Nr. 75 Sonnabend» den 27. Marz 1886. III. Jahrg. clMMyM Brgan für die Jntereffen der Arbeiter. An die Arbeiter Berlins! Mit dem Ablauf dieses Mona» find zwei Jahre verflossen, seitdem dieses Unternehmen, das.Berliner Volksblait", das einzige Albeiterblatt der Reichs« Hauptstadt, in« Lebe» gerufen worden ist. Von allen Seilen angegriffen, unter dem Druck eines strengen Ausnahmegesetzes und mit allen möglichen sonstigen Schwierigkeiten kämpfend, ist eS dem.Berliuer Volksblatt' dennoch gelungen, fich eine feste und achtunggebietende Stellung innerhalb der hauptstädtischen Presse zu erkämpfe» und zu behaupte». Wir fühle« uns getragen von jener große» Bewegung, welche alle vorgeschrittenen und selbstständizea Arbeiterkreise erfaßt hat, und wir wissen, daß auf diesem Verhältaiß unsere Stärke beruht. Ze stärker wir find, mit desto mehr Nachdruck können wir die Zateressen der Arbeiterschaft im öffentlichen Lebe» geltend machen. Dies möge« vor Allem Diejenigm begreife«, die e» bisher an Energie und Eifer für unsere Sache haben fehlen lassen. Es ist für ein publizistisches Organ heute nicht allzuleicht, der Arbeiterbewegung einer große» Stadt als Banner zu dienen; die Aufgabe kann ihm aber bedeutend erleichtert werden, wen» ihm genügend Sympathie, Unterstützung und Mitarbeit au» de» Arbeilerkreise» zu Therl werde». Wir wolle» und dürfen un« in dieser Beziehung nicht beklage»; wir haben zahlreiche und eifrige Freunde gefunden. Aber wa« wir erstreben, ist«och nicht erreicht; wir wolle», daß da«.Berli»er Volksblatt" eine Verbreitung erreicht, die dem Umfang der Arbeiterbewegung entspricht. Da« Organ der Berliner Arbeiter müßte von Rechtswegen das gelesenste Blatt in ganz Berlin sei«. E« müßte de» Stolz der denkenden und selbstständigen Arbeiter ausmache«, ihr Organ als da« verbreitetste und einflußreichste zu sehen. Wir verschmähe« die niedrige» Mittel der Konkurrenz, mit denen andere Unternehmungen das Publikum zu fange« bemüht sind. Wir wenden u«S an Kopf und Herz der intelligente« hauptstädtischen Arbeiterschaft und rufe» ihr zu: Euer Interesse gebietet Euch, da« Blatt, da» allein de» Kampf für Eure Sache führt, allen de» Blättern vorzuziehen, die Euch feindlich gegenüberstehe». Und mit Ausnahme des„Berliner Volksblatt" stehen alle Blätter Berlin» ohne Ausnahme der Klasse»bewegung der Arbeiter feindlich gegenüber. Wen» sie Euch auch manchmal schmeicheln, so kommt doch der Pferdefuß zum Vorschein, sobald Eure eigenste« Interessen in Frage stehe». Beherzigt die« und handelt darnach! Zur Arstebiiiiz ia DiMmtzesrh«. Wir waren in der letzte» Zeit mehrfach in der anae- nehmen Lage,««s anerkennend Über die Haltung de» deutschen Reichstags ausspreche» zu können. 3« der Polenfrage, bei verschiedenen Wahlprüfunge», beim Branntweinmonopol hat der Reichstag sich fest ge- zeigt; ei» demokratischer Hauch zog durch denselben. Aller« ding« verleugnet derselbe Reichstag beim Sozialistengesetz diese Haltung, doch ist«an an da« Schwanken de« Reichs« tags in dieser Frage schon seit Zahre» gewöhnt, daß da»- selbe kaum mehr auffällt. Aber auch bei einer anderen Frage ist die klerikale und deutschfreifinnig« Opposition gänzlich au« der Rolle gefallen. Wir meine» bei Berathuvg de» sozialdemokrati« schen Antrag« auf Aufhebung de« DynamitgesetzeS am vorigen Mittwoch. E« ist auch nicht ein Mitglied de« Reichstags, welche» mit dem Gesetz völlig zufrieden wäre. DaS Gesetz ist in Uebereilung gemacht worden und zwar zu einer Zeit, wo die ReichSdote» schon ihr Bündel geschnürt hatten, um nach der Heimath zu eilen. Juristische Ungeheuerlichkeiten btfi»dea sich in dem Ge« setz; das niedrigste Strafmaß für den Besitzer von Dynamit, der die polizeiliche Erlaubniß nicht nachgesucht hat, ist drei Monate Gefängniß. Und hätte bei Einführung des Ge« setze» nicht ein sozialdemokratische« Mitglied de» Reichstag« darauf aufmerksam gemacht, so würde obige Straf« auch den treffen, in dessen Behausung man Dynamit fände, auch wen» der Besitzer keine Ahnung vavon hatte. Es würde genügt haben, wenn irgend ei»„guter Freund' unbemerkt ein Päck« che« Dynamit Jemanden in« Gehöft oder in» Haus legte, um drei Monate in« Gefängniß zu spazieren. Diese Ungeheuerlichkeit wurde lediglich auf Anregung ehte« Sozialdemokraten au» dem Gesetze herausgebracht, in- dem da« Wort.wissentlich" w de» Entwurf aufgenommen wurde.— Da» Gesetz hat fich»un»ach keiner Richtung hin be- währt. Verbrecher find durch dasselbe bi» heute nicht ge- troffen worden, lediglich harmlose Leute, Arbeiter und Unter- nehmer, die von der Existenz de« Gesetze« gar keine Ahnung hatten und in Folge dessen die polizeiliche Erlaubniß zum Besitze de« Dynamit««»cht besaßen. De«halb halte» die Sozialdemokraten da« Gesetz für überflüsfig und zugleich für schädlich und hatte» eine- An- trag auf Aufhebung desselben im Reichstag eingebracht. Anstatt daß nun sämmtliche Parteien sich mit diesem zeitgemäße« Antrag i» eingehender Weise hätten be« schäftigen müsse», beseitigten sie unter Führung der Herren Windihorst und Hänel den Antrag durch Uebergang zur Tagesordnung. Und welche Motiviruag? Weil die Sozialdemokraten de« Antrag auf Aufhebung des Gesetze« gestellt hätte«, deshalb könne man da« Gesetz »icht abändern. Die Regierung hat in Bezug auf da» Sozialistengesetz auch nur die einfache Verlängerung verlangt und doch hat der Abgeordnete Windthorst eine ganze Anzahl von söge- nannten VerbesserungSauttägen eingebracht. Da« hätte auch bei dem sozialdemokratische»»nttage geschehen können; wenn Man die Aufhebung de« ganzen Gesetze» nicht wollte, so konnten bei der zweite« Berathuvg de« Antrag» bei den einzelne» Paragraphen AbänderungSanträge gestellt werden, die zum mindesten alle Uagenauigkeiten hätte beseitigen und die drakonischen Bestimmurgen aus dem Besitze eutferne« müssen. Weshalb man dies von Seiten de» Zentrums und des Freisinns nicht gethan hat? Weshalb man einfache» Neber- gang zur Tagesordnung dekreti.te?. Die zeitgemäße Anregung zur Aufhebung resp. zur Abänderung de» Dyaamitgesltze« war von s o z i afl d e m o« kratischer Seite ausgegangen und hatte in der Be- völkerung große Sympathie sich erwoiben. Wenn»un dieser Anregung Folge gelüstet worden wäre, so hätten die Sozialdemokraten wieder eine« großen Erfolg erzielt. DieS mußte verhindert werden aus Partürückstchtea. Die großen Parteien setzten i h r Wohl über das Volkswohl— und so verübte der Reichstag seinen jüngste» Streich gegen die Redefreiheit.——— Daß da» Dynamitgesetz. wenn nicht aufgehoben, so doch abgeändert wird, ist nur eine Frage der Zert. Zentrum und Deutschfreifinnige werden wohl schon in der nächsten Session einen dahin zielenden Antrag einbüngen. Dan» sind s i e natürlich die großen Volksfreunde, dann haben f i e natürlich allein das Wohl de« Volkes in» Auge gefaßt.— Hoffentlich aber wird dann das Volk nicht vergessen haben, daß ohne die Anregung der Sozialdemokraten in dieser Frage nichts geschehen wäre. Politische Ueberstcht. Die Arbeiterbewegung. Au« verschiedenen Ländern kommt täglich Kunde, daß die Bestrebungen der Arbeiter, fich bessert LedenS« und Arbeitsbedingungen zu erringen, an Um« fang zunehmen. Wir brauchen hier nicht zu wiederholen, waS in Frankreich, in England, in Belgien, in Holland, in Nord« amerika vor fich gegangen und wir haben auch zu den Exzessen, die da und dort vorgekommen find, hinlänglich Stellung ge« nommen. Da» deutsche Phllisterthum, dessen Stimme zuweilen auch kläglich in drn Zeitungen widerhallt, kann fich diese Er« scheinungen gewohnter Maßen nicht ander« erklären, al» indem e» in dem Gespenst des Anarchismus die treibend« Ge« walt, den Hebel dieser Bewegungen«blickt. Mit dieser banalen Anschauung eine in so vielen Ländern gleichzeitig und im. Ganzen auch gleichartig auftretende Bewegung fich zu erklären, mag einem Philtstergehim vielleicht genügen; unS nimmer« mehr. Wir trauen un» einen mit langjähriger Erfahrung ver« bundenen Einblick in die Ardeitecoerhältniffe zu und wir wissen, daß der Anarchismus niemals Massen in Bewegung setzen kann, sobald diese Massen aus wirklichen Arbei« tern bestehen. Diejenigen Ardeiter, die zielbewußt bessere Arbeits- und Lebensbedingungen anstreben, haben mit dem Anarchismus, dessen Ziel die Auflösung aller bestehenden Der« hältniffe und die gänzliche Ausrottung deS S:aatSged ankenS überhaupt ist, nicht» zu thun, so wenig alS wir. Unsere Philister aber sollten fich gar nicht herausnehmen, über solche Erscheinungen abzuurthellen, so lange sie so wenig wie gegenwärtig über deren ökonomische Natur unterrichtet find. Die heutige PeoduktionSform in Verbindung mit der Konkurrenz de» Weltmarkts birgt in fich die entschiedene Tendenz, die Löhne.herabzudrücken, die Arbeitszeit zu ver- länger«, die Arbeitskraft deS Einzelnen so viel al» möglich auszunutzen und so immer mehr Arbeitskräfte überflüsfig zu machen. Daß in Folge dessen unter den Arbei ern fich überall Bewegungen geltend machen, die darauf gerichtet find, fich gegen diese Wirlungen der heutigen Betriebsweise in der In« dustrie zu schützen, ist so erklärlich, daß man darüber keine Worte zu verlieren braucht. Gewisse Blätter ziehen allerdings au« den Exzeffen, die an einzelnen Orten vorgefallen find, die demagogische Nutzanwendung, daß man die politische Gesetzgebung gegen die Arbeiter verschärfen müsse, und wir haben ja gesehen, in welch' plumper Weise die Vorgänge von London und Lüttich alS Argument für die Verlängerung de« Sozialistengesetze« verw-rthet worden find. Für un« bedeuten jene in so vielen Ländem gleich« zeitig auftretende Erscheinungen nur den definitiven und voll« ständigen Bankerott der manchesterlichen Theorie» jener Theorie, nach welcher die Staaten die Pflicht haben sollen» die wirthschaftlichen Zustände fich ohne jeden Eingriff ent« wickeln zu lassen und den Schwächeren der Ucbergewalt de« Stärkeren rückfichtSloS preiszugeben. Möge man aus den Zeit« ereigniffcn die Lehre ziehen, daß e« geboten ist, an Stelle über« flüsfiger Redensarten endlich Thaten in Gestalt ernsthafter sozialer Reformen treten zu lassen. Diese werden da« letzte Mittel gegen den Anarchismus sein und wir wollen dabei betonen, daß unS der gefährlichste Anarchismus jene« wirthschaftliche Durcheinander zu sein scheint, das im Charakter der heutigen Industrie begründet ist. Dieser wirthschaftliche Anarchismus hat die Maffmarmuth zum Wahrzeichen unserer Zeit gemacht und hat ganze Völkerschaften entkräftet. Ihn zu bekämpfen, erscheint unS als die erste Aufgabe. Möge man allerwärt« endlich einsehen, daß man solche Erscheinungen nicht oberflächlich beurtheilen darf und möge man fich daran ge» wöhnen, da« WirthShauSgeschrei der Philister ebenso gebührend zu taxtren wie die Kunststückchen der offiziösen Blätter. WeShnld Fürst Bismarck gestern eigentlich im Reich«« tag erschienen ist, da« können wir nicht verstehen. BloS um dem Leichenbcgävgniß de« Branntweinmonopols beizuwohnen? Denn wa« Fürst Bismarck sagte, war eigentlich nicht neu mehr. Er deSavouirte den ihm zugeschriebenen StaatSstreicbSgedankcn, kündete«ine neue Branntweinsteuer noch für diese Reichstag!» se fion an und deutete auf äußere Gefahren hin, welche dazu anaethan seien, baldmöglich die inneren Angelegenheiten de» Reiche« zu ordnen, mit andern Worten, neue Gteuerquellen zu erschließen. Der Vortrag de» Fürsten Bismarck war durchaus nicht schneidig; er hatte vielmehr.einen recht elegischen Anstrich und zeigte, daß das gespannte Verhältnis zwischen Reichs« tag unv Reichskanzler gerade dem letzteren näher geht, als dem Reichstag selbst, dessen Majorttät den Ausführungen de« Kanzler« mit großer GemüthSruhe folgte. Der Reichs« kanzler verstieg fich sogar zu dem Ausspruch, daß er hoffentlich nur noch kurz« Zeit die Geschäfte de« Reiche» zu leiten haben werde- Solche elegischen Drohungen hat der Kanzler bekannt- lich schon häufig gemacht, deshalb prallen dieselben, da ste nicht genügenden Glauben finden, an dem Reichstag ad, der ganz ficher in der Branntweinbesteuerung fich nicht von seinem gegenwärtigen Standpunkt abdrängen lassen wird. Die geplante Abänderung de« RetchSverfassung. Die Alarmgerüchte der„Freif. Ztg." finden nirgend« rechten Glauben. Auch die„VoltS-Ztg." hält jeden Versuch zu einem Staatsstreich für auSfichtSlo». Als Autor der Staatsstreich- gerüchte wild von den„Verl, poltt. Nachr." der Abg. Dr. Mndihorst bezeichnet, welcher den Abg. Eugen Richter einfach dtipirt habe. DaS Kanzlerblatt demertirt die Nachricht der „Freis. Ztg. Dahingegen meldet da« letztgenannte Blait, daß der„Etaatist-eich� greifbare Gestalt angenommen habe; die Adstcht de« Reichskanzler« gehe dahin, an Stelle de« Reichstage« als einer direkten Vertrewng de« deutschen Volke« im Sinne der Beschlüsse de« von Oesterreich geleiteten deutschen Fürstentage« vom August 1863 eine von den deutschen Einzellandtagen gewählte Ver- sammlung zu setzen.— In dieser sfoem ist die Nachricht wohl nicht richtig. Nicht an Stelle de« Reichetag«, sonvem neben denselben will der Kanzler eine zweite gesetzgebende Versawmlung setzen, die fich hauptsächlich mit der Zoll« und Handelsg-seygebung und den Steuerfragen beschäftigen soll. Bi« jetzt hat der Kanzler mit dermtigen Plänen kein sonder- ltche« Glück gehabt. Der VolkSwiithschastirath ist schon längst in die Rumpelkammer geworfen, der StaaiSrath bürste ihm bald folgen und da« geplante„Nebenpailament" wird auch kein lange« Leben haben Uebrtgen« soll Herr Miguel der Ver- fasser dieses„Staatsstreich«".ein. Wenn aber nicht« Schlim- were« geplant wird, al« o i e s e r„Staatsstreich", dann kann man fich beruhigen. Der deutsche ReichS'ag hat kein solches „Neben Parlament" zu fürchten.— Viel schlimmer ist die Nach« richt, daß der Kanzler bcadstchtige, auf ganz legalem Wege da« Wahlgesetz zu ändern und zwar dahin, daß da« Recht zu stimmen, eist mit dem 30 Lebensjahr eintreten soll. Bislang waren wir der Meinung, daß der R-ichStag in seiner gegen- wältigen Zusammensetzung nimmermehr einem solchen Vor« schlage zustimmen würde, aber in letzter Zeit ist eine derartig reaktionäre Strömung im Zentrum vorhanden, daß die Mög- lichkeit vorbanden ist, aus dieser Paitei die nöthige Anzahl Stimmen für solche reaktionären Pläne herauszuholen. Nach« dem der Kampf gegen die Kirche deendet ist, ist da» Zentrum äußerst zahm geworden und wird den beharrlichen Foiderungen des Reichskanzler« in politrschen Fragen kaum mehr Nachdrucks« vollen Widerstand entgegensetzen. Strafe«uß sein! E« wird immer wahrscheinlicher, daß der Reichstag, weil er da« Branntweinmonopol ablehnt, nach Ostern zur Strafe„nachsitzen" muß. So kann e« ihm pasfiren, daß er noch „Im wunderschönen Monat Mai, Wenn alle Knospen springen"— fitzen und schwitzen und fich mit der tnteressanien Frage einer neuen Branntwetndesteuerung beschäftigen muß. Wir fürchten, bei so manchem Parlamentarier werden ei im Mai die„Ge« sundheitSrückfichten", die bekanntlich schon den Sturz vieler berühmten Staatsmänner herbeigeführt haben, nicht mehr er« lauden, die Reise nach den verlockenden Bädern länger auf« zuschieben. Dann kommen schwach besuchte Sitzungen, Be« schlußunfähigkeit und donnernde Philippiken der offiziösen Blätter. Ja, ja, Strafe muß sein und der arme Reichstag ist, wie e« scheint, von der Vorsehung dazu auserkoren, den Kelch de« Leidens bi« zur Neige zu leeren! Nicht weit her! Der Antwerpener Korrespondent de«„Beil. Tagedl." schreibt:„Noch vor wenigen Jahren, al« in Deutschland und Rußland die soziatdemokra« tische und anarchistische Propaganda so mächtig an Boden zu gewinnen schien, konnte man häufig hier sagen hören: „Gottlob, so weit kann e« bei uns doch niemals kommen!" Die hier und da vorkommenden schüchternen Kundgebungen der Umstürzler wurden eben so wenig gehindert wie beachtet, Polizei und Publikum lachten über die verrückten Phantasten, wie man fie nannte. DaS AlleS bat fich in kurzer Zeit be- dcnkltch geändert; besonder« ist die Loyalität der niederen Be- »ölkerung durch die sozialistischen Lehren in besorgniß erregender Weise unterwühlt. Lange hat eS gewährt, bis die au« Frank- furt, Holland und Deutschland eingetroffenen anarchistischen Agenten in Belgien erwäbnenswetthe Erfolge erzielten; aber kaum war einmal der Ansang gemacht, kaum hatte fich hier und dort ein kleiner sozialistischer Verein konstituirt, als der Anhang desselben auch reißend schnell um fich griff."— Die „Nordd. Allg. Ztg." druckt diese Antwerpener„Korrespondenz" veS„Tageblatts" mit großer Bestiedigung ab und bemertt, daß fich der Inhalt der Korrespondenz mit den von der „Nordd. Allg. Ztg." kürzlich ausgeführten Anschauungen im W'sentl''chcn decke. Wir wollen nun dem Kanzlerblatt die Mit- tbeilung machen, daß der A n t w e r p e n e r Korrespondent deS „Tageblatts" meistens in der GehetmrathSkneipe in der Jerusalemerstraße zu Berlin oder auf der anderen Seite der Et aße in der boyrischen Bierwirrhschast„Vater Masse" fich befindet. Derselbe liest auch natürlich die„Nordd. Allg. Ztg.", hat auch den betreffenden Artikel in der MittwochSnummer ge« lesen und bald schon war die„Antwerpener Korrespondenz" fertig, die fick auffallend mit den Ausführungen des Kanzler« blattS deckt. Man steht somit, daß die detreffende Korrespondenz „nicht weit her" ist. „Da« geringste Mast von Rechten," so schreibt die „BreSl. Ztg.",„welches jeder Volksvertretung stet« zustehen muß. ist, daß keine neue Steuer ohne ihre freiwillige Zuftim« mung auferlegt wird, und dieses Recht muß die Volksvertre- tung um so sorgfältiger wahren, wenn schon fie den Jahre IeuMeton- Der Trödler. Roma« von A. E. Brachvogel. (Fortsetzung) Drittes Kapitel. Die gewaltige Erschütterung, welcher Mathilde ausgesetzt worden, ließ sie die erste Zeit unmöglich ihre alte Unbefan- gevheit wieder erlangen und hatte, selbst als ihr da« Ge« schchene dann in tröstlicherem Lichte erschien, dennoch dauernde Nachwirkungen, denen fie sich nicht zu entziehe», die fie weder zu erklären, noch an fich selbst immer wahrzunehme» »«»mochte. Mein Gott, die meisten Mensche« bilden sich steif und fest ein, sie blieben die Alte«, wenn fie auch noch so sehr von der Hand der Zeit und des Geschickes umge« formt werden.— Nachdem die ersten Wochen der Trennung indeß vorüber waren, zumal als der erste heimliche Brief aus S... kam und durch Beaten in MaihildenS Hände gespielt ward, wich langsam des Mädchens Trübsinn, und ihre Wangen röiheten sich neu vom Widerscheine froher Hoffnung. Erwog sie nunmehr die Lage ihrer HerzenS« angelegenheit, so fand sie, daß dieselbe keineswegs gar so schlecht stehe, al» fie anfänglich gemeint. Wohl war für ei» Mädchen, da« zum ersten Male liebt, eine mehrjährige Trennung hart genug, aber hatte ihr Edmund nicht feier« lich sei« Verlöbniß gegeben, war sie nicht seines edlen, treuen Herzen« sicher? Da er ihr überdem versprochen, in seinen Briefen nicht« zu verschweigen, was fem Leben anbeiraf, sie zur Ratherin und Richtrri» aller seiner Angelegenheiten zu machen, waS wollte fie noch? Vater Justus hatte ihr gar noch, als sie von Obcrhoff zurück« kommend bei AvnenS Grabe verweilte», da« Versprechen gegeben, er wolle nicht Nein sagen, mache fich künftig Edmund zu einem Manne, wie er ihn für sei« Kind wünsche.— Sie selbst hatte gar Vielerlei an dem Ge« liebten auszusetzen, war ein zu bürgerlich-prakirscheS Mäd- che«, um gar so blind für seine Fehler zu sein. Nachdem lang fortdauernd neue Lasten bewilligt find, und dabei fort« dauern» neue Ansprüche erhoben werden, so daß daS Ende der Schraube gar nicht abzusehen ist. DaS Erwerbsleben be« findet fich unter einem Druck, wie er selten erhört worden ist; einem Zweige deS Erwerbslebens auf Kosten der andern helfen zu wollen, geht um deswillen nicht an, weil fie alle leiden. Wer zu den Arbeitsbienen gehört, weiß, wie schwer der Druck der Zeit ist, und nur die, denen fester Gehalt zugestchert ist, können über diese Lage hinweggehen. Wer dem Wohl de« Vaterlandes zu dienen wünscht, soll fich nicht in grundlosen Schmähungen gegen den Reickstag ergehen, der seine Pflicht thut. sondern an seiner Stelle dam mitwirken, daß die be« ständige Beunruhigung mst neuen Eteuerprojekten aufhört."— Einverstanden! Zum UnfallverficherungSgesetz. Durch die Blätter läuft eine Notiz, nach welcher zu Hannover im Fachverein Herr Paul über da« UnfallverficherungSgesetz in anerkennender Weise gesprochen hat und man ist bemüht, daraus einen Widerspruch mit den Reden der sozialistischen Abaeordneten zu konstruiren.„Nach dem Berichte de«„Hann. Courier"— so beißt es— erkannte Redner„dieses Gesetz als eine große Wohlthat an, welche noch andere Verbesserungen für die Ar« better im Gefolge haben werde, bedauerte zwar die AuS« fchließung einer großen Zahl von Arbeitern, sprach jedoch die Hoffnung au«, daß sachlich gehaltene, gut begründete Petitionen eine Ausfüllung derartiger Lücken im Gesetz herbeiführen wür- den. Besondere Anerkennung fanden die Bestimmungen für streitige Falle, die Gewährung der Möglichkeit, eine Klage dmchsühren zu können, ohne fich durch einen langwierigen In- stanzengang, vor welchem mancher Arbeiter zurückschrecken würde, hindurcharbeiten zu müssen." In den Ardeiterkreisen selbst scheint also daS Urtheil doch ein anderes zu sein, alS die„Füh- rer" verkünden; e» muß bemerkt werden, daß der Fachverein, in welchem dieser Vortrag gehalten wurde, wie die übrigen, sozialdemokratischen Ursprungs ist."— Soweit die Notiz. Zu- nächst ist uns der„Hann. Courier" keine sehr glaubwürdige Quelle; im Uebrigen haben die sozialistischen Abgeordneten im Reichstage da«, waS an dem UnfallverficherungSgesetz GuteS ist, immer lückhaltSlo« anerkannt. Warum fie gegen daS Ge- setz, dessen G undgedanke in seiner Berechtigung anerkannt wurde, dennoch stimmten, haben fie seiner Zeit wahrlich auS« reichend motioirt. Daß der Berichterstatter deS„Hannos. Courier" schnell«inen„Widerspruch" entdecken will, sei ihm großmüthig verziehen, um so mehr, als er ja durch die Vor- kommnisse in seiner eigenen Partei so sehr an„Widersprüche" gewöhnt worden sein, dürste, daß er den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr steht. „Arbeiterunrnhen" in Berlin. Unter dieser Spitzmarke schreibt die„Hamburger Bürgerzeitung": Alles, waS wir vor einigen Tagen in unserm Leitartikel:„Ein Bekenntniß" sagten, ist durch einen Vorgang in Berlin bestätigt worden, über welchen wir schon Mittheilungen gemacht haben. Wir meinen das reichszefährliche Schneeoallenwerfen— die„Arbeiter« tumulte" in Berlin, die nach der aufgelösten Versammlung, in welcher der RcichstagSabgeordnete für den ersten Hamburger Wahlkreis einen Vortrag gehalten hatte, in einer anliegenden Siraße stattgefunden haben sollen. Ueber die Berechtigung deS betreffenden Poltzeilicutenant«, die Versammlung aufzulösen, ist gar nichts zu jagen, da eS einfach albern wäre, von Recht und Unrecht unter der Herrschaft de« Sozialistengesetzes in solchem Falle zu reden. Die Polizeigewalt hat durch daS Ausnahmegesetz die ausgedehntesten Vollmachten erhalten und ent- scheidet von Fall zu Fall, jedesmal eigenmächtig nach söge« nannten Zweckmäßigkeitsgründen. So kann e« vorkommen, daß unter völlig gleichen Verhältnissen und bei wörtlich denselben Auseinandersetzungen der eine überwachende Be« amte eine Versammlung auflöst, der andere fie ruhig tagen läßt. Möglich, daß die etwas grimmige oder auch lustige Miene nur eine« Zuhörers den Grund zur Auflösung abgiedt. WaS nämlich der Abgeordnete Bebel in der betreffen- den Versammlung nach übereinstimmenden Zeitungsberichten gesagt hat, daS ist in den letzten Wochen in öffentlichen Ver- sammlungen zu Berlin fast mit denselben Worten und in ganz ebenso scharfer Tonart oftmals ausgesprochen worden. Deshalb ist eS leicht erklärlich, daß die m Volksversammlungssachen ungemein gut geschulten Berliner Arbeiter zuerst ganz verblüfft waren, worauf fich dann große Entrüstung über die nach ihrer Meinung„zu Unrecht" aufgelöste Versammlung kundthat. Soweit ist der Verlauf de« Vorgang« ganz naturgemäß. Ohne Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde auch der Saal ge« räumt und bald nach der Auslösung befanden fich die Massen in den angrenzenden ziemlich langen Straßen. Zahlreiche Per« sonen, die der Uederfüllung wegen nicht in daS Versammlungslokal hineinkonnten, vermischt mit Neugierigen aller Art, staueten in den Straßen, so daß die aus dem Saale strömen- den Menschen vielfach wieder zurückgedrängt wurden. Dabei schritt die Polizei ein. Dieselbe war aber— zirka 25 Mann stark— den gewaltigen Menschenmassen gegenüber, die in den engen Straßen standen, ziemlich machtlos. ES kam dabei natürlich zu allerlei Zusammenstößen— und daS Ende vom Liede war: man warf fich mit S ch n e e b a l l e n, wobei die Trennung erfolgt, die Jugevdrllufio« zerrisse», sah sie sehr wohl ein, wie viel Edmund zum Manne, der seine ehrenvolle Stellung in der Welt nehmen, ei» Weib be« glücken, einen Herd gründe» wolle, noch fehle, sah dies um so mehr ein, als durch seine Abwesenheit in ihr die Eifersucht, Furcht und mancher sehr gegründete Zweifel an seiner Charakterfestigkeit die Oberhand gewannen. Anderer« seit» vertraut« sie indeß wieder dem inneren, sittlichen Kern seine» Herzen« zu fest, und hegte die Zuverficht, gerade die Hindernisse, welche nunmehr seine Neigung gefunden hatte, so wie der überwältigende Abschied mit dem mahnenden Liede der Jugend würden ihn zu ernfiem Streben ansporne». Die größte Schwierigkeit ihre« künfti- gen Glücks war Henning», der Vater. Mathilde hatte in- deß von der wahren SinneSmeinung de« Alten keine Ahnung und legte verzeihlicher Weise seine Freundlichkeit gegen sie zu ihren Gunsten auS. Wenn fie wirklich vor seinem Einspruch mitunter Besorgniß hegte, hoffte sie doch wieder von der Zeit, der Energie Edmund'«, so wie den milder werdenden Vatergefühle« Josua'S da« Beste. So errang ihr frischer Charakter bald wieder die alte, regsame Fröhlichkeit. Ein« aber hatte fie auf Annens Rasenhügel für immer gelassen, da« süße Traumleben der Kinderzeit, die sorglose Jugend ihres Herzen», ihrer Seele I Mit diesem Tage ward jeglicher Dust der Kindernaivetät verweht, durch welche» sie fast ahnungslos aus der Gespielin in die Geliebte Edmund'« verwandelt worden. Sie hatten Beide so oft Prinz und Prinzessin, Papa und Mama, Ritter und Dame gespielt, daß sie eS kaum empfanden, daß sie sich wirklich in einander vergafft hatte«. Der Uebergang au« dem eine« Zustande in den andern war so allmälig geschehen, daß fich Beide noch immer dabei wie die alten Kinder in ihre» Träumen und Schäumen vorkamen. Da« war vorbei! Die Sorgen vor Prüfungen und Gefahren, denen ihre Liebe nun unterworfen sei, die reelleren Anforderungen der Ver- nunft ließen die alte Illusion erbleichen. Die Zeit des Kampfe» und Ringens nahte, mit ihr das Gefühl in Beiden, sie seien nur mehr als fertige Mensche« in eine große, un- bekannte, verführerische Welt gesetzt, tum zu leben, sich im auch ein paar Schutzleute einige harmlose Würfe abbekamen. In dem Bedränge find dann zwei Verhaftungen und fünf Sistirungen vorgekommen. Vermuthlich find das grade Un- schuldige, die nicht einmal mit Schneebällen gewotten haben. So spielt da« Fatum ja gewöhnlich bei solchen Anlässen. Alle« in Allem genommen, fanden also keine„Arbeitertumulte" in Berlin an jenem Abende statt, wie der sensaiionslustige „Börsen-Kourier" und da«„Berliner Tageblatt" verkündeten, sondern nur ein durch die Umstände förmlich unvermeidliches „Drängeln" auf den Straßen war die ganze Folge der unter so unangenehmen Verhältnissen aufgelösten Versammlung. Autdrückltch aber betonen die Berliner Blätter, daß die an der Versammlung selbst Lethttligten an dem Sttaßengedränge keinen Antbeil genommen, sondern rasch fich in den Straßen zerstreut hätten.— Wenn ein solcher Vorfall in Paris, Lyon, Brüssel. Lüttich u. f. w. vorgekommen wäre, so hätte eS bei dem Echncedallwerfen wohl nicht sein Bewenden gehabt, sondem der Scknee wäre vielleicht mit Blut roth gefärbt wor« den. Und weShalb das Alles in Berlin so friedlich und ge« müthlich ablief? Die Gründe davon haben wir in dem oben erwähnten Artikel:„Ein Bekenntniß" unfern Lesern schon vor einigen Tagen dargethan. Diese Gründe sollen hier in kurzen Zügen nochmals angedeutet werden. Unruhen und Tumulte werven deshalb von den deutschen Arbeitern im Gegensatz zu de» romanischen und flämischen mehr vermieden, weil in Deutsch« land längere Zeit eine organisirte Arbeiterbewe« g u n g existirt. Durch diese Bewegung und durch die sozialdemokratischen Lehren ist das Klassenbewußt« sein unter den Arbeitern erwacht; die Erkenntniß der eigenen Lage hat die Ardeiter durchdrungen, so daß fie etwas Besseres zu thun wissen, alS Köpfe einzuschlagen oder fich dieselben von Anderen einschlagen zu lassen. Die Erziehung der deutschen Arbeiterwelt zur sozialen Erkenntniß und zu verständigen Or« ganisationen, so sagten wir schon, dies ist der Grund, weShalb fich die deutschen Arbeiter von Gewaltthätigkciten feme halten. Und dieS hat fich auch in vollem Maße bei den jüngsten Vor« gängen in Berlin bewährt. Auch et« Grund zur Auflösung. Zur bevorstehenden Ersatzwabl zum ReickStag fand in Wilhelmshaven vor einigen Tagen eine Wählerver sammlung statt, in welcher der sozialdemokratische Kandidat, Herr Oehme auS Bremen, bei Besprechung der Polenfrage den Herrn Reichskanzler heftig angriff. Daraufhin löste der überwachende Beamte die Ver- sammlung auf Grund de« Sozialistengesetze« auf. Belgien. Die Streikt breiten fich immer mehr aus. Alle Kohlen« werke müssen feiern, schon beginnen die Arbeiter der Metall« werke die Arbeit einzustellen und damit wächst die Roth und die gereizte Stimmung. In Tilleur, Jemoppe und Seraing ist die Lage besonders ernst. Faktisch herrscht der strenge Be« lagerungszustand. Zusammenstehen von mehr alS 5 Personen ist nicht gestattet. Ucberschreiten der Maasufer und Brücken nur gegen Erlaubnißschein verstattet. Alle Wirthihöufer müssen um 7 Uhr schließm, die industriellen Elabliffement» bleiben NachtS beleuchtet; überall starke Patrouillen. Die Klagen der Arbeiter in den Kohlenwerken dieses Basfins sind berechtigt; die Löhne sind, während der Rein« gewinn stieg, in jedem Jahre heruntergesetzt worden; von 1883 bis 1884 von 1017 auf 938 Francs, und seitdem haben abermalige Reduktionen stattgefunden. Bi« jetzt find alle gütlichen Versuche zur Einigung vollständig ge« scheitert. Die Vorgänge in diesem Basstn fangen an, auch in anderen Arbeiterzcntren nachzuwirken. Es wächst die soziale Frage plötzlich riesenhoch in Belgien empor.— Die Kleri« k a l e n haben währenddem nichts bessere« zu thun, als überall Versammlungen und Maffenpetitionen zu veranstalten, um die Wiedereinführung der Todesstrafe durchzusetzen! Und doch, ein Verdienst gebührt ihnen„in dieser Zeit der schweren Roth." Sie haben nämlich entdeckt, daß die liberalen Frei« maurer, um wieder anS Ruder zu kommen, die Lütticher Unruhen angezettelt haben. So verkündet wenigsten« da» fromme Bischossblatt in Namur, der„Ami de l'ordre". Die Liberalen, welche ebenso leichtfertig und ohne Grund gegen die sozialistische Partei gehetzt haben, werden fich über dieses Urtheil kaum beschweren können.—Da« Genter sozialistische Arbeiterdlatt„Vooruit"(Vorwätts) hat übrigens in der denkbar schärfsten Form die Verantwortung für die Hunger« krawalle der verzweifelten Arbetter abgelehnt. Es schreibt sehr zutreffend:„ES ist zu bemerken, daß die Störung der Ordnung gerade in einer Stadt vorkommt, welche die wenig st en Arbeitervereine zählt. Unter diesen Um« ständen muß man jeden Augenblick ähnlicheUnruhen fürchten.Dte Arbeiter, welche auf keinen Verein sich stütze» und in ihrem Kampfe gegen den Kapitalismus über kerne Mao- verfügen, können nur an die Gewaltthätigkei» a p p e l l i r e n. Man wisse auch, daß Mangels eines S t i m rechts die Arbeiter ihr Elend nicht kundmachen und die Auf« merksamkeit der Regierung nicht erregen können, außer dura das Werfen von Pflastersteinen. Wir haben nicht den rinn« desten Nutzen von den anarchistischen Unruhen in Lüttich. dienen nur dazu, den Haß der Bourgeoisie zu vermehren uno Strome der Ereignisse als kühne Schwimmer zu beweise», nicht um zu ttäumen I— So fielen denn die bunten Feier- kleider der Jugend von ihnen ab, und Schätzleia konnte gas kein geeigneteres Mittel wählen, ihnen dies recht tief r Gemüth zu führen, als den Abschied in Dönhoff!— Christine ihrem Justus den Vorwurf machte: er ko»«* Edmund nicht leiden, that sie ihm bitter Unrecht. Der Trödln liebte wirklich den jungen Henning» mit einer sa? väterlichen Zärtlichkeit, welche aber nur selten oder nie«»" der Strenge zu erkenne» war, mit der« Evmund vo Kinde sgebeiae« au behandelt hatte. Justus war dn A«l'«' daß„ein Bube immer scharf gehalten werden müsse, l"" ein Mann au« ihm werden", und bei Edmund um � mehr,.al« der Theater zur Aufführung übergeben. Diese Bühne bringt auch die Operette„Joaephine vendue p« Bea soevrs". Beide Operetten hatten in Pari» einen sensatio- nellen Erfolg. Pafteur de? Quacksalberet augeklagt. Der durch seine früheren Arbeiten und seine Jmpfmethode gegen die Hund»« wuth weltberühmt gewordene Pariser Gelehrte Pafteur hatte fich dieser Tage vor dem Pariser Gerichtshof wegm— Quacksalberei zu veiantworten. Pasteur ist nämlich nicht im Befitze eines ärztlichen Diploms und da er ohne ein solche» nur Thiere, nicht aber Menschen behandeln und operiren darf, erhoben— wie au» Pari» berichtet wird— einige neidische Wunderdoktoren die Anklage der Quacksalberei gegen ihn. Da jedoch Pasteur bewie», daß er keinen einzigen Kranken dirett behun- delte, sondern bei den Impfungen blo» asststirt habe, wurde er freigesprochen. Um dieser etgenthümlichen Situation ein Ende zu machen, wurde in der ärztlichen Fakultät der Pariser Uni- versität der Antrag gestellt, e» möge dem Gelehrten ein ärzt- lichei Diplom verehrt weiden. Auf diese Weise dürfte Pasteur bald»om Asfistenten zum Professor avanztren. Ein Rabenvater. Au» St. Veit an der Triesting, 21. d., schreibt man der„Deutschen Zeitung":„Ein merkwür- diger, noch keineswegs aufgehellter Fall nimmt gegenwärtig hier und in der ganzen Umgebung da» Interesse der Bevölke« rung in hohem Maße in Anspruch. Schon seit einiger Zell Ergänzung%. zu. Au» dem Domänen-Ministerium erschien die Vorlage im Reichsrath in derart veränderter Gestalt, daß diese darauf hinausläuft, die„Arbeiter vor der Willkür der Gutsbesitzer in Schutz zu nehmen". E» soll nun, wie der „Grasbdanin" meldet, bereit» in der MontagSfitzung zu scharfen Debatten gekommen sein, da die Majorllät der Reichirathi- Mitglieder au» Gutidesttzern besteht. Da» schließliche Resultat ist nicht abzusehen. Nord- Amerika Die Bewegung gegen die drückende Konkurrenz der billigen Chtnesenarbeit schwillt mit jedem Tage mehr an. Uederall bilden fich lokale antichinefische Organisationen, welche durch ein energisch durchgeführte» Boykottsystem die Arbeitgeber der Chinesen lahmlegen; letztere bekommen einfach keine anderen Ardeiter und keine Abnehmer für ihre Waaien. So wurde in Turkee die reiche und mächtige Firma von Sisson, Wallace u. Ko. bei einem Verlust von vielen Tausend Dollar» ge« nöthtgt, auf Kontrakte zu verzichten, die fie mit chinefischen Bandenführern abgeschlossen, für das Fällen und Schneiden von Hol,. Die Bewegung dehnt fich jetzt bereit» über da» ganze Staatsgebiet au». In der Sierra, in den Provinzen am Fuß der Gebirge, im Tulare Thal, in verschiedenen der südlichsten Kounty» sind die Chinesen gezwungen worden, aus« zurücken. Da» allgemeine Resultat besteht in einer Anzahl auswandernder Chinesenzüge, die alle auf einen Punkt» auf San Franziska, zuströmen, welches zugleich auch noch als Sammelbecken für das ausgedehnte Waabington Territory dienen muß. Nun war aber in San Franziska bereit» mehr Haß und Erbitterung gegen die Mongolen vorhanden, als an den Orten, wo fie jetzt verttieben werden. In van Franziska sind Tausende weißer Handwerker durch die Schärfe chinesischer Konkurrenz um Verdienst und Brod gebracht worden. Sie und ihre Familien haben viele und wirkliche Entbehrungen leiden müssen, die ihnen die gelben Rivalen verursacht haben. Auch(sieht ei eine beträchtliche Zahl kleiner Kapitalisten, die, in der Abstcht, an der billigen Arbeit einige Dollar» verdienen zu können, zu spät einsahen, daß die schlauen Mongolen stch nur einschlichen, um die Arbett zu lernen, und sobald al» mög- lich hingehen und fich ein Konkurrenz« Fabrikchen auflhun. Man fürchtet, daß die neue Einwanderung der verhaßte« Fremden zu den schlimmsten Verwickelungen führen wird. Parlamentarische». — Welche» Interesse die Mitglieder de» deutschen Reich»« tage» ander Arb e iters ch utz gesetz gebun g haben, geht daraus hervor, daß der Vorsitzende der Kommisston de» Reich»- tage», welche fich mit den Anträgen auf Einführung eine» Maximalarbeititage», de» Verbote» der Kinderarbeit und der SonntagSarbeit, Beschränkung der Frauenarbeit und Rege« lung der Gefängnißarbeit beschäftigt, jetzt dreimal hinler einander versucht hat, die Mitglieder der Kommisfion zu einer beschlußfähigen Sitzung zusammen zu bringen. Dreimal ist der Vmfitzende mit seinem Versuche gescheitert. Da» verdient, vor dem Volke konstattrt zu werden. — Au» den Verhandlungen der Petition»«Kom« Mission über fünfzig gegen den Impfzwang ge- richtete Petitionen geht über diese Angelegenheit folgende» hervor: Von den im Deutschen Reiche 15700 zur Praxi» zugelassenen Aerzten bekennen fich nur 17 zu den Impf« gegnem. Die MortalitätSziffer weist nach, daß im vorigen Jahrhundert auf 100 000 Menschen im Jahre 100— 700 Pocken- todeSfälle kamen, speziell in Berlin vor 1810 200-400; nach Einführung der Impfung sank in den Ländern, welche die Vakzination annahmen, die Sterblichkeit auf Vio der bisherigen. In Preußen fiel die Zahl der Pockenfälle nach Einführung des Jmpfgesetze» von durchschnittlich 11 000 auf 1000 und kommen diese eigentlich nur noch in Grenzdistritten vor, in deren Nach« barschaft Länder ohne Impfzwang liegen. Die Aufhebung de» Impfzwang«» im Deutschen Reiche würde eine Sterblichkeit an Pocken von 20 000 Menschen in Aussicht stellen. Die Kom- misfion beschloß mit 12 gegen 2 Stimmen, die Petitionen vor da» Plenum des Reichstage» zu bringen mit dem Antrage, über dieselben zur Tagesordnung überzugehen, nahm aber einstimmig eine vom Abgeordneten Dr. Haarmann eingebrachte und vom Abgeordneten Lipke und v. Goldfu» amendirte Re< solution dabin an:„Den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage bis zur nächsten Sesfion Mittheilung zu machen über das Ergebniß der Ermittelungen, welche durch die im ReichsgesundheitSamte tagende Sachverständigen- Kommisfion über den Nutzen der Schutzpocken-Jmpfung gemacht worden find, nm untadelige, insbesondere animale Lymphe zum Zweck der Impfung zu beschaffen. — Die Wahlprüfungs-Kommission hat in ihrer gestriaen Sitzung endlich die Berathung über die Wahl de» Abg. Dr. Lötz(Kassel) zum Abschluß gebracht, nachdem in einer langen, mehrere Sitzungen in Anspruch nehmenden Diskussion die zur gerichtlichen Erhebung gestellten Protest. punkte erörtert waren. Die Kommisfion oeschloß auf Antrag de» Referenten Abg. Singer, beim Reichstag die U n g i l t i g- zirkulirten hier unbestimmte Gerüchte, daß ein Bursche aus dem Orte in Abgang gekommen sei. Ein Viehhändler erzählte» er habe in dem Stalle eine» hiesigen Bauer» ein Wesen ge« sehen, welche« einem Menschen gleichsah, aber auf allen Vieren ging, gleich einem Kalbe. Vor einigen Tagen nun kam dem Bezirksgerichte Pottenstein ein« anonyme Anzeige zu, worin zum ersten Male in ganz bestimmter Weise ausgesprochen wurde, daß in dem Hause eine» hiefigen Bauer», dessen Haus« nummer genau angegeben war, seit langem ein Bursche in menschenunwürdiger Weise im Stalle gefangen gehalten werde. Auf diese» hin entsendete das Gericht eine Kommisfion, welche in dem Hause de« Bauer» Huder eine genaue Durch» suchung vornahm. In der That wurde von derselben in dem Stalle diese» Bauer» ein Wesen aufgefunden, welche» mit einem Menschen kaum mehr eine Aehnlichkeit hatte; da» Geficht war durch eine unglaubliche Schmutzkuste ganz unkenntlich, die Augen durch den langen Aufenthalt im Dunkeln fast er- blindet, die Füße waren in Folge de» heurigen strengen Win- kr» halb erstoren, so daß er nicht aufrecht stehen konnte. Der Beamte, bei dem Anblick dieser Jammergestalt von tiefstem Mitleid erfaßt, richtete mehrere Fragen an den Burschen, welche aber alle unbeantwortet blieben; derselbe scheint da» Sprachvermögen eingebüßt zu haben und auch taub zu sein. Der Vater, gefragt, wie er denn seinen eigenen Sohn(auS erster Ehe), eben diesen Burschen gleich einem Vtehe habe in den Stall sperren können, antwortete darauf, derselbe habe fich derart betragen, daß er ihn nicht mit seinen anderen Kindern im selben Zimmer habe belassen können. Der Kommissar ließ einen Arzt holen, welcher den Burschen vor allem in ein Bad bringen ließ, um denselben von dem starrenden Schmutze zu reinigen, sodann aber verord« nete er mit Rücksicht auf den kläglichen Körperzustand des dem Lichte Wiedergegebenen, daß derselbe sofort zu Bette gebracht werde. Der Aermste ist gegenwärtig 21 Jahre alt und ist seit 11 Jahren, seitdem der Bauer zum zweiten Male geheirathet, in dem Stalle gehalten worden. Die Untersuchung, welche über diesen, große» Aufsehen erregenden Fall eingeleitet wor« dm ist, wird wohl noch manchen dunklen Punkt aufhellen, der Schuldige und die Mitwisser werden der verdientm Strafe nicht entgehen. Der gesuchteste Orden in Perfle« ist nach Henri Moser derjmige der Ehrmlegion. Warum? In Folge eines zwischen Frantreich und Perfien abgeschlossenen Vertrage» dürfm die Inhaber desselbm nicht die Bastonnade erhalten, und da» ist im Reiche des Schah ein großer Vortheil. feitier klLrung der Wahl des Abg. Dr. Lötz zu be- antragen, weil der sozialdemokratischen Partei in Kassel vor der Stichwahl eine Versammlung verboten wurde, und weil die Rechtfertigung dieses Verbots als begründet nicht bezeichnet werden konnte. Außerdem ist durch die in der vorigen Sesfion beschlossenen Ermittelungen festgestellt worden, daß in zwei Bezirken d«S Wahlkreises die Wahl vor 6 Uhr Abends geschloffen wurde. Ein an diese Thatsachen anknüpfen- der Antrag des Referenten, den ganzen Wahlakt in diesen Bezirken zu kasfiren, wurde zwar abgelehnt, daoegen bezüglich dieser Thetle de« Protestes beschloffen, die Stimmen aller Wähler, welche fich in den Bezirken, in denen die Wahlhand- lung vor 6 Uhr geschloffen ist, an der Wahl nicht betheiligt haben— eS find dies 174 Stimmen— dem MinoritärS- Kandidaten zuzurechnen. Die Konsequenz dieses BeschluffeS füjnt auch bezüglich dieses Punktes zur UngilligkeitSertlärung und so wird denn der Reichstag ohne Zweifel dem Antrage der WahlprüfungS'Kommiffion beitreten und Herr Dr. Lötz wird wohl oder übel sein RSnzel schnüren und dai„hohe HauS" verlaffen müssen. Soziale» und Arbeiterbewegung. Die Berliner Albumfabrikatio« ist mehr und mehr auf die Herstellung sehr unsoliver Waare herabaekommen und befindet fich jetzt, da die Albumfabriken wie Pilze aus der Erde hervorschoffen, in einer schlimmen Periode der Ueder- Produktion. Ein Fachmann schreibt darüber der„Voss. Ztg.": „Die bis zum Jahre 1884 und in dessen Verlaufe fich eben- ßlls noch steigernde Nachfrage nach Photographie- AldumS zu stet« lligeren Preisen führte zu einer wahren Monstrefabrikation. Unter einem prunkenden Aeußern verbarg sich der Popierdeckel und eine Innenseite, die unter aller Kritik war. Auf dem Papierdeckel lag entweder ein Zinkbeschlag oder eine„galvanisch ausgepustete" Gruppe. DaS ganze Buch tonnte zu einem Spott- preis auSgeboten werden; freilich eine Spottgeburt von Buch, aber fie zog. Stieß fich vre Ausfuhr an dem unverhältniß- mäßig schweren Deckel und verursachten die unförmlichen Zink- beschläge durch ihr Gewicht Schwierigkeiten bei Ver Zollbehörde, so griff man zu dem noch einfacheren Aufpressen einer schreienden Vergoldung. So schuf man namentlich für den Markt der Vereinigten Staaten von Amerika ein Buch, daS die Zollbehörde als„Papierwaare en bloc" behandelte und da« auf diese Weise erheblich billiger hineingebracht werden konnte. DaS Vorjahr hatte fich noch mit kostspieligen PlüschalbumS be- faßt; aber der Amerikaner(ich spreche speziell von den Staaten) brauchte eine Waare, die den hohen Zoll seidener Plüsche nicht zu tragen hatte: so nahm man baumwollene Stoffe und der Preis wich im Handumdrehen ganz nach Wunsch. Südamerika kann die Berliner Albumindustne nicht annähemd beschäftigen, für Massen ist kein Absatz und wenn fich auch die Preise dort auf der Höhe der Vorjahre erhielten, so könnt« n fie keinen Er- satz für Massenadsatz bieten. Augenblicklich ist die Lage so: in ftolgt ungünstiger Verkaufsbedingungen nach den Staaten, in Folge des in England darniederliegenden Handel«, d«S allgc- meinen Geschäftsrückgangs und der bedeutenden Uederproduttion hat die Albumfabrikation so gelitten, daß ganzeFabriken dieArbeit einstellen mußten, andere mit drei« v ier tel Ard et tSzeit, wieder andere, die für 80 bis 100 Arbeiter Raum haben, nur mit der Hälfte derselben arbeiten. SS steht traurig auS in diesem FabrtkationSzweig, auch ist vor der Hand leine Autficht auf Besserung, da die um diese Z-it regelmäßia eintreffenden Käufer ausbleiben und der Handel im Jnlande sehr zu wünschen übrig läßt."— Fürwahr, ein trauriges Bild! Au» Altona erhalten wir folgend« Zuschrift: Die hiefigen Arbeiterkreise— insbesondere, soweit dieselben an der Fach« vereinSbewegung direkt betheiligt find— befinden fich wegen d«S dieser Tage in Betreff deSMaurer- FachvereinS ergangenen gerichtlichen UrtheilS in einiger Erregung. ES ist ja durch dieses Urtheil wieder einmal der Beweis geliefert worden, daß die den Arbeitern reichsgesetzlich gewährleistete KoalitionS» freiheit von Seiten der Behörden unter Berufung auf Landesgesctze thatsächlich illusorisch gemacht werden kann. Man erklärt die Arbeiter. Fachoereine einfach als „politische" Vereine, die bekanntlich nicht mit einander „in Verbindung" treten dürfen und macht ihnen, so- bald fich auch nur ein vorübergehender, rein geschüftlicher Ver- kehr entdecken läßt, den Prozeß. Durch eine derartige Ver- Hinderung der Ärbeiterkoalttion wird in erster Linie daS K lasseninteresse der Arbeiter hart getroffen. Dasselbe ist alS sozialökonomische Macht unzweifelhaft vorhanden und hat als solche ihre volle Berechtigung und Anspruch auf Befriediguug. DaS natürliche EolidaritätSaefühl in der Arbeiterklasse ist eben- sowohl eine wirthschaftliche Potenz, wie der„individualistische EgoiSmuS d«S Unternehmer«". Um die Erzeugung des Klassen« Hasses auS dem Klassen t n t e r e s s e deS Arbeiters zu ver« hindern, dezw. der weitern Erzeugung, Verbreiturg und Etär« kung desselben Einhalt zu thun. müßten die herrschenden Klassen und die Behörden selbst lebhast wünschen, daß da« Solidart« tätsgefühl der Arbeiter auf dem Boden der Koalition fich Gel- tung verschaffe, im Ringen nach Bildung und besserer Leben«. läge. Der isolirt stehende, auf fich selbst angewiesene, vom sudjettiven Gefühl der wirthschafllichen Adhängiakeit, der Un« gleichheit und Hilslofigkeit erfüllte Arbeiter wird sehr leicht auch von den Gefühlen deS Hasse« gegen diejenigen erfüllt, denen er mit seiner Arbeitskraft unterworfen ist. Die Arbeiter nicht hindern in der Ausübung der KoalitionS« freiheit, in der Nahrung und Förderung ihrer Klaffeninteressen, deren Berechtigung ganz unzweifelhaft ist,— da« ist daS beste Mittel gegen den so oft beklagten K l a s s e n h a ß. Der wird nur da erzeugt und genährt, wo die Bethättgung deS Rechte« deS natürlichen EolidaritätZgefühlS zum„Unrecht" gestempelt und verhindert wird. Die Ardeiter dedürfen der Freiheit; eS ist die unentbehrliche Lebenslust für ihre sozialen Bestrebungen, die allerdings mit„Vertrauensseligkeit", wie man fie auf gewisser Seite wünscht, nich.S gemein haben, sondern dem Selbstbewußtsein Rechnung tragen. Nicht mit Unrecht zittert man vor dem Sklaven, der plötzlich die Kette bricht, während das Walten de« freien Manne? Vertrauen einflößt. Wilde Gedanken von Haß und Rache werden durch nichts so sicher gebannt, al« durch geistige Ar« deit, wie fie insbesondere die von der Polizei hie und da so schwer bedrängten Arbetter-Fachveretne fich zur Aufaabe gemacht haben; durch geistige Arbeit, welche mit freiem Sinn die Verhältnisse deS Ledens durchdenkt und fich mit männlicher Offenheit der Erreichung eines destimmten Zieles widmet. Darum möge man die Arbeiter nicht nur gewähren lassen, wenn fie ernsten Blickes ihre Lage prüfen, wenn fie, statt fich dem finstern Groll und dem dumpfen Zagen hinzugeben, ihr Auge dem Sonnenlichte eine« neuen Zettalter» zuwenden und die Mittel und Wege prüfen, wie e« ohne Appell an die bru- tale Gewalt Herbeizuführen sei; man sollte sich freuen, daß st« darauf auS find, fich al« menschliche Wesen im Bewußtsein ihre« Rechte« und ihrer höheren Bestimmung emvor zu ringen auS den Banden der Gleickailtigkeit, Unwissenheit und Unfrei- heit. Man sollte nicht die Gefahr, sondern dm Ansang der Rettung auS einer großen Gefahr in der Arbeiterbe» wegung und ihren VereinSbildungm erblickm. Leider ist in maßgebenden" Kreism zumeist da« Gegentheil der Fall. Daß die gegenwärtige RetchSgesetzgebungRem edur schaffen werde, ist kaum zu hoffen. Die Koalitionsfreiheft der Arbeiter, d. h. die v o l l e und g a n z e, ist eben allen herrschenden Parteim ein Dorn im Auge. Ein Hundertjähriger sucht Arbeit. Die Ha mbur g „Bürger-Ztg." schreibt: Ein jammervoller Nothschrei tönt u n auS folgender Annonze entgegen:„Den 101. Geburtstag feiere am 13. März der bekannte schweizer Uhrmacher Bernard Goering au« GlaruS(Schweiz), der sehr arm, bittet seine lieben Landsleut« sowie edle Herzm um eine kleine Liebesgabe oder Aibeit. Wohnung: Gr. Karlstraße 46, 1. Et., Ottensen."— Jede Bemerkung zu diesen, eine lange traurige Geschichte von Kummer, Noth und Elend enthaltenden wmigen Zeilen ist wohl üdeiflü fig. Die Aktiengesellschaft ist die modernste und machtvollste Organisation der Kapltaftstmklaffe. Die giwaltig anschwellen- den Produktionsmittel können allmälig nur von ganzen Unternehmergiuppen angewendet werden. Wir haben eS mit dem Kollektivismus der bürgerlichen Gesellschaft zu thun. Wie fich dieser Prozeß vollzieht, kann man z. B. an dm Vereinigten Gaswerken Augsburg beobachten. Die Gesellschaft befitzt jetzt die GaSwerke Asch, Biderach, Bozen, Freifing, Günzenhausen, Könizinhof, Langenschwalbach, Lugam, Markt-Radewitz und Trient. Letzte Dioivende: 7 pCt. Noch etwa« vom Kollektivismus der Bourgeoifie. In Belgien hat fich, wie die„Leipziger Monatsschrift für Textil Jnoustrie" meldet, ein Baumwoll-Konsortium gebilvet, welche? fich die Aufgabe stellt, eine Revifion all« die Baumwoll-Jndustrie betreffenden Zölle zu veranlassen, die Preise dtt Fabrikanten in die Höhe zu bringen, die Anschaffung dn wichtigsten Rohstoffe kollektiv zu besorgm. An der Spitze stehen die ersten belgischen Fabrikstrmen und einige Bankhäuser. WaS für den Arbeiter dabei herauskommt, kann man von vom« httein sagen: intenfioe Ausnutzung der Ardetlslraft zu Ehren deS MehrwerthS. Wenn aber die Arbeiter zu Verbänden fich vereinigen wollen, um ihre Interessen zu wahren, so kommen bei unS in Deurschlaad z. B. Arm in Arm daS Sozialistm« und daS betreffende LanoeSoereinSgesetz. Die Handarbeit tu der Cltckerei wird durch maschinelle Technik immer mehr verdrängt. Eine Etickmaschine macht täglich im Durchschnitt 1 Million, die Schitflimaschine sogar 8 Millionen Nadelstiche; wir habm also Massenproduktion, Billigkeit dtt Arbeitskraft, Freisetzung llbnflüsstgn„Hände". „Die Waschine schlägt dem Arbeiter die Arme ab", hat ein ftanzöfi cher Sozialwissenschasttt gesagt, und diestt Satz gilt so lange die Anarchie unser» WtrthschastS„oldnung" bestehen lange bleibt. Zu de« Vereinigten Staate« nehmen die Streik» immer größere Dimenstonen an. So wird aus New-U«rk tele« graphitt: 7000 Arbeiter, welche in Mäntelfabriken beschäftigt find, haben die Arbeit eingestellt. Eine Depesche auS Evan»« ville in Indiana meldet, daß die Weichensteller der LouiSoille- und Nachoille Eisenbahn zu streiken deginnen. Nach einem Telegramm auS St. Louis ist es zwischen den streikendm Arbeitern und Beamten der Missouri- Pazifik Eisenbahn und der Polizei zu einem Zusammenstoß gekommen. Die ersttten stellten fich dem Versuche, einen Güterzug abgehen zu lassen, gewaltsam entgegen. Lokomotivsührn und Heizn verließen ihre Posten. Nur durch Einschreiten der Polizei gelang eS, den Zug unter starker Eskorte abgehen zu lassen. Die Äiltz ist zur Aufrechterhaltvng der Ordnung einberufm. Dtt Voll- zugiauSschuß der„Ritttt der Arbeit" hat die von den Gouverneuren von Missouri und Kansas gemachten Vorschläge zur Beilegung deS Streiks auf den Gouldschen südwestlichen Bahnlinien verworfen. Man befürchtet, der Streit wnde weit» um fich greifen. Pereine und Uersammlungen. De« Fachveretn der Tischler hielt am Dienstag, dm 23. März, eine außerordentliche Genttalversammlung Neue Grünstraße 23 in Jordan'S Salon ad. In derselben wurde eine vom kgl. Poltzeiprästdium an den Vorstand des Verein« gerichtete Verfügung besprochen, in welcher aufgefordert wurde, die§§ 1 d, 3 und 5 d«S Vereinsstatuts abzuändern event. die staatliche Genehmigung de« Statuts nachzusuchen. Dtt Vor« stand schlug eine formale Abänderung der betreffenden§§ vor und wurde dieselbe nach kurz» Ditkusfion von der Versamm« lung akzeptirt.— Hierauf hiett der Rechtsanwalt Herr Wreschner einen Vortrag über„die Strafprozeßordnung". Dtt- selbe vnbreitete fich zunächst über das vom Reichstag ange« nommene Wiederaufnahmeverfahren der BnufungSinstanz und über die Entschädigung unschuldig VerurtheiUer. Dtt Vor- tragende gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß die Eni« schadigung unschuldig Verurtheilter in der Form, wie fie der Reichstag angenommen habe, ziemlich nutzlos sei» da hiemach nur solche Vemrtheilte entschädigt werden sollen, die ihre Un« schuld klar nachweisen können(nicht solche, dmen keine Schuld nachgewiesen werden kann). DieS sei unter den jetzigen Anhält« niffen der Strafprozeßordnung sehr schwierig. Weiter plaidirte der Referent für Erweiterung der Rechte der Vertheidigung und zwar wmigstenS insoweit, daß dem Vertheidigtt dieselbm Rechte wie dem Staatsanwalt, bezüglich Einficht der Akten rc. zun« könnt würden. Dem mit vielen Beifall aufgenommenen Vor« trag folgte eine reichhaltige Fragestellung seitens der Mit« glieder. Die gestellten Fragen wurden von dem Refnenten, sowie von dem ebenfalls anwesmden Rechtsanwalt Herm Freudenthal beantwortet. Unter Anderem fragte ein Anwesm« der, wie er fich in folgender Angelegenheit zu verhalten habe: Er habe gegen den bekannten Herm Rödel eine Denunziation wegen Unterschlagung dtt bei dtt Matinee in dn Philharmonie erübrigten Gelder, die für die im Camphausenschaft verun- glückten Bergleute bestimmt warm, eingereicht. Es hatte eine Vomntersuchung in dieser Sache im Febmar stattgefundm. Nach Einleitung derselben habe Herr Rödel einen Theil der bei der Matinee eingenommenen Gelder für die Vemnglücktm abgeschickt, in Folge dessen sei daS Verfahren gegen R. von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Herr Freudenthal beantwortete diese Frage in ausführlicher Weife. Nach Wahl eine« 2. KasfirerS(Herm Grünwald) und Erledigung einiger intttner Angelegenheiten erfolgte der Schluß der Ver« sammlung. Hannover» 23. März. Am letzten Sonnabend fand hier im großen Saale des BallhofeS eine imposante VolkSvtt« sammlung statt, in welch« He« ReichstagSadgeordneter Frohme referirte üb« die Frage:„Fttedliche Entwickelung od« ge- waltsamer Umsturz?" In etwa anderthalbstündiger fesselnder Rede führte der Revnn folgende» auS: Dn sozialdemokrati« schm Bewegung liege nicht die Abficht deS gewaltsamen Um- sturzeS zu Grunde, fie bezwecke im Gegmtheil gemeinschädltche od«) dm wachsenden Anforderungen dn Sozialgerechtigkett nicht mehr genügende Einrichtungm bei Zeiten durch bessere zu nsetzm; fie wolle Mittel anwenden, welche vnhindem, daß die Menschheit wiedn mit dn Barbarei beginnt, wenn eine Kulturperiode fich ausgelebt hat und ein neue« Zeitalter beginnt. Auf dieser hohen sittlichen Idee beruhe die deutsche sozialdemokratische Bewegung vom Tage ihr« Entstehung an. Mit ihrem Schöpfer Laffalle sehe fie nicht in der rohen Gewatt, sondnn einzig und allein in dn wissenschaftlichen Quelle aller unabläsfig fortschreitmdm, aller friedlich fich vollztehmden Verdessnung. Redner gab eine sehr interessante Schilderung der den arbeitenden Klassen so übnauS ungünstigen gesellschaftlichen Zusammenhänge,— der witthschastlichen Anarchie und ihrer Konsequenzen. Daraus folgttte er in scharf logisch« Weise, daß d« sittliche Inhalt der Fordttungen deS ÄrdeitnsiandeS fich vollständig decke mit der Kulturentwicklung, mit dem geschichtlichen Vervollkomm« nungSzwange, dem die Menschheit unterworfm sei. Dieser Zwang— erklärt Redner— bringt, wie auch Schäffle konstattrt, die Freiheit und Gleichheit in Staat und Gesellschaft zu steigend« praktischn Geltung, er drängt die Privilegimhenschaft mehr und mehr zurück und zwingt Staat und Gesellschaft, um ihr« Seldsterhaltung willen, allen ihren Gliedttn sowohl eine dem wachsenden BUdungSstteben Abonnement«� Einkaäung. Zum bevorstehendm VierteljahrSwechsel ttlauben wir unS- alle Arbeft« BttltnS zum Abonnement auf daS „KerHner volksvlatt� mit dtt Gratisbeilage „Zllsstrwt-s K»nntagsblatt" einzuladen. �..Attlin« YolKsbratt" kostet für da« ganze Vierteltahr frei in« HauS tMark, für Monat Aprll 1 Mark 35 Pf„ pro Woche 35 Pfg. Bestellungen werden von fimmtlichm Z«tunß6ftet) � sowie von der(Spedition uns««« BlatteS, Zimmerstr- gegen genommen.„„«„«rt» ff.fÄÄut-g; Die Redaktion«nd Uxpedttto« de»„Berliner Volt__ Vttantwortitcher Redakteur St. k»«uhei« in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin SW, Beulhstraße 2. Hierin eine vetlags- entsprechend« erhöhte Theilnahme an dem überlieferten Gemein« defitz eeisttger Güter zu garantiren, alS auch fich mit Hirstellung und Sicherung d« möglichst besten Existenzbedingungen für Alle, mit einem Venunft und Recht entsprecdenden Ausgleich dn Mißotthältntffe in Besttz und Genuß der materiellen Gitter zu befassen, sowie alle sozialen Beruftstellungen gemeimechtlich gleich, d. h. nach Maßgabe wirklicher Tüchtigkeit und wirklichen Verdienstes für Jeden zugänglich zu machen. Wer daS zu begreifen vermöge, dem werde die Eikenntniß der sozialen Frage fich aufdrärgen mit j-n« Allgewalt, mit der Irgend eine gewaltige Naturerscheinung in uns« Bewußtsein tritt.„Wann endlich", fragt Redner. wttdcn unsere Gegn« begreifen, daß eS fich bei »Lösung der sozialen Frage" um weit mehr handelt, alS um die„Sättigung d«S MagenS?" Ein neues Ges-llschafts» prinztp ringt mit d« Kraft etneS NaturprozeffeS fich durch, streitet widn da« alle und will ei bestegen; da» ewige Unecht dn Menschheit tritt in eine neue Erscheinungsform, getragen von dem stets nur in einer Richtung wirkenden Maficninsttnkt, dn fich ausspricht in der Formel: Recht, Gleichqetf, Freiheit. Das ist fie, die„Revolution",— die Revolution, die zur Ver- söhnung drängt, zur ökonomischen Gle chheit als r.othwendige Ergänzung der von d« Menschheit seither errungenen„Gleich« betten,"— der Gleichheit vor der Idee der Gottheit, vor der Vernunft, vor dem Gesetz und vor dem Staate! Sie hält unS umklammert und giedt unS nicht loS; ste geRetet und die Menschhett muß folgen, freiwillig od« widerstrebend; ste ist die oberste Autorität, da« eiserne Schicksal v« Mcnschhcit» von Niemand«zeugt, von Niemand munden, der In begriff der ganzen seitherigen geschichtlichen Entwicklung und der geschicht« liche Ausdruck einer hohen, stttlichen Idee, der Idee der freien und ebenbürtigen Solidarftät, die den letzten thalsächlichen Ucberrest der über Jahrtausende fich«streckenden rechtlichen und faltischen Unfreiheit der Volkimassen beseitigen soll."— Scharf kritistrte Redn« sodann die in den henschenven Kreisen vorwaltende Meinung: die Sozialdemokratie wolle eine Revo» lution„machen" uod durch Gewalt zum Austrag bringen; er erinnert an da« Wort Laffalle«:„Eine Revolution machen wollen, da« ist eine Thorheit unreif« Menschen, die von den Gesetzen d« Geschichte keine Ahnung haben." E« sei ja eben die große Kontinuttät und Einheit aller menschlichen Entwick« lung, daß nichts Neue« in fie hineinschnett, oder willkürlich ein Prinzip in fie hineingetragen wird, daß vielmehr in ihr nur immer zur bewußten Ertenntniß gebracht und nun mit Willens« kraft verwirklicht wird, wa» seit je schon an fich die unbewußt wirkende organische Natur der Dinge gewesen ist.— Der geschichtliche Lauf deS Sozialismus gipfele in der Verbreitung und Verallgemeinerung dies« Erkenntniß; seine so viel ver» folgte und geschmähte Partei sei d« geschichtlich bnusene Ver» mittl« zwischen Gegenwart und Zukunft, so aber aucd gewiffer« maßen daS Prellkissen für Alle«, was in diese Vermittlung störend eingreife. Schließlich gelangt Redner zu der Ueber« zeugung: daß imm« nur unkluger Wrderstand gegen da« mit entwicklungSgesetzlich« Nothwendigkeit fich bahn- brechende Neue die Gefahr roher Gewaltchat mit fich bringe. Der Sozialismus wolle diese Gefahr de« seiligen; ihm gelte e«, aufzubauen in der Welt der ledendigen Thatsachen. ES fei chöricht, die Sozialdemokratie de«„Unfug«" zu beschuldigen, denn:„Da» herrschende G-seUschaftSprinzip theilt mit allm vorher dagewesenen dai Schicksal, daß eS mit inner« Nothwendigkeit fich selbst untergräbt, fich dei stttlichen und historisch-rechtlichen Halte« beraubt und so die Massen ad« siößt und zu fich in eine oppoftttonelle Stellung dringt."— Mit einem warm empfundenen Appell an da« G rossen und den guten Willen, fich ein« voruttheilSsreim Prüfung d« ein« schlägigen Verhältnisse und Prinzipien zu beflechigen, ichloß der Redner unter lang anhaltendem, enthusiastischem B>ifaU der Kopf an Kopf gedrängt stehmden Menge, die alsbald in größttt Ruhe und Ordnung sich verlief. * Verein ,»r Wahrung der Interessen der Klavier- arbeiter. Versammlung Sonnabend, den 27. März, Abends 8'/, Uhr, in Gratweft'S Bierhallen, Kommandanten str. 77—78. Tagesordnung: I. Vorttag de« Herm Ephraim über:„Die Stützen d« modemen Weltanschauung". 2. Der Verlauf de» DlrttkS in Bayreuth. 3. VereinSanaelegenheiten. Gäste willkommen. Auch wndm in der Versammlung die Fragebogen verausgabt. Die restirmden Mitglied« werden auf§ 6 des Statuts aufmerksam gemacht. Freiwillige Beiträge zur Unter« stützung der streikenden Kollegen in Bayreuth werden dei Stramm, Skalitznstraße 18, vom Kaffirer in Empfang ge« nommen. * Verein»nr Pflege freireligiösen Leben«. Sonntag, den 23. März, VormtNag« 10 Uhr, Nredttwallstr. 20 im untnn Saale, Vortrag deS Herm Dr. Völckel über daS Thema: „Sollen wir unS Sorgen machm?" Zutritt hat Jeder. * Große Volksversammlung am Sonntag, den 28. März. Vormittag« 10 Uhr. in der„Tonhalle, Friedrichstr. Nr. 112. Tages-Lrvnung: Die bisherige Thätigkett des ReichitagS. Referenten die Herren RetchStagSadgeordneten W. Hasenclever und P. Singer. Interessen« Verein der Kisten« nnd Koffermacher. Montag, dcn 23. März, Abends 8'/, Uhr, in den„Armin- hallm", Kommandantmstr. 20, Gennal-Versammlung. Tagesordnung: Vorstandiwahl, Vnschiedene» und Fragekasten. OuittungSbuch legftimirt. Neue Aufnahmm finden statt. * Aachverei« fämmtlicher im DrechSlergewerk be« schäftigtm Be»us«aenoffen. Vierte» Stiftungsfest am Sonn' abend, dm 27. März, Abends 8 Uhr, in Krieger'« Salon. Wafferthorftt. 68. * Große öffentliche Verfammlnna der Putzer«er« lin« und Umgegend am Sonntag, den 28. Mär,, Vormitag« 10 Uhr, im Lolal Neue Schönhauserstr. 20, Palmen- Saal- TageSordnung: Bericht d« Deleglrtm vom Kongreß der Maurer Deutschlands. VerfchiedmeS. * Ttfchler-Verei«. Außerordentliche Generalottsammlung am Eonnabmd, dm 27. d. M, Abend« 8V, Uhr, Kot»» buserstraße 4». Tagesordnung: Statutmbttalhung. Du»' tungibuch legftimirt.. * Alla. Kranken« nnd Sterbekasse de» Metallarbeiter (E. H. 29). Sonntag, VormfttagS 10 Uhr, außer ordmtliwe Mitgliederversammlung der Filiale VII Berlin in Jakob» Salon, Lindorversiraße 26. Tagesordnung: Wahl eine« Dete« giften zum Kongreß. Verschiedene«. Beilage zum Berliner Bolksblatt. Ar.?S. gonimticnfc, de» 37. Märs 1886. III. Ist bns Elmb«us der Welt z« schM»? Met jed.m Tage häufe» sich die Nachnchte» über den wirthschafttichc« Nothstand. der aller Orten in unerhörtem Maße herrscht. Zwar haben auch ältere Generationen nach einem Aufschwung der Gewerbe eine Zeit des Stillstandes und des Druckes durchmachen mästen, aber vorherrschend waren die Zeilen des Aufschwunges, nur in längerem Ab« stand kehrien die Stockungen wieder und auch diese in milderer G, statt als heute. Wie hat sich das alle« in den letzten Zuhre« verändert! Noch sind die verheerenden Folge» der große» Katastrophe des vorigen Jahrzehnt« nicht verwunden, da tritt bereit« eine neue weltwirthschaftliche Krise ihren Umgang an. Jenseit« de« Ozeans hat sie dies- mal begonnen, dann faßte fie in England und Frankreich feste« Fuß, und nunmehr zittert ganz Europa unter ihrer Herrschaft. Das Elend nimmt nicht überall die- selben Formen an. Hier zeigt eS sich in der Zunahme der Selbstmörder und Verbrecher, dort in der Vermehrung der Bettler und Almosenempfänger, hier verkriecht es sich still in stire Winkel und Keller, dort bricht es in lauten Tharen der Verzweiflung hervor— aber übeiall schwillt es an und noch hat keine Kunst der Regierunge» es einzudämmen vermocht. Alle Mittel der alten Wirth schaftspolrtik sind vergebens versuch worden. So hatten Deutschland und England ihren Freihandel, al» der Zusammenbruch der siebziger Jahre er- folgte; heute haben fast alle Staaten sich mit Schutzzölle» gegen da« Ausland umgeben und gerade die Länder, welche am längsten diese Wege wandeln, Frankreich und Nord amerika, liege» heute am schwersten darnieder. Ist damit nicht bewiesen, daß die allgemein! Verarmung unabänderlich ist und daß wir uns entsagend in da« Unabänderliche zu fügen habe»? Viele ernste und nachdenkende Leute werde» diese Frage, wenn auch widerstrebend, bejahen. Sie sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß die industriellen Länder über da« zulassige Maß der Bevölkerung hinausgewachsen sind, daß sie nicht mehr so viel Güter erzeugen oder eintauschen können, um alle Bewohner auskömmlich zu erhalten. Zu viel Köpfe— und zu wenig Waa- r e»! an diesem Widerspruch geht nach ihnen unsere Kul« turwelt wie an einer verzehrenden Krankheit zu Grunde. Und zwar nothwendig zu Grunde, den« nach dieser Anschauung ist die Vermehrung der Menschen eine so starke, daß es immer zuviel verlangende„Mäuler" geben wird. Aber ist diese Anschauung denn richtig? Wir kön- ne» nicht soviel produziren wie wir brauchen?! Aber produzire» wir denn überhaupt, soviel wir können? Stehen nicht vielmehr unsere Werkstätten und Fabriken zu einem großen Theile, wie vom Schlage gelähmt, stille? Wenn sie alle in Thätigkett veisetzt würden, welch ei» Tüterreichthum müßte ihnen entströmen, und wie reichlich würden alle leben können, wenn dieser Güterreichthum allen zu gute käme! Wir haben zu wenig Güter?! Aber jammern und klagen unsere Handwerker, Fabrikanten, Kaufleute— und auch unsere Landwirthe nicht gerade darum, daß von allen Waaren zu viel da ist, daß sie bankerott werde«, daß sie ihre Arbeiter entlaste» müssen, weil zuviel produzirt werde, eme Heber« Produktion eingetreten ist? Und in der That, unser Elend rührt nicht daher, daß e» an irgend etwas fehlt oder fehlen würde, wenn man in allen Gewerbe« thätig wäre. Nein, gerade der Ueberfluß macht uns elend und arm. Aber muß das so sein? Wenn wir durch großartige technische Fortschritte mit halbsoviel Arbeit dasselbe leiste» können, muß das so sein, daß wir alsdann die Hälfte der Arbeiter fortschicken und ihrem Schicksal, d. h. dem Hunger und der Noth überlaste«— oder wäre es nicht unsere Aufgabe, hier für alle eine Arbeitserleichterung zu schaffen, sodaß eS allen bester erginge? Wen» wir zumel von allen Tütern schufen, wenn wir, wie»S heute der Fall ist, eine welt« wirthschafiliche Ueberproduktioa von allen Bedarfsgegen« ständen, selbst bei den Lebensmittel», bei Getreide und Fleisch haben, muß das so sein, daß alsdann wegen des stockende« Absätze« die Arbeiter nicht das Brvd gegen ihren Hunger und die Kleidung gegen ihre Blöße mehr habe», und daß auch ein großer Theil der Unternehmer in die Hoffnung»- losen Tiefe« de» Proletariates hinabsinkt? Muß es so sein, daß, wie c» jetzt eintritt, mit dem Ueberfluß, der Ueberproduktio» an allen Gütern die Entbehrung an allen Gütern wächst? Oder müsse» wir nicht dahin streben, daß der wachsende Reichthum in Zukunft auch da« wachsende Glück eines Volke« begründe? Man sieht, es ist nur ein finsterer Aberglaube, der uns die heuttge Roth als etwas Unabänderliche» lehrt. Nein, e« find alle Vorbedingungen für ein ungemeffene« Glück de« ganze« Volke» vorhanden, und wen» dies« Vor- autsetzunge» des Glücke» heute in ebenso viele Förde- ruagSmittel der Roth umschlage», so ist daran nur ei» überlebte» WirthschaftSspstem schuld, das zu ändern in der Hand de« Volke» liegt, wen« e« seine Lage einmal klar erkannt haben wird. Diese Erkenntniß verbreite« zu helfen, wird unser erste» und unablässige» Bemühen sein. N arlamentsverichte. Deutscher«eichttag. 74. Sitzung vom 26. MSrz, 1 Uhr. Am Tische de» BundeSrathS: Fürst von Bismarck, «on Boetticher. von Scholz, von Burchard und * 0"�Eintritt in die TagtSordnung erklärt Abaeord- neter Heine(Soz.). daß er seine Angaben über seine Erleb« niffe während der sechSmonatlichen Straf hast zu Halberstadt, insbesondere von den durch den Staatsanwalt Schöne ange« «rdnetenhause auS dem Berichte deS Staatsanwalts Angaben verlesen, welche nicht der Wahrheit entsprächen: er sei niemals Untersuchungsgefangener gewesen, sondern habe vom 18. Juni bis 18. Dezember v I. als Strafg'fangencr die über ihn wegen Beleidigung des Vorstandes der Ardettelkolonie zu Sayda ver- hängte Strafe abgebüßt; er sei ferner am 30. Oktober v. I. vom Staatsanwalt Schöne in G? genwart eines das Plotokoll führenden Referendars und des Gefangen wärterS von Eist- genanntem gefragt worden, wie er in den Bcfitz des Stück-s Wurst gekommen sei, das man bei ihm gefunden, er solle den Beamten, durch dessen Vermittelung»llein die Zusteckung stattgefunden habe, nennen, er werde nicht eher die von ihm gewünschte bessere Gefangenenzellc bekommen. Die Angabe des Staatsanwalts sei falsch, der»ufoige niemals gegen ihn Arrest verfügt worden, und er stets in Zelle 22 inteinirt gewesen sei, im Gegentheil sei er an jenem 30. Oktober AbendS 6 Uhr auf Anordnung deS Gefängntßarztes nach einer anderen freundlicheren gebracht worden, wo er bis zum Ende seiner Strafbaft verblieben sei. Eine amtlich beglaubigte Ab- schrift jener Verfügung des Staatsanwalts Schöne, welche ihn so lange an Zelle 22 gebunden, biS er dm Vermittler genannt habe, sei ihm auf seinen Wunsch verweigert worden. Er bitte den preußischen Justizwinister die betreffenden Aktenstücke ein- zusehen. Sollte fich trotz allidrm die Unwahrheit setner Be hauptungen herausstellen, so sei er zu jeder Satisfaktion gegen- über dem Staatsanwalt bereit, entgegengesetzten Falle» erbitte er aber im Interesse deS öffentlichen ÄechtsbewußtseinS die verheißme Remedur. Darauf wird der Zusatz zum§ 5 des Zolltarifgesetzes (Zollfreiheit für Materialien und Dienstutenstlien auf gemein- samen Grenz- und Betriediwechselstalionen) in dritter Berathung genehmigt, und das Haus tritt in die zweite Berathung d:s Branntweinmonopols ein. Referent v. H e r t l i n g: Der Verlauf der Debatten in der Kommisfion, sowie die Eiklärungen der Vertreter der Re gierungen ergaben alsbald, daß die Vorlage nur eine kleine Anzahl unbedingter Freunde im Reichstage hatte und daß ihre Annahmt in der vorgelegten Form nicht zu erreichen sei. Diese Anschauung beeinflußte auch die Berathungen, zu denen gerade von den Gegnern des Monopols das Wort nicht erbelen wurde. Bei der Frage der Steuerform wurde die Konsum- steuer nur nebenher gestreift, dagegm von mehreren Mitgliedern mit großem Nachdruck der weitere Ausbau der Maischraum- steuer empfohlen. Im Allgemeinen erfuhren diese Vorschläge dm Einwand, daß es eine unrichtige Politik sei, die Ernzel- stallten aus der Reichskasse und die Kommunen aus den Staatskassen zu versorgen; der gesundheitsschädliche Einfluß deS BranntweintrinkenS sowie die Trunksucht liißen stch durch andere Mittel bekämpfen, auch sei noch gar nicht nachgewiesen, daß die Trunksucht in den letztm Jahren besonders zugenommen habe, und schließlich dürfe die Eteuercrhöhung nur gegen eine Erleichterung auf anderem Gebiete bewilligt werden. Seitens der Regierungen erkannte man den Werth der Resolutton al« VetstandigungSmittel an, fie wurde aber mit 15 gegen 9 Stimmen abgelehnt. Hiernach kann die Kommisfion nur vorschlagen, die Vorlage abzulehnen. Reichskanzler Fürst v. Bismarck: Wenn ich jetzt in der zweiten Lesung da» Wort für die Annahme deS Monopols ergreife, so schmeichle ich mir natürlich nicht mit der Hoffnung, auf die Abstimmung damit einen wefentliiben Einfluß zu üben; ich halte eS indessen doch für meine Pflicht, obfchon es mir nach dem Zustande meiner Gesundheit schwer wird, vor dem Hause die Gründe darzulegen, welche mich bestimmt haben, den Antrag auf Einführung deS Monopols auch meinerseits zu stellen und ledhaft zu unter- stützen. Daß ich damit auf die Annahme wieder einen Ein« fluß üben könnte, dazu ist, wie gesagt, keine AuSstcht. Nach der Lage unserer parlamentarischen Verhältnisse werden wichti- gere Fragen ja doch in der Regel entschieden, bevor fie über- Haupt in die erste Lesung gelangen; fie werden entschieden innerhalb der Frastionen. Wenn dort festgelegt ist, wie jede Fraktton fich dazu stellen will, so hat die erste Lesung oder die weitere Behandlung in der Regel einen mehr ornamentalen Charakter. Di-se Entscheidung über daS Monopol, die in den Fraklionen getroffen war,— ja zum TheU bereits getroffen war, bevor die Vorlage überhaupt von irgend Jemand gekannt sein tonnte, ist ziemlich schnell erfolgt. Ich will nun gar nicht von dieser letzteren Entscheidung sprechen, die vor der Vorlage erfolgte und die eben nur mit dem bekannten Wort charakteri- strt werden kann: Ich kenne die Abfichten der Regierung zwar nicht, aber ich mißbilligt st«. Von dieser will ich nicht sprechen, sondern nur von der Bestegclung, die fie erfahren hat. Schon am 4. März— am 4. März war die erste Lesung— konnte doch wohl Jeder merken, daß da« Schicksal dieser Vorlage entschieden war, entschieden in der kurzen Zeit vom 22. Februar, wo fie an das HauS gelangt ist, bis zum 4. März, also mich dünkt in 12 Tagen. Eine Vorlage, an der die verbündeten Regierungen etwa sechs Monate mit großer Sorgfalt gearbeitet hatten, über die fie untereinander korrespon- dirt, die fie von ihren Technikern hatten prüfen lasten— die alS vollständig unbrauchbar zu verwerfen, bedurfte daS hohe HauS nur der Zeit von 12 Tagen. Man spielt mit unS; man läßt uns eine Art Blindekuh spielen. Wir wissen nicht, man sagt unS nicht, wie wir eS elwa bester machen könnten, man läßt unS errathen; e» giebt ja solche Spiele, wo man Jeman- den herausschickt, um einen versteckten Gegenstand zu suchen. Dabei giebt man ihm aber doch die Hilfe, daß die Mustk stch verstärkt oder abschwächt, je nachdem er dem O-t näher kommt. Selbst diese kleine Aufmunterung wird uns hier vollständig veisagt. Man begnügt fich damit, wie eS bei diesem Gesellschaftsspiel ja stetS stattfindet, daß man mit In- tereste die mehr oder weniger unbeholfenen oder geschickten Versuche D-Sjenigen. den man suchen läßt, detrachtet und seine kritischen Bemerkungen darüber macht. In dieser Weise, glaube ich auch, hatte ich die Aufforderung des H:rra Abgeordneten Dr. Windthorst zu verstehen, mich an den Kom- misfionsverhandlungen zu betheiligen. Ich hätte dort ungefähr die Rolle gespielt, wie die Juden an den Wassern von Babylon: Lieber, finge uns ein Lied von Zion, damit wir unS an Deruem Kummer erfreuen.(Heiterkeit rechts) Diese Art von Zurück- Haltung, vom Imstichlassen deS Ministeriums bei der Arbeit und bei dem Suchen nach den Mitteln, anerkannte Schäden in unserem öffentlichen Leben zu mildem, ist schwer erklärlich, wenn man nicht den Jnthum fich vergegenwärtigt, der fast allgemein unsere Verhandlungen beherrscht, als ob die Regierung die Verpflichtung hätte, ihrerseits mehr Patriotismus, mehr Für- 'orge für daS öffentliche Wohl zu haaen und fich dafür abzu- mühen, alS ob allen übrigen Mitarbeitern, dem gesammten Reichstag, nur die angenehme Aufgabe wäre, der Regierung je nach ver Stimmung, die gerade die Mehrzahl beherrscht, je nach dem FraktionSdedürfniffe Nein zu sagen und fie abzuweisen, alS ob die Regierungen und Minister irgend eine Jntereffe pro domo in der Sache hätten. Meine Herren, Interessen pro domo haben die Minister nicht. Der Einzige unter— ich glaube— fast allen deutschen Äinistern, der bei dieser Vor- läge irgend ein persönliches Interesse haben lönnte, bin ich, indem ich, wie der Abg. Richter bei irgend einer Gelegenheit sagte, ein großer Brenner vor dem Herrn bin. Er hat diese Andeutungen ja neulich vervollständigt in der Weise, daß er sein Wort von der Schnapspolffik weder holte und mir dabei- Schuld gab, daß ich in den Verhandlungen der letzten Jahre — ich weiß nicht mehr, wie er fich ausdrückte; ich habe eS hier, aber ich will Et« nicht aufhalten mit dem Nachsuchen—, e» ging ungefähr dwauf hinaus, daß ich in der Gesetzgebung mein persönliches Interesse an der Brennereifrage tbethättgte. Nun, meine Herren, es liegt doch in dieser Andeutung, die der Abgeordnete Richter offen ausgesprochen hat, eine Be« hauptuna, die, wenn fie wahr wäre, mich in der öffent« lichen Achtung herabsetzen müßte. Wenn der Adgcord« nete Richter das nicht unter dem Schutz deS parla» mentarischen Privilegiums, andere Leute beleidigen zu dürfen, gesagt hätte, so würde ich ihn einfach vor Gericht fordern und den Beweis der Wahrheit von ihm gewärtigen. Er würde ihm recht schwer zu führen sein, da meines Wissens analoge Verhandlungen, in denen ich diese Vorliebe für die Brennerei hätte beweisen können, in den letzten Jahren gar nicht stattgefunden haben. ES ist einmal eine Branntwein- besteucrungefrage im Landtage gewesen, so viel ich mich erinnere; aber eine Besteuerung der Brennerei ist dier noch nie in Frage gekommen. Es wäre ja für mich ein LetchteS, der- gleichen grobe Injurien zu erwidern und auch den Herrn Abg. Richter zu beschuldigen, daß er seine Stellung alS Ad- geordneter in seinem Prioatintcreffe ausdeute' indessen ich ver- zichte darauf. Ich finde eS unter meiner Würde, mich auf einen Streit der Art einzulassen.(Sehr richtig 1 recht«.) Es wäre ja bedauerlich und der Herr Abg. Richter wäre doppelt im Unrecht, dergleichen gesagt zu haben— wenn er damit irgendwie Glauben fände. Es ist für das Ans-hen und die Bedeutung deS Deutschen Reich? ziemlich gleichgiltig, waS man in der W-lt von dem Herrn Abg. Richter denkt; es ist aber für daS Dcutsche Reich nicht gleichgiltig. waS man von dessen erstem Beamten, seinem Kanzler, denkt.(Sehr richtig l rechts.) Ich könnte deshalb mit sehr viel mehr Sicherheit, Niemand zu schädigen, daS, waS ich etwa dem Herrn Richter al« Balken in feinem Auge vorzuhalten hätte, hier vortragen. Aber, wie ge- sagt, ich glaube, ich habe daS nicht nöthig; ich glaube, die Stellung, die ich mir im öffentlichen Leben ,eit 30 Jahren erworben habe, ist»u fest, als daß der Herr Abgeordnete Richter mich aus derselben herunterzerren könnte. Sein Gewicht ist zu leicht dazu.(Bravo! rechts.) Er hat in derselben Rede die ganz: Monopoloorlage in»er Hauptsache al» ein Geschenk dargestellt, welches den schlrfischen Magnaten, die er zum Theil namentlich aufführte, gemacht werden sollte, er hat stch bei dieser Aufzählung der einzelnen Kategorien deS schlestschcn AoelS, wie ich aus dem stenographischen Bericht ersehen habe, eines mehr« fachen Beifalls und großer Heiterkeit zu erfreuen gehabt, wie daS sehr leicht in Deutschland in allen größeren Kreisen zu er« reichen ist, wenn man NachtheiligeS vom Adel spricht: nur muß eS eben gerade der deutsche Adel. Das ist ein charaittrist scheü Zeichen, wie schwer es ist, den Beifall des Landsmanns zu er« werben, und wie richtig bei uns das Sprichwort ist, daß kein Prophet in seinem Lande etwaS gilt. Der fremde Adel, schon der böhmische und ungarische Magnat neben dem schlefischen,— da hat man„alle Ächtung".(Heiterkeit.) Ein englischer Lord — da nimmt man den Hut ab nicht nur in England, sondern auch hier bei unS in Deutschland. Ein französischer MarqutS — daS hat doch ein gewisses historisches flaTonr von Rokoko und von Feinheit; das läßt man auch palfiren; man ist nicht geärgert, mit einem MarquiS zu verkehren. Ein spanischer oder italienischer due»— der hat etwaS exotisches; der bat schon an und für fich durch seinen ausländischen Charakter etwaS Anziehendes. Aber ein deutscher Graf, und gar ein „Reichsgraf", wie der Abgeordnete wiederholte, unter großem Beifall,— daS ärgert jeden Biedermann sehr, daß die auch Brennereien haben, und daß diese staatlich geschützt werden sollen. Wir haben ein naheliegendes Beispiel in der Zuckerindustrie. Da find schon manche zu Grunde ge- gangen, die weniger feststanden' die wohlfundiiten halten eS langer au«. Wir haben viele Beisoiele in Amerika, in Eng. land. Ich erinnere an die großen Operationen, die seit Jahr- zehnten von englischen Industriellen in der Weise gemacht wurden, daß dieselben die Ueberproduktio» begünstigten; die KristS wurde dadurch verschärft, die stärksten und reichsten Fa- brikantcn verkauften mit Schaden immer wohlfeiler, und nach« dem alle ihre Nebenduhler zu Grunde gegangen waren, gingen fie mit dem Preise in die Höhe und waren die Konkunen, los. So würde auch, wenn gar nicht« geschieht, die KristS von selbst schon die Kontingentirung voll» ziehen, aber leider zu Gunsten der Reichen und zum Nach» theil der Armen.(Sehr richtig! rechts.) Die schlefischen Magnaten werden nicht Diejenigen sein, die leiden; unter den dürg-rlichen Schlrfiern, unter denen der Herr Ab- geordnete Richter nur einiger Reichern wohlwollend gedachte, ohne ihre Namen zu nennen, da werden gerade nur diese Reichen vielleicht die KristS überstehen; die glücklichen Jahre» wo man zwischen den Gräbern der Konkurrenren fich etadliren, daS seintge b-ffer ausbauen und ausbeuten kann, die wirden eben nur diese reichen Fideikommißbefitzer und Grafen und Herren erleben. ES handelt fich hier aber gar nicht einmal um die Frage der Brennerei, sondern wesentlich um die Frage deS KarloffelbaueS. Ich will hier vorläufig nur hervorheben» daß die Frage nicht so liegt, Branntweinbrenner gegen Schänk- wirth, sondern Kartoffelbauer gegen Echänkwirth. Jede Ver« Minderung unseres KarloffelbaueS um auch nur ein Hektar— ich will ganz obiter taxiren— entzieht einer Arbeiterfamilie den Boden ihrer Existenz, und jede Vermehrung unseres Kar« toffelbaues um einen Hektar giebt die Möglichkeit für eine Arbeiterfamilie mehr zu leben im Vergleich mit anderen Früchten» die an der Stelle gebaut werden können. Diese sozialen und wirthschaftlichen Motive find indeß garnicht die Hauptsache, die uns zur Vorlage veranlaßt haben, sondem die Hauptsache ist daS finanzielle Be» dürfniß, daS vorliegt und das von dieser Stelle auS schon mehr als einmal vertreten worden ist. DaS Bedürfniß schien fast von allen Parteim anerkannt zu werden; von der frei- finnigen Partei habe ich nichts gehört— aber auch vom Zentrum, das nachher so geschlossen gegen die Vorlage ge- stimmt hat, schien der Abg. v. Hurne doch wenigsten» daS Be» dürfniß zuzugeben, und von Seiten der Nationalilderalen, wie mir schien, ungetheilt. Die Bedürfnißsrage aber ist, je älter fie wird, eine immer dringendere. WaS die deutsche Nation in den verschiedenen Formen, in welchen fie ihr polittscheS Leben zur Erscheinung bringt, an Ausgaben bedarf, daß muß in iraend einer Gestalt doch aufgebracht werden, mag dasBe» dürfniß sich im Verwaltunasgediet des Reichs, in dem der Einzel» staaten oder in dem der Gemeinden kundgeben; e« schöpft da« alles aus derselben Quelle und dient alleS demselben Zweck, der deutschen Nation die Erfüllung ihreS politischen LedenS zu er» möglichen. Die Bestrebungen, die deutsche Einheit herzustellen Im Jahr« 1848, find hauptsackllch durch die Mißachtung der Realitäten in Deutschland zu Waffer geworden. Zu den Re> olität'N g» hören die Regierungen und die Tynastten, und ich möchte Ihnen empfehlen,— nicht weil ich augenblicklich zur Regierung gehöre, dai wird ja hoffentlich in kurzer Zeit nicht mehr der Fall sein,— aber ich möchte Ihnen im Jntenffe deS Deutschen Reiche? und für deffcn Schöpfung doch empfehlen, die Regierung und ihre Vorlagen nicht so geringschätzig zu be> bandeln, wie eS dießmal in den AemmisfionSverhandlungen der Fall gewesen ist. Ich bitte Sie, mir diese Warnung nicht zu verübein-, ich weih nicht, wann ich bei dem Zustand meiner Gesundheit wieder zu Ihnen werde sprechen können, und ob in diesem Jahre überhaupt noch einmal; die Zukunft steht bei Gott. Aber rch halte eS für meine Pflicht, aui Grund der Er- sahrungen, die ich im Dienste deS RcicheS gemacht habe, Ihnen meine Besorgniffe nicht zu verhehlen. Ich würde Sie, wenn eS nicht fast wie Ironie llingt, noch heute bitten: nehmen Sie dai Monopol an; durch das Monopol befestigen Sie daS Reich, durch die Ablehnung deS Monopol» schädigen Sie da» Reick. Wenn Sie das Monopol aber verwerfen, wenn Sie wirklich die Verantwortung dafür übernehmen wollen, dem Reich und den Einzelstaaten diese Hilfsquellen abzuschneiden, dann, meine Herren, werden wir Ihnen, wie ich schon sagte, in kurzem zunächst eine neue Vorlage machen für ein Reichs- gesetz dehusS Besteurung des B-anntwein» in seiner Konsum- rion, aber auch, wenn meine Wünsche die Annahme der ver« kündeten Regierungen finden,— was ich ja noch nicht weiß, zu einer Besteuerung der Jnteriff-nten selbst, die dazu de- stimmt sein soll, die Exportbonifikation auf deren eigen- Kosten zu verbeffern. Wenn Sie uns da» auch wieder mrgedrachtermaßen ablehnen,— dann, meine Herren, glaube ich, daß der König von Preußen fich seinen Unterthanm, der Roth, in der fie fich befinden, und der Thatsache, daß in seinen Staaten I1/» Millionen Auspfändungen jährlich wegen Geweindelasten noch stattfinden, nicht länger wird verschließen können: er wird zusehen müffen, was seine preußischen HilfS- quellen ihm erlauben, aus einer Gewerbe- und Lizenzsteuer auf- zubringen, und ich hege die Ueberzeugung, daß er dann an der preußischen Landesvertretung die Unterstützung finden werde, die ihm hier zu meineml Bedauern versagt wird. (Bravo! recht») Abg. Richter! Der Abg. Buhl sprach neulich gegen dai Monopol so gut, daß wir es nicht besser hätten machen können. Ganz im entgegengesetzten Sinne hat fich heute Herr v. Fischer erklärt. Wer von den beiden Herren hat denn nun für die Nationalltberalen gesprochen? wer für die Süddeutschen? wer für die Bayern? Die Wähler werden doch den Henen Nationalliberalen gegenüber auf der Hut sein müffen, so lange nicht jeder der Herren erklärt hat, wie er prinzipiell zum Mono« pol steht. Es sieht fast aus, als wolle die Regierung den Reichstag schrecken, zum Reichsmonopol, als dem relativ Besseren, zurückzugehen. Warum nun diese Eile? Der Reichskanzler sagte, er wiffe nicht, ob er noch bis zum Januar 1887 lebe ic Ja der Weise find doch die politischen Berhältniffe nicht auf die Gesundheit deS einzelnen Mannes und auf zwei Augen §(stellt. Das wäre ja auch eine Anklage gegen den Herrn ieichSkanzler, wenn er Gesetze in athemloser Hast machen wollte, bloS weil er nicht weiß, ob er daS nächste Jahr erlebt. Wenn er kein Vertrauen zum Reichstag hat, so habe ich doch so viel Vertrauen zur Krone und zum jeweiligen Inhaber derselben, daß daS Bestehen deS Deutschen Reichs über 1887 hinaus gefichert ist, gletchgiltig, wer dann noch lebt. Diese Vorlage ist kein Mittel, die Zufriedenheit im Lande zu vermehren, es ist keine Stärkung, sondern eine Schwächung des Reichs. Je mehr der Staat fich wirthschaftlichen Aufgaben zuwendet, desto mehr wächst im Falle des Mißlingens die Unzufriedenheit. Der Reichskanzler wies den Gedanken eines Staatsstreiches weit von fich. Ich bin dankbar für seine Erklärung, aber ich hätte gewünscht, und der Eindruck würde ein noch bedeuten- derer gewesen sein, wenn der Reichskanzler nicht doch dabei von der Eventualität gesprochen hätte, daß die Fü sten Deutschlands Reue darüber empfinden könnten, daß fie Sou- veränetätsrechte an daS Reich abgetreten haben, unv daß fie zu dem Versuche verleitet werden könnten, dtese wieder zurückzu- nehmen. Dem widerspricht aber die Vrrfaffnng. Möglich wäre es nur durch eine Revolution. Ein Fürst, der so erwas unternähme, bräche die Verfassung, er wäre ein Revolutionär. Das R-cht der Fürsten ist um kein Trtelchen besser, als das der Verfassung(Unruhe rechts), und daS Recht der Fürsten deruht nur auf der Verfassung(Lebhafter Beifall link», Unruhe rechts). Mir scheint, daß man gut thut, darauf hinzuweisen, was man von einer solchen Eventualität denkt. J-denfollS age ich, wenn der Reichskanzler Gewicht auf die Zufriedenheit .m Lande legt, auf die innere Stärke, so war die Andeutung einer solchen Eventualität ein schleckt gewähltes Mittel. Cr sprach dann von der Bedeutung des Parlaments. Wir haben es ruhig angehört, weil wir eS schon oft gehört haben und die Gewohnheit abstumpft. Der Reichskanzler sollte nicht ve-gessen, daß daS Ansehen des Reichstag» gehört zum Ansehen deS Reichs selbst; und ein Reichstag, der nur Steuerdewilligungsmaschine wäre, würde nicht im Stande sein, da« Reich im Innern zu stärken und zu befestigen. Er hat dann auch auf dunkle Gesahren in den äußeren Verhästnissen hingewiesen, solche Andeutungen find von ganz besonderem Eindrucke. Wir dezweiieln— ohne daß ich im Stande wäre, die augenblickliche Lage zu beurtheilen — daß dem Deutschen Reiche in der nächsten Zukunft err ste Gefahren drohen, aber wenn dasselbe später in ernste Kriege gestürzt werden sollte, dann werden e» schwere, nachhaltige Kriege sein, mit nachhaltigen Mitteln zu füh-en, daher haben wir uns um so mehr zu hüten vor solchen Plänen, Projekten und Vorlagen, welche in FritdenSzeiten da» zerstöien, auS dem in KriegSzetten die letzten Kiäfte geschöpft werden müssen. (Lebhafter Beifall links; Zischen rechts. Fürst Bismarck ruft: „Bravo! Bravo!" Stürmische Heiterkeit.) Reichskanzler Fürst v. Bismarck: Bravo! Bravo! (Lebhaste Heiterkeit.) Ich theile ganz die Anficht der Hrnen, die Biavo riefen; ei war eine ausgezeichnete Rede: aber fie wird auch von dem Vorwurf getroffen, den der Herr Abg. Richter mir gemacht hat, fie war nicht neu. Er sagt mir, ich hielte immer dieselbe Rede. Von dem Herrn Abg. Richter habe ich in den letzten 10 Jahren auch nichts Neue» gehört. ES ist immer dasselbe: Keine neuen Steuern I 120 Millionen Steuern!— mehr oder weniger pathetisch, je nach Be- dürfniß vorgetragen. Das einzige Sachliche, was der Herr Abg. Richter an mir kritifirt bat, daS mar die von mir ausgegangene Bemängelung einzelner Ziffern. Ja, wenn er weiter nichts gegen die Vorlage einwenden kann, als daß die Berichte der Behörden in Königsberg, in Posen, in Stettin über die Branntweinpreise in der Provinz ungenau gewesen find, dann sollte er doch lieber erkennen, wie schwer «S für die Zentralinstanz ist, fich die nöthigen Mitthrilungen richtig zu verschaffen, statt der Vorlage den Vorwurf zu machen, als od fie leichtfertig gearbeitet wäre. Ich muß schließlich doch noch zu der persönlichen Bemerkung des Herrn Ad». Richter kommen in Bezug auf den Vorwurf, den ich ihm gemacht bade, daß er mir nämlich Dinge imputirt, wofür er, wenn er e« anderSwo thäte, strafbar sein würde. Er hat die Sache vollständig richtig verlesen; er hat wohl nur darauf gerechnet, daß in der verzwickten Satzbildung, die er verlesen hat, die Zuhörer es so genau nicht verstehen würden. Er hat aber ganz genau bestätigt, was ich gesagt habe, nämlich daß er mich deschuldigt, meinen amtlichen Einfluß zur Begünstigung des von mir betriebenen Brennereigewerbe» in der Besteuerung verwandt zu baben. Davon will er mich freisprechen, daß ich die Leute zum Trinken verleiten lasse. DaS ist ja sehr gut von ibm. Ich glaube, er kann auch die Reaterung davon freisprechen. Die eigentlichen Werber für die Völlerei im Trunk find die Ii 190000 Schankwirthe, die davon leben müssen und die fich schon in die Kesammtheit der Trinker getheilt haben, daß Jeder in der Nothwendigkeit, aber auch in der Leichtigkeit ist, ginen Gästen zuzureden, daß fie etwas mehr winken. afür, daß er mich dessen nicht angellagt hat, danke ich ihm. Aber im Jahre 1883 bei der Erörtrrung der Spritklausel, der Schnaptpolitik, hat der Abgeordnete Richter davon in dem Sinne gesprochen, daß unsere Äirthschastipolitik, unsere Finanz- politrk in ganz hervorragender Weise beherrscht werde durch eine den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechende Berückstchtigung de» Brennereidetriebes in der Steuer- volitik. DieS in Anknüpfung an meinen Namen und mit der Beschuldigung, daß ich Schnapspolitik treibe. DaS Betreiben der SchnapSpolitik durch mich erläutert der Abg. Richter darin, daß unsere Finanzpolitik— die Vorlagen gingen von mir aus, fie find mit meinem Namen unterzeichnet, und ich trage die Verantwortung dafür— in ganz h, rvorragender Weise beherrscht werde von einer Berückstchtigung deS Brennerei- betriebeS in der Steuerpolitik, und zwar in ganz her- vorragender Weise— unterstrichen! Nun ist daS so, wie e» hier steht, eine ganz au» der Luft gegriffene Unwahrheit, für die fich auch nicht einmal die That fache einer Verhandlung über den Gegenstand anführen läßt. Wenn der Abg. Richter mit mir einen Kompromiß ein- gehen will, daß er auf seine Jmmunitäksklausel, auf seine Berechtigung, mich hier zu injuriircn, straflos verzichten will (Unruhe link«), so möchte ich doch vorschlagen, daß wir uns emer gerichtlichen Entscheidung unterwerfen, ob nicht eine grobe Injurie und Verdächtigung meiner Ehrlichkeit liegt in dem, was er gesagt hat. DaS überlasse ich jedem unpart-iischcn Menschen zu beurtheilen, der den Text liest. Der Abg. Richter hat rasch darüber hinweggelesen und hat darauf gerechnet, daß in der Schnelligkeit diesem verzwickten Satz nicht gefolgt werden wird. Ich werde ihm dankbar sein, wenn er so gut sein wollte, auf seine Immunität für diesen Fall einmal zu verzichten; er destreitet ja, daß die Gefahr läuft, verurrheilt zu werden, ich werde ihm sehr dankbar sein, wenn er darüber eine Eiklärung abgiebt, und mir in diesem Falle erlaubt, eine Anklage einzu- ritchen. Sofern er mir das nicht erlaubt, werde ich immer de- haupten, daß er er mich aus die ungerechteste Weise unver- dient gröblich injuriirt hat.(Bravo! rechts. Unruhe links.) Nach dieser Rede verläßt der Herr Reichskanzler den Saal. Auf Antrag deS Abgeordneten Rickert vertagt fich daS Hau». Schluß 5Vi Uhr. Nächste Sitzung Eonnabend 1 Uhr. (Fortsetzung der Berathung, erste Lesung der Vorlage, betr. den ServiStarif, zweite Lesung deS Gesetzentwurfs, betreffend § 809 der Zivtlprozeßordnungi) Lokales. er.„Wenn der Lenz beginnt und der Schnee zer- rinnt", so heißt eS im Lieve, dann wird es besser, dann naht die schöne, berückende Frühlingszeit, die Sonne kommt mit ihren delebenden Stiahlen und fie weckt Frühlings wonne und Frühlingslust. Ein einziger Gang durch die belebtesten Eiraßen der Reichshauptstadt überzeugt uns davon; wir sehen, wie die Damenwett ihre glänzenden Toiletten entfallet, wie der kokette Sonnenschirm und Fächer an die Stelle deS schützenden Muffs getreten ist; auf den Schmuck und Spielplätzen der inneren Stadt und des Thiergarters führen sauber gekleidete Dienst. mädchen und Spieewälder Ammen mit den frischen, gesunden Gefichtern die Sprößlinge der glücklichen Klassen spazieren; der Bruder Siudio hat beim ersten wärmenden Sonnenstrahl vom wärmenden Winterüderzieher Abschied genommen, in seinem Portemonnaie befinden fich einige Mark und ein ominöser Zettel mehr; in den Selterdunden treten die„Kohlensauren" bald wieder in Funltion— jetzt wird's wieder Frühling in Berlin. Und mit dem ersten verschämten Gesang der Vögel, mit dem ersten zartknoSpenden Grün der Bäume und Slräucher, die der Blick de» Städters mitten in den ungeheulen Slein- klumpen flüchiig streift, zieht eS wie verhaltene Sehnsucht durch unser Gemüth, denn der balsamische Windhauch, der fich bis- weilen frei und du'tigbiS in die rauchgeschwängerte Atmosphäre der dumpfen Fabriliaume verirrt, giebt uns Kunde davon, daß fich draußen ein gewaltiger Werdeprozeß vollzieht, der mit un- bezähmbarer Kraft, mit nicht zu unterdrückender Gewalt daS morsche Gebäude deS WinterS niederreißt und nicht früher ruht, bis die alte Erde in verjüng er Gestalt, in ver- klärter Schönheit prangt. Allerdings, wir selbst sehen nur wenig davon. Die Pfl.cht, der Beruf, die Arbeit ketten uns mit unzerbrechlichen Fesseln an unseren Platz; wenn auch die Sonne lockt und ver taue FrühlingShauch unS hinausschmeicheln möchte,— bei uns aber kann die Freude an dem Wtedererwachen der Natur nicht zum rechten Durchbruch kommen unv daS Stückchen blauer Himmel, welches man durch die blinden Scheiben erblickt, steht trüb und melancholisch aus, wie ein langweiliger, nebliger Herbstmorgen. ES mag sein, daß die Dichter Recht haben, wenn fie von der Liebe und Hoffnung sprechen, die mit dem kommenden Frühjahr die ganze Natur überzieht; für den größten Theil der Menschheit ist die Frühlingszeit nur der Anfang derjenigen Periode, in welcher man mühsam diejenigen Schaden auszubessern, die Wunden zu heilen deginnt, welch« der Winter mit rauhrr, gefühlloser Hand geschlagen. Die Arbeit beginnt, da! ist richtig; in allen Branchen der Industrie regt eS fich, aber eS giebt wohl nur wenige Menschen, d'.e fich mit voller HoffnungSsteudtgkeit der neuen ThätigkeitSepoche widmen können: unzulänglicher Lohn, fieberhafte, ungeregelte Anspannung, dann wieder gezwungene Unthäligkeit— das ist die ganze Ausficht, die dem Mar ne der Ardttt blüht. Und AlleS daS wäre noch zu ertragen, wenn MS aller Kampf, alle Noth wenigstens die Möglichkeit einer gefiche-ten Exrstenz bieten würde, aber eine Krise, eine Ge- schäflSstockung, die häufig von ganz unberechenbaren Zufällen abhängt, dringt Tausende auS der Arbeit, in ein Elend, aus dem eS kein Entkommen mehr giebt. DaS find gewiß trübe Betrachtungen, aber sie scheinen unS mehr am Platze als die Judelbymnen auf den Knaben Lenz, der mit freigebiger Hand Wohlrhaten und Freude veitheilen soll. Freilich streift er mit warmem Hauch über die Länder dahin, und die starrenden Eis- und Schneemaffen schmelzen unter seinem fächelnden Flügelschlage, aber Freude ist eS kaum, waS er den Menschen dringt, vielfach ist eS vielmehr Roth und Trübsal; mit wilder Freude zerstört er Leben und Besitzthum, er macht den Armen zum Heimathlosen Bettler, der ruheloS von HauS zu HauS wandern muß. AuS allen T heilen Deutsch. landt kommen Nachrichten über bevorstehende Ueder- schwemmungen, ja viele Landstrecken find bereits überschwemmt. Wer kennt die brausende Gewalt der FrühIingSflulhen, wenn fie, fich selbst überschlagend und überhastend, von den Bergen in die Thäler stürzen, wenn fie, brüllend und jauchzend, daS armselige Heim deS Tagelöhners zerbrechen und es triumphirend mit sich fortschleppen, wenn in den schmutzig gelben Futhen da» wenige Gerümpel weggeschwemmt wird, welches die Habe einer ganzen Familie bildete, und wenn der erschreckt Flüchtende in dem wilden Wasser vielleicht daS verzerrte, entstellte Gestcht eines Ertrunkenen erblickt, den die Fluth er- faßt hatte? Wer kennt diese Gewalt? DaS ist der Frühling, der goldige, blendende Sonnenschein, den ein Theil unserer Mitmenschen in federnder Equipage genießt, während ihn der andere fürchtet wie daS Verderben. Mag die Sonne noch so lebenswarm scheinen, mag der Sonnenstrahl, der neckisch und neugierig über den Fußboden der Mansarde hinweghuscht, oder der eine Ecke der dunklen Kellerwohnung mit sprühendem Licht überstrahlt, unS Bilder einer vergangenen, verlorenen, schöneren Zeit vorzaubern,— die Son.re sieht nur Elend, und fie wird eS solange sehen, bis der Frühling selbst in die Herzen und in die Geister der Menschen einzieht. Und dieser Frühlina ist nicht der tändelnde, leichtlebige Knabe, es ist der unmutbige, kampfeSwilde Jüngling, der mit starken Händen da! Eis zerbricht, der hohnlachend wie der tosende Bergstrom jeden Wt: erstand niederwirft, und der stolz und fiegesbewußt dem Gegner den Fuß auf den Nacken setzt. Möge er bald erscheinen, dieser Völker ftühling, sonst erstarrt die Welt im Eise.— Die vorstände der Berufsgenossenschaste« der Un- fallverficherung find wacker auf dem Posten; wo bei einem Betriede Zweifel darüber entstehen, ob er der Unfallverfiche- rungSrflicht urterliegt, wird schnell die Entscheidung der höch- sten Instanz, des ReichSverficherungsamtS. herbeigeführt ur.d die eriorverltche Klarheit geschaffen. Die EiSarbetten auf den Gewässern, die in diesem Jahre vielen Arbeitern Beschäftigung gewährten, waren einer BerufSgenoffenschast«l» verstcherungS» pflichtig erschienen; fie wendete fich jedoch an daS RiichSoer« stcherungsamt und dies entschied, daß ein solcher ErSgewin- nungsbetiieb, wo eS fich nur um das Auffischen deS Eise» auS Gewässern handelt, und dasselbe an Brauereien u. zu ver» kaufen, nach dem gegenwärtig geltenden Gesetz nicht zur Un» fallverficherungSpfl-cht herangezogen werden könne. Da- mit fei aber noch nicht die Frage entschieden, ob etwa ein Brauereibefitzer, der die EiSgewinnung als Nebengewerde ausübt, nun auch in Folge der Verstcherungs» Pflicht für sein Hauptgewerbe diesen Nebenbetrted verfichern muß. Die Brauereibefitzer gerathen dadurch, und so lange diese Frage nicht envgiltig entschieden ist, in eine sehr mißliche Lage, wenn einer ihrer Arbeiter bei der EiSgewinnung so ver« unglückt daß er in Folge dieses Unfalles verstirbt oder dauernd in seinem Erwerbe beeinträchtigt wird; ist dieser Ardeiter nicht versichert, so würde zwar, wenn der Betrieb versicherungspflichtig «ach! et wird, die gesetzliche Rente an ihn refp. seine Erben gezablt werden, aber der BetriebSuntemehmer würde fich zugleich der Anwendung der Strafbestimmungen der Unfallversicherung aussetzen, für ihn ist eS also wohl am fichtisten, solche EiS- arbeiler einfach als Arbeiter in seinem Brauereibetriede zur Unfallverficherung anzumelden. Da» Erwache« der Natur zeigt fich bereits auf den Straßen und Wochenmärlten: in großen Mengen steht man bereits Schneeglöckchen feilbieten, die Veilchen, welche nicht auf französischem oder italienischem Boden gewachsen find, sondern ihre Heimath in Berlin oder der nächsten Umgebung haben. Ei« Maskenball bei Tage dürfte für un» Berliner ge« wiß ganz neu sein. Daß derselbe im äußersten Fall nur von Personen ausgeführt werden kann, denen ihre Arbeit nickt ge» stattet, zu einem derartigen Amüsement die Nacht zu wählen, ist wohl selbstverständlich. So haben denn gestern Nachmittag in der Zeit von 2 bis 9 Uhr die— Bäckergesellen Berlins in dem in der Lichtender gerstraße belegenen Heife'schen Restaurant einen Maskenball gefeiert, wie er gelungener kaum gedacht werden kann. Tie Betheiligung war eine starke und die F öhlichkeit eine allgemeine. Um 7 Uhr AbendS fand die DemaSlirung statt. Dann schwang man noch zwei Srunden dai Tanzbein, um den Maskenball um 9 Uhr zu beenden. Wenige Stunden später sah man die braven Gesellen bereits wieder bei ihrer schweren Arbeit, um Berlin für den Marge« mtt Brod und sonstiger Backwaare zu versehen. Im Innern der Stadt hätte ein Maskenball bei Tage gar nicht abgehalten werden dürten, daS Aufsehen wäre ein zu großes gewesen. AuS de« Geheimnissen de» Kalender Buchhandels. Seit einigen Monden ist dai neue Jahr eingeläutet, wir haben uns laum davon unterrichtet, daß Ostern und Pfingsten wenn auch nicht auf einen Tag fallen,— nein, das wäre zu viel deS Guten,— wohl aber zu einer so späten Zeit, wie es so bald nicht wieder vorkommt; wir find kaum schlüsstg darüber geworden, weicher Arbeitsplan im neuen Jahr unser Leitstern sein soll,— da wie ein Blitzstrahl au» heiterem Himmel» überbringt unS ver Jünger EtephanS— o Schrecken!—«in Zirkular eines findigen Verlegers, der da» nahe bevorstehende Erscheinen seiner sämmtlichen KalenderauSgaben für daS Jahr 1887 ankündigt.— Wer lacht da? Nun, dieser ersten der» arttaen Mittheilung werden ohne Zweifel weitere folgen, denn in Bezug der AuSwahl der Kalender können wir unS nicht be« klagen, eS ist eine herrliche Musterkarte, die unS zur Ver» fügung steht, schier endlos scheint ihr WachSthum. Werfen wir nun einen Blick in die erste Ankündigung, die vielleicht schon seit Wochen diese Presse verlassen yat, dai Aeußere svricht dafür, dann erinnern wir uns unwillkürlich der seligen Zeit, wo Papa Süssen, Auerbach'» und Guditz-ÄolkSkalender und Andere das Szepter schwangen, die seit Jahren zu ihren Vätern heimgegangen find. Friede ihrer Asche.— In unserer heutigen sparsamen Zeit ist kein Raum für solche treffliche Jahrdüch-r, denn ach, die Käufer stndheut zu zählen, die fich entschließen, den früher üblichen Preis für eine solche Gabe anzulegen, lann man doch heut dafür beinah ein ganze? Dutzend funkelnagelneuer Kalender erstehen— und daS zieht. Wenn wir auch zugeben, daß die Macht der Verhältnisse au!« schlaggebend ist, fo ist es im gewissen Sinne doch bedauerlich, daß keiner dieser alten Kämpen den Stürmen der neuen Z-'tt Trotz geboten, und man deute eS uns nicht übel, wenn wir dtefen Abgeschiedenen«ine stille Thräne der Wehmuth rriv» men, denn es handelt fich um Volksbücher, deren Werth er» wiesen war und die zugleich das Angenehme mit dem Nütz« lichen insofern verbanden, als uns deren Vertrieb ansehnlichen Gewinn ficherte. DaS Kalendergeschäst der damaligen Zeit war ein durch und durch solides, die Verleger waren stets bemüht. daS Beste zu bieten. waS seiner Zeit geboten werden konnte. Ganz Mmöalich war aber jede Schleuderet, der Kalender behielt eben seinen Werth- Die Praxis hat gelehrt, daß vornehmlich Kalender verkäuflich find, die nicht mehr als 50 Pf. kosten, bei Ausgaben zu höheren Preisen tteten in Rede stehende Uebelstände zumeist nicht ein, weShIad wir auf letztere nicht zurückkommen. Bei ersterer Art find Quartausgaben ganz besonders beim Publikum beliebt und kommt dabei eine nichhaiiige Kollek ion in Betracht, die eben der Sckleuderei Thür und Thor geöffnet hat. Wenn die auf den einzelnen Umschlägen derselben gemachten Angaben hinfichtliw der Auflage zweifelsohne find, dann ist bei der großen Anzahl der Au- gaben im Handumdrehen eine Gesammtziffer an zu verlaufenden Exemplaren herauszurechnen, die mitzutheilen die unS angeborene Bescheidenheit verbietet. Alle Achlung vor dem heidenmäßigen Gewinn beider Theile, angefichtS so ko- loffalcn Erfolges. WaS machen nun die Kalenveroerleger, um ihren Erzeugnisse« immer mehr Abnehmer zuzuführen? Neben« bei verdenken wir eS ihnen nicht, wenn dieses Bestreben m erlaubten Gecnzen gehalten wird. In gegenwärtiger Ze» schon durckpilaern Prinzipal und Gehilfe unter Benutzung ei ms kombininen RundceisebtlletS Etadt und Land im Deut« fchen Reich, jeder Kolporteur, der nur entfernt im Geruch steht- einigen Absatz in Kalendern zu haben, wird heimgesucht, uno in den meisten Fällen ziehen die nur dem Einzelnen und ganz ausnahmsweise gewährten besonders günstigen Bezugsdevin gungen, um einen nach Umständen bedeutenden Auftrag zu erhalten. Der Besteller wird womöglich noch auf Handschlag verpflichtet, keinem Anderen diesen günstigen Preis* offenbaren, da man weiteren Personen überhaupt nicht, liefern könne, man läßt fich auch herbei, die Firma des Hü lichen Bestellers aufzudrucken und versteht fich zu derglel«� Zugmitteln mehr;— AlleS nur den Besteller zu vrranlasi- möglichst viel Exemplare auf ein Mal zu beordern, mag zusehen, wie er solche an den Mann dringt. Ist �Lffcnöe dann in der Wirkltchleit anders, dann betrachtet der bet. Buchhändler seinen riestgen Lagerbestand unv kommt... schluß: losschlagen um jeden P-eiS, soll der Sch-Ven mchl noch empfindlicher sein. Dann hettzt«S immer ra« meine V- schaften, hier ist zu haben ein VolkSkalender mit Beigaben su. nur 10 Pf., obtt Eile thut noch, denn der Vorrath ist gering. Hiermit ist aber auch der erste Fall eklatanter Schleuderet er« wiesen, der um so folgenschwerer ist, als dai Publikum einen eigenartigen Begriff über die Handhabung dieses Geschäftes dadurch erhält und in Zukunft alle diejenigen Verkäufer von Kalendern hohnlächelnd zurückweist, die fich etwa unterstehen, für bessere Kalender den aufgedruckten PreiS zu bean- spruchen. Erwiesen ist auch, daß«in und derselbe Kalender mit gleichem Titel in verschiedenen Ausgaben,— und zu den divergirendsten Nettopreisen seitens der betreffenden Verleger abgegeben wird. Wir haben jenen Herren freilich keine Vorschriften zu machen, find aber der Meinung, daß dadurch dem edlen Zweck, den besseren Kalendern in immer weiter.» Kreisen Eingang zu verschaffen, emstliche Hv derwsse bereitet werden. Was hat eS nur für Sinn, daß ein Kalender in der Hauptausgabe 12 Bozen Inhalt zählt, zugleich aber auch in Ausgaden zu 10, 11 und 12 Bogen auf den Markt gebracht wird, selbstverständlich ist der Normalverkaufspreis für alle Ausgaden gleich. Was bezweckt dieser Geschäfttkniff? Nun irgend Jemand will den Kalender en masse beziehen,— aber riefig billig einkaufen.— in Wirklichkeit geschieht aber nur, was ganz ernleuchtmd ist. der Verleger hat einen großen Auftrag in der Tasche, Auflage daher 300000, od was dabei verdient wird, ist nebensächlia; er arbeitet ja nur der Ehre wegen. Die günstiaen Bedingungen gestatten dem Kolportage« Buchhändler, den Kalender seinen Leuten zu sehr vortheilhatten Nettopreisen abzugeben, er talkulirt deshalb so, weil er seinen Angestellten damit Gelegenheit geben will, recht viel Geld zu verdienen, wir nehmen dies wenigstens an und letztere nun schlagen das abgekürzte Verfahren ein, denn die Menge muß es dringen, indem fie einfach den Kalender bedeutend unter Ladenpreis verkaufen und zahlreiche Abnehmer finden. Dies ein weiterer Beweis dafür, wie eS gekommen, daß der Schleuderei Vorschub geleistet wurde und zu der Ueberzeugung führt, daß eS eigentlich in heutiger Zeit völlig zwecklos ist, den Kalendem bestimmte Laden« preise aufzudrucken, denn daran kehrt fich Niemand. Poltzet-Bertcht. Am 24. d. M. fiel ein Bäckermeister auS Dissau, welcher fich zum Besuch hier aufhielt, in der Bäckerei von Weißbaupt. Langestr. 21, von einer Treppt und brach den linken Unterschenkel. Er wurde mittelst Kranken- wagenS nach dem städtischen Krankenhause im Friedrichshain gebracht.— An demselben Tage Mittags wurde ein Mädchen auf dem Hausvoigteiplatz vom Blutstur, befallen und mußte mittelst Droschke nach seiner Wohnung gebracht werden. — Am 25. v. M. Vormittags wurde auf dem Platz vor dem Brandenburger Thor ein unbekannter Mann in Krämpfen liegend vorgefunden und da er fich nicht erholte, nach der Charitee gebracht.— An demselben Tage Nachmittags wurde ein Mann, als er über die SchillingSbrücke ritt, von dem plötzlich scheuenden Pferde abgeworfen und erlitt durch den Fall auf die Bordschwelle eine schwere Verletzung am Hinterkopf, so daß er bewußtlos liegen blieb und nach dem Krankenhause Betha- nien gebracht werden mußte.— Zu derselben Zeit gerieth der Kutscher Keil, alS er unvorfichtigerweise mit einem geschlossenen Möbelwagen durch daS niedrige Thor deS Grundstücks Alte FakobSstraße Nr. 78 einfahren wollte, mit dem Kopfe zwischen die obere Kante der Einfahrt und daS Verdeck deS WagenS und erlitt dadurch eine schwere Wunde an der Stirn. Nach Anlegung etneS Nothverbandei wurde er mittelst Droschke nach seiner Wohnung gebracht. Gerichts-Zeitung. Für die Rothwendigkeit der Einführung der Be- rnfnng gegen die Urtheile der Strafkammer spricht recht eklatant der Ausgang der gestern gegen den Schornsteinfeger- mctster Johann Kirchner staltgehabten Verhandlung. Der An- geklagte hatte von einer Schornsteinfeger. Genoffenschaft eine große Menge Kunden eines verstorbenen Kollegen überwiesen erhalten mit der Verpflichtung, die erhaltenen Kehrlöhne an die Genossenschaft für die Wirlwe adzmühren. Er hatte aber einen Thetl derselben für fich verbraucht und war dieserhald wegen Untreue zu 3 Monat Gefänaniß und 1 Jahr Ehrverlust verurthcilt worden. Wegen einer Gesetzesverletzung hatte daS Reichsgericht dieses Urtheil aufgehoben und gelang gestern dem Vertheidiaer Rechtsanwalt Dr. Salomon der Nachweis, daß die Vertrage mit den früheren Kunden de» Verstorbenen vom Angeklagten abgeschloffen waren, also die empfangenen Löhne in sein Eigen« thum übergingen. Der Gerichtshof mußte deshalb den Ange- klagten freisprechen. Dieser Erfolg wäre aber ohne nochmalige Verhandlung nicht möglich gewesen. Frankfurt a. M., 24. Mar,. Vor der Zivilkammer I. fand heute wieder einer der vielm durch daS im Jahre 1884 stattgehabte Eisenbahnunglück bei Hanau hervorgerufenen Pro« zeffe seinen Abschluß. Klägerin war eine Frau, welche zwischen Schlüchtern und Frankfurt Haustrhandel trieb und bei dem Unglück mit am schwersten verletzt war. Als fie nach vielen Tagen erst wieder zum Bewußtsein ihre« Daseins kam und man aus ihr herausdringen konnte, wer fie eigentlich sei, konnte fie fich deS ganzen Vorfall» nicht mehr erinnern, eS war ihr, alS definde fie sich noch in dem Eisenbahnzug zwischen Schlüchtern und Hanau. Nur nach und nach gelangte sie zu dem Bewußtsein thier Lage. Am 27. Dezember 1884 war die Verunglückte soweit gekommen, daß man für ihr Leben leine Besorgnisse mehr zu haben brauchte. Wohl aber hatte fie eine solche für rhre fernere Zukunft. Wenn auch der Eiscnbahnfitku» anfänglich für die Opfer der Katastrophe sorgte, so scheiterten doch alle Verhand« lungen mit ihm, welche die Sicherstellung der Zukunft der Un« glücklichen unter Ausschluß de» ProzeßwegeS bezweckten. Ein« gehende Erhebungen über da», waS die zu jeglichem Erwerb unfähige Frau wöchentlich rein verdiente, fanden- da fie eine lebenslängliche Rente von 600 M. pro Jahr verlangte, welche der FiSkuS abzuweisen branttagte— statt, und der Gericht». Hof gelangte zu der Ueberzeugung. daß die Frau einen durch« schnittlichen Reingewinn von wöchentlich 10 M. hatte, die ihr auch in monatlichen Vorauszahlungen lebenslänglich zuerkannt wurden; außerdem bat ihr der FiskuS die bis jetzt aufgelaufene Summe vom 14. November 1884 ab zahlbar? mit C pCt. zu verzinsen und sämmtliche Kosten deS Rechtsstreites zu tragen. vereine«nd Versammlunge«. wKngyrAT&ßK Konzerthause sprach Reichstagsabgeordneter Kayser über,„die Handwerker- und Arbeiterfragen vor dem Reichstage. Referent legte dar, daß der Kampf nmS Dasein heute schwerer ei, denn Dää ä 8ä«ä&■ ArbeilSproduktion, ja. daß zu viel Menschen vorhanden seien. Wenn heute der selbstständigc Handwerker seine Lage über« blicke, müsse er erkennen, daß er immer unse bststandiger. immer {&% 0*tr chtbcil �greifen, wie allseitig anerkannt werde, doch sei in dieser IISnA ÄÄÄ ÄXÄ werk gegen die Eisenbahnen, od man den Pferden auch noch so schöne Geschirre anlegie. Eben so wenig könne auch dem Hand werker geholfen werden durch das Schellengeläute der Innungen mit ihrem Befähigungsnachweis, Arbeitsbüchern, Verbot des Haufirhandcl» u. d. m. DaS Handwerk leide an dem Mangel an Kapital und Kunden. Wenn die Innungen dem Handwerke und nicht einzelnen Handwerkern helfen sollen, so müßten dieselben Wirthschastkgcmeinschaftcn seien, d. h- die Jnnungsmeister zusammenfassen zu gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Betheiligung am Gewinn und die Gesellen nach den Verhältnissen daran theilnehmen lassen. In ihrer jetzigen Jorm schützen die Innungen ihre Mitglieder nicht vor Kon- kurrenz und deren Folgen, ja, dieselben machten fich unter- einander Konkurrenz, oder einer arbeite für den andern. Re- ferent resumirte sich dahin, daß über Handwerker- und Arbeiter- fragen im Publikum wie im Reichstage sehr viel gesprochen worden, an praktischen Resultaten aber sehr wenig erziell worden sei. Meister und Gesellen hätten ein gemeinsames Interesse, gemeinsam den großen Kampf zu führen zwischen Kapital und Arbeit; die produktiven Klaffen müßten sich ver> binden und ve.bünden gegen die Bildung einer Finanz- und Börsenaristokratie. Neu«, der neuen Arbeitszeit entsprechende Arbeitsformen müßten geschaffen werden, und diese Aufgab« babe der Staat zu erfüllen. Doch unbekümmert um die staat- liche Thättgkeit hätten fich die Arbeiter den Fach« vereinen anzuschließen. Die Handwerker und Arbeiter hätten keinen Grund, zufrieden zu sein mit der Be« Handlung ihrer Fragen im Reichstage, am allerwenigsten mit der Behandlung der Frage deS ArbeiterschutzgesetzeS, viel- mehr allen Grund zu verlangen, daß daS Reich sich ihrer energischer annehme und wirksame soziale Reformen schaffe; an Stelle der Lohnarbeit müsse die genossenschaftliche treten, dann werde der Zustand eintreten, daß nicht die Arbeit vom Kapital gemiethet, sondern umgekehrt daS Kapital der Arbeit dienstbar gemacht werde.(Lebhafter Betfall.) ES entspann fich nun- mehr eine höchst interessante, doch durchau» sachliche Äusein- andersetzung zwischen dem ReichStagSabaeordneten Kayser und dem Obermeister Brinkmann, welche beide mit den schwerwiegendsten Gründen ihre gegentheiligen Anfichten und Stand- punkte vertraten. Auch die Herren Pfeiffer, Jeschonneck, Faforke. Rabnitz, Täterow u. A. detheiliaten ssch ledhaft an der Diskussion im Sinne des Referenten. Schließlich wurde fol- gende Resolution beantragt:„Die heute am 25. März ct. im Louisenstädtischen Konzerthause tagende öffentliche Versammlung von Schneidermeistern und-Gesellen erklärt fich mit den Ausführungen des Referenten, Herrn ReichStaasabgeordneten Kayser, voll und ganz einverstanden und erklärt: In Er- wägung, daß durch die Sonderintereffenstellung der Innungen die Hebung deS Handwerkes nicht so zu ermöglichen ist, daß ei der Allgemeinheit Nutzen dringt, dieselbe vielmehr nur den allgemeinen Entwickclungsprozeß hemmt, für die Partei deS Herrn Referenten einzutreten, da selbige nur allein durch- greifende Reformen zur Hebung der Nothlage der wiith. schastlich Schwachen zu schaffen gewillt ist, wie die Verhandlungen im Reichstage eS hinlänglich bewiesen haben." Da der überwachende Polizeibcamte jedoch erklärte, die Versammlung auflösen zu wollen, sobald über diese Reso« lutton abgestimmt werden würde, so nahm der Vorfitzende, Herr Pfeiffer, im Interesse der Versammlung unter dem Bei- fall der Anwesenden Abstand von der Abstimmung und schloß die Versammlung um 1 Uhr NachtS. Im Fachverein der Ltrhographiesteinschleifer hielt Herr Michetsen am 22. d. MtS. einen Vortrag. Referent er- läuterte die allmälige Entwickelung des Handwerks, welches mit der fich nach und nach steigernden Intelligenz seine Ver- vollkommnung gefunden habe.— Auf die heutige Lage d-S Handwerks eingehend, meinte Redner, daß die Zeit, wo der Meister auf die tüchtige Leistung der Lehrlinge stolz war, leider längst vorüber sei. Der Meister sei heute oft gezwungen, den Lehrling nach Möglichkeit auszunutzen, und so komme eS denn, daß viele Lehrlinge statt in ihrem Berufe, dem fie sich widmen wollen, unterrichtet und belehrt zu werden, thatfächlich als Hausknechte benutzt würden.— Durch die fich stets stet- gernde Großproduktion würde daS Handwerk immer mehr ver- drängt. Die heutige Anwendung der Maschinen diene nicht dem Arbeiter, sondern dem Kapitalisten, dem heutigen Befltzer der Maschinen, zum Vortheil. Das Ka- pital konzentrire stch in immer weniger Händen, während die Lage der arbeitenden Bevölkerung eine immer ungünstigere würde. Um diesen Mißständen entgegen. zuwirken, fei ein festes Zusammenhalten der Arbeiter aller Be- rufSzweige geboten. Durch eine stramme Organisation, durch den Anschluß aller Arbeiter an die Fachvereine ihreS Berufs- zweiget könnte viel Unheil abgewendet werden. Redner schloß mit einem warmen Appell an die Versammelten, auch ihrer- seits für die Stärkung und den weiteren Ausbau der Berufs- Organisation mit allen Kräften einzutreten. Wegen der vor- gerückten Zeit und der Erledigung von Vereinsangelegenheiten wurde von einer Diskusston Abstand genommen. Es wurde beschloffen, die Vorstandssitzungen jeden ersten Montag nach dem Ersten eines jeden Monats stattfinden zu lassen. Um den Mitgliedern deS Vereins Gelegenheit zu geben, denselben bei- zuwohnen, wurde mitzetheilt, daß diese Sitzungen im Saal deS Herrn Eeefeld, Grenadierstraße 33, stattfinden. Ferner wurde deschloffen, am 17. April ebendaselbst einen Herrenabend mit mufilalischer Unterhaltung und deklamatorischen Vorträgen zu veranstalten. Eintrittskarten find zu haben in der Vorstands- fitzuna und beim Vorsttzendm W. Rose, Prenzlauerstraße 22. Die MonatSversammlung im April fällt aus. Der unentgelt- liche Arbeitsnachweis befindet fich beim Vorsttzenden und werden die stellenlosen Kollegen gebeten, fich dort zu melden. * Fachveretn der Tischler. Die nächste VcreinSver- sammlung im Zentrum findet am Sonnabend, den 3. April, in Jordan'S Salon, Neue Grünstraß« 23, statt.— Die Zahl- stellen des Vereins befinden fich: 1) Blumenstraße 56(Tischler« Herberge); 2) Skalitzerstraße 18 bei Stramm; 8) Belle- Allianre- platz O bei Hrlscher- 4) ZionSkirchplatz 11 bei Hohn; 5) Müller« straffe 184 bei Hähring. Daselbst werden jeden Sonnabend von 8% bis 10 Uhr AdendS Beiträge entgegen- und neue Mitglieder aufgenommen.— Die Tischler Berlins werden darauf aufmerksam gemacht, daß die statistischen Fragebogen ebenfalls auf den Zahlstellen zu haben find, desgleichen bei den Mitgliedern der Fachkommifsson, den Herren: Böhm, Manteuffelstraße 49 lll; Furchtbar, Fürstenwalderstraße 23 IV; Gruenwaldt, Prinzenstraße 6 IV; Heese, Stallschreibcrstraße 20, Hof n; Lindemann, Barutherstraße 9 IV; Loreck, Aleran- drinenflraße 31; Schmitz. Höchstestraße 22 III; Seidler, Manteuffelstraße 49 Iii; Wredemann, Forsterstraße 50, Hof II. Der Vorstand ersucht alle Kollegen, gleichviel, ob VeretnSmit- alieder oder nicht, für jede hiefige Tischlerwerkstatt einen solchen Fragebogen von einem der vorstehend genannten Kollegen oder von der nächftbelegenen Zahlstelle abholen zu lassen. Allgem. Krauken-«vd Sterbe-Kasse der Metall- arbeite»(E. H. Nr. 29 Hamburg). Sonntag, den 28. d. M., Vormittags 10 Uhr, Versammlung der Filiale Berlin 9 im Saale des Herrn Donath, Alt- Moabit 90. Tagesordnung: 1. Kassenbericht der Monate Januar und Februar. 2. Wahl der für Berlin aufgestellten Delegirten zur bevorstehenden Ge- neialoersammlung. 3. Wahl etneS Beitragsammlers. 4. Ver- schiedenes. Kranken-«nd Eterbekaffe der verliner Hntarbeiter und verwandte« BernfSaenosse»(E. H. Nr. 62). Montag, den 29. März, Abend« 8 Uhr. im Lokale deS Herm Seefeld, Grenadierstraße 33. General. Versammluim. Tagesordnung: 1. Vierteljährlicher Rechenschattibericht. 2. Wahl deS Vorstandes. 3. Statutenberathung. 4. Verschiedenes. Fragekasten. Qutttungs- buch legittmirt. * Gesangverein„Sängerlust", Pallisadenstraße 9, jeden Eonnabend Abend 9 Uhr. Allgemeine Kranken-«nd Eterbekaffe der Metall- arbetter(E. H. 29 Hamburg) Filiale l Berlin. Mitglieder. Versammlung am Sonntag, den 28. März, Vormittags 10'/, Uh7, Möckernstraße 114 bei Schubert. öffentliche Echuhmacherversammlung Mon- tag, den 29. März, AbendS 8'/, Uhr im Konzerthause Sanssouci, Kottbuserftraße 4a. Tagesordnung: Der Befähi- gungS-NachweiS. Hierzu werden Abgeordnete sämmtlicher Parteien und speziell auch die Antragsteller im Reichstage, »bgg. Ackermann und Biehl eingeladen. * I« der freireligiöse« Gemeinde wird am Sonntag Vormittag 10 Uhr Sophienstraße 15 die Jugendaufnahme (Konfirmation) gefeiert. Zutritt steht Jedem ftei.- Am Montag Abend 8 Uhr findet Niederwallstraße 20 eine beschließende Versammlung der Mitglieder statt. .* Allgenttine Etuhlarbeiter-Leretnigung. Montag, den 29. d. M., bei Htldebrandt, Weberstr. 17, General Ver» sammlung. Tagesordnung: 1. Wahl deS ersten Vorfitzenden. (Der bisherige Voisttzende, Herr Obermstr. Schmidt, hat sein Amt niedergelegt.) 2. Verschiedenes.- QuittungSduch legittmirt. * WK- Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter ' Hamburg), Filiale II Berlin. Sonntag, den 28. Marz, Vormittags 10 Uhr, Versammlung in„Sanssouci" (oberer Saal). Tagesordnung: I.Wahl der Delegirten zur Generalversammlung. 2. Verschiedenes. Nur Mitglieder der Fitiale II haben Zutritt. QuittungSbuch legittmirt. _. Ei« Kongreß der Mannfakturarbetter Deutschlands find«t am 25., 26. und 27. April d. I.(Ostern) in Gera statt. Die in Ausstcht genommene Tagesordnung ist folgende: 1. Untersuchung der Ursachen der Schäden in der Manufaktur» blanche und deS dadurch herbeigeführten NothstandeS unter den Manufakturarbeitern. 2. Vorschläge über eine herbeizuführende Organisation der gesammten Manufakturarbeiter. 3. Diskusfion über Maßnahmen zur Sicherung des KoalitionsrechteS der Ar- beiter. 4. Die Fachpresse.— Anmeldungen zu diesem Kongreß find an K. F. Kühn in Gera(Reuß), Zschochern 9, zu richten, welcher bereitwillig jede weitere Auskunft ertheilt. Die Dele- girten haben stch mit einem Mandat zu versehen, welches den Namen des Delegirten, sowie den Ort und die Zahl der Ver- treten«n enthalten muß. Letzte Nachrichten. _ Nkst Bismarck hat, wie der„Weser-Ztg." aus Brüssel telegravhisch gemeldet wird, vom belgischen Ministerium eine gemeinsame Ueberwachung der Anarchisten gefordert. Verschiedene Berliner Blätter melden, daß in diesem Jahre ein sozialdemokratischer P arteikongr eß zweifellos einberufen werden würde. Ueber Zeit und Ort werde natürlich vorläuffa strengstes Schweigen bewahrt. Die von der französischen D e p u t i r t e n« kammer gewählte Budgetkommission besteht auS 11 Mitgliedern der gemäßigten Linken und 22 Radikalen. Wie verlautet, soll E l e m e n c e a u die meiste Autficht auf daS Prästdium der Kommisston haben. Die Patrtotenliga zu Pari» hielt am 2d. d. M. unter Vorsitz de» Maire'S vom 20. Stadtbezirt eine Volks- Versammlung, in welcher ein Redner die Rothwendigkeit eine» wirth schaftlichen Kreuz, uaS gegen Deutsch. I a n d darlegte. Anwesende Sozialisten riefen:„Nieder m i t d e n C b a u v i n i st e n!" Die Mitglieder der Liga ant- worteten:„Nieder mit den PrusstenS!" Eine großartige Prügelei entstand, die mit Verhaftung mehrerer Sozialisten endete.- WaS wird hierzu die„Nordd. Allg. Ztg." sagen? Das„Berliner Tageblatt" theilt mit, daß es einen Spezial- konespondenten nach L ü t t i ch gesandt habe. Dieser wieder- erstandene W i p p ch e n telegrophirt nun sofort nach seiner Ankunft in- Bernau an seine Austraggcder folgendes;„Die Arbeitseinstellungen find beständig im Zunehmen begriffen, die diSponi ble Truppen ma ch t«rweist fich als unae- n ü g e n d. ES ist bereits die Rede davon., w e i K l a s s e n d er B e u r l a u b t e n einzuziehen. Die Streikenden zertbeilten fich in bettelnde und raubendeBanden." — Gut gebrüllt, Wippchen! Au, MonS wird vom 26. dS. MtS. telegraphirt: Gegen tausend Arbeiter von der Kohlengrube bei Gilly haben die Ar- beit niedergelegt und eine Erhöhung der Löhne verlangt. Eine Anzahl der Streikenden hat fich nach Ransart begeben, um die Arbeiter der dortigen Kohlengruben zur Einstellung der Arbeit zu bestimmen. Einen bedeutsamen Fingerzeig, wodurch die„Arbeiter. Nach den übereinstimmenden" AuLsage"de�letztttcn°ist liche Arbeitszeit eine dreizehnstündige, wofür fie 2.50-3 FrcS. Kl4%Ä� ihr ganzes Jahrgehalt stellt fich kaum auf ca. 600 M., womit sie fich und ibr« Familien ernähren sollen. Und nickt genug damit; bei Erhebung ihres Lohnes kündigt man ihnen Lohn- Herabsetzungen von 10-20 Zentimcs an und zieht solche sofort ab. Die Kohlenbergwirlbesttzer find zum Thetl Millionäre. Der Streik der Eisenarbeiter in Kansas- City(Nord- amerika) ist durch Kompromiß beigelegt worden. Kleine Mittheilungen. Wien, 24. März.(Proletarter-Elend.) Heute um Mitter- nacht wurde von Passanten im neunten Bezirk, Pfluggaffe, an der äußeren Thürl.inke de» Hauses Nr. 3 die Leiche eines nothdürftig gekleideten Mannes an einer Rebschnur erdenkt aufgefunden. Ein requirirter Eicherhcitswachmann schnitt die Schnur ab und veranlaßte die Trankportirung der Leiche in die Todtenlammer. Wtt nun festgestellt, ist der LebenSüber- drüsfige der 34jahrig« unterstandslose Tagelöhner Josef Endinger, welcher auS Roth dre That beging. Er konnte, seit �gen Tagen arbeitslos, nicht mehr die paar Kreuzer für seine Schlafstelle im„Massenquartrer" verdienen. Rom, 24. März. Beerdigung verunglückter Arbeiter. In Folge des Zusammensturzes des GefimseS beim Bau eineS neuen HauseS wurden 3 Arbetter getödtet, 4 schwer verletzt. darunter 2 tödlich. Heute fand das Begrädniß statt, woran alle Mauerarbetter Roms, Männer und Frauen im ArbettSge« wände, im Ganzen zehntausend Menschen theilnahmen. Der iUZ, welchen eine Mufikkapelle eröffnete, zog über den Korso. Jin Kommissar stellte fich hier dem Zuge entgegen, die M-nschenfluth war jedoch nicht aufzuhalten. Der Bauunter. nehmer wurde verhastet. Driefkasten der Redaktion. „ K. K. M. 27. Herr, dunkel ist der Rede Sinn. DaS Recht, Sachen eines Anderen etnzubehalten. hat man nur wenn man gegen diesen eine bestimmte Forderung hat. Ihrer Anfrage laßt sich daS aber nicht ersehen. L. Elisabethufer. Wer fich auS den von einem Schlaf. burschen einbehaltenen Sachen befriedigen will, muß zuvor seine Fordrrung einklagen. Am schnellsten und billigsten ver- fahren Sie, wenn Sie derm Amtsgericht den Erlaß etneS Zahlungibefehles gegen den Schlafburschen beantragen. Da dieser Ihre Fmd-rung anerlennt, wird er vorausfichtlich nicht »RK vollzieber pfänden und versteigern. M. B. Die Firma ist un» nicht bekannt. H. v. Gogarte«. DaZ„Berlimr VolkSblatt" lostet unter Kreuzband bezogen monatlich 2 Ml. Bestellungen find an unsere Exvedition, ZImmerstr. 44, zu richten- Sie kön> nen tndefi bei der Post abonniren und bei Ihrer Abreise von G. die dortige Postanstalt ersuchen, dai Blatt dem Postamt in H. zu überweisen. Den„W. I." können Sie in unserer Expedition bestellen. S. M.. Maurer, Wtenerstr. Dlsstdent ist in Preußen der osfizielle Namen für sämmtliche Heineren, außerhalb der gastlich anerkannten Kirchen stehenden ReliaionSparteien, z. B. ir die Deutschkatholtken und freien Gemeinden.— Atheismus bezeichnet Unglauben an dai Dasein GotteS, oder die Meinung, daß die Vernunstidee von Gott, mag er nun als Persönlichkeit oder alS moralische Weltordnung gefaßt werden, keine Realität oder Wirklichkeit habe. Sie find also im Recht, während fich Ihr Kollege im Unrecht befindet. Anidperdolling. Wenden Sie fich an den Ihnen be- kannten Herrn F. in der Pücklerstraße. Derselbe ist im Lefitz eineS wirksamen Rezepts gegen derartige Schädrn. Es dürfte fich vielleicht ein neuer Uebmug empfehlen. L. W. Püeklerstr. 10. 1) Die AuSweisunaSordre wurde dem Betreffenden beim Verlaffen deS GefängniffeS überreicht. — 2) Nein.— 3) DaS Buch ist in unserer Expedition läuflich. — 4) Die Beleidigung verjährt drei Monate nach dem Zeit- punkte, an welchem dieselbe zur Kenntniß deS Beleidigten ge- langt ist.— Ruf Ihre selbstgewählte Spitzmarke verzichten Sie wohl. G. B. 16. Das Projekt scheint nicht zur Ausführung zu kommen, uns ist wenigstens darüber nichts weiter bekannt geworden. I. S. Wenn Sie wollen, so»eigenILie den Werkführer wegen Zuwiderhandelns gegen die§§ 80 und 82 deS Kranken. verstcherungSgesetzeS an. Seine HanvlungSweise ist zweifellos strafbar. St.» Gerichtsstraste. Die Bestimmung deS Kranken« kaffenstatuteS, daß ein während 8 Wochen mit den Beiträgen rückständiges Mitglied auS der Kasse ausgeschlossen wird, hat nur die Bedeutung, daß vom Z itpunkte deS Ausschlusses an der Betreffende aufhört, Mitglied der Kasse zu sein. Die diS zum Ausschluß, also in Ihrem Falle bis zum 25. Dezember v- I. rückständigen Betträge müssen Sie nachzahlen, die ferneren aber nicht. R- S. Wir kennen die Statuten der Fabrikkrankenkaffe nicht und können daher nicht beurtheilen, ob dieselbe berechtigt und verpflichtet ist, die Beerdigungskosten für ein todtgeboreneS Kind eineS Arbeiters zu zahlen. UnS scheint aber die von Ihnen angedeutete Bestimmung des Statuts, daß auch zu/» Beerdigungen Unterstützung seitens der Kasse gewähtt ivird.d�» nur dm Sinn zu haben, daß die Hinterbliebenen eines gestorbenen Mitgliedes auf eine Beisteuer zu den Beerdi« gungö kosten Anspruch haben. H. W. Da der Verein so wie so Gewerbesteuer zahlt, ist er auch berechtigt, Kalmder zu verkaufen, ohne fich dadurch einer Steuerkontravention schuldig zu machen. Theater. Sonnabend, den 27. März. vperuha»»« Keine Vorstellung. EchausptelhauS. Zum Besten der hiefigen Armm: Lebende Bilder mit Chören aus „Die heilige Elisabeth". Deutsche« Ttzearer. Der Weg zum Herzen. Wallner-Theatcr. Hasemann's Töchter. Sitstdeni« Theater Frau Doctor, Schwank in 3 Akten von P. Ferrier u. H. Bocage. Bellt-Alliauce-Theater. Gastspiel deS Herrn Felix Lchweighofer: Sein Spezi. Friedrich«»tlhelmftädttsche« Theater. Der Zigeuncrdaron, von Joh. Strauß. Walhalla« Theater. Das lachmde Berlin. Heiteres auS der Berliner Theatergeschichte mit Gesang und Tanz w einem Vorsriele und 3 Akten von Jakobson und Wilkm. Eeutral-Theater. Der Stabs- Trompeter. Viktoria«Theater. Messalina. Ostend- Theater Einmalige Aufführung. Faust, Tragödie in 6 Akten von Göthe. Afltertea«- Theater. Große Spezialitäten- Borstellung. Theater der ReichShalleu. Große Spezialt- täten-Vorstellung._ Alhambra-Theater. Wallnertheaterstraße 16.[851 Heute: Extra-Vorstellung zum Benefiz für Franziska Häser Zum ersten Male: Am Allerseelentag oder: Das Gebet auf dem Friedhof. Origtnal-Vollsfchauspiel in 4 Allen nebst 1 Vorspiel Ein gegebenes IQoci von Heinrich Klaußmann. Vor der Vorstellung: Gr. Konzert der Hauskapelle. Anfang de» Konzert» Wochentag» 7 Uhr. der Borste-'tun g 7*/* Uhr. Anfang de» Konzert» Sonntags 6 Uhr, der Vorstellung 7Vs Uhr. JKanl haben Wochentag» Giltigkett und find im Kpeateröuxeau(12—1 Uhr) gratis zu haben. Fachverein der Posamentirer und Seidenknopfmacher. Montag, den 29. März, Abends Punkt 8V» Uhr. im KSnigstadtische« Kastns, Holzmarkt, und Aleranvcrstraßen-Ecke.[1139 T.'O.: Neuwahl d. GesammtvorstandeS. D. V. Gr.Iöffentl. Versammlung derSteiutrager Serlius u.Umgeg. Sonntag, den 28. März, Vormittags 10'/, Uhr, in Altermann'« Eaton, Dennewitzstr. 13. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zu unserem diesjährigen Allordpreis. 2. Diskuffion. 3. Ver- schiedeneS.— Kameraden und Freunde find dringend eingeladen, zu erscheinen.[1120 Der Einberufer. /achmem der Tischler. Versammlung Montag, den 29. März, AbendS 8'/, Uhr, im Norden, Elisabethkirchftt. 6 bei Kilian Tagesordnung: 1. Vortrag de» Herrn Dr. B o h n über:„Darwinismus". 2. Verschiedenes und Fragekasten. Neue Mitglieder werden auf. genommen. Gäste willkommen.[1135 Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß ich ein Restaurant Wienerstraße 31 eröffnet habe und bitte, mich durch geneigten Zuspruch unterstützen zu wollen. F. Mitan. MObel-, Sopba- u. Matratzen-Fabrik 1 A. Schulz, Wasserthorstr. 34 fauch Theilzahluugj."".V.S"" Meine 997] Möbel- und Polster- Waaren- Fabrik befind»! fich jeht nur Ierusalemerstr. 65, uahe der Lindenftraße. __ Georg üaake, fchlm Brameaslr. Passage 1 Treppe. 9 U. Morg- bil 10 U. Ab.[852 Katser-Panorama. Nure 3„ 0.,, 1,0 1« 1« 1�. I.»> 1« i.„ 1».-4°--- 1 Grosser Ansverkaaf ßom Porzellanwaaren wegen Geschäftsaufgabe Oranienstr. 85j86.