nach dem Tarif bezahlt werden, soll die Arbeit nach wie vor sott- gesetzt werden. Die Versammlung beschloß, während eineS Streikes den Verheiratheten eine wöchentliche Unterstützung von 15 Matt, den Unverheiratheten eine solche von 9 Matt zu gewähren. lieber die Arbeitverhältutsse in der Berliner Eise»- indnstrie ist, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, schon fest einer ganzen Reihe von Jahren nicht viel Erfreu- liches zu melden, aber so wenig befriedigend, wie in der letzten Zeit, find dieselben, nach der„Voltt-Ztg.", noch nicht gewesen, weder vor noch nach der Ana deS Schutzes der nationalen Arbeit. Die letztere hat eS glücklich zu Wege gebracht, daß eines der bedeutendsten Absatzgebiete für deutschen Maschinen- bau, Rußland, durch hohe EingangSzölle fast vollständig ver- schloffen ist, und, waS noch schlimmer für die Zukunft wirkt, mit jedem Jahre Schutzzollpolitik erfiattt die russische Industrie wenigstens soweit, daß fie die Bedüfnisse deS eigenen Landes mehr als früher und mehr als für die deutsche Erwerbithälig- keit gut ist, defttedigen kann. Ganz besonders der Lokomo> tivenbau ist es, der unter diesen Verhältnissen zu leiden hat, und wenn man bedenkt, daß allein in diesem Zweige in Deutsch- land neun große Etablissements, von denen jedes einzelne in früheren Jahren tausende von Arbeitern beschäftigte, vochanden find, so kann man fich eine Vorstellung davon machen, welche mißlichen Verhältnisse hier zu beklagen find. Am 8. Dezember 1883 ifi z. B. bei Borfig vir 4000ste Loko- motive fertig gestellt, nach den vorhandenen Einrichtungen und den Äibeitskräften mußten in jeder Woche 2>/, auch 3 Maschinen geliefert«erden. Thatsächlich find aber heute nach 2 Jahren 4 Monaten erfi die Nummern 4160— 66 in Arbeit. d. h. mit anderen Worten, noch lange nicht die Hälfte der nölhigen Arbeit ist vorhanden gewesen, um die Produktion»- fähigkeit der Arbeiter zu decken. In der Berliner Maschinen- bau-Attiengesrllschaft ist aber daS Verhältniß genau dasselbe. Dort find zwar zur Zeit 17 Lokomotiven bestellt, aber waS bedeuten diele gegenüber der Einrichtung und dem zahlreichen Personal, namentlich wenn man bedenkt, daß der eine Zeit hindurch so flotte Geschäftsgang im Torpedodau einem sehr langsamen Tempo hat Platz machm müssen. 91 dieser Seeungeheuer find freilich zur Zeit noch in Bestellung, bei voller Arbeitszeit können aber 10—12 in einer Woche fettig gestellt werden, e» ist also, wenn nicht bedeutende Bestellungen in nächster Zeit einlaufen, vollständige Ebbe auch hier mit Sicher- heit zu erwarten. Und trotzdem ist hier schon die ganze zivilt- firte Welt, soweit eS fich in derselben um den Besttz dieser ge- fährlichstm aller Zerstörungtwerkzeuge handelt, alS Austrag- geder zu verzeichnen gewesen. Selbst Griechenland hat dem Drange nach Vervollkommnung nicht widerstehen können. Für die Arbeiter in jener Fabrik hat aber erst in den letzten Wochen der Mangel an Bestellungen einen Lohnabzug von 10 pCt. an den Akkordsätzen im Gefolge gehabt, und da wage nur noch Jemand am Segen der WitthschaftSreform zu zweifeln. So wie hier find aber die Verhältnisse in hundert andern kleinern Geschäften uno diese gerade sind eS, welche für die ungeheme Mehrheit der Arbeiter den Ausschlag geben. Vereine nnd Versammlungen. hfi. Eine außerordentliche Versammlung von van» SeschäftS- Inhaber« und BaugewerkSmeistern, welche immerleute beschäftigen und unter denen fich, wie vetstchett wurde, 100 eigentliche„Zimmermeister" befunden haben sollen, tagte am Sonntag Vormittag im Ärchitektenhause in der Wil- Helmstraße. Zweck der nach bekannter„Mache" gut arrangirlen Versammlung war: Stellungnahme zu den jüngsten Beschlüssen der großen Generalversammlung der Berliner Zimmerleute am 14. d. auf„Tivoli". Die Herren Gosebruch, Reuter und Otto wußten in ihren langgedehnten Referaten neue» nicht vorzu- bttngen, vielmehr waren ihre Motivirungen deS seitherigen Verhaltens der Meister»c. gegenüber dm Gesellen in Sachm der Lohnftaae und ihre ArbeUerfreundlichkettS- Betheuerunaen nur die dekannten, etwas dubiosen alten Bekannten. In wunderbar harmonischer Uebereinstimmung mit allm an der darauf folgenden Distusfion fich betheiligenden Rednem wur« dm die Herren nicht müoe, wieder und immer wieder zu ver« stchetn, daß die Berliner Zimmermeister und alle auch Zimmer- gesellen beschästigmdm Baugeschäfttinhaber und sonstigen Bau- untemehmer im Hinblick auf die in sicherer Auificht stehende besonder» rege diesjährige Baukampagne und das damtt ver« knüpfte gute Geschäft an nicht» weniger dächten und zu denken brauchten, als an ein unbillige», mehr wie durch die natürliche Konlurrmz jedem Einzelnen stets mehr oder minder auferlegtes Niederhalten der Arbeitslöhne. Nur eine„gewisse Stetigkeit" solle und wolle man in die Lohnsätze bnngm. Schlief l'ch nahm die Versammlung folgende Resolutionen an:„!. Um der im Herbst 1885 aufgestellten Lohnforderung der Gesellm nach Möglichkeit zu entsprechen, beschließt die Versammlung „der Inhaber von Zimmergeschästen", für die Bausaison 1886 vom 1. Mai d. I. einm Minimallollolln von 45 Pf. pro Stunde wirklicher Arbeitzeit festzusetzen, auch diesen Lohnsatz je nach Leistung und Fähigkeit zu erhöhen, unter allen Um- ständen aber an der bisherigen Arbeitszeit festzuhalten. An diesem Lohnsatz soll so lange festgehalten werden, als die Ge- sellen dafür Sorge tragen, daß derselbe auf allm Arbeitsstellm (Werkplätzen) Berlins gezahlt wird."—„Ii. In Erwägung, daß die monatelanzen Bemühungen der Mcister-Lohnkommiifion, mit den Zimmergesellen eine Vereinbarung über Lohn und Arbeitszeit für diese» Jahr herbeizuführen, durch da» Auftretm der Gesellen(?) zu keinem Resultat gefühtt haben; in Erwä- gung, daß die Zimmergesellm eS in diesemJahre versuchen werden, ihre unmotivitten(?) Forderungen durch Streik zu erzwingen, be- schließt die Versammlung: Im Falle bei einem der Kollegm, die auf dem Bodm dieser Resolution stehen, seitens der Zimmergesellen eine pattielle Arbeitseinstellung eintreten sollte, verpflichten fich die Kollegm, an dem der Arbeitseinstellung folgenden Sonnabmd alle Poliere und Zimmergesellen, mit Ausnahme der Platzpoliere, zu mtloffen." Diese Resolutionm, welche sämmtlichm„Inhabern von Zimmergeschästen zugesandt werden, sollen erst in Kraft treten resp. für die Gesammthett bindende Kraft haben, wmn»wetdttttel aller Zimmergeschästs- Inhaber durch eigmhändige Unterzeichnung ihnm zugestimmt haben. Die Versammlung schloß mtt Annahme eines weiteren, von Herrn AranS gestellten Antrages auf Errichtung eine» „Lohn-Amts." Sapienti sat. Wmn nur, fügen wir hinzu, auf diese Meister- resp. Unternehmer-Beschlüffe nicht schließlich die bekannten Sprüchwotte Anwendung findm, doß„allzu scharf oft schattig macht" und daß„in allen Fällen dafür ge- sorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen." Der Fachveretn der Drech«ler, Knopfarbetter und verwandten BerufSgenossen hielt am Sonntag, den 21. d. M.. eine Mitglieder- Versammlung in Saeger'S Salon, Grüner Weg 29, ab. Herr Gustav Voigt hielt einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über„Organisation und Funttion". Der Referent erklärte, daß eS unrichtig sei, wmn fich die kleineren Branchen immer selbstständig organifi-en, die« selben sollten fich vielmehr immer mit verwandtm Beruf»- genoffen verbinden, um dadurch ein große» Ganzes zu bilden; denn je größer die Organisation» desto größer sei ihre Macht dem Kapital gegenüber. AuS diesem Grunde empfahl Referent auch die baldige Vereinigung beider bestehendm Fachvereine der DrechSler-Branche. An der Diskusston betheiligten fich im Sinne deS Referenten die Herren Lach mann, Hilvebrandt und Gerlach. Ganverei« Berliner Maler. In der letzten Vereins- Versammlung wurde bei der Delegittmwahl zum Kongreß in Hannover alS Stellvertreter Herr Springer und bei den Er- gönzungSwahlm zur Lohnkommisston als vierter Herr Scharkowtky gewählt- Neu hinzugetreten find dem Verein in den letzten Wochen 23 Mitglieder; von der Miigliederliste mußten wegen längerer BeitragSrückständigknt 3 Mitglieder gestrichen werdm. Die Zahl ver VereinSmitglteder beziffett fich gegmwärttg auf 319. Die Delegaten zum Kongreß er- halten täglich 4 M. Diätm nebst Reisespesm. Kranken- und Bearäbnißkasse de» Verein» fämmt- licher veruf»klassen Berlin l(E. H. Nc. 2). Sonnabend, den 27. d. M., IlbendS 8 Uhr, bei Wollschläger, Münzfir. 5, Versammlung. Miiglieder werden in jeder Versammlung sowie beim Kasstrer Schilling, Koppenstr. 43, aufgenommen. Gäste find in den Versammlungen stets gem gesehen. * Demokratischer Verein zu Berli«. Donnerstag, den 25. März, Abends 3V, Uhr, Versammlung in den„Armin- hallen", Kommandantenstr. 20. Tagesordnung: 1. Ueber die Aufgaben der heutigen Oppositionsparteien. Referent: Herr Emil Weyl. 2. Vereinsangelegenheiten. Neuwahl eines AuS- schußmitgliedeS. Gäste willkommen.' Polizeilich aufgelöst wurde die am Montag in Kleine'« Salon tagende Versammlung des Arbeiter- Bezirk-Vaeins der Oranienburger Vorstadt und de» Wedding. Grund dafür war die Fassung deS Protokolls, welches vor Eintritt in die TrgeS' vrvnung verlesen wurde. * Große Volksversammlung am Freitag, den 26. März, AbendS 8 Uhr, in„Sanssouci", Kottduserstr. 4 a. Vortrag dei ReichStagSabaeordneten Herrn Gttllenderger.(Siehe In- scrat am Freitag.) Allgemeine Kranken- und Eterbekasse der Metall« arbetter(E. H. 29, Hamburg), Filiale Berlin lil(äußere Louisenstadt) Mitglieder. Versammlung. Montag, den 29. d. MtS., AbendS 8 Uhr, Manteuffelfiraße 90. Tagesordnung: Jahresabrechnung der Filiale, Delegittenwahl, Änschiedenes- Mitgliedsbuch legitimitt. * Verband deutscher Zimmerleute(Lokalverband Ber- lin Moabit). Donnerstag, den 25. März, AbendS 8 Uhr, Ver- sammlung in Donath'» Lokal, Alt-Moabit 90. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Boy über:„Auf- und Niedergang des HandwettS". 2. Vorschläge zur Delegittenwahl und Reist' unter stützungsfraae. 3. Verschiedenes. * Große Versammlung der Schneidermeister unv Gesellen am Donnerstag, den 25. Mär,. Abends 6 Uhr,«w Louisenst. KonzetthauS, Alte Jakobstr. 37, Tagesordnung- Die Handwerker- und Arbeiterftagen vor dem Deutschen Reichs« tage. Reserent Herr ReichStagiabgeordneter Max Kayser- Freie DiSkusston. Die Innung ist eingeladen. * Oeffentliche Versammlung der Berliner Droschke� kutscher heute, Donnerstag, AbendS 3'/» Uhr, im Saale de» Berliner Handweiker-VereinS, Sophienstr. 15. Tagesordnung- Vottrag de» Herrn Canitz, sowie Besprechung wichtiger gelegenheiten- Eämmtliche Führer öffentlicher Fuhrwerle nebst deren Frauen find zu dieser Versammlung eingeladen. * Zentral-Kranken» nnd Sterbe-Kasse der Drechsler und verwandten Berufsgenossen Deutschland«(E. H. Hamburg), örtliche Verwaltungssülle Berlin B. Den Mi gliedern hiermit zur Nachricht, daß in den Oslettagen außerordentliche General- Versammlung der Kasse in Hamburg und die nächste Mitglieder>Versammlung am Sonntag, oe 11. April, Vormittags 10 Uhr, Mariannenfir. 31-32, m folgender Tage»- Ordnung stattfindet: 1. Geschäftliche- 2. Kassenbericht. 3. Bericht über die stattfindende Gencraü Versammlung resp. Wahl der Delegittm. 4. Wahl der au gelootten OttSdeamten. 5. Verschiedenes. Gesangverein„Norddeutsche Schleife� Jeden� MW' Zur woch Uebungtstunde Äbendi von 9—11, Rttterstraße �95. 0. Feier des 17. Stiftungsfestes Vokal- und Instrumental KoM» in Frahm» GesellschaftShauS, Oranienstraße 180, am& abend, den 27. März. Kriefkaste« der Redaktion. Abonnenten abonniren jedoch am billigsten daS anstalt ihres WohnotteS, dort kostet 4 Mark. daS Blatt Verantwortlich« Redakteur tzt. Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Max vadwg in Bettln SV, Beuthstraße 2. Hier»« eine Beilage zum Berliner VolNlatt. Ur. 71. DonuerAag» dev 35. Marz 1886. III. I ParLamentsberichte. Deutscher Reichstag. 73. Sitzung vom 24. März, l Uhr. Rm Tische deS BundeSrdbS: von Boetticher. Die zweite Berathung der die A r b e i t e r s ch u tz a e s e y> gebung betreffenden Anträge wird heute mit der Veihand« lung über die Schiedsgerichte fortgesetzt. Nach dem von der Kommtsston abgelehnten Antrag Auer sollten diese Schiedsgerichte aus der Mitte der Arbeits- kammern zur Schlichtung und erstinstanzlichen Entscheidung von Streitrgleiten zwischen Unternehmern und Arbeitern gebttdet werden. Die Kommisfion legt statt dessen dem Hause folgende R e s o l u t i o n vor: „den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstag den Eni- wmf eines Gesetzes, betreffend die obligatorische Ein- führung von Gewerdegerichten, mit der Maßgabe baldthunlichst vorzulegen, daß die Beisitzer derselben zu gleichen Theilen von den Aldeitgebern und von den Arbeitern in getrennten Wahllörpern und in unmittelbarer gleicher und geheimer Abstimmung gewählt werden." Die Abgg. Baumbach und Schneider bean- trafen in dieser Resolution das Wort„obligatorische" zu �te Ref. Lohren: Die Kommission halte sich hier über fünf Fragen zu entscheiden: 1. soll nach dem Antrag Auer der Vor- fitzende des GewerbegerichtS gewählt weiden? 2. auf welche Streitigkeiten soll die Zuständigkeit der neuen Schiedsgerichte deschränkt weiden? 3. in welchen Fällen und bei welcher Fnfianz soll die Bemfung stattfinden? 4. soll die Einrichtung der Gewerdcgerichte obligatorisch oder fakultativ erfolgen? und ü. wie sollen die Beisitzer gewähtt weiden? Nach dem Antrag Auer soll der ArbettSrath den Vorsitz führen, also entweder irgend ein Ardeiter oder irgend ein Arbeitnehmer ohne wesent- lichek Zuthun der Behörden zum Präfidenten des Gerichts ge- macht werden. DieS ist nach Allem, was hier schon im Hause gelegentlich der Regierungsvorlage von 1878 über die Einrichtung gewerblicher Schiedsgenchte verhandelt worden ist, absolut unannehmbar. Die Schwierigkeiten, hier das Richtige zu treffen, find groß, deshalb hat auch die Kommisfion in ihrer Resolutton die Frage des BestätigungSrechts des Prästdenten offen gelaffen. Für die Zuständigkeit find im Antrage Auer destimmte Anhaltspunkte nicht gegeben, deshalb ist auch dieser Punkt offen gelassen, zumal der Ent- wurf von 1878 in Bezug hierauf in den§§ 2 und 3 bestimmte Vorschläge enthielt. Die schwersten Angriffe und Vorwürfe wurden dm sozialdemokratischm Antragstellem de« lüglich des dritten Punktes, der Bildung einer Berufungs- .nstanz, gemacht. Hier hätte man doch von den Herren, welche mitten im gewerblichen Leben stehen, praktische Vorschläge er- war im sollen. Aber da wird im§ 137 ganz einfach dre Ar- beitökammer zum Appellattonsbof über die gewerblichen Schieds- gerichte bestellt. Hier müßten Fälle angeführt werden, in denen eine Berufung stattfinden'soll und stattfinden kann, hier müßte man auS dem Antrage Belehrung schöpfen können. Dies ist leid'.c nicht der Fall gewesen. In den Punkten 4 und 5 ist die Kommisfion den Wünschen der Soeialdemokraten aufs Weiteste entgegen gekommen; es soll der Reichskanzler ersucht wer- den, G'.werbegerichte obligatorisch einzuführen und die Bei- fitzer in direkter, gleicher und geheimer Abstimmung wählen zu laffcn, zum Theil von Arbeitern, zum Thcil von Arbeitgebern. Das ist es, was die Herren Sozialdemokraten immer verlangt haben. Die„obligatorische" Einsetzung von Gewerbegerichten ist in der Kommission mit 12 gegen 7 Stimmen, daS geheime Wahlrecht mit allen gegen eine Stimme angenommen worden. Die Mitglieder werden sich ja klar machen, wie weit fie ihrer Kommisfion in diesem Antrage folgen können: ich habe nur die Pflicht, Sie um die Annahme desselben, sowie um Ableh- nung aller anderen Anträge zu ersuchen. Abg. Schneider: Ich habe in der Kommission für die Resolution gestimmt, ohne mich dadurch für daS Plenum hin- fichtlich sedeS PuntteS zu vinkuliren. Mir kam es vor Allem bei der Wichtigkeit deS Gegenstandes darauf an, einen pofitioen Antrag für da« Plenum zu Stande zu bringen. Wenn in der Resolution die Frage der Bestätigung deS Vorsitzenden offen gelassen ist, so will ich, wenn ich für dieselbe stimme, damit nicht zugeben, daß daS Bestätigungsrecht der Verwaltungs- behörde statuirt wird. Für mich handelt eS sich bier um da« Wort„obligatorisch", d-ffen Streichung ich Ihnen empfehle. Für dasselbe ist geltend gemacht worden, daß die Einführung von Gewerbegerichten bislang nur eine sehr beschräntte Vir- breitung gefunden habe, weit weniger, als wünsch enswerth wäre. Aber dieser Grund kann doch nicht stichhaltig sein, wenn fich hie und da kein Bedürfniß zeigt, obligatorisch die Institution durchzusetzen. Die Einrichtung von Schiedsgerichten ist über- Haupt vom Gesetzgeber nur substdiär hingestellt, sonst ist die Schlichtung gewerblicher Streitigkeiten dem Gemeindevorftande über- äffen. Vor allen Dingen find wir aber augenblicklich !ar nicht darüber unterrichtet, wie wert die Gewerbegertchie .n Deutschland zugenommen haben. Der ttommiffar der verbündeten Regierungen hat uns in der Kommisfion mitge- theilt, daß seit 1878 weitere Erhebungen über diese Angelegen. heit nicht stattgefunden haben, daß der BundeSrath die ganze Suche auf fich hat beruhm lassen. In größeren Städten hat die Einrichtung neuerdings Eingang gefunden und recht erfreuliche Resultate gezeigt. In Breslau ist 1381 ein Gewerbe- «ericht eingeführt wo' den mit einem auf G rind deS Gesetzes von 1877 fußenden OrtSstatut. Bis zum Mar, 1885 hat das Gericht 4421 Streitfälle zu entscheiden gehabt und d,S auf 131 selbst entschieden, in diesen ist bis auf 30 die Entscheidung durch den ordentlichen Richter erfolgt. Für die odliaatorische Durchführung hat fich ein hinreichend allgemeines Bedürfniß nicht geltend gemacht. Die verbündeten Regierungen selbst haben die Bedeutung der Gewerdegerichte garnicht so aufgefaßt. und die Bestimmung ist vollkommen ausreichend, daß auf Antrag der Betheiligten die Einsetzung eines Schiedsgerichts durch die LandeS,-ntralbehörde erfolgen kann. Was wäre aber die nothwendtge Folge einer obligatorischen Institution? Die Kosten müßten alSdann nicht den«ommunal-, sondern den Staatsbehörden zur Last gelegt werden; die Bezirke müßten S ÄÄH: streichen. fi? Abg. Kayser: Meine Freunde und ich werden für die Risolutton stimmen; wir wünschen die odliaatorische Ein- führung, um eine einhettliche Organisation ycrdeizuführen. In Dresden ist die Einrichtung anders als in Leipzig, und dort wieder anders alS in Breslau. In Dresden Ist eine Art Destillirappaeat eingerichtet, um nur ja die Beisitzer mög- lichst aus Arbeitgeberkreisen zu schaffen. In Leipzig dagegen erfreut fich das Institut deS vollkommenen Vertrauens der Arbeiter, weil die Zusammensetzung eine gerechte und gleich- mäßige ist. In Breslau nähert fich die Ausführung mehr der Dresdener; dort ist auch der Rekurs an den ordentlichen Richter vorgesehen, der in Leipzig bei der gleichmäßigen Zu- sammensetzung gar nicht nöthig ist. Wie kann man uns, wie eS der Referent gethan hat, vorwerfen, die Berufungsfrage nicht gelöst zu haben? Sind doch selbst unsere gewiegtesten Juristen darüber nicht einig. Der Tadel, daß wir überlzaript nichts Fertiges, Brauchbares in unserem Antrage dargeboten hätten, ist vollkommen una-recht; der Referent hat diesen unS neulich vom Freiherrn v. herlltnz gemachten Vorwurf heut wiederholt. Ich will letzteren doch daran erinnem, daß ihm selber einmal der Reichskanzler sagen mußte, er komme nur mit einer Reso- lution und überlasse die ganze Arbeit der Regierung. Unsere Anträge find doch immer der Anstoß zur Vorwärtsbewegung gewesen; das ist daS Gute an ihnen, das können Sie uns nicht abstreiten, und ohne unsere Anregung wäre nicht einmal dieS bischen Resolution gekommen. Worauf eS nun dieser gegenüber hauptsächlich ankommt, ist die Frage, ob fie bei der Reichsregierung Aussicht auf Erfolg hat oder nicht. Die letztere schweigt.fich bis jetzt leider darüber auS, und deshalb möchte ich um eine Erklärung bitten. Im Uebrigen kann ich nur lebhaft bedauern, daß, wie auch dee Besuch des Hauses zeigt, daS Interesse für die Arbeiterfragen außerordentlich ge- schwunden ist; unsere Aufgabe wird eS sein, die Arbeiter zu wecken und wach zu erhalten, damit fie dafür sorgen, daß die herrschenden Parteien helfend mitwirken. BundeSkommiffar, Direktor im ReichSamt des Innern, Bosse: Der Abg. Kayser hat fich darüber beklagt, daß die Regierung keine Erklärung über ihre Stellung zu der Reso- lution abgegeben habe. Es ist aber nach Lage unserer Ver- faffung absolut unmöglich, jetzt schon zu erklären, welche Stellung der BundeSraih nehmen wird zu einer noch nicht ge- faßten Resolution, welche die Vorlegung eines Gesetze« durch die Regierung verlangt, das noch nicht einmal konzipirt ist. Ich enthalte mich daher deS Eingehens auf alle einzelnen Fragen und mache nur auf den einen Punkt aufmerksam, daß die Ein- sckaltung deS Wortes„obligatorisch" insofern nicht wohlgethan sein dürste, als wir danach Gewerbegerichte machen müßten auch da, wo kein Bedürfniß dafür vorhanden ist. ES würde dadurch ferner den Innungen ein Theil ihrer wichtigsten Be- fugniffe genommen werden. Ich würde daher nur die Ab- lehnuna deS Wortes„obligatorisch" empfehlen können. Abg. Struckmann: Wenn man das Institut obliga- torisch macht und auch dort einführt, wo kein Bedürfniß dafür existirt, so würde man eS damit nur diskreditiren. Es giebt zahlreiche Bezirke, wo von keiner Seite Gewerbegerichte gewünscht werden, und wo fie wahrscheinlich nur eine Ver- schlechterung deS jetzigen ZustandeS Herbeiführen würden; so besonders in den meisten ländlichen Bezirken. Man würde durch obligatort'che Gewerbegerichte einen nichts weniger als wohlthätig wirkenden Schematismus schaffen. Ich erkläre mich daher ebenfalls entschieden gegen daS Wort„obligatorisch". Ferner halte ich auch den vorgeschlagenen Modus der direkten geheimen Wahl für bedenklich und für nicht geeignet zur Ge- winnung unparteiischer Vertrauensmänner, wie eS doch die Gewerberichter sein sollen. Abg. Klemm glaubt, daß die Gewerbegerichte, gerade wenn fie aus direkten geheimen Wahlen hervorgehen, am besten das allgemeine Vertrauen gewinnen würden. Abg. v. Maltzahn-Gültz erklärt, daß er und ein Theil seiner politischen Freunde gegen die Einführung obliga torischer Gewerbegerichte stimmen werden. Abg. Hitze(Zentrum): Die Kommission hat möglichst alle streitigen Puntte offen gelaffen, ,. B. bezüglich de« Be« stätigungSrechts de« Vorsitzenden, der RekurSinstanz»c., um ein möglichst einheitliches Votum des HauseS zu erzielen. Nun find von verschiedenen Seiten Bedenken gegen die unmittelbare und geheime Abstimmung laut geworden. In der That ist ja auch m dem Qrganisattonsvorschlag der Soztaldemotiaten kein direktes und geheimes Wahlrecht für die Schiedsgerichte vorge« sehen, sond-rn fie werden von den Arbeitskammern gewählt. Zu den Shiedsgerichtcn der Unfalloerstcherung wählen die Vorstandsmitglieder der Krankenkenkassen, und die sozialdemo- statischen Mitglieder haben stets nur dagegen polemifirt, daß die> eingeschriebenen HilfSkaffen von dem Wahlrecht auSgc- schloffen find. Um die Resolution nicht zu gefährden, habe ich gesonderte Abstimmung über die Worte„und in unmittelbarer geheimer Wahl" deantragt, ohne deSbalb meinerseits oder für meine politischen Freunde materiell Stellung zu nehmen. Abg. v. V o l l m a r bemerkt gegenüber dem Abgeordneten Struckmann, daß die Arbeiter gerade nur bei geheimer, direkter Wahl überall in der Lage sein würden, ihre wahren Ver- trauensmänner in die Echiedsgerichie zu wählen. Auch sei er durchaus für obligatorische G-werbegerichte, da man den Ge- meindebehörden die Entscheidung über gewerbliche Streitig- leiten durchaus nicht anvertrauen dürfe. Dies deweise das Beispiel der großen und gewerbsreichen Stadt München, wo die Arbeiter in dem gewerblichen Schiedsgericht, in dem söge» nannten Gewerbesenat, überhaupt gar nicht vertreten seien. Diese rein bureaukratisch organistrte Behörde habe oft geradezu haarsträubende Entscheidungen gefällt. Dabei sei München obenein eine Stadt, deren Verwaltung fich in den Händen deS Zentrum», dieser angeblich so arbeiterfreundlichen Herren, befinde. Wie müsse eS da erst an anderen Orten aus- �"Äbg. Trimb orn konstatirt, daß am Rhein die Ge- Werbegerichte fich ein außerordentliches Vertrau-n erworben haben, und daß von ihnen dort über neunzig Prozent aller gewerblichen Streitigkeiten im VergleichSwege schnell und glück- lrch beigelegt werden. Nach Ablehnung der Amendements, wobei die Parteien nicht geschloffen stimmen, wird die Resolutton mit großer Mehr- heit unverändert angenommen. Es folgt die erste und event. zweite Berathung des von dem Abg. Viereck eingebrachten Gesetzentwurfs, betreffend die Aufhebung des Reichtgesetzes vom 9. Juni 1884 gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen. Abg. Viereck: Dieses Gesetz verdankt seine Entstehung der allgemeinen Tynamitangst, wie fie seit dem Niederwald- denkmal-Attentat bis zum Siedepunkt gediehen ist. Wer fich mit der Physiologie der Attentate beschäftigt hat, weiß, daß die Altentäter in drei Kategorien zerfallen: 1. in GroßmannS- süchtige, die in unglaublich naiver W-ise auf die ihnen ge- stellte Falle hereinzufallen pflegen, 2. in simple Leute, Idioten, welche daS GroS der Verschwörer bilden, 3. in solche, die von Polizeispitzeln alS Schlepper verleitet werden, um der Reastion daS nölhige Material zu liefern. Man braucht dafür nicht in dm Memoiren deS Pariser Polizeipräfekten Andrieux die Belege zu suchen. AuS den Asten deS ersten Leipziger Hoch- verrathsprozcffcs und aus den Mittheilungen unseres Kollegen Singer wissen wir, daß unsere deutschen Polizeiagenten selbst zu Attentaten auffordern. Erinnern Sie fich an den Zeugen Porsch, an die wenig schmeichelhaften Worte, mit denen der Senatspräfident diese ganze Art der Polizeitaktik brandmarkte! Auch in Bezug auf das Niederwald-Attentat haben wir immer gemeint, daß dasselbe nichts weniger als anarchistischen Ursprungs sei. Ich habe 1884 persönlich daS Terrain in Augen- schein genommen und bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß dieses Attentat ein von axent» provocateur» geplantet Urter» nehmen war. Dasselbe hat mir ein dortiger Invalide bestätigt. Mein Erstaunen und meine Genugthuung waren nicht gering, als derselbe mir sagte, für daS bezügliche Geständniß der Atten- täter müßten die Best atten ein recht gehöttgeS Stück Geld bekommen haben. Der Fall Jhring- Mahlow hat mich nicht überrascht. Der ZäsartSmuS bedient fich ja immer solcher Mittel, um durch das rothe Gespenst die herrschende Gesell- schaft und die Parlamente fich willfährig zu machen zu allerlei Streichen der Reaktion. Ungeheuerlich ist aber, daß ein Staat«- anwalt eS ablehnt, einen Menschen zu verfolgen, der nach dem Zeugniß von acht unbescholtenen Bürgern sich dazu herge- geben hatte, zu Dynamitverdrechen aufreizen, und daß er viel- mehr die unschuldigen Zeugen wegen Beleidigung jencS „pflichtgetreuen Beamten" unter Anklage gestellt hat. Meine Freunde haben ja mit dieser ganzen Sache nichts zu thun. Wir halten die Attentate nicht nur für verbrecherisch, sondern sogar für absolut schädlich für die Kulturentwickelung. Unter der Atmosphäre dieses Niederwalddinkmal-Attentats war ei möglich, ein so ungeheuerliche« Gesetz, wie dies Dynamitgesetz, zu Stande zu bringen. Die Regierung trägt daran allerdings nicht die Schuld; der Reichstag hat einstimmig, mit Ausnahme meiner Parteigenossen, dieses Gesetz votirt. Als Herr Windt- Horst seinen Antrag einbrachte, hatten sowohl der Minister v. Puttkamer, wie auch der Staatssekretär v. Boetticher ssr der Kommiifion Bedenken über die Ausführbarkeit deffelben. Nicht etwa die rechte Seite, sondern die Linke— unter An- deren detheiligten fich daran die Abgeordneten Baumbach, Bam« berger und Richter— verschärften den Antrag Windthorst, der dann von der Kommisfion einstimmig angenommen wurde. Auf Grund dieser Anregung erfolgte am 10. Mai die Regierangsvorlage. Am 11. Mai erschien die Begründung, die 1. und 2. Lesung fand am 13. Mai statt, die dritte am 15. Mai. Keine Generaldebatte und nur bei§ 8 eine kurze Besprechung. Die gesammten Verhandlungen umfassen im stenographischen Bericht nur 4'/, Seiten.(Sehr gut! rechts.) Die VerHand» lungen wurden mit einer Promptheit und Schneidigkeit ge- führt, die zwar, wie ich aus Zurufen entnehme, der rechten Seite zur besonderen Freude gereichte, aber eine einfache Kant- katur und Gewissenhaftigkeit... Prästdent v. Wedell-PieSdorf: Der Herr Ad« geordnete hat gesagt, der Bericht der damaligen Kom- Mission sei eine Karrikatur auf die Gründlichkeit und Ge» wissenhastigkeit... Abg. Viereck: Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, daß die Verbandlungen so schnell geführt wurden. daß dieS zur besonderen Freude der rechten Seite gereicht habe, wie dies auch durch Zwischenrufe bestätigt worden sei, daß dagegen diese Art der Durchpeitschung eines Gesetze« eine Karrikatur auf die Gründlichkeit sei, wie ich fie bei einer par- lamentarischen Verhandlung erfo-derlich hielt.(Der Prästdent erklärt gleichwohl diese Aeußerung für unzuläsfig und ruft den Redner zur Ordnung.) Ich muß mich fügen, glaube aber doch, daß mein Urtheil...(Rufe: na! na! Heiterkeit.) Nun ich wende mich lieber zu den einzelnen Bestimmungen des Gesetzes. Redner sucht nun an der Hand der einzelnen Bestimmungen des Ge- setzeS nachzuweisen, daß dasselbe zu den mößten Unzuträglich- leiten und Belästigungen des legitimen Verkehr« mit Spreng- stoffen geführt habe. DaS englische Gesetz, welche» dem deut- schen zum Votdild gedient habe, kenne Freiheitsstrafe nur in Ausnahmefällen und Geldstrafen für Uedertretungen gewerbe- polizeilicher Vorschriften. Außerdem sei daS Gesetz von den verschiedenen Behörden und Regierungen ganz verschteden inter- pretirt worden. Jahre hindurch genügte ein Erlaubnißschew für dest Unternehmer; jetzt bestrafe man die Fuhrleute de«. selben, welche nicht für ihre Person einen Eclaubnißschein mit fich führten. Da daS Material zu den Sprengstoffen getrennt aufbewahrt werden dürfe, so sei der Umgehung des Gesetze« Thür und Thor geöffnet. Er und seine Freunde hätten an diesem Gesetz kein Interesse, denn fie hätten weder mit dem Betriebe noch mit der Herstellung und der Verwendung der Sprengstoffe etwas zu schaffen. Die Attentäter vollends küm- werten fich gar nicht um die polizeiliche Eilaubniß. Aber die Industrie, vor Allem die Montanindustrie mit ihren 300000 Arbeitern, würde durch dieses Gesetz schwer geschädigt. DieS bestätige auch die nationalliberale„Elberfelder Ztg." und der offiziöse„Oberschlefische Anzeiger", welche verlangen, daß man diese» Gesetz wenigsten« erner gründlichen Prüfung unterziehe. Da« Gesetz sei so drakonisch und treffe so unterschiedslos, daß oft der bestrafende Richter den Verurtheilten mitleidig auf den Gnadenweg ver- weise. Und daS Exorbitanteste: e» drohe sogar mit der TodeS- strafe, welche von der Linken 1870 nur auf dem Wege de« Kompromisses und mit dem Versprechen angenommen wmde» um unter der schärfsten Agitation auf deren Abschaffung hin- zuwirkcn. Diejelde Linke hätte bei dem Dynamitgesetz ihr Ver- sprechen gedrochm und da« HauS hätte da» Dynamitgesetz im Ramsch angenommen.(Der Präsident rügt diesen Ausdruck al« unzuläsfia.) Nur an den§ 8 knüpfte fich eine Debatte, welcher die Verdächtigen mit Strafe bedroht und wegen seines Kautschuk. Charakters sehr bedenklich ist. Aehnliche Bestim- munaen existirlen nur während des Schreckenregiment« in Frankreich. Nirgends in der Welt existiren so drakonische Be- stimmungen, selbst nicht in Rußland. Während in England nach dem Rechenschaftsbericht, den wir nicht gefordert haben, jährlich nur 12 Bestrafungen vorkommen, werden bei unS Hun- derte in einem Jahre bt straft. Ein solche« Gesetz ist ein ver- kehrtes und muß aufgehoben weiden. Sollten fie sich aber dazu nicht entschließen, so entsprechen Sie wenigsten« dem Wunsche zahlreicher Industrieller, welche eine Reviston deS Dynamit. gesetzes verlangen. Abg. Windthorst schlägt vor, über den Antrag Viereck zur einfachen Tagesordnung üder-ugehen.(Nack der Geschäfts- ordnung darf in einem solchen Fall nur ein Redner für und ein Redner gegen die Tagesordnung das Wort erm essen.) Abg. Windthorst(für die einfache Tagesordnung): Der Herr Antragsteller hatte wohl gethan. sich auf den zweiten Theil seiner Auisührungen zu beschränken. Ich kann nur sagen, daß mich der erste Tbeil desselben auf daS tiefste ver letzt hat. Auf diese Weise die begangenen Attentate zu er Ilfiren, selbst das abscheuliche Verbrechen auf dem Niederwald, zu sagen, daß die Leute, welche daffelbe eingestanden, mit Geld zu ihren Aussagen bestimmt seien, daS geht zu weit, und so liegen auch die Dinge nicht. Es handelt stch bei den Attentaten um ernste Verbrechen, heroorzegangen aus verdammungSwür« digen Ueberzeugungen und gewachsen auf einem Boden, der sehr gefährlich ist. Gegen die Handlungen der Anarchisten müssen wir unS nach jeder Richtung vorsehen. Von diesem Gc- fichtspunlte auS ist daS Gesetz beschlossen, welches der Vor« redner zum G-'genstande seiner K.itil gemacht hat, und die große(Smmüthigteit, mit welcher das Votum gefaßt wurde, könnte demselben beweisen, wie der Reichsiag ent- schloffen war, gegen alle anarchistischen Bestrebungen einzuschreiten. DaS Gesetz ist sehr hart, eS ist in den gewöhnlichen Rahmen juristischer Anschauungen nicht zu bringen, eS ist eine außcroidentliche Maßregel gegen eine außerordentliche Verworfenheit. Man darf die gewöhn- lichen Anschauungen juristischer Bestimmungen nicht auf daS« selbe anwenden. Es ist leider wahr, daß es nicht möglich sein wird, durch dieses Gesetz die verbrecherische Handhabung der Sprengstoffe ganz hintanzuhalten. Aber darüber könne lein Zweifel bestehen, daß die bloße Existenz deS Gesetzes auf die anarchischen Bestrebungen abschreckend eingewirkt hat, und ich glaube nicht, daß wir dasselbe im gegenwärtigen Augenblick abschaffen können. Der vorligende Antrag geht aber auf die Aufhebung des Gesetzes, nicht auf die Revision deffelben, die ich für möglich halte. Diesen Antrag verneine ich absolut und glaube, daß die Majorität des ReichStagS in diesem Punkte mit mir übereinstimmt. Ich kann zugeben, daß einzelne Fälle besonderer Härte nachweisbar find, die zeigen, daß eine richtige Anwendung deS Gesetzes nicht überall getroffen ist. Ader daS ist immer der Fall, und eS liegt in der Natur der Sache, daß bei der Ausführung dieses Gesetzes fich vorzugweise Fälle er- eignen, die eine Richtigstellung durch die Gnade des Lanvcsherrn nothwendig oder nützlich erscheinen lassen. So sehr wir wünschen, daß auch den sozialdemokratischen Anschauungen eine freie Er- öcterung gewährt wird, so sehr wir demüht find, die Btstre« bungen auf dem Gebiete der Sozialreform zu unterstützen, um so entschiedener wenden wir uns gegen die anarchistischen Be- strebungen. Der Antragsteller bemängelt eS, daß auch in dieses Gesetz eine Bestimmung über die Todesstrafe aufgenommen ist. Es ist gewiß eine traurige Nothwendigkeit, daß wir aufS Neue auf die Todesstrafe rekurriren müssen. Ich halte dieselbe an und für fich für nothwendig und zuläsfig; allerdings nur in den seltensten Fällen, und solch ein Fall liegt hier vor. Wenn eS auch einem hochherzigen Monarchen schwer gefallen sein mag, TodeSurchetle zu unterschreiben, so hat er doch sein Herz bezwungen in einer Zeit, wo so teustische Verbrechen begangen worden find. Mögen wir alle mitwirken, daß der RechtSfinn, der religiöse Sinn und der Sinn für Ordnung in voller Anerkennung unserer bestehenden Verhältnisse immer mehr Wurzel faßt; dann können wir auch an eine Aufhebung deS Gesetzes denken. So lange das nicht der Fall ist, ist auch eine solche Aufhebung unmöglich. Damit ist nicht gesagt, daß nicht die bisher gemachten Erfahrungen eS nützlich erscheinen lassen könnten, diese oder jene Bestimmung zu ändem oder klar zu stellen. DaS zu thun find wir bereit, wenn unS dl« Nothwendigkeit nachgewiesen wird. In dieser Richtung habe ich auch die Mtttheilungen des Herrn Antraastellers mit Interesse gehört. Aber so lange Attentate so erklärt werden, als dies beute geschehen ist, halt« ich mich für verpflichtet» Protest dagegen einzulegen. De« Anarchisten gegenüber kenne ich keine Milde und keine Rücksicht. Abg. L e n z m a n n(gegen die einfache Tagesordnung): Herr Viereck hat seinem Antrage einen schlechten Gefallen erwiesen, als er seine durch nichts gerechtfertigte Auffassung von der GrnestS der Attentate vortrug. Ich stehe in dieser Be- ziehung vollständig auf dem Boden, auf den fich Abg. Windt- Horst gestellt hat, indem er die Attentate als das Produkt einer verbrecherischen Atmosphäre bezeichnete. Aber darin muß ich dem Kollegen Windthorst entschieden widersprechen, wenn er sagt, wir bedürften einer derartigen außerordentlichen Maßregel gegen außerordentliche Verworfenheit. Ich behaupte, das Gesetz trifft gar nicht die außerordentliche Verworfenheit, und demgemäß ist auch die außerordentliche Maßregel nicht erforderlich und auch nicht zweckdienlich. Ich glauhe nicht, daß daS Gesetz auf e'ne koordinirte Attentatsangst zurückzuführen ist, fie mag wohl mitgewirkt haben, aber nur insofern, als vielleicht den Einen oder Anderen unter unS die Aengstlichkeit, in den Augen deS Volkes verkannt zu werden, veranlaßt hat, für da« Gesetz zu stimmen. DaS Gesetz ist, meines ErachienS, ein Produtt der Sommerhitze von 1884, insofern daS Gesetz so kurz vor Schluß der Sesfion eingebracht wurde, daß Niemand gegenüber der Erklärung der Regierung, fie bedürfe des Gesetzes,«ine dila« torische Behandlung eintreten lassen wollte. Herr Kollege Windthorst giebt zu, daß das Gesetz Mängel hat, solche Mängel, daß selbst die Gnadeninstanz wiederholt hat eii- treten müssen; wenn er trotz alledem zu dem Antrag auf ein- fache Tagesordnung kommt, weil der Antrag auf Revifion nicht gestellt sei, so verstehe ich das nicht. Wir find ja nicht an den Antrag gebunden, sondern können ihn in eine Kom- misston verweisen, damit diese einen neuen Gesetzentwurf auS. arbeitet. ES bedarf gegenüber dem Antrage Windthorst nur deS Nachweise», daß bei weiterer HinauSschiebung einer Revision des Gesetzes ein äawmun irreparabile entsteht. Unter dem Gesetze hat aber schon eine Menge Unschuldiger leiden müssen, meinem Gefühl will eS aber nicht entsprechen, daß man so sehr geneigt ist, Fehler der Gesetzgebung im Wege der Gnade wieder gut zu machen. ES paßt dieS nicht in einen Rechtsstaat, entspricht nicht dem RechtSzustand, ganz abgesehen davon, daß die Gnadeninstanz gar nicht im Stande ist, alle Vexationrn, alle Angst und alles Leiden der Verurtheilten aufzuheben. Dabei ist nicht zu vergessen, daß die ganzen drakonischen Bestim- mungen vollkommen werthlos find demjenigen gegenüber, der getroffen werden soll; der verbrecherische AttentatSunternebmer wird vom Gesetze nicht getroffen, er wird Mittel und Wege genug finden, sein Verbrechen auszuführen trotz deS Gesetzes. Betroffen davon wird nicht der außerordentlich verworfene Mensch, sondern der, welcher polizeiliche Vorschriften nicht beobachtet und befolgt. Außerdem ist ein Hauptfehler deS Gesetzes, daß Fälle unter daffelbe sudsumirt werden können und müssen, welche garnicht darunter gehören dürfen. Ist das Gesetz von unS als mangelhast erkannt, so sollten wir die erste Gelegen« hest ergreifen, um diese Mangelhaftigkeit zu beseitigen und Besserung eintreten zu lassen, wo dieS möglich ist.(Abg. Hanel ruft:„Der Antrag lautet auf Aufhebung") Ja wohl, Herr Kollege Hänel, ich werde eventuell nachher einen solchen stellen, stimmen Sie dafür. Im Augenblick rann eine Besserung nur durch Verweisung des Antrages Viereck an eine Kommisfion, welche die nölhige Gesetzesformultrung zu finden haben würde, ermöglicht werden. Ich erkläre keineswegs, daß ich mit der vollständigen Aufhebung deS Gesetzes einverstanden bin; ich bin mit Kollege Windthorst der Anficht, daß wir etwas drakonischer Maßregeln bedürfeck, um Furcht vor AltentatSaus« fühmngen zu erwecken, aber auch der Anficht, daß eS eine Forderung der Gerechtigkeit ist, die Bestrafung Unschuldiger neben Erreichung dieses Hauptzweckes zu verhüten. Ich ersuche Sie, den Antrag Windthorst abzulehnen und den Antrag Viereck an eine Kommisfion zu verweisen. Abg. Hänel(persönlich): Der Herr Abg. Lenzmann hat mich mißverstanden: ich habe, um ihn darauf aufmerksam zu inachen, daß der Gesetzentwurf, wie er vorliegt, einfach auf Aufhebung deS Trznamitgesetzes geht und nicht auf Revifion. die Worte dazwischen gerufen. Einem einfachen Antrage auf Aushebung des Gesetzes gebührt die Annahme der einfachen Tagesordnung. Hierauf wild der Antrag Windthorst auf einfache TageS« ordnung mit allen Stimmen gegen die der Sozialvemokraten, einzelner Deutschfreifinniger und Mitglieder der Volkspartei angenommen. Schluß 4'/, Uhr. Nächste Sitzung: Freitag 1 Uhr. (Dritte Berathung de« Gesetzentwurfs, betr. Abänderung von § 5 des Tarifgesetzes und zweite Berathung des Branntwein« Monopols.)_ Abgeordneteuhau». 48. Sitzung vom 24. März, 12 Uhr. Am Ministertische: Kommiffarien. Auf der Tagesordnung steht eine Reihe von Kommisstons- berichten über Petitionen und Wahlprüfungen. Der Klempnermeister Oswald Linke in Warmbrunn ist Eigenthümer eines in der Nähe des Warmbrunner Heilquellen belegenen Grundstückes. Da in Folge einer von der Bavever- waitung vorgenommenen Neubohrung in dem auf diesem Grundstück befindlichen Brunnen Wassermangel eintrat, so be- adfichtigte Linke im Jahre 1882 einen neuen Brunnen her- stellen zu lassen; die Crlaubniß dazu wurde ihm indeß vom Amtivorsteher versagt, und die Beschwerden des Linke gegen diese Versagung find abgewiesen worden. Die PelitionSkommisfion beantragt, über die dieserhalb von dem pp. Linke beim Hause eingereichte Petition in Erwägung, daß es seitens des Abgeordnetenhauses für unzweckmäßig erachtet ist, die nach dem Verwaltungsrechte zu- lässige Beschränkung der EigenthumSrechte der Hetlquellennach- barn durch allgemeine gesetzliche Bestimmungen zu regeln, zur Tagesordnung überzugehen. Das HauS tritt diesem Vorschlage ohne Debatte bei. Auch bezüglich der Petitton deS Magistrats zu HIlVeSheim, betreffend die Reinigung der den Gerichtsbehörden vorzuführen- den Gefangenen, hat die Kommisfion den Uebergang zur TageS- ordnung beschlissen. Abg. Möllmann(Osnabrück, nat.-tib.) beantragt da- gegen die Uederweisung an die Regierung zur Berückstchtigung. Bei der Annexton sei ausdrücklich bestimmt worden, daß eS hinfichtlick der Polizeikosten in den neuen LandeStheilen bei den hierüber bestehenden Vorschriften bleiben solle. Nun habe in Hannover eine Verpflichtung der Polizeibehörden resp. der Gemeinden zur Reinigung von aufgegriffenen Gefangenen, so- bald fie unverzüglich dem Richter vorgeführt weiden, nicht be- standen. Jetzt habe der Minister deS Innern gleichwohl auch in Hannover die T'agung der ReinigungSkosten von den Ge- meinden in ihrer Eigenschaft als Polizeiobiigkeiten verlangt und berufe stch, um diesen Anspruch zu begründen, auf ältere altpreußische Verordnungen, die für Hannover niemals in Gel- tung getreten seien. Regierungskommiffar Geh. Rath v. d. B r i n ck e n bittet, dem KommisstonSantrag zuzustimmen; die Materie sei für den ganzen Staat dahin geordnet, daß die Reinigung von den Justiz- bedienten der Gefängnißoerwaltung besorgt wird, während diePo- lizeibehörden dafür eine angemessene Entschädigung leisten. Wollen die Polizeibehörden auf diesen woäv« vivendi nicht eingehen, so haben fie die Reinigung selbst zu besorgen. Ueber die Ver- pflichtung der Gemeinden zur Kostentragung könne ein Zweifel nicht bestehen. Abg. v. Bismarck(Flatow): Unzweifelhaft hat doch der Chef der Polizei die Befugniß, den Polizeibehörden aufzu- geben, daß die dem Richter vorzuführenden Gefangenen ge- reinigt werden sollen, und die Kosten dafür hat die Polizei- behörve dann zu tragen. Diese Befugniß gilt gleichmäßig für alle Thetle der Monarchie; der bezüglich der Prooinz Hannover ergangenen Verordnung von 1867 kann doch nicht der Sinn untergelegt werden, als ob an den ftüheren Vorschriften in Hannover bezüglich der Polizeikosten für all« Zeit nichts ge- ändert werden dürfe. Ich bitte, dem Kommisstonsantrag zu- �"�Jn letzterem Sinne äußern fich noch dieAbgg. Mooren und o. Rauchhaupt, während seitens der Abgg.Sperlich (Zentrum), Sattler und Zelle der Antrag Möllmann empfohlen und dahin erweitert wird, der Regierung nochmals eine gesetzliche Regelung der Materie für die ganze Monarchie zur Erwägung zu geben. DaS HauS enrscheidet mit schwacher Majotttät im Sinne deS KommisfionSantrages. Ueber die Petition deS RittergutsbefitzerS von Wenckstern zu Alfstedt, Kreis Lehe, betr. die Aufhebung des§ 5 deS hannoverschen Gesetzes von 1836 über die Ablösbarkeit deS LehnS- Verbandes, wird mit Rückstcht darauf, daß seitens der Minister des Innern, der Just z und für die Landwirthschaft die Auf- bebung deS hier ftaglichen Vereinzelungsoerbotes im Wege der Gesetzgebung in Ausficht gestellt ist, zur Tagesordnung über- gegangen. Im Wahlkreise 2. Minden find am 5. November 1885 gewählt 1. der Hofprcdiger Etöcker in Berlin, 2. der Gutsbe- fitzer Meyer zu Selhausen, Beide nur mit einer Stimme Majorität, 3. der Ziegeletbefitzer S ch n a t s m e i« r mit 559 von 631 Stimmen. Die WahlprüfungS-Kommisfion beantragt, die Wahl deS Abg. Schnatsmeier für giltig zu erklären, die Wahlen der beiden anderen Abgg. Slöcker und Meyer zu beanstanden und bezüglich der letzteren über verschiedene Puntte deS ein- ene« Protestes Beweis erheben zu lassen. ..ach längerer Debatte wird demgemäß beschlossen. Die Wahl der Abgeordneten Mahlstedt(5. Stade) Schäffer, v. Schenckendorff und Baier(8. Lieg- nitz, Görlitz-Laudan) und Franz(Jerichow l. und II.) werden ohne Debatte für gilt ig erklätt, ebenso entgegen dem Antrage der Kommisfion auf Beanstandung die Wahl des Abg. SimonvonZastrow. Von Landwitthen auS 110 Ortschaften der Provinz Posen wird um den Erlaß gesetzlicher Bestimmungen zum Schutz der darniederliegenden Landwirthschaft petitionirt. Die Kommisfion deantragt eine motivtrte Tagesordnung, in welcher auf die Annahme der lex Huene, die Erhöhung der Schutzzölle, die Annahme des Antrags v. Huene-Kardorff zur Wayrungsfrage verwiesen und weiter ausgesprochen wird, daß P-titionen auf Einführung cineS WollzolleS auch beim Reichs- tage eingereicht find und daher diese Frag« jedenfalls von diesem in nächster Zeit erörtert werden wird, endlich, daß durch das dem BundeSrath vorliegende Gesetz über Einführung deS Bram-tweinmonopols die Besteuerung des Spiritus von Grund aus geregelt werden soll. Abg. Janssen(Aachen) polemrfirt gegen die Befürwor- tung deS Wollzolls; die Industrie könne mit deutscher Wolle allein nicht auskommen. Abg. v. R a u ch h a u p t will stch eines Eingehens m extenso auf die Petita enthalten, da bereits in der Etatsberathung seitens der Konservativen da« Nötbige gesagt sei und es nicht bezweifelt werden könne, daß die Regierung ernsthast auf Abhilfe denke. Bei der Krifis, die über die Landwirthschaft hereinbreche, müsse aber wenig- stens wiederum auch au» dem Hause Zeugniß dafür abgelegt werden, daß die Konservativen den ganzen Ernst der Lage er- fassen. Set auch das Branntweinmonopol als abgelehnt zu betrachten, so werde doch die Regierung Mittel und Wege suchen, den Verfall der preußischen Branntweinbrennerei zu verhindern. Eins habe die Regierung schon jetzt in der Hand, nämlich auf die Ausführung der Spritklausel im spanischen Handelsverträge derart zu achten, daß nicht, wie es nach Zei- tungSnotizen mehr und mehr geschehe, rusfischer Sprit in Hambmg als deutscher Sprit cxportirt werde. Sie müsse darauf hinwirken, daß nicht mehr der spanische Konsul in Hamburg allein über die Ausstellung von Ursprungsattesten zu befinden habe. WaS den Wollzoll anbetteffe, so würden die Wollzollindustttellen fich dadurch jeder Besorgniß ent« schlagen können, daß fie die Bestrebungen zur Hebung deS BrernereigewerbeS unterstützten(hört, hört! und Heiterkeit links), denn die Landwitthschast werde den Wollzoll nicht brauchen, wenn der Brennerei kräftig aufgeholfen wird. Mit diesen beiden Erwerbsquellen, dem Schaf und der Kartoffel, stehe und falle der Osten der Monarchie. (Widerspruch links.) Jedenfalls werde seitens der Konservativen Alles, waS in ihrer Macht stehe, an Anregungen, Anträgen u. s. w. geschehen, um der Nothlage der Landwirthschaft und der Kommunen abzuhelfen, wenn der Reichstag fich weiter weigere, die erforderliche Abhilfe durch Gewährung neuer Mittel zu schaffen.(Beifall rechts.) Abg. v. Ttedemann(Bomst) schließt fich diesen Aus« sührungen in allen Punkten an und bemertt bezüglich der Spritklausel, daß fich j-tzt in Hamburg die Praxis heraus- gebildet habe, russischen Sprit an der Börse zu kaufen, ihn in Hamburg rettifiziren zu lassen und mit der vom Hamburger Senat ausgestellten Bescheinigung über die dott erfolgte Rcftt- fikation dem spanischen Konsul den Beweis deS deutschen Ursprung? dieses Sprits zu führen, was von jenem alS ge- nügend erachtet werde. Damtt sei die preußische Brennerei in Hamburg, das ja— in dieser Beziehung„leider"— zum Deutschen Reich gehöre(Unruhe links), konkurrenzunfähig ge- macht. Regierungskommiffar Generalinspektor deS Kataster? G a u ß erklärt, daß die Regierung der Lage der Landwitth- schast unausgesetzte Aufmerksamkeit zuwende und auch die heutigen Anregungen in eingehendste Erwägung nehmen werde. Abg. Wehr(Könitz, natlib.) bittet die Konservativen. doch nicht immer blas mrt Worten, sondem auch endlich mu Thaten, mit pofitiven Anttägen zu kommen, wenn fie Minister vor fich sehen, welche die Nothlage der Landwirthschaft nicht erkennen. Abg. Meyer(Breslau): Daß die Brennerei in Deutsch- land sich zur Zeit in einer Noihlage befindet, erkennen wir an, aber der Grunv ist hauptsächlich die ungeheure Produttions« steigerung. Spiritus ist an fich kein WeltmarltSartikel(Lachen rechtS); jedes Land kann fich seinen Bedarf an EpttttuS allein erzeugen. Von den 120 Millionen Liter, die der Weltmartt braucht, produzitt Deutschland zwei Dritttl. Wo sollen denn neue Absatzwege und Verwendungszwecke auSfinvig gemacht werden? In dieser Sackgasse befinden fich jetzt die Spiritus« industriellen. Herr v. Rauchhaupt appellirt an den Reichstag, er entwickelt damit doch mindestens denselben Eifer für die Brennerei deS Ostens wie für die Besserung der Reichs- finanzen. Wenn nichts Anderes hinter Ihren Vorschlägen steckt als die Einführung oder Erhöhung der Exportprämien» da in werden Sie, wie die Zuckerindustrie zeigt, zwar die Brennerei ruiniren, nicht aber der Landwitthschast irgend einen Dienst leisten.(Beifall links.) Abg. v. Tiedemann(Bomst) bestteitet die Richtig- keit dieser Ausführungen; die Erportprämie allein könne die Brennerei- Jndusttte Rußland gegenüber wieder konkurrenzfähig machen. Abg. Dirichlet: Trotz der anfänglichm guten Vorsätze des Abg. v. Rauchhaupt befinden wir unS nun doch inmitten einer der schönsten agrarischen Debatten. Zunächst trete ich den Ausführungen deS Abg. Meyer meinerseits durchweg bei. Mit der Thatiache, daß Hamburg zum Deutschen Reiche gehört, müssen wir doch ebenfalls rechnen; WaS soll man denn dazu sagen, wenn hier die GeschäftSpraxiS bamdurgischer Behörden so unqualifizirbar angegriffen wiro* (Gelächter rechtS.) Wegen der Soritklausel hätten fich die Herren doch an die Weisheit des Reichskanzlers bei der Be- rathuna des spanischen Handelsvertrages wenden sollen! Aus- schließlich von Säiafen und Kartoffeln lebt der Osten keineS« wegS(Lachen rechts!, jedenfalls wird der den Wollindustrtellen gegebene Rath, die Einführung eines Wollzolls zu fördern. dem Osten keinen Vortheil bringen. Abg. Meyer(Breslau) trttt nochmals für seine Aus« faffung ein. Abg. v- Tiedemann(Bomst) verwahtt fich dagegen, den Hamburger Senat angegriffen zu haben. Der Kommisstonsantrag wird darauf angenommen und um 4'/« Uhr die Sitzung vettagt. Nächst« Sitzung Freitag 11 Uhr.(Kanalvorlage.) Kommunales. w. Senkung des Wasserspiegels der Spree. Seiten? deS Ministers der öffenttichen Arbeiten ist der Magistrat unter Hinweis darauf, daß der Landtag den seiner Zett geforderten Kostenbetrag für die Regulimna der Spree abgelehnt habe, weil eine stärkere Heranziehung der Stadtgemeinde Berlin zu den Kosten vermißt werde, berettS in mehreren Reskripten auf- gefordett worden, durch Zahlung eines Kostenbeitrages fich an dem Projekte der Spreeregulirun a und der Senlung de? Wafferspiegel? zu betheiligen. In Folge dieser Aufforderung und nachdem die Mühlendammgrundstücke von der Stadt« meinde erworben worden find, ist der Magistrat der Frage näher getreten, welche Stellung die Stadtgemeinde dem Spree« regulirungsprojekte gegenüber einzunehmen habe. Seitens der Slaatsbehörden ist ein SpreeregulirungSprojekt aufgestellt, welches in Ausstcht nimmt, den Hauptarm der Spree für einen Ver« kehr von SchiffSgefäßen von 65 m. Länge, 8 m. Breite und 1,25 m. Tiefe ganz geeignet zu machen und durch Vertiefung der Spree bis Spandau einen Wafferverkehr zu ermöglichen, der in ungleich größerem Umfange wie bisher die Stadt Berlin an daS ganze in Norddeutschfand vorhandene Kanal- und Flußnetz anschließt. Durch die mtt der Ausführung diese? Projettes verbundene Senkung d«S HochwasserspiegelS der Spree würde eS möglich werden, die innerhalb der Sladt vor- bandenen Klappenbrücken zumeist ohne Anrampungen fest im Niveau der Straßen in feste Brücken umzuwandeln. Ferner würde durch Senkung deS HochwasserspiegelS der Spree da? Anwachsen der Gmndwafferstände entsprechend vermieden werden, wodurch die Gesundheitsverhältniffe verbeffett, auch für große Gebiete der Stadt eine Trockenhaltung und. damit verbunden, eine bessere Verwertbung der Kellerräume ermöglicht werden würde. Zu diesen Vor« theilcn überwiegend kommunaler Natur treten die Vortheile, welche aus jeder Verbesserung der Verkehrswege dem Handel und dem Gewerbe erwachsen. Die Erleichterung deS Schiffs verkehrS würde, wie erfahrungsmäßig überall, auch für Berlin eine Steigerung deffelben herbeiführen und mit einer wegen des Verkehrs größerer Schiffsgefäße wahrscheinlichen Fracht- Ermäßigung auch«ine Verbilligung der Angehenden Produu« (Holz, Kohlen, Steine ic.) bewirken. Diesen Vottheilen gegerv über hält der Magisttat eine Betheiligung an dem Projekte für angezeigt und wird demgemäß bei der Stadtverordneten- Ver« sammlung beantragen, dieselbe möge fich damit einverstanden und bereit erklären, mit dem Magistrat in gemischter Deputation darüber in Berathung zu treten, ob und in wie weit die Stadtgemeinde Berlin zu dem Projekte der Spreeregultrung und Senkung des HochwasserspiegelS der Spree eine Beihiii« gewäbmr«l Äui.0t0tium � städtischen Markthalle» hielt am Mittwoch Vormittag unter dem Vorsitz deS Oder Beschlüsse gefaßt wurden. Es wurden sämmtliche ödere«e- Ä Ä Ä" gCW->. daß dieselben in andere Hände übergehen könnten, von der Wahl ausgeschlosien worden und das Amt eine? Geschäfts- Vermittlers nur auf Personen übertragen worden. Ferner wurden drei Inspektoren und scchS Assistenten, und zwar von den letzteren drei für die Zentralballt in der Neuen Friedrich- straße und drei für die anderen Markthallen gewählt. Sobald die Markthalle von der Bauverwaltung dem Kuratorium über- geben sein wird, wird den Händlern eine Frist von 8 bis 10 Tagen zur Einrichtung gelasien werden und alsdann die- selben eröffnet werden. Die Ansicht Einzelner ging dabin, daß der Eröffnungstermin am ersten Montag des Monats Mai er- folgen werde. Schwierigkeiten der Eröffnung bietet noch das RetchstagSufer.__ Lokales. Der Bau der Nothbrücke oberhalb der Moltkebrücke ist, nach der„Volks-Ztg.", so weit vorgeschritten, daß gestern die Pferdedahnschienen gelegt und mit Anlage der Gasleitung und Aufstellung der Gaskandelaber begonnen werden konnte. Auch die Geländer der Brücke an beiden Seiten deS Fuß- gängerweges sind schon vollmdet und eS ist zu erwarten, daß bis zum 1. April die neue Brücke dem Verkehr übergeben werden kann. Ueber die Umgestaltung der Luftdruck-Bertheilung wird aus Hamburg, ck. ä. 23. März, geschrieben:„Am Sonn- abend, da Deutschland zunächst in der Höhe von warmer Luft aus West überfluthet wurde, lag eine Depression über England mit ihrem zentralen Theil nordostwärts von Schottland. Es scheint, als ob gleichsam die Anfüllung dieser Depression mit steigendem Druck das AuSeinanderschwemmen der warmen Luft veranlaßt habe, was mit den Gesetzen der Luftbewegung wohl in Einklang zu bringen ist, und wir sehen im besonderen Fall, wie das Innere der Depression am Sonntag Morgen 5 Millimeter und am Sonntag Abend 10 Millimeter Drucksteigcruna erfahren hat, wobei sich das Gebilde schwachen Druckes nach Skandinavien und sodann nach Rußland verschob. Die nun folgende Dlucksteigerung vollzog sich schnell, daS Barometer stieg in Finnland 20, bei uns 12 Millimeter, und leichter Ostwind st-llte sich in Deutschland ein. Aber trotz deS hohen DiuckeS blieb der Himmel noch bewölst. Zugleich erschien im Westm Irlands am Dienstag schon wieder eine neue De- presfion, welche den Ostwind in Südost verkehrte. Zwei Ur« fachen, einmal die Bewölkung, sodann die mehr südliche Rich- tung des Winde«, machten sich nun geltend, um den auf Er« kaltung abzielenden Einfluß des Gebietes hohen Luftdruckes sehr abzuschwächen." Für eine Reform der Personen-Besörderung auf de« Etsenbahne« agitirt man jetzt von verschiedenen Seiten auf daS Lebhafteste. In der That ist eine Einheitlichkeit auf dem Gebiete des Personen- Verkehrswesens auch auf den prcußi- schen Staatsbahnen, trotzdem nun schon einige Jahre seit der Verstaatlichung der Privatbahnen vergangen, noch nicht zu de- merken. Der Abweichungen und Separat-Bestimmungrn auf den einzelnen Bahnstrecken ist noch immer eine so große An- zahl vorhanden, daß Publikum wie Dienstpersonal sehr oft im Unklaren sind, waö zu Recht besteht und waS nicht. Die Schwierigkeiten, welche sich einer Reform entgegen stellen, find allerdings nicht zu unterschätzen. Einmal spielt die Tartffrage dabei eine große Rolle, dann wird sich die Beseitigung mancher von früher überkommenen Sonder-Einrichtungen, die an sich dem großen Ganzen gegenüber zwar unberechtigt, aber den Betherligten sehr annehmlich geworden find, nur mit Schwierig- ketten durchfühlen lassen, und endlich lassen sich auch die gegen- wältigen Betriebs- Einrichtungen nicht ohne Weiteres einer durchgreifenden Reform anpaffen. Die Vorschläge, welche ge- macht werden, zielen hauptsächlich auf eine Verringerung der Wagenklassen und eine Herabsetzung der Tarife hinaus. Von der einen Seite wird vorgeschlagen, nur zwei Klaffen zu bilden mit einem Tarifsatz von 4 Pf. pro Kilometer in der 1. Klasse, und 2 Pf. pro Kilometer in der 2 Klaffe, sowie einer geringen Erhöhung dieser Sätze für Schnellzüge. Andererseits wird die Beibehaltung von 3 Klaffen, unter Wegfall der jetzigen 1. Klaffe empfohlen. In beiden Fällen würde jedoch unter An- nähme der letztjähriaen Frequenz ein Einnahme-Auifall von 30—40000000 Mark entstehen. Man nimmt freilich an, daß die Frequenz in Folge der billigeren Beförderungspreise so erheblich steigern wird, daß diese Minder-Einnahme sehr bald auSgeglich-n wird, aber bei der jetzigen Finanzlage scheint wenig Neigung vorhanden zu sein, auch nur vorübergehend sich der Gefahr eines Ausfalls auszusetzen. Wichtig für Droschkenkutscher. Am 2. Mai 1885, Vormittags gegen 10 Uhr, kam der Droschkenführer Z.... mit der von ihm geführten Droschke I. Klasse Nr. 101 nach dem Bahnhofe„Friedrichstraße" gefahren. AlS derselbe neben der dort aufgrfahrenen ersten Droschkenreihe angelangt war, wurde ihm von einem Herrn, welcher in der Georgenstraße stand, gewinkt. Z... fuhr dorthin und nahm den Herrn als Fahrgast auf. Der diensthabende Polizeibeamte hatte von den vor dem Bahnhofe mit ihren Gefährten Aufstellung genommen habenden Droschkenführem die Blechmarken bereits abgenom- mcn. Wegen Ucbertretung des§ 48 des Droschken- Reglements für Berlin vom 20. Januar 1873 wurde Z... durch Erkennt- niß des königl. Schöffengerichts l. Berlin vom 10. Juli 1885 zu einer Geldstrafe von 3 M. event. 1 Tag Haft verurtheilt, darnach aber durch Urtheil der VI. Straftammer des königl. Landgerichts l Berlin vom 20. Oktober 1885 freigesprochen. Die seitens der königl. Staatsanwaltschaft gegen dieses frei- sprechende Erkenntniß eingelegte Revision rügte Verletzung deS § 48, welcher lautet: „Jeder Kutscher, welcher sich mit seinem Fuhrwerk auf einem Eisenbahnhofe zur Aufnahme mit dem Zuge ankommender Retsender aufstellt, hat die Blechmarke mit der Wagennummer an den dieselben einsammelnden Beamten nach genommener Aufstellung abzugeben. Kutscher, welche nach beendeter Abnahme der Marken noch auffahren, haben sich zuvor bei dem betr. Beamten unter Abgabe der Marke zu w.lden." Die Annahme deS Vorderrichters, daß der Angeklagte der Uebertretung dieser Verordnung nichtschuldig, weil er noch keine Aufstellung genommen gehabt, widerspricht nach der AuS- leguna der Königlichen Staatsanwaltschaft dem Sinn und dem Wortlaut der Verordnung, welche einmal absichtlich das Wort„auffahren" im Gegensatz zu dem Worte„aufstellen" ge- braucht, sodann die Aufrechterhattung der Ordnung auf den Halteplätzen bezwecke, was durch ein unangemeldetes Auffahren nach Abnahme der Marken vereiteft werden kann. DaS königliche Kammergericht zu Berlin hat die Revision auS fol- genden Gründen verworfen:»Die Gegenüberstellung der Worte„nach genommener Aufstellung" und„zuvor laßt .................................. L äßt erkennen, daß einerseits die vor Einsammlung der Marken auf- gefahrenen Kutscher sich zunächst aufzustellen und demnächst ihre Marken abzugeben haben und daß andererseits die nach der Einsammlung auffahrenden Kutscher, bevor sie sich aufstellen, sich bei dem vicusitbuenden Beamten melden sollen, um letzteren bei der Kürze der Zeit bis zur Ankunft deS Zuges rechtzeitig von ihrer Anwesenheit und Verwendbarkeit Kenntniß zu geben. Es hat die Blechmarkt einen doppelten Zweck. Durch dieselbe soll erstens den ankommenden Reisenden die Garantie geboten werden, daß sie für sich und ihr Gepäck Fahrgelegenheit vor- finden; daS erhellt sowohl aus der Bestimmung deS§ 48, Absatz 5, wonach die Kutscher ohne Fahrgast den Halte- platz erst dann verlassen dürfen, wenn ihnen der Beamte die beendigte Cxpedirung des Reisegepäcks anzeigt, als auch auS der unter Nr. 2 desselben Paragraphen =%%%% soll aber zwiftenS durch die Markenabgabe auch den Kutschern die größere Wahrscheinlichkeit geboten werden, daß sie eine Fuhre erhalten, und zwar bestimmt sich hierbei die Rrihenfolge nach der Zeit der Auffahrt. DaS geht hervor auS der Er- gänzungS-Verordnung, welche außer den Droschken nur Hotel- gefährte als Beförderungsmittel zuläßt. AuS diesen beiden Gesichtspunkten hat der§ 48 offenbar für die ver- spätet eintreffenden Kutscher eine sofortige Meldung inS Auge gefaßt, um einerseits den Beamten von ihrer Verwendbarkeit zu benachrichtigen und um andererseits eine Benachtheiligung der ihre Marken abgegeben haben- den Kutscher durch unbefugte Aufnahme von Reisenden seitens deS verspätet eingetroffenen Kutschers zu verhindern. Insofern würde der Angeklagte, wenn er entweder Aufstellung genommen, ohne vorher seine Marke abgegeben zu haben, oder wenn er im Vorbeifahren einen angekommenen Reisenden auf- genommen hätte, sich strafbar gemacht haben. Nach der that- sächlichen Feststellung deS Vorderrichters hat er aber weder das eine noch daS andere gethan; ob er die Absicht gehabt, sich am Bahnhof aufzustellen, ist unerheblich, da er dieselbe nicht zur Ausführung gebracht hat. ES könnte sich sein Verhalten höchsten? als ein Versuch der Uebertretung des§48 darstellen, welcher auch bei Polizeigesetzen, wenn es nicht ausdrücklich anders bestimmt ist, strafbar bleibt. Unter der Bezichtigung, seinen eigene« Vater er- mordet z« haben, meldete sich gestern Abend im 55. Polizeirevier ein ca. 14jähriger Knabe. Er nannte sich Franz Karl und wollte in der Franzsiraße wohnen. Die Angaben haben sich alS unwahr erwiesen. ES wird vermuthet, daß der frag- liche Knabe einen schlechten oder dummen Streich begangen hat und seinen Eltern entlaufen ist. Derselbe ist 1,50 m groß, hat blondes, krauses Haar und graubraune Augen. Bekleidet ist er mit dunkelblauem Winterüberzieber, dunkelbraunem und roth- gesprenkeltem Jacketanzug. Mittheilungen über diesen Knaben, welcher in polizeilichem Gewahrsam geblieben ist, find der Krt« minalpolizei zu machen. Et« Rentier und Hankbesttzer wurde betroffen als er Unter den Linden einer Dame ein Taschentuch aus der-Mantel- tasche herauszog. Eine Durchsuchuna seiner Wohnung hat zur Auffindung von nicht weniger alS 75 Taschentüchern geführt, welche die verschiedensten Zeichen tragen und anscheinend sämmtlich Damen entwendet worden sind.— AlS der Fall bekannt wurde, hielten sich die meisten- Blätter verpflichtet, von „Kleptomanie" und dergleichen zu sprechen. Wir können dem- gegenüber nur an daS alte Sprichwort erinnern, daß die Katze da» Mausen nie läßt, und eS dürfte nicht ganz unwahrscheinlich sein, daß dieser„Rentier und Hausbesitzer" sich überhaupt durch ähnliche Manipulattonen— natürlich en gros— in den Besitz seines Hauses und seines Vermögens gesetzt hat. Hat nicht Jeder, der eine Million besitzt, nach dem Ausspruche eines Sachverständigen, einmal daS Zuchthaus gestreift? Die Leiche« der in da« LetchenschanhanS einge- lieferte« Fra« Grieger und ihrer beiden Kinder werden voraussichtlich im Lause des heutigen TageS gerichtlich obduzirt werden. Da ein Verbrechen durch dritte Personen ausge- schloffen scheint, so wird die Untersuchung sich darauf be- schränken. Die Beerdigung wird übermorgen auf dem Be« gräbnißplatz der ZionSgemeinde stattfinden. Gerichts-Zeitmig. P. Um eine Hand voll Heu. Ein echter„Bauern-Pro- zeß" unterlag gestern den G-ichworenen des Landgerichts II zur Beurtheilung. Vor den Schranken des Schwurgerichts er- schienen wegen Meineides angellagt: 1. die verehelichte Bauet- gutsbefitzer Wilhelmine Peter, geborene Löwenstein aus Groß- Schönebeck bei Bernau, 2. deren Schwester, unverehelichte Marie Löwenstein.— Den beiden Angeklagten wird zum Vor- wutf gemacht, im Februar v. I. vor dem Schöffengericht zu Bernau in einer Strafsache gegen den Bauerguttbefitzer Kamnitz und dessen Sohn eine falsche Aussage abgegeben zu haben und zwar als Belastungszeugen zu Ungunsten der beiden Angeklagten. Wie gewöhnlich ber derartigen Prozeffen, die so zu sagen„bei den Haaren herbeigezogen" werden und sich um Nichtigkeiten drehen, lag ursprünglich auch dem gegen die Kämnitz eingeleiteten Strafverfahren als bewegendes Clement nur die zwischen der Löwenftein'schen und der Kämnitz'schen Familie bestehende Feindschaft zu Grunde, deren Entstehung von einem abgelehnten Heirathsantrag herdatirt. Die Gegen- partei hatte nun, von ihren feindseligen Gefühlen geleitet, gegen Kämnitz, Vater und Sohn, die Beschuldigung erHoden, daß Beide am 16. September 1884 von der Löwenftein'schen Wiese Heu entwendet haben. Gegen Kämnitz wurde darauf- hin das Strafverfahren wegen Vergehen« gegen daS Feld- und Forstpolizei- Gesetz eingeleitet und die Löwenstein sowie ihre Schwester, die verehel. Peter, hatten als Belastungszeugen vor Gericht ausgesagt, daß sie an jenem Tage auf der Wiese mit Heuernte beschäftigt gewesen, als Kämnitz Vater und Sohn mit ihrem Wagen voroeilamen, daß dann der Sohn von dem letzteren heruntergesprungen und von einem hart am Wagen lagernden Heustapel ein geringes Quantum wegnahm-, viel sei es zwar nicht gewesen— sondern nur etwa„ein Arm voll".— Die Beweisaufnahme ergab jedoch, daß zur fraglichen Zeit Kämnitz mit seinem Sohne sich in Berlin befand; auf Grund dieses untrüglichen Alibideweises erkannte daS Schöffengericht auf Freisprechung von Vater und Sohn. Diese kehrten nunmehr den Spieß um, und wegen Meineides angeklagt er- schienen die Löwenstein und die Peter vor den Schranken. Im Auvienztermin brhanten die Angeklagten bei den von ihnen vorhergemachtcn Aussagen und sie behaupteten steif und fest, den Sohn des Kämnitz, sowie dessen Wagen bestimmt erkannt und bei der Wiese gesehen zu haben. Ihre Bemühungen, dies zu beweisen, scheiterten jedoch, denn es waren von nah und fern Zeugen geladen, welche daS von Kämnitz früher vor dem Bernauer Schöffengericht beigebrachte Alibi aufrecht erhielten; unter den Zeugen befand sich auch der Hausknecht jenes Ber- liner Gasthofs, in dem Kämnitz und Sohn am 16. September genächtigt. Trotzdem nun den Angeklagten die Unrichtigkeit ihrer früheren Aussage nachgewielen war, erschien auS dem Er- gebniß der Beweisaufnahme die Möglichkeit zu Recht, daß eine Perfonen-Verwechselung die Angeklagten damals irregeleitet.— Die Geschworenen verneinten bezüglich beider Angeklagten die Schuldfragen und demgemäß lautete das Urtheil auf Frei- sprechung._ Uerewe und Uersammlungen. tb. Zur Besprechung de« BefähtgunaSnachweife« für Kranen fand am 23. d.M. eine öffentliche Arbeiterinnen- Versammlung statt, zu der auch Männern der Zulritt gestattet war. Etwa 1000 Personen mochten anwesend sein. Frau Dr. 5)ofmann, von der Versammlung zur ersten Vorsitzenden gewählt, erinnerte daran, daß der Verein der Arbeiterinnen, wenn auch die Bestrebungen der Arbeiterinnen vielfach Hohn und Spott hervorrufen, sich die Ausgabe gestellt habe, die In- tereffen der Ardeiterinnen nach jeder Richtung hin zu wahren und energischen Protest zu erheben, sobald Gefahr im Verzuge fei. Und dies sei hier der Fall. Der Antrag auf Befähigungs- Nachweis für Frauen der verschiedensten Branchen, sobald sie nicht für den rtaenen Bedarf und mit Hilfe ftemder Arbeits- lräfte arbeiten, berge eine große Gefahr in sich. Wer da wisse, wie schwer eS den Arbeiterinnen werde, ihr tägliche» kümmer- liches Brot zu erwerben, wer da wisse, mit wie viel Ent- behrungen, Kummer und Sorgen daffelbe verbunden sei und dennoch oft hinter dem nothwendigen zurückbleibe, der müsse dringend wünschen, daß man den Arbeiterinnen auf jede mög- liche Weise entgegenkomme, ihnen die Möglichkeit des Erwerbes zu erleichtem suche, anstatt ihnen denselben zu erschweren. ES könne nicht oft genug betont werden, daß, wenn die Nothlage der weiblichen Arbeiter fortdaure, die Gesundheit und Sittlich- keit des Volkes im höchsten Maße gefährdet sei, und daß die ge- rechten Forderungen der Arbeiterinnen gewährt werden müssen. Wenn der Antrag auf Erbringung des Befähigungsnach» weises für Frauen und Mädchen Gesetz würde, so würde das- selbe das gerade Gegentheil von dem erwirken, was man jetzt von demselben erwarte; es würde die schädlichsten Früchte zeitigen,. denn die Arbeiterin würde selbst da Hindernisse und Schranken finden, wo sie heute noch nothdürftig ihr Auskommen fände. Ueberall, wo dieses Gesetz bestehe, habe dasselbe keineswegs eine Begeisterung für daffelbe entfacht, die zur Nachahmung reizen könnte. Die Frauen würden jede Einschränkung ihrer freien Berufsthätigkeit sehr bitter empfinden müssen und dir Folge des Befähigungsnachweises würde sein, daß alle die« jenigen, die denselben für eine Branche erbracht haben, alle diejenigen, die denselben nicht erbracht haben, auS der betr. Branche fem zu halten suchen werden, daß sich somit ein Dcnunziantenwesen herausbilden würde, daS sicher nicht schön zu nennen sei. Es sei vor Allem nothwendig, daß die Frauen wissen, waS über sie beschlossen werden solle und daß dann die Allgemeinheit ihre diesbezüglichen Wünsche erfahre.(Bei- fall.) Nach der Frau Vorfitzenden nahm der Abg. Herr Sin- ger daS Wort. Derselbe beleuchtete in längeren Ausführungen die Vorgeschichte deS betr. Antrages, sowie der ganzen Zunft- destrebungen, welche nur der konservativen Partei, welche im Volke immer mehr an Bodm verliere, weil sie die gemachten Versprechungen auf soziale Reformen nicht einlöse, ein wenig auf die Beine helfen sollen. Die nicht zu leugnende tiifirau« rige Lage des Handwerks sei eine Folge der kapitalistischem Produktionsweise und nur große und feste, die Handwerks. meistcr und Arbeiter umfassende Organisationen könnten der- selben einen Damm entgegensetzen. Ueber die vorliegende Frage sei im Reichstage bereits lebhaft debattirt worden. Wenn auch die Arbeiterpartei gewiß wünsche, daß ein Jeder in seinem Gewerbe allen an ihn gestellten Anforderungen zu genügen vermöge, so sei sie doch anderer Meinung, als die konservative Partei, betreffend die Mittel und Wege zur Erreichung diese» Zieles. Die Arbeiterpartei glaube, daß dadurch, daß die Lehr« linge in ihrer Lehrzeit weniger mit anderen Dingen, sondem ausschließlich in ihrem Berufe beschäftigt werden, daß ihnen genügende Zeit zum Besuche von Fortbildungsschulen, nicht deS AbendS oder am Sonntage, sondern während der Wochen- tage gegeben wird, tüchtigere Arbeitskräfte herangebildet werden können. Auch bekämpfe die Arbeiterpartei die ein- seit ge Ausbildung der Lehrlinge. Diesbezügliche Bestimmungen enthalte der Arbeiterschutzgesetzentwurf, die besser wirken würden, als alle konservativ.innungS. politischen Hilfsmittelchen. Dem Handwerke könne nur geholfen werden, wenn eS sich auf die breiten Massen der Arbeiter stütze. Die Handwerksmeister würden immer mehr der Arbetterpartei zugedrängt werden, weil diese die einzige sei, welche ihnen Hilfe bringen könne. Auch in praktischer Hinficht sei der Befähigungsnachweis undurch- führbar, da die Gewerbe heute derartig in einander greifen, daß sie nicht mehr von einander zu trennen seien. Ein ab. schreckendes Beispiel sei Oesterreich, wo derattige Gesetze bereits bestehen. Dieselben Leute, dir dieselben herbeigewünscht. petitioniren jetzt um Beseitigung derselben. Dies sei be« zeichnend für die Kurzfichtigkeit der Parteien, welche glauben, durch Festhalten am Alten, durch Galvanifiruna einer Leiche, dem Anströmen der Hochfluth einer neuen Zeit einen Damm entgegensetzen zu können. Erst heute sei im Reichstage darüber verhandelt worden, den Jnnunarn Korporation, rechte zu verleihen. Die Fraktion sei der Anficht, daß den Innungen keinerlei Rechte vorenthalten werden sollen, um sie desto schneller zu der Ueber- zeugung zu bringen. daß doch AlleS nichts nütze, und werde deshalb dem Antrage zustimmen. Sie erwarte aber daiür, daß auch, wie im Arbeiterschutzgesetze gefordert sei, den Arbeiterverbänden und fachgewerblichen Organisationen Korporationsrechte ver- liehen werden.(Stürmischer Beifall.) Die Arbeiterpartei nähme sehr gern alleS Gute, von welcher Seite es auch käme. doch müsse sie entschieden dagegen Verwahrung einlegen, dasi um ein Körnchen Gutes willen viel Schlechtes in wirthschast. Beziehung eingeführt werde. Doppelt %%%&%&&%,%%%% gebunden fei. Die Verwirrung würde eine heillose sein. Wenn sich die Gesetzgeber 4 Wochen im prakiischen Leben bewegen und umsehen würden, so würden fie nicht derartige Anträge stellen. Wrr verlangen, daß die freie Entw ck.lung der per- Allgemeinheit, der Familie, des Einzelnen zum eigenen Nutzen auszubeuten.(Anhaltender Beifall) Eine lange Diskussion Aloß st-b an. FU.Wadnrtz wünschte Fachschulen, in denen die Madchen ausgebildet würden. Heute würden die„Lehrmädchen" nach 3-4 Wochen entlassen, unfähig, sich fernerhin zu erhalten. Da» Gesetz würde nur eine Zwangsjacke für die Arbeiterinnen sein. Frl. Jagert wies auf die Nachtheile hin, die sich auS der Bestimmung ergeben würden, daß nur Personen von 24 Jahren den Befähigungsnachweis zu erbringen berechtigt sein sollen und empfiehlt ebenso wie Frau Gubela und Herr Sin« ger, den Beitritt zum Arbeiterinnenoerein. Von den anwesen« den Männern sprachen noch im Sinne der Vorredner die Herren Winter, Günther, Schulz. Zubeil u. A., Herr Braun „„_______________________ sich den Ausführungen der grau Dr. Hofmann und deS Reichs« tagsabgeordneten Herrn Singer einverstanden, erblickt in dem verlangten Befähigungsnachweise eine Einschränkung und Ver- schlimmerung der ohnehin schon trostlosen Erwerbsverhältniffe der Frauen und giebt der Erwartung Ausdruck, daß der ein« gebrachte Gesetzentwurf nicht zum Gesetz erhoben wird. 2. Die heute jc. erklärt sich mit den Ausführungen deS Referen- ten, Herrn Reichstag, abgeordneten Singer einverstanden, ver- wirft die reaktionären Bestrebungen der JnnungSmeister und halt nur an dem von der sozialdemokratischen Härtet einge- Wkn Arbeiterschutzgesetz fest, weil nur in diesem Antrage daS Wohl der ardertenden Klassen liegt." * Der Fachverein der Former und verwandten Be« rufSgenossen hrelt am 21 d. M. in Krieger'S Salon, Wasser. thorstraße 68, eine Mitgliederversammlung ab. Der Vorfitzende ch-ilte zunächst mit, daß der Kollege Jansen verstorben sei. Die Anwesenden erhoben sich zu Ehren deS Verstorbenen von den Sitzen. Hierauf hielt Herr Körsten einen Vortrag über: „Welthandel und nationale Produttion", welcher von�den Ver- sammelten sehr be, fällig aufgenommen wurde. In der sehr lebhaften Diskussion sprachen sich sämmtliche Redner im Sinne des Referenten aus. Besonders gemißbilligt wurde, daß die deutschen Fabrikanten ihre Waaren mit Vorliebe unter fremder Flagge segeln lassen. Man lese z. B. oft„Lioner Seide"; da- bei kommt fie oft auS Krefeld;„Brüsseler Spitzen" werden in Meerane geklöppelt ,c. Der Betrug ginge noch weiter; statt Eisen nehme man Zink, statt Äesstng Blei und statt Blech Papier und dann überziehe man die Waaren mit schlechten Lacken. Man brauche sich nicht darüber zu wundern, daß Amerika uns in kurzer Zeit bedeutend überflügelt habe. Dieser junge Industriestaat habe gleich zu den neuesten und besten Hilfsmitteln gegriffen, die Großproduktion sei dort mehr entwickelt als in Deutschland; dazu käme noch, daß jährlich tausende unserer besten Arbeiter dorthin auswandern, weil fie hier nicht mehr das finden, wat sie nothwendig brauchen, um leben zu können. Die deutsche Industrie sci den Krücken des handwerksmäßigen Kleinbetriebs in die Hälfte des Jahrhunderts des Dampfes hineingehm habe noch stets mit alten Traditionen zu rechnen(Befäh aungZ« Nachweis jc.), und erst nach langem, viel Kralt und Geld ver« zehrendem Widerstand würde fie dahin gelangen, wo andere Nationen schon längst angelangt find. CS wäre auch höchst nothmendig, daß die Arbeiter endlich einsehen, daß nur durch «ine stramme Organisation etwas zu e. ringen sei. Man müsse immer und immer wieder dem Gesetzgeber daS Elend der Massen vor Augen führen, denn nur durch StaatSHUfe sei eine dauernde Abhilfe der heutigen Mißstände zu erwarten. Die Brücke hierzu sei die Organisation der Arbeiter, denn Einigkeit macht stark. ES wurde den Mitgliedern anS Herz gelegt, tüchtige Pioniere in den Werkstellen zu sein und auch recht zahlreich auf daS„Berliner Volktblatt" und die „Deutsche Metallarbeiter- Zeitung" zu abonniren, indem diese Blätter die Interessen der Arbeiter vertreten. AlSdann beschloß die Bersammlung, dem in Lauchhammer ge« gründeten Fachverein der Former ein Glückwunschtelegramm zu übersenden. Zu diesem Zwecke wurde eine Tellersammlung veranstaltet, deren Ucberschuß zur Unterstützung fremder Kollegen, welche nicht Mitglieder dei FachvereinS find, verwendet wer» den soll. Sodann erstattete Herr MöweS den Kassenbericht pro Dezember— März. Die Einnahme betrug 141,10 M., die Ausgabe 134 M-, demnach bleibt ein Kaffenbestanv von 7,10 M. Dem Kasstrer Herrn Kö-sten murde Decharge er» theilt. Derselbe bedauerte, daß viele Mitglieder ihre Beiträge so unpünkilich bezahlen. Nach Erledigung deS FragelastenS schloß der Vorfitzende die Versammlung mit dem Bemerken, daß die nächste Versammlung am Sonntag, dm 11. April, im Norden Berlins stattfindet. Eine Versammlung der Graveure, Ziseleure it, tagte am Sonntag Vormiltag bei Lahm, Annenflr. 16, behufS Be» sprechung der gegenwärtig vorliegenden Anträge über den „Befähigungsnachweis." Insbesondere sollte zu der Petition der Münchener Kollegen an den Reichstag— welche auch für Graveure, Ziseleure rc. den Befähigungsnachweis verlangt— Stellung genommen werden. Im Laufe der recht lebhaften Diskussion wurde einersests betont, daß die BerufSgenossen zu allen Zeiten alS Repräsentanten einer freien Kunst betrachtet wurden; auch jetzt sollte man diesen Ruf aufrecht zu erhalten suchen. A- derersettS wurde entgegnet, daß auch die Kunst heute handwerksmäßig betrieben werde und kein Unterschied zwischen den Arbeitem wäre. Die vorerwähnte ver» meintliche Scheidegrenze dürfe nicht verhindern, daß alle Kollegen zu den auf Besserstellung der BerufSaenoffen hinzielenden Bestrebungen ganz bestimmte Stellung nehmen. Allerseits ward die Bereitwilligkeit ausgesprochen, zur Abhilfe der heutigen Mißstände in dem Gewerbe bereitwillig Unterstützung zu leistm. Da die Versammlung nur den Eharakter einer Vorbesprechung hatte, so wurden bestimmte Vorschläge nicht gemacht, vielmehr beschloffen, des Erörterte zu» vor in die einzelnen Vereine zu tragen und dort die Stimmung der Kollegen zu erforschen, alsdann soll die Angelegenheit einer großen öffentlichen Versammlung aller Berliner Kollegm zur Entscheidung vorgelegt werden. Zur Vorbereitung der nöthigen Schritte wurde eine Kommisston von drei Mitgliedern gewählt, bestehend auS den Herren Graveur Otto, Graveur Hanff und Ziseleur Ludwig. Die öffentliche Versammlung der Sattler und Fach» genossen, welche am 20. d. M. in Gratweil'S Bierhallen, Kommandantenstr. 77—79, tagte, war überaus zahlreich besucht. Die Tagesordnung lautete:„Wie verbalten stch die Koffer» und Taschenarbeiter zur Lohnbewegung?" Herr WirthS wieS darauf hin, daß speziell in der Reife- Effektenbranche mit Ausnahme weniger Werkstätten schlechte Löhne vorherrschend find. Verschiedene andere Kollegen konstatirten, daß in den meisten Werkstätten ein Akkordlohn von 12—15 Mark und ein Wochen- lohn von 7—12 Mark gezahlt wird. Die Arbeitszeit in diefen Werkstätten variirt von 10—14 Stunden per Tag. Der höchste Lohnsatz, welcher nur in einigen höchst vereinzelt dastehenden Werkstätten verabfolgt wird, ist 18—21 Mark.(Letzteres meist Werkführerlöhne.) Herr Gustmann führte aus, daß gegen diese Uedelstände durchaus Front zu machen sei, da bei solchem Lohne lein Arbeiter menschenwürdig existlren könne. Hierfür sprechen die Herren WirthS, Lorenz, Stegemaicr, Balz, Zick u. A. Herr Chapeau ermahnte die dem Verein fernstehenden Kollegen, fich diesem anzuschließen und machte in längerer Rede auf die Zwecke und Ziele deS FachvereinS aufmerksam. ES sei jede» Kollegen Pflicht, fich dieser Organisation anzuschließen, um die Mißstände im Gewerk zu beseitigen. Es wurde hierauf folgende Resolution«instimmig angenommen:„Die heute in Gratweil'S Bierhallen tagende Versammlung der Sattler und Fachgenoffen erklärt, daß alle dem Verein fernstehenden Kollegen dem Fachverein beizutreten und somit an den Interessen der Allgemeinheit mitzuarbeiten verpflichtet find. Ferner be« schloß vre Versammlung, eine neu organifirte Lohnkommisfion ins Leben zu rufen. Zu diesem Zwecke findet Sonnabend, den 3. April, in Gratweil'S Bierhallen eine Versammlung sämmt» licher Lattlergehilfen Berlins statt. TaaeSordnung: Wie ver» hält fich der Verein zur Lohnbewegung." 2. Wahl einer Lohn» kommisston. 3. Verschiedenes. Steglitz, 23. März. Eine öffentliche Versammlung der Zimmerleute von Steglitz und Umgegend, von mehr als 100 Personen besucht, fand am Sonntag, den 21. März, im Lokale deS Herrn Heinrich, statt. Herr Darge(Berlin) hielt einen beifällig aufgenommenen Vortrag über Zweck und Ziele des Verbandes deutscher Zimmerleute. Redner betonte Haupt» sächlich, daß die heutige ungünstige Lage der Zimmerleute durch Beikitt zum Verband deutscher Zimmerleute wesentlich gebessert werden könnte. ES sprachm fich in der Diikusfion sämmlltche Redner für die Gründung eines Lokal-VerbandeS für Steglitz und Umgegend aus; eine diesbezügliche Resolution wurde einstimmig angenommen. Sofort liefen fich 34 Mit- Slteder einzeichnen. In den provisorischen Vorstand wurden >err Pöhlmann zum Vorsttzenden und Herr Ritter zum Kasstrer gewählt._ Kleine Mitteilungen. New-Bork, 19. März. Von der Post des gesunkenm Dam- pferS„Oregon" find bis jetzt 37 Säcke geborgen. Darunter befinden fich: 11 geschlossene Säcke von London, 2 von Liverpool, 1 von Dublin und 1 von Cork, ferner 2 Säcke mit tingeschrie- benen Briefen von London, 2 von Basel und je 1 von Italien, Cork, Madrid, Frankreich und Petersburg, außerdem die schweizer Geldanweisungsltste, sowie Säcke für Nassau von London, Havana von Dublin, St. Louis von Liverpool, St. LouiS von Madrid und Mexiko von Madrid. 500 Fuß südlich von dem Wrack der„Oregon" ist eine rothe Boje ausgelegt, welche in schwarzen Buchstaben den Namen„Oregon" trägt und NachtS mit GaS erleuchtet wird. New'Nork, 21. März. Die Offiziere und Mannschaften deS verunglückten KunardvampferS„Oregon" find mit dem Dampfer„Catalonia" von Boston nach Liverpool abgereist. Von ankommenden Schiffen werden noch fortwährend Postsäcke vom„Oregon" in der Nähe des WrackS aufgefischt und hier gelandet. Di« hiefigm Bankhäuser offeriren eine Prämie von(5 Dollar für die Bergung einei jeden SackeS. Von den 593 Postsäcken, die ursprünglich an Bord waren, find bit jetzt 222 geborgen. Unter den zuletzt gefundenen Säcken find 6 mrt eingeschriebenen Briefen von Liverpool, Belgien, Frankreich und Rußland, eine GeldanweisungS» liste von Antwerpen, drei geschlossene Säcke von London, ent' haltend 3500 Briefe, und schließlich eine große ZeitungSvost. Raubmord im Etsenbahnwaggon. Aus New-Dork wird berichtet: Dieser Tage wurde in einem Zuge der Rock- JSland-Bahn ein furchtbarer Raubmord verübt. AlS der Kon» dukteur um Mitternacht den Waggon der United StateS-Exvreß» Company betrat, fand er den Agenten der Kompagnie ermordet auf dem Boden liegen und den Waggon seines Inhalts an Geld- und Werthsendungen beraubt. Der Agent war mu einem Schüreisen erschlagen worden, da dielRLuber wahrschein- lick gefürchtet hatten, durch Revolverschüffe fich zu verrathen. Offenbar hatte der Agent heftigen Widerstand geleistet, seine Hände waren krampfhaft geballt, in der einen hielt er eine schwarze, in der andern eine rothe Haarlocke. Die Einrichtungsstücke deS Waggons waren zerbrochen, die Wände mit Blut despritzt. Die Mörder hatten auS den Kaffen 20000 Dollars und ferner vierzig Pakete mit Juwelen geraubt und waren mit dieser Beute von dem in Bewegung befindlichen Train abgesprungen- Kriefkasten der Redaktion. E. W. 53. Sie müssen die FeuerverficherungS' Gesellschaft verklagen auf Zahlung von 5 M, gegen Rückgabe der Polize. H. Der mtt Ihrer Schwester adgeschloffene Verlrag kann seitens ver Gläubiger als ihnm gegenüber unwirksam anae- fochten werden, wenn Ihre Schwester nicht nachweist, daß ihr bei Abschluß deS Vertrags eine Abficht Ihrerseits, Ihre Gläu» biger zu bmachtheiligen, nicht bekannt war. N. H. 26. 1. Um beurtheilen zu können, in welcher Zeit Ihre Forderung verjährt, müssen wir deren Uffprung kennen. Die zweijährige Verjährung der Forderungen für gelieferte Waaren, Arbeiten jc. beginnt erst mit dem 31. Dezember deS» jenigen IahreS, in welchem die Forderung fällig geworden ist. Es wird also wohl genügen, wenn Sie bis zum 31. Dezember d. I. Ihrem Schuldner die Klage oder den Zahlungsbefehl zustellen lassen. Durch jedes ausdrückliche oder durch Theil- Zahlungen oder dergl. bekundete Anerkenntniß wird übrigens die Verjährung unterbrochen. 2. Sie müffen zu den Konkol» Versammlungen. � Ä. D. ES muß Ihre Erklärung genügen, daß Ihr Kind nicht getauft ist. K. D. Pankow. Ihr Schwager kann den 14tagigen Lohn fordern, muß aber natürlich den Ablauf der 14 Tage abwarten. Daß seine Mutter als Vormünderin die Klag« führt, ist nicht erforderlich, er kann vielmehr allein klagen. R. S. Die Adrcffen find uns nicht bekannt... Sattler L. Wir meinen jetzt oft genug darauf bingcwiesen zu haben, daß Berichte nur auf eine Seite deS PapterS ge» schrieben werden dürfen. Theater. >luß: Vorher: Donnerstag, den 25. Mär Osteruha»«. Toni'S Schatz. Zum Sylvia. Schausptelhau«. Die Bekenntnisse. Sympathie. Deutsche» Theater. Antigone. Wallner-Theater. Gastspiel deS Herrn ThomaS. Hasemann'S Töchter. Refide«,» Theater Frau Doctor, Schwank in 3 Akten von P. Ferrier u. H. Bocage. Be lle-Alltauee-Theater. Gastspiel deS Herrn Felix Schwcighofer: Sein Spezi. Friedrich> Wtlhelmstädtische» Tdeater. ver Zigeunerbaron, von Joh. Strauß. Walhalla- Theater. Das lachende Berlin. Heiteres aui der Berliner Theatergeschichte mit Gesang und Tanz in einem Vorspiele und 3 Akten von Jakobson und Willen. Loutsenstädttsche» Theater. Preciosa. «eutrat»Theater. Der Stabs- Trompeter. «ittorta» Theater. Meffalina. Oftead-Theater. Ein alter Husar, oder Treu dem König. Ameriea«» Theater. Große Spezialitäten- Vorstellung. Theater der ReichShalleu. Große Speziali- täten-Vorstellung. Kaufmann'» Variete. Große Spezialitäten- Vorstellung. Koukordia. Große Spezialftäten-Vorstellung. Alhambra-Theater. Wallnertheaterstraße 15.[851 Heute und folgende Tage: Schloß Greissenstein. Romantisches Schauspiel in 5 Allen nebst einem Vorspiel:„Zulima, die gefangene Türkin" von Charlotte Birch»Pfeiffer. Vor der Vorstellung: Hr. Rodert der Hauskapelle. Anfang de» lkonzert» Wochentag« 7 Uhr, der Vorstellung 7»/« Uhr. Anfang de» Konzert» Sonntag« 6 Uhr, der Vorstellung V/t Uhr. >«,» haben Wochentags Gilttgkeit und find im Theater dureau(12—1 Uhr) grast« zu haben. Passage 1 Treppe. 9 U. Morg KS 10 U. Ad.[852 Kaifer-Pauora«». Nur IGT diese Woche: Vom Feldzug 1870/7lT Eine Reist d. d. schöne Spanten. Hertha- Reise. Caro- l i n e n» Inseln. Ein« Reise 20 Pf., Kinder nur 10 Pf. Abonnement._ Nächste Woche: WtT Tdrol. Nschmf. Am 22. d. M. starb unser Kamerad, der Zim- merer H. Kubisch auS Deutsch Netkau in seinem 29. Lebensjahre. Derselbe war ein treuer Kämpfer und bewahrter Genosse. Sein An- denken ehren die Kameraden deS Zimmergeschäfts von Barsekow und Wolff.[1110 A« e. anft. Man« ist eine mödl. Schlaf- stelle zu vm. Barnimsk. 46, IV. j. Balzer.[1107 Oeffeutl. Versammlung sämmtlicher 1108 Möbelpolirer Berlins Donnerstag, den 25. d. MtS., AbendS 8'/» Uhr, im Lokale des Herrn Wohlhaupt, Manteuffel- straße 9. Sämmtliche Arbeiter der Pfaff'schen Fabrik find hierzu besonders freundl. eingeladen. Ii Ii 1 Deutsche Kunstgewerbe Lotterie. Ziehuna I« Mai in Kerlw 1•iL.. unwiberruflick a. J. L--st ä 1 Ml,.